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Version 0.9 (Public Beta), 01.09.2013

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Michael Burij


Die Insel war gestern, heute ist die Stadt. Hier und jetzt geht ein Vorhang auf, begleitet vom rhythmischen Klappern der Hoch-Bahn-T체r-Metall-Teile. Die Darsteller, ausreichend vorbereitet, erz채hlen der Welt nun eine Geschichte. Sie handelt von den Kindern der Zeit, der Liebe und der Phantasie. Wovon denn sonst.

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Bloß keine Umwege mehr. Maja erwacht zuerst. In einem von der Sonne durchflutetem Zimmer wellt sie sich noch eine Weile zufrieden, in ihrem Bett von IKEA (EDLAND, 299€). Nach dem Duschen sieht sie wie eine Prinzessin aus. Zimtos mit Milch, Facebook mit Kaffee, Make-up mit Genuss, jetzt soll sie in die Uni, in den Frühling, in die Stadt, Hauptrolle spielen, Eis essen. Letzte Woche hat es noch geschneit und gefroren. In einem Panzer aus Eis war die Stadt gefangen und Maja in ihrer Kammer der Einsamkeit. Heute brachte die Sonne 10 cm Kies, eine Menge Hundehäufchen und Silvestermüll zum Vorschein.

Auf der Straße wirft Maja den verschlafenen Gestalten ein Lächeln entgegen. Den Pfützen weicht sie fußfertig aus, Fever Ray hilft ihr dabei. Bald ist sie da, lange kann es nicht mehr dauern.

Moritz Baumann ist gepflegt in den Frühling gestartet mit Michael Krebs und dem Mädchen von der jungen Union. (vor etwa 6 Stunden)

Karims Schlafzimmer ist nach Norden ausgerichtet. Aber auch er verspürt den Frühling. Hauptsächlich in den Lenden. Außerdem steigert sich die Euphorie im Netz bereits unerträglich und steckt doch an. Alles ist gar nicht so schlimm. Lovesong Reloaded auf die Ohren, ab zur Bahn. Rein in den Tunnel, raus aus dem Tunnel. Die Kulisse aus Stein, die Luft duftet, alle sind auf ihren Plätzen und los!

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Die Dinge fügen sich zusammen, die Pflanzen blühen unvermeidlich. Menschen trinken, weil sie Durst haben. Karim steigt in die S1, fährt damit acht Stationen innerhalb von 17 Minuten in die westliche Richtung, wechselt in die U4 und bewegt sich weitere fünf Stationen in die nord-westliche Richtung, um an einem Sportwettkampf teilzunehmen. Maja braucht elf Minuten weniger für den Weg zwischen ihrem Zuhause und dem Campus. Aus nicht mehr nachvollziehbaren städtebaulichen Gründen befinden sich heute beide Ziele dieser jungen Menschen nicht weiter als 600 Meter Luftlinie von ein und derselben U-Bahn-Station entfernt. Aber viel wichtiger ist, dass sowohl die Vorlesung in Kunst und Recht als auch die bereits erwähnte sportliche Veranstaltung nach der morgigen Rush Hour stattfinden. Maja und Karim steigen in den vorderen U-Bahn-Wagen, weil es Zeit spart. Das Kleid von Maja ist oben herum gesmokt, hat kurze Puffärmel, besteht aus 100% Baumwolle, versteckt nicht ihre April-weiße Knie, und hat zusammen mit der passenden Kette nur 15,90€ gekostet.

Maja setzt sich im Wagon auf den zweiten Platz von vorn, sie möchte noch etwas durchgehen, das hat sie sich ganz fest vorgenommen. Vor etwa 20 Minuten. Am Eisladen. Dort stand ein Junge am Eingang, er hielt ein Hörnchen in der linken Hand, gefährlich Schräg. Beim Anblick der neongelben Eiskugel dachte Maja daran, dass ihre zukünftige Karriere ebenfalls auf der Kippe steht, weil sie gestern zu lange am Laptop gesessen hat und nun nicht ausreichend vorbereitet ist. Karim kommt nach ihr rein, setzt sich ganz nach vorne, Maja gegenüber, weil er die Geschehnisse im kompletten Wagon überblicken will.

