Der Sommer als ich unsterblich war | Libretto von Jana Heinicke

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DER SOMMER, ALS ICH UNSTERBLICH WAR

JANA HEINICKE

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1 OMA 1 ICH 1 DU 1 ELTERNTEIL 1 SCHLAGERSÄNGER*IN plus BACKGROUNDCHOR

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VERSCHIEDENE VERSUCHE UNSTERBLICH ZU WERDEN

(eine unvollständige Liste)

Wir könnten die Luft anhalten und nur noch zwischen den Sekunden ausatmen, wir könnten in den Wald hineinrennen, tief in den Wald hinein, wo es nur Überlebenskampf gibt, Instinkt und Tarnung. Und dort verstecken wir uns vor dem Tod. Wir könnten böser werden, als Hitler, oder schöner als Mona Lisa, oder gütiger, als Mutter Theresa, und dann schreiben sie Bücher über uns, oder sie malen Portraits von uns, oder sie benennen Straßen nach uns, oder Methoden zur Heilung unerforschter Krankheiten, oder Gesetze, oder Opernhäuser. Wir könnten einen Helikopter entern und die Welt mit Glitzerkonfetti überschütten. Und wer fegt hinter uns den Müll weg? Stimmt auch wieder. Oder, wir schreiben selbst Bücher, die so berühmt werden, dass sie nicht nur Straßen, sondern ganze Wohnviertel nach uns benennen! Wir lernen, einen Meter über dem Boden zu schweben! Wegen der Hundescheisse? Wegen des Seelenfriedens! Wir schweben im Schneidersitz in einer dunklen Höhle. Wir tragen nichts als einen Lendenschurz und dehnen die Grenzen unserer Belastbarkeit aus, wie Tunnel aus Edelmetall die Ohrläppchen eines Türstehers. Und dann kommen sie zu uns gepilgert und fragen, wie wir das machen, dreihundert Jahre ohne Nahrung und Liebe, und wir lächeln nachsichtig und sagen: Nicht sterben. Einfach nicht sterben. Mit so einem Quatsch fangen wir gar nicht erst an.

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KRABBEN

Möchtest du von der Sülze? Nein, danke, Omi. Aber von der Salami nimmst du paar Scheibchen? … Vom Schinken etwa auch nicht? Ich lebe vegan, Oma. Jetzt bin ich extra beim Metzger gewesen. Ist der gute Schinken, der vom Apfelschwein! Auch wenn´s vom Apfelschwein ist, ist es noch lange kein Fruchtfleisch. Gibt es Zitronenlimonade? Wir wollen runter zum Fluss, ein Picknick machen. Im Kühlschrank. Du hast viel eingekauft! Ich war beim Arzt. Ich war beim Arzt und ich habe Krebs. Aber es ist nicht Ernstes, oder? Es ist kein großer Krebs. Es sind viele kleine und sie sitzen überall in meinem Körper. 4


Also kriegt der Arzt das wieder hin? Weißt du noch, als wir in Portugal waren? Du hast ein Schaf geschoren und Orangen geerntet. Am letzten Abend waren wir in dem Restaurant an der Küste. Dort gab es die besten Shrimps, die ich je gegessen habe. In Knoblauchmarinade gegrillt. Daran musste ich denken, als ich beim Arzt saß. Und jetzt sitzt der Krebs in mir drin und er frisst mich von innen auf. Ich kann so viel essen, so viel in mich hineinfressen, wie ich will, der Krebs ist schneller und der hat mehr Hunger und er frisst mehr, als ich nachfüttern kann, er frisst mich von innen auf. Und wenn du sowas hörst, dann sagst du erst mal gar nichts mehr. Und Hunger hast du auch keinen. Du rennst die Treppen runter, Oma ruft dir hinterher, sie lehnt sich aus dem Fenster und ruft, aber du hörst sie gar nicht mehr, du rennst raus aus dem Neubaublock, am Fluss entlang und unter der Brücke durch, du hast Wasser in den Ohren, alles rauscht, aber du rennst weiter, so weit, wie dich deine Füße tragen und wenn du nicht mehr kannst, dann rennst du noch mal genauso weit. Und abends, wenn du im Bett liegst, hast du auf einmal doch wieder Hunger. Du möchtest deine Oma anrufen und sie bitten, sie möge ihr berühmtes Frikassee kochen, das mit Kapern und Hühnchen, obwohl du vegan lebst, und Kapern nicht ausstehen kannst. Kommst du bitte die Tage noch mal wieder? Ich muss wissen, was du haben möchtest. Sven, der Nachbar, interessiert sich für den alten Ohrensessel. Der war mal teuer und jetzt ist er wieder en Vogue, skandinavisches Design, sowas stellen sich die jungen Leute wieder ins Wohnzimmer. Aber ich habe gedacht, wenn wir vielleicht irgendwann doch mal einen Garten haben, mit hohem Gras und einem Walnussbaum, der Schatten spendet, dann könnte der Sessel im Hochbeet stehen, mit diesen langen, eleganten Beinen aus Holz, und die Feuerbohnen, diese schönen roten Bohnen, die könnten daran hinauf ranken und dann und wann würde ich mich in den Sessel setzen, die Augen schließen und Wurzeln schlagen.

