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Sozialarbeit mit Krebskranken


Mit einem herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung durch: Klinik Graal-Müritz GmbH onkologische Rehabilitation und AHB www.Klinik-Graal-Mueritz.de Klinik Tecklenburger Land Fachklinik für Psychosomatik, Hämatologie und internistische Onkologie www.klinik-tecklenburger-land.de

Peter Reinicke, geb. 1938, Diplompädagoge, Dr. phil. Nach seiner Bergmannslehre auf der Zeche Zollverein in Essen erhielt er den Knappenbrief und begann eine Sozialarbeiterausbildung. Von 1963–1973 war er in verschiedenen Bereichen der Altenhilfe und Gesundheitsfürsorge tätig. 1973–1979 baute er den Bereich Sozialarbeit im Gesundheitswesen beim Gesundheitssenator in Berlin auf und wurde im Anschluss zum Professor an die Evangelische Fachhochschule Berlin für das Lehrgebiet Sozialarbeit im Gesundheitswesen berufen. An der TU Berlin studierte er außerdem Erziehungswissenschaft. Seit 2003 ist er im Ruhestand. Von ihm sind zahlreiche Bücher und Artikel erschienen.


Peter Reinicke

Sozialarbeit mit Krebskranken Geschichte und Bedeutung in Deutschland seit 1900

Mabuse-Verlag Frankfurt am Main


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Inhaltsverzeichnis Einleitung 11 Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland Ferdinand Blumenthals Erfahrungen mit den ersten Fürsorgestellen für Krebskranke Sozialarbeit mit Krebskranken – ein Lehrgebiet in der Ausbildung der Mediziner

14 19 20

Entwicklung der Krankenhausfürsorge in Deutschland 25 Lina Basch – erste Fürsorgerin 1895 in der Charité und ihre Erfahrungen Einfluss amerikanischer Erfahrungen Gründung des „Komitees Soziale Krankenhausfürsorge“ und sein Wirken in Berlin

26 29 31

Entstehen einer neuen Profession: Sozialarbeiterin

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Tätig werden in der sozialen Arbeit erfordert Qualifikationen

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Anfänge der Ausbildung 37 Weiterentwicklung der Ausbildung und Gründung der ersten Sozialen Frauenschule 38 Konferenz der Sozialen Frauenschulen – Vorbereitung der Berufsanerkennung 41 Erlass der Ordnung für die Prüfung und die staatliche Anerkennung 42 Erste Arbeitsfelder Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen

Verein „Soziale Krankenhausfürsorge der Berliner Universitätskliniken e. V.“ Krankenhausfürsorge für Krebskranke durch den Verein SKF Krebsfürsorge, ein Schwerpunktbereich der Krankenhausfürsorge

43 44

47 52 61


Die „Deutsche Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus“und die Krebsbekämpfung

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Vortrag von Ferdinand Blumenthal bei der DVSK 69 Anfänge der Sozialarbeit in der Bestrahlungsabteilung 78 Erfahrungen einer Krankenhausfürsorgerin mit Krebskranken 79 Ein Erfahrungsbericht aus den Arbeitervierteln 80 Reichsärztekammerpräsident plädierte für Krebsfürsorge 81 Vorschläge für eine Organisationsverbesserung 82 Schlussworte von Alfred Goldscheider 82 Tagung der Deutschen Vereinigung 1930 in Dresden 83 Bedeutung der Krankenhausfürsorge in Polikliniken 83 Sozialarbeit als wichtiges Spezialgebiet im Krankenhaus 84 Schlussworte von Alfred Goldscheider 85 Fritz Rott und seine Vorstellungen zu den Aufgaben der Krankenhausfürsorgerin 85 Mitwirkung der Deutschen Vereinigung bei Ausbildungsfragen 86 Anerkennung der Krankenhausfürsorge in der internationalen und nationalen Fachwelt 88

Reichsausschuss für Krebsbekämpfung Vorbereitungssitzung zur Gründung des Reichsausschusses Verhandlungen des Preußischen Landesgesundheitsrates

Beispiele für Krebsbekämpfung durch Ärzte, Fürsorgerinnenund medizinische und soziale Institutionen vor der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich Medizinische und soziale Behandlung und Beratung von Krebskranken in Baden Krankenhausfürsorge in Hamburg und die Betreuung der Krebskranken Hamburger Krankenhausfürsorge: Mitgliedsorganisation des DRK

90 95 107

123 123 131 133


Krebskrankenbetreuung in Berlin außerhalb der Krebsinstitute der Charité Franz Kloses Vortrag „Karzinom und Fürsorge“ Walter Stoeckels Vortrag vor der Ärztekammer Berlin Der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ und die Krebsbekämpfung Überblick über die 1932 bestehenden Landesausschüssefür Krebsbekämpfung und ihre Aktivitäten

Krebsfürsorge im Nationalsozialismus Einwirkung der Reichsgesundheitsführung auf den Bereich der Krebsbekämpfung Änderung der Richtlinien für den Fürsorgedienst im Krankenhaus im Jahr 1938 Krebs, eine Erbkrankheit? Badischer Leitfaden für die Beratung und Pflege Krebskranker durchFürsorge- und Krankenschwestern vom August 1933 Einschränkungen materieller Hilfen nach 1933 am Beispiel Badens Alte Menschen im Krankenhaus in der NS-Zeit Zeit – ein wichtiger Faktor bei der Krebsbekämpfung, auch für die soziale Arbeit Neue Beratungsangebote für Krebskranke in Deutschland nach 1933

