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Anke Gerlach, geb. 1979, studierte Pflege und Public Health. Ihre Themenschwerpunkte sind: Professionelle Identität in der Pflege, Akademisierung und Professionalisierung der Gesundheitsberufe, Health Professional Education, Mobilität der Gesundheitsberufe und kompetenzorientierte Forschung. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Fulda in einem Evaluationsprojekt zur Einführung der persönlichen elektronischen Patientenakte.


Anke Gerlach

Professionelle Identit채t in der Pflege Akademisch Qualifizierte zwischen Tradition und Innovation

Mabuse-Verlag Frankfurt am Main


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Zugl. Diss. Universität Bielefeld 2012 © 2013 Mabuse-Verlag GmbH Kasseler Str. 1 a 60486 Frankfurt am Main Tel.: 069–70 79 96–13 Fax: 069–70 41 52 verlag@mabuse-verlag.de www.mabuse-verlag.de www.facebook.com/mabuseverlag Umschlaggestaltung: Caro Druck GmbH und Marion Ullrich, Frankfurt a. M. Umschlagfoto: © istockphoto.com Druck: Faber, Mandelbachtal ISBN: 978-3-86321-109-7 Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten


Inhalt Vorwort

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1 Einleitung .....................................................................................................................

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2 Die Akademisierung der Pflege in Deutschland

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2.1 Aktuelle und historische Entwicklungen in der Pflege ........................ 2.1.1 Entwicklungsstand der Pflegestudiengänge ...................................... 2.1.2 Historischer Rückblick auf den traditionellen Pflegeberuf ... 2.1.3 Primärqualifikation oder Weiterbildung? Ziele und Verlauf der Akademisierung ............................................... 2.2 Pflegeakademikerinnen in der beruflichen Praxis ........................... 2.2.1 Verbleibstudien und Arbeitsmarktanalysen ...................................... 2.2.2 Berufliche Aspiration von Studierenden der Pflege ................... 2.3 Zur Identität von Pflegeakademikerinnen ............................................ 2.3.1 Perspektiven der identitätsorientierten Pflegeforschung ......... 2.3.1.1 Befunde zur Identität von traditionell ausgebildeten Pflegenden ........................................................................................................ 2.3.1.2 Befunde zur Identität von Pflegeakademikerinnen ................. 2.3.2 Neue Qualifikation, neue Identität? – Ein Forschungsdesiderat ..............................................................................

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3 Identität und Professionalisierung der Pflege – Theoretischer Bezugsrahmen ........................................................... 3.1 Die soziologische Berufs- und Professionstheorie ............................. 3.1.1 Akademisierung und Professionalisierung der Pflege .............. 3.1.2 Arbeit, Beruf und Profession .................................................................... 3.2 Identität im Kontext gesellschaftlicher Arbeit ................................... 3.2.1 Zum Stellenwert „professioneller Identität“ in den soziologischen Professionstheorien .....................................................

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3.2.2 Zum Stellenwert „beruflicher Identität“ in der subjektorientierten Berufssoziologie ................................................... 3.3 Identität als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Diskurse ............................................................................................................................. 3.3.1 Identität: Ein begriffsgeschichtlicher Abriss ................................... 3.3.2 Aspekte der Identität in der Moderne .................................................. 3.3.3 Kollektive und individuelle Identität ................................................... 3.4 Was ist „professionelle Identität“ von Pflegeakademikerinnen? ..................................................................................... 3.4.1 Zum Verhältnis von Identität und Professionalisierung der Pflege ............................................................................................................. 3.4.2 Konzeptualisierung der „professionellen Identität“ von Pflegeakademikerinnen ...............................................................................

4 Methodisches Vorgehen

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4.1 Begründung des Forschungsdesigns ............................................................ 4.2 Das Gruppendiskussionsverfahren .............................................................. 4.3 Datenerhebung und Auswertung .................................................................. 4.4 Das Sample der Untersuchung ........................................................................

