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GröSSte Kirmes am Rhein Oder die dramatische Leere eines überfüllten Platzes


Die Dämmerung begrüßend, tanzen liebliche, sanftmütige Elfen leichtfüßig und grazil auf den Köpfen der überfressenen Menschen, welche nicht begreifen können, dass sie niemals verstehen werden und aus eben diesem Grunde, ohne jemals eine einzige Frage zu stellen, verzückt und von bunten kleinen Lichtern geblendet, zufrieden nach Hause taumeln.

Eine Einleitung von Maria Klärner


Inhalt Einleitung

02

Rund, Herr Rum!

04

Kandierte Früchte

06

Psychokirmes

07

So ein Ding, das Sitzkabinen hat und sich um sich selbst dreht

08

Audoskuda

11

Kettenkarussell

13

Ohio Snack

14

Schießbude

16

Dancing in the Dark

18

Nüsse aus aller Welt

21

Ihr Nieten!

22

Aaanschnalllllennn

25

Achterbahnen

26

Rätsel

29

Schlusswort

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Rund, Herr Rum! Ein Text von Felix von Pless

04

Bimmelim und knalleratz! Jetzt macht dem Kleinen doch mal Platz Und auf die Plätze, heissassa Peterle ist heut der Star Rau und wau gib mir den Rest! Peng – das Pustewasser presst halt dich fest, Paul, lass das sein Feuerschlucker, das ist fein! Mama guck mal, Feuerwehr Giraffenhals von ungefähr Rudeltrudel schwindelfrei Anne kotzt, da fliegt der Brei nix passiert, oleole remmremmremm ojeoje im Ferrari kommt der Toni Eierwelle, Makkaroni fährt vorbei – oh! bimmelim tönt Kunigunde, schon vorbei nochmal ne Runde?


Kandierte Früchte Flatterhaft schweb ich, einem Geiste gleich – Düfte wabern süßlich-schwer, ein Heer aus Lichtern wehrt dem Nebel aus Kardamom und Koreander.

Momente weichen, so die meinen und bleibt mir denn der Blick verwehrt zu träumen, was gewesen wär’.

Es drängt mich weiter, Schritt auf Schritt über Pflasterstraßen, fort von kandierten Süchten treibt’s mich zur Promenade.

Die Schritte schnell, die Zeit vorbei, wo ich mit Dir eingehakt am Rhein entlang, dem Spielmann lauschend. Da – ein Kinderlachen!

Lockend singen mir die Düfte eine Schalmei aus Zuckerreimen, wie sehr es mich verzehrt doch ach! – kann ich doch nicht verweilen.

Und als ich spring’, da spür ich noch Dein Haar auf meiner Wange – so süß der Duft, so fern Du bist, und wartest schon zu lange.

Ein Text von Felix von Pless


Psychokirmes Ein Text von Martin Busch

Auf der Kirmes erwarten mich Kinder, Lautstärke, agressive Menschen, flimmernde Lichter, fettiges Essen und ein Geruch zwischen Pferdemist, Bratäpfeln, Kotze und Backfisch, der so süß ist, dass ich sofort in meine Kindheit zurück versetzt werde. Sämtliche Synapsen möchten ausrasten und im Kreis springen, wenn ich im Kreis gedreht werde und gleichzeitig alle Lichter der Welt mir auf einmal ins Auge scheinen. Und während ich zwischen Übelkeit und Blindheit taumel, sehe ich vor meinem geistigen Auge einen kleinen Kerl, der im Sutoscooter sitzt und immer wieder gerammt wird. Bin das ich? Mal im ernst… wer soll das bitte aushalten. So eine Kirmes ist der volle Psychostress. Tief in mich gekehrt fange ich an über mein Leben nachzudenken. Während ich mir einen Backfisch kaufe und an prügelnden Jugendlichen vorbeischlendere, merke ich das ich mich setzen muss. Kopfschmerz, Tinitus und die Aura einer Panikattake schleichen sich langsam heran. Momentan wäre ich wohl neuropsychologisch, biopsychologisch, entwicklungs-, sozial- und tiefenpsychologisch ein Fundus.

