AT – Neurologie

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Meine Epilepsie ist kein Hindernis –sondern Teil meiner Stärke

Was als vermeintliche Schwäche begann, wurde zu Marion Clignets größten Stärke: Das ist die Geschichte einer Frau, die sich von nichts und niemandem bremsen lässt.

MS – Diagnose ohne Stillstand

Seite 04

Parkinson ist Teamsache

Seite 05 – 07

Schmerz lass nach – Migräne im Fokus

Seite 08 – 11

Gehirngesundheit Nervensystem Neurodiagnostik

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VORWORT

Komplexe Erkrankungen brauchen integrierte Medizin

Liebe Leser:innen,

Univ.Prof. Dr.h.c.mult.

Dr.med. Siegfried Kasper

Nervenarzt & Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Emeritierter Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Medizinische Universität Wien, Zentrum für Hirnforschung

Neurologie und Psychiatrie trennten sich in den Siebzigerjahren. Seither differenziert die Ausbildung zunehmend zwischen beiden Bereichen. Die frühere Bezeichnung „Nervenarzt“ existiert nicht mehr. Heute gibt es Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie für Neurologie. Diese Trennung zeigt sich daran, dass in Österreich die neurologische Ausbildung keine verpflichtende psychiatrische Rotation mehr vorsieht – und umgekehrt. In der Praxis behandeln Neurolog:innen dennoch überwiegend psychiatrische Erkrankungen, während Psychiater:innen kaum Patient:innen mit neurologischen Krankheitsbildern sehen.

Neurologisch? Psychiatrisch? In der Praxis oft beides. Für Patient:innen, die häufig sowohl neurologische als auch psychiatrische Beschwerden zeigen, ist diese Aufspaltung nicht immer vorteilhaft. So verlangt die Depression eine genaue organmedizinische Abklärung, da Veränderungen des Gehirnstoffwechsels – etwa vaskuläre oder demenzielle Prozesse – vor Therapiebeginn beurteilt werden müssen. Werden bei einer depressiven Symptomatik zentrale Veränderungen im MRT sichtbar, führt das oft zu erhöhter Nebenwirkungssensibilität gegenüber Antidepressiva und insgesamt ungünstigeren Verläufen, was Diagnostik und Therapieplanung beeinflusst.

Komplexe Krankheitsbilder brauchen präzise Abklärung Auch bei Angsterkrankungen können unterschiedliche körperliche Ursachen zugrunde liegen. Jede Angstproblematik erfordert daher eine solide organmedizinische Diagnostik. Patient:innen mit Demenz kommen häufig wegen Stimmungsschwankungen zu Hausärzt:innen – bezeichnet als BPSD oder NPS. Neben Stimmungsschwankungen treten Wahrnehmungsstörungen sowie typische neurodegenerative Verhaltensweisen wie Angst, Agitation, Reizbarkeit, Enthemmung, Wahn, Depression und Apathie auf. Eine

frühzeitige Abklärung, auch mittels moderner Bildgebung und Genetik, ist notwendig, um rechtzeitig eine geeignete Behandlung einzuleiten und den Verlauf zu verlangsamen. Bei Multipler Sklerose (MS) bestehen neben Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen oft psychiatrische Symptome wie Ängste, Reizbarkeit oder Halluzinationen, da Entzündungen im ZNS mehrere Areale betreffen. Grundlage jeder erfolgreichen Diagnostik und Therapie ist daher eine exakte organmedizinische Abklärung.

Moderne Therapieansätze: Zusammenarbeit als Schlüssel

Die Basis der Behandlung ist die medikamentöse Therapie, die sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert hat. Auch der psychotherapeutische Zugang ist in beiden Fächern bedeutsam; eine enge Kooperation zwischen Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen ist wünschenswert. Patient:innen können daran erinnert werden, frühere Hobbys wieder – wenn auch dosiert – aufzunehmen, ohne den Eindruck zu erwecken, dies heile die Erkrankung. Eine bessere Lebensqualität wirkt jedoch günstig. Auch soziale Beziehungen sollten thematisiert und krankheitsbezogen gestärkt werden.

Zurück zur Integration: Wege für die Zukunft Risiko wäre wünschenswert, wenn Neurologie und Psychiatrie zum Wohl der Patient:innen wieder stärker zusammenrückten – wie es bei demenziellen Erkrankungen bereits geschieht – etwa durch Spezialambulanzen und fachlichen Austausch. Wissenschaftliche Gesellschaften wie die ÖGPB und die WFSBP unterstreichen diese Notwendigkeit. Weitere spannende Ansätze lesen Sie auf den folgenden Seiten der Kampagne „Neurologie“!

Ihr

Dr.med. Siegfried Kasper

Gürtelrose – jede*r Dritte erkrankt

Oft unterschätzt und weit verbreitet: Jede*r Dritte erkrankt im Laufe des Lebens an Gürtelrose, einer oft sehr schmerzhaften Nervenentzündung. Erwachsene ab 50 oder mit bestimmten Grunderkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für einen Gürtelrose-Ausbruch.

Gürtelrose wird vom Varizella Zoster Virus verursacht – jenem Erreger, der bei der Erstinfektion Windpocken hervorruft (auch bekannt als Varizellen, Feuchtblattern oder Scha lattern). Nach dem Abklingen der Varizellen verbleibt das Virus ein Leben lang in den Nervenwurzeln des Rückenmarks sowie der Gehirnnerven. Das heißt: Wer schon einmal Windpocken hatte – und das betrifft mehr als 99 Prozent der Erwachsenen ab 50 Jahren – kann an Gürtelrose erkranken.

Ab 50 steigt das Risiko Gürtelrose kann in allen Altersgruppen auftreten. Ab 50 Jahren kommt es allerdings häufiger zu einer Virus-Reaktivierung, da die Leistungsfähigkeit des Immunsystems mit fortschreitendem Alter abnimmt. Ein Gürtelrose-Ausbruch beginnt oftmals mit unspezifischen Krankheitszeichen wie Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen, allgemeinem Unwohlsein und manchmal leichtem Fieber. Nach zwei bis drei Tagen treten meist jene Symptome auf, die Gürtelrose diagnostizierbar machen: allen voran der typische einseitige Bläschenausschlag, oft begleitet von Juckreiz oder Kribbeln, sowie brennenden oder stechenden Schmerzen.

Oft monatelange Schmerzen

eingestuft als die Schmerzen nach einer Operation. Entsprechend negativ wirken sie sich auf Schlaf, Lebensfreude, Stimmung, Arbeitsfähigkeit oder soziale Beziehungen aus. Bleiben die Schmerzen über mindestens drei Monate bestehen, spricht man von einer PostZoster-Neuralgie. Diese Nervenschmerzen in der vormals betroffenen Hautregion können monate-, manchmal sogar jahrelang anhalten.

Auch Grunderkrankte gefährdet Unabhängig vom Alter haben Erwachsene mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheumatoider Arthritis, chronischen Lungen- oder Nierenerkrankungen oder mit einer Immunsuppression ein erhöhtes Risiko, an Gürtelrose zu erkranken. Grunderkrankungen können außerdem das Risiko für Komplikationen oder schwere Verläufe erhöhen. Bei immungeschwächten Personen besteht zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit für das wiederholte Auftreten einer Gürtelrose.

Impfen schützt! Die Gürtelrose-Impfung ist für alle Personen ab 60 Jahren und für bestimmte Risikogruppen bereits ab 18 Jahren empfohlen. Lassen Sie sich ärztlich oder in Ihrer Apotheke beraten, ob eine Impfung zum Schutz vor Gürtelrose für Sie empfohlen und kostenlos ist. Weitere Informationen finden Sie auf der der Website www.guertelrose-info.at, auf Facebook unter GuertelroseInfoAT sowie auf dem YouTube-Kanal @gurtelrose-info In einer

Die durch Gürtelrose verursachten Schmerzen werden von vielen Betroffenen stärker

Podcast „Betrifft Gürtelrose“ TV- und Radiomoderatorin Martina Rupp musste nach einem Gürtelrose-Ausbruch sechs Wochen lang starke Schmerzmittel nehmen. Heute setzt sie sich für Au lärung und Prävention ein: „Gürtelrose ist eine furchtbare Krankheit, die mich vollkommen überrascht hat. So viele Menschen bekommen sie, und so wenige wissen Genaues darüber.“ Im Podcast „Betrifft Gürtelrose“ vermittelt sie daher im

Typisch für Gürtelrose ist ein

Gespräch mit Expert*innen und Betroffenen Wissenswertes über die Erkrankung.

BUCH TIPP

Wie Epilepsie mein Leben veränderte –und ich die Kontrolle zurückgewann

Marion Clignet ist zweifache Olympia-Medaillengewinnerin, mehrfache Weltmeisterin und eine der erfolgreichsten Radsportlerinnen ihrer Generation – und lebt seit ihrem 22. Lebensjahr mit Epilepsie.

Anstatt sich von der Diagnose bremsen zu lassen, machte sie die Sportlerin zu ihrer größten Motivation. Heute setzt sich die gebürtige Amerikanerin mit französischen Wurzeln dafür ein, das Tabu rund um Epilepsie zu brechen, Betroffene zu ermutigen und zu zeigen, dass sportliche Höchstleistungen und ein erfülltes Leben auch mit einer chronischen Erkrankung möglich sind.

Der erste Anfall und die Diagnose Ich war 22 Jahre alt, als ich das erste Mal einen epileptischen Anfall hatte. Ich stand in einer Schlange im Geschäft, als ich plötzlich einen Grand-Mal-Anfall bekam. Ein Mann hinter mir bemerkte rechtzeitig, dass etwas nicht stimmte, und konnte meinen Sturz abfangen. Als ich wieder zu mir kam, blickten viele Gesichter auf mich herab. Ich wusste, wer ich war – aber ich konnte nicht sprechen. Dann fragte mich jemand: „Wer ist der Präsident der Vereinigten Staaten?“ Es war Reagan – ich antwortete aber: „Nixon.“ Diese falsche Antwort brachte mich direkt in die neurologische Abteilung des Washington Hospital Center.

