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Holzbulletin 121/2016 Ornamente Stadtgarten, Zug Sequenzielles Dach am Arch_Tec_Lab, ETH Zürich Ersatzneubau Stöckli, Ueberstorf Energetische Sanierung einer Villa, Coppet Umnutzung Scheune, Dingenhart

Ornamentale Lichtspiele tragen zum Dialog von neuem Stöckli und bestehender Architektur im denkmalgeschützten Ensemble in Ueberstorf bei. Architektur: OST Architekten, Zürich


Wiederkehr des Ornaments ? Nachdem Mitteleuropa das Ornament in der Architektur fast ein Jahrhundert lang verschmäht hat, rückt das Stilmittel seit einigen Jahren wieder vermehrt ins Blickfeld. Die Objekte dieses Heftes veranschau­lichen die Bandbreite eines aktuellen Verständnisses dieses architektonischen Elementes. Dem Pavillon im Zuger Stadtgarten eignet ein starker visueller Ausdruck. Er ergibt sich aus einer Schichtung, die sich zu einem Geflecht erweitert und schliesslich die Umhüllung bildet. Das Ornamentale des Ansatzes zeigt sich sowohl in der umhüllenden Konstruktion als auch im künstlerischen Ausdruck. Dies gilt auch für die Villa in Coppet mit ihrer vom Glatten ins Strukturierte verlaufenden Bekleidung, welche gleichzeitig die Konstruktion beschreibt. Das sequenzielle Dach des Arch_Tec_Lab setzt dem eine komplett andere Haltung ent­ gegen. Die Struktur hat ihren Ursprung in einem Experiment robotischer Fertigung, welche als konsequent digitale Schiene vollkommen neue formale Entwicklungsfelder eröffnet und bislang unbekannte Er­ scheinungen erzeugt. Konträr orientiert sich der Stöckli-Ersatzbau in Ueberstorf: Er sucht als Ergänzung zum denkmalgeschützten Gebäudeensemble die Kontinuität des Ausdrucks im architektonischen Erbe und lässt sich dabei von dessen ornamentaler Tradition inspirieren. Ähnlich verhält es sich beim Scheunenumbau in Dingenhart, der sich ebenso in einen denkmalgeschützten Kontext einschreibt. Ganz gleich, was der gedankliche Hintergrund ist: Gelingt die ornamentale Geste, so verleiht sie dem Bauwerk eine poetische Schwingung.

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Audanne Comment und Roland Brunner Technische Kommunikation Lignum


Stadtgarten, Zug Die Stadt Zug verfügt seit 2013 auf dem ehemaligen Zeughausareal über einen öffentlichen, an das bestehende Fusswegnetz der Altstadt angebundenen Stadtgarten, der die zwei Standorte der Kantons- und der Stadtbibliothek miteinander verbindet. Identitätsstiftendes Element ist ein Holzpavillon. Das ehemalige Zeughausareal umfasst den Raum zwischen Pulverturm, Burg Zug, Kirche St. Oswald sowie den zwei Bibliotheksstandorten, dem Hauptgebäude an der Sankt-Oswalds-Gasse und dem Zeughaus, in dessen Sockelgeschoss 2011 eine Studienbibliothek eröffnet wurde. Die besondere Herausforderung bestand darin, dass der Ort seit den siebziger Jahren von einer öffentlichen Parkgarage mit zehn Halbgeschossen besetzt ist, welche teilweise aus dem geneigten Terrain herausragt und deren Einfahrt das Areal teilweise durchschneidet. Aus dem 2010 ausgelobten Wettbewerb für Landschaftsarchitekten ging das Projekt von Planetage Landschaftsarchitekten mit Ramser Schmid Architekten als Sieger hervor. Der Jurybericht lobt die ‹überraschende und überzeugende Ausgestaltung der Geländekante›. Statt das Gebäudevolumen der Tiefgarage durch Erdaufhäufungen topografisch zu ver­ bergen, akzeptierten die Planer die Präsenz dieses Bauwerks und entschieden sich dafür, es teilweise zusätzlich freizulegen, baulich zu ergänzen und durch eine Bekleidung auf­ zuwerten. Dadurch erscheint die Tiefgarage wie eine Hangmauer, welche eine obere, dem