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WÜRDE MIR BITTE WER DIE POINTE ERKLÄREN, BITTE?

Wer hat sich das ausgedacht? Dass wir am Ende einfach sterben, als gäbe es nicht noch jede Menge zu leben! Dass wir am Ende jetzt doch alle werden sterben müssen. Was wird dann aus den Kieseln im Schuh, den Weise-Sprüche-Postkarten am Kühlschrank und den nicht eingelösten Versprechen? Als ließe sich das Leben einfach löschen, wie ein Insta-Profil. Als könnte ich mein Insta-Profil einfach löschen! Und wer ist überhaupt auf die bekloppte Idee gekommen, diesen endlichen Körper in ein unendliches Leben hineinzuwerfen? Gerade wie ein geknülltes Brotpapier in einen Wirbelsturm? Ganz ohne Kompass, Googlemaps und Reißleine? Ist „Sterben“ nur ein anderes Wort für „Am Leben scheitern“? Oder vielmehr das Versprechen, immer irgendwo anzukommen? Und was, wenn ich einfach nur hier stehe, und die Unendlichkeit an mir vorbeiziehen lasse, wie eine Abfolge von vielen kleinen Endlichkeiten, wenn ich einfach nur hier stehen bleibe und dabei nichts weiter bin, als ich selbst – hat das Leben dann einen Sinn? Habe ich einen Sinn für das Leben? Wenn ja, ist es der gleiche? Oder gibt es wenigstens Schnittmengen? Und wenn ich aus voller Kehle in diese trostlose Nacht hinein brülle, gibt es dann irgendjemanden, der mich hört?

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WENIGSTENS DIE HÄLFTE VON UNENDLICH

Überall in der Stadt ist Jahrmarkt. Es gibt Büdchen und Autoskooter, Karusselle, Artistik, Zuckerwatte und von überall her blinkt es bunt und tutet laut. Die Stimmung ist ausgelassen. Auf einer Bühne steht ein*e Schlagersänger*in und performt den Hit des Sommers. Natürlich gibt es super sexy Background-sänger*innen. Der Refrain ist ein absoluter Ohrwurm. Im Verlauf dieser Szene wird er immer wieder, mal vorder- mal hintergründiger, in Erscheinung treten. Das Ich und das Du schlendern über den Rummel.

REFRAIN: Du kannst sein, wer du willst, du kannst tun, was du willst, du kannst lieben, wen du willst. Du bist frei! Frei wie ein Vogel! BRIDGE: Und wenn du lieber ein Bär wärst, sei stark, stark wie ein Bär. Und wärst du lieber ein Tiger, Sei wild, wild wie ein Tiger. Und wenn du lieber ein Reh wärst, sei zart, zart wie ein Reh. Und wärst du am liebsten ein Mensch, sei ganz du selbst, sei ganz du selbst!

