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2012

Brandenburgischer Kunstpreis de r m 채 r k is ch e n ode r z e i t u ng i n ko o pe r at io n mit der stiftung schloss neuh a r denberg


2012

Brandenburgischer Kunstpreis de r m 채 r k is ch e n ode r z e i t u ng i n ko o pe r at io n mit der stiftung schloss neuh a r denberg


Liebe besucherinnen und besucher, in Brandenburg gibt es alte und junge Traditionen. Zu den noch frischen zählt die Verleihung des Brandenburgischen Kunstpreises der Märkischen Oderzeitung, die in diesem Jahr zum neunten Male erfolgt. Dieser Kunstpreis ist also ein junger und gleichwohl renommierter Preis. Bemerkenswert an ihm ist, dass eine große Tageszeitung ihn Jahr für Jahr erneut auslobt. Brandenburg ist ein Land der Bildenden Künste und der Kunstpreis hat in den letzten Jahren vermocht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. 2012 wurden 158 Werke – Malereien, Plastiken und Grafiken – eingereicht, aus denen die diesjährigen Preisträger auszuwählen waren. Lutz Friedel aus Schönholz (Malerei), Hans-Georg Wagner aus Cottbus (Skulptur) und Matthias Körner, ebenfalls aus Cottbus (Grafik), sind schließlich die Gewinner. Ihnen allen meinen herzlichen Glückwunsch! Den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten für ein künstlerisches Lebenswerk darf ich in diesem Jahr Harald Metzkes überreichen. Er lebt seit Beginn der 1990er Jahre in Altlandsberg. Sein Œuvre ist in Berlin entstanden und weist doch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht der Mensch. Davon hat er, der mit seinen Freunden allen Dogmen skeptisch gegenübersteht, bis heute nicht Abstand genommen: »Man muss sich dessen bewusst sein, dass man ihn nicht nach einer Manier packen kann: Das ist es, was mich interessiert«, sagte er einmal in einem Interview mit der Märkischen Oderzeitung. Gegen die ideologischen Verblendungen der Zeit setzte er die Auseinandersetzung mit der Klassischen Moderne, vor allem mit der Malerei des Franzosen Paul Cézanne. Er wurde »unsere große Akademie. Wir sind vom späten Cézanne rückwärts zum frühen vorgestoßen und haben dabei Grundlagen gesammelt, die jeder für sich anders auswertete«, erklärte Metzkes einmal. Der »Cézannist vom Prenzlauer Berg« wurde zum führenden Kopf der »Berliner Schule«. Sie knüpfte an eine Tradition an, denn Cézanne war schon einmal ein Vorbild, als es darum ging, gegen die Vorherrschaft akademischer Kunst im Kaiserreich anzukämpfen. Doch führte der Weg Metzkes über Cézanne hinaus. 1975 erklärte der Künstler, die Natur und das Auge seien sein Programm: »[…] Malkultur als Verfeinerung des zeichnerisch-farbigen Ausdrucks ist das hohe Ziel. Verfeinerung bedeutet dabei deutlicheres Herausarbeiten der Formen, ihre logische Verknüpfung und schlackenfreies Verschmelzen von Farbflecken und Linien. Das alles muss unter dem Diktat des Erlebnisses geschehen, der Begeisterung für den Glanz, der alle Gegenstände überhaucht, mit dem Mut, das Erreichte aufzugeben und zu zerstören damit etwas entsteht parallel zur Schönheit der Natur. Auch wenn man in tiefster Trauer malt, leuchten und glänzen die Gegenstände.« Diese Programmatik der »Berliner Schule« hat ihre Mitglieder zu herausragenden Leistungen befähigt.


Das Werk Harald Metzkes’ ist breit angelegt. Neben der Malerei stehen Grafik und Buchillustrationen; die Literatur von ihm sowie über ihn ist zahlreich und auch eine filmische Dokumentation gibt es seit einigen Jahren. Seine Arbeiten sind durch Zeit, Erfahrung, Reflexion und nicht zuletzt Können gereift. Sie haben sich einen Platz in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts erobert. Und sie werden auch in unserem noch jungen Jahrhundert Ausdruck eines künstlerischen Schaffens sein, das Bestand haben wird. Ich wünsche allen Besucherinnen und Besuchern auf ihrem Rundgang durch die Ausstellung viele neue Entdeckungen aus dem Brandenburger Kunstschaffen, Inspiration, Innehalten und vor allem Freude an den Werken derjenigen, die es mit diesem Kunstpreis zu würdigen gilt: die Künstlerinnen und Künstler unseres Landes! Ihr Matthias Platzeck Ministerpräsident des Landes Brandenburg