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5 Empirie

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5.1 Zur Frage einer kollektiven Identität bei Pflegeakademikerinnen ......................................................................................... 5.1.1 Der Chamäleoneffekt .................................................................................... 5.1.1.1 „Was sind Sie von Beruf?“ – Kontextabhängigkeit bei der Interaktion mit Dritten ............................................................................ 5.1.1.2 „Man kann Pflege studieren?“ – Die Problematik mit dem Bekanntheitsgrad des akademischen Abschlusses in der Pflege ..................................... 5.1.1.3 Diplom-Pflegewirtinnen – „Wer nix wird, …“ ........................... 5.1.1.4 Die Bedeutung des traditionellen pflegerischen Examens im Feld der Pflege .......................................................................................

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5.1.2 Die Verortung im pflegerischen Berufsfeld ................................... 5.1.2.1 Pflegeakademikerinnen zwischen Karriere- und Gestaltungs­orientierung .......................................................................... 5.1.2.2 „...oh, ich bin was Besseres“ – Ambivalenzen im Verhältnis zur traditionellen Pflege .................................................. 5.1.3 Zusammenfassung: Fazit zur kollektiven Identität von Pflegeakademikerinnen ................................................................................... 5.2 Orientierungsrahmen von Pflegeakademikerinnen ........................ 5.2.1 Versorgungsqualität oder „Was ist gute Pflege?“ ......................... 5.2.1.1 Der Diskurs in der Gruppe „Nachexaminierer“ ....................... 5.2.1.2 Der Diskurs in der Gruppe Klinik 1 ................................................ 5.2.2 Theoriebasiertes Pflegehandeln ............................................................ 5.2.2.1 Diskurs in der Gruppe Pflegewissenschaftler .......................... 5.2.2.2 Diskurs in der Gruppe Nachexaminierer .................................... 5.2.3 Zusammenfassung: Zwei gegensätzliche Orientierungsrahmen ................................... 5.2.3.1 Der „akademische“ Orientierungsrahmen ................................... 5.2.3.2 Der „traditionelle“ Orientierungsrahmen .....................................

6 Diskussion der Ergebnisse ................................................................... 6.1 Professionelle Identität als Motor und Ergebnis der Professionalisierung ................................................................................................ 6.2 Herausforderungen bei der Ausbildung einer professionellen Identität ...................................................................................... 6.3 Die Relevanz der beruflichen Primärsozialisation ....................... 6.4 Praktische Konsequenzen für die Entwicklung des Berufsfeldes ..........................................................................................................

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7 Fazit und Ausblick

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Literaturverzeichnis

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Persönliches Nachwort

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Vorwort In den 1990er-Jahren Jahren begann in Deutschland die Jahrzehnte lang geforderte Akademisierung der Pflege. Erreicht werden sollten damit mehrere Zielsetzungen: die Schaffung einer eigenständigen wissenschaftlich begründeten Wissensbasis und Handlungskompetenz, die Verbesserung der Versorgung auf den Gebieten der Krankenpflege, der Kinderkrankenpflege und der Altenpflege, die Erhöhung des Prestiges des Pflegeberufs – verbunden mit der Verbesserung von Gratifizierung, Laufbahnperspektiven und Rekrutierungserfolgen, die Herstellung einer Kooperation „auf Augenhöhe“ vor allem mit der Medizin als dem klassischen akademischen Leitberuf des Gesundheits­ wesens, aber auch mit den bis dahin nicht akademisch ausgebildeten therapeutischen Fachberufen, und nicht zuletzt die Angleichung an die international übliche Ausbildungsform der Pflege an Universitäten. „Profes­sionalisierung“ war der  – durchaus mit Bezug zur soziologischen Profes­sionsforschung – gebrauchte Begriff, mit dem all diese Bemühungen auf den Punkt gebracht werden sollten. Heute, etwa 20 Jahre später, ist es an der Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen, wo die Professionalisierung der Pflege steht. Mit ihrer Studie „Zwischen Tradition und Innovation“ legt Anke Gerlach gleichsam eine Art Zwischen­evaluierung der bisherigen Resultate der Akademisierung und der Professio­nalisierung der Pflege vor. Die empirische Untersuchung konzentriert sich dabei auf die Frage, inwieweit und inwiefern sich bei den Absolventinnen und Absolventen so etwas wie eine „professionelle Identität“ ausgebildet hat. Das Fazit fällt sehr zwiespältig aus – durchaus ernüchternd einerseits, der Hoffnung Anlass gebend andererseits. Um es knapp zu formulieren: Eine gemeinsam geteilte professionelle Identität der akademisch Gebildeten ist derzeit nicht beobachtbar, sichtbar sind jedoch bei einem Teil der Absolventinnen und Absolventen pflegebezogener Studiengänge Ansatzpunkte für eine eigenständige professionelle Identität. Diese Ansatzpunkte sind an zwei zentralen Stellen, Anke Gerlach bezeichnet sie treffend als „Identitätskerne“, zu finden: An der Frage, welche Rolle die wissenschaftliche Basis für die prak-