Beratung und Betreuung Krebskranker nach 1945 Weiterentwicklung der Krebsfürsorge in Deutschland Die wichtigsten Aufgaben der Fürsorgerin bei der Bekämpfung des Krebses

Krebsbekämpfung in Ländern der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 Neuorganisation der Geschwulstkrankenberatung und -fürsorge in Freiburg

137 141 144 148 150

153 157 159 161 165 171 174 176 178

182 190 191

196 199


Krankenhausfürsorge für Krebskranke in der Universitäts-Frauenklinik Freiburg i. Br. 202 Krebsbekämpfung in Freiburg i. Br. (1937–1955) 203 Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit in Baden-Württemberg 208 Regelung der Krebsbekämpfung in Bayern 213 Krebsfürsorge in Berlin (West) nach 1945 213 Weiterentwicklung der Krebsfürsorge in Berlin 220 Nachgehende Krankenfürsorge Berlin (West) in den Siebzigerjahren 223 Aktivitäten des Berliner Parlaments, die auch das Thema Krebskranke behandelte 224 Gesetze für den öffentlichen Gesundheitsdienst Berlin 1980 232 Die Betreuung Krebskranker 1986 in Berlin (West) 235 Fortbildungsangebote für Sozialarbeiter im Berliner Gesundheitswesen 237 Krebsfürsorge in der Hansestadt Bremen nach 1945 241 Krebsfürsorge in der Hansestadt Hamburg nach 1945 243 Krebsfürsorge in Hessen nach 1945 244 Krebsfürsorge in Niedersachsen nach 1945 246 Plan einer gesetzlichen Regelung Weitere Aktivitäten der Krebsbekämpfung Erfahrungen der Krebsbekämpfung Krebsbekämpfung in Nordrhein-Westfalen Krankenhausfürsorge und Krebsberatungsstelle in Krefeld Krebsbekämpfung in Nordrhein-Westfalen aus der Sicht von Ewald Gerfeldt und Otto Spohr Krebsbekämpfung in Rheinland-Pfalz nach 1945 Krebsbekämpfung in Schleswig-Holstein nach 1945 Krebsbekämpfung in Deutschland nach 1945 – Irmgard Linde berichtet Krebs- und Geschwulstberatungsstelle der AOK in Berlin nach 1945

247 248 250 252 253 255 260 262 268 273


Gesetzliche Regelungen für Krankenhäuserund den Aufgabenbereich der Krankenhausfürsorge (Sozialdienst im Krankenhaus) Ausführungsvorschriften für den Sozialdienstin den Krankenhausbetrieben des Landes Berlin vom 19. April 1977

277 279

Die „Deutsche Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus“und die Krebsfürsorge nach 1945 282 Aktivitäten der DVFiK Genesungsfürsorge, Verschickungen, Rehabilitation, Unterbringungin Pflegeeinrichtungen, Hospitalisierung und offene, noch nicht gelöste Fragen Unterstützungsmöglichkeiten für Krebskranke durch den Einsatz von Hauspflege Die Aufgaben der Krankenhausfürsorgerin

Krebsfürsorge in der DDR Betreuungsstelle für Geschwulstkranke Halle (Saale). Die fürsorgerische Arbeit der Betreuungsstelle seit 1953 Richtlinie zur frühzeitigen Erkennung von Geschwulst­krankheitenund zur Betreuung von Geschwulstkranken vom 21. Dezember 1987 Ausbildung von Gesundheits- und Sozialfürsorgern in der DDR Tätigkeitsfelder der Gesundheits- und Sozialfürsorger (Auswahl) Aufgabenbereich Geschwulstkranke Aufgabenbereich Krankenhaus

Bezeichnung der Fürsorgestellen und die Geheimhaltung der Diagnose Krebs

285

287 291 291

293 297

309 310 315 315 315

317

Die Krankenhausfürsorgerin und die Ausbildung des Schwesternnachwuchses 321 Fortbildung – eine Unterstützung für eine Tätigkeit im Bereich Krebsfürsorge 324


Selbsthilfe – ein neuer Weg der Hilfe für Krebskranke 330 Selbsthilfegruppen für Krebskranke Mildred Scheel und ihr Einsatz für die Krebsbekämpfung

