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Ausgabe 24

03 | 2016

http://www.museum.de

MAGAZIN M USEUM.DE

Deutsches Historisches Museum, Berlin


Objekt: Schloß Altenburg

Optimal geschützt – durch unser Handwerk. Zertifizierte Museumseinrichtungen Herstellung von Stellwänden

voller Die Welt ist . Inspirationen e Ihr Si Begeistern it den Publikum m hnlichsten außergewö Formen. Farben und

Vitrinen Tischvitrinen Medienmöbel Podeste

Elterleiner Str. 62-64 09468 Geyer Tel.: (037346) 6376 Fax: (037346) 93807


In diesem Heft

Seite

Kunstgewerbemuseum SMB MUSEUMSTREFFEN 2016

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Deutsches Historisches Museum

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Museum Eberswalde

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Moringen - Unser Heimatmuseum

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Spinosaurus. Museum für Naturkunde Berlin 68 Theorie und Praxis für das Museum von morgen

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Studium für das moderne Museum

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Bayerisches Nationalmuseum – Barock und Rokoko

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Historische Authentizität. Einem Gegenwartsphänomen auf der Spur

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Deutsches Bergbau-Museum Bochum

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Bundesvolontärstagung 2016

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Titelseite: Deutsches Historisches Museum in Berlin Foto: © DHM/Vaupel .

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Schöngeister. Es ist das älteste seiner Art in Deutschland und belohnt den Besucher mit einer Ästhetik, die ihn für eine Weile in eine ganz andere Welt versetzt. erlin ist eine Reise wert!

Warum mir ein ähnlich klingender Satz im Zusammenhang mit anderen Städten weniger bekannt ist, hat wohl einen Grund. Berlin bietet mit mehr als 170 Museen ein üppiges kulturelles Angebot, das zu mehrtägigen Besuchen einlädt. Oftmals benötigt man einen Tag, um ein einziges Museum in aller Ruhe besuchen zu können. Es ist die thematische Vielfalt von Museen, die für Kulturfreunde eine nicht enden wollende Bereicherung darstellt. Diese Vielfalt spiegelt sich auch im Angebot der Museen in Berlin wieder. Es stellt sich nicht die Frage, ob man die Museen nach Größe oder Bekanntheitsgrad „abgrasen“ sollte, sondern nach den eigenen Vorlieben und Interessen. Das Kunstgewerbemuseum ist ein Ort für

Das Gebäude am Kulturforum nahe Potsdamer Platz entstand bis 1985 nach den Entwürfen von Rolf Gutbrod und wurde 2014 in weiten Teilen umgestaltet. Auf verschiedenen Rundgängen entdeckt man die Schatzkunst des Mittelalters und der Renaissance, des Barocks und Rokokos bis hin zum Historismus, Jugendstil und Art Déco. In der neuen Modeausstellung begibt sich der Gast über abgedimmte Gänge auf eine Zeitreise durch 150 Jahre Modegeschichte. Wenn Sie am 19. Oktober am MUSEUMSTREFFEN im Deutschen Historischen Museum teilnehmen, bereichern Sie doch den Folgetag mit einem Besuch im Kunstgewerbemuseum. Herzlichst, Ihr Uwe Strauch

Rechts: Prof. Dr. Sabine Thümmler, Direktorin vom Kunstgewerbemuseum- Staatliche Museen zu Berlin Links: Uwe Strauch (Gründer museum.de). Foto: © Ralf Keuthahn

MAGAZIN MUSEUM.DE

Ausgabe Nr. 24

Herausgeber

Bahnhofstr. 4

Telefon 02801-9882072

museum@mailmuseum.de

Druck: Strube Druck & Medien

März 2016

Uwe Strauch, Dipl.-Inf. TU

46509 Xanten

Telefax 02801-9882073

www.museum.de

Vers.: Dialogzentrum Rhein-Ruhr

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Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin Stiftung preußischer Kulturbesitz am Kulturforum Ein Museum für Kunst, Mode und Design in Berlin. Autorinnen: Prof. Dr. Sabine Thümmler, Christine Waidenschlager Alle Fotos: © Ulrich Schwarz, Berlin

Das Kunstgewerbemuseum, gegründet 1867, ist das älteste seiner Art in Deutschland. Am Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz gelegen beherbergt es weltberühmte Zeugnisse des europäischen Kunsthandwerks und Designs und bietet einen systematischen Überblick. Das Spektrum reicht von meisterlich gearbeiteter, mittelalterlicher Goldschmiedekunst bis hin zu industriell gefertigten Serienprodukten der jüngsten Zeit. Schwerpunkt der Mittelaltersammlung des Kunstgewerbemuseums sind die herausragenden Werke kirchlicher Schatzkunst. So zählt das Kuppelreliquiar aus dem Welfenschatz zu den bedeutendsten Grubenschmelzarbeiten des 12. Jahrhunderts. In den für Renaissance und Barock typischen Kabinettschränken bewahrte man eine Vielfalt an Objekten aus Kunst, Natur und Wissenschaft auf. Eines dieser Prunkmöbel, das der Augsburger Kunsthändler und Diplomat Philipp Hainhofer am Anfang des 17. Jahrhunderts für den pommerschen Herzog Philipp II. bauen ließ, war wie eine miniaturisierte Wunderkammer ausgestattet. Das Gehäuse des Schranks verbrannte während des Zweiten Weltkriegs in Berlin, während die zahlreichen, in ihm aufbewahrten Utensilien erhalten blieben. Die klassizistischen Möbel der führenden Neuwieder Werkstatt David Roentgens waren äußerst begehrte Einrichtungsgegenstände. Sie zeichnen sich durch exquisite Marketerien und raffinierte Mechaniken aus. Der Historismus und der Jugendstil sind vielfach durch Objekte vertreten, die bereits seinerzeit auf den Weltausstellungen von so namhaften Herstellern wie Gallé, Lalique oder Tiffany erworben wurden. Bauhausklassiker, Entwürfe der Ulmer Hochschule oder Beispiele des New Organic Look sind im Designbereich genauso vertreten wie Objekte von der Gruppe Memphis und von Stardesignern wie Philippe Starck.

Zur Architektur und Umbau 2014 Das Haus am Kulturforum entstand bis 1985 nach den Entwürfen von Rolf Gutbrod (1910-1999), einem der führenden deutschen Architekten der 1960er-Jahre. Kennzeichnend für seine Architektur ist die Sichtbarkeit konstruktiver Elemente. Das Museum ist als „gebaute Landschaft“ gedacht und nimmt mit seiner Begrünung Bezug auf den benachbarten Tiergarten. Während das Gebäude nach außen geschlossen wirkt, empfängt es den Eintretenden mit einem offenen Treppenhaus und großzügigen Ausstellungsräumen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Zusammenführung der Bestände aus Ost und West wurde zunächst das dazugehörige Kunstgewerbemuseum in Schloss Köpenick restauriert und 2004 als Museum der Raumkunst mit Werken von der Renaissance bis zum Rokoko eröffnet. Als nächster Schritt wurde der Umbau des Museums am Kulturforum geplant und als Neuheit eine umfangreiche Modegalerie eingebaut. Voraussetzung für dieses nicht nur in Berlin, sondern im gesamten norddeutschen Raum einmalige Projekt war der Ankauf der nach ihren Vorbesitzern benannten, international ausgerichteten Modesammlung Kamer/Ruf. Die Staatlichen Museen zu Berlin erwarben im Jahr 2003 dieses hochkarätige Konvolut mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung der Länder. Zwei Jahre später folgte der Erwerb des Archivs von Uli Richter, einem der bedeutendsten deutschen Modedesigner mithilfe der Stiftung Deutsche Klassenlot-

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terie. Beide Erwerbungen bilden die Basis für den neuen Sammlungsschwerpunkt und erfolgten im Hinblick auf eine Neuausrichtung des Kunstgewerbemuseums im Rahmen der geplanten Weiterentwicklung des Kulturforums als Standort der Moderne. Von 2012 bis 2014 wurde der Gutbrod-Bau vom Architekturbüro Kuehn

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Malvezzi in weiten Teilen umgestaltet. Bei der jetzigen Bauaufgabe stand im Zentrum der Überlegungen die Beruhigung der vorgefundenen Architektur Rolf Gutbrods. Das Büro analysierte deutlich, dass der fließende Raum des Gutbrodbaues, die offenen Geschoßverbindungen, die Blickbeziehungen zwischen den Ebenen und der Tageslicht- und Außenraumbezug zu den Innenhöfen für den Bewe-

gungsraum ein großes Potential bilden. Die eingebrachte Architektur von Kuehn Malvezzi zeichnet sich durch einen minimalistischen Ansatz aus, der durch Rationalität, Präzision und Unaufgeregtheit gekennzeichnet ist. Der Neuauftritt des Kunstgewerbemuseums beginnt mit der Umgestaltung des Eingangsfoyers. Die bisherige Situation


wird durch einen klar gegliederten Servicebereich mit Zugang zur Modegalerie vereinfacht. Einrichtungen wie Kasse, Information und Garderobe sind als kubische Einbauten angeordnet und treten durch ihre reduzierte Formensprache im Raum zurück. Das Treppenhaus wird durch die großzügige Ummantelung der waagerechten Treppenelemente vereinheitlicht und zugleich in seiner Skulptu-

ralität betont. Das Wegeleitsystem, das inzwischen den German Design Award 2016 gewonnen hat, erscheint nicht als Objekt, sondern die Architektur wird zugleich zum Träger der Beschriftung. Superzeichen und detaillierte Hinweise lassen den Besucher auf einen Blick erkennen, an welcher Stelle er sich befindet und wohin er gehen möchte. Im Haus werden verschiedene Rundgänge

angeboten: Im Basement Design, im Erdgeschoß die Schatzkunst des Mittelalters und der Renaissance, im Eingangsgeschoß die Mode und im Obergeschoß die luxuriösen Objektgruppen der Renaissance, des Barocks und Rokokos bis hin zum Historismus, Jugendstil und Art Déco.

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Foto: Š museumstechnik berlin

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Eine neue Sammlung Gleich im Eingangsbereich lockt die Modegalerie, eine Passage der Moderne, die die Besucher durch die letzten 150 Jahre europäischer Modegeschichte führt. Die Kleidung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts hingegen wird im Obergeschoss in den entsprechenden Epochenräumen gezeigt und fügt sich dort in den zeitlichen Kontext ein. Diese chronologische Erstaufstellung erlaubt eine facettenreiche Präsentation der Sammlung. In der Abteilung des 18. Jahrhunderts illustrieren voluminöse Roben à la française oder à l’anglaise sowie reichbestickte Herrenanzüge und Westen die galante Mode des Rokokos. Neben diesem kostbaren »Darüber« wird auch das starre »Darunter« der Damenkleidung gezeigt: Ein weit ausschwingender Reifrock und vollversteifte Korsette waren das unbedingte »Muss« zum Erzielen der angestrebten Silhouette mit zurückgenommenen Schultern, hochgedrückter Brust und geradem Rücken über einer schmalen Taille. Diese vom Adel geprägte Kleidung wurde von der Französischen Revolution weggefegt und machte den »Moden der Freiheit« Platz. Zarte Kleider aus weißer Baumwolle mit hoher Taille und schmaler Silhouette, die erstmals und nur für kurze Zeit auf stützende und einengende Unterkleidung verzichteten, bestimmen die Damenmode von 1795 bis 1815.

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de. Hals und Dekolleté erhielten einen Überzug mit einer farblich angepassten Spachtelmasse, die der Oberfläche ein an Porzellan erinnerndes Aussehen verleiht. Darüber hinaus erhielt jedes Kleid eine seiner modischen Linie entsprechende Unterkonstruktion. Die neu gestalteten Abteilungen Jugendstil, Art Déco und Design Im Obergeschoß wird die Abteilung Jugendstil bis Art Déco ebenfalls in einer neuen Ausstellungsarchitektur präsen-

Es folgt das 19. Jahrhundert mit seiner Vielfalt modischer Formen: Biedermeierkleider mit überbreiten Keulenärmeln, weite, erneut vom Reifrock gestützte Krinolinenroben und hoch über dem Gesäß aufgetürmte Cul-de-Paris-Modelle. S-förmig geschwungene, vom Jugendstil geprägte Kostüme und Promenadenensembles charakterisieren das Fin de Siècle. Auch für dieses Jahrhundert kann die passende Unterkleidung präsentiert werden. Die Stahlreifenkrinoline des englischen Herstellers »Thomson’s favorite of the Empress’s« um 1860 und eine Tournüre um 1875 sowie hauteng angepasste, gewebte und genähte Korsette zwischen 1870 und 1900 demonstrieren die nun angestrebte Linie des runden Rückens mit abfallenden Schultern und eingeengter Brust. Die Frauenkleidung des 20. Jahrhunderts wird von einem Who’s who der bedeutendsten Modedesigner vorgestellt, die mit charakteristischen Stücken vertreten sind: Plisseekleider von Mariano Fortuny, das »Kleine Schwarze« von Coco Chanel, Abendkleider von Jeanne Lanvin mit üppiger Stickerei, Modelle von Elsa Schiaparelli, ein Cocktailkleid im New Look von Christian Dior, Yves Saint Laurents Trapezlinie, Cristóbal Balenciagas architektonische Entwürfe, ein fein gefälteltes und drapiertes Kleid von Madame Grès, ein Fourreaukleid von Gianni Versace, das von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird, um nur einige zu nennen. Diese fulminante Schau wird ergänzt um die reiche Fülle passender Accessoires: Hüte, Fächer, Taschen, Schuhe und Schmuck vom 18. bis 20. Jahrhundert. Historische Kleidung gehört zu den anspruchsvollsten Ausstellungsobjekten in

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einem Museum. Sie ist, ähnlich wie Werke der Grafik und der Fotografie, sehr lichtempfindlich und benötigt für ihre konservatorisch korrekte Präsentation Vitrinen, in denen sie staubgeschützt und bei einem Minimum an Licht gezeigt werden kann. Um die empfohlenen 50 Lux effizient zur Geltung zu bringen, wurden die Ausstellungsbereiche zur Schausammlung hin geschlossen und Großraumvitrinen von bis zu 20 qm Grundfläche aus schadstofffreien Materialien errichtet. Jede Vitrine ist mit drei getrennten Lichtsystemen ausgestattet. Ein Wandfluter dient als Grundlicht im Hintergrund. Die eigentliche Objektbeleuchtung erfolgt an der vorderen Deckenkante, eine separate Beleuchtung für die Objekttexte wurde in die vordere Vitrinenunterkante eingelassen. Versetzt zu den Großraumvitrinen befinden sich an den gegenüberliegenden Wandflächen bis zu zwei Meter lange Wandvitrinen für die Accessoires. Beide Vitrinentypen sind so positioniert, dass gegenseitige Spiegeleffekte fast vollständig ausgeschlossen sind. Die Fenster wurden mit stark lichtabsorbierender Folie versehen. So wird den Besuchern trotz der nötigen Lichtreduktion ein Blick nach außen ermöglicht. Diese neutrale Vitrinenausstattung betont die sachliche Präsentation der Objekte, deren inhaltliche Aussage im Mittelpunkt steht, und erlaubt eine konzentrierte Betrachtung und Auseinandersetzung mit Schnitt und Material eines jeden Objekts. Unterstützt wird dieser Ansatz durch die Entscheidung, die Kostüme auf neutralen Büsten zu zeigen. Jede Büste ist eine individuelle Anfertigung, die passformgenau auf das jeweilige Kleid abgestimmt wur-


tiert. Das erste Kabinett beispielsweise ist der Weltausstellung in Paris 1900 gewidmet. Hier finden sich Schmuck von Lalique, Glas von Tiffany oder Porzellanfiguren von Sèvres. Die insgesamt vier thematisch gefassten Kabinette haben im Inneren Bühnen für Möbelstücke und herausragende Exponate, während in den Außenwänden Vitrinen für Objekte zum gleichen Thema eingelassen sind. Auf diese Weise ergeben sich Kontexte im Zusammenspiel, ohne dass Zimmereinrichtungen nachgestellt werden. Die jeweils rückwärtsgewandten Kabinettwän-

de beherbergen Studiensammlungen mit verdichteter Aufstellung zum Thema, um dem interessierten Betrachter eine Vertiefung anzubieten. Ein weiteres Highlight findet sich mit der neu aufgestellten Designsammlung im Basement. Den Besucher empfangen Objekte von Karl Friedrich Schinkel, der sich 1821als einer der Ersten mit Fragen von Gewerbe und Gestaltung in den Vorbilderheften für Fabrikanten und Handwerkern auseinandergesetzt hatte. Es folgen auf Podesten, in Vitrinen und Kabinetten weitere Meilensteine der Designgeschich-

te, wie etwa der Thonet Stuhl Nr. 14 oder die Stahlrohrmöbel, die Marcel Breuer ab 1925 am Bauhaus entwickelt hatte. Ebenso werden die nach wie vor populären Entwürfe von Charles Eames und der Firma Braun mit Dieter Rams gezeigt. Das schlichte, natürliche Skandinavisches Design fehlt ebenso wenig wie die Stardesigner Ettore Sottsass, Philippe Starck oder Konstantin Grcic. Eine Stuhlgalerie ergänzt den Rundgang. Autorinnen: Prof. Dr. Sabine Thümmler, Christine Waidenschlager

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Die Überwindung der Rivalität zwischen Architektur und Ausstellung Von Kuehn Malvezzi

Ausgangssituation Ein fließender Raum mit offenen Geschossverbindungen und Blickbeziehungen zwischen den Ebenen, ein intensiver Bezug zum Kulturforum wie dem Tiergarten und der starke Einfall von Tageslicht durch großflächige Verglasungen gehören zu den Qualitäten des Kunstgewerbemuseums, das von Rolf Gutbrod entworfen und 1985 fertiggestellt wurde. Damit ist zugleich die Problematik des niederschwelligen, dem Kaufhaustypus entsprechenden Bauwerk als Ausstellungshaus einer der bedeutendsten europäischen Sammlungen angewandter Kunst benannt: Dem fragilen Einzelobjekt wurde das richtungslose Hallenbauwerk in der Vergangenheit kaum gerecht, konservatorisch bedingte Ad-hoc-Maßnahmen wie Vorhänge und Jalousien schützten lichtscheue Exponate in von Tageslicht durchfluteten Raumfolgen und zerstörten so wiederum Gutbrods Raumidee; orientierungslose Besucher fanden in den weitläufigen Räumen weder Halt noch Aufenthalt. Doppeltes Display Die Intervention von Kuehn Malvezzi überwindet diese Rivalität zwischen Architektur und Ausstellung durch die Einführung eines doppelten Displays. Nach innen und nach außen fügt sich eine neue Schicht als Rahmenwerk ein, das die Exponate ebenso ins Recht setzt wie das Bauwerk und den städtischen Kontext. Durch eine Raum-im-Raum-Struktur wird die Ausstellung als Folge von Orten und Stationen in maßgeschneiderten Häusern im Haus erfahrbar, die jeweils mit Licht und Farbe individuell inszeniert sind. Zugleich wirken diese Häuser als weiße Körper nach außen und werden zum Rahmen für Gutbrods Architektur, für die Raumkonstellationen wie für die expressiven Treppenläufe, für das Sichtbetontragwerk wie für die Holzhandläufe und besonders für die großen Verglasungen, die eine landschaftliche Kontinuität mit dem Außenraum herstellen. Von Vorhängen und Jalousien befreit, wird der freie Raum des Kunstgewerbemuseums zu einem erweiterten Stadtraum, der die Idee der Niederschwelligkeit erfüllt und durch seine Transparenz zugleich die Beziehung

