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Selin Projer Masterthesis FS14

Selin Projer Masterthesis

Fachhochschule Nordwestschweiz Institut Architektur Fr端hjahrssemester 2014


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Frühjahrssemester 2014 FHNW Basel

Dozent Prof. Luca Selva Begleitdozent Architekturprojekt Prof. Dominique Salathé Begleitdozent Theoriearbeit Andreas Nütten

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Inhalt

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Aufgabenstellung

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Analyse und Konzept

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Prozess

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Masterthesis-Projekt

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Theoriearbeit

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Masterstudium

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Aufgabenstellung

7

Analyse und Konzept

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Prozess

17

Masterthesis-Projekt

23

Theoriearbeit

49

Masterstudium

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Die Stadt in der Stadt Das Klybeckquartier und auch Kleinhüningen stehen vor städtebaulich bedeutsamen Transformationen. Die aktuelle Diskussion um die Vision einer wiederhergestellten Klybeck-Insel im Rhein steht im Zusammenhang mit der Entwicklung des angrenzenden Klybeckquartiers, das heute von einem direkten Nebeneinander von Industrie und Wohnen geprägt ist. Der Betrachtungsperimeter für das Masterthesis-Projekt umfasst den nördlichen Teil des BASF-Areals, der im Westen, Norden und Osten von dem Strassennetz des Altrheinweges, der Kleinhüningerstrasse und der Klybeckstrasse begrenzt wird. Mit der zukünftigen Entwicklung wird das Areal durch eine Bebauung am Altrheinweg von der direkten Lage am Rhein getrennt sein. Die Umsetzung der Vision eines Hochhausclusters auf einer neuen Klybeck-Insel würde auf der nach Westen ausgerichteten Rheinseite vornehmlich neue mittel- und hochpreisige Wohnnutzungen schaffen. Auf dem für die Neuplanung vorgesehenen Perimeter befinden sich heute neben einer grossen Parkplatzfläche ein Büro-/ Werkstattgebäude sowie ein kleines Werkarztgebäude. Die Bearbeitung der bestehenden Situation soll günstigen und differenzierten Wohnund Kulturraum zum Ziel haben. Im Interesse stehen dabei Themen wie Gegensätze, das Fragmentarische und Vielfältige. Es soll eine Programmierung gefunden werden, die neben differenzierten Wohnnutzungen auch Atelierclusters, Gastronomie, Kleingewerbe und ähnliches beinhaltet, wie sie vielerorts in der Stadt bereits gut verankert sind.

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Aufgabenstellung

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Analyse und Konzept

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Prozess

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Masterthesis-Projekt

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Theoriearbeit

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Masterstudium

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Analyse Klybeckquartier Bei der Betrachtung des Klybeckquartiers fällt auf, dass starke Unterschiede in der Stadtstruktur vorhanden sind. Eine heterogene und fragmentarische Bebauung im nördlichen Wohngebiet des Quartiers steht im Kontrast zu der Bebauungsstruktur des Industrieareals südlich davon. Räumlich bilden die strassenbegleitenden Wohnbauten mehrheitlich private Innenhofsituationen, wogegen die Industriebebauung eine grosszügige offene Struktur zeigt, die einem eigenene Erschliessungsmuster folgt. Die Innenhöfe der Wohnbauten sind vielerorts mit Durchgängen versehen und erreichbar, beinhalten jedoch meist private Parkierungsmöglichkeiten oder kleinere Gewerbebauten, die Sackgassen bilden. Ein paar wenige Zugänge führen zu durchgängigen Innenhofsituationen oder gar zu öffentlichen Grünräumen. Das Industriegebiet funktioniert als eigenständiges System im Quartier und ist für die Öffentlichkeit unzugänglich.

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Konzeptidee Thesisprojekt Das zukünftig neu nutzbare Industrieareal direkt neben dem Fragment einer Wohnbebauung ist heute vor allem eine unter der Woche genutzte Parkplatzfläche. Sie beansprucht den Zwischenraum der zwischen den Wohngebäuden mit den kleinen „Hofbauten“ und dem Industrieareal durch die Ausbreitung der Industrienutzung entstanden ist. Dieser innere Raum, der seit der Unterbrechung der Kleinhüningerstrasse am Ende eines Wendehammers liegt, ist in seiner Abkoppelung von den umlaufenden Strassenzügen ein ungenutzter Ort mit Potential für zukünftigen Wohnraum. Im Zusammenhang der gesamten stadträumlichen Struktur des Klybeckquartiers, das durch seine Geschichte von Heterogenität und dem Nebeneinander von Industrie- und Wohngebiet geprägt ist, soll die bestehende Situation als Chance genutzt werden. Konzept ist es, durch das Weiterflechten der offenen Bebauungsstruktur des Industrieareals einen neuen öffentlich zugänglichen Stadtraum zu schaffen und so das gewachsene Quartier zu erweitern. (vgl. Theoriearbeit: „Analyse des Strukturwandels im Klybeckquartier“ S.58 und „Schematische Darstellung der Analyse“, S.70)

Schema vernetztes Industrieareal

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Situation heute

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Aufgabenstellung

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Analyse und Konzept

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Prozess

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Masterthesis-Projekt

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Theoriearbeit

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Masterstudium

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Modellstudien Das Konzept versucht die Struktur der Industriebebauung aufzunehmen und das bestehende Fragment einer Wohnbebauung in ein zusammenh채ngendes st채dtisches Raumgef체ge zu integrieren.

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Bildstudien Die Schnittstelle zwischen Neubau und Bestand liegt im Zentrum der Betrachtung. Der Zwischenraum soll als öffentlich zugänglicher Raum funktionieren und mit dem Bestand einen Ort bilden, wo der Kontrast spürbar und die vorhandene Identität bestehen bleibt. Die Sackgasse, wo die unterbrochene Kleinhüningerstrasse heute endet, wird durch Neubauten wieder in neue „Strassenräume“ geleitet, die durch die Zwischenräume neuer Gebäude gebildet werden.

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Aufgabenstellung

7

Analyse und Konzept

11

Prozess

17

Masterthesis-Projekt

23

Masterstudium

83

Theoriearbeit

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Situation Die Aufgabe einer Neuplanung zwischen den erhaltenen Wohnbauten und der grossmassstäblichen Industriebebauung ist mit den beiden unterschiedlichen Bauformen der Industrie und dem Wohngebiet konfrontiert. Der Perimeter umfasst neben einer grossen Freifläche auch zwei bestehende Gebäude. Ein kleines Gebäude mit Satteldach steht etwas zurückversetzt am Altrheinweg, ein grösseres 5-geschossiges Industriegebäude mit einer Gebäudehöhe von 23 Meter steht direkt in der Verlängerung der unterbrochenen Kleinhüningerstrasse, am Ende des heutigen Wendehammers. Auf ihre Bausubstanz hin betrachtet, ist das Büro-/ Werkstattgebäude in seiner Stützen-Platten Bauweise aus Beton erhaltenswert, das kleinere durch seine geringe Ausnutzung aber auch durch vermutlich Asbest-haltige Bauteile zu ersetzen. Der Bezug zum Rhein ist heute noch durch die Geleiseanlagen der Hafenbahn unterbrochen. In Zukunft sollen die Hafenanlagen jedoch verschwinden und am Rhein neuen Wohnraum geschaffen werden. Der Planungsperimeter bleibt also in zweiter Reihe zum Rhein. (vgl. Theoriearbeit: „Möglichkeiten für die Zukunft“, S.74)

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Schwarzplan 1:10‘000

Schwarzplan 1 : 10'000

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Städtebauliche Integration Mit dem Perimeter, der Teile des bis heute für die Öffentlichkeit verschlossenen Industrieareals miteinbezieht, wird auch das bestehende interne Strassennetz der Industrie miteinbezogen. Das Projekt schlägt drei neue Gebäude vor, die das bestehende Büro-/Werkstattgebäude und das Wohnbau-Fragment in ein zusammenhängendes Netzwerk von Aussenräumen integriert. Die drei neuen Gebäude folgen in ihrer Anordnung bestehenden städtebaulichen Ausrichtungen und versuchen dadurch die beiden verschiedenartigen Bauformen des Wohn- und des Industriegebietes miteinander zu verbinden. Eine strassenbegleitende Scheibe führt die bestehende Struktur des Zeilenbaus am Altrheinweg weiter, nutzt aber den vorhandenen Raum der tiefen Parzelle und distanziert sich von der Strasse und dem geplanten Gegenüber. Diese Distanz erlaubt der Scheibe in der Höhe zu einem Hochhaus zu werden. Seine Höhe schafft zudem übergeordnet eine Verbindung zu den am Altrheinweg in Richtung Dreirosenbrücke höher werdenden Industriebauten. Es steht somit auch in visueller Verbindung mit dem Hochhaus an der Dreirosenbrücke. Ein zweites Nord-Süd orientiertes Gebäude fasst den durch den Rücksprung entstandenen Vorplatz am Altrheinweg, richtet sich aber nach der übergeordneteten orthogonalen Struktur des Industrieareals. Seine Setzung wird durch das südlich davon liegende massive Tanklager bestimmt und übernimmt an seiner Ostfassade dessen Gebäudeflucht. Ein drittes neues Gebäudevolumen, ebenfalls nach dem orthogonalen Raster des Areals ausgerichtet, beansprucht den Raum im Zentrum des Perimeters. Rückwärtig zur Scheibe zwischen bestehender Industrie- und Wohnbebauung reagiert es mit seiner niederen Traufhöhe nach Norden auf die Zeile an der Klybeckstrasse und formt den Raum zwischen Neu und Bestand. (vgl. Theoriearbeit: „Merkzeichen als Qualität“, S.66)