Nationaler Krebsplan 2008 Die Bundesregierung sagt dem Krebs den Kampf an

Quellen- und Literaturverzeichnis

332 339

341 341

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Einleitung Die Anfänge einer gezielten Bekämpfung von Krebserkrankungen liegen in Berlin. Ärzte der Charité begannen vor über 100 Jahren, sich mit dem immer stärker ins Blickfeld geratenden Krankheitsbereich auseinanderzusetzen. Ernst von Leyden, Leiter der 1. Medizinischen Klinik der Charité, war der Mediziner, der diesem Gebiet besondere Bedeutung beimaß. Er war der Gründer des Berliner Krebs-Instituts und des „Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit“. Einen weiteren Schwerpunkt in Deutschland bildete das Samariterhaus in Heidelberg, das anfangs unter der Leitung von Vincenz Czerny stand, später unter seinem Nachfolger Richard Werner. Zu Beginn war die Einrichtung dieses neuen Aufgabengebietes umstritten, da es doch genügend andere Einrichtungen gäbe, die sich mit diesem Krankheitsbild beschäftigten. Diese Widerstände konnten überwunden werden.1 Die von Berlin ausgehenden Aktivitäten wurden in anderen Regionen Deutschlands aufgegriffen. Regionale Komitees zur Bekämpfung der Krebskrankheit wurden gebildet. Die medizinische Leitung des Berliner KrebsInstituts übernahm Ferdinand Blumenthal, der einer der bedeutendsten Ärzte für dieses Aufgabengebiet wurde. Seine Leistungen und Vorgehensweisen können gut nachvollzogen werden, da er sie einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachte. Frühzeitig setzte er sich dafür ein, die niedergelassenen Ärzte einzubeziehen und sie an dieser Entwicklung zu beteiligen. Er sah in ihnen Partner, lud sie zur Mitarbeit ein. Für ihn war es wichtig, aufzuzeigen, dass Krebs-Institute keine Konkurrenz waren, die Patienten abwarb. Blumenthal spürte, dass es wichtig ist, sich auch mit den Patienten und ihrem Verhalten gegenüber der Krankheit und deren Bekämpfung auseinanderzusetzen. Ein entscheidender Ansatz war, die Menschen dazu zu gewinnen, bei dem Verdacht auf eine Erkrankung einen Arzt bzw. das Krebs-Institut aufzusuchen. Es war in den Anfangsjahren der modernen Krebsbekämpfung notwendig, diesem Gesichtspunkt viel Beachtung zu schenken. Die Vielfalt der vorgenommenen Wege ist nachvollziehbar und zeigt ein beeindruckendes Bild davon, wie es 1  Blumenthal, Ferdinand: 1928, 280

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Einleitung

gelang, Patienten zu motivieren, entsprechende Einrichtungen aufzusuchen. Deutlich wird auch, dass sich zunehmend breitere Kreise in der Bevölkerung und in Institutionen des Gesundheits- und Sozialwesens der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts an der Bekämpfung des Krebses beteiligten. Interessant ist auch, dass gezielt Mitarbeiter aus Institutionen, die Kontakt zur Bevölkerung hatten, beispielsweise Sozialarbeiter oder Gemeindeschwestern, durch Fortbildungsmaßnahmen vorbereitet wurden, ihre Betreuten anzuregen, bei Verdacht auf Erkrankungen Untersuchungseinrichtungen aufzusuchen. Ernst von Leyden regte 1905 an, Fürsorgestellen für Krebskranke einzurichten. Es stellte sich heraus, dass neben der medizinischen Versorgung der Patienten auch soziale Probleme eine Rolle spielten, die durch die Krebserkrankung eintraten. Zu dieser Zeit befand sich der Beruf der Sozialarbeiterin in den Anfangsjahren seiner professionellen Entwicklung. In der Charité wirkte Lina Basch mit ihren Mitarbeiterinnen als Vertreterin der „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“ und kümmerte sich um Patienten, bei denen soziale Probleme auftraten. Der Verwaltungsdirektor der Charité, Geheimrat Pütter (1864–1942), hatte, seinen Erfahrungen in Halle (Saale) folgend, sogenannte Fürsorgestellen für Tuberkulosekranke und Alkoholkranke eingerichtet, die auch die Krebskranken betreuen sollten. Es waren ehrenamtliche Kräfte ohne Ausbildung, die sich um diese Patienten kümmerten. Ihre wichtigste Aufgabe war, Institutionen zu informieren, damit sie soziale Hilfsmaßnahmen für den Einzelfall einleiten konnten. In den Behandlungseinrichtungen ergab sich zusehends eine immer engere Zusammenarbeit zwischen den Ärzten und den Fürsorgekräften. Beide Berufsgruppen ergänzten sich. Die Sozialarbeiterinnen unterstützten durch ihre Beratungen im Wohnumfeld der Kranken die Tätigkeit der Ärzte in den Kliniken. Durch Publikationen informierten die Sozialarbeiterinnen die Fachöffentlichkeit über ihre Tätigkeit. Die Ausbildungsstätten der Sozialarbeiterinnen beachteten immer mehr die Bekämpfung der Krebskrankheit. In der 1926 gegründeten „Deutschen Vereinigung für den Fürsorgedienst im Krankenhaus“ war der Aufgabenbereich Krebskrankenfürsorge ein wichtiger Themenbereich. Im Vordergrund stand die Zusammenarbeit mit den Ärzten und den anderen Berufsgruppen. In den Ländern des Deutschen Reiches wurde der Bekämpfung der Krebskrankheit hohe Beachtung geschenkt. Weiterbildung für Mitarbeiter, die Kontakt zur 12


Einleitung

Bevölkerung hatten, war auch hier eine wichtige Aufgabe. In den Zwanzigerjahren gab es Bestrebungen, die Tätigkeit der Sozialarbeiterinnen in die Ausbildung der Mediziner aufzunehmen. Führende Mediziner der Krebsbekämpfung und der Wissenschaftsminister des Deutschen Reiches traten dafür ein. Erhebliche Veränderungen brachte der Machtantritt der Nationalsozialisten. Nach 1945 begann erneut die Bekämpfung der Krebskrankheit in den verschiedenen Ländern Deutschlands. Die DDR war in der Bekämpfung des Krebses sehr engagiert, auch in der Ausbildung der Gesundheitsfürsorgerinnen war dies ein wichtiger Bereich. Die Einrichtung von Beratungsstellen war in ganz Deutschland ein zentrales Thema. Neue Betreuungsansätze, vor allem durch die Gründung von Selbsthilfegruppen, bereicherten die Krebsfürsorge in Deutschland. Die bisher noch nicht publizierte Geschichte der Krebskrankenbetreuung kann mithilfe auf diesem Gebiet engagierter und erfahrener Institutionen der Öffentlichkeit nahegebracht werden. Dem Leser wird dadurch die Möglichkeit gegeben, die Arbeit der beteiligten Mitarbeitergruppen und Institutionen zu verfolgen.