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Das Präludium endet. Die Begegnung der Helden hat stattgefunden. Bon Courage, Kinder.

Moritz Baumann Uz-Uz-Uz! Booom! Booom! Booom! Gestern um 19:42. Vivienne Pelze gefällt das.

Karim entdeckt Maja zuerst. Maja zuckt zusammen, sie mag seine Hände. Karim mag die Form ihrer Brüste und, wie die Sonnenstrahlen auf ihrem Dekolletee frohlockend tänzeln. Karim sieht sich Majas Sommersprossen und die aus ihren Augen schießende glitzernde Tränenperlen an. Maja sieht Karims Unterarme und einen jungen Mann, der vom Bahnsteig einen Schritt auf die Gleise macht. Sie fühlen beide, wie die U-Bahn zügiger als gewöhnlich abbremst. Und dann Klack-Klack unter den Rädern aus Metall. Danach lange nichts mehr…

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»Wie ist dein Name, Kleines?« »Was?!« »Wie dein Name ist?!« »…Maja.« »Maja, ich bin Karim. Hör auf zu weinen!«

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Freundlich, bestimmt, Karim versucht ruhig zu wirken. Er braucht einen Moment zum Nachdenken. Nur einen kurzen Augenblick.

»Aber der Kerl… Er ist einfach gesprungen!« »Ich weiß… Es ist wichtig, dass du mir jetzt genau zuhörst.«

Er spricht jetzt langsam, tief und warm. Maja lacht nervös auf und verwischt mit der Handinnenfläche ihr Mascara über die rechte Wange. Sie zittert.

»Musst du heute noch wohin?« »Uni.« »Hier passiert nichts mehr, worauf es sich zu warten lohnen würde. Bist du ok?«

Sie mag Karims Stimme. Sie will kein unnötiges Warten, aber ein mutiges Mädchen sein. Sie sagt »ja«.

»Das ist sehr schön, Maja. Lass uns laufen! Da draußen ist es heute zu schön.« Er lächelt. Maja lächelt auch.

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20 Lichtjahre von der Erde entfernt existiert vielleicht auf dem Planeten Namens Gliese 581g das Leben. Ob es dort Städte gibt? Die galaktische Region um das Sonnensystem ist fast staubfrei. Die terrestrischen Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars bilden den inneren Teil des Sonnensystems. Seit 2006 nach Christus leben auf der Erde mehr Menschen in den Städten als außerhalb. Maja und Karim bewegen sich nun auf dem farbig gepflastertem Bürgersteig, gerade die Bettelampel einer autogerechten Kreuzung überwunden, noch 203 m vom Campus entfernt. Majas Eizellen sind etwa 130 Mikrometer groß und sind die einzigen Zellen ihres Körpers, die mit bloßem Auge zu sehen sind. Karim redet mehr, als man es von ihm kennt, Maja weniger. Beide beachten die Nebendarsteller um sie herum nicht.

»Karim?« »Ja« »Weißt du was, ich kann die Klausur auch beim nächsten Mal schreiben. Kannst du mich nach Hause bringen?«

http://de.wikipedia.org/wiki/Serendipität

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Der nackten und nassen Maja ging das vielleicht doch zu schnell. In einem Augenblick kannst du auf die U4 warten und in dem anderen bist du unter ihr. Sie fragt/sagt:

»Karim, das ist doch unglaublich?«

Er zögert, hackt aber liebevoll nach und atmet gleichzeitig den Duft ihrer Haare tief ein:

»Was meinst du?« »Na das heute. Wie unwahrscheinlich ist es, dass wir genau jetzt, genau hier sind?«

Genau hier: Hausnummer 6, Erdgeschoss, Karims Wohnung, Bett. Genau jetzt: GMT: 1365435461.

