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NEUNERNEWS NR. 20 / Dezember 2012

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EDITORIAL / IMPRESSUM

INTERVIEW

OBDACHLOSE MENSCHEN BRAUCHEN AUF IHRE BEDÜRFNISSE AUSGERICHTETE BETREUUNGSKONZEPTE UND REALISTISCHE BEDINGUNGEN, UM HILFE ÜBERHAUPT ANNEHMEN ZU KÖNNEN.

Aufmerksamen LeserInnen der neunernews wird nicht entgangen sein, dass diese Ausgabe anders ist. Ja, wir haben einen neu gestalteten Auftritt. Ausgangspunkt für die Veränderung war das seit Bestehen des Vereins verwendete Logo, das den Schriftzug neunerhaus mit einem stilisierten Dach zeigte. Als Symbol für das Obdach, das wir geben. Wir haben unser Angebot in den letzten Jahren stetig erweitert und geben schon lange viel mehr als »nur« Obdach. Auch umfassende medizinische, zahnmedizinische und veterinärmedizinische Versorgung wurden sukzessive auf- und ausgebaut. Nun haben wir unseren Markenauftritt unseren Services und Leistungen angepasst. Wir bedanken uns recht herzlich bei Büro X für die kreative Umsetzung!

Diese Angebote kosten viel Geld und trotz öffentlicher Förderungen stehen uns nicht ausreichend Mittel zur Verfügung, um den hohen Qualitätsansprüchen, die wir an unsere Arbeit stellen, gerecht werden zu können. Daher bitten wir Sie auch in dieser Ausgabe wieder um Ihre Hilfe. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie unsere Arbeit für und mit obdach­ losen Menschen.

Inhaltlich wollen wir Sie mit unserer Zeitung weiterhin über den Fortgang unserer vielfältigen Aktivitäten informieren. Lesen Sie in dieser Ausgabe, warum obdachlose Menschen eine für ihre Bedürfnisse maßgeschneiderte medizinische Betreuung brauchen. Lesen Sie, was die besonderen Herausforderungen in der integrierten medizinischen Versorgung für uns bedeuten, und nicht zuletzt, wie wir damit auch das Regelsystem unterstützen. Wir informieren Sie auch über erste Erfolge bei unserem Reformprojekt der sozialen Betreuung »Housing First«, wo wir neue Wege in der sozialen Arbeit und der Betreuung von obdachlosen Menschen gehen. Und lesen Sie auch über unser Verständnis von Nachhaltigkeit, das darauf zielt, diesen Menschen von Anfang an in unserer Housing First-Betreuung mit einem eigenen Mietvertrag Schritte zurück ins Leben zu ermöglichen. Wir bieten damit obdachlosen Menschen realistische Bedingungen für dauerhaftes, eigenständiges Wohnen.

IMPRESSUM HERAUSGEBER: neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen Margaretenstraße 166/1. Stock, 1050 Wien TEL.: +43 1 990 09 09-900, E-MAIL: verein@neunerhaus.at, www.neunerhaus.at ZVR-ZAHL: 701846883, DVR-NR.: 2110290 CHEFREDAKTION: Mag.a Ruth Gotthardt REDAKTIONSTEAM: Mag.a. Flora Eder, Mag.a Monika Pfeffer COVER-FOTO: Maria Ziegelböck GESTALTUNG: Büro X, www.buerox.at DRUCK: Donau Forum Druck Fotos und Gestaltung wurden kostenlos zur Verfügung gestellt. Das neunerhaus dankt sehr herzlich. Spendenkonto RLB NÖ-Wien 5 929 922, BLZ 32 000 Spendenkonto Erste Bank 284 304 917 06, BLZ 20 111 Spenden an das neunerhaus sind steuerlich absetzbar.

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Das neunerhaus bedankt sich sehr herzlich für Ihre Hilfe und wünscht Ihnen ein schönes Weihnachtsfest! Ihre Redaktion

WAS MIR GEGEN DEN STRICH GEHT Markus Reiter, Geschäftsführer des neunerhauses, im Gespräch über Struktur, Beton und Baustellen im Sozialsystem. Redaktion: FLORA EDER / Foto: MARIA ZIEGELBÖCK

Systeme sind viel zu abgeriegelt und arbeiten aneinander vorbei: Man müss­ te an integrierten Lösungen arbeiten. Das betrifft die Arbeits-, Jugend-, Wohn-, Bildungs-, Gesundheits-, wie auch Sozialpolitik. Beispielsweise gipfelt die fehlende Verzahnung darin, dass es zu wenig leistbaren Wohnraum gibt. Denn der soziale Wohnbau ist ein Mittelschichtprogramm geworden. Menschen mit wenig Einkommen und gesundheitlichen Problemen werden ausgeschlossen. Aber wenn Arbeitslo­ sigkeit, Wohnungslosigkeit und gesund­ heitliche Probleme zusammen kommen, zeigt sich, wie hochschwellig auch un­ ser Gesundheitssystem ist: Dann wird es für viele zu einem Problem, sich die Hilfe abzuholen, die sie brauchen. Woher kommt die Kraft für Ihr Engagement? Aus einem Gerechtigkeitsgedanken. Und ein Stück weit auch aus Ärger darüber, wie strukturkonservativ und kontrollierend das Hilfssystem war, als wir vor dreizehn Jahren mit dem neunerhaus begonnen haben, und auch in vielen Bereichen noch ist. Ich bin ein politischer Mensch, ich will verkrustete Strukturen aufbrechen und konsequent verändern. Denn mir geht es gegen den Strich, wenn die Sozial­ arbeit bzw. das Sozialsystem Menschen vorschreibt, was gut für sie ist, wenn sie Menschen von oben herab behandelt und damit degradiert. Leitet sich davon auch die Hand­ schrift des neunerhauses ab? Ja: Wir setzen in der Wohnungslosen­ hilfe auf Selbstbestimmung und Fördern