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland Ein wichtiger Schritt für die Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland war 1900 die Gründung des „Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit“ (Zentralkomitee). Sein Sitz war die Charité, Berlin-Mitte, Luisenstraße 8. In Bayern, Sachsen, Thüringen, Baden, Hessen, Oldenburg, Hamburg und Lübeck bestanden Länderkomitees, die mit dem Zentralkomitee in Berlin zusammenarbeiteten. Mitglieder waren „Vertreter der verschiedenen Ministerien des Reiches und des Preußischen Staates sowie der Delegierten der einzelnen Länderkomitees, des Reichsgesundheitsamtes, der Träger der Sozialversicherung, sowie einzelner Persönlichkeiten, auf deren Mitarbeit besonderer Wert gelegt wird“.2 Am 23. Mai 1928 wurde die „Internationale Vereinigung für Krebsforschung“ ins Leben gerufen, deren geschäftsführender Ausschuss seinen Sitz in Berlin erhielt, während die Vorsitzenden wechselten. Der erste Vorsitzende war Vincenz Czerny, Heidelberg. Der Weltkrieg machte der Internationalen Vereinigung für Krebsforschung wie allen übrigen internationalen wissenschaftlichen Organisationen ein Ende“.3 Ende des 19. Jahrhunderts waren die Todesfälle an Krebs „in fast allen Kulturländern“ erheblich gestiegen: In Preußen stiegen die Zahlen bei den Männern „von 3,7 auf 5,29 auf 1.000 Lebende, beim weiblichen Geschlecht von 4,445 auf 6,05, also eine geradezu ungeheuerliche“ Zunahme, schrieb Ferdinand Blumenthal.4 Diese Entwicklung führte zu Bemühungen, den Kampf gegen Krebserkrankungen verstärkt aufzunehmen. Vorbild dafür waren die Erfahrungen, die im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Tuberkulose, auch in Deutschland, gemacht worden waren.5 2 Pickhan, Artur: 1930, 215. Bei sämtlichen wörtlichen Zitaten werden die Rechtschreibung sowie etwaige Fehler unverändert übernommen. Die Anpassung der Zitate an die gültigen Rechtschreibregeln und die Korrektur von Fehlern wurden nicht vorgenommen. 3  Möllers, Bernhard: 1930, 417 4  Blumenthal, Ferdinand: 1928, 280 5  Reinicke, Peter: Tuberkulosefürsorge, 1988

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

Die Umsetzung dieser Idee war schwierig, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Krebserkrankungen in dieser Anfangszeit der Bekämpfung in vielen Problemfeldern unsicher waren. „Die Ansteckungsgefahr ist umstritten; praktisch anscheinend ohne Bedeutung. Ferner wusste man damals so gut wie nichts über die Entstehung. Von einer Frühdiagnose war gar keine Rede, selbst die Spätdiagnose oft schwierig. Nicht einmal darüber herrschte Klarheit, welche Krankheitsbilder als Krebs zu bezeichnen seien. Eine wissenschaftliche Basis für eine Therapie war kaum für die operative vorhanden. Hier war ein gewaltiges Forschungsgebiet zu erledigen. Diese Überlegungen führten in allen Kulturländern zur Gründung von Krebsforschungsinstituten. Die ersten Institute dieser Art wurden in London, in Moskau und Buffalo (Amerika) errichtet. In Heidelberg gründete im Jahre 1901 der Chirurg Vincenz Czerny ein Komitee zur Errichtung eines Krebsinstituts, das 1904 eröffnet wurde. Ernst von Leyden, Berlin, hatte für seine Klinik an der Charité im Jahre 1903 eine Abteilung für Krebsforschung bekommen, ebenso durfte Paul Ehrlich, Frankfurt, eine derartige Abteilung kurze Zeit darauf an sein Institut in Frankfurt a. M. angliedern, und im Hamburg-Eppendorfer Krankenhaus wurde unter Leitung von Emil von Dungern eine Abteilung für Krebsforschung geschaffen.“6 Das Berliner Krebsinstitut entstand aus drei kleinen Baracken, von denen zwei der Krankenbehandlung (zehn Frauen, zehn Männer) dienten und eine zum Laboratorium bestimmt war. Sie wurde der 1. Medizinischen Klinik im Jahre 1903 als besondere Abteilung angegliedert, um den ätiologischen Forschungen des damaligen Direktors Ernst von Leyden zu dienen. Als von Leyden 1907 seine Stellung niederlegte, erhielt die Krebsabteilung den Namen ‚Institut für Krebsforschung‘, nachdem sie durch einige Räume im Erdgeschoß Luisenstraße 9 vergrößert worden war.7 Anfangs war die Gründung von Krebs-Instituten heftig umstritten. Es gäbe genügend andere Forschungseinrichtungen, die sich mit den Fragen zur Krebsbekämpfung beschäftigen könnten, war ein häufig verwandtes Argument8. Ferdinand Blumenthal wies daraufhin, dass „die Krebskrankheit (…) immer in erster Linie am kranken Menschen studiert werden müsse(n), und die Studien 6  Blumenthal, Ferdinand: 1928, 280 7  Blumenthal, Ferdinand: 1931, 22–24 8 ebd.

