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STIPENDIATENPROGRAMM

NACH DER FREI HEIT ✽

19. Internationale Schillertage 16.6.–24.6.17 Nationaltheater Mannheim


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BEI DEN INTERNATIONALEN SCHILLERTAGEN

NACHWUCHS FÖRDERUNG


Die Internationalen Schillertage präsentieren am National­ theater Mannheim alle zwei Jahre die internationale, zeitgenössische Rezeption und Interpretation von Schillers Werk. Eigenproduktionen, Gastspiele, Diskussionen sowie Club- und Konzertnächte machen Mannheim für neun Tage zu einem pulsierenden Treffpunkt für Künstler und Besucher, renommierte Theatermacher und den Theater­ nachwuchs. Die Aufklärung, zu deren kampflustigsten Denkern Friedrich Schiller zählte, hatte einen doppelten Begriff von Freiheit: die Freiheit von und die Freiheit zu. Die Freiheit von Bindungen verlangt den Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit. Die Freiheit zum selbstständigen Menschen beschreibt die Forderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Schiller war als Idealist davon überzeugt, dass es möglich sei, die Dinge zu beherrschen, statt sich von ihnen beherrschen zu lassen. Freiheit bedeutet uneingeschränkt und ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können – aber auch zu müssen. Heute scheint die Freiheit in eine Krise geraten. Die Komplexität der Globalisierung und pluralistische Weltanschauungen bedeuten für viele offenbar mehr Bedrohung als Freiheit, Reaktionen sind Reduktion und Refundamentalisierung. Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Kunstfreiheit, Freiheit als ein Grundprinzip der Demokratie – wie ist es in der heutigen Realität um die Freiheit bestellt? In den Produktionen und Projekten von und nach Friedrich Schiller wird seinem Begriff von Freiheit nachgespürt, Möglichkeiten und Grenzen in der Gegenwart werden ausgetestet. Traditioneller Bestandteil der Internationalen Schiller­ tage ist das Stipendiatenprogramm, das Studierenden und Berufseinsteigern aus theaterrelevanten Bereichen die Möglichkeit gibt, Teil des Festivals zu sein.

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SEMINAR PROGRAMM

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Studierende und Berufsanfänger aus theater­ relevanten Bereichen haben die Chance, in Mannheim während der Internationalen Schillertage Seminare von renommierten Theater­ schaffenden zu besuchen. Die Seminare finden in zwei Blöcken statt, pro Block kann nur ein Seminar besucht werden. Zusätzlich beinhaltet das Stipendium den Besuch ausgewählter Vorstellungen und des SWR2 Forums sowie die Unterbrin­ gung bei Mannheimer Gastfamilien, einen Fahrt­ kostenzuschuss und Verpfle­ gung. Die Stipendiaten haben durch die Anwesenheit während des gesamten Festivalzeitraums zudem die Möglichkeit, sich mit einge­ ladenen Künstlern und Ensembles auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Angesprochen sind Inter­ essier­­te aus den Bereichen Geistes-, Theater- und Kulturwissenschaften, Regie, Schauspiel, Szenisches Schreiben, Bühne/Architektur und Kulturmanagement. Gute Kenntnisse der Semi­ narsprachen Deutsch und Englisch sind verpflichtend.


DAS STIPENDIUM BEINHALTET

* Reisekostenzuschuss * Unterkunft bei Mannheimer Gastfamilien * Verpflegungszuschuss * Teilnahme an zwei Seminaren * freien Eintritt zu ausgewählten Veranstal­ tungen der 19. Internationalen Schillertage * f reien Eintritt zu Konzert- und Clubnäch­ ten der 19. Internationalen Schillertage

DAS STIPENDIUM VERPFLICHTET ZUR

* Anwesenheit und Vorstellungsbesuche während des gesamten Festivals (16.– 24. Juni 2017) Teilnahme an zwei Seminaren (à drei Tage) * T  eilnahme an den seminarbegleitenden * Veranstaltungen (z.B. SWR2 Forum)

BEWERBUNGSUNTERLAGEN

* Ausgefüllter Fragebogen (am Ende der Broschüre) * Lebenslauf * Anschreiben (max. 4.000 Zeichen inkl. Leerzeichen), in dem Sie kurz * Ihre Motivation zur Teilnahme darlegen * Ihren Seminarwunsch begründen (Anhänge einer E-Mail-Bewerbung nicht größer als 3 MB)

