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Ich weiß nicht, ob du dich gerade für eine Frau oder

einen Mann hältst,

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aber der Krieg ist aus.

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edition mosaik


[Tagebuchausschnitt] NYC, 16. September 1943 Meinen letzten Eintrag hatte ich noch als Jugendliche geschrieben auf einer Alpintour: Wir erklommen den Gipfel in Schneestiefeln und die Landschaft erschien von oben jungfräulich weiß. Eine hinreißende Postkartenansicht. Die Niedertracht verbreitete sich unten im Tal. Als ich aus England heimkam, kündeten Plakate überall von Hass und Hetze. In den Gaststätten hing die Aufschrift: Betreten für Hunde und Juden verboten. Wir bemühten uns, möglichst unauffällig zu bleiben – doch auch so wurden wir bespuckt. Inzwischen fühlte ich mich wie in einer Kriminalgeschichte. Ich konnte nicht wissen, ob sie mir, einer reinen Jüdin, erlauben würden, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

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Roosevelts Vogel-Strauß-Politik sei Dank, boykottierten die Amerikaner die Wettbewerbe nicht. Wie durch ein Wunder verschwanden auch die Hetzplakate in der Nähe des Olympischen Dorfes, und als Eintrittskarte der Nazis für die Spiele wurde ich bis zur letzten Sekunde in der Schwebe gehalten. Nachdem mir schließlich die Teilnahme verweigert wurde, fühlte ich mich in Deutschland nicht mehr sicher. Ich wollte sofort emigrieren. Ein Geschäftspartner meines Vaters sagte, er würde mir helfen, nach New York zu gelangen, ließ mich aber im Stich. Ich bin immer noch dankbar, dass ich in der Neuen Welt wenigstens mit vier Dollar in der Tasche ankam. Die Amis behandelten mich wie einen Feind, doch ich kam zurecht und sparte Geld, damit mein Geliebter nachkommen konnte. Zum Glück reiste er nicht mit dem Passagierschiff St. Louis, das nicht mehr anlegen durfte, da der Krieg bereits ausgebrochen war. Gretel Bergmann 10


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stella walsh In der Schule wetteiferte ich mit Burschen, die mich wegen meines muskulösen Körpers und massigen Nackens Stier von Montana nannten. Ich war beliebt, sie luden mich zum Tanzen ein, doch mich interessierte so etwas nicht – allein beim Laufen fühlte ich mich am wohlsten. Vor den Olympischen Spielen in Los Angeles 1932 ging ich in der Behörde monatelang ein und aus, aber die Dreckskerle schoben meine Akte nur umher. Ohne Arbeitsplatz konnte ich keine amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten – ich fand schließlich eine Stelle in einem Sportzentrum in Cleveland. Dann stellte sich heraus, dass an den Spielen nur diejenigen teilnehmen durften, die fürs Sporttreiben kein Gehalt beziehen. Ich konnte den Job also nicht annehmen. Indes hätte ich die Arbeit dringend gebraucht, da ich für die Reise nach L.A. selbst aufkommen musste. 15


Ein polnisches Kulturzentrum stellte mich an, und letztendlich trug ich die Farben Rot und Weiß auf der Brust. Danach musste ich mir ständig anhören, Amerika untreu geworden zu sein. Alleine Babe Didrikson freute sich, mich für Polen starten zu sehen – so konnte sie nämlich statt meiner als Amerikanerin an den Spielen teilnehmen. Ich wurde zum Paria und erhielt noch für lange Zeit keine Staatsbürgerschaft. Der Lauf dauert nur wenige Sekunden. Das Adrenalin macht taub: Hilda Strike hatte mich in Los Angeles überrascht. Sie war sofort losgeschossen, eine harte Nuss, die ich jedoch überholte und den Weltrekord lief. Die anderen Polinnen verstanden nicht, warum ich mich nach dem Wettbewerb zurückzog, doch in der durchgeschwitzten Kleidung hätten sie etwas erkennen können, was besser im Verborgenen bleiben sollte. Bei den Olympischen Spielen in Berlin besiegte mich Helen Stephens, woraufhin die hirnlosen polnischen 16