Zeughaus vorgelagerte Terrasse von einem unteren Bereich trennt. Die untere Ebene dient zum einen als Verkehrsfläche für die Ein- und Ausfahrt der Parkgarage. Im Sinne einer aussenräumlichen Analogie zu den bestehenden Altstadtgärten in Zug wurde zudem eine Folge von heckengesäumten Staudenbeeten vorgesehen. Sie begleiten die Fusswege, die sich in Nord-Süd-Richtung erstrecken. Die Aufgänge zur oberen Ebene verlaufen entlang der mit vertikalen Holzlamellen verkleideten Hangmauer. Die Holzbekleidung dient mehreren Zwecken: Neben ihrer Funktion als Absturzsicherung verdeutlicht sie die gebauten Strukturen und erleichtert damit die Orientierung auf dem Gelände. Störende Elemente der bestehenden Tiefgarage, wie etwa ein Notausgang, werden ausgeblendet, und Materialübergänge zwischen den über 40-jährigen bestehenden Betonoberflächen und den neuen Ergänzungen werden verschleiert, ohne die massive Präsenz des Bauwerks zu verstecken. Die der neuen Studienbibliothek vorgelagerte obere Ebene ist als weiter, offener Stadtgarten angelegt. Mit einer vielfältig nutzbaren Rasenfläche und einem Wasserbecken, mit der lockeren Bestuhlung und dem identitätsstiftenden, weit auskragenden Pavillon wird eine entspannte Stimmung erzeugt. Dessen Plazierung am höchsten Punkt der Anlage folgt dabei der inneren Logik des vorgefundenen Bauwerks: Der pilzartig weit auskragende Pavillon ist der Liftüberfahrt und Lüftungszen­ trale der Parkgarage aufgesetzt. Der aus dem

Dach der Garage ragende Technikaufbau wird überhöht und als Sockel für ein allseitig auskragendes Dach genutzt. Dieses ist mit Acrylglas gedeckt, lichtdurchlässig und bietet regengeschützte Sitzplätze für alle Besucher. Analog zur Bekleidung der Hangkante mit einem Schleier aus Holz hat das Planungsteam eine durchlässige Hülle aus liegenden Holz­ lamellen entwickelt, welche die bescheidene Qualität der vorgefundenen Bauten veredelt, ohne sie komplett auszublenden. Die Bekleidung bildet die Unterkonstruktion wie auch die radial angeordneten Dachträger aus Brettschichtholz nach aussen ab und macht mit ihrer Geometrie die konstruktive Struktur sichtbar.

Situation

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Ort 6300 Zug Bauherrschaft Baudirektion Kanton Zug und Baudepartement Stadt Zug Gesamtprojektleitung/Landschaftsarchitektur planetage landschaftsarchitekten, Zürich; Mitwirkende: Marceline Hauri, Christine Sima, Ramon Iten, Helge Wiedemeyer, Thomas Volprecht Architektur Ramser Schmid Architekten, Zürich (Pavillon und bauliche Anpassung Tiefgarage); Mitwirkende: Christoph Ramser, Raphael Schmid, David Dick, Isabel Amat, Lena Bertozzi, Elena Castellote, Patrick Schneider Bauleitung Kolb Landschaftsarchitektur, Zürich Bauingenieur Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich Lichtgestaltung d-lite Lichtdesign, Zürich Holzbau Schwerzmann Holzbau AG, Baar Materialien Brettschichtholz 11 m3, schichtverleimtes Vollholz 56 m3, Dreischichtplatten 27 mm 59 m2, Unterkonstruktionen mit Sperrholz in Pappel für 0,14 m3 und mit Accoya 2,5 m3, Bekleidung in Accoya 50 mm 132 m2 (Pavillon); Unterkonstruktion in Accoya 0,8 m3, Lamellen in Accoya 50 x 90 mm 5,2 m3 und Handläufe in Accoya 50 x 110 mm 0,5 m3 (Bekleidung Garage) Baukosten CHF 3,6 Mio. (gesamt), CHF 600 000.– (Pavillon) Bauzeit Januar–September 2013 Fotograf Ralph Feiner, Malans

Ansicht

Schnitt

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20 m


Sequenzielles Dach am Arch_Tec_Lab, ETH Zürich Das Arch_Tec_Lab-Gebäude (HIB) der ETH Zürich befindet sich auf dem Campus Hönggerberg. Es entstand infolge Verdichtung auf einer existierenden Parkgarage und ist entsprechend als Leichtbau ausgeführt. Das geschwungene Holzdach des viergeschossigen Gebäudes wurde vollständig von einem einzigen Portalroboter vorgefertigt. Die Grundlage dafür bildete ein integrierter digitaler Planungs- und Produktionsprozess, der unter Leitung der Forschungsgruppe Gramazio Kohler Research entwickelt und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Forschungs- und Industriepartnern im industriellen Massstab zur Anwendung gebracht wurde. Ausgangspunkt des Projekts war die Untersuchung von maschinellen Bauprozessen, in denen die Fertigung grösserer Elemente durch das sequenzielle, roboterbasierte Fügen von kleineren Einzelelementen vollautomatisiert durchgeführt werden konnte. Dabei wird die Fähigkeit der Roboter, Elemente im dreidimensionalen Raum präzise und nach absoluten Koordinaten zu manipulieren, also sie zu greifen, abzulängen