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Situation heute

Situation neu

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SPIELRAUM ZUKÜNFTIGE BEBAUUNG

Nutzung Bestand NUTZUNG BESTAND BÜRO - / WERKSTATTGEBÄUDE BÜROGEBÄUDE

PARKPLATZ KEGELBAHN WERKARZT KINO ATELIERS WOHNGENOSSENSCHAFT KLYBECK

MUSIKPALAST

NUTZUNG ERWEITERT Nutzung erweitert

WOHNHAUS ÖFFENTLICHER GRÜNRAUM

QUARTIERHAUS WOHNSCHEIBE VORPLATZ / GARTEN

SPIELRAUM ZUKÜNFTIGE BEBAUUNG

NUTZUNG BESTAND BÜRO - /

28 WERKSTATTGEBÄUDE

BÜROGEBÄUDE


Situation 1:2‘000

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Funktion für das Quartier Die hohe Scheibe wird auf Grund ihrer Ost-West Ausrichtung, der geeigneten Gebäudetiefe sowie seiner von der Strasse zurückversetzten Lage als Wohnhaus ausformuliert. Das Erdgeschoss mit dem Vorplatz wird von täglich genutzten Läden und Gastronomie bespielt. Das quer dazu stehende den Vorplatz fassende Gebäude hat durch seine stirnseitige Nähe zum Altrheinweg sowie seine Geste zum Vorplatz eine präsente Lage. Die mögliche Nutzung für dieses Gebäude soll zwar festgelegt werden, jedoch soll ihm eine nutzungsneutrale Gebäudestruktur zu Grunde liegen, die flexibel bespielbar ist. Als mögliche Nutzungen werden unter anderem solche in Betracht gezogen, die heute in den Innenhöfen der Wohnquartiere zu finden sind. Als Quartierhaus kann es beispielsweise Kindergärten, Kindertagesstätten, Sporträumlichkeiten oder Ateliers aufnehmen. Das im Innern der Anlage gegenüber der bestehenden Wohngenossenschaft Klybeck liegende Haus wird als Wohnhaus ausformuliert. Durch seine beträchtliche Gebäudetiefe wird eine Wohnungstypologie vorgeschlagen, die MaisonetteWohnungen und überhohe Raumsituationen schafft und so auch Bezug nimmt auf die grösser dimensionierten Industriegebäude nebenan. Das Bestandsgebäude, das heute für Büros und im Erdgeschoss als Werkstatt genutzt wird, soll auch nach geplantem Wegzug der Firma weiterhin für Büros und Gewerbe genutzt werden können.

30 Schema Nutzung


Erdgeschoss 1:200 31


Haus 1 / Quartierhaus

3.OG

6.OG

2.OG

5.OG

1.OG

4.OG

Grundrisse 1:750

Lager 11 Lager 11 Lager 11

45 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17 telier. r.

45 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17 telier. r. 45 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17 telier. r.

Grundrisse 1:750

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5.OG 3.OG 1.OG EG

6.OG 4.OG 2.OG

Mรถgliche Nutzungen 6.OG Bibliothek 5.OG Mediathek 4.OG Mehrzweckraum 3.OG Ateliergemeinschaft 2.OG Yogastudio 1.OG Fitnessraum EG KitTa

Ateliergemeinschaft - 3.OG

Wohnungsgrundrisse 1:300

Lag

70 7017Atelier. Gemeinschaftsraum Gemeinschaftsraum Atelier. Atelier. Atelier. Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17Atelier. 17Atel 17 1

Grundriss 1:300

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Wandaufbau Sichtbackstein Hinterl체ftung D채mmung Backstein Weissputz glatt

290x120x140mm 40mm 160mm 150mm 15mm

Wandaufbau Keller unbeheizt Sickerplatten 60mm Bitumenanstrich Beton 200mm D채mmung 150mm Backstein 150mm

Schnitt / Ansicht S체dfassade 1:150 34


Wandaufbau Sichtbackstein Hinterl체ftung D채mmung Backstein Weissputz glatt

290x120x140mm 40mm 160mm 150mm 15mm

Wandaufbau Keller unbeheizt Sickerplatten 60mm Bitumenanstrich Beton 200mm D채mmung 150mm Backstein 150mm

Schnitt / Ansicht Nordfassade 1:150 35


Haus 2 / Wohnhaus

2.OG

5.OG

1.OG

4.OG

EG

3.OG

Grundrisse 1:750

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Wohnungsspiegel

5.OG 4.OG 3.OG 2.OG 1.OG EG

3.- 5.OG 6x 1x

3.5 Zi-Whg 4.5 Zi-Whg

110 m2 128 m2

2.- 4.OG

6x 1x

4.5 Zi-Whg 6.5 Zi-Whg

120 m2 156 m2

EG- 2.OG

6x 1x

4.5 Zi-Whg 6.5 Zi-Whg

120 m2 156 m2

EG

1.OG

2.OG

3.OG

4.OG

5.OG

Wohnungsgrundrisse 1:300

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Schnitt / Ansicht S端dfassade 1:150 38


Schnitt / Ansicht Nordfassade 1:150 39


Haus 3 / Wohnscheibe

Flexibler Wohnungsspiegel Geschoss-Whg 2.5-Zi-Whg 60m2 5.5-Zi-Whg 120m2 Maisonette-Whg 5.5-Zi-Whg 110m2

DG

5.OG

2.OG

1.OG Grundrisse 1:750

40


DG 7.OG 6.OG 5.OG 2.OG 1.OG

2.OG

7.OG

1.OG

5.OG Wohnungsgrundrisse 1:300

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Schnitt / Ansicht Westfassade 1:150 42


Schnitt / Ansicht Ostfassade 1:150 43


Modellbilder

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Aufgabenstellung

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Analyse und Konzept

11

Prozess

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Masterthesis-Projekt

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Masterstudium

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Theoriearbeit

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49


Abb. 1

Abb. 2

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Abb. 3


Stadtstruktur im Wandel

Fragestellung Welche Einflüsse haben im Verlauf der Zeit die Struktur und Identität im Klybeckquartier transformiert und wie könnte sich der Struktur- und Identitätswandel in Zukunft zeigen? Ziel ist es, den historischen Wandel sowie das heutige Stadtbild des Klybeckquartiers mit dem Fokus auf Struktur und Identität zu analysieren und Erkenntnisse für einen möglichen Wandel in der Zukunft zu gewinnen. Der Begriff Struktur bezieht sich dabei auf stadträumliche Situationen, Identität darauf, wie diese Stadträume belebt und genutzt werden und welche Bedeutung ihnen für das Leben in der Stadt zukommt. Mit dem Masterthesis-Projekt wird eine mögliche Antwort auf die Frage des heutigen Umgangs mit bestehenden sich wandelnden Stadtstrukturen gegeben. Dabei steht am Projektort der zukünftige Nutzungs- und Identitätswandel von einem Industrie- zu einem Wohngebiet im Vordergrund.