Als hätte ich eine Ahnung, wer ich bin oder wenigstens, wer ich sein will und was diese Person dann tun wollen oder wen sie lieben würde, woher soll ich wissen, wen ich lieben will, oder kann, oder wer mich lieben will, wer mich wirklich liebt. Das wüsste ich wirklich gerne. 7


Ich könnt´ dir eine Rose schießen! Du gehst nach Australien. Aber nur für ein Jahr! Vielleicht sollte ich mir lieber einen Frosch angeln. Die Ferien haben gerade erst begonnen! Der ganze Sommer liegt noch vor uns, wir können runter an den Fluss ein Picknick machen, uns die Bäuche mit Zuckerwatte und Himbeereis vollstopfen, Achterbahn fahren und Riesenrad. Bis ich weg bin, ist es noch lange hin. Ich hasse Riesenräder. Wusstest du das? Nein, wirklich, ich verabscheue sie. Nichts veranschaulicht das Elend der menschlichen Existenz besser, als die Fahrt mit einem Riesenrad. Am Anfang ist es noch aufregend, in dieser Gondel sachte nach oben zu schaukeln. Es kribbelt im Bauch und die Aussicht ist atemberaubend. Alle sagen Dinge wie „Ahhh“, und „Ohhh“, und „Halt mich fest in deinen Armen, Emilia-Marie“. Aber gerade, wenn du denkst, es könnte jetzt ewig so weiterlaufen, gibt es plötzlich einen fürchterlichen Ruck und das Riesenrad steht still. Und dann hängst du da erst mal in deiner Gondel aus Hartplastik, die ganz komisch in den Angeln quietscht. Und du hast keinen festen Boden unter den Füßen, nur 35 Meter Abgrund, und da wird dir klar, dass dir im Falle des Falles auch Emilia-Maries Arme nichts nützten, weil du hier oben auf einmal ganz alleine bist. Und der Typ, der unten gerade noch dein Ticket abgerissen hat, bittet jetzt schon die ersten, wieder auszusteigen. Und während du da hängst und darauf wartest, dass es irgendwie weiter geht, spürst du eigentlich, dass es das im Grunde schon gewesen ist. Dass das schon der Höhepunkt war: hier oben zu hängen und gerade so den Drang unterdrückt zu haben, dir vor Angst in die Hosen zu pissen. 8


Und dass es von jetzt an sowieso nur noch bergab geht, bis du selbst irgendwann dran bist, mit Aussteigen. Und das war´s dann. Jetzt habe ich auch keine Lust mehr auf Riesenrad.

REFRAIN

Wir könnten … Oder … Wir könnten … Was? Was? Nein. Nein, du hast recht. Ja, das wäre doof. Ja, ich meine, nein, das sollten wir besser nicht tun.

BRIDGE: Und wenn du lieber ein Bär wärst, sei stark, stark wie ein Bär. Und wärst du lieber ein Tiger, Sei wild, wild wie ein Tiger. 9


Und wenn du lieber ein Reh wärst, sei zart, zart wie ein Reh. Und wärst du am liebsten ein Mensch, ärgre dich nicht, ärgre dich nicht!

Es ist diese unendliche Anzahl an Möglichkeiten, die mir zu schaffen macht. Ständig kannst du irgendetwas falsch machen. Oder eine falsche Entscheidung treffen, die dir dann dein ganzes Leben versaut. Das produziert mir eine schiere Panik, also tue ich erst einmal gar nichts, aber je länger ich gar nichts tue, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit,

wenigstens,

sagen

wir,

die

Hälfte

der

Unendlichkeit

zu

bewerkstelligen, und wenn dir das erst mal bewusst wird, dass du im Grunde dabei bist, einen konstant fetten Elefantenarsch durch ein Nadelöhr zu pressen, das kontinuierlich schmaler wird, ja, was willst du dann noch anderes tun, als dich auf dem Klo einzusperren, und Angry Birds zu zocken?

REFRAIN

Wir könnten … Oder … Wir könnten … Was ist eigentlich die Hälfte von unendlich? Ich hol uns erst mal was zu trinken.