und zu plazieren, voll ausgeschöpft. Eine hohe geometrische Komplexität der Bauelemente wird nicht zuletzt durch die integrierten, eigens für das Projekt entwickelten algorithmischen Planungsprozesse ermöglicht. Das Dach bedeckt eine Grundfläche von 2308 m2 und überspannt den Open-Office-Bereich des Instituts, welcher den Forschern und Studierenden mit teilweise doppelter Raumhöhe eine flexible Arbeitsumgebung bietet. Im Zentrum steht die Produktionshalle, in der Roboter als Zentrum einer flexiblen Fabrik der Zukunft operieren. Zwölf in die bestehende Struktur der Garage eingefügte Doppelstützen aus Stahl tragen die Deckenplatten und das Dach. Die fliessende, einer doppelt gekrümmten Geometrie folgende Dachstruktur besteht aus 168 Fachwerkträgern, die bis zu einer Länge von 14,70 m zwischen den gebogenen Kastenträgern der primären Stahlstruktur spannen. Die Dachhaut, inklusive der Oberlichter und der Rauchund Wärme­abzugsanlage, liess sich dank der dichten Struktur ohne zusätzliche Beplankung direkt auf das Holzdach montieren. Weitere Sub­systeme wie Sprinkler, Beleuchtung und

Ort Gebäude HIB, Hönggerberg, 8049 Zürich Auftraggeber ETH Zürich, Infrastrukturbereich Bauten Gesamtplanung und Koordination Arch_Tec_Lab AG, Zürich Entwurf und digitale Planung Gramazio Kohler Research, Professur für Architektur und Digitale Fabrikation, ETH Zürich; Mitwirkende: Prof. Fabio Gramazio, Prof. Matthias Kohler, Aleksandra Anna Apolinarska (Projektleitung Konstruktion), Michael Knauss (Projektleitung Bauprojekt), Jaime de Miguel (Projektleitung Vorprojekt), Selen Ercan, Olga Linardou Architektur, Bauprozess, Koordination Prof. Sacha Menz, Professur für Architektur und Bauprozess, ETH Zürich Tragwerksplanung Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure AG, Zürich Beratung Tragwerk Prof. Dr. Joseph Schwartz, Professur für Tragwerksentwurf, ETH Zürich Parametric Design Prof. Dr. Ludger Hovestadt, Professur für CAAD, ETH Zürich Bauphysik und Akustik Prof. Dr. Jan Carmeliet, Professur für Bauphysik, ETH Zürich, und Estia SA, EPFL Innovation Park, Lausanne Zero-Emission-Konzept Prof. Dr. em. Hansjürg Leibundgut, Professur für Gebäudetechnik, ETH Zürich Digitale Fabrikation ROB Technologies AG, Zürich Prüfingenieur Holzdach SJB.Kempter.Fitze AG, Eschenbach Holzbau Erne AG Holzbau, Laufenburg Materialien Bauholz 150 m3 in 168 Fachwerkträgern mit 48 624 Einzelhölzern Bebaute Fläche SIA 416 2308 m2 Bauzeit Februar–Oktober 2015 Fotografin Andrea Diglas, Zürich

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Elektrotrassen sind in die Holzstruktur integriert. Der sequenzielle Fabrikationsprozess erfordert, dass die Verarbeitung der Einzelteile möglichst einfach und schnell erfolgen kann. Zudem ist deren Länge durch den Werkraum des Roboters eingeschränkt. Die gesamte Dachstruktur ist daher eine Aggregation einfacher, kleinteiliger Elemente, die fachwerkartig zu 1,15 m breiten Trägern zusammengesetzt sind. Um komplizierte Verschnitte zwischen mehreren zusammen­laufenden Streben zu vermeiden, sind die Segmente aufeinandergestapelt. Diese Strategie ermöglicht es, jede Holzlatte mit einem einzigen Sägeschnitt abzulängen. Die Träger bestehen aus 23 Lagen, in denen abwechselnd die Gurt- und Diagonallatten geschichtet sind. Das Streben nach einer durchgehend roboterbasierten Assemblierung setzt voraus, dass auch das Fügen der Holzteile vollautomatisiert ausgeführt werden kann. Hierzu muss die Verbindung flexibel genug sein, um auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Lattenkonfigurationen reagieren zu können. Aufgrund der hohen Redundanz des statisch unbestimmten Trag-