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

am Tier werden nur Ersatz in der Richtung bieten, dass wir eben am Menschen nicht experimentieren können“. Auch vertrat er die Position, dass diese Institute eigenständige Einrichtungen sein müssten. Er sprach ein weiteres Problem der damaligen Zeit bei der Behandlung von Krebskranken an. „Ganz ungehörig aber ist es, die nicht operablen Krebskranken in solchen Siechenanstalten unterzubringen, die keinerlei Einrichtungen für ihre Behandlung und Pflege besitzen. Kein Zweifel, die Krebskranken stellen an die Geduld des Arztes und des Pflegepersonals die höchsten Anforderungen bei der langen Dauer der Krankheit. Ärzte und Pfleger, die nur nebenbei Krebskranke behandeln, werden nur zu leicht sich hoffnungsvolleren Aufgaben zuwenden. Es muss von ihnen in bezug auf Können, Takt und Menschenliebe das Höchste verlangt werden.“9 Blumenthal erwähnte in diesem Zusammenhang die Forderung von Ministerialdirektor Martin Kirchner, Innenministerium Berlin, dass „Asyle für Krebskranke“ geschaffen werden sollten, „in denen die elend hinsiechenden, für ihre Umgebung und sich selbst eine Qual bedeutenden Kranken untergebracht werden“10 könnten. Es waren Anregungen zur heutigen Hospizbewegung. Einwendungen gab es zu Kirchners Aussage, dass diese Einrichtungen in Krankenhäusern oder Krankenhausabteilungen „von vornherein als Sterbehäuser angesehen und gemieden würden“.11 Der Aufbau der Krebs-Institute war der Beginn eines immer umfangreicher werdenden Bemühens, sich verstärkt und gezielt der Erforschung und der Bekämpfung der Krebserkrankung zuzuwenden. Am Beispiel Berlins lässt sich aufzeigen, welche Bemühungen unternommen wurden. Ernst von Leyden, Direktor der 1. Medizinischen Klinik der Charité und Gründer des Berliner Krebs-Instituts und des Zentralkomitees, regte 1905 an, eine Fürsorgestelle für Krebskranke zu gründen. Sie sollte analog zur bestehenden Auskunfts- und Fürsorgestelle für ­Tuberkulose- und Alkoholkranke tätig werden. Diese neue Fürsorgestelle wurde Anfang April 1906 eröffnet.12 Organisatorisch sollte sie den bereits bestehenden Fürsorgestellen angegliedert werden. Die verwaltungstechnische Leitung sollte   9  Blumenthal, Ferdinand: 1928, 281–282 10 ebd. 11 ebd. 12  Fürsorgestelle für Krebskranke: 1906, 523

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

der Verwaltungsdirektor der Charité, Ernst Pütter, übernehmen. Ihre wichtigste Aufgabe wurde darin gesehen, Krebskranken eine Behandlung zu ermöglichen und Forschungsaufgaben zu „konzentrieren“. Um dieses Vorhaben in Berlin und Umgebung zu realisieren, wurden 1906 alle Ärzte Berlins und Brandenburgs angeschrieben und zur Zusammenarbeit angeregt. Dazu gehörte auch, sie darüber zu informieren, dass die Zuständigkeit für den einzelnen Patienten weiterhin bei dem bisher behandelnden Arzt verblieb. Dem versandten Schreiben konnten die wichtigsten Positionen des Vorhabens entnommen werden. „Sehr geehrter Herr! Abb. 1:  Ernst von Leyden Das Zentralkomitee für Krebsforschung hat im Einvernehmen mit der Charité-Direktion in den Räumen der Charité eine Fürsorgestelle für Krebskranke eingerichtet. Diese steht unter der Oberleitung des mitunterzeichneten Verwaltungsdirektors der Charité, Geheimen Regierungsrat Pütter. Ihr Zweck ist, zunächst in Fällen von zweifelhafter Diagnose und besonders in solchen, wo Untersuchungen notwendig erscheinen, welche ohne Benutzung von Laboratorien oder kostspieligen Apparaten nur schwer oder gar nicht ausführbar sind, den Herren Ärzten die Möglichkeit zu geben, unbemittelte oder weniger bemittelte Patienten gemeinsam mit Spezialärzten, welche über alle erforderlichen Einrichtungen verfügen, zu untersuchen, oder von diesen untersuchen zu lassen. Den Herren Ärzten wird die Diagnose im letzteren Falle schriftlich mitgeteilt werden. Grundsätzlich wird den Herren Ärzten die Verfügung über ihre Patienten unverkürzt überlassen bleiben. Die in ärztlicher Behandlung stehenden Personen müssen, um untersucht zu werden, eine schriftliche Überweisung ihres Arztes mitbringen. Zur Mitarbeit an den Bestrebungen der Fürsorgestelle in dem bezeichneten Sinne haben sich die Herren dirigierenden Ärzte der Charité bereit erklärt. 17


Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

Falls die wirtschaftlichen Verhältnisse der in Berlin und den Nachbargemeinden wohnenden Patienten es erfordern, werden diese von der Fürsorgestelle aus in ihren Wohnungen durch Pflegerinnen besucht und soweit materiell unterstützt, als unsere Mittel dies zulassen. Der vom Zentralkomitee für Krebsforschung dazu bestimmte Arzt der Fürsorgestelle, Herr Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal, Berlin Charité, Schumannstr. 21, nimmt die Anmeldungen der Patienten bei der Fürsorgestelle, sowie die Anträge auf materielle Unterstützung Krebskranker entgegen. Die Anmeldungen können auch direkt an Geheimrat Pütter, Berlin, Charité, gerichtet werden. Die frühzeitige Entdeckung möglichst vieler Krebsfälle zu unterstützen, betrachtet das unterzeichnete Komitee als ein wichtiges Mittel zur Förderung seiner wissenschaftlichen Zwecke. Wir stellen Ihnen hiernach ergebenst anheim, in den von Ihnen geeignet erscheinenden Fällen von den Einrichtungen der Fürsorgestelle Gebrauch zu machen.“13 Die Reaktion der niedergelassenen Ärzte war positiv. Bereits nach wenigen Tagen „trafen die ersten Patienten mit den Anfragen ihrer Ärzte ein“14. Mehrere Patienten meldeten sich freiwillig. Aufgrund des Andranges richtete die Charité eine Sprechstunde für Krebskranke ein, die unter der Leitung von Ferdinand Blumenthal stand. Die zu operierenden Patienten wurden den „betreffenden Spezialkliniken der Charité zugewiesen“15. Bei auftretenden wirtschaftlichen Problemen der Patienten wurden „Schwestern der Auskunfts- und Fürsorgestellen für Tuberkulöse“16 hinzugezogen. Ernst Pütter berichtete rückblickend, dass die Leiter der Charité-Kliniken den Auskunfts- und Fürsorgestellen „das größte Interesse“ entgegenbrachten. Er hob hervor, dass die Leiter der 1. und 2. Medizinischen Klinik ihre Polikliniken zu den Öffnungszeiten der Fürsorgestelle zur Verfügung stellten und Assistenzärzte abstellten, „die als Fürsorgeärzte tätig sein sollten. (…) Die Assistenzärzte dieser Kliniken suchten als Fürsorgeärzte interessantes Untersuchungsmaterial für ihre Kliniken aus, die auf diese Weise ausgezeichnet versorgt wurden.“17 13  Fürsorgestelle für Krebskranke: 1906, 523 14  Pütter, Ernst: 1928, 98–99 15 ebd. 16 ebd. 17 ebd.

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Ferdinand Blumenthals Erfahrungen mit den ersten Fürsorgestellen für Krebskranke

Abb. 2:  Ernst Pütter (links), Charité

Ferdinand Blumenthals Erfahrungen mit den ersten Fürsorgestellen für Krebskranke „Die Ausrüstung dieser alten Fürsorgestellen war sehr primitiv. Von irgendeiner Apparatur zur Feststellung einer schwierigen Diagnose, Röntgendiagnostik usw., war keine Rede. Aber es wurde die soziale Fürsorge bei den Krebskranken selbst ausgeübt, für die Familie wurde gesorgt, und auch bis zu einem gewissen Grade die nachgehende Fürsorge, d.h. die Beaufsichtigung des Kranken in der Richtung, dass die ihm vorgeschlagene Behandlung, meist Operation, auch ausgeführt wurde. Die Hauptsache aber war, dass der Gedanke, bei Krebskranken Fürsorge zu treiben, zum ersten Male praktisch versucht wurde, sich als richtig erwies und immer mehr zur segensreichen Auswirkung gebracht wurde“18, referierte Ferdinand Blumenthal rückblickend am 23. Februar 1931 in einem Vortrag. Er machte auch deutlich, dass durch die Verbindung des Instituts für Krebsforschung mit einer Poliklinik „in der Röntgendiagnostik überhaupt Krebsdiagnostik, getrieben werden konnte, und als im Krebsinstitut durch Begründung der Strahlenabteilung für Krebskranke der nicht mehr operable Kranke dieser Therapie zugeleitet wurde, kam die Krebsfürsorge wieder zu 18  Blumenthal, Ferdinand: 1931, 22