P r o f. D r . S a b i n e K u n S t

statt bLumen mitzubringen, ist es besser, gemeinsam weLche zu pfLanzen Eva Kretschmer startet mit ihrem Hupe-Epizentrum in der Prignitz ein neues sozio-kulturelles Projekt Wege übers Land hieß Ende der 1960er Jahre eine der erfolgreichsten ddr-Fernsehserien, die das Schicksal einer Neubäuerin im Osten Deutschlands nachzeichnete. Ein Straßenfeger mit Ursula Karusseit, Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl, Angelica Domröse und Hilmar Thate in den Hauptrollen, der nicht nur mit seinen heiklen politischen Bezügen zwischen Flucht, Vertreibung und sowjetischer Besatzungszeit dem gleichgeschalteten PropagandaApparat der ddr trotzte, sondern der vor allem durch seine Empathie für die Sorgen und Nöte der einfachen Leute auf dem Lande für Furore sorgte. Selten wurden die Akteure einer im Aufbruch befindlichen Gesellschaft so genau und so vielschichtig gezeichnet wie in diesem Filmkunstwerk von Martin Eckermann. 50 Jahre später zieht die in Sachsen geborene und in Berlin lebende Künstlerin Eva Kretschmer ebenfalls übers Land, mit ihrem Wohnmobil und mit vielen Ideen im Kopf. Aber nicht etwa, um mit pastoraler Geste brandenburgischen Bauern die Implikationen und


Zukunftsvisionen der Berliner Kunstszene zu vermitteln, sondern, um diese Leute einzuladen und mitzunehmen auf eine für beide Seiten ungewohnte Reise. Hin zu neuen Entdeckungen, Erfahrungen und neuen Freundschaften – mitten in einem Land, dass eine neue Identität sucht: Zwischen Landidylle und scheinbarer Weltverlorenheit auf der einen Seite und schriller, scheinbar weltentfremdeter Kunst auf der anderen. Hupe Design Brandenburg nannte denn auch Eva Kretschmer geradezu trompetenhaft ihr »soziales Kunstprojekt« 2011, das sie viele Monate durch die Mark führte. Hier lernte sie die Menschen kennen, erwarb Vertrauen und gewann mit ihrer sozial-künstlerischen Arbeit schließlich auch ihre Herzen. Und hier kam die 30-jährige Künstlerin zu der Erkenntnis, dass man die ländliche Region eben nicht mit kurzlebigen, selbstverliebten (Kunst) Aktionen erobern kann. Soll heißen: Statt Blumen mitzubringen, ist es besser, gemeinsam welche zu pflanzen. Insofern ist Eva Kretschmer, eben wie in jenem tv-Roman aus den 60ern, auch eine Art Neubäuerin. Nur ist ihr Feld das der Kunst, ihr Gehöft ein für manche abenteuerlich improvisiertes Atelier. Und ihre Werkzeuge, Sichel und Sense etwa, sie kommen überall da zum Einsatz, wo beiderseitige Vorurteile wuchern und der Blick auf das Neue und Verbindende noch verstellt ist. Wie anders ist dieser Projektansatz zu nennen, als mutig und innovativ? Ich freue mich daher sehr, dass die Jury des Brandenburgischen Kunstpreises der Märkischen Oderzeitung 2012 Eva Kretschmer für den erstmalig ausgelobten NachwuchsFörderpreis Bildende Kunst vorgeschlagen hat. Denn ihre über den Tag hinaus konzipierte Kunst im ländlichen Raum zielt auf Identität, auf Nachhaltigkeit und Vernetzung der Menschen in Brandenburg. Das sollte und könnte mit ihr und durch ihr Wirken Schule machen. Und ich freue mich auch, dass die Initiative meines Hauses schon zum Jahresende erste Früchte tragen wird. Denn indem wir diesen Förderpreis als sechsmonatiges Stipendium angelegt haben, kann und wird Eva Kretschmer weiter an ihren Projekten im ländlichen Brandenburg arbeiten können. Sei es im Rahmen der Initiative Dorf-Design, ihrem Autokino Zempow oder der Langen türkisch-deutschen Autoschrauber-Nacht. Und so verbindet sich mit diesem Preis auf ideale Weise unser Anliegen, junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern, mit der Notwendigkeit, im Flächenland Brandenburg neue lokale und regionale Identitäten zu schaffen. Ich wünsche Eva Kretschmer für die Fortsetzung ihres künstlerischen Weges durch die Mark weiterhin viel Erfolg und bin froh darüber, sie mit diesem neuen Förderpreis dabei unterstützen zu können.