statt auf Zwänge und vorgegebene Strukturen. Wir begegnen den Men­ schen auf Augenhöhe und beginnen jede Hilfe mit Vertrauen – und mit bedingungsloser Unterstützung. Das ist sowohl auf fachlicher Ebene wie auch auf politischer Ebene ein Reform­ ansatz, der auf das gesamte Sozial­ system ausgeweitet werden müsste. Vor allem zu Beginn gab es dagegen viele Widerstände. Aber ich bin über­ zeugt, dass ein Sozialsystem nicht auf dem Gedanken, dass nur »wer arbeitet, auch essen darf«, sondern auf Grund­ rechten aufbauen muss. Dieser Grund­ gedanke findet sich in vielen Struk­ turen wieder. Aber dieser Beton muss gesprengt werden. Wo sind die größten Lücken in den bestehenden Regelsystemen? In den Schnittstellen. Denn die einzelnen

Welche Projekte liegen Ihnen derzeit am meisten am Herzen? Einerseits eine bedürfnisorientierte medizinische Versorgung für woh­ nungslose Menschen. Und andererseits unser Projekt Housing First, bei dem die Unterstützung von wohnungslosen Menschen die eigene Wohnung an den Beginn der Betreuung stellt. Dadurch bekommen die BewohnerInnen die Möglichkeit, zu gegebener Zeit selbst­ bestimmt an die SozialarbeiterInnen rückzumelden: Mir geht es gut, alles passt. Derzeit würde das bedeuten, dass die Person ausziehen muss und das Rad von vorne beginnt: Nämlich bei der Wohnungssuche. Bei Housing First bedeutet es aber, dass die Betreuung endet, und die bereits bestehende Wohnstabilität erhalten bleibt: Also, dass auch wirklich alles passt. Ω

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HOUSING FIRST

HOUSING FIRST

INTERNATIONAL ERFOLGREICH: HOUSING FIRST NEUNERHAUS STARTET WIENER MODELL Zuerst Wohnraum, dann alles andere – das ist das Konzept von Housing First. Housing First ist bereits international erprobt und zeigt sehr gute Erfolge: Grund genug, Housing First auch für Österreich zu entwickeln. Redaktion: MONIKA PFEFFER / Foto: MARIA ZIEGELBÖCK

Housing First steht für das Ziel, Woh­ nungslosigkeit so rasch wie möglich zu beseitigen. Es muss der Vergangenheit angehören, dass Menschen in Sonder­ wohnformen hinsichtlich ihrer Wohn­ fähigkeit überprüft werden, bevor sie eventuell eigenständig ihr Leben und ihre Wohnsituation meistern dürfen. Die bestehenden Heimstrukturen kön­ nen nur bedingt die jährlich wachsende Zahl an obdach- und wohnungslosen Menschen betreuen. Bereits jetzt zeigt sich, dass das derzeitige System in Tei­ len überfordert ist. Housing First bedeutet einen Paradigmenwechsel insbesondere in der fachlichen Arbeit mit obdachlosen Menschen: In der Herangehensweise. In der Betreuung. In der Angebotsstruk­ tur der Wohnungslosenhilfe. »Housing First heißt bedarfsorien­ tiert betreutes, leistbares Wohnen in der eigenen Wohnung – in den eigenen vier Wänden«, so Markus Reiter, Geschäfts­ führer neunerhaus. Das heißt, fördern vor fordern. Kein Zwang zu Betreuung. Vertrauen schaffen mit entsprechenden Angeboten, lautet die Devise.

reduziert. Durch die Sozialbetreuung wird zudem eine langfristige Woh­ nungssicherung gewährleistet. Einer aus der Immobilienbranche, der das Projekt aktiv bei der Wohnungs­ suche unterstützt, ist Michael SeillerTarbuk. »Mir gefällt daran, dass es eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten in Kombination mit einem Sozialprojekt ist«, erklärt der Fachmann der Immo­ bilienwirtschaft. Der Vorteil für den privaten Wohnungsmarkt aus seiner Sicht: »Private Anbieter können so ausgewählte Wohnungen sinnvoll ver­ mieten und kommen von der Betriebs­ kostenbelastung länger leer stehender Objekte weg.« Auch Dr. Josef Schmidinger, Vor­ standsvorsitzender der s Bausparkasse freut sich, von Anfang an mit dabei zu sein: »Es ist unser Ziel, möglichst vielen Menschen in Österreich ein gesichertes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Wir möchten Hilfe zur Selbsthilfe auch dort anbieten, wo die üblichen ausgewiesenen Wege nicht mehr ausreichen, um selbstbestimmtes Wohnen zu sichern«.

