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KøØbenhavn med cyklen Kopenhagen mit dem Rad

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m Montag, den 6. September 1819, kommt ein hagerer, armer Junge nach Kopenhagen. Sein ganzes Leben träumt er schon davon, in die dänische Hauptstadt zu reisen. Endlich hat er es geschafft. Zwar ist Hans Christian Andersen auf der Ostseeinsel Fünen aufgewachsen, doch fortan bestimmt Kopenhagen sein Schicksal. Die Stadt inspiriert und erzieht ihn. Er wird zum berühmtesten Dichter und Schriftsteller Dänemarks und zum Aushängeschild Kopenhagens. Das historische Zentrum Kopenhagens sieht heute noch immer fast so aus wie zu Andersens Zeiten. Nur bevölkern jetzt Massen von Fahrrädern die Stadt. Das war damals

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noch nicht so. Als Andersen nach Kopenhagen kam, war die Draisine ein sehr seltenes Gefährt. Karl Drais hatte die einspurige Laufmaschine erst zwei Jahre zuvor, 1817, in Mannheim erfunden. Inzwischen ist das Fahrrad nicht mehr aus dem Stadtbild Kopenhagens wegzudenken. Denn wie in vielen Städten ist es das ideale Fortbewegungsmittel, um zur Arbeit zu kommen, Erledigungen zu machen oder für eine Sightseeing-Tour. Außerdem gilt die dänische Hauptstadt als eine der fahrradfahrerfreundlichsten der Welt. Speziell angelegte, farbige Radwege, separate Radfahrerampeln und eine ganze Flotte an städtischen Leihfahrrädern unterstreichen diesen Anspruch.

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Also nichts wie los, um dieses Fahrradparadies mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten zu erkunden! Vom Rathausplatz folgen wir dem Strom der Spaziergänger durch die längste Fußgängerzone der Welt, die Strøget. Unzählige Geschäfte und Cafés entlang der Strøget und ihren zahlreichen Seitenstraßen fordern uns immer wieder auf, anzuhalten und die Atmosphäre zu genießen. Schon auf den ersten hundert Metern gibt es viel historische Bausubstanz zu bestaunen, unter anderem die alte Universität, das Domhuset und mehrere (!) Kirchen. Wir haben das Ende der Shoppingmeile erreicht und fahren weiter Richtung Norden, in den Park Rosenborg Have. An sonnigen Tagen tummeln sich hier die Kopenhagener auf den Grünflächen des im Renaissance-Stil angelegten Parks, und Touristen bestaunen das ehemalige Lustschlösschen des dänischen Königs Christian IV., die Rosenborg. Heutzutage wird die Rosenborg als Museum genutzt, Wachwechsel und Kronjuwelen inklusive. Von dem Park sind es nur ein paar Pedalumdrehungen zur dänischen Nationalgalerie, dem Statens Museum for Kunst. Oft stehen bereits vor dem Gebäude Installationen internationaler Künstler, sodass man quasi im Vorbeifahren etwas für seine Bildung tun kann. Wer den ganzen kulturellen Genuss sucht, sollte natürlich hineingehen, im Inneren wartet die Königliche Malerei- und Skulpturensammlung.

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Alte Universität

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Wir rollen weiter Richtung Osten. Nach wenigen Minuten treffen wir auf Wasser und auf Kopenhagens Hafenpromenade, die Langelinie. Außer einem fantastischen Panorama finden wir hier auch die berühmteste Bürgerin der Hauptstadt, die Lille Havfrue. Die kleine Meerjungfrau aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen ist DAS Wahrzeichen Kopenhagens. Aufgrund dieser Berühmtheit muss sie sich einiges gefallen lassen, wobei unsittliche Berührungen noch das geringste Übel sind. Schon mehrmals wurde das arme Ding farblich verschandelt oder sogar geköpft. Doch keine Angst, bereits seit 1913 räkelt sich an der Hafenpromende nur eine Kopie der von Edvard Eriksen erschaffenen Figur. Das Original wird von Eriksens Nachfahren an einem geheimen Ort aufbewahrt. Und so sitzt ihre Nachfolgerin weiterhin jeden Tag auf dem Felsen an der Langelinie und wartet sehnsüchtig auf ihren Prinzen. Weiter geht es Richtung Süden, das Wasser liegt zu unserer Linken. Nach kurzer Zeit kommen wir auf den Schlossplatz vor der Amalienborg. Hier residiert die dänische Königin, wenn sie in der Hauptstadt weilt. Und hier beweisen die Dänen, dass auch sie das majestätische Einmaleins im Schlaf beherrschen. Denn betrachtet man die Architektur der vier Paläste und die Schlosswachen in Gardeuniform mit Fellmütze davor, wähnt man sich nicht in Skandinavien, sondern eher im United Kingdom. Von dem großzü-