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Vorwort

tische Pflege spielt, und an der Frage, welchen Beitrag eine wissenschaftlich fundierte Pflege für die Qualität der Versorgung hat. Beide Befunde, das Fehlen einer einheitlichen professionellen Identität wie die Bedeutung der Identitätskerne „wissenschaftliche Fundierung“ und „Versorgungsqualität“, sind meines Erachtens für die weitere Entwicklung der Akademisierung der Pflege von höchster Bedeutung. Wenn es nicht gelingt, vor allem bezüglich dieser Identitätskerne eine kollektiv geteilte Basis des Selbstverständnisses der akademisch Gebildeten herzustellen, dann bleibt vom Projekt Akademisierung der Pflege allenfalls eine gewisse berufs­ politisch motivierte Aufwertung der Ausbildung und eine formale Angleichung an internationale Standards. Ob dies dazu hinreicht, den nächsten abseh­baren Pflegenotstand zu bewältigen, wage ich zu bezweifeln. Und die Antwort „Akademisierung“ wird – nicht wie in den 1990ern – beim nächsten Pflegenotstand keine befriedigende Antwort mehr sein, weil diese zumindest in formaler Hinsicht bereits Realität ist. Unabhängig von diesen Ergebnissen der Zwischenevaluierung scheint mir der theoretisch-methodische Zugang der Studie von Anke Gerlach sehr beachtenswert. „Professionalisierung“ wird in dieser Untersuchung überhaupt nicht mehr in der Perspektive der Anlehnung an die Professionalisierung des Ärzte­ standes thematisiert. In ihrem theoretischen Bezugsrahmen greift die Arbeit vielmehr auf frühere Befunde der Berufsforschung zurück und betrachtet die Akademisierung und Neuordnung des Pflegeberufs eher als Prozess der Konstitution eines akademischen Berufs Pflege. Ausgehend von der subjekt­ orientierten Berufsforschung fragt Anke Gerlach dann nach den Prozessen, die zu einer gemeinsam geteilten, kollektiven Identität führen und greift dabei auch auf Erkenntnisse der Bewegungsforschung zurück. Dabei macht sie – berufs- und professionstheoretisch sehr interessant – die Besonder­heit dieses Neustrukturierungsprozesses deutlich, die darin besteht, dass der quantitativ weitaus überwiegende Teil der Pflege eben nicht akademisiert wird und ein „kollektives Projekt“ Akademisierung von allen Angehörigen der Pflege­ berufe nicht getragen wird und bei Berücksichtigung deren Interessenslagen auch nicht getragen werden kann. „Zwischen Tradition und Innovation“ ist in diesem Sinne nicht nur das Ergebnis möglicherweise gescheiterter Identitätsbildung im Studium, sondern nicht zuletzt auch das Resultat eines schwierigen Identitätsmanagements von

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Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge, die in ihrer vorhergehenden beruflichen Biographie eine Ausbildung als Pflegende abges­chlossen hatten. Sie stehen vor der schwierigen Aufgabe, ihre „neue“ Identität“ zu finden, ohne die „alte“ zu entwerten. All diese Fragen müssen in der akademischen Ausbildung bearbeitet werden. Anke Gerlachs Studie liefert dazu eine hervorragende Grundlage. Fulda, Dezember 2012