BITTE SENDEN SIE IHRE BEWERBUNG AN

Nationaltheater Mannheim Internationale Schillertage – Stipendium Mozartstraße 9 D-68161 Mannheim oder per E-Mail an schillertage.stipendium@mannheim.de

INFORMATIONEN

Schillerbüro am ­Nationaltheater Tel.: +49 (0) 621 1680 227 schillertage.stipendium@mannheim.de

BEWERBUNGSSCHLUSS IST  DER  28. APRIL 2017 5


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SEMINAR ÜBERSICHT


SEMINAR BLOCK I 16.–18. JUNI 2017

SEMINAR BLOCK II 20.–22. JUNI 2017

ANTI-ANTI

THEATRICAL REALISMS AND REALITY

Seminarleitung Nuran David Calis

VIRTUELLE BÜHNEN Seminarleitung Björn Lengers

IST ALLE KUNST POLITISCH? Seminarleitung

PERFORMA­TIVE ÖFFENT­ LICHKEIT Seminarleitung Kathrin Tiedemann

Seminarleitung Oliver Frljic´

ZUHAUSE BEI SUPER­ HELDEN Seminarleitung Maren Greinke

LÜGEN! (ODER SO) Seminarleitung Tobias Rausch

PLAYWRIGHTING FOR FUN AND VIRTUE Seminarleitung Noah Haidle

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Nuran David Calis

SEMINARBLOCK I: 16.–18. JUNI 2017

✽ ANTI-ANTI Schon immer wurden im Theater Kernfragen unseres Zu­ sammenlebens verhandelt, indirekt und stellvertretend. Theater ist ein Ort des Erinnerns, an dem Geschichte und Geschichten, Wahrheiten hinterfragt werden. Was aber passiert, wenn es zum Austragungs- und Verhandlungsort real existenter Konflikte wird, wenn Realität und Fiktion, Schauspieler und Laien aufeinandertreffen? Wenn sich Op­ fer und Täter auf einer Bühne begegnen? Es gilt die Grenzen auszuloten, inwieweit das Theater Konfliktparteien der Gesell­ schaft eine Plattform bieten könnte. Sollte das Theater jeder Stimme eine Bühne geben? Wo sind Grenzen zu ziehen? Und was kann Theater leisten, was eine Talk-Show nicht kann?

Björn Lengers

Nuran David Calis, 1976 als Sohn armenisch-jüdischer Einwan­ derer aus der Türkei in Bielefeld geboren, arbeitet als Autor, Theater- und Filmregisseur. Während der Schillertage möchte Calis ein Projekt zum Thema Antisemitismus erarbeiten.

VIRTUELLE BÜHNEN Das Theater der virtuellen Realität bringt VR ins Theater und Theater in die VR, baut digitale Bühnen und lässt dort Schau­ spieler spielen, der Zuschauer kann sich mittels VR-Brille frei in der Szenerie bewegen. Der Workshop bietet einen Überblick über die Heraus­forde­rungen des neuen Mediums in Theorie und Praxis. Im Work­shop erarbeiten wir VR-taugliche Theaterszenarien: Wie sähe eine Inszenierung aus, in der ich auf Raum und Physik wenig Rücksicht nehmen muss? Wir entwerfen eigene 3DWelten und transferieren sie in die virtuelle Realität. Das Mitbringen eines eigenen Notebooks (Windows 7 SP1+, 8, 10; Mac OS X 10.8+, GPU: Grafikkarte mit DX9 (Shadermodell 3.0) oder DX11 mit Feature-Level 9.3-Fähig­ keiten) ist zu empfehlen. Björn Lengers arbeitet als Entwickler und Datenanalyst in Berlin. Zusammen mit Wojtek Klemm und Marcel Karnapke realisierte er zur Konferenz Theater und Netz im Mai 2016 in Berlin RäuVR, ein Projekt zur Verknüpfung von Theater und Virtual Reality-Technik. 10