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Inhalt 1

Einleitung

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Wandel im Klybeckquartier

2.1 Lage zwischen Dorf und Stadt 2.2 Analyse des Strukturwandels 2.3 Folgen des Strukturwandels 3

Das Quartier und seine Identität

3.1 ein heterogenes Stadtbild 3.2 Merkzeichen als Qualität

3.3 offene vs geschlossene Strukturen

3.4 Schematische Darstellung der Analyse 4

Möglichkeitsraum Klybeck

4.1 transformierter Stadtraum

4.2 Möglichkeiten für die Zukunft 5

Schlusswort

6

Abbildungsverzeichnis /

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Literaturverzeichnis


1 Einleitung

„Die Wahrnehmung der Stadt ist im Wesentlichen ein zeitliches Erleben, das sich auf ein sehr grossmassstäbliches Objekt richtet.“ (Lynch 1965: 180) Die Stadtstruktur als spezifische Grundlage einer Stadt wiederspiegelt auch den zeitlichen Faktor, der einer Stadt innewohnt. Für das zeitliche Erleben der Stadt Basel spielt vor allem deren Lage am Rhein eine bedeutende Rolle. Als Grund für erste Siedlungen und später auch die Ansiedelung zahlreicher Produktionsanlagen der Industrie war der Rhein für die Entwicklung der Stadt prägend. Auch heute hat er für die Stadtentwicklung eine wichtige jedoch veränderte Funktion. In der folgenden Arbeit wird der Fokus auf das sichtbare Stadtbild gerichtet und auf das Klybeckquartier und seine nähere Umgebung begrenzt. Im Vordergrund stehen dabei prägnante Veränderungen der Stadtstruktur, die anhand von historischen Karten und Bildern analysiert und durch Hintergrundinformationen in einen grösseren Zusammenhang gebracht werden. Im Verlauf der Entwicklungsgeschichte der Stadt Basel übernahm das Klybeckquartier unterschiedliche Funktionen. Im Mittelalter noch ausserhalb der Stadtmauern liegend, rückte die Stadt im Verlauf der Zeit immer näher. Vor allem in der Phase der Industrialisierung wurde der Ort verstärkt beansprucht und ihm eine neue Gestalt und eine neue Nutzung gegeben. Dabei spielte vor allem die direke Lage am Rhein sowie am Flusslauf der Wiese eine wichtige Rolle, aber auch die Lage ausserhalb des Stadtzentrums neben dem ehemaligen Fischerdorf Kleinhüningen hat die heute vorhandenen Strukturen mitbestimmt. Das Klybeckquartier wie auch das nördlichste Quartier Kleinhüningen stehen heute im Fokus einer Stadtentwicklungstrategie, deren Ziel es ist, die Entwicklung der beiden Quartiere auf trinationaler Ebene zu denken. Im Zusammenhang mit der geplanten Verlagerung der Hafenanlagen (Abb. 4) und des Wegzugs bestehender Produktionsstandorte der chemischen Industrie im Klybeckquartier, sind heute Transformationen im Gange, die das Stadtbild und die Identität der beiden Quartiere in Zukunft sichtbar beeinflussen werden. Die chemische Industrie gehört seit ihrer Ansiedelung und vor allem seit ihrer nahtlosen Integration in die zusammenhängende Stadtstruktur zum Basler Stadtbild dazu und bestimmt gleichzeitig auch die Identität von Basel. Die historische Stadtentwicklung hat Wohn- und Industriequartiere jedoch immer enger miteinander verflochten und im Klybeckquartier und Kleinhüningen Orte voller Kontraste geschaffen. Ein kontrastreicher Ort im Klybeckquartier, wo in direkter Nähe zu grossmassstäblichen Industriearealen in der einer fragmentarischen Blockrandbebauung gewohnt wird, ist auch das Gebiet um den Planungsperimeter für das Masterthesis-Projekt. Um die heutige Schnittstelle zwischen Industrie- und Wohngebiet an diesem sowie an ähnlichen Orten im Quartier zu verstehen, soll das Klybeckquartier im Folgenden nach seinem historischen Wandel sowie auch nach der heute vorhandenen Quartiersstruktur und deren Identität untersucht werden. Im Zusammenspiel mit Visionen für die Zukunft, die bereits diskutiert werden, ist es die Absicht, einen Überblick über Vorhandenes und in der Zukunft Mögliches zu schaffen und mit dem Masterthesis-Entwurf eine Möglichkeit für den Umgang mit den neu zu denkenden Industriearealen aufzuzeigen.

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Abb. 4

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2 Wandel im Klybeckquartier 2.1 Lage zwischen Dorf und Stadt Auf einer Darstellung der Stadt Basel von Matthäus Merian um 1642 (Abb. 5) ist die durch Stadtmauern nach aussen klar begrenzte Stadt Basel zu erkennen. Dem gegenüber steht die Darstellung von Emanuel Büchel um 1750 (Abb. 6), die die damalige Gegend rheinabwärts ausserhalb der Stadt mit dem Klybeckschloss neben der Klybeck-Insel und im Hintergrund das Fischerdorf Kleinhüningen zeigt. Das nördlich neben dem Klybeckquartier gelegene Kleinhüningen gehört seit 1640 zur Stadt Basel und ist durch die Klybeckstrasse mit dem Stadtteil Kleinbasel verbunden. Die Kernstadt von Basel, die ihren Ursprung im Grossbasel unter anderem auf dem Münsterhügel am Rhein hatte, war seit 1080 von Stadtmauern umgeben. Die erste Brücke über den Rhein, an der Stelle der heutigen Mittleren Brücke, wurde um 1225 in erster Linie für den transkontinentalen Handelsweg gebaut, führte aber gleichzeitig auch zur Gründung des Kleinbasels am rechten Rheinufer. Noch bevor man ab 1859 begann die letzte im 14. Jahrhundert errichtete Stadtmauer abzureissen, legte die baselstädtische Regierung 1856 einen neuen Baulinienplan für die ländlichen Gebiete auf und schuf 1859 mit einem Strassengesetz die rechtliche Grundlage für deren Überbauung. (Lüem 2008: 87) In der Folge entstanden ausserhalb der Stadtgrenzen im Klybeckquartier, um Kleinhüningen und auch auf der anderen Rheinseite im Quartier St. Johann, in nächster Nähe zum Rhein bzw. zum Flusslauf der Wiese gelegen, zahlreiche Industrieanlagen, die das Stadtbild stark veränderten. Als 1908 Kleinhüningen schliesslich zu einem Basler Aussenquartier wurde, begann man gut zehn Jahre später unweit des Dorfkerns mit dem Bau einer Hafenanlage, wodurch der Ort für die Stadt an Bedeutung gewann. 1931 wurde auch das städtische Gaswerk aus dem St. Johann nach Kleinhüningen verlegt. Neben der Bedeutung als Hafenstadt wurde der Ort zusätzlich Energielieferant. Die sichtbaren Strukturen und damit verbundende ökonomische und gesellschaftliche Interessen sind bei ihrer Entstehung eng miteinander verknüpft. Funktion und Struktur können sich im Verlauf der Zeit aber auch voneinander entfernen. So kann eine Bebauungsstruktur zwar Aufschluss über ihre Nutzung zur Zeit der Entstehung geben, doch sagt dies häufig wenig darüber aus, welche Funktion sie zu einem späteren Zeitpunkt übernommen hat bzw. übernehmen könnte. Dieser Wandel der Nutzung und der Identität hat im Klybeckquartier und in Kleinhüningen stattgefunden und ist immer noch im Gange. Im Folgenden werden die beiden Quartiere zuerst im Zusammenhang mit der Entwicklung der Stadt Basel betrachtet, um danach den Fokus auf das Klybeckquartier zu lenken.

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Darstellung der befestigten Stadt Basel, Matth채us Merian, um 1642 Abb. 5

Lage von Schloss Klybeck, Emanuel B체chel, um 1750 Abb. 6

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2.2 Analyse des Strukturwandels Um das heutige Stadtbild im Klybeckquartier und in Kleinhüningen zu verstehen, braucht es die historischen Hintergründe. Die Strukturen, die sich im Verlauf der Zeit unterschiedlich stark verändert haben, werden deshalb zuerst in den Zusammenhang ihrer Geschichte gebracht. Auf dem Kartenausschnitt der Siegfriedkarte von 1880 (Abb. 7) ist ein ländliches Gebiet zu sehen, das topografisch vom Rhein und seinen Zuflüssen bzw. Nebenarmen geprägt ist. Das darum herum vom Mensch transformierte Land, zeigt sich in landwirtschaftlich genutzten Flächen sowie in unterschiedlichen Strassen- und Bebauungsmustern. Inmitten des Kartenausschnitts nördlich des Flusslaufs der Wiese ist das Dorf Kleinhüningen (1) als eine Ansammlung einzelner Bauten zu erkennen, die entlang einer Hauptverbindungsstrasse und einer daran anschliessenden Ringstrasse angeordnet sind. Gut erkennbar befindet sich am nördlichen Ende des Dorfes der Gottesacker Kleinhüningen (2a). Die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Hauptverbindungsstrasse führt nach Süden zu dem als „Klibeck“ bezeichneten Ort. An dieser Stelle entsteht mit der Strasse, die vom Kleinbasel bis auf die vom Rhein geformte Klybeck-Insel (3) führt, eine markante Kreuzung. Im nördlichen Abschnitt der Kreuzung befindet sich das um 1434 errichtete Klybeckschloss (4a). Die dichtesten Bebauungsstrukturen sind unter anderem südlich davon am linken und rechten Rheinufer zu erkennen. Es handelt sich dabei um Areale der chemischen Industrie. Im Grossbasel war es die ab 1857 im St. Johanns-Quartier angesiedelte „J. R. Geigy AG“ sowie die seit 1886 am Hafen St. Johann liegende „Sandoz“ (5a). Am rechten Rheinufer im Kleinbasel befand sich die Seidenfärberei von Alexander Clavel (6), die 1864 aus der Kleinbasler Altstadt an die heutige Klybeckstrasse verlegt wurde und für die zukünftige Entwicklung des Klybeckquartiers eine wichtige Rolle spielte. Auf der Darstellung von 1900 (Abb. 8) sind Verdichtungen dieser Industrieareale zu erkennen und eine Parallelstrasse zur Kleinhüningerstrasse, die heutige Gärtnerstrasse, wurde inzwischen fertiggestellt. Östlich der Industriebebauung, auf der andereren Seite der Klybeckstrasse, ist das grosse freie Feld des um 1890 eröffneten Horburg-Gottesacker (7a) zu sehen. Dieser wurde wie auch die Industrienutzung ausserhalb der Altstadt geplant. Um 1918 (Abb. 9) befinden sich das Klybeckquartier und Kleinhüningen zwischen zwei Grenzen - dem Rhein und den Geleiseanlagen der neuen Bahnlinie (8). Die Geleise führen zum 1913 eröffneten Badischen Bahnhof, der nach dem ersten Badischen Bahnhof von 1855 bei der heutigen Mustermesse hierher an den Rand der Stadt verlegt wurde. Ebenfalls für den Bau von Geleiseanlagen verschwindet auf der Karte der Nebenarm des Rheins, der bis dahin die Klybeck-Insel bildete. Er wurde im Zuge der geplanten Hafenanlagen für den Bau der Hafenbahn aufgeschüttet. Auf dem Industrieareal, wo ab 1905 zunehmend Bauten der Gesellschaft für Chemische Industrie Basel (kurz „ciba“) hinzukamen, führte eine massive Verdichtung zu einer starken Rasterstruktur. Die Karte von 1928 (Abb. 10) zeigt, dass die Bebauungen entlang der vorhandenen Strassenstruktur innerhalb von zehn Jahren stark verdichtet wurden. Dazu kommt das erste Hafenbecken (9a) der im Jahre 1919 begonnenen Hafenanlage sowie deren 1925 fertiggestellte Umschlaganlage am Klybeckquai hinzu. Die Geleise der Hafenbahn (9b) des 1926 eröffneten Hafenbahnhofs beanspruchen eine beträchtliche Fläche und bilden eine starke Grenze zwischen der vorhandenen Bebauung entlang der Kleinhüningerstrasse und dem Rhein.