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Prof. Dr. Heinrich Bollinger (Fachbereich Sozial- und Kultur­ wissenschaften, Hochschule Fulda)


1 Einleitung Demografischer Wandel, Wandel des Krankheitsspektrums hin zu chro­ nischen Krankheiten und Multimorbidität, steigende Nachfrage nach neuen ambulanten und stationären Versorgungsformen, Enthospitalisierung, wachsender Fachkräftemangel – all dies sind Schlagworte, die in Zusammenhang mit den gesundheitsrelevanten gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit vielerorts und häufig diskutiert wurden und werden. Nicht nur für die Pflege resultiert aus der anhaltenden Bevölkerungsentwicklung, die zu einer dramatischen quantita­tiven Verschiebung in der Besetzung der höheren Alterskohorten sowie zu einer stetig wachsenden Zahl alter und hochbetagter Menschen führt und im Zusammenhang mit sozialstrukturellen Tendenzen der Singularisierung ein wachsender Bedarf an qualifizierten und bedarfsgerechten Versorgungsangeboten. Zugleich entsteht der steigende Versorgungsbedarf in einer Zeit, in der das Gesundheitssystem mit einem aus dem sozialpolitischen und sozialökonomischen Umfeld heraus entwickelten Kostendruck konfrontiert ist (vgl. Simon 2011). Grundsätzlich führten diese Entwicklungen bereits in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Reformbedarf des Gesundheitswesens, dem – unter ande­rem eingeleitet mit den Gesundheitsstrukturgesetzen ab Ende der 1980er Jahre und der Einführung der Sozialen Pflegeversicherung 1995 – auch in aktuellen ge­sund­heits­politischen Reformdiskursen entsprochen werden soll. Die Verän­derungen im Gesundheitswesen haben in besonderem Maße für die Gruppe der überwiegend nicht akademisch qualifizierten (nicht-ärztlichen) Gesundheits­berufe zu neuen Aufgaben und Tätigkeitsfeldern und in Folge dessen zu neuen Anforderungen an die potenziellen Qualifikationsprofile innerhalb dieser Berufs­gruppen geführt, wie dies beispielsweise an der nötigen Erweiterung des Kompe­tenz­profils um eine ökonomische Komponente deutlich wird (vgl. Slotala 2011). Vor diesem Hintergrund hat in den vergangenen Jahren im Bereich der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe eine Neustrukturierung eingesetzt, die sich unter ande­rem in berufsrechtlichen Regelungen, aber auch in der Forderung nach An­he­bung der Ausbildungsniveaus der Berufe ausdrücken.