»Das ist doch kein Zufall!« Erwidert er. »Hast du mich bis in die Bahn verfolgt und dann einen Freund gebeten auf die Gleise zu springen?«

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Solche Witze machst du nicht Maja! Was ist los mit dir? Und auch Maja zuckt bei ihren eigenen Worten zusammen:

»Meinst du… Schicksal?« Sie stolpert über das Wort. Karim ist enttäuscht, er sieht nicht die Überra schung in ihrem Gesicht, aber er fühlt sie an seinem Körper. In der fast unbemerkbarer Bewegung ihrer Hand, die auf seiner Brust liegt. Daran, dass ihr Kopf nicht mehr so schwer und unbeschwert auf seiner Schulter ruht. Sie ist zu nah, dass er die Überraschung nicht spüren würde. »Maja, die Sachen passieren nicht ohne Grund.«

Es ist so schön, wie überzeugt er von der Sinnhaftigkeit des Daseins ist. Majas Verstand wehrt sich mit allen Mitteln, er ist erzogen rational zu argumentieren. Wie gerne sie sich in der gemütlichen Weltanschauung von Karim auflösen würde, es gelingt ihr nicht. Sie will überzeugt werden, daraus wird ein Streit. Verweint findet sie sich Zuhause wieder.

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Der Frühling mit seinem Vogelgesang und früher Helligkeit will ihr nicht so richtig nahe gehen. Weil Karim nicht anruft. Heute nicht und morgen nicht. Aber Maja wartet. Karim, ruf doch an! Sei nicht herzlos. Im Warten vergehen sieben Tage. Dann sucht sie bei Facebook. Sie weiß nicht, dass sein anderer Name Kmn Fghts ist. Und einen gemeinsamen Freund haben sie auch. Mit der Freundin Majas Bruders ist Karim zur Schule gegangen. Die Stadt ist unübersichtlich, aber sie wird von einem engen Netz loser Bekanntschaften zusammengehalten.

Das Genre würde eines solches Ende nicht zulassen. Das wird Maja helfen. Und Karim wird es auch helfen. Doch erst steht den beiden eine Prüfung bevor.

Jemand stirbt in der Stadt und hilft damit einer jungen Frau und einem jungen Mann sich zu treffen. Jeden Tag stirbt jemand in der Stadt. Jeden Tag verliebt sich jemand, im Frühling öfter, während des kalten Winters seltener. Nichts Besonderes. Doch was ist, wenn es nicht so gelaufen ist, wie es im ersten Moment zu sein schien? Was ist, wenn Karim, als er in der Bahn gegenüber Maja saß und sich in ihre Beine, ihre Haut verliebte; was ist, wenn er ausgerechnet in diesem Augenblick seinen besten Freund verloren hat?

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Aufgepasst, auf die Plätze und los, die Spielregeln sind klar, bitte Ruhe bewahren. Karim und Maja, ihr habt noch 73 Stunden, um im Labyrinth der Einzelstränge das Elysium zu entdecken.

https://soundcloud.com/sascha-braemer/nightcall_when-youre-alone

Moritz hat keine Absicht sich für die Liebe zu opfern. Es gelingt ihm nicht sie zu treffen, bevor die Sonne die Stadt mit Kontrasten füllt. An diesem Morgen droht der Himmel ihm auf den Kopf zu fallen. Moritz, mach dir keine Sorgen, das ist chemisch.

Beide Enantiomere wirken im Zentralnervensystem als Releaser (Ausschütter) der endogenen Monoamin-Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin, und mit etwas schwächerer Wirkung auch Dopamin, was zu einem unüblich erhöhten Spiegel dieser Botenstoffe im Gehirn führt. Diese Transmitter prägen entscheidend die Stimmungslage des Menschen.

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Der Konsum führt zu Euphorie, steigert meist die Fähigkeit zur ungezwungenen Kontaktaufnahme mit anderen Menschen (empathogene Wirkung) und die Fähigkeiten zum Verständnis der eigenen inneren Gefühle (entaktogene Wirkung). Es wird Empathie und Liebe stärker empfunden und die Harmonie mit stereotypen Rhythmen. Außerdem wird das Mitteilungsbedürfnis gesteigert.

