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Leibniz-Journal

Feinstaub

Drohnen

Ägypten

Ausstellung

Wenn Luft krank macht

Recherchen bei den Muslimbrüdern

Das Magazin der Leibniz-Gemeinschaft

Luft anhalten.

G 49121

Wie kleinste Partikel größte Probleme bereiten

„Saubere“ Kriege oder Kriegsverbrechen?

100 Jahre Jugendbewegung


Historisch geprägt, atmosphärisch einzig: Als vielfach ausgezeichnetes Tagungshotel bietet Kloster Irsee seinen Gästen aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft

WIL LKO M M E N

und Hochschule einen einmaligen Rahmen für akademische Begegnungen und Konferenzen.

Luft zum Atmen, Raum zum Bewegen In der detailgetreu restaurierten Barockanlage finden Sie 81 stilvoll eingerichtete Gästezimmer und 15 individuell ausgestattete Tagungsräume. Kulinarisch verwöhnt Sie unser Küchenchef im ehemaligen Refektorium. Am Abend trifft man sich gern zum gemütlichen Tagungsausklang in unserem rustikalen Stiftskeller. Die aktive Teilnahme am Umweltpaket Bayern und die wiederholte Auszeichnung mit dem Bayerischen Umweltsiegel in Gold sind sichtbarer Ausweis eines Schwäbisches Tagungs- und Bildungszentrum Eine Einrichtung des Bezirks Schwaben

nachhaltigen Engagements auch für ökologische Belange und kulturelle Werte. Wir in Kloster Irsee freuen uns auf Sie !

W W W. K LO S T E R - I R S E E . D E


L E I B N I Z | I N H A LT

LUFT ANHALTEN. THEMENSCHWERPUNKT LUFT Krankmachender Feinstaub, Emissionshandel und Kampfdrohnen. Wie Leibniz-Forscher das Element zwischen Himmel und Erde vermessen.

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KURZ & FORSCH

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PERSPEKTIVE

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Tierhaltung: Abgasarme Ställe statt dicker Luft

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Interview: Im Wohnzimmer der Muslimbrüder

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Ulrich Bathmann: Das Plastikmeer

Himmelsphänomen: Leuchtende Nachtwolken

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Interview: Den Klimawandel in die Schranken weisen

Energie: Revolutionieren Laser die Stromversorgung?

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Feinstaub: Gesundheitsrisiko in Städten

Wolken: Schwebeteilchen gegen die Erderwärmung?

MUSEEN | Jugendbewegung im Germanischen Nationalmuseum

Drohnen: Kriegstechnologie vs. Völkerrecht

30 SPEKTRUM

10 TITELTHEMA LUFT

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Jutta Allmendinger: Karriereförderung in der Leibniz-Gemeinschaft

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SPEKTRUM | Das Innenleben der Muslimbruderschaft

40 LEIBNIZ LIFE 40

Interview: Die Wiedervereinigung der Wissenschaft

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Leibniz in Kürze, Verlosung

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Aktuelle Ausstellungen der Leibniz-Gemeinschaft

Titel-Foto: neophoto/photocase.com

Liebe Leserin, Haben Sie’s gemerkt? 2013 ist das Europä- und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg lieber Leser, ische Jahr der Luft. Für uns Anlass genug, die eine gefragte Expertin zur Entwicklung in

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Luft anzuhalten und einen Blick zu werfen auf Feinstaub, Emissionshandel, Drohnen und mehr. | Unser Schwerpunkt ab Seite 10 Exmatrikuliert 1958 „wegen mangelnder Verbindung zur Arbeiterklasse“, 32 Jahre später letzter Wissenschaftsminister der DDR: Das Leben des Hans Joachim Meyer ist nicht frei von Überraschungen. Jetzt erhält der 77-Jährige von der Leibniz-Gemeinschaft den Hans-Olaf-Henkel-Preis für Wissenschaftspolitik. Ein Gespräch. | Seite 40 Zum Hausbesuch bei Muslimbrüdern war Anette Ranko für ihre Dissertation – jetzt ist die Forscherin am Leibniz-Institut für Globale

Ägypten. | Seite 30 „Reichen wird das nicht.“ Ulrich Bathmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde, ist unzufrieden mit der EU: Der Beschluss, die Produktion von Plastiktüten einzuschränken, könne nur ein Anfang sein im Kampf gegen die Verseuchung der Meere durch immer mehr Plastik und immer kleinere Plastikpartikel. | Seite 33 Bleiben Sie neugierig! Christian Walther 3


LEIBNIZ | KURZ & FORSCH

Fluglehrer: Alte Schreikraniche weisen jungen Artgenossen den Weg zwischen Nord und Süd.