werks war eine duktile Nagelverbindung einem spröden Verbindungsverhalten vorzuziehen. Die auf die Gesamtheit des Daches anwendbaren verallgemeinerten geometrischen Regeln zur Ver­teilung der Nägel wurden aus den normierten Konstruktionsregeln abgeleitet. Diese Regeln erlaubten es, die Nägel in den 94 380 Verbindungsstellen mit allen nötigen Rand- und Nagelabständen individuell und effizient zu positionieren. Für das Projekt war die Verwendung von einfachem Holzmaterial wie z.B. Konstruktionsvollholz der Klasse C24 aus Fichte oder Tanne vorgesehen. Um die für maschinelle Assemblierung nötige Formstabilität zu garantieren, wurden technisch vorgetrocknete Duobalken aus herzgetrennten Schichten und mit geringer Astigkeit verwendet. Aufgrund der differenzierten statischen Anforderungen wurde das Holz in drei Querschnittsgrössen von 50 x 115 mm, 50 x 140 mm und 50 x 180 mm in 10 m langen, keilgezinkten Balken vorproduziert.

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Isometrie Dachstruktur

Detail Schichtung

Detail Knotenvernagelung

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Ersatzneubau Stöckli, Ueberstorf Auf einem Hof in einem kleinen Weiler in der Nähe von Ueberstorf zwischen Bern und Freiburg ist ein Ferienhaus an der Stelle des ehemaligen Stöcklis entstanden. Der Hof ist derjenige der Eltern des Bauherrn, der mit seiner Familie in Zürich wohnt. Der Hof befindet sich ausserhalb der Bauzone. Der Hof wurde als denkmalgeschütztes Ensemble eingestuft. Zu diesem zählt zuerst das Bauernhaus, das um 1820 gebaut wurde und unter kantonalem Schutz (Kat. B) steht. Dazu tritt ein kleiner Speicher, baulich zunächst in einem sehr schlechten Zustand, 1746 erstellt und in der höchsten Schutzklasse A gelistet (national). Speziell sind vor allem die eingelassenen Inschriften, die dem Schutz des Gebäudes dienen sollten – mehr als 250 Jahre haben sie schon gewirkt. Neben den zwei erwähnten Gebäuden gab es noch das Stöckli. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und ergänzte das denkmalgeschützte Ensemble. Obwohl die Gesamtanlage als schützenswert eingestuft wurde, wurde dem Stöckli keine weitere Schutzwürdigkeit attestiert. Dazu kam, dass das Häuschen in einem denkbar schlechten Zustand war und mit Raumhöhen von knapp 1,90 m nicht mehr bewohnt werden konnte. Der Entscheid für einen Ersatzneubau war unter diesen Umständen schnell getroffen. Auf der Seite der künftigen Eigentürmer kon-

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zentrierten sich die Wünsche vor allem auf das Raumprogramm, die Kostenkontrolle und einen Holzbau. Auf der Seite der Behörden war die Liste von Vorschriften länger: Maximal durften 180,5 m2 Bruttogeschossfläche bebaut werden, was der Fläche des alten Stöcklis entsprach. Die Ausrichtung des Giebels und die Stellung des Gebäudes mussten sich an derjenigen des alten Stöcklis orientieren. Das Vordach wurde vorgeschrieben, und die Ziegel hatten rötlich oder bräunlich zu sein, wie in der Region üblich. Die Dachneigung musste ebenfalls ungefähr der des alten Stöcklis entsprechen. Die Fensteröffnungen sollten gemäss dem Kontext eher klein ausfallen, eventuell mit Filtern gebrochen werden. Schliesslich waren da noch die Vorstellungen der Architekten: Für sie war es wichtig, einen eigenständigen Ausdruck zu finden, der jedoch einen respektvollen Umgang mit dem Bestand und den vorherrschenden Proportionen ermöglichte, damit der Neubau seinen berechtigten Platz im Ensemble einnehmen konnte. Zudem wollten sie möglichst viel in Holz ausführen. Das begann bei der Konstruktion des Holzelementbaus und ging bis zu kleinen Details in der Jalousienausgestaltung. Dazu hatten sie einen Holzbauer zur Seite, der Freude am Projekt entwickelt hatte und sie in der Projektplanung tatkräftig unterstützte. Im neuen Stöckli bilden Wohnen, Essen und

