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aks V O R S C H L Ă„ G E zur Neugestaltung des Mutter-Kind-Passes


Vorschlag des aks Fachausschuss FRAUEN Autoren aks Fachausschuss Frauen - Mitglieder Fachausschuss-Leiter Prim. Dr. Hans Concin, aks

Kontaktadresse aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at

Herausgeber aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at

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Inhaltsverzeichnis

1 Grundsätzliches ......................................................................... 3

2 Anforderungen an den "Mutter-Kind-Pass neu" ........................ 4 2. 1 Optimierung der Ausgangssituation für eine Schwangerschaft ....................................................... 4 2.2 Senkung der Morbidität und Mortalität bei Mutter und Kind .. 5 2.3 Gesundheitsförderung bei Mutter und Kind............................ 5 2.4 Optimaler Informationsfluss zwischen Betreuern, eventuellen Behandelnden und Geburtshelfern ......................................... 6 2. 5 EDV-Fähigkeit ........................................................................ 6

3 NEU ........................................................................................... 7

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1 Grundsätzliches

Der „alte“ Mutter-Kind-Pass besteht seit 1974. Inzwischen hat sich nicht nur die Medizin –und mit ihr die Geburtshilfeweiterentwickelt. Auch die Lebenspläne und Lebensumstände von Frauen haben sich geändert: • Bemerkenswert ist die Tendenz zur späten Geburt. Vor dreißig Jahren waren 90% der Frauen bei der Geburt unter 30 Jahre alt, vor zehn Jahren waren bereits 25% der Frauen älter als 30 Jahre. In Vorarlberg war im Jahre 2001 das durchschnittliche Alter bei der Geburt des ersten Kindes 27,2 Jahre (Frauen in Vorarlberg, Situationsbericht 2003 des Amtes der Vbg. Landesregierung). Damit verbunden ist eine erhöhte Komplikationsrate. • Die Geburtenrate beträgt in Österreich pro Familie/Paar nur noch 1,39 (Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen, Familienbericht 1999). Durch den medizinisch-naturwissenschaftlichen Fortschritt sind weitgehende Eingriffe in die menschliche Fortpflanzung möglich. Schwangerschaft und Geburt werden als planbar und gestaltbar erfahren und werden zu einem seltenen Ereignis. Umso größer ist der Wunsch der Eltern, diese Ereignisse perfekt und bis ins Detail zu planen. Zugleich besteht –berechtigterweise- der Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit für Mutter und Kind. • Beängstigend ist die stark zunehmende Anzahl von Raucherinnen. Während der neunziger Jahre stieg der Anteil der rauchenden Mädchen von 12% auf 26%. (WHO-HBSC-Survey 1998, damit hält Österreich hinter Grönland den 2. Platz im europäischen Vergleich!) Die negativen gesundheitlichen Folgen für den Fötus, die durch Rauchen während der Schwangerschaft resultieren, werden zunehmen.

Diesen Aspekten soll im „Mutter-Kind-Pass Neu“ Rechnung getragen werden.

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2 Anforderungen an den "Mutter-Kind-Pass neu"

2.1 Optimierung der Ausgangssituation für eine Schwangerschaft

Die Erfahrung zeigt, dass immer mehr Frauen Eintritt und Zeitpunkt einer Schwangerschaft gezielt planen. Diese Frauen sind bestrebt, optimale Voraussetzungen für eine Schwangerschaft zu erreichen. Sie wünschen bereits präkonzeptionell eine Beratung, um eventuelle Risiken für Mutter und Kind im Vorfeld zu minimieren.

Folgende Fakten rechtfertigen die Einführung einer solchen Beratung: • Mit zunehmendem Gebäralter (viele der Erstgebärenden sind heute über 30) steigen die gesundheitlichen Probleme während der Schwangerschaft, weshalb das Erreichen optimaler Bedingungen bereits vor Eintritt der Schwangerschaft angestrebt werden muss. • Die allgemein sinkende Fruchtbarkeit erfordert gehäufte ärztliche Beratung. • Die Folsäuregabe zur Vermeidung von Neuralrohrdefekten soll rechtzeitig vor Eintritt der Schwangerschaft erfolgen. • Bei bestehendem Kinderwunsch kann durch eine frühzeitige Erstberatung eine sinnvolle Lebensstiländerung herbeigeführt werden: Eine Verknüpfung mit bereits vorhandenen Gesundheitsförderungsprogrammen (z.B. Ernährungsberatung, arbeitsmedizinische Betreuung,…) soll angestrebt werden. Hervorzuheben ist hier der rapide steigende Anteil von Raucherinnen im gebärfähigen Alter, die einem Nichtraucherprogramm zugeführt werden sollen.