Um mich noch ein wenig mehr zu stimulieren, kippe ich ein Bier auf den immer wieder überraschend schmackhaften Backfisch. Magenpsychologisch gehts bei mir nun auch los – aber das gibt’s ja nicht. Als ich mich langsam von der Kirmes schleichen möchte, werde ich auch verkaufpsychologisch noch beeindruckt. Fünf Lose nur sieben Euro fünfzig … zehn Lose nur fünfzehn Euro! Überrascht von diesem Angebot nehme ich gleich zwanzig Lose für dreißig Euro und gewinne ein Spielzeug im Wert von fünfzig Cent. Ja, wirklich … Psychokirmes. In nur einer Stunde wurde ich in meine Kindheit befördert, dazu gebracht, wirklich ernsthaft über mein Leben nachzudenken, eine Panikattacke abzuwehren und wurde verkaufspsychologisch vorgeführt wie ein Schuljunge. Warum gehe ich eigentlich dorthin? Wahrscheinlich genau deswegen.

07


So ein Ding, das Sitzkabinen hat und sich um sich selbst dreht Ein Text von Felix von Pless

Dieses Ding, na, ich weiß nicht so recht, was soll das eigentlich sein, die haben doch da irgendwas zusammengeschraubt, China oder Taiwan, das ist doch nichts was man dem anspruchsvollen Publikum von heute anbieten kann, oder wie soll ich das verstehen, da haben die ein paar Schrauben und Lichter von der Russenmafia geklaut und verhökern diesen wandelnden Metallscherz jetzt als Attraktion auf einer der wohl angesehensten Jahrmärkte des Landes, die müsste man alle verklagen und ab ins Zuchthaus, damit denen Hören und Sehen vergeht oder direkt mit ihrem eigenen Metallmüll fahren lassen, da kommen die eh nicht heil runter, weg von Fenster, ja, das wäre was und überhaupt könnte man denen mal zeigen wie so ein anständiger Looping konstruiert werden muss, so hält das Ganze doch keine zwei Tage, nee, da muss man sich mal den Typen von dahinten anschauen, die haben begriffen, womit man die Leute heute noch begeistern kann, nicht dieser abgedroschene Schwachsinn, den man schon als Kind nicht ausstehen konnte und wo man nur draufgegangen ist, damit man nicht so lange mit Tante Hedchen reden musste, die immer schamlos Vater angegraben hat und Mutter hat einfach nichts gesagt, aber warum auch, sie hatte ja schon zwei Jahre was mit diesem Typen, der heute schon wieder an der Kasse sitzt vor diesem Ding, das Sitzkabinen hat und sich dann um sich selbst dreht, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, eben wie bei meiner Tante, aber jetzt hol ich mir erstmal ne Pommes und dann wollen wir doch mal sehen, was dieses verdammte Ding wirklich drauf hat.


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Audoskuda Ein Text von Vera Kellner

Aua! Meine neuen Ohrringe haben sich schon wieder in meinen Haaren verfangen! Ich bringe alles wieder auf seine Position und checke nebenbei noch, ob meine Brüste auch gut zu sehen sind. Okay! Cool! Geil! Ich muss gut aussehen! Ich will endlich, dass Kevin mich zum Autoscootern abholt! MANN! Komm schon! Seit 40 Minuten räkel ich mich auf der Querstange herum, die an der Anlage befestigt ist. Alle 5 Minuten checke ich in meinem PocketSpiegel ob mein Make-up noch glitzt. Pinker Lipgloss und roter Glitter-Lidschatten – darauf stehen die Kirmes-Gangster! Als ich das neunte Mal zum Spigel greife, entdecke ich meine Zigaretten. Okay, eine geht noch, dann fragt er mich bestimmt. Wenn ich rauche sehe ich einfach megageil aus! Ich werfe ihm einen meiner notgeilen Blicke zu und meine pinken Lippen nähern sich langsam dem Filter meiner Kippe. Geil! Ich nehme einen kräftigen Zug und spucke danach direkt auf das Auto, in dem Kevin fährt. Ich glaube das macht ihn voll scharf. Ich ziehe nochmal an der Kippe. Mir wird total schwindelig. Ich verdrehe die Augen und taumel hin und her. »Nikotin-Fläsh« ruft Tanja, die neben mir sitzt, und ich falle rückwärts von der Stange. Fuck. Kevin kommt zu mir gerannt.