Nach MRT, EEG und Bluttests erklärte mir die Neurologin: „Die gute Nachricht ist, Sie haben keinen Tumor. Die schlechte ist, Sie haben Epilepsie. Sie werden lebenslang Medikamente nehmen müssen, dürfen ein Jahr lang nicht Auto fahren und sollten niemandem davon erzählen – denn Epilepsie gilt als Tabuthema. Und treiben Sie keinen Sport.“ Ich war fassungslos. Ich dachte: „Warum sollte ich mich für etwas schämen, das ich mir nicht ausgesucht habe?“ Ich beschloss, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen – und genau das Gegenteil von dem zu tun, was die Ärztin mir geraten hatte.

Freiheit auf zwei Rädern

Da ich nicht mehr Auto fahren durfte, kaufte ich mir ein altes, grünes Fahrrad. Von da an fuhr ich jeden Tag 60 Kilometer zur Arbeit und zurück. Diese tägliche Fahrt wurde zu meiner

Therapie – sie gab mir das Gefühl, wieder frei zu sein. Einmal fragte mich jemand, ob ich für ein Rennen trainieren würde. Ich lachte, denn mein Fahrrad war alles andere als professionell. Dennoch meldete ich mich schließlich für ein Rennen an der University of Maryland an – und landete völlig unerwartet auf Platz 4.

Von da an war ich infiziert mit dem Radsport-Fieber. Ein Freund, Steve, nahm mich in seinen Club auf, trainierte mich und gab mir wertvolle Tipps. Er war selbst einmal auf dem Weg zum Profi gewesen, bevor ein Sturz seine Karriere beendete.

Von der Hobby- zur Profi-Athletin Vier Jahre später, bei den US National Cycling Championships, konnte ich bereits internationale Erfahrung vorweisen. Ich gewann drei Medaillen in drei Disziplinen: Gold im Teamzeitfahren, Silber im Straßenrennen und Bronze im Einzelzeitfahren. Ich war sogar für die Weltmeisterschaft vorgesehen, wurde jedoch nicht nominiert. Die Begründung lautete: „Zu hohes Risiko wegen Epilepsie“. Diese Ungerechtigkeit traf mich hart. Doch statt aufzugeben, suchte ich meinen eigenen Weg. Das französische Team hatte mich eingeladen, in der Bretagne zu trainieren und zu starten. Ich buchte mein Ticket, verkaufte alles in den USA und beschloss: „Ich lasse mir meine Zukunft nicht von Menschen nehmen, die mich nie haben fahren sehen.“

Neustart in Frankreich

In Frankreich begann ich neu – und fuhr bei internationalen Rennen mit Teams aus ganz Europa. Schließlich wurde der Technische Direktor der französischen Nationalmannschaft auf mich aufmerksam und fragte, ob ich für Frankreich starten wolle. Ich nahm an – und zog endgültig nach Europa. Parallel dazu engagierte ich mich weiter für Menschen mit Epilepsie, arbeitete mit Stiftungen zusammen und lernte Claire Cachera kennen – die Präsidentin einer französischen Epilepsie-Stiftung, die ihre Tochter durch die Krankheit verloren hatte. Sie wurde mein

Anker, besonders in Zeiten, in denen ich Rückschläge erlebte.

Leben mit Epilepsie Ich hatte und habe Glück, denn bei mir treten nur zwei bis drei Anfälle pro Jahr auf. Mit der Zeit habe ich gelernt, die Auren – also die Vorzeichen eines Anfalls – früh zu erkennen. So kann ich Ruhepausen einlegen oder Medikamente anpassen. Nach außen hin merkt man mir die Epilepsie nicht an. Manche Menschen reagieren mit Unsicherheit, andere mit Akzeptanz. Für mich ist die Krankheit zu einem Antrieb geworden, mich selbst immer wieder zu übertreffen. Die größte Herausforderung war lange, die richtige Medikation zu finden. Lange Zeit war ich überdosiert – was mich reizbar und empfindlich machte. Erst als ich meine Ernährung umstellte und einen Neurologen fand, der mir wirklich zuhörte, kam die Wende. Ich lernte: Es gibt keine universelle Behandlung. Ein Gleichgewicht aus Ernährung, Bewegung und Schlaf ist entscheidend. Auch Meditation hilft mir persönlich, Ruhe und Kontrolle zu finden.

Engagement für andere Betroffene Über 15 Jahre lang organisierte ich mit Freund:innen eine Benefiz-Radtour, um Geld für Kinder mit Epilepsie zu sammeln. Die Spenden nutzten wir, um eine Turnhalle für eine Schule bei Toulouse zu bauen. Heute trainieren dort Kinder mit Epilepsie sicher und nehmen erfolgreich an Wettkämpfen teil. Ich möchte zeigen, dass Epilepsie kein Hindernis sein muss. Ich fahre noch immer Rad, trainiere mit Gewichten und genieße die Pyrenäen, wo ich heute lebe – stärker, freier und bewusster als je zuvor.

Mein Rat an andere Mein Rat an Betroffene ist: Führt ein Tagebuch, hört auf euren Körper – und sucht euch Neurolog:innen, bei denen ihr euch wohlfühlt. Es kann dauern, bis man die richtige Person findet – aber es lohnt sich.

ao Univ.-Prof. Dr. Fritz Leutmezer Facharzt für Neurologie, OA an der Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien und Präsident der österreichischen MS Gesellschaft

Multiple Sklerose: Das Fortschreiten der Krankheit selbstwirksam einbremsen

Die Multiple Sklerose (MS) verläuft in den ersten Jahren schubweise (Rezidivierend-remittierende MS, RRMS). In einem jahrelang schleichenden Prozess wird daraus die Sekundär-progrediente MS (SPMS). Was dieses fortgeschrittene Stadium der Autoimmunerkrankung für Betroffene bedeutet, erklärt Neurologe ao Univ.-Prof. Dr. Fritz Leutmezer, Oberarzt an der Universitätsklinik für Neurologie am AKH Wien und Präsident der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Herr Dr. Leutmezer, wie wird aus einer schubförmigen eine sekundär progrediente

Multiple Sklerose?

Wie jeder Autoimmunerkrankung liegt auch der MS eine Überreaktion beziehungsweise Fehlfunktion der körpereigenen Abwehr zugrunde. Statt gegen Bakterien, Viren und Co. kämpft das Immunsystem gegen den eigenen Körper.

Bei der Multiplen Sklerose vernachlässigen weiße Blutkörperchen (Leukozyten) ihre eigentlichen Abwehraufgaben im Blutkreislauf: Anstatt Antikörper zu bilden und Krankheitserreger ‚zu vergiften‘ oder ‚zu fressen‘, dringen sie über die Blut-Hirn-Schranke bis ins Gehirn vor und attackieren dort Nervenzellen (Neuronen). Es kommt zu akuten, fokalen Entzündungen – sogenannten Entzündungsherden. Man spricht dabei auch von einer Neuroinflammation.

Je nachdem, welche Körperfunktionen die angegriffenen Nervenzellen steuern, fallen eben diese Funktionen aus. Denn die Neuroinflammation stört oder unterbricht die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln. Betroffene erleben den plötzlichen Ausfall als ihren ersten MS-Schub mit Symptomen wie • Gefühlsstörungen: Kribbeln oder Taubheit in Armen und Beinen

• Sehstörungen: verschwommenes Sehen, Doppelbilder, Schmerzen bei Augenbewegung • und Gleichgewichtsstörungen

Da sich das Gehirn in einem gewissen Maß jedoch zu regenerieren vermag, geben sich diese Störungen meist innerhalb einiger Wochen wieder. Alles scheint wie vor dem Schub. Doch der Schein trügt – die Neuroinflammation schwelt unterdessen weiter (Smoldering MS).

Nach und nach ‚nisten‘ sich immer mehr solcher fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen im Gehirn ein und bilden dort toxische Milieus, die Nervenzellen absterben lassen. Irgendwann kommt das Gehirn mit dem Kompensieren der Signalstörungen nicht mehr hinterher, sodass die Neuronen die entsprechenden Körperfunktionen immer schlechter steuern. Bei den MS-Patient:innen zeigen sich dann beispielsweise Gang- oder Blasenprobleme, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Die Schübe werden weniger, sie ‚überschatten‘ das Entzündungsgeschehen

nicht mehr wie zuvor. Die Erkrankung hat damit eine fortgeschrittene Stufe erreicht –aus einer RRMS wurde eine SPMS.

Im Grunde ist der MS-Fortschritt, der mit dem ersten Schub unau altsam beginnt, ein Altern im Turbogang. Der Wechsel in die nächsthöhere Krankheitsstufe geschieht nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern schleichend, teils auch überlappend etwa 10 bis 20 Jahre nach dem ersten Schub.

Was bedeutet das für die Therapie von RRMS und SPMS?

Das Gehirn schützt sich extrem gut – unsere heutigen Immunsuppressiva gelangen dort nicht hinein. Den fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen im Gehirn beikommen zu wollen, wäre mit höchstem Schadensrisiko verbunden. Die derzeitigen MS-Therapien verfolgen daher das Ziel, die fehlfunktionierenden weißen Blutkörperchen unschädlich zu machen, bevor sie die Blut-Hirn-Schranke passieren. Wir können den Verlauf der Multiplen Sklerose damit zwar (noch) nicht stoppen, nur verlangsamen – doch es gilt: Je früher und je entschlossener wir dabei vorgehen, desto größer ist der Erfolg. Das spricht auch dringend dafür, dass die Diagnose möglichst früh gestellt und die Behandlung möglichst früh gestartet wird. Was wiederum eine Awareness für die Krankheit voraussetzt: bei den Betroffenen selbst und bei den Ärzt:innen, die wegen ihrer Schubsymptome erste Anlaufstelle sind. Noch fehlt es häufig an Wissen und Verständnis bei MS.

Wie belastet das schleichende Fortschreiten der MS die Betroffenen?