Die optimalen Zugrouten für die Wanderung zwischen Sommer- und Winterquartieren liegen Schreikranichen nicht in den Genen, sie lernen sie von älteren Artgenossen. Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher des Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrums der Senckenberg-Gesellschaft und der University of Maryland (USA). Im Rahmen ihres Aufzucht- und Auswilderungsprogramms führten die Wissenschaftler Jungvögel bei ihrer ersten Migration mit Ultraleichtflugzeugen an. Anschließend

beobachteten sie die Wanderungen der Folgejahre und stellten fest, dass Fluggruppen mit älteren Kranichen weniger weit vom direkten Weg abkamen als Gruppen junger Tiere. Dabei gibt allein das Alter des ältesten Kranichs den Ausschlag für den kürzeren Weg, so die Forscher. Je erfahrener ein Mitglied der Gruppe, desto direkter der Kranichzug. Die Größe des Schwarms spielt keine Rolle. Die sogenannte Schwarmintelligenz kommt somit nicht zum Tragen.

Science 30 August 2013. doi: 10.1126/science.1237139

Enzym gegen HIV

Fortschritt im Kampf gegen das AIDS-Virus HIV: Forschern des Heinrich-Pette-Instituts – Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie ist es erstmals gelungen, die antivirale Wirkung des Enzyms Tre-Rekombinase an lebenden Organismen nachzuweisen. Gemeinsam mit der TU Dresden entwickelten sie in den vergangenen Jahren das Enzym, das HIV-Erbgut aus Zellen herausschneiden und so eine Infektion rückgängig machen kann. Bisher war dies nur in

einzelnen Zellen gelungen. Nun konnten die Wissenschaftler an mit humanen Stammzellen versetzten Mäusen zeigen, dass diese Therapiestrategie auch in lebenden Organismen funktioniert. Das nährt die Hoffnung, dass die Tre-Rekombinase künftig zur vollständigen Heilung HIV-Infizierter beitragen könnte, so die Forscher. Derzeitige AIDS-Therapien können bestenfalls die Vermehrung des Virus unterdrücken.

PLOS Pathogens 9(9):e1003587. doi:10.1371/journal.ppat.1003587

doi = Digital Object Identifier, ein eindeutiger und dauerhafter Identifikator für digitale Objekte, vor allem für Online-Artikel von wissenschaftlichen Fachzeitschriften verwendet

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Evolution der Malaria

Eine Studie zu westafrikanischen Fledermäusen liefert neue Erkenntnisse über die Verwandtschaftsbeziehungen von Malaria-Parasiten. Wissenschaftler des Berliner Museums für Naturkunde – LeibnizInstitut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung und ein internationales Forscherteam untersuchten über 270 Fledermäuse. Sie stellten fest, dass zwei der in diesen nachgewiesenen Parasiten eng mit bereits in Nagetieren identifizierten Parasiten verwandt sind. Vermutet wird, dass malariaübertragende Stechmücken in der Nähe von Bäumen sowohl Fledermäuse als auch Nagetiere infizierten. Dabei erfolgte im Laufe der Zeit höchstwahrscheinlich ein Wirtswechsel von Nagetier zu Fledermaus und zurück. Die Analyse der Evolution der Malariaparasiten und ihrer Verwandtschaftsbeziehungen untereinander soll neue Erkenntnisse über die weltweit am häufigsten auftretende Tropenkrankheit liefern. PNAS 2013. doi:10.1073/ pnas.1311016110