»Es geht mir gut«, sage ich pampig, bevor er dazu kommt, irgendetwas zu sagen. Wie peinlich! Er lädt mich zum Scootern ein. Während er die Chips klarmacht, hole ich meinen Spiegel aus der Tasche. Der Sturz hat meine Haare total zerstört! Scheiße! Kevin ist noch am Schalter. Es ist noch Zeit für eine Runde Haarspray. Ich klatsch mir das Zeug drauf und ruckel noch einmal kräftig an meinem Top. Gut! Jetzt kann man fast alles sehen. Es kann losgehen! Da kommt auch schon Kevin. Wir steigen ein. Kevin steuert die Karre mit seiner linken Hand. Seine Rechte befindet sich an meiner Schulter, später an meiner Titte. Kevin geht richtig ab! Er hat so viel Wodka getrunken und kann trotzdem noch so viele Autos wegbouncen! Wahnsinn! Ich bin total begeistert! Ist das geil! Ich schließe daraus, dass Kevin versteht, wie man Maschinen bedient. Oha! Ich muss unbedingt mit ihm schlafen! Das Auto-Ruckeln macht mich so an. Ich werde total scharf! Ein Augenblick später ist die Runde vorbei und wir steigen aus. Ich ziehe Kevin über den gesamten Platz, rüber zum Dixiklo. Hier geht unsere Fahrt weiter. 11


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Kettenkarussell Langsam setze ich mich in die enge Eisenschale, schiebe den Riegel über die Kette und lasse einfach mal die Beine baumeln. Ich sehe alte Menschen und junge Leute, die sich in die kleinen Sitze drängen und manch einer schaut – seit Jahren immer wieder – skeptisch in die unzähligen kleinen, fast filigran anmutenden Ketten. Langsam setzt sich das Karussell in Bewegung. Ich schaukel ein wenig. Schwung – ich werde schwer und fester in den Sitz gedrückt. Und schon spreizen sich die vielen Tenktakeln des Karussells und schicken die Gondeln in den Abendhimmel. Schneller und höher, das Blut rauscht in meine Beine. Farben, Luft, Rauschen, Fetzen tausender Stimmen und Lachen! Lachen! Hier fliegen Jung und Alt, hoch und weit. Ich atme tief ein, die Farben dieser Welt, sie fliegen vorbei und enden nie. Das Geschäft verleiht dem Treiben dort unten eine kleine Eleganz, und langsam schwebe ich hinab und strecke meine Beine der Welt am Boden entgegen. Die Gondeln senken sich, so manchem giert nun nach etwas Deftigem, manch anderer hätte es lieber heute gelassen.

Ein Text von Martin Rieger


»Ohio Snack« »Du kannst doch nicht schon wieder was essen«, kreischt meine Frau. »Was denn?«, frage ich unschuldig zurück. »Ich bin Jäger!« »Dann schieß mir eine Rose oder jag mir hinterher! Aber sowas machst du nie! Also von wegen Jäger! Ein Sammler bist du! Du sammelst Rettungsringe!«

Ein Text von Charlotte Schreiber

Irgendwie macht sie mir Angst, wenn sie so hysterisch wird. Das heißt nur wieder, dass ich die Nacht auf dem Sofa verbringen muss. Dabei ist unser Sofa so unbequem. Meistens schlafe ich dann bei laufender Flimmerkiste ein; ich liege quer, mein Nacken wird steif. Die Chips rutschen mir vom Bauch und verteilen sich dann auf unserem Teppich. Ach, wie ich sie schon hören kann: »Immer muss ich dir hinterher räumen. Du nimmst nie Rücksicht!«

Hey. – Ich bin Jäger! Ich nehme keine Rücksicht! Und ich jage ja keinen Staubmilben hinterher, sondern vielleicht den schwingenden Ärschen unserer Praktikantinnen, die sich unermüdlich durch unsere Bürogänge schieben und dazu brauche ich mit Sicherheit keine Rücksicht. Schlechte Verteidigung, mein Freund.

»Vor zwei Millionen Jahren hat sich unser Gehirn ausgedehnt, Weib. Nur deshalb konnte die Menschheit überleben. Meine evolutionären Wurzeln wollen Cheeseburger mit Pommes. Ehrlich!«, sage ich und sehe wie sie mit den Augen rollt. Was denn? Ist wahr. Habe ich heute früh in der Zeitung gelesen. Ein Hoch auf die Evolution und: »Einen Cheeseburger mit Pommes, bitte.«


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Ein Text von Stefan Tüshaus

Seit Tagen freute er sich darauf und endlich war es soweit. Seinen Mitschülern hatte er stolz davon berichtet, auch wenn diese keine große Besonderheit in dem für ihn anstehenden Ereignis sahen. Doch für ihn war es das Größte. Sein Vater würde kommen und mit ihm auf die Kirmes gehen. Nicht, dass er noch nie auf der Kirmes gewesen war, aber sonst nur mit seiner Mutter. Doch die war immer so vorsichtig, nichtmal in den Autoscooter durfte man bei ihr. »Das ist zu gefährlich«, sagte sie immer, »die großen Jungs fahren viel zu riskant«. Dabei war das doch gerade der Spaß – den anderen in letzter Sekunde ausweichen und dann selbst mit voller Geschwindigkeit bei Erik Hehrmann hinten drauf fahren, ja das wäre was, der hätte es verdient. Wo er doch immer so ein Angeber ist. »Papa ist ein Mann», dachte er, »der versteht sowas«.