Die SPMS bringt ihnen schubunabhängig Verschlechterungen, insbesondere bei koordinativen Prozessen, für die viele Informationen in hoher Geschwindigkeit zu verarbeiten sind. Diese fallen SPMS-Patient:innen schwerer als gesunden Gleichaltrigen, weil die Übertragung der Signale von Nervenzellen im Gehirn zu Muskeln länger dauert. Hinzu kommen häufig Konzentrationsschwäche und übermäßige Müdigkeit (Fatigue). Zu Multitasking sind SPMS-Patient:innen irgendwann kaum mehr fähig. Das alles beschränkt sie im Alltag. Dass man ihnen die SPMS nicht ansieht, sorgt für teils großes Unverständnis bei Unwissenden. Die Krankheitslast wiegt schwer und

schwerer. Umso wichtiger ist es, den verlorenen Fähigkeiten nicht ewig hinterherzutrauern, sondern das Beste aus dem zu machen, was bleibt. Hierbei sind auch wir MS-Spezialist:innen gefragt. Wir müssen unsere Patient:innen darüber au lären, dass nicht nur die Medikamente ihre chronische Erkrankung in Schach halten, sondern auch sie selbst mit ihrem Lebensstil viel beitragen können: Sobald wir eine MS diagnostizieren, erklären wir den Patient:innen zum Beispiel, dass sie allein mit regelmäßiger Bewegung eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um bis zu 30 Prozent erreichen können. Das entspricht der Wirkung einer Basis-Immuntherapie gegen MS, die mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen daherkommt, beispielsweise grippeähnlichen Symptomen wie Fieber oder Schüttelfrost sowie Magen-Darm-Problemen. Für eine gesunde Ernährung gilt dasselbe. MS-Patient:innen sind demnach alles andere als ihrer Krankheit ohnmächtig ausgeliefert. Das müssen sie von Anfang an verstehen, um ihre Diagnose leichter zu akzeptieren und ihr Leben mit zuerst RRMS und dann SPMS besser zu bewältigen. Doch nicht nur wir Neurolog:innen können die mentale Widerstandsfähigkeit (Resilienz) unserer MS-Patient:innen aktivieren und stärken, die es braucht, um mit einem Schicksal wie MS klarzukommen. Auch eine fachkompetente psychotherapeutische Begleitung ist zumindest zeitweise ratsam. Nicht zuletzt empfehle ich Betroffenen, sich mit anderen MS-Patient:innen zu verbinden und auszutauschen.

MULTIPLE SKLEROSE: WO FINDE ICH HILFE?

Weitere Infos unter ms-begleiter.de*

Beratung: Österreichische Multiple Sklerose Gesellschaft www.oemsg.at

Austausch: MS-Clubs und Selbsthilfegruppen

DIAGNOSE

INSPIRATION

Mit Mut und Bewegung gegen Parkinson

Die Ärztin und Tischtennis-Weltmeisterin Dr.in Negin Schaller spricht im Interview über ihren Weg vom Schock der Diagnose Parkinson bis zur Akzeptanz, über die heilende Kraft der Bewegung und die Bedeutung einer positiven Einstellung. Heute inspiriert sie andere Betroffene, die Krankheit nicht als Ende, sondern als Neubeginn zu sehen – und zeigt, dass man auch mit Parkinson mitten im Leben stehen kann

Vom Operationssaal zum Tischtennistisch

– wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie die Diagnose Parkinson erhalten haben? Was hat Ihnen geholfen, nicht den Mut zu verlieren?

Der Übergang vom Operationssaal zur Diagnose war nicht so plötzlich. Die ersten Symptome hatte ich während meiner Schwangerschaft 2005; die Krankheit wurde dann diagnostiziert, als ich in Karenz war. Ich habe also damals nicht gearbeitet. Angenommen und verarbeitet habe die Diagnose aus heutiger Sicht zuerst gar nicht wirklich. Die vom Neurologen vorgeschriebenen Medikamente habe ich zwar brav genommen, ansonsten habe ich die Krankheit weitgehend ignoriert. Ich habe versucht, mein Leben so wenig wie möglich zu verändern und die Harmonie nicht zu stören, was mir sehr viel Energie gekostet hat. Ich war mit der Familie und dann auch mit dem Beruf so beschäftigt, dass ich wenig Zeit für meine Bedürfnisse und die Krankheit hatte.

Sie sind Ärztin und Betroffene. Wie hat Ihr medizinischer Hintergrund Ihren Umgang mit der Krankheit beeinflusst? Hat er Ihnen geholfen – oder war es manchmal sogar schwieriger, Patientin zu sein? Einen guten Umgang mit der Krankheit hat man, wenn man ein:e ‚gute:r Patient:in‘ ist, also die Krankheit akzeptiert, bei der Therapie diszipliniert und bereit ist, sich selbst zu beobachten und sich viel mit der Krankheit zu beschäftigen. Dazu braucht man keinen medizinischen Hintergrund. Fachlich ist das Gebiet so spezialisiert, dass eine allgemeinmedizinische Ausbildung nicht viel hilft. Auch als Ärztin müsste man sich intensiv damit beschäftigen, was ich lange Zeit nicht gemacht habe. Als Arzt oder Ärztin neigt man wohl dazu, eher zu helfen als selbst Hilfe zu suchen. Es war für mich wahrscheinlich schwieriger als für andere, die Rolle als Patientin anzunehmen.

Tischtennis ist für Sie mehr als nur Sport. Welche Bedeutung – körperlich, aber auch seelisch – nimmt es dann ein?

Aus psychosomatischer Sicht beeinflussen sich Körper und Seele gegenseitig. Sport, insbesondere koordinative Sportarten, ist für beides gut. Ich habe früher Tennis gespielt, das war aber mit fortschreitender Krankheit immer schwieriger, weil mir der Aktionsradius zu groß wurde und ich auch mehrmals gestürzt bin. Nach meiner frühzeitigen Pensionierung habe ich dann 2017 mit Tischtennis begonnen. Das war eher Zufall, damals hat man noch keinen Zusammenhang zwischen Tischtennis und Parkinson gesehen. Heute weiß man, dass es der Koordination und der Feinmotorik hilft und den meisten Betroffenen enorm Spaß macht.

Die therapeutische Bedeutung von Tischtennis für Parkinson ist heute unumstritten. Es gibt inzwischen schon viele ParkinsonTischtennis-Stützpunkte, bei denen nicht nur der sportliche, sondern auch der soziale Aspekt eine große Rolle spielt, der mir jahrelang gefehlt hat, weil ich nicht die Nähe zu anderen Betroffenen gesucht habe. Durch Tischtennis habe ich in den letzten Jahren viele neue Freund:innen gewonnen. Sie sind Weltmeisterin – ein unglaublicher Erfolg! Was hat sich durch diese sportliche Erfahrung in Ihrem Alltag und Ihrer Sicht auf Parkinson verändert?

Mein erster Weltmeistertitel 2021 kam für mich völlig unerwartet, ich hatte zuvor noch nie an einem Turnier teilgenommen. Abgesehen davon, dass mein Mann seine Urlaube jetzt mit meinen Tischtennisturnieren verbraucht, hat das meinen Alltag nicht sehr beeinflusst. Doch der Titel hat den Wandel in meiner inneren Einstellung zur Krankheit bestärkt. Begonnen hat dieser Wandel schon vorher, als ich doch endlich begann, mich näher mit meiner Krankheit zu beschäftigen. Ich habe bemerkt, dass Parkinson mir kreative Fähigkeiten gibt, die ich vorher nie hatte. Obwohl das Schreiben schon in der persischen Schule meine Schwäche war und Deutsch nicht meine Muttersprache ist, habe ich auf Deutsch zu schreiben begonnen und 2017 einen philosophischen Gedichtband – „Die Mitte sucht man lebenslang“ – herausgebracht. Ich war früher auch nicht sehr musikalisch, habe aber begonnen, kleine Lieder zu komponieren. Ich bin außerdem zu einer begeisterten Bastlerin geworden. Da bin ich kein Einzelfall: Es ist bekannt, dass viele Betroffene ihre kreative Ader völlig neu entdecken. Im Laufe der Zeit habe ich also begriffen, dass die Krankheit nicht nur eine Behinderung ist. Wenn im Leben eine Tür zu geht, dann geht gleichzeitig eine andere auf. Man muss nur bereit sein, durch diese zu gehen. Das ist meine heutige Sicht auf die Krankheit.

Ganzheitliche Ansätze spielen bei Parkinson eine immer größere Rolle. Wie wichtig sind für Sie Bewegung, mentale Gesundheit und soziale Unterstützung, um die Lebensqualität langfristig zu erhalten?

Für Parkinson ist typisch, dass die Hauptsymptome von Person zu Person sehr verschieden sind. Bei manchen steht zum Beispiel der Tremor im Vordergrund, andere haben Sprachschwierigkeiten und manche – wie ich – haben Bewegungsblockaden. Und auch die Stärke der Symptome ist bei ein- und derselben Person nicht immer gleich. Außerdem spielen Ernährung und die psychische Situation eine große Rolle. Das macht die Therapie schwierig. Aber Bewegung

ist immer gut. Es muss nicht unbedingt Tischtennis sein – man weiß heute, dass auch Tanzen und Singen sehr positive Auswirkungen haben. Jede:r Betroffene muss das für sich selbst das Passende finden. Förderlich ist jedenfalls, die Aktivitäten in einer Gruppe auszuüben. Viele Betroffene neigen dazu, sich zu isolieren, was für die Psyche ganz schlecht ist.

Viele Menschen mit Parkinson kämpfen mit Angst, Rückzug oder Scham. Was würden Sie anderen Betroffenen raten, die gerade am Anfang ihrer Diagnose stehen? Ich würde ihnen raten, mit der Diagnose nicht so umzugehen, wie ich das in den ersten Jahren getan habe. Da man die Krankheit durch Ignoranz nicht wegbekommt, sollte man sie von Anfang an akzeptieren. Man sollte die Energie nicht damit verschwenden, die Krankheit zu verstecken, sondern offensiv und selbstbewusst damit umgehen. Wichtig ist, sich im Umfeld frühzeitig zu ‚outen‘. Ich habe lange versucht, meine Krankheit zu verstecken, und bin dadurch sogar in den Verdacht geraten, eine Alkoholikerin zu sein. Seit ich offen zu der Krankheit stehe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute viel mehr Verständnis, Empathie und Hilfsbereitschaft haben, als man glauben würde. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist in den letzten Jahren merkbar gestiegen – und dazu hat sicher auch die Parkinson-Tischtennisbewegung beigetragen. Angst, Scham und der dadurch verursachte Stress sind absolutes Gift für die Krankheit. Je mehr man sich bemüht, die Symptome zu verstecken, desto stärker äußern sie sich.