Tödliches Quartett

Einen Weg, die Wahrscheinlichkeit zu messen, mit der Menschen am sogenannten metabolischen Syndrom erkranken, haben Forscher vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam entdeckt. Das besonders in Industrienationen verbreitete Krankheitsbild zeichnet sich durch vier Komponenten aus, Ärzte sprechen vom „tödlichen Quartett“: Übergewicht, Bluthochdruck, gestörter Fettstoffwechsel, Insulinunempfindlichkeit. Betroffene erkranken häufiger an Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Forscher fanden heraus, dass ein verlangsamter Abbau des Hormons Insulin in der Leber auf ein beginnendes metabolisches Syndrom sowie eine sich anbahnende Störung des Zuckerstoffwechsels hindeutet. Die Messung der Geschwindigkeit des Insulinabbaus könnte Hochrisiko-Patienten künftig früh identifizieren. Rechtzeitige Maßnahmen gegen den Ausbruch von Diabetes würden so möglich.

Hoffnungsvolle Jugend

Im Jahr 2012 nahmen 62 Prozent aller 16- bis 17-Jährigen an sogenannten bildungsorientierten Freizeitaktivitäten wie Musik- und Sportunterricht teil oder engagierten sich ehrenamtlich, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Das ist deutlich mehr als noch 2001, als es nur 48 Prozent waren. DIW-Wochenbericht 40/2013

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Fotos: Joe Duff/Operation Migration USA Inc.; Juliane Schaer/MfN; Stephen Ruebsam; Markus Tacker/Flickr

Fliegen will gelernt sein


LEIBNIZ | KURZ & FORSCH Sprechendes Obst

Bäume, die Auskunft über ihr Befinden geben und so zu einem umweltgerechten und qualitätsorientierten Anbau von Obst beitragen? Moderne Technologien des Leibniz-Instituts für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) und eines europäischen Forscherteams machen dieses Wie geht es dieser Kirsche? ATB­ Roboter können das „fühlen“.

Szenario möglich. Die Wissenschaftler rüsteten dazu eine Obstanlage mit einer Vielzahl von Messgeräten aus. Mit an den Früchten angebrachten optischen Sensoren und einem mit 3D-, Thermografie- und Hyperspektralkameras ausgestatteten Roboter sammelten die Wissenschaftler Informationen über Früchtequalität, Bewässerungsbedarf und die optimale Erntezeit. Auf dieser Basis entwickelten sie Algorithmen, mit denen die Entwicklung einzelner Bäume oder ganzer Abschnitte von Anbaugebieten gesteuert werden kann. Ziel des Projekts ist die ressourcenschonende Produktion hochwertiger Lebensmittel. www.atb-potsdam.de/ 3d-mosaic

Mehr Autos, weniger Menschen Trotz sinkender Bevölkerungszahlen wird die Zahl der Autos in den nächsten Jahren steigen. Das prognostiziert das RheinischWestfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Demnach wird die Bevölkerung in Deutschland bis 2030 um knapp fünf Prozent schrumpfen, die Zahl privater Kraftfahrzeuge dagegen um vier Prozent steigen. Grund dafür ist nach Einschätzung der Wissenschaftler die wachsende Zahl an Haushalten: Zwischen 1995 und 2012 stieg sie von 35,3 Millionen auf 40,4 Millionen und wird laut RWI weiter leicht zunehmen. Die Berechnungen der Wissenschaftler basieren zudem auf einer geschätzten jährlichen Einkommenssteigerung von 0,8 Prozent. Auch sie trage dazu bei, dass mehr Autos gekauft werden. Ruhr Economic Paper #385

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LEIBNIZ | KURZ & FORS CH Reisschädling gegen Krebs

Für Gruppen außerhalb klassischer Familien­strukturen muss in öffentli­ chen Einrichtungen viel in politische Bildung investiert werden.