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2a 1

3 4a

6

7a

5a

Abb. 7: 1880

Abb. 8: 1900

9a

8

Abb. 9: 1918 59

9b

Abb. 10: 1928


Wie auf der Karte von 1945 (Abb. 11) ersichtlich, verbindet die erste um 1934 eingeweihte Dreirosenbrücke über den Rhein das Klybeck-/ bzw. Horburgquartier mit dem Quartier St. Johann. Der Altrheinweg bildete wie auch heute noch die letzte Bebauungsgrenze zum Rhein. Der Mangel an Begräbnisplatz führte weiter rheinaufwärts im Osten der Stadt Basel 1931/32 zur Entstehung des Zentralen Friedhofes am Hörnli. Daraufhin wurden zahlreiche Gräber zu diesem neuen Zentralfriedhof verlegt, wovon auch der Horburg Gottesacker (7a) im Klybeckquartier und der Gottesacker Kleinhüningen betroffen waren. Anstelle des Friedhofes in Kleinhüningen traten später neben dem 1939 fertiggestellten zweiten Hafenbecken (9c) weitere Anlagen der Hafenbahn (2b). Zwischen 1945 und heute (Abb. 12), wurden vor allem in der „Nachkriegszeit“ in den 50er-70er Jahre starke Eingriffe in der gewachsenen Stadtstruktur vollzogen. Nach 1951 beanspruchte die chemische Industrie die Hälfte des ehemaligen Horburg Gottesacker. Die andere Hälfte wurde zum Horburgpark (7b) umgewandelt. Das Klybeckschloss wurde 1955 abgebrochen und das ganze Areal für Wohnbauten genutzt (4b). Auch nördlich des Klybeckquartiers enstand später am Wiesendamm anstelle der früheren „Seifen- und SpeisefettFabrik Gifa AG“ (10a) die Wohnüberbauung Wiesengarten (10b). In Kleinhüningen wurde 2009 das ehemalige Fabrikareal der Basler Stückfärberei (11a) von dem Einkaufszentrum „Stücki“ mit Hotel und Gewerbekomplex (11b) endgültig überbaut. Die Fusion der „J. R. Geigy AG“ und der „Ciba“ zur „Ciba-Geigy AG“ um 1970 und später die Fusion der „Ciba-Geigy AG“ und der „Sandoz“ zur „Novartis AG“ um 1997 führten am Rhein im Quartier St. Johann zum heutigen „Novartis-Campus“ (5b), dem Zentrum von Verwaltung und Forschung der „Novartis AG“. Die Verdichtung und Veränderung der Stadtstruktur wiederspiegelt die gesellschaftlichen Interessen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Im Zuge der Umstrukturierung des Industrieareals an der Klybeckstrasse nach 1945, wurde durch den Bau neuer Industriegebäude die Kleinhüningerstrasse unterbrochen. Dem erneuerten zusammenhängenden Industrieareal wurde demnach grössere Bedeutung beigemessen als der Anbindung Kleinhüningens an die Rheinpromenade. (Abb. 13, 14) An dieser Stelle, wo die Klybeckstrasse in den Altrheinweg mündet, befindet sich der Perimeter des Masterthesis-Projekts, das im Zuge einer Neuplanung versucht eine Anwort auf den Umgang mit der heute bestehenden Freifläche und mit vorhandenen Industriebauten zu finden.

60


9c 2b

10a

10b

11a

11b

4b

4a

7a

7b

5b

Abb. 11: 1945

Abb. 12: 2014

1

Kleinhüningen

2

a) Gottesacker Kleinhüningen b) Hafenbahn

3

Klybeck-Insel

4

a) Klybeckschloss b) Wohnbauten

5

a) Anlagen der chemischen Industrie b) Novartis Campus

6

Seidenfärberei von Alexander Clavel

7

a) Horburg Gottesacker b) Horburgpark

8

Bahnanlagen

9

a) erstes Hafenbecken b) Hafenbahnanlage c) zweites Hafenbecken

10 a) Seifen- und Speisefett-Fabrik b) Wohnsiedlung Wiesengarten 11 a) Basler Stückfärberei b) „Stücki“ Einkaufszentrum Abb. 13: Situation 1945 61

Abb. 14: Situation 2014


2.3 Folgen des Strukturwandels Die Unterbrechung der Kleinhüningerstrasse (Abb. 15) hatte eine Neuordnung der Strassenhirarchie und der damit verbundenen Anfangs- und Endpunkte zur Folge. Wie ihr Name beschreibt, führte sie an dem einen Ende seit ihrer Existenz ins Zentrum von Kleinhüningen. Am anderen Ende führte sie an den Rhein und weiter am Ufer entlang stadteinwärts. Die direkte Verbindung von Kleinhüningen mit dem Zentrum der Altstadt war folglich nicht mehr gegeben. Kleinhüningen wurde in seiner eigenständigen Präsenz, die es trotz seines Status als Aussenquartier der Stadt noch hatte, dadurch geschwächt und noch stärker von der Stadt getrennt. Auch wenn es nur Namensgebungen sind, spielen die Strassennamen in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle. Dadurch dass die Kleinhüningerstrasse nach ihrer Unterbrechung nicht mehr ins Stadtzentrum führte, war vermutlich auch deren Existenz den Bewohnern der Kernstadt weniger bewusst. Parallel zur Kleinhüningerstrasse entstand die Gärtnerstrasse (Abb. 16), die bis an die Wiese und dort über die Brücke führte, die im direkten Verlauf der Kleinhüningerstrasse lag. Als nach 1928 eine neue Brücke und Strasse in der Verlängerung der Gärtnerstrasse in Richtung Deutschland entstand, wurde der Dorfkern von Kleinhüningen von dieser neuen Hauptverkehrsachse abgehängt und seitlich umfahren. Zusätzlich zur unterbrochenen Kleinhüningerstrasse bewirkte diese neue Strassenverbindung eine Abgrenzung des Dorfkerns, aber gleichzeitig auch eine Integration der ehemaligen Dorfstruktur in das Gesamtnetz der Stadt. Auch die Funktion der Klybeckstrasse (Abb. 17) ist für das Quartier nicht mehr dieselbe wie früher. Zu ihrer Entstehungszeit führte sie zum Klybeckschloss und weiter zur Klybeck-Insel. Heute trifft sie an ihrem Ende auf den Altrheinweg, der die Grenze zu den Geleisen der Hafenbahn bildet. Grundsätzlich ist dieser letzte Abschnitt der Klybeckstrasse seit dem Bau der Hafenanlage eher zu einer Seitenstrasse inmitten der Blockrandstruktur geworden. Ihre eigentliche Fortsetzung findet sie vor ihrer Abzweigung seither in der Gärtnerstrasse - heute in einer Form, als wäre sie es schon immer gewesen. In der Verlängerung der Gärtnerstrasse bildet die Kleinhüningeranlage zusammen mit dem Hafen eine Klammer um das ursprüngliche Kleinhüningen. Vor allem der Hafen hat das ehemalige Dorf physisch begrenzt und vom Rhein getrennt. Obwohl der Hafen in Kleinhüningen eine grosse Fläche in Anspruch nimmt, ist er auf Grund seiner peripheren Lage an einer Krümmung des Rheins in der Stadt nicht präsent. Auch wegen seiner beschränkten Zugänglichkeit, wurde das Hafenareal für Kleinhüningen hauptsächlich zu einer stadträumlichen Grenze. Strukturell zerstörte der Bau des Hafens nach und nach einen Grossteil der baulichen Dorfsubstanz, was zu einem direkten Nebeneinander der kleinmassstäblichen Dorfstruktur und der grossmassstäblichen Hafenanlagen führte. Im ursprünglichen Dorfkern ist diese Kleinteiligkeit heute noch vorhanden, jedoch in nächster Nähe zu später hinzugekommenen strassenbegleitenden Zeilenbauten, die den Ort heute strukturell stark mit der Stadt verbinden. Die Identität hat sich mit der Inbetriebnahme des Hafens mitverändert, weil Kleinhüningen dadurch mit einem Element versehen wurde, das einen internationalen Charakter aufwies und dabei viele neue Hafenarbeiter und Seemannsleute in die Gesellschaft brachte. Dagegen ist im Klybeckquartier das grosse Industrieareal seit seiner Existenz das dominierende Merkmal. Die Identität des Quartiers hängt zum grössten Teil an dieser Industriebebauung und der damit verbundenen Arbeiterschaft, die hier täglich ein und aus ging. Zudem bot das Klybeckquartier wegen seiner durch die Industrie belasteten Umgebung günstigen Wohnraum, der von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen auch in Form von Genossenschaften genutzt wurde und das Leben im Klybeckquartier prägte.