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Doch noch viel besser als der Autoscooter wäre die Schießbude. O ja, die Schießbude. Wenn es eine Sache gab, die ihn von all den grell leuchtenden Lichtern und der wild durcheinander gemischten Musik ablenken und seine volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, dann war es die Schießbude. Noch nie hatte er auch nur eines der Luftgewehre in den Händen gehalten, doch dieses Mal mit Papa, da war er sich sicher, würde er endlich einmal richtig schießen dürfen. Immerhin war er jetzt schon neun und damit eher ein Mann als ein Kind, er hatte die drit-

te Klasse gerade mit Leichtigkeit hinter sich gebracht und war um einiges reicher an Erfahrung. Selbst Herr Enting, sein Klassenlehrer, hatte in sein Zeugnis geschrieben: »Felix ist ein aufgeweckter, junger Mann, der ohne jeden Zweifel zu den lebendigsten seines Jahrgangs gehört«. »Junger Mann« – wenn das nicht für ihn sprach. Er wusste selbst nicht genau, was es war, das ihn so an der Schießbude faszinierte, aber sie zog ihn quasi magisch an. Die riesigen, bunten Plüschtiere unter Decke des umgebauten Wohnwagens, die nur den besten Meisterschützen vorbehalten waren? Der grüne Filz auf dem Tresen, voll von kleinen, weißen Splittern zerschossener Sterne und winzigen platten Metallkügelchen? Die älteren Jungs, die versuchten ihre Freundinnen zu beeindrucken oder sich gegenseitig in ihren Schießkünsten zu übertreffen? Und natürlich die glänzend braunen Gewehre. Selbst die schrullige alte Frau hinter dem Tresen mit ihrem zerzausten, roten Haar, und ständig eine Zigarette im Mundwinkel, selbst sie gehörte einfach dazu. Einmal hatte er beobachtet, wie ein kleines Mädchen ihren Preis umtauschen wollte. Es war ein großer, pinker Plüschbär, fast so groß wie sie selbst. Ihr Vater hatte ihn für sie gewonnen und dafür die Pyramide mit drei Schüssen komplett zum Einsturz gebracht. Doch leider war der Bär völlig durchlöchert


SchieSSbude von Querschlägern und ein Auge war sogar zerbrochen. Doch die alte Frau hatte sie einfach weggeschickt mit der Erklärung, dass es nunmal vorkomme, dass »die Jungs« mal daneben schießen und man halt nicht immer bekommt was man will, sie wüsste das nur zu gut. Wie sauer er damals auf die Frau war. Nur zu gern wäre er auf den Tresen geklettert und hätte ihr gesagt wie gemein sie war, zumal das kleine Mädchen nicht irgendjemand war, sondern Vera Kellner aus der 3c, das schönste Mädchen der ganzen Schule. Zumindest war sie das für ihn. Doch dann war ihm eigefallen, dass er ja auch irgendwann einmal schießen wollte und es sich besser nicht mit der Frau verscherzen sollte. Er wusste schon genau, wie er es anstellen würde, wenn er mit seinem Vater an der Schießbude ist. Sein Vater würde ihn auf die Theke heben, damit er sich auf den grünen Filz knien kann. Die alte Frau würde gemein, grinsend, natürlich mit einer Zigarette im Mundwinkel, sein Gewehr laden, doch ihn würde das nicht beeindrucken. Sie würde ihm das Gewehr geben und den Lauf auf eine der Hilfsstützen legen, doch er würde das Gewehr alleine halten, auf die Pyramide zielen und alle Dosen, aus denen sie bestand, mit einem einzigen Schuss vom Podest fegen. Und dann würde er der alten Frau die Meinung geigen, den schönsten und größten Teddy mitnehmen und ihn Vera am nächs-

ten Tag in der Schule schenken. Ja so würde er es machen, er konnte es kaum noch erwarten. Er sprang auf, als er plötzlich das Auto seines Vaters vorfahren hörte, rannte hinunter und riss freudestrahlend die Tür auf. Da stand sein Vater. Doch irgend etwas stimmte nicht, er sah anders aus. Ja, er war völlig durchnässt. Und erst jetzt nahm Felix den Regen wahr und er ahnte Schlimmes. Die fünf Meter vom Auto zur Haustüre hatten gereicht seinen Vater bis auf die Unterhose durchzuweichen. Und dann: »Tut mir leid Kleiner, das wird heute nichts mit der Kirmes, alle Karussells sind geschlossen.« »Aber doch nicht die Schießbude oder? Die hat doch ein Dach und der Regen macht mir nichts.« »Doch Kleiner, auch die Schießbude. Ich weiß es ist schade, ich hatte mich auch darauf gefreut, aber manchmal bekommt man leider nicht was man will.«