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des Museums zum Kulturforum erlebbar macht. Superzeichen Eine weithin sichtbare Bodenmarkierung kündet bereits vor dem Museum den Neuauftritt an. In Zusammenarbeit mit Doublestandards wurde durch rote Superzeichen ein einprägsames Leit- und Orientierungssystem entwickelt, das die räumlichen Konturen des Gutbrod-Baus akzentuiert. Im Inneren markieren die Zeichen den öffentlichen Raum des Hauses und die damit verbundenen Funktionen des Besucherservice. Kasse, Information und Garderobe sind als kubische Einbauten angeordnet und treten durch ihre reduzierte Formensprache im Raum zurück. Im gesamten offenen Foyertreppenhaus wird die Architektur zum Träger der Superzeichen, die dem Besucher auf einen Blick den Weg in die einzelnen Abteilungen weisen. Beispiel Modegalerie Die Integration der Modesammlung Kamer-Ruf bildet einen Schwerpunkt der musealen Erneuerung. Im direkten Anschluss an das Foyer wurde ein eigener Parcours als Raum-im-Raum eingerichtet, der die Entwicklung der Mode vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zeigt. Die Mode-Ausstellung entfaltet sich wie eine theatrale Passage als Folge sehr großer Schaufenster mit lichttechnischen Einzelinszenierungen, während der Bewegungsraum des Besuchers dunkel bleibt. Anhand von rund hundert Figurinen in raumhohen Vitrinen sowie zahlreichen Accessoires erhalten die Besucher einen systematisch-umfassenden Einblick in die Modegeschichte, während die Inszenierung der Exponate sinnlich und unvermittelt ist. Die Präsentation der einzelnen Schaugegenstände entsteht aus dem Zusammenspiel von Oberflächen, Farbgebung und Beleuchtung, die in enger Abstimmung mit den Kustoden und Restauratoren der Sammlung konzipiert wurde. Die Umsetzung – Ein Massanzug Die Raum-im-Raum-Architektur der Modegalerie gleicht einem Maßanzug für ihre Exponate. Die Schaufenster sind als In-

nenräume wahrnehmbar und zugleich so zurückgenommen, dass sie die Figurinen mit den empfindlichen Exponaten maximal zur Geltung bringen. Die abstrakte Wirkung der Räume ist einer fugenlosen Verarbeitung des Mineralwerkstoffes zu verdanken, der aus gestalterischen wie konservatorischen Gründen zum Einsatz kam. Vom Vitrinenbau erforderte dies ein sehr hohes Maß an Präzision im Umgang mit dem Material bei gleichzeitig ungewöhnlich großen Dimensionen der als Räume konzipierten Vitrinen. Auch bei den Fügungen unterschiedlicher Materialen, etwa zwischen Mineralwerkstein, Rahmen und Schaufensterscheibe wurden Sonderlösungen entwickelt. Außerdem galt es, mit den konstruktiven Gegebenheiten des Bestands umzugehen und den technischen Anforderungen an Beleuchtung und Klima gerecht zu werden. Wie bei einem Maßanzug lagen die Herausforderungen bei der Umsetzung der gestalterischen Vorgaben auch hier in den sehr anspruchsvollen Details, die jetzt, nach ihrer Fertigstellung, zumeist unsichtbar sind. Bauherr: Stiftung Preussischer Kulturbesitz – Staatliche Museen zu Berlin Architektur: Kuehn Malvezzzi Fachplaner: Grafik-/Leitsystem: Double Standards, Berlin Lichtplanung: Lichtvision, Berlin Tragwerk: Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer, Berlin HLKS/Elektro: PRG Ingenieurgesellschaft, Berlin Brandschutz: Ingenieurbüro H. Preiß, Berlin Vitrinenbau: museumstechnik, Berlin Beleuchtung: Roblon Realisation: Bauleitung Bauabschnitt 1: Hüssing Architekten, Berlin Bauleitung Bauabschnitt 2: Jahn Architekten, Berlin


Eleganz im Licht Von Lichtvision Design

Klare Struktur. Grafische Elemente Der Charakter des Neuauftritts des Kunstgewerbemuseums vermittelt sich schon in der Umgestaltung des Eingangsfoyers. Die bisherige Situation wurde durch einen klar gegliederten Servicebereich vereinfacht Einrichtungen wie Kasse, Information und Garderobe sind als kubische Einbauten angeordnet und treten durch ihre reduzierte Formensprache im Raum zurück. Die weißen Flächen werden zur Leinwand für das markante Wegeleitsystem von Double Standards. Auch die Beleuchtung folgt grafischen Prinzipien. Ausdruck findet dies in den in Rastern angeordneten Leuchtstofflampen. Der skulpturale Charakter des Foyers sowie des Treppenhauses ist eine gelungene

Symbiose aus der ursprünglichen. 1966 im Geist der Nachkriegsmoderne von Rolf Gutbrod entworfenen. Eintauchen durch einen Tunnel Das Treppenhaus stellt den Ausgangspunkt für den Gang durch die neugestaltete Modegalerie dar. Der Besucher wird über einen schmalen dunklen Tunnel in die Räume der Modegalerie geleitet. Die Tunneldecke wurde in regelmäßigen Abständen mit parallel angeordneten Leuchtstofflampen mit verminderter und gedimmter Leuchtdichte ausgestattet, um den Augen die Möglichkeit zu geben, sich an die geringe Beleuchtungsstärke von 50 lx in der Modeausstellung zu adaptieren

Auf dem Laufsteg durchs Museum Die Modegalerie erstreckt sich über einen 250 m langen Rundgang, überwiegend mit raumhohen Vitrinen sowie mit kleineren Wandvitrinen für Objekte und Accessoires. Die Verkehrsflächen in der Ausstellung werden nur durch das Streulicht der Vitrinen beleuchtet. Im Gang herrscht ein geringes Beleuchtungsniveau von circa 5 lx vor, welches durch die umgebenden dunklen Oberflächen unterstützt wird. Das Auge des Besuchers ist bereits an diesen Level adaptiert und nimmt somit die 50 lx, die auf den Exponaten erzielt werden, besonders brillant und ausdrucksstark wahr. Grundlage der neuen Modegalerie bildet übrigens die 2003 angekaufte inter-

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nationale Sammlung von Martin Karner und Wolfgang Ruf. Aber auch zahlreiche andere Exponate sind zu sehen. Subtil thematisiert ein im Jahr 2006 beim Modehaus H&M verkauftes Brautkleid am Ende der Ausstellung die Position des Modedesigns zwischen Luxusgut und Massenmarkt. Raum- und Akzentlicht für die grossen Vitrinen Mit zwei Lichtinstrumenten werden die schaufenstergroßen Vitrinen mit ihren beeindruckenden Glasfronten und den einheitlichen Farbflächen erhellt. Dabei ist die Lichtlösung speziell für die optimierte Darstellung der für jedes Kostüm eigens gebauten Figurine entwickelt worden. Die Lichtwerkzeuge sind für den Besucher nicht sichtbar in den Kubus integriert. Die Beleuchtung der Vitrinenrückwand erfolgt durch ein lineares, diffus abgedecktes Lichtband, das mit warmweißen LEDs und einem Reflektor bestückt ist. Die direkte Beleuchtung der Exponate übernehmen FiberOptic-Spots, die in einem Slot im vorderen Vitrinendeckel sitzen. Ein Projektor mit einer Halogenglühlampe versorgt die einzelnen Lichtauslässe an deren Enden spezielle Optiken für die passende Lichtverteilung sorgen. Die Modefiguren können so punktgenau mit den fein ausgerichteten Spots inszeniert und Details akzentuiert werden, während das diffus abstrahlende lineare Beleuchtungselement den Raum der Vitrine gleichmäßig ausleuchtet. Alle eingesetzten Lichtquellen garantieren eine sehr gute Farbwiedergabe mit einem CRI über 90. Die Betonung des Schriftfeldes im vorderen Vitrinenboden wird durch eine indirekte Beleuchtung erzielt, welche in Form einer Voute linear der Vitrinengeometrie folgt. Auch hier werden warmweiße LEDs eingesetzt Kostbare Accessoires in kleinen Schaukästen Die kleinen Schaukästen in der Modegalerie sind speziell für die Präsentation von Accessoires wie Uhren, Schuhe, Hüte oder Taschen gestaltet worden. Die Decke sowie der Zwischenboden dieser Vitrinen sind ebenso mit Fiber-Optic-Spots ausgestattet, die sich in einem oberseitig, diffus abgedeckten Kanal befinden. Dadurch wird gewährleistet, dass der Vitrinenraum mit einer gleichmäßigen Beleuchtungsstärke von 50 lx ausgeleuchtet wird. Bei Bedarf lässt sich das Licht weiter herabdimmen.

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Beleuchtung: Roblon • Vitrinenbau: museumstechnik berlin • Alle Fotos: © Ulrich Schwarz, Berlin


MUSEUMSTREFFEN am 19. Oktober im

Foto: © DHM/Ulrich Schwarz

„Museum kommuniziert!“

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Deutschen Historischen Museum Berlin

EINLADUNG In der Automobilindustrie werden jetzt schon die Weichen für die Mobilität der Zukunft gestellt. Milliarden fließen in die Entwicklung autonom fahrender PKWs. Entscheidend für die Technologie sind eine Vielfalt von Sensoren und eine intelligente Kommunikation. Es werden u.a. Informationen über den Zustand des Fahrzeugs, der Route und der Wettersituation miteinander verknüpft und ausgewertet. Kommunikation wird auch direkt zwischen den Autos stattfinden, um ggf. den nachfolgenden Verkehr auf aktuelle Gefahren hinzuweisen. Das alles wird den Straßenverkehr sicherer machen. Man hat fast den Eindruck, der Motor und die Räder werden bald zur Nebensache.

keiten aus der Museums-Szene eingeladen, um in halbstündigen Redebeiträgen über praktische Lösungen im eigenen Museum zu berichten. Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 19.10.2016 im Schlüterhof des DHM statt. In den Pausen können die Teilnehmer die Ausstellungen des Museums kostenlos besuchen. Um weitere aktuelle Informationen zur Tagung zu erhalten, besuchen Sie bitte folgende Webseite, über

die Sie auch zur Anmeldung gelangen: http://www.museum.de/museumstreffen. Für die ganztägige Veranstaltung wird eine Kostenpauschale von 69 Euro erhoben, in der bereits die Verpflegung enthalten ist. Wir sehen uns in Berlin! Uwe Strauch Gründer museum.de

Ein Dankeschön an die Sponsoren der Veranstaltung:

Tagungsmotto für 2016: „Museum kommuniziert!“ Was hat das alles mit Museen zu tun? Auch Museen sollten sich mit passenden „Sensoren“ auf ihre Gäste einstellen und mit ihnen einen dauerhaften Kontakt pflegen. Von zentraler Bedeutung ist und bleibt der reale Besuch von Ausstellungen im Museum. Die Kommunikation mit den Besuchern findet vor Ort statt, umfasst aber auch auch ein weites Spektrum vor und nach dem eigentlichen Aufenthalt. Dadurch ergeben sich drei miteinander verknüpfte Phasen. Damit wir uns gemeinsam zum Thema austauschen können, möchte ich Sie zum MUSEUMSTREFFEN 2016 im Deutschen Historischen Museum nach Berlin einladen. Vorab gilt der Dank den Mitarbeitern des gastgebenden Hauses – allen voran dem Präsidenten Prof. Dr. Alexander Koch vom Deutschen Historischen Museum (DHM). Traditionell sind wieder acht Persönlich-

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Deutsches Historisches Museum Die verschlungenen Wege der Geschichte oder: Nur ein alter Hut. Autor: Boris Nitzsche

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Auf den ersten Blick ist es nur ein Hut. Ein schwarzer, schlichter Filzhut, zwar mit der so bekannten charakteristischen Form, aber trotzdem nichts weiter als ein einfacher Hut. Er ist eines der wichtigsten Sammelstücke des Deutschen Historischen Museums, ein Objekt, das an Symbolkraft kaum zu übertreffen ist. Dieser schwarze Zweispitz hat eine Geschichte, genauer gesagt gleich mehrere. Er erzählt von einer Niederlage, die eine Ära beenden sollte, von einem Mann, der sein Jahrhundert prägte wie kaum ein anderer und von den verschlungenen Wegen, auf denen er in in das Deutsche Historische Museum fand. An diesem Hut lassen sich die zahlreichen Verwirrungen und Verflechtungen aufzeigen, die Deutschland formten und zu dem machten, was es heute ist. Diese Wirkungen und Wechselwirkungen darzustellen, sie erleb- und erfahrbar zu machen, ist eine der Aufgaben des Deutschen Historischen Museums. Als 1815 die Schlacht von Waterloo wogte, war das Schlachtenglück zunächst Napoleon hold, General Wellington einer Niederlage nahe. Erst als preußische Truppen unter Feldmarschall Blücher eingriffen wendete sich das Blatt. Überhastet musste der Kaiser des Grand Empire das Schlachtfeld verlassen, verfolgt von preußischen Soldaten. Bei der Flucht ließ Napoleon seinen Hut zurück, der ihn durch das Tragen quer zum Kopf bei Freund und Feind gleichermaßen bekannt machte und ihm seine unverwechselbare Gestalt gab, gleichsam sein Markenzeichen.

Foto: © DHM/Bruns

Der Zweispitz des Kaisers gelangte in die Hände von Feldmarschall Blücher, der ihn wiederum dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. überbrachte. So gelangte die geschichtsträchtige Trophäe in die Militariabestände des königlich-preußischen Zeughauses, das bis in die NS-Zeit als Armeemuseum diente. Nach 1945 wurde der Hut Napoleons als Kriegsbeute nach Moskau verbracht, dann, 1958 wieder zurückgegeben an den „Bruderstaat DDR“, wo er abermals in das Zeughaus fand, in das Museum für Deutsche Geschichte der DDR. Schließlich, nach wechselvollen Jahrzehnten, ging der Hut des Kaisers 1990 in

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die Bestände des Deutschen Historischen Museums über, in dem nun wiedervereinigten Deutschland. Deutschland in seinen internationalen Bezügen Deutschland war im Laufe der Jahrhunderte immer in internationale Zusammenhänge einbezogen. Oft waren sie konfliktbeladen und von Kriegen und Auseinandersetzungen dominiert, aber noch viel häufiger bedeuteten sie kulturellen und wirtschaftlichen Austausch, einen steten Fluss der Ideen und Menschen. Sie führten zu einer vielfältigen Gesellschaft, die durch Ein- und Abwanderungen geprägt war, in der eine breite Geisteslandschaft wirkte und die sich durch ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen auszeichnete. Sie standen in regem Austausch auch auf internationaler Ebene und formten, was heute die Identität des Staates Deutschland und seiner Bürgerinnen und Bürger ausmacht. Das Deutsche Historische Museum geht diesen Strömungen und Einflüssen nach, erforscht ihr Zusammenwirken und stellt sie anhand seiner umfangreichen Sammlung historisch bedeutsamer Objekte dar. Die Dauerausstellung präsentiert die Deutsche Geschichte der letzten 1500 Jahre bis in die Gegenwart, die zahlreichen Sonderausstellungen setzen jeweils thematische Schwerpunkte, beziehen sich auf die Dauerausstellung und erweitern und vertiefen jeweils einzelne Aspekte. Deutscher Kolonialismus Geschichte und Gegenwart So beleuchtet vom 14. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017 das Deutsche Historische Museum mit der Sonderausstellung „Deutscher Kolonialismus. Geschichte und Gegenwart“ ein Thema, das heute im Bewusstsein der meisten Deutschen keine Rolle mehr spielt, obwohl Deutschland wie Großbritannien und Frankreich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den europäischen Kolonialmächten gehörte und die Folgen davon in den betroffenen Ländern teilweise noch deutlich zu spüren sind. Die Ausstellung schafft einen Überblick über Deutschlands Kolonialgeschichte, ihre Ursachen und Auswirkungen, geht ihren Spuren bis in die Gegenwart nach und fragt nach dem Umgang mit der kolonialen Vergangenheit und dessen Aufarbeitung in unserer Gesellschaft.

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Auf den Spuren des Kolonialismus in Kamerun und Kongo Bereits vom 16. September 2016 bis 26. Februar 2017 setzen sich die beiden Künstler Em’kal Eyongakpa (Kamerun) und Andréas Lang (Deutschland) in der Ausstellung „Auf den Spuren des Kolonialismus in Kamerun und Kongo. Eine Phantom Geographie von Andréas Lang und Em‘kal Eyongakpa“ anhand der sich kreuzenden Lebensläufe ihrer Urgroßväter mit dem Kolonialismus im ehemaligen Neukamerun auseinander. Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt Die Reformation hatte nicht nur Folgen für die deutsche Geschichte, sondern löste eine weltweite Bewegung mit globaler Wirkung aus, die viele Konfliktpotentiale miteinschloss. Die Ausstellung „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ erzählt die Geschichte der bis heute dauernden Reformation, die ihre Schwerpunkte, Wirkungszentren und ihr Gesicht ständig verändert und auch auf Europa rückwirkt. Beispielhaft zieht die Ausstellung einen Bogen von Deutschland über Schweden, Nordamerika, Korea bis ins heutige Tansania. Das Deutsche Historische Museum präsentiert die Ausstellung ab April 2017 im Martin-Gropius-Bau auf ca. 3.000 qm und trägt hierfür herausragende Exponate von nationalen und internationalen Leihgebern zusammen, die vielfach noch nie in Deutschland zu sehen waren. Die Russische Revolution und ihre Folgen für Europa Die Ausstellung „Die Russische Revolution und ihre Folgen für Europa“ legt vom 20. Oktober 2017 bis 15. April 2018 das Augenmerk auf die vielschichtigen Folgen der Russischen Revolution und zeigt deren Bezüge zur Gegenwart auf. Die revolutionären Ereignisse und der bis 1922 anhaltende Bürgerkrieg in Russland führten zu einem Systemwechsel, der weltweit einen Mentalitätswandel und kulturgeschichtlichen Auf- und Umbruch bewirkte. Dies forderte das Wertesystem Europas heraus, führte zu politischen Gegenbewegungen, Terror und gewaltsamer Unterdrückung. Die Ereignisse vor 100 Jahren etablierten ein neues politisches System und waren Ausgangspunkt für die anhaltende Auseinandersetzung unterschiedlicher politischer Modelle,

die bis in die Spaltung Deutschlands und Europas fortwirkten und heute aktueller denn je sind. Geschichte für alle Das Deutsche Historische Museum ist ein offenes Haus, seine Aufgabe ist es auch, allen Menschen Zugang zu Information und Bildung zu ermöglichen und die Grundlagen deutscher Geschichte zu vermitteln. Inklusion und Integration sind daher neben dem Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln weitere Schwerpunkte und werden im Deutschen Historischen Museum aktiv vorangetrieben. So war die Ausstellung „Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsge-

Angebote für Geflüchtete. Foto: © DHM/Siesing


sellschaft“ die erste, vollständig inklusive Ausstellung, die mehrere Vermittlungsebenen mit einbezog. Das Deutsche Historische Museum stieg mit diesem Projekt in einen Lernprozess ein, der fortgeführt wird. Auch das Angebot für Geflüchtete, für Integrations- und Willkommensklassen wird stets ausgebaut und optimiert und umfasst inzwischen viele unterschiedliche Formate und Programme. Mit verschiedenen Sonderausstellungen nimmt das Deutsche Historische Museum Bezug auf gegenwärtige Entwicklungen und erforscht ihre historischen Grundlagen und Rahmenbedingungen. Damit leistet es auch einen Beitrag zum besseren Verständnis aktueller Debatten. So erlebt die Diskussion über Migration

gerade einen neuen Höhepunkt, Einwanderung und deren Auswirkungen sind in Deutschland aber kein neues Phänomen. Die Ausstellung „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“ zeichnet vom 21. Mai bis 16. Oktober 2016 den historischen Verlauf der Migrationsbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland auf, vom Zuzug der Gastarbeiter in den 1960er Jahren bis zur Flüchtlingsmigration von heute. Sie geht den Spuren des damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandels ebenso nach wie den daraus resultierenden sozialen Spannungen. „Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ zeugt vom 20. April bis 31. Juli 2016 hingegen von dem oft konfliktgeladenen Zu-

sammenleben der verschiedenen gesellschaftlicher Gruppen anhand politischer Sticker vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Der niederländische Fotograf Martin Roemers führt in der Ausstellung „Relikte des Kalten Krieges. Fotografien von Martin Roemers“ vom 4. März bis zum 14. August 2016 zu verlassenen Armeestützpunkten und Bunkeranlagen, Truppenübungsplätzen und technischen Installationen, Überwachungseinrichtungen und Militärfriedhöfen und wirft einen Blick auf die Überreste eines Krieges, der die Welt jahrzehntelang dazu brachte, den Atem anzuhalten und noch immer seine Schatten wirft.

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Der von Andreas Schlüter gestaltete Innenhof des Zeughauses bietet für zahlreiche Veranstaltungen einen würdigen Rahmen. Im Jahr 2009 wurde das Deutsche Historische Museum, bis dato in der vorläufigen Trägerschaft einer GmbH des Bundes und des Landes Berlin organisiert, in eine Stiftung des Bundes übertragen und beschäftigt heute bis zu 250 Mitarbeiter. Das Deutsche Historische Museum ist zuständig für die Verwaltung der Einrichtungen Alliierten-Museum e.V., Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und die Neue Wache.

Die Geschichte Das Deutsche Historische Museum wurde 1987 anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt Berlin gegründet. Mit dem Tag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 übertrug die Bundesregierung dem jungen Museum die Gebäude und Sammlungen des Museums für Deutsche Geschichte, das im September 1990 von der letzten DDR-Regierung geschlossen worden war. So wurde das Zeughaus von 1695, das älteste Gebäude Unter den Linden, zum Sitz des Deutschen Historischen Museums, wo ein Jahr später erste Ausstellungen gezeigt

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wurden. Aufgrund dieses besonderen geschichtlichen Erbes sind deutsch-deutsche Themen wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit. 2003 wurde die von dem amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei konzipierte Ausstellungshalle eröffnet, deren moderne Formensprache in kongenialer Weise mit dem barocken Zeughaus harmoniert; die Dauerausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ wurde 2006 von Bundeskanzlerin Angela Merkel feierlich eröffnet.