62


Ende der Kleinh체ningerstrasse

G채rtnerstrasse

Ende der Klybeckstrasse 63

Abb. 15

Abb. 16

Abb. 17


3 Das Quartier und seine Identität 3.1 ein heterogenes Stadtbild Das Klybeckquartier als ein verbindender Ort zwischen der Altstadt und Kleinhüningen hat heute im Gegensatz zu früher mit dem Schloss Klybeck keinen Punkt mehr, der strukturell als Zentrum des Quartiers beschrieben werden könnte. Das Quartier ist heute geprägt von einer allgemeinen Heterogenität. Entlang der Kleinhüningerstrasse bildet eine aus unterschiedlichen Zeiten entstandene strassenbegleitende Bebauung ein differenziertes aber mehrheitlich homogenes Stadtbild. An der parallel dazu verlaufenden Gärtnerstrasse ist dagegen ein sehr viel heterogeneres Bild zu finden, da die Bauten hier für unterschiedliche Funktionen entstanden sind. (Abb. 18) Die Analyse der Struktur des Klybeckquartiers hat spezifische Situationen betrachtet, die im Verlauf der Zeit neu entstanden sind oder sich unterschiedlich stark verändert haben. Strukturen aus ihrer Entstehungszeit stehen heute neueren gegenüber und sind mit ihnen vernetzt. Wie Kevin Lynch in seinem Werk „Das Bild der Stadt“ beschrieben hat, ist unter anderem die „Reaktion auf die Art, in der die physische Szene den Ablauf der Zeit symbolisiert“, eine wichtige Komponente des Stadtbildes (Lynch 1965: 58). Auch die Feststellung, dass Elemente und Eigenschaften durch ihr Verhältnis zum Ganzen bemerkenswert werden (Lynch 1965: 59), trifft im Klybeckquartier auf verschiedene Situationen zu, denn durch die Dynamik der Stadtstruktur sind Fragmente enthalten, die sich von ihrer Umgebung abheben. Diese gewachsene Heterogenität des Klybeckquartiers ist eine Identität stiftende Komponente des Stadtbildes, die durch das direkte Nebeneinander von Industrie- und Wohngebieten noch verstärkt wird. Das Produkt ist heute ein Quartier mit mehreren Schwerpunkten, die verschiedene Funktionen haben und durch ihre teilweise beträchtlichen Dimensionen zum heterogenen Erscheinungsbild beitragen. Durch die starke Veränderung der Strukturen und deren Funktionen, hat sich die Identität in den Quartieren Klybeck und Kleinhüningen stark verändert. Die Zeit hat die anfangs starken Unterschiede der beiden Quartiere langsam verwischt. Die ursprünglichen Funktionen sind für ihre heutige Identität aber immer noch bestimmend. Die Identität von Kleinhüningen wurde mit dem Wandel vom Dorf zum Aussenquartier Schritt für Schritt verformt, während die Identität des Klybeckquartiers erst vom ländlichen Charme mit Schloss und Insel später durch die Industrie geprägt wurde. Heute haben sich die Quartiere mit der Mischung aus Industrie-, Hafen- und Wohngebiet einander so stark angenähert, dass die Grenze nur noch durch den Flusslauf der Wiese gekennzeichnet ist.

64


Abb. 18: Baualter im Klybeckquartier und Kleinh端ningen

65


3.2 Merkzeichen als Qualität Nach Kevin Lynch besteht die Ganzheit der Stadtstruktur aus fünf Elementen, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Dazu gehören Wege, Grenzlinien, Bereiche, Brennpunkte und Merkzeichen. „Innerhalb der Gesamtstruktur hätten Wege die Funktion die Brennpunkte miteinander zu verbinden, Zugang und Einblick in die Bereiche zu ermöglichen und auf dieses Erlebnis vorzubereiten. Die Brennpunkte würden die Wege verknüpfen und beenden, während die Grenzlinien die Bereiche begrenzen und die Merkzeichen die Zentren dieser Bereiche andeuten müssten.“ (Lynch 1965: 129) Als Merk- oder Wahrzeichen bezeichnet Kevin Lynch optische Bezugspunkte oder äussere Merkmale, die in einfachen Objekten wie Gebäuden, Schilder, Warenhäuser oder auch Anhöhen vorhanden sind. „[...] sie wirken typisch von verschiedenen Standpunkten aus und in verschiedenen Abständen. Sie überragen kleinere Elemente und dienen als Radialmarken.“ Lokale Merkzeichen sind dagegen nur in einem bestimmten Umkreis und von bestimmten Punkten aus sichtbar. Dabei handelt es sich um häufig benutzte Schlüsselfiguren zur Identifizierung und Gliederung, auf die man sich nach einer bestimmten Zeit immer mehr und mehr verlässt. (Lynch 1965: 62) Als Beispiele lokaler Merkzeichen im Klybeckquartier können an der Gärtnerstrasse das Tramdepot und Personalhaus von 1905 / 1907 (Abb. 19), das Gebäude der damals um 1899 in Betrieb genommenen Aktienmühle (Abb. 20) sowie auch das Gebäude des Personalrestaurants der Novartis (Abb. 21) und das Fabrikgebäude der Firma Huntsman an der Klybeckstrasse (Abb. 22) betrachtet werden. Alle vier haben als Solitäre und wegen ihrer Lage oder ihrer Grösse im Stadtraum eine sichtbare Präsenz. Durch ihr Verhältnis zum Ganzen, wie dies Kevin Lynch beschrieben hatte, werden Bauten durch ihre Andersartigkeit bemerkenswert. Sie bestimmen die Identität eines Ortes durch ihre Anwesenheit wesentlich mit. Eine Baumreihe von Platanen (Abb. 23), die als lokales Merkzeichen ebenfalls ein wichtiges städtebauliches Element darstellt, führt von der Uferpromenade des Kleinbasels nach Norden dem Altrheinweg folgend bis sie plötzlich durch ein vorspringendes Gebäude unterbrochen wird. In ihrer heutigen Umgebung, wo sie entlang durchgängiger Abgrenzungen des Industrieareals führt und auf der gegenüberliegenden Strassenseite die Hafenbahnanlage die Strasse begleitet, wird sie in ihrer Kraft, die sie als traditionelles Gestaltungsmittel des öffentlichen Raums besitzt, aber nicht genutzt. Am Altrheinweg direkt am Rhein neben der Dreirosenbrücke steht am südlichen Ende des Klybeckquartiers ein Hochhaus, das durch seine Gebäudehöhe auffallend ist. (Abb. 24) Nördlich daran anschliessend folgen dicht aneinandergereiht flachere, aber in ihrer industriellen Ausformulierung ähnliche Bauten. Durch seine Höhe bildet das Hochhaus als einziges Gebäude im Quartier ein deutliches Merkzeichen, das auch ausserhalb des Klybeckquartiers sichtbar ist. Trotz seiner einfachen Form und Gestaltung, gibt es dem Ort eine besondere Bedeutung. Es verweist zudem an seiner prominenten Stelle auf das vorhandene Industrieareal zwischen dem Altrheinweg und der Klybeckstrasse. Die lokalen Merkzeichen sind Identitätsträger und Orientierungshilfen im Stadtraum. Durch Merkzeichen wie das Hochhaus wird hingegen eine Verbindung zu den anderen Quartieren der Stadt geschaffen und der Ort im Gesamtbild der Stadt sichtbar gemacht. Diese Präsenz und physische Eigenständigkeit ist durch das Hochhaus an der Dreirosenbrücke, das an der Grenze zum benachbarten Matthäus-Quartier steht, erst teilweise vorhanden. Durch weitere Merkzeichen könnte das Klybeckquartier von seinem Erscheinungsbild als Durchgangs- oder Verbindungsort zu einem stärkeren Ort in der Gesamtbetrachtung der Stadt werden.