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Anke Gerlach

Beispiele dafür sind vor allem die Novellierung des Krankenpflegegesetzes 2004 und die bundes­einheitliche Regelung der Ausbildung im 2003 implementierten Alten­pflege­gesetz. Es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass die Umgestaltung inhaltlicher und struktureller Bedingungen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung nicht-ärztlicher Gesund­heits­berufe dringend erforderlich erscheint. Die den besteh­enden Anforderungen entsprechenden Qualifikationspotenziale stehen nicht in aus­reichendem Maße zur Verfügung bzw. entsprechen die vorhandenen Quali­fikations­profile nicht den modernen Standards. Der gegenwärtig zu be­obach­tende Prozess der Neustrukturierung innerhalb der nicht-ärztlichen Gesundheits­berufe kann demnach (auch) als Ausdruck der Anpassung an bestehende An­forderungen interpretiert werden. Ein wesentliches Merkmal dieser Entwicklung im Feld nicht-ärztlicher Gesund­heits­berufe ist der fortschreitende Prozess der Akademisierung innerhalb dieses Bereiches. Nachdem vor etwa zwanzig Jahren zunächst für die Berufsgruppe der Pflegen­den Möglichkeiten der Qualifizierung auf Hochschulebene geschaffen wurden, erhoben auch andere Gesundheitsberufe die Forderung nach Akademi­sierung (vgl. AG MTG 2003). Im Zuge dieser Entwicklungen hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre die tradierte Aus- und Weiterbildungslandschaft der Gesundheitsberufe stark verändert. Bollinger (2012) konstatiert hier eine „neue Unübersichtlichkeit“. Diese ist einerseits bedingt durch die Entwicklung völlig neuer Studiengangsprofile, die nicht auf bereits konturierte Einsatzbereiche auf dem Arbeitsmarkt Gesundheit treffen – genannt werden als Beispiele Public Health, Gesundheitsmanagement und Gesundheitsförderung. Andererseits wird diese Unübersichtlichkeit durch die Entwicklungen im „Bologna-Prozess“, die u. a. eine Angleichung der Abschlussbezeichnungen herbeiführen, weiter verschärft (Bollinger 2012). Es kann festgehalten werden, dass im System der Gesundheitsberufe Entwicklungen eingesetzt haben, die dort zu einer Um- bzw. Neustrukturierung führen werden. Besonders deutlich wird dies eben bei der Entwicklung und Eta­blierung von akademischen Bildungsangeboten in diesem Bereich. In einer kaum mehr zu überblickenden Vielzahl von Studienangeboten mit den unterschied­lichsten Zugangsvoraussetzungen und Zielen werden für den Gesundheitssektor neue Qualifikationen und damit neue Kompetenz- und

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Einleitung

Fähigkeitszuschnitte geschaffen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen bzw. zunehmend stehen werden. Das Ergebnis dieses Strukturierungsprozesses ist gegenwärtig nicht ein­schätzbar. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich mit einer zunehmenden Höher­ qualifizierung der in den Gesundheitsberufen Tätigen in diesem Bereich grund­legende Veränderungen vollziehen werden. Zu welchem Ergebnis dieser Pro­zess führt, wird unter anderem davon abhängen, wie und ob es den einzelnen Be­rufsgruppen gelingt – und entscheidend dabei auch: welchen Berufsgruppen es gelingt -, ihre Rolle im System neu auszugestalten und dabei auch zu be­haup­ten. Dabei werden Fragen der Zuständigkeiten innerhalb des Versorgungs­sys­tems neu verhandelt, traditionelle Kooperations­ beziehungen neu abgestimmt wer­den müssen, und in der Folge wird sich auch die Frage der beruflichen Iden­tität für die einzelnen Gesundheitsfachberufe neu stellen. Das traditionell besteh­ende Gefüge der Gesundheits­ berufe wird damit von Grund auf in Frage gestellt und sich entsprechend neu justieren müssen. Wiewohl der Akademisierungstrend inzwischen eine Vielzahl der Gesundheits­berufe erfasst hat, stechen pflegebezogene Studiengänge aus der Gruppe der neu entstandenen Hochschulprogramme deutlich hervor. So steht für die Ange­hörigen pflegerischer Berufe das im Verhältnis zu anderen nichtärztlichen Ge­sund­heitsberufen zahlenmäßig größte fachspezifische Angebot an Studiengängen zur Verfügung. Auch in qualitativer Hinsicht zeigt sich die Vor­reiter­rolle der Pflege innerhalb der Gesundheitsberufe beim Akade­mi­ sier­ungs­pro­zess. So findet sich hier ein bereits relativ weit ausdifferenziertes Studien­an­ge­bot. Es wird unterschieden in Studiengänge für Lehr- und Management­funktio­nen und Studiengänge, die äquivalent zur traditionellen Ausbildung für die direk­te pflegerische Praxis qualifizieren. Daneben finden sich Studienangebote mit unter­schiedlichen pflegerelevanten Schwerpunkt­ setzungen, wie beispielsweise ein Bachelorstudiengang „psychiatrische Pflege“ oder ein auf die traditionelle Ausbildung aufbauender Bachelor­ studiengang „innovative Pflegepraxis“. Mit all diesen neu entstandenen Studiengangsangeboten soll die Pflege Stück für Stück auf neue qualifikatorische Grundlagen gestellt werden. Damit waren und sind eine ganze Reihe an Hoffnungen verbunden: Anhebung der pflegerischen Ver­sor­gungsqualität, Verwissenschaftlichung der Pflegepraxis,