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

ihrem Recht“.19 Blumenthal wies immer wieder auf die Wichtigkeit der psychosozialen Betreuung hin. Mit der verbesserten Versorgung Krebskranker habe „sich die bisherige Aufgabe der Fürsorgestelle nicht unerheblich verändert“, schrieb Ferdinand Blumenthal am 8. Oktober 1922 an die Charité-Direktion, „da die Kranken, die früher der Diagnose wegen die Fürsorgestelle aufgesucht haben, jetzt in die Ambulanz (Poliklinik) kommen. Dafür zeigt sich aber immer mehr das Bedürfnis für die sozialen Aufgaben der Fürsorgestelle. Fast täglich kommen Fälle vor, in der die Unterbringung der Krebskranken in Krankenhäuser in Berlin sich äußerst schwierig, ja unmöglich erweist. Auch von außerhalb werden wir mit Anfragen in dieser Richtung bestürmt. Die Kranken müssen wochenlang warten, bis in der Krebsbaracke ein Bett frei ist und in dieser Zeit fehlt es meist an der nötigen Pflege. Hier ist es eine dankbare Aufgabe der Fürsorgeschwestern, in die ihnen von uns bezeichneten Wohnungen zu gehen und nach dem Rechten zu sehen, d. h. sich um Pflege und Unterkunft der Krebskranken zu kümmern. Ferner haben sie dafür zu sorgen, dass die Kranken, welche in unserer Behandlung sind, sich uns immer wieder v­ orstellen, damit eine erneute Behandlung Platz greifen kann, ehe es zu spät ist.“20

Sozialarbeit mit Krebskranken – ein Lehrgebiet in der Ausbildung der Mediziner Ernst Pütter bemühte sich beim Innenministerium, dem 1919 gegründeten Ministerium für Volkswohlfahrt, dem Kultusministerium und dem Magistrat von Berlin um finanzielle Unterstützung der Fürsorgestellen. Neben dem Argument für die Weiterführung der Arbeit der Fürsorgestelle für Krebskranke enthielt sein Schreiben ein weiteres, auch aus heutiger Sicht beachtliches Argument. Er regte „im Kultusministerium an, die Fürsorgestellen für den sozialen Unterricht der Medizinstudenten nutzbar zu machen“21. Ausnahmslos

19 ebd. 20  Pütter, Ernst: 1928, 101 21  Pütter, Ernst: 1928, 100

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Sozialarbeit mit Krebskranken – ein Lehrgebiet in der Ausbildung der Mediziner

unterstützten die medizinischen Leiter der verschiedenen Fachkliniken das Vorhaben und begründeten es mit interessanten Argumenten. Beispielsweise äußerte am 23. Oktober 1922 der Leiter der 1. Medizinischen Klinik der Charité Wilhelm His: „Die Aufnahme des Unterrichts in der Tuberkulose-Fürsorge in den Bereichen des klinischen Unterrichts halte ich für durchaus erforderlich und werde ihn im kommenden Semester so durchführen, dass die Hörer der Medizinischen Polikliniken an den Fürsorgearbeiten sämtlich und regelmäßig beteiligt werden, sodass diese Tätigkeit im möglichst großen Kreise von Hörern bekannt und geläufig wird. Ich halte dies für viel wirkungsvoller als das Ansetzen spezieller Vorlesungen für Tuberkulose-Fürsorge, die erfahrungsgemäß nur von einem kleinen Teil der Studierenden gehört werden.“ Der Leiter der 2. Medizinischen Klinik, Friedrich Kraus, schrieb: „Die Anregung des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, die Fürsorge für Tuberkulosekranke in den obligaten klinischen Unterricht aufzunehmen, muss vom Standpunkt der Bedürfnisse des Unterrichts lebhaft begrüßt werden. Die ärztlich geleitete Fürsorge für Tuberkulosekranke, Alkoholsüchtige und Krebskranke gewinnt täglich eine größere Bedeutung. (…) Die Fürsorgetätigkeit ergibt sich aber nicht allein aus der allgemeinen klinischen Erziehung, sie erfordert eine besondere Erfahrung, die der ältere Medizinstudierende nur durch praktische Übungen gewinnen kann. Der Unterricht muss obligatorisch sein. Der Student muss Gelegenheit haben, die Erkrankten und ihre Familien dort kennen zu lernen, wo der Herd der Krankheit sitzt, nämlich die Wohnung des Patienten. Nur auf diese Weise empfinden Tuberkulöse eine Meldung nicht ausschließlich als eine Stigmatisierung der Gemeingefährlichkeit und die Familie bekommt Vertrauen zur Fürsorge. Ich beabsichtige darum“, schrieb Kraus, „erstens den Studenten im klinischen Kolleg zunächst eine Information über Wesen, Bedeutung und Durchführung der ärztlichen Fürsorge für Tuberkulöse etc. zu erteilen, zweitens die in Coeten eingeteilten Studierenden in den Fürsorgestellen praktisch arbeiten und unter Führung geschulter Dozenten eventuell auch der Fürsorgeschwestern in die Familien einführen zu lassen.“22 Vincenz Czerny, Heidelberg, äußerte am 13. Oktober 1922, der Vorschlag wäre ein „erfreulicher Fortschritt, wenn den Studenten ein Einblick in die 22 ebd.

