Vorarlberg im MĂ€rz 1938 von Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Weber An den Iden des MĂ€rz 1938 fand eine Entwicklung ihren Abschluss, die in den ersten MĂ€rztagen des Jahres 1933 ihren Anfang genommen hatte. Die Entscheidung eines Teils des katholisch-konservativen
Ăsterreich,
die
seit
1929
anhaltende
Gesellschafts-
und
Wirtschaftskrise mit diktatorischen MaĂnahmen zu lösen, fĂŒhrte zur Errichtung des austrofaschistischen bzw. stĂ€ndestaatlichen Regimes unter Engelbert DollfuĂ und Kurt Schuschnigg.1
Der âStĂ€ndestaatâ 1934-1938 und der sogenannte Anschluss 1938 Die Ausschaltung der kommunistischen Arbeiterbewegung im Mai 1933 sowie der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Februar 1934 drĂ€ngte einen wesentlichen Teil der österreichischen Bevölkerung an den Rand des austrofaschistischen Staates - vereinzelt gar aus ihm hinaus. Der Austrofaschismus verlor damit einen essentiellen BĂŒndnispartner im Kampf gegen NS-Deutschland.2
Die deflationĂ€re und auf sozialpolitische Verschlechterungen zielende Wirtschaftspolitik des Austrofaschismus erschĂŒtterte den Staat in seinen ökonomischen Grundfesten und löste bei Arbeitern, Bauern, Beamten und Gewerbetreibenden eine bis 1938 anhaltende veritable Vertrauenskrise aus.3 Der seit dem 19. Jahrhundert an wirtschaftlichen und geographischen GroĂrĂ€umen orientierte gesellschaftspolitische Diskurs manifestierte sich im Falle Ăsterreichs an einer von allen Parteien getragenen Anschlussideologie an den GroĂraum Deutschland. Eine kleinstaatliche Lösung lag auĂerhalb der zeitgenössischen Denkstruktur, was sich u. a. auch an der Ablehnung der von Schuschnigg in London, Paris oder Rom im Februar und
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Zur Debatte um die Begrifflichkeit des österreichischen Regierungssystems zwischen 1934 und 1938 siehe z. B. TĂĄlos 1984: 267-284, hier 267-273. Im Sinne der Definition von E TĂĄlos wird in diesem Aufsatz von Austrofaschismus gesprochen. 2 In der Neuen ZĂŒrcher Zeitung wurde um diesen Befund 1999 erneut eine historisch-publizistische Debatte gefĂŒhrt, die von deutschen Historikern eröffnet wurde, siehe dazu die BeitrĂ€ge und Repliken von Paul Schneeberger, 1938 bis 1945 â langes Nachwirken von Ăsterreichs âčâčOpfer-Statusâșâș vom 07.01.1999, Die Warte des Historikers vom 19.03.1999; Gottfried Karl Kindermann, Ăsterreich, Hitler und die PharisĂ€er vom 14.01.1999; Gedanken zur Kritik an Ăsterreich 1933-1938. IllusionĂ€re Hoffnungen auf âčâčSaturiertheitâșâș Hitlers vom 19.03.1999; Als Beispiel fĂŒr die möglichen unterschiedlichen Standpunkte die BeitrĂ€ge von Heinz Kienzl, Die âčâčOpfer-LĂŒgeâșâș der Ăsterreicher aus heutiger Sicht vom 19.03.1999; Maximilian Liebmann, Freud ĂŒber die âčâčKlĂ€glichkeitâșâș des Austro-Faschismus vom 19.03.1999; Alexander Kuhn, Ăsterreichs SchwĂ€che und die Schuld des Individuums vom 19.03.1999; Robert Rill, Die Sozialisten als Wegbereiter vom 19.03.1999. 3 Zur austrofaschistischen Wirtschaftspolitik siehe z. B. Stiefel 1988: 403-433. Dort findet sich auch weiterfĂŒhrende Literatur. UnivDoz Dr Weber, Vorarlberg im MĂ€rz 1938 â 05.02.2008
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