Das Hunger- und Durstgefühl und Schmerzempfinden werden reduziert. Es kommt zur Erhöhung von Puls (Tachykardie) und Blutdruck (Arterielle Hypertonie), zu Hyperthermie, wobei die Körpertemperatur auf bis zu 42 °C ansteigen kann, ggf. begünstigt durch exzessive körperliche Verausgabung und zu geringe Flüssigkeitszufuhr. Durch MDMA wird die Atemfrequenz gesteigert (Tachypnoe), die Pupillen sind geweitet (Mydriasis), und es kommt zu Mundtrockenheit.

Besonders bei Überdosen oder regelmäßigem Konsum können weitere unerwünschte Folgen eintreten: Muskelkrämpfe (z. B. das Bedürfnis die Wirbelsäule extrem durchzustrecken), insbesondere bei der Kaumuskulatur (Trismus, Bruxismus), Nystagmus (Muskelzuckungen, Augenzittern), gesteigerte Eigenreflexe, Brechreiz, Bewusstseinstrübung, depressive Phasen (insbesondere nach dem Nachlassen der Wirkung), innere Kälte (Hypothermie), schwere Kreislaufstörungen, starkes Schwitzen. Menschen mit Herzschwäche, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Epilepsie und Grünem Star sind gegenüber der Wirkung besonders disponiert.

Die meisten Konsumenten erfahren nach dem Konsum ein sogenanntes Come-Down, das mehrere Tage anhalten kann. Dies ist vor allem auf generelle Erschöpfung und akute Entleerung der Serotoninspeicher im Gehirn zurückzuführen. Die Symptome sind depressive Verstimmung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit und seltener leichte Übelkeit, manche erleben das Come-Down auch als durchweg positiv – ohne nennenswerte oder überhaupt negative Begleiterscheinungen.

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Die Stadt nimmt die Lebensenergie von Moritz; so kann sie sich weiter drehen. Es ist kurz vor zwölf, als Moritz sich aus dem Club entlässt. Sein Bewusstsein erwacht, träge, zögerlich, fragmentiert, die Bilder der Nacht verarbeitend. Da ist der muskelbepackte Ticker vor der Toilette, er ist genervt. Der Dealer hat eine Glatze und besorgniserregende Augenringe. Er treibt auch die Rube-GoldberggMaschine an. Mischkonsum ist wie ein Buffet, du nimmst von allem ein Bisschen und bist am Ende satt. Auf der Couch kauft ein Destruent gebrauchtes Mobiltelefon. Hier ist die kokette Brünette, von der Moritz ein gespielt angewidertes Blick zugeworfen bekommt, als er versucht eine Konversation zu beginnen. Und überall schwitzende, zuckende, warme, rote, nach Pheromonen riechende Körper.

Die Tagträume von Moritz werden unterbrochen. Er kann nicht mehr weitergehen. Sein Weg wird durch geöffneten Bürgersteig zerschnitten. Moritz starrt eine Weile in das tiefe Loch, das sich vor seinen Füßen aufgetan hat. Darin Kabel, Röhre und Müll. Nerven und die Adern der Stadt sind hier zu sehen. Er weicht von seiner ursprünglichen Rute ab und verliert sich erneut in der letzten Nacht.

Moritz macht alles wie immer, und die Voraussetzungen sind sehr gut, doch es gelingt ihm diesmal nicht ein Teil der Menge zu werden. Die Bässe bringen ihn nicht in Trance. Die Drums zerreißen ihn jedes Mal in Stücke. Trotzdem geht Moritz nicht nach Hause und kapituliert nicht vor dem erholsamen Schlaf. Angespannt bleibt er bis die Dunkelheit dem Tage weicht und die Wärme in ihm dem morgendlichen Frost.

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http://www.youtube.com/watch?v=tQC_lTSR8hc

Er wird kein Held einer tragischen Liebesgeschichte. Alles, was er hat, ist die unerfüllte Sehnsucht nach Zuneigung. Sie ist sehr stark. Jeder seiner Organe braucht die Wärme einer Frau, und er sucht schon sehr lange. Er findet nicht. Er sucht nicht lange genug und wird nicht belohnt.

Früher traf er Frauen, aber aus jugendlicher Überheblichkeit lehnte er Vieles ab: Eltern zu treffen, Versprechen zu geben, zu nah zu werden. Viele kleine Neins, jetzt kommt wieder ein Nein.