bernD Kauffmann

denkzwischenfäLLe Sie muten an wie ein Paradoxon in den nicht enden wollenden Diskussionen über zuviel oder zu wenig Staat: Die ständigen Warnungen vor der Undurchschaubarkeit des Staatsmechanismus, die floskelhaft, freibeuterisch vorgetragene Sorge über seine fehlende Transparenz und der ritualisierte Klagegesang über die Ausweitung des ›Muttistaates‹ mit seiner fürsorglichen Belagerung samt den damit einhergehenden Spannungen zwischen den unheiligen Schwestern Freiheit und Gleichheit. Angesichts der fortschreitenden globalen Vernetzung alles Irdischen einerseits und der sich verstärkenden Forderung nach mehr Nationalstaatlichkeit als Reaktion auf diese internationale Entwicklung andererseits taumelt der sogenannte deutsche ›Staatsbürger‹ richtungslos im Irrgarten der tagespolitischen Argumentationen umher. Dazu fühlt er sich zutiefst vom Druck der Angst vor Inflation, Verarmung, Überfremdung, Terrorismus etc. umstellt, begleitet und belastet. Was Wunder, daß unser ›deutscher Bürger‹ mit solchen ›Dybuks‹ im Nacken fast ohne reflektierendes ›Zwischengas‹ dazu neigt, zügig ins leicht Hysterische zu verfallen, wenn in schöner Regelmäßigkeit wieder eine andere Sau der Bedrohung durchs mediale Dorf getrieben wird: Eurokrise, Migrations- und Assimilationsproblematik (spätestens seit Sarrazin), höheres Rentenalter, demographischer Wandel und Kinderbetreuungsgerede, kulturelle Diversität, rapide soziale Ausdifferenzierung, Verrohung im Alltag und ansteigende Kriminalität, Deutschlands unklare Rolle in der politischen Welt und das Verschwinden des Religiösen im säkularisierten ›European Village‹. Und weil die Rolle der sogenannten Führungseliten in Politik und Wirtschaft in diesem freudlosen nationalen Verwirrspiel um Selbstverständnis auf allen sozialen Ebenen scheinbar nur darin besteht, diese Orientierungslosigkeit in Sprache und Inhalt zu forcieren, wird die Frage immer lauter, was in dem Vakuum deutscher Selbstdefinition denn als erfolgversprechende Füllmasse und als Bindekitt dienen könnte? Und was den Bindekitt betrifft, so erodiert der nicht nur im Verhältnis der Menschen zum Staat, sondern auch im Umgang der Menschen zueinander in der Gesellschaft selbst. Das Spiel der ichsüchtigen Maskierung hat sich unter die Menschen begeben und sich im öffentlichen, im gesellschaftlichen und im politischen Leben breiten Sitz und laute Stimme verschafft. Angesichts erodierender gesellschaftlicher Verhältnisse im nationalen Rahmen wie auch im internationalen Beziehungsgeflecht wird jetzt auf der Suche nach solch einem aussichtsreichen Hort der Solidität und nach einer Reassekuranz des sozialen, menschenfreundlichen Verhaltens jenseits von Geld und Gier wieder retrospektiv in alten Schubladen gekramt, die die Aufschrift ›Gute alte Zeit‹ tragen und seinerzeit zum Stabilbaukasten für ein vermeintliches ›bürgerlich-kulturelles Gemeinschaftsdenken‹ herhalten mußten, das, falls es doch je existierte, auch längst verschwunden ist. Das aber ändert nichts an der Tatsache, daß das


Links: Wieland Förster, Ehrenpreis des Ministerpräsidenten für ein Lebenswerk, Bronze, 28,5 x 7 x 6 cm Mitte und rechts: Aus Tonziegeln formte die Bildhauerin Sabine Heller die Statuetten, die in diesem Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis für Malerei, Graphik und (Klein) Plastik symbolisieren sollen.

