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Werkspionage! Rumgeschnüffelt bei Jeantex

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ie Hamburger Elbe ist eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Von meinem derzeitigen Standpunkt aus kann ich mir davon ein hervorragendes Bild machen. Wobei Standpunkt eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist. Vielmehr schwebe ich gut zehn Meter unter der Wasseroberfläche, als Froschmann verkleidet im grünen Elbwasser. Immer auf der Hut vor den ganz großen Pötten, damit diese mich nicht zu Hamburger Geschnetzeltem verarbeiten. Langsam tauche ich nach oben. Wie in Zeitlupe durchbricht mein Kopf die Wasseroberfläche. Ich schaue mich um. Nicht weit von hier liegt mein Ziel, die Schaltzentrale der Textilspezialisten von Jeantex. Schnell entsteige ich dem kühlen Nass und schlängel mich lautlos wie ein Lachs landeinwärts. Es geht durch Wälder und Felder, Straßen und Wege, bis ich zu einer Wiese komme. Nur noch 30 Meter bis zum Gebäude, auf dem in großen Lettern der Name „Jeantex“ steht. MUUHHHH! Frontal laufe ich gegen ein weiches Etwas und pralle zurück. In diesem Moment heulen die Sirenen los. MUUHHHH! ‚Mist, ich bin aufgeflogen‘, schießt es mir durch den Kopf. Eilig renne ich zurück Richtung Wasser. Weit komme ich nicht. Ich rutsche aus und verliere den Halt. Kopfüber lande ich in etwas, das die Konsistenz von Babybrei hat. Leider riecht es nicht wie Babybrei. MUUHHHH! Ich höre Schritte hinter

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mir, die schnell näher kommen. „Was haben wir denn da?“, fragt eine Stimme über mir. „Erst unsere Kühe erschrecken und dann weglaufen wollen. Du kommst mal schön mit, Freundchen!“ Ein paar Hände packen mich am Kragen und schleifen mich über die Wiese, hinein in die Firmenzentrale, quer durch die Eingangshalle, eine Treppe hoch, bis wir schließlich vor einer Tür haltmachen. Ein Schild zur Linken verrät mir, wohin man mich bringt. „Hans Steiner, Geschäftsführer“ steht dort geschrieben. Mein „Begleiter“ klopft an und stößt mich kurz darauf in den Raum. Wir betreten ein gediegenes Büro, in der Mitte steht ein Schreibtisch, dahinter steht ein Chefsessel. Und wie es in Spionagekreisen so üblich ist, sehe ich zuerst nur die Rückseite der hohen Lederlehne. „Danke Jens“, tönt es plötzlich aus dem Sessel. Jens macht einen Schritt nach hinten und lässt mich allein in der Mitte des Raumes stehen. Mit einem knarzenden Geräusch beginnt sich der Sessel alsbald in meine Richtung zu drehen, Und da sitzt er, Hans Steiner, Chef der Firma Jeantex! Langsam hebt er den Blick, dann rümpft er die Nase und verzieht sein Gesicht. „Wieso stinkt der so?“, fragt er schließlich. „Hab ihn dabei erwischt, wie er sich in Kuhmist gewälzt hat“, antwortet mein Wächter belustigt. „Aha, nun ja. So kann ich ihm auf

^Text: Marco Knopp, Andreas Sawitzki °Bild: Andreas Sawitzki

©pedaliéro #03/09


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keinen Fall unsere Firmenzentrale zeigen“, erklärt Hans Steiner, während er sich vom Schreibtisch auf mich zu bewegt. „Gib dem Mann mal ein paar unserer Sachen zum Anziehen, den Gestank hält ja kein Wikinger aus.“ Das 1958 gegründete Unternehmen wird heute von vier Geschäftsführern geleitet. Neben Hans Steiner bestimmen Constanze Eikel, Wolfgang und Wilfried Linden heute den Kurs von Jeantex. Hans Steiner führt mich einen Raum weiter. „Nachhaltigkeit“, sagt Hans Steiner plötzlich. „Wie bitte?“ Ich schaue den Chef fragend an. „Nachhaltigkeit. Das ist eine wichtige Säule unserer Firmenphilosophie. Und das ist nicht nur ein Wort, sondern gehört seit vielen Jahren zum Geschäftskonzept“, fährt der seit 1983 in Hamburg lebende Österreicher fort. „Das fängt damit an, dass wir eine Fabrik in Fernost eröffnet haben und uns genau anschauen, welche Produkte unter welchen Bedingungen produziert werden. Wir achten auf vernünftige Bezahlung, angenehme Arbeitsbedingungen und darauf, dass unsere Mitarbeiter gut untergebracht sind. Wir haben knapp 600 Arbeitnehmer dort und wir sind sehr darum bemüht, dass sie gut versorgt sind. Natürlich sind auch die ökologischen Aspekte ein ganz wichtiges Thema, wie die Entsorgung von Abgasen und Abwasser etc. Um all diese Dinge kümmern wir uns sorgfältig, und das schon seit gut 25 Jahren.“