Was gibt Ihnen im Alltag Kraft – an den guten, aber auch an den schwierigen Tagen? Meine Waffe ist heute das positive Denken. In guten Zeiten vergleiche ich meinen Zustand mit den schlechten Zeiten und kann ihn umso mehr genießen. Jede:r genießt die Erleichterung, wenn nach einem Schnupfen die Nase wieder frei ist. Ähnlich ist es bei mir, wenn ich nach einer Blockade wieder gehen kann. Wenn ich Probleme habe, fokussiere ich mich darauf, dass wieder gute Zeiten kommen. Vorfreude mindert das Leiden. Es gibt nichts Dauerhaftes im Leben, nur die Veränderungen sind immer da. Parkinson-Patient:innen sind täglich damit konfrontiert. Das stellt eine große Herausforderung dar, die nie au ört, denn die Mitte sucht man lebenslang. Es ist schwierig genug, die Mitte zu finden. Doch weil sich alles verändert, bleibt die Mitte nicht die Mitte. Deshalb muss man immer aktiv und am Ball bleiben und darf sich nicht fallen lassen. Das gilt für alle Menschen, aber bei uns ParkinsonPatient:innen ist das eine besondere Herausforderung.

Dr. in Negin Schaller HNO-Fachärztin & Tischtennis Parkinson Weltmeisterin

Mit freundlicher Unterstützung von Stada

Parkinsonsyndrom: Ursachen, Verlauf und Behandlung

Univ.-Prof. Dr. Klaus Seppi ist Neurologe an der Medizinischen Universität Innsbruck und Experte für Parkinson. Im Interview stellt er Parkinson vor.

Was wissen wir heute über das Parkinsonsyndrom?

Das Parkinsonsyndrom ist eine Gruppe von Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen –die häufigste ist die Parkinson-Erkrankung (Morbus Parkinson). Mit 25.000 Betroffenen und jährlich 2000 bis 3500 Neudiagnosen in Österreich ist diese neurodegenerative Erkrankung weit verbreitet. Sie stört die Beweglichkeit und Bewegungsabläufe, wobei es zu Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelstei eit (Rigor) sowie Zittern (Tremor) und infolgedessen oft zu Gangstörungen, die mit Stürzen einhergehen, kommt. Auch die Feinmotorik leidet, sodass Knöpfe, Essbesteck und Zahnbürste usw. schwieriger zu handeln sind. Neben diesen motorischen Symptomen treten auch nicht-motorische auf, darunter: Schlechterer Geruchssinn, Verstopfung, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen und Depressionen, Ängste, Schmerzen, Kreislau eschwerden sowie Probleme mit Blase, Sexualität oder Gedächtnis. Die Parkinson-Erkrankung verkürzt die Lebenserwartung bei gut eingestellter Medikation kaum, verläuft jedoch sehr individuell. Nicht-motorische Symptome eilen motorischen häufig weit voraus . Sehr viele der Betroffenen hatten vor ihrer Diagnose schon solche unspezifischen Symptome. Spannend ist auch: Mehr als 90 Prozent der Diagnostizierten litten lange vorher an einer

Geruchsstörung.

Bei der Parkinson-Erkrankung kommt es zu einem Dopaminmangel. Ein Mangel dieses Botenstoffs, der im Gehirn als „Schmieröl“ unserer Beweglichkeit wirkt, führt zu den typischen motorischen Parkinsonsymptomen. Parkinson kann über Jahre gut behandelt werden. Trotzdem schreitet die Krankheit fort, weil sich im Gehirn Eiweißablagerungen bilden, die Nervenzellen nach und nach zerstören. Doch Alter, männliches Geschlecht, Umwelteinflüsse und ein ungesunder Lifestyle sind bekannte Risikofaktoren. Auch die Genetik spielt eine Rolle.

Warum sollten Betroffene alle Therapieoptionen kennen?

Die Parkinson-Erkrankung ist noch nicht heilbar, lässt sich mit Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen, jedoch lange gut kontrollieren. Mit fortschreitender Erkrankung und weil das Standardmedikament L-Dopa im Körper nur kurz wirkt, kann es zu Wirkungsschwankungen kommen.

Lässt die Wirkung von L-Dopa nach, gehen die guten Phasen („ON“) in Zeiten über, in denen die Symptome zurückkehren („OFF“) –manchmal ganz plötzlich und unerwartet. Die Dopaminersatztherapie muss regelmäßig individuell angepasst werden. Um die Symptome möglichst konstant zu halten, sollten die Medikamente nach einem festen

Zeitplan eingenommen werden. Da zwischen der L-Dopa-Einnahme und den Mahlzeiten mindestens eine Stunde liegen sollte, stößt die herkömmliche Therapie im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf oft an ihre Grenzen.

Betroffene sollten dann alternative Therapien kennen: die Parkinson-Pumpe, die den Dopaminersatz gleichmäßig abgibt und so den Wirkspiegel konstant hält, oder die tiefe Hirnstimulation, die mit elektrischen Impulsen gestörte Regelkreise im Gehirn reguliert und somit die „Bremse“ in der Bewegungssteuerung löst.

Viele Betroffene und Angehörige haben Angst vor der Pumpentherapie. Woher kommt diese Angst und wie kann man sie nehmen?

Die Angst vor einer Parkinson-Pumpe beruht meist auf der Vorstellung, dass dafür ein Implantat nötig ist. Das schreckt ab – und ist aber gar nicht der Fall: Entweder erfolgt die Medikamentengabe subkutan (unter der Haut) oder per Sonde in den Dünndarm. Hier helfen Au lärung und der Austausch mit anderen Betroffenen, die bereits eine Pumpe nutzen. Die kontinuierliche Abgabe des Dopaminersatzes durch eine Pumpe verbessert die Symptomatik tagsüber sowie nachts und damit die Lebensqualität insgesamt deutlich.

Parkinson – Bewältigung ist Teamsache

Nicole Kuen betreut Parkinson-Patient:innen stationär und ambulant in den Tirol Kliniken sowie selbständig im häuslichen Umfeld. Die Parkinson-Nurse erklärt, wie interdisziplinäres Teamwork und der Austausch mit Angehörigen die Krankheitsbewältigung unterstützen.

Wie sieht ganzheitliche Betreuung von Parkinson-Patient:innen im Alltag aus?

Ich betreue Parkinson-Patient:innen in der Klinik und im häuslichen Umfeld. Innerklinisch geht es vor allem um die medizinische Bewältigung der chronischen Erkrankung. Wir schulen Patient:innen im Medikamentenmanagement und zeigen ihnen auf, wie wichtig es ist, sich an die Therapie zu halten – Stichwort Compliance. Im heimischen Umfeld unterstützen wir Patient:innen vor allem bei der Bewältigung ihres Alltags mit Parkinson und beim Hilfe holen, wenn sie krankheitsbedingt an ihre Grenzen stoßen. Wir zeigen ihnen Hilfe zur Selbsthilfe bei Körperhygiene, Anziehen und alltäglichen Besorgungen auf, stellen Selbsthilfegruppen vor und bei Bedarf den Kontakt zu Expert:innen unseres interdisziplinären Teams her.

Welche Rolle spielt dieser Austausch im Team und mit den Angehörigen?

Der Austausch zwischen Medizin, professioneller Pflege und Angehörigen sichert die bestmögliche Versorgung der Patient:innen und

ein selbstbestimmtes Leben trotz Erkrankung. Als Parkinson-Nurse bin ich das Bindeglied zwischen Ärztinnen, Therapeutinnen, Sozialarbeit und Mobilen Diensten für einen niederschwelligen und ganzheitlichen Zugang. Welche Sorgen und Ängste haben Patient:innen und Angehörige – und wie gehen Sie damit um?

Neudiagnostizierte Patient:innen sorgen sich vor allem um ihre Zukunft. Da jede ParkinsonErkrankung individuell verläuft, ist ungewiss, was auf eine:n zukommt. Diese Ungewissheit schürt Ängste. Auch die Reaktion der Menschen im Umfeld bereitet oft Sorge, zumal die meisten wenig über Parkinson wissen. Im Verlauf sind es dann auch die Angehörigen, auf die wir achten. Viele verausgaben sich in der Pflege ihrer erkrankten Angehörigen – und leiden stark unter der physischen und psychischen Belastung. In allen Fällen hilft Au lärung zur Erkrankung und zum Krankheitsmanagement sowie die Akzeptanz externer Hilfe.

Was fordert Patient:innen und Angehörige besonders heraus?

Parkinson verändert die Erkrankten. Viele haben oft eine reduzierte Mimik und können nicht mehr lächeln, gleichwohl sie sich freuen. Angehörige missverstehen das mitunter und grämen sich ob der vermeintlichen Undankbarkeit. Das ‚Missverständnis‘ belastet die Beziehung. Unsere Schulungen helfen Angehörigen, das zu verstehen und damit umzugehen. Wie motivieren Sie Patient:innen, sich nicht über die Krankheit zu definieren? Mit vielfältigen Angeboten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Wir zeigen ihnen beispielsweise Wege zu gemeinschaftlichem Sport wie Tischtennis, Tanzen und Boxen auf.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Parkinson-Betreuung?

Während in vielen Kliniken heute interdisziplinäre Teams zur klinischen und ambulanten Betreuung bereitstehen, fehlen diese in der peripheren Betreuung noch. Hier wünsche ich mir einen stärkeren Ausbau, gerade in den Tälern bei uns in Tirol.