Kulturelle als Bindekitt einer Gemeinschaft samt Herkunft und Zukunft unerläßlich für die Wiederkehr des Kreativen, des Künstlerischen ist. Womit wir bei Kunst und Kultur sind und bei der alten Erkenntnis, daß eine Gesellschaft blind und taub (wenn auch nicht stumm) dahinlebt, sofern sie sich nicht im Prozeß der individuellen künstlerischen Auseinandersetzung selbst reflektiert, infrage stellt, korrigiert, kritisiert, maßregelt und radikalisert, um sich im Verändern zu bewahren. Denn Gemeinschaft ist nichts Statisches, sie geht verloren, wenn sie ihre Gewißheiten und Gewohnheiten verstaatlicht, sie zerfällt unter dem Rettungsschirm der institutionalisierten Versorgungspauschalen in unverbindliche Ansammlungen, wabernde Konglomerate, die stets und ständig aus der Fassung geraten, weil sie sich ihrer Herkunft und Zukunft nicht vergewissern, worin das Wort ›Gewissen‹ nicht zufällig enthalten ist. Eine Gemeinschaft hat dann Kultur, wenn sie der Kunst als dem Medium und dem Element dieses Kritischen die nötigen Existenzbedingungen schafft und garantiert, um sich von ihr, wenn es sein muß, vorführen, aber auch verführen zu lassen. Das muß Gemeinschaft dann nicht nur aushalten wie den nächsten wohlfeilen Trip auf der Jagd nach dem schärfsten Tabubruch, sie muß es sich auch etwas angehen lassen, es muß sie, insoweit es sie betrifft, auch real betroffen machen. Aufgabe der Kunst ist es, sich die Gesinnung nicht abkaufen zu lassen und in ihrer unbarmherzigen Zuwendung, streitvollen Hingabe und unschuldigen Maßlosigkeit nicht nachzulassen, sondern paradoxe Eingriffe und Denkzwischenfälle zu schaffen und immer wieder dem Wirklichkeits- den Möglichkeitssinn abzutrotzen und ihm entgegenzuhalten. Den Preisträgern des Brandenburgischen Kunstpreises und allen Künstlerinnen und Künstlern, die sich in diesem Jahr in den verschiedenen ›Kategorien‹ um ihn beworben haben, meinen Respekt und auf den ›Knien meines Herzens‹ meinen großen Dank für ihr Engagement und ihr kreatives Tun.


