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Schriftenreihe Medizin und Judentum • Band 11

Prof. Dr. med. Caris-Petra Heidel, geb. 1954, ist Medizinhistorikerin und kommissarische Direktorin des Instituts für Geschichte der Medizin der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus an der TU Dresden. Redaktionelle Mitarbeit, Lektorat: Carola Richter, geb. 1962, Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden.


Caris-Petra Heidel (Hrsg.)

Der j端dische Arzt in Kunst und Kultur

Mabuse-Verlag Frankfurt am Main


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Satz: Tischewski & Tischewski, Marburg Umschlaggestaltung: Karin Dienst, Frankfurt am Main Druck: Prisma Verlagsdruckerei GmbH, Saarbrücken ISBN: 978-3-86321-032-8 ISSN: 01436-5200 Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten


Inhalt

Caris-Petra Heidel Vorwort ............................................................................................... 9 Miriam Gillis-Carlebach „Biblisch-Talmudische Medizin: Beiträge zur Geschichte der Heilkunde und der Kultur überhaupt“ Mein Großvater, Sanitätsrat Dr. Julius Preuss (1861-1913) ....................... 13

Samuel S. Kottek Ein gelehrter jüdischer Arzt der Renaissance Abraham Portaleone über Edelsteine . .................................................. 31

Ekkehard W. Haring Die Krankheiten der Identität und ihre Heilkünstler. Zur Figur des jüdischen Arztes in der Literatur zwischen 1848 und 1933 ............................................... 43

Gerald Kreft „… nehmen Sie danach ein kaltes Bad …“ Das Bild des Arztes im jüdischen Witz ................................................... 59

Christina Pareigis Ödipus, Schnödipus Der jüdische Witz und seine Beziehung zur Psychoanalyse

Frank Leimkugel Jüdische Apotheker als Kulturschaffende und Mäzene

..................... 89

........................ 101


Albrecht Scholz Der Dermatologe Albert Neisser – Kunstsammler und Mäzen in Breslau

.................................................. 111

Hubertus Hug und Frank Leimkugel Ophthalmologie und Olivenbäume Der Augenarzt Abraham und die Malerin Anna Ticho – israelische Pioniere in Medizin, Kunst und Mäzenatentum

................... 127

Jürgen Nitsche „Wer stirbt und nicht verlischt, hat ewiges Leben.“ Jüdische Mediziner als Kulturpolitiker, Kunstsammler und Bücherfreunde. Das Beispiel Chemnitz ........................................................................ 137

Anne Kerber und Frank Leimkugel „Entspricht mein Sohn Erich meinem Wunsche …“ Der linksanarchistische Dichter Erich Mühsam und seine Apotheker- und Ärztefamilie .............................................. 161

Wolfgang Kirchhoff Lion Feuchtwanger: Dr. Wohlgemuth – ein Zahnarzt im Pariser Exil

.................................... 173

Peter Schneck Arzt und Medizin bei Victor Klemperer (1881-1960)

............................ 191

Andrea Lorz „… denn sicher haben wir noch Bedeutendes von ihm zu erwarten.“ Dr. med. Raphael Chamizer – ein Leipziger Arzt, Literat und Bildhauer

. ........................................... 209

Rebecca Schwoch Dr. Adolf Abraham Ziegelroth – Opernsänger, praktischer Arzt für Biochemie, Autor eines Schauspiels ...................................................................... 233


Ulrich Lilienthal und Gerald Kreft Ganzheit versus „Psychischer Skorbut“ Der Rabbiner, Arzt, Belletrist und Sozialaktivist Prof. Dr. med. Fischl Joshua Schneerson (1887-1958)

............................ 245

Daniel S. Nadav Dr. Karel Fleischmann – a Bohemian physician-artist in Theresienstadt

..................................... 265

Thomas Lennert Zwischen Fontane und Mengele: Der Kinderarzt, Wissenschaftler und Künstler Fritz Demuth

................. 271

Regine Erichsen Zwei Pädiater im türkischen Exil: Erna und Albert Eckstein halfen Kindern im ländlichen Anatolien und fotografierten ihre Welt Anschriften der Verfasser