66


Abb. 19: Personalhaus und Tramdepot am Wiesenplatz Abb. 20: Aktienmühle an der Gärtnerstrasse Abb. 21: Kantine an der Mauerstrasse / Gärtnerstrasse Abb. 22: Fabrikgebäude an der Klybeckstrasse Abb. 23: Baumreihe am Altrheinweg Abb. 24: Hochhaus an der Dreirosenbrücke

67

Abb. 19

Abb. 20

Abb. 21

Abb. 22

Abb. 23

Abb. 24


3.3 offene vs geschlossene Strukturen Der Kontrast zwischen Industrie- und Wohngebiet ist in der unterschiedlichen Bebauungsstruktur zu finden. Im Gegensatz zu den strassenbegleitenden Bauten der Blockränder und Zeilen, zeigt sich die Industrie als offene Bebauungsstruktur. Die Blockrandstruktur dagegen kann als geschlossene Struktur beschrieben werden. Sie umschliesst Teile des Stadtraums und schafft hinter den Strassenfassaden privatere von der Strasse abgewandte Aussenbereiche. (Abb. 25, 26) Die Entstehungsgeschichte des Klybeckquartiers vor allem im 20. Jahrhundert zeigt, dass der zu einem kleinen Anteil vorhandene gründerzeitliche Blockrand aber später hauptsächlich durch strassenbegleitende Zeilen- und Blockbauten ergänzt wurde. Somit entstanden von Brüchen geprägte „Blockränder“, die dementsprechend auch mehrheitlich geöffnete Innenhofsituationen schufen. Durch ihre Orientierung an den Strassenfluchten bilden die Zeilen und Blockrandfragmente jedoch immer noch klare Adressen an der jeweiligen Strasse. Der direkte Bezug zum Strassenraum unterstreicht aber auch die in der Gründerzeit für das Erdgeschoss vorgesehenen publikumsorientierten und gewerblichen Nutzungen. Für die im Innenhof liegenden Gewerbebauten bildeten Öffnungen im Erdgeschoss die Zugänge. (Abb. 27) In der offenen grosszügigen aber doch versperrten Bebauungsform der Industrie findet sich hingegen ein Widerspruch. Das grosszügige Erschliessungsnetz des Industrieareals bleibt der Öffentlichkeit versperrt und bildet so einen beschränkt zugänglichen Teil der Stadt. Grundsätzlich gibt es dort keine baulich getrennten Wege für Fussgänger und Fahrzeuge. Durch die funktionale Anordnung der Gebäude ergibt sich zwischen ihnen ein Strassenraster. Die wenigen Beschränkungen in Bezug auf Höhe und Nutzung der Industriezone bewirkten auch, dass die Gebäudehöhen deutlich über der allgemeinen Traufhöhe der Blockrandbebauung liegen. Dieser Kontrast, der sich ebenso in den grösseren Geschosshöhen zeigt, erzeugt zwei unterschiedliche Strukturen im Quartier sowie zwei unterschiedliche Stadtbilder. Mit der zukünftigen Möglichkeit die Industriebauten und -areale neu nutzen zu können, werden die heute in in sich geschlossenen Stadtteile zugänglich. Der öffentliche Stadtraum kann erweitert werden und es werden sich neue Orte als Wohnraum anbieten. Die vorhandene fragmentarische und in verschiedenen Formen durchlässige Struktur in den Wohngebieten des Quartiers bietet aber zudem die Möglichkeit die beiden unterschiedlichen Bebauungsstrukturen stadträumlich miteinander zu verknüpfen.

68


Strassenraum im Industrieareal

strassenbegleitende Blockrandbzw. Zeilenbebauung

Publikumsorientes Erdgeschoss und Durchg채nge in der Blockrandstruktur

69

Abb. 25

Abb. 26

Abb. 27


3.4 Schematische Darstellung der Analyse Aus der Analyse des Stadtbildes im Klybeckquartier gingen folgende Komponenten hervor: öffentlicher Stadtraum Der Bebauungsstruktur folgend kann zwischen offener und geschlossener Bebauung unterschieden werden. Aus dieser Annahme ergibt sich ein Netz öffentlichen Stadtraums, der mit der zukünftigen Möglichkeit die bisher beschränkt zugänglichen Industrieareale mit Umnutzungen zu öffnen und ein Gesamtnetz aus unterschiedlichen Strukturen zu schaffen. fragmentarischer Blockrand Die durch die strassenbegleitende Bebauung vermeintliche Blockrandstruktur löst sich bei genauerer Betrachtung in einzelne Fragmente auf. Industrie vs Wohnraum Das direkte Nebeneinander von Industrie- und Wohnraum ist prägend für das Stadtbild des Klybeckquartiers. Merkzeichen Als Merkzeichen werden optische Bezugpunkte definiert, die von verschiedenen Standpunkten aus typisch wirken und im Stadtraum als Schlüsselfiguren zur Identifizierung, Gliederung oder Verbindung funktionieren.

Klybeckquartier 1:7'500

Abb. 28: Bebauungsstruktur

70


kquartier Klybeckquartier 1:7'500 1:7'500

kquartier Klybeckquartier 1:7'500 1:7'500

71

Abb. 29: offener Stadtraum

Abb. 30: fragmentarische Blockrandstruktur

Abb. 31: Industrie- vs Wohnraum

Abb. 32: Merkzeichen im Quartier


4 Möglichkeitsraum Klybeck 4.1 transformierter Stadtraum Das Klybeckquartier ist heute vernetzter Bestandteil der Stadt Basel und bietet eine zentrumsnahe, gut erschlossene Wohnlage. Die zur Umnutzung frei gewordenen Flächen im Quartier wurden in den letzten Jahrzehnten unterschiedlich genutzt und transformiert. Anstelle des ehemaligen Areals einer Seifenfabrik trat am Wiesendamm 1987 die Wohnsiedlung Wiesengarten mit einer Blockrandtypologie. Der in Blockränder früher meist als Arbeitsort genutzte Innenhof wurde mit der Zeit, als man nicht mehr nur zur repräsentativen Strassenseite hin wohnte, vielmehr zum ruhigen, meist grünen Innenhof transformiert. Diese heutige Wohnform führte auch bei der Wohnüberbauung Wiesengarten zu einem grünen Innenhof für die Bewohner und ist es bis heute geblieben. (Abb. 33) Ein dagegen ganz öffentlicher Grünraum, der ebenfalls inmitten einer Wohnüberbauung liegt, ist der Giesslipark zwischen der Kleinhüningerund der Gärtnerstrasse. Hier ist eine grosszügige geschützte Hofsituation vorhanden, deren Grösse es erlaubt, für die Öffentlichkeit nutzbar zu sein. (Abb. 34) Auch das Schulhaus Ackermätteli, das 1996 zwischen der Acker- und Rastatterstrasse mit grosszügiger nach Westen vorgelagerter Spielwiese fertiggestellt wurde, zeigt die Möglichkeiten, die dieser Ort mit seiner freigewordenen oder teilweise noch ungenutzten Stadtfläche bis anhin bot. (Abb. 35)