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MITTEL GEGEN DEN TOD

Wie lange weißt du es schon? Vier oder fünf Wochen. Vier oder fünf Wochen? Vielleicht auch sieben oder acht. Und die ganze Zeit hast du mir nichts gesagt? Wir dachten, es wäre besser so. Dass du erst mal mit den Klausuren – Jetzt sind Ferien. Wir dachten, es wäre besser so. Du hättest etwas sagen müssen. Ihr hattet kein Recht, ihr hattet kein verfluchtes Recht, es mir vorzuenthalten. Weder du, noch Oma. Oma hatte jedes Recht dazu. Sie lässt sich nicht behandeln! Es gibt kein Mittel gegen den Tod. Es gibt Mittel gegen Krebs – niemand sagt, dass sie sterben wird! Der Arzt sagt es. Der Arzt kann sich täuschen. 11


Dieser täuscht sich nicht. Oma hat mir versprochen, dass sie mindestens hundert wird. Und wenn sie doch irgendwann sterben sollte, dann erst in so ferner Zukunft, unmöglich, sie gedanklich zu erfassen. Du verdrängst die Realität. Oma ist mein ganzes Leben lang da gewesen! Die Welt, wie ich sie kenne, kann es ohne Oma nicht geben und ich glaube nicht, dass es je eine Welt ohne Oma hätte geben können. Solange ich denken kann, ist sie da gewesen, so lange ich denken kann und länger. Sie ist auf Drachen geritten und mit der Dampflock gefahren, sie hat Geld über die Grenze geschmuggelt und sie sah unfassbar heiß aus in den Kleidern der 50er Jahre – ich glaube nicht, dass es das gewesen ist, so endet es nicht, so darf es nicht enden. Wenn Oma eine Chemo machte, fielen ihr die Haare aus. Sie könnte nicht mehr schlucken, nicht mehr essen, nicht mehr sprechen. Sie wäre zu schwach, um alleine aufzustehen. Ihre Haut würde fahl, ihr Blick leer, sie würde sich einmachen, in ihrer eigenen Scheiße sitzen, kriechen, sie könnte nichts dagegen tun. Aus ihrem Bauch ragten Schläuche und du würdest sie nicht wiedererkennen, du möchtest sie so nicht in Erinnerung behalten – sie würde nicht wollen, dass du sie, ich möchte nicht, dass sie. Sie würde, ihre Würde, sie würde ihre Würde verlieren. Einen Schamanen! Heilkräuter, einen Heilkräutertee, einen Zauberspruch, ein Wunder, oder zumindest ein Wundermittel. Ich habe bisher immer einen Ausweg gefunden! So wird es auch diesmal sein.

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Ich werde in den Wald gehen, ich werde mit meinen eigenen Händen Wildkräuter pflücken, ganz tief in den Wald hinein werde ich gehen, dorthin, wo es keine Gefühle gibt und keine falschen Emotionen, nur Instinkt, Überlebenskampf und Tarnung. Ich werde mir mein Gesicht mit feuchtem Laub einreiben, bis es dem Erdboden gleicht, der sich immer wieder erneuert und dann werde ich dem Ursprung der Dinge auf den Grund gehen, ich werde eine Grube ausheben, die bis ins Mark der Erde reicht, die tief genug ist, dass wir uns in ihr verstecken können, Oma und ich.

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6 ICH HABE ANGST

(eine unvollständige Fragensammlung, die ich mich nie getraut habe, meiner Oma zu stellen)

Zu welchem Lied hast du zum ersten Mal geküsst? Warst du dabei verliebt? So sehr, dass dir die Luft wegblieb? Was hilft eigentlich gegen übermäßigen Liebeskummer? Was hast du im Winter getan, wenn die Kohlen alle waren? Und was, wenn es durch das Dach geregnet hat? Wenn du die Augen schließt und versuchst, an gar nichts zu denken. Was kommt dir zuerst in den Sinn? Etwas, das du schon lange vermisst hast oder etwas, dass du schon lange vergessen wolltest? Was würdest du tun, wenn du noch mal 15 wärst? Und wie stehst du zu Hosen, die nur noch bis zum Knöchel reichen? Worauf bist du besonders stolz? Schämst du dich eher für Dinge, die du getan hast, oder für Dinge, die zu tun du unterlassen hast? Wovor fürchtest du dich mehr? Vor dem Tod? Oder vor dem Leben? Bist du glücklich?