Linke Seite: Links: Deutsches Historisches Museum, Treppenspindel Ausstellungshalle. Foto: © DHM/Thomas Bruns Unten: Pei-Bau. Foto: © DHM/Ulrich Schwarz Rechte Seite: Oben: Foto: © DHM/Jürgen Hohmuth Unten links: Deutsches Historisches Museum. Foto: © DHM/Ulrich Schwarz Mitte rechts: Schlüterhof. Foto: © DHM/Siesing Rechts unten: Foyer Ausstellungshalle. Foto: © DHM/Ulrich Schwarz


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Der imposante Innenhof des Zeughaus wurde von Andreas Schlßter gestaltet und ist Baudenkmal, Veranstaltungsort und Begegnungszentrum zugleich. Foto: Š DHM/Thomas Bruns

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Foto: Š DHM/Vaupel

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Dauerausstellung Die Dauerausstellung im Zeughaus bietet auf 8000 Quadratmetern und anhand von über 7000 authentischen Objekten und Zeugnissen einen einzigartigen Überblick über eineinhalb Jahrtausende deutscher Geschichte im internationalen Kontext. Ein Schwerpunkt liegt auf die Zeit nach 1918 mit der Weimarer Republik, dem Zweiten Weltkrieg, den Diktaturen, dem Holocaust und der deutschen Teilung. Ein Rundgang leitet den Besucher auf

zwei Stockwerken durch eine Folge von chronologisch angeordneten Epochenbereichen, bei denen die politische Ereignisgeschichte eng mit Aspekten der Kulturgeschichte verwoben ist: Die Besucherinnen und Besucher erhalten Informationen über die Entwicklung von Wirtschaft und Industrie, Handel und Verkehr, Wissenschaften und Künsten, Stadt- und Landleben, über soziale Stände und Schichten, die Rolle politischer und gesellschaftlicher Bewegungen sowie Konfliktbildungen und Konfliktlösungen.

Die Exponate sind in Objektgruppen zusammengefasst, die den ursprünglichen Gebrauchs- beziehungsweise Bedeutungszusammenhang wieder erfahrbar werden lassen. An ausgewählten Stellen präsentieren sich Teilrekonstruktionen ganzer Ensembles, etwa einer mittelalterlichen Wohnstube, eines Residenzsaales des Barock, eines Wohnraumes des Historismus oder eines Raumensembles zur Lebensreform. Auf diese Weise wird Geschichte anschaulich, lebendig und allgemein verständlich vermittelt.

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Foto: Š DHM/Thomas Bruns


Der gotische Feldharnisch und Rossharnisch gehÜren zu den beliebtesten Objekten in der Ausstellungssequenz 500-1500. Foto: Š DHM/Thomas Bruns

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Linke Seite: Altarbilder 800-1500 Rechte Seite: Oben: Die Zeit um 1870 - die Reichsgrßndung Unten: Kleidermode in Deutschland 1810 bis 1850. Fotos: Š DHM

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Sammlungen Die Militariebestände des einstigen Königlich-Preußischen Zeughauses, das vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit als Armeemuseum diente, bilden einen wichtigen Grundstock der Sammlungen. Durch intensive weitere Sammlungstätigkeit erst des Museums für Deutsche Geschichte seit 1952 und des Deutschen Historischen Museums seit 1987 konnten hochrangige Werke und wirkungsstarke Exponate erworben werden, die heute eine vom Dialog der Objekte bestimmte, dichte Geschichtsdarstellung ermöglichen. Sowohl die Dauerausstellung als auch die Sonderausstellungen schöpfen aus diesem reichen Sammlungsbestand von über 800.000 Objekten und Zeugnissen in den Bereichen Militaria, Dokumente, Gemälde, Kunstgewerbe, Skulptur, Graphik, Bücher und Drucke, Plakate, Fotografie, Film, Alltagskultur und Numismatik. Mit seinen Sammlungen ist das Deutsche Historische Museum Leihgeber für Museen, Archive, Bibliotheken und andere Institutionen weltweit.

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Ständige Ausstellung Linke Seite: Oben: 1890-1914 Flottenpolitik Unten: 1914-1918 Ausrüstung US Infanterist Rechte Seite: Oben: 1914-1918 Erster Weltkrieg. Deutsche und franzoesiche Infanteristen Unten: 1914-1918 Erster Weltkrieg Fotos: © DHM

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Ein Schwerpunkt der Dauerausstellung ist die Zeit 1933-1945. Foto: © DHM/Vaupel Rechte Seite: Uniformierung der Gesellschaft, DRK und Reichsluftschutzbund Fotos: © DHM

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Bildung und Vermittlung Kernauftrag des Deutschen Historischen Museums ist es, Geschichte zu erschließen und mit seinen kulturellen Angeboten Vorstellungen der Geschichte zu vermitteln. Als nationales Geschichtsmuseum nimmt das Haus eine besondere Verantwortung bei der kulturellen und politischen Bildung unserer Gesellschaft wahr. Vor allem die Heranführung junger Menschen an Themen der Geschichte und die Verständigung über das historisch gewachsene Verhältnis Deutschlands und der Deutschen im internationalen Kontext stehen im Mittelpunkt integraler Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Einrichtung. Diesem Auftrag wird das Deutsche Historische Museum durch seine Ausstellungen und Publikationen, seine Filmprogramme im Zeughauskino sowie seine besucherorientierte und nachhaltige Vermittlungsarbeit gerecht. Ein breites Spektrum museumspädagogischer Angebote spricht alle Altersstufen und verschiedenste Interessenten an – von Kindern bis zu Erwachsenen und vom Einzelbesucher bis zur Gruppe. Zahlreiche Veranstaltungen sind auf die Lehrpläne der Schulen zugeschnitten und erfolgen in enger Absprache mit den zuständigen öffentlichen Stellen. Einer Wissensvermittlung weit über den Kreis der Besucher hinaus dient das von Öffentlichkeit und Medien intensiv genutzte Internetportal zur Geschichte LeMo – „Lebendiges Museum Online“. Sie ermöglicht einen virtuellen Gang durch 160 Jahre Geschichte vom Deutschen Bund bis heute. Auf diese Weise, das bezeugt der Anklang des Museums gerade bei jungen Menschen, ist das Deutsche Historische Museum zu einem idealen außerschulischen Ort für fächerübergreifendes, handlungsorientiertes und ganzheitliches Lernen geworden. In hohem Maße wird mit den verschiedenen Formen der Wissensvermittlung dem Auftrag des Museums entsprochen, Geschichte für alle erfahrbar und begreifbar zu machen. Zum Vermittlungsprogramm gehören auch umfangreiche Filmprogramme im Zeughauskino, die Themen der Ausstellungen aufgreifen und erweitern und auch davon unabhängige Themen behandeln. Foto: © DHM/Vaupel


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Das geteilte Deutschland Linke Seite: Rekonstruktion einer Wohnzimmereinrichtung in der Deutschen Demokratischen Republik um 1975 Oben: Rekonstruktion einer modernen Wohnzimmereinrichtung in der Bundesrepublik Deutschland 1955/60 Unten links: Grenzsäule der DDR von der Grenze zur Bundesrepublik Unten rechts: Uniform der Nantionalen Volksarmee Fotos: Š DHM

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Zeughausfoyer. Foto: © DHM/Thomas Bruns

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Sonderausstellungen

Die kommenden Ausstellungen

Die Themen der Sonderausstellungen umfassen das gesamte Spektrum der Geschichte, Kultur, Kunst und Fotografie. In Ergänzung und Vertiefung zur Dauerausstellung werden Epochen oder einzelne Personen in den Blick genommen, Jahrestage historischer Ereignisse erinnert, gesellschaftliche oder religiöse Gruppen vorgestellt, historisch relevante künstlerische Richtungen und Phänomene betrachtet sowie verschiedenste kulturgeschichtliche Aspekte untersucht. Darüber hinaus hat sich das Deutsche Historische Museum auf der Grundlage seiner herausragenden Sammlung als Zentrum für Ausstellungen zur Fotografie etabliert.

Kunst aus dem Holocaust. 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem (noch bis 3. April 2016)

Auf den Spuren des Kolonialismus in Kamerun und Kongo. Eine Phantom Geographie von Andréas Lang und Em‘kal Eyongakpa (17. September 2016 bis 26 Februar 2017)

Relikte des Kalten Krieges. Fotografien von Martin Roemers (noch bis 14. August 2016)

Deutscher Kolonialismus. Geschichte und Gegenwart (14. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017)

Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute (20. April bis 31. Juli 2016)

Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt (12. April bis 5. November 2017)

Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland (21. Mai bis 16. Oktober 2016)

Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2 10117 Berlin www.dhm.de


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Kulturraum Finowtal Eine große Karte verortet Funde aus verschiedenen Zeiträumen der Vor- und Frühgeschichte des Kulturraumes Finowtal. In die Installation sind Monitore integriert. Auf einem wird der „Goldschatz von Eberswalde“ thematisiert: Im ZDF heute journal wurde dieser Fund in einem ausführlichen Bericht über eine Ausstellung in St. Petersburg hervorgehoben. Der Eberswalder Goldschatz befindet sich heute in Russland. Replik des Goldschatzes Der Schatz aus dem 10. oder 9. Jahrhundert v. Chr. wurde 1913 entdeckt. Der Depotfund war in einem bauchigen Tongefäß mit Deckel gelagert. In diesem waren acht goldene Schalen enthalten, in denen sich wiederum 73 Goldgegenstände befanden. Der Goldschatz von Eberswalde ist der größte vorgeschichtliche Goldfund in Deutschland.

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Museum Eberswalde – mit Geschichte in die Zukunft Autor: Kurt Ranger, Ranger Design Stuttgart

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Eberswalder Spuren Industrialisierung, die Zerstörungen des 2. Weltkriegs und die Zeit der DDR haben tiefe Spuren in Eberswalde hinterlassen. Die Ausstellung dokumentiert ausführlich Entwicklungen und Veränderungen der Zeitläufte.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Dürfen sich kulturhistorische Museen nur mit der Vergangenheit beschäftigen? Oder können Museen auch die Gegenwart und die Zukunft in den Blick nehmen? Schärft der Blick auf die Geschichte die Sinne für Fragestellungen der Zukunft? Sind Museen politische Orte? Können Sie Beiträge zur Ausprägung oder Veränderung des Selbstverständnisses von Bürgern leisten? Können Museen somit auch Orte der Identitätsstiftung und Orientierungshilfen der städtischen Gesellschaft sein? Das Museum Eberswalde ist ein Stadtmuseum mit einer Ausstellungsfläche von ca. 700 qm. Eberswalde verlor durch die Zerstörungen des 2. Weltkrieges und die Zeit der DDR in weiten Teilen seine historische Gestalt. Die politischen und gesellschaftlichen Prägungen durch die Zeit der DDR wirkten auch in der Gestaltung des früheren Museums nach. Innovation als Ausstellungsinhalt Die Ausstellung beginnt mit der Präsentation von Eigenheiten, Erfindungen und Produkten (vom Herzkatheder bis zum Eberswalder Spritzkuchen) aus der Geschichte Eberswaldes und dokumentiert das auch in der Geschichte immer wieder vorhandene innovative Potential der Menschen im Kulturraum Finowtal.

Während das ursprünglich angedachte Konzept von einer gleichmäßigen Verteilung der historischen Inhalte durch das Gebäude ausging wurde, in intensiven Diskussionen mit dem Auftraggeber, ein Konzept entwickelt, das sich zuerst auf das Museumsgebäude selbst, das älteste Fachwerkhaus der Stadt aus dem 17. Jahrhundert, stützt und dieses als Hauptexponat entwickelt: Alle seine Bewohner seit 1623, fast allesamt Apotheker, wurden recherchiert und konnten so namentlich präsentiert werden. Damals befand sich hier eine Apotheke, diese Hauptnutzung des Gebäudes setzte sich bis 1986 fort. Da das Fachwerk aber nicht immer so exponiert war wie im jetzigen Sanierungszustand, werden in der Inszenierung eines Raumes die historisch tatsächlich vorgefundenen Wandverkleidungen wie Holzvertäfelungen oder Tapeten inszeniert. Nach ersten spotlichtartigen Verortungen des Kulturraums Finowtal, von der Eiszeit über die Vor- und Frühgeschichte bis ins Mittelalter, setzt sich die Ausstellung im 2. Geschoss fort. Mit der Zeit früher vor­ industrieller Entwicklungen wechselt das Tempo der Erzählung: Die anfangs sehr fokussierte Betrachtung geht in eine chronologisch detaillierte Darstellung der Entwicklungen der Stadt und der Industrie über. Diese Entwicklungen sind in Eberswalde entlang der Finow noch gut ablesbar.

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„Die Ausstellung ist Bildung für nachhaltige Entwicklung, sehr umfassend, beachtet alle Dimensionen der Nachhaltigkeit, regt zum Anfassen und Mitmachen an und hat sogar Elemente, bei denen sich die Bürger einbringen können. Ganz ehrlich – sie ist fantastisch, modern, zukunftsweisend, sie gibt Hoffnung. Bitte machen Sie diese Ausstellung in der Region und im ganzen Land bekannt !“ Milena Berné, Managing Director, Edu-Seasons

Berührbar Hier dürfen Original-Exponate berührt werden. Reliefschriften und spezielle Audioguides helfen, die Idee des barrierefreien Museums umzusetzen. Durchblick Der Blick durch das Mikroskop gibt Auskunft über verschiedene Baumarten und deren Eigenschaften. Diese Installation entstand in Zusammenarbeit mit der forstwirtschaftlichen Fakultät (Abb. unten).

Thema Zukunft – mit interaktiven und partizipativen Elementen Im Dachgeschoss ist eine Zukunftswerkstatt untergebracht, die sich mit der Gegenwart Eberswaldes und Fragen der Zukunft beschäftigt. Das gesamte Obergeschoss ist als interaktive Fläche konzipiert. Mikroskope, Berührbar und Freiraum für Aktionen stehen für Besucher aller Altersklassen zur Verfügung. Aus den Anfängen der forstwirtschaftlichen Forschung gründete sich in Eberswalde die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung. Im Dialog mit dem Projektteam entstand die Idee, mit der Hochschule Fragen der zukünftigen Entwicklung Eberswaldes unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit auszustellen. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die demografische Prognose. In einem Stadtentwicklungsspiel sind die Besucherinnen und

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Besucher eingeladen, sich mit der Stadtentwicklung und Zukunftsszenarien zu beschäftigen. Die Besucher werden weiterhin angestoßen, Vorschläge zur Entwicklung Eberswaldes zu machen.

dürfen. Das Medienkonzept zeigt dokumentarisch historisches Filmmaterial. Diese Filme können über Touchscreens abgerufen werden.

System von Schrifthierarchien, Fließtexten in knapper Form und von Zitaten erklärt die Inhalte der Ausstellung. Fotos werden dokumentarisch eingesetzt.

Raumschichten Umgang mit Besuchern Die Besucher stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Ihnen werden vielfältige Angebote unterbreitet. Der Begriff „Barrierefreiheit“ wurde auf alle Besucher ausgeweitet. Ziel: Alle Besucher werden ohne Bildungsvorkenntnisse zum Mitdenken angeregt. Eine spezielle Tonspur der Audioguides ist für Sehbehinderte (Blinde) angelegt, die sich bewusst von den „normalen“ Erklärungen des Audioguides unterscheidet. Im Dachgeschoss gibt es eine „Berührbar“ auf der Originale montiert sind, die von allen Besucher angefasst werden

Die Wände der vorgegebenen Räume des Gebäudes werden als Informationsschichten genutzt. Informationstafeln in unterschiedlichen Formaten, die teilweise auch als Exponatträger dienen, führen die Besucher und gliedern die Ausstellung, das sichtbare Fachwerk prägt weiterhin den Charakter des Gebäudes. Dem Grafikkonzept kommt zuerst die Aufgabe zu, eine Orientierung über die Themen der Ausstellung zu ermöglichen und den Exponaten den historischen Kontext beizugeben. Eine klare Visualisierung führt systematisch durch die Themen. Das typografische

Politische und gesellschaftliche Bedeutung: Identitäten Durch die komplette Neugestaltung des Museums wurde ein Beitrag zur Identitätsstiftung Eberswalder Bürger geschaffen. In zahlreichen Kommentaren von Besuchern wurde der liberale Geist der neugeschaffenen Ausstellung gewürdigt. Das Museum Ebers­ w alde regt die Besucher an, in Kenntnis der wechselhaften Geschichte, der positiven Entwicklungen und der historischen Brüche, über die Gegenwart hinaus, über die Zukunft Eberswaldes nachzudenken.

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Stadtspiel mit Aufforderungsscharakter Auf großen Tischen werden aktuelle Satellitenaufnahmen von Eberswalde gezeigt. Bestimmte Stadtgebiete können durch Entnahme von Bildelementen gegen grüne Leerflächen getauscht werden. Ein Sortiment an maßstäblichen Baukörpern lädt ein, die Stadt Eberswalde zu verändern.

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Szenarien Als Anregung werden Aufgaben gestellt, die es zu bewältigen gilt. Soll sich die Stadt mehr am Fluß orientieren? Könnte sie durch Immigration wachsen? Wird sie Kulturzentrum? Ein großer Industriestandort? Oder wird die Stadt zurückgebaut?

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Orte der Identifikation Museen Römerkastell Saalburg Bad Homburg Tschechow-Salon Literarisches Museum Badenweiler Museum Eberswalde RömerMu­seum Kas­tell Boiotro Passau MIXEUM Eirich, Hardheim Hebelhaus Hausen Wieland Gartenhaus, Biberach Die Staufer, Hohenstaufen Museum Schloss Rheydt Mönchengladbach Museum Fürstenwalde Unis­eum Freiburg Badisches Lan­des­mu­seum Karlsruhe: Weltkultur, Hochmittelalter. Von Karl dem Großen bis in die Stauferzeit, Absolutismus und Aufklärung, Baden und Europa 1789-1848, Baden und Europa 1848-1918, Baden und Europa 1918-heute, Schloss und Hof, Fürstengalerie, Antike Kulturen 1 und 2, Kunst- und Wunderkammer, Die Türkenbeute und viele andere

Ausstellungen Euro-Ausstellung Mobile Ausstellung in Frankfurt am Main und bislang 16 verschiedenen Ländern der Europäischen Union, Europäische Zentralbank Frankfurt am Main Verehrt – Verfolgt – Vergessen Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München, Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau Kaiser. Kalle. Bomber. FC Bayern Erlebniswelt, München Kicker, Kämpfer und Legenden FC Bayern Erlebniswelt, München

Das Kon­stan­zer Konzil 1414 – 1418. Welt­er­eig­nis des Mittelalters, Konstanz Baden-Württemberg in Europa. Eine Erfolgsgeschichte Mobile Ausstellung in diversen Orten Baden-Württembergs, Ministerium für Wirtschaft und Finanzen Baden-Württemberg Kykladen – Frühe Kunst in der Ägäis Archäologische Staatssammlung München Sepp Maier. Torwart, Tüftler, Tausendsassa FC Bayern Erlebniswelt, München Christoph Martin Wieland Wieland Museum, Biberach Christoph Martin Wieland. Der Voltaire der Deutschen Museum Strauhof, Zürich Kykladen – Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur Badisches Landesmuseum Karlsruhe Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik Jüdisches Museum Frankfurt/Main Zeit der Helden Die „dunklen Jahrhunderte“ Griechenlands 1200-700 v. Chr., Badisches Landesmuseum Karlsruhe Unsere Russen – Unsere Deutschen Bilder vom Anderen. 1800 -2000, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Hannibal ad Portas Macht und Reichtum Karthagos, Badisches Landesmuseum Karlsruhe Uns ist in alten Mären… Das Nibe­lun­gen­lied und seine Welt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe Spätmittelalter am Oberrhein Alltag, Handwerk und Handel, Badisches Landesmuseum Karlsruhe Im Labyrinth des Minos Kreta – die erste europäische Hochkultur, Badisches Landesmuseum Karlsruhe und viele andere

Erlebniswelten, Showrooms FC Bayern Erlebniswelt Allianz Arena München Hörmann Forum Ausstellungs und Schulungszentrum, Steinhagen Hilti Ausstellung Innovation, Schaan / Liechtenstein Salone No4, Lindau Haus für afrikanische Menschenaffen Wilhelma Stuttgart und andere

Das Königreich der Vandalen Erben des Imperiums in Nordafrika, Badisches Landesmuseum Karlsruhe Vor 12000 Jahren in Anatolien Die ältes­ten Monu­mente der Menschheit, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

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Projekte für Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft

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Moringen – Unser Heimatmuseum Heimatmuseum in Niedersachsen mit neuem Audioguide Autor: Friedhelm Honig

v.l.n.r.: Fabian Froböse, Friedhelm Honig, Luisa Barnkothe, Elisabeth Willers, Jan Schoppe, Gottfried Manz. Foto: © F. Honig