Von der präkonzeptionellen, allgemeinen Gesundheitsberatung abzugrenzen ist die Pränataldiagnostik. Sie soll nicht zur unerwünschten Routine werden. Eine Beratung über diese Diagnose-Möglichkeiten soll durchgeführt und im Mutter-Kind-Pass dokumentiert werden (Aufklärungs- und Dokumentationspflicht!) Die Methoden selbst sollen jenen zur Verfügung stehen, die danach verlangen. Zu jeder diagnostischen Maßnahme ist die „informierte Zustimmung“ der Frau erforderlich.

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2.2 Senkung der Morbidität und Mortalität bei Mutter und Kind

Höchste Priorität hat - nach wie vor - die Früherkennung und rechtzeitige Behandlung von Erkrankungen bei Mutter und Kind. Die medizinische Grundbetreuung jeder werdenden Mutter muss weiterhin gewährleistet sein. Wichtig ist die Erreichbarkeit aller sozialen Schichten, insbesondere auch der niedrigeren Bildungsschichten, die seltener Arztkontakte pflegen. Darüber hinaus soll mehr Augenmerk auf die 2.3 Gesundheitsförderung bei Mutter und Kind gelenkt werden. Für viele Frauen erfolgt mit Eintritt einer Schwangerschaft der erste intensivere Kontakt mit dem Gesundheitssystem. Erstmals wird „Gesundheit“ zu einem zentralen Thema und es findet eine diesbezügliche Sensibilisierung statt. In dieser Situation soll dem Informationsbedürfnis der Frauen nachgekommen werden. Daher wird einer umfassenden Kommunikation ein großer Stellenwert beigemessen. Die Frau soll dadurch mehr Einfluss auf ihren Gesundheitszustand entwickeln und ihre Gesundheit verbessern können (vgl. Ziele der Ottawa-Charta 1986). Nicht nur körperliches, sondern auch geistiges und soziales Wohlbefinden („Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und daher weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“, WHO Definition von Gesundheit, 1984) sollen erzielt werden. Dazu müssen - im Sinne einer Salutogenese - soziale und individuelle Ressourcen, aber auch die notwendigen körperlichen Fähigkeiten geweckt werden. Dafür unabdingbar ist der Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen der Schwangeren und dem betreuenden Arzt und der betreuenden Hebamme. Dies kann nur durch eine Mindestanzahl von Beratungen mit entsprechendem Zeitaufwand gewährleistet werden. Dazu gehört auch die Einbindung der Hebammen im Sinne einer dualen Betreuung. Tätigkeitsbereiche: 1. Sich Gutes tun von Anfang an 2. Schwangerenschwimmen 3. Umfassende Geburtsvorbereitungskurse mit Elterschule 4. Ambulante Wochenbettbetreuung 5. Rückbildungsturnen In den Mutter-Kind-Pass neu aufgenommen werden soll eine postpartale Untersuchung der Mutter zwischen der 4. und 6. Woche. Sie soll sich nicht nur auf den organischen Zustand beschränken, sondern auch die psychische Verfassung der Mutter berücksichtigen (postpartale Depression). Weitere Themen: Stillberatung, Kontrazeptionsberatung.

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2.4 Optimaler Informationsfluss zwischen Betreuern, eventuellen Behandelnden und Geburtshelfern

Voraussetzungen für die optimale Betreuung von Mutter und Kind sind: • Sicherer und zeitgerechter Transport aller relevanten Daten zwischen Betreuern, Behandelnden und Geburtshelfern im Mutter-Kind-Pass. • Vollständige Erfassung der Anamnese und der Befunde durch Strukturierung und Standardisierung. (Erfüllung der Dokumentationspflicht! Qualitätssicherung!) • Vermeidung von Redundanz; Vermeidung von Doppelgleisigkeit (dadurch effizienter Einsatz der Ressourcen, Vermeidung unnötiger Belastungen für die Betroffene) • Gewährleistung der Übersichtlichkeit • Erfassung der Daten am Ort der Entstehung (Fehlervermeidung).