LEISTBARER WOHNRAUM Für die rasche Integration von ob­ dachlosen Menschen in eigenständiges Wohnen ist leistbarer Wohnraum erforderlich. Daher wurde im August dieses Jahres die Kooperationsplattform ERST WOHNEN installiert. Mit der s Bausparkasse, dem Österreichischen Volkswohnungswerk (ÖVW) und der Wohnbauvereinigung für Privatange­ stellte (WBV-GPA) wurden bereits erste kompetente Partner gefunden, die ERST WOHNEN mit Wohnungen und Geldspenden unterstützen. Die ersten Kooperationen sind bereits angelaufen. Erklärtes Ziel ist es, mit wei­ teren gemeinnützigen Genossenschaf­ ten, Maklern, Bauträgern und der Stadt Wien zu kooperieren. Lediglich: Sozial leistbaren Wohnraum gibt es kaum. Auch in Wien. »Viele Wohnungen wurden uns bereits zugesagt, wir brauchen aber noch viel mehr«, sagt Markus Reiter.

»MIT HOUSING FIRST LEGEN WIR EINEN WICHTIGEN BAUSTEIN ZUR REFORM DER WIENER WOHNUNGS­ LOSENHILFE«

GEBEN UND NEHMEN: RESPECTFUL BUSINESS ERST WOHNEN übernimmt im Rah­ men des Projektes eine soziale Makler­ funktion: der Aufwand bei der Suche neuer MieterInnen und der Wohnungs­ vergabe wird für Eigentümer bzw. Hausverwaltungen auf ein Minimum

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SOZIALE INTEGRATION Zum Konzept gehört auch, dass die Housing First KlientInnen nicht stig­ matisiert werden. Ein Großteil aller Wohnungslosen ist von Anfang an mit Unterstützung in der Lage, gute Nach­ barn zu sein. Ein wichtiger Schritt ist der Aufbau von sozialen Netzwerken in der Wohnumgebung. Bei der Integration werden sie durch SozialarbeiterInnen begleitet, so lange und so intensiv, bis sie ohne Hilfe im Leben zurecht kom­ men. »Da muss auch ein Umdenken in der Sozialarbeit stattfinden«, so Markus

Reiter, denn das Machtverhältnis Be­ treuendeR/KlientIn müsse sich verän­ dern. Es gehe um Fördern, aber auch Fordern, aber nicht um Zwang. »Im Gegenteil, wir wollen die Betroffenen dafür gewinnen, dass sie sich beraten lassen«. Housing First wird die bisheri­ ge Sozialarbeit verändern. Es wird die Menschen nachhaltig stärken, damit sie später in etwaigen persönlichen Krisen sich selbst rechtzeitig professi­ onelle Hilfe holen können. Ein ausrei­ chendes Schnittstellenmanagement in Richtung Delogierungsprävention, Ge­ sundheitsdienste, Psychiatrie, Behinder­ tenhilfe etc. ist in diesem Zusammen­ hang wesentliche Basis für den Erfolg dieses Reformprojektes. FACHLICHE STANDARDS SETZEN UND UMSETZEN Was gut klingt, wird gern als Label weiterverwendet. Was es nun braucht, ist, dass ausgehend von den bisherigen Festlegungen hinsichtlich fachlicher Standards in der Wohnungslosenhilfe, nun rasch entsprechende Umsetzungen folgen. So soll verhindert werden, dass das Konzept missbraucht wird. Wichtig ist, dass es sich beim Reformprojekt Housing First weder um eine Form des sogenannten »zweiten Wohnungsmark­ tes« handelt mit den derzeitigen Heim­ strukturen mit befristeten Angeboten, noch geht es um diverse Sonderformen von betreutem Wohnen, wo vielfach Abhängigkeiten bestehen. Ein zentrales Merkmal von Housing First ist es, dass die KlientInnen aktiv ihren eigenen Betreuungsverlauf mitgestalten, aktiv in ihrer eigenen Wohnung ihre Rechte und Pflichten als MieterInnen wahrnehmen. Der Mietvertrag stellt für diese Men­ schen eine langfristige Wohnsicherheit dar. Ein Fakt, das aus fachlicher Sicht für die psychosoziale Stabilisierung vieler dieser Menschen eine Grundvor­ aussetzung darstellt. »Mit Housing First legen wir einen wichtigen Baustein zur Reform der Wiener Wohnungslosenhilfe«, ist Markus Reiter überzeugt. »Denn dieses innovative Sozialmodell ist sicher­ lich die größte Veränderung in der Wohnungs­losenhilfe der letzten 20 Jahre«, so Reiter. Und es freut ihn, dass es gelungen ist, die politisch Ver­ antwortlichen der Stadt Wien für das Projekt zu gewinnen und dass es nun dafür einen rot-grünen Auftrag seitens der Stadt gibt. Ω

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HOUSING FIRST

KURZMELDUNGEN

DIE DRITTE CHANCE

Robert Pos (43) ist der erste Bewohner einer Housing First Wohnung des neunerhauses. »Alles super«, sagt er im Gespräch über Housing First.