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Links: Der Torbogen zur ehemaligen Wasserburg aus dem Jahr 1150. Foto: © Peter Pratsch Rechte Seite: - Eine Tischlerei mit allen erforderlichen Werkzeugen, Foto: © F. Honig - eine Nagelmaschine, um mit Holznägeln Sohlen unter Schuhe zu nageln. Foto © F. Honig - Drechselmaschine mit Handbetrieb. Foto © P. Pratsch - Die Schusterkugel in der Schuhmacherei. Foto: © P. Pratsch - Landwirtschaftsgeräte für Zugtiere. Foto: © P. Pratsch

Moringen am Solling ist ein kleines Städtchen mit einer langen Geschichte. Denn bereits im Jahr 983 wurde es nach aktuellen Recherchen erstmals erwähnt. Im Jahr 1147 erhielt Moringen sogar schon die Stadtrechte und im Jahr 1150 ließ Heinrich der Löwe eine Wasserburg bauen, von der heute noch ein großes Gebäude besteht. Der Heimatverein Niedersachsen Moringen e.V. begann 1979 mit dem Ausbau dieses Gebäudes für Räumlichkeiten eines Heimatmuseums. Auf vier Ebenen sind mehrere Tausend Exponate aus Land-, Haus- und Forstwirtschaft sowie vielen längst vergessenen Berufen anschaulich dargestellt. Nur wenige Exponate sind in Vitrinen untergebracht und so ist es ein Museum „zum Anfassen“ geworden. Bei der Fertigstellung im Jahr 1982 dachte man, nun ist das Museum fertig. Ein Museum lebt jedoch und ist nie fertig. Friedhelm Honig, der zweite Vorsitzende des Heimatvereins leitet zusammen mit Gottfried Manz das Museum. Der Newsletter von museum.de erreichte auch das Heimatmuseum in Moringen und so kam es, dass Friedhelm Honig das Webinar im August 2015 bei Uwe Strauch besuchte. Von der Idee und den gezeigten Möglichkeiten war Honig sofort überzeugt. Nach einer Sprachprobe auf sein Smartphone fand er, dass die Qualität der Sprache gar nicht so schlecht war. Nur die Stimme gefiel ihm nicht. Also mussten Junge Stimmen her, die noch heller und reiner klingen. Ein Sprachtest mit den jungen

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Stimmen fiel sehr vielversprechend aus und eine Gruppe von 8 jungen Leuten fand sich zusammen und „machten einen Plan“. Zunächst war die Auswahl der Objekte, die mit einem QR-Code versehen werden sollten, dran. Eine Übersicht half bei der Planung. Entwürfe vom Museumsleiter für einen Text wurden von den jungen Leuten nicht akzeptiert. Sie wollten selbst entscheiden und kreativ werden. Es blieb also nur bei Stichworten, die dann in Text umgesetzt wurden. Die Idee, dass die Texte nicht nur von einer Stimme gesprochen werden sollten, fanden alle gut. Alle hatten natürlich ein eigenes Smartphone. Es stellte sich aber heraus, dass IPhone und Android unterschiedliche Dateiformen für einen Sprachtext speicherten. Im Internet gibt es glücklicherweise die Möglichkeit, die Dateien kostenfrei auf ein gemeinsames Format zu wandeln. Jetzt ging es an die Aufnahme der Texte. Die Sprecherin oder der Sprecher wollte möglichst nicht gestört werden und begab sich in einen anderen Raum. Den vorgeschriebenen Text in einer Sequenz fehlerfrei zu sprechen, war nicht einfach. Deshalb gab es bei Versprechern oft Spaß und Gaudi. Die gesprochenen Texte landeten alle in einem Ordner im PC. Von hier konnten sie den sehr einfachen Weg finden auf die museum.de-Seite. Bilder von den ausgewählten Objekten waren zum Teil im PC-Archiv und zum Teil wurden sie einfach fotografiert und auch im PC gespei-

chert. Der Abruf von museum.de vom Museums-PC gestaltete sich auch hier sehr bequem. Jetzt fehlten noch die QRCodes für das Abfragen mit dem Smartphone. Siehe da, auch hier die sehr einfache Möglichkeit, das Bild des QR-Codes von der museum.de-Seite in den eigenen PC zu kopieren und auszudrucken. Die QR-Codes fanden ihre Anbringung auf selbst hergestellten Infoständern aus Holzleisten, die weiß lackiert sehr gut aussehen und zum Museumsstil passen. Die Aufgabenverteilung erforderte Teamarbeit, denn nicht jeder konnte Texte umwandeln, QR-Codes in die richtige Größe zum Drucken vorbereiten und nicht jeder hatte einen Blick für den richtigen Winkel beim Fotografieren der Exponate. Das Aufstellen der Infoständer mit dem QRCode wurde zum abschließenden Erlebnis. Und natürlich das Testen des Audioguides nicht zu vergessen. Alle mit dem QR-Code versehenen Objekte mußten einer Prüfung widerstehen. Es funktionierte! Und die ersten Besucher haben die Neuerung im Moringer Museum auch bereits bestaunt. Es waren Museumsbesucher einer 50-60jährigen Generation, die die QR-Technik ausprobierten und ein großes Lob für die jungen Leute aussprachen. Idealerweise stehen für die Audioguide-Nutzer günstige Qualitäts-Ohrhörer zum Kauf im Museum zur Verfügung, da die eigenen Ohrhörer meistens zu Haus liegen, gar keine vorhanden sind und gebrauchte nicht unbedingt wieder zu verwenden sind.


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Links: Die „gute Stube“ um 1920. Foto: © P. Pratsch. Oben: Luisa und Elisabeth vor dem letzten in Moringen hergestellten Wagenrad. Foto: © F.Honig Unten: Wandmalerei im Burgkeller. Foto © P.Pratsch

Kommentare: Friedhelm Honig: Mich hat die Einfachheit der Durchführung fasziniert. Die hervorragende Vorarbeit von Uwe Strauch, dem Betreiber der museum.de-Seite kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Auch bei Fragen zur Technik stand Uwe Strauch zur Verfügung und wusste für alles eine Lösung. Herzlichen Dank dafür. Audioguides sind ja in vielen großen Museen bereits zum Standard geworden – aber eben noch nicht mit dem eigenen Smartphone zu nutzen. Die Barriere, sich mit einem unbekannten Gerät zu befassen, entfällt hier. Mir ist es außerdem wichtig, den uns nachfolgenden jungen Generationen mit moderner digitaler Technik die so faszinierenden Entwicklungsschritte und Zeugnisse der Vergangenheit nahezubringen. Mit der fortschreitenden Digitalisierung haben wir hier einen neuen Zugang zum kulturellen Erbe gefunden. Das Grundkonzept der neuen akustischen Führung ist verführerisch einfach: Man

durchstreift das Museum, scannt an markierten Stellen den QR-Code ein und bekommt eine Beschreibung des Werkes mit noch zusätzlichen Bildern. Auch wenn das Heimatmuseum im kleinen Moringen eher von untergeordneter Bedeutung gegenüber den großen deutschen Museen erscheint, ist es doch wichtig, Grundsteine zu legen und im Kleinen mit dem sensibilisieren zur Kultur zu beginnen. Fabian, Elisabeth, Jan, Franziska, Jens, Edgar und Luisa waren auch von der Idee begeistert und mit reichlich Spaß, Fleiß und Eifer dabei. Für mich war es auch spannend, die Teamarbeit neu zu erleben.

arbeit hergestellt wurden gesponsort. Also liebe Heimatmuseumsbetreiber in Deutschland, wir haben das überzeugende Angebot genutzt und können nur sagen: Sofort ran. Es macht Spaß, kostet nicht viel und wertet Ihr Museum auf. Fragen und Tipps gebe ich gern weiter. Jan Schoppe: Ich bin stolz darauf, dass wir diese, zunächst schwierig aussehende Aufgabe, mit unseren begrenzten Mitteln so schnell und zufriedenstellend bewältigen konnten, um damit unserem Museum eine Neuerung verpassen zu können.

Und noch ein Highlight bei unserem Audioguide: die Kosten waren gleich Null. Eine Gebühr wird vom Serverbetreiber von museum.de nicht erhoben, die Sprachaufnahmen haben wir selbst vorgenommen, für Fotoaufnahmen stellte sich ein Mitglied aus dem Heimatverein zur Verfügung, die Druckkosten der QR-Codes waren nur Centbeträge und die Infoständer in Eigen-

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Mit diesem Neuland ist gleichzeitig die Grundlage geschaffen für einen ausbaufähigen Audioguide. Mit möglichst vielen verschiedenen Stimmen für die Aufnahmen hat sich jeder einmal mit der schwierigen aber spaßigen Aufgabe beschäftigt um einen fehlerfreien Text mit Hilfe seines eigenen Smartphones aufzunehmen. Am Ende war neben dem Audioguide, noch eine feste Gruppe für zukunftsorientiertes Arbeiten entstanden, sowie viel Neugierde bei Mitgliedern und Gästen für unser Projekt. Franziska und Jens Froböse: Wir fanden die Idee zum Audioguide sehr schön, dabei war es spannend zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt. Es freut uns, dass es bei den Besuchern so gut angenommen wird. Elisabeth Willers: Mich hat dieses Projekt sehr überzeugt, da es ein großer Fortschritt für unser Museum ist und sich dadurch hoffentlich wieder mehr Leute aus der Gemeinde und der Umgebung, insbesondere jüngere Menschen, für das Museum und die Geschichte Moringens interessieren lassen. Ich selber habe auch sehr viel durch dieses Projekt erfahren und mitgenommen. Deshalb bleibe ich weiterhin am Ball. Fabian Froböse: Die Arbeit in unserem Museum war für mich eine ganz neue Erfahrung. Selbst daran mit zu wirken die Moringer Geschichte in eine ganz neue Form zu bringen war eine Privileg für mich. Wir haben mit unserer Projektgruppe eine gute Grundlage geschaffen um nach und nach eine umfassende digitale Führung durch unser Heimatmuseum zu gestalten. Während unserer Arbeit stellten wir fest, daß ein Museum eine endlose Aufgabe ist und immer wieder neu durchdacht und überarbeitet werden muss. Im Ergebnis nutzen wir nun ein wöchentliches Treffen mit interessierten Jugendlichen, um immer neue Ideen einzubringen und dadurch auch selbst immer mehr über unsere Heimat zu erfahren. Ich freue mich darauf in den nächsten Jahren unser Museum neu zu gestalten und unseren Audioguide zu erweitern.

Oben: technische Faszination einer Turmuhr. Foto: © P. Pratsch Unten: eine Schulbank von 1910. Foto: © F. Honig Rechts: aus der bedeutenden Fahnensammlung. Foto: © P. Pratsch

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Luisa Barnkothe: Ich empfand die Zusammenarbeit als sehr spannend. Ein Projekt zu planen und es auszuarbeiten, mit einer tollen, lustigen und engagierten Truppe macht sehr viel Spaß. Die wöchentlichen Treffen, die manchmal länger gingen als gedacht, waren immer mit guter Laune verbunden. So wie es aussieht werden wir an dem Projekt noch etwas feilen und ein paar Sachen noch besser ausarbeiten, aber erstmal ist es fertig und die Besucher können mit dem Audioguide das Heimatmuseum erkunden, worüber ich mich sehr freue. Durch den Audioguide wird das Heimatmuseum moderner, aber behält trotzdem noch seinen Charme. Schlußworte: Das Moringer Heimatmuseum ist damit nicht nur das erste Museum im Landkreis, sondern sogar in Niedersachsen mit dieser neuen Form des Audioguides. Die Kosten für die Nutzung des Servers auf museum.de sind übrigens für alle Museen frei. Gruppenführungen mit und ohne Audioguide sind im Moringer Heimatmuseum

sehr beliebt; denn das Museum ist eines, in dem die Exponate aus vergangenen Berufen, Haus-, Land- und Forstwirtschaft auch mal angefasst und ausprobiert werden dürfen.

Heimatverein Niedersachsen Moringen e.V. Amtsfreiheit 8 - 10 37186 Moringen www.heimatverein-moringen.de

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Spinosaurus Sonderausstellung vom 9.2 - 12.6. 2016 im Museum für Naturkunde Berlin. Autorin Dr. Gesine Steiner

Die Ausstellung erzählt die Entdeckungsgeschichte des spektakulären Raubsauriers Spinosaurus aegyptiacus – von den Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu den neuesten Funden der Gegenwart. Rund um das weltweit erste Modell des kaum bekannten Raubsauriers lernt der Besucher die Lebenswelt seiner Zeit kennen. War der Spinosaurus wirklich größer als der T. rex? Warum war über den Saurier mit dem riesigen Rückensegel so lange nur wenig bekannt? Und was haben der deutsche Paläontologe Ernst Stromer von Reichenbach und der zweite Weltkrieg damit zu tun? Die Ausstellung zeichnet mit spektakulären Originalfossilien, Zeitdokumenten, lebensnahen Rekonstruktionen und packenden Geschichten das Bild einer längst vergangenen Zeit – als es in der Wüste noch Wasser gab. Zu Beginn erwartet den Besucher ein Einblick in die abenteuerliche Entdeckungsgeschichte des Spinosaurus, die mit Fotografien und Originaldokumenten illustriert wird. Der deutsche Aristokrat Ernst Stromer von Reichenbach reist 1910 auf der Suche nach Fossilien nach Ägypten in die Bahariya-Oase am Rande der Sahara. In den kommenden zwei Jahrzehnten findet, erforscht und identifiziert Stromer von Reichenbach mehrere neue Dinosaurier, unter ihnen den größten, ungewöhnlichsten Dinosaurier von allen. Spinosaurus

aegyptiacus - „Ägyptische Dornenechse“ nennt Stromer von Reichenbach seinen Supersaurier, der größer als der gerade in Nordamerika entdeckte Tyrannosaurus rex zu sein scheint. Stromer von Reichenbach steht in engem Kontakt zu den Kollegen in Berlin, die im gleichen Zeitraum aufregende Dinosaurierfunde, wie den weltbekannten Brachiosaurus brancai, in Ostaf-

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rika machen. Seine Briefe an das Museum für Naturkunde Berlin sind in der Ausstellung zu sehen. Im Museum in München wird Spinosaurus zum Publikumsliebling, bis am 24. April 1944 das Museum dort und fast alle fossilen Funde Stromer von Reichenbachs bei einem Luftangriff in nur einer Nacht zerstört werden. Spinosaurus, von dem nur dieser eine, nun zerstörte Fund bekannt war, wird zu einer Legende. Bis ein vorerst unscheinbarer Knochen den entscheidenden Hinweis für die Wiederentdeckung des bisher weitestgehend unerforschten Raubsauriers liefert. 2008 und 2009 tauchen in der Kem Kem Region in Marokko und in einem Museum in Mailand unter merkwürdigen Umständen Fossilien auf, die große Ähnlichkeiten mit dem historischen Fund haben. Vermutlich wurden sie von einem Privatsammler illegal aus Marokko eingeführt. Die scheinbar aussichtlose Suche nach der originalen Fundstelle der Knochen in Nordafrika rückt in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Der in Berlin geborene Paläontologe Nizar Ibrahim stellt fest, dass die Knochen in Italien einer Reihe von Funden ähneln, die ihm in der Kem Kem Region in Marokko angeboten wurden. Er macht sich gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlern, darunter Samir Zouhri, auf die abenteuerliche Suche nach dem Ausgräber mit der Hoffnung, darüber die Fundstelle zu entdecken. Die Detektivarbeit hat Erfolg:

sie finden den Ausgräber und mit ihm die Fundstelle. Dort entdecken sie weitere Fossilien und Spinosaurus-Zähne sowie Knochen – der Beweis, dass es sich hier um den Fundort des neuen Spinosaurus-Skelettes handelt. Unter Einbeziehung aller vorhandenen

Skelettfunde konnte nun erstmals Spinosaurus rekonstruiert werden. Es ist das erste Dinosauriermodell, das auf Grundlage eines anatomisch genauen digitalen Modells Gestalt annahm. Aber nicht nur das: Analysen der Fossilien und der sogenannten Begleitfunde zeichnen das Bild einer Lebenswelt, die vor 100 Millionen Jahren von aquatischen Ökosystemen geprägt war. Forscher des Naturkundemuseums in Berlin, darunter der Paläozoologe Johannes Müller, untersuchen fast zeitgleich 70 Millionen Jahre alte Schichten im Sudan und kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Sie finden u.a. die Überreste von riesigen Krokodilen, Schildkröten und Fischen. Während viele Paläontologen des 19. Jahrhunderts hauptsächlich daran interessiert waren, einzelne, möglichst vollständige Skelettfunde zu beschreiben, rücken heute Fragen nach größeren Zusammenhängen in den Fokus: Wie sahen Ökosysteme vor vielen Millionen Jahren aus? Welche Tier- und Pflanzenwelt gab es und wie hat sich diese über die Zeit verändert? Welche Rückschlüsse können wir aus der Vergangenheit auf die Gegenwart und Zukunft unseres Planeten ziehen? Wissenschaftliche Sammlungen, aber auch eigene Grabungen helfen Forschern dabei, ein Ökosystem wie das von Spinosaurus zu rekonstruieren. Am Museum für Naturkunde Berlin werden Ökosysteme aus unterschiedlichen Erdzeitaltern untersucht. Der Paläontologe

Johannes Müller arbeitet hier zusammen mit Kollegen aus Kanada, Deutschland und dem Sudan daran, die Welt in Nordafrika kurz vor dem großen Dinosauriersterben besser


tenregion sucht das internationale Team nach Fossilien, die ihnen Hinweise darauf liefern, wie die Lebenswelt dort vor vielen Millionen Jahren ausgesehen hat. Die Sonderausstellung erzählt diese spannende Geschichte, die vor mehr als 100 Jahren begann und von der ägyptischen Sahara über Deutschland, Marokko, Italien bis in die USA führt. Sie zeigt aber auch, wie die moderne paläontologische Forschung dazu beiträgt, vergangene Ökosysteme zu rekonstruieren und damit hilft, mögliche Veränderungen, wie sie der Klimawandel heute mit sich bringt, besser einschätzen zu können. Spinosaurus-Modell in der Ausstellung des Museums für Naturkunde Berlin. Foto: © Carola Radke, MfN

zu verstehen. Ebenso wie das Kem Kem und die Ägyptische Wüste, in der Stromer von Reichenbach den ersten Spinosaurus-Fund machte, gehörte vermutlich

auch die sudanesische Wüste einst zu einem zusammenhängenden Gebiet, das von großen Flussläufen geprägt war. Bei Grabungsexpeditionen in die karge Wüs-

Unten: Modell-Grafik Spinosaurus. Mit 15 m Länge ist Spinosaurus der längste Raubsaurier, der bisher bekannt ist. Sein 2,10 m hohes Segel stellt unter Dinosauriern einen Rekord dar. Foto: © Davide Bonadonna - National Geographic. Spinosaurus ist eine Ausstellung von der National Geographic Society in Kollobaroation mit der University of Chicago.

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Spinosaurus-Modell in der Ausstellung des Museums für Naturkunde Berlin. Foto: © Carola Radke, MfN

Nach dem Gang durch die Entdeckungsgeschichte trifft der Besucher auf die Zeitgenossen von Spinosaurus, vom fischenden Krokodil Elosuchus, über den riesigen Quastenflosser bis hin zur Pflanzenwelt der Kreidezeit, bevor er dem weltweit ersten, beeindruckenden Modell des Raubsaurier Spinosaurus gegenübersteht. In einer großen Animation daneben erwacht der Spinosaurus wahrlich zum Le-

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ben, pflügt mit seinem gigantischen Maul durch das Wasser auf der Suche nach Beute. Spinosaurus lebte vor etwa 100 Millionen Jahren in der Unterkreide bis zur untersten Oberkreide. Mit einer Länge um die 15 Meter und einem geschätzten Gewicht um die 7 Tonnen war er einer der größten Raubsaurier. Mithilfe des kürzlich entdeckten Teilskelettes ist es Paläontolo-

gen möglich zu begründen, dass sich Spinosaurus nicht nur gelegentlich ins Wasser wagte – er führte ein Leben in und am Wasser. Er war ein Dinosaurier, der sich an das Leben im Wasser angepasst hat, nicht zu verwechseln mit Ichtyosauriern, den Fischsauriern. Angepasst an dieses Leben, konnte Spinosaurier sich gut von Fisch im Wattenmeer und in Küstengewässern ernähren.