franK mangelSDorf

brandenburg bLeibt für künstLer ein begehrter kunstraum Es ist mehr als ein glücklicher Umstand, dass unser Land Brandenburg eine Region Deutschlands ist, die – bei aller gesellschaftlichen Veränderung – seit Jahrzehnten immer wieder von Künstlerinnen und Künstlern bevorzugt als Lebens- und Arbeitsraum gewählt wird. Manche von ihnen hatten Grund, hier Ruhe und Abgeschiedenheit zu suchen, der Großstadt zu fliehen. Andere wollten sich mit Freunden und Kollegen gemeinsamen künstlerischen Projekten widmen, und wieder andere sich der Aufsicht staatlicher Kulturbürokratie entziehen. Der humanistisch gebildete – sattelfest im Lateinischen wie im Griechischen – bekannte Maler Harald Metzkes, dem der Ministerpräsident Matthias Platzeck 2012 den von ihm gestifteten Ehrenpreis für das Lebenswerk eines in Brandenburg lebenden Künstlers verleiht, überrascht in seinem im Jahr 2000 erschienen Buch Ich und Herr H. mit dem Geständnis, 1979 zum ersten Mal nach Neuhardenberg gekommen zu sein. In seinem Essay Marxwalde, wie der Ort damals hieß, berichtet er von seinem Erkenntnisgewinn über Details der Brandenburgischen Geschichte. Der eher nicht zum Schwelgen neigende Künstler berichtet begeistert von den hochgewachsenen Wiesen, die einen Teil des Schlosses verdeckten, von den »wundervollen Eichen vor seiner Gartenfront«, dem hellen Licht und dem Laub, das in der Sonne eine unbeschreiblich leuchtende Farbe schuf. Es ist nicht verbürgt, ob dieses Erlebnis den Ausschlag gab, dass Harald Metzkes mit seiner Frau und zwei seiner Kinder vor 20 Jahren aus Berlin nach Märkisch-Oderland übersiedelte. Einer, der von diesem Entschluss profitierte, ist der Maler Lutz Friedel. Er hatte nach bewegten Jahren in Ost- und Westberlin sowie in Italien Anfang der 1990er Jahre das Glück, das nach Metzkes’ Umzug verwaiste Atelier am Kollwitzplatz in Berlin Prenzlauer Berg zu beziehen. Bald aber siedelte auch er sich im Havelland an, übrigens ganz in der Nähe von Bernhard Heisig, der an der Leipziger Hochschule und an der Akademie der Künste sein Meister war. Diese Landschaft regte den Maler expressiver, großflächiger Bilder zur intensiven Beschäftigung mit bildhauerischen Arbeiten an. Seine beeindruckenden Holzskulpturen in der Ausstellung Walhall der Nichtse 2004 in St. Marien zu Frankfurt (Oder) beziehungsweise im Dom von Brandenburg/Havel werden vielen Besuchern in Erinnerung bleiben. Viele Jahre war Holz ausschließlich das Material des Bildhauers Hans-Georg Wagner. Beredtes Beispiel dafür ist sein Hohelied des Lebens, dem er mit seinen Skulpturen aus der Hornoer Kaiser-Wilhelm-Eiche Gestalt gab. Als er von den Bürgern des in der Lausitz gelegenen und vor neun Jahren dem Braunkohleabbau zum Opfer gefallenen Ortes gebeten wurde, aus dem Stamm des 1897 zu Ehren des 100. Geburtstages Kaiser Wilhelms


gepflanzten Baumes ein Erinnerungszeichen zu schaffen, nahm Wagner diesen Auftrag sehr bewegt an. Entstanden ist ein Zeitdenkmal, das im Oktober 2006 eingeweiht wurde und seitdem der Erinnerung an den über Jahrhunderte organisch gewachsenen alten Ort Horno dient. Seit kurzem und nicht zuletzt ermuntert durch seine Kollegin Sylvia Hagen entstehen in Wagners Cottbuser Atelier filigrane Skulpturen, die seine teils monumentalen Holzarbeiten kontrastieren. Figuren, die auf ausgeklügelte Weise entstanden sind, indem er Holzspäne mit Wachs verbindet, und die er dann in Bronze gießt. Ganz bei sich bleibt der Künstler mit einer Großplastik, die zurzeit vor den Toren seiner Heimatstadt entsteht, und in der die Sage von der Entstehung des Spreewaldes Gestalt annehmen soll. Für das produktive Kunstpflaster in und um Cottbus spricht, dass der diesjährige GrafikPreisträger gleichfalls dort lebt und schafft. Und mehr noch, Matthias Körner, versteht sich als Mentor von inzwischen mehreren Künstlergenerationen. Ein Engagement, das ganz im Sinne des Brandenburgischen Kunstpreises ist und gewiss auch dazu beiträgt, dass die Spreewaldregion über eine so kreative Kunstszene verfügt. Neben seinen häufig großformatigen Acrylbildern beschäftigt sich Körner seit den 1990er Jahren mit der Fotografie. Entstanden ist aus dem Ringen um dieses Medium sein 2011/12 in ungewöhnlicher Technik geschaffener Apostel-Zyklus, bei dem im Tiefdruckverfahren Zeichnungen, Malerei und eben auch Fotos auf eine Druckplatte übertragen werden. Die Intagliotypie, so versichert der Künstler, sei nicht nur eine umweltfreundliche Alternative zur Ätzradierung. »Das Licht erscheint lichter, das Dunkel dunkler.« Ich teile Matthias Körners Freude, dass ihm dieses Experiment gelungen ist und zeichne ihn mit dem Grafik-Preis 2012 aus. Das umso herzlicher, als er vor drei Jahren bereits mit dem von der Märkischen Oderzeitung in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg vergebenen Brandenburgischen Kunstpreis für Malerei geehrt werden konnte. Mein Respekt und meine Verehrung gilt der Kulturministerin Frau Sabine Kunst, dass sie in Zeiten der kulturellen Enthaltsamkeit mit ihrer Stiftung eines opulenten Stipendiums für junge Künstler unseres Landes ein Zeichen setzt. Sechs Monate wird nun die 30-jährige Absolventin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Eva Kretschmer, durch entlegene Regionen Brandenburgs fahren, um das Leben der dort lebenden Bürger zu erkunden, in verschiedenen Projekten darzustellen und damit Identität zu stiften. Dankbar bin ich der Stiftung Schloss Neuhardenberg, die auch für diesen neunten Brandenburgischen Kunstpreis Kooperationspartner ist und die Ausstellung möglich macht. Ich danke vor allem dem Ministerpräsidenten des Landes, Matthias Platzeck, dessen Schirmherrschaft und zum fünften Mal verliehener Ehrenpreis diese Auszeichnung zu einem weit über die Region hinaus beachteten Ereignis machen. Und nicht zuletzt der Kulturministerin Sabine Kunst, die die Geltung des Brandenburgischen Kunstpreises mit Ihrem in diesem Rahmen erstmals vergebenen Förderstipendium unterstreicht.