NEUNERHAUS KUNSTAUKTION SCHNÄPPCHEN-CHANCE BEIM NACHVERKAUF

Redaktion: FLORA EDER Herr Pos, wie geht es Ihnen in Ihrer neuen Wohnung? Sehr gut. Seit 25. September bin ich hier, auch für die Kinder ist die Wohnanlage toll. Das ist für mich wichtig, weil mein elfjähriger Sohn bei mir wohnt. Aber auch der jüngere, sonst bei seiner Mut­ ter, kommt jede Woche zu mir, weil es ihm hier so gut gefällt. Und weil auch die Playstation hier ist. (lacht)

Was hat sich in Ihrem Leben mit dieser neuen Wohnung geändert? Alles. Diese Wohnung ist meine dritte Chance, mein dritter Neuanfang. Ich bin sehr froh, dass ich das habe. Und ich möchte unbedingt in dieser Wohnung bleiben. Zwei Mal bin ich – auf wiene­ risch gesagt – auf die Schnauze gefal­ len. Und jetzt mache ich alles alleine und bin sehr guter Dinge.

Wie gut fühlen Sie sich denn versorgt? Ich telefoniere mit meiner Sozialarbei­ terin jede Woche, ich rufe sie selber an und erzähle immer alles, was neu ist in meinem Leben. Ich fühle mich gut von ihr betreut und was ganz toll ist, ich habe jetzt meinen eigenen Mietvertrag. Dadurch bin ich quasi ganz eigenstän­ dig in meinem Leben.

Warum haben Sie sich für das Housing First Wohnen vom neunerhaus entschieden? Ich wusste anfangs gar nicht, dass es das gibt. Aber eine Referentin hat mich gleich bei einem Termin auf Housing First hingewiesen. Dann ging alles ganz schnell: Ich hatte am darauffolgenden Tag einen Termin, und dann gleich die Wohnungsbesichtigung.

Nach einem Monat konnte ich einzie­ hen, was mich sehr glücklich machte. Was sind Ihre persönlichen Wünsche für die Zukunft? Alles ist super, jetzt fehlt nur mehr die Arbeit. Ich bin seit 27 Jahren Bäcker und Konditor und suche seit circa einem Jahr nach Arbeit. Mit allen Maschinen, Öfen und so weiter kann ich umgehen. Das ist seltsamerweise ein Problem, ich bin überqualifiziert. Schon mit drei Jahren wusste ich: Ich will Bäcker wer­ den. Außerdem arbeite ich gerne in der Nacht. Das ist das Schönste, das es gibt. Da kann man den Tag nutzen und im Sommer schwimmen gehen. Und viel Zeit mit den Kindern verbringen. Das neunerhaus wünscht Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft!

AUS DER PRAXIS GEGRIFFEN

Projektleiterin Claudia Halbartschlager im Gespräch zu Housing First. Redaktion: MONIKA PFEFFER Wann fiel der Startschuss für Housing First in Wien? Im August starteten wir auf der sozi­ alarbeiterischen Ebene mit den ersten Beratungsgesprächen und Betreuungen, der Akquise von passenden und leist­ baren Wohnungen und der Information der relevanten Schnittstellen über das neue Angebot. Welches Team steht hinter Housing First? Das Betreuungsteam setzt sich aus vier SozialarbeiterInnen mit beruflicher Vorerfahrung aus unterschiedlichen Be­ reichen zusammen. Ebenso differenziert sehen wir die Bedarfslagen der ersten KlientInnen: Personen unterschiedli­

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chen Alters, alleinlebende Personen und Familien, Menschen mit verschiedenen Biographien. Die Vorbereitung auf den Mietvertrag ist für uns als Sozialarbeite­ rInnen wie auch für unsere KlientInnen eine intensive Phase, in der auch eine gute Vertrauensbasis für die weitere Zusammenarbeit geschaffen wird. Was braucht es weiterhin, um Housing First fest zu verankern? Passende leistbare Wohnungen sind ein Grundstein des Projekts und ich freue mich über die vielen konstruktiven Ge­ spräche mit interessierten Personen aus der Immobilien- und Wohnungsbranche. Es ist uns ein Anliegen, gemeinsam mit den jeweiligen WohnungsanbieterInnen

Kooperationen und Abläufe zu vereinba­ ren, die auf beiden Seiten für eine gute Arbeitsbasis und Klarheit sorgen.  Wie geht’s weiter? Bei der Informationsarbeit erleben wir ein hohes Interesse innerhalb der Woh­ nungslosenhilfe und auch bei den wei­ teren kooperierenden Einrichtungen. Housing First als neuer Ansatz wurde schon in den letzten Monaten in Fach­ kreisen viel diskutiert und bei uns geht es nun erstmals um die Umsetzung der Theorie, der fachlichen Standards in die Praxis. Es gilt, alle notwendigen Infor­ mationen und Details an die relevanten Schnittstellen zu kommunizieren – die Fragen der Zusammenarbeit zu klären.