Das etwa 2,20 Meter hohe Segel ist das auffallendste Merkmal an Spinosaurus. Es verdoppelte seine Größe aus seitlicher Perspektive und war weithin sichtbar, wenn Spinosaurus sich an Land oder im Wasser bewegte. Höchstwahrscheinlich diente es dazu, Paarungspartner anzulocken oder andere Raubtiere einzuschüchtern. Die Kiefer des Spinosaurus ähneln dem des Gangesgavials, einem Krokodil,

das sich unter den heute lebenden Arten am besten auf das Fischfressen versteht. Denn im Gegensatz zu anderen fleischfressenden Dinosauriern hatte Spinosaurus lange Kiefer mit geraden, ineinandergreifenden konischen Zähnen. Das Ende seines Maules ist mit langen Zähnen bewehrt, die jeweils in die gegenüberliegenden Einbuchtungen am Rande des Kiefers passen. Diese Merkmale finden

sich häufig bei fischfressenden Krokodilen und helfen diesen, die glitschige Beute im Wasser festzuhalten. Die Nasenöffnung bei Spinosaurus war klein und auf der Schnauze weit zurückgesetzt. Die so weit zurück liegende Nasenöffnung schützte den fleischigen Teil und ermöglichte Spinosaurus Luft zu holen, wenn der übrige Teil der Schnauze im Wasser oder Schlamm steckte.

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Krokodile in der Sahara Bei ihrer Expedition in die sudanesische Sahara fanden Forscher des Museums für Naturkunde Berlin die fossilen Skelette von mehr als 6 Meter langen, langschnäuzigen Krokodilen. Foto: © Johannes Müller - MfN

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Ernst Stromer von Reichenbach mit Lastenkamel. Stromer erlangte auf seinen Reisen Kenntnisse von Ägypten und seiner Kultur. Zum Transport von Vorräten und Fossilien verwendete er Kamele auf seinen Expeditionen. © Stromersche Kulturgut - Denkmal- und Naturstiftung National Geographic

Rund um den Spinosaurus wird seine Lebenswelt näher vorgestellt. Flugreptilien, wie der Raubsaurier Alanqa oder fleischfressende Landräuber, wie der Carcharodontosaurus teilten den Lebensraum der Deltaebenen in Nordafrika mit Spinosaurus. Auch von Carcharodontosaurus, den man fast als afrikanischen Vorfahren des Tyrannosaurus rex bezeichnen kann, gibt es eine beeindruckende Kopfreplik in der Ausstellung. Gezeigt werden Exponate von National Geographic zusammen mit Originalen aus dem Museum für Naturkunde Berlin, wie etwa der Schädel eines noch unbekannten alligatorartigen Krokodils aus dem Sudan, der Gegenstand aktueller Forschung am Museum ist. Oder das 100 Millionen Jahre alte Fossil einer Seerose, das aus der gleichen Gesteinsformation in Ägypten stammt wie der legendäre Spinosaurus-Fund von Stromer von Reichenbach.

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Das Wissen über die Vergangenheit dient als wichtige Grundlage zur Beantwortung einer der größten Fragen unserer heutigen Zeit: Wie können wir uns den Herausforderungen stellen, die der voranschreitende Klimawandel, der Arten- und Biodiversitätsverlust und die Umweltzerstörung bringen, und die Zukunft unseres Planeten sichern? Wissenschaftliche Sammlungen, Grabungsexpeditionen und moderne Technologien helfen Wissenschaftlern am Museum für Naturkunde Berlin und anderen Forschungsinstituten weltweit dabei zu rekonstruieren, wie einstige Lebenswelten aussahen, wie sich Ökosysteme im Laufe der Zeit veränderten und welche Kräfte diese Veränderungen getrieben haben. Ob Ernst Stromer von Reichenbach durch seine Grabungen in Ägypten, Nizar Ibrahim in Marokko oder Johannes Müller im Sudan – sie alle tragen mit ihren Forschungsergebnissen

dazu bei, ein schärferes Bild von der Lebenswelt in Nordafrika in der Kreidezeit zu zeichnen. Sie liefern gleichzeitig wichtige Erkenntnisse, die helfen, die Dynamik von Ökosystemen über die Zeit besser zu verstehen. Die Wanderausstellung Spinosaurus wurde konzipiert von National Geographic in Kooperation mit der University of Chicago, ergänzt mit Objekten aus den Forschungssammlungen des Museums für Naturkunde Berlin, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung.

Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung Invalidenstraße 43 10115 Berlin www.naturkundemuseum-berlin.de


Digitale Betriebsprüfung: 2016 BMF-Grundsätze beachten!

GoBD – was bitte ist das denn? Ein nüchternes, aber wichtiges Thema: GoBD steht für Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff (siehe Bundesministerium für Finanzen, Schreiben vom 14.11.2014). Die GoBD ersetzen die GDPdU und die GoBS, in denen bisher die Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Unterlagen zusammengefasst waren. Nach GoBD muss die Software von Ticket- und Shopkassen eine zugelassene Schnittstelle aufweisen und alle Buchungen umfassend und nicht manipulierbar dokumentieren. Dem Prüfer soll so ermöglicht werden, sich innerhalb angemessener Zeit einen vollständigen Systemüberblick zu verschaffen. Die Kassensoftware von Beckerbillett entspricht bereits dem von der Finanzverwaltung empfohlenen Standard und wurde entsprechend zertifiziert. Rufen Sie uns einfach an oder senden uns eine E-Mail, wenn Sie im Hinblick auf Ihre Kassen- und Ticketingsoftware Beratung benötigen. Beckerbillett GmbH · Tel. +49 (0) 40-399 202-0 dtp@beckerbillett.de · www.beckerbillett.de


Das Organisationsteam des Symposiums “Dealing with Damage” mit Prof. Oliver Rump. Foto: © Irene Gröger.

Theorie und Praxis für das Museum von morgen Dealing with Damage - Symposium des Masterstudiengangs Museumsmanagement und -kommunikation Autorin: Andrea Kramper. Redaktion: Beatrice Drengwitz, Corinna Hammer, Mareike Poppinga, Jana Duddeck

Mit dem dritten Semester fiel der Startschuss: Innerhalb von drei Monaten organisierten Studierende des Masterstudiengangs „Museumsmanagement und Kommunikation“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin das Symposium „Dealing with Damage. Krieg und Zerstörung: Museen zwischen Verlust und Erinnerung“. Die Tagung – vom Konzept über das

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Budget bis hin zur Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit vollständig von Studierenden gestaltet – fand am 1. Februar 2016 auf dem Campus Wilhelminenhof statt. Sie bot eine tagesaktuelle Plattform zum Austausch über die Frage, wie Museen mit Kulturgutverlusten und die durch Krieg und Zerstörung entstandenen Leerstellen umgehen können.

Seit fünf Jahren widmen sich die Tagungen des Masterstudiengangs Museumsmanagement und -kommunikation aktuellen und mitunter kontroversen Debatten rund um die Rolle der Museen. Zu den thematischen Schwerpunkten zählten bisher unter anderem der Umgang mit immateriellem Kulturerbe, die Chancen von Social-Media-Kommunikation für Kulturinstitutionen oder die Konstruktion


von Wahrheit im Museum. Organisiert werden die Symposien jeweils von Studierenden des Managementschwerpunkts, betreut durch Prof. Dr. Oliver Rump. Zum Abschluss des Studiums bieten sie eine Möglichkeit, die erlernten Kommunikations- und Organisationskompetenzen in der Praxis anzuwenden und gleichzeitig eine spannende Netzwerkplattform zu etablieren. Das Symposium 2016 stand ganz im Zeichen aktueller Ereignisse: Angesichts der Zerstörung von Jahrtausende alten Kulturstätten in Syrien stellt sich die Frage, wie Museen mit der Zerstörung von Kulturgut und dem Verlust kultureller Identität umgehen. Ein Team von vierzehn Studentinnen und Studenten übernahm die Organisation und gestaltete im Verlauf des Semesters das Symposium. Anmeldung und Übergabe der Tagungstasche mit der Wortmarke der Veranstaltung. Foto: © Aurore Sirantoine.

Dealing with Damage – Konzeptentwicklung für ein aktuelles Thema Zu Beginn erfolgte die Abstimmung eines inhaltlichen Konzeptes im Team. Im Mittelpunkt standen dabei folgende Diskussionspunkte: Welche Möglichkeiten haben Museen und kulturelle Institutionen, Verluste wie die in Palmyra und Aleppo zu dokumentieren und aufzuarbeiten? Lassen sich diese Zerstörungen auffangen oder gar kompensieren? Und ist es überhaupt legitim, angesichts des Mordens an der syrischen Bevölkerung über Maßnahmen nachzudenken, die sich nicht zuerst und ausschließlich auf den Schutz der Menschen richten? Während sich der erste Themenkomplex des Symposiums den Möglichkeiten der Sicherung und Dokumentation widmen sollte, lag der Fokus des zweiten Teils auf der Bedeutung von Museen als Ausstellungsorte: Mit welchen Herausforderungen sind sie bei der Vermittlung von Zerstörung und Terror konfrontiert? Und wo stoßen Museen an – auch ethische – Grenzen der Darstellbarkeit?

Pausenstimmung und Networking in den historischen Hallen am Campus Wilhelminenhof. Foto © Aurore Sirantoine

Rechts: Einblick in die Werkschau des Studiengangs Museumsmanagement und -kommunikation. Foto: © Aurore Sirantoine.

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Management mit knappem Zeitbudget und vielfältigen Anforderungen Die größte Herausforderung der Tagungsorganisation, neben der Entwicklung eines Konzeptes für ein politisch aktuelles Thema, war der kurzfristige

Termin. Innerhalb von drei Monaten galt es, Referent*innen zu gewinnen sowie Einladungen, Räumlichkeiten und Technik zu organisieren und dabei den selbst erstellten Kostenplan einzuhalten. Zeitgleich zum Symposium fand die Werkschau des Studiengangs statt, auf

Video-Konferenzschaltung mit Tom Hennes aus New York. Foto: © Aurore Sirantoine.

der regelmäßig die Ergebnisse aller Praxisprojekte präsentiert werden. Teil des Symposiumprogramms sollte daher auch ein Besuch der Werkschau sein. Um alle unterschiedlichen Aufgaben erfolgreich zu bewältigen, bildeten die Studierenden des Tagungsteams jeweils kleinere Ar-


beitsgruppen, welche beispielsweise die Cateringkoordination oder die Öffentlichkeitsarbeit übernahmen. Die erste Einladung zum Symposium erfolgte zunächst ohne Programm Mitte Dezember 2015. Von da an hieß es Dau-

men drücken. Denn sowohl für angefragte Referent*innen als auch für die potentielle Teilnehmerschaft war der Zeitraum bis zum Beginn der Tagung knapp bemessen. Die Aktualität des Themas stieß jedoch auf große Resonanz. Nachdem im Januar 2016 der endgültige Ablaufplan veröffentlicht worden war, gingen insgesamt über 100 Anmeldungen von Museumsfachleuten, Studierenden und Medienvertreter*innen ein. Mit den Anmeldungen allein war jedoch nur ein Teil der Tagungsorganisation abgedeckt. Zu den anfallenden Aufgaben zählten unter anderem die Buchung geeigneter Räume, die Erstellung einer Tagungsmappe und Tasche, die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit mit der Pressestelle der HTW, die Organisation der Ton- und Videotechnik sowie die Planung des Caterings, der Dekoration, der Moderation und der Dokumentation. Zentral für das Gelingen der Tagung war dabei das Zusammenspiel im Team. In der Vorbereitung übernahm jede*r Einzelne Aufgaben, um einen reibungslosen Ablauf am Tag selbst zu gewährleisten. Das Programm: Zwischen Kulturgutzerstörung und musealer Leerstelle Am Montag, den 1. Februar 2016, war es soweit: Das Symposium „Dealing with Damage. Krieg und Zerstörung: Museen zwischen Verlust und Erinnerung“ er-

öffnete mit den in etwa 100 erwarteten Gästen in der Halle B1 auf dem Campus Wilhelminenhof. Nach einer Begrüßung durch den Studiengangssprecher Prof. Dr. Oliver Rump sowie der Moderatorinnen des Tagungsteams berichtete Syrienexperte Prof. Dr. Kay Kohlmeyer über die Zerstörung von Kulturgut durch den Islamischen Staat in Aleppo. Issam Ballouz und Dr. Karin Pütt stellten anschließend das „Syrian Heritage Archive Project“ vor, bei dem Kulturgüter anhand von vorhandenen Daten erfasst und für die Nachwelt gesichert werden. Isber Sabrine fragte in seinem Vortrag danach, welchen Beitrag die Zivilgesellschaft außerhalb eines Krisen- und Kriegsgebietes zum Erhalt von Kulturgütern leisten kann. Mit seinem Vortrag schloss der erste Themenblock des Symposiums ab, welcher der Frage der Sicherung und Dokumentation von Kulturgut gewidmet war. In der Mittagspause erwartete die Teilnehmer*innen ein von den Studierenden zusammengestelltes Catering im gegenüberliegenden Gebäude in Verbindung mit der Werkschau. Nach der Stärkung startete der zweite Themenblock mit dem Schwerpunkt auf Museen als Orten der nachträglichen Auseinandersetzung mit Krieg, Identitätsverlust und Kulturgutzerstörung. Dr. Felicitas Heimann-Jelinek behandelte die Frage grenzüberschreitender Präsentationsformen in Zusammenhang mit der Schoa. Per Video-Konferenzschaltung sprach anschließend Tom Hennes,


Abschließende Podiumsdiskussion zum Umgang mit aktuellen Kulturgutverlusten mit Issam Ballouz, Ibrahim Salman, Prof. Dr. Dr. Friederike Fless (Moderation), Prof. Dr. Kay Kohlmeyer und Isber Sabrine (v.l.n.r). Foto: © Aurore Sirantoine.

Ausstellungsdesigner aus New York, über die Rolle von Leerstellen in der Verarbeitung traumatischer Geschichte sowie die Möglichkeiten ihrer Musealisierung. Das Symposium endete mit einer Podiumsdiskussion, moderiert von Prof. Dr. Dr. Friederike Fless, der Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts und einem abschließenden Ausklang. Das Symposium als Plattform zum Austausch Wie lässt sich das Symposium abschließend beurteilen? Am Tag selbst zahlte sich die ausführliche Planung, Aufgabenverteilung und Organisation des Teams bezüglich der Rahmenbedingungen aus: die Tontechnik und die Videoschaltung nach New York funktionierten, auch Catering, Anmeldung und Videodokumentation gelangen. Das zweiteilige Konzept der Tagung war in sich stimmig: nicht zuletzt in der Abschlussdiskussion wurden die Schwerpunkte des Tages zusammengeführt – mit der Zerstörung und Bewahrung von Kulturgut einerseits und der Problematik der Aufarbeitung derselben im Museum andererseits. Die Teilnehmer*innen des Symposiums zeigten sich in den Diskussionen zu den Vorträgen interessiert, stellten Nachfragen und

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teilten eigene Erfahrungen mit dem Publikum. Auch in den Pausen wurde das Symposium als Plattform zum Austausch genutzt, zahlreiche Gesprächsgruppen fanden sich zusammen. Das Symposium fragte nach dem Umgang der Museen mit aktuellen Kulturgutverlusten und nach Möglichkeiten, solche Verluste zu dokumentieren und aufzuarbeiten. Was

folgt nach dem bildmächtigen Angriff auf kulturelle Identität? Wie lassen sich Auswirkungen des Krieges und dadurch erlittene Verluste sichtbar machen, auffangen oder gar kompensieren? Fest steht: als kulturelle und soziale Institutionen stehen Museen in einer konkreten Verantwortung, sich diesen Fragestellungen zu widmen.


Studium für das moderne Museum Autorin: Prof. Dr. Susanne Kähler Kultur sowohl einen Bachelor- als auch einen Masterstudiengang zum Thema „Museum“: Dem Studium der Museumskunde folgt der Studiengang Museumsmanagement und -kommunikation.

Oben, Rechts: Studium an der HTW Berlin. Foto: © HTW Berlin/Alexander Rentsch

Die Studierenden des Masterstudiengangs der HTW haben hiermit eine Tagung mit durchweg positiver Resonanz organisiert. So lobte Prof. Dr. Kay Kohlmeyer dann auch bereits in seinem Einführungsvortrag ausdrücklich die Organisation und im Besonderen die freundliche Beharrlichkeit, mit der man ihn verpflichtet hatte! Die Kompetenzen, um die es

hier geht, spiegeln die Anforderungen an eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter in einem modernen Museum wieder. Im heutigen Verständnis der Institution muss das Museum zwar weiterhin ein Ort des Bewahrens und Zeigens von Kulturgütern sein, es hat aber zusätzlich verstärkt die Funktion einer Kommunikationsplattform erhalten, die dem Besucher Partizipation ermöglicht und ihn zur Teilnahme am Diskurs anregt. Von Nöten sind die Fähigkeiten zur Organisation und Ausgestaltung einer solchen Plattform in jeglicher Hinsicht sowie zur Einschätzung von Interessen der Teilnehmer*innen. Die Frage, wie kuratiere oder gestalte ich eine Ausstellung ist im Museum genauso relevant wie der Umgang mit Budgets bzw. das Einwerben von Geldern und die Erfüllung komplexer, auf das Fach zugeschnittener Managementaufgaben. Nicht selten werden diese sehr unterschiedlichen Kompetenzen einer einzigen Person abverlangt, die zudem nur auf der Basis breiter kulturtheoretischer Einblicke agieren kann. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin hat im Fachbereich Gestaltung und Links: Catering für die Gäste des Symposiums bei der Werkschau des Studiengangs Museumsmanagement und -kommunikation. Foto: © Aurore Sirantoine. Mitte: Luftaufnahme vom Campus Wilhelminenhof, HTW Berlin. Foto: © Philipp Meuser.

Die Museumskunde im Bachelorstudium trägt dem nach langer Anfangsdiskussion doch mittlerweile breiten Konsens Rechnung, dass in den Museen in Ergänzung zu den Fachwissenschaftler*innen, beispielsweise aus den Bereichen Geschichte, Kunstgeschichte oder Archäologie, ein gut ausgebildeter Stamm an Mitarbeiter*innen z. B. für die Betreuung der Bestände von Nöten ist. Das Studium ist ebenso nah an den Inhalten und an den Objekten wie an der Praxis. Die Absolvent*innen haben Kenntnisse in sehr unterschiedlichen Bereichen ge-

wonnen, so zu grundsätzlichen Fragen des Museumsmanagements, wie auch der Vermittlung, der Besucherforschung und der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Inhaltliche Einblicke in Kunst- und Kulturgeschichte, Technikgeschichte oder Naturkunde münden in der Frage nach der Darstellbarkeit und Ausstellbarkeit unterschiedlicher Fragestellungen in Museen. Moderne Techniken sind gefragt um auch im kleinen Museum als Allrounder bestehen zu können – von der Objektfotografie bis zur Publikation. Einen wichtigen Schwerpunkt der Lehre bildet der Bereich der Inventarisierung und der Dokumentation, analog wie digital, denn die fachgerechte Erfassung und Digitalisierung umfangreicher Bestände stellt für die Museen heute eine der größten logistischen Herausforderungen dar. Mu-

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seumsmitarbeiter*innen müssen sowohl in der Lage sein, eine Fotografie inhaltlich wie äußerlich zu beschreiben und zu erschließen, wie auch beispielsweise das Designobjet aus der DDR, das moderne Kunstwerk oder ein technisches Gerät aus dem 19. Jahrhundert. Das Arbeiten mit heutigen Erfassungsstandards ermöglicht erst das Auffinden von Objekten sowie den Austausch von Informationen unter den Museen auch für die Forschung. Der Umgang mit modernen EDV-Systemen gehört zu den basalen Voraussetzungen in diesem Bereich. Zur Geschichte der Ausbildung Der Studiengang Museumskunde der HTW Berlin (ehemals FHTW) besteht seit dem Wintersemester 1993/94, blickt aber auf eine längere Geschichte zurück. Museumskunde, Museologie – so heißt der Studiengang an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig – oder Museum Studies bzw. Museology – so die englischen international verwendeten Begriffe – sind Bezeichnungen, die das Fachgebiet jeweils mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten umreißen. Da geht es zum einen um die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Institution „Museum“, ihrer historischen Entwicklung und heutigen Position - hier ist das in Berlin ansässige Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen federführend. Zum andern sind es aber die oben beschriebenen praktischen Fähigkeiten, die gelehrt werden.