Univ.-Prof. Dr. Klaus Seppi Neurologe, Medizinische Universität Innsbruck
Nicole Kuen

Parkinson: „Die Pumpe ist mir ans Herz gewachsen!“

Karl-Heinz Herper, 79 und ehemaliger Stadtrat und Träger des Menschenrechtspreises der Stadt Graz, berichtet über seinen Alltag mit der chronischen Erkrankung Parkinson. Nina Herf ist Diplomkrankenschwester und selbstständige Psychotherapeutin in freier Praxis, betreut Parkinsonpatient:innen und schildert im Doppelinterview ihre Sicht auf die Pumpentherapie.

Herr Herper, wie haben Sie den Moment Ihrer Diagnose erlebt?

Ich erhielt meine Diagnose vor 15 Jahren. Sie stand plötzlich wie eine Mauer in meinem Lebensweg. Ich hatte die Wahl: in ihrem Schatten verkümmern oder sie überwinden. Ich entschied mich für Letzteres, gleichwohl ich nicht wusste, welches Parkinsonschicksal mich erwartet. Parkinson bedeutet für jeden Körper und Kopf etwas anderes. Den alltäglichen Umgang damit muss ich immer wieder finden, denn die Krankheit sorgt ständig für neue Umstände.

Wie wirkt sich Parkinson auf Ihren Alltag aus?

Ich werde 80 – ich habe viel erlebt, hatte viele Chancen und sie ergriffen. Dafür bin ich dankbar. Ich jammere nicht und ich vermisse nichts. Das, was mir wichtig ist, tue ich nach wie vor mit Freude: Ich gehe täglich mit meiner Frau spazieren, deren Halt, Zuversicht und großartige tägliche Unterstützung ich sehr schätze und ohne die all dies nicht möglich wäre, und ich treffe Menschen, die mir viel bedeuten. Ich engagiere mich gesellschaftlich und plane gemeinsam mit befreundeten Diplomat:innen und Politiker:innen a.D. – lauter „wilde Alte“ wie ich – Veranstaltungen, die Zivilcourage, Demokratie und Frieden stärken. Das sind Aufgaben, die mich erfüllen.

Was hilft, die psychische Belastung von Parkinson zu bewältigen?

Wir Parkinson-Patient:innen haben ein immenses Interesse an Informationen zu unserer Erkrankung. Ich war einst Journalist bei der Kleinen Zeitung – Fragen stellen, das kann ich. Auch unsere Selbsthilfegruppe trägt mich. Der Austausch mit ebenfalls Betroffenen hilft, denn selbst uns nahestehende Menschen können sich oft nur schwer in unsere Lage versetzen.

Sie nutzen seit fünf Jahren eine ParkinsonPumpe: War der Wechsel von Tabletten auf die Pumpe schwer?

Das war schon hart. Plötzlich hat man einen Schlauch im Bauch und muss sich ein paar neue Hygienemaßnahmen aneignen. Doch die Pumpe vereinfacht das Leben mit Parkinson und hat mir mehr Lebensqualität und Lebenszeit verschafft. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich die Pumpe schon früher gewählt.

Für die Zukunft wünsche ich mir noch kleinere Pumpen und einen noch besseren

Knickschutz für den Schlauch. Den Albtraum aller Pumpenträger:innen habe ich nämlich schon erlebt: Meine Pumpe klingelte mitten in einer Theatervorstellung (lacht).

Frau Herf, können Sie diese Erfahrungen mit der Parkinson-Pumpe aus Ihrer Arbeit mit Patient:innen bestätigen?

Ja. Die Patient:innen gewinnen an Unabhängigkeit und können ihre Medikamente mit der Pumpe entsprechend ihres alltäglichen Bedarfs individuell deutlich feiner dosieren als mit Tabletten.

Was hilft Patient:innen im Alltag noch weiter?

Grundsätzlich gilt bei Parkinson, was für alle chronischen Erkrankungen gilt: Die Betroffenen sind nicht ihre Krankheit – ihr Parkinson übernimmt nicht ihre Identität. Wer das verinnerlicht, kann sich den alltäglichen Herausforderungen selbstsicher und selbstbestimmt stellen.

Abgesehen davon neigen viele Patient:innen dazu, über ihre Grenzen zu gehen. Ich rate hier, auf die innere Stimme zu hören, die eine Pause einfordert – das ist Selbstliebe und zeigt, dass man auf sich achtet. Mit einer individuellen Tagesplanung lässt sich das unterstützen.

Wie wichtig ist psychologische Unterstützung als Teil der Therapie?

Die Krankheitsverarbeitung ist hart, da sich Parkinson mit unfassbar vielen Symptomen zeigen kann. Vielen Patient:innen tut ein therapeutisches Gespräch mit einer ‚fremden Person‘ in einem geschützten Rahmen gut, um ihre Ängste und Sorgen auszusprechen und einzuordnen. Es hilft zudem, falschen Glaubenssätzen wie ‚Ich darf nicht schwach sein‘ oder ‚Als Kranke:r muss ich mich verstecken‘ entgegenzuwirken.

Wie können Angehörige ihre eigene Belastung managen und gleichzeitig eine Stütze sein?

Das Wichtigste ist, sich rechtzeitig Hilfe zu holen: praktische Unterstützung in der Pflege des erkrankten Lieblingsmenschen und auch Unterstützung für das Bewältigen des Alltags in der neuen Rolle als Pflegeperson.

Welche Dinge tragen dazu bei, die Lebensqualität und -freude zu erhalten? Bewegung ist unerlässlich für Körper und Psyche.

Parkinson verstehen –Therapie ganzheitlich denken

Parkinson betrifft mehr als den Körper

Wie ganzheitliche Unterstützung den Alltag erleichtert

Was ist Parkinson?

Parkinson (Morbus Parkinson) ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, bei der Nervenzellen in der Substantia nigra absterben, was zu Dopaminmangel in Zielstrukturen führt.

Motorische Symptome: Bewegungsstörungen wie Zittern, Muskelsteifigkeit, Bewegungsverlangsamung und Gleichgewichtsstörungen.

Nicht-motorische Symptome: Beeinträchtigungen von Stimmung, Schlaf, Riechen, Verdauung oder geistigen Funktionen.

Motorische Symptome

• Tremor

• Verlangsamte Bewegungen

• Muskelsteifigkeit Gleichgewichtsstörungen Kleinschrittiger Gang/ verminderte Armpendelbewegung

• Maskenhaftes Gesicht –reduzierte Mimik Leise, monotone Sprache

• Schluckstörungen/ unkontrolliertes Speicheln

Nicht-motorische Symptome

• Riechstörungen

• Schlafstörungen

• Depression / Angst / Apathie

• Kognitive Störungen / Demenz

• Verstopfung, Blasenstörungen, Blutdruckabfall u. a.

• Schmerzen / Muskelkrämpfe

• Anhaltende Erschöpfung (Fatigue)

Therapieoptionen im Überblick

Orale Medikamente

Zusätzliche Medikation

Pumpentherapien

Physio-/Ergotherapie

Tiefe Hirnstimulation MRgFUS-Stimulation

STADA Video zu Therapieoptionen Parkinson verstehenMit Parkinson leben Psychologische Begleitung

Das hilft im Alltag

Alltag & Struktur Feste Tagesabläufe, regelmäßige Medikamenteneinnahme

Bewegung & Aktivitäten

Sport, Hobbys, Tanz, Tischtennis

Therapie & Unterstützung

Physio-/ Ergotherapie/ Logopädie, psychologische Hilfe Soziale Kontakte Austausch mit anderen Betroffenen

Unterstützungsnetzwerke

Selbsthilfegruppen Support | STADA

Parkinson Nurses / spezialisierte Fachkräfte 1 2 3 4

MEHR INFOS FINDEN SIE UNTER: Kliniken & Ambulanzen

STADA – Ein Partner für ganzheitliche Unterstützung bei Parkinson

STADA ist ein international tätiges Pharmaunternehmen mit über 130 Jahren Erfahrung auf einem breiten Feld an Therapien. Im Bereich Parkinson stellt das Unternehmen nicht nur Medikamente und moderne Therapieoptionen wie die Pumpentherapie bereit, sondern betrachtet PatientInnen in ihrer Ganzheitlichkeit. Mit empathischer Begleitung unterstützt STADA Betroffene, ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten und ihre Lebensqualität zu verbessern. Weil PatientInnen mehr sind als nur ihre Erkrankung!

Text Doreen Brumme

Mit freundlicher Unterstützung von Teva

Migräne: Mehr als nur

Kopfweh

Eine Migräne ist eine komplexe Gehirnerkrankung, bei der es zu einer vorübergehenden Fehlregulation der Nervenzellen und der Schmerzverarbeitung kommt. Dabei verändern sich die elektrische Aktivität, die Signalweiterleitung und die Durchblutung im Gehirn, was die typischen Kopfschmerzen und Begleitsymptome auslöst. Aufgrund ihrer Häufigkeit gilt sie als Volkskrankheit. Dr.in med. Sonja-Maria Tesar, Neurologin, Neurointensivmedizinerin und Präsidentin der österreichischen Kopfschmerzgesellschaft, erklärt, warum eine Migräne rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden sollte.

Dr. in med. Sonja-Maria Tesar Neurologin, Neurointensivmedizinerin und Präsidentin der österreichischen Kopfschmerzgesellschaft

FOTO: ZVG

Frau Dr.in Tesar, wie erkennen Betroffene, dass es sich bei ihren Beschwerden um Migräne handelt?

Typisch für Migräne ist ein intensiver, pulsierender Kopfschmerz, der oft auch nur einseitig auftritt und sich bei Anstrengung verstärkt. Begleitet wird er häufig von einer Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und Gerüchen.

Warum wird Migräne oft erst spät erkannt und nicht ernst genommen?

Zum einen ist die Migräne nicht lebensbedrohlich und im Labor sowie der Bildgebung des Gehirns meist unauff ällig. Zum anderen gilt sie immer noch als ‚Frauenkrankheit‘ – betroffene Männer nehmen ihre Migräne deshalb oft nicht ernst. Vielen Betroffenen fällt es außerdem schwer, zu akzeptieren, dass sie an einer eigenständigen Erkrankung leiden. Hinzu kommt, dass Kopfschmerzen oft banalisiert werden – jeder Mensch ‚weiß‘ doch, was dagegen hilft. Doch eine Migräne ist kein Kopfschmerz, wie er bei Schlafmangel oder dicker Luft auftritt. Auch der schmerzende Kopf bei einem Kater ist damit nicht zu vergleichen – die Intensität ist eine ganz andere. Welche Migränetherapien gibt es und wie unterscheiden sie sich?

