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Österreich – Die Festival-Szene


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inserate

Ă–sterreich. Und gleich mittendrin. sbb.ch/europareisen


editorial/inhalt Vorar lberg Bregenzer Festspiele .................................................................... 4 FAQ Bregenzerwald ......................................................................10 Schubertiade ...............................................................................10 Alpenarte.....................................................................................11

Steiermark Styriarte ......................................................................................12 La Strada ....................................................................................15 Steirischer Herbst ........................................................................16

Liebe Leserin, lieber Leser Österreich hat eine grosse Barock-Tradition. Die imperiale Geste barocker Architektur und Kunst gehörte wesentlich zum Habsburger-Reich und prägt sein historisches Erbe bis heute. Doch gleichzeitig bedeutete Barock auch ein Lebensgefühl – Freude an prunkvoll inszenierten Festen, am prallen Genuss. Einiges von diesem Geist hat die Epochen überdauert und sich bis in unsere, doch weit nüchternere Zeit hinein gerettet. Mag sein, auch als gelebtes Relikt einstiger Grösse. Die Salzburger Festspiele beispielsweise wurden nach dem Zusammenbruch der Monarchie aus diesem Geist heraus geboren. Heute, ein Jahrhundert später, präsentiert sich Österreich fest- und festivalfreudiger denn je. Freiräume kreativer Intelligenz werden dabei ebenso rege genutzt, wie man Grenzen hergebrachter künstlerischer Themen und Aufführungsformen auslotet und durchbricht. Diese Breite, diese Offenheit ist es, die uns zu dieser Special Edition anregte. Ich freue mich, wenn es uns damit gelingt, Ihre Lust zu wecken – sei es auf festliche Oper, innovativen Jazz oder eine experimentelle Tanzperformance! Herzlich, Ihr

Andrea Meuli

Es Devlin und ihr spektakuläres Bild für «Carmen» am Bodensee.

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Salzburg Salzburger Festspiele ...................................................................18 Jazzfestival Saalfelden..................................................................24

Oberösterreich Brucknerfest Linz .........................................................................26 Salzkammergut Festwochen Gmunden ..........................................30 Ars Electronica.............................................................................31

Der Dirigent Franz Welser-Möst über das sommerliche Kunstbiotop Salzburg.

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Burgenland Kammermusik-Festival Lockenhaus ..............................................32 Liszt Festival Raiding ....................................................................36

Niederösterreich Grafenegg Festival .......................................................................38 Festspiele Reichenau ...................................................................41 Glatt & Verkehrt ...........................................................................42

Natur, Architektur und Musik im Dialog: die besondere Atmosphäre von Grafenegg.

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Tirol Tiroler Festspiele Erl .....................................................................44 Festwochen der Alten Musik Innsbruck ..........................................46

Wien ImpulsTanz – Vienna International Dance Festival ...........................48 Festivals in Österreich – Die Übersicht ..........................................49 Impressum ..................................................................................50 Titelbild: Kristina Kulakova im Kunsthaus Bregenz Foto: Österreich Werbung, Kristina Kulakova

ImPulsTanz, das grosse Wiener Festival für Tanz und Performance lebt vor, das «Festival» von «Fest» kommt.

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Vorarlberg Die Bühnenbildnerin Es Devlin und ihr Bild für «Carmen» auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele

«Das ist Schicksal»

Carmens Schicksal als expressive surreale Szenerie am Bodensee: Es Devlins spektakuläres Bühnenbild für die Bregenzer Festspiele.


Bilder: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

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«Bregenz ist das, wovon jeder Set Designer träumt, ein Mekka für alle Bühnenbildner.»

Am Bodensee zeigt sich die Natur an sich schon spektakulär – vom glutrot gefärbten Sonnenuntergang bis zu peitschenden Gewitterstürmen. Dieser Herausforderung hat sich jeder Bühnenbildner der Bregenzer Festspiele zu stellen. Das Bild der britischen Künstlerin Es Devlin für Georges Bizets «Carmen» schaffte es im vergangenen Sommer sofort, zur Ikone zu werden: Zwei riesige Arme, zwei Hände, die aus dem See ragen, von Tattoos und Narben gezeichnet, abblätternder roter Nagellack, eine qualmende Zigarette, deren glimmende Asche in den Nachthimmel leuchtet – dazwischen wirbelnde, flatternde, fallende Spielkarten. Dieses Bild will den Augenblick festhalten, der Carmens Schicksal symbolisiert. Meike Matthes Diese Frau spielt mit dem Leben. Und sie verspielt es mit aller Macht, mit all ihrem erotischen Eigensinn, mit all ihrer todesverächtlichen Freiheitsliebe. Es gibt einen Augenblick in George Bizets Oper «Carmen», in dem die Titelheldin

ihr Schicksal herausfordert und es gleichermassen besiegelt. «Der Moment, in dem Carmen die Spielkarten, die ihr den Tod voraussagen, in die Luft wirft», sagt die Bühnenbildnerin Es Devlin, «ist der Versuch, das Schicksal in einen Akt des

Zufalls zu verwandeln. Sie fragt sich: Was wird passieren, wenn ich alle Karten und mit ihnen alle Regeln, die mein Leben bestimmen, von mir werfe? Wenn ich sie zerreisse und alles in die Luft werfe? Wo werden sie landen?»


Aus dieser Idee entstand ein Bühnenbild, das im vergangenen Sommer bei der «Carmen»-Premiere auf der Bregenzer Seebühne Furore machte: Zwei riesige Arme, zwei riesige Hände, die aus dem Bodensee ragen, kräftige Hände mit Tattoos und Narben, abblätternder roter Nagellack, eine qualmende Zigarette, deren glimmende Asche in den Nachthimmel leuchtet – und die wirbelnden, flatternden, fallenden Spielkarten. Der Augenblick, der Carmens Schicksal symbolisiert. Eine so expressive, surreale Szenerie hatte die derzeitige Festspielintendantin Elisabeth Sobotka im Sinn, als sie der britischen Stage Designerin Es Devlin anbot, das «Carmen»-Bild zu entwerfen: «Wir wollten, dass sie die Atmosphäre, die Feinstofflichkeit einer Oper, in ein grosses Bild umsetzt, das sowohl als eigenständiges, einprägsames Bild funktioniert und gleichzeitig als Bühnenbild im klassischen Sinne den Rahmen gibt für diesen Opernabend.» Es Devlin war begeistert von diesem Angebot: «Diese Bühne wollte ich schon seit 20 Jahren gestalten», sagt die weltberühmte Künstlerin, «Bregenz ist das, wovon jeder Set Designer träumt, ein Mekka für alle Bühnenbildner. Jeder will hier arbeiten, vor dieser eindrucksvollen Naturkulisse.» Dabei scheint es nichts zu geben, was Esmeralda «Es» Devlin nicht schon künstlerisch bewältigt hat. Die überaus vielseitige Bühnenbildnerin hat für Oper, Schauspiel und Tanz gearbeitet. Sie hat gigantische Bühnenshows gestaltet für Adele, Kanye West, Take That, Lady Gaga, die Pet Shop Boys oder Beyoncé. Sie hat «Otello» an der Metropolitan Opera in New York bebildert und das «Faust/Margarete»-Projekt an der Dresdner Semperoper; sie hat für das Glyndebourne Festival gearbeitet, eine Fashion-Show für Louis Vuitton entworfen und die Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2012 in London mitgestaltet. Im Bereich Tanz hat sie unter anderem mit der Russell Maliphant Company zusammengearbeitet, mit dem Cullberg Ballett und der Rambert Dance Company. Ihre Theater-Arbeiten führten sie wiederholt an die Royal Shakespeare Company, das Royal Court Theatre und das National Theatre. Am Barbican Theatre hat sie das Bühnenbild für «Hamlet» entworfen, die aufsehenerregende Inszenierung mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle: eine düstere kriegszerrüttete Welt am Grunde des Abgrunds, die sich ab dem 4. Akt in ein Trümmerfeld, einen Totenacker verwandelt.

Bilder: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Bild: Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis

Vorarlberg

DER BESONDERE TIPP Werkraumhaus Bregenzerwald Die Handwerkskultur ist in Vorarlberg allgegenwärtig und wird in der Region grossgeschrieben. Einen Überblick verschafft das vom Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor erbaute Werkraumhaus. Es widerspiegelt die Kultur des Vorarlberger Kunsthandwerks in all seinen Facetten. www.werkraum.at

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Und natürlich hat sie auch reichlich Opern-Erfahrung und bereits an vielen der grossen europäischen Opernhäuser gearbeitet: an der Mailänder Scala wie der Wiener Staatsoper, in Barcelona, Hamburg, Kopenhagen, Leipzig und Frankfurt, an der Griechischen wie der Finnischen Nationaloper. Aber Bregenz ist auch für einen vielbeschäftigten Global Artist etwas ganz Besonderes, eine unwiderstehliche Herausforderung: «Die arbeitstechnischen Voraussetzungen hier sind einmalig. Die Grösse von Bühne und

Zuschauertribüne hat seltene Dimensionen, das Bühnenbild bleibt für zwei Jahre erhalten, und alle Mitarbeiter geben ihr Herzblut für das Projekt.» Mit dem dänischen Regisseur Kasper Holten, bis vor einem Jahr Intendant des Londoner Royal Opera House, hat sie bereits in Helsinki, Kopenhagen und London zusammengearbeitet. Auch ihn hat das magische Bild der in die Luft geworfenen Spielkarten sofort überzeugt. Mehr als 20 Tonnen Material stecken allein in jeder der beiden Riesen-

hände – Stahl, Beton, Holz und Plastik in rauen Mengen. Die Spielkarten ragen bis 24 Meter hoch in den Himmel, sie dienen sowohl als Spielfläche als auch als Projektionsfläche. «Für den Zuschauer soll das Bühnenbild leicht und einfach aussehen», sagt Es Devlin, «die komplizierte Konstruktion und der hohe technische Aufwand, der betrieben werden muss, damit die Bühne zwei Jahre lang Wind und Wetter standhält, muss unsichtbar bleiben. Das war die grösste Herausforderung.» Der grösste inspirierende Anreiz aber war die Kombination von Himmel und See. «Das interaktive Spiel von Luft und Wasser ist für Carmen ideal», schwärmt Es Devlin. «Die Luft steht für die im Stück so reichlich besungene Freiheit, das ist Carmens Element. Das Wasser hingegen steht für das Unvermeidbare, für das Schicksal.» Der Zuschauer begreift dieses spätestens dann, wenn Carmen von Don José nicht erschossen, sondern ertränkt wird wie eine räudige Strassenkatze. Überhaupt weist Devlins Bühnenbild dem Bodensee eine Protagonisten-Rolle zu: Er darf nach Herzenslust mitspielen. Denn einige der Spielkarten liegen bereits im Wasser, andere können abgesenkt werden. So verwandelt sich der Tanz in Lillas Pastias Taverne in ein spritziges Wasserballett. Die Schmuggler verfrachten ihre illegale Ware in dümpelnde Holzkähne. Für seinen grossen Auftritt wirft der Star-Torero Escamillo einen lautstarken Aussenbordmotor an. Und Carmen entzieht sich ihrer Verhaftung durch einen Sprung in den See und einen sportiven Kraul-Sprint. So hat Es Devlins Bühnenbild das Potenzial für atemberaubende, spektakuläre Augenblicke: zum Beispiel, wenn die zerbrechliche Micaela auf der Spitze des Spielkartengebirges ihre Arie «Je dis que rien ne m’épouvante» singt und sich anschliessend Karte für Karte abseilt, um Don Josés Seelenheil mit einem letzten Gebet zu retten. «Es ist eine unvergleichliche Erfahrung, in und mit der Natur zu arbeiten», sagt Es Devlin. Und dazu gehört auch der strömende Regen, der die «Carmen»-Premiere im vergangenen Jahr bei Blitz und Donner unter Wasser setzte und die mit Ganzkörper-Pelerinen notdürftig geschützten 7000 Zuschauer bis auf die Haut durchnässte. «Aber das ist Schicksal», sagt eine strahlende Es Devlin, «das ist Natur. Das ist Carmen.» ■ Informationen: www.bregenzerfestspiele.com


inserate Bregenzerwald. Ingo Metzler, Landwirt In der intakten Naturlandschaft in Egg liegt Ingo Metzlers GenussBauernhof. Der Landwirt stellt aus bester Heu­ milch von Kühen und Ziegen Käse und Naturkosmetik her. Er möchte den landwirtschaftlichen Kreislauf für seine Besucher «be­greifbar» machen.« Auch die Archi­ tektur und Holzbaukunst kommen dabei zum Einsatz. Bereits 1999 liess er seine erste grosse Produktions­ stätte durch einen Wettbewerb ausschreiben. In seinem Betriebsgebäude aus Beton und Glas werkt er in modernster Umgebung.

« Architektur lässt niemanden kalt.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust auf Architektur, wo Tradition auf Moderne trifft? austria.info: Aussergewöhnliche Holzbaukunst

und schöne Architektur sind allgegenwärtig im Bregenzerwald – was sind Ihre Designhighlights? Ingo Metzler: Das Werkraumhaus in Andelsbuch

(Hof 800), in dem Handwerker sich gemeinsam präsentieren, hat grosses Aufsehen erregt und wurde von Peter Zumthor geplant. Auch die von sieben internationalen Architekten gestalteten sieben Wartehäuschen für Bushaltestellen in Krumbach sind eine faszinierende Geschichte. austria.info: Verraten Sie uns einen Kulinariktipp? Ingo Metzler: Der Bregenzerwald hat viele mit Hauben ausgezeichnete Lokale. Eines davon ist das Hotelrestaurant Krone in Au (Jaghausen 4), in dem mein jüngster Sohn eine Lehre macht. Der Betrieb legt grossen Wert auf Regionalität, nennt alle Rohstoffe namentlich und bietet Gästen an, in seiner Begleitung die Lieferanten kennenzulernen. Wir beliefern das Restaurant mit unserem gesamten Käsesortiment und unserem Kitzfleisch. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Vorarlberg

Fragen und Antworten aus dem Bregenzerwald «What the FAQ?» – ein offenes Forum mit Festivalcharakter

Bild: FAQ/Darko Todorovic

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Impulse setzen, Ideen anregen, Menschen inspirieren: FAQ strahlt von Vorarlberg aus in die Region und in die Welt. Ein Gesellschaftsforum mit Festivalcharakter und kulinarischem Anspruch – so bezeichnet sich das FAQ. Ziel ist es, «neue Impulse zu setzen, Menschen zu inspirieren und einem breiten Publikum Ideen, Ansichten, Wissen und Gedanken zu vermitteln». Wie der Name des Festivals sagt (FAQ = frequently asked questions) stehen Fragen im Vordergrund, die mal beantwortet werden, mal auch offenbleiben dürfen. Die Musik spielt hier eine wichtige Rolle, aber bei Weitem nicht die alleinige. Gesellschaft,

Handwerk, Wirtschaft, Design, Natur, Architektur und Kulinarik werden beund hinterfragt. Im Blickpunkt stehen dabei immer die Köpfe – Persönlichkeiten aus all diesen Bereichen beantworten häufig und weniger häufig gestellte Fragen. Dies nicht allein in der eigentlichen Festivalzeit, sondern in Form einer Internetplattform auch über das ganze Jahr. Der Fokus ist zunächst regional: Der Bregenzerwald mit seinen Schönheiten und Potenzialen ist als Austragungsregion der Kristallisationspunkt.

Bespielt werden die verschiedensten Orte von der Alten Säge Bezau über den Schauraum Mohr Polster und die Remise Walderbähnle bis zur Bergstation Baumgarten. Von hier weitet sich der Blick auf ganz Vorarlberg, auf die Vier-Länder-Region und weiter auf den ganzen Planeten. Bei der diesjährigen Austragung sind als Talkgäste dabei der Autor Michael Köhlmeier, die frühere Politikerin und Präsidentschaftskandidatin Heide Schmidt, der Philosoph Robert Pfaller, die Schauspielerin Maria Hofstätter, der Unternehmer Heini Staudinger, die Sängerin Mira Lu Kovacs, der Chef des Arbeitermarktservice Johannes Kopf und viele mehr. Die Fragen, die 2018 in den Raum gestellt werden, sind folgende: «What the FAQ? Oder: Was haben wir uns schon immer gefragt?» – «Müssen wir reden?» – «Alles gut?» – «Gehört sich das?» Ansprechen will man damit «die Vorarlbergerin wie den Wiener, den Münchner wie die Londonerin». Musikalisch sind die Formationen Grandbrothers, Schmieds Puls, Mynth sowie Steiner und Madlaina präsent. Dies wie immer unter dem Gesamtmotto «Potenziale für eine gute Zeit.»

Stephan Thomas Informationen: faq­bregenzerwald.com

Höre, wem Gesang gegeben Die Schubertiade – ein Hort für Kammermusik und Lied Die intime Kunst des Liedes. Ihr hat sich der Intendant der Schubertiade ganz verschrieben. Denn Singen ist nicht gleich Singen. Lockt die Oper in den Musikzentren und an Festivals das Publikum scharenweise in die Häuser und führen Starsänger ein glanzvolles und medial stark beachtetes Künstlerdasein, so führt das Lied im Klassikbetrieb eine Existenz als Randerscheinung. Zu wenig renommiert, zu wenig glanzvoll. Einer Art des häuslichen Musizierens entwachsen, die in dieser Form selten bis kaum

noch praktiziert wird, was mit ein Grund für die Schattenexistenz sein mag. Gerd Nachbauer, Kopf des in seiner Art einzigartigen Liedfestivals im Bregenzerwald, führt seit Jahrzehnten einen Kampf gegen das Verschwinden des Liedes aus unserem Kulturkreis. Zusammen mit dem Bariton Hermann Prey gründete er 1976 die Schubertiade, den wichtigsten Schöpfer deutscher Lieder als Namenspatron im Festivaltitel. 1980 wurde Nachbauer Geschäftsführer und Intendant seines Festivals, das über

jeweils mehrtägige Konzertperioden von Mai bis Oktober an den Standorten Hohenems und Schwarzenberg seit über vierzig Jahren erfolgreich sein Publikum findet. Inhaltlich hat sich das Festival seit seiner Gründung immer wieder verändert. Mag Franz Schuberts kaum überblickbares Liedschaffen zwar noch im Zentrum stehen, so erklingen an den Solo-Liederabenden – dieses Jahr unter anderem mit Anne Sofie von Otter, Thomas Hampson oder dem jungen Schwei-


Bild: Schubertiade GmbH

Vorarlberg

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zer Tenor Mauro Peter – heute nicht nur Werke von dessen Zeitgenossen oder Vorläufern und Nachfolgern. Es stehen auch einige zeitgenössische Werke auf den Programmen. Und einen gewichtigen Anteil haben hochkarätig besetzte Kammermusikabende und Klavierrezitale, die sich laut Nachbauer gar leichter verkaufen lassen als Liederabende. An seiner Kernaufgabe ändert dies jedoch nichts: Neubauer gibt dem Publikum Gesang auf Spitzenniveau. Und dies dürfte, nein, darf sich sobald auch nicht ändern.