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Die Notwendigkeit, den komplexen Belangen eines Museums einen Bildungsrahmen zu geben, der sich auch mit den praktischen Fragen beschäftigt, wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts evident. Der Begriff „Museumskunde“ war Titel einer 1905 von Karl Koetschau begründeten Zeitschrift des Deutschen Museumsbunds. Museumskurse für Akademiker nach Abschluss ihres Studiums wurden bereits damals gefordert. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich in Deutschland bedingt durch die Teilung in Ost und West und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorgaben auch unterschiedliche Berufsbilder. Die wenigen Stellen in den Museen im Westen mussten von Fachwissenschaftler*innen besetzt werden, die nach Studienabschluss (Promotion) erst während eines zweijährigen Volontariats die praktischen Belange der Museumsarbeit kennenlernten. Der Mangel an Mitarbeiter*innen, die sich ausschließlich mit den praktischen Tätigkeiten beschäftigen konnten, hatte u. a. im Westen zur Folge, dass gerade das Inventarisieren lange Zeit vernachlässigt worden war. Der Prozentsatz an uninventarisierten Beständen war im Westen noch höher als im Osten, wo die Verpflichtung zum Erfassen von Objekten schließlich sogar gesetzlich geregelt wurde. In der DDR wurden Beschäftigte in Heimatmuseen ab 1951 im Rahmen eines zweijährigen Lehrgangs geschult. In Köthen (Anhalt) gründete man die „Fachschule für Museumsassistenten“, die seit 1966 als „Fachschule für Museologen“ in

Projekt Digitalisierung und Erschließung der Stoffmusterbücher des Historischen Archivs der HTW Berlin (DESSIN - Stoffmuster digital) Foto Rechts: © HTW Berlin/Alexander Rentsch. Foto Oben: © Christoph Eckelt


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wurde auch an der Universität Würzburg der Bachelorstudiengang eingeführt. Die Neugründungen und Weiterentwicklungen von Ausbildungsmodellen dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr sich der eingeschlagene Weg bewährt hat. Auch auf die Entwicklung in anderen Ländern muss zumindest exemplarisch verwiesen werden: auf frühe Studiengangsgründungen in der Schweiz oder auf den hohen Ausbildungs- und Forschungstand in England und in den Niederlanden. Auch Frankreich und die USA haben vor längerer Zeit mit der Gründung von Aufbaustudiengängen begonnen. Netzwerke bilden

Oben: Übung Inventarisierung im 1. Semester Bachelor. Foto: © HTW Berlin/Nina Zimmermann Unten: Bau von Ausstellungsmodellen im Masterstudiengang, Multimediaeinsatz in Museen. Foto: © HTW Berlin/ Alexander Rentsch. Rechte Seite: Projekt Glasnegative in Kooperation mit dem Kunstgussmuseum Lauchhammer. Studienschwerpunkt: Fotografische Sammlungen. Foto: © Susanne Kähler

Leipzig angesiedelt wurde. In Berlin gab es seit 1983 ein Fernstudium für Museologie am damaligen Museum für Deutsche Geschichte. Die Humboldtuniversität bot allerdings nur zwischen 1988 bis 1990 ein Aufbaustudium an. Die Diskussion nach der Wende um Weiterführung oder Einstellung dieser Ausbildung wurde zugunsten der Etablierung der Studiengänge in Leipzig und in Berlin entschieden. Beide Studiengänge wurden im Zuge der Bologna-Reform zu Bachelorstudiengängen umgestaltet. Im Band 70 der weiterhin vom Deutschen Museumsbund herausgegebenen

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„Museumskunde“ aus dem Jahr 2005 wurde wiederum die Frage nach dem wissenschaftlichen Nachwuchs für die Museen reflektiert – auch die Frage, ob praktische Fähigkeiten und Kenntnisse, die auch Fachwissenschaftler*innen im Museum brauchen, nicht doch bereits im Rahmen eines Studiums vermittelt werden können. Unterschiedliche Modelle wurden vorgestellt. In den folgenden zehn Jahren fand eine weitere Ausdifferenzierung statt. Auch im Westen wurden weitere neue, für Museen relevante Studiengänge geboren, zunächst Masterstudiengänge wie an den Universitäten in Oldenburg und Heidelberg, schließlich

Die Studiengänge Museumskunde und Museumsmanagement und -kommunikation in Berlin arbeiten mit einer Vielzahl Kooperationspartnern, Museen und anderen Institutionen im In- und Ausland – von Kuba bis zum Golf – darauf hin, immer neuen Anforderungen gerecht zu werden. Praktika und Praxisprojekte sind Teil des Curriculums und bieten den Studierenden Anschluss an die Institutionen. Exkursionen und die Arbeit vor Ort dienen neben dem Wissensaustausch auch dem Aufbau wichtiger Netzwerke. Möglichkeiten dafür gibt es in Berlin aber auch im eigenen Haus: In einem Museum sind und waren schon immer unterschiedliche Berufsgruppen beteiligt. Innerhalb des Fachbereichs Gestaltung und Kultur der HTW Berlin bieten sich bereits Kooperationsmöglichkeiten, die die spätere Tätigkeit vorbereiten können. Vertreten sind die Studiengänge der Konservierung und Restaurierung (einschließlich Grabungstechnik, Landschaftsarchäologie), sowie Studiengänge aus dem Bereich Gestaltung, wie Kommunikationsdesign, Industrial Design, Mode Design und Game Design sowie Konfektion/Bekleidungstechnik. Insgesamt ist eine Wechselwirkung zu beobachten: Da steht auf der einen Seite die Weiterentwicklung der Ausbildungsgänge – auf der anderen Seite haben die Museen selbst in den vergangenen Jahrzehnten einen nicht zu übersehenden Aufschwung genommen. Der Anspruch auf Professionalität wächst.

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Oben: Das „Landshuter Zimmer“. Rechts: Saal 32, „Maximilian I. und Ferdinand Maria. Europaweit verbunden“. Fotos: © Bayerisches Nationalmuseum München, Bastian Krack

Bayerisches Nationalmuseum – Barock und Rokoko Autorin: Dr. Helga Puhlmann

Im Juli 2015 öffnete das Hauptgeschoss im Westflügel des Bayerischen Nationalmuseums nach mehrjähriger Sanierung wieder seine Pforten. Auf rund 1500 m² sind mehr als 600 einzigartige kunstund kulturhistorische Glanzstücke des 17. und 18. Jahrhunderts in neuem Licht präsentiert. Skulpturen, Möbel, Gemälde, Uhren, Porzellan, Goldschmiedewerke, Prunkwaffen und Tapisserien künden von den künstlerischen Vorlieben der Sammler und Auftraggeber jener Epoche. Internationale Künstler und Kunsthandwerker haben mit vielen dieser Werke Spitzenleistungen hervorgebracht. Im Hauptgeschoss des Museums wird

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damit der kunst- und kulturhistorische Rundgang geschlossen, der in erster Linie an den Wittelsbacher Herrschern und ihren internationalen Kunstbestrebungen ausgerichtet ist. Die Abfolge der Regenten, die Bayern zwischen Dreißigjährigem Krieg und Französischer Revolution maßgeblich geprägt haben, bietet hier die zeitliche Orientierung. Dies sind die bayerischen Kurfürsten Maximilian I., Ferdinand Maria, Max Emanuel und Karl Albrecht, der als Karl VII. die Kaiserkrone erhielt. Eine weitere wichtige Sammlerpersönlichkeit ist Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, dessen Kunstschätze aus Düsseldorf durch Erbfolge im 18. und 19. Jahrhundert nach München kamen. Bei den nun wieder

ausgestellten Werken handelt es sich um einen Großteil der Objekte, die das Haus Wittelsbach dem Museum kurz nach dessen Gründung 1855 überwiesen hat. Hinzu kommen zahlreiche bedeutende Erwerbungen, durch die die Sammlungen seitdem systematisch erweitert wurden. Ein eigener Saal ist Facetten des barocken Gartens und dem von der Natur inspirierten Kunsthandwerk gewidmet. Ein weiterer Raum, das sogenannte Landshuter Zimmer aus dem Stadtpalais der Freiherren von Stromer in Landshut, veranschaulicht die Wohnwelt des Adels. Einen Schwerpunkt der Sammlung bilden die Skulpturen aus Barock und Ro-


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koko, allen voran die Werke der Münchner Bildhauer Johann Baptist Straub und Ignaz Günther. Gefördert durch Kirchen und Klöster wie durch den Adel gelten ihre Meisterwerke heute als Inbegriff des süddeutschen Rokokos. Die Sanierung des Museumstrakts und die Ausstattung der Räume wurden vom Freistaat Bayern finanziert. Die Präsen-

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tation erarbeitete das Gestaltungsbüro Designposition aus München unter der Regie der Generaldirektorin Dr. Renate Eikelmann in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Referenten und Restauratoren nach den neuesten konservatorischen und technischen Standards. Eine bisher in Deutschland einzigartige Vitrinentechnik bietet den kostbaren Objekten einen angemessenen Rahmen.

Besonderes Augenmerk wurde auf die Lichtregie gelegt. Mit der weltweit arbeitenden Lichtmanufaktur – Luxam Lighting for Museums wurde ein Partner gefunden, der mit aufwendiger Glasfaser- und LED-Technik die individuelle Form, Farbigkeit und Textur jedes einzelnen Objekts äußerst differenziert und dabei konservatorisch unbedenklich ausleuchtet.


Oben: Saal 35. Kunstwerke aus dem Besitz von Kurfürst Max Emanuel Rechts: Minerva. Ignaz Günther. München, um 1765/1775. Lindenholz © Bayerisches Nationalmuseum München. Fotos: Bastian Krack

Bayerisches Nationalmuseum Prinzregentenstraße 3 80538 München www.bayerisches-nationalmuseum.de

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M端nchner RokokoskulpturJohann Baptist Straub und Ignaz G端nther: Blick in Saal 42 息 Bayerisches Nationalmuseum M端nchen. Foto: Bastian Krack

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Gestaltete Natur. Garten und Ornament im 18. Jahrhundert Blick in Saal 37 Š Bayerisches Nationalmuseum Mßnchen. Foto: Bastian Krack

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Historische Authentizität. Einem Gegenwartsphänomen auf der Spur Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität. Autoren: Martin Sabrow, Achim Saupe

Henlein-Uhr: die älteste Taschenuhr der Welt? Ihrer Inschrift nach schmiedete sie der junge Nürnberger Schlosser Peter Henlein 1510 als eine der ersten mobilen Kleinuhren. Fachkreise begegneten ihr stets mit sanftem Misstrauen. Forschungen brachten nun heraus, dass die Uhr ein vorwiegend im 19. Jahrhundert aus älteren oder ergänzenden Bauteilen zusammengefügtes Konstrukt ist. Foto: Monika Ruge © Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Die Sehnsucht nach dem Authentischen umfasst in immer stärkerem Maße unseren Umgang mit der Vergangenheit und dem kulturellen Erbe. Das zeigt sich in der Wertschätzung von „authentischen Objekten“ in Museen, Sammlungen und Archiven oder von „authentischen Orten“ – seien es historische Bauwerke, Stadtensembles oder aber Gedenkstätten, in denen sich Geschichte anscheinend direkt verkörpert. Die „neue Sehnsucht

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nach dem Ursprünglichen“ (Rössner/ Uhl) wird von einem Bedürfnis nach vergangener „Realität“ und „historischer Erfahrung“ begleitet – sichtbar in der öffentlichen Aufmerksamkeit für „Zeitzeugen“, in historischen Dokumentar- und Spielfilmen oder aber in den vielfältigen Formen des Re-Enactments in der Living History. Verbunden ist dies mit einer intensiven Suche nach dem vermeintlich „Echten“ und dem Bestreben, das

„Wahre“ und „Originale“ zu rekonstruieren und zu erhalten. Ohne den Reiz des Authentischen und die „sinnliche Anmutungskraft der Dinge“ (Korff) wäre die Bedeutung und Wirkung von Kulturgütern im Museumsbereich, in der Denkmalpflege und im Gedenkstättenbereich kaum zu erklären. Aber nicht nur die Vermittlung von Geschichte in Museen und Gedenkstätten, sondern auch die historisch ar-


beitenden Wissenschaften haben einen wesentlichen Anteil am Diskurs und der Konstruktion des Authentischen: indem sie nämlich Authentizitätsbehauptungen und Authentizitätsvorstellungen selbst in ihrer kritischen Infragestellung auf vielfache Weise identifizieren, tradieren und vermitteln. Authentizitätszuschreibungen erzeugen zunächst einmal Evidenz. Sie können auf wissenschaftlichen Überprüfungsverfahren und eingeübten archivarischen, restauratorischen und anderen sammlungsspezifischen Praktiken beruhen. Relikte werden gesammelt, Originale werden identifiziert, Museumsbestände klassifiziert, und damit werden sie autorisiert: Ihre Echtheit und ihre Originalität stellt nun einen besonderen kulturellen Wert dar. Offensichtlich ist, dass der Authentizitätsbegriff im Bereich der Reflexion und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis die traditionelle Kategorie der Wahrheit vielleicht nicht ersetzt, aber doch wesentlich ergänzt hat, ohne dass sein Potential und die mit ihm einhergehenden Probleme bisher ausreichend reflektiert worden wären. Authentizität, das signalisiert aber nicht nur das Originale, das Echte. Die Wahrnehmung und Zuschreibung von Authentizität ist vielmehr ein Effekt, der aus einem komplexen Beziehungsgeflecht von Dingen, Orten und Personen entspringt. Das macht das Museum überdeutlich: Es geht nicht nur um das authentische Objekt, nicht nur um den Nachvollzug einer Vergangenheit, von der die Dinge zeugen, sondern es geht auch um eine authentische Besuchererfahrung: Dazu trägt nicht zuletzt die Ausstellungskonzeption und der Ort des Museums ein Wesentliches bei. Authentizität signalisiert darüber hinaus aber auch Glaubwürdigkeit, und so ist das „authentische Museum“ auch ein Ort, an dem relevantes Wissen für die Besucher vermittelt wird. Diese müssen dem

Blick in den Sauriersaal des Museums für Naturkunde Berlin: Im Mittelpunkt steht das weltweit größte Dinosaurierskelett, ein Brachiosaurus brancai. „Juraskope“ erwecken die Dinosaurier virtuell wieder zum Leben. Foto: Carola Radke © Museum für Naturkunde Berlin

Gezeigten Vertrauen können – und das heißt auch, dass komplexe Sachverhalte anschaulich dargestellt werden müssen, ohne sie zu vereinfachen. Authentizität im Museum meint aber nicht, dass nur „wahres Wissen“, „Echtes“ und „Originales“ ausgestellt werden muss: Das Museum kann mehr, indem es nämlich über Kopien Stilvergleiche ermöglicht, über Rekonstruktionen und Simulationen Dinge erfahrbar macht, die verloren gegangen oder zerstört worden sind, und in dem es unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche wissenschaftliche Theorien, also „konfligierendes Wissen“ präsentiert. Der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität geht erstens von der Beobachtung aus, dass die Suche nach Authentizität ein herausragendes Phänomen der Gegenwart darstellt: Der Forschungsverbund untersucht das

für zeitgenössische Gesellschaften so charakteristisch erscheinende Paradigma historischer Authentizität und die Auswirkungen, die zeit- und regionalgebundene Authentizitätsvorstellungen auf den Umgang mit der Vergangenheit und auf unser Geschichtsverständnis haben. Dass Authentizität zu einem so erfolgreichen Schlagwort auch in der Beschäftigung mit der Vergangenheit geworden ist, kann mit dem Ende des Fortschrittsoptimismus seit dem Ende der 1960er Jahre sowie einer allgemein verstärkten Vergangenheitsorientierung und „Musealisierung“ unserer Lebenswelt seit den 1980er Jahren erklärt werden. Aber auch Prozesse der Subjektivierung, der Pluralisierung und der Medialisierung dürften dazu beigetragen haben. Zweitens findet mit dem Vordringen postkolonialer Ansätze in den Kultur- und Geisteswissenschaften die regionale Spe-

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zifik des Verständnisses von Authentizität im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zunehmende Anerkennung. Von besonderer Bedeutung war hier – und nicht nur im engeren Blick auf das UNESCO-Weltkulturerbe und die Denkmalpflege – das „Nara Document on Authenticity“. Es verlangte 1994 eine „größere Achtung der Vielfalt der Kulturen und des Erbes in der Erhaltungspraxis“ und wollte damit auch die Kriterien der zuvor sehr auf materielle Aspekte bezogenen „Authentizitätsprüfungen“ von Kulturgütern stärker in ihrem „kulturellen Kontext“ beurteilt sehen. Gerade das UNESCO-Programm, das mittlerweile ja auch das „immaterielle“ Kulturerbe einschließt, wirft die Fragen auf, inwiefern der Aufstieg des Authentizitätstopos als globalgeschichtliches Phänomen anzusehen ist. Der Leibniz-Forschungsverbund konzentriert sich drittens auf Konflikte um Authentizität in erinnerungspolitischen und wissenschaftlichen Debatten. Dadurch soll der instrumentelle Charakter von Echtheitsansprüchen und Originalitätszuschreibungen deutlich werden. Denn Autorität und Autorisierung, zwei eng mit dem Authentizitätskonzept verbundene Begriffe, bestimmen maßgeblich die Auswahl dessen, was Menschen und Gesellschaften als „ihre“ kulturelle Überlieferung anerkennen – oder auch ablehnen. Eng damit verbunden ist viertens der Wandel von Beglaubigungsstrategien: So zielt etwa die Rekonstruktion historischer Authentizität im „modernen Denkmalkultus“ (Riegl) heute weniger auf die Wiederherstellung und Bewahrung eines „ursprünglichen“ Zustands, sondern vielmehr auf eine Sichtbarmachung verschiedener Zeitschichten, wie das etwa an David Chipperfields Restaurierung des Neuen Museums in Berlin exemplarisch abzulesen ist. Das ist freilich keine Neuerfindung der Jahrtausendwende, sondern schon ein Jahrhundert zuvor im Zuge der Heidelberger Schlossdebatte diskutiert worden. Der Austragung von Authentizitätskonflikten

Seit ihrer Entdeckung im Oktober 1962 ist die „Bremer Hansekogge“ bis heute Gegenstand der Forschung unterschiedlicher Disziplinen. Der Prozess des Wiederaufbaus und die anschließende Konservierung vor den Augen der Museumsbesucher war in den 1970er Jahren ein innovativer Ansatz der Sichtbarmachung von Forschung in einer Ausstellung („Schaufenster der Forschung“). Foto: Annika Thöt. © Deutsches Schiffahrtsmuseum Bremerhaven

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Waschkaue im Deutschen Bergbau-Museum Bochum: Als hätten Kumpel gerade ihre Schicht beendet. Foto: Olaf Ziegler © Deutsches Bergbau-Museum Bochum Rechts: „Ceci n‘est pas un château“: Die Potsdamer Künstlerin Annette Paul gewinnt 2013 den zweiten Preis im Kunst am Bau-Wettbewerb des neu entstandenen Potsdamer Stadtschlosses. Der vehement geführten Debatte über die Rekonstruktionssehnsucht begegnet Paul mit einer postmodern-ironischen Distanzierung. Foto: Achim Saupe

und dem Wandel von Beglaubigungsstrategien ist fünftens die Medialität des Authentischen eingeschrieben: Mediale Umbrüche, wie etwa die Erfindung der Fotografie oder aber das Aufkommen von Film und Fernsehen können Evidenzmaßstäbe grundlegend verändern. Sie geben geschichtspolitischen Akteuren – also auch Museumsmachern – neue Vermittlungsstrategien an die Hand. In historischer Perspektive kann deshalb danach gefragt werden kann, wie Medien und mediale Formate – vom Buch bis

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zum Computerspiel – die Wahrnehmung und Herstellung historischer Authentizität beeinflussen. Individualisierung und Pluralisierung haben seit den 1970er Jahren neue Vorstellungen vom „Selbst“ und vom „Eigenen“ in der Differenz zum „Anderen“ generiert, die nicht nur bis heute reichende Auswirkungen auf Identitäts- und Authentizitätskonzeptionen zeitigen, sondern auch den Umgang mit Dingen und Orten bei der Aneig-

nung von Vergangenheit verändert haben. Die sinnliche Anmutungskraft der Überreste, Relikte und Spuren sowie die Empathie für gelebte und „verkörperte“ Geschichte entscheiden zunehmend darüber, ob etwas als bewahrenswert in den Traditionsbestand aufgenommen wird. Insofern werden sechstens Fragen nach dem Spannungsverhältnis von subjektund objektbezogenen Authentizitätszuschreibungen untersucht. Dabei spielen individuelle Geschichtsaneignungen eine immer größere Rolle. Doch während in


Der Forschungsverbund widmet sich diesen Fragestellungen – neben anderen Themenfeldern, die sich mit der Begriffsund Ideengeschichte, „Räumen des Authentischen“ in Stadt und Land sowie Authentizitätsbehauptungen in Politik und Kultur beschäftigen – insbesondere in Bezug auf die Ermittlung und Vermittlung von Authentizität im Museum, in sammlungsbezogenen Einrichtungen und Archiven. Museen sind sicherlich die prominentesten Orte, in denen „authentische Objekte“ und „authentische Dokumente“ als solche gesammelt, ausgestellt und rezipiert werden. Die „Authentizität der Dinge“ – so Gottfried Korff – habe geradezu die Karriere des Museums am Ende des 20. Jahrhunderts begründet. Die Faszination des Authentischen wird dabei meist an der Materialität von Dingen festgemacht, deren „mnemotechnischen Energien“ (Korff) nicht zuletzt darauf beruhen, dass sie eine Phase vorübergehenden Vergessens überstanden haben. Diese Relikte befördern eine emotionale Verbindung zur Vergangenheit, die zunehmend auch als Voraussetzung für eine reflexive Auseinandersetzung mit Geschichte anerkannt wird. So werden aus Überresten und Relikten Medien historischer Erkenntnis – und zwar indem sie auf einen konkreten Zeitpunkt in der Vergangenheit, auf eine Praxis oder einen Gebrauch der Dinge verweisen. Andererseits sind sie als „Semiophoren“ (Pomian) relativ bedeutungsoffen.

den 1980er Jahren die Spurensuche vor Ort noch als Projekt einer kritischen Aufklärung verstanden wurde, ist im Zuge der fortschreitenden Kommodifizierung des „kulturellen Erbes“ – ein Begriff, der die Harmonisierung des Historischen bereits in sich trägt – eine zunehmende Kommerzialisierung und Inszenierung des Authentischen zu beobachten, dessen Aneignung sachte von der kritischen Infragestellung der Gegenwart in deren unkritische Selbstbestätigung übergewechselt ist.