Führen Sie ein Migränetagebuch, notieren Sie Kopfschmerztage, Auslöser, verstärkende Faktoren, Dauer, Schmerzcharakter und Wirkung von Medikamenten. Das beschleunigt die Diagnosestellung deutlich.

hohem kardiovaskulären Risiko: ein Ditan, das nicht gefäßverengend wirkt. Zudem gibt es seit 2022 ein Gepant: Das ist ein Mittel, das den CGRP-Rezeptor und damit den CGRPSignalweg blockiert. Auch die beiden neueren Mittel werden als Tabletten verabreicht und stellen einen Meilenstein in der Migränebehandlung dar, da sie in den Mechanismus der Attacken eingreifen. Zur Migräneprophylaxe greifen wir seit 2018 erfolgreich auf AntiCGRP-Antikörper zurück: Das sind monoklonale Antikörper, die entweder das CGRP oder dessen Rezeptor blockieren. Diese Prophylaxe mindert die Zahl und Stärke der Migräneattacken und ist gut verträglich.

Wie helfen Lebensstil, Ernährung und Stressmanagement in der Migränebehandlung?

Jedwede Dysbalance – sei es eine hormonelle oder stressende – kann eine Migräne triggern oder verstärken. Betroffene sollten hier gezielt ausbalancieren, beispielsweise mit Stressmanagement.

Warum ist eine frühe Diagnose wichtig?

Unbehandelt chronifiziert sich die Migräne: Die Attacken kommen in kürzeren Abständen und werden intensiver und in attackefreien Zeiten sind die Betroffenen reizempfindlicher – die Schmerzen strahlen dann bis in Schulter, Nacken und Wirbelsäule aus.

DAS SOLLTEN SIE ÜBER MIGRÄNE WISSEN!

1. 1 Million Österreicher:innen sind von Migräne betroffen.1

2. In Westeuropa ist Migräne die am stärksten belastende neurologische Erkrankung.2

3. Die Anfälligkeit für Migräne wird auch vererbt. Die Krankheit schlummert und wird von bestimmten Faktoren wie Stress oder Wetteränderungen getriggert.

Text Doreen Brumme

Bei leichten akuten Migräneattacken setzen wir nach wie vor auf herkömmliche Schmerzmittel. Seit 30 Jahren arbeiten wir bei schweren Attacken mit der speziell bei Migräne eingesetzten Wirkstoffgruppe Triptane – als Tablette, Nasenspray oder Spritze unter die Haut verfügbar. Triptane wirken unter anderem auch CGRP-vermittelt (Calcitonin Gene-Related Peptide), ein Neuropeptid, das zentral an der Entstehung von Migräne mitwirkt. Seit 2022 gibt es eine Weiterentwicklung der Triptane für Patient:innen mit

4. Wer an Migräne leidet, hat ein bis zu zehnmal höheres Risiko, eine psychische Begleiterkrankung wie Angststörung oder Depression zu entwickeln.3

5. Frauen haben bis zu dreimal häufiger Migräne als Männer.4

6. Bei Frauen ist Migräne rund um die Regelblutung, während der Stillzeit und beim Eintritt in die Wechseljahre besonders häufig („Hormonmigräne“). In der Schwangerschaft dagegen gibt sich eine Migräne meist.4

www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2024/news-im-mai-2024/eine-million-menschen-in-oesterreichvon-migraene-betroff en/ 2 www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S1474-4422%2824%2900038-3

3 www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-1687-9822

4www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/warum_migraene_haeufi g_waehrend_der_menstruation_auftritt

Checkliste – „Gut vorbereitet zum Arzttermin – Migräne im Blick“

1. Schmerzort – Markiere die betroffenen Stellen:

Stirn

Schläfen (links / rechts)

Hinterkopf / Nacken

Einseitig

Beidseitig

2. Begleiterscheinungen

Lichtempfindlichkeit

Sehstörungen / verschwommenes Sehen

Augenflimmern

Geräuschempfindlichkeit / Tinnitus

Druckgefühl in den Ohren

Selten: verstopfte/laufende Nase

Übelkeit / Erbrechen

Schwindel / Gleichgewichtsstörungen

Müdigkeit / Abgeschlagenheit

3. Intensität & Dauer

Schmerzintensität:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Dauer jeder Attacke: Stunden /Minuten

4. Häufigkeit & Muster

Anzahl der Attacken pro Woche:

Anzahl der Attacken pro Monat:

Mögliche Auslöser: Stress Schlafmangel

Ernährung

Hormonelle Schwankungen

Sonstiges:

5. Bisherige Therapien / Medikamente Medikament(e) Name / Dosierung / Wirkung / Nebenwirkungen:

Akuttherapie / Prophylaxe (bitte dokumentieren)

6. Fragen an die Ärzt:in

7. Persönliche Ziele Weniger Attacken Bessere Lebensqualität Andere:

8. Begleitperson Ja, ich bringe jemanden mit Nein

9. Benötigte Unterlagen

Tagebuch oder App mit Symptomen Bisherige Arztberichte / Befunde Laborwerte / Diagnosen

„Wir denken Migräne immer mit“: Zwei Betroffene im Interview

Sabrina Wolf, 31, Personalreferentin, und Bianca Leppert, 40, Journalistin, erzählen, wie sie den Alltag mit der chronischen Erkrankung Migräne bewältigen – und was ihnen dabei am meisten hilft.

Ihr beiden, wann hat sich die Migräne bei euch erstmals gezeigt? Wie kam es zur Diagnose?

SW: Bei mir kam sie von der Art, wie sie im Lehrbuch steht, in der Pubertät. Da meine Mama auch Migräne hat, war ich schneller als viele andere Betroffene bei einer Neurologin und hatte bald meine Diagnose. Rückblickend denke ich jedoch, dass die Migräne auch schon hinter den Bauchschmerzen als Kind gesteckt hat. Da habe ich die Kopfschmerzen vielleicht nicht zuordnen können und einfach ‚Bauchweh‘ gesagt.

& Entspannungstrainerin

BL: Bei mir ist die Geschichte fast identisch – mit dem Unterschied, dass sowohl mein Papa als auch meine Mama Migräne haben bzw. hatten. Deshalb sage ich oft: Ich habe leider den Sechser in der Migräne-Lotterie, weil diese genetisch veranlagt ist. Während er ‚nur‘ zwei-, dreimal im Jahr eine Aura ohne Kopfschmerz erlebt, lag meine Mutter jedes Wochenende mit Migräne flach. Bei meiner ersten Migräneattacke war ich 13 oder 14 Jahre alt und mit meinen Eltern auf einem Ausflug. Als es abends in der Wanderhütte Wild gab, wurde mir von dessen Geruch wahnsinnig übel und ich verbrachte zwei elende Stunden auf der Toilette. Meine Eltern ahnten, was los ist. Die Diagnose bestätigte ihren Verdacht: episodische Migräne.

Wie fühlt sich eine Migräneattacke an?

BL: Man fühlt sich so schwach wie bei einer Grippe mit hohem Fieber, dazu kommt Übelkeit und evtl. Erbrechen und Durchfall wie bei Magen-Darm und dazu die schlimmsten Kopfschmerzen deines Lebens. Bei mir geht das in der Regel über drei Tage.

Wie waren eure ersten Jahre mit Migräne?

BL: In meiner Jugend konnte ich mit der Migräne gut umgehen, da war sie noch nicht so ausgeprägt –in meinen 20ern traf sie mich dann mit voller Wucht.

SW: Ich hatte viele Attacken in der Schulzeit. Dort wurde das jedoch wenig ernst genommen. Damals fehlte es mir auch noch an Selbstbewusstsein, um die Unterstützung

einzufordern, die ich gebraucht hätte. Im Studium wurde es besser. Hier konnte ich mir meine Zeit freier einteilen und viel zuhause machen. Meinen Masterabschluss erwarb ich im Fernstudium. Am Ende des Studiums, als Werksstudentin, hatte ich bis zu 20 Migränetage im Monat.

Wie beeinflusst die Migräne euren Alltag und wie wappnet ihr euch gegen Attacken?

SW: Ich habe mein Leben an die Krankheit angepasst und Routinen für Essen, Sport, Entspannung, Arbeit, Freizeit. Damit und mit meinen aktuellen Prophylaxe-Medikamenten, die ich seit vier Jahren alle vier Wochen nehme, habe ich jetzt etwa fünf Migränetage monatlich. Für die bin ich stets bereit – ich habe in jeder Tasche Akutmedikamente. Und je nachdem, was ich gerade tue, sind Kühlpacks, Schlafmaske, Noise-Cancelling-Kopfhörer, Sonnenbrille und Cap gri ereit.

BL: Ich denke meine Migräne immer mit, oft unbewusst. Ich habe meinen geregelten Tagesablauf mit Routinen und akzeptiere, dass ich eine Krankheit habe, die mich immer begleiten wird. Statt mich ständig zu fragen ‚Was, wenn …?‘ sage ich mir: ‚Selbst, wenn …!‘ Ich lasse mich nicht mehr ständig einschränken. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Dazu gehören diese Learnings:

1. Ich habe keine Angst (mehr) vor der nächsten Attacke. Sie kommt sowieso.

2. Ich frage mich nicht (mehr): ‚Warum ich?‘

3. Ich habe verinnerlicht, dass Migräne nicht heilbar ist. Das hat mir den Druck genommen, eine Lösung finden zu müssen.

Welche Rolle spielt das Umfeld? Erlebt ihr Verständnis oder eher Vorurteile?