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Die Produktion findet ausschließlich in Asien in der eigenen Fabrik statt. Die Hauptzentrale befindet sich in der Nähe von Hamburg, in Rellingen. Hier sitzen die Verwaltung, das Marketing und der komplette Einkauf. 60 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, auch in den Bereichen Entwicklung, Forschung und Tests. Während wir weiter durch die Firma schlendern, möchte ich wissen, woher der Name Jeantex stammt. „Das ist eine witzige Sache mit unserem Namen“, schmunzelt der Österreicher, „Jeantex hat die unmöglichsten Aussprachen. Das geht von ‚Jintex’, über ‚Schotex’ bis hin zu ‚Tschintex’. Aber richtig ausgesprochen wird es ganz einfach: ‚Janntex’. Der Name ist entstanden aus den Anfangsbuchstaben von Jan E. Ansteen Nielsson, dem dänischen Gründer von Jeantex. Die Initialen ergeben JEAN, und da wir ein Textilhersteller sind, war schnell der Name JEANTEX gefunden. Eigentlich ganz einfach und unspektakulär“, antwortet Hans Steiner und lächelt. Genauso unspektakulär wie die Namensfindung sind auch die ersten Produkte, die aus dem Hause Jeantex kommen. Denn anfangs – noch sitzt Jeantex in Dänemark und dort regnet es bekanntlich hin und wieder – konzentriert man sich auf ein wenig glamouröses Bekleidungsstück: den Regenmantel. „Der Ostfriesennerz feiert in diesem Jahr allerdings ein unglaubliches Revival. Bei den Modenschauen in Paris war er einige Male auf dem Laufsteg zu sehen“, verrät Chef Hans

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Steiner augenzwinkernd. „Im Moment kommen wir mit der Produktion kaum noch nach. Das ist echt der Wahnsinn, was da passiert.“ Doch es bleibt nicht nur beim Ölzeug. Da es in Dänemark nicht nur viel Regen, sondern auch viele Radfahrer gibt, lässt Firmengründer Jan E. Ansteen Nielsson wetterfeste Fahrradbekleidung herstellen. Seit circa elf Jahren ist Jeantex nun auf dem Bikemarkt aktiv und produziert funktionelle Radbekleidung für sportbegeisterte Radler. Hochwertige Regenjacken für Outdooraktivitäten wie Wandern oder Segeln erweitern das Portfolio. 1985 geht Nielsson in Ruhestand, die Vertriebsorganisation ist schon in den 1970er-Jahren nach Hamburg, in den wichtigen deutschen Markt, verlegt worden. 1987 folgt ein weiterer Umzug, 15 Kilometer raus aus der Hansestadt hinein ins beschauliche Rellingen, wo sich die Zentrale noch heute befindet. „Derzeit liegt unser Schwerpunkt ganz klar im Bikebereich“, meint Hans Steiner. „Absolut! Das Fahrrad ist angesagt wie nie“, wirft jemand hinter mir ein. Ich drehe mich um und bemerke, dass sich mein Bewacher immer noch bei uns befindet. „Wir haben uns vorhin ja nicht richtig vorgestellt“, sagt er und hält mir seine Hand entgegen. „Ich bin Jens Schwedler, Produktentwickler und Tester bei Jeantex.“ Jens Schwedler ist in der Bikeszene kein Unbekannter. Der mehrfache deutsche Crossmeister und amtierender Crossweltmeister bei den Masters ist mit seiner langjährigen Erfahrung wichtiger Impulsgeber

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Der Chef, Hans Steiner

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Produktentwickler, Tester, Weltmeister: Jens Schwedler

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Werbeleiterin Annette Bismark

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und Berater bei Jeantex. Tausende Kilometer hat er bereits im Sattel zurückgelegt, alle neuen Bikeprodukte müssen seine harten Praxistests durchlaufen. „Wieso meinst du, dass Rad fahren im Trend liegt?“, hake ich nach. „Das merkt man an den Verkaufszahlen, an der Masse von Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder im Urlaub aufs Trekkingrad, Rennrad oder Mountainbike steigen und in die Natur fahren. Das Fahrrad fördert die Gesundheit und macht Spaß. Das kommt der Marke Jeantex natürlich zugute. Wir konzentrieren uns dabei auf alle Radler, nicht nur auf die Rennfahrer. Denn wieso sollte ein Radfahrer, der seltener im Sattel sitzt, schlechtere Kleidung tragen? Vielleicht braucht gerade er eine hochwertigere Hose mit gutem Sitzpolster, weil er nicht so trainiert ist!“

Jahren zu Jeantex kam, lagen 20 Hosen auf dem Boden meines Büros. Ich fragte unseren Verkaufsleiter: „Welche Hose kann denn hier was und wie viel kostet sie?“ Daraufhin musste dieser erst in jedes einzelne Hosenschild schauen, um mir die Frage beantworten zu können. So ging das natürlich nicht! Wenn wir das nicht auf einen Blick erkennen können, wie geht es da dem Händler oder Kunden?“ Also wurde nach einem System zur Kategorisierung der Hosen gesucht. Die Lösung kam von einem anderen Mitglied der Geschäftsführung.