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

sozialen Verhältnisse der poliklinischen und klinischen Patienten gewährt werden könnte. Ich bin deshalb gern bereit, der Anregung Folge zu leisten, die Fürsorgestellen zum Unterricht der Studenten auszunützen.“23 Auch Ferdinand Blumenthal sah neben der medizinischen Versorgung der Krebspatienten, verbunden mit dem Einsatz von Fürsorgeschwestern, die Möglichkeit, diese neuen Ansätze in der Arbeit der Fürsorgestelle in die Ausbildung der Studenten einzubinden. Er schrieb: „Es wird immer mehr ein dringendes Bedürfnis, dass die Medizin Studierenden sich auch mit der sozialen Medizin weit mehr befassen, als das früher der Fall war. Soviel Anregungen Abb. 3:  Ferdinand Blumenthal, sie auch in den Krankenhäusern und 1930 (Reichshandbuch der Deutin den Vorlesungen erhalten können, schen Gesellschaft. Erster Band eine wirkliche praktische Ausbildung 1930. ­Berlin 1930, 154.) kann ihnen erst durch die persönliche Berührung mit dem Elend der Kranken gegeben werden, wenn sie sehen, wie dieser in seiner Wohnung gebettet ist. Zu diesem Zweck gibt es wohl keine geeignetere Person als die Fürsorgeschwester. Die im Umgang mit solchen Kranken und deren Umgebung geübte Schwester kann bei ihrer Visite den jungen Studenten am besten in diese Materie einweihen und er lernt so praktisch die traurigen häuslichen Verhältnisse der Krebskranken kennen. Ich würde es daher mit großer Freude begrüßen, wenn den Studenten Gelegenheit gegeben würde, an den Hausvisiten der Schwestern teilzunehmen und dann durch die Erstattung von Berichten über die einzelnen Fälle darüber Rechenschaft zu

23 ebd.

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Sozialarbeit mit Krebskranken – ein Lehrgebiet in der Ausbildung der Mediziner

geben, inwieweit sie die sozialen Verhältnisse erfasst haben und durch Kenntnis der Sachlage im Stande sind, dem einzelnen Elend abzuhelfen.“24 Die Finanzierung der Arbeit der Fürsorgestellen wurde unterstützt durch Zuschüsse von Reichs-, Staats- und Berliner kommunalen Behörden. Probleme gab es im Ersten Weltkrieg. Zunehmend traten „Zahlungsstockungen“ ein. Ernst Pütter, Vorsitzender der Fürsorgestellen, traf „Vorbereitungen, um den Fortbestand nicht nur der Fürsorgestellen, sondern auch ihrer Zusammenarbeit mit den Charité-Kliniken für ihren Unterricht zu sichern“25. Er richtete an verschiedene Institutionen Schreiben und bat um Unterstützung. Die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Ersten Weltkrieg veränderten auch die Bedingungen der Arbeit in den Fürsorgestellen. Gefährdet war insbesondere die Tätigkeit der Fürsorgeschwestern, die in den Auskunfts- und Fürsorgestellen wirkten. Das an dieser Tätigkeit interessierte Kultusministerium, vor allem bezogen auf die verstärkte Ausbildung der Medizinstudenten in sozialen Fragen und Problemen, machte deutlich, es könne diesem Ausbildungsziel nur näher treten, „wenn die Verwaltungskosten der Fürsorgestellen anderweit(ig) gedeckt würden“26. In der Stadt Berlin hatten sich inzwischen durch Umorganisationen die Zuständigkeiten für die Aufgabenbereiche Tuberkulosefürsorge und anderer Fürsorgezweige geändert. Die einzelnen eigenständigen Stadtgemeinden, beispielsweise Charlottenburg und Schöneberg, errichteten Tuberkulosefürsorgestellen, ebenfalls der Magistrat der Stadt Berlin. Auch die Landesversicherungsanstalt (LVA) Berlin eröffnete Fürsorgestellen für Tuberkulose- und Geschlechtskranke.27 Die Inflation und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die Stadt Berlin, die sich 1920 zur heutigen Großstadt zusammengeschlossen hatte, schränkten ihren finanziellen Spielraum ein. Sie konnte keine finanziellen Unterstützungen für die Fürsorgestellen, u. a. für Krebskranke, mehr leisten. Auch das Kultusministerium stellte seine finanziellen Leistungen ein. Folge: Die sozialen Unterstützungsangebote der Auskunfts- und Fürsorgestellen

24  ebd., 100–101 25  ebd., 99–100 26  ebd., 101 27  Reinicke, Peter: Tuberkulosefürsorge, 1988

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Anfänge einer organisierten Bekämpfung der Krebskrankheit in Deutschland

für Tuberkulosekranke, Alkohol- und Krebskranke mussten 1924 aus diesen Gründen eingestellt werden. In seinen Erinnerungen schrieb Ernst Pütter: „So entging den Charitékliniken nicht nur ausgezeichnetes Unterrichtsmaterial, sondern auch die Einführung eines sozialmedizinischen Kollegs.“28 Auch Otto Boelitz, Kultusminister, „empfand den durch die Inflation herbeigeführten Verlust sehr“. In einem Schreiben vom 5. Februar 1924 an Verwaltungsdirektor Ernst Pütter äußerte er u. a., dass er die Einstellung der Arbeit der Auskunfts- und Fürsorgestellen bedaure. „Meine wiederholten Bemühungen, Pütters erfolgreiche Arbeit weiter sicher zu stellen, konnten wegen der Finanznot des Staates nicht zu dem erwünschten Ziele führen.“29

28  Pütter, Ernst: 1928, 102 29 ebd.

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Sozialarbeit mit Krebskranken  

Anfang des 20. Jahrhunderts rückte die Bekämpfung von Krebserkrankungen immer mehr in den Fokus der Medizin. Frühzeitig wurde erkannt, dass...

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Anfang des 20. Jahrhunderts rückte die Bekämpfung von Krebserkrankungen immer mehr in den Fokus der Medizin. Frühzeitig wurde erkannt, dass...