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Lucy's Rausch Nr. 5

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II WORLD AYAHUASCA CONFERENCE 2016

Zwischen Tradition und Veränderung TEXT

Helena Aicher

VORBEREITUNG  In Rio Branco, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Acre, wird während sechs Tagen die zweite World Ayahuasca Conference mit über hundert Rednern und mehreren hundert Besuchern stattfinden. AUFSTIEG  Bei der Eröffnungsprozession auf dem großen überdachten Platz der Univer­ sität wissen von weit her angereiste Besucher nicht so recht, ob sie sich der Zeremonie anschließen oder doch eher zuschauen sollen. Einige Teilnehmer, viele von ihnen mit Federn geschmückt, bilden eine sich bewegende und singende Menschenkette, während andere erst einmal anzukommen scheinen. Der eine oder die andere verspürt möglicherweise einen Anflug von Unbehagen oder Ehrfurcht: «Darf ich das? Wie komme ich auf die Idee, zu glauben, etwas über Ayahuasca zu wissen – oder, um etwas darüber zu erfahren, in ein Flugzeug zu steigen und heiligen Boden zu betreten, wo Ayahuasca seit Jahrhunderten ein nicht wegzudenkender Teil des Alltags, der Gesellschaft ist?» Und dann ertappt man sich im nächsten Moment dabei, auch die diesen Gedanken zugrundeliegenden Dogmen infrage zu stellen.

PLATEAU  Die Komplexität des spezifischen und doch vielseitigen Themas zeigt sich in den Vorträgen, die das Gebräu, das Phänomen, die Medizin oder die Kultur von Ayahuasca aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten: Es gibt Referate und Diskussionen über indigene Kulturen, Religion, Schamanismus und Neo-Schamanismus, Natur­ wissenschaften wie Biomedizin, Pharmazie, Botanik oder Neurowissenschaften, Psychologie, Therapie und Gesundheit, Soziologie, Anthropologie, Philosophie, Globalisierung, Politik, Recht, Ethik und Nachhaltigkeit, Kunst und Gesellschaft. Auch die Besucher sind bunt gemischt: Indigene mehrerer Stämme, Wissenschaftler und Praktiker aus verschiedenen Bereichen, Kunstschaffende, Reisende, Kirchenvertreter und allgemein Interessierte.

Die 2009 gegründete Nonprofit-Organisation ICEERS (International Center for Ethnobotanical Education, Research and Service) widmet sich der Integration von Ayahuasca, Iboga und anderen traditionellen Pflanzen als therapeutische Werkzeuge in die moderne Gesellschaft und der Erhaltung der indigenen Kulturen, welche diese Pflanzen seit altersher in ihrem Lebensraum genutzt haben.   www.iceers.org

Die erste World Ayahuasca Conference war offenbar ganz Ibiza-like ein harmonisches Idyll; hier in Rio Branco wird nun ein dissonanterer Grundton spürbar. Wer mit einer New-Age-Illusion über die heile Welt der indigenen Völker angereist ist, hat die Gelegenheit, damit aufzuräumen. So zeigen sich beispielsweise die Konflikte zwischen den verschiedenen Stämmen, der Camino-Rojo-Bewegung und den Ayahuasca-Religionen (hier vor allem Santo Daime und União do Vegetal) manchmal subtil, manchmal deutlich. Auch die Ansicht, die naturwissenschaftliche Untersuchung eines durch Psychedelika veränderten Bewusstseinszustands sei ein Widerspruch in sich oder werde der Erfahrung nicht gerecht, ist vertreten. Ein Besucher berichtet, er habe sich bei der Präsentation einer Studie mit Rattenversuchen gefragt, worum es denn hier eigentlich gehe. Während einige Indigene der Globalisierung kritisch gegenüberstehen und deren negative Folgen für ihre Gemeinschaften aufzeigen – Kultur­ zerfall, Geld und Macht, Alkohol, Missbrauch, Ausbeutung der Natur –, betonen andere wie der Shipibo-Schamane Carlos Llenera, dass jeder, unabhängig von seiner Herkunft, die Verantwortung für sein Tun übernehmen müsse; es gehe um Dialog und Inte­ gration. Laut Glauber Loures de Assis ist das Ziel gegenseitiges Verständnis und eine Balance zwischen Tradition und Veränderung. Der Ayahuasca-Tourismus sei vom allgemeinen Tourismus im Zuge der Globalisierung nicht zu trennen. Nebst zuversichtlich stimmenden Referaten gibt es auch ernüchternde Aussagen wie diejenige der Anthropologin Evgenia Fotiou: «The indigenous


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