Benjamin Herzog Kunst und Natur in Eintracht – die Schubertiade in Schwarzenberg.

Informationen: www.schubertiade.at

In Schwarzenberg (Vorarlberg), im Dreiländereck Schweiz, Deutschland, Österreich, findet jeweils im Frühjahr und im Herbst das Festival Alpenarte statt. Die vom Liechtensteiner Musikmanager Drazen Domjanic entwickelte Idee ist es, jungen, bereits preisgekrönten Musikern ein Podium zu geben. Ein solcher Solist zeichnet dabei jeweils als «Intendant in Residence» für ein Festival-Programm verantwortlich. Gestartet wurde dieses neuartige, die Veranstaltungsreihe prägende Konzept mit dem jungen deutschen Mario Häring. Auf ihn folgten der österreichisch-russische Geiger Yury Revich sowie der Gitarrist Petrit Çeku. Das Alpenarte-Festival wird von einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft veranstaltet und steht unter der künstlerischen Leitung des deutschen Klarinettisten Sebastian Manz, Solo-Klarinettist beim SWR Symphonieorchester. Als künstlerischer Leiter unterstützt Manz die jungen, zwangsweise unerfahrenen «Intendanten in Residence» von ihren ersten Ideen bis hin zur Abwicklung der Konzerte. Die originellen und abwechslungsreichen Programme mit ausschliesslich jungen, virtuosen Musikern haben sich in Schwarzenberg rasch etabliert. Anders als bei der Schubertiade, die auch viel internationales Publikum anzieht, will Alpenarte in erster Linie das Publikum der Region ansprechen. Und dieses strömte nicht nur von allem Anfang an so zahlreich herbei, dass die meisten Konzerte

Bild: alpenarte/Andreas Domjanic

Alpenarte – ein Fest der musikalischen Jugend

Begeisterung, die sich auf das Publikum überträgt – das Festival alpenarte. ausverkauft sind, sondern lässt sich auch von der Begeisterung der jungen Musiker anstecken. Und so erzeugt denn ein ehrlich dankbares Publikum jene ganz besondere Stimmung im Angelika-Kauffmann-Saal, die für das junge Festival charakteristisch ist. Viel trägt dazu auch das Ambiente bei: Das Angelika-Kauffmann-Auditorium, komplett in Holz gebaut und einer Scheune nachempfunden, zeichnet sich durch eine warme, sehr ausgeglichene Akustik aus. In dieser Umgebung blühen die jungen Künstler

richtig auf und geben leidenschaftlich ihr Bestes. «Die jungen Musiker fielen über die Noten her, als hätten sie schon tagelang keine mehr bekommen», notierte ich über meine ersten Eindrücke im Herbst 2017. Alpenarte ist ein richtiges Fest der musikalischen Jugend!

Rémy Franck Informationen: www.alpenarte.at


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Steiermark Die styriarte auf dem Weg zu einer Identität nach Nikolaus Harnoncourt

Zwischen Opernparty und Schubert-Hommage Mit einer barocken Opernrarität von Johann Joseph Fux startet die styriarte in Graz diesen Sommer in ihr drittes Jahr nach Nikolaus Harnoncourt. Nach dem Tod des Dirigenten, der Zentralfigur der «Steirischen Festspiele», musste und muss man sich seine Identität frisch suchen. Das Programm 2018 zeigt, wie das funktionieren könnte. Stefan Musil

Der stimmungsvolle Hof von Schloss Eggenberg wird von der styriarte regelmässig bespielt.


Bilder: styriarte/Werner Kmetitsch

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Steiermark «Nikolaus Harnoncourt, dessen Widerspruchsgeist geradezu legendär ist, hat dem Festival eine hinreissende Antithese zugemutet: Beethovens ,Missa solemnis’ als tief verstörende Botschaft eines zweifelnden Menschen, dem die (Glaubens)Gewissheiten geradezu unter den Händen zerfallen.» So steht es in der Chronik der styriarte, der «Steirischen Festspiele», über die letzten Auftritte des Dirigenten bei «seinem» Festival. Harnoncourt starb am 5. März 2016. Die 1985 gegründete styriarte war von Beginn an ganz auf ihn zugeschnitten. Man wollte den Musiker, der Kindheit und Jugend in Graz verbracht hat, künstlerisch in seine Heimatstadt zurückholen. Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe stand Bachs Matthäuspassion, die unter Harnoncourt im Grazer Dom erklang. Die styriarte etablierte sich rasch, wuchs in Umfang und Bedeutung. Seit 1991 lenkt Mathis Huber das Festival, das alljährlich im Sommer Graz und historische Spielorte in der Umgebung einen Monat lang mit klassischer Musik versorgt. Von Beginn an stand natürlich das Kernrepertoire Harnoncourts, Barock bis Klassik, im Zentrum. Doch schon im Schubert-Jahr 1988 dirigierte er alle Symphonien des Komponisten, am Pult

des Chamber Orchestra of Europe. Mit diesem Klangkörper fanden dann auch die grossen symphonischen Dinge wie etwa der Beethoven-Zyklus statt, der wie vieles bei der styriarte für CD mitgeschnitten wurde. Daneben war der Concentus Musicus Wien, Harnoncourts jahrzehntelang eingeschworene, auf alten Instrumenten spielende Musikergemeinschaft, der wichtigste Partner.

sik von Mozart. Die styriarte war für ihn aber auch Ort des Ausprobierens, etwa der Symphonien von Dvořák und Brahms. Hier erarbeitete er sich auch ungewöhnliche Opernprojekte wie «Porgy and Bess», «Carmen», «Die verkaufte Braut» oder Offenbachs «Grande-Duchesse de Gérolstein». Bei Mozarts «Idomeneo» legte er sogar selbst Regiehand an.

«Es hat uns immer weiter geholfen, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. Offen statt verschlossen zu sein» Mathis Huber

Dieses Ensemble bestritt 1989 das erste der bald legendären Kirchenkonzerte in der Pfarrkirche von Stainz. Eine halbe Autostunde von Graz entfernt widmete sich Harnoncourt dort zunächst vor allem der Kirchenmu-

Rund um den Maestro scharten sich tolle Kollegen, die dem Festival bis heute die Treue halten. So kehrt Pianist Pierre-Laurent Aimard auch 2018 wieder und kombiniert Schubert mit Webern, Berg und Schoenberg. Oder Jordi

Vom Kirchenkonzert in der Pfarrkirche Stainz bis zum Picknickkonzert im Park – die styriarte pflegt besondere Spielorte.


Steiermark Savall, der mit zwei Konzerten die Festspiele zum bereits 26. Mal beehrt. Die styriarte 2018 ist die dritte, die auf Harnoncourt verzichten muss: «Wir haben hier eine Erbschaft zu verwalten, die uns gelehrt hat, Musik neu zu hören. Aber wir sind natürlich kein Institut zur Pflege seines Andenkens», weiss Intendant Mathis Huber, dass Harnoncourt nicht zu ersetzen ist, sein Erbe aber weitergedacht werden darf. 2018, wenn Österreich 100 Jahre Republiksgründung feiert, hat Huber das Motto «Felix Austria» gewählt. Auch um zu zeigen, dass «sich dieses glückliche Österreich zumindest auf dem Terrain der Kultur stark der habsburgischen Erbschaft verdankt. Diese mitteleuropäische Kultur war immer auch ein Schwerpunkt unter Harnoncourt.» Huber will damit ausserdem appellieren, dass «es uns immer weitergeholfen hat, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. Offen statt verschlossen zu sein.» Wenn Beethovens «Fidelio» im Juli vom styriarte Festspiel-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada halbszenisch in der Helmut List Halle, einem adaptierten Industriebau der 1950er-Jahre, aufgeführt wird, setzt man ein Zeichen: Die Dialoge sind durch Videos mit Flüchtlingen ersetzt, die «Gewalt, Korruption, Menschenrechtsverletzungen selbst erlebt, und es nach Österreich geschafft haben. Somit wird die Fidelio-Geschichte ganz konkret heutig», sagt Huber.

2018 werden ausserdem die Kirchenkonzerte in Stainz erstmals nach Harnoncourts Tod wieder aufgenommen. Der Concentus Musicus musste sich unter dem Harnoncourt-Assistenten Stefan Gottfried in den letzten Jahren de facto neu (er)finden. Was erfolgreich gelang. In Stainz wird Andrés Orozco-Estrada jetzt das Ensemble leiten, während Stefan Gottfried dann mit der «Unvollendeten» im Mittelpunkt eine Hommage an den grossen Schubert-Interpreten Harnoncourt dirigiert. Zum styriarte-Auftakt startet man ein langjähriges Projekt, das den 18 vergessenen Opern des um 1660 bei Graz geborenen Johann Joseph Fux gewidmet ist. Sein «Julo Ascanio, Re d’Alba» steht am Beginn dieses «Fux.OPERNFEST». Es soll nicht nur eine «strenge Aufführung sein, sondern eine Party,

auf deren Höhepunkt die Oper zu erleben ist», erzählt Huber. Rund um die Opernaufführung gibt es musikalische wie kulinarische Vor- und Nachspiele, die in einem durchaus augenzwinkernd zwischen Bahnhof und Helmut List Halle angelegten Glücksgarten zu erleben sind. Huber möchte damit zeigen, dass solche Musik vor allem für einen Anlass und nicht für das bürgerliche Opernhaus oder den Konzertsaal geschaffen wurde: «Man tut dem Verständnis von Musik nichts Gutes, wenn man sie ohne darüber nachzudenken aus ihrem funktionalen Kontext reisst. Die historische Aufführungspraxis, das, was uns Harnoncourt gelehrt hat, wollen wir so ein bisschen weiterschreiben.» ■ Informationen: www.styriarte.com

DER BESONDERE TIPP Kulinarische Stadtführungen Graz auf die gemütliche Weise kennenlernen. Ein Spaziergang mit kulinarischen Zwischenhalten, dazu Wein oder Bier als Begleitung. Die Stadt verfügt über viele schöne Plätze für Genussmomente. Auf dem Schlossberg oder beim Bauernmarkt verweilt man gerne. www.graztourismus.at

Festival des Staunens Bild: LaStrada © Fiestacultura/Melchor Jordan

«La Strada» präsentiert seit 1998 im hochsommerlichen Graz Strassenkunst, Figurentheater und Neuen Zirkus

Die Künstler fordern die Bürger heraus und lassen sie ihre Stadt neu entdecken.

Initiator war, wie so oft, Emil Breisach gewesen. Als erster Präsident des Forum Stadtparks, einer Grazer Künstlervereinigung, gründete er 1968 mit anderen das «Musikprotokoll», ein Festival für zeitgenössische Musik; als Intendant des ORF-Landesstudios liess er rund um das Funkhaus Skulpturen aller Art aufstellen, die den Grundstock für den hoch gelobten «Österreichischen Skulpturengarten» bildeten. Und 1987 rief Breisach die «Akademie Graz» ins Leben, um mit Symposien auch in der Pension Impulse setzen zu können. Breisach wollte schon seit jeher Schwellenängste abbauen – und die Menschen mit Kunst konfrontieren. Auf seine Anregung hin fand 1983 als Schwerpunkt des «steirischen herbstes» ein buntes Programm in Zelten statt, die man im Stadtpark aufgestellt hatte. Und

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Steiermark 1997 kam ihm die Idee für ein Festival der Strassenkunst, des Figurentheaters und der Clownerie. Er wandte sich an Werner Schrempf, der viele Jahre beim «steirischen herbst» gearbeitet hatte und wusste, wie man Projekte im öffentlichen Raum realisiert. Zusammen mit Diana Brus entwickelte Schrempf das Konzept. 1998 fand «La Strada» zum ersten Mal statt. Und die allererste Vorstellung begann, wie sich Schrempf amüsiert erinnert, mit einer Absage. Denn die Künstler waren ohne ihre Kostüme in Graz angekommen. Doch seither ging alles glatt: Das Festival wuchs von Jahr zu Jahr und erlangte, wiewohl ursprünglich nur als Attraktion für die Bevölkerung gedacht, internationale Bekanntheit. In

den ersten zwanzig Jahren, also inklusive der Ausgabe 2017, bestritten bei «La Strada» 434 Künstlergruppen insgesamt 2341 Vorstellungen. Am Anspruch, auf die Menschen zuzugehen, hat sich seit der Gründung nichts geändert: Die Künstler fordern die Bürger heraus und lassen sie ihre Stadt neu entdecken. «La Strada» holt die Welt nach Graz und trägt somit Graz hinaus in die Welt. Dieser rege Austausch – nicht zuletzt verschiedener Kulturen – sei, so die Organisatoren, das Rezept des Festivals. Die Vorstellungen finden aber nicht mehr ausschliesslich unter freiem Himmel statt, bei etwa einem Viertel ist Eintritt zu bezahlen. Und man zeigt nicht mehr nur Gastspiele (viele aus Frankreich oder Kanada), sondern pro-

duziert auch selbst: In Fachkreisen gilt Graz bereits als eine der bedeutendsten europäischen Kreationsstätten für Strassenkunst und Neuen Zirkus. Die Eröffnung des diesjährigen Festivals (27. Juli bis 4. August) im Grazer Opernhaus bestreitet die französische Compagnie XY: Die Artisten erzählen mit ihren gewagten Kunststücken Geschichten über Leichtigkeit und Präzision. Über die Aufhebung der Schwerkraft staunen: Das kann man bei «La Strada» immer wieder.

Thomas Trenkler Informationen: www.lastrada.at

Geboren aus der Avantgarde Der «steirische herbst», das Festival neuer Kunst in Graz Eigentlich war der «steirische herbst» eine Marketing-Idee, um all das, was in Graz, der steirischen Landeshauptstadt, kulturell stattfand, leistungsschauartig zu bündeln. So gab es 1968, als der «herbst» offiziell zum ersten Mal stattfand, auch Barockoper und Kabarett. Auf die künftige Ausrichtung als «Avantgardefestival» verwiesen wenigstens Peter Handkes «Kaspar» und das neu tönende «musikprotokoll». Den Probelauf hatte es bereits 1967 gegeben. Damals fand die erste von Wilfried Skreiner kuratierte Drei-Länder-Biennale «trigon» statt. Sie wurde für viele Jahre – wie das «musikprotokoll» – zur tragenden Stütze des Festivals. Denn «trigon» präsentierte jüngste Entwicklungen wie Environment, konkrete Kunst oder audiovisuelle Installationen. Von enormer Wichtigkeit war zudem das Forum Stadtpark: Die Grazer Künstler rund um Günter Waldorf hatten Ende der 50er-Jahre, nach einem regelrechten Kampf mit den reaktionären Geistern, das halb verfallene Pavillon-Café im Stadtpark in ein modernes Vereinslokal umgebaut. 1960 erschien dort die erste Ausgabe der «manuskripte», die unter Alfred Kolleritsch als Herausgeber zur wichtigsten Zeitschrift für junge Literatur wurde. Gemeinsam erstellte man das «herbst»-Programm. Und das Festival erregte die Gemüter – mit heutzutage harmlos erscheinenden Plakaten (1971) oder mit provokanten Stücken des Grazer Dramatikers Wolfgang Bauer. Eine

kollektive Leitung erwies sich aber als kontraproduktiv, denn jeder versuchte für sich selbst das grösste Stück vom Förderkuchen zu ergattern. Daher wurde in den frühen 80er-Jahren das Intendantenprinzip eingeführt. Peter Vujica ging es noch um eine Ausgewogenheit – zwischen den Beiträgen der lokalen Kulturbetriebe (auch in der Steiermark) und dem eigenen Programm. Doch sukzessive verloren die Partner an Bedeutung. Und jede neue Leitung drückte dem wandlungsfähigen «herbst» ihren Stempel auf: Peter Os-

wald betonte das Musiktheater, Christine Frisinghelli die bildende Kunst und Veronica Kaup-Hasler die Performance. Heuer ist erstmals Ekaterina Degot verantwortlich. Sie stellt die offiziell 51. Ausgabe von 20. September bis 14. Oktober unter den Titel «Volksfronten». Es wird politisch.

Thomas Trenkler Informationen: steirischerherbst.at


inserate Südsteiermark. Manfred Tement, Winzer. Manfred Tement zählt zu den besten Winzern Öster­ reichs und ist einer der Pioniere des südsteirischen Weinbaus. Soeben wurde er zweimal für sein Lebens­ werk ausgezeichnet. Seine Winzarei – ehemalige Kellerstöckl, die zu schmucken Chalets umgebaut wurden – bieten Gästen eine charmante Bleibe mitten im Weinberg.