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Dancing in the Dark

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Ein Text von Mareen Fischinger

Das Popcorn auf der Kirmes schmeckt immer viel geiler als zu Hause. Jetzt ist das Popcorn über den ganzen Erdboden verteilt und tritt sich innerhalb von 30 Sekunden fest. Ich glaube, ich kaufe mir so eine Maschine. Aber den Platz habe ich weder, noch will ich ihn schaffen. Ohne die wirr blinkenden Lichter wirkt es vielleicht auch gar nicht so gut. Man könnte jetzt theoretisch mal einen epileptischen Anfall bekommen. Oder vortäuschen. Aus den Lautsprechern kommt nicht nur schlechte Musik, sondern auch noch dieser Sohn vom Besitzer, der rumquäkt. Warum bin ich nochmal mitgegangen? Disco Dance. Das würde irgendwie besser klingen. Obwohl, ich kann ja nicht tanzen. Wenn ich im Club stehe, ist mir das immer peinlich und ich wippe von einem Fuß auf den anderen. Alle schauen mich an, sie können es alle besser.

Und jetzt auch noch auf der Kirmes, die ja eigentlich nichts damit zu tun hat. Aber dieser Name, Break Dance, der macht mich fertig. Break Dance oder was? Wir sind doch nicht 16. Ja okay, was ihr wollt, ich komme mit. Will ja nicht auch noch der Spielverderber sein. Schweißperlen in der Fresse. Festhalten. Und neben mir hängt Nora, wir werden an die Wand gepresst. Ich kann mich nicht konzentrieren, weder auf sie, noch auf dieses Discoding; die Schwerkraft ist zu stark. Irgendwann wird das nochmal was mit uns, sofern sie mich nicht ankotzt.

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Ein Text von Marco Pastuovic

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Nüsse aus aller Welt Heute schon die zuckersüßen, gebrannten Mandeln probiert? Nein? Dann vielleicht die feurig-scharfen Wasabi-Erndnüsse? Auch nicht? Dann wird es aber Zeit! Bei den Nüssen aus aller Welt findet man wirklich Nüsse aus aller Welt. Egal wie exotisch der Geschmack, egal ob pur oder gemischt, hier findet jeder Nussliebhaber alles um glücklich zu sein. Selbst der kleinste Nussfan wird bei den Nüssen aus aller Welt glücklich, denn Schokonüsse oder sogar die feinste Nutellanuss gibt es nur bei uns. Und wenn die Kleinen glücklich sind, darf auch der Rest der Familie nicht fehlen, entspannen sie bei in feinem Jamaika-Rum oder in Eierlikör geschwenkten Mandeln, so dass jeder seine Geschmacksrichtung findet. Das alles nur bei den Nüssen aus aller Welt.

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Gelb, orange, grün und braun. Fahle Töne. Gerollt, zerknüllt, weggeworfen: Nieten: Der Teddy hängt noch. Ein großer, hässlicher Panda. Daneben ein nicht weniger schöner Tiger. Riesig. Einmetervierzig misst er mindestens. Schulterhöhe. Mindestens! Wer einen gewinnt, freut sich übergebührend. Kinder besonders. Magie in Gold und Glühbirnen. Handbemalte Verzierungen. Eine

Bude wie aus einem Film. Könnte siebzig Jahre alt sein, wenn nicht älter. Das fleecige Riesentier wird vom schleimigen Budenbesitzer heruntergereicht. Lässig baumelt das Mikrofon in seiner linken Hand. Mit der rechten hantiert er an einem Besenstil, der mit einem Haken bestückt ist. Die Beute muss aus nicht unerheblichen Höhen

luftgefischt werden. Achja, berät der die Grüne wählende Vater seinen sechseinhalbjährigen Sohn. Plüsch werde aus PET-Flaschen gewonnen, die nur zum Schreddern nach China geschifft werden. Auf rostigen Kähnen. Von Kindern und Frauen zerlegt. Leuchtende Kinderaugen sind schmutziges Geschäft. Sieht man die Stofftiergewinner an anderer

Stelle auf dem Jahrmarkt wieder, sind die Augen nicht mehr leuchtend. Genervt und mit hängenden Armen wird der Polsterelefant mit den Glubschaugen hinter sich her geschleift. Viele Souveniere dieser Art schaffen es nicht mal bis ans Auto, geschweige denn ins traute Heim. Großgenuge Mülltonnen stehen am Parkplatz bereit. Eintritt frei im Tonnenzoo!