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gig angelegten Platz hat man auch einen guten Blick auf die Marmorkirken, die mit ihrer Kuppel an den Petersdom in Rom angelehnt ist und so das Gefühl verstärkt, man befände sich in einem architektonischen Schmelztiegel Europas. Das nächste Postkartenmotiv Kopenhagens ist der Nyhavn. Auf beiden Seiten dieses kleinen Hafenarms reiht sich neben den obligatorischen Segelbooten ein Restaurant an das andere. Für jeden kulinarischen Geschmack findet sich hier das Passende in einem der bunten Giebelhäuser. Kopenhagen konnte das meiste seiner historischen Bausubstanz aufgrund fehlender Zerstörung durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg bewahren. Doch es gibt auch mehrere eindrucksvolle Beispiele moderner Architektur. Besonders die neue Kopenhagener Oper oder der sogenannte „Schwarze Diamant“, die Kongelige Bibliotek, sind eine Vorbeifahrt und mehrere Blicke wert. Die Dänische Königliche Bibliothek ist die größte und bedeutendste Bibliothek ganz Skandinaviens. Sie beheimatet nahezu alle Werke, die in Dänemark seit dem 17. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Mitte der 70er-Jahre musste die Bibliothek einen der größten Buchdiebstähle aller Zeiten verkraften. Über 3000 historische Bücher mit einem Wert von fast 40 Millionen Euro wurden gestohlen, darunter Werke von Martin Luther und Originale von Immanuel Kant. Erst 2003 wurde

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Die kleine Meerjungfrau, das märchenhafte Wahrzeichen Kopenhagens

Die Rosenborg, das Lustschlösschen des dänischen Königs Chritian IV.

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Das Statens Museum for Kunst, die dänischen Nationalgalerie

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der Fall aufgeklärt. Der Dieb war ein Mann namens Frede Møller-Kristensen, ein Angestellter der Orient-Abteilung der Bibliothek.

Klassisches Postkartenmotiv: der Nyhavn

Kein Besuch der dänischen Hauptstadt ist vollständig, ohne Christiania, die „Stadt in der Stadt“, besucht zu haben. Durchquert man den Eingang Christianias, fühlt man sich, als wäre man in den 70er-Jahren gelandet. Vor allem im Sommer haftet dem Freistaat der Charme einer Hippie-Kommune an: viel Grün, kunterbunte Häuser, Cafés, Straßenhändler und ein reichhaltiges Kulturangebot locken viele Besucher an. Christiania gilt als autonomes Gebiet im Stadtteil Christianshavn. Aussteiger, Hippies, Anarchisten und alle Formen von Lebenskünstlern gründeten hier 1971 eine alternative Wohnsiedlung und schufen ihre eigene Verwaltung inklusiver eigener Währung. Nach einigen – mitunter auch gewaltsamen – Auseinandersitzungen zwischen der Regierung und den Bewohnern gilt Christiania mittlerweile als „soziales Experiment“ und wird mehr oder weniger von der Stadtverwaltung geduldet. Als wir unsere Kamera auspacken, werden wir von einem älteren Herrn nachdrücklich darauf hingewiesen, dass Fotografieren hier nicht erwünscht sei. Über 30 Jahre wurde der Konsum und Handel von „weichen Drogen“ wie Marihuana und Haschisch hier wenig behindert. Seit im Jahre 2004 die rechtsliberale Regierung Druck ausübte, findet der Handel mit den umstrittenen Substanzen nur noch

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Der „Schwarze Diamant“, die Kongelige Bibliotek

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Der Schlossplatz, im Hintergrund die Amalienborg

Radfahrer willkommen!

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im Verborgenen statt. So sind die Anwohner Christianias verständlicherweise ein bisschen empfindlich, was das Schießen von Fotos anbelangt. Aus der Ferne machen wir ein Erinnerungsfoto, als wir die „Pusher-Street“ verlassen. In Christiania endet unsere Runde durch eine der schönsten und faszinierendsten Metropolen Europas. Kopenhagen ist perfekt für eine Entdeckungstour per Bike. Wer keine Möglichkeit hat, sein eigenes Rad mitzubringen, braucht trotzdem nicht zu verzagen. Fahrradverliebt wie die Dänen sind, kann man sich an verschiedenen Stellen in der Stadt für ein geringes Pfand ein offizielles Citybike ausleihen. Das Prinzip gleicht dem des Einkaufswagens im Supermarkt: Man wirft eine 20-Kronen-Münze ein und schon kann man Kopenhagen von seiner besten Seite erfahren. Nämlich auf zwei Rädern. Für weitere Informationen zu Kopenhagen: www.visitcopenhagen.com

Vorbild auch für andere Städet: Leihbikes in Kopenhagen

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Kopenhagen Pedaliero Urban Cycling  

Ein Artikel von Marco Knopp im Pedalio.

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