«Als Winzer darf man es nicht eilig haben. Ein grosser Wein braucht viel Geduld.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust auf Erholung mit Leib und Seele? austria.info: Welche Unternehmungen empfeh-

len Sie Gästen der Winzarei? Manfred Tement: Wir laden all unsere Gäste,

viele davon internationaler Herkunft, zu einer Weinverkostung ein. Velofahren und Wandern in der Umgebung bieten sich natürlich auch an. Der Sulztaler Rundwanderweg z.B. führt durch unsere Weingärten. Wer Städte mag: Graz, Leibnitz und das slowenische Maribor sind nicht weit. austria.info: In welcher Buschenschank kehren

Sie gerne ein? Manfred Tement: Der Steinberghof gehört zum Allerbesten, was die Region zu bieten hat. Hier sitze ich auf der Terrasse und schaue auf meine Lage Wielitsch. Der Inhaber, Dieter Firmenich, ist eigentlich Designer und hängte seinen Job an den Nagel, um in der Heimat den Betrieb seiner Tante zu übernehmen. Er zeichnet sich als guter Schnapsbrenner aus und serviert verfeinerte, steirische Buschenschankküche – etwa den «Frechen Sterz» mit Sauerrahm. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Salzburg

Die Wiener Philharmoniker – das traditionsreiche «Hausorchester» der Salzburger Festspiele

Dort anfangen, wo andere aufhören Jeden Juli verwandelt sich das idyllisch verschlafene barocke Salzburg, mit all seinen Kirchen und dem Mozart­Geburtshaus in der Getreidegasse, zur internationalen Musik­ und Theater­Metropole. In zwei Jahren können die Festspiele ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Nur zwei Jahre weniger lang sind die Wiener Philharmoniker mit dabei. Was Salzburg für Österreichs berühmtestes Weltklasse­Orchester bedeutet, wie es sich über die Jahre geändert hat und wie man heute dort spielt, darüber weiss Orchestervorstand Daniel Froschauer zu berichten. Stefan Musil


Bild: Salzburger Festspiele/Anne Zeuner

Salzburg

Die Wiener Philharmoniker und die Salzburger Festspiele – eine enge und traditionsreiche Verbindung. «Als Substitut habe ich noch das Ende der Karajan-Zeit erlebt», erinnert sich Daniel Froschauer. Der Wiener ist Primgeiger und Stimmführer, seit Kurzem auch Vorstand der Wiener Philharmoniker. Der junge Musiker sass also im Orchestergraben, noch aushilfsweise, als im Grossen Salzburger Festspielhaus die Dirigentenlegende in den 1980er-Jahren noch einmal «Don Carlo», «Carmen» und den «Rosenkavalier» – alle in eigenen Inszenierungen – dirigierte. «Kaum ein anderer Dirigent entwickelte solch langfristige Strategien – und setzte sie mit derartiger Konsequenz durch – wie Herbert von Karajan», zitiert Clemens Hellsberg, ein Vorgänger Froschauers als Orchestervorstand, in dem Buch «Eine glückhafte Symbiose. Die Wiener Philharmoniker und die Salzburger Festspiele» aus einer Chronik.

Am 22. August 1920 schlug die Geburtsstunde des Festivals, als Hugo von Hofmannsthals «Jedermann» in der Inszenierung Max Reinhardts auf dem Domplatz Premiere feierte. Zwei Jahre später gaben auch die Wiener Philharmoniker ihr Debüt in Salzburg mit zwei Orchesterkonzerten. Richard Strauss, zu der Zeit Wiener Operndirektor, leitete im August schliesslich die erste Opernaufführung der Festspiele: Mozarts «Don Giovanni». Es war ein Gastspiel der Wiener Staatsoper. Dabei muss man wissen, dass sich die Wiener Philharmoniker, als seit 1842 aktives Orchester, heute ein privater, selbstbestimmter Verein, immer aus den Reihen des Wiener Opernorchesters rekrutierten, dort ihre künstlerische Heimat besitzen. Wenn man das bedenkt, kann man sich vorstellen, mit welcher Machtfülle Karajan auf die Festspiele gewirkt haben muss. 1956 trat er als künstlerischer Leiter in Salzburg an. Er blieb bis 1960 – und kam von 1964 bis 1988 als Mitglied des Direktoriums massgeblich mitbestimmend zurück. Ab September 1956 waltete er auch über die künstlerischen Belange der Wiener Staatsoper, die er 1964 im Streit verliess. «Das sind schon ganz grosse Eindrücke für einen jungen Menschen», denkt Froschauer zurück. «Natürlich wird das auch glorifiziert. Dennoch waren das besondere Persönlichkeiten damals. Karajan wusste genau, wie er dieses Festival leitet, wie er die Leute mit Aufführungen verköstigt, die zum Besten gehören!» Waren die Philharmoniker in den 1950er-Jahren noch das alleinige Festspielorchester, holte Karajan bald internationale Klangkörper wie die Staatskapelle Dresden, das Israel Philharmonic, die Tschechische Philharmonie oder das Orchestre de Paris für Konzerte an die Salzach. Die Wiener Philharmoniker blieben dennoch zentraler künstlerischer Pfeiler. Ein Element der Salzburger Identität, wie auch die Festspiele für Froschauer, der seit 1995 als reguläres

DER BESONDERE TIPP Franziskischlössl Den vielleicht schönsten Gastgarten in Salzburg bietet das Schloss am Kapuzinerberg. Ein Glas Wein, dazu österreichische Köstlichkeiten, inklusive Blick über Salzburg – ein genussvolles Ausflugsziel. Und wer nicht mehr runter in die Stadt möchte, kann in einer der Suiten übernachten. www.franziskischloessl.at

Orchestermitglied in Salzburg auftritt, «der wichtigste Partner, ein ganz starker Teil von uns sind. Für mich wäre ein Sommer ohne Salzburg nicht denkbar. Es ist eine lange gewachsene Geschichte. Eine künstlerische Partnerschaft auf Augenhöhe. Man bespricht die Projekte, welche Dirigenten man einlädt. Wir sind immer einbezogen und geben unseren Senf dazu.» Festgeschrieben wird das in einem Fünfjahresvertrag. Salzburg ist ausserdem eine ideale Begegnungszone, wo man neue Dirigenten begutachtet, neue Solisten trifft und mit ihnen musiziert, den künstlerischen Horizont erweitert. Das Verhältnis war über die Jahre allerdings nicht immer friktionsfrei. Schon unter Karajan gab es Spannungen. Ernst wurde es dann in der Intendanz von Gerard Mortier. Nachdem Karajan 1989 gestorben war, holte man Mortier 1992 vom Brüsseler Théâtre de la Monnaie, um gemeinsam mit Hans Landesmann die Festspiele wieder auf Kurs zu bringen. Eine Ära, die nicht unumstritten war, welche dennoch die Festspiele bis heute prägt und nachhaltig in die Neuzeit geführt hat. Bis dahin war Mozart in Salzburg, speziell was seine Opern betrifft, eine ausgemachte Sache für die Philharmoniker. Doch Mortier stellte dieses Monopol nicht gerade diplomatisch in Frage. Im Sommer 1997 durften die «Wiener» von insgesamt fünf Mozartopern nur noch die «Zauberflöte» spielen. Das führte zum offenen Konflikt, weiss Froschauer: «Rückblickend hat er wirklich mit dem Feuer gespielt. Helmut Zilk (Anm: Helmut Zilk war in jenen Jahren Wiener Bürgermeister) hat sofort angekündigt, wir würden ein grosses Festival in Wien machen, genauso wie in Salzburg. Damit hatten wir natürlich eine starke Verhandlungsbasis – und dann hat es ja doch noch wunderbar funktioniert. Vielleicht sind wir damals auch zu wenig auf Mortier eingegangen. Ich bin jedenfalls froh, dass es so geblieben ist.»

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Bild: Salzburger Festspielhaus/Marco Borrelli

Salzburg

Die Wiener Philharmoniker beim Applaus im Grossen Festspielhaus. Bild: Michael Poehn

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Daniel Froschauer: «Für mich wäre ein Sommer ohne Salzburg nicht denkbar.» Natürlich hat es die historisch informierte Musizierweise der letzten Jahrzehnte einem traditionellen, romantisch geprägten Klangkörper wie den Philharmonikern in Sachen Mozart nicht leichter gemacht. Seinen gerne

als legendär bezeichneten Mozartstil pflegt das Orchester mittlerweile vorrangig bei der Salzburger Mozartwoche im Jänner. Dennoch, so Froschauer, «ein Dirigent wie Muti weiss genau, wie er seinen Mozart haben möchte. Wir

sind natürlich sehr flexibel, konnten auch mit Harnoncourt spielen. Das ist das Schöne an der Musik, dass man nicht richtiger spielen kann, sondern nur anders. Harnoncourt hat manchmal sehr eigenwillige Tempi genommen, aber im Gesamten ist es bei ihm immer aufgegangen.» Nach Mortier gaben Peter Ruzicka, danach Jürgen Flimm, für ein Jahr interimistisch Markus Hinterhäuser, Flimms grandioser Konzertdirektor, den Festspielen Profil. Nach drei eher pompösen als künstlerisch befriedigenden Jahren unter Alexander Pereira und einem, aufgrund seines vorzeitigen Abgangs Richtung Mailänder Scala notwendig gewordenen Provisoriums mit Sven-Eric Bechtolf und Festspielpräsidentin Helga Rabl Stadler an der Spitze, besann man sich des Pianisten Markus Hinterhäuser. Der schloss mit der Saison 2017 wieder beeindruckend an die internationale Festspielspitze auf. Auch der Sommer 2018 verspricht spannend zu werden. Bereits Anfang Mai waren – wie schon lange nicht mehr geschehen – vier der insgesamt sechs szenischen Opernproduktionen ausverkauft. Selbstverständlich die «Zauberflöte», die man unter dem jungen Constantinos Carydis spielt, ebenso Tschaikowskys «Pique Dame» unter Mariss Jansons. Franz Welser-Möst dirigiert die genauso ausverkaufte «Salome» in der Regie von Romeo Castellucci in der Felsenreitschule. Nur wenn die «Wiener» bei Henzes «Die Bassariden», 1966 in Salzburg uraufgeführt, unter Kent Nagano bei ihrer vierten Opernproduktion im Graben sitzen, gibt es noch Karten. Das Orchester ist mit einem solchen Arbeitspensum höchst zufrieden: «Wir haben letztes Jahr wirklich sehr viel gearbeitet, grosse Konzerte, grosse Oper. Wenn wir tolle Sachen zu spielen haben, beschwert sich keiner. Ich habe selbst bei ,Lady Macbeth of Mzensk’ von Schostakowitsch unter Jansons mitgewirkt. Das war ein Erlebnis. Da hat alles gepasst, auch die Bühne und die Inszenierung», sagt Froschauer und präzisiert das Besondere dabei: «Der grosse Vorteil ist, dass wir meist praktisch fertig studiert ankommen. Die ‚Lady Macbeth’ haben wir kurz davor in einer Serie an der Staatsoper unter Ingo Metzmacher gespielt. Man fängt bei der ersten Probe oft dort an, wo andere aufhören. Gerade Jansons hat sich dann toll eingebracht. Ich war begeistert.» ■ Informationen: www.salzburgerfestspiele.at


inserate Bad Gastein. Evelyn Ikrath, Kunst-Netzwerkerin «Alpines Basislager für Grossstadtpflanzen» nennt Evelyn Ikrath ihre beiden Hotels «Haus Hirt» und «Mira­ monte» in Bad Gastein: «Ein Rückzugsort für Städter, die ganz schön viel zu verarbeiten haben, wenn sie in der Wildheit und Verschrobenheit hier oben am Berg auf 1.000 Meter über Meer in Gastein ankommen.»

« Zwischen Bad Gastein und der Kunst gab es immer eine Symbiose, und die soll weiterhin wachsen.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust, in Geschichte einzutauchen, um das Neue zu entdecken? austria.info: Was macht den Ort so anziehend für Künstler? Evelyn Ikrath: Er bietet Raum für Fantasie, Möglichkeiten der Entwicklung, fernab lähmender Banalität. austria.info: Wo treffen Sie sich gerne mit den kreativen Köpfen zum gemeinsamen Austausch? Evelyn Ikrath: Etwa auf den Hängen in Sport-

gastein, bei Abendessen, Kraftwerk-Feste und -Vernissagen (Wasserfallstraße 7) und bei JazzAbenden im Merangarten oder im Sägewerk. austria.info: Wie bringt Sie Bad Gastein immer

wieder zum Staunen? Evelyn Ikrath: Mit seinem Kontrast der ersten

Zentralalpengipfel und der Jahrhundertwendehotels mit urbaner Struktur sowie der damit verbundenen Entwicklungsmöglichkeiten. Dazwischen der tosende Wasserfall und das Thermalwasser, das heilt und fast den ganzen Ort heizt. Mit der Begeisterung von einheimischen Kreativen und Gästen aus der kreativen Szene, die Aktionsbereitschaft signalisieren, und mit der Verwunderung der Bad Gasteiner obendrauf. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Salzburg Bild: Salzburger Festspiele/Julia Wesely

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Franz Welser­Möst über seine Verbindung zu den Salzburger Festspielen

«Jeder will der Beste sein…» An seinen ersten Besuch als Kind in Salzburg erinnert er sich ebenso klar wie an seine bisherigen Auftritte bei den Festspielen: Diesen Sommer dirigiert Franz Welser­Möst Richard Strauss’ «Salome». Darüber wie über das besondere Biotop Salzburg im Sommer sprachen wir mit dem österreichischen Dirigenten. Andrea Meuli M&T: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in Salzburg bei den Festspielen? Franz Welser Möst: Ja, 1971!

zert, und Kitajenko war der Dirigent mit der Pulcinella-Suite sowie Beethovens Erster Sinfonie.

M&T: Und das war…? Franz Welser Möst: … das war ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern im Kleinen Festspielhaus. Tretiakov war der Solist in Tschaikowskys Violinkon-

M&T: So detailliert haben Sie sich das in Ihrem Gedächtnis gespeichert… Franz Welser Möst: (Lachend) Ja, es war ein Erlebnis für mich, dass ich dank meiner Verwandten da mitgenommen

wurde zu dieser Matinee – das war schon aussergewöhnlich. M&T: Ihr erster Auftritt bei den Festspielen, wann kam der? Franz Welser Möst: Das war 1985, als mich Herbert von Karajan für eine Mozart-Serenade eingeladen hat, die es damals in der Felsenreitschu-


le gab. Das war mit dem MozarteumOrchester. M&T: In Ihrer Zeit als Chef des London Philharmonic, gastierten Sie da nie in Salzburg? Franz Welser Möst: Doch, 1992, mit zwei Konzerten. Das war eine ganz harte Tournee. Wir waren zuvor in Südafrika, sind nach London zurückgereist, von dort nach Salzburg, danach zum Edinburgh Festival und abschliessend noch an die Proms. Wir waren das erste westliche Orchester, das wieder nach Südafrika einreisen durfte. Das war kurz vor dem politischen Wechsel zu Mandela, und das Land stand unter einer extremen Spannung. Es war daher eine sehr chaotische, aber auch wahnsinnig spannende Reise. M&T: Spürt man bei den Salzburger Festspielen noch etwas vom einstigen Pioniergeist ihrer Gründer? Franz Welser Möst: Als Pioniergeist würde ich es nicht unbedingt bezeichnen. Vielmehr würde ich die aussergewöhnliche Situation herausstreichen, dass innerhalb eines so kurzen Zeitraums so viele bedeutende Künstler hier aufeinandertreffen. Man kann in Salzburg ja nirgendwo auch nur einen Schritt tun, ohne dass man auf einen Sänger, Dirigenten, Schauspieler, Regisseur oder Solisten trifft. Das unterscheidet Salzburg im Sommer von andern Orten und schafft automatisch ein Wettbewerbsverhältnis, ohne dass man es aussprechen würde. Aber jeder will natürlich der Beste sein, was ja nicht zuletzt auch den Reiz solcher Festspiele ausmacht.

Bild: Salzburger Festspiele/Luigi Caputo

Salzburg

Die Felsenreitschule – ein ebenso traditionsreicher wie stimmungsvoller Spielort, diesen Sommer auch für «Salome». zusammenkommen – jeder macht sein Ding und weiss aber ganz genau, was der andere macht… M&T: Fördert diese Konzentration an hochrangigen Künstlern, auch diese Dichte an ganz verschiedenen Veranstaltungen, die künstlerische Qualität? Franz Welser Möst: Das glaube ich schon. Erstens einmal – ich rede jetzt für die Oper – hat man wirklich hervorragende Probebedingungen. Es ist nicht so wie an einem Opernhaus unterm Jahr, wo einmal dieser Sänger und dann wieder ein anderer weg ist. Letztes Jahr bei «Lear» etwa waren in der ganzen Probezeit bis auf einen alle andern durchgehend da. Das schweisst schon wahnsinnig zusammen, und es wird

«In Salzburg wird eine gewisse Campus-Atmosphäre gelebt» M&T: Gibt es tatsächlich ein solches ContestDenken…? Franz Welser Möst: Ja, absolut! Sie glauben doch nicht, dass Künstler keine Egos haben… (lacht)! M&T: Nicht alle werden dies zugeben… Franz Welser Möst: Das wiederum ist eine andere Sache! Aber es wird sehr wohl beäugt, was der andere da oder dort macht. Ich finde es ja auch eine ganz natürliche Wettbewerbssituation. Und es kommt ja wirklich nur hier und einmal im Jahr vor, dass so viele bedeutende Künstler aus der ganzen Welt

mehr und mehr eine echte Familienproduktion. Man geht auch gemeinsam mal dahin oder dorthin, ins Triangel oder wo auch immer –, und aus dieser familiären Situation entsteht etwas Besonderes. Wenn ich an der Scala oder in Berlin bin, hat jeder sein eigenes Zuhause – die Probe ist fertig, und jeder ist weg. Das ist in Salzburg eben nicht so, da wird eine gewisse Campus-Atmosphäre gelebt. M&T: Gibt es tatsächlich an einem Ort wie Salzburg einen gemeinschaftlicheren Sinn unter den Mitwirkenden?