......................... 285

................................................................... 311


Vorwort Die Idee für das Rahmenthema ist bereits anlässlich der in vielfacher Hinsicht innovativen 10. Tagung „Medizin und Judentum“ in Istanbul 2009 geboren worden. Auslöser war der Vorschlag der Eheleute Dr. Kreft, sich mit der Frage auseinander zu setzen, ob und inwieweit der feinsinnige und geradezu legendäre jüdische Witz und Humor auch Medizinisches, den Arzt oder die ärztliche Handlung thematisiert. Tatsächlich stand diese Problematik bislang kaum im Blickpunkt „ernsthafter“ wissenschaftlicher und insbesondere medizinhistorischer Forschung, womit nicht nur ein spannendes und ansprechendes Thema unserer Tagung gefunden war, sondern vielmehr noch der Anspruch auf Neuigkeitswert und Erkenntnisgewinn gesichert schien. Dass zudem die heitere Atmosphäre der Tagung weitere Anregung findet, war als schöner Nebeneffekt durchaus mitgedacht. Da der Austragungsort wieder Dresden sein sollte, war aber noch ein gerade für die lokale Medizingeschichte wichtiges Jubiläum zu beachten. 2011 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag des Großindustriellen und „Odol“Fabrikanten Karl August Ferdinand Lingner (1861-1916), der um die Jahrhundertwende und in den ersten eineinhalb Dezennien des 20. Jahrhunderts zu den schillernden Persönlichkeiten in Sachsen und insbesondere in Dresden gehörte. Wenngleich Lingners Persönlichkeit und Verdienste bereits von Zeitgenossen sehr different gesehen worden sind, bleibt unbestritten sein starkes und noch längere Zeit nachwirkendes soziales und sozialhygienisches Engagement. Seinem persönlichen Einsatz – sowohl ideell als auch finanziell und organisatorisch – sind auf dem Gebiet der Hygiene und Volksbelehrung so entscheidende Neuerungen zu verdanken, wie die Gründung der weltweit ersten stationären Behandlungseinrichtung für erkrankte Säuglinge und Kleinkinder, der (wissenschaftlichen) Zentralstelle für Zahnhygiene mit Schulzahnklinik, der Öffentlichen Zentralstelle für Desinfektion mit Desinfektorenschule, der in Dresden ersten öffentlichen Allgemeinbibliothek mit großem Lesesaal und – was auch heute noch immer in Verbindung mit seinem Namen genannt wird und allgemein bekannt ist – die Organisation und Durchführung der


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I. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden sowie die nachfolgende Gründung des Deutschen Hygiene-Museums. Seine gemeinnützigen Unternehmungen waren zudem immer auch involviert in die kulturelle, sogar kulturpolitische Entwicklung, wenn man bedenkt, dass er nicht nur Kunst und Kultur in und für seine Unternehmungen einbezogen und genutzt, sondern sie als kommunale, gesellschaftlich notwendige Aufgabe vermittelt hat. Und schließlich hatte Lingner – selbst musisch ambitioniert und medizinisch interessiert – privat und beruflich einen Freundes- und Mitstreiterkreis um sich versammelt, dem nicht zuletzt Künstler und Ärzte zugehörten, darunter nicht Wenige jüdischer Herkunft. Diese Konstellation war uns Anlass, sowohl die Tagung in dem testamentarisch der Öffentlichkeit übergebenen und zur Zeit aufwendig restaurierten Hauptwohnsitz Lingners, dem so genannten „Lingnerschloss“, an den Dresdener Elbhängen durchzuführen, als auch die ursprüngliche Themenidee noch zu erweitern. Dem kam entgegen, dass zu der genau zehn Jahre zuvor von der Tagungsreihe „Medizin und Judentum“ thematisierten Darstellung des jüdischen Arztes in Literatur, Theater und Film („Das Bild des jüdischen Arztes in der Literatur“, Bd. 6) ein breites Interesse sowie von verschiedenen Wissenschaftsbereichen weiterer Diskussionsbedarf signalisiert worden war. Dementsprechend sollten/konnten über das Genre Satire/Humor hinaus alle Literaturkategorien in die Untersuchungen einbezogen werden; und nicht nur das, auch die bildende und darstellende Kunst. Im Übrigen ist der Begriff Kunst nicht nur eingeengt als Ausdrucksform der schönen Künste zu verstehen. Kunst bezeichnet nämlich im weitesten Sinne jede entwickelte, kreative Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Insofern wird erklärbar, dass auch die Medizin bzw. das ärztliche Handeln eine Kunst – Heilkunst – ist und selbst in einer auf exakte Nachweis- und Objektivierbarkeit orientierten Zeit als solche verstanden wird. In diesem Kontext die von jüdischen Ärzten ausgeübte und in/von den schönen Künsten (hier insbesondere der Literatur) in vielfältiger Weise reflektierte Heilkunst zu betrachten, ist ein eher „junger“ Forschungsbereich, der über die Fülle noch zu erhebender Fakten hinaus wesentliche neue Erkenntnisse und Sichtweisen erwarten lässt , wofür die in diesem Band der Schriftenreihe „Medizin und Judentum“ vorliegenden wissenschaftlichen Beiträge bereits einen eindrucksvollen Beleg geben. Aber noch eine andere Tendenz zeichnet sich mit den hier zusammengeführten Beiträgen ab. Stand ursprünglich eher die literarische Gestalt, die