Anfang November fand die bereits 12. Kunstauktion des neunerhauses statt. 170 namhafte KünstlerInnen stellten Werke für den guten Zweck zur Verfügung. Otto Hans Ressler führte launig durch einen äußerst erfolgreichen Abend. Bilder, die bei der Auktion keine/n neue/n BesitzerIn gefunden haben, können im Nachverkauf bis Ende Jänner zum Rufpreis erstanden werden. Das neunerhaus dankt allen UnterstützerInnen, die zum Gelingen der Auktion beigetragen haben, sehr herzlich.

MEHR ALS EIN LOGO? Text: DORIS FORSTHUBER, BÜRO X

Als mich vor 12 Jahren Markus Reiter ansprach, für den Verein neunerhaus ein neues Logo zu entwerfen, wollte ich das bisherige CD sehen. Ich bekam eine Mappe voller Zettel, viel Buntpapier, verschiedenste Formate mit unter­ schiedlichsten Schriften und Grafiken ... Die Frage, »Braucht eine Sozialorgani­ sation mehr als ein Logo?«, stellte sich. Ein gemeinnütziger Verein wie das neunerhaus ist ein Unternehmen, wie jedes andere auch. Es muss wirtschaft­ lich agieren und sein Bild nach außen konsequent darstellen. Vom Logo über die Geschäftspapiere, Flyer, Plakate, Karten, Broschüren bis hin zur Website braucht jedes Unternehmen ein klares »Gesicht«. Wie schon Hans Domizlaff (1892 – 1971), ein Vordenker des moder­ nen Brandings, proklamierte: Um für ein Unternehmen ein Coporate Design zu entwerfen, muss man von innen nach außen denken und nicht nur ein modisches Jackett überstülpen. Mit seinem Buch »Gewinnung des öffentli­

chen Vertrauens« gilt er als Wegbereiter der Corporate Design-Idee. Für neuner­ haus entstand damals ein recht »schlan­ kes« CD, mit einfachen Stilmitteln. Mittlerweile war das damalige Design jedoch durch viele Hände gegangen und in die Jahre gekommen. Beim jetzigen Relaunch haben wir uns vom Schwarz / Weiß Auftritt plus der Farbe (Beige-Gelb) und der schlich­ ten Gestaltung nicht entfernt, aber massiv in Richtung »stärker – klarer – lesbarer« verändert. Das Logo hat ein relativ neues Gesicht erhalten – ge­ blieben ist die Kleinschreibweise, die Schrift wurde stärker und zweizeilig gesetzt. Der Claim gekürzt: Obdach. Und mehr. Der puristische und authenti­ sche Fotostil von Maria Ziegelböck passt aus unserer Sicht perfekt zum Thema des neunerhauses. Wir freuen uns, als Design-Büro unterstützen zu können und hoffen, dass das neue Corporate Design für neunerhaus gut „arbeitet“ und gefällt. Ω

Büro X Design GmbH www.buerox.at gegründet: 1992 Hauptgeschäftsfelder: Corporate Design, Editorial Design Awards: über 300 nationale und internationale Auszeichnungen

S BAUSPARKASSE WÜNSCHT FROHE WEIHNACHTEN Seit vielen Jahren Weihnachtsbrauch in der Beziehung zwischen s Bausparkasse und dem neunerhaus: Die MitarbeiterInnen der s Bausparkasse überraschen die BewohnerInnen aller neunerhaus-Wohneinrichtungen mit individuellen Weihnachtsgeschenken. »Ich bin jedes Jahr überwältigt, mit welcher Begeisterung unsere MitarbeiterInnen dieses Projekt durchführen und damit sehr eindrucksvoll soziale Verantwortung übernehmen,« freut sich DI Dr. Charlotte Harrer, Leiterin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Ebenso groß ist die Freude auf Seiten der beschenkten Menschen im neunerhaus.

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MEDIZINISCHE VERSORGUNG

MEDIZINISCHE VERSORGUNG

DER NÄCHSTE BITTE! Jeder Mensch in Österreich hat das Recht auf medizinische Versorgung. Aus mehrerlei Gründen bleiben obdach- und wohnungslose Menschen dabei meist außen vor. Sie leben ohne medizinische Betreuung und schleppen ihre unterschiedlichsten Krankheiten über Jahre mit sich herum. Redaktion: MONIKA PFEFFER / Foto: CLEMENS VAN SAANEN