Franz Welser Möst: Das würde ich schon so sehen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass man auf engem Raum aufeinander angewiesen ist. M&T: Es gab Zeiten, da wurden die Probebedingungen in Salzburg kritisiert, weil sie gerade nicht so waren, wie Sie sie jetzt schildern… Franz Welser Möst: Ich kann nur aus meiner Erfahrung reden. Ich habe in den letzten Jahren «Rosenkavalier», «Fidelio», «Die Liebe der Danae» und Reimanns «Lear» dirigiert – und das geschah alles in der beschriebenen Atmosphäre. Ich habe allerdings von anderen Opernproduktionen gehört, wo eine Sängerin nur für fünf Tage zu den Proben erschien – das hat es anscheinend gegeben. (Lachend) Aber vergessen wir nicht: Geredet wird sehr viel in Salzburg… M&T: Wie sehr gehört denn das Gerede um die Festspiele herum dazu…? Franz Welser Möst: Ohne das Gerede wär’s ja langweilig…! Es gibt viele Leute, die haben in diesen Sommerwochen viel Zeit dazu… Die Stadt ist klein, der Festspielbezirk noch kleiner – und überall, wo man hinkommt, stolpert man sofort über jemanden, den man kennt. Und Sie wissen ja, wie Gerüchte entstehen: Da erzählt einer etwas als «vielleicht», beim Nächsten ist es schon «ziemlich sicher» – und beim Dritten ist es «ganz bestimmt so». So funktioniert Salzburg eben auch… M&T: Sie sind ja mit den Wiener Philharmonikern lange und eng vertraut. Spielt das Orchester in Salzburg befreiter auf als während der regulären Saison in der Oper in Wien? Franz Welser Möst: Ich glaube, auch da spielt das Bewusstsein eine Rolle, dass tatsächlich die Konkurrenz in der gleichen Stadt ist und hier auftritt. Hinzu kommt, dass die meisten Philharmoniker während dieser Sommerwochen ausserhalb

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Salzburg von Salzburg in einem schönen Zuhause leben, ob sie es besitzen oder sich eingemietet haben. Die geniessen dann hier ihre Freizeit, ob sie baden oder bergsteigen gehen – das lädt auch die Batterien wieder auf. In Wien hingegen haben sie teilweise drei Dienste pro Tag zu absolvieren: eine Probe in der Oper am Vormittag, eine im Musikverein am Nachmittag und am Abend eine Vorstellung in der Staatsoper, zwischendurch noch unterrichten oder Kammermusik spielen – das ist schon sehr heftig… M&T: … aber doch frei gewählt… Franz Welser Möst: (lachend) … aber klar, das tun sie sich alle selber an! Ich sage das vollkommen wertfrei, ohne mit ihnen Mitleid zu haben… Aber in Salzburg sind sie sicherlich eine Spur befreiter! In dieser wunderschönen Umgebung Musik machen zu dürfen, ist etwas besonders Schönes.

M&T: Diesen Sommer dirigieren Sie Richard Strauss’ «Salome». Was ist das Schwierigste an diesem Werk? Franz Welser Möst: Strauss hat gesagt, «Salome» sei sein «Sommernachtstraum» – auch wenn es ein Sommernachtsalbtraum ist… Wenn man weiss, dass er das Stück für Lotte Lehmann re-orchestrieren wollte – dann wird einem deutlich, dass er sich das Ganze sehr zerbrechlich vorgestellt hat. Doch der riesige Orchesterapparat und die unglaubliche Meisterschaft von Strauss mit seiner Instrumentation führen ganz leicht dazu, dass alles zu dick und zu fett wird. M&T: Sogar «Salome»? Franz Welser Möst: Ja, absolut! Ich habe Aufführungen von «Salome» gehört, in denen man die Sänger kaum gehört hat, weil sie von unten aus dem Graben volle Pulle zugedeckt wurden.

M&T: Wobei allerdings auch die ganze schwül-orientalische Atmosphäre, das Flirrende in dieser Partitur verloren geht. Franz Welser Möst: Vollkommen richtig! Es ist das impressionistischste Stück, das er geschrieben hat, und so muss man es angehen. «Salome» ist nicht die kleine Schwester von «Elektra»… M&T: Sie lieben das Stück, haben es auf jeden Fall schon mehrfach aufgeführt. Franz Welser Möst: Ja, unbedingt! Meine erste «Salome» habe ich 1992 in Linz mit Hildegard Behrens dirigiert. Die letzte war mit Nina Stemme – da bin ich schon ein sehr verwöhntes Kind… Und jetzt freue ich mich sehr auf diesen Sommer in Salzburg. Seit einem guten Jahr habe ich mit Asmik Grigorian immer wieder geprobt – und ich bin sicher, sie wird eine sehr glaubwürdige und stimmlich sehr schöne Salome. Man muss als Dirigent aber ein bisschen vorsichtig sein… ■

Jazzfestival Saalfelden Ein Stück bewegter europäischer Jazzgeschichte im Salzburger Land Das Jazzfestival Saalfelden gehört zu den renommiertesten seiner Art in Europa. Dennoch sah es eine Zeitlang gar nicht gut aus für das 1978 gegründete Festival im Salzburger Land. Im Jahr 2004 musste – infolge von finanziellen Unstimmigkeiten – der langjährige Leiter Gerhard Eder gehen, und kurz darauf schien auch das von ihm aufgebaute Jazzfestival am Ende: Die Betreibergesellschaft sah sich ausserstande, das Risiko weiterhin zu tragen, 2005 wurde das Festival abgesagt. Um das kulturelle Aushängeschild der Kleinstadt Saalfelden am Steinernen Meer zu retten, sprang der örtliche Tourismusverband als Veranstalter ein, und seit 2006 findet das Jazzfestival wieder alljährlich statt – allerdings nicht mehr im etwas ausserhalb gelegenen Festivalzelt, sondern im Zentrum und indoors: Hauptspielorte des Festivals sind der Congress Saalfelden und das Kunsthaus Nexus. Im Congress («Mainstage») finden die grossen Konzerte statt, das Nexus ist der Ort für die Reihe «Short Cuts», die Konzerte noch weniger bekannter Musiker oder Sonderprojekte der auf der Hauptbühne engagierten Acts bringt. Um die Bevölkerung stärker in das Festival einzubinden, wird auf dem Rathausplatz ein Zelt für die «Citystage» aufgebaut, wo bei freiem Eintritt Jazz gehört werden kann. Grosser Beliebtheit erfreuen sich

Bild: Jazzfestival Saalfelden/Lores

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auch die – ebenfalls frei zugänglichen – «Almkonzerte» auf den umliegenden Bergen. Trotz seiner krisenhaften Geschichte ist das Jazzfestival Saalfelden ein schönes Beispiel dafür, dass man auch in der Provinz nicht «provinziell» agieren muss, um erfolgreich zu sein. Eine kompetent programmierte Mischung aus arrivierten Musikern und der Jazz-Avantgarde gehört bis heute zu den Markenzeichen des Festivals. Manche vermissen zwar die Atmosphäre des Festivalzelts, das

tatsächlich mehr Charme hatte als das Kongresshaus. Aber viele Jazzfans, die im Durchschnitt ja nicht mehr die Jüngsten sind, schätzen gerade diese urbanere Version des Festivals. Und die Saalfelden umgebende Landschaft hat sich ja nicht verändert.

Wolfgang Kralicek Informationen: www.jazzsaalfelden.com


inserate Attersee. Sandra Tretter, Kunsthistorikerin 1974 in Wels geboren, studierte Tretter in Wien. Sie publi­ ziert zu Egon Schiele und Gustav Klimt und mitkonzipiert 2003 und 2012 den Klimt­Themenweg am Attersee. Das 2012 eröffnete «Gustav Klimt Zentrum am Attersee» leitet sie heute. «Diese türkisblaue Farbe und das Wellenspiel gibt es nur dort», sagt Tretter. Und verewigt auf Klimts Bildern.

« Für Klimt war der Attersee ein Sehnsuchtsort. Diese Faszination ist noch heute zu spüren.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust auf eine Muse, die schon viele inpirierte? austria.info: Verraten Sie uns: Wo kann man am Attersee Gustav Klimt nachspüren? Sandra Tretter: Ganz offensichtlich an den Orten,

die architektonisch erhalten sind: am Schloss Kammer, im dortigen Park, in der Villa Paulick, in der Villa Oleander. Auch sein letzter Aufenthaltsort, das Forsthaus in Weissenbach, ist noch erhalten. Schwieriger ist es natürlich bei den Naturblicken: Welcher Waldblick war es für den Buchenwald, den Birkenwald, den Tannenwald? Bei der Konzeption für den Klimt-Themenweg 2003 hat sich da etwa das Gerlhamer Moor als eindeutiger Ort präsentiert. austria.info: Welche Orte sind für Sie persönlich

Attersee pur? Sandra Tretter: Das Seebad Schönauer. Da setze ich

mich im Sommer gerne auf den Steg und blicke hinaus auf den See. Hier wird die lang gezogene Form des Sees deutlich, er ist ja auch der grösste Binnensee Österreichs. Für Spaziergänger ist auf jeden Fall eine Wanderung auf den Schoberstein angenehm. Das ist übrigens auch ein Motiv, das Gustav Klimt in seinen Spätjahren zweimal gemalt hat, wenn auch nicht ganz fertig. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Oberรถsterreich

Das Bruckner Orchester Linz konzertiert in der Stiftskirche St. Florian.

Bild: Bruckner Orchester Linz/Christian Herzenberger

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Oberösterreich Seit 1977 eine Speerspitze für die Musik Anton Bruckners – das Brucknerfest Linz

«Wir sind Bruckner!» Das Brucknerfest Linz startet mit neuen Kräften in ein neues Konzept: Der Tenor Dietmar Kerschbaum als Intendant, Markus Poschner als Chefdirigent sind seit wenigen Monaten im Amt. Sie geben dem Festival ein markanteres Profil. Reinmar Wagner Ansfelden, Oberösterreich: 16 000 Einwohner, Landstädtchen gleich bei Linz. Nichts wirklich Besonderes also. Aber am 4. September 1824 kam hier Anton Bruckner zur Welt. Sohn eines Dorfschullehrers, ältestes von zwölf Kindern, nichts Aussergewöhnliches auch das. Noch weniger, dass der Vater nicht nur unterrichtete, sondern auch als Kantor amtierte, sonntags die Orgel spielte oder auch als Tanzgeiger aufspielte. Das war damals die Regel für einen Lehrer. So kam der kleine Anton schon früh mit der Musik in Kontakt, lernte ebenfalls Geige, Klavier und Orgel und konnte seinen Vater bereits im Alter von zehn Jahren gelegentlich als Aushilfsorganist vertreten. Doch dann, 1837, starb der Vater, der 13-jährige Bruckner kam ins Internat im nahegelegenen St. Florian – als Sängerknabe. Eine Augustiner-Gründung aus dem 11. Jahrhundert, vor allem aber eine prächtige Klosteranlage aus der Barockzeit mit einer eindrucksvollen Barockkirche und einer nicht minder beeindruckenden Kirchenorgel, die 1770-1774 gebaut wurde und heute nach verschiedenen Ergänzungen mit 103 Registern die grösste spielbare Kirchenorgel Österreichs ist. Aber trotz dieses imposanten Instruments entschloss sich Anton Bruckner, die Lehrer-Laufbahn einzuschlagen. Nach dem Seminar und einer Stelle als Hilfslehrer, die er wieder verlor, weil er angeblich zu oft auf der Orgel improvisierte und darüber seine Pflichten vernachlässigte, kam er zurück nach St. Florian – vorerst auch als Lehrer. Aber 1848 konnte er den Posten des Stiftsorganisten besetzen, womit sich seine Laufbahn endgültig der Musik zuwandte. Am 11. Oktober 1896 starb Anton Bruckner in Wien. Drei Tage später wurden seine einbalsamierten Überreste in der Karlskirche eingesegnet. Aber seine letzte Ruhestätte fand er wieder dort, wo seine Musikerlaufbahn, die über Linz (1855 Domorganist) und Wien (1868 Professor und Hoforganist) führte, ih-

ren Anfang genommen hatte, in St. Florian, wo er in der Stiftsbasilika unter der Orgel begraben liegt, unter dem Motto «non confundar in aeternum», dem Schlusssatz des «Te Deums», mit dem seine letzte Sinfonie ausklingen sollte, nachdem ihm die Zeit nicht mehr blieb, den Finalsatz zu vollenden.

ab 2018 jeweils am 4. September in der Pfarrkirche Ansfelden und endet am 11. Oktober in der Stiftsbasilika St. Florian, unabhängig vom Wochentag. «Ich möchte, dass das Brucknerfest international wieder vermehrt als Leuchtturm in der Auseinandersetzung mit Bruckners Musik wahrgenommen wird», sagte

«Ich möchte, dass das Brucknerfest international wieder vermehrt als Leuchtturm in der Auseinandersetzung mit Bruckners Musik wahrgenommen wird.» Dietmar Kerschbaum Diese beiden Lebensdaten: 4. September 1824 und 11. Oktober 1896, sowie die beiden Orte Ansfelden und St. Florian nimmt sich das Brucknerfest Linz zu seinen Eckpunkten. Nachdem am 5. Dezember 2017 der neue Intendant des Brucknerhauses Linz, Dietmar Kerschbaum, der auch für das Brucknerfest die künstlerische Leitung innehat, gewählt wurde, hat er quasi als erste Amtshandlung diese beiden Daten festgeschrieben: Jedes Brucknerfest beginnt

DER BESONDERE TIPP Höhenrausch Was einmal als Teilausstellung zum Kulturjahr «Linz 2009 – Kulturhauptstadt Europas» begonnen hat, ist heute ein fixer Bestandteil der Linzer Kunstszene. Hoch über den Dächern der Stadt können sich die Besucher ein neues Bild über den Ort machen und vieles entdecken, was ihnen vielleicht unten auf der Strasse noch nicht aufgefallen ist. www.hoehenrausch.at

Kerschbaum, der kein unbeschriebenes Blatt ist in der Musikwelt, bis dahin allerdings vor allem als Tenor auf sich aufmerksam gemacht hatte, unter anderem mit zentralen Mozart-Partien bei den Salzburger Festspielen. Damit wird die Konzentration auf den Namenspatron beim Brucknerfest noch intensiver, was nicht bedeutet, dass man den Komponisten nicht auch im Spiegel der Werke seiner Umgebung, aber auch von Vergangenheit und Zukunft

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Oberösterreich Bild: Bruckner Orchester Linz/Weihbold

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Markus Poschner und das Bruckner Orchester Linz: «Wir wollen zu seinen Wurzeln zurückführen.» beleuchten will. Bruckners Musik soll gerade nicht im Mausoleum einbalsamiert werden, sondern Gegenstand lebendiger Auseinandersetzung sein. Diesen Sommer nun beginnt man programmatisch bei der Vergangenheit: «Bruckner und die Tradition» heisst das Motto. Gleich im ersten Konzert spielen die Musiker des österreichischen Orfeo-Barockorchesters unter Michi Gaigg ein «Te Deum» von Mozart, das in St. Florian damals ebenfalls gespielt wurde, und aus dem Bruckner Teile abgeschrieben hat, ebenso wie aus Werken von Michael Haydn und vom langjährigen Chorleiter in St. Florian, Franz Josef Aumann. Stücke seiner Lehrer Johann Baptist Weiss und Leopold von Zenetti kontrastieren mit frühen Werken Bruckners, etwa einem Andante-Vorspiel von 1846. So geht es weiter: Frühe Lieder Bruckners zum Beispiel stellt Elisabeth Wimmer in den Kontext von Schubert, Mendelssohn, Lortzing oder Otto Kitzler, während der Schauspieler Wolfgang Böck Bruckner-Briefe dazu liest. Bruckners Bibliothek wird zum Klingen gebracht (interessant übrigens: die einzige Oper darin: «Don Giovanni»), Richard Wagner ist natürlich ein Thema, dem unter anderem Markus Poschner, der neue Chefdirigent in Linz, nachgeht,

indem er die dritte Sinfonie – bekanntlich Wagner unterwürfigst gewidmet – in ihrer vor Wagner-Zitaten strotzenden Urfassung Ausschnitten aus Wagners Opern gegenüberstellt, die in Bruckner die Wagner-Verehrung entflammt hatten. Speziell in Bezug auf Wagner ist auch die Rekonstruktion eines Konzerts der Liedertafel «Frohsinn» unter

zarts, die c-Moll-Messe und das Requiem. Ein mittlerweile weltweit bekanntes Markenzeichen des Brucknerfests sind die «Klangwolken». 1979 stellten die Linzer ihre Radios in die offenen Fenster und Bruckners Achte Sinfonie erklang hundertfach vervielfältigt in den Strassen. Aus diesem Konzept des Festivals «ars electronica» ist unterdessen ein

«Man hat Bruckners Sinfonien meist zu wenig Bewegung zugetraut.» Markus Poschner Bruckners Leitung vom 4. April 1868: Zwei Monate vor der Uraufführung der «Meistersinger» erhielt Bruckner die Erlaubnis, die finale Szene aus der Taufe zu heben. Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev setzen auch im neuen Konzept ihre auf CD und DVD dokumentierte Reihe der Bruckner-Sinfonien in St. Florian fort. Mozart dann gibt es zum Brucknerfest-Finale: Am Todestag Bruckners erklingen in St. Florian die beiden grössten geistlichen Werke Mo-

Sound-Spektakel geworden, das in seinen verschiedenen Ausformungen Millionen von Zuschauern schon fasziniert hat. Im Donaupark vor dem Brucknerhaus werden leistungsstarke Lautsprecher montiert, die aus dem Konzertsaal die «klassische» Klangwolke mit einer live gespielten Sinfonie Bruckners oder eines anderen Werks der grossen sinfonischen Literatur übertragen. In der «visualisierten» Klangwolke kommt zur Musik – in der Regel zeitgenössische Werke – ein Illuminierungs-


inserate Linz. Andreas Bauer, Leiter Ars Electronica Center. Andreas Bauer spinnt. Er spinnt Ideen. Er spinnt Netzwerke. Steht in konstantem Austausch mit den grossen Playern wie der NASA und dem MIT. Und das Ganze von Linz aus. Andreas Bauer leitet in der Donau­Stadt Österreichs grösste Spielwiese der Zukunft.