Küche einen zusammenhängenden offenen Raum im Erdgeschoss. Dieser wird von einem zentralen Volumen gegliedert, das einerseits das Gäste-WC beherbergt und gleichzeitig den Eingangsbereich und die Küche definiert. Im Nordwesten gelangt man auf den überdeckten Aussensitzplatz. Das grosse Fenster gegen Nordosten feiert die unverbaute Weitsicht auf die Landschaft. An den absolut minimal gehaltenen Technikraum angelehnt, führt der Treppen­ körper in die oberen Geschosse empor. Der untere Teil wurde geschlossen gehalten, um den Stauraum optimal nutzen zu können. In den oberen Geschossen erfolgt eine Öffnung zugunsten von Licht und Sichtbezügen. Die zum Treppenraum hin offene Diele verleiht dem mittleren Geschoss eine angenehme Grosszügigkeit und verbindet dieses räumlich über einen Luftraum mit dem Dachgeschoss. Auch hier wird der Blick in die Landschaft von einem weiteren grossen Fenster gerahmt. Im Nordwesten und Nordosten liegen die zwei Schlafzimmer mit Zugang zur Laube. Üblicherweise an der Haupt- oder an der Seitenfassade angebracht, rechtfertigt sich die hofabgewandte Position mit dem Bezug zur Landschaft. Das Badezimmer ist im Südwesten mit weitem Ausblick und im Dialog mit dem Bauernhaus positioniert. Im Dachgeschoss befindet sich das Reich der Kinder. Ein kleiner, massgeschnei­ derter Massenschlag lässt viel Raum frei für


Situation

die Legobaustellen der zwei Buben. Das ei­ gene Bad für die Jungmannschaft liess sich die Bauherrschaft bis zum Schluss nicht nehmen. Ein weiteres grosszügiges Fenster mit Blick in die Ferne sorgt zusammen mit den Dachfenstern für einen lichtdurchfluteten Raum. Die Fassaden gestalten sich aus einer vertikalen, filigranen offenen Holzschalung von 30 x 20 mm mit einer 5 mm breiten Fuge. Die Vertikale darin nimmt die Schalungsrichtung der Nachbar­ bauten auf, und der Schalungsrhythmus erzeugt ein spannendes Spiel zwischen einem massiven, kompakten Volumen und der leichten Transparenz bei frontalem Lichteinfall. Schwieriger zeigte sich der Umgang mit den Proportionen in Bezug auf die Nachbarsbauten, da der Neubau durch die gesetzlichen Raumhöhen ganz andere Verhältnisse aufwies. Mit den beiden Einschnitten beim Eingang und beim Sitzplatz und vor allem mit der horizontalen Gliederung der Fassadenbeplankung konnten die Proportionen an den Bestand angeglichen werden. Auch die Fenster wurden komplett in Holz gehalten. Selbst für die Fensterbänke wurde Lärche eingesetzt. Damit die Faltjalousien im offenen Zustand gänzlich in der Leibungstiefe verschwinden können, wurden die Fenster innen angeschlagen, was natürlich den Witterungsschutz auch gleich noch verbesserte. Die traditionellen Balkonschnitzereien dienten

als Vorlage für das Muster in den Jalousien. Auch im Bestand vor Ort findet man Hinweise, am benachbarten Speicher wie auch am abgebrochenen Stöckli. Jedoch gingen die Architekten diese Idee anders an: Nicht komplexe Formen, sondern eine geometrisch einfache und reine Form, der Kreis, sollte mittels Verdopplung, Spiegelung und Repetition ein Ornament entstehen lassen, das ein komplexes Lichtspiel gegen innen und aussen generiert und das Haus gefällig präsentiert. In den oberen Geschossen überspielt die Absturzsicherung die grosszügigen Fensterproportionen und unterteilt sie in Verhältnissen, die sich an den Bestand halten. Der Innenraum hingegen profitiert vom Lichteinfall. Die Behandlung aller Fassadenbauteile mit einer Vorvergrauung war einer der wenigen expliziten Wünsche der Bauherrschaft, die sie von Anfang an geäussert hatte, um unterschiedlicher Verwitterung aufgrund von Lage und Exposition vorzubeugen. Verschiedene Behandlungen wurden an Speicher und Bauernhaus getestet, bis der richtige Farbton gefunden war, um die natürliche Verwitterung an diesem spezifischen Ort zu simulieren. Auch im Inneren ist Holz das dominierende Material. Es prägt die Innenwände und Möbel bis hin zu den Drehschliessknöpfen der Einbauschränke. Eigentlich gibt es nur drei nennenswerte Ausnahmen: die farbigen Platten und

Anstriche in den Bädern, die weisse Küche sowie den dunkel eingefärbten Unterlagsboden im Erdgeschoss. Von unerwarteter Schwierigkeit waren die verschiedenen Ausführungen in Fichte/Tanne mit ihren stark unterschiedlichen Farbtönen: Die Wände und Möbel waren aus Dreischichtplatten, der Boden aus Weisstanne, die Fenster und Türen aus Fichte massiv. Mit weiss pigmentierten Ölen und Lacken liess sich ein sehr einheitliches Bild erreichen. Ein Ferienhaus, speziell ausserhalb der Bauzone, kann die Gemüter sehr schnell bewegen. Doch gab dieses Projekt einen positiven Impuls für den denkmalgeschützten, aber schon ziemlich heruntergekommenen Ort. Die Aufwertung war dann auch Anlass dafür, dass die Bauherrschaft den Speicher wieder in einen Zustand versetzte, der ihn die nächsten 50 bis 100 Jahre unbeschadet überstehen lassen wird.