IST ALLE KUNST POLITISCH? Grenzen von vor über hundert Jahren brechen auf, politi­ sche, gesellschaftliche Umbrüche sind medial omnipräsent. Was bedeutet das im Hinblick auf künstlerische Praxis? Was bedeutet überhaupt politische Kunst? Wir werden über die Tautologien und Widersprüche spre­ chen, die unsere Diskurse bevölkern. Wie funktioniert ideologische Vereinnahmung von Kunst durch den Kapitalismus? Warum ist das, wo politisch draufsteht, so selten wirklich politisch? Warum scheint ästhetisierter Widerstand vergeblich? Und was ist, wenn Politik einen gar nicht interessiert, sondern Gefühle? Wie können wir ungemütlich bleiben, wie irritieren, wie berühren, in einer Zeit, in der mit Bedeutung jongliert wird und sich der Kontext, in dem eine künstlerische Arbeit ge­ schaffen wird, schneller verändert als die Arbeit selbst? , 1991 in Essen geboren, Hausautor am National­ theater Mannheim, schreibt Theatertexte und Drehbücher und studiert Film an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

„In dem Maße, wie die Menschen lernen können, ihre Interes­ sen in der Gesellschaft entschlossen und offensiv zu verfolgen, lernen sie auch, öffentlich zu handeln. Die Stadt sollte eine Schule solchen Handelns sein, das Forum, auf dem es sinnvoll wird, anderen Menschen zu begegnen, ohne dass gleich der zwanghafte Wunsch hinzuträte, sie als Personen kennenzu­ lernen.“ (Richard Sennett) Die Stadt ist Austragungsort sozialer und territorialer Verhandlungen. Mit Blick auf Henri Lefebvres utopisches „Recht auf Stadt“ sammeln wir Ideen für ein radikal anderes Zusammenleben, wir gehen raus in die Stadt und beobachten sie als soziales Beziehungsgefüge und kollektive Performan­ ce. Wo sehen wir Möglichkeiten für eine kritische soziale und künstlerische Praxis im öffentlichen Raum? Kathrin Tiedemann leitet seit 2004 das FFT Düsseldorf, ein Produktionshaus für performative Künste. Sie studierte Theater­wissenschaft und Germanistik in Berlin und arbeitete als Redakteurin, Autorin und Dramaturgin. 11

Kathrin Tiedemann

PERFORMATIVE ÖFFENTLICHKEIT


Oliver Frljic´

SEMINARBLOCK II: 20.–22. JUNI 2017

✽ THEATRICAL REALISMS AND REALITY "I believe there is a contradiction in our audience between their interests and their needs. What interests people is what they don't need, and what they need doesn't interest them. One really has to search for ways to do what they need, even though they reject it." (Heiner Müller) Theater should not be, although too often it is, a repro­ duction of reality. The fatal disease of all theatrical realisms is the believe that non-theatrical reality could be reproduced – more or less well – on the stage. "The only thing that artwork can realize is to inspire longing to another state", says Müller. Theater can remind us that this is not the best of all possible worlds. It seems as if we had forgotten that.

Maren Greinke

Born in Bosnia, Oliver Frljic´ studied philosophy, religious sciences and theater direction, works as freelance director and author. From 2014 until 2016 he was director of the Croatian National Theater in Rijeka.

ZUHAUSE BEI SUPERHELDEN Welche persönlichen Umstände braucht es, um Mut und Moral eines Superhelden zu entwickeln? Welche Aspekte von innerer und äußerer Freiheit sind eine Grundbedingung für eine ori­ ginelle, heldenhafte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben? Ist der Superheld privat zwangsläufig ein Außenseiter? Be­ nutzt er eine zweite Identität als Tarnung? Braucht er einen Schutzraum? Hat er antike Vorbilder? Und wie bringt man eigentlich all die Kostüme und Requisiten unter, die man für übermenschliche Fähigkeiten so braucht? Recherchiert wird in dem bekannten Heldenrepertoire der Marvel- und DC-Comics, mittels Skizzen und Modellbau soll ein gemeinsamer Real-Life-Superhero-Raum fürs Theater entwickelt und gebaut werden, der dem modernen Helden in unserer Gesellschaft gerecht wird. Maren Greinke studierte Theatermalerei in Dresden und Bühnen­ bild in Wien. Seit 2008 ist sie freiberuflich tätig, seit 2016 Professorin der Theatermalerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. 12


Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Die Lüge scheint zum legitimen Mittel der Politik und der öffentlichen Kommuni­ kation geworden zu sein. Aber oft ist das Verhältnis zwischen Wahrheit und Lüge komplexer, als es zunächst scheint: Was, wenn der Lügner an seine Lüge glaubt? Wenn die Lüge ihre eigene Wirklichkeit hervorbringt? Oder wenn die Lüge wahrer ist als die Realität? Im Theater gehört Lügen zum Handwerks­ zeug. Wir wollen im Seminar mit der Lüge experimentieren. Szenisch, performativ und theoretisch. Wir wollen uns gegen­ seitig anlügen. Lügen auseinandernehmen. Lügen in die Welt setzen. Wir suchen Lügen am Ort ihres Entstehens auf und forschen nach den großen und kleinen Lügnern in Mannheim und der Welt.