«Auf der einen Seite ist die Altstadt von Linz, auf der anderen Seite ein Tempel der Zukunft.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust, Zukunft zu erleben im Hier und Jetzt? austria.info: Was ist das Besondere am

Ars Electronica Center? Andreas Bauer: Virtual Reality trifft Technik 2.0.

Das AEC ist Museum, Forschungszone und Versuchslabor in einem. Für Hightech-Geeks und -Laien gleichzeitig. Alles kann man angreifen, bei uns im Haus ist nichts hinter Glas gesichert. Die Besucher arbeiten hier auch mal mit einem 15 000-Euro-Mikroskop, da vertrauen wir ihnen. austria.info: Linz etabliert sich immer mehr als kreativer Siedepunkt Österreichs. Was tut sich gerade Neues, das man gesehen haben muss? Andreas Bauer: Spannend ist, dass die Kunstuniversität neue «alte» Räumlichkeiten direkt am Hauptplatz bezieht (Hauptplatz 6). Das wird ein sehr interessanter Raum. Der Lift, der über das Gebäude hinausschiesst und neue Perspektiven ermöglicht, erlaubt, Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf: austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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ner Orchesters Linz. Der 1971 in München geborene Dirigent, ausgebildet bei Roger Norrington, Colin Davis und der finnischen Dirigierlehrer-Legende Jorma Panula, kam über Stationen in Ingolstadt, an der Komischen Oper Berlin, als Generalmusikdirektor in Bremen und beim Orchestra della Svizzera italiana, wo er nach wie vor als Chefdirigent amtiert, nach Linz. Bisher ist er vor allem mit Brahms, Beethoven oder Mahler aufgefallen, mit unkonventionell zusammengestellten Programmen, die wenig Gehörtes in teils überraschende Kontexte stellen. Oder als versierter Jazz-Pianist – nicht besonders jedoch mit Bruckner. Das scheint sich allerdings in den vergangenen Monaten rapide verändert zu haben, wenn man ihm bei seinem Statement Glauben schenkt: «Alle spielen Bruckner, aber niemand spielt Bruckner so wie wir, weil wir etwas zu geben haben, was niemand zu geben hat. Bruckner ist mit niemandem und nichts vergleichbar. Man spürt einfach den Boden, auf

konzept hinzu, das mit Farben und bewegten Bildern, Schauspielern, Tänzern, Akrobaten multimedial ein aktuelles Thema unterstreicht und traditionell in einem grossen Feuerwerk endet. Und wenn man das alles schon aufbaut, dann gibt es jeweils auch ein Datum für eine «Kinderklangwolke», in dem man die ganze Installation von ihrer spielerischen Seite zeigt. Gemeinsam mit dem «ars electronica»-Festival findet ebenfalls traditionell eine «Konzertnacht» statt, die klassische Kompositionen in Verbindung mit zeitgenössischen Werken und neusten Trends der Musik-Kreation verbindet – dieses Jahr dirigiert Markus Poschner die «Symphonie fantastique» von Berlioz, umgeben von den Musikkreationen des digitalen Zeitalters. Eine Premiere ist das Brucknerfest 2018 nicht nur für den Intendanten, sondern auch für den neuen Chefdirigenten: Seit Herbst 2017 ist Markus Poschner als Nachfolger von Dennis Russell Davies Chefdirigent des Bruck-

dem er steht. Wir wollen zu seinen Wurzeln zurückführen, ihn aus dieser Perspektive verstehen. Aus seiner eigenen Umgebung heraus ihn zu erleben, ist einfach für uns ebenfalls ein Erlebnis. Und deswegen ist unser Zugriff etwas völlig Einmaliges, weil wir hier in Oberösterreich eine ganz andere Beziehung zum Tanz, zum Gesang, zur Volksmusik haben. Und damit zur Bewegung: Man hat Bruckners Sinfonien meist zu wenig Bewegung zugetraut, man hat sie als statische rituelle Monumente empfunden. Aber seine Melodien unterliegen einem tänzerischen Moment, ihr Innenleben ist immer dem Atem nachempfunden und damit der Bewegung, und das ist nie etwas Statisches, niemals. Das höchste Gut ist Homogenität, die Art und Weise, wie man gemeinsam einatmet und ausatmet. Und damit gehören wir zu den grossen Geschichten-Erzählern: Wir sind Bruckner!» ■ Informationen: www.brucknerhaus.at

Salzkammergut Festwochen Gmunden 1987 in kleinem Rahmen gegründet, haben sich die Festwochen von Gmunden zu einem veritablen Mehrspartenfestival entwickelt

Schwerpunkt Literatur: Diesen Sommer steht Michael Köhlmeier im Mittelpunkt.

Einen seiner letzten Texte widmete der grosse österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard einem vergleichsweise kleinen Thema. In einem Leserbrief an die «Salzkammergut-Zeitung» (12.1.1989) brach Bernhard eine Lanze für die Gmundner Strassenbahn, deren Einstellung damals diskutiert wurde: «Diese Strassenbahn ist ein Kleinod und unersetzbar und Gmunden würde mit ihr eine seiner allerersten Attraktionen bei Jung und Alt verlieren.» Ein paar Wochen später ist Bernhard in Gmunden gestorben, die Strassenbahn fährt noch heute. Sie ist allerdings nicht mehr die einzige Attraktion, die das 13 000-Einwohner-Städtchen Gmunden am Traunsee zu bieten hat. Die 1987 im kleinen Rahmen gegründeten Salzkammergut Festwochen haben sich unter Intendantin Jutta Skokan zu einem veritablen Mehrspartenfestival mit Schwerpunkten auf Musik (Klassik, Jazz, Pop), bildende Kunst, Architektur und – vor allem – Literatur entwickelt. Seit 2007 wird in Gmunden jeweils ein Autor oder eine Autorin mit einem mehrtägigen «Fest» gewürdigt; in diesem Jahr ist dieses dem Vorarlberger Romancier Michael Köhlmeier gewidmet. Intellektuell wird das Festival vom Wie-

ner Schriftsteller und Philosophen Franz Schuh geprägt, der als «künstlerischer Berater» eine Art Spiritus Rector des Festivals ist und auch selbst auftritt; 2018 wird Schuh unter anderem im Gespräch mit dem Satiriker Harald Schmidt zu erleben sein. Festivalzentrum ist das 1872 errichtete Stadttheater, die Festwochen Gmunden streuen ihr Programm aber über die ganze Stadt und das Umland aus – was den Charakter des Festivals ganz wesentlich bestimmt. Die allergrössten Attraktionen Gmundens sind schliesslich der See und die Landschaft, und davon will man ja auch was sehen. Bespielt werden etwa die historistische Villa Lanna (samt Parkanlage) oder das Seeschloss Ort, auch ein Traunseeschiff oder eine Garnitur der Traunseebahn («Jazz on Tram») werden zu Bühnen. Nicht zu den Spielorten des Festivals zählt die Gmundner Strassenbahn, dafür gastieren die Festspiele regelmässig im nahegelegenen Ohlsdorf – im Thomas Bernhard Haus.

Wolfgang Kralicek Informationen: www.festwochen­gmunden.at

Bild: Ars Electronica / Martin Hieslmair

Oberösterreich

Bild: Festwochen Gmunden/Peter Andreas Hassiepen

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Oberösterreich

«Orbits», eine audiovisuelle Performance des Künstler­ kollektivs Quadrature.

Ars Electronica – ein Name ist zum Begriff geworden Das experimentelle Linzer Festival, welches Digitales, Kunst und Gesellschaft zusammenführt, wird von Jahr zu Jahr aktueller Es gibt in Österreichs Sommerfestspielzirkus wahrlich keinen Mangel an höchstwertigen Mozartinterpretationen, Nestroy’schen Couplets oder schenkelklopfenden Schwänken. Aber nur eine Gelegenheit, von einer Sexpuppe Witze erzählt zu bekommen, sich Drohnen bei einem Wettrennen durch eine fulminante Industrieruine um die Ohren sausen zu lassen oder einer digitalen Katze dabei zuzusehen, wie sie die Weltherrschaft übernimmt. Die Ars Electronica lockt, wenn Salzburg und Bregenz und Mörbisch schon zugesperrt haben, eine ganz andere Art des internationalen Denker- und Künstlertums nach Linz: Die Handelnden hier sind laptopbeladen, digital hochgerüstet und richten den Blick nicht auf die Werke der Vergangenheit, sondern auf die Fragen der Zukunft. Das Festival ist ein

Unikum, nicht nur für Österreich: Hier werden seit bald vierzig Jahren (2019 feiert man Jubiläum) Digitales, Kunst und Gesellschaft zusammengeführt, eine Mischung, die alljährlich aktueller zu werden scheint. Was man hier schon alles gesehen hat: Ein menschliches Ohr, das auf dem Unterarm eines Künstlers wächst. Einen Roboter, der Menschen beim Sterben begleitet. Ein Klavier, durch Roboterhand so rasant bespielt, das es zu sprechen beginnt. Die Ars Electronica ist, auf mehrere Orte in Linz verteilt, ein Parcours durch digitale Welten, Medienkunstfantasien und sehr reale Technologien, durch Zukunftsfragen des Zusammenlebens, des Digitalen, der Biotechnologie. Sie ist ein Technologiefestival, das trotz der Kränkungen und Gefahren, welche die

digitale Zukunft bisher mit sich gebracht hat, den Fortschritt verteidigt. Dieses Jahr, von 6. bis 10. September, widmet man sich unter dem Titel «Error» der «Art of Imperfection», also all dem, was man aus Fehlern gewinnen kann. Allein der Hauptschauplatz lohnt den Besuch: Das ehemalige Linzer Postverteilerzentrum, das vor 25 Jahren noch als eines der innovativsten ganz Europas galt und heute ein graffitiübersätes Relikt überholter Technologie ist, wird – wohl letztmalig – zum Hauptausstellungsort der Ars Electronica. Dann weicht es der Stadterneuerung.

Georg Leyrer Informationen: www.aec.at

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Burgenland

Das Kammermusik­Festival in Lockenhaus – ein Ort der Begegnung, eine Tradition für Offenheit und Moderne

Wahrhaftig und aufrichtig Seit 2012 leitet Nicolas Altstaedt das Kammermusik­Festival in Lockenhaus. In dieser Zeit hat der deutsch­französische Cellist das gewaltige Erbe von Gidon Kremer erfolgreich mit neuem Leben gefüllt und die originäre Vision zugleich gestärkt. Alljährlich im Juli finden sich im österreichischen Burgenland Musikerfreunde ein, um in lockerer Atmosphäre einzig und allein die Musik in das Zentrum zu rücken: ganz ohne gesellschaftlichen Schnickschnack. Marco Frei


Bild: Lockenhaus Festival/Pichlmayer

Burgenland

Lockenhaus hat einiges zu bieten – eine herrliche Natur und viel Kultur.

Es ist nicht einfach, den Ort auf der Landkarte zu entdecken. Lockenhaus scheint sich gern zu verkrümeln, liegt etwas abgeschieden. Dabei hat die Marktgemeinde einiges zu bieten, nämlich eine herrliche Natur und viel Kultur. So wurde die barocke Pfarrkirche von Pietro Orsolini erbaut. Das frühere Augustiner-Eremiten-Kloster daneben diente ab 1868 der Familie Esterházy als Sommerschloss, und die weitläufige, mittelalterliche Burg, welche über Lockenhaus thront, soll Tempelrittern einst Zuflucht geboten haben. Auch die «blutrünstige Gräfin» Elisabeth Báthory weilte hier. An diesen Orten erklingt heute viel Musik, und zwar stilistisch vielfältig. In Lockenhaus ist es ganz normal, dass sich Robert Schumann sinnstiftend mit der «Hommage à R. Sch.» op. 15d von György Kurtág verbindet, oder Claude Debussy mit Wolfgang Rihms «Fremde Szene III». Ein «Late-Night-Konzert» mit Mozart und Iannis Xenakis sowie eine Matinee mit John Cage, Benjamin Britten und Haydn? Madrigale und gewichtige Uraufführungen, darunter von Salvatore Sciarrino, Thomas Larcher und Matthias Pintscher? Ein Meisterkurs mit dem «Kammermusik-Guru» Eberhard Feltz? Das alles ist in Lockenhaus gelebte Realität. Hier präsentieren sich Klassik-Grössen wie Nils Mönkemeyer, Antoine Tamestit, Vilde Frang, das Quatuor Ebène oder die Neuen Vocalsolisten Stuttgart neben den Stimmen von Morgen. Dies ist eben der Geist von Lockenhaus. «Lockenhaus ist ein offener Ort, an dem alles gemacht werden darf und gemacht werden sollte, was man woanders nicht darf», betont Nicolas Altstaedt. «Für mich spielt nur eines eine Rolle: Wer hat etwas zu sagen? Wer möchte eine Woche Musik oder Neues kreieren – mit Freunden? Das Alter und die Bekanntheit sind mir egal.» Denn es gehe ihm um Menschen, die «sich und mich inspirieren. Man soll sich hier ausleben können, Behinderungen im Konzertbetrieb gibt es genug. Diesen Lockenhaus-Geist möchte ich weitertragen.» Vor sechs Jahren hat Altstaedt die Leitung der Reihe übernommen, von seinem Vorgänger und Lockenhaus-Begründer Gidon Kremer. Der berühmte Geiger hatte Altstaedt selbst empfohlen, und die Wahl hätte nicht treffsicherer sein können. Wie Kremer ist auch Altstaedt selbst Musiker, ein aufregender Cellist, der mit seinen Interpretationen bereits vielfach Massstäbe gesetzt hat. Als Altstaedt das Ruder in Lockenhaus übernahm, war er knapp dreissig Jahre alt. Kremer zählte 33 Jahre, als er seinerzeit die Kammer-Reihe in Lockenhaus gründete. Die Idee zu diesem

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Burgenland Festival war ihm im Hohen Norden gekommen, in Skandinavien. Ein Rückblick auf die späten 1970er-Jahre: Auch im Westen hat sich der junge Geiger aus dem sowjetischen Baltikum längst einen Namen gemacht. Während eines Gastspiels beim 1970 gegründeten Kammermusik-Festival im finnischen Kuhmo kommt Kremer auf die Idee, sein eigenes Kuhmo zu gründen. Lockenhaus ist dafür der geeignete Ort. Ähnlich wie Kuhmo liegt die Marktgemeinde nämlich etwas abgeschieden, und damals sogar gewissermassen noch weltentrückter als heute. Kuhmo liegt nahe der Grenze zu Russland, und von Lockenhaus ist es nur ein Katzensprung nach Ungarn. Beide Grenzen waren damals Teil des Eisernen Vorhangs, der Europa ideologisch und politisch strikt zwischen Ost und West trennte. Und auch wenn heute die Grenze zwischen Österreich und Ungarn längst eine offene ist, war damals, 1981, als Gidon das Kammermusik-Festival in Lockenhaus gründete, von der politischen Wende 1989 und einem vereinten West- und Osteuropa noch keine Rede. Ähnlich wie in Kuhmo prallten in Lockenhaus die Systeme aufeinander: Marktwirtschaft und Sozialismus, Liberalismus und Kommunismus. In Lockenhaus endet die westliche Welt, strikt getrennt von den historisch gewachsenen Verbindungen zum Hinterland. Diese Randlage war und ist indessen vortrefflich geeignet, um sich ganz auf die Musik und das gemeinsame Musizieren zu konzentrieren: abseits des Weltgetümmels samt einem kommerziellen Musikbetrieb, der bestimmte Programme schlicht nicht erlaubt. Mit diesem Anspruch avancierte Lockenhaus schnell selber zum Vorbild, darunter für das Kammermusik-Festival in «young artists in concert» Davos. Neugierde und Offenheit, Austausch und Begegnung: Lockenhaus steht für eine Geisteshaltung. An diesem Profil hat sich bis heute nichts geändert. In den sechs Jahren seit seinem Amtsantritt hat es Altstaedt exemplarisch geschafft, einerseits das gewichtige Lockenhaus-Erbe wachzuhalten und andererseits mit eigenen Ideen zu erneuern. Tatsächlich steht Altstaedt auch als Musiker für eine neue, junge Generation, die keinerlei Berührungsängste kennt: weder programmatisch noch interpretatorisch. Von Ideologien und Dogmendenken ist er weit entfernt. Altstaedt zählt zu den Klassik-Stimmen des Heute, die unterschiedliche Ideale ergründen und befragen, ganz natürlich und selbstverständlich. Dazu zählen auch das historisch informierte Spiel sowie die Pflege zeitgenössischer Musik. Beides wird in Lockenhaus eben-

Bild: Marco Borggreve

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Nicolas Altstaedt: «Lockenhaus ist ein offener Ort, an dem alles gemacht werden darf und gemacht werden sollte, was man woanders nicht darf». so gelebt. Nicht zuletzt aber pflegt Altstaedt das, wofür Lockenhaus schon unter Kremer stand: ein Musizieren aus innerer Notwendigkeit heraus. Hier wird keine beliebige, dekorative Allerweltmusik kredenzt, sondern der originäre Geist des Musizierens gelebt: wahrhaftig und aufrichtig. Auch das gehört seit je zur «Marke Lockenhaus». Seit Anbeginn gehört es zur Tradition des Kammermusik-Festivals in Lockenhaus, dass das Programm nicht vorab bekannt gegeben wird. In diesem Jahr hat der künstlerische Leiter Nicolas Altstaedt diese Tradition etwas gelockert. Dazu wurde ein neuer Blog eröffnet: «10 Wochen – 10 Werke». Zehn Werke, die zwischen dem 5. und 14. Juli 2018 beim Festival zu erleben sind, werden verraten. Über das diesjährige Festival ist bereits bekannt, dass unter dem Motto «Creatio» das Heath Quartet alle Streichquartette von Jörg Widmann gestalten

DER BESONDERE TIPP Pannonisch wohnen Vom gefühlvoll überholten Kellerstöckl über das modernisierte Landgut bis zum edlen Winzerhof: Pannonisch wohnt man im Burgenland, und das bedeutet, in schlichtem, aber gediegenem, hochästhetischen Ambiente zu übernachten. www.burgenland.info

wird (unterstützt von der Sopranistin Katharina Konradi). Alfred Brendel referiert vom Klavier aus über die drei letzten Klaviersonaten von Schubert sowie über Mozart, um überdies in einer Meisterklasse in die Klaviersonate op. 90 von Beethoven einzuweisen. Ergänzend hierzu interpretieren Herbert Schuch und Alexander Lonquich die letzten Klaviersonaten Schuberts. Zur Eröffnung des Festivals am 5. Juli präsentieren sich hingegen Vilde Frang und Barnabas Kelemen (Violinen) sowie Katalin Kokás (Viola) und Alexander Lonquich (Klavier), um mit Altstaedt am Cello das Klavierquintett von Béla Bartók aufzuführen. Zu den weiteren Lockenhaus-Gästen zählen diesmal ausserdem der Klarinettist Andreas Ottensamer und der Cellist Maximilian Hornung. ■ Informationen: www.kammermusikfest.at


inserate Millstättersee. Thomas Helml, Hoteldirektor «Villa Kunterbunt», sagen Besucher. In Millstatt am See schuf Thomas Helml, ehemaliger Reederei­ agentur­Besitzer ein unkonventionelles Hotel mit Vintage­Charme. Ein familiäres Refugium in Traum­ lage. Einen gemütlichen Rückzugsort für Freunde aus aller Welt. Die Villa Verdin.