»Geh mir aus der Sonne!«, hört Moritz auf dem Bahnsteig. »1 Minute«. In Wirklichkeit weniger: die Bahn fährt gleich ein. Und Moritz wird keine Entscheidung treffen, sondern einem Impuls nachgehen.

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Maja wartet noch. Tag für Tag. Sie sitzt aber nicht still, sie sucht sich Aufgaben. Die kleine Biene. Heute ist Balkon (ihr kleiner Reich) auf dem Programm. Grün und schön soll er aussehen. Wenn der Sommer kommt, soll hier Leben sein. Dann kommt Karim vorbei und wird sich hier wohl fühlen. Sie werden Wein auf dem Balkon trinken. Oder einfach nur lachen, falls er kein Alkohol trinkt. Er soll sie umarmen, hier zwischen all den Blumen. Maja will nicht mehr warten.

Wer Sonnenblumen auf seinem Balkon pflanzen will, sollte bei der Aussaat darauf achten, dass sie viel Sonne bekommen. Schließlich heißen sie nicht umsonst Sonnenblumen.

Entweder im März unter Glas oder ab April im Freien mit der Aussaat beginnen. Wichtig ist, dass man die Größe der Sonnenblumen bedenkt. Entsprechend bei der Aussaat der Sonnenblumensamen sicherstellen, dass sie nicht zu dicht gepflanzt werden und in die Höhe genügend Platz ist. Für den Balkon ist es am besten, wenn Sie pro Topf oder Kübel mehrere Samen säen, wobei immer nur eine Pflanze pro Topf gezüchtet wird.

Sonnenblumen benötigen viel Wasser, da sie einen entsprechend hohen Bedarf haben. Für das Wachstum ist zudem regelmäßiges Düngen unablässig. Wird hingegen zu wenig gedüngt, bleibt die Blüte klein und wächst wenig.

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Knapp drei Monate dauert es, bis die Sonnenblumen blühen. Demnach werden die Pflanzen im Juli und August ihre ganze Schönheit entfachen und den Balkon in ein gelbes Blütenmeer verwandeln.

Könnte sie bloß den Aufenthalt von Karim googeln: »Karims Festung der Einsamkeit«. Es sind nur noch wenige Stunden übrig. Nur 1,43 Kilometer entfernt ist Karim. Er kann nicht anrufen. Er spricht mit niemandem und ist fast am Ende.

Nach dem Streit mit Maja bekommt er einen Anruf. Es ist die Schwester von Moritz. Sie weint, sie sagt, sie muss ihn sprechen. Karim erwartet nichts Gutes. Zuhause bei Moritz ist es still. Irgendwo im anderen Zimmer ist das Weinen von Frau Baumann zu hören. Moritz sei einen Freitod gestorben. Wirklich erwartet hätte das niemand. Karim möchte eventuell etwas Persönliches von Moritz haben. Sie seien schließlich seit der Grundschule beste Freunde gewesen. Ob Karim nicht irgendwelche Anzeichen bemerkt hätte. Das letzte investigativ. Karim hat nicht. Sie seien zwar ziemlich eng, aber in letzter Zeit sich sehr selten gesehen. Letztes Mal um die Jahreswende. Da schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Karim geht wieder. Er fühlt noch nichts.

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Erst zuhause öffnet er den grauen Umschlag, den er vorhin erhalten hat. Darin ist die Casio LCWWM100DSE-2AER. Karim hatte sie Moritz zum 20. Geburtstag geschenkt. Ein Mann braucht eine anständige Uhr. Vater von Moritz starb früh und konnte ihm keine Uhr schenken. Karim hatte es als seine Aufgabe aufgefasst. 115,5 Gramm. Bis fünf Bar wasserdicht. Massiver Edelstahlarmband. Die Uhr zeigt immer die exakte Zeit an, da sie einen Funksignal zu empfangen in der Lage ist. Sogar die Winter- und Sommerzeit stellt sie eigenständig ein. Jetzt steht sie. Der Aufprall mit der U-Bahn muss heftig gewesen sein. Das Saphirglas hat Risse bekommen. Auch das Armband ist nicht mehr benutzbar. Wie in Genre Movies ist die Uhr bei dem Aufprall stehen geblieben und zeigt siebzehn vor neun an. Jetzt hat Karim keine Zweifel mehr, dass er in der U-Bahn saß, die Moritz getötet hat, dass er sich genau in diesem Augenblick verliebt hat, dass er Maja jetzt braucht, dass der Boden unter seinen Füßen sich zu einer klebrigen schweren Masse formt.