Tobias Rausch

LÜGEN! (ODER SO)

Tobias Rausch, Studium der Philosophie, Biologie und Literatur­wissenschaften in Freiburg und Berlin. Seit 2001 freier Regisseur und Autor, war außerdem Mitglied des RADAR. Instituts für Performative Recherche sowie Kurator bei den 1. Berliner Recherchetheatertagen am Deutschen Theater Berlin.

Before grand artistic intentions and lofty attempts at beauty, writing plays is fun. It is make-believe, a childhood pastime, casting shadow puppets on the wall, telling silly stories and stupid jokes. In addition to being fun, writing for the thea­ter has the ability to transform the sorrow and joys of an indi­ vidual mind into a coherent form experienced by thousands and thousands and thousands of audience members and readers. Hopefully over two and a half days I will be able to spark the desire to write for the theater, and to begin the life­ long training in fun and virtue no playwright ever finishes. Bring work samples of your own plays if available. Noah Haidle, born in Michigan/USA, playwright and screenwriter, studied at Princeton University and Juilliard School in New York and teaches now at both schools. 2015 his play The Homemaker was chosen by Theater heute as best foreign piece of the year. 13

Noah Haidle

PLAYWRIGHTING FOR FUN AND VIRTUE


IMPRESSUM 19. Internationale Schillertage am Nationaltheater Mannheim Herausgeber: Nationaltheater Mannheim; Geschäftsführender Intendant: Dr. Ralf Klöter; Intendant Schauspiel/Künstlerische Leitung Schillertage: Burkhard C. Kosminski; Festivalleiterin/Orga: Mary Aniella Petersen; Projektassistentin Schillertage/Leiterin Festivalbüro: Gesa Dethlefs; Fundraising: Anita Kerzmann (Leitung), Linda von Zabienski; Redaktion: Carmen Bach, Marketing; Gestaltung: ErlerSkibbeTönsmann; Foto: picture alliance/AP Images Mozartstraße 9, D-68161 Mannheim, Tel.: +49 (0) 621 1680 200, E-Mail: schillertage@mannheim.de, www.schillertage.de Wir danken für die freundliche Unterstützung bei dem Stipendiaten-Programm

Sämtliche personenbezogenen Bezeichnungen, die in dieser Publikation im Maskulinum verwendet werden, sind geschlechtsneutral zu verstehen. Gemeint sind beide Geschlechter. 14


BEWERBUNGSFORMULAR Vorname, Name ......................................................................................... Straße, Nr. ................................................................................................... PLZ, Ort, Land.......................................................................................... Telefon........................................................................................................... Mobil ............................................................................................................. E-Mail .......................................................................................................... Tätigkeitsbereich IN AUSBILDUNG Dramaturgie.............................................................. 

IM BERUF

Regie............................................................................ 

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Tanz / Schauspiel / Choreographie.................... 

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Szenisches Schreiben............................................. 

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Bühnenbild................................................................ 

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Architektur................................................................ 

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Kulturmanagement................................................ 

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Kulturwissenschaften............................................ 

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Theaterwissenschaften......................................... 

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Germanistik............................................................... 

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Sonstiges.................................................................... 

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Ich bewerbe mich für folgende Seminare

SEMINARBLOCK I

SEMINARBLOCK II

1. Wahl ......................................................................................................................... 2. Wahl ......................................................................................................................... 3. Wahl .........................................................................................................................  Ich kann vom 16.– 24. Juni 2017 an den 19. Internationa­ len Schillertagen teilnehmen.  Ich benötige keine Unterbringung bei einer Mannheimer Gastfamilie. ..........................................................................................................................................

Datum, Unterschrift 15


www.schillertage.de

Stipendiatenprogramm Schillertage 2017