« Ein einfacher Ort mit authentischer Küche, an dem sich Einheimische und Feriengäste einfinden.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust, als Gast zu kommen und als Freund zu gehen? austria.info: Wo trifft man auf das unverfälschte

Kärnten? Thomas Helml: In der Millstätter Hütte auf der

Millstätter Alm, wo Pächterin Edith mit ihren Ziegen und Eseln lebt und ihre Zutaten selbst anbaut. Ein einfacher Ort mit authentischer Küche, an dem sich Einheimische und Feriengäste einfinden. Ich mag die Gemüsesuppe und man isst dort den besten Kaiserschmarrn aller Zeiten. austria.info: Ihr Gäste fühlen sich innerhalb

weniger Minuten zu Hause. Warum? Thomas Helml: Schon allein deswegen, weil wir keine Rezeption haben und jeder zuerst zu mir in die Küche muss. Bei uns soll sich der Modedesigner aus Mailand ebenso wohlfühlen wie der einfache Arbeiter aus der Vorstadt. Das Wetter hilft uns dabei, bei uns ist es immer sonnig. Die Lage zwischen Tauern, Karawanken und Dolomiten hält die klassischen Adriatiefs fern. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Burgenland

Das Geburtshaus von Franz Liszt und der weisse Kubus des Konzertsaales gehen in Raiding eine enge Symbiose ein.

Liszt­Zentrum und Liszt Festival in Raiding – ein burgenländisches Vorzeige­Kulturprojekt

Eine Schäferei als Hort visionärer Musik In der weiten Landschaft des Mittelburgenlandes gehen Alt und Neu eine spannende Symbiose ein, um das musikalische Schaffen von Franz Liszt an seinem Geburtsort zu würdigen. Stefan Musil


«Raiding» heisst der Ort auf Deutsch, «Rajnof» auf Kroatisch, «Doborján» auf Ungarisch. Als «Schäferey Rechnungsführer» war Adam Liszt hier tätig, als am 22. Oktober 1811 sein Sohn Franz das Licht der Welt erblickte. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude einer Meierhofanlage der Fürstlich Esterházyschen Schäfereien.

wurde 2003 die Franz Liszt Gesellschaft Burgenland gegründet, mit dem Ziel, die Gemeinde als Hort der Liszt-Pflege zu etablieren. Dafür brauchte es natürlich einen entsprechenden Konzertsaal. Den hat man dann nur ein paar Meter entfernt vom schmucken Geburtshaus errichtet. Das Atelier Kempe Thill aus Rotterdam ging aus einem internatio-

«Franz Liszt war und ist als Komponist, Weltbürger und Europäer für unsere internationale Tätigkeit als Künstler ein grosses Vorbild.» Eduard und Johannes Kutrowatz Ganz idyllisch, geradezu putzig mit seinen beiden Eingangstüren, liegt das einfache Haus heute sauber weiss getüncht in der flachen Landschaft des Burgenlandes. Im Bezirk Oberpullendorf, der zum Mittelburgenland zählt. Es sind vier Zimmer, eine Kammer, eine Küche und rundherum Garten, was man 1951 zur Gedenkstätte und zum Museum für den Komponisten adaptierte. «Ich war hier und habe den Boden geküsst», lautet sogar ein Eintrag im Gästebuch des Hauses, das bereits zu Liszts Lebzeiten ein Ort der Verehrung war. Die in den Giebeln der beiden Eingänge angebrachten Gedenktafeln verraten einiges über die Historie. Die erste berichtet von der früh einsetzenden Liszt-Pflege von ungarischer Seite. Der Ödenburger Verein für Literatur und Kunst hat die Tafel gestiftet, die am 7. April 1881 enthüllt wurde, als Liszt aus Anlass seines bevorstehenden 70. Geburtstags Raiding besuchte. Die zweite ist auf Deutsch und zeigt in der Mitte ein Relief des Komponisten. Sie wurde 1925 angebracht, als österreichisches Zeichen der Liszt-Wertschätzung. Denn erst 1919, nach Unterzeichnung der Verträge von Saint-Germain und Trianon, wurde Raiding der Republik Österreich – dem, was nach dem Weltkrieg vom Habsburgerreich übrig war – zugeschlagen. Seit 1921 ist es Teil des Burgenlands, des jüngsten Bundeslandes mit seinen kroatischen und ungarischen Volksgruppen. Seit damals hat sich einiges getan in Raiding. Liszt-Zentrum und das Internationale Franz Liszt-Festival sind heute ein burgenländisches Vorzeige-Kulturprojekt und klingen weit über Oberpullendorf hinaus. Um das zu erreichen,

nalen Wettbewerb als Sieger hervor und hat einen in seiner Form sehr klaren, symmetrischen Bau entworfen. Ein weisser Kubus der dem Liszt-Haus direkt gegenübersteht, sich aber in der Kombination von weissem Mauerwerk mit den beiden anderen bestimmenden Materialien, Glas und Holz, im Erdgeschossbereich sehr grosszügig dem Geburtshaus hin öffnet. Dadurch ergibt sich ein höchst reizvoller Kontrast, ein gelungenes Wechselspiel zwischen Alt und Neu. Ein Spannungsfeld, das dem

Werk Liszts jedenfalls gut ansteht, um hier aufgeführt zu werden. Die Musik eines Komponisten, der immer noch, zutiefst unterschätzt, besonders in seinem grandiosen Spätwerk weit in die Zukunft weist. Der rund 600 Besucher fassende, im Inneren ganz in Holz gehaltene Saal wurde im Oktober 2006 mit dem 1. Internationalen Franz Liszt-Festival «Liszten in Raiding» eröffnet. Seither wird gespielt. Seit der Saison 2009 haben die beiden Pianisten, das Brüderpaar Eduard und Johannes Kutrowatz, die künstlerische Leitung des Liszt Festival Raiding übernommen. «Franz Liszt war und ist als Komponist, Weltbürger und Europäer für unsere internationale Tätigkeit als Künstler ein grosses Vorbild. Wir wollen versuchen seine Musik und seine Virtuosität im Geburtsort Raiding dem Publikum zu erschliessen», lautet das Credo der beiden Burgenländer. 2018 feiern sie nicht nur ihre 10. Saison als Intendanten, sondern verweisen auch auf stolze 50 Jahre Liszt Verein Raiding. In drei Schüben gab und gibt es dazu Programm. Nach einem Block im März bringt das Festival im Juni und im Oktober weitere Konzerte. Liederabende, Kammermusik, natürlich Programme, die vom Klaviervirtuosen Liszt berichten, wenn etwa die Brüder Kutrowatz selbst seine Musik jener von Johann Strauss gegenüberstellen. ■ Informationen: www.lisztfestival.at

Bild: Franz Liszt Zentrum/Ferry Nielsen

Bild: Franz Liszt Zentrum/Ulrich Schwarz

Burgenland

Feiern ihre zehnte Saison als Intendanten: das Pianisten­Brüderpaar Eduard und Johannes Kutrowatz.

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NiederĂśsterreich

KuĚˆhne Architektur, Abendstimmung und glanzvolle Konzerte – Grafenegg verbindet alles das zu einem besonderen Erlebnis.


Niederösterreich

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Naturidylle, Märchenschloss und zeitgenössische Architektur im spannungsvollen Dialog – das Grafenegg Festival

Bild: Grafenegg Festival/Alexander Haiden

Wolkenturm und Tudorzinnen


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Niederösterreich Knappe siebzig Autokilometer von Wien entfernt, findet sich ein aussergewöhnlicher Veranstaltungsort für Konzerte mit klassischer Musik: Das Grafenegg Festival lockt seit zwölf Jahren im Sommer mit englischem Park, Schloss, gewagter Konzertarchitektur, Wein, Kulinarik und vor allem international bekannten Interpreten. Künstlerisch steht dem Festival seit Anbeginn der Pianist Rudolf Buchbinder vor. Stefan Musil

Bild: Marco Borggreve

Kommt man von Wien, ziehen links die dichten Auwälder der Donau vorbei. Rechts fallen sanft, mit Wein bewachsene Hügel ab, liegen die beschaulichen Ortschaften des Wagram, einer alten Kulturlandschaft in Niederösterreich. Würde man weiterfahren, käme man bald nach Krems und in die berühmte Wachau. Davor jedoch beeindruckt am rechten Wegesrand plötzlich ein imposanter englischer Landschaftspark und

inmitten ein imposantes Bauwerk im Tudorstil: Grafenegg. Die Wurzeln der Anlage reichen ins Mittelalter zurück, seine heutige Gestalt erhielt es Mitte des 19. Jahrhunderts. Was lange wie ein verwunschenes Märchenschloss brachlag, ist heute aus der österreichischen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Seit den 1970er-Jahren gab es immer wieder Bemühungen, das Areal mit Kulturaktivitä-

Rudolf Buchbinder: «Inzwischen glaube ich, dass ein Erfolgs­ geheimnis von Grafenegg seine Atmosphäre ist.»

ten zu beleben. Das hat so richtig erst ab 2007 funktioniert, als man ein Musikfestival etablierte, das sich schnell in die erste österreichische Reihe vorspielte. Der Pianist Rudolf Buchbinder steht ihm seit Beginn an künstlerisch vor. Er erinnert sich: «Wenn man heute zurückblickt, erscheint auch mir das ganze Unterfangen manchmal noch ungeheuer wagemutig. Ein Orchesterfestival zu gründen, noch dazu auf dem Land! Aber die Triebkraft war purer Idealismus. Und dann ging alles ganz schnell. Auf der einen Seite standen die künstlerischen Visionen, auf der anderen Seite gab es einen starken politischen Willen. Richtige Vorbilder gab es für das, was wir vorhatten, nicht. Natürlich kannten wir alle Tanglewood, Glyndebourne und die anderen Sommerfestivals, in denen es auf der einen Seite um grossartige Interpretationen, auf der anderen aber auch immer um Inspiration ging. Aber die Gegebenheiten vor Ort liessen rasch klar werden, dass Grafenegg anders sein muss. Die Grundidee war: Die besten Orchester der Welt in entspannter Atmosphäre und zu leistbaren Preisen zu präsentieren. Aber plötzlich standen wir vor der entscheidenden Frage: Wo werden diese Orchester denn auftreten?» Man liess sich daher vom Architektenduo «the next ENTERprise», von Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs, eine dynamisch dekonstruktivistische Architektur aus Beton, Stahl und Glas in eine Senke des Schlossparks bauen. Den sogenannten «Wolkenturm», ein Freiluft-Auditorium für 1700 Sitzplätze und 300 Rasenplätze, das sich nicht nur als Konzertarchitektur bestens bewährt, sondern längst ein Wahrzeichen wurde. 2008 kam mit dem Auditorium (Architekten schröder schulte-ladbeck und Dieter Irresberger) ein moderner Konzertsaal dazu, der über das ganze Jahr und bei Schlechtwetter genutzt werden kann. Ein eleganter Bau, der sich hinter die historische Reithalle schmiegt. Buchbinder gerät ins Schwärmen, wie sehr «die atemberaubende Architektur besticht. Dazu die einmalige Klangqualität, die Natur, die Sommerabende… Ja, ich denke, diese Verbindung von historischem Schloss und moderner Architektur, das Miteinander


Niederösterreich von Park und Bühne, das funktioniert in Grafenegg wie an sonst keinem anderen Ort.» Wie schnell sich der Erfolg einstellte, hat ihn selbst überrascht. Noch gut hat er seinen ersten Sommer in Erinnerung: «Wir haben Künstler wie Zubin Mehta oder Renée Fleming angefragt, und sie alle wollten Bilder der Bühnen sehen. Aber die war ja noch gar nicht fertig. Wir selber wussten ja nicht, wie das am Ende wirklich klingen würde. Das Einzige, was wir vorweisen konnten, war eine grosse Baugrube inmitten des 32 Hektar grossen Schlossparks. Wenn ich mir das heute überlege, bin ich diesen Künstlern der ersten Stunde noch immer dankbar, dass sie uns vertraut haben. Heute ist Grafenegg beim Publikum wie bei den Orchestern und Solisten etabliert. Wir haben ein Stammpublikum, das zum grossen Teil aus der Region und aus Wien kommt. Rund fünf Prozent unserer Zuschauer kommen aus dem Ausland. Und wir wollen diese Quote Jahr für Jahr steigern.» Saison für Saison haben Buchbinder und sein Team auch am inhaltlichen Konzept gefeilt. Inzwischen kann man von Mitte Juni bis Mitte September durchgehend Konzerte anbieten. Ausserdem wurden immer wieder neue Formate entwickelt, etwa «Préludes» am Nachmittag im Schlosshof, «Late Night Sessions» nach den Konzerten und mit 2018 auch Musik im Park: «Wir bespielen also das gesamte Schloss- und Parkareal. Übrigens sind diese einführenden oder weiterführenden Konzerte allesamt in einem Ticket inkludiert», so Buchbinder.

Am 21. Juni startet man mit der Sommernachtsgala. Von 30. Juni bis 11. August unterhält man mit zahlreichen Sommerkonzerten. Das eigentliche «Grafenegg Festival» findet anschliessend, von 17. August bis 9. September, statt. Es versammelt in diesem Jahr Orchester wie die Staatskapelle Dresden, das Mariinsky Orchestra aus St. Petersburg, die Filarmonica della Scala di Milano, die Wiener Philharmoniker – unter Dirigenten wie Christoph Eschenbach, Valery Gergiev, Franz Welser-Möst, bringt die Pianistin Hélène Grimaud, SpitzengeigerInnen wie Nikolaj Znaider, Hilary Hahn, Lisa Batiashvili, Sänger wie die Tenöre Jonas Kauffmann und Juan Diego Flórez nach Niederösterreich. Der junge Brite Ryan Wigglesworth ist dieses Jahr der Composer in Residence, den sich Grafenegg jedes Jahr leistet. Natürlich musiziert auch der Hausherr Rudolf Buchbinder, in der 12. von ihm verantworteten Saison: «Ich programmiere, im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen,

ohne ein jährliches Motto, ohne den Versuch, die einzelnen Konzerte in einen Rahmen zu zwängen. Für mich ist jeder Konzerttag einzigartig. Wir setzen die Konzerte in Zusammenhang mit einem Rahmenprogramm, mit vielen unterschiedlichen kleineren und grösseren Formaten. Grundsätzlich habe ich nur eine Prämisse: Die besten Musikerinnen und Musiker sollen nach Grafenegg kommen und ihr Bestes zeigen. Inzwischen glaube ich, dass ein Erfolgsgeheimnis von Grafenegg seine Atmosphäre ist. Die Lust am Leben, die Lust an Begegnungen, die Lust, sich abseits der Metropolen in einem intimen Rahmen zu treffen. Dazu gehört auch ein regionaler Wein nach dem Konzert, ein gutes Essen, ein inspirierender Spaziergang durch den Park. All das zählt zu unserem Konzept: Musik, die in Grafenegg aufgeführt wird, soll leidenschaftlich sein, frei und begeisternd.» ■ Informationen: www.grafenegg.com

DER BESONDERE TIPP Weingut Nikolaihof Wachau Das älteste Weingut in Österreich ist alles andere als verstaubt. Biodynamik wird hier gelebt – alle Weine werden nach den strengen Demeter-Richtlinien produziert. Das Ergebnis: Weine von höchster Qualität, die auch international auf Begeisterung stossen. www.nikolaihof.ch

Sommerfrische der Wiener Schauspieler-Prominenz Setzen erfolgreich einen Kontrapunkt zu den zahlreichen Musikfestivals – die Festspiele Reichenau Wenn Sie das lesen, ist es schon viel zu spät: Die Vorstellungen bei den Festspielen Reichenau sind ausverkauft; mit viel Glück kann man am einen oder anderen Abend noch eine Restkarte erwerben. Das Erfolgsrezept des vom Intendantenehepaar Renate und Peter Loidolt seit genau 30 Jahren veranstalteten Festivals enthält drei wesentliche Ingredienzien: 1) Der Genius loci: Das Semmering-Rax-Gebiet war zur vorletzten Jahrhundertwende ein beliebtes Ferienziel des Wiener Bürgertums; mondäne

Grand Hotels und prächtige Villen zeugen noch heute davon. Auch Schriftsteller wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Karl Kraus waren hier oft zu Gast. Die Festspiele Reichenau schliessen an diese Tradition an, Werke von Schnitzler & Co. bilden das Rückgrat des Spielplans. 2) Die Schauspieler: Die Besetzungszettel in Reichenau kommen dem Wiener Theaterpublikum bekannt vor; es spielen fast ausschliesslich Schauspielerinnen und Schauspieler aus den Ensembles von Burg und Josefstadt.