Die Wiener Wohnungslosenhilfe (WWH) bietet ungefähr 8.000 Menschen im Jahr ein breites Betreuungsspektrum von Sozialarbeit bis hin zur Schuldenregu­ lierung. Trotz vielfältiger Unterstützung ist der Zugang zum regulären Gesund­ heitssystem für obdachlose Menschen aber unverhältnismäßig schwierig. ANGST ERSCHWERT DEN ZUGANG Aus Angst und Scham suchen obdachund wohnungslose Menschen oft zu spät medizinische Hilfe. Dabei ist ihr Ge­ sundheitszustand im Allgemeinen sehr schlecht und wird mit zunehmender Dauer der Obdachlosigkeit immer dra­ matischer. Mangelnde Körperhygiene, unzureichende und falsche Ernährung und daraus resultierende Abwehrschwä­ che verschlimmern die Situation. Obdachlose Menschen leiden meis­ tens an mehreren Krankheiten gleichzei­ tig. Die häufigsten Erkrankungen sind Alkoholismus, Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Stoffwech­ sel- und Hauterkrankungen etc. Nicht zuletzt ist die Ursache vieler Krankhei­ ten auch ein extrem schlechter Mund-, Kiefer- und Zahnzustand. Meist liegt der letzte Zahnarztbesuch Jahre oder Jahrzehnte zurück.

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LANGJÄHRIGE EXPERTISE Seit 2006 geht das neunerhaus mit auf­ suchender medizinischer Betreuung und mit einer Zahnarztpraxis für Obdachlo­ se einen innovativen und erfolgreichen Weg. Internationale Studien bestätigen, dass auf obdachlose Menschen speziali­ sierte Einrichtungen eine größere Chan­ ce auf rechtzeitige Behandlung bieten und dass spezifisch geschultes Personal erforderlich ist, das auf die besonderen Bedürfnisse dieser Menschen eingehen kann. Andreas Simon, niedergelassener Arzt in Wien-Neubau, meint, dass „insgesamt gesehen obdachlose Men­ schen eine sehr zeitintensive Betreuung erfordern, die eine normale Ordination nicht bieten kann“. Zudem müssen die PatientInnen aktiv medizinische Hilfe suchen – »schaffen sie das nicht, ist eine medizinische Versorgung im niedergelassenen Bereich nur einge­ schränkt möglich.« ZEIT ALS BETREUUNGSFAKTOR Das neunerhaus bietet niederschwellige medizinische Angebote für obdachlose Menschen in Einrichtungen der WWH – auch für Menschen, die nicht versichert sind. Das Angebot ist einmalig und trifft auf großes Interesse, weil es genau auf

die Bedürfnisse der Zielgruppe zuge­ schnitten ist. Der Erfolg gibt dem neunerhaus Recht: »Im sechsten Jahr unseres Bestehens zählen wir mehr als 40.000 Konsultationen«, betont Walter Löffler, ärztlicher Leiter der medizi­ nischen Versorgung im neunerhaus. Es braucht viele Arzt-PatientInnenKontakte und intensive Aufklärung und Beratung, um eine Kontinuität in der Betreuung und das Vertrauen der Pati­ entInnen zu er­langen. Löffler: »Nur so erreichen wir, dass unsere PatientInnen ein Gesundheitsbewusstsein entwickeln. Insbesondere Zeit und die sozialarbeite­ rische Betreuung vor Ort sind eine wich­ tige Unterstützung für diese Menschen.« Erika Trappl ist niedergelassene Ärztin in Wien-Meidling. Auch sie weist auf die besonders schwierige Situation hin: »Man muss sich als Arzt die Vorge­ schichte ansehen und die sozialen Hintergründe des Obdachlosen verste­ hen. Diese Ressourcen sind in einer Ordination nicht vorhanden. Es ist auch schwierig, den Überblick über alle An­ gebote und Serviceleistungen für diese Menschen zu behalten.« Das neunerhaus mit seiner langjährigen Expertise in der medizinischen Versorgung von obdach-­ und wohnungslosen Menschen innerhalb

der Wohnungslosenhilfe und in der Sozi­ almedizin ist Nutzbringer für das Regel­ system. Löffler: »Wir vom neunerhaus erfüllen spezifische Anforderungen, wie zum Beispiel das Wissen über spezielle Erscheinungsformen von Krankheiten bei Obdachlosen, wir kennen die Inf­ rastruktur von sozialen Einrichtungen, in denen obdach­lose Menschen weitere Hilfe erhalten können, und wir wissen auch um die Voraussetzungen, die dafür erforderlich sind.« OFT FEHLT DIE COMPLIANCE Die betroffenen Menschen haben viele Traumata erlebt und können ihrer Gesundheit nicht ausreichend Aufmerk­ samkeit widmen. Oftmals fehlen die Krankheitseinsicht und das notwendige Verständnis für einen Therapieverlauf. Mehr als 15 Diagnosen gleichzeitig sind keine Seltenheit, die Behandlungsset­ tings sind entsprechend zeitintensiv. Löffler weiß aus jahrelanger Erfahrung im Umgang mit obdachlosen Men­ schen: »Neben akuten und chronischen Erkrankungen stellen wir auch eine signifikant überdurchschnittliche Häu­ figkeit an psychiatrischen Erkrankungen fest – was übrigens auch internationale Studien belegen.« Eine der häufigsten psychiatrischen Diagnosen stellt die Alkoholabhängigkeit dar. Auch psycho­ tische Störungen bzw. Persönlichkeits­ störungen sind häufiger anzutreffen als bei der Allgemeinbevölkerung.