2.5 EDV-Fähigkeit

ist Bedingung für einen optimalen Informationsfluss. In Vorarlberg benutzen 92% aller niedergelassenen Ärzte ein EDV-System in der Praxis. 61% sind an das Gesundheitsnetz Vorarlberg (GNV) angeschlossen (Zahlen der Ärztekammer für Vorarlberg). Nur die EDV-mäßige Erfassung der Daten ermöglicht statistische Auswertungen und dadurch neue Maßnahmen im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Angedacht werden kann auch der Einbau in eine zukünftige Chipkarte.

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3 Neu

1 2 1 3

präkonzeptionelle Beratung zusätzliche Schwangerschaftsuntersuchungen postpartale Untersuchung (wie bisher jedoch dokumentiert) statt 2 Ultraschalluntersuchungen fakultativ

Verzicht auf die regelmäßige gynäkologische Untersuchung mit Ausnahme einer einzigen. Bei allen Untersuchungen: Zwischenanamnese, Körpergewicht, Blutdruck, Harn und SymphysenFundus-Distanzmessung M0

Präkonzeptionelle Beratung: Strukturierte Anamnese nach dem perinatalen Erhebungsbogen einschließlich Impfstatus Lebensstilberatung: insbesondere Nikotin, Alkohol, Suchtmittel und präkonzeptioneller Folsäureeinnahme (Nach heutigem Wissensstand können 3 von 4 Spina bifida Fälle durch eine konsequente Folsäuresublimentierung verhindert werden.) Eventuelle Schwangerschafts-Risikoberatung Schriftliche Information über die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik Untersuchungen: Keine gynäkologische aber Brustuntersuchung für das Stillen. Harn, Blutdruck, Körpergewicht und Ausschluss eines Diabetes mellitus

M 10 5. bis 10. SSW: Wie bisher MuKi 1 Strukturierte Anamnese anhand der Perinatalerhebung Schriftliche und mündliche Information über die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik Zusätzlich bakteriologisches Screening (Vaginalsekret-pH und Nativsekret oder Gramfärbung oder Kultur), Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B, Labor wie bisher einschließlich HIV

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M 20 11. bis 14. SSW: „Sonographie 1“ Fakultativ mit Nackentransparenz Messung und kombinierte Tests mit schriftlicher Einverständniserklärung Stillinformation M 30 20. bis 23. SSW: „Sonographie 2“ mit CK-Längenmessung Fakultativ Organscreening mit schriftlicher Einverständniserklärung Allgemeinmedizinische Untersuchung Bedeutung eines Geburtsvorbereitungskurses vermitteln M 40 26. bis 28. SSW: Bisherige Laborkontrollen, zusätzlich Oraler Glucose-Toleranztest Kindesbewegungen beachten Geburtsvorbereitung M 50 30. bis 32 SSW: „Sonographie 3“ Wachstumsretardierung, andere Auffälligkeiten Geburtsängste Periduralanästhesie-Gespräch Fakultativ Aufklärung Sectio caesarea M 60 34. bis 36. SSW: Fetale Lagebestimmung

M 70 38 bis 40 SSW: Information über postpartale Depression (PPD) Soziales Netz M 70b 2. postpartale Woche: Postpartales Depressions-Screening: Bei der Entlassung der Mutter aus dem Krankenhaus wird ihr folgender Fragebogen mit gegeben: 14 Tage nach der Geburt Ihres Kindes sollten Sie den folgenden Fragebogen durchgehen - nehmen Sie sich dafür 5 Minuten Zeit. Lesen Sie die angeführten Fragen durch und überlegen Sie ob eine dieser Veränderungen in den letzten 10 Tagen aufgetreten ist oder Sie momentan sehr beschäftigt oder sich zunehmend verstärkt. 1. Leiden Sie an schnellen Stimmungsumschwüngen mit Reizbarkeit und häufigem Weinen? 2. Leiden Sie unter Angstzuständen, die in keinem Zusammenhang mit bestimmten Situationen oder Anlässen stehen? Immer dann ja und nein Kästchen dazu 3. Leiden Sie unter ständig wiederkehrenden, störenden und beängstigenden Gedanken, die sich Ihnen aufdrängen?