Reporter sie bezichtigten, ein Mann zu sein. Helen war keine SchĂśnheit, aber das... SchlieĂ&#x;lich bewies sie, dass sie eine Frau ist – sie verklagte sogar die Zeitung. Sie dachte, ich stecke mit denen unter einer Decke, und sagte in einem Interview aus Rache, sie wisse gar nicht, wer Stella Walsh sei.

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dorothy odam Mit einer zwischen zwei Bäumen gespannten Wäscheleine trainiere ich. Sie ist sehr niedrig, deswegen nehme ich zur Herausforderung eine Schüssel in die Hand. Mit dem Schersprung kann ich mich sogar selbst überraschen. Richard und ich leben nun in Suffolk – wenn er nicht gerade im Krieg ist. Kurz vor dem Anlauf schließe ich die Augen und sehe auf dem Berliner Hauptbahnhof einen Chor singen. Ich bin gerührt, aber leider werden nicht wir britischen Frauen so empfangen, sondern eine belgische Männermannschaft. Im Olympischen Dorf ist freilich kein Platz für Frauen – wir sollen froh sein, hier sein zu dürfen. Im Moment vor dem Anlauf toben die britischen Fans, brüllen meinen Namen. Die Bahn ist nicht gekennzeichnet. Ich starte ins Blaue hinein und springe beim ersten Versuch 162 cm. Niemand springt höher. Trotzdem verausgaben wir uns weiter: 21


Ratjen und Kaun reißen die Latte immer wieder, die Ungarin Csák gewinnt. Mit Silber um den Hals stehe ich als erste britische Frau auf dem olympischen Podest, doch am nächsten Tag scheint mein Name in keiner Zeitung auf. Der Führer allerdings gratuliert mir – ein kleiner Mann in einer zu großen Uniform. Jemand flüstert mir zu, ich solle ihn ohrfeigen, aber ich ergreife die Gelegenheit nicht. In Essex springe ich mit 166 cm den Weltrekord. Anerkannt wird er nicht: Ratjen gewann im vorigen Jahr die Wiener Europameisterschaft mit einem 170-cm-Sprung. Die Briten waren nicht einmal eingeladen. Diese Frau sei eine Betrügerin, lasse ich dem Komitee ausrichten, und ihr Rekord solle annulliert werden. Es passiert nichts. Ratjen hasse ich nicht, ich finde sie nur ekelhaft. Unser Haus wird bombardiert. 22


Nach dem Krieg schreibe ich erneut dem Komitee, es möge meinen Rekord anerkennen. Schließlich entschuldigen sie sich, aber mein vorheriger Brief sei verlorengegangen – sie werden jetzt alles erledigen. Wieder passiert nichts, ich gebäre Richard nur zwei Kinder und bereite mich für die Olympischen Spiele 1948 vor.

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ibolya csák Mit dem Sport wollte ich schon aufhören, ich war frisch verheiratet und musste meinen Mann versorgen. Um stärker zu werden und eine allfällige Geburt zu überstehen, hackte ich Holz und schaufelte Schnee. Im Frühling wurde ich doch noch zum Auswahlwettbewerb eingeladen – schließlich fand er während der Pause eines Fußballspiels statt. Die anderen Teilnehmerinnen sprangen wie Frösche mit eingezogenen Beinen: Natürlich rissen sie die Latte! Als ich kleine, zerbrechliche Jüdin – was ich damals verheimlichte – zu den Berliner Olympischen Spielen eingeladen wurde, zitterte ich vor Freude. Mein Mann willigte in meine Teilnahme ein. Er war sogar begeistert, dass ich den Führer sehen würde. Am 9. August bereiteten wir uns in der Dusche auf den Wettbewerb vor, als ein Mann hereinkam: 25