Ihr Nieten! Ein Text von Erik Hehrmann

Der Boden ist übersät. Lohse Lose. Papierröllchen aufgerollt. Zettel zerknüllt. Man erzählt sich von Leuten, die den Boden nach versehentlich fallen gelassenen Nichtnieten absuchen. Ein Trauerspiel. Zu jeder Jahreszeit rascheln die Vorbeigehenden wie im herbstlichen Blätterwald.

»Jedes Los nur fünfzich Zent! Verzehnfachen Sie Ihre Gewinnchance mit zehn Losen!« Aber gerne doch! Zehn Nieten.


Aaanschnallllennn Ein Text von Antje Bunzel

Ein seltsames Aromagemisch aus Currywurst, Altbier und kandierten Erdbeeren stieß ihr unangenehm den Hals hinauf. »Reiß dich jetzt bloß zusammen« dachte sie. Der Wind blies ihren Rock leicht hoch. Sie schämte sich ein bisschen. »Wie hoch wir jetzt schon sein mögen? 10 Meter? 40? 176?« Sie wusste es nicht. Und eigentlich wollte es auch gar nicht so genau wissen. Nora hatte schon die Augen geschlossen gehalten, seit ihre Füße den Boden nicht mehr berührten. Sie spürte ihren Magen lauter rumoren.

»Ist der Hammer, oder?« rief ihr der verdammt gut aussehende Typ von rechts lachend zu. Sie nickte, strich sich die Locke aus dem Gesicht, blinzelte vorsichtig und quälte sich ein Lächeln raus. Um sie drehte sich alles. Na klar, war ja auch ein Karussell. Eins von diesen GANZ modernen Dingern. Höher, schneller, lauter! »Aaaanschnaaaaaaalllllllllllen Partyleuttääää, es geht noch eiiiine Etage höööööööööööher, har har har har« tönte es blechern aus den Riesenboxen, untermalt mit den hämmernden Technobässen von Mark Oh, oder Marusha oder irgend so einem peinlichen 90er-Schrott. Scheiße. Das half herzlich wenig dabei zu unterdrücken, dass sie doch eigentlich tierische Höhenangst hatte, schon seit sie sich erinnern kann. So etwas ändert sich nicht einfach so nach 34 Jahren.

Normalerweise hätten sie keine zehn Pferde auf dieses Höllengerät gebracht. Normalerweise. Doch hey, das hier war das erste Date – und überhaupt das erste Date seit Jahren, da konnte sie dich doch nicht so anstellen. Oder doch? Egal, nun war es ja sowieso zu spät, darüber nachzudenken. »Jeeetzt geeeht‘s abwääääääääääärts har har har« brüllte der Mann da unten. »Schnautze!« dachte sie, eine Millisekunde danach spürte sie die Kraft von geschätzten 6 G auf ihren Schultern, und es machte Wooooooooosh, abwärts im freien Fall. Die nächsten 20 Sekunden über versuchte Nora mit jedem rasanten Auf und Ab tapfer zu sein. Die ganze Zeit hoffte sie, dass die Hornbrille nicht von ihrer Nase und direkt in die Menge der ameisenkleinen Menschen fiel – und dass dieser Tom es wert war, diesen Höllenritt auf sich zu nehmen.

Endlich, das Spektakel war vorüber. Sie hatten wieder sicheren Boden unter den Füßen. Nora torkelte leicht benommen mit zittrigen Füßen in ihren Birkenstocksandalen auf Tom zu. »Hat sich doch fast so geil angefühlt wie ein Orgasmus, oder?« zwinkerte er ihr zu und flüsterte anschließend leise zu ihr »ach übrigens: hübsches Höschen…«. Dies sollte der orgasmatischste Moment an diesem Abend bleiben. Nora kotzte also auf sein Lieblingshemd. Wahnsinn, alles war noch deutlich erkennbar: Currywurst, Altbier und kandierte Erdbeeren.