Menschen, die in einer klassischen Eltern-Kind-Familie aufwachsen, engagieren sich später stärker in der Zivilgesellschaft als jene, die aus einem nicht-traditionalen ­Fa­milienumfeld stammen. Das haben Forscher des ifo-Instituts – Leibniz-­Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt. Angesichts der Tatsache, dass das bürgerschaftliche Engagement in den Industriestaa-

ten seit Jahrzehnten abnimmt und die Zahl alleinerziehender ­Eltern und sogenannter Patchworkfamilien zunimmt, müssten Wege gefunden werden, die Zivil­gesellschaft zu stärken. Die Wissenschaftler empfehlen daher, vermehrt in die politische Bildungsarbeit in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen zu investieren. Ifo Schnelldienst 66 (17), S. 30-38

PIAAC-Studie: Deutsche nur Durchschnitt

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Deutsche Erwachsene im Alter zwischen 16 und 35 Jahren sind im internationalen Vergleich nur Durchschnitt, wenn es um grundlegende Kompetenzen in Alltagsmathematik, Lesen oder im Lösen von Problemen mit Hilfe neuer Technologien wie dem Internet geht. Das ergab PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies), eine Vergleichsstudie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in 24 Ländern, an der mit dem GESIS – LeibnizInstitut für Sozialwissenschaft, dem ifo-Institut – Leibniz-Ins-

titut für Wirtschaftsforschung und dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische ­Forschung drei Leibniz-Institute beteiligt waren. Der Bericht zeigt: Bei der Lesekompetenz bewegen die Deutschen sich unter dem Durchschnitt, bei den mathematischen Kompetenzen und der technologiebasierten P ­roblemlösung schnitten sie überdurchschnittlich ab. Die Studie verdeutlicht, dass die Ursachen von Problemen im Bildungssystem, die sich bereits in Studien wie PISA offenbarten, seit langem bestehen. www.gesis.org/piaac

Nature 502, 124–128. doi:10.1038/ nature12588

Heilender Reisschädling? Forscher wollen Rhizoxin zur Krebstherapie nutzen.

Das galaktische Flattern Unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße, flattert. Das hat ein Team von Astronomen um Mary Williams vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam festgestellt. Die Wissenschaftler entdeckten diesen Effekt mit Daten des RAdial Velocity Experiments (RAVE), das Informationen über eine halbe Million Sterne im Umkreis der Sonne bereitstellt. Die Milchstraße rotiert demnach nicht nur, sondern bewegt sich auch senkrecht zur galaktischen Scheibe. Dass sich unsere Heimatgalaxie in permanenter Bewegung befindet, ist

seit Langem bekannt. Als Balkenspiralgalaxie rotiert sie um das galaktische Zentrum. Nun hat sich herausgestellt, dass sie auch nach Norden und Süden aus der galaktischen Scheibe heraus flattert – wie eine Flagge im Wind. Die Kräfte, die diese Bewegungen anstoßen, kommen aus unterschiedlichen Richtungen und lösen so das Flattern aus. Die Astronomen vermuten, dass unter anderem der Durchgang kleinerer Galaxien durch die Milchstraße ein Grund sein könnte. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society (2013). doi: 10.1093/mnras/ stt1522

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Fotos: goodluz/Fotolia; Stachelbaerle/pixelio.de; Gabriel Britto/Flickr

Zivilgesellschaft stärken

Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut und der Universität Tübingen ist es gelungen, einen wichtigen Schritt in der Herstellung des Stoffs Rhizoxin zu entschlüsseln. ­Rhizoxin ist das Produkt eines auf Reisfeldern verbreiteten Schädlings. Bereits Mitte der 1980er Jahre fanden Wissenschaftler heraus, dass die Substanz wirksam gegen Krebs ist. In der Therapie konnte Rhizoxin jedoch nicht eingesetzt werden, da es sich schlecht im menschlichen Körper

löst und instabil ist. Dennoch ist der Stoff vielversprechend. Die Forscher untersuchten die Bildung des Moleküls und identifizierten einen unbekannten Reaktionsmechanismus und ein neues Enzym. Mithilfe dieses Syntheseprinzips könnten neue medizinische Wirkstoffe erzeugt und existierende gezielt verändert werden. Zudem wurde das neuentdeckte Enzym für weitere Forschung in der Proteindatenbank PDB hinterlegt, auf die Wissenschaftler weltweit zugreifen können.


LEIBNIZ | KURZ & FORSCH Dauerzustand Diktatur: WZB­Forscher untersuchen autoritäre Machtstrategien.