3) Die Regie: Kritiker lästern gerne, Reichenau sei ein Refugium für Regietheater-Geschädigte. Sagen wir so: Regie spielt in Reichenau nicht die dominante Rolle, die sie im zeitgenössischen Sprechtheater sonst innehat. Eine Zeitlang haben die Festspiele Reichenau auch das leerstehende Südbahnhotel – einst das erste Haus am Platz, jetzt ein schlafender Riese – am nahegelegenen Semmering als Spielstätte genutzt. Inzwischen wird nur noch im Theater Reichenau (erbaut 1926)

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Niederösterreich gespielt, und zwar auf zwei Bühnen. Neben dem Grossen Saal, einem Guckkasten mit 377 Plätzen, wird seit 2005 auch der «Neue Spielraum» genutzt, der als Arenabühne angelegt ist und 312 Plätze bietet. An den Wochenenden, wenn an beiden Spielorten täglich je zwei Vorstellungen angesetzt sind, werden in Reichenau also an einem Tag fast 1400 Karten verkauft. Aber die sind, wie gesagt, schon alle weg. Wer 2019 dabei sein möchte: Schriftliche Bestellungen sind ab Februar möglich; wer Karten für mehrere, verschiedene Stücke bestellt, wird vorrangig behandelt. Viel Glück!

Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Domov

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Wolfgang Kralicek Spielen diesen Sommer in Arthur Schnitzlers «Das Vermächtnis»: Nanette Waidmann, Stefanie Dvorak, Joseph Lorenz und Regina Fritsch.

Informationen: www.festspiele­reichenau.com

Weltmusik im Weltkulturerbe Nicht nur für Touristen ist die Wachau der attraktivste Teil von Niederösterreich. Die Gegend rund um das hübsche Städtchen Krems an der Donau steht seit 2000 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Einige der besten Weissweine Österreichs werden hier angebaut, das Klima ist angenehm (sonst würde sich der Wein hier ja nicht so wohlfühlen), die malerische Flusslandschaft fast schon kitschig schön. Und dann ist da noch das Festival Glatt & Verkehrt, das seit 21 Jahren Weltmusik ins Weltkulturerbe bringt. Weltmusik meint in diesem Fall zeitgenössische Musik, die sich ihrer historischen, ethnischen Wurzeln hörbar bewusst ist. Programmiert wird das Festival erfreulich undogmatisch, das stilistische Spektrum ist entsprechend gross. Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf österreichischer Musik (Stichworte: Neue Volksmusik, Neues Wienerlied), aber auch amerikanischer Folk und Jazz oder Musik aus Afrika oder Asien sind vertreten, oft treffen in einem Konzert auch verschiedene musikalische Welten zusammen. Daran wird sich auch unter dem neuen Leiter Albert Hosp nichts ändern. Für 2018 hat Hosp Musikerinnen und Musiker aus Albanien, Argentinien, Australien, Ägypten, Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Indien, Irland, Italien, dem Kongo, Madagaskar, Mali, den Niederlanden, Polen Schweden, Spanien, Ungarn und den USA eingeladen. Das Programm konzentriert sich auf die Wochenenden, ein Gutteil des

Bild: Glatt&Verkehrt/Chr. Bochdansky

Glatt & Verkehrt – Wein und Musik, in idealtypischer Form vereint

Stimmungsvolle Spielorte, musikalisch offen – und in enger Verbindung mit dem Wein – das macht das Wachauer Festival «Glatt & Verkehrt» einzigartig. Publikums reist aus dem etwa 80 Kilometer entfernten Wien an (es wird ein Busshuttle angeboten) und verbindet den Konzertbesuch mit einer Landpartie. Neben der Landschaft zählen auch die Spielorte zu den Attraktionen von Glatt & Verkehrt. Musiziert wird etwa im Kloster zu Spitz, im Arkadenhof der Kremser Minoritenkirche oder im Gasthof Salzstadl, wo zum Mittagessen «Tafelmusik» geboten wird. Das Herz des Fes-

tivals aber ist der Hof der Winzer Krems; dort, in den Weinbergen am Rande der Stadt, kommt in idealtypischer Form zusammen, was seit der Antike zusammen gehört: Wein und Musik.

Wolfgang Kralicek Informationen: www.glattundverkehrt.at


inserate Wien. Lilli Hollein, Direktorin Vienna Design Week 1972 geboren, wächst Hollein in Wien auf, studiert Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst, arbeitet als Journalistin und Kuratorin mit Fokus auf Design und Architektur. Sie gründet 2007 mit Design­ expertin Tulga Beyerle und Kurator Thomas Geissler als «Neigungsgruppe Design» die Vienna Design Week.

« Die Stadt ist offen für die Kreativindustrie, unterstützt und wertschätzt sie. Das finde ich wesentlich.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust auf Klassik, um Modernes zu erleben? austria.info: Design in Wien: Wo ist das offen-

sichtlich? Lilli Hollein: Nichts steht mehr dafür als die stadtumspannende Vienna Design Week, bei der wir jedes Jahr in andere Fokusbezirke gehen, die abseits der üblichen Pfade liegen. Wien ist die Gesamtheit der Vielfalt und Unterschiedlichkeit seiner Gegenden. Ich mag die polierten Ecken der Stadt, die bepflanzten Verkehrsinseln, aber auch das Raue, Industrielle, die hässlichen Ecken.

austria.info: Sie leben mit Ihrer Familie in Wien. Wie erleben Sie die Stadt mit Kind? Lilli Hollein: Die Freizeitangebote sind in Wien

leicht erreichbar, mit der U-Bahn sind wir im Sommer rasch an der Alten Donau zum Bootfahren, zum Eislaufen beim Wiener Eislaufverein im Winter gehen wir zu Fuss. Am Wochenende nehmen wir auch viel vom Kulturangebot in Anspruch. Und wir gehen viel essen – nach einem Spaziergang im Prater ins Lusthaus, nach dem Eislaufen in die Intermezzo Bar des InterContinental. Ich gehe extrem gerne essen und liebe es, dass in Wien noch so hemmungslos getrunken wird.

Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

mischertraxler.com

Light Volumes

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Ti r o l

Passionsspielhaus und futuristisch anmutendes Festspielhaus – in Erl passt dieses Spannungsverhältnis zu einem Festival, das bewusst seinen eigenständigen Weg geht.

Wie aus einer Idee eine Erfolgsgeschichte wurde: Gustav Kuhn und die Tiroler Festspiele Erl

Der grüne Hügel in Erl Vor zwanzig Jahren starteten die Tiroler Festspiele in Erl. In dieser Zeit hat sich die Reihe längst vom Geheimtipp zu einem «Must» entwickelt, zumal inzwischen auch der Winter bespielt wird und nicht nur der Sommer. Das ermöglicht das grosse Festspielhaus, welches Ende 2012 feierlich eröffnet wurde. Es ist die Hauptbühne des Festivals, neben dem luftigen «Passionsspielhaus» im Sommer. Hinter alledem steht ein Mann: der Dirigent Gustav Kuhn. Als Gründer und künstlerischer Leiter der Festspiele ist er nicht nur die treibende Kraft, sondern verkörpert geradezu die «Marke Erl». Marco Frei Die Vision ist nicht zu übersehen. Sie ragt aus dem Felsen heraus, eine eindrucksvolle Skulptur vor schönster Alpenkulisse. Wer von Deutschland kommend, dem

Inntal-Dreieck, auf der Autobahn gen Kufstein fährt, sieht zur linken Hand das imposante Gebäude. Satte, grüne Wiesen und strahlend blauer Himmel, dazu das

friedliche Geläut der Kuhglocken: Zugegeben, inmitten dieser alpinen «Heidi-Idylle» wirkt das futuristische Gebilde ziemlich schräg. Auf den ersten Blick.


DER BESONDERE TIPP Festung Kufstein mit Heldenorgel Majestätisch thront die 800 Jahre alte Festung über der Stadt. Neben Museen und Ausstellungen beheimatet sie auch die grösste Freiorgel der Welt, die täglich um 12 Uhr und im Sommer zusätzlich um 18 Uhr erklingt. www.kufstein.com

Gustav Kuhn: «Wir wollen ein Festival der Auseinander­ setzung sein.»

«Gesamtkunstwerk» nannte. Im Grunde setzt Kuhns «Erler Hügel» die originäre, diskursive, multikünstlerische Festspiel-Idee von Wagner fort. Dazu passt auch, dass Kuhn nun ebenso als Bauherr für das Festspielhaus agierte: so wie einst Wagner in Bayreuth. Und der Entwurf des Wiener Architektenbüros Delugan Meissl ist fraglos ein «Hingucker». Wie eine Felsformation, die sich in die Landschaft einfügt, wirkt das anthrazitfarbene Gebäude. Das in Weiss gehaltene Foyer greift wiederum organische Formen auf, mit runden Ecken und Asymmetrien. Aus der grossflächig verglasten Westfassade blickt man auf die bayrischen Voralpen, zugleich ist das Gebäude von aussen einsehbar. Drinnen im steil aufsteigenden Saal dominiert helles Holz. Mit einer Fläche von 160 Quadratmetern zählt der Orchestergraben zu den grosszügigen in der Klassikwelt. Hier sitzt zuvorderst das hauseigene «Orchester der Tiroler Festspiele Erl».

Bild: Lolin/TVB Kufsteinerland

Aber das passt vortrefflich zu einem Festival, das nicht den «Mainstream» bedient: programmatisch und interpretatorisch. Ob grosses Klassikerbe oder Volksmusik, Zeitgenössisches und Jazz, Performance oder Comedy: In Erl schliesst sich nichts aus. Alles ist möglich hier, eben auch ein modernes Festspielhaus in herrlichster Natur. Es ist die jüngste, wintertaugliche Bühne der Tiroler Festspiele in Erl. Schlappe zwei Jahre wurde gebaut und getüftelt, bis Ende Dezember 2012 die feierliche Eröffnung steigen konnte. Verzögerungen mit horrenden Kostenexplosionen? In Erl gab es das nicht. Die neue Spielstätte steht direkt neben dem «Passionsspielhaus». Hier fiel 1997 der Startschuss für die Tiroler Festspiele. Gustav Kuhn hat die Reihe gegründet, damals noch als reines Sommer-Festival. Der Dirigent firmiert als künstlerischer Leiter. «Wir wollen ein Festival der Auseinandersetzung sein», erklärt Kuhn. Ein Festival eben, bei dem Werke und Programme unterschiedlicher Epochen, Stile und Genres gemischt, miteinander verknüpft und in einem gemeinsamen Kontext gestellt werden sollen. Diese Auseinandersetzung bedeutet bei Kuhn stets auch, die «Idee einer aus der Musik heraus entwickelten szenischen Denkweise» zu verfeinern. So verwundert es nicht, dass das Musiktheater eine tragende Säule des Festivals ist: zumal die Opern von Gioacchino Rossini oder Giuseppe Verdi, nicht zuletzt aber Richard Strauss und Richard Wagner. Mit diesem Profil hat Kuhn das Musikleben im überreichen Dreieck zwischen München, Innsbruck und Salzburg gewaltig durcheinander gewirbelt. Immerhin gibt es in Garmisch-Partenkirchen ein Richard-Strauss-Festival, und an der Bayerischen Staatsoper zählen Strauss und Wagner zu den «Hausgöttern»: ganz zu schweigen von den Salzburger Festspielen. Auch stramme Wagnerianer aus Bayreuth finden sich schon längst in Erl ein, um Kuhns zupackende, musikdramatische Sicht auf Wagner zu erleben. Und tatsächlich: Erl ist das, was Wagner einst

Bild: Tiroler Festspiele Erl/Xiomara Bender

Bild: Tiroler Festspiele Erl/Peter Kitzbichler

Ti r o l

Seine Mitglieder werden nicht jede Saison neu eingekauft, sondern: Spitzenmusiker aus grossen Orchestern spielen gemeinsam mit hochkarätigen Jungtalenten. Die Mehrzahl kennt Kuhn schon seit Jahren persönlich, und das gilt auch für die Gesangssolisten. Hier profitiert Kuhn von dem Gesangswettbewerb «Neue Stimmen» der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, den er seit 1987 als künstlerischer Leiter betreut, sowie von seiner «Accademia di Montegral». 1992 gegründet, ist diese Akademie seit dem Jahr 2000 in einem aufgehobenen Kloster bei Lucca in der Toskana beheimatet. Hier kümmert sich Kuhn auch um den Sänger- und Musikernachwuchs, den er nicht zuletzt für Erl rüstet. Zudem wurde in Erl eine «Orchesterakademie der Tiroler Festspiele» ins Leben gerufen, eine ganzjährig aktive Talentschmiede, bei der Profimusiker aus Spitzenorchestern den Nachwuchs betreuen: nachhaltig, hochqualifiziert, auch in Einzelunterricht. Dazu wird das Festspielhaus zum «Music Education Center» (MEC). «Unser Ziel ist es, mit den Teilnehmern der Orchesterakademie nicht nur einen Pool an begabten Nachwuchsschülern aus der Region zu kreieren, auf den wir direkten Zugriff haben», so Kuhn. Damit wird inzwischen auch eine Kammer- und Klavierreihe angeboten, um ebenso zwischen Sommer und Winter Musik erklingen zu lassen: in der Zeit dazwischen also. Parallel ist eine «Chorakademie der Tiroler Fest-

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Ti r o l spiele» aktiv. Seit 2007 werden die Stimmen umfassend geschult: von Barock über Belcanto und Beethoven sowie Brahms und Verdi oder Wagner und Strauss bis hin zur Moderne. Mit diesem ganzheitlichen Engagement wird ein Gesamtprofil geschärft, mit dem in Erl regelmässig eigene Akzente gesetzt werden. Als 2012 der Erler «Lohengrin» vom Stapel ging, wurde Realität, was von Beginn der Tiroler Festspiele an eine zentrale Vision von Kuhn war, nämlich: alle zehn grossen Wagner-Opern zu dirigieren und selbst zu inszenieren. Und der Erler Wagner von Kuhn hat sich längst in aller Welt herumgesprochen: Vor

drei Jahren folgte eine Einladung nach China, um dort erstmals überhaupt «Tristan und Isolde» sowie die «Meistersinger von Nürnberg» aufzuführen. In Shanghai wurde überdies der legendäre, kultige «24-Stunden-Ring» aus Erl gezeigt: samt den Walküren, die auf Mountainbikes herniederjagen. Das ist er eben, der «Erler Stil»: szenisch klug reduziert und stets mit einer Prise Humor. Was wird in diesem Erler Sommer 2018 gegeben? Neben dem «Erler Ring» ist in diesem Jahr bei den Tiroler Festspielen zudem die Wagner-Oper «Tannhäuser» zu sehen. Überdies wird zwischen dem 5. und 29. Juli die Oper

«Ermione» von Gioacchino Rossini realisiert, dazu ein umfangreiches Kammer- und Konzertprogramm. Vom zweiten Weihnachtstag bis zu den Heiligen Dreikönigen, wenn die Musiktheater in der Regel pausieren, steigt – wie jedes Jahr – in Erl das Winterfestival. Diesmal steht Giacomo Puccinis «La Bohème» auf dem Programm sowie «La Sonnambula» von Vincenzo Bellini und «L’occasione fa il ladro» von Gioacchino Rossini. Auch hier ergänzt ein musikalisches reiches Rahmenprogramm den Opernreigen. ■ Informationen: www.tiroler­festspiele.at

Innsbruck und seine barocke Musiktradition Bei den diesjährigen Festwochen der Alten Musik widmet man sich in Innsbruck nicht nur Opern von Hasse und Cavalli, sondern wagt sich erstmals historisch informiert in die Romantik vor. klangs über Österreichs Grenzen hinaus etablieren. Sie schliessen dabei an eine grosse Tradition an. Bereits die Tiroler Landesfürsten im 16. und 17. Jahrhundert unterhielten bedeutende Hofkapellen. Unter Erzherzog Ferdinand Karl fanden Mitte des 17. Jahrhunderts prunkvolle Opernaufführungen – im ersten freistehenden Operntheater des deutschsprachigen Raumes – statt. Die Oper ist auch heute noch zentrales Element der Festwochen, begleitet von einem Konzertprogramm an historischen Stätten, in Kirchen, auch im öf-

Bild: Festwochen/Sandra Hastenteufel

Die 600-jährige Zugehörigkeit Tirols zu Österreich ist schuld daran, dass sich ab 1963 Innsbruck zu einem Zentrum für die Pflege Alter Musik entwickelte. Zum Jubiläum fand ein entsprechendes erstes Konzert im Spanischen Saal von Schloss Ambras statt. Es war die Initiale für die Ambraser Schlosskonzerte, die heute noch den Auftakt zu den Festwochen der Alten Musik bilden. Letztere gingen aus einer ersten Innsbrucker Woche für Alte Musik, 1976 abgehalten, hervor. Die Festwochen konnten sich bald als bedeutendes Festival für Fans des Original-

fentlichen Raum. Das Repertoire reicht dabei vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert. Die Grossen des Originalklangs gaben sich über die Jahre die Ehre: Harnoncourt, Gardiner, Savall, Koopman, Brüggen, Leonhardt oder Kuijken. Von 1991 bis 2009 prägte Dirigent und Countertenor René Jacobs das Festival höchst erfolgreich. Alessandro De Marchi folgte ihm 2010 als Intendant nach. Er hat inzwischen auch die zweite Generation der Alte-Musik-Stars wie Giovanni Antonini, Christina Pluhar, Rinaldo Alessandrini oder Fabio Biondi nach Innsbruck geholt. 2018 wagt sich De Marchi mit Saverio Mercadantes Oper «Didone abbandonata», 1823 uraufgeführt, erstmals an die Schnittstelle zur Romantik. Jürgen Flimm inszeniert. Ergänzt wird mit einer halbszenischen Produktion von Johann Adolf Hasses «Semele». Noch früher und jünger wird es bei Cavallis «Gli amori d’Apollo e di Dafne», das mit Gewinnern des letztjährigen Internationalen Gesangswettbewerbs für Barockoper Pietro Antonio Cesti besetzt ist. Seit 2010 sichert dieser Wettbewerb mit der Suche nach dem besten Nachwuchs die Innsbrucker Zukunft.