SW: Alle in meinem Umfeld, die geblieben sind, wissen Bescheid; meine Migräne wäre auch kaum zu verschweigen. Die Erkrankung erschwert es mir aber, neue Menschen kennenzulernen: Immer wieder muss ich mich erklären. Das strengt an. Und für die Menschen sind meine Routinen mitunter auch schwer zu verstehen. Grundsätzlich glauben viele nicht an

Migräne leidende Menschen, sie wüssten darüber Bescheid – und könnten mitreden. Doch sie denken dabei meist an einen herkömmlichen Kopfschmerz. Zu oft wird die Migräne deshalb banalisiert: ‚Nimm halt eine Schmerztablette …‘ oder ‚Schlaf dich mal aus …‘ sind Ratschläge, die wir hören. Und selbst manche Betroffene wissen zu wenig über die Krankheit und gehen deshalb nicht zu Ärzt:innen – fast 40 Prozent der Migränefälle werden gar nicht erst diagnostiziert.

BL: Ich bin unter anderem als Formel1-Journalistin weltweit unterwegs: Worst Case ist eine Migräneattacke im Flieger. Du kannst den Triggern (Geräusche, Gerüche, Licht) nicht entfliehen – nur die Minuten zählen, bis du in der Ruhe deines Hotelzimmers ankommst. Zum Glück habe ich Kolleg:innen an meiner Seite, die mich und meine Migräne mittlerweile kennen – auch, weil sie mein Buch gelesen haben. Sie erinnern mich auf Reisen ganz selbstverständlich an meine Routinen, beispielsweise den Kaffee.

Was wollt ihr Betroffenen mitgeben, die gerade erst die Diagnose erhalten haben?

SW:

1. Eine schwere Migräne ist laut WHO die neurologische Erkrankung, die Betroffene am meisten behindert.

2. Ihr seid nicht allein: Etwa jede:r Siebte weltweit leidet an Migräne.

3. Ihr seid auch nicht falsch: Euer Migränegehirn verarbeitet Reize anders als das Gehirn von Nicht-Betroffenen.

4. Migräne hat viele Symptome –nicht „nur“ Kopfschmerzen. BL: Macht euch zu Expert:innen für eure Migräne. Informiert euch bei Migräne-Fach:ärztinnen und seriösen Quellen im Internet. Sucht Verbündete, die euch im Alltag unterstützen.

Wichtig ist Kommunikation: Angehörige können nicht wissen, was es bedeutet, Migräne zu haben.

Bianca Leppert schrieb 2019 das Buch „Ich hab‘ Migräne – Und was ist deine Superkraft? – Dein Begleiter durch gute & schlechte Tage“, und gibt ihr Wissen auf Instagram weiter unter @migraene_superhelden

Sabrina Wolf verfasste 2025 das Buch „Unwetter im Kopf –Mein Leben mit Migräne: Was mir wirklich geholfen hat, sie zu verstehen, anzunehmen und mit ihr zu leben“ und ist auf Instagram unter @unwetterimkopf zu finden.

Häufig Migräne?

Führen Sie ein Migränetagebuch und sprechen Sie mit Ihrem Neurologen.

Für das Migränetagebuch Scan mich!

Bianca Leppert Journalistin, Podcasterin, Autorin
Sabrina Wolf Personalreferentin, Autorin, Content Creatorin
Text Doreen Brumme
Bianca‘s Podcast:
Sabrina‘s Podcast:

Moderne Migräneprophylaxe senkt Zahl und Stärke von Migränetagen

Eine Million Menschen in Österreich leiden an Migräne. Viele davon nehmen keine (ausreichende) ärztliche Hilfe in Anspruch – häufig, weil sie überzeugt davon sind, es gäbe keine Hilfe gegen Migräne1. Das ist falsch! Lesen Sie hier, wie gut und nachhaltig moderne Migräneprophylaxe wirkt und wie viel Leid sich damit ersparen lässt.

Migräne ist viel mehr als Kopfweh Es gibt mehr als 200 Kopfschmerzarten2 –Migräne ist die zweithäufigste3. Doch anders als dumpfe, leichte bis mittelstarke Spannungskopfschmerzen, die fast jeder Mensch kennt, fühlen sich Migränekopfschmerzen an wie Hammerschläge: starke, pulsierende, pochende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten und durch körperliche Anstrengung verstärkt werden. Sie kommen anfallsartig und dauern typischerweise einige Stunden bis zu drei Tagen. Übelkeit und Erbrechen sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit gehen oftmals miteinher. Die einen erleben eine solche Migräneattacke einmal im Monat, die anderen mehrmals pro Woche.

Migräne kostet Lebensqualität und produktive Lebenszeit

Doch eine Migräne macht Betroffenen nicht nur während der Attacken schwer zu schaffen: Laut der Eurolight-Studie mit mehr als 6.000 Teilnehmer:innen in neun Ländern sind gut ein Viertel der Betroffenen auch zwischen Attacken nicht vollkommen symptomfrei und berichten von ihrer Angst vor der nächsten Attacke.4 Deren Unvorhersehbarkeit kann das soziale und berufliche Alltagsleben stark beeinträchtigen: Die Prüfung in der Schule, das wichtige berufliche Meeting, der Auftritt

2 www.usz.ch/krankheit/kopfschmerzen

auf der Bühne oder die Familienfeier können von Migräneattacken schlagartig zunichte gemacht werden. Die Eurolight-Studie zeigte auch, dass fast ein Viertel der Menschen mit Migräne mehr als 10 Prozent ihrer produktiven Tage „verlieren“. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die dadurch entstehen, sind enorm.

Hochwirksame medikamentöse Therapien zur Vorbeugung von Migräne Was viele jedoch nicht wissen: Neben Therapien zur Behandlung akuter Migräneattacken gibt es längst hochwirksame Therapien zur Vorbeugung der Migräne. Eine effektive Migränebehandlung basiert immer auf mehreren

Säulen: An erster Stelle steht eine medikamentöse Akuttherapie, die während der Migräneattacke zum Einsatz kommt. Unterstützend dazu ist es sinnvoll, diverse nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback etc. zu kombinieren.

Wenn die Attacken aber an mindestens vier Tagen pro Monat auftreten, ist eine medikamentöse prophylaktische Therapie dringend angeraten. Ziel dieser vorbeugenden Migränetherapie ist es, Anzahl und Stärke der Migräneattacken zu senken.

3 www.uniklinik-freiburg.de/neurologie/behandlung/kopfschmerzen.html

4 www.springermedizin.de/poor-medical-care-for-people-with-migraine-in-europe-evidence-fr/15432814#CR2

Migränevorbeugung als „Nebeneffekt“ Lange Zeit kamen zur Migräneprophylaxe nur Medikamente zum Einsatz, die nicht speziell für den Einsatz bei Migräne entwickelt worden waren, sondern für andere Erkrankungen. Dazu zählen beispielsweise Betablocker (Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen) und Wirkstoffe gegen Depressionen oder gegen Epilepsie. Dass sie auch Zahl und Stärke von Migräneattacken senken können, war ein zufällig entdeckter Nebeneffekt. Da diese Medikamente jedoch oft lästige Nebenwirkungen haben, setzen sie viele Migränepatient:innen rasch wieder ab.

Moderne Therapien – gezielte Migränevorbeugung 2018 begann eine neue Ära: Erstmals wurden Medikamente eingesetzt, die gezielt und direkt in den Mechanismus der Migräneentstehung eingreifen. Die Entwicklung dieser sogenannten monoklonalen CGRP-Antikörper hat die Migräneprophylaxe grundlegend verändert. Derzeit sind vier solcher CGRP-Antikörper in Österreich erhältlich. Sie greifen direkt in den Mechanismus der Migräneentstehung ein, indem sie die Wirkung des bei Migräneattacken von den Nervenzellen (Neuronen) freigesetzten Botenstoffs CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) hemmen. Dieser

en/

Dr. Manfred Eder Facharzt für Neurologie & Oberarzt am Landesklinikum Mistelbach

Mehr zur Migräne Prophylaxe unter: migraene-prophylaxe.at

Mit freundlicher Unterstützung von Lundbeck

Anleitung zur Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson

wirkt nämlich gefäßerweiternd (vasodilatorisch) und entzündlich (inflammatorisch).

Im Blut von Patient:innen mit chronischer Migräne ist der CGRP-Spiegel erhöht.

CGRP-Antikörper sind hochwirksam: Sie senken die Zahl und die Stärke der Migräneattacken deutlich und ersparen Betroffenen somit viel Leid. Zudem sind die Mittel sehr nebenwirkungsarm und damit sehr gut verträglich. Selbst Migränepatient:innen, bei denen zuvor keine der verfügbaren Vorbeugetherapien wirkte, erleben damit deutlich weniger Migränetage. Die CGRP-Migräneprophylaxe kann entweder intravenös vierteljährlich über eine Kurzinfusion von Ärzt:innen verabreicht werden – oder die Betroffenen nutzen einen Fertigpen, mit dem sie sich das Medikament monatlich (einfache Dosis) oder vierteljährlich (dreifache Dosis) selbst (subkutan, also unter die Haut) spritzen.

CGRP-Antikörpertherapien im Überblick:

• vierteljährliche Kurzinfusion (30 Minuten) – verabreicht von Ärzt:innen

• monatliche subkutane Injektion mittels einer Fertigpen-Injektion

– Selbstanwendung

• vierteljährliche subkutane Injektion mittels drei Fertigpen-Injektionen (Dreifachdosis) – Selbstanwendung

Grundsätzlich gibt es für jede:n Betroffene:n entsprechend der persönlichen Lebensumstände, Vorlieben, Bedürfnisse und Pläne (Auslandsaufenthalte, Reisen) die passende Verabreichungsform.

Vorteile der modernen Migräneprophylaxe

Die Prophylaxe in der Migränetherapie ist wichtig, weil sie den Verlauf der – noch nicht heilbaren – Migräneerkrankung positiv beeinflusst. Sie kann

1. die Häufigkeit der Migräneattacken reduzieren

2. die Stärke der Attacken mindern

3. den Bedarf an Medikamenten zur Akutbehandlung senken

4. ein Chronifizieren der Migräne verhindern

5. eine bereits chronisch gewordene Migräne wieder in eine episodische zurückführen

6. Betroffenen die Angst vor der nächsten Attacke nehmen.

Es gibt nachhaltig wirksame Hilfe bei Migräne – fragen Sie Ihre Neurologin oder Ihren Neurologen!