Vorwort

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Darstellung von Lebensschicksalen und Charakteren des „jüdischen Arztes“ im Mittelpunkt, so hat sich inzwischen der Fokus diesbezüglicher geisteswissenschaftlicher Untersuchungen auf die Hinterfragung von gesellschafts- und kulturpolitischen Einflüssen, Orientierungen und Ausprägungen verlegt. Der „jüdische Arzt“ – wobei das berufsständische Attribut nicht derart eingeengt verstanden werden soll und auch Zahnärzte und Apotheker einschließt – wird nicht nur als „Objekt“ in der Kunst, sondern vor allem auch als Handelnder, Beförderer oder gar Träger der Kulturpolitik wahrgenommen. Damit ist zugleich – und nicht nur wegen der spezifischen Sicht auf den jüdi­schen Mediziner und Apotheker – die Besonderheit und wissenschaftliche Eigenständigkeit betont, selbst wenn die Thematik „Medizin/Arzt in Kunst und Literatur“ schon längst ein literatur-, sozial- und insbesondere wissenschaftshistorischer Forschungsgegenstand ist. Und um nochmals auf die ursprüngliche Idee zum „jüdischen Witz“ zurückzukommen – hiermit dürfte ohne Übertreibung wissenschaftliches Neuland in der Medizingeschichtsschreibung betreten worden sein; aber auch aus anderen geisteswissenschaftlichen Fachbereichen sind thematisch vergleichbare Untersuchungen und Vorarbeiten mehr als rar. Mit diesem Band wird somit keineswegs „nur“ ein aufwendig recherchiertes neues Faktenmaterial und -wissen vorgelegt, um bisherige Untersuchungen zur Reflektion von Gesundheit und Krankheit, ärztlichem Handeln und des Arztes in der Kunst – unter dem spezifischen Gesichtspunkt des „Jüdischen“ – zu ergänzen. Abgesehen davon, dass der Aspekt des jüdischen Arztes/Zahnarztes/ Apothekers in und für Kunst und Kultur einen eigenen Forschungsgegenstand begründet und keine bloße Erweiterung der genannten allgemeinen Problematik darstellt, werden mit den wissenschaftlichen Beiträgen vor allem bislang nicht oder kaum im Fokus wissenschaftshistorischer Untersuchungen stehende bzw. erkannte Fragestellungen aufgeworfen und bearbeitet, etwa die Sichtweise jüdischer Heilkundiger auf die Medizin als Heilkunst und deren Verbindung zur kulturellen Entwicklung, die literarische (auch eigens von jüdischen Literaten) Widerspiegelung und Umsetzung jüdischen ärztlichen Handelns sowie der persönliche Beitrag jüdischer Ärzte, Zahnärzte und Apotheker zu Kunst und Kultur, einschließlich ihres Einflusses auf die Kulturpolitik. Den Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle für die erfolgreiche Verwirklichung dieses wissenschaftlichen Projektes mit ihren gleichermaßen erkenntnisreichen wie anspruchsvollen Beiträgen sowie ihrer anregenden und ideengebenden Diskussion auf der Tagung vielmals gedankt.


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Caris-Petra Heidel

Für die großzügige und entgegenkommende finanzielle Unterstützung der 11. Tagung „Medizin und Judentum“ in Dresden 2011 möchten wir der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden, der Nicolas-BenzinStiftung (Frankfurt a. M.) sowie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden danken.

Der jüdische Arzt in Kunst und Kultur – Caris-Petra Heidel