Stefan Musil Alessandro De Marchi wagt sich diesen Sommer an die Schnittstelle zur Romantik.

Informationen: www.altemusik.at


inserate Kufstein. Brigitte Weninger, Autorin Brigitte Weninger startete 2016 mit ihrem Bruder Thomas die glück.tage und holt seitdem jedes Frühjahr Glücksexperten, ­suchende und ­finder zum Austausch ins Kufsteinerland Sie hat bis heute mehr als 60 Bücher in mehr als 40 Sprachen publiziert.

« Glück ist für mich das wunderbare Gefühl, wenn plötzlich alles rund wird.»

Österreich. Die Kunst des Entdeckens.

Lust auf Natur und Kultur, um das Glück zu finden? austria.info: Sie sind hier aufgewachsen. Wo überrascht Sie Ihre Heimat immer wieder? Brigitte Weninger: Bei der Blauen Quelle in

Erl. 50 Meter neben der Bundesstrasse, hinter dem Gasthaus Blaue Quelle, sprudelt die grösste Trinkwasserquelle Österreichs. Es ist eine Lagune, ein Ort, an dem man sich immer wieder verwundert fragt: «Wo bin ich hier?» Viele Festspielleute kommen hierher. Und die Fische – Forellen und Saiblinge – werden in der Lagune im Gasthaus Blaue Quelle angeboten. Die Buchweizentorte ist ebenfalls äusserst empfehlenswert. austria.info: Stichwort: Festspiele. Wo geniessen Sie Kunst und Kultur? Brigitte Weninger: Im neuen Kultur Quartier in

Kufstein, das nun einst in der Stadt verstreute Orte für Musik, Theater und Kabarett vereint, und im Festspielhaus in Erl. Beide Orte sind ganz modern, vibrieren vor Kreativität und sind in sich Potenziale. Im arte Hotel, das zum Kultur Quartier gehört, bringe ich auch gerne Künstler, die auf Besuch sind, unter. Das ganze Interview und noch mehr Entdeckungen auf:

austria.info/die-kunst-des-entdeckens

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Wien

Wie Tanz die Stadt in Bewegung bringt Bild: Impulstanz Wien/Gerlinde Hipfl

Impulstanz – Vienna International Dance Festival lebt vor, dass «Festival» von «Fest» kommt

Impulstanz hat den Tanz in Wien stark gemacht – und strahlt inzwischen längst international aus.

Festival kommt von Fest. Bei kaum einem Festival wird das so deutlich wie bei Impulstanz, dem grossen Wiener Sommerfestival für Tanz und Performance. Intendant Karl Regensburger legt nicht nur Wert auf ein möglichst starkes Programm, er bemüht sich auch darum, Festivalstimmung entstehen zu lassen. Die grossen Impulstanz-Partys etwa, die am Beginn und am Ende des Festivals steigen, werden unter Ausgeh-Experten unter anderem deshalb geschätzt, weil dort überdurchschnittlich viel getanzt wird. Vor allem aber betreibt Impulstanz mit der im Vestibül des Burgtheaters eingerichteten «Festival Lounge» einen täglich geöffneten Club, in dem sich das Festivalpublikum nach den Vorstellungen treffen und bis in die frühen Morgenstunden selber tanzen kann. Das Angebot wird dankend angenommen, die Lounge ist jeden Abend brechend voll. Für die Theaterstadt Wien erfüllt Impulstanz zwei wichtige Funktionen. Erstens ist das Festival eine Art Urlaubsvertretung für die Bühnen der Stadt, die im Juli und August Theaterferien machen. Impulstanz mietet sich im Akademietheater, im Kasino, im Volkstheater, im Odeon, im Schauspielhaus und anderswo für vier Wochen ein und sorgt in manchen Theaterhäusern für Auslastungszahlen, von denen sie während der regulären Saison nur träumen können. Zweitens hat Impulstanz den Tanz in Wien stark gemacht. Wenn die zeitgenössische Tanzperformance-Szene der Stadt heute international erfolgreich ist – man denke an Künstlerinnen und Künstler wie Doris Uhlich, Philipp Gehmacher,

Chris Haring oder Simon Mayer –, dann ist das nicht zuletzt der Pionierarbeit von Impulstanz zu verdanken. Inzwischen gibt es in Wien Institutionen wie das Brut oder das Tanzquartier, wo die Szene ganzjährig andocken kann. Als internationales Schaufenster für heimische Acts aber ist Impulstanz immer noch ein wichtiger Faktor, und es spricht für die Festivalmacher, dass sie sich dessen auch bewusst sind. Während andere Festivals prinzipiell nur prestigeträchtige Premieren zeigen, ist man sich hier nicht zu schade, Wiederaufnahmen starker heimischer Produktionen ins Programm zu nehmen. Das riesige Angebot ist stilistisch breit aufgestellt. Der Schwerpunkt liegt zwar auf avancierter Tanzperformance, es gibt bei Impulstanz aber immer wieder auch zeitgenössische Ballett-, Flamenco- oder sogar Bollywoodabende. Einige prominente Künstlerinnen und Künstler sind dem Festival durch die jahrzehntelange Zusammenarbeit eng verbunden. Die flämischen Choreografie-Stars Anne Teresa De Keersmaeker und Wim Vandekeybus etwa sind bei Impulstanz fast jedes Jahr dabei, auch die Kanadierin Marie Chouinard oder die US-Amerikanerin Meg Stuart gehören zu den Stammgästen. Und natürlich der brasilianische Tänzer/Choreograf Ismael Ivo, der Impulstanz mit Karl Regensburger einst mitbegründet hat und noch heute als «künstlerischer Berater» im Team ist. Seit 2001 bietet das Festival in der Reihe [8:tension] jungen Choreografie-Positionen eine Plattform; unter anderem wurde dort einst der Brite Akram Khan, heute ein Tanz-Weltstar, präsentiert.

Als das Festival 1984 gegründet wurde, hiess es noch «Internationale Tanzwochen Wien» und bot ausschliesslich Workshops an. Das erste Performancefestival der Tanzwochen fand 1988 im Theater Der Kreis (dem heutigen Schauspielhaus) statt und bestand aus elf Produktionen. Heute sind es etwa sechs Mal so viele, dazu kommen mehr als 200 Workshops, die in den Werkstätten des Burgtheaters stattfinden. Rechnet man das alles zusammen, ist Impulstanz das weltweit grösste Festival seiner Art. Die Workshops haben auch entscheidenden Anteil an der speziellen Atmosphäre von Impulstanz. Die Kurse richten sich an Anfänger und Profis, an Kinder und Senioren, bringen die Stadt also einerseits buchstäblich in Bewegung. Andererseits besuchen viele Kursteilnehmer abends auch die Vorstellungen des Festivals – weshalb das Publikum von Impulstanz besonders tanzaffin und begeisterungsfähig ist. Damit die Dozenten und Teilnehmer der Workshops mobil sind, bekommen sie von Impulstanz kostenlos Fahrräder zur Verfügung gestellt, deren Farbe zu einem Signal geworden ist. Woran merkt man, dass in Wien wieder Impulstanz ausgebrochen ist? An den vielen pinken Rädern, die durch die Stadt flitzen. Spätestens jetzt ist es höchste Zeit, sich um Karten zu kümmern. Zur Beruhigung kann gesagt werden, dass das Publikum bei Impulstanz eher spontan kauft, man also auch kurzfristig meist noch Tickets bekommt. Und wenn eine Produktion besonders stark nachgefragt wird, wird oft kurzfristig eine Zusatzvorstellung angesetzt – unter Umständen sogar auf Bestellung. Der Wiener Künstler Franz West (1947–2012) war von einer Performance einmal so begeistert, dass er sie unbedingt noch einmal sehen wollte. Weil die daran beteiligten Künstler schon abgereist waren, bot West an, die Anreise aus eigener Tasche zu finanzieren. Impulstanz machte es möglich, die Reprise fand am letzten Tag des Festivals, weit nach Mitternacht, tatsächlich statt; Franz West sass zufrieden lächelnd in der ersten Reihe. Solche Geschichten schreibt nur ein Festival, das Feste zu feiern weiss, wenn sie fallen.

Wolfgang Kralicek Informationen: www.impulstanz.com


service

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Kulturkalender 2018 / 2019

Österreich – Die Festival-Szene SPRACHSALZ, HALL

SALZKAMMERGUT FESTWOCHEN GMUNDEN

TIROLER FESTSPIELE ERL

ST. FLORIANER BRUCKNERTAGE

Salzburg

Niederösterreich

JAZZFESTIVAL SAALFELDEN

ALLEGRO VIVO, WALDVIERTEL

SALZBURGER FESTSPIELE

EUROPÄISCHE LITERATURTAGE, KREMS, SPITZ

14.09.–16.09. 2018 www.sprachsalz.com

ALPENARTE, SCHWARZENBERG 25.10. – 28.10.2018 www.alpenarte.at

12.07. – 19.08.2018 www.festwochen-gmunden.at

05.07. – 29.07.2018; 26.12.2018 – 06.01.2019 www.tiroler-festspiele.at

BREGENZER FESTSPIELE

Bild: FAQ Bregenzerwald / ©Ian Ehm

18.07. – 19.08.2018 www.bregenzerfestspiele.com

12.08. – 18.08.2018 www.brucknertage.at

23.08. – 26.08.2018 www.jazzsaalfelden.com

03.08. – 16.09.2018 www.allegro-vivo.at

21.07. – 30.08.2018 www.salzburgerfestspiele.at

22.11. – 25.11.2018 www.literaturhauseuropa.eu

MOZARTWOCHE, SALZBURG 24.01. – 03.02.2019 www.mozarteum.at

FAQ BREGENZERWALD

06.09. – 09.09.2018 www.faq-bregenzerwald.com

13.04. – 22.04.2019 www.osterfestspiele-salzburg.at

MONTFORTER ZWISCHENTÖNE, FELDKIRCH

Bild: Innsbruck, Schloss Ambras / ©C. Gaio

Tirol

OUTREACH MUSIC FESTIVAL, SCHWAZ

28.06. – 04.08.2018 www.festspiele-stockerau.at

Bild: Ars Electronica / ©Florian Voggeneder

12.07. – 15.07.2018, 25.08. – 02.09.2018, 06.09.2018, 14.09.2018, 03. – 09.10.2018 www.schubertiade.at

02.08. – 04.08.2018 www.outreach.at

FESTSPIELE STOCKERAU

Oberösterreich

SCHUBERTIADE, HOHENEMS

05.04. – 21.04.2019 www.osterfestival.at

01.07. – 05.08.2018 www.festspiele-reichenau.com

07.06. – 10.06.2019 www.salzburgerfestspiele.at/pfingsten

19.09. – 23.09. 2018 www.philosophicum.com

OSTERFESTIVAL TIROL, INNSBRUCK UND HALL IN TIROL

FESTSPIELE REICHENAU

PFINGSTFESTSPIELE SALZBURG

PHILOSOPHICUM LECH

17.07. – 27.08.2018 www.altemusik.at

05.07. – 22.07.2018 www.festivalretz.at

OSTERFESTSPIELE, SALZBURG

27.06. – 30.06.2018 www.montforter-zwischentoene.at

INNSBRUCKER FESTWOCHEN DER ALTEN MUSIK, INNSBRUCK

FESTIVAL RETZ

ARS ELECTRONICA FESTIVAL, LINZ 06.09. – 10.09.2018 www.aec.at/festival

ATTERGAUER KULTURSOMMER 20.07. – 15.08.2018 www.attergauer-kultursommer.at

DONAUFESTWOCHEN IM STRUDENGAU 27.07. – 15.08.2018 www.donau-festwochen.at

GRAFENEGG FESTIVAL 17.08. – 09.09.2018 www.grafenegg.com

GLATT&VERKEHRT, KREMS 13.07. – 29.07.2018 www.glattundverkehrt.at

LOISIARTE, LANGENLOIS 21.03. – 24.03.2019 www.loisiarte.at

INTERNATIONALES BRUCKNERFEST LINZ

OPER KLOSTERNEUBURG, STIFT KLOSTERNEUBURG

04.09 .– 11.10.2018 www.brucknerhaus.at

07.07. – 03.08.2018 www.operklosterneuburg.at

KLASSIK AM DOM, LINZ

SCHRAMMEL.KLANG.FESTIVAL, LITSCHAU

23.06., 05.07., 16.07., 09.08.2018 www.klassikamdom.at

06.07. – 08.07.2018 www.schrammelklang.at

Bild: Wolkenturm Grafenegg / ©Andreas Hofer

Vorarlberg


service SOMMERSPIELE MELK

INTERNATIONALES KAMMERMUSIKFEST LOCKENHAUS

14.06. – 14.08.2018 www.sommerspielemelk.at

impressum

05.07. – 14.07.2018 www.kammermusikfest.at

WELLENKLÄNGE, LUNZ AM SEE

39. Jahrgang, Sommer 2018 Diese Ausgabe erscheint in Zusammenarbeit mit Österreich Werbung

KLANGFRÜHLING FRIEDENSSTADT SCHLAINING

13.07. – 28.07.2018 www.wellenklaenge.at

KLANGHERBST FRIEDENSSTADT SCHLAINING

Redaktionsanschrift: Somedia Production AG Musik&Theater Neugasse 10, CH-8005 Zürich Tel. +41 44 491 71 88, Telefax 044 493 11 76 www.musikundtheater.ch redaktion@musikundtheater.ch

LISZT FESTIVAL RAIDING

Herausgeberin Somedia Production AG Sommeraustrasse 32 Postfach 491 CH-7007 Chur

25.5. – 02.06.2019 www.klangfruehling.com

ZWETTLER STIFTSKLANG 30.06. – 08.07.2018 www.stift-zwettl.at

03.11. – 10.11.2018 www.klangfruehling.com

Wien Bild: ImPulsTanz Wien / ©Karolina Miernik

12.10. – 14.10.2018, 19.10. – 21.10.2018 www.lisztfestival.at

Verlagsleitung Ralf Seelig Tel. +41 81 255 54 56 ralf.seelig@somedia.ch

PICKNICKKONZERTE, SCHLOSS ESTERHÁZY, EISENSTADT

Chefredaktor Andrea Meuli

21./22.07.2018; 18./19.08.2018 www.esterhazy.at

Redaktion Reinmar Wagner, Werner Pfister

SEEFESTSPIELE MÖRBISCH

Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe Rémy Franck, Marco Frei, Benjamin Herzog, Wolfgang Kralicek, Georg Leyrer, Meike Matthes, Andrea Meuli, Stefan Musil, Stephan Thomas, Thomas Trenkler, Reinmar Wagner

12.07. – 25.08.2018 www.seefestspiele-moerbisch.at

IMPULSTANZ

12.07. – 12.08.2018 www.impulstanz.com

Steiermark

JAZZ FEST WIEN

LA STRADA, GRAZ

24.06. – 10.07.2018 www.viennajazz.org

27.07. – 04.08.2018 www.lastrada.at

MUSIKFILM-FESTIVAL RATHAUSPLATZ

MID EUROPE, SCHLADMING

30.06. – 01.09.2018 www.filmfestival-rathausplatz.at

10.07. – 15.07.2018 www.mideurope.at

OSTERKLANG

STEIRISCHER HERBST, GRAZ

Termin 2019 offen www.theater-wien.at

Termin 2019 offen www.festwochen.at

WIEN MODERN

Ende Oktober – Ende November 2019 www.wienmodern.at

HALBTURNER SCHLOSSKONZERTE

30.06., 07.07., 14.07., 21.07., 28.07., 04.08., 11.08., 18.08.2018 www.schlosshalbturn.com

HAYDN FESTIVAL BURGENLAND, EISENSTADT 23.08. – 02.09.2018 www.haydnfestival.at

HAYDN-TAGE SCHLOSS ROHRAU

STYRIARTE, GRAZ 22.06. – 22.07.2018 www.styriarte.com

Kärnten CARINTHISCHER SOMMER 14.07. – 29.08.2018 www.carinthischersommer.at

MUSIKWOCHEN MILLSTATT

21.07. – 22.07.2018 www.schloss-rohrau.at

Mai – Oktober 2018 www.musikwochen.com

HERBSTGOLD, EISENSTADT

TRIGONALE

05.09. – 16.09.2018 www.herbstgold.co

Redaktionelle Kooperationen Musik&Theater +41 44 491 71 88 redaktion@musikundtheater.ch Abonnementverwaltung Kundenservice/Abo Sommeraustrasse 32 Postfach 49 CH-7007 Chur Tel. 0844 226 226, abo@somedia.ch

20.09. – 14.10.2018 www.steirischerherbst.at

WIENER FESTWOCHEN

Burgenland

Anzeigen print-ad kretz gmbh Tramstrasse 11, Postfach, 8708 Männedorf Tel. +41 44 924 20 70, Fax +41 44 924 20 79 E-Mail: info@kretzgmbh.ch

06.09. – 16.09.2018 www.trigonale.com

Herstellung Somedia Production AG

Bild: Styriarte – Schloss Eggenberg / ©Werner Kmetitsch

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Korrektorat Somedia Production AG Copyright Musik&Theater, Somedia AG Alle Rechte vorbehalten Abonnementspreise und -bedingungen 1 Jahr CHF 120.– 2 Jahre CHF 230.– Studenten (mit beigelegter Legitimation): CHF 78.– Schnupperabonnement (2 Ausgaben): CHF 25.– Ausland: 1 Jahr Einzelverkaufspreise:

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Wien

WIENER CHARME myAustrian fliegt mich bis zu 18-mal täglich mit herzlichem Service nach Wien. Und diesen einzigartigen Charme nehme ich mit in die ganze Welt.

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#FEELAUSTRIA

Um das Leben zu spüren und zu begreifen, wecken wir den Künstler in uns. To m O . M a r s h , M u s i k e r

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Profile for Musik Theater

Musik & Theater Austria Special  

Die Sondernummer der Kulturzeitschrift "Musik & Theater" zu den Klassik-Festivals in Österreich 2018

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