Jörg maKarinuS

» geh’ vom häusLichen aus und verbreite dich« Harald Metzkes erhält den Ehrenpreis für sein Lebenswerk von Ministerpräsident Matthias Platzeck

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Vor gut zwanzig Jahren veröffentliche Harald Metzkes sein Künstlerbuch Brandenburgischer Triangel. Es ist ein Gang durch die Landschaft und ihre Geschichte. Mit den Worten »Wo wir sind und was wir sehen, das sind zwei sehr verschiedene Dinge« beginnt er die erste literarische Skizze. Sie beschreibt, wie er als Sechzehnjähriger im letzen Aufgebot der Wehrmacht den Beginn der Schlacht um die Seelower Höhen erlebte; die letzte Episode erinnert das Ende der deutschen Ostfront wenige Tage später, als er nahe Neuhardenberg stationiert war. Man möchte meinen, das traumatische Schicksal seiner Generation liege deutlich vor ihrer künstlerischen Emanzipation. Wenn Metzkes aber Jahrzehnte später und bis heute immer wieder Goldoni – oder Herrn H., also sich selbst – mit den Figuren der Commedia dell’Arte in diese Landschaft malt, so ist das neben anderem auch eine Antwort auf die eigene Biographie. Und es ist zu fragen, ob für viele seiner Generation die Kunst deshalb zu einem alternativen Lebensentwurf werden konnte, weil sie sich falschen Instrumentalisierungen zu entziehen vermag. Zu den frühesten Gemälden des heute kaum noch überschaubaren Werkes von Harald Metzkes zählen etwa ein Dutzend Selbstporträts. Die Darstellung einer Theater-Szene und einige Bildnisse ihm nahestehender Menschen unterbrechen den Blick in den Spiegel. Erste Landschaften kommen fast zögernd hinzu. Sie sind ausnahmslos von der Brühlschen Terrasse aus gemalt worden, sozusagen vor der Haustür der Dresdner Kunsthochschule. Man könnte meinen, der junge Maler sei nicht weit gegangen, um sein Werk zu tun. Die ersten Jahre, das Studium bei Wilhelm Lachnit, sind von Begeisterung und Disziplin gleichermaßen bestimmt. Mehr noch: sie vereinen beides – was bedeutet, dass Metzkes fast jede Erscheinung der Realität als optische Sensation gefangen nimmt, und dass er von Anbeginn seine Aufgabe darin sucht, aus der vorgefundenen Naturform ein Bild zu fügen. Das Nahe und Vertraute sind ihm dabei bildwert genug. Immer wieder widmet er sich seinen Motiven, umwirbt und variiert sie, ändert fertige Bilder oder verwirft sie gar. Er meidet inhaltsschwere Stoffe wie formale Effekte, denn er will Nähe und Glaubwürdigkeit der eigenen Sinne. All das weist hin auf einen Anfang, dem die Entdeckung der Malerei als ein Abenteuer inne ist, auf einen Beginn, in dem ein Maler unfassbar und rauschhaft erlebt, dass sich und wie sich aus den Farben auf der Palette ein Bild entwickeln lässt, wie eine kompositorische und farbliche Ordnung entsteht, die parallel zum gesehenen Motiv existiert und eine durch das Innere des Malers erzeugte Antwort auf dasselbe ist. Harald