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Aufbruch der ärztlichen Vormachtstellung und Stärkung der Eigenständigkeit, Steigerung der beruflichen Attraktivität und gesellschaftlichen Anerkennung. Immer wieder wurde dabei die Akademisierung der Pflege mit Verweis auf professions­soziologische Theorien auch als Professionalisierungsprojekt begriffen (Frie­sacher 2009). In Anbetracht der großen Hoffnungen, die mit dem Akademisierungsprozess ver­bun­den waren, überrascht es allerdings sehr, dass fast keine Forschung zu die­sem Gegenstand erfolgt. Wir wissen so gut wie nichts über die Effekte der Akade­mi­sierung in der Versorgung, über die Frage, was Pflegeakade­ mikerinnen und -akademiker1 konkret tun, wie sie es tun und ob sie sich dabei von traditionell ausgebildeten Pflegenden unterscheiden. Dieser Mangel an empirischem Wis­sen steht aber in deutlichem Kontrast zu der Bedeutung, die der Akademisierung der Pflege im Rahmen der Professionalisierung zugeschrieben wird. Die vorliegende Untersuchung knüpft an dieses Forschungsdesiderat an und macht Pflegeakademikerinnen zum Untersuchungsgegenstand. Ein Ziel der Ar­beit ist es, einen empirischen Beitrag zur Beseitigung des Forschungsdefizits zu leis­ten und Aussagen über den Stand der Entwicklung dieses Feldes zu machen. Vor dem Hintergrund der im Feld in Verbindung mit der Akademisierung oft thema­tisierten Professionalisierung werden die Befunde in einen professions- und berufssoziologischen Kontext gestellt. Die Arbeit geht dabei der Frage nach, ob und inwiefern bei der Gruppe der Pflegeakade­ mikerinnen eine kollektiv ge­teilte professionelle Identität existiert. Mit dem Aufgreifen dieser Thematik – bezogen auf einen ausgewählten Bereich der Gesundheitsberufe, den Bereich der Pflege – widmet sich die vorliegende Arbeit einem gesundheitswissenschaftlich aktuellen und hoch relevanten Thema. So macht der Blick auf die quantitative Verteilung der einzelnen Berufsgruppen im Gesundheitssystem deutlich, dass es sich bei den Pflegeberufen mit ca. 1,4 Millionen Beschäftigten um die mit Abstand größte Gruppe im System der gesundheitlichen Versorgung handelt. Im Jahr 2009 war jeder dreiunddreißigste Erwerbstätige im Pflegebereich beschäftigt2. 1 In der Folge wird der besseren Lesbarkeit halber stets nur die weibliche Form „Pflege­ akademikerinnen“ verwendet. Dies entspricht auch der quantitativen Verteilung der Absolventinnen und Absolventen pflegebezogener Studiengänge. 2 Eigene Berechnung auf Grundlage der Daten des Statistischen Bundesamtes 2009