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Querschnitt

Längsschnitt

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10 m


Erdgeschoss

Obergeschoss

Ort Hermisbüel 9, 3182 Ueberstorf Architektur OST Architekten, Zürich Bauingenieur Curty & Marty AG, Düdingen Holzbau Beer Holzbau AG, Ostermundigen (Rohbau), und Wohnmacher AG, St. Antoni (äussere Abschlüsse und Schreinerarbeiten) Materialien Brettschichtholz und Vollholz 23 m3, Dreischichtplatten 11,5 m3, OSB und Sperrholz 4 m3, Holzfaserdämmplatten 8 m3 Bruttogeschossfläche SIA 116 180,5 m2 Geschossfläche SIA 416 210 m2 Gebäudevolumen SIA 416 530 m3 Bauzeit September 2014 – April 2015 Fotografen Nadine Andrey, Bern, und OST Architekten, Zürich

Dachgeschoss

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Fenster Typ A: Schnitte und Ansichten

Fenster Typ B: Schnitte und Ansichten

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Energetische Sanierung einer Villa, Coppet Eine neue Gebäudehülle verbessert die Energieeffizienz der Villa aus den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts schlagartig. Gleichzeitig definieren mächtige Vordächer das Gebäudevolumen neu. Das Wohnhaus in Coppet benötigte in erster Linie eine effizientere Hülle, um die Energieverluste und die daraus resultierenden hohen Heizkosten zu reduzieren. Die Architekten hätten sich damit begnügen können, die Fassade und das Dach konsequent zu dämmen und die U-Werte der Fenster zu überprüfen. Aber das Genfer Architekturbüro Lacroix Chessex entschied sich für einen umfassenderen Ansatz, welcher schliesslich zu einem aussergewöhnlichen Projekt führte. Der Eingriff verstärkt den Ausdruck des Volumens, bewahrt jedoch die grundsätzlichen Qualitäten des 1936 erstellten Bauwerks. Als wichtigste Massnahme wurde das bestehende Schrägdach vergrössert und bis auf das Niveau des ersten Geschosses hinunter verlängert. Die dadurch auf beiden Seiten des Hauses entstandenen Überdachungen verschaffen der Verbindung zwischen dem Haus und den Aussenräumen ein grösseres Gewicht. Beim neu angelegten Eingang auf der Nord-

seite gegen die Strasse hin dient der Dachvorsprung heute als Autounterstand. Auf der Südseite dagegen überdeckt er eine Terrasse, welche im Sommer den Wohn- und Lebensraum des Erdgeschosses nach aussen gegen den Garten verlängert. Auf der Südseite wurden drei Oberlichter in das Vordach eingelassen. Sie sorgen nicht nur dafür, dass die Tagesräume gleichwohl genügend hell bleiben, sondern verringern auch die optische Wucht des Vordaches und reduzieren den von ihm erzeugten Schattenwurf. Vor der Planung studierten die Architekten akribisch den jahreszeitlich unterschiedlichen Verlauf der Sonne und legten anschliessend die optimalen Positionen der Oberlichter fest. Deren Öffnungen erweitern sich in einer Abfolge kleiner Rücksprünge von oben nach unten, so dass das auf dem Dach gefasste Licht besser nach unten streuen kann. Dasselbe Stilmittel findet sich bei den Fensterleibungen. Es sorgt für ein lebendiges Spiel von Licht und Schatten. Die Architekten sehen darin eine Hommage an den berühmten italienischen Architekten Carlo Scarpa, andere mögen sich an die Balgen alter Fotoapparate erinnert fühlen. Dank dieser Technik ist im Innern nicht nur mehr natürliches Licht verfügbar, sondern auch der passive Ertrag

der Sonnenenergie lässt sich optimieren. Die ursprünglichen Durchbrüche an den Fassaden wurden in ihrer Vielfalt bezüglich Form und Grösse beibehalten. Die alten Fenster mit Doppelverglasung wichen neuen, effizienten Holzfenstern, und die Fensterläden wurden durch diskrete Stoffstoren ersetzt, welche sich bestens in die dicke Wärmedämmschicht integrieren. Thermische Solarkollektoren auf dem Dach erzeugen das Brauchwarmwasser. Zusätzlich zur energetischen Sanierung wünschte der Bauherr, dass im Rahmen des verfügbaren Raumangebots eine zweite Wohnung geschaffen wird, weil für ihn allein der bisherige Wohnraum zu gross geworden war. Die so neu geschaffene Duplex-Wohnung befindet sich im Nordteil des Hauses. Sie verfügt über einen eigenen Eingang und einen eigenen Balkon im Dachbereich.