ehrenpreis

DeS miniSterPräSiDenten DeS lanDeS branDenburg für ein lebenSwerK

HaralD metzKeS

coLombine auf koffer 2 0 0 8 , ö l au f l e i n wa n D, 1 2 0 x 1 1 0 c m


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Metzkes’ Jahre an der Dresdner Hochschule erbrachten diese Erkenntnis. Mit ihr wuchs auch die Gewissheit, dass sich daraus ein nie zu stillendes Verlangen erheben würde, das die Malerei als ein daseinswichtiges Tun, als ein ganz elementares Ereignis begreift. Folgerichtig hat sich Metzkes aus dieser Position einer als Ideal gesetzten ästhetischen Haltung ›auf den Weg‹ begeben: Unmittelbar nach dem Studium und begeistert von den Werken figurativ-gegenständlicher Kunst und denen der Expressionisten auf der documenta 1955 in Kassel widmet sich Metzkes in einer spontanen und emotional äußerst engagierten Auseinandersetzung der Klassischen Moderne. Es entstehen vielfigurige Kompositionen, die mittels starker Farben detailreich in der Fläche geordnet werden können. Um 1956, er ist inzwischen Meisterschüler an der Berliner Akademie der Künste, nimmt seine Suche nach dem Dramatischen eine andere Richtung. Es folgt die Hinwendung zu einer zeichnerisch betonten, flächig projizierenden und farbig bemessenen Bildauffassung. In ihr werden urbane und persönliche, fast ausnahmslos erlebte Sujets erkundet. Sie sind für Metzkes und seine Freunde Manfred Böttcher und Ernst Schroeder ein malender Reflex auf die eigene soziale und kulturelle Identität. Diese von der Kritik geschmähten, farbig und kompositorisch strengen Bilder belegen auch einen übernationalen Zusammenhang, erkennen wir doch in diesen Werken die Teilhabe an einer stilistischen Simultaneität, die die von Krieg und Nachkrieg geprägte Generation junger Maler zumindest europaweit verbindet. Darüber hinaus erweist sich ihre Malerei auch als geistige Verwandte anderer Genres: Sie weiß sich den Stücken von Bertolt Brecht und Wolfgang Borchert nahe, findet Parallelen im zeitgenössischen italienischen, französischen und amerikanischen Film und in der Literatur des Jahrhunderts. Die Bilder der Meisterschülerjahre lassen Metzkes und seine Freunde zu Protagonisten einer Kunstauffassung werden. Ihre Fraktion konsolidiert sich bis zum Ende der fünfziger Jahre mit anderen jungen Künstlern als sogenannte Berliner Schule der Malerei: Christa Böhme, Lothar Böhme, Dieter Goltzsche, Brigitte Handschick, Wolfgang Leber, Robert Rehfeldt, Klaus Roenspieß, Roger D. Servais, Werner Stötzer, Hans Vent und andere. Diese Künstler verbindet kein Manifest oder akademisches Programm, sondern eine ästhetische Haltung, mit der sie sich von anderen unterscheiden. Ihre künstlerische Haltung bleibt auch späterhin dem Gegenständlichen verpflichtet, ohne eine vollständige Entfaltung des individuellen Stils einzuschränken. Aus der dann folgenden Hinwendung zum Werk Paul Cézannes entwickelt Metzkes schließlich eine facettenreiche, tonal abgestufte, modulierende Malerei. Die Volumina der Gegenstände als auch das Atmosphärische, ihr nicht stofflicher Umraum, das Ambiente der dinglichen Welt werden darin bildbar. Der so gewonnene Kunstbegriff misst letztlich Metzkes’ programmatischen Ausgangspunkt »Natur und Auge« an der Möglichkeit einer »dauernden Rekonstruktion des Bildes der Welt in all ihren Gegenständen«. Neben den klassischen Motiven – Stillleben, Landschaft und Akt – die sozusagen das Innerste des Œuvres so unspektakulär wie kontinuierlich ausmachen, finden wir in allen Jahren auch Bilder, die sich den Überlieferungen mythologischer und biblischer Stoffe widmen, treffen wir auf biographische Sequenzen, Phantasien, Tagträume. Ungezählte Arbeiten beziehen sich auf die Literatur: Gemälde, Aquarelle,