BRÜCKENBAUER NEUNERHAUS Als Kenner der Zielgruppe geht es den ÄrztInnen des neunerhauses um die Schaffung eines realen Zugangs zur medizinischen Versorgung für die Betroffenen. Vertrauensaufbau und zielgruppenorientierte medizinische Versorgung bauen Schwellenangst ab. Löffler dazu: »Positive Erfahrungen mit der Gesundheitsversorgung sollen langfristig eine Rückführung in das reguläre Gesundheitssystem ermögli­ chen und letztlich dem generellen Ziel dienlich sein: der Stabilisierung und der Reintegration der Betroffenen ins Regelsystem.« Ω

»DER WEG ZU UNS IST FÜR OBDACHLOSE MENSCHEN OFT DIE EINZIGE MÖGLICHKEIT, MEDIZINISCHE BETREUUNG ZU BEKOMMEN.«

PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN NEHMEN ZU Bei ExpertInnen der WWH besteht allgemein der Konsens, dass die Zahl von obdachlosen Menschen mit psy­ chischen Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Die Wechselwirkung zwischen Wohnungslo­ sigkeit und psychischen Erkrankungen ist bekannt. Das Leben auf der Straße führt zu psychischen Krisen, und akute psychische Erkrankungen wiederum beeinflussen die Wohnfähigkeit dieser Menschen. Auch Simon sieht eine »nicht zu bewältigende Herausforderung für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bei obdachlosen Menschen mit auffälli­ gen psychischen Erkrankungen.«

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WUSSTEN SIE DASS …

… sich 105.000 Menschen in Wien laut Statistik Austria das Heizen nicht leisten können? Schlech­ te Gebäude­dämmung, alte Heizungen und alte Haushalts­geräte erhöhen zusätzlich ihre Energie­ kosten. … die Wohnplätze für obdachund wohnungslose Menschen in Wien in den Jahren 2005 bis 2011 von 2.500 auf 4.500 aus­ gebaut wurden? Auch die Versor­ gung mit Nachtquartieren stieg von 250 auf 450 Plätze. … die Zahngesundheit von wohnungslosen Menschen wesentlich schlechter ist, als die der Allgemeinbevölkerung? Und der Ausgangspunkt für Streuherde, die als Ver­ ursacher für Erkrankungen des rheuma­ toiden Formenkreises und für Herz- und Kreislauferkran­kungen angesehen werden?

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Unser großes Ziel ist es, obdachlosen Menschen ein Zuhause zu geben, das diesen Namen verdient. Dafür gehen wir neue Wege, gehen Sie mit uns!

JA, ICH FÖRDERE DAS NEUNERHAUS PUNSCHTRINKEN FÜR DAS NEUNERHAUS Bereits Tradition hat eine Initiative der Fachhochschule für Technisches Vertriebsmanagement des bfi Wien: Die LehrgangsteilnehmerInnen organisieren in ihrem ersten Studienjahr einen Punschstand auf der Mariahilferstraße 110. Ziel der OrganisatorInnen ist es – neben der logistischen Bewältigung des Events – an diesem Tag möglichst viele Spenden für das neunerhaus zu sammeln. Der Kreativität sind bei den viel­ fältigen Aktivitäten rund um den Punschstand keine Grenzen gesetzt, und der Punsch schmeckt immer ausgezeichnet. Hingehen lohnt sich: Samstag, 22. Dezember vor der Apotheke zur Kaiserkrone.

Mit meiner neunerhaus Fördermitgliedschaft verändere ich das Leben von obdachlosen Menschen. Denn Wohnen im neunerhaus bedeutet: ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben zu führen. Gleichzeitig trage ich dazu bei, dass Verwaltungskosten gespart werden und Projekte langfristig planbar sind.

ZUTREFFENDES BITTE ANKREUZEN: Beitrag »Standard« 72,– EUR / JAHR

Beitrag »Sozial« 36,– EUR / JAHR

Beitrag »Top« 240,– EUR / JAHR

Ich ermächtige den Verein neunerhaus den Beitrag per Lastschrift von meinem Konto einzuziehen. In den Folgejahren wird der Beitrag jeweils Anfang Februar abgebucht. Schicken Sie mir bitte einen Zahlschein zu. Ich richte den Dauerauftrag direkt in meinem Geldinstitut bzw. per Netbanking ein. Spendenkonto: Raiffeisen 5.929.922, BLZ 32.000, IBAN AT253200000005929922, BIC RLNWATWW

Name

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Straße / Hausnummer

BENEFIZKONZERT IM ANDINO Austropop und -rock, Soulklassiker und Blues from Vienna wurden an einem einzigartigen Abend im Andino geboten, als GOED, Blue Bahöö und The Bottles gemeinam für das neunerhaus aufspielten. Marion Pably und Gottfried Simoni luden zu einem musikalischen Abend und viele kamen. Den Erlös des Abends spendeten die MusikerInnen dem neunerhaus.