Langlebige Autorität

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Rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in nichtdemokratischen Ländern. Diese Diktaturen überdauern, wenn politische Führer sich der sogenannten sanften Repression bedienen. Zu diesem Ergebnis kommt das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), das unter diesem Begriff die Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrech-

te, etwa durch Einfrieren von Konten oder Demonstrationsverbot, versteht. In ihrer Analyse von autoritären Regimen in 137 Ländern identifizierten die Wissenschaftler drei Säulen der Stabilität von Diktaturen: Legitimation, Repression und Kooptation. Den größten Einfluss habe sanfte Repression wie in Russland unter Präsident Putin.

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Legitimation, beispielsweise durch Stärkung der Wirtschaft oder Verbesserung der inneren und äußeren Sicherheit, spielt laut WZB eine untergeordnete Rolle. Selbiges gilt für Kooptation, die Einführung scheinbar demokratischer Institutionen wie Parteien und Parlamente. Politische Vierteljahresschrift, 2013, 54, SH 47, S. 106-131


LEIBNIZ | PERSPEKTIVEN

Verlässlichkeit statt

Zweifel

Karriereförderung in der Leibniz-Gemeinschaft

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Bereits auf der Mitgliederversammlung der Leibniz-Gemeinschaft 2012 konnten die Leitlinien zur Karriereförderung verabschiedet werden. Nun geht es darum, diese um- und einzusetzen, jeweils passgenau in der jeweiligen Einrichtung.

Attraktiven Forschungsraum schaffen

Die Projektgruppe der Leibniz-Gemeinschaft wird daher ihre Arbeiten fortführen. Dabei geht es um mehr als eine kritische Begleitung der Umsetzung. Es geht auch um neue Ansätze. Wichtige Impulse erhielt die Arbeitsgruppe vom Senat der LeibnizGemeinschaft, dem die Leitlinien im Juli 2013 vorgestellt wurden. Vertiefen wird die Projektgruppe die Themen soziale Absicherung von Stipendiaten, Karriereentwicklung in ihrer biografischen Abfolge und die von der Europäischen Kommission vorgelegte „European Charter and Code for Researchers“. Mit diesen Dokumenten möchte die EU einen einheitlichen und attraktiven Forschungsraum in Europa schaffen. Die Leibniz-Gemeinschaft könnte auf ihre Leitlinien zur Karriereförderung zurückgreifen und so eine wichtige Initiative der EU unterstützen. Des Weiteren wird es der Projektgruppe um drei weitere Bereiche gehen: den Auf- und Ausbau von Netzwerken sowie interdisziplinären und intersektoralen Kompetenzen.

Netzwerke stärken

Regionale, nationale und internationale Netzwerke müssen gestärkt werden. Regional vernetzte Graduiertenschulen können aufgebaut werden, um die Potenziale in einer Region besser zur Geltung zu bringen. Die guten Verbindungen zu Hochschulen sind hier hilfreich. Auch die Lehre könnte dann anders geregelt werden. Die von Leibniz-Einrichtungen erbrachte Lehre sollte wirklich den Hochschulen zugutekommen

Fotos: WZB/David Ausserhofer; Sam Ray

Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschafts­ zentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professo­ rin für Bildungsso­ ziologie und Arbeits­ marktforschung an der HumboldtUniversität zu Berlin. Sie leitet die Projekt­ gruppe Karriere­ förderung der Leibniz-­Gemeinschaft.

Kurze Vertragslaufzeiten, Teilzeit, Unklarheit über die Leistungen, die während der Promotions- und Postdoc-Phase erwartet werden, eine zu lose Betreuung, wenige Wegbegleiter. Außerdem die Ungewissheit, ob man langfristig in der Wissenschaft bleiben möchte und bleiben kann, unsichere Karriereaussichten, fehlende Informationen über die Arbeitsanforderungen in anderen gesellschaftlichen Sektoren – all das belastet junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hinzu kommen gerade die Fragen dieser spezifischen Lebensphase: Wie vereinbare ich eigentlich Wissenschaft und Familie? Ist Wissenschaft mehr als Berufung und Beruf, verschlingt sie mein ganzes Leben und lässt keinen Raum für Partner, Freunde, Eltern und Kinder? Muss ich mich zwischen den Welten entscheiden? Diese Fragen beeinträchtigen oft den Reiz von Jahren, in denen man sich vergleichsweise unbeschwert, frei und voller Neugier entfalten kann. Solche Fragen sind auch Ausgangspunkt der Leitlinien zur Karriereförderung der Leibniz-Gemeinschaft, die ein höheres Maß an Transparenz gewährleisten sollen. Zur Orientierung und Versicherung aller Beteiligten wurden darin die Rechte und Pflichten von promovierenden und promovierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern niedergeschrieben – auch solche, die ganz selbstverständlich sein sollten. Es geht um Fragen der Betreuung, des aktiven Aufeinanderzugehens, der Vertragslaufzeiten, von Anschub- und Auslauffinanzierungen und der Möglichkeit, sich in vielen Themen weiterzubilden und selbst Lehrerfahrung zu sammeln. Die wichtigsten Elemente wurden zuvor in der Projektgruppe Karriereförderung der LeibnizGemeinschaft diskutiert und daraufhin überprüft, ob sie in allen Disziplinen und Instituten angewandt werden können.