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4. Fehlt Ihnen das Interesse an Tätigkeiten und Kontakten mit Freunden und Verwandten, Bekannten, die Ihnen früher Freude gemacht haben? Wenn Sie alle 4 Fragen mit nein beantworten, besteht kein Verdacht auf eine Wochenbettverstimmung. Sollten Sie auch nur eine einzige Frage mit ja beantworten, zögern Sie bitte nicht, sofort einen Arzt/eine Ärztin Ihres Vertrauens zu Rate zu ziehen! Wenn bei der nächstfolgenden kinderärztlichen Untersuchung sich zeigt, dass die Mutter die Fragen nicht beantwortet hat, könnte der Kinderarzt dies nachholen. M 80 4. bis 6. postpartale Woche: Gynäkologische Untersuchung Postpartales Depressions-Screening Kontrazeption, Partnerschaft und Sexualität post partum

Alle Informationen standardisiert mit schriftlichen Unterlagen (z.B. im Rahmen der Begleitbroschüre). Graphische Darstellung von: Biometrische Ultraschallmessdaten Körpergewichtszunahme Fundus-Symphysen-Distanz

Juli 2004

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Vorschlag des aks Fachausschuss Säuglingsund Kleinkindervorsorge Autoren aks Fachausschuss Säuglings- u. Kleinkindervorsorge-Mitglieder Fachausschuss-Leiter Dr. Ekkehard Gehrer, aks

Kontaktadresse aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at

Herausgeber aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at

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Inhaltsverzeichnis

1 Ausgangssituation und Problemstellung................................... 12 2 Anforderungen ........................................................................ 13 3 Untersuchungszeiten ............................................................... 14 4 Darstellung der Untersuchungen.............................................. 16 5 Literatur................................................................................... 20

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1 Ausgangssituation und Problemstellung

Seit seiner Einführung im Jahre 1974 ist der Mutter-Kind-Pass ein nicht mehr aus der Vorsorge wegzudenkender Eckpfeiler. Dies ist eine Novelle, um den neuen und geänderten Anforderungen einer modernen Vorsorge gerecht zu werden. Die Zahl der Kinder sinkt. Die Zahl der Verhaltensauffälligkeiten und Auffälligkeiten in der sozialen Kompetenz steigen. Kernpunkt der Novelle ist daher die Einführung des entwicklungsneurologischen und entwicklungspsychologischen Gesichtspunktes, der sich wiederspiegelt in der Wahl der sieben Teilbereiche: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7.

Körpermotorik Hand – und Fingermotorik Sprache Kognitive Kompetenz Soziale Kompetenz Emotionale Kompetenz Selbständigkeit

Notwendig sind ebenfalls geringfügige Veränderungen bei der körperlichen Untersuchung, eine Laboruntersuchung und drei zusätzliche Untersuchungstermine. Blutbild sowie Screening des Lipidstatus abhängig vom familiären Risikoprofil soll die somatische Untersuchung komplettieren. Die Novellierung entstand unter folgenden Aspekten: 1. Beibehaltung eines Mutter + Kind – Passes 2. Steigerung der Effektivität 3. Einbindung neuerster wissenschaftlicher Erkenntnisse (Grenzsteinmodell, Steigerung der Zahl der Verhaltensauffälligkeiten, der Auffälligkeiten in der sozialen Kompetenz, der adipösen Kinder und Jugendlichen, steigende Suchtproblematik) 4. Akkordierung mit den Impfterminen 5. Sparsames Einsetzen von Ressourcen unter Wahrung aller wichtigen Gesichtspunkte der Praktikabilität und der vorsorgemedizinischen Relevanz. 6. Standardisiertes Vorgehen der Ärzteschaft im Rahmen der Untersuchung und der Empfehlung oder Durchführung der Anschlussheilverfahren