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Achterbahnen wo sie unter dem Namen Montagnes Russes (»russische Berge«) bekannt wurden. Die ersten Achterbahnen in der heutigen Vorstellung bildeten mit einer Holz-Konstruktion eine geschlossene Strecke mit Bergen und Tälern (daher auch die Bezeichnung Berg-und-Tal-Bahn), die von einem allein durch die Schwerkraft angetriebenen Zug befahren wurde. Dazu wurde der Zug durch einen Kettenlift über den Lifthill auf eine ausreichende Höhe befördert. Eine Achterbahn ist ein Fahrgeschäft, bei dem ein oder mehrere auf Schienen fahrende Wagen oder Züge eine derart beschaffene Strecke befahren, dass Passagiere gefahrlos außergewöhnliche G-Kräfte erleben können. Achterbahnen zählen zu den klassischen und größten Attraktionen auf Volksfesten und in Vergnügungsparks. In Österreich werden sie auch Hochschaubahnen genannt. Der Ursprung dieser Fahrgeschäfte liegt im 16. Jahrhundert in Russland. Abfahrten (Drops) aus Holz wurden mit Wasser übergossen, das durch die Temperatur gefror, so dass man diese künstlichen »Berge« herunterfahren konnte. Damit man auch im Sommer fahren konnte, wurden später Schlitten auf Rädern entwickelt. Diese Idee brachten Napoleons Soldaten nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich,

Die erste regelrechte Achterbahn (in Form der Ziffer 8) wurde 1898 auf Coney Island eröffnet. Einen anderen Ursprung hat die Achterbahn in einer zweckentfremdeten Kohleminenbahn in Mauch Chunk, Pennsylvania, die 1870 zu Vergnügungszwecken genutzt wurde. Nach diesem einfachen Hügelab-Konstruktionsprinzip wurde schon 1884 von LaMarcus Adna Thompson auf Coney Island die so genannte Gravity Pleasure Switch Back Railway gebaut. Die erste Achterbahn Deutschlands, die aus Holz gefertigte Riesen-Auto-Luftbahn, wurde 1908 im Vergnügungspark der Ausstellung München vorgestellt. Der heute gebräuchliche englische Name roller coaster rührt zum einen von dem Begriff coaster car, der dem deutschen Seifenkisten-Wagen entspricht und den Rollen, die der Achterbahnverlauf beinhaltet.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Achterbahnen, vor allem in den USA rasant, bis die Weltwirtschaftskrise am Anfang der 1930er Jahre das Ende dieser Entwicklung setzte. Als kompliziertere Stahlkonstruktionen möglich wurden, begann man auch beim Bau von Achterbahnen diesen Werkstoff zu nutzen, da dieser neben Auf- und Abfahrten komplexere Fahrelemente erlaubt. Die klassischen Holzachterbahnen konnten dadurch allerdings nicht verdrängt werden, denn diese erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit. Heute ist ein Trend zu immer schnelleren, spektakuläreren und schwindelerregenderen Achterbahnen feststellbar – dadurch sind Spitznamen wie Organisiertes Erbrechen oder Kotzmühlen erklärbar. Dem gegenüber steht ein Trend zu immer ausgefalleneren Konstruktionen, die auch auf kleinem Raum und ohne Rekorde ein besonderes Erlebnis bieten. Inzwischen gibt es unzählige verschiedene Achterbahntypen, die nach verschiedenen

Kriterien unterschieden werden. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Holzachterbahnen (Wooden Coaster) und Stahlachterbahnen (Steel Coaster), wobei hier das Material der Schienenkonstruktion, nicht das der Stützen maßgeblich ist. Es gibt Achterbahnen mit Holzschienen und Metallstützen und umgekehrt. Ein weiteres grundsätzliches Unterscheidungsmerkmal ist die Aufteilung in transportable und stationäre Bahnen. Neben der klassischen Achterbahnen im Sitzen (Sit-Down Coaster) unterscheidet man bei Stahlbahnen nach der Wagenform.


hungsweise Shoot the Chutes dar. Puristen erkennen Powered und WaterCoaster oft nicht als »richtige« Achterbahnen an, da ihnen klassische Merkmale einer Achterbahn fehlen. Als klassische Merkmale zählen sie zum Beispiel mindestens eine Bergauffahrt aus eigener Kraft (beim Powered Coaster nicht gegeben) und das ständige Fahren auf Schienen (beim WaterCoaster teilweise nicht gegeben).