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Einleitung

Auch die sozialökonomische Bedeutung der Pflege macht deutlich, dass es sich hierbei um einen gesundheitswissenschaftlich hoch relevanten Bereich handelt. Dazu vergleichen Thiele und Güntert (2007) den Wertschöpfungsanteil der Pflege mit anderen Wirtschaftszweigen und zeigen auf, dass dieser mit 2,0% dem Wertschöpfungsanteil der Energie- und Wasserversorgung entspricht. Als weitere Referenzwerte werden die Wertschöpfungsanteile der Automobilindustrie mit 3,3% und die chemische Industrie mit 2,3% zum Vergleich herangezogen (Thiele & Güntert 2007, S. 790). Schenkt man den Prognosen zur gesellschaftlichen Entwicklung Glauben, zeigt sich, dass der Pflegesektor in Zukunft noch sehr viel stärker an Bedeutung gewinnen wird (vgl. Kuhlmey & Blüher 2011). Die Anzahl der Pflege­ bedürftigen wird sich im Falle der Konstanz der heutigen Pflegeprävalenzen von etwa 2,1 Mio. Fällen bis zum Jahr 2050 auf 4,4 Mio. Fälle mehr als verdoppeln. Darüber hinaus wird der Anteil der 65- bis 100-Jährigen an allen Pflegefällen, bedingt durch die Zunahme der Lebenserwartung, von 76% im Jahr 2005 auf 90% im Jahr 2050, steigen (vgl. Hackmann & Mog 2008). In Anbetracht prognostizierter sinkender Potenziale an Laienpflege wird damit perspektivisch der Bedarf an professioneller Pflege drastisch ansteigen. Schnabel (2007) geht davon aus, dass sich der „Anteil des Pflegemarktes an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung auf Sicht von 15 Jahren verdoppeln [wird]. Falls die Marktentwicklung mit der Nachfrage Schritt hält, wird auf lange Sicht fast jeder zehnte Arbeitsplatz im Bereich der Pflege liegen.“ (Schnabel 2007, S. 26) Damit kommt dem Pflegewesen auch eine immer stärker werdende gesellschaftspolitische Bedeutung zu. Die sozialpolitische Bedeutung ergibt sich aus der Tatsache, dass mit der Pflegeversi­cherung eigens eine Säule des deutschen Sozialversicherungs­ systems geschaf­fen wurde, die vollständig auf das Pflegewesen bezogen ist, und im Rahmen der Krankenver­si­cherung ein nicht uner­heb­licher Teil der Versicherungsleistungen für pflegerische Maßnah­men aufgewen­det wird. Somit wirken sämtliche sozialpoliti­sche Reformen in den Bereichen der Krankenund Pflegeversicherung unmittelbar auf das Pflegewesen zurück (vgl. Simon 2011). Im Zusammenhang mit den oben genannten gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben sich auch für die Berufsgruppe der Pflege neue Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. So steigen beispielsweise in Verbindung mit

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dem Trend der Verlagerung von Versorgungsleistungen aus dem stationären in den ambulanten Be­reich und der angestrebten Vernetzung medizinischer und sozialer Dienste und Einrichtungen die Anforderungen an die Kooperationsfähigkeit ebenso wie die Anforderungen an die Kommunikations- und Interaktionskompetenz der Pfle­gen­den. Daneben spielen mindestens zwei weitere Aspekte für die Entwicklung in diesem Feld eine wesentliche Rolle, mit denen gleichermaßen neue Kompe­tenz­anforderungen verbunden sind. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um die veränderte Rolle des Patienten im Gesundheitswesen und die dadurch bedingte veränderte Wahrnehmung des Patienten und seiner Angehörigen als eigenverantwortliche und informierte Nutzer von Gesundheitsdienstleistungen (vgl. Schaeffer 2004b). Die Beratung, Schu­lung und Information von Patienten und Angehörigen werden damit zu einem weiteren elementaren Bestandteil des Aufgabenspektrums der Pflege und erfordern entsprechende Kompetenz­erwei­terungen (vgl. u. a. Koch-Straube 2008). Ein weiterer Trend im gegenwärtigen System der Gesundheitsversorgung ist in dem sich andeutenden Perspektivenwechsel von der Behandlung von Krankheit hin zur Erhaltung der Gesundheit und eine damit einher­gehende stärkere Aufmerksamkeit für die Bereiche Prävention und Gesundheits­­­för­derung zu sehen (vgl. u. a. Schaeffer & Wingenfeld 2011). Auch hierfür bedarf es der entsprechenden Kompetenzerweiterung in den pflegerischen Berufen. Die skizzierten Entwicklungen zeigen, dass die berufliche Pflege einerseits vor großen Heraus­forderungen steht, andererseits beinhaltet diese He­rausforderung für sie auch große Chancen und Entwicklungsperspektiven. Voraussetzung für das erfolgreiche Aufgreifen die­ser neuen Herausforderungen ist eine Kompetenzentwicklung in der beruflichen Pflege, die den neuen Problemlagen und den sich daraus ergebenden Anforderungen gerecht wird (vgl. hierzu auch Moers 2004). Eine solche Entwicklung des Pflegeberufs könnte auf die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung einen wesent­ lichen Einfluss haben. Die laufende Neustrukturierung des Pflegeberufs, besonders die Akademisierung der Pflege, könnte hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten (Stemmer 2003). Mit der Untersuchung der professionellen Identität von Pflegeakademikerinnen wird ein Schritt unternommen, empiri­sche Hinweise zu erhalten, inwieweit diese Erwartung gerechtfertigt erscheint. Die Unter­suchung greift