5 JAHRE NEUNERHAUS KUDLICHGASSE Ein Jubiläum begeht das neunerhaus Kudlichgasse in diesem Herbst: Mitte Oktober 2007 zogen die ersten BewohnerInnen in das damals neu erbaute Gebäude ein. Kurz vor Weihnachten fand die offizielle Eröffnung im vollständig besiedelten Haus statt. Das neunerhaus Kudlichgasse bietet 60 Dauerwohnplätze für ehemals wohnungslose Männer, Frauen und Paare, die ohne Hilfe den Alltag nicht mehr bewältigen können.

PLZ / Ort

Unterschrift

Kontonummer (kein Spendenkonto) / IBAN

Bankleitzahl / BIC

Geldinstitut

Diese Fördermitgliedschaft kann jederzeit formlos und ohne Angabe von Gründen widerrufen werden. IHR BEITRAG ALS FÖRDERMITGLIED IST STEUERLICH ABSETZBAR. DANKE FÜR IHR VERTRAUEN! Bitte ausfüllen und per E-Mail, Post oder Fax an neunerhaus senden: neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen Margaretenstraße 166/1. Stock, 1050 Wien Tel +43 1 990 09 09 900, Fax +43 1 990 09 09 909 kommunikation@neunerhaus.at, www.neunerhaus.at

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DAS BIN ICH

»ICH BIN NOCH DA!« Redaktion: RUTH GOTTHARDT / Foto: MARIA ZIEGELBÖCK

Herbert V., 44 Jahre, Bewohner des neunerhauses Hagenmüllergasse / Riedelgasse Herbert ist bei der Arbeit, als wir ihn treffen. Er wohnt nicht nur im neuner­ haus, er arbeitet auch mit, wenn sich die Möglichkeit ergibt – wie heute, da die Bilder der kommenden Benefizauktion des neunerhauses für die Ausstellung

»MIT DEM WISSEN VON HEUTE WÜR­ DE ICH WOHL ALLES ANDERS MACHEN ...« gehängt werden. »Arbeiten macht mir echt Spaß, aber in meinem gelernten Beruf als Dachdecker und Bauspengler kann ich nicht mehr – alle Gelenke kaputt, so kann ich auf kein Dach mehr

steigen«, erzählt er. Gerade hat er einen Computerkurs absolviert, aber Hoffnung auf einen fixen Job macht er sich nicht. Handwerklich geschickt wie er ist, hat er schon vieles gemacht, hat als Maler gearbeitet, Fliesen verlegt, was halt so anfiel. Im Winter verstärkt er die Schneeschaufel-Truppe vom Magistrat Wien. Seine »lustigste« Arbeit: Bei der MA48 war er lange Zeit »Halbkreisinge­ nieur« – sprich Straßenkehrer. Immer an der frischen Luft. Ganze acht Jahre hat er auch auf der Straße gelebt, bevor er im August 2011 ins neunerhaus kam. Wie man auf der Straße landet? »Scheidung, Alkohol, »das Übliche« – früh geheiratet, mit jungen 22 Jahren war ich Papa und heute bin ich ein junger Opa!« zieht er Bilanz. Die ersten Jahre nach der Scheidung ging es noch ganz gut, da kam er bei seinem Vater unter. Nach dessen Tod stand er aber auf der Straße. Tagsüber in der Gruft, verbrachte er die Nächte im Wald in

einer Hütte, auch im Winter. Wo die Hüt­ te steht, will er nicht verraten – »das ist mein Platz«. Das höre sich schlimmer an, als es war, erzählt er weiter, zwischen­ durch kam er auch in Notschlafstellen unter. Und allein fühlte er sich im Wald nicht. Eine Igelfamilie war seine »Alarm­ anlage« und wurde täglich verpflegt. Und wer hat schon ein zahmes Reh zu Hause, schmunzelt er. Seinen Humor hat er nicht verloren und er genießt es sehr, wieder eine Woh­ nung zu haben. Am wichtigsten sind ihm dabei die Nachbarn und Freunde, die er im neunerhaus gefunden hat, mit denen gemeinsam gekocht wird, und wo sich immer jemand findet zum Reden oder für ein Kartenspiel. Das sei im Moment neben Sohn und Enkelkind sein Halt. Wie es weitergeht? Man wird se­ hen. »Mit dem Wissen von heute würde ich wohl alles anders machen, aber es ist wie es ist. Anderen ist es noch schlechter ergangen. Ich bin noch da!« Ω

IHRE SPENDE VERÄNDERT LEBEN! Obdach- oder wohnungslos zu sein bedeutet, gezeichnet am Rande der Gesellschaft zu leben. Nicht nur ein schützendes Dach fehlt, sondern auch medizinische Versorgung. Mit Ihrer Spende mittels beiliegendem Zahlschein oder online auf www.neunerhaus.at helfen Sie uns, obdachlosen Menschen ein Dach über dem Kopf und die dringend notwendige medizinische Betreuung zu geben. Vielen Dank! SPENDEN AN DAS NEUNERHAUS SIND STEUERLICH ABSETZBAR. 14


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