So gibt es Typen, in denen man unter der Schiene fährt (Inverted Coaster und Suspended Coaster), im Wagen steht (Stand-Up Coaster), liegt (Flying Coaster) oder bei denen der Zug-Boden fehlt (Floorless Coaster). Weiterhin gibt es Achterbahnen mit Wagen, die sich horizontal drehen können (Spinning Coaster) und solche, bei denen die Sitze der Wagen selbst Überschläge ausführen können (z. B. 4th Dimension Coaster und Ball Coaster). Klassisch werden die Wagen oder Züge nach Transport auf einen Hügel (Lifthill) durch die Schwerkraft angetrieben. Daneben gibt es durch Elektromotoren (auch Linearmotoren) im Zug angetriebene Achterbahnen (Powered Coaster) und Abge-

Ein weiterer Grenzfall sind die zu den Sommerrodelbahnen gehörenden AlpineCoaster. Sie fahren zwar auf einer geschlossenen Schienenstrecke, ihnen fehlt aber die eigenständige Bergauffahrt. Von den klassischen Achterbahnen unterscheiden sie sich außerdem in der Möglichkeit, die Geschwindigkeit des Wagens selbst durch Bremsen zu kontrollieren.

schossene Achterbahnen (Launched Coaster) mit Katapultstart. Neben den Bahnen mit geschlossener Streckenführung gibt es sogenannte Shuttle Coaster, bei denen die Strecke offen ist und die Wagen sie zweimal durchfahren, vorwärts und rückwärts. Bei sogenannten Möbius-Achterbahnen beschreibt die Strecke eine Unendlichkeit in der Art des Möbiusbandes. Es starten dazu zwei Züge in zwei verschiedenen Stationen und am Ende der Fahrt befinden sich beide Züge jeweils in der Station, in der der andere gestartet ist. Weiterhin gibt es Doppelanlagen. Je nach Art des Aufbaus spricht man von Racing Coaster, wenn die Spuren parallel laufen und die Wagen sich ein »Rennen« liefern, oder von Duelling Coaster, wenn die Strecken ähnlich und gleich lang sind, aber nicht parallel verlaufen. Ferner werden große Achterbahnen oft durch ihre Höhe in Stadien eingeteilt. Hier

sind insbesondere Mega Coaster (über 150 ft ≈ 46 m), Hyper Coaster (über 200 ft ≈ 61 m), Gigacoaster (über 300 ft ≈ 91 m) und Teracoaster (über 400 ft ≈ 120 m) zu nennen. Diese Namen verwischen allerdings teilweise mit den Typenbezeichnungen der Hersteller. Des weiteren stellen Wasserachterbahnen (Water-Coaster) eine Kombinationen aus Achterbahn und Wildwasserbahn bezie-

Natürlich gibt es auch Kombinationen aus den verschiedenen Typen, zum Beispiel Inverted Launched Shuttle Coaster wie Wicked Twister in Cedar Point, Ohio. Um die Sicherheit der Mitfahrer und Außenstehenden zu jedem Zeitpunkt zu gewährleisten, werden bei Achterbahnen verschiedene zum Teil redundante Sicherheitsmechanismen und -systeme eingesetzt. Zwar soll die Fahrt auf Achterbahnen das Gefühl der Gefahr vermitteln, tatsächlich gehören sie aber, statistisch gesehen, zu den sichersten Gefährten der Welt.


Ein Rätsel von Jennifer Muhren

Ich bin älter als die Menschheit und gelte schon lange nicht mehr als heilig. Exorzieren wäre sinnlos. Gesucht ist ein Wort, nicht ganz die Fallsucht, ein Krankheitsbild mit spontan auftretendem Anfall. Eine synchrone Entladung. Unwillkürlich stereotype Verhaltenstörungen. Ein EEG schafft Gewissheit. Antikonvulsiva unterdrücken mich. Generalisiert bin ich konvulsiv, nicht konvulsiv oder myoklonisch. Ich halluziniere, meine Umgebung verschwimmt. Lieber 60/100.000 als 3,4%. Verrät mich meine Aura?

Lösung: Epilepsie


Manche Karrussels rauben mir den letzten Nerv. In Todesangst hoffe ich darauf, jemals wieder lebendig davon runterzukommen. Ich kralle mich fest mit aller Gewalt und bete. Lieber Gott. Oh mein Gott. Kaum auszuhalten. Und dann hab ich auch noch Geld daf端r bezahlt. Da rauch ich lieber...

Ein Schlusswort von Wilma Elles


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Fotografie und Gestaltung: Mareen Fischinger, 01/2010


Größte Kirmes am Rhein