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2 Anforderungen

Aus den zu berücksichtigenden Aspekten ergeben sich folgende Anforderungen: 1. Es wird dringend empfohlen, dem neuen Mutter – Kind – Pass ein Manual wie es z.B. die Schweiz hat beizulegen. Hierbei kann entweder das Manual „Prävention in der Pädiatrie“ von der Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie erworben werden, oder wir fordern die Österreichische Gesellschaft für Pädiatrie auf selber aktiv zu werden und ein solches Manual zu verfassen. Dieses Manual sollte jedem Arzt in Österreich elektronisch zur Verfügung stehen. 2. Einführung einer pränatalen Beratung durch den/die AllgemeinmedizinerIn, InternistIn, PädiaterIn oder Gynäkologe/in 3. Einführung der Somatogramme nach deutschem Muster. 4. Die Unfallprävention ist vom ersten Lebenstag an standardisiert durchzuführen . Auch dies sollte im Manual klar geregelt werden 5. Der Impfstatus wird bei jedem Arztkontakt erfragt und kontrolliert. 6. Die Augen und Ohren sind bei jedem Arztkontakt zu beurteilen und ev. ein Ballard -Score zu erheben. 7. Ein weiterer wichtiger Schritt nach Etablierung der entwicklungsneurologischen Diagnostik ist die Erarbeitung eines Standards zu Evaluierung des Bindungsverhaltens der Kinder. 8. Die Themen „Konfliktlösung" in der Familie sowie Misshandlung müssen Teil des Mutter-Kind-Passes werden. 9. Der steigenden Suchtproblematik muss frühest möglich Rechnung getragen werden. Hierzu eignet sich der Mutter – Kind – Pass gut, da er früh ansetzt und beide an der Entwicklung beteiligten Generationen, Kinder und Eltern, einbindet. 10.

Der Mutter – Kind – Pass muss EDV-fähig sein.

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3 Untersuchungszeiten

Die Untersuchungszeiten sind wie folgt anzusetzen, wobei eine Darstellung mit dem Vergleich zu anderen Ländern und den Impfterminen gewählt wurde.

A 1 3-5 7-9

CH 1 2 4 6 9-12

D 1

USA 1 2 3-4 4 6-7 6 9 10-12 12

10-14 18 24 36 48 60

24 36-48

24 48 60

18 24 36 48 60

Vorschlag 1 2 4 6 12

Entwicklung 1 2 4 6 10 12

18 24 36 48 60

18 24 36 48 60

Impfen x x x x(12-14) x(15-18)

Abb. 1: Darstellung der Untersuchungszeitpunkte zum jeweils vollendeten Lebensmonat des Kindes im Vergleich zwischen vier Staaten, dem Vorschlag, begründet durch die sich aus der Entwicklungsdiagnostik ergebenden Untersuchungszeiten und der Akkordierung mit den Impfterminen

Um, der Individualität jedes Kindes Rechnung tragend, eine in der Praxis der niedergelassenen PädiaterInnen und AllgemeinmedizinerInnen durchführbare Entwicklungsdiagnostik machen zu können wird von uns das Prinzip der Grenzsteine empfohlen. Ohne größeren diagnostischen Aufwand lassen sich nach diesem Prinzip die Kinder erfassen, die entweder eine drohende oder bereits manifeste Entwicklungsauffälligkeit zeigen, die nicht als vorübergehendes Symptom interpretiert werden kann. Somit können sie gezielt einer weiteren Diagnostik zugeführt werden. Grenzsteine sind Entwicklungsziele, die von 90 – 95% aller Kinder bis zu einem bestimmten Alter erreicht werden. Ist dies nicht der Fall liegt eine Entwicklungsverzögerung vor und der/die Arzt/Ärztin muss eine weiterführende Diagnostik einleiten. 14


Der Vorteil dieses Modells liegt in der Möglichkeit ein kostengünstiges und weitestgehend effizientes Screening in einem normalerweise sehr komplexen und diagnostisch aufwendigen Bereich in der Hausarzt- oder pädiatrischen Praxis durchführen zu können. Es kann eine sehr hohe Sensitivität gegenüber einer dagegen etwas erniedrigten Spezifität vertreten werden, da für die Kinder durch eine weiterführende Diagnostik und eventuelle Therapie kein seelischer oder körperlicher Schaden zu erwarten ist und die volkswirtschaftlichen Kosten durch eine niedrige Sensitivität als wesentlich höher anzusehen und ethisch nicht vertretbar scheinen.

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3 Untersuchungszeiten

Vollendetes Somatik Lebensmonat 1 US 1. LW, altes Schema, Ortho

Sprache

Entwicklungsneurologie

Impfen

2 Hüft-US (3-4)

Kräftiges oft differenzier- Körpermotorik: X bares Schreien bei Hunger Hand- Fingermotorik: und Unbehagen Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit:

4 Altes Schema

Positiv getöntes Vokalisieren, wenn mit Kind gesprochen wird, oder spontan, für sich, wenn alleine