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LEIBNIZ | PERSPEKTIVE

und den dort Beschäftigten mehr Zeit für die Forschung geben. Sie sollte daher nicht kapazitätserhöhend wirken. Handlungsbedarf ergibt sich auch bei den Doktoranden. Diese sollen – wenngleich in begrenztem Umfang – an die Lehre herangeführt werden, können die dafür benötigte Zeit aber nicht im Rahmen ihrer Stelle aufbringen, die meist nur Teilzeitstellen sind. Wie können wir hier helfen? Desgleichen gilt es, bessere Möglichkeiten für längerfristige und damit nachhaltige Auslandsaufenthalte zu schaffen. Die vielen Auslandskontakte der Leibniz- Institute sind dabei besser zu nutzen.

Von anderen lernen

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Interdisziplinarität wird immer mehr zu einer Schlüsselkompetenz, die wir zwar fordern, aber nicht fördern. Wir brauchen interdisziplinär ausgerichtete Ausbildungskomponenten. Als Beispiel ist das von Heike Solga initiierte „Kolleg für interdisziplinäre Bildungsforschung“ (CIDER) zu nennen, dem bundesweit ersten Versuch einer strukturierten Karriereförderung für Postdocs. 30 Fellows aus fünf Disziplinen und 22 wissenschaftlichen Einrichtungen arbeiten fächerübergreifend zu wichtigen Themen der Bildungsforschung. Das Kolleg wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Jacobs Foundation gefördert. Wir brauchen mehr solcher Kollegs. Nur dann bereiten wir verantwortungsvoll auf große Forschungsprogramme vor, die auf Interdisziplinarität setzen, wie etwa das EU-Rahmenprogramm Horizon 2020.

Immer wieder sind Klagen zu hören, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche hätten kaum Kontakt zueinander. Also ­ müssen wir auch daran arbeiten. Das WZB erprobt derzeit ein Programm „Wissenschaft in der Praxis“. Postdocs ­ erhalten die Möglichkeit, in Wirtschaft, Verwaltung, Politik, Medien oder Verbänden mindestens drei und maximal zwölf Monate zu arbeiten. Während die Partnerinstitutionen von der wissenschaftlichen Expertise der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler profitieren, erhalten diese Einblick in die Kultur, Logik und Herangehensweise anderer Sektoren. Sie erwerben zusätzliche Kenntnisse und vielseitig einsetzbare Fähigkeiten. Die Leibniz-Gemeinschaft wird diese Ansätze vorantreiben. Es geht ihr dabei um mehr als die eigene Organisation. Daher wurde auch ein Arbeitskreis Karrieremanagement aller außeruniversitären Einrichtungen gebildet. Die Leibniz- und die Helmholtz-Gemeinschaft, die Fraunhoferund die Max-Planck-Gesellschaft suchen nun nach einem gemeinsamen Nenner der Karriereförderung – unter Anerkennung ihrer unterschiedlichen Aufträge. Würde eine solche gemeinsame Arbeit sich umsetzen lassen, wäre viel gewonnen. Nähme man dann noch die Schnittstellen mit Hochschulen und Arbeitgebern aus anderen Sektoren stärker in den Blick, würde aus einer L ­ ebensphase in zweifelnder Unsicherheