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Ausgabe 17

06 | 2014

http://www.museum.de

MAGAZIN M USEUM.DE

Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg 1


Inventarisierung Multimedia-Archiv Ausstellungsverwaltung Leihverkehr Online-Kataloge

AUGIAS-Museum 5.0

AUGIAS-Data · Im Südfeld 20 · 48308 Senden · info@augias.de · www.augias.de Nähere Infos auf unserer Homepage · Kostenfreie Demoversion auf Anfrage


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alionsfigur.

Im Aberglauben der Schiffsbesatzung sollte die Galionsfigur den Kurs des Schiffes beobachten und es vor Unglück bewahren. Die Seeleute sahen in ihr die Seele des Schiffes. Heute steht der Begriff für die vorsitzende Person einer Institution mit besonderer persönlicher Ausstrahlung. Kürzlich besuchte ich die neue Geschäfts-

MUSEUMSTREFFEN 2014

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Krieg und Wahnsinn, MHM Dresden

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führende Direktorin Frau Prof. Kleingärtner des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven. Die im Museum ausgestellte Galionsfigur gehörte sofort zu meinen Lieblingsexponaten. Ein Museum zu führen ist Teamarbeit. Sei es die Putzfrau, Technik, Aufsichtspersonal, Kuratoren, Pädagogen und andere: sie alle gehören zur Mannschaft und der Kapitän ist der/die Museumsleiter/in. In dieser Position benötigt man eine glückliche Hand. Manchmal sind Kurskorrekturen nötig, weil sich der Wind gedreht hat. Momentan steuert Frau Kleingärtner die Neuausrichtung des Schiffahrtmuseums, damit es in sicheren Gewässern bleibt.

Galionsfiguren wurden am sogenannten Bugspriet – dem wohl prominentesten Ort an Bord – angebracht. Dem entsprechen heute die öffentlichen Auftritte der Museumsleitung bei Ausstellungseröffnungen, Pressemeldungen und den bekannten sozialen Netzwerken. So möchte ich also in alter Tradition für den Erhalt der Galionsfiguren plädieren. Bei Schiffen mag man sie heute vielleicht nur noch selten sehen. Ich wünsche sie mir aber in allen Museen. Herzlichst Ihr Uwe Strauch

ECHOCAST – Ausbildungs-Standard 20 An den Grenzen des Reiches. Gra- bungen im Xantener Legionslager

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24 Stunden für die Ewigkeit. Le Mans. Porsche Museum

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Ausstellungsgestaltung: Die Aus- sageabsicht bestimmt die Form

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„Alltag Zwangsarbeit 1938–1945“ 38 Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide Deutsche Strumpfdynastien - Maschen, Mode, Macher. tim Augsburg

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Das Deutsche Schiffahrtsmuseum im Wandel

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Verband der Ausstellungsgestalter

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„1914 – Mitten in Europa“ 74 LVR-Industriemuseums/Ruhr Museum Deutsches Fußballmuseum

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SMAC - Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz

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Feuerwehrmuseum Hermeskeil

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Szenografie-Gipfel Berlin

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Titel: Cottonwirksaal. Erste auf d. Cottonmaschine produzierte Perlon-Strümpfe 1953. © picture alliance_dpa Rechts: Frau Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner, Geschäftsführende Direktorin Deutsches Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven, Uwe Strauch (Gründer museum.de) vor der Gallionsfigur des Großseglers GERMANIA. Foto: © Strauch MAGAZIN MUSEUM.DE

Ausgabe Nr. 17

Herausgeber

Kurfürstenstr. 9

Telefon 02801-9882072

museum@mailmuseum.de

Druck: Strube druck & Medien

Juni 2014

Uwe Strauch, Dipl.-Inf. TU

46509 Xanten

Telefax 02801-9882073

www.museum.de

Vers.: Dialogzentrum Rhein-Ruhr

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MUSEUMSTREFFEN 2014 am 8. Oktober im MHM in Dresden

„Die wunderbare Brotvermehrung“ oder: von neuen Erkenntnissen, wenn man Erfahrungen mit anderen teilt

Die Idee der MUSEUMSTREFFEN liegt in einem persönlichen Austausch unter den „Museumsmachern“. Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Motto „Der begeisterte Museumsbesucher“. Lassen Sie uns miteinander über die Praxis und Visionen für Museen sprechen, uns gegenseitig inspirieren und unsere Erfahrungen miteinander teilen. In Xanten neigt man dazu, eine Stelle aus der Bibel zu zitieren. Vielleicht gibt es Ihnen die Antwort, warum Sie sich am 8.10. auf den Weg zum Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden begeben sollten. Auch Freude verdoppelt sich bekanntlich, wenn man sie teilt ... Herzlichst Uwe Strauch

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Matthäus 14,15-21 Und als es Abend geworden, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Der Ort ist öde, und die Stunde ist schon vorgeschritten; entlass das Volk, damit sie in die Dörfer gehen und sich Speise kaufen! Jesus aber sprach zu ihnen: Sie haben nicht nötig hinzugehen; gebt ihr ihnen zu essen! Sie sprachen zu ihm: Wir haben nichts hier als fünf Brote und zwei Fische. Er sprach: Bringt sie mir hierher! Und er befahl dem Volk, sich in das Gras zu lagern, nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah zum Himmel auf, dankte, brach und gab den Jüngern die Brote, die Jünger aber gaben sie dem Volk. Und sie aßen alle und wurden satt; und sie hoben auf, was übrig blieb an Brocken, zwölf Körbe voll. Die aber gegessen hatten, waren etwa fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder.


Das MUSEUMSTREFFEN findet 2014 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden statt. Foto: © Uwe Strauch

Unser Dank gilt den Sponsoren: Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 8.10.2014 am besucherfreien Tag des Museums statt. In den Pausen kann das komplette Museum mit seinen Ausstellungen kostenlos besichtigt werden. Zur Teilnahme sind ausschließlich Mitarbeiter aus Museen und der Sponsoren eingeladen.

EXHIBITION

Das Anmeldeformular zur Teilnahme befindet sich unter http://treffen.museum. de. Für die ganztägige Teilnahme wird lediglich eine Bewirtungsgebühr in Höhe von 29 Euro erhoben, mit deren Begleichung eine erfolgreiche Anmeldung abschließt. Bei einer Anmeldung über das Fax-Formular prüfen Sie bitte vorher unter o.g. Webadresse, ob noch Plätze frei sind. Idealerweise registrieren Sie sich bitte ausschließlich über die o.g. Webadresse. Wir freuen uns auf Ihren Besuch in Dresden!

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AGENDA MUSEUMSTREFFEN 2014 08:15 Einlass 08:30 - 09:00 Frühstück

09:30 - 10:00 Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Bremerhaven

09:00 - 09:20 Oberst Prof. Dr. Rogg Direktor Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Dresden Begrüßung

Erleben - Erinnern - Erforschen: Das Besucherverhalten im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven.

10:00 - 10:30 Dr. Ulrich Rosseaux Stellvertretender Direktor des Geldmuseums der Deutschen Bundesbank, Frankfurt Das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank - Erfahrungen und Perspektiven.

09:20 - 09:30

10:30 - 11:30 Pause 60 Minuten

Uwe Strauch Gründer museum.de, Xanten Der begeisterte Museumsbesucher

11:30 - 12:00 Dr. Karl Borromäus Murr Museumsleiter tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg Der „bewegte“ Museumsbesucher im Spannungsfeld von Bildung, Erlebnis, Performanz und Partizipation. Ein Erfahrungsbericht aus dem Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim)

12:00 - 12:30 Otto Steiner Steiner Sarnen Schweiz AG, Szeongraf Berührende Momente

12:30 - 13:45 Mittagsbuffet 75 Minuten

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13:45 - 14:15 Reimund Heinisch Leiter Besucherservice, Ausstellungsmanagement und Werksführungen, Porsche-Museum, Stuttgart Faszination Automobil. Wie begeistert das Porsche Museum Museumsbesucher. Moderation: Petra Albrecht WDR Düsseldorf

14:15 - 14:45 Prof. Heinrich Theodor Grütter Direktor Ruhr Museum, Essen Fremdes und Vertrautes. Das Museum als Heterotyp und Identitätsfabrik.

14:45 - 15:30 Pause 45 Minuten

15:30 - 16:00 Dr. Sabine Wolfram Direktorin Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz Aller Anfang ist leicht.

16:00 - 16:30 Dr. Peter Plaßmeyer Direktor Mathematisch-Physikalischer Salon / Staatliche Kunstsammlungen Dresden . Foto: © SKD, Jürgen Lösel Ein Erfahrungsbericht ein Jahr nach der Wiedereröffnung vom Mathematisch-Physikalischen Salon.

16:30 - 17:30 Come together mit Radeberger Pils vom Faß

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Krieg und Wahnsinn Kunst aus der zivilen Psychiatrie zu Militär und I. Weltkrieg. Werke der Sammlung Prinzhorn. Sonderausstellung vom 6. Juni bis 7. September 2014 am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM), Dresden. Autorin: Katja Protte Fotos: © MHM / Ingrid Meier

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2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal – Zeit, einmal eine ganz andere Sicht auf diese entscheidende Zäsur des 20. Jahrhunderts zu wagen. Wie nahmen „zivile“ Psychiatriepatienten und -patientinnen das militärisch geprägte deutsche Kaiserreich und den Krieg 1914/18 wahr? Was erzählen Bildwerke, die zwischen 1880 und 1925 in psychiatrischen Anstalten geschaffen wurden, über Militär und Krieg? Die Heidelberger Sammlung Prinzhorn gilt als eines der außergewöhnlichsten Museen der Welt. Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886– 1933) baute zwischen 1919 und 1921 an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik eine einzigartige Sammlung von Werken aus psychiatrischen Anstalten vor allem des deutschsprachigen Raums auf. Im Rahmen des von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Uniform und Eigensinn. Militarismus, Krieg und Kunst in der Psychiatrie“ hat ein interdisziplinäres Team in Heidelberg die rund 6.000 Stück umfassenden Sammlungsbestände neu gesichtet und von den über 500 Arbeiten, die sich mit Militär und Erstem Weltkrieg beschäftigen, über 120 Werke für die Ausstellung „Krieg und Wahnsinn“ ausgewählt. Die Ausstellung wird ab 6. Juni erstmals in Dresden im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr gezeigt. Das Militärhistorische Museum ist auf seine Art nicht weniger außergewöhnlich als die Sammlung Prinzhorn: ein deutsches Militärmuseum, das sich nicht nur an Soldaten und militärhistorisch Interessierte richtet, sondern kritisch eine Kulturgeschichte der Gewalt erzählt, die alle angeht. Nach einer grundlegenden Neukonzeption und einer architektonischen Neugestaltung durch den Architekten Daniel Libeskind öffnete das Militärhistorische Museum 2011 seine Pforten. Ein 30 Meter hoher Keil schiebt sich mitten durch das historische Arsenal-

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Blick in die Ausstellung „Krieg und Wahnsinn“, Gestaltung: Thomas Ebersbach, Leipzig. Foto: © MHM / David Brandt

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gebäude aus dem 19. Jahrhundert und symbolisiert, wofür auch die inhaltliche Ausrichtung des Museums steht: Multiperspektivität, Brechungen und das Öffnen von Denkräumen. Die oft als Outsider Art bezeichneten Werke von Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen sind kein Fremdkörper im Militärhistorischen Museum. Sie werden zu einem zunächst irritierenden Element der Gesamtkonzeption, erweitern alte und erschließen neue Perspektiven.

Spiegel der Bilder der ganz normale kriegerische Wahnsinn des wilhelminischen Zeitalters zeigt, wo sich individuelle, „ver-rückte“ Vorstellungswelten öffnen und wo einfach wunderschöne, verblüffende oder verstörende Kunstwerke zu finden sind. In vier thematisch-chronologisch gegliederten Abschnitten können Besucherinnen und Besucher die Werke der Sammlung Prinzhorn entdecken:

Die Ausstellung „Krieg und Wahnsinn“ bietet einen spannenden Blick von den Rändern der wilhelminischen Gesellschaft auf Militär und Krieg. Werke von über 60 Anstaltsinsassen lassen auf ungewöhnliche Weise die militärverliebte, technikbegeisterte Zeit des deutschen Kaiserreiches 1871 bis 1918 fassbar werden, entziehen sich aber auch immer wieder historisch eindeutigen Zuschreibungen. Es liegt oft im Auge des Betrachters, wo sich im

Viele Werke entstanden aus dem Wunsch ihrer Schöpfer nach Teilhabe an der Normalität außerhalb der Anstaltsmauern. Die Achtung vor Uniform und Orden zeigt sich ebenso wie Respekt und Ehrfurcht vor gekrönten Häuptern und militärischen Rängen. Sie führten zu eigenwilligen, teils grotesken bildlichen Huldigungen. Andere Arbeiten stellen die Rollenmuster und Auswüchse einer militarisierten Gesellschaft mit beißendem Spott bloß.

Militarisierte Gesellschaft

Rechts: Eduard Paul Kunze, König Fri[e]drich August der III. von Sachsen, um 1913 Foto: © Sammlung Prinzhorn / Universitätsklinikum Heidelberg, Inv. Nr. 698 fol. 2 recto Unten: Karl Genzel, Militarismus, um 1914/15 Foto: © Sammlung Prinzhorn / Universitätsklinikum Heidelberg, Inv. Nr. 132


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Militärische Träume Manche Anstaltsinsassen gaben sich in ihren Bildern selbst eine militärische Identität und rückten sich so in Sphären der Achtung und des Respekts. Im Kontrast dazu stellten andere in uniformierten Selbstbildern ihre Verletzlichkeit heraus, ihr Scheitern an gesellschaftlich vorgegebenen Rollen. Oder sie nutzten soldatische Versatzstücke zur gänzlichen Entrückung aus der Realität in traumartigen Szenen militärischer Ordnungen und Rituale. Krieg

Fotos: © MHM / Ingrid Meier

Meist fern der Kriegsereignisse 1914/18, malten sich Anstaltsinsassen auf vielfältige Weise das Geschehen aus, nicht zuletzt angeregt von Kunstdrucken und Pressebildern. Vielfach stand hinter diesen Vorstellungen das schmerzliche Bedauern, sich nicht aktiv beteiligen zu können, zumal einige von ihnen sogar hofften, dass der Krieg zu ihrer Befreiung führen würde. Sie erdachten technische Erfindungen und arbeiteten sich − nicht erst seit 1914 − an Kampf- und Schlachtendarstellungen ab. Während des Ersten Weltkriegs wurden die Lebensverhältnisse in den psychiatrischen Anstalten immer schlechter. Zehntausende starben an den Folgen der Unterernährung. In einigen wenigen Arbeiten scheinen der Hungerwinter 1916/17 und die Not der folgenden Jahre durch. Frieden Die Reaktionen auf das Ende des Ersten Weltkrieges waren innerhalb der deutschen Anstaltsmauern so vielfältig wie außerhalb. Die einen zeigten Freude und Erleichterung, andere schmerzte der Versailler „Schmachfrieden“. Wieder andere dachten schon während des Krieges an einen Neuanfang und entwarfen Brücken zur Völkerverständigung. Das Gedenken an die Tausende gefallener Männer verlangte in den Augen mancher nach allegorischer oder mythologischer Einkleidung. Viele litten unter den Erfahrungen während der Kriegszeit und dem Verlust geliebter Angehöriger. Der Tod blieb allgegenwärtig. Ausstellungsarchitektur Die Werke von Anstaltsinsassen aus der Sammlung Prinzhorn lassen den Einfluss historischer Ereignisse, Gesellschafts- und

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Arthur F. Becker [Buhr?], Steckrübe, undatiert, Bleistift auf Toilettenpapier Foto: © Sammlung Prinzhorn / Universitätsklinikum Heidelberg, Inv. Nr. 264 verso Rechts: Impression aus der Dauerausstellung zum Thema „Militär und Gesellschaft im deutschen Kaiserreich“. Foto: © MHM / David Brandt

Lebensbedingungen deutlich werden. Viele der Bilder waren für ihre Urheber jedoch nicht nur Medien der Selbstvergewisserung und der Verarbeitung von Eindrücken, sondern auch Kommunikationsmittel. Manche Insassen verkauften kleine Bilder, richteten sie an Verwandte oder forderten, dass etwa ihre technischen Entwürfe und Ideen an Zeitungen oder Behörden weitergeleitet werden sollten. In der Zeit ihrer Entstehung scheiterten solche Versuche oft, – sonst wären die Arbeiten nicht in der Sammlung Prinzhorn zu finden. Doch die Ausstellung dieser Werke bietet die Chance für eine zeitübergreifende bis heute anhaltende Kommunikation.

oder sich fast zu schließen, lassen Enge und Gleichförmigkeit von Anstaltsalltag erahnen, nehmen militärische Realien auf. Ein Uniformmantel, eine Trommel, eine Mine erinnern an Motive in den ausgestellten Werken, spielen auf biografische Bezüge an und stehen als Versatzstücke für die Faszination von Militär und Krieg im deutschen Kaiserreich.

Die komplexe Durchdringung von Außenund Innenperpektiven war für den Leipziger Ausstellungsarchitekten Thomas Ebersbach Ausgangspunkt seiner Gestaltung von „Krieg und Wahnsinn“ am Militärhistorischen Museum in Dresden. Er schafft eine fast schon expressionistisch anmutende Ausstellungslandschaft, die zum Entdecken einlädt und jedem einzelnen der sehr heterogenen Werke aus der Sammlung Prinzhorn den Raum gibt, den es braucht. Seine Ausstellungsmodule biegen sich auf, scheinen zu zersplittern

Die Ausstellung wird in etwas veränderter Form unter dem Titel „Uniform und Eigensinn. Militarismus, Weltkrieg und Kunst in der Psychiatrie“ vom 2. Oktober 2014 bis 2. Februar 2015 im Museum Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, gezeigt.

„Krieg und Wahnsinn“ ist eine Kunstausstellung und zugleich eine eminent historische Ausstellung. Viele Arbeiten entfalten eine ganz eigene künstlerische Wirkung, in ihrer Gesamtheit zeichnet sich jedoch so etwas wie eine Pathologie des wilhelminischen Zeitalters ab.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden http://www.mhmbw.de

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Städtisches Museum Braunschweig Autor: Wolfgang Roddewig, ERCO Leuchten GmbH

Das Städtische Museum Braunschweig wurde 1861 durch einen öffentlichen Sammlungsauftrag initiiert und sukzessive durch bedeutende Stiftungen bürgerlicher Sammlungen bereichert und erweitert. Das Museumsgebäude wurde 1906 vollendet und gehört

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zu den großen kunst- und kulturgeschichtlichen Museen Deutschlands. Kunst, Kultur und Technik sind die Schwerpunkte der Sammlung, der heute mehr als 270.000 Objekte zur Braunschweiger Geschichte angehören.


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Nach vierjähriger Umbauphase erstrahlt das Städtische Museum seit 2012 in neuem Glanz. Florale Ornamente und geschwungene Linien kennzeichnen das zwischen 1904 und 1906 nach Plänen des Braunschweiger Architekten und Stadtbaurats Max Osterloh erbaute Museumsgebäude als ein typisches Beispiel der Formensprache des Jugendstils. Innen erwartet den Besucher ein imposanter Lichthof mit Rundbögen sowie lichtdurchflutete Raumfluchten und filigrane Wandmalereien. Ein eindrucksvolles Farb- und Beleuchtungskonzept setzt das Gebäude und die Ausstellungsobjekte auf drei Etagen in das richtige Licht. Für die Ausstellungsgestaltung war das Büro Christian Axt beauftragt, das Lichtkonzept wurde von Michael Flegel konzipiert. Nach umfangreichen Bemusterungen und Ausschreibung haben die Projektbeteiligten sich für LED-Logotec-Strahler von ERCO entschieden. Mit nur einer Leuchtenart mit werkzeuglos austauschbaren Wechsellinsen konnten

alle benötigten symmetrischen und asymmetrischen Lichtverteilungen erzeugt werden. Das Museum hatte somit Lichtwerkzeuge zur Verfügung, mit denen flexibel auch auf zukünftige Ausstellungsbedürfnisse reagiert werden kann. Da das Haus eine gute alte Bausubstanz hat, wurde auf den Einbau einer Klimaanlage verzichtet. Umso wichtiger war es daher, die Wärmelast in den Räumen niedrig zu halten. LED-Leuchten benötigen zur Erzeugung der gleichen Beleuchtungsstärke nur etwa 20% der Energie wie vergleichbare Strahler mit Halogenlampen. Diese immense Stromkostenreduzierung über viele Jahre und die geringe Wärmelast in den Räumen waren ein gewichtiges Argument, sich für eine LED-Lösung zu entscheiden. Lichtdecke und LED-Strahler Im ehemaligen Gemäldesaal, der heute als Portraitsaal genutzt wird, befinden sich auf der linken grünen Seite des

Raums bürgerliche, auf der rechten roten Seite höfische Büsten und Portraits. Im Vordergrund links befindet sich die Büste von Peter Joseph Krahe (1758-1840), der seit 1803 als Hofbaurat in Braunschweig tätig war, auf der rechten Seite die von Herzog Maximilian Julius Leopold von Braunschweig-Lüneburg (1752-1785), einem Freimaurer und Aufklärer, der für sein soziales Engagement bekannt war. Die unterschiedliche Farbgebung regt den Betrachter an, sich darüber Gedanken zu machen, ob und welche gesellschaftlich-künstlerische Unterschiede er geben mag. Eine Grundhelligkeit wird durch die Lichtdecke erzeugt, mit der jedoch nur eine diffuse Beleuchtung realisiert werden kann. Erst durch die zusätzlich eingesetzten LED-Strahler wird die Plastizität der Büsten und Medaillons herausgearbeitet. Licht und Farbe Sämtliche Ausstellungsräume waren einst

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farbig gestaltet. Das ursprüngliche Farbkonzept von Hans Schadow aus dem Jahr 1906 sah Graublau, Moosgrün, Rot und Cremefarbe vor. Nur in 4 Räumen ließen sich 2011 noch die Farbreste aufspüren, die es ermöglichten, die originalen Farben zu bestimmen und das Farbkonzept Schadows wieder aufzugreifen. Diese vier Räume erhielten ihre ursprüngliche Farbgebung zurück, dabei wurde als Leimfarbe eine pastöse Mischung aus Leim mit Farbpigmenten verwendet. Da die Farbe mit Quasten aufgetragen wird, entsteht eine Struktur in der Farbmasse mit einer pudrigen Oberfläche. Ein besonders schönes Beispiel des Zusammenspiels von Licht und Farbe ist im Durchblick der Räume „Braunschweiger Maler und Vermächtnisse“, „Malerei und Skulptur um 1900“ bis zum Raum „Kunst nach 1945“ zu sehen. Im Vordergrund sehen wir „s`Roosje“, ein Ölbild des 1899 in Braunschweig verstorbenen Hermann Huisken, im Hintergrund der Raum mit Kunst nach 1945.

Braunschweig existierten in 300 Jahren mehr als 30 Klavierbau-Werkstätten. Pioniere waren Heinrich und Theodor Steinweg. Heinrich (1797-1871) ging mit vier Söhnen 1850 nach New York und gründete 1853 Steinway & Sons. Der älteste Sohn Theodor (1825-1889) führte das Unternehmen weiter und verkaufte 1865 die väterlichen Braunschweiger Werkstätten seinem Teilhaber Wilhelm Grotrian. Mit dem Namen Grotrian-Steinweg existiert die Firma noch heute. Clara Wieck (1819-1896), verheiratet mit Robert Schumann, war als Pianistin, Komponistin und Pädagogin eine Ausnahmeerscheinung. Von 1871 bis zu ihrem Tode 1896 verbanden sie eine enge geschäftliche und künstlerische Beziehung zur Firma Grotrian-Steinweg. Beraten von Clara Schumann entwickelte die Firma eine neues richtungsweisendes Klangideal: Kraft mit Weichheit. Ihr letzter Flügel steht im Städtischen Museum Braunschweig. Das Bürgermuseum

Da die verschiedenen Kunstwerke unterschiedliche Formate und Farbigkeiten haben, kamen hier die differenzierten Lichtwerkzeuge in Gestalt der LED-Strahler zu ihrer vollen Entfaltung. Musikinstrumentensammlung Ein besonderes Highlight des Museums ist die Musikinstrumentensammlung. In

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Das Jugendstilgebäude des Städtischen Museums bietet eine schöne und geniale Architektur, dies ist ein großer Schatz und damit das wichtigste Ausstellungsstück. In einem neuen Architekturführer ist die wechselvolle Geschichte des Hauses nachzulesen.1 Und das Museum kann bei freiem Eintritt

besucht werden. Es ist ein Museum für den Bürger, denn schließlich bereichern bis heute bürgerliche Stiftungen, Schenkungen, Vermächtnisse und Nachlässe die reichen Sammlungen des Hauses. Eigene und durch Unterstützung anderer, wie dem 2004 wieder gegründeten Freundeskreis, getätigte Ankäufe erweitern die Sammlungen des Städtischen Museums. Somit können wir uns uneingeschränkt der Meinung der Museumsdirektorin, Dr. Cecilie Hollberg, anschließen: „Das Städtische Museum Braunschweig präsentiert sich nun als ein hochkarätiges, bestens saniertes Haus, das einen Besuch in Braunschweig lohnt.“ Weitere Informationen zum Projekt und zu den eingesetzten Produkten sind unter www.erco.com oder unter der nachfolgenden Adresse erhältlich: Dr.-Ing. Wolfgang Roddewig Leiter Segment Museum Reichenberger Str. 113a 10999 Berlin Tel. 030-769 967 14 w.roddewig@erco.com www.erco.com

Fotorechte für alle Fotos: Dirk Scherer/Städtisches Museum Braunschweig ___________ 1 E. Arnhold, C. Hollberg, S. Kotyrba (Hg.): Städtisches Museum Braunschweig, Arnhold & Kotyrba, Braunschweig 2012


Ich bin Architektin. Ich plane keine Gebäude. Sondern Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen. Am Anfang eines Auftrages setze ich mich nicht in ein ruhiges Büro. Ich setze mich in das belebteste Café am belebtesten Platz der Stadt. Sehe die Menschen. Höre die Geschichten. Rieche den Duft. Fühle das Licht. Ich sitze da und warte, bis der Funke an meinen Tisch kommt. Er stupst mich an und sagt „So machen wir es. Genau so.“ Ich bin Architektin. Ich plane keine Gebäude. Sondern Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen. Inspiration findet den, der sie sucht. Finden Sie Ihre Lichtlösung unter www.erco.com/inspirations

ERCO, die Lichtfabrik.


ECHOCAST – Ausbildungs-Standard für W.I.S. im Interview mit Professor Dr. Klaus Schneider, Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln Prof. Dr. Schneider: Die Jahresbesucherzahl liegt bei ca. 120.000. Wenn man das runterrechnet auf die Tagesbesucher, dann haben wir beispielsweise samstags oder sonntags ca. 3.000 Besucher, vor allem, wenn es besondere Angebote gibt. Im Normalbetrieb sind es einige hundert Besucher pro Tag. Ein erheblicher Anteil davon sind übrigens Schulklassen.

Wissenswert: Das Rautenstrauch-JoestMuseum wurde im Jahre 1901 gegründet. Welche Ausstellungen waren in den letzten 100 Jahren im Rautenstrauch-Joest-Museum die berühmtesten?

Professor Dr. Klaus Schneider, Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums. Foto oben: W.I.S. Raum rechts: „Die Welt in der Vitrine: Museum“, Foto: © Gabriele Kremer

Die W.I.S. Unternehmensgruppe, gegründet im Jahre 1901, gehört zu den Top 6 der deutschen Sicherheitsunternehmen. Für ihr Magazin „Wissenswert“ führte sie ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Klaus Schneider, Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln.

Wissenswert: Herr Prof. Dr. Schneider, was erwartet die Besucher im Rautenstrauch-Joest-Museum und was macht es so besonders? Prof. Dr. Schneider: Wir sind ein ethnologisches Museum, was zu den kulturhistorischen Museen gehört. Früher nannten wir uns Völkerkundemuseum. Diesen Begriff haben wir im Zuge unseres neuen Konzepts geändert und das ist auch zugleich das Besondere bei uns. Denn es gibt in keinem anderen ethnologischen Museum eine Dauerausstellung, die nach Themen und nicht nach Regionen geordnet ist. Normalerweise finden Sie bei einem Durchgang durch ein ethnologisches Museum überall „Afrikasaal“, „Ozeanien“, „Asien“, „Amerika“. Wir haben gemerkt, dass es sehr schwierig ist, Länder oder gar ganze Kontinente wie Afrika repräsentativ darzustellen. Es gibt so viel Wissenswertes über Afrika, das man dem gar nicht gerecht werden kann. Und so kamen wir auf die Idee,

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eine kulturvergleichende Themenausstellung anzubieten, die als Dauerausstellung läuft. So haben wir einen Rundgang mit einem Angebot von zehn verschiedenen Themen geschaffen. Interessant ist außerdem, dass wir in ganz Nordrhein-Westfalen das einzige ethnologische Museum sind. Das ist ein deutliches Alleinstellungsmerkmal und etwas, was eigentlich in der Museumslandschaft zu wenig Wertigkeit erfährt. Die Kunstmuseen werden anders wahrgenommen als wir, obwohl wir auch Kunst präsentieren, nämlich außereuropäische, und damit den Brückenschlag zur zeitgenössischen Kunst schaffen. So wie zurzeit bei der aktuellen Sonderausstellung, zu der wir ein Dutzend Künstler aus Polynesien und Neuseeland eingeladen hatten. Das kam super gut an.

Wissenswert: Wie viele Besucher empfangen Sie durchschnittlich zu regulären Öffnungszeiten?

Prof. Dr. Schneider: Das kann man ziemlich gut strukturieren. In den 50er Jahren gab es eine große Bewegung, in der man Objekte als ästhetisch wertvoll definierte und über die Ästhetik Zugang zu anderen Kulturen fand. Man nannte diese Objekte dann „Exotische Kunst“. Es gab damals eine sehr erfolgreiche Ausstellung, die sich „Exotische Kunst aus dem Rautenstrauch-Joest-Museum“ nannte. In den 80er und 90er Jahren gab es häufig Kulturvergleiche in den Ausstellungen. Eine der erfolgreichsten Ausstellungen nannte sich „Die Braut - geliebt, verkauft, getauscht, geraubt“. Zu dieser Zeit gab es außerdem noch eine Ausstellung über die Maya, die wir vom Römer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim übernommen haben. Das war die besucherstärkste Ausstellung aller Zeiten. Im Jahre 2004 präsentierten wir eine Ausstellung namens „Namibia – Deutschland - eine geteilte Geschichte“, in der es um die Aufarbeitung der Kolonialzeit ging. Diese Ausstellung ist später nach Berlin an das Deutsche Historische Museum gegangen und zählte insgesamt fast 200.000 Besucher.

Wissenswert: Seit wann sind Sie Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museums und wie wird man eigentlich Museumsdirektor? Prof. Dr. Schneider: Ich bin seit dem Jahre 2000 Direktor des Rau-


Sicherheit und Besucherservice in Museen

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es einfach auch standardmäßig geben, denn die Qualitätsunterschiede beim Personal, die fallen ja auf.“ Wissenswert: Seit gut einem Jahr läuft das Ausbildungsprogramm ECHOCAST nun für Mitarbeiter der W.I.S. im Rautenstrauch-Joest-Museum. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen damit?

© Foto: W.I.S.

tenstrauch-Joest-Museums. Vorher war ich schon vier Jahre als Afrikakurator hier tätig. Es gibt natürlich nicht nur den „einen“ Weg, Direktor eines Museums zu werden. Bei mir war es so, dass ich Ethnologie studiert habe und danach versuchte, in diesem Wissenschaftsbetrieb etwas zu finden, was einen Bezug zum musealen Geschehen hat. Ich habe mich schon sehr früh mit Objekten und Lebensläufen aus Afrika und der Erforschung der afrikanischen Geschichte beschäftigt. Darum ging es auch in meinem damaligen, sehr spannenden Projekt an der Uni Frankfurt. Es passiert den meisten Ethnologen so, dass sie zunächst lediglich Projekte haben, denn feste Stellen gibt es nur sehr wenige. Man braucht ein Quäntchen Glück, um an eine freie Position zu kommen. Über mein Projekt kam ich zu der Bewerbung auf eine freie Stelle und es hat geklappt. Zunächst war ich Stellvertretender Direktor im Museum für Völkerkunde in Hamburg – und später dann hier in Köln.

Wissenswert: Seit wann arbeiten Sie mit der W.I.S. zusammen und in welchem Rahmen nutzen Sie die Dienstleistungen der W.I.S.? Prof. Dr. Schneider: Also seitdem ich hier bin, arbeiten wir mit der W.I.S. zusammen. Es ist eine sehr langjährige Zusammenarbeit, die schon über Jahrzehnte

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hinweg andauert. Die Mitarbeiter der W.I.S. machen in unserem Hause den kompletten klassischen Austellungswachdienst, den Empfang, die Kasse und die Garderobe. Verbunden mit dem Empfang übernehmen sie auch die Betreuung der Handwerker, denn die brauchen immer die Begleitung eines Sicherheitsmitarbeiters. Ganz wichtig und sozusagen das Herzstück in unserem Sicherheitskonzept ist die Sicherheitszentrale. Hier wird auf einer großen Videoleinwand jeder Winkel unseres Hauses permanent überwacht. Dort sind immer zwei Mitarbeiter der W.I.S. im Einsatz.

Wissenswert: ECHOCAST (European – Cultural – Heritage – Organisation – Customer-Awareness – Staff –Training) ist ein neuer europäischer Ausbildungs-Standard für Sicherheit und Besucherservice in Museen. Wie sind Sie erstmalig darauf aufmerksam geworden? Prof. Dr. Schneider: Ich bekam von einem Geschäftsführer hier in Köln die Unterlagen über ECHOCAST. Man sagte mir, dass die W.I.S. jetzt dabei wäre, wollte mich darüber informieren und hören, wie ich das einschätzen würde. Mir hat das von Anfang an sehr gefallen, weil wir die W.I.S. Mitarbeiter schon immer intern geschult haben. Und ich dachte „Mensch, das finde ich richtig gut und sowas muss

Prof. Dr. Schneider: Meine Erfahrungen sind sehr gut! Denn für die Mitarbeiter ist es wichtig zu verstehen, wie das Museum arbeitet, was in der Planung ist, worauf es uns bei der Dienstleistung ankommt und was wir erwarten. Solche Fragen werden intensiv im Rahmen der ECHOCAST Ausbildung behandelt. Eine der Leistungen von ECHOCAST ist es, das man die Mitarbeiter speziell im sensiblen Bereich des Besucherservices entscheidend fortbildet. Der erste Ansprechpartner für unsere Besucher ist die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter der W.I.S. Der freundliche und professionelle Empfang ist extrem wichtig für unser Haus. Und deshalb finde ich das Ausbildungsprogramm und den ganzen Aufbau der Schulung sehr sinnvoll.

Wissenswert: Würden Sie sagen, dass eine deutliche Veränderung spürbar ist, seitdem ECHOCAST eingeführt wurde? Prof. Dr. Schneider: Auf jeden Fall. Viele Mitarbeiter haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl, seitdem sie die Ausbildung absolviert haben und es ist auch ein gewisser Stolz spürbar. Die Identifikation mit ihrem Beruf ist deutlich gestiegen und sie arbeiten sehr gerne bei uns. Es ist oft so, dass die Mitarbeiter irgendwann alles über die Ausstellungen erzählen können und die Themen wirklich mit Interesse begleiten. Außerdem wurde die Sicherheit im Umgang mit Konflikt-Situationen spürbar gestärkt. Es gab Lernmodule wie „Erste Hilfe“ und „Brand- und Feuerschutz“. Die W.I.S. Mitarbeiter wissen nun nicht nur, wo die Feuerlöscher stehen, sondern sie können sie auch richtig bedienen.

Wissenswert: Würden Sie ECHOCAST weiterempfehlen? Prof. Dr. Schneider: Ja, das habe ich schon oft gemacht!

Wissenswert: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!


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DIE HOHE KUNST DER SICHERHEIT Die W.I.S. sorgt mit individuellen Sicherheitskonzepten, innovativer Sicherheitstechnik und erfahrenem Sicherheitspersonal für den umfassenden Schutz Ihrer Werte. Seit über 100 Jahren sind wir professioneller Sicherheitsdienstleister für Unternehmen und Privatkunden. Museen sowie Kunst- und Kultureinrichtungen behandeln wir mit besonderer Sorgfalt. Unser hervorragend geschultes Personal, zertifiziert nach dem europäischen Ausbildungsstandard ECHOCAST, hochmoderne Sicherheitstechnik und eine 24/7 Überwachung sorgen für zuverlässigen Schutz Ihrer Exponate.

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An den Grenzen des Reiches Grabungen im Xantener Legionslager am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Ausstellung vom 16. Mai bis 7. September 2014, LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten

Im Rahmen des LVR-Verbundprojekts „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ lädt das LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten dazu ein, ins Jahr 1914 zurückzuspringen und mit dem Blick der Wilhelminischen Kaiserzeit das Legionslager Vetera auf dem Fürstenberg bei Xanten kennenzulernen. Kaiser Augustus stationierte kurz vor Christi Geburt im Lager Vetera Teile seiner Truppen, die von hier aus die Offensive ins freie Germanien starteten. Nach der verheerenden Niederlage im Teutoburger Wald und der Festlegung des Rheins als Grenze des Reiches wurden auf dem Fürstenberg zwei Legionen mit ungefähr 10.000 Soldaten fest stationiert. Durch diese große Zahl an Legionären – die Hälfte des niedergermanischen Heeres war hier versammelt – blieb Vetera ein zentraler Schauplatz römischer Machtausübung. Es ist bis heute das größte bekannte Standlager des Römischen Reiches. Schon um 1900 wurden auf dem Fürstenberg Ausgrabungen durchgeführt, die ab 1905 im großen Stil als die wichtigste Grabung des Rheinischen Provinzialmuseums Bonn fortgesetzt wurden. Sie fügten sich in die allgemeine Archäologiebegeisterung der Zeit ein. Die bürgerliche Gesellschaft am Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ war geradezu begierig darauf zu erfahren, was die Archäologen bei ihren Ausgrabungen im In- und Ausland gefunden hatten. Große Sammlungen und Museen entstanden. Aber auch kleine Heimatmuseen zeigten archäologische Funde, Schulen thematisierten römische und germanische Geschichte. Die Ausstellung veranschaulicht über die lokale Ebene hinaus die politische Bedeutung der Grabungen und die Sicht der Epoche auf die archäologischen Hinterlassenschaften auf deutschem Boden. In Malerei, Bildhauerei, Literatur, Schauspiel und Musik wurde die Antike als Teil einer nationalen Identität vereinnahmt. Doch

konnte sich die Archäologie der wilhelminischen Zeit nur schwer zwischen der Bewunderung für die Selbstbehauptung der Germanen und dem Respekt vor der Disziplin und Zivilisation der Römer entscheiden. Wilhelm II., von der Antike fasziniert, ließ sich persönlich über den Verlauf der Xantener Grabungen informieren. Für den Kaiser war die Altertumskunde nicht zuletzt ein Mittel zur Selbstdarstellung und Legitimation der eigenen Herrschaft. Die Ausstellung zeigt, wie die Politik das Bild von Römern und Germanen mit nationalem Pathos prägte. Besonders eindrucksvolle Belege bilden großformatige Schulwandbilder und damals populäre Figuren von Römern und Germanen, die im gesamten Deutschen Reich Verbreitung fanden. Die stetig wiederholten, vermeintlich wissenschaftlich fundierten Stereotypen blonder, naturverbundener Recken wurden zur Grundlage des Ahnenbildes auch der folgenden Generationen. Für die römerzeitliche Archäologie erbrachten die Ausgrabungen in Xanten grundlegende Erkenntnisse. In vielen Details geht unser Bild des Lagers noch heute auf die Untersuchungen jener Zeit zurück. Waffen, Brennöfen, ausgezeichnet erhaltene Keramik und viele weitere, teils erstmals ausgestellte Exponate erzählen vom Leben der Legionäre an der Grenze des Römischen Reiches. Reich geschmückte Bauteile verdeutlichen eine prachtvolle Ausstattung der Gebäude, die eher an eine wohlhabende Stadt als an eine Garnison denken lassen. Darüber hinaus werden auch die Methoden der Archäologie und der Umgang mit den Funden vor 100 Jahren beleuchtet. Erstmals wurden hochwertige Fotografien angefertigt und detaillierte Zeichnungen und Tagebücher geführt, die heutigen wissenschaftlichen Standards nahekommen. Nie zuvor waren am Niederrhein so genaue Beobachtungen über die Fundumstände und die archäologischen Spuren im Boden getroffen und für die Nachwelt festgehalten worden.

Der Fokus der Ausstellung richtet sich auch auf die Menschen, die an den Grabungen beteiligt waren. Vermessungsinstrumente und Werkzeuge, Fundnotizen und Zeichnungen illustrieren den Alltag von Arbeitern und Tagelöhnern auf dem Fürstenberg am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Neben bekannten Altertumsforschern wie Hans Lehner und Paul Steiner engagierten sich auch Xantener Bürger im 1877 gegründeten Niederrheinischen Altertumsverein Xanten für die Erforschung der römischen Ortsgeschichte. Mit der Präsentation der antiken Fundstücke im 1907 eingerichteten Museum des Altertumsvereins im Klever Tor war die Beschäftigung mit der römischen Vergangenheit und deren Vermarktung für den aufkommenden Fremdenverkehr endgültig in Xanten etabliert. Die Ausstellung gibt der damaligen Archäologie und ihrer vielfältigen Rezeption Stimme und Gesicht – als Blick in eine Epoche, die mit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 abrupt ein Ende finden sollte. Gleichzeitig war es der Beginn der modernen wissenschaftlichen Archäologie. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, das heute für den Schutz des Bodendenkmals auf dem Xantener Fürstenberg zuständig ist.

Foto (Archiv LVR-LandesMuseum Bonn): Grabungsarbeiter bei Vermessungsarbeiten im Xantener Legionslager, um 1911.

LVR-RömerMuseum im Archäologischen Park Xanten Siegfriedstr. 39 46509 Xanten www.apx.lvr.de

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Eine gute Aussicht für alle Die App von museum.de verwandelt das Smartphone Ihrer Besucher in einen kostenlosen Audioguide.

Foto: © Uwe Strauch

Infos unter http://app.musem.de

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St. Viktor Dom zu Xanten mit Klever Tor (Altstadt) und LVR-Archäologischer Park Xanten im Hintergrund


Museen

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24 Stunden für die Ewigkeit. Le Mans. Erstpräsentation des 919 Hybrid im Porsche-Museum

Das Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen stimmt auf die Rückkehr des Sportwagenherstellers nach Le Mans ein: Vom 26. März bis zum 13. Juli 2014 blickt Porsche mit einer umfangreichen Sonderausstellung nicht nur auf seine bisherigen Erfolge beim französischen Langstreckenrennen zurück. Auch das aktuelle Le Mans Engagement wird im Mittelpunkt ste-

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hen: Erstmals wird der Porsche 919 Hybrid der breiten Öffentlichkeit im Porsche-Museum präsentiert, der erst vor einigen Wochen auf dem Internationalen Automobilsalon in Genf seine Weltpremiere feierte.


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Die Ausstellung im Porsche-Museum wird sich im Sinne des berühmten Langstreckenrennens zu einer Rennstrecke wandeln. Dabei steht der 919 Hybrid, das schnellste Forschungslabor und der komplexeste Rennwagen, den Porsche bislang gebaut hat, im Fokus. Den Beginn der Sonderausstellung „24 Stunden für die Ewigkeit“ markiert der Start der Porsche-Le-Mans-Historie 1951. Nachgestellte Rennsituationen aus den Siegerjahren auf lebensgroßen Prismenwänden und Streckenabschnitte wie die Hunaudières-Gerade, leiten den Besucher durch die Sonderausstellung.

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Fährt man, von Oslo kommend, Richtung Nordosten, durch ausgedehnte Wälder, vorbei an Seen, Wiesen und kleinen Ortschaften, gelangt man nach etwa 150 km in die Kleinstadt Elverum. Während des zweiten Weltkrieges, als die Königsfamilie hier auf der Flucht vor den deutschen Besatzern kurz Station machte, war sie norwegische Hauptstadt. Seither geht es in der ehemaligen Holzfällerstadt wieder eher beschaulich zu – wenngleich die Idylle eine zunehmende Zahl auch von internationalen Touristen anzieht... Im Städtchen angelangt, geht es noch ein Stück die Glomma entlang, bis man am weit überregional bekannten Anziehungspunkt Elverums angelangt ist: Das norwegische Forstmuseum ist seit seiner Gründung im Jahr 1954 eines der meistbesuchten Museen Norwegens.

Naturliebhaber und Biologen, Abenteurer und Waldbeseelte zieht es seit jeher nach Norwegen. Die „Schweiz des Nordens“ zeigt sich in der Provinz Hedmark beson

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Über 20 verschiedene Rennfahrzeuge erzählen die einzigartige und spannende Geschichte des legendären 24-Stunden-Rennens. Neben dem 919 Hybrid erstmals im Porsche-Museum zu sehen sind u.a. der Porsche 908/2 Spyder Langheck von 1969, der Porsche 911 T/R aus dem Jahr 1971, der Porsche 911 3.0 RSR von 1974 sowie Porsche 936/81 Spyder von 1981. Der bereits in den Jahren 1976 und 1977 in Le Mans siegreiche Porsche 936 wird 1981 erneut für das 24-Stunden-Rennen reaktiviert. Der 936 ist mit 360 km/h auf der Mulsanne-Geraden das schnellste Fahrzeug im Feld und beschert seinen Piloten Jacky Ickx und Derek Bell den sechsten Gesamtsieg – mit 14 Runden Vorsprung. Auch der Porsche 935 von 1979, der Porsche 911 GT2 Le Mans, der Porsche 962 GT Dauer Le Mans aus dem Jahr 1994 sowie der WSC LMP1 von 1998 werden ausgestellt sein. Mit dem 962 GT Dauer Le Mans startete Porsche 1994 beim 24-Stunden-Rennen unter der Leitung des Joest-Teams. Mauro Baldi, Yannick Dalmas und Hurley Haywood holen mit diesem Fahrzeug den 13. Gesamtsieg für Porsche. Die Besucher erwartet hier das Modell, das Hans-Joachim Stuck, Danny Sullivan und Thierry Boutsen pilotierten. Diese und weitere historische Geschichten des berühmten Rennes werden in der Sonderausstellung wiederbelebt. Verschiedene historische und technische Klein- exponate wie Helme, eine Bremsscheibe vom Porsche 956 und das Tagebuch von Ferry Porsche aus den Beständen des Unternehmensarchivs runden die Zeitreise durch die Geschichte von Porsche in Le Mans ab. Fotos: © Porsche AG

Porsche Museum Porscheplatz 1 70435 Stuttgart-Zuffenhausen info.museum@porsche.de http://www.porsche.com/museum/de


Ausstellungsgestaltung: Die Aussageabsicht bestimmt die Form Autor: Prof. Norbert Nowotsch, Münster in Westfalen Die klassische Vitrine, als gläserne Schachtel für in Reihe nebeneinander platzierte Objekte, existiert in aktuellen, besonders in pädagogisch oder zeitaktuell ausgerichteten Ausstellungen, schon länger nicht mehr. Themenspezifische Sonderanfertigungen werden mehr und mehr zum Standard. Dabei ist die in den letzten Jahren populär gewordene, oft prominent raumgreifende Szenografie nicht die einzig mögliche Vorgehensweise in der aktuellen Ausstellungsgestaltung, wie die Multi-Media-Agentur SNT Media Concept GmbH bereits in einigen Projekten anschaulich bewiesen hat. Abb. 1a

Analog zur klassischen Designregel „Form follows Function“ ergibt sich für den Ausstellungsbetrieb die Methode „Form follows Content“ oder besser noch „Form follows Statement“ – die Aussageabsicht bestimmt die Form. Um diese Aussageabsichten den Besuchern so nahe wie möglich zu bringen, muss nicht nur die inhaltliche Erzählung, sondern auch die Gestaltung immer wieder am jeweiligen Thema neu erfunden werden. Dabei sind nicht allein die großzügig angelegten, eigens für Museen gebauten Architekturen interessant. Historische Gebäude oder Orte haben eigenwillige, oft schwierige Bedingungen, eröffnen aber auch viele gestalterische und szenische Möglichkeiten. Die Firma SNT hat sich besonders diesen, immer wieder kreativ neu zu erfindenden Gestaltungsansätzen verschrieben, wie die folgenden Beispiele historischer Ausstellungen zeigen. Aufmerksamkeit lenken In den innenarchitektonisch vorgestimmten Räumen einer Fabrikantenvilla, die ab 1940 zum Sitz des Befehlshaber der Ordnungspolizei für Westfalen und die Rheinlande wurde, verändert sich eine kleine Nische zur Vitrine und beherbergt

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Abb. 1b

Abb. 2

die Anmutung eines Volksempfängers, der sensorgesteuert einen Querschnitt durch zeitgemäße Musik und vor allem Nachrichten bietet – gezielt nicht mit einem historischen Originalgerät inszeniert, denn nicht diesem, sondern dem Inhalt soll die Aufmerksamkeit des Besuchers gelten. (Abb. 1a, b). Standorte ändern – Abwesenheit zeigen Dislozierung, eine in der bildenden Kunst seit geraumer Zeit angewandte Methode, lässt sich auch in Ausstellungskontexten effektiv einsetzen, zum Beispiel mit einer aus dem Keller des Gebäudes in das ehemalige Büro des Befehlshabers der Ordnungspolizei versetzten Bunkertür. Durch einen auf der Innenseite des Sichtfensters der Tür platzierten Monitor sieht der Besucher einen Film über die Bombardierung Londons durch die deutsche Luftwaffe – so entsteht durch die inszenierte Drehung der Blickperspektive eine neue Wahrnehmung, oder – wenn man so will – eine andere An-Sicht (Abb. 2). Der abstrakte Begriff „Abwesenheit“


wurde in einer Vitrine zum Thema Enteignung und Wiedergutmachung anhand von zurückgegebenem und verlorenem Eigentum einer jüdischen Familie umgesetzt. Der „Schatten“ der Gegenstände verweist nicht zuletzt auch auf den Verlust von Familienmitgliedern, deren Geschichte in der weiteren Folge der Ausstellung erzählt wird (Abb. 3). Ausschnitte fokussieren – Verweise visualisieren Im Kontext einer Ausstellung zur Deportation im Münsterland während des Nationalsozialismus dient eine starke Ausschnittvergrößerung in Ergänzung zur parallel gezeigten Originalfotografie der Zielführung des Blickes. Das in den Gewölben unter dem Münsteraner Hauptbahnhof parallel zur Ausstellung „Sonderzüge in den Tod“ der Deutschen Bahn gezeigte Exponat, bringt die in historischen Fotografien oft enthaltenen Brüche in der Aussage zum Vorschein (Abb. 4). Ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld ist die Entwicklung von visuellen Verweis- und Leitsystemen. Eine thematisch verbundene Erzählung durch mehrere Räume wird beispielsweise durch eine groß angelegte Bodenschrift angezeigt, umgesetzt im Haus der Geschichte, Essen (Abb. 5). Abb. 3 Abb. 4

Abb. 5

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Bilder überlagern – Inhalte brechen

Abb. 6a, 6b

Die Präsentation filmischer Beiträge muss nicht immer auf Monitoren stattfinden, sie kann Teil einer aussagekräftigen, inhaltlich komplexen Installation sein. So wurde in der Ausstellung zum Thema „Wiedergutmachung“ in der Villa ten Hompel, Münster, der durch die Alliierten produzierte Film „Memory of the Camps“ direkt auf eine Fotoserie mit Bürgern einer deutschen Kleinstadt projiziert, die durch die englische Besatzungsmacht zum Besuch dieser Vorführung verpflichtet wurden: so durchdringen sich die Bilder von Entsetzlichem mit dem Entsetzen der damit konfrontierten Deutschen (Abb. 6a, b). Eine Installation in der bereits erwähnten Essener Ausstellung thematisiert die Bücherverbrennung, sie verbindet ein historisches Foto mit einer illustrierenden Animation: Die im Rauch aufsteigenden Namen der „verbrannten“

Abb. 7a, 7b

Autoren werden in einer Endlosschleife aufprojiziert (Abb. 7a, b). Abb. 8

Statt Dinge auf einen Sockel zu stellen um sie hervorzuheben, wirkt auch das Gegenteil. Durch die niedrige Anordnung der Vitrinen mit nationalsozialistischen Orden oder einer Hitlerbüste wird den Objekten ihre ehemals zugeschriebene formale Bedeutung genommen (Abb. 8). Physische und virtuelle Anteile verbindet die mediale Installation „Antragsweg“ zum Thema „Wiedergutmachung“, sie eignet sich besonders für pädagogische Gruppenarbeit, etwa mit Jugendlichen (Abb. 9a, b). Erzählung individualisieren – Besucher inspirieren Mediale Nutzung ist heute in Ausstellungen kein bemühtes „Muss“, sie gehört, wie auch im Alltag, zur Lebensumgebung: Film, Fernsehen, Internet, aber ebenso Computerspiele und natürlich die umfassende Nutzung mobiler Geräte formen die Sicht auf die Welt und natür-

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Abb. 9a

Abb. 9b

lich gleichermaßen auf historische Zusammenhänge. Unterschiedliche Bildungs- und Erfahrungsniveaus, aber auch die mediale Sozialisation erfordern eine weitere Entwicklung gestalterischer Methoden. Eine Möglichkeit, in einer Ausstellungsumgebung unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Besucher- oder Altersgruppen umzusetzen, ist die Gestaltung zusätzlicher, spezifischer Erzählebenen, unter anderem umsetzbar durch die ergänzende Nutzung mobiler Endgeräte. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 2007, (Abb. 10), dazu aus einer aktuell bearbeiteten Ausstellung der Entwurf einer auf Smartphones-basierenden Nutzung von AR-Technologie (AR: Augmented Reality, Abb. 11). Für Besucher wird es neben der Nutzung eigener Geräte ebenso möglich

sein, Smartpads auszuleihen. Letztere können, neben sogenannten „Touchtischen“ in zwei Räumen, auch für museumspädagogische Zwecke eingesetzt werden. Neben individuellen themenspezifischen Wegen werden auch Voting-Funktionen und andere Feedback-Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. So sind, neben dem klassischen Besucherbuch, Besucherreaktionen für nachfolgende Einzelpersonen oder Gruppen vermittelbar. Weitere Möglichkeiten bieten Apps für den Außenbereich, die von Exponaten in der Ausstellung themenspezifisch zu Orten in den Stadtraum oder von dort in die Ausstellung, zum themenspezifischen Exponat führen (Abb. 12). Dabei sind Know-how und offene, flexibel erweiterbare Hardund Softwareplattformen gefragt. Sich überschlagende technische Neuerungs-

Abb. 10

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zyklen haben in vielen Ausstellungen schwarze Löcher mit nicht mehr funktionierenden oder erweiterbaren medialen Anwendungen produziert. Aber auch zu tief gestaffelte Informationsebenen machen in diesem Rahmen wenig Sinn, sie widersprechen der üblichen Verweildauer vor Exponaten und sollten anderweitig verfügbar gemacht werden, etwa in spezifischen Rechercheräumen. Nach wie vor gilt auch hier die schon im Titel postulierte Forderung nach dem Vorrang der Aussageabsicht. Dass innovativ gestaltete Inhalte sich hinter alles nivellierenden technischen Einheitsformen verlieren, ist auf Dauer keine Lösung, die Besucher zur Nutzung inspiriert. Prof. Norbert Nowotsch, Münster in Westfalen Abb. 12

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Ein Lager an jeder Ecke Die neue Dauerausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide „Alltag Zwangsarbeit 1938–1945“. Autorin: Dr. Christine Glauning

Wer in Berlin eines der vielen Museen oder einen der zahlreichen Erinnerungsorte zur deutschen Geschichte besucht, begibt sich gemeinhin an die touristischen Hot-Spots in Berlin-Mitte: Deutsches Historisches Museum, Holocaust-Mahnmal, Topographie des Terrors, Museumsinsel – um nur einige der bekanntesten und damit stark frequentierten Orte zu nennen. Aber Berlin hat mehr zu bieten – sich einmal abseits der viel betretenen Pfade zu bewegen lohnt sich. Im Südosten Berlins, versteckt im Wohngebiet, liegt eines der letzten, noch fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeiterlager – eine von rund 3.000 Sammelunterkünften, die es allein in Berlin während des Zweiten Weltkrieges für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gab. Hier, am historischen Ort, befindet sich seit 2006 das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, eine Abteilung der Stiftung Topographie des Terrors. Im Mai 2013 wurde in einer ehemaligen Unterkunftsbaracke die neue Dauerausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938-1945“ eröffnet.

Blick in den Eingangsbereich der Dauerausstellung. Links: Fotostapel zu den drei Leitthesen (Massenphänomen, Allgegenwart, Rassismus); Rechts: das durch Gucklöcher einsehbare Lagermodell, 2013. Rechte: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Foto: Volker Kreidler Der ehemalige italienische Militärinterierte und Überlebende des Lagers Schöneweide, Ugo Brilli, mit seiner Familie (links) und im Gespräch mit dem ehemaligen holländischen Zwangsarbeiter Albert Langerak (rechts, halb verdeckt), Berlin 2013. Rechte: Privat.

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Zwangsarbeiter gab es überall Ein Lager an jeder Ecke – so lässt sich die Situation in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges beschreiben. Rund 13 Millionen Männer, Frauen und Kinder mussten im Deutschen Reich arbeiten, in Berlin ca. 500.000 Zwangsarbeiter: Berliner Juden, Sinti, Roma und als „asozial“ stigmatisierte Menschen, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und zivile Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Diese waren in allen Bereichen eingesetzt: in Rüstungsfabriken, Handwerksbetrieben, der Landwirtschaft und im Bergbau, in kommunalen Einrichtungen, sogar bei Kirchengemeinden, z.B. als Totengräber. Alltag der Zwangsarbeiter – Alltag der Deutschen Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit informiert in seiner neuen Dauerausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938–1945“ über alle Zwangsarbeitergruppen, legt den Fokus aber auf die mit rund 8,4 Millionen größte Gruppe der zivilen Zwangsarbeiter. Ziel der Präsentation ist es, ausgehend vom historischen Ort des ehemaligen Lagers in Schöneweide, die Praxis des millionenfachen Zwangsarbeitseinsatzes und dessen europaweite Dimension zu dokumentieren. Dabei ist der Titel „Alltag Zwangsarbeit“ in doppelter Hinsicht zu verstehen: Einerseits setzt die Ausstellung einen Schwerpunkt auf den Alltag der Zwangsarbeiter, sie zeigt aber auch auf, dass diese „Fremden“ zum Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung gehörten. Vor aller Augen Die Ausstellung verfolgt drei Leitthesen, die im Prolog der Ausstellung mit zahlreichen Fotografien aus vielen Archiven und Sammlungen veranschaulicht werden: Zwangsarbeit war ein Massenphänomen, Zwangsarbeit war allgegenwärtig, und der Alltag der Zwangsarbeiter war von der rassistischen NS-Ideologie bestimmt. Ebenfalls im Prolog können die Besucher anhand eines animierten Lagermodells mehr über die Geschichte des Lagers Schöneweide erfahren. Das Modell ist durch mehrere Gucklöcher einsehbar und spielt in der Gestaltung mit der Position des Barackenlagers inmitten eines Wohngebietes. Dies zeigt beispielhaft und deutlich: Zwangsarbeit fand vor aller Augen statt.

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Der ehemalige tschechische Zwangsarbeiter Karel Jakeš vor seiner Biografievitrine am Tag der Eröffnung der Dauerausstellung, 7. Mai 2013. Foto: Matthias Steffen


Die Ausstellungskapitel „Lageralltag“ und „Terror“. Rechts oben Blick in den Mittelgang mit Biografien, 2013. Foto: Volker Kreidler Rechts, kleines Bild: Schülerinnen der Clay-Oberschule Berlin bei einer Präsentation im Rahmen einer Projektwoche, 2013. Foto: Daniela Geppert. Rechte alle Fotos: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

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Szenische Lesung eines internationalen Jugendworkcamps zwischen ehemaligen Unterkunftsbaracken des Lagers Schöneweide, 2013. Rechte: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Foto: Daniela Geppert

Lebenswege Die Lebensläufe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie von deutschen Akteuren ziehen sich als eigenes Narrativ durch die Ausstellung. Die Zwangsarbeiter-Biografien ermöglichen den Besuchern einen exemplarischen und sehr anschaulichen Zugang, in vielen Fällen durch Interviews, zu wesentlichen Aspekten des Themas NS-Zwangsarbeit: Verschleppung, Lager- und Arbeitsalltag, Terror, Freiräume, Heimweh, Kriegsende, Befreiung, Rückkehr und die Situation in der Nachkriegszeit. Z.B. schildert Ugo Brilli, italienischer Militärinternierter und bislang einzig bekannter Überlebender des Zwangsarbeiterlagers Berlin-Schöneweide, den Hunger und die Bedrohung durch Luftangriffe. Andere Personen, die die Ausstellung porträtiert, sind u.a. Francois Cavanna, französischer Zwangsarbeiter und späterer Karikaturist, der als einer der ersten Überlebenden nach 1945 über seine Erinnerungen schrieb, insbesondere über seine Liebe zu einer ukrainischen Zwangsarbeiterin; Galina Romanowa, russische Ärztin und Mitglied der Widerstandsbewegung „Europäische Union“, die als „Rädelsführerin“ in Plötzensee hingerichtet wurde; Theo de Jooden,

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niederländischer Zwangsarbeiter und bislang einzig bekannter Überlebender des Gestapo-Arbeitslagers Berlin-Wuhlheide oder Nikolai Galuschkow aus Weißrussland, der als 15-jähriger zur Zwangsarbeit auf einem Berliner Friedhof verschleppt wurde und Gestapohaft, Folter und eine Erschießungsaktion bei Kriegsende überlebte.

che täglich auf dem Weg zur Schule den Häftlingen des Gestapo-Arbeitslagers Wuhlheide begegnete; außerdem der Lebenslauf eines der wenigen Helfer: Horst Steinert, der im Umfeld der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ aktiv war und als Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma Lebensmittel, Medikamente und geheime Nachrichten in verschiedene Lager schmuggelte.

Die deutschen Akteure Was und wie sehen wir? Das Spektrum bei den Deutschen umfasst Täter, Profiteure, Zuschauer und Helfer: den Hauptorganisator der Zwangsarbeit, den „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“, Fritz Sauckel, oder den Arzt Karl Weninger, der Abtreibungen an Ostarbeiterinnen vornahm und nach dem Krieg zum Ärztlichen Direktor avancierte. Die Profiteure unterschiedlichster Art sind z.B. Hanns Benkert, Direktor der Siemens-Schuckhert-Werke, der sich mit „Methoden der Leistungssteigerung“ beschäftigte, oder der Musikwissenschaftler Alfred Quellmalz, der Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene für seine Volksliedforschung und Erarbeitung einer musikalischen Rassenkunde ausnutzte. Gezeigt wird auch die Biografie von Rosemarie Erdmann, die als Jugendli-

In Themenvitrinen sind vertiefende Informationen zum Alltag im Lager, bei der Arbeit sowie zu Disziplinierung und Terror präsentiert. Neben zahlreichen Fotografien und Dokumenten werden auch große Exponate, wie ein Flugzeugmotor oder eine Arrestzellentür, ausgestellt. Verschiedene Projektionen und Medienstationen ermöglichen die Veranschaulichung zentraler und besonders komplexer Inhalte wie die massenhafte Rekrutierung von Zwangsarbeitern aus fast ganz Europa parallel zum Verlauf des Eroberungskrieges der deutschen Wehrmacht. Eine interaktive Medienstation widmet sich der Mehrdeutigkeit historischer Abbildungen, die – gerade im Fall von Zwangsarbeiterfotografien – auf den


ersten Blick oft harmlos wirken: beschönigende Propagandafotos oder lächelnde, gut gekleidete Zwangsarbeiter. Die Besucher haben hier die Möglichkeit, mit Hilfe der „segmentellen Bildanalyse“ drei exemplarische Fotos in einzelne Teile zu zerlegen, diese gesondert zu betrachten und über verschiedene Leitfragen ihre Beobachtungen festzuhalten. Anschließend werden die Bildsegmente wieder zum Gesamtbild zusammengefügt. Diese Methode der Bildinterpretation soll es dem Betrachter ermöglichen, genauer hinzusehen und einen anderen Blick auf vermeintlich eindeutige Darstellungen zu entwickeln. Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide Britzer Str. 5 12439 Berlin

Medienstation „segmentelle Bildanalyse“ in der Dauerausstellung, 2013. Rechte: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Gestaltung: schnellebuntebilder)

Tel: 030/63 90 288 0 Fax: 030/63 90 288 29 www.dz-ns-zwangsarbeit.de www.alltag-zwangsarbeit.de

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Von außen keine sichtbare Systemtechnik

Modular und nachhaltig! Die Anforderungen an Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg nutzt auch für seine aktuelle Sonderausstellung „Deutsche Strumpfdynastien - Maschen, Mode, Macher“ das Stellwandsystem Mila Wall von MBA. Einfache und schnelle Montage mit Hebelroller. Der umlaufende Alurahmen schützt vor Beschädigungen im Kantenbereich.

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Mit der Justierscheibe können die Stellfüße im Handumdrehen an Bodenunebenheiten angepasst werden

Transport Container für einfache und schnelle Logistik

Bei Bedarf können die Oberflächen gestrichen werden

ein Ausstellungssystem für Wechselausstellungen Auf 2.500 Quadratmetern zeigt das Staatliche Textilmuseum Augsburg seine Dauerausstellung. Im Obergeschoss des Museums stehen zusätzliche 1.000 Quadratmeter Fläche für Sonderveranstaltungen zur Verfügung. Dieser Bereich ist auch für Firmenmessen, Modenschauen, Lesungen oder Konzerte geeignet. Für die wechselnden Sonderausstellungen gibt es höchste Anforderungen an ein langlebiges, wiederverwendbares und flexibles Stellwandsystem. Erst kürzlich zeigte das Museum die Ausstellung „Stoffe der Erinnerung – Marcel Proust im graphischen Werk von Manuel Thomas“.

Mit einer einzigartigen Modenschau wurde im Mai die Sonderausstellung „Deutsche Strumpfdynastien - Maschen, Mode, Macher“ eröffnet. Realisiert wurde die aktuelle Ausstellung mit etwa 120 mila-wall Stellwand-Elementen der Firma MBA. Kuratoren schätzen es wegen seiner hohen Flexibilität und Ästhetik, die Ausstellungstechniker wegen der einfachen Handhabbarkeit und des geringen Gewichtes der einzelnen Elemente. Mit flexiblen Anschlusselementen kann raster- und winkelunabhängig gebaut werden. Auch können durch die Deckenverbinder

problemlos Raumteiler erstellt werden. Besonders nachhaltig ist das System durch den umlaufenden Multifunktionsrahmen aus Aluminium der die Wand vor Beschädigungen im Kantenbereich schützt und durch die wechselbaren sowie streichfähigen Oberflächen. www.mila-wall.de

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Deutsche Strumpfdynastien - Maschen, Sonderausstellung im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) vom 07. Mai bis 26. Oktober 2014 Autor: Dr. Karl B. Murr Das weibliche Bein mit hauchzartem Stumpf gilt bis heute für viele als Inbegriff des sinnlich Begehrenswerten. Dabei rührt der erotische Reiz gerade aus dem Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Strumpf verführt, weil er andeutet, wo er aufhört. Vor allem die begehrten Nylons sind aus der Konsumgeschichte Deutschlands nicht wegzudenken.

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In den konsumhungrigen Jahren der Nachkriegsjahre versprachen die feinen Damenstümpfe Mode, Eleganz und einen Hauch von Celebrity. Welche Industrie steckt hinter der Produktion von hauchzarten Nylonstrümpfen oder bequemen Socken? Welche Unternehmer haben die deutsche Strumpfindustrie ge-

prägt? Wie lauten die geheimen Gesetze einer ästhetisch verführerischen Werbung? Welche faszinierende Technik steckt in der Produktion von Maschen? Wie sieht die Mode von morgen aus? Foto oben links: Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr und Bernd Sibler, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst bei der Ausstellungseröffnung.


Mode, Macher Die Unternehmer als Macher – Spielarten der Unternehmensführung Die Ausstellung „Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“ bringt auf mehr als 1.000 Quadratmetern Fläche die Faszination des so vielfältigen Produktes Strumpf einem breiten Publikum nahe. Im Zentrum der vom international renommierten Atelier Brückner

(Stuttgart) gestalteten Schau stehen die Macher: die Unternehmer, die mit technischer Innovationskraft, unternehmerischer Weitsicht und kreativem Marketing ihre Branche zum Erfolg führen. Waren früher Unternehmer-Dynastien wie die Esches, Bahners oder Kunerts tonangebend, so prägen heute die Falkes nicht nur in Deutschland das Bild der ganzen Branche. Jeder dieser prägenden Familien

widmet die Ausstellung ein eigenes Kabinett. Die Esches Es ist heute kaum mehr bewusst, dass das sächsische Chemnitz um 1900 nicht nur das Zentrum der deutschen, sondern der weltweiten Strumpfindustrie bildete. Das Unternehmen „Moritz Samuel Esche“

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gehörte zu den erfolgreichsten Industrieunternehmen der Stadt, das mit seinem Export schon bald global agierte. Herbert Eugen Esche (1874-1962) – auf der Suche nach neuen Formen gesellschaftlicher Repräsentation – ließ sich vom bekannten Jugendstil-Architekten und Designer Henry van de Velde in Chemnitz eine Villa errichten. Darüber hinaus ließ er sich und seine Familie von dem berühmten norwegischen Maler Edvard Munch porträtieren. Die Ausstellung wird ein Zimmer der Villa nachinszenieren mit originalen Möbeln und Originalgeschirr, entworfen von van de Velde. Das Zentrum bildet das Munchsche Porträt Herbert Eugen Esches.

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Die Bahners mit Elbeo Ebenfalls aus Sachsen (Oberlungwitz) stammten die Bahners, die das später Elbeo genannte Unternehmen gegen Ende das 19. Jahrhunderts ins Leben riefen. Welche Faktoren prägten deren Unternehmensgeschichte? Dazu gehören das Streben nach höchster Produktqualität, der exklusive Umgang mit dem Fachhandel, der frühe Ansatz zur Markenbildung und die soziale Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter. Die auf den Zweiten Weltkrieg folgende Demontage und Enteignung hinderten die mitgliederreiche Familie Bahner nicht, in

Westdeutschland einen wirtschaftlichen Neuanfang zu wagen. So fanden die Bahners in Augsburg, Mannheim, Lauingen und Kiel eine neue Heimat und „wirkten“ am deutschen Wirtschaftswunder mit. Der „Economist“ adelte Elbeo zum Rolls-Royce der Strumpfbranche. Im Zentrum des Ausstellungskabinetts steht die große Bewegung von Ost nach West, von Sachsen nach Bayern - eine enorme unternehmerische Leistung, die mit der Stunde Null beginnt. Auf dem Weg dahin begegnen wir Friedrich Naumann und Theodor Heuss, die beide mit Mitgliedern der Familie eng befreundet waren.

Die Kunerts: von Böhmen ins Allgäu In Böhmen startete in der Zwischenkriegszeit die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens Kunert, das bereits 1938 zum größten Strumpfhersteller Europas aufstieg. Kunert setzte konsequent auf Kunstseide als Alternative zur Naturseide. Im Produktsortiment beschränkte man sich auf nur wenige, dafür aber ausgereifte Artikel. Und der firmeneigene Vertrieb übersprang erfolgreich den Großhandel. Auch Kunert zog es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern: nämlich nach Immenstadt. Nach mühsamem Beginn gewann das

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Unternehmen bald die alte wirtschaftliche Stärke zurück. Mit der Übernahme des großen Konkurrenten Hudson 1978 stieg Kunert wieder zum größten europäischen Strumpfproduzenten auf. Von Anfang an legten die Kunerts besonderen Wert auf hochwertige Garne wie auf das selbst entwickelte Chinchillan. Denn, so Julius Kunert: „Das Garn ist die Seele des Strumpfes“. Das tim machte das ehemalige Büro des prägenden Konzernchefs Julius Kunert ausfindig. In der Ausstellung erspürt der Besucher so die Aura der Zentrale eines ehemaligen Weltkonzerns.

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Die Falkes – auf dem globalen Markt zuhause Existieren Kunert und Elbeo nicht mehr als Familienunternehmen, sondern nur noch als Marken, so ist bis heute das familiengeführte Strumpfunternehmen Falke ungemein erfolgreich. Ab 1957 fertigte Falke für das international bekannte Modeunternehmen Christian Dior Damenfeinstrümpfe – eine unternehmerische Strategie, die man später mit Karl Lagerfeld und Joop! fortsetzte. Als Designer für Herren-Oberbekleidung machte sich der anfangs noch unbekannte Giorgio Armani

bei Falke erstmals einen Namen. Die Falkes begreifen sich bis heue nicht lediglich als Strumpfhersteller, sondern vielmehr als Mode-Unternehmen. Die internationalen Ansprüche an die eigene Marke spiegelt die Zusammenarbeit mit einer Reihe von international renommierten Modefotografen wie F.C. Gundlach, Helmut Newton, Albert Watson oder Ellen von Unwert wider. Die daraus entstandenen ästhetisch hochwertigen Werbekampagnen werden mitsamt den Starfotografen im Mittelpunkt dieses Kabinetts stehen. Besucher können so der Sprache der Sehnsucht, nämlich der Werbung, auf die Spur kommen.


Die Arbeitnehmer als Macher – Einblicke in die soziale Welt der Betriebe Der Erfolg der Strumpfindustrie geht nicht allein auf die jeweiligen Unternehmer zurück. Immer braucht es auch die Arbeiterschaft, die in spezialisierten Berufen die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens bestimmen. Dabei war die Strumpfbranche vorwiegend ein Arbeitsplatz für Frauen, die oft bis zu 70 Prozent der Belegschaft eines Betriebs ausmachten. Viele Beschäftigungen galten als Anlernberufe, auch wenn sie hohes Geschick erforderten. Beim Ketteln beispielsweise muss-

ten, um die Spitze des fertig gestrickten Strumpfes zu schließen, von Hand Masche für Masche einzeln miteinander verbunden werden – eine Herausforderung, die neben manuellen Fertigkeiten auch ein gutes Sehvermögen erforderte. In Westdeutschland stiegen die Beschäftigtenzahlen der Strumpfindustrie nach dem Krieg von etwa 10.000 auf etwa 37.000 Anfang der 1970er Jahre. Einen nicht unwesentlichen Teil der Arbeitskräfte stellten ehemalige Beschäftige, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch in Sachsen oder Böhmen gearbeitet hatten. Auf diese Weise stand etwa Kunert in Im-

menstadt oder Elbeo in Augsburg schnell qualifiziertes Personal zur Verfügung, das so dringend gebraucht wurde. Später stießen so genannte „Gastarbeiter“ dazu aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei, die die Betriebe verstärkten. Die Gewerkschaften standen Seite an Seite mit der Arbeiterschaft vor allem seit den 1970er Jahren, als die Beschäftigungszahlen in Deutschland kontinuierlich rückläufig waren. Um die sozialen Bedingungen der Arbeiterschaft der Strumpfbranche eindringlich zu erzählen, wird das tim eine Firmen-Kantine, mit Originalgeschirr bestückt, inszenieren, die

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als sozialer Umschlagplatz in jedem Unternehmen fungierte.

Strumpffabrik zu sprechen kommen. Die Mode

Die Maschen – laufende Maschinen Der Industrialisierungsprozess der Strumpfproduktion nahm erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an Fahrt auf. Um die Faszination der Technik vor Augen zu führen, werden ehemalige Arbeiter der Strumpfindustrie die verschiedenen Maschinentypen vorführen und damit einen lebendigen Einblick in die Herstellung der so gefragten Beinbekleidung geben. Sie werden auch auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Arbeit in einer

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In der Abteilung Mode richtet sich der Blick auf die modischen Zeitumstände der jeweiligen Epochen der vergangenen 150 Jahre. Immer zeigt sich der Strumpf zwischen Schein und Sein. Was jeweils als erotisch empfunden wird, liegt dabei nicht allein im Auge des Betrachters, sondern unterliegt vielfach den kulturellen Prägungen der jeweiligen Zeit. Hatte der Reifrock des 19. Jahrhunderts das weibliche Bein komplett verdeckt, trug es der Minirock der 1960er Jahre in einem nie

dagewesenen Maße zur Schau. Es ist die jeweilige Mode, die das Konsumverhalten bestimmt und folglich der Strumpfindustrie ihre mehr oder weniger kurzlebigen Konjunkturen diktiert. Denn der Strumpf als Massenartikel will verkauft sein. Die Strumpfwerbung spielt bewusst mit einer sinnlichen Ästhetik, mit dem erotischen Reiz, mit moralischen Tabubrüchen – sie entwirft Idealbilder von Frauen, die in der Realität solchen Idealisierungen nur selten entsprechen. Ob erotische, ob mondäne, ob sportliche oder witzige Werbekampagnen – es gibt viele Möglichkeiten, sich positiv im Gedächtnis der Kunden zu verankern. Zielte die Werbung in den 1950er


Jahren ganz auf Eleganz, die Personen der High Society wie sie Marlene Dietrich oder die persische Kaiserin Soraya verkörperten, so zeigt die heutige Werbung viel nackte Haut, verführerisch in Strumpf verpackt. In einem originalen Strumpfladen aus den 1950er Jahren können Besucher im tim den Hauch der Wirtschaftswunderzeit verspüren. Alle Fotos: © Maik Kern

tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg www.timbayern.de

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Das tim verfügt über einen umfangreichen Bestand an Medientechnik, die für Wechselausstellungen genutzt werden kann: Z. B. Zuspieler für Filmschleifen oder Projektoren. Im Sortiment fehlte bisher jedoch eine Medieneinheit, auf der auch interaktive Strukturen abgebildet werden können – und so dem Nutzer die Möglichkeit bieten, nach seinen Wünschen Informationen und Filmmaterial abzurufen. Im Gespräch mit den Ausstellungsplanern von atelier brückner entschied sich das Textilmuseum für die Ergänzung mit weiteren jummp-Medienstationen der Firma ArchimediX aus Ober-Ramstadt. Kompakte Einheit Die Geräte bestehen aus einem stabilen, pulverbeschichteten Stahlgehäuse, welches das Display hinter einer ESG-Glasscheibe schützt. In diese sind standardmäßig sechs Tasten (individuelle Lösungen sind möglich) eingebaut, die jederzeit beliebige Funktionen zur Mediensteuerung haben können. Schon im Hinblick auf die weitere Nutzung im Haus entschied sich

das Textilmuseum, neben fünf schwarzen Geräten ein weißes Gehäuse zu bestellen, wobei zur Farbwahl die gesamte RAL-Palette zur Verfügung steht. Einfache Montage Das Gehäuse ist mit rückseitigen Schlüssellochbohrungen versehen und kann so einfach und schnell montiert werden. Durch die Trennung von Gehäuse und Medieneinheit ist der Einbau auch in staubigen Situationen unproblematisch. Ein besonderer Clou ist der integrierte Einbaurahmen. Mit wenigen Schrauben gelöst, kann dieser direkt in die Ausstellungsarchitektur verbaut werden und reduziert so die Einbautiefe auf 53mm – gemessen von Außenseite der Wand bei flächenbündigem Einbau. Flexible Inhalte Die Programmierung erfolgt wie bei allen Geräten der jummp-Palette über ein Textdatei mit einfachen Befehlen, für die auch eine grafische Oberfläche erhältlich ist.

Dabei können beliebig viele Verknüpfungen angelegt und ohne Schwierigkeiten verändert werden, so dass auch komplexe interaktive Strukturen relativ einfach realisierbar sind. Im Rahmen der Ausstellung im tim sind so unterschiedlichste Medieninhalte wie Interviews, statische Seiten oder auch youtube-Clips anwählbar. Günstige Lösung Nicht nur Laufstabilität und der günstige Anschaffungspreis - auch die geringen Betriebskosten machen den Vorteil dieser Einheiten aus. Der Verzicht auf bewegliche Komponenten wie Lüfter oder Festplatten erhöht die Lebensdauer beträchtlich. Die spezielle Technik erlaubt zudem jederzeit das Trennen der Stromzufuhr. So konnten im Textilmuseum einige Stationen direkt über die Lichtschiene betrieben werden, was eine extrem einfache Installation ermöglichte.

Reinhard Munzel ArchimediX GbR

Aufgabe: Sie suchen eine Medientechnik, die KEINE Sorgen bereitet. Schwieriger Einbau, hohe Betriebskosten, Ausfälle, Lüftergeräusche, Hitzeentwicklung, langsame Reaktion, ruckelnde Filmwiedergabe, schlechte Bildqualität, kurze Lebensdauer, Verständnisprobleme beim Besucher, teure Wartung, Abstürze, Betriebssystemupdates, unflexibel, hohe Komplexität, Schulungsbedarf für Mitarbeiter...?

Lösung:

just multimedia presentation einfach, kompakt, interaktiv - Medienwiedergabe in Perfektion Als kompakte Standardlösung oder individuelle Komponenten

Auf diese Technik vertrauen bereits: Textil- und Industriemusuem Augsburg, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Festung Hohensalzburg, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Schlösserverwaltung Baden-Württemberg, Bayerische Schlösserverwaltung, Klassik-Stiftung Weimar, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Stadt Karlsruhe, Weserstadion Bremen, historisches Museum der Pfalz Speyer, EWE-Energie und viele mehr

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Aus einer Hand! Besuchen Sie uns unter www.jummp.de

jummp ist ein Produkt von ArchimediX, Ihrem Dienstleister für Medienkonzeption, Filmprodution, digitale Rekonstruktion und Medientechnik

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Die sinnvolle Kombination: Ticket- Web- und Mobile-Shop Usability Studie „Online-Shops“

Über 1.000.000 Besucher pro Jahr zählt das Kulturdenkmal St.Michaeliskirche, Hamburgs kurz „Michel“ genanntes Wahrzeichen. Wirksam platziert auf der Rückseite der Eintrittskarten: Der Hinweis auf den Michelshop www.michelshop.de

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Wenn es um die Kombination Tickets/ Webshop/Mobile-Shop geht, gibt es regelmäßig viele Fragen. Was ist sinnvoll. Warum eigentlich ein Mobile-Shop und wie sollte er aussehen? Und wie äußert sich die Fachwelt zu diesem Thema?

inzwischen online. Die Studie, die Online-Ticketshops untersucht hat, macht deutlich, dass die älteren Zielgruppen deutlich länger brauchen, um einen Kauf zu tätigen, als jüngere Probanden. Dies lag vor allem an zu komplizierten und unübersichtlich gestalteten Online-Shops.

Top in Kaufkraft: Generation 50plus

Zielgruppenadäquat für jung und alt

Die Aussage von Moritz Kästner ist deckungsgleich mit den Empfehlungen einer Studie, die der Berufsverband UPA (Berufsverband der Deutschen Usability und User Experience Professionels) im April vorgelegt hat. Die Studie untersucht in Bezug auf Online-Shops das User-Verhalten der Generation 50plus sowie die Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Webshop- Nutzern. Zur Generation 50plus wird ausgeführt, dass sie 2013 über 47% der Kaufkraft verfügte (GFK). Diese Bevölkerungsgruppe verzeichnet außerdem die größten Zuwachsraten bei der Internet-Nutzung. 76% der 50-59jährigen und 60% der 60-69jährigen ist

Bei der Entwicklung ihres neuen Mobile-Shops hat Beckerbillett bereits die Ergebnisse der Studie vorweggenommen. Der Online-Shop von Beckerbillett ist so gestaltet, dass Museumsbesucher, gleich welchen Alters, schnell und problemlos exakt den Kauf tätigen können, der gewünscht ist. Best Practice für Mobile-Shops? In dem Gespräch, das museum.de dazu mit Moritz Kästner geführt hat, wurde deutlich, dass sich eine „Best Practice“ für die Kombination Tickets/Webshop/Mobile-Shop trotz der relativ neuen Materie

bereits herauskristallisiert hat. Danach lohnt sich fast immer eine Kombination zwischen gut gestalteten konventionellen Tickets, die an der Kasse verkauft werden (s. Foto oben) und den Möglichkeiten von Web- und Mobile-Shop. Die Einrichtung eines zusätzlichen Mobile-Shops ist sinnvoll, weil immer mehr Besucher ganz spontan von unterwegs Tickets kaufen möchten. Zum anderen nutzen insbesondere Besucher von hochfrequentierten kulturellen Einrichtungen den Mobile-Shop, um nach dem Besuch und ohne Schlange stehen zu müssen, Souvenirs einkaufen zu können. Das gut gestaltete Ticket ist dabei oft der Mittler zu Umsätzen, die sonst nicht getätigt worden wären. Denn hochwertig gestaltete Tickets animieren den Besucher oft noch Wochen später zu einem Besuch des Shops. Technisch möglich ist selbstverständlich auch eine Kombination des Beckerbillett-Mobile-Shops mit der neuen App von museum.de.


Mobile Webshop/Mobile Ticketing/Neue Zielgruppen

Das Mobile Plus Gerade jetzt planen viele Museen, Science Center und Kulturstätten die Einrichtung von Mobile Webshops für Tickets und für Museumsartikel. Dabei geht es um drei Dinge: Um die Flexibilisierung und Entlastung der Kassen. Um den Verkauf auch außerhalb der Öffnungszeiten. Und um einen zeitgemäßen öffentlichen Auftritt mit Erhöhung der Attraktivität sowohl für jung gebliebene alte wie für neue jüngere Zielgruppen. Basierend auf dem permanenten Erfahrungsaustausch mit den Kunden hat Beckerbillett für die bekannte Verwaltungssoftware TOPII ein Modul für Mobile Webshops entwickelt. Dieses Modul hat sich bereits im Alltag bewährt und lässt sich von jedem Smartphone oder Tablet aus nutzen. Gern stehen wir mit weiteren Informationen zu Ihrer Verfügung. Beckerbillett GmbH · Tel. +49 (0) 40-399 202-0 dtp@beckerbillett.de · www.beckerbillett.de

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Unsere Welt befindet sich im Wandel. Neue Kommunikationsformen und Technisierung prägen unsere Umwelt. Sie verändern unsere Arbeits- und Lebensbedingungen, unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum, unsere Auffassung von Identität und Erinnerung. Museen reagieren auf diesen Wandel mit dem Einsatz von QR-Codes, Smartphone-Apps und Vielem mehr.

Das Deutsche Autor: Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner Im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven ist der Wandel umfassender. Das Haus ist in die Jahre gekommen, die Besucherinnen und Besucher auch. Der typische Besucher ist männlich und jenseits der 50. Häufig sind es diejenigen, die sich mit der Schifffahrt persönlich verbunden fühlen, durch eigene berufliche Erfahrungen oder (groß)elterliche Erzählungen. Der Anteil derjenigen, die heute noch aktiv in die Schifffahrt involviert sind, nimmt zusehends ab. Auch hier führt die Technisierung zu umfassend nachhaltigen Veränderungen im Personalbedarf. Letztendlich betrifft die Geschichte der Schifffahrt aber uns alle. Sie hilft uns, unsere Gegenwart zu verstehen und hält uns an, unsere Gegenwart und Zukunft verantwortungsbewusst und nachhaltig zu gestalten. Was würde es für die Exportnation Deutschland bedeuten, wenn der weltweite Handel mit Fertigwaren, Rohstoffen und Nahrungsmitteln, der zu rund 80 % über die Weltmeere abgewickelt wird, nicht mehr existierte? Was wären die Folgen für Sie und Ihr eigenes Leben?

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Die hölzerne Bark SEUTE DEERN - Wahrzeichen Bremerhavens im Museumshafen des Deutschen Schiffahrtsmuseums. Foto: © Wolfgang Scheer Links: Schiffsmodelle: große Schiffe ganz klein. Fotos links und unten: © Uwe Strauch

Schiffahrtsmuseum im Wandel Optisches Gerät: Kinder erproben den Weitblick am Sehrohr eines U-Bootes der Königlich Niederländischen Marine und am Torpedo-Zielgerät der PRINZ EUGEN.

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Blick nach oben, Blick nach unten: überall Geschichte - vorn: die Bronzebüsten Ceres und Bacchus von der EUROPA, hinten: der Raddampfer MEISSEN

Mit dem Entwurf des Bremerhavener Architekten Hans Scharoun (1893–1972) wurde der äußere Rahmen geschaffen, um die Geschichte der Schifffahrt museal erlebbar zu machen. Das 1975 eröffnete Museumsgebäude zeichnet sich durch schiffsarchitektonische Elemente aus, durch hölzerne Relings, decksähnliche Ebenen und kreisrunde Bull-Eyes. In ihm sind Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen erfahrbar. Das große Panoramafenster an der Nordwestseite lenkt den Blick der Besucherinnen und Besucher auf die deichflankierte Weser, auf den modernen Schiffsverkehr mit seinen faszinierend vielfältigen Schiffstypen. Auf der anderen Seite des Gebäudes liegt der „Alte Hafen“. Es ist die maritime Keimzelle der Stadt, der historische Bezugspunkt, der seit Bestehen des Hauses als Museumshafen dient. Die Anlage eines Museumshafens war Anfang der 1970er Jahre äußerst innovativ. Wo sonst konnte man so viele geschichtsträchtige Schiffe in Originalgröße erleben? Doch auch die Schiffe kommen in die Jahre. Ihr Erhalt wird zunehmend aufwendiger. Heute gibt es verschiedenen Orts Museumsschiffe, deren unterschiedlichen Nutzungen dazu anregen, über das einst so tragende Konzept des Museumshafens am Deutschen Schiffahrtsmuseum nachzudenken. Die Museumsschiffe sind heute in erster Linie touristische Attraktion. Eine Ausnahme ist die hölzerne Bark SEUTE DEERN von 1919 mit ihren hoch in den Himmel aufragenden Masten, die mittlerweile zum Wahrzeichen Bremerhavens geworden ist und als Restaurationsbetrieb genutzt wird. Bei Sonnenschein und Kaffee und Kuchen an Deck lässt sich die eindrucksvolle Größe dieses Großseglers besonders gut erleben. Und wer es schließlich wagt, kann sich auf der SEUTE DEERN sogar trauen lassen. Eine weitere Besonderheit stellt die nordische Jagt GRÖNLAND dar, das erste deutsche Polarforschungsschiff, das damals von Carl Koldeway, heute von einer ehrenamtlichen – allerdings auch um Nachwuchs bemühten – Crew in Fahrt und in gutem Zustand gehalten wird. Das Auf- und Abtakeln, das Segeln und die Wartung erfolgen gemeinschaftlich und äußerst engagiert. Dabei wird das Schiff in seiner dreidimensionalen Größe und in seinem Gebrauchskontext erlebt – Geräusche, Gerüche und Gezeiten inklusive. Autobiographische Erinnerungen sind häufig Anlass, sich für die Geschichte der Schifffahrt zu interessieren. Damit

Durchblick: Fenster in die Gegenwart - auf die Weser. Fotos: © Uwe Strauch

wird das Deutsche Schiffahrtsmuseum für Viele zum Ort der eigenen kulturellen Verortung. Dies gilt neben den Ehrenamtlichen vor allem auch für die knapp 3000 Mitglieder des Fördervereins Deutsches Schiffahrtsmuseum e.V. (http://www.dsm. museum/ueber-uns/freunde-foerderer/ foerderverein-deutsches-schiffahrtsmuseum-e-v.4379.de.html). Dieser unterstützt das Deutsche Schiffahrtsmuseum auf ideelle und finanzielle Weise und bietet seinen Mitgliedern neben schifffahrtsgeschichtlichen Exkursionen und einer eigenen Zeitschrift freien Eintritt ins Museum. Forschung vermitteln Anlass, das Deutsche Schiffahrtsmuseum zu gründen, war u.a. das Vorhaben, einen für Deutschland und die Welt sensationellen Schiffsfund zu präsentieren: das Wrack einer hansezeitlichen Kogge.

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Dieses wurde 1962 zufällig in der Weser gefunden. Eine beispiellose Bergungsund Konservierungsgeschichte folgte. Es war ein großes Experiment für die Unterwasserarchäologie und die Konservierungsforschung gleichermaßen: die sorgfältige Dokumentation und Bergung der Schiffshölzer, das akribische Zusammensetzen der vielen hölzernen Einzelteile und die Suche nach einer geeigneten Methode, das rund 600 Jahre alte Schiff für die Zukunft zu erhalten. Der betriebene Bergungs- und Konservierungsaufwand und die Präsentation des Schiffswracks in einem Museum verweisen auf die große wissenschafts- und kulturgeschichtliche Bedeutung, welche diesem Fund zugeschrieben wird. Viele derjenigen, die in den 1980 und 1990er Jahren das Deutsche Schiffahrtsmuseum besuchten, erinnern sich sicherlich an den großen Tank, in welchem sich die Kogge zu Konservierungszwecken lange Zeit befand. Die Besucher und Besucherinnen konnten von Beginn an teilhaben an dem, was an Forschung für die Erhaltung der Kogge betrieben wurde. Das wissenschaftliche Ziel schien im Jahr 2000 erreicht, als die Kogge erstmals freistehend in der zum Ausstellungsraum umgestalteten Halle präsentiert wurde. Dieses Szenario konnte in dieser Weise jedoch nicht bewahrt bleiben. Fehlender Wasserdruck und die Tränkung der Hölzer in wachshaltigem Polyethylenglykol zu ihrem Erhalt hatten ein hohes Eigengewicht zur Folge. Das Schiff drohte auseinander zu brechen. Die außen am Rumpf angebrachten Stahlstützen zeugen noch heute von dieser zweiten Rettungsaktion des Schiffstyps, der noch immer der am besten erhaltene seiner Art ist. Aufgabe der nächsten Monate und Jahre wird es sein, neue Konzepte zu entwickeln, um das Interesse der Besucher und Besucherinnen für die Exponate zu gewinnen, Forschung als das nachvollziehen zu können, was sie ist, ein wechselseitiger Prozess von Methodenerprobung und Erkenntnisgewinn. Die Kogge bietet sich dafür als wichtiges und prominentes Exponat des Deutschen Schiffahrtsmuseums vor allen anderen an. Gut zu wissen Als integriertes Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft widmet sich das Deutsche Schiffahrtsmuseum der Erforschung aktualitätsbezogener Themen zur Geschichte der Schifffahrt, Meeresnutzung und Archäologie unter Wasser.

Den Kurs fest im Blick: Galionsfiguren der Korvette ELISABETH und der Fregatte HERTHA als Schutz vor Unglück Links: Forschung als Erlebnis: das Experiment Hanse-Kogge von 1380. Fotos: © Uwe Strauch

Archiv, Bibliothek, Magazin und Redaktion bieten eine einzigartige Forschungsinfrastruktur, die das Sammeln, Bewahren und Erschließen der Sammlung gewährleistet. Forschungsvermittlung und Wissenschaftskommunikation erfolgen über Ausstellungen, Vortrags- und Gesprächsrunden sowie Publikationen. Unter dem Motto „Mensch und Meer im Wandel“ werden zurzeit • neue Forschungs- und Vermittlungs- konzepte erarbeitet, • die Schifffahrtsgeschichte unter dem

Aspekt unterschiedlicher „Interessen“ beleuchtet, • die Objekte unter dem Stichwort „Materialität“ erforscht und • die Rezeption und mediale Inszenie- rung schiffstechnischen und wissen- schaftsgeschichtlichen Fortschritts un- ter dem Aspekt der „Wahrnehmung“ analysiert. Deutsches Schiffahrtsmuseum Hans-Scharoun-Platz 1 27568 Bremerhaven info@dsm.museum www.dsm.museum

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Perspektivwechsel: Ruderboote, Skiff, Canadier und Faltboote aus Sicht eines Tauchers. Foto: Š Uwe Strauch

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Eine besonders leise, kompakte, vielseitige und extrem energieeffiziente Lichtgeneratorserie von Roblon. Reduziert den Energieverbrauch um mindestens 63 % im direkten Vergleich zu Halogen-Generatoren bei gleicher Lichtleistung. Diese Produktserie ist bereits in vielen bedeutenden nationalen und internationalen Museen zum Einsatz gekommen.

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„Wir lieben die Beschäftigung mit winzig kleinen Details. Der Gesamtentwurf muss absolut zuverlässig sein, dann bringen die kleinsten Details das Ganze zum Lächeln.“ Steffen Schmelling | Schmelling Industriel Design

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Ausstellungsgestalter arbeiten zumeist im Verborgenen. In Erscheinung tritt nur das Endprodukt – die Ausstellung selbst. Aber wie entsteht ein solch umfassendes Wissenserlebnis? Ausstellungen sind ein vielschichtiges, komplexes und fachübergreifendes Aufgabenfeld, in dem unterschiedlichste Berufsgruppen gemeinsam wirken. Dabei sind die Biographien von Ausstellungsgestaltern so vielseitig wie das Berufsfeld selbst. Ob Szenografen, Architekten, Grafik-, Medien-, Produkt- oder Kommunikationsdesigner, Kuratoren, Natur- oder Kulturwissenschaftler, sie alle eint die interdisziplinäre Arbeit, die der Gestaltung von Ausstellungen zu Grunde liegt.

Um das Zusammenwirken der einzelnen Disziplinen zu fördern und das öffentliche Bewusstsein für die Komplexität des Aufgabenbereiches Ausstellungsgestaltung zu stärken, haben Gleichgesinnte 2012 den Berufsverband VerA – Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland gegründet. Nach dem Aufbau einer bundesweiten Verbandsstruktur wurden verschiedene Interessenfelder und Ziele definiert, die in gesonderten Arbeitskreisen ehrenamtlich bearbeitet werden. Ziel ist es, alle an Ausstellungsprozessen beteiligten Berufsgruppen zusammen zu führen und interne sowie externe Kommunikation zu fördern, um so zu einer besseren und produktiveren Verständigung beizutragen – unabhängig ob Auftraggeber oder Auftragnehmer, Designer oder Kurator. Die gewachsenen Ansprüche der Besucher an Ausstellungen im Hinblick auf Ästhetik, Erlebniswert und Didaktik stellen Museen, Ausstellungshäuser und andere veranstaltende Institutionen vor immer neue Aufgabenfelder. Mit einzigartigen Designsprachen, Erlebnisreichtum und didaktischem Mehrwert werden Ausstellungen zunehmend zu faszinierenden Wissensvermittlern, die breite Bevölkerungsschichten anziehen und damit auch wirtschaftliche Relevanz erlangen. Als Spiegelbild dieser komplexen Entwicklung vereint der VerA – Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland Ausstellungsschaffende aller Disziplinen – vom Spezialisten bis zum Generalis-

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ten – ungeachtet der jeweiligen Firmengröße. Dabei bietet VerA Szenografen, Architekten, Designern, Kuratoren, Wissenschaftlern und Museumsmitarbeitern eine Plattform, die zum intensiven Erfahrungsaustausch anregt, um gemeinsame Lösungen für wiederkehrende Problematiken und Fragestellungen zu entwickeln.

So soll besonders außerhalb laufender Ausstellungsprojekte eine Diskussionsplattform geschaffen werden, auf der alle Akteure ergebnisoffen kommunizieren und lösungsorientiert diskutieren können. Denn nur selten kann auch während eines Ausstellungsprozesses inmitten zahlreicher zeitlicher, finanzieller und fachlicher


Plattform für Kommunikation und professionellen Austausch „VerA - Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland“ vereint ein interdisziplinäres Berufsfeld. Autorin: Viktoria Wille 71


Herausforderungen das notwendige Verständnis für die andere Seite aufgebracht werden. Faszinierende Besuchserlebnisse können aber nur entstehen, wenn Kuratoren und Ausstellungsmacher gemeinsam ganzheitliche Wissenserlebnisse entwickeln.

Leitfaden erarbeitet, der einen Überblick über die möglichen Verfahren zur Auftragsvergabe an Ausstellungsgestalter bietet. Um eine faire und kreative Konkurrenz zwischen etablierten Agenturen und jungen Büros zu ermöglichen, wird auf eine Chancengleichheit großen Wert

So will der Verband VerA aktiv dazu beitragen, eine Vertrauensgrundlage für die Zusammenarbeit im komplexen Arbeitsbereich Ausstellung zu schaffen, die für Auftraggeber- wie Auftragnehmerseite mehr Klarheit und Transparenz bietet.

gelegt. Denn nur ein fairer Wettbewerb gibt den Auftraggebern die Chance, das geeignete Projektteam mit dem kreativsten und innovativsten Ausstellungskonzept zu finden.

Um in die interdisziplinären Entstehungsprozesse von Ausstellungen Einblicke zu ermöglichen und gleichzeitig die vielschichtigen Kompetenzen und Leistungsbereiche der Ausstellungsgestalter zu definieren, werden vom Verband künftig verschiedene Publikationen initiiert. Diese Leitfäden sollen zur besseren Kommunikation zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer beitragen und eine Hilfestellung bieten, für die jeweiligen Aufgaben den passenden Ausstellungsgestalter zu finden. Denn schon die Beauftragung von Gestaltungsbüros stellt zahlreiche Museen und Ausstellungshäuser vor ungeahnte Schwierigkeiten. Kriterien für die Ausschreibung sind vielfältig und führen zu recht unterschiedlichen Vorgehensweisen. Speziell hierfür wird zur Zeit in Zusammenarbeit mit der Auftraggeberseite ein

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Aber auch eine angemessene Honorierung ist ein wesentlicher Grundstein einer vertrauens- und respektvollen sowie professionellen Zusammenarbeit. Daher widmet sich der Verband auch dem Thema einer angemessenen Leistungsvergütung. Auch wenn die HOAI (= Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) vermehrt als Honorargrundlage für die Gestaltung von Ausstellungen herangezogen wird, birgt sie doch einige Schwierigkeiten, da sie nur (innen-)architektonische Aufgaben innerhalb von Ausstellungsprojekten berücksichtigt. Leistungen, wie Inhaltsentwicklung, Kuration, Didaktik und Texterstellung, grafische Gestaltung, Medienplanung, Exponatbau und vieles mehr sind in der HOAI hingegen nicht definiert. Neben dem Ausstellungsdesign sind diese Leistungen aber unweigerlich elementare Bestandteile für eine gelungene Ausstellung. So übersteigen die vielfältigen Leistungsfelder einer Ausstellungsgestaltung die

Leistungsdefinition einer Innenraumplanung nach HOAI. Die zusätzlichen Leistungen werden vermehrt über frei verhandelbare besondere Leistungen abgegolten. Im Hinblick auf das breite Berufsfeld der Ausstellungsgestalter und deren unterschiedliche Spezifizierung stellt sich daher vermehrt die Frage, ob die HAOI als Honorarordnung für Architekten und Ingeniere die richtige Grundlage für die Honorierung von Ausstellungen bietet. Die vielseitige Mitgliederstruktur des Verbands zeigt, dass Ausstellungsgestalter in unterschiedlichen Arbeitsweisen den komplexen Anforderungen des Berufsfelds begegnen. Während große Büros als Generalunternehmer auf den Plan treten und alle Phasen von der Ideenskizze bis zur letzten Schraube übernehmen, erfüllen kleinere Agenturen und Einzelunternehmer ganz spezifische Teilaufgaben innerhalb der Realisierung von Ausstellung. Um auch hier eine Chancengleichheit und eine Grundlage für gemeinsames Schaffen zu ermöglichen, wird innerhalb des Verbandes über eine mögliche branchenspezifische Honorierung diskutiert. Dabei steht vor allem das gemeinsame Arbeiten mit dem kollektiven Erfahrungsschatz im Vordergrund. Neben der spezifischen Arbeit in den Arbeitskreisen, organisiert der Verband auch verschiedene Veranstaltungen für den direkten Austausch. Gemeinsame Museumsbesuche und regionale Diskussionsrunden sollen Mitgliedern und Interessenten die Möglichkeit bieten, sich in einer ungezwungenen Atmosphäre über Erfahrungen, Ideen und Visionen auszutauschen. Ziel ist es, Herausforderungen und Chancen bei der Zusammenarbeit zwischen Ausstellungsgestaltern und ihren Auftraggebern aufzuzeigen und ein Bewusstsein für die Bedeutung von Ausstellungen als komplexes und vielschichtiges Medium des kollektiven Lernens zu schaffen. Fotos: © VerA

VerA - Verband der Ausstellungsgestalter in Deutschland Viktoria Wille, Schriftführerin und Pressesprecherin Lobeckstrasse 36 10969 Berlin presse@vera-d.org www.vera-d.org


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1914 – Mitten in Europa Eine Ausstellung des LVR-Industriemuseums und des Ruhr Museums auf der Kokerei Zollverein

Gemeinsam mit dem LVR-Industriemuseum präsentiert das Ruhr Museum in Essen die große Publikumsausstellung als eine der zwölf Ausstellungen vom LVR-Verbundprojekt „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“.

Die beiden „Ausstellungsmacher“, stellvertretend für Ihr Team aus zwei Museen: Direktor Prof. Heinrich Theodor Grütter vom RuhrMuseum Essen und Direktor Dr. Walter Hauser vom LVR-Industriemuseum in Oberhausen auf dem Dach der Kokerei.

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Ausstellungsort ist die Mischanlage auf der Kokerei Zollverein, die 1957 bis 1961 entstand. Früher wurden hier auf der „schwarzen Seite“ der Kokerei Zollverein die unterschiedlichen Kohlequalitäten zu einer optimalen Mischung für die Verkokung vermengt. Über Fließbänder zu Bunkern und durch Trichter nahm die Kohle von der obersten Ebene, der Verteilerebene, aus ihren Weg hinunter zu den Koksöfen. Aus rund 10.000 Tonnen Kohle konnten täglich circa 7.500 Tonnen Koks gewonnen werden. Die chronologischen Schichten der

Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ folgen dem damaligen Weg der Kohle. Die Besucherinnen und Besucher gelangen in die Ausstellung, indem sie vom südlich vorgelagerten sogenannten Wiegeturm aus eine 150 Meter lange Fahrt in einer Standseilbahn antreten. Diese Installation aus dem Ende des 20. Jahrhunderts verweist auf Technologien vom Anfang jenes Jahrhunderts, als die Ingenieure immer wieder neue Wege des Transports von Menschen und Material erfanden.

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Zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zeigen das LVR-Industriemuseum und das Ruhr Museum vom 30. April bis 26. Oktober 2014 in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen die Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“. Das Ereignis des Ersten Weltkriegs prägte nicht nur tiefgreifend eine ganze Epoche und die Le-benserfahrung der Menschen vor hundert Jahren, sondern die Geschichte Deutschlands, Euro-pas und insbesondere der Rhein-Ruhr-Region über das 20. Jahrhundert hinweg bis heute. Die Ausstellung ist das Flaggschiff des in Deutschland einzigartigen Verbundprojektes „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Mit 2.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist sie die größte des LVR-Veranstaltungsverbundes im Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg in Deutschland. Scharnierjahr 1914 Vor hundert Jahren begann in Europa mit dem Ersten Weltkrieg der erste industrialisierte Krieg der Weltgeschichte. Die Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ geht den Voraussetzungen und den Folgen dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ im Rheinland und im Ruhrgebiet nach und spannt dafür einen zeitlichen Bogen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik. Die Besucherinnen und Besucher erleben ein Zeitalter des Aufbruchs, in dem der Krieg den dramaturgischen Angelpunkt bildet. Die Ausstellung zeichnet ein Panorama der Epoche und richtet den Fokus dabei nicht nur auf den Krieg, sondern auch auf die dramati-schen gesellschaftlichen Umwälzungen, die den Aufbruch in die Moderne markieren. Eine Epoche auf drei Ebenen Die drei Etagen der Mischanlage der Kokerei Zollverein bilden die chronologische Struktur der Ausstellung: Kaiserreich, Krieg und Weimarer Republik. Die Besucherinnen und Besucher gelangen in die Ausstellung, indem sie vom südlich vorgelagerten Wiegeturm aus eine 150 Meter lange Fahrt mit einer Standseilbahn antreten. Oben angekommen werden sie von den Visionen einer besseren Zukunft empfangen, die den noch nahezu ungebrochenen Optimismus der Menschen am Beginn des 20. Jahrhunderts prägten. Dann

beginnt der erste große Bereich des Ausstellungsrundgangs mit dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruch im Industriegebiet an Rhein und Ruhr am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das 19. Jahrhundert hatte ungeahnte Fortschritte in Wissen-schaft und Technik gebracht und die Industrialisierung war in einem enormen Tempo vorange-schritten. Der rasante Wandel der Lebens- und Arbeitswelt ließ die Zukunft offener denn je erscheinen – ganz besonders in den Industriemetropolen, wo der Wandel am spürbarsten war. Auf dieser sogenannten Verteilerebene zu sehen sind zum Beispiel ein Drehgestell der Wupper-taler Schwebebahn, die 1901 in Betrieb ging, ein Elektroauto, der „Runabout“ von 1903, aber auch Werbeplakate und Produktverpackungen, die neue Konsummöglichkeiten offenbaren. Anhand von Kleidung wie eng geschnürten Seidenroben, aber auch dem Outfit einer Arbeiterin und einer Prostituierten wird ein Gesellschaftspanorama der Klassengesellschaft des Kaiser-reichs gezeichnet.

In diese Welt bricht 1914 der Krieg ein, dem die nächste, die sogenannte Bunkerebene ge-widmet ist. In ihm spielte die Rhein-Ruhr-Region als „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“ aber auch als Region großer Opfer und Entbehrungen eine besondere Rolle. Eine Feldhaubitze, das Modell eines Kriegsschiffes, ein riesiges Gemälde eines Giftgas-Versuchs, Soldatenfotos, Feldpostkarten und Gips- und Wachsmoulagen schwerer Kriegsverletzungen zeigen das ge-waltsame Gesicht des industrialisierten Krieges. Thematisiert wird aber auch das Leben an der Heimatfront, wo nicht nur alle wehrfähigen Männer, sondern auch Frauen und Jugendliche für den „Totalen Krieg“ mobilisiert wurden. Bis zu 3,50 Meter große Nagelfiguren sind in der Ausstellung Beispiel für die Propagandaaktionen, die die ungeheuerlichen Verluste, Hunger und Entbehrungen rechtfertigen sollten.

Die Folgen des Krieges stehen im Mittelpunkt der dritten Ausstellungsebene, der sogenannten Trichterebene. Hier wird dessen epochale Wirkung deutlich. Dies gilt insbesondere für die Rhein-Ruhr-Region, wo der Krieg 1918 nicht endete – Gewalterfahrungen, Hunger und Armut prägten hier den Alltag noch eine lange Zeit. Mit den Generalstreiks der Bergarbeiter 1919 und dem Ruhrkampf 1920 wurde die Region zum Zentrum der revolutionären Bewegung. Die „Rote Ruhrarmee“ wurde von Regierungstruppen blutig niedergeschlagen. Ein Nachspiel des Kriegs bildeten auch die separatistischen Bestrebungen im Rheinland und die belgisch-französische Besetzung des Ruhrgebiets von 1923. Aber auch der Aufbruch in Technik, Wissenschaft, sellschaft, Architektur, Kino, Sport und Politik sind thematische Facetten dieser nun entzauber-ten Moderne der 1920er-Jahre, die Vieles aus der Vorkriegszeit wieder aufnimmt. Die Gesell-schaft hat sich jedoch verändert: Mit Perlen und Pailletten bestickte Charlestonkleider im Art Déco-Stil, ein Autofahrermantel für die Frau, Kinderkleidung sowie Gehrock und „Stresemann“ für den Herrn lassen Besucherinnen und Besucher in den veränderten Lebensstil während der Weimarer Republik eintauchen. Der Abschluss der Ausstellung verweist auf die nachfolgende größte Katastrophe des Jahrhunderts: den Zweiten Weltkrieg als Schlussakt des letztendlich „Dreißigjährigen Krieges“, der 1914 begann. Mitten in Europa – an Rhein und Ruhr Die Ausstellung ist Teil und Höhepunkt des vom Landschaftsverband Rheinland mit zahlreichen Partnern organisierten Verbundprojektes „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“, das sich noch bis Mitte 2015 in unterschiedlichsten Aspekten dem Krieg selbst, aber auch der Modernisierung in Kunst und Gesellschaft widmet. Weit über die üblichen Ausstellungskooperationen zwischen Museen hinaus ist sie eine Gemeinschaftsproduktion des LVR-Industriemuseums und des Ruhr Museums, in die jedes Haus seine spezifischen Stärken einbrachte – auch die jeweiligen regionalen Stärken: das LVR-Industriemuseum durch

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seine Verankerung im ganzen Rheinland, das Ruhr Museum mit seinem Fokus auf das Ruhrgebiet. „Diese Ausstellung dokumentiert in sich noch einmal den innovativen Zentralgedanken des LVR-Verbundprojekts“, stellen Milena Karabaic, LVR-Dezernentin für Kultur und Umwelt, und Projektleiter Dr. Thomas Schleper fest. „Nämlich im richtungsweisenden Miteinander Synergie-Effekte zu generieren: für die Teams, für die Industriekultur und nicht zuletzt für das Publikum.“ Die Ausstellung geht auf eine Spurensuche nach den Ursprüngen unserer modernen Welt: einer zutiefst ambivalenten Moderne zwischen Avantgarde und Aggression, Erneuerungsdrang und Zerstörungswut. Zugleich zeichnet sie die Entstehungsgeschichte eines einst bedeutenden Schauplatzes dieses Aufbruchs nach: die der Region an Rhein und Ruhr. „Der Rhein-Ruhr-Raum ist viel direkter in den Ersten Weltkrieg verstrickt als wir uns vorstellen“, erklärt Prof. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums. „Hier wurden dessen Waffen zu großen Teilen produziert und seine Gewalt kehrte mit Hunger, Revolution und Besatzung in die Region zurück.“ Dr. Walter Hauser, Direktor des LVR-Industriemuseums, betont: „Die Region wurde von den Prozessen der Modernisierung und der rasanten Urbanisierung – mit sozialer Entwurzelung, dem Aufbau von großräumiger Infrastruktur – umgewälzt wie keine andere. Die Ausstellung gibt Antworten auf die Frage nach Identität und Herkunft der Rhein-Ruhr-Metropole aus dem Geist der Moderne.“

Oben Links: Das historische Werftmodell des Linienschiffes „Kaiser Barbarossa“ von 1901 zeigt das erste Kriegsschiff, das auf der Werft Schichau in Danzig vom Stapel lief. Die „Kaiser Barbarossa“ gehörte zu den fünf Großlinienschiffen der sogenannten Kaiserklasse. Das Schiff steht in der Ausstellung für die Flottenpolitik und den in ihr verkörperten Weltmachtanspruch des Kaiserreichs. Unten Links: Die 3,50 m große Nagelfigur „Eiserner Georg“ aus Krefeld symbolisierte die deutschen Kriegsgegner Russland, Frankreich, Serbien, Belgien, Italien und England und konnte zur Unterstützung von Witwen und Waisen gegen ein Entgelt benagelt werden. So erwuchs ihm ein „eiserner Panzer aus Nägeln“.

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Links oben: Soldaten mit Gasmasken an einem schweren MG, 1918 © Leihgeber: Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart Rechts oben: Postkarte der Arbeiter- und Soldatenräte, 1918, Sammlung Ruhr Museum © Ruhr Museum Mitten oben: Bearbeitung von Geschützrohren in der Abteilung Sterkrade, Werk II, Halle 12 der Gutehoffnungshütte, Oberhausen, um 1916, Sammlung LVR-Industriemuseum © LVR-Industriemuseum Links unten: Hitler und Mussolini besuchen Essen, die „Waffenschmiede des Reiches“, 27. September 1937 © Leihgeber: Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv

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Das rheinisch-westfälische Industriegebiet war vor und nach 1914 das Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie, die „Waffenschmiede des Reichs“. Als Zeichen hierfür schwebt in der Ausstellung die vier Tonnen schwere Feldhaubitze M1913 der Firma Fried. Krupp AG, Essen, von 1918 über dem Publikum. Sie war im Ersten Weltkrieg ein Mehrzweckgeschütz der Artillerie, belegte einerseits sichtbare Ziele mit Flachfeuer und bekämpfte andererseits entferntere Zielpunkte im Steilfeuer. Die Artillerie wurde im Ersten Weltkrieg zur wichtigsten Waffengattung. Im Rahmen der militärtechnischen Revolution und aufgrund der neuen Anforderungen des Ersten Weltkrieges wurden die Haubitzen nun wie Kanonen und Mörser im Stellungskrieg zur Verteidigung oder Erstürmung der Gräben eingesetzt.

Kleine und große Denkmale aus der Nachkriegszeit an Rhein und Ruhr, allen voran die eindrücklichen Gedenktafeln des Bildhauers Joseph Enseling für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen der Firma Fried. Krupp AG, stehen schließlich für die ebenso traumatische wie schon bald ideologisierte Erinnerung an den Krieg. Sie bezeugen das bedrückende Ausmaß der Verluste durch den Krieg.

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Der Umzugskoffer von Kaiser Wilhelm II., der 1918 nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands ins niederländische Exil abdankte, steht in der Ausstellung für die Abwesenheit der einstigen Identifikationsfigur der Nation und das Ende des alten wilhelminischen Regimes. Aufbruchsstimmung prägte die junge Republik, die dem Einzelnen neue Freiheiten eröffnete. Auch das Verhältnis von Generationen und Geschlechtern änderte sich. Der Autofahrermantel für Frauen steht für die Emanzipation der Frau. Der Leinenmantel wurde zum Autofahren getragen, und zwar von einer Frau, die selbst hinter dem Lenkrad saß. Das Leben der modernen Frau galt als unabhängig. Die Realität sah allerdings zumeist noch anders aus. An passgenauen Figurinen, d.h. Nachbildungen des Körpers, der das Stück getragen haben könnte, werden in der Ausstellung für die 1920er Jahre typische Kleidungsstücke unterschiedlicher Teile der Gesellschaft präsentiert, unter anderem mit Perlen und Pailletten bestickte Charlestonkleider im Art Déco-Stil, Kinderkleidung sowie Gehrock und „Stresemann“ für den Herrn.

30. April – 26. Oktober 2014 Mischanlage Kokerei Zollverein, Essen

Leihgeber: Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart

www.1914-ausstellung.de

„1914 – Mitten in Europa“ 30. April – 26. Oktober 2014 UNESCO-Welterbe Zollverein Areal C [Kokerei], Mischanlage [C70] Arendahls Wiese, 45141 Essen Eine Ausstellung vom RuhrMuseum und dem LVR-Industriemuseum www.1914-ausstellung.de

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Den Mythos FuĂ&#x;ball erlebbar machen Autor: Matthias Heumeier

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Mit einem 3:1-Erfolg endete das letzte Spiel der deutschen Nationalmannschaft und damit das Sommermärchen der WM 2006. Über einen Sommer lag die Nation im kollektiven Fußballfieber, hat bis zuletzt mitgejubelt, mitgezittert, mitgefeiert und es so auf eindrucksvolle Weise „die Welt zu Gast bei Freunden“ geheißen. Doch der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land markiert nicht nur den versöhnlichen Abschluss einer großen sportlichen Leistung, sondern auch die Geburtsstunde eines Ortes, der sich der Bewahrung solcher Momente verschrieben hat. Im Anschluss an die WM 2006 fiel beim DFB die Entscheidung, in den Bau eines bis dato einzigartigen Projektes zu investieren: des Deutschen Fußballmuseums. 2014, knapp acht Jahre später, feiert der Museumsneubau am Dortmunder Königswall Richtfest. „Wir sind Fußball“, lautet das gestalterische Leitmotiv des Museums, welches im kommenden Jahr auf zwei Etagen und rund 6900 Quadratmetern eröffnen soll.


Planung von innen nach außen Wie konsequent diese Leitidee gedacht wurde, zeigt sich auch im ganzheitlichen Planungsprozess des Museums. Von Beginn an wurde der Brückenschlag zwischen den Ausstellungsinhalten und ihrer architektonischen Umsetzung gesucht. Der DFB entschied sich damit bewusst gegen den Bau einer ikonischen Architektur und stieß stattdessen den Planungsprozess aus entgegengesetzter Richtung an. In der Entstehung des Museums trafen frühzeitig inhaltliche und konzeptionelle Vorgaben der 2010 gegründeten DFB-Stiftung Deutsches Fußballmuseum, szenografische Gestaltungsarbeit durch die Kommunikationsagentur Triad Berlin und ihre Überführung in eine maßgeschneiderte Architektur durch das Büro Architektenbüro HPP zusammen. Welche Bedeutung diese Herangehensweise für das Museum hat, fasst Prof. Dr. Martin Roth, Generaldirektor des Londoner Victoria und Albert Museum und Mitglied des Fachbeirats der Stiftung des Deutschen Fußballmuseums, zusammen: „Der Architekturentwurf von HPP richtet sich nach dem Fußball, nach den Inhalten. Und nicht anders herum. Wir pressen den Fußball nicht in eine schicke Form. Das Gebäude reagiert auf den Gegenstand.“ So gaben die Inhalte und ihre dramaturgisch-szenografische Umsetzung bereits vor dem Architekturwettbewerb den Takt für alle folgenden Kreativleistungen vor. „Form follows dramaturgy“ nennt Lutz Engelke, Chef-Szenograf und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Triad

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Berlin, dieses Prinzip. Manuel Neukirchner, Gründungsdirektor des Deutschen Fußballmuseums, versteht in der Formeinheit von Architektur und Dramaturgie sogar eine Erweiterung dieses Prinzips, das auf synthetisierende Weise einen Ausstellungraum für den Fußball geschaffen hat. Das Resultat des von innen nach außen gedachten Planungsprozesses ist ein Gebäude, das in jeglicher Hinsicht auf die Ansprüche seines Ausstellungsgegenstands zu antworten weiß. So findet die kommunikative Klammer „Wir sind Fußball“ an jeder Stelle des Museums ihre räumliche Entsprechung. Das Phänomen Fußball als Gesellschaftsdialog Mit der Entscheidung für ein Fußballmuseum hat sich der Deutsche Fußball-Bund mit seiner DFB-Stiftung Deutsches Fußballmuseum einer komplexen Aufgabe gestellt. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich die Vielschichtigkeit des Sports: Der Fußball ist eine „Narrationsmaschine“, die Spieltag für Spieltag, Turnier für Turnier neue Geschichten schreibt. Geschichten, die jeder kennt. Das Wembley-Tor, das Wunder von Bern, Bomber der Nation – diese Begriffe sind zentrale Bestandteile im Vokabular eines jeden Fußballfans. Hinter ihnen verbergen sich Momente des Triumphs, der Euphorie und Tragik, sie sind die vielzitierten Referenzpunkte einer geteilten Sportgeschichte, die auch heute noch unsere Wahrnehmung von Fußball beeinflussen. Fans sind hochspezialisierte Experten auf

ihrem Gebiet, nicht selten verfolgen sie über Jahre die Entwicklung ihrer Mannschaft, der Liga und internationaler Wettbewerbe. Ihr Erfahrungshorizont erstreckt sich von skurrilen Detailinformationen aus dem Ligabetrieb bis hin zu den herausragenden Momenten internationaler Sportgeschichte, die im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation Deutschland abgespeichert sind. Integration, Identität, Wirtschaft – die Liste von Wirkungsfeldern, welche die Bedeutung des Fußballs über sportliche Zusammenhänge hinaus belegt, ließe sich beliebig erweitern. Fußball, das stellt Steffen Simon, Leiter der ARD Sportschau, entsprechend fest, ist der „letzte gesellschaftliche Kitt“, der über Generationen, über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg die Menschen miteinander verbindet. Wie bereitet man einen Sport museal auf, der im Kern extrem redundant – zwei Tore, ein Spielfeld, ein Ball, 22 Spieler, 90 Minuten – und gleichzeitig von großer gesellschaftlicher Relevanz ist? Museum 2.0 Im Bewusstsein über die speziellen Anforderungen, die das Phänomen Fußball an ein Museum stellt, hat sich die DFB-Stiftung Deutsches Fußballmuseum mit der Kommunikationsagentur Triad Berlin und dem Architekturbüro HPP versierte Partner an seine Seite geholt. Herausgekommen ist ein Ausstellungshaus, das mit seiner erlebnisorientierten Dramaturgie, mit vielen interaktiven Exponaten und


einer konsequent inhaltsbezogenen Architektur als Museum 2.0 den klassischen Museumsbegriff modern interpretiert hat. Ein Ausstellungshaus, dem Manuel Neukirchner seinen Stempel aufgedrückt hat: „Früher hatten museale Objekte die Funktion der Wissensvermittlung, heute müssen wir mit dem vorhandenen Wissen umgehen. Jeder kennt alles im Fußball, der Fußball ist omnipräsent. Jetzt über die Nähe von Objekten eine Vertiefung zu schaffen, eine Kontextualisierung, um eben mit dem vorhandenen Wissen umzugehen, das ist unsere inhaltliche Herausforderung und begründet auch das Neue, von dem wir sprechen.“ Fußball als multimediales Interface Die wichtigen Momente der Fußballgeschichte werden im Angesicht dieser Herausforderung entlang einer ganzen Reihe außergewöhnlicher Exponate erzählt. Gleichzeitig geben eine Vielzahl von interaktiven und multimedialen Exponaten dem Besucher die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit den herausragenden Momenten medial vermittelter Fußballgeschichte abzugleichen. Auf diese Weise gewinnt das facettenreiche Phänomen Fußball nicht nur in historischer und faktischer Hinsicht an Kontur, sondern wird überdies emotional erlebbar. Das Neue, wie es Manuel Neukirchner nennt, spiegelt sich in dieser – deutlich weicher gezogenen – Trennlinie zwischen Ausstellung und Besucher wider. Der dialogische Leitgedanke der Ausstellung macht es möglich, die dynamische und gelegentlich auch hochkontroverse Fußballgeschichte in eine museal erfahrbare Form zu überführen, ohne eine alleinige Deutungshoheit zu beanspruchen. Entsprechend fasst Lutz Engelke die Stärken des Fußballmuseums zusammen: „Es ist in seiner modernsten Ausprägung ein multimediales Interface, das unmittelbar mit dem Besucher den Kontakt sucht. Es ist in seiner emotionalen Ausprägung ein Erfahrungsraum und Gesamterlebnis zum Thema Fußball. Und es ist in seiner klassischen Ausprägung eine begehbare Sozialgeschichte. Objekte, Grafik, Sound, Film im Raum, Mainshow und mediale Verwandlungsräume spielen mit der Magie des Fußballs.“

Abbildungen: © Triad 1. Ins Stadion pilgern 2. Erste Halbzeit 3. Training und Taktik 4. Ausstellungskonzept zweite Halbzeit

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Magie + Dramaturgie Genau diese Magie scheint auf die Dramaturgie des Museums übergesprungen zu sein. Das Gestaltungskonzept, das Triad Berlin in dieses Spannungsfeld hineinentwickelt hat, ist dem klassischen Verlauf einer Fußballpartie nachempfunden. Der Besucher wird durch fünf Ausstellungsetappen geführt: Vor dem Spiel, erste Halbzeit, Halbzeitpause, zweite Halbzeit, nach dem Spiel. Noch vor dem eigentlichen Museum findet die emotionale Einstimmung auf das Spiel statt. Über einen offen gestalteten Vorplatz gelangt der Besucher in das Foyer. Von dort leitet ihn der Spielertunnel in die zweite Etage, wo die erste Halbzeit der Ausstellung beginnt. Sie steht im Zeichen der Nationalmannschaft und der Geschichte des deutschen Fußballs. Dazu gehören die großen Momente des Frauenfußballs genauso wie der Rückblick auf den Fußball in der DDR. Am Ende der ersten Spielzeit wartet mit der multimedialen Mainshow ein emotionales Highlight auf den Besucher. Die anschließende Halbzeitpause widmet sich der taktischen Arbeit und den Spielphilosophien verschiedener Trainer. Sie leitet in die zweite Halbzeit über, die einen Einblick in die vielseitige Welt des Vereinsfußballs bietet. An diesen Teil der Ausstellung schließt die „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs an, die große Spielerpersönlichkeiten würdigt. Im Untergeschoss - dem letzten Abschnitt der Ausstellung - hält die Fahrt im Mannschaftsbus der Nationalelf ein weiteres, emotionales Erlebnis bereit. Abschließend lädt eine Multifunktionsarena den Besucher zu sportlichen Aktivitäten ein und rundet das Erlebnis „Deutsches Fußballmuseum“ mit wechselnden Sonderausstellungen zu aktuellen Ereignissen ab. Durch seine inhaltliche, dramaturgische, szenografische und architektonische Abstimmung entsteht mit dem Deutschen Fußballmuseum eine maßgeschneiderte Heimat für einen Sport, der künftig nicht mehr ausschließlich in den Herzen seiner Fans, sondern ein Stück weit auch am Dortmunder Königswall zu Hause sein wird. Triad Berlin Projektgesellschaft mbH Abbildungen: © Triad 1. Hall of Fame 2. Schatzkammer 3. DFM-Bundesligakarussell 4. Balltempel

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06. - 08.11.2014 Leipzig

Tel.: 0525195


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Sachsens neue archäologische Dauerausstellung

Von der eiszeitlichen Naturlandschaft zur modernen Kulturlandschaft Autorin: Dr. Sabine Wolfram Seit dem 15. Mai 2014 hat die sächsische Landesarchäologie ein neues Schaufenster: Aus dem traditionsreichen Landesmuseum für Vorgeschichte mit Sitz im Japanischen Palais in Dresden ist das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz – kurz: smac – geworden. Das Domizil des neuen Museums ist das ehemalige »Kaufhaus Schocken« an der Brückenstraße in Chemnitz. Der Entwurf des prominenten Gebäudes stammt aus der Feder des bedeutenden, deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn und gilt als »Ikone« der Moderne. Im Auftrag des in Sachsen beheimateten Schocken Warenhaus-Konzerns errichtet, wurde es am 15. Mai 1930 eingeweiht.

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Das Design der Dauerausstellung In seiner Dauerausstellung, die 3000 m² Ausstellungsfläche umfasst, präsentiert das Museum auf drei Etagen vorwiegend archäologische Funde und Befunde. Diese erzählen knapp 300.000 Jahre sächsische Geschichte. Dabei versucht die Ausstel-

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lung zu zeigen, wie sich innerhalb der Grenzen des modernen Freistaates Sachsen – unter dem Einfluss des Menschen und vor dem Hintergrund von Umwelt und Klima – aus einer Naturlandschaft über eine Siedlungslandschaft die moderne Kulturlandschaft entwickelte. Gestalterisch wird das vom ATELIER

BRÜCKNER, Stuttgart, erarbeitete Konzept der Ausstellung durch eine lineare Bodengraphik, die sich ausgehend von einer geschwungenen Linienführung hin zu geometrischen Mustern entwickelt und den zunehmenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt symbolisiert, unterstützt. Ein weiteres szenografisches


Element – verteilt auf die drei Ausstellungsetagen – sind zwei raumgreifende Landschaftspanoramen und eine lange Vitrinenwand mit Alltagsgegenständen. Darüber hinaus erfährt die Präsentation mit der filmischen Bespielung der schwebenden Sachsenskulptur und einer 15 m hohen Profilwand durch die geologischen

und archäologischen Schichten Sachsens eine Zusammenfassung der regionalen Geschichte in Raum und Zeit. Neben der Prozesshaftigkeit von Geschichte vermittelt die Dauerausstellung auch Einblicke in die Methoden der Archäologie wie bspw. die Dendrochronologie (Lehre vom Baumalter), 14C-Datierung (Radiokarbonme-

thode) oder Experimentelle Archäologie und Archäometrie. Insgesamt werden rund 5200 Objekte aus dem Archäologischen Archiv Sachsens des Landesamtes für Archäologie gezeigt.

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Die erste Etage Unter dem Motto »Im Wandel von Kaltund Warmzeiten« wird in der ersten Etage das Leben der kleinen Gruppen früher Jäger und Sammler bzw. Sammlerinnen der Altsteinzeit in einer von wechselnden Kalt- und Warmzeiten geprägten Naturlandschaft dargestellt. Ziel ist es, die klimatischen Schwankungen des Eiszeitalters durch lebensgroße Tier- und Pflanzenpräparate sowie Lichtstimmungen auch sinnlich erfahrbar zu machen. Archäologisch im Mittelpunkt stehen die sächsischen Fundplätze von Markkleeberg und Groitzsch (beide Lkr. Leipzig). Der Fundplatz Markkleeberg wird auf 280 000 Jahre v. H. datiert und anhand der dort gefundenen Werkzeuge aus Feuerstein einer frühen Form des Neandertalers zugeordnet. Ausgehend von diesem Fundplatz wird auf die Entdeckung der zeitlichen Tiefe durch die Evolution und Geologie sowie die Entwicklung des Menschen «Out of Africa» eingegangen. Letzteres findet seinen Höhepunkt im Forscherlabor zum Übergang vom Neandertaler zum modernen Menschen, das in Absprache mit dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie entwickelt wurde. Dem modernen Menschen kann der Fundplatz Groitzsch zugeschrieben werden, der auf 14 000 Jahre v. H. datiert wird.

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Ein Schieferplättchen aus Groitzsch weist Ritzungen von drei PferdekÜpfen auf: das bis dato einzige bekannte Kunstzeugnis des frßhen modernen Menschen aus Sachsen. Der einmalige Fund wird in der Ausstellung in den Kontext anderer Pferdedarstellungen des ausgehenden Eiszeitalters gestellt.

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Die zweite Etage Die nächste Etage widmet sich den »Kulturen der Sesshaftigkeit« und zeigt, wie sich die Region zwischen 5500 v. Chr. und 800 n. Chr. unter dem Einfluss bäuerlicher Kulturen und deren sich entwickelnden technologischen Fähigkeiten und neuer Gesellschaftsformen zu einer Siedlungs-

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landschaft wandelte. Eindeutiges Highlight ist einer der ältesten Holzbauten Mitteleuropas: der 7200 Jahre alte Holzbrunnen von Altscherbitz bei Leipzig (bis zum Abschluss seiner Restaurierung wird an dieser Stelle noch der Brunnen von Eythra bei Zwenkau gezeigt). Dieser Brunnen datiert in die älteste Bauernkultur Mitteleuropas, die durch Hausbau, Ackerbau und Viehzucht als erste spürbar die Landschaft umgestaltete. Später kommen neue, in die Landschaft eingreifende Siedlungsformen wie Burgen, bspw. an der Rauhen Furt nördlich von Meißen an der Elbe, und die symbolische Inbesitznahme des Landes wie im Falle der 2000-jährigen Belegung des Gräberfeldes von Niederkaina bei Bautzen hinzu. Neben der Entwicklung der Siedlungslandschaft werden außerdem die Anfänge der Metallurgie sowie die Deponierungen der Jungbronzezeit, die Salzgewinnung, Bestattungs- und Trachtsitten der Eisenzeit und Römischen Kaiserzeit sowie Kontakte zu den Kulturen des Mittelmeerraumes in der Bronzezeit thematisiert. Stellvertretend für eine Reihe herausragender Depotfunde stehen die Funde von Großschkorlopp (Lkr. Leipzig) und Kyhna (Nordsachsen).


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Die dritte Etage In der abschließenden dritten Etage, die sich unter dem Motto »Von der slawischen Aufsiedlung bis zur Industrialisierung« der Geschichte Sachsens in der Zeit zwischen 800 und der zweiten Hälfte des 19. Jhs. widmet, steht die Entstehung der modernen Kulturlandschaft. Ab 800 dringen Slawen von Osten nach Westen bis nach Thüringen vor und lassen sich auch auf dem Gebiet des heutigen Sachsens nieder. Während aber die Ortsnamen oft auf einen slawischen oder deutschen Ursprung hinweisen, so lässt sich archäologisch keine Unterscheidung treffen. Mit dem Bau von Dörfern, Klöstern, Burgen und Städten entsteht nach der Mitte des 12. Jhs. eine Kulturlandschaft, wie sie in ihren Grundzügen bis heute erkennbar ist. Die Klöster waren darüber hinaus Orte des Wissens und der Bildung. Mit

dem «Zweiten Berggeschrey» ab Ende des 15. Jhs. stieg Sachsen dann zu den führenden Regionen Mitteleuropas auf. Neben Reichtum bewirkte der Bergbau auch einen kräftigen Aufschwung von Technologie und Wissenschaft, der sich bald auch auf andere gesellschaftliche Bereiche ausdehnte. Bildung wurde gefördert, es entstanden wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien. Auch im Bereich der Herrschaftsausbildung und Landesverwaltung konnte das Land eine Vorreiterrolle einnehmen, wie Dokumente in der »Schatzkammer der Schriftlichkeit« des Sächsischen Staatsarchives zeigen. In dieser Etage ist nicht so sehr ein einzelner Fund oder Befund herausragend, sondern die rund 1300 Objekte aus der Zeit von 800 bis 1800, die einen Einblick in den langsamen Wandel der Alltagskul-

tur geben und sich unbeeindruckt zeigen von wichtigen historischen Ereignissen in der Geschichte Sachsens wie bspw. dem 30-jährigen Krieg oder den Großmachtsträumen Augusts des Starken, die in kurzen Filmen erläutert werden. Mit der Entwicklung neuer Energien und der Erfindung der Eisenbahn verändert sich zu Beginn der Industrialisierung das Verhältnis des Menschen zu Raum und Zeit grundlegend: In kurzer Zeit können größere Räume überwunden werden. Kaum ein anderer Technologiesprung symbolisiert die Veränderungen deutlicher, mit denen das Industriezeitalter alle Lebensverhältnisse veränderte und so endet hier der Rundgang durch 300. 000 Jahre sächsische Geschichte.

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Weitere Highlights Über die archäologische Dauerausstellung hinaus laden drei weitere Präsentation dazu ein, sich mit der Geschichte des Hauses näher vertraut zu machen. Unter dem Motto Archäologie eines Kaufhauses werden in den sog. Erkern entlang der Gebäudefassade das Leben und Werk des Architekten Erich Mendelsohn, die Geschichte des deutsch-jüdischen Schocken Warenhaus-Konzerns sowie des Konzernmitbegründers Salman Schocken als Zionist, Bibliophiler, Verleger und Mäzen vorgestellt.

Ab 2015 lädt das smac auch zu Sonderausstellungen zu Themen der regionalen und internationalen Archäologie ein. Ein Besuch lohnt sich. Wir freuen uns auf Sie. Sabine Wolfram Fotos: © Michael Jungblut Dieser Artikel erschien bereits in ANTIKE WELT 3/2014 smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz Stefan-Heym-Platz 1, 09111 Chemnitz http://www.smac.sachsen.de

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Das neu eröffnete Rheinland-Pfälzische Aus Technikschau wird Themeninszenierung

Am 10. April 2014 eröffnete das Rheinland-Pfälzische Feuerwehrmuseum in Hermeskeil. Aus der ehemaligen Exponatesammlung ist ein modernes Museum mit überregionaler Relevanz geworden – dafür sorgt das themenorientierte Ausstellungskonzept der Kölner Agentur dreiform. Auf einer Fläche von über 1000 qm erhalten Besucher einen neuen, frischen Zugang zu Hintergründen, Ursprüngen und menschlichen Aspekten rund um die Feuerwehr.

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Feuerwehrmuseum in Hermeskeil

Von der Garage zum Museums(neu) bau: Die Geschichte des Museums. Das Museum blickt auf eine langjährige Entwicklungsgeschichte zurück. Vor fast 25 Jahren hatte Ernst Blasius, der heutige Museumsleiter, zunächst aus eigener Passion Exponate rund um die Feuerwehr gesammelt. Das große Interesse, das man dieser Sammlung entgegengebrachte, forderte Konsequenzen: Ein Museum sollte für adäquaten Platz und eine systematische Präsentation der Exponate sor-

gen und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. In intensiver Zusammenarbeit eines eigens gegründeten Fördervereins mit der Kölner Agentur dreiform entstand ein Ausstellungskonzept, das heute in dem zweistöckigen Hermeskeiler Neubau zu einem interaktiven, zeitgemäßem Ausstellungserlebnis einlädt. Ein Thema und seine vielseitigen Facetten: Das Ausstellungskonzept. Das Konzept der Kölner Agentur drei-

form setzt auf eine Loslösung von der rein Technikgetriebenen Präsentation zugunsten des interaktiven Erlebens menschlicher und historischer Hintergründe. Die klare, zeitgemäße und intuitiv nachvollziehbare Wort- und Bildsprache sorgt für eine breite Zielgruppenansprache: Familien, Schulklassen, Technikbegeisterte oder historisch Interessierte werden in Hermeskeil immer wieder neue und spannende Informationsebenen entdecken können. Durch die beachtliche Exponatesammlung führt ein interaktiver Themen-Parcours,

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der unterschiedliche Perspektiven auf die Entwicklung des Feuerwehrwesens eröffnet – begonnen bei dem „Feuer“ als heilbringende und gleichzeitig vernichtende Kraft über „Ereignisse“ (schicksalhafte historische Begebenheiten), „Tätigkeiten“ (als Überblick über Aufgaben der Feuerwehr) und „Protagonisten“ (die Menschen „hinter“ den Feuerwehreinsätzen) bis hin zu „Werkzeugen“(den wichtigen Hilfsmitteln früher und heutiger Feuerwehren). Anfassen, pumpen, einsteigen: Interaktion, ganz physisch. Das Konzept stellt dabei stets das eigene Erleben in den Vordergrund: Neben medialen Interaktionsmöglichkeiten und Filmund Audio-Zuspielern gibt es Stationen, an denen Besucher selbst Hand anlegen können. Es können hier Schlauchverbindungen hergestellt und Knoten geübt werden, sogar das Innere von Fahrzeugen darf erkundet werden. In einem nahezu völlig verbrannten Wohnzimmer erleben sie, was passiert, wenn man Brandschutzmaßnahmen zuhause vernachlässigt— Gänsehaut inklusive. „Uns war wichtig, echte Nähe zu schaffen ...“, so Ralf Nähring, Geschäftsführer der Agentur dreiform. „...das gelingt oft nicht mit reinen Exponateschauen oder medialen Inszenierungen. Deshalb haben wir zusätzlich zu dem Zusammenspiel von Exponaten und Medien einen großen Anteil haptischer Stationen eingesetzt. Dass zur Eröffnung Besucher einzelne Exponate sogar aus den Vitrinen nahmen und sich auf das Sofa des verbrannten Wohnzimmer-Szenarios setzten, zeigt, dass wir wohl den richtigen Weg gewählt haben, Berührungsängste abzubauen ...“ Rechts: Tragische Verbindung: 1933 brannte das Dorf Öschelbronn komplett nieder, weil Schlauchkupplungen der zu Hilfe kommenden Feuerwehren nicht kompatibel waren. Ein Kupplungsspiel verdeutlicht das Problem der (damals) fehlenden Normierung.

Fotos: © Stefan Schilling

dreiform GmbH Geisselstrasse 103a 50823 Köln http://www.dreiform.de feuerwehr erlebnis museum Neuer Markt 2 54411 Hermeskeil www.feuerwehr-erlebnis-museum.de

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Jeder Ausstellungsbereich wird durch „Thementore“ eingeleitet, die textlich und medial in das neue Thema einführen. (Im Hintergrund ist der Themenbereich „Protagonisten“ zu sehen)

Die Aufgabenvielfalt der heutigen Feuerwehren zeigt dieses 3dimensionale Diagramm. (Die Schubladenhöhe entspricht der Häufigkeit der Einsätze…)


Präzis kontrolliertes, wohldefiniertes Licht aus einem winzigen, effektiven, gut gestalteten LED-Strahler. Für den Innenbereich. 70° schwenkbar. Neue Osram LED-Technologie. Wählen Sie eine von 4 Optiklinsen. Diese sind zu jedem Zeitpunkt vor Ort ohne Werkzeug austauschbar. Die Anwendungen umfassen Objekt, Display, Fläche, Umgebungs- und Akzentbeleuchtung.

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Mehr Pluralismus! Autorin: Lea Mirbach Hoch oben auf dem Szenografie-Gipfel tagte Ende April 2014 in Berlin-Dahlem ein Expertenkreis des Museumswesens, der Hochschulen und Gestalter-Büros um 10 vorausgestellte Thesen zur szenografischen Arbeitsund Denkweise zu diskutieren. In einem moderierten, open-space-artigen Workshop entstanden virtuos illustrierte Thesen-Plakate. Durch das Präsentieren der Ergebnisse entstand explosiver Debattierstoff – es prallten Standpunkte aufeinander und Fragen wurden unterschiedlich beantwortet, aber vor allem spürte man immer wieder die gemeinsame Begeisterung für räumliche Inszenierung bei den Teilnehmern aufflammen. Blog-Autorin Lea Mirbach von ‚Szenografans‘ war bei diesem Debut-Treffen dabei und hat versucht, die unterschiedlichen Meinungen einzufangen und Workshop-Ergebnisse zusammenzutragen, um auch andere Interessierte, die nicht vor Ort waren, an dem bereichernden Austausch ein Stück weit teilhaben zu lassen. Weitläufiges Ziel des Veranstalters, Herrn Dr. Kilger, ist es sogar, aus den gemeinsamen Aussagen ein Thesenpapier zu manifestieren und dadurch im Laufe der nächsten Jahre die räumliche Gestaltung neuer Museen zu professionalisieren.

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#01 – Der Einstieg machte das Thema „Die Sprache der Dinge“. Wenn Objekte alle für sich sprechen könnten, wäre die Hauptdisziplin der Szenografen natürlich hinfällig. Doch zum Glück sei dies nicht so: Alle waren sich einig, dass der Erzähl-Kontext der Exponate gestaltet werden müsse, um den Betrachter zum Deuten anzuregen. Die räumliche Gestaltung benötige eine Syntax nonverbaler Vermittlung. Dabei müsse man sich bewusst machen, dass die Geschichte jedoch erst im Kopf der Betrachter zu Ende gedacht wird - und zwar interpretationsabhängig immer unterschiedlich. Ein Teilnehmer-Drehrad sorgte für eine ständig wechselnde Zusammensetzung der Gruppen. Die Konstellationen waren dabei nicht ganz zufällig: Es sollten immer Szenografen und Teilnehmer aus dem Museumswesen zusammen ein Meinungsbild entwickeln – damit die Angelegenheit nicht allzu homogen wurde. Schließlich muss man ja auch im Berufsalltag zusammenfinden. Zum Thema wurde diese Problematik beim 2. Diskurs: #02 – „Die Qualität kuratorischer Konzepte“ könne nur gesichert sein, wenn für das Zusammenwirken von Kurator und Szenograf und die gegensätzliche Re-

spektierung der unterschiedlichen Fachkompetenzen, bessere Strukturen und verbindliche Prozesse geschaffen werden. Spannungen können zwar anregend sein, eine Entfremdung der Beteiligten gelte es jedoch zu vermeiden. #03 – Das Thema „Wertebildung und Identitätsstiftung durch Ausstellungen“ brachte den Begriff „Pluralität“ oder „multi-perspektivity“ in den Vordergrund. Ausstellungskonzepte sollen dem-


nach dem Besucher das Erlebnis-Steuer selbst mehr in die Hand geben und ihn seine Interpretationsfreiheiten und Reflexionsräume autonom durchsegeln lassen. #04 – „Rollenverteilung und Regieführung“: Ein Ausstellungs-Regisseur sollte Vision und Verantwortung vereinen, ein übergeordnetes Wissen mitbringen und gleichzeitig allen Beteiligten Freiraum in ihrer Disziplin lassen. Doch wer übernimmt diese Rolle? Der Szenograf besitzt von Natur aus Teamgeist - doch ist er autorisiert für den „final cut“? Darf es der Museumsdirektor? Ist er in dem Prozess nicht eher als Produzent zu verstehen? Meistens liefert das aufeinander Abstimmen eines interdisziplinären Teams das Ergebnis einer Ausstelllung. Steht die Szenografie an einem Wendepunkt, weil die Qualitätsoptimierung eine interne Neuorganisation der Prozesse fordert? Benötigt es ein neues Berufsbild (den „Ausstellungs-Regisseur“)? Oder lediglich eine höhere Wertschätzung der Rolle des Szenografen? Wer auch immer welche Rolle übernimmt, Hauptsache sie sei allen von Anfang an klar, werde eingehalten und nicht während des Prozesses getauscht.

senerfolgreiche Museen andere kleine, experimentelle Ausstellungen finanzieren würden. Vor allem gelte es aber, zunächst die Qualitätskriterien für das Ausstellungswesen zu definieren. #06 – „Das intime Format“ bürge ein großes Potential bei der Suche nach Qualität in Ausstellungen. Das Hörspiel, das Buch, die Studienausstellung und Museen ohne Kuratoren sollten bei der Suche nach Qualität mehr in den Fokus genommen werden. Hier gebe es viel zu entdecken - man muss nur nah genug herantreten. Ziel und Herausforderung sei es, das kleine Format in große Ausstellungen zu bringen. Intimität und Authentizität lägen nämlich nah beieinander. Je intimer man einen Inhalt erlebe und an sich heran ließe, desto emotionaler und intensiver bleibe dieser hängen. #07 – Die „Re-Kontextualisierung“ - die Herstellung des Kontextes zu Themen oder Objekten sei unbestritten die Herausforderung der Szenografie. Da

häufig die naturalistische Rekonstruktion gar nicht möglich oder gewünscht ist, kommt die Frage nach dem Grad der Abstraktion auf, den die Gestaltung verträgt. Wäre es förderlich, wenn die Kuratoren die Deutungshohheit ein Stück weit abgeben würden, damit mehr Raum für Interpretationen bleibt? Oder distanziert die gestalterische Re-Kontextualisierung dann den Besucher zu sehr von dem eigentlichen Kontext? Besteht die Gefahr der Missinterpretation? Muss Gestaltung denn wiederum für jeden verständlich sein? Rekontextualisierung solle neue Perspektiven und Sichtweisen anregen, aber nicht zu sehr von der Bedeutung an sich ablenken. Ein Objekt hat immer mehrere Möglichkeiten, kontextualisiert und interpretiert zu werden. Insofern seien Szenografen Teil eines permanenten semantischen „Umschreibesystems“. Im Vergleich zum Film (der mit Schnitten und Zeitsprüngen wirken kann) sei die Herausforderung im statischen Ausstellungsraum dabei umso größer. Die Szenografie müsse sich daher der Transformation bedienen: das Originalobjekt werde innerhalb eines Museum zu einem amorphen Körper, der sich in unterschiedliche Gestaltungselemente transformiert: Vom Text zur Fläche, über den Raum bis hin zu filmischen Medien sorge die Gestaltung dafür, den Besucher aus dem leblosen Zustand des Objektes auf eine erzählerische Reise mitzunehmen. #08 – Doch was, wenn einem Ausstellungsthema keine Gegenständlichkeit zugrunde liegt? Wie wird die „Darstellung des Immateriellen“ gelöst? Welche neuen inszenatorischen Möglichkeiten gibt es neben Schrift, Kunstwerken oder Medien? Bieten Raumbildungen, Artefakte, Lichtführungen, Klangabfolgen, Performance oder Partizipation neue Vermittlungsmöglichkeiten? Doch wichtiger als die Auswahl des Mediums ist vermut-

#05 – „Qualität contra Event-Ökonomie“: Kann und sollte man das überhaupt so gegenübergestellt voneinander betrachten? Ist Publikumswirksamkeit und kultureller Anspruch nicht kombinierbar – ja, und bereits schon häufig gelungen. Müssen dafür Marketing-Analysen herbeigezogen werden, oder bringt die gestalterische Qualität von allein den Erfolg? Optimal würde es sein, wenn mas-

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Teilnehmer (Gruppenbild v.l.n.r.): Andreas Wenger (FHNW, Basel), Bernhard Graf (Institut für Museologie, Leiter), Anette Rein (Museum Aktuell), Charlotte Tamschick (Tamschick Media+Space GmbH), Gerhard Kilger (Gipfel-Veranstalter), Susanne Wichert (Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim), Eckart Köhne (Deutscher Museumsbund, DMB), Otto Steiner (Steiner Sarnen), Uwe Brückner (Atelier Brückner), Noel McCauley (Studio Duncan McCauley), Céline Kruska (PLOT), Lutz Engelke (TRIAD Berlin), Jan Warneke (DMB, Fachgruppe Ausstellungsgestaltung), Tim Ventimiglia (RAA Berlin), Frank den Oudsten (Gipfel-Moderator), Thomas Hammacher (Kurator, Essen), Stefan Iglhaut (Iglhaut + von Grote), Johannes Missall (VerA - Verband der Ausstellungsgestalter), Matthias Henkel (Kunsthistoriker, Museums- und Markenberater, Berlin), Barbara Rüschoff-Thale (Kulturdezernentin, LWL), Bodo-Michael Baumunk (freier Ausstellungsmacher), Nicola Lepp (Kulturwissenschaftlerin und Ausstellungskuratorin)

lich der Fokus auf das rezeptive Ergebnis. Festgestellt wurde: Je weniger Dinglichkeit, desto mehr Atmosphäre muss her. Also gelte es hier auf einer multi-sensorische Ebene zu kommunizieren, die nicht versuche dem Besucher das „Nicht-Objekt“ zu erklären, sondern vielmehr als Gefühl spüren ließe. Eine raumgestalterische „Brücke“ müsse die Übersetzung vom Immateriellen zur Seele schaffen. #09 – Wie kann man den „Schöpfungsprozess“ optimieren? Jeder Gestalter kennt das: Das leere Blatt muss gefüllt werden. Potentiale sind sowohl wissenschaftlich als auch gestalterisch vorhanden, doch wie kommt man von der Idee zum Entwurf, wenn das Ergebnis noch nicht beschreibbar ist? Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zau-

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ber inne - direkt gefolgt von der Angst, dem Risiko, der Verletzlichkeit der Idee. Gleicht der Schöpfungsprozess einem Zeugungsschmerz? Wie können wir die Stille und die Leere im Kopf überwinden? Das Kreativprinzip sei Wandlung statt Wiederholung. Es brauche eine Kombination aus Mut und Recherche-basiertem Wissen, damit sich eine Idee behaupten und die vielen „das-geht-nicht“ aus dem Weg räumen kann. Wer bleibt im Raum, wenn man die „Ideen-Killer“ vor die Tür setzt? Was wäre, wenn es einen neuen Begegnungsraum für die Prozessbeteiligten gäbe, an dem sich fruchtbare Gedanken entfalten können? Vielleicht in Form einer neutralen Instanz, eines Coaches, um Ideen und Interessen leichter miteinander zu verweben und schneller zu guten Entwürfen zu kommen?

#10 – „Die Muse der Szenografie“ könnte „Hermeneutika“ genannt werden - als Symbol des Gegenseitigen Verstehens, da jede Ausstellung von der Rezeption und Partizipation ihres Publikums lebe. Die Rolle des Szenografie-Gipfels soll sich vom jährlichen Expertentreffen zu einer Einrichtung entwickeln, welche die Kompetenz der Teilnehmer bei entsprechender Fragestellung weitergeben kann. Damit würde der „Gipfel-Kreis“ nicht nur eine in sich inspirierende Wirkung haben, sondern auch einen wichtigen Beitrag gegenüber der nachfolgende Szenografen-Generation leisten. Autor und Fotos: Lea Mirbach szenografans.wordpress.com


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