Viele Migränepatient:innen sind nach wie vor nicht diagnostiziert. Betroffene behelfen sich von Attacke zu Attacke mit einer Selbstmedikation aus der Apotheke. Das kann in einem Teufelskreis enden, denn die sehr gebräuchlichen, rezeptfreien Kopfschmerzmittel können selbst wieder zu Kopfschmerz führen (Rebound-Effekt), weshalb ein Zuviel dieser Medikamente nicht selten zum sogenannten Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz führt. Außerdem kann die Migräne unterdessen fortschreiten und chronisch werden. Gehen Sie mit migräneartigen Kopfschmerzen deshalb besser gleich zu spezialisierten Neurolog:innen – und das unbedingt regelmäßig! Denn wie die oben beschriebene Entwicklung zeigt: Die medizinische Forschung macht rasante Fortschritte. Halten Sie sich auf dem Laufenden!

Nehmen Sie Ihren Kopfschmerz nicht tatenlos hin! Eine Migräne ist eine ernste neurologische Erkrankung, die nicht nur Ihnen viel persönliches Leid bereitet, sondern auch Ihr Umfeld betrifft.

„KOPFWEH ÖSTERREICH“: KOPFSCHMERZEN MIT AUFKLÄRUNG BEGEGNEN

Informationen rund um die Themen Kopfschmerzen und Migräne sowie Unterstützung für Migräne-Betroffene und ihre Angehörigen bietet die Patient:innenorganisation „Kopfweh Österreich“ www.shgkopfweh.at

EXPERTISE

Experteninterview: Migräneprophylaxe wirkt sehr gut!

Dr. Manfred Eder ist niedergelassener Neurologe in der Marchfeldpraxis in Groß-Enzersdorf und Oberarzt am Landesklinikum Mistelbach. Im Interview berichtet er, wie sich die moderne Migräneprophylaxe in der Praxis bewährt.

Wie erleben Ihre Patient:innen Migräneattacken?

Sie beginnen meist einseitig mit einem starken Schmerz im Kopf- oder im Nackenbereich. Dieser sticht, pocht, drückt und/oder pulsiert. Er baut sich 10 bis 30 Minuten auf und wandert seitlich über den Kopf bis zu Schläfe und Stirn. Begleitbeschwerden wie Empfindlichkeiten gegenüber Licht, Lärm, Gerüchen sowie Übelkeit und Erbrechen kommen zudem ins Spiel. Eine unbehandelte Migräneattacke dauert in der Regel mindestens 4-72 Stunden. Wichtig: Migräne ist nicht gleich Migräne. Wir unterscheiden zwischen einer episodischen Migräne mit bis zu 15 Kopfschmerztagen pro Monat und einer chronischen Migräne mit mehr als 15 Kopfschmerztagen monatlich über mehr als drei Monate hinweg. Spannend ist zudem, dass sich eine Migräne im Lauf der Jahre gewaltig verändern kann.

Was bedeutet die Krankheit für die Lebensqualität der Betroffenen?

Diese wird stark in Mitleidenschaft gezogen. Migräne nimmt viel Raum im Leben der Betroffenen ein und ist ein großer Störfaktor für jede Beziehung, in Beruf und Familie. Je mehr Migränetage man hat, desto höher ist der Leidensdruck. Umso wichtiger ist es, dass wir über Migräneprophylaxe sprechen, denn dass es sie gibt und sie verdammt gut wirkt, wissen die wenigsten.

Tun wir genau das: Wie funktioniert Migräneprophylaxe?

Migräneattacken sind brutal. Deshalb sollte die Erkrankung auch gezielt und effektiv behandelt werden. Dazu haben wir seit dem Jahr 2018 spezifische Migränemedikamente auch als vorbeugende Therapie, die sogenannten CGRP-Antikörper.

Wie wird die CGRP-Migräneprophylaxe angewendet?

Diese spezifisch und vorbeugend wirkenden Medikamente lassen sich auf verschiedene Weise verabreichen:

• Als Kurzinfusion: Dazu kommen die Patient:innen viermal im Jahr zu uns in die ärztliche Praxis und wir verabreichen das Medikament intravenös. Das dauert nur eine halbe Stunde, daher auch der Name Kurzinfusion. Die Wirkung der Kurzinfusion setzt mit der ersten Infusion ein.

• Als Injektionspen: Mit diesem verabreichen sich die Patient:innen das Medikament selbst unter die Haut am Bauch oder Oberschenkel – entweder als einfache Dosis monatlich oder als dreifache Dosis alle drei Monate.

Wie kommen Kurzinfusion und Injektionspen bei Ihren Patient:innen an? Viele sind überrascht, wie schnell und wirkungsvoll die Mittel anschlagen. Die meisten Patient:innen berichten von einer deutlichen Reduktion ihrer Migränetage, ich habe sogar Patient:innen, deren Attacken ganz weg sind. Am Pen schätzen die Anwender:innen die einfache Handhabung, an der Kurzinfusion, dass sie nur viermal im Jahr an die Prophylaxe denken müssen. Die Kurzinfusion hat zudem den großen Vorteil, dass wir Ärzt:innen die Patient:innen regelmäßig alle drei Monate sehen. Außerdem ist ein großes Plus, dass alle modernen, spezifischen Migräneprophylaktika in Österreich von den Kassen erstattet werden.

Wie verträglich sind die modernen Migräneprophylaxen?

Die Patient:innen vertragen diese sehr gut – die Medikamente verursachen kaum Nebenwirkungen. Gelegentlich rötet sich die Einstichstelle oder schmerzt leicht, doch das lässt rasch wieder nach. Und sollte sich doch eine Unverträglichkeit ergeben, haben wir Ärzt:innen noch weitere Mittel zur Verfügung.

NICHT AUFGEBEN: SCHRITT FÜR SCHRITT ZU IHRER MIGRÄNETHERAPIE

• Schritt 1: Symptome dokumentieren – Migränetagebuch führen

• Schritt 2: Neurolog:innen aufsuchen, die auf Migräne spezialisiert sind (Diagnose, Therapie starten & Rücksprache halten)

• Schritt 3: Prophylaxe UND Akuttherapie verstehen und anwenden

• Schritt 4: Fortschritte feiern (gute Akutmedikation, Attacke leichter, dank Prophylaxe seltener)

Bleiben Sie dran – es gibt für Ihre Migräne die passende Therapie!

Sie sagten, dass Migräne nicht gleich Migräne ist: Für wen eignet sich die moderne Prophylaxe?

Eine moderne Migräneprophylaxe kann

Patient:innen verschrieben werden, die vier und mehr Migränetage pro Monat erleben.

Deshalb ist es ratsam, ein Kopfschmerztagebuch zu führen und dieses als Dokumentation zum ärztlichen Gespräch mitzubringen.

Laut der Eurolight-Studie4 haben viele Angst vor der nächsten Migräneattacke –was raten Sie diesen Patient:innen? Eine Migräne kündigt sich oft an, insbesondere, wenn es sich um eine Migräne mit Aura handelt. Dabei kann 10 bis 30 Minuten vor der Attacke ein Kribbeln oder gar eine Taubheit im Gesicht oder entlang der Arme zu spüren sein, oder es können Seh-, Lese- und Sprachprobleme auftreten. Betroffene sollten in den ersten Anzeichen einer nahenden Attacke ihre Chance sehen, noch rechtzeitig Akutmedikamente einzunehmen, um die Attacke abzufangen. Wer Anzeichen spürt und abwartet, begeht hingegen den Hauptfehler der Migränetherapie. Es gilt: Je länger sich der Schmerz au auen kann, desto schwieriger wird es, ihn mit Akutmedikamenten zu drücken.

Warum ist bei migräneartigen Kopfschmerzen der direkte Gang zu Migräne-Expert:innen wie Ihnen wichtig? Weil wir uns damit auskennen. Zu mir kommen immer wieder Patient:innen, die ihre Kopfschmerzen selbst nicht ernst genug genommen haben – oder sie berichten von Ärzt:innen, die sie bagatellisieren. Wir müssen die Migräne endlich beim Namen nennen: Migräne ist viel mehr als ein Kopfschmerz. Wenn ich Patient:innen dann ‚lange Zähne mache‘ und ihnen aufzeige, welche hochwirksamen Medikamente es zur Prophylaxe und Akutbehandlung inzwischen gibt, höre ich immer wieder: ‚Ich möchte nichts nehmen, so schlimm wird’s schon nicht …‘ Mit 27 Jahren Erfahrung als Neurologe kann ich da nur antworten: ‚Doch, ohne Behandlung wird es ganz schlimm.‘ Und wenn die Patient:innen dann nach einer Zeit wiederkommen, in der sie Migräneprophylaxe betrieben haben, höre ich oft ein: ‚Hätte ich das bloß schon früher gewusst/gemacht!‘

Gesundheit beginnt mit Verstehen

Wenn wir verstehen, was mit uns passiert, fühlen wir uns weniger allein.

Eine Diagnose, erste Symptome oder die Sorge um Angehörige können verunsichern. Gerade dann ist verständliche Information mehr als nur Wissen – sie schenkt Halt.

Unsere crossmedialen Gesundheitsgeschichten, Expert:inneninterviews und Podcasts sollen Mut machen, Orientierung geben und zeigen, dass niemand gesundheitliche Herausforderungen allein tragen muss.

Indem wir medizinische Themen grei ar machen, begleiten wir Menschen auf ihrem Weg: von den ersten Fragen bis zu jenen Entscheidungen, die das eigene Wohlbefinden betreffen.

Au lärung bedeutet Zugehörigkeit – und stärkt das Vertrauen in sich selbst.

Darum ist Bewusstsein so wichtig:

• macht uns selbstbestimmter

• hilft, Warnsignale früher zu erkennen

• erleichtert Gespräche mit Ärzt:innen

• verbindet uns mit anderen Betroffenen

• stärkt Hoffnung, Mut und Handlungskraft

Haben Sie ein Gesundheitsthema, das Sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen möchten?

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