In seinem sonst so behaglichen Schlafzimmer fühlt er sich auf einmal verloren. Als ob der Raum zwischen den Möbelstücken sich vergrößert hätte. Die Distanz vom Bett zum Schreibtisch ist nun unüberwindbar. Das Licht von außen dringt durch die Lamellen ein und zeichnet scharfe Dreiecke und dünne Linien auf Karims Torso. Dort, zwischen zwei Wänden und dem Boden, ist es jetzt am sichersten. Karim macht sich kompakt in der Ecke und wartet auf die Dunkelheit. Er fühlt keine Traurigkeit. Er zoomt und seufzt. Zoomt und seufzt. Zoomt und seufzt. Zoomt und seufzt.

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Die Stadt erinnert sich an solche Geschichten. Karim beispielsweise verliert seinen besten Freund, fast die Liebe und lebensgefährlich viel Flüssigkeit, wird aber vom Sparringpartner gerade noch rechtzeitig gefunden. Um die Schale kümmern sich jetzt Spezialisten, das Innenleben ist aber ein Rätsel.

Wer weiß, wie das ganze geendet hätte, wenn es am Samstag geregnet hätte. Es hat nicht, deswegen war Max an der Halfpipe. Misslungener Grab 360 bescherte ihm einen Kreuzbandriss. Nach dem Maja fertig mit ihrem Balkon ist, entschließt sie sich ihren Cousin Max im Uniklinikum zu besuchen, um ihm ein Paar DVDs vorbeizubringen: The Shawshank Redemption von Frank Darabont,

Memento von Christopher Nolan, Nuovo Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore, Eternal Sunshine of the Spotless Mind von Michel Gondry, Oldeuboi von Chan-wook Park und etwas Harmony Korine. Auf dem Rückweg sieht sie direkt vor sich Karim, von einer Krankenschwester im Rollstuhl durch die Grünanlage gefahren. Sein Blick ist abwesend.

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In Karims Welt ist es unaufgeräumt. Dort ist jetzt kein Platz für Gefühle. Dort ist jetzt weder kalt noch warm, weder Hoffnung noch Verzweiflung. Das Krankenhaus gibt ihm seinen Tagesrhythmus vor: früh aufstehen, Frühstück, Medikamente, Toilette, Tiersendungen, Mittagessen, Spaziergang, Medikamente, Abendessen, Nachtruhe. Das ist sicher. Das kommt jeden Tag. Das gibt Halt. Zwischen Abendessen und dem Schlaf ist aber diese Lücke. Sehr ärgerlich. Zu dieser Zeit beobachtet Karim durch sein Fenster, wie die Stadt langsam die Farben abwirft, sich beruhigt und abkühlt. Für einen kurzen Augenblick, bevor die Lichter der Nacht den Hafen in eine Schatzkiste verwandeln, ist die Stadt grau, farblos. Dann wartet Karim darauf, dass etwas passiert, dass sich etwas ändert. Nur für ein paar Minuten, danach versinkt Karim bis zum nächsten Morgen in seiner Starre.

Karim wird durch den Innenhof kutschiert. Das Quietschen der Räder ist rhythmisch, und dies gibt Halt. Ein Geruch, den er schon mal kannte, schleicht sich in sein Bewusstsein ein. Er hebt den Blick, und da steht sie, Maja, die Erlöserin. Die Abendsonne hinter ihrem Rücken; die schlanke Silhouette mit einer Lichtlinie gezeichnet. Sie zögert nur einen Augenblick oder eine Ewigkeit, dann stürmt sie auf Karim zu. Weint, streichelt sein Kopf, küsst sein krauses Haar, weint.