72


Innenhof der Wohnsiedlung Wiesengarten

Giesslipark

Spielwiese vor dem Schulhaus Ackerm채tteli 73

Abb. 33

Abb. 34

Abb. 35


4.2 Möglichkeiten für die Zukunft Im Klybeckquartier und in Kleinhüningen bieten sich heute weitere Möglichkeiten der Stadtentwicklung auf ehemaligen Hafen- und Industriearealen. Während nach 1900 die von der Natur geformte KlybeckInsel südlich der Wiesenmündung wegen des Baus von Hafenanlagen verschwand, entstand nördlich davon durch den Bau des ersten Hafenbeckens 1919 eine neue Insel, die ebenfalls mit Hafenanlagen überbaut wurde. Die vom Hafen genutzten Ufer- und Insellagen sowie die grossflächige Geleiseanlage im Klybeckquartier bieten in Zukunft Raum für neue Möglichkeiten. Aktuell wird die Vision einer grösseren Rheininsel neben den beiden Quartieren diskutiert. Sie würde die jetzige Insel und das Gebiet der früheren Klybeck-Insel umfassen. (Abb. 36) Grundsätzlich geht es bei dieser Vision darum neuen Wohnraum zu schaffen, wobei vor allem das Potential vom Wohnen am Rhein genutzt werden soll. Mit dem wiederhergestellten Nebenarm des Rheins in der Verlängerung des Hafenbeckens könnte dieses Potential vergrössert werden. Es stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit eines solch starken Eingriffs in die heute vorhandenen Strukturen. Durch die erneute Aushebung von Landfläche gewinnt die Stadt zwar an Wohnlagen am Wasser, verliert aber gleichzeitig auch Bauland. Ob die Vision Berechtigung hat oder nicht, soll nicht Thema dieser Arbeit sein, aber würde ihre Umsetzung vieles in den Quartieren beeinflussen. Auch die Identität des Klybeckquartiers würde sich durch eine solche Transformation stark verändern. Das heterogene Klybeckquartier, das bis heute kein eigenes Zentrum besitzt, würde durch eine vorgelagerte bebaute Insel einen neuen eigenständigen Stadtteil entgegengesetzt bekommen. Die heute vorhandene Topografie und Quartiersstruktur machen ein Weiterbauen an der bestehenden Situation grundsätzlich möglich. Diese Vorgehensweise könnte den bisher stattgefundenen Wandel weiterführen. Die Studie „MetroBasel“ des ETH Studio Basel zeigte 2009 das Wohnen am Rhein in einem neuen Stadtteil an diesem Ort auf, jedoch noch ohne die Vision einer vorgelagerten Insel. (Abb. 37) Die heutigen Bedürfnisse einer Stadt spielen eine wichtige Rolle, dabei sollte jedoch die bestehende Identität nicht verloren gehen. „[...] bestehende Strukturen zu differenzieren, zu profilieren und zu verdichten“ war das Ziel der Studie von Herzog de Meuron und Rémy Zaugg um 1991, die sich mit dem Grossraum Basel, im einzelnen aber auch mit der Stadt entlang des Rheins befasst hatte. „Neue Bauten entlang des Rheins akzentuieren die quartierbildende Sogkraft des Flusses und fassen ihn wie einen Edelstein in Stadt ein.“ (HdM 1991:153) Die Studie reagiert mit hohen dem Rhein folgenden Bauten, die eine Verbindung im Stadtraum herstellen und den Flussraum räumlich abbilden. (Abb. 38) In der Idee der Quartier übergreifend vermittelnden Bauten findet sich auch das Element des Merkzeichens von Kevin Lynch wieder. Das Hochhaus an der Dreirosenbrücke ist eines dieser heute vorhanden Elemente im Stadtraum, das die Kraft besitzt, mit der Stadt zu kommunizieren. Im Zusammenwirken mit weiteren hohen Gebäuden entlang des Rheins würde es vielleicht an seiner heutigen Kraft verlieren, aber in der Idee des gestärkten Rheins neben dem Klybeckquartier, mitwirken. Die Möglichkeit weitere Akzente im Stadtraum zu setzen, könnte die Quartiere grundsätzlich auf unterschiedliche Vorgehensweisen wieder stärker an die Stadt anbinden.

74


Rheininsel, Testplanung MVRDV/Josephy/Cabane, 2009/2010

Vision Wohnen am Rhein, ETH Studio Basel, 2009

Die Stadt entlang des Rheins, Studie HdM, 1991/92 75

Abb. 36

Abb. 37

Abb. 38


Das Masterthesis-Projekt nutzt die Möglichkeit des Setzens neuer Merkzeichen bzw. Akzente im Stadtraum und nimmt die Haltung des Weiterbauens an der bestehenden Stadtstruktur ein. Die Überbauung und Unterbrechung eines Teils der ehemaligen Kleinhüningerstrasse war eine bedeutsame Umstrukturierung des Stadtraums, wird aber als Chance für die heutige Stadtentwicklung betrachtet. Mit differenzierten Gebäudehöhen und Ausrichtungen wird das Projekt Teil der vorhandenen Strukturen und nimmt übergeordnet Bezug zum Stadtraum entlang des Rheins. Durch die Orientierung an der bestehenden Industriebebauung wird diese in ihrem Bestand gestärkt und somit auch die Identität des Ortes stadträumlich bewahrt. Durch die primäre Schaffung von Wohnraum unterscheiden sich die Neubauten aber auch in ihrer Dimension und Ausformulierung von den benachbarten Industriebauten. Das Fragmentarische des vorgefundenen Klybeckquartiers kommt so auch hier zum Ausdruck und führt den zeitlichen Faktor der Heterogenität des Quartiers fort.

76


Abb. 39: Modell Masterthesis-Projekt

77


5 Schlusswort Die Projekt-Aufgabe einer Neuplanung zwischen dem erhaltenen Fragment einer Blockrand- und der grossmassstäblichen Industriebebauung ist mit dem kontrastreichen Nebeneinander der Industrie und dem Wohngebiet konfrontiert. Die Frage nach dem Umgang mit der bestehenden Stadtstruktur, die Bebauungs- sowie auch Strassenmuster beinhaltet, steht immer auch im Zusammenhang mit ihrer Geschichte. Das Projekt versucht, den Bestand und den vorhandenen Charakter des Ortes in verschiedenen Aspekten miteinzubeziehen. Dies betrifft die städtebauliche Integration aber auch die Flexibilität von Gebäudestrukturen. Die Mischung aus Wohnen und Arbeiten ist Teil der Identität des Klybeckquartiers und soll auch weiterhin ermöglicht werden. Im historischen Wandel der Stadtstruktur im Klybeckquartier finden sich die Einzelteile des heutigen heterogenen Stadtbildes. Heute beispielhaft neu genutzte ehemalige Industrieflächen bestärken die Idee eines Schritt für Schritt wachsenden und transformierbaren Klybeckquartiers. Die von Kevin Lynch eingeführten Merkzeichen einer Stadt sind Identität stiftend und übernehmen die Funktion für einen grösseren Stadtraum. Das Weiterbauen an den bestehenden Strukturen und die Möglichkeiten, die sich aus den vorhandenen Gegebenheiten bieten, erlauben es, diese Elemente in eine Neuplanung zu integrieren und das Klybeckquartier in seiner eigenen Struktur und Identität zu stärken.

78


Abb. 40

79


6 Literaturverzeichnis / Abbildungsverzeichnis

Herz, 2009 Herz, Manuel, Ying Zhou: MetroBasel. Basel: ETH Studio Basel, 2009 Lötscher, 1984 Lötscher, Lienhard, Justin Winkler: Basler Feldbuch, Basels „letzte“ Quartiere?, Basel: Kommissionsverlag Wepf & Co., 1984 Lüem, 2008 Lüem, Barbara: Basel Kleinhüningen der Reiseführer. Basel: Christoph Merian Verlag, 2008 Lynch, 1965 Lynch, Kevin: The Image of the City. Cambridge / Mass.: M.I.T. Press & Harvard University, 1965 Mack, 1996 Mack Gerhard: Eine Stadt im Werden?, in: Herzog & de Meuron 1989-1991, das Gesamtwerk Band 2, S.152-171, Basel: Birkhäuser Verlag, 1996

80


Abb. 1-3

http://landestelle.ch/klybeckbeckinsel

Abb. 4

Synthese Städtebauliche Testplanung mit Optionen Hafenlogistik_2010

Abb. 5 Abb. 6

81

/30.05.2014

> http://www.wsu.bs.ch/mo_juli_2010.pdf

/30.05.2014

http://als.wikipedia.org/wiki/Datei:Merian_Basel_1642.jpg http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Klybeck

/30.05.2014

Abb. 7-14

http://www.stadtplan.bs.ch/geoviewer

Abb. 15-17

nach eigener Aufnahme /2014

Abb. 18

Lötscher, 1984, S.30

Abb. 19-20

nach eigener Aufnahme /2014

Abb. 21

Aufnahme Tillman Glatz /2014

Abb. 22

http://www.fnp-architekten.ch/?p=875

Abb. 23-27

nach eigener Aufnahme /2014

Abb. 28-32

nach eigener Darstellung /2014

Abb. 33-35

nach eigener Aufnahme /2014

Abb. 36

http://www.mvrdv.nl/en/projects/BASEL_RHEINCITY

Abb. 37

Herz, 2009, S.104

Abb. 38

Mack, 1996, S.160

Abb. 39-40

nach eigener Aufnahme

/2014

/30.05.2014

/30.05.2014

/ 30.05.2014

/30.05.2014


82


Aufgabenstellung

7

Analyse und Konzept

11

Prozess

17

Masterthesis-Projekt

23

Theoriearbeit

49

Masterstudium

83

83


Wohnen in der Waldlichtung

Fokusprojekt LANDSCHAFT - FHNW Basel, Studiengang Master - HS12 Prof. Dominique Salathé

Situation Um die Wirkung der Lichtung im Wald zu bewahren, wird nur entlang des Waldrandes und der Terrainkanten gebaut. An der 6m-Kante, die mitten durch die Lichtung führt, wird eine bodennahe Siedlung projektiert. Sie teilt die Lichtung in zwei verschiedene Grünräume. Im Westen fördert der Grünraum mit unterschiedlichen Pflanzen und Gewässern eine hohe Biodiversität, im Osten wird ein kultivierter Freiraum zur Landwirtschaftszone. Ein übergeordnetes Wegnetz teilt die landwirtschaftlich genutzten Flächen im Osten in verschiedene Bereiche und verbindet die Zugänge der Siedlung mit den umliegenden Bebauungen. Konzept Erschliessung Die Zugänge von der Strasse im Osten gliedern die Wohnsiedlung in fünf Abschnitte und verbinden die Ost- mit der Westseite. Die Hauseingänge liegen zu beiden Seiten an einem inneren Erschliessungsweg und ermöglichen so eine Vielzahl an Wohnungen. Dieser Erschliessungsraum bietet zudem gedeckte Eingänge sowie Spielraum für Kinder der Siedlung. Konzept Wohnungen Die versetzt gegenüberliegenden Hauseingänge führen im Westen in Wohnungen, die sich nach unten zum Grünraum entwickeln und ausschliesslich nach Westen orientiert sind. Pro Siedlungsabschnitt gibt es im Westen auch eine Geschosswohnung und darunter eine grosszügige Westwohnung mit überhohem Wohn-/ Essraum. Die Hauseingänge im Osten führen in Maisonette-Wohnungen, die sich nach oben über die Westwohnungen entwickeln und dadurch Ost-West orientiert sind. Diese Wohnungen sind um einen Lichthof organisiert, der den gedeckten Erschliessungsraum tagsüber belichtet. Alle Wohnungen, ausser der Geschosswohnung, sind auf Splitlevel-Geschossen organisiert, um die einzelnen Geschosse stärker miteinander zu verbinden. Im Osten wird zudem der direkte Kontakt zur Strasse, mit nur einem ebenerdigen Zimmer, minimiert.

84


Fassadenansicht

1:200

Visualisierung Erschliessungsraum

Situationsmodell 1:500

85


C

A

B

C

Niveau -4

B

Niveau -2 + -3

C

A

B

C

D

D

C

C

B

A

A

B

D

Niveau +1 + +2

A

Niveau +1 / +2

D

A

C

A

B

Niveau +3

B

D

D

B

C

A

B

Niveau 0 + -1

Eingangsniveau 0 / -1 B

C

A

A

B

C

A

B

B

D

D

D

D

D

D

B

C

A

B

Niveau -2 + -3

A

B

Grundrisse

Grundrisse

B

C

Niveau -2 + -3

C

A

B

Eingangsniveau 0 / -1

1:500

1:500

A

B

86

D

D

D


Niveau Niveau 0 0

Niveau 0

Niveau Niveau -1 -1 / -2 / -2

Niveau Niveau 0 0

Niveau -1 / -2

Niveau Niveau 0 0

Niveau 0

Niveau Niveau -1 -1 / -2 / -2

Niveau Niveau 0 0

Wohnung WohnungWest West108m2 108m2

Niveau Niveau +1 +1 / +2 / +2

Niveau +1 / +2

Wohnungsgrundrisse 1:300 Niveau Niveau +1 +1 / +2 / +2

Wohnung WohnungOst-West Ost-West125m2 125m2

Wohnungsgrundrisse Wohnungsgrundrisse 1:300 1:300 Wohnung WohnungOst-West Ost-West 125m2 125m2

Wohnung WohnungWest West108m2 108m2

Niveau +2 Niveau

0

Wohnungsgrundrisse Wohnungsgrundrisse 1:300 1:300

Niveau -3

Längsschnitt 1:500

Schnitt D-D

Schnitt A-A

Querschnitt 1:500

1:500

Niveau +1 Niveau -1 Niveau -3

Schnitt B-B

Niveau +3 Niveau

0

Schnitt Lichtung 1:2000 Schnitt Waldlichtung 1:2‘000

Niveau -2 Niveau -4

Schnitt C-C

87

Querschnitte

1:500


GE WHG GE WHG NUNG UTZUNG

Wohnen im Hochhaus

Fokusprojekt HAUS - FHNW Basel, Studiengang Master - FS13 Prof. Luca Selva

Situation Wohnungen / Ateliers Auf der geplanten Rheininsel im Klybeck-Areal von Basel sollen verschiedene Hochhauscluster entstehen die eine hohe Ausnützung der Inselfläche erreichen und der Lage entsprechend spezifische Hochhausstrukturen aufweisen. Die Nutzungen der Hochhäuser sind unterschiedlich und prägen die Ausformulierung jedes einzelnen Hochhauses. Die Höhe ist durch den vorhandenen Flugverkehr auf 100m begrenzt.

Studentenwohne

Konzept Das Grundkonzept basiert auf der Idee einer Aneinanderreihung eines modularen Hochhauses. Die Lage auf der Insel bietet eine freie Ost- sowie Westsicht über den Rhein bzw. den neuen Kanal. Die Hochhausstruktur ist somit Ost-West ausgerichtet und/ Ateliers kann an der NordStudentenwohnungen und Südseite angebaut werden. Ein Modul des Hauses besteht dabei aus fünf spiralförmig gestapelten Boxen, die jeweils zwei-geschossig sind. Vertikal ist die Struktur durch die unendlich mögliche Wiederholung der aufeinandergestapelten Elemente flexibel. Auch in der Tiefe kann das Haus wachsen, indem es um eine Spiralform erweitert wird. Auf Grund der dichten Bebauung, die durch die Strategie des Anbauens entstehen soll, muss der Durchgang im Erdgeschoss möglich sein. Das statische Prinzip ermöglicht die Freispielung des Erdgeschosses. Als öffentlicher Durchgang nutzbar, ist er ähnlich einer Seitenstrasse und führt zudem zu der Erschliessung des Hauses über die beiden Scheiben. Für den Ort auf der Rheininsel besteht die Grundstruktur des projektierten Hochhauses aus zwei der identischen spiralförmigen Figuren, die sich nebeneinander zwischen zwei Scheiben in die Höhe entwickeln.

Schwarzplan 1:15‘000

88


Strukturmodell 1:200

89


3.OG

Wohnungen / Ateliers

6.OG

2.OG

5.OG

1.OG

4.OG

Studentenwohnungen / Ateliers

Studentenwohnen

E WHG E WHG UNG TZUNG

EG Grundrisse 1:750 90


Wohnungen / Ateliers

Studentenwohnen

9.OG

Studentenwohnungen / Ateliers

8.OG

7.OG Wohnungsgrundrisse 1:300

Schnitt 1:750 91


Wohnen im Park

ARMUT_3.0 - UDK Berlin, Studiengang Master - WS 2013 Prof. Bettina Götz

Situation Um sozialen Wohnungsbau zu realisieren, liegt der Fokus nicht auf günstigem Bauen, sondern vor allem darauf, in Armut geratenen Menschen ein Zuhause zu schaffen, in welchem sie in Kontakt bleiben mit den Nachbarn und dem Leben in der Stadt. Das Gebäude versucht mit gemeinsam genutzten Aussenräumen zwar Fläche einzusparen, aber gleichzeitig das Zusammenleben zu fördern. Durch Sichtbezüge im Innern der Gebäudestruktur stärkt das Haus die Nachbarschaften und schafft eine belebte Atmosphäre. Als Standort für sozialen Wohnungsbau in Berlin soll das Präsidentendreieck an der Spree dienen. Die Qualität, die der Park heute hat, soll in einer neuen Form wiedergegeben werden. Die gebaute Struktur nimmt die offene Gestalt des Parkes zum Thema und lässt das Erdgeschoss bis auf die nötigen tragenden Kerne frei. Somit bleibt der Parkcharakter erhalten und das gesamte Areal der Öffentlichkeit zugänglich. Auch bietet die offene Erschliessung der Gebäude den Passanten die Gelegenheit, das Haus in allen Geschossen zu durchwandern. Konzept modulares System Durch die Multiplikation eines Wohnungsmoduls und dessen bestimmte Anordnung in einem Gesamtsystem werden in der Gebäudestruktur begehbare Aussenräume geschaffen. Die Minimum von 20 Wohnungen stellt die Anforderung für mindestens 20 Module für das System, soll aber flexibel erweiterbar sein. Die Flexibiltät zeigt sich in der Möglichkeit einer vertikalen Erweiterung, also einer Aufstockung, sowie einer horizontalen Erweiterbarkeit nach Süden bzw. Norden. Konzept Erschliessung Der nutzbare Aussenraum und die Erschliessung sind bei jeder Grösse ein zusammenhängendes, öffentlich zugängliches System. Dabei werden die aussenliegenden Treppen und Aufzüge dem modularen System ebenfalls additiv beigefügt.

A

A

Situation 1:5‘000

B

B

B

92


Wohnungsmodell 1:100

Strukturmodell 1:200

93


A A

A

A A

A A

B B B A A A A A

B

B

B B A

1.OG

A A

A A

A

B B

B

B

A A

A A B

B B B

B

B

4.OG / Bsp. Erweiterung

A

A A

A A

A A

A

A

A

B B

B B

B

B

B

A A B

B

B

A A

A

A A

B

A

2.OG

3.OG / Bsp. Erweiterung Grundrisse 1:750

Ansichten 1:750

94


B B

Wohnungsgrundrisse 1:300

Schnitte 1:750

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Ich bedanke mich bei Prof. Dominique Salath辿 und Andreas N端tten f端r die wertvolle Begleitung der Thesisarbeit sowie allen Beteiligten f端r die gute Zeit im ganzen Masterstudium an der FHNW in Basel.

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FS14 Selin Projer Thesisbuch  

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