6 Hörtest

(Hochtonrassel) bds., bei Otitis media früher, HNO

Bewertung des oralen Tonus, spontanes variationsreiches Vokalisieren auch wenn mit dem Kind gesprochen wird (Babydialoge), noch kaum Lippenverschlusslaute, Marginales Lallen: wie Summen, noch keine klaren Silben

Körpermotorik:

X

Hand – Fingermotorik: Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit: Körpermotorik:

X

Hand- Fingermotorik:

Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit:

Abb. 2: Darstellung der Untersuchungen zu den jeweils vollendeten Lebensmonaten

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Vollendetes Somatik Sprache Lebensmonat 9 Altes Schemas (7- Kanonisches, 9) + BB (bei im reduplizierendes Lallen (Oller 1999: fehlendes Manual definierten Risiko kan. Lallen z.B. im 10. LM (max. 11.LM) Fehlernährung reliabler Prädiktor für Vorhandensein einer Sprachstörung GLAD-Studie (Wohlgeformtheit der Lallsilben als Prädiktor), Drehen hin zum Geräusch

Entwicklungsneurologie

Impfen

Körpermotorik:

Hand- Fingermotorik:

Kognitive Kompetenz:

Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz:

12 Altes Schema (10-1. Worte, ELFRA 1 an die Eltern verteilen (als 14), Augen (beide bisherigen Anhang am Pass Untersuchungen) befindlich), Abfragen Sprachverstehen, Sprachproduktion u.a. Buntes Lallen (9-14 LM), 2-5 verschiedene Silben: da, ba... 1 oder mehr - gipfelig

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Worte (mind. 5) GLAD Studie, wobei „keine Worte“ ein erhöhtes Risiko darstellen Wortproduktion von „auf“, „zu“ (Tracy)

Selbständigkeit: Körpermotorik:

X (12-14)

Hand- Fingermotorik: Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit: Körpermotorik:

X

Hand- Fingermotorik: Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit:

Abb. 3: Fortsetzung von: Darstellung der Untersuchungen zu den jeweils vollendeten Lebensmonaten

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Vollendetes Somatik Sprache Entwicklungsneurologie Lebensmonat 24 Altes Schema (22-2-Wortsätze, „auch“ und Körpermotorik: 26) “nicht“ -Sätze (Tracy) mindest. 50 Wörter lt. ELFRA 2, diesen an die Eltern verteilen (als Anhang am Pass befindlich), einige Pluralwörter Hand- Fingermotorik: (Behrens 2002) Kognitive Kompetenz: Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit: 36 Altes Schema (34-Die Sprachentwicklung ist Körpermotorik: abgeschlossen. 38) 3-5 Wortsätze, Hand- Fingermotorik: Verb-2-Regel, W-Fragen, Kognitive Kompetenz: flektierte Verben, Artikel bei Eigennamen (Penner u. Weissenborn 1996), eigener Vor- und Rufname Soziale Kompetenz: wird bei Absichten oder Ankündigungen verwendet, liebt gemeinsames Betrachten von Bilderbüchern, lässt sich in knapper Form Texte, Inhalte erklären, hört gerne Kinderreime mit häufigen Wiederholungen.

Impfen

Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit:

Abb. 3: Fortsetzung von: Darstellung der Untersuchungen zu den jeweils vollendeten Lebensmonaten

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Vollendetes Somatik Sprache Entwicklungsneurologie Lebensmonat 48 Altes Schema (46-Komplexe Sätze, Körpermotorik: 50) Nebensätze mit flektiertem Verb am Ende. Die meisten Wortklassen sind verfügbar.

Impfen

(Penner u. Weissenborn Hand- Fingermotorik: 1996). „Ich“ wird richtig Kognitive Kompetenz: verwendet, Ereignisse, Geschichten werden in etwa zeitlich und logisch richtig wiedergegeben, meist noch mit „und dann –Verknüpfungen“. Soziale Kompetenz: Emotionale Kompetenz: Selbständigkeit: Körpermotorik: 60 Labor: Lipidstatus Fehlerfreie Aussprache, Ereignisse, Geschichten Mittelstrahlharn werden zeitlich und Hand- Fingermotorik: logisch richtig Kognitive Kompetenz: wiedergegeben, mit Soziale Kompetenz: korrekten, jedoch noch Emotionale Kompetenz: einfach strukturierten Sätzen. Selbständigkeit:

Abb. 4: Fortsetzung von: Darstellung der Untersuchungen zu den jeweils vollendeten Lebensmonaten