Man kann dieses Bedürfnis nach dem Ursprünglichen und der Präsenz des Vergangenen als Reaktion auf die Virtualisierung und Digitalisierung unseres Alltags ausdeuten. Die dahinter liegende, kulturkritische Entfremdungserzählung ist freilich vielen Authentizitätskonzepten eingeschrieben. Dass mittlerweile immer mehr historisches Film- und Tonmaterial in die Museen Einzug erhält, computerbasierte Animationen in der Vermittlungsarbeit nicht mehr wegzudenken sind, in alltags- und kulturgeschichtlichen Ausstellungen Objekte der industriellen Massenfertigung gezeigt werden, relativiert sicherlich diese Annahme. Zudem verändert sich die Aura des Authentischen, die bisweilen auf der Fetischisierung des ausgestellten Einzeldings in der Vitrine oder einer inszenierten Objektgruppe im musealen Raum beruht, mit neuen Ausstellungskonzeptionen wie dem (Schau-)Depot, welches heute immer mehr Museen und Samm-

lungen anbieten. Und auf das Phänomen des Unberührbaren, das maßgeblich zur Auratisierung von Dingen im Museum beigetragen haben dürfte, reagieren manche Kuratorinnen und Kuratoren mit der reliquiengleichen Replik, die nun wieder berührt werden darf. Wie sehr die Aura des Objekts schon von den Marginalien des Museumsmachens beeinflusst werden kann, lässt sich aus einer kurzen Randnotiz aus dem „Handbuch für Museologie“ von Friedrich Waidacher entnehmen: „Eigens gerahmte Beschriftungen müssen unbedingt vermieden werden, da ein Rahmen in der Bildsprache der Ausstellung Authentizität signalisiert.“ Derartige Hinweise sind Stoff für konstruktivistische Ansätze, die den Authentizitätsdiskurs entzaubern. Danach

ist die Authentizität nichts als ein „rhetorischer Modus“, ein „Pakt“ zwischen Besuchern, Ausstellungsmachern und Institutionen. Und James Clifford hat das „Kunst-Kultur-System“ gleich als eine „Maschine zur Herstellung von Authentizität“ beschrieben, wobei durch die Zuschreibung „authentisch“/„nicht-authentisch“ darüber bestimmt werde, was als kulturell bedeutsam angesehen, was als „in-authentischer“ Ausdruck gedeutet und was (vorübergehend) dem Vergessen überstellt wird.

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Bei dem sogenannten Kernspaltungstisch im Deutschen Museum München handelt es sich um ein nachträgliches Arrangement verschiedener Geräte, mit denen Lise Meitner, Otto Hahn und Fritz Straßmann nachweislich zum ersten Mal eine Spaltung von Atomkernen durchführten. Inv.-Nr.: 1952/71930 © Deutsches Museum München

Eine Reihe von Praktiken des Authentifizierens und Authentisierens verleiht Objekten, Sammlungen und dem davon abgeleiteten Wissen ihren „authentischen“ Wert für die Forschung sowie für die Vermittlungs- und Bildungsarbeit in Museen, Archiven und vergleichbaren Einrichtungen. Zwischen den beiden Polen der „Ermittlung“ und der „Vermittlung“ von Authentizität bestimmt sich der Wert eines Objektes oder einer Sammlung für die Gesellschaft. Weitgehend unerforscht sind dabei historisch spezifische Authentisierungspraktiken in unterschiedlichen Museumstypen, etwa im Technikmuseum, in archäologischen Museen, in kulturgeschichtlichen und zeithistorischen Museen und nicht zuletzt in Kunstmuseen, dessen Konzeption meist in traditioneller Weise auf dem Original und der Originalität seines Schöpfers beruht. Die Trias von Authentizität, Lernen und Erlebnis sind wichtige Faktoren im Museum als Ort der Wissens- und Wissenschaftsvermittlung, doch ist weithin offen, welche Bedeutung Besucher dem Authentischen beimessen.

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Erforscht werden kann diesbezüglich, mit welchen Strategien und Methoden der Vermittlung im Museum heute Authentizität und Glaubwürdigkeit erreicht werden und welche Wechselwirkungen es dabei zwischen Dingen, Sammlungen und Präsentationen gibt. Die wenigen Studien zur Besucherforschung, die im Hinblick auf den Wert und den Reiz des Authentischen vorliegen, sind auf den ersten Blick entzaubernd. So tritt im Technikmuseum der Wert des Originals hinter die Funktionsweise des Ausstellungsstücks zurück, wie eine Studie des Instituts für Wissensmedien in Tübingen und des Deutschen Museums München deutlich macht. Hier sind freilich weitere Forschungen notwendig, um die vielfältigen Zuschreibungen und Effekte der Authentizitätssuggestion bei Museumsmachern und Besuchern zu untersuchen. Zudem ergeben sich weitere Untersuchungsgegenstände, etwa im Hinblick auf Vorstellungen und Konzepte von „Original“ und „Fälschung“, dem „Authentischen“ einerseits und der „Kopie“, der „Replik“

und dem „Modell“ andererseits – nicht nur im Museum heute, sondern auch in vergangenen Epochen. Ergründet werden müsste dabei auch, wie sich wissenschaftliche Denkstile, institutionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf die damit jeweils zusammenhängenden Beglaubigungsstrategien auswirken. In diesen Bereich fällt auch die Ethik und Philosophie des Restaurierens, Konservierens und Präparierens. Mit jedem konservatorischen und restauratorischen Schritt wird die materielle Authentizität eines Objektes oder Befundes beeinflusst. Untersucht werden können hier der historische Wandel von Restaurierungsverfahren sowie die ihnen zugrundeliegenden restaurierungs- und präparierungsethischen Vorstellungen. Worauf zielt die restaurierende und rekonstruierende Praxis? Was wird als „ursprünglicher“, „authentischer“ Zustand konserviert, sichtbar gemacht – und was ergänzt? Welche interpretativen Folgen haben derartige Entscheidungen, und


lässt sich im Wandel dieser Praktiken ein verändertes Geschichtsbewusstsein erkennen? Der Leibniz-Forschungsverbund will mit diesen Querschnittsfragen und Themenfeldern der interdisziplinären Reflexion auf die Bedeutung von Authentizität in historisch arbeitenden Disziplinen und Institutionen und damit dem vertieften Verständnis über die Ressource Vergangenheit in den Gesellschaften der Gegenwart dienen. Zugleich soll die Beziehung zwischen Wissenschaft und Geschichtsvermittlung verstärkt werden – nicht zuletzt, um im Sinne des Leibnizschen Mottos theoria cum praxi und Fragen unseres Lebens in der Gegenwart in historischer Perspektive klären zu helfen.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um einen für museum.de überarbeiteten, auszugsweisen Vorabdruck der Einleitung aus: Martin Sabrow/Achim Saupe (Hg.), Historische Authentizität, Göttingen: Wallstein 2016. Auf Anmerkungen wurde verzichtet.

Der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität Der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität untersucht, wie historische und zeitgenössische Authentizitätsvorstellungen den Umgang mit dem kulturellen Erbe beeinflussen. Er vereinigt 18 Leibniz-Einrichtungen sowie derzeit vier weitere Kooperationspartner. Es ist das Ziel des Leibniz-Forschungsverbunds Historische Authentizität, die öffentliche,

museale und wissenschaftliche Konstruktion des Authentischen im Umgang mit der Vergangenheit sowie seine wissenschaftstheoretische, kulturelle, gesellschaftliche und politische Bedeutung länder- und epochenübergreifend zu analysieren. www.leibniz-historische-authentizitaet.de

Neben den Leibniz-Forschungsmuseum gehören folgende Leibniz-Institute zum Verbund: • Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI), Braunschweig • Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft (HI), Marburg • Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Frankfurt • Institut für Deutsche Sprache (IDS), Mannheim • Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz • Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), Leipzig • Institut für Zeitgeschichte (IfZ), München-Berlin • Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner • Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen • Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam

Ein Ort, ein Datum, zwei Messen MUTEC und denkmal – die Europäische Leitmesse für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbausanierung Parallel:

www.mutec.de

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„Museen – Orte des Authentischen?“ „Museen – Orte des Authentischen?“ lautet der Titel einer Tagung, die am 3. und 4. März 2016 in Mainz stattfand. Rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche sowie Vertreterinnen und Vertreter der Praxis aus Museen, Sammlungen und Bildungseinrichtungen kamen zusammen, um über das „Authentische“ – das vermeintlich „Echte“, „Wahre“, „Originale“ – im Museum zu diskutieren. Die internationale Beteiligung war groß: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Italien, Portugal, Ungarn, Katar, den Vereinigten Staaten und Australien.

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Dominik Kimmel, der Leiter der Tagung, im Gespräch mit Friederike Mangelsen FM: Lieber Dominik, die Resonanz auf die Tagung zeigt, dass die Frage nach dem Authentischen für Museen weltweit von Relevanz ist. Wie ist dieses große Interesse zu erklären? DK: Museen haben eine hohe Glaubwürdigkeit – und wir erreichen mit unseren Ausstellungen und Vermittlungsprogrammen eine breite Öffentlichkeit. Dadurch tragen wir eine große gesellschaftliche Verantwortung. Wir sind Orte der Forschung und wir sind Orte, an denen den Besucherinnen und Besuchern wissenschaftliche Erkenntnis vermittelt wird. Bei

der Vermittlung spielen Fragen zur Authentizität eine wichtige Rolle in unserer täglichen praktischen Arbeit. FM: Du selbst bist Leiter Bildung und Kommunikation am Römisch-Germani-


Linke Seite: Podiumsdiskussion auf der Tagung „Museen – Orte des Authentischen?“ im Museum für Antike Schiffahrt des RGZM Mainz. Es diskutierten: Volker Mosbrugger, Helmuth Trischler, Johannes Vogel und Martin Sabrow (v.l.n.r.). Moderation: Volker Pietzsch (ANTENNE MAINZ 106.6) (ganz rechts). Foto: Ivo Wittich Linke Seite Mitte: Digitale Rekonstruktion des Nachbaus eines römischen Schnellseglers im Museum für Antike Schiffahrt des RGZM. Dieser wurde mithilfe eines terrestrischen Laserscanners vermessen und diente als Grundlage für die Rekonstruktion. Aus ihr wird mittels 3-D-Drucks ein Tastobjekt für Blinde hergestellt. Rekonstruktion: T. Schorb Rechts: Museum für Antike Schiffahrt des RGZM in Mainz: Hier stehen Nachbauten römischer Schiffe im Maßstab 1:1 direkt neben den originalen Schiffswracks, die 1981/82 in Mainz gefunden wurden und Grundlage für die Rekonstruktionen waren. Fotos: Volker Iserhardt / René Müller © Römisch-Germanisches Zentralmuseum Unten: Plinius der Ältere möchte die Einwohner von Pompeji retten. Die digitale Rekonstruktion zeigt verschiedene Typen römischer Kriegsschiffe in Aktion. Standbild aus einer stereoskopischen 360 Grad-Sequenz. Rekonstruktion: RGZM/Hochschule Mainz, Lehreinheit zeitbasierte Medien; Beyond the Screen 2012

schen Zentralmuseum in Mainz, das die Tagung ausgerichtet hat. Welche Bedeutung hat Authentizität für dein Haus? DK: Für uns als archäologisches Forschungsmuseum spielen Fragen zur Authentizität der Quellen und zum Umgang mit ihnen in der musealen Vermittlung eine wichtige Rolle. Eine besondere Bedeutung haben in unserem Haus beispielsweise Kopien, Modelle und Rekonstruktionen, die das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) seit seiner Gründung 1852 herstellt. Zunehmend sind das heute digitale Rekonstruktionen und 3-D-Drucke. Diese Tradition der Erstellung von Kopien und die Kompetenz der archäologischen Restaurierungswerk-

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stätten des RGZM machen Mainz zum prädestinierten Ort für diese Tagung. FM: Wer steht außer dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum hinter der Tagung? DK: Veranstalter der Tagung ist der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität – gemeinsam mit den Forschungsmuseen in der Leibniz-Gemeinschaft. Mit ihren Forschungsverbünden hat die Leibniz-Gemeinschaft ein Instrument geschaffen, um zu bestimmten gesellschaftsrelevanten Themen die Forschungen ihrer Mitgliedsinstitute zu bündeln. Die Tagung und die begleitende öffentliche Abendveranstaltung sind für den Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität ein wichtiges Mittel, um die Diskussion in der Forschung voranzutreiben und in die Öffentlichkeit zu wirken. Die inhaltliche Planung hat ein Programmkomitee übernommen, das aus Vertretern der Forschungsmuseen sowie weiterer Forschungseinrichtungen bestand. Der Deutsche Museumsbund wirkte als Kooperationspartner mit, ebenso mainzed, das neue Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geisteswissenschaften, das die Tagung digital auf Twitter begleitete. Unterstützt wurde die Tagung von der Daimler und Benz Stiftung. FM: Welches Ziel verfolgte der LeibnizForschungsverbund Historische Authentizität mit der Tagung? DK: Ziel der Tagung war eine zusammenführende Bestandsaufnahme dessen, was an Bedeutungen und Funktionen dem „Authentischen“ im Museum zukommt. Reflektiert wurde auf interdisziplinärer Basis, wie Authentizität durch Sammlung und Forschung, Konservierung und Restaurierung, aber auch durch Ausstellungskonzeption und Vermittlungsarbeit hergestellt wird. Dadurch sollen auch wesentliche Anregungen für die Museumsund Sammlungspraxis entstehen. FM: Was ist dein persönlicher Eindruck – wurde dieses Ziel erreicht? DK: Ich habe wahrgenommen, dass Vertreter aus den verschiedensten Fachbereichen auf der Tagung über die gemeinsamen Herausforderungen lebhaft Rechts: Darstellung eines Gemäldekabinetts, Dietrich, Christian Wilhelm Ernst, gen. Dietricy, Dresden 1742. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

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diskutiert haben. Ein Zwischenfazit: Es herrschte Einvernehmen darüber, dass Authentizität im Museum nicht per se existiert, sondern dass wir Authentizität konstruieren, dass wir Authentizität zuschreiben und dass wir mit den verschiedensten Mitteln Authentizität herstellen. Ob die Ergebnisse der Tagung letztendlich in der Praxis umgesetzt werden, wird sich zeigen. Wir planen jedenfalls eine umfassende Publikation. FM: Du hast im Panel über das „Digitale Museum“ selbst einen Vortrag zum Einsatz von Virtual Reality im Museum gehalten. Welche Fragen beschäftigen Dich in diesem Zusammenhang? DK: Eine der zentralen Fragen ist für mich, wie Wissensvermittlung erfolgreich umgesetzt werden kann – grundsätzlich und insbesondere im Museum. Dabei ist besonders wichtig, dass wir der Öffentlichkeit verständlich machen können, wie Forschung funktioniert. Hierzu müssen wir uns auch mit der Glaubwürdigkeit und

Transparenz unserer eigenen Arbeit beschäftigen. Oder anders gesagt: Wie können wir unsere Botschaften spannend und erlebnisreich gestalten und gleichzeitig die dahinterliegenden Prozesse für die Öffentlichkeit nachvollziehbar machen? Genau darauf müssen wir bei der Beschäftigung mit digitalen Rekonstruktionen und mit Virtual Reality im Museum achten. Denn vor allem hier müssen wir aufpassen, wie wir mit der Vermittlung von gesichertem Wissen im Gegensatz zu Spekulativem umgehen. Vor allem dann, wenn die Quellenlage fragmentarisch ist, d.h. wenn wenig erhalten ist und wir darauf angewiesen sind zu rekonstruieren. Je mehr wir rekonstruieren, desto mehr müssen wir die dahinterliegenden Prozesse transparent machen. So können wir unserer Verantwortung als wissenschaftlicher Einrichtung gerecht werden, deren Ziel es ist, zu bilden – und nicht nur zu unterhalten. FM: Wenn die Digitalisierung so viele Möglichkeiten bietet – das war auch eine heiß diskutierte Frage auf der Tagung –

Nasssammlung im Museum für Naturkunde Berlin. Foto: Carola Radke © Museum für Naturkunde Berlin

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brauchen wir dann heute überhaupt noch Originalobjekte im Museum? DK: Ja! Wir brauchen auch heute noch das Originalobjekt. Die Originale sind unsere Quellen, also unsere wissenschaftliche Basis. Wir forschen anhand von Objekten und über Objekte. FM: Das betrifft aber primär die Forschung. Wie steht es um Originale in der Ausstellung? DK: In der Ausstellung sind Originale aus meiner persönlichen Sicht nicht in jedem Fall notwendig. Denn abhängig von dem, was wir vermitteln wollen, können wir unsere „Geschichten“ auch mit Bildern, Rekonstruktionen oder Kopien erzählen. Originalobjekte haben aber selbstverständlich auch in der Ausstellung einen Mehrwert: Das Original kann dort z.B. als Beleg dienen, mit dem wir den Besuchern zeigen, woher unsere Erkenntnis stammt. Wir ermöglichen ihm, z.B. in archäologischen und historischen


FM: Bestimmt sind viele Fragen offen geblieben... Wird es eine Folgeveranstaltung geben? Was plant der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität als nächstes?

FAUST 7

Die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft sind: • Deutsches Bergbau-Museum, Bochum • Deutsches Museum, München • Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven • Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg • Museum für Naturkunde, Berlin • Römisch-Germanisches Zentral museum, Mainz • Senckenberg Naturmuseen, Frankfurt a. M., Görlitz und Dresden • Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn

Die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft Die acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft verbinden Forschung und Bildungsauftrag in besonderer Weise. Neben Dauer- und Sonderausstellungen finden hier umfangreiche Forschungen zur Erdgeschichte, zur Biodiversität sowie

FAUST EntryMuseum

Datenbank- und Retrievalsystem

FAUST EntryArchiv

FAUST iServer

EAD Erfassungshilfen Import/Export

Expertenrecherche

Bildarchiv

Archiv

FAUST 7

Museum

Filme Videos

DK: Es gab u.a. Panels zur materiellen Authentizität, zur Restaurationsethik, zur Theorie und Geschichte der Dinge, zur Besucherwahrnehmung, zu Authentizitätsvorstellungen in Vergangenheit und Gegenwart...

Dominik Kimmel ist stellvertretender Sprecher des Leibniz-Forschungsverbunds „Historische Authentizität“ und Leiter Bildung und Kommunikation am Römisch-Germanischen Zentralmuseum. Das Interview führte Friederike Mangelsen.

Musik

Zugangsrechte Datenbank Bilder Online Recherche

FM: Was waren neben dem Digitalen im Museum und der Bedeutung von Originalobjekten weitere Inhalte der Tagung?

zur Kultur- und Technikgeschichte statt. Die einzigartigen Sammlungen umfassen weit mehr als hundert Millionen Objekte und bilden das Fundament für die Wissenschaft. Mit ihren Ausstellungen erreichen die Museen jedes Jahr Millionen von Menschen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Wissensvermittlung.

DK: Im Verlag des RGZM wird eine umfassende Publikation zur Tagung erscheinen. Zudem werden weitere Tagungen und Workshops zu den verschiedenen Themenfeldern, die im Rahmen dieser Tagung diskutiert wurden, stattfinden.

Flexibel Integrierte OCR

Museen, durch den Kontakt mit dem Original eine Begegnung mit der Vergangenheit, die freilich nicht „unmittelbar“ ist, aber doch einen Zeitsprung in vergangene Welten erlaubt. Studien im Rahmen des Forschungsverbunds legen zudem nahe, dass die Bedeutung des Originals für die Besucher auch von der Funktion des Objekts in der Ausstellung abhängt.