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7 STELL DICH IN DEN STURM

Wie Oma da stand in diesem viel zu weitem Kittel, sah sie so aus, als wäre sie beim Waschen etwas zu sehr eingelaufen. Zum ersten Mal seit ich sie in den letzten Wochen besucht hatte, wirkte sie jünger. Sie summte ein Kinderlied und schnitt eine Birne und mir fiel auf, dass ich mich noch nie bei ihr bedankt hatte. Fällt es dir schwer? Es ist, wie fliegen lernen. Du wirst leichter und leichter von Tag zu Tag, die Knochen werden porös und die Gedanken löchrig. Du löst dich auf und irgendwann fliegst du davon. Weißt du, der Tod kommt von alleine. Aber das Leben, das musst du dir holen gehen. Hol dir Schrammen, Beulen und Blaue Flecke. Knutschflecke, vor allem Knutschflecke musst du dir holen. Reib dich an den Menschen. Reib dich an der Welt. Wo gerieben wird, da sprühen Funken und wo Funken sprühen, gibt es ein Feuerwerk. Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, tauch unter und dann lerne schwimmen. Wenn ein Sturm aufzieht, breite die Arme aus und stell dich mitten hinein. Weißt du, die meisten Menschen laufen durch ihre Tage, wie eingewickelt in Luftpolsterfolie. Sie meinen, dass sie sicherer wären, ohne zu fühlen. Aber die Welt steht in Flammen. Und die einen haben Angst, zu leben. Und die anderen haben Angst, zu sterben. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Stell dich in den Sturm, solange du lebst. Fliegen lernst du früh genug.

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8 UND PLÖTZLICH IST ALLES EXPLODIERT

Ist es nicht verrückt, dass es Momente gibt, in denen alles gleichzeitig passiert? Ich meine nicht nur da draußen in der großen, weiten Welt, sondern hier, hier ganz tief drinnen. In der Nacht, als meine Oma starb, war so ein Moment. Ich habe dich angerufen, wir haben uns auf dem Jahrmarkt getroffen, außer uns war kein Mensch da. Vom anderen Ufer schallte dumpfer Techno über den Fluss und ich weiß gar nicht mehr, wie alles anfing, ich weiß nur, dass ich angefangen habe, den Rummel kurz und klein zu schlagen: Die Büdchen, die Stehtische; ich habe eine Bank umgetreten und die Lichterketten runtergerissen, es war wie ein Rausch. Was tust du da? Das siehst du doch! Nein, ich meine: WAS TUST DU DA? Hier, halt das mal! … Und das, und das hier, und dann noch das – Du kannst doch nicht einfach – Und wie ich kann! Ich kann nicht wütend genug sein in einer Welt, die vorgibt, sogar aus dem Arsch zu glitzern, wie kann diese Welt nur so bunt und grell sein, wenn sie in mir drinnen gerade zerbricht? Okay, ich helfe dir. 16


… … Sie küssen sich. Sie stirbt. Ich weiß. Ich gehe nach Australien, für ein Jahr. Ich weiß. Wir lagen einfach nur da und schauten in den Nachthimmel. Ich war wahnsinnig glücklich, weil du meine Hand hieltest. Dann dachte ich an Oma, und dass sie die Nacht nicht überleben würde und dass ich nicht wusste, ob ich in einer Welt ohne sie überleben könnte, und das machte mich wahnsinnig traurig. Und dass ich dich für sehr lange nicht sehen würde, wegen Australien, das machte mich wütend. Auf Australien. Aber gleichzeitig war ich so verliebt in dich. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig verliebt. Und all diese Gefühle die prallten in meiner Brust mit Wucht aufeinander, sodass es einen lauten Knall gab und alles in mir explodierte. Ich glaube, in etwa so muss sich das Nichts gefühlt haben, als sich in ihm der Urknall ereignete, denn da, wo in mir vor ein paar Sekunden noch eine unglaubliche Leere gewesen war, war auf einmal alles da und alles leuchtete: Die Vergangenheit und die Zukunft, Australien, Portugal, der Rummel, die Trümmer, deine Hand und der Geruch von Omas Honigcreme. Jede Träne, die je geweint und jedes Lachen, das je gelacht wurde, aller Kummer und alle Freude. Das Universum in seiner ganzen Unendlichkeit lag auf einmal in meiner Brust und breitete sich langsam aus. Und ich dachte: Wenn dies das Ende ist, dann ist es okay. Denn gerade habe ich den verdammten Elefantenarsch durch´s Nadelöhr gepresst. Und alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe. 17