Situation

Ort Route de Tannay 8, 1296 Coppet Architektur Lacroix Chessex architectes, Genf Bauingenieure Thomas Jundt ingénieurs civils SA, Carouge Holzbau Jotterand, Charpentier Bâtisseur SA, Rolle (Holzbau), Barro et Cie SA, Carouge (Fenster), und Dürig Bois SA, Grens (Innenausbau), Ménétrey Lausanne SA, Le Mont-sur-Lausanne (Sägerei/Hobelwerk) Materialien schichtverleimtes Vollholz 10 m3, Brettschichtholz 0,16 m3; Platten: OSB 22 mm 113 m2; Holzfaserdämmplatten 80 mm 340 m2, Dreischichtplatten 27 mm 51 m2; Lattung 5,3 m3; Fassadenbekleidung in Tanne 400 m2 Baukosten BKP 1–9 CHF 1,31 Mio. Baukosten BKP 2 CHF 1,25 Mio. Baukosten BKP 214 CHF 212 000.– Grundstücksfläche SIA 416 2950 m2 Geschossfläche SIA 416 554 m2 Gebäudevolumen SIA 416 2836 m3 Kubikmeterpreis SIA 416 (BKP 2) CHF 440.– Bauzeit August 2014 – August 2015 Fotograf Joël Tettamanti, Lausanne

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D   etail Vordach: Die Auskragung beträgt 5,8 m, abgestützt auf Metallkonsolen. Die Oberlichter ergeben sich aus der Schichtung der 40 mm starken Lamellen aus Tanne, wobei sich die Geometrie am Verlauf des Sonnenstandes orientiert.


Längsschnitt

20 m

Erdgeschoss

Obergeschoss

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Umnutzung Scheune, Dingenhart Einige Bauernhöfe mit Wohnhäusern und Scheunen bilden auf einer Anhöhe unweit von Frauenfeld den Weiler Dingenhart. Eine seit Jahren unbenutzte Scheune hat sich hier auf raffinierte Weise zu einem Wohnhaus mit drei Wohnungen gewandelt. Die Vorstellungen der Bauherrschaft und der Denkmalpflege gingen diametral auseinander. Die Bauherrschaft wünschte sich möglichst offene Räume mit Weitsicht in die fernen Alpen, der Denkmalpfleger wollte den geschlossenen Ausdruck der Scheune zur Bewahrung des bäuerlichen Dorfbildes keinesfalls preisgeben und nur wenige Fensteröffnungen zulassen. Zudem war der Ausbau der Scheune auf zwei Drittel des Volumens beschränkt. Das restliche Drittel wurde in den Wohnraum einbezogen, indem erweiternde, unbeheizte Räume geschaffen wurden. Über diese Loggien erhalten die Wohnräume eine visuelle Ausdehnung bis an die bestehende Scheunenfassade. Die Bewohner werden sich ihrer speziellen Wohnlage innerhalb der Scheune bewusst und können sich im gesamten Volumen ausbreiten. Das äussere Fachwerk und das Dach der Scheune waren in einem guten Zustand und konnten erhalten bleiben. Eine offene Skelettstruktur aus verleimtem Fichtenholz füllt das gesamte Scheunenvolumen aus und ersetzt die alte Tragstruktur.

Sichtbare Pfosten (Querschnitt 240 x 240 mm) und Träger (Querschnitt 240 x 360 mm) strukturieren den Wohnungsgrundriss; transparente und opake Füllungen definieren die Raumgrenzen und Klimazonen innerhalb der Scheune. Zwei vertikale Betonkerne, in denen die Erschliessung, die Küchenzeilen und Nassräume angeordnet sind, stabilisieren das Gebäude. Pfosten und Träger laufen jeweils in einem Knotenpunkt zusammen. Die vertikalen und horizontalen Balken werden in einer Verbindung aus Holz ohne sichtbare Metallteile zusammengeführt. Der Querschnitt der Träger entspricht einem umgekehrten T-Profil. Diese gefälzten Deckenbalken bilden fast quadratische Balkenfelder von 3,0 m mit umlaufendem Auflager für eine massive, tragende Dreischichtplatte von 120 mm Stärke. Mit einer eingelegten Schüttung und Trittschalldämmungen unterschiedlicher Dichtewerte werden die im Wohnungsbau geforderten Schalldämmwerte erreicht. Die sichtbare Gliederung des Fussbodens aus Holzdielen und gegossenen, eingefärbten Anhydritböden folgt der Struktur des Skelettes. Die alte Bretterschalung der Scheune war stark verwittert und musste ersetzt werden. Gleichzeit galt es, das prägende Erscheinungsbild des einfachen Bauernhauses mit verputztem Wohnhaus und angebauter, mit Brettern ummantelter