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LAND Software Entwicklung 107


Deutsches Bergbau-Museum Bochum – Museum über Tage und unter Tage Autorinnen: Dr. des. Petra Eisenach, Dörthe Schmidt M.A. und Eva Paasche

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Ursprünglich war das Deutsche Bergbau-Museum Bochum (DBM) ein reines Museum für den Steinkohlenbergbau. Mittlerweile präsentiert das Haus umfangreiches Wissen sowie Forschung rund um Georessourcen auf dem gesamten Globus. Einmalig ist sicherlich das Anschauungsbergwerk, in dem Besucher die historische Entwicklung des Bergbaus nachvollziehen können. Und fast wie in einem echten Bergwerk können sie mit dem Seilfahrtsimulator auf eine gefühlte Tiefe von sage und schreibe 1.200 Metern einfahren. Die ersten Ideen zur Errichtung eines bergbaulichen Museums reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage verschwanden die Pläne zunächst in der Schublade. Die Stadt Bochum und die Westfälische Berggewerkschaftskasse ergriffen schließlich in den 1920er Jahren die Initiative. Unter der Leitung von Heinrich Winkelmann, Bergbauingenieur und später erster Direktor des Museums, wurden die ehemaligen Schlachthofgebäude der Stadt zu einem Museum umgebaut, das im April 1930 schließlich seine Tore öffnete. Seitdem ist es der Anspruch des DBM, mit der Dauerausstellung, den wechselnden Sonderausstellungen und seinen Veranstaltungen die wirtschaftlichen, kulturel-

Oben: Das Deutsche Bergbau‐Museum Bochum. Foto: Karlheinz Jardner Links: Das Deutsche Bergbau‐Museum Bochum verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Grubenlampen. Fotos: © Deutsches Bergbau‐Museum Bochum.

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len und sozialen Entwicklungen des Bergbaus für Laien und Fachleute anschaulich darzustellen. Auf einer Ausstellungsfläche von etwa 8.000 Quadratmetern geben Originalmaschinen, zahlreiche Modelle, die mineralogische Sammlung sowie außergewöhnliche (kunst-)historische Exponate einen umfassenden Einblick in die Gewinnung und Verarbeitung von Bodenschätzen. Das einem Bergwerk originalgetreu nachempfundene Anschauungsbergwerk mit einem Streckennetz von 2,5 Kilometern Länge stellt eine Besonderheit dar. Es befindet sich rund 20 Meter unter dem Gebäude. Mit den ersten Abteufungsarbeiten wurde 1937 begonnen, seitdem wird es von Bergleuten des DBM ständig unterhalten und auch erweitert. Hier können die Besucher die imposanten Maschinen und den mühsamen Arbeitsalltag der Bergleute unter Tage hautnah erleben. Noch realer wird die Erfahrung durch den 2014 installierten Seilfahrtsimulator, der sie gefühlt in eine Tiefe von 1.200 Metern bringt. Weit über die Grenzen Bochums bekannt ist das grüne Fördergerüst, das die Silhouette des Museumsgebäudes prägt und zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Dabei thront das größte

Original-Ausstellungsstück erst seit 1973 über dem DBM. Zuvor hatte es über dem Zentralschacht des Bergwerks Germania in Dortmund-Marten gestanden, wo es in den Kriegsjahren 1943/44 errichtet wurde. Die renommierten Industriearchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, die auch die beiden, heute zum UNESCO-Welterbe gehörenden Anlagen Zollverein 12 in Essen und Rammelsberg in Goslar planten, entwarfen das vollwandige Doppelbockgerüst. Es galt seiner-

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zeit mit einem Gewicht von 850 Tonnen, einer Höhe von 71,4 Metern und einem Seilscheibendurchesser von 7,5 Metern als weltgrößtes Fördergerüst. Zu seiner Erbauungszeit galt es eines der modernsten und auch leistungsstärksten Fördereinrichtungen des deutschen Steinkohlenbergbaus, bis zum Jahre 1971 wurde noch aus der Dortmunder Schachtanlage Steinkohle gefördert. Danach hatte es seine Funktion verloren. Aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, doch in den 1970er Jahren entflammte die Diskussion darüber, ob und wie ehemalige Industrieanlagen als wertvolle Kulturgüter auch für die Nachwelt erhaltenswert seien. Mit der Übernahme des Fördergerüsts bezog das DBM in dieser Debatte eindeutig Stellung. Unter großem medialen Interesse wurde es zunächst auf der Dortmunder Schachtanlage Germania in bis zu 30 Tonnen schwere Einzelteile zerlegt und von dort anschließend mit Spezialtransportern nach Bochum verfrachtet. Wochenlang dauerte die mit Mitteln des Kultusministeriums NRW geförderte Montage am neuen Standort. Nach dem Einbau eines Fahrstuhls, der das Anschauungsbergwerk mit der Aussichtsplattform und dem Museum direkt verbindet, wurde das Gerüst 1974 am DBM in Betrieb genommen. Der Architekt Fritz Schupp, auf dessen Pläne auch der Hauptbau des Museums zurückgeht, erschien zum Richtfest und bezeichnete das Germania-Gerüst doch als eine baulich-ästhetisch überzeugende Lösung. Diese Meinung teilen offenbar auch viele andere Menschen, denn das Fördergerüst ist ein beliebtes Fotomotiv. Vom größten Exponat des Museums können die Besucher in luftiger Höhe eine herrliche Sicht über Bochum genießen

Links: Das Deutsche Bergbau‐Museum Bochum zeigt in seinen Ausstellungen die Bedeutung des Bergbaus früher und heute. Rechts: Im Stereoskop sehen die Besucher historische Bilder von unter Tage in 3D. Fotos: Karlheinz Jardner, © Deutsches Bergbau‐Museum Bochum.


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Kinder erleben bei einer Fテシhrung im Anschauungsbergwerk die Arbeitswelt unter Tage. Foto: Karlheinz Jardner, ツゥ Deutsches Bergbau窶信useum Bochum

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Oben: Streb mit Schildausbau und Doppelwalzenlader im Anschauungsbergwerk. Foto: Karlheinz Jardner, © Deutsches Bergbau‐Museum Bochum Unten: Aufbau des Fördergerüstes über dem Deutschen Bergbau‐Museum Bochum, 1973. Foto: © Deutsches Bergbau‐Museum Bochum

und bei gutem Wetter den Blick bis hin zur Essener Skyline oder auch der Schalke-Arena schweifen lassen. Die Pflege technischer Denkmäler zählt seit der Aufstellung des Fördergerüstes zu den zentralen Forschungsaktivitäten des DBM. Es sammelt und bewahrt die materiellen und immateriellen Zeugnisse des Montanwesens für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung und als Quelle des Verständnisses für die Öffentlichkeit. Die Bestände des am DBM angebundenen Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) sind einmalig. Es umfasst die museale Sammlung, eine Bibliothek und Fotothek sowie das Bergbau-Archiv Bochum, das zentrale Wirtschaftsarchiv für den Bergbau in der Bundesrepublik Deutschland. Die Vielfalt von Objekten und Archivalien machen das Museum zu einem einzig-

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artigen Forschungsstandort. Bereits seit 1977 ist es anerkannte außeruniversitäre Forschungseinrichtung und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Wenn auch die Bedeutung des DBM aus regionaler Verantwortung gegenüber

dem Steinkohlenbergbau hervorging, ragt sie bereits seit langer Zeit weit darüber hinaus. Weltweit erforschen Montanarchäologen, Bergbauhistoriker, Archäometallurgen, Chemiker und Materialkundler des DBM die Gewinnung und Verarbeitung von Georessourcen sowie die daraus


folgenden Konsequenzen für Mensch und Natur – von der Urgeschichte bis in die Gegenwart. Auf den Ergebnissen der Forschungsprojekte basieren die großen Sonderausstellungen im „Schwarzen Diamanten“ – dem Erweiterungsbau des Museums. Er erhielt aufgrund seiner ungewöhnlichen Architektur diverse Auszeichnungen (2010 „Guter Bau“ vom Bund Deutscher Architekten (BDA) Kreis Bochum, Hattingen, Witten; 2010 1. Preis Eccola-Award für die Fassade; 2011 „Guter Bau“ vom BDA auf Landesebene, NRW) und wurde 2013 für die große Nike nominiert. Im Oktober 2016 erwartet hier die Besucher die nächste Sonderausstellung. Sie präsentiert Highlight-Exponate aus dem DBM, wirft einen Blick zurück und gibt exklusiv einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Hauses. Mit der bevorstehenden Generalsanierung und Neugestaltung der übertägigen Ausstellungshallen stehen dem DBM große Veränderungen bevor. Die hierfür benötigten Mittel sind bereits bei der öffentlichen Hand beantragt; die RAG-Stiftung hat für die Sanierung des Südflü-

gels bereits 15 Mio. Euro zugesagt. Die neuen Ausstellungseinheiten sollen 2018, zeitgleich mit dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus, eröffnet werden. Die Besucher erwartet ein attraktives, neu aufgestelltes Museum mit vielen interaktiven Angeboten. Die Leitung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum und der etwa 70 Mitarbeiter liegt seit Mai 2012 bei Prof. Dr. Stefan Brüggerhoff. Träger sind die DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung mbH und die Stadt Bochum. Gefördert werden die Forschungsaktivitäten bereits seit 1977 von Bund und Land. Mit der ständigen Ausstellung, seinen Sonderausstellungen und einem umfangreichen Programm aus Führungen, Vorträgen und einem vielfältigen museumspädagogischen Angebot erreicht das DBM jährlich etwa 400.000 Besucher und gilt als eines der größten Bergbaumuseen der Welt.

Seine Sonderausstellungen präsentiert das Deutsche Bergbau‐Museum Bochum in seinem Erweiterungsbau, dem Schwarzen Diamanten. Foto: Karlheinz Jardner, © Deutsches Bergbau‐Museum

Deutsches Bergbau-Museum Bochum Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen Besuchereingang: Europaplatz Postadresse: Am Bergbaumuseum 28 44791 Bochum Tel.: (+49) (0)234 5877-126 besucherservice@bergbaumuseum.de http://www.bergbaumuseum.de

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Mission Museum – Bundesvolontärstagung 2016

Links: Podiumsdiskussion mit ehemaligen Volontären. Rechts: Kaffeepause, Fotos: © Sarah Diag

Darf ich vorstellen? Wir sind die „Generation Praktikum“ oder präziser: „Generation Volontariat“. Das heißt, wir haben alle erfolgreich unser Studium als Kunsthistoriker, Volkskundler, Historiker oder ähnliches absolviert, haben bereits während des Studiums zahlreiche Praktika durchlaufen und sind dann startklar, um ins Berufsleben zu starten. Uns alle eint der Wunsch, die nächsten Jahre in einem Museum oder einer ähnlichen kulturellen Einrichtung zu arbeiten. Und dafür sind wir bereit, so einiges auf uns zu nehmen. Der berufliche Einstieg ins Museum läuft in der Regel über ein Volontariat. Das bedeutet 2 Jahre Zeit, „richtige“ Museumsarbeit zu erlernen – also das theoretische Wissen der Uni in praktische Berufserfah-

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rung zu transferieren. Das klingt erstmal einleuchtend. Und klar ist auch, dass man während einer Ausbildung nicht voll bezahlt wird. Doch schon stellen sich die ersten Fragen: Ist es wirklich eine Ausbildung? Wie ist der rechtliche Status eines Volontärs? Und haben wir nach den 2 Jahren „Lehrzeit“ auch tatsächlich eine Chance auf einen Job als Kurator, Museumspädagoge oder Pressereferent in einem Museum? Nun, diese Fragen beschäftigt den Volontär meist erst dann, wenn er sich von etwa 200 anderen jungen, motivierten und gut ausgebildeten Uniabsolventen hervorgehoben hat und eine der begehrten Volontariatsstellen bekommen hat. Unsicher und selbstkritisch – wie das oft im ersten Job so ist – und in der Regel

wenig Austauschmöglichkeit mit Gleichgesinnten im Arbeitsalltag, bietet einmal jährlich die Bundesvolontärstagung, kurz BVT, die Möglichkeit, sich mit Volontären aus ganz Deutschland auszutauschen, zu vernetzen, aktuelle Trends zu diskutieren und Chancen und Möglichkeiten aufgezeigt zu bekommen. Sie wird zwar initiiert und unterstützt vom Deutschen Museumsbund, geplant, organisiert und durchgeführt aber ehrenamtlich von Volontären. Von Volos für Volos sozusagen. Dieses Jahr fand die BVT bereits zum 26. Mal statt; in einer der Boom-Städte Deutschlands: Leipzig. Die enorme Museumsdichte, exzellente Infrastruktur, da Messestadt, und vor allem das Engagement der Volontäre waren ideale Voraussetzungen, um die etwa 700 wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen


Autorin: Ann-Kathrin Reichenbach

Volontäre aus Museen, Gedenkstätten, der Denkmalpflege und vergleichbaren kulturellen Einrichtungen, wie es offiziell heißt, nach Leipzig einzuladen. Der Grundtenor war den Organisatoren schnell klar: Trotz der nach wie vor nicht geklärten rechtlichen Situation der Volontäre und der Frage nach einer angemessenen Bezahlung, sollte in diesem Jahr das Positive, die Chancen und Möglichkeiten, die ein Volontariat bietet, hervorgehoben werden. Was kann ich während meines Volontariats unternehmen, um meine Chancen auf eine spätere Anstellung zu erhöhen? Gibt es einen „Masterplan“? Und was sind aktuelle Themen und Trends in Museen, mit denen ich mich vertraut machen muss? Die „Mission Museum“, so der Titel der Tagung, stand im Fokus.

Um diesen und vielen weiteren Fragen nachzugehen, wurde ein abwechslungsreiches Programm ausgearbeitet. Die etwa 240 VolontärInnen, die der aktuellen Grippewelle trotzten und einen der begehrten Tagungsplätze erhielten, wurden am Freitag, dem 26. Februar, im Neuen Rathaus vom diesjährigen Schirmherren der Tagung, dem Bürgermeister für Kultur, Michael Faber, empfangen und begrüßt. Der erste, zum Teil sehr unterhaltsame Punkt, waren die Kurzvorstellungen der Direktoren der sieben beteiligten Museen (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Museum der bildenden Künste Leipzig, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Museum für Druckkunst Leipzig, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig und Stadtarchiv Leipzig). Es war spannend und gleichzeitig beru-

higend zu hören, dass auch bei arrivierten Museumsmenschen, die seit Jahren die Geschicke kleinerer oder auch großer Museen lenken, am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn nicht alles glatt lief. Da gab es das ein oder andere Volontariat, das den Vorstellungen nicht entsprach, oder die Arbeit im Museum war gar nicht der Wunsch-Arbeitsplatz. Nach dieser launigen Einleitung in die „Mission Museum“ und gestärkt durch Kaffee und Berliner waren alle gespannt auf eine Podiumsdiskussion zu aktuellen Themen, die die Museumslandschaft beschäftigt. Es diskutierten Prof. Rainer Eckart (Direktor a.D. des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig), Katja Margarethe Mieth (Direktorin der sächsischen Landesstelle für Museumswesen), Tulga Beyerle (Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden),

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tes Spektrum abzudecken, das auch die große Bandbreite an unterschiedlichen Volontariaten und Interessen widerspiegeln sollte. Innerhalb von drei Stunden brachten die Workshopleiter ihr Themengebiet näher und es entwickelte sich in allen Fällen ein fachlich kompetenter und gleichzeitig persönlicher Austausch. Die Bereitschaft aller Workshopleiter, die aus ganz Deutschland kamen, unentgeltlich am Wochenende zu arbeiten, zeigt einmal mehr, dass die Förderung der Nachwuchskräfte ein wichtiges Anliegen ist. Das zeigten auch die nächsten Rednerinnen, die den Weg nach Leipzig zur BVT gefunden haben. Zunächst berichtete Dr. Olivia Griese vom Haus der Geschichte in Bonn über den Volontärsaustausch zwischen Deutschland und Frankreich vom Deutsch-Französischen-Jungendwerk. Dieser Austausch ist eine einmalige Möglichkeit während des Volontariats zwei Monate in die Museumslandschaft Frankreichs einzutauchen und selbst Be-

Links: Kaffeepause Mitte: Informations- und Büchertisch Unten: Blick ins Plenum Rechts: Workshop, Fotos: © Sarah Diag

Kathrin Meyer (Kuratorin am Deutschen Hygienemuseum Dresden) und Prof. Wolfgang Ullrich (Kunstwissenschaftler und freier Autor). Anschließend wurde bei der Stärkung des leiblichen Wohles auch das Zwischenmenschliche gepflegt. Man lernte sich kennen, knüpfte erste Kontakte und tauschte sich bis in die späten Abendstunden aus. Am Samstagmorgen trafen sich die Tagungsteilnehmer in größeren und kleineren Workshops, insgesamt 15 an der Zahl. Vom Thema „Kuratieren“ über „Museumspädagogik“ bis hin zu „Gedenkstätten“ wurde versucht, ein brei-

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Die Bundesakademie Wolfenbüttel ist einer der bedeutendsten Anbieter für praxisnahe berufliche Fort- und Weiterbildung im Bereich Kulturelle Bildung in Deutschland. Sie bietet pro Jahr insgesamt rund 180 Veranstaltungen, darunter Seminare, Qualifizierungsreihen und Tagungen in sechs Programmbereichen – auch im Bereich Museum – an.

Beratung Methodenkompetenzen

Austausch & Beratung Archiv- & Depotplanung

Bewahren & Erhalten Professionalisierung

Wissenschaft & Forschung Ausstellung & Konzept

Personalführung

Inklusion

Diversität

Qualifizierungen Vermitteln & Kuratieren

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Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel Programmbereich Museum | www.bundesakademie.de

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Sprecherinnen des AK Volontariat 2015: Nadja Springer und Ann-Kathrin Heinzelmann, Foto: © Sarah Diag

rufserfahrung in einem Museum dort zu sammeln. Prof. Bénédicte Savoy von der TU Berlin, die am 1. März den Leibnitz-Preis verliehen bekam, brachte das Thema „Forschen im Museum“ wieder in die Köpfe der Teilnehmer. Der nächste Tagungsordnungspunkt war ein Novum auf der BVT: die Verleihung des „Goldenen V“. Der AK Volontariat, der sich auf Bundesebene für die Belange der Volontäre einsetzt, rief einige Wochen vor Beginn der Tagung die TeilnehmerInnen auf, ihre Einrichtung mit dem besten Volontariat ins Rennen zu schicken. Dafür müssen die Richtlinien „Vorbildliches Volontariat“, das vom DMB vor einigen Jahren zusammen mit dem AK herausgegeben wurde und aktuell modifiziert wird, eingehalten werden. Wichtige Punkte dabei sind: Fortbildungsmöglichkeiten, adäquater Arbeitsplatz, gute Betreuung und, ganz wichtig, Bezahlung 50 % von TVöD 13. Das „Goldene V“ 2016 darf die Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt und der Sommerpalais

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Greiz mit nach Hause nehmen. Diese Einrichtungen sollen als Best Practice Beispiele Vorbild für andere Häuser sein, im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich für ihre Volontäre und Volontärinnen einzusetzen, eine Ausbildung mit einem richtigen Ausbildungscharakter zu bieten und den Nachwuchskräften das beste Rüstzeug an die Hand zu geben, um später in der Museumslandschaft Fußzufassen. Möglichkeiten, wie es nach dem Volontariat weitergehen kann, erfuhren die TeilnehmerInnen am Sonntag. Es trafen sich auf dem Podium Dr. Iris Edenheiser (Sammlungsleiterin am Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim), Marius Krohn (Leiter des Industriemuseums in Brandenburg an der Havel), Hermine Brietzel (Museumspädagogin im Museum der bildenden Künste Leipzig) und Dr. Marcus Andrew Hurttig (wiss. Mitarbeiter im Museum der bildenden Künste Leipzig). Offen berichteten sie über größere und kleinere Hürden, die sie vor ihrer jeweiligen Festanstellung nehmen mussten, gaben Tipps und zeigten Möglichkeiten auf, um die Chancen zu erhöhen.

Damit ging die bislang größte Bundesvolontärstagung mit ganz vielen Eindrücken, neuen Ideen und hoffentlich Mut und Zuversicht zu Ende. Mit dieser Tagung wollten wir zum einen Leipzig präsentieren, wollten zeigen, dass Leipzig eine weltoffene Stadt mit einer beeindruckenden Kultur- und Museumslandschaft ist. Zum anderen wollten wir Mut machen; dass bereits mit dem Volontariat ein wichtiger Meilenstein gelegt wurde auf dem Weg zu einem Arbeitsplatz im großen Feld der Museumslandschaft. Trotz möglicher (Selbst-)Zweifel, Unsicherheiten und Ungewissheiten sollten wir ab und zu innehalten und überlegen, wie weit wir bereits gekommen sind. Und wer weiß, vielleicht sitzen wir in einigen Jahren selbst auf dem Podium der BVT und berichten über genau diese Selbstzweifel und wie wir trotzdem nicht aufgegeben haben und es geschafft haben. Organisatoren: Nora Langensiepen, Sarah Diag, Corinna Sehl, Sophia Wiest, Mareile Halbritter, Miriam Heckhoff, Lydia Hauth, Peter Paul Schwarz, Almut Hertel, Ann-Kathrin Reichenbach


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Bayerisches Nationalmuseum Barock und Rokoko / M端nchen

...die Kunst zu bewahren w w w. r e i e r. d e

124 Fotograf: Bastian Krack Copyright: Bayerisches Nationalmuseum M端nchen

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