Die Beurteilung der Untergruppen der Entwicklungsneurologie sind nach dem Prinzip der Grenzsteine zu beurteilen. Die vom Kind bis dahin zu erreichenden Kompetenzen werden im Manual festgehalten. Exemplarisch für das angedachte Vorgehen wurde der Bereich „Sprache“ nach dem Grenzsteinprinzip ausgearbeitet dargestellt, vor allem, da in diesem Bereich in den letzten 10-20 Jahren viele neue Meilensteine wissenschaftlich festgelegt wurden. Das gilt u.a. auch für die kognitive Entwicklung: siehe Wynn, Spelke, Meltzoff usw. Einige der Piaget`schen Meilensteine sind inzwischen widerlegt oder sehr umstritten. Eine detaillierte Ausarbeitung dieser neuen Erkenntnisse wäre sehr wichtig.

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5 Literatur

· Oller D. (1986 u. 1999). Metaphonology and Infant vocalization. In Lindblom, B. & R. Zetterström (eds.). Precursors of Early Speech. Macmillan Press · Gopnik, A. & A.N. Meltzoff (1997) The Development of Categorization in the Second Year and Ist Relation to Other Cognitive and Linguistic Developments. In: Child Development, 58, 1523-31. · Enzylopädie der Psychologie.Band 3: Sprachentwicklung. Göttingen: Hogrefe, · Grimm (2000). Entwicklungsdysphasie: Kinder mit spezifischer Sprachstörung. · 603-640 · Grimm. H et al., Elfra 1 und 2, Elterfragebogen für 1 u. 2-Jährige, Hogrefe · Penner Z. & Weissenborn J, 1996, In H. Clahsen: Generative Perspectives on Language. John Benjamins · Tracy, R.: Grammatikmodell und Empirie: Die Gratwanderung zwischen Überinterpretation und Reduktion. In: Ehlich, K. (Hrsg.): Kindliche Sprachentwicklung. Konzepte und Empirie. Opladen 1996, 31-52. · GLAD: German Language Development Studie: Weißenborn 2001,2003, 2004, Zeitschrift für Audiologie 2004 i.Druck · Grenzsteine der Entwicklung aus: R. Michaelis und G. Haas: Meilensteine der frühkindlichen Entwicklung – Entscheidungshilfen für die Praxis. In: Schlack et.al.(Hrsg.): Praktische Entwicklungsneurologie. München 1994. 93-102

Juli 2004

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Vorschlag des aks Fachausschuss Kindergarten- und Schulkindervorsorge Autoren aks Fachausschuss-Mitglieder Fachausschuss-Leiter Dr. Guntram Hinteregger, aks

Kontaktadresse aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at

Herausgeber aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin Verein Rheinstraße 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at 21


Inhaltsverzeichnis

1 Projekt ..................................................................................... 23 2 Projektziel ................................................................................ 23 3 Zielpersonen ............................................................................ 23 4 Inhalt ....................................................................................... 23 5 Anhang ................................................................................... 24 ...... Brief an die Eltern ...... Gesundheitspass f端r Kinder und Jugendliche zwischen 6 u. 18

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1 Projekt Vorsorgeuntersuchungen im Alter vom 6. bis 18. Lebensjahr in Ergänzung zur Mutter-Kind-Pass- und Schuluntersuchung

2 Projektziel Qualitative Untersuchung von Kindern und Jugendlichen um möglichen Gesundheitsgefährdungen vorzubeugen bzw.diese frühzeitig zu erkennen sowie ggf. anbahnende Fehlentwicklungen rechtzeitig zu korrigieren.

3 Zielpersonen Kinder bzw. Jugendliche im Alter vom 6. bis 18. Lebensjahr

4 Inhalt Jährliche Untersuchungen durch Pädiater, Allgemeinmediziner und Internisten, gegliedert jeweils in einen Basisbereich und Zusatzmodul. Neben der organischen Untersuchung wird auf die Belange Pubertät Wachstum Sexuelle Entwicklung Sucht, Ernährung, Erziehung und umfassenden Beratung besonders eingegangen.

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Anhang Brief an die Eltern Gesundheitspass f端r Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren

Juli 2004

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Arbeitskreis fĂźr Vorsorge- und Sozialmedizin Verein RheinstraĂ&#x;e 61 A-6900 Bregenz T 05574-64570-0 F 05574-64570-6 E verein@aks.or.at www.aks.or.at


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