Tragwerksaxonometrie

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Scheune möglichst zu erhalten. Zudem sollte die neue Bekleidung möglichst viel Licht ins Innere lassen und gleichzeitig den alten Riegel vor der Witterung schützen. Mit unzähligen Fassadenstudien wurde primär versucht, den flächigen, geschlossenen Charakter der Scheune zu bewahren. Während dieses Prozesses reifte die Erkenntnis, dass mit einer zu starken Perforation der Aussenhaut der urtümliche, profane Scheunenausdruck verlorenginge. Die neue Bekleidung ist in Felder eingeteilt, die mit unterschiedlichen Schalungsarten ausgefüllt sind. Die Einteilung der Feldränder folgt streng der bestehenden Riegelwand und schützt die statisch relevanten Pfosten und Riegel vor der Witterung. Mit der Anordnung und dem Grad des Lichtdurchlasses der Felder reagiert die neue Fassade auf die inneren Bedürfnisse nach Licht und Aussicht. Diese patchworkartige Gliederung ist eine Reminiszenz an Scheunenfassaden mit unterschiedlich grossen Flächen aus Türen, Toren und Feldern mit offenen Bretterschalungen oder geschlossenen Schindelverkleidungen.


Ort Stählibuckstrasse 8, 8500 Frauenfeld Architektur bernath + widmer, Architekten BSA SIA ETH, Zürich Bauphysik SJB.Kempter.Fitze AG, Herisau Holzbauingenieur SJB.Kempter.Fitze AG, Frauenfeld Holzbau Sommerhalder Holzbau AG, Märstetten Materialien Konstruktionsholz 48 m3, Dreischichtplatten 120 mm 20 m3 Grundstücksfläche 1308 m2 Bruttogeschossfläche SIA 116 758 m2 (gesamte Scheune) Nettogeschossfläche SIA 116 345 m2 (beheizt), 98 m2 (Wohnung Erdgeschoss), 99 m2 (Wohnung Obergeschoss), 79 m2 (Wohnung Dachgeschoss), 69 m2 (Garage und Treppenhaus) Aussennettofläche SIA 116 112 m2 (unbeheizt innerhalb der Scheune), 25 m2 (Wohnung Erdgeschoss), 49 m2 (Wohnung Obergeschoss), 38 m2 (Wohnung Dachgeschoss) Kubatur SIA 116 1558 m3 Bauzeit November 2013 – November 2014 Fotograf Roland Bernath, Zürich

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Querschnitt

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 Längsschnitt

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Erdgeschoss

Obergeschoss

 Dachgeschoss

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Lignum Holzwirtschaft Schweiz Economie suisse du bois Economia svizzera del legno

Redaktion Roland Brunner, Lignum, und Audanne Comment, Lignum-Cedotec

Mühlebachstrasse 8 CH-8008 Zürich Tel. 044 267 47 77 Fax 044 267 47 87 info@lignum.ch www.lignum.ch

Gestaltung BN Graphics, Zürich

Holzbulletin, Dezember 2016 Herausgeber Lignum, Holzwirtschaft Schweiz, Zürich Christoph Starck, Direktor

Druck Kalt Medien AG, Zug Administration, Abonnemente, Versand Lignum, Zürich

ISSN 1420-0260

Das Holzbulletin erscheint viermal jährlich in deutscher und französischer Sprache. Jahresabonnement CHF 48.– Einzelexemplar CHF 20.– Sammelordner (10 Ausgaben) CHF 140.– Sammelordner leer CHF 10.– Preisänderungen vorbehalten. Lignum-Mitglieder erhalten das Holz­bulletin und die technischen Informationen der Lignum, Lignatec, gratis. Die Rechte der Veröffentlichung für die einzelnen Bauten bleiben bei den jeweiligen Architekten. Alle Angaben stammen von den Bauplanern. Lignum-Hotline: 044 267 47 83 Benutzen Sie unsere Fachberatung am Tele­fon von 8–12 Uhr, die täglich von Montag bis Freitag gratis zur Verfügung steht.

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