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Einleitung

damit ein Thema auf, dessen gesundheitswissenschaftliche Relevanz sich aus der gesell­schafts­poli­ti­schen, sozialpolitischen und sozialökono­mischen Bedeutung der Pflege im Sys­tem der gesundheitlichen Versorgung und aus den Anforderungen an eine Neu­struk­turierung der beruflich organisierten gesundheitlichen Versorgung ergibt. Mit der Akademisierung der Pflege war die Absicht verbunden, die pflegerische Versorgung zu verbessern. Ob und inwieweit eine Akademisierung der Pflege tatsächlich einen Beitrag zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung leisten kann, lässt sich derzeit noch nicht beantworten. Allerdings erlaubt die vorliegende Untersuchung Einblicke in den gegenwärtigen Stand der Verwertung der im Rahmen der Hochschulsozialisation erworbenen Qualifikation der Pflegeakademikerinnen, und sie kann Hinweise auf die weitere Entwicklung des Berufsfeldes Pflege liefern. Dazu werden in einem ersten Schritt vor dem Hintergrund der Geschichte des Be­rufs­feldes im zweiten Kapitel der Verlauf und Stand der Akademisierung nach­ge­zeichnet und relevante Forschungsbefunde referiert. Es wird dabei gezeigt wer­den, wie defizitär die derzeitige Forschungslage zum vor­ liegenden Unter­suchungs­gegenstand ist. Anschließend wird im dritten Kapitel der theoretische Rahmen der Untersuchung entfaltet. Hierbei wird zunächst eine definitorische Annäherung an Profession und Professionalisierung erfolgen. Daraufhin wird der Stellenwert der Kategorie „Identität“ in den berufs- und professionssoziologischen Theorien eruiert. In der Folge wird es in diesem Kapitel darum gehen, relevante Diskurse zur Kategorie der „Identität“, besonders der „kollektiven Identität“, aufzuzeigen. Auf der Basis der theoretischen Ausführungen wird sich dann dem Verhältnis von Identität und Professionalisierung der Pflege gewidmet. Auf der Grundlage dieses theoretischen Rahmens wird dann zunächst die konkrete Fragestellung der Arbeit abgeleitet und diese anschließend operationalisiert. Nachdem im anschließenden vierten Kapitel das methodische Vorgehen dargelegt wird, folgt in Kapitel fünf die Darstellung der empirischen Befunde. Dabei wird sich zeigen, dass derzeit von einer einheitlichen (kollektiven) professionellen Identität der Pflegeakademikerinnen nicht gesprochen werden kann, sondern dass sich stattdessen zwei sehr unterschiedliche Orientierungsrahmen identifizieren lassen. Anschließend werden die Befunde in

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einer Rückkoppelung mit dem theoretischen Teil der Arbeit kritisch diskutiert und dahingehend interpretiert, inwiefern die Pflegeakademikerinnen als „Produkte“ der Akademisierung nun auch zu „Subjekten“ der Professionalisierung werden. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen Hinweise darauf geben, wie sich der Beruf Pflege einer­seits und die Leistungsfähigkeit der Pflege bezogen auf die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung andererseits in Zukunft entwickeln werden.

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Professionelle Identität in der Pflege – Anke Gerlach