Besonders in die Entwicklung der Sitzpolster in den Radhosen hat Jeantex viel Energie gesteckt. In Zusammenarbeit mit dem unabhängigen GEOBIOMIZED-Institut aus Münster wurden verschiedene Sitzpolster entworfen, die die maximale Druckbelastung um bis zu 25 Prozent reduzieren können. Aufgrund dieser Erkenntnisse entwarf Jeantex ein neues Hosenkonzept – für alle Radfahrtypen.

„Irgendwann hat Constanze Eikel eine Werbung gesehen, in der drei Farben aus Tuben herausgedrückt wurden. Rot, Gelb und Blau. Das war es, das sollten unsere Farben sein! Unser Ziel war es, den Endverbrauchern mit einfachen Mitteln unser Konzept klarzumachen. Und so haben wir den drei Farben drei Sitzpositionen auf dem Bike zugeordnet. Die Farbe Rot steht für ‚Comfort’ und bedient den komfortorientierten Biker mit aufrechter Körperhaltung. Gelb bedeutet ‚Performance’ und ist für den sportlichen Radler mit halbaufrechter Körperhaltung gedacht, und schließlich gibt es die Farbe Blau, für den ambitionierten Fahrer mit extrem gebeugtem Oberkörper. Dieser fällt dann unter die Kategorie ‚Extreme’.“

Hans Steiner drückt mir drei verschiedenfarbige Polster in die Hand. Ein rotes, ein gelbes und ein blaues. „Als ich vor fast fünf

Ich beginne, das System zu begreifen. „Also hat jede Hose eine Farbmarkierung, die anzeigt, welchen Härtegrad das Polster besitzt?“,

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frage ich nach. „Ganz genau!“, antwortet Hans Steiner und freut sich, dass das Farbsystem auch in meinem Kopf angekommen ist. „So kann man im Bikeshop auf den ersten Blick erkennen, welche Hose für wen geeignet ist. Dieses Farbkonzept zieht sich außerdem durch einen großen Teil unsrer Bikekollektion!“ Mit einem Blick auf die Uhr verabschiedet sich Hans Steiner. „Ich muss euch nun leider verlassen. Aber Jens zeigt dir noch unseren Entwicklungstempel.“ Er lächelt und ist auch schon durch die Tür verschwunden. Jens deutet mir an, ihm zu folgen, und bald stehen wir in einem weiteren Raum. Verschiedene Stoffe liegen hier auf Tischen, an den Wänden hängen Skizzen, Zeichnungen und Grafiken von Kleidungsstücken. „Hier wird die Zukunft von Jeantex entwickelt“, erklärt mit Jens mit ausgebreiteten Armen. „Und wie wird diese Zukunft aussehen?“, möchte ich wissen. Jens hält einen Moment inne, als ob er einer lautlosen Stimme lauschen würde. Dann fährt er fort. „Das Thema Kompressionen wird in den nächsten Jahren eine ganz wichtige Rolle spielen. Unterstützende Fasern für mehr Leistungsfähigkeit. Außerdem wird es bei den transparenten Sachen einige Neuigkeiten geben. Auf diesem Gebiet verfügen wir jetzt schon über sehr viel Expertenwissen.“ „Und was wird das sein?“, unterbreche ich Jens. „Du bist ziemlich neugierig“, sagt er, während er mich fixiert. „Ich bitte dich! Ich bin ein Spion! Ich MUSS neugierig sein!“, entgegne ich entrüstet. „Also gut, ich gebe dir einen kleinen Tipp.

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Wir haben eine Möglichkeit gefunden, transparenten Stoff leicht zu färben. Er wird zwar immer noch transparent sein, aber nun können wir ihn noch farblich gestalten.“ Während Jens das erzählt, beuge ich mich vor und schaue mir eine der Zeichnungen, die an der Wand hängen, genauer an. „Und wie ich sehe, wird Jeantex wieder etwas ganz Neues im Bereich Polster auf den Markt bringen“, gebe ich anerkennend von mir. Ehe ich die komplexe Zeichnung ganz verstehe, reißt Jens sie von der Wand und versteckt sie hinter seinem Rücken. „Ich denke, wir beenden die Führung hier, bevor wir dich noch beseitigen müssen, um unsere Geheimnisse zu schützen.“ Mit diesen Worten schiebt er mich energisch zur Eingangstür hinaus. Ich schüttele seine Hand und bedanke mich artig. Während ich langsam das Gelände verlasse, ruft mir Jens noch etwas hinterher. „Und lass unsere Kühe in Ruhe, wenn du gehst. Die sind sensibel und so Rabauken wie dich nicht gewöhnt. Und wenn du dich mal wieder auf der Wiese wälzen willst, zieh besser das hier über“, ruft er und wirft mir einen Ostfriesennerz zu. Jeantex steht drauf. Was sonst.

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Werkspionage Jeantex  

Eine Story im Pedaliero Magazin von Marco Knopp.

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