H a r a l D m e t z K e S  D e r Ta n z ( T r i p T y c h o n )  1 9 8 7, ö l a u f l e i n w a n D , 200 x 390 cm aT e l i e r e c k e  1 9 8 5 , ö l au f l e i n wa n D, 70 x 80 cm


Zeichnungen, Graphische Blätter, Mappenwerke und Illustrationen. In den letzten Jahren treffen wir immer häufiger auf Arbeiten zu Cervantes’ Don Quijote. Im Figurenensemble der Commedia dell’Arte wie in der Zirkusarena entwickelt Metzkes schließlich eine Motivwelt, die von uns als universale Metapher und visionärer Kommentar auf die Zustände der Welt verstanden werden kann. Aus heutiger Perspektive wird jeder meinen, Metzkes habe sich an Goethes Maxime gehalten: »Geh’ vom Häuslichen aus und verbreite Dich, so du kannst über alle Welt«. Und so ist nicht nur zu fragen, welche Wege der gegangen ist, den wir heute ehren, sondern auch, was er in die Welt getragen hat. Vor allem finden wir in Metzkes’ Werken die wohltuende Aufforderung, die bildende Phantasie und das anschauliche Denken in ihrem So-Sein und in ihrer Einzigartigkeit anzuerkennen und ihre freie Entfaltung zu feiern. Dr. Jörg Makarinus ist Kunsthistoriker und lebt in Berlin.

haralD MeTzkeS Malerei, Graphik; leBT UnD arBeiTeT in alTlanDSBerG oT WeGenDorF 1945–1946

1929 geboren

in Bautzen

Oberschule in Bautzen und Abitur 1945 Einberufung zur Wehrmacht, kurze Zeit in amerika-

nischer Kriegsgefangenschaft 1946 erste Malstudien bei Alfred Herzog 1947–1949 Steinmetzlehre bei Max Rothe 1949/53 Studium der Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Wilhelm Lachnit 1953

Heirat mit Elrid Fiebig, Textilgestalterin 1953–1955 freischaffend in Bautzen 1955–1958 Meisterschüler

an der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin bei Otto Nagel; enge Zusammenarbeit mit den Meisterschülern Manfred Böttcher, Ernst Schroeder und Werner Stötzer – diese Künstlergruppe wird später als ›Berliner Schule‹ bezeichnet; Harald Metzkes wird zu ihrem wichtigsten Vertreter 1957 Studienreise nach China mit John Heartfield und Werner Stötzer 1959 Umzug nach Berlin 1963 erste Einzelausstellung im Institut für Lehrerweiterbildung, Berlin-Weißensee 1976 Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste zu Berlin (ddr) 1986 Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste 1991 Austritt aus der Deutschen Akademie der Künste Berlin 1993 Umzug nach Brandenburg reiche Ausstellungen im In- und Ausland

aUSSTellUnGen (aUSWahl) SeiT 1963

zahl-

aUSSTellUnGSBeTeiliGUnGen (aUSWahl) 1984/1988

Teil-

nahme an der Biennale Venedig 2003 Berlin 1997/98 Berlin, Martin-Gropius-Bau, Deutschlandbilder – Kunst aus einem geteilten Land 2004 Berlin 1999/2000 Berlin, Altes Museum, Das xx. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland 2005 Berlin, Neue Nationalgalerie, Kunst in der ddr 2006 Bonn, Bundeskunsthalle, Kunst in der ddr 2007 Oberhausen, Schloss Deutsche, Bilder aus der Sammlung Ludwig 2009 Los Angeles, County Museum of Art, Art of two Germanys, Cold war culture; Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Kunst im Kalten Krieg; Berlin, Deutsches Historisches Museum, Kunst im Kalten Krieg 2011–2013 Berlin, Neue Nationalgalerie, Der geteilte Himmel. Die Sammlung 1945–1968

  VerÖFFenTlichUnGen 2000

Ich

und Herr H., Schriften, Reden, Aufzeichnungen, Prosa 1996 Illustrationen zu Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf, neun Holzschnitte 2009 Hänschen im Blaubeerwald, schwedisches Märchen von Elsa Beskow, 14 Holzschnitte, Berliner Graphikpresse

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  aUSzeichnUnGen 1965

Käthe-Kollwitz-Preis der

Deutschen Akademie der Künste zu Berlin 1977 Nationalpreis der ddr für Illustration und Graphik 2007 Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin


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