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Ab sofort kümmert sich Maja jeden Tag, denn sie ist sicher, dass Karim schon zu sich kommen wird. Und sie hat Recht. Sie spricht viel zu ihm. Anfangs lösen sich die Worte in der Luft auf, aber nach und nach dringt mehr und mehr zu Karim durch. Sie ist hartnäckig, sie ist ehrgeizig, sie ist liebevoll. Bald beginnt Karim zu sprechen, wirr, bruchstückhaft, dann besser und wärmer. Irgendwann lacht er, angesteckt vom Lachen des Mädchens. Er muss nicht mehr im Krankenhaus sein. Er ist jetzt bei Maja, er möchte nicht alleine sein.

»Maja, ich habe Angst, aber ich möchte dorthin.«

Sie lächelt: »Das ist sehr schön, Karim. Lass uns laufen! Da draußen ist es heute zu schön.«

Karim lächelt auch.

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Sie sind gemeinsam am Anfang, an der Quelle, dort, wo die U-Bahnlinie die Hauptverkehrsader der Stadt kreuzt. Sie stehen auf dem Bahnsteig an der Stelle, an der Moritz gestanden haben muss. Dort ist der Tod. Karim blickt auf und sieht Maja. Sie schaut ihn besorgt, aber warm an. Sie ist das Leben. Moritz hat sich für den Tod entschieden, Karim wird sich für das Leben entscheiden. Und das ist gut, weil Liebesgeschichten ein positives Ende brauchen. Ein Paradies ohne Opfer, ein Elysium für Jeden scheint es nicht zu geben. Die Erlösung ist ungerecht verteilt und nur einigen Glücklichen vorbehalten. Karim weiß es jetzt.

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Der Wagen der Stadtreinigung verteilt Müll in der Gegend. Die Grünanlagen sind voll von fröhlichen Migranten. Ein Stück der alten Stadt ist auf der anderen Seite des Flusses zu sehen. Die 202 Jahre alten Klinker lassen sich von der Mittagssonne erwärmen. Eine runde Frau auf einem runden Schlauchboot wird von der Strömung vorbei getrieben. 14,6 Meter abwärts hat ein Angler es sich auf einem orangegelbem Sitzsack bequem gemacht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er nicht ernsthaft angelt, aber döst. Die Sonne hat die gesamte Szenerie überbelichtet und ihr damit den Eindruck der Wirklichkeit genommen. Jemand – nicht weit weg – stopft einen VW-Golf mit Krempel voll. Er befreit sich von, flieht aus der Stadt, ändert alles, um seine Erlösung zu finden. Parallel. Aber Karim und Maja geht es hier in der Wärme und im Gewusel sehr sehr gut.

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Und es ist wirklich sehr warm heute. Karim greift zum Rucksack, in seiner Hand ist nun eine Dose mit einem kühlen erfrischenden Getränkt. Er öffnet die Dose »Hier ist Platz für Ihr Produktplacement« mit einem vielversprechendem Geräusch und trinkt gierig. Anschließend reicht er die Dose an Maja weiter. Auch sie erfreut sich an der flüssigen Kühle. Beide schweigen. Maja denkt jetzt, wie wundersam sich die Sachen doch noch zusammengefügt haben. »Zufall sorgt für Gerechtigkeit, balanciert die Welt aus.«, denkt sie.

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Stabil ist nur die Vergangenheit. Das Paradies der Beiden wird für jemanden ein schmerzhafter Alptraum sein. Andere werden hier sitzen. Eines Tages wird der Fluss seinen Verlauf ändern. Hier wird kein Ufer mehr sein, sondern ein Gebäude, in dem andere Paare ihre Erlösung finden werden. Sie werden auf ihrer Terrasse Hände haltend liegen, sich nicht vom Fluss der Angelegenheiten übriger Stadtbewohner stören lassen und sich vom Licht älterer, aber immer noch heller Sonne durchstrahlen lassen. Die Stadt wir eine ganz andere, dieselbe sein.

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Heute ist die Stadt  

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