„Guten Morgen!“ Ich erschrak zu Tode: Zuhause hatten uns alle ermahnt, vorsichtig zu sein, da die Kartoffeln Frauen anders behandelten. Dann stellte sich heraus, dass es Dora war. Ich konnte kein Deutsch, aber ihrem Blick haftete etwas Seltsames an. In Berlin siegte ich. Vielleicht war Dora nervös – angeblich war sie in Gretel verliebt, die wegen einer Verletzung nicht antreten konnte. Bei der Wiener Europameisterschaft siegte Dora mit einem Weltrekord – ich wurde zweite. Einige Tage später kontaktierte mich das Komitee, um mir doch Gold zu verleihen: Ich musste nur diskret sein.

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Zoltán Lesi - In Frauenkleidung edition mosaik Alle Rechte vorbehalten © mosaik - Verein zur Förderung neuer Literatur und Kultur, Salzburg 2019 Herausgebende: Josef Kirchner, Sarah Oswald Grafikdesign: Ricardo Portilho Übersetzung: Nóra Keszerice Lektorat: Marko Dinić edition-mosaik.at Gefördert von: Stadt Salzburg, Land Salzburg, Bundeskanzleramt Österreich und Akademie Schloss Solitude Stuttgart. ISBN: 978-3-9504466-9-2

Mit freundlicher Unterstützung der Akademie Schloss Solitude im Rahmen von Zoltán Lesis Aufenthaltsstipendium, 2017 www.akademie-solitude.de


Das Buch In Frauenkleidung entstand als Zusammenarbeit des Schriftstellers Zoltán Lesi mit dem Designer Ricardo Portilho. Die Kooperation begann nach ihrer Begegnung an der Akademie Schloss Solitude, woraufhin die Produktion eines Zines sowie einiger Assemblagen folgte. In seinen eigenen Projekten bedient sich Portilho der Sprache des Grafikdesigns, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen und Arbeiten entstehen zu lassen, die in verschiedenen Medien und in unterschiedlichen Kontexten Gestalt annehmen können.

Bei der Erstellung der Objekte, die als Ergebnis dieser Kooperation entstanden und bis zur Erscheinung des vorliegenden Buches in Budapest und Pécs als auch in Stuttgart, Poznań und Wien ausgestellt wurden, dienten Joseph Cornells Assemblagen als Inspiration. In Budapest lernte Ricardo Portilho zudem die Buchcollage Handbücher zu den Sternen von Péter Puklus kennen, die ihm den Hauptimpuls für die Gestaltung dieses Buches gab. Nóra Keszerice beteiligte sich als Übersetzerin an dieser Kooperation. Sie übertrug Zoltán Lesis Gedichte aus dem Ungarischen ins Deutsche. Dank ihrer Arbeit konnten die Gedichte zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht werden.

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Zoltán Lesi (geb. 1982 in Ungarn) veröffentlichte zwei Gedichtbände sowie das Kinderbuch Karton und Matild. Zoltán Lesi übersetzt deutschsprachige Literatur und ermöglicht den Literaturaustausch zwischen österreichischen und ungarischen Autoren in Wien und Budapest. Stipendien: Zsigmond Móricz Stipendium (2016), Akademie Schloss Solitude Aufenthaltsstipendium in Stuttgart (2017), Mihály Babits Übersetzerstipendium, Villa Decius Aufenthaltstipendium in Krakau (2018).

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Profile for mosaik

Zoltán Lesi - In Frauenkleidung  

Der Gedichtband ‚In Frauenkleidung‘ verfolgt den Lebensweg intersexueller Sportlerinnen zu Beginn der 30er-Jahre. In Kombination von nüchter...

Zoltán Lesi - In Frauenkleidung  

Der Gedichtband ‚In Frauenkleidung‘ verfolgt den Lebensweg intersexueller Sportlerinnen zu Beginn der 30er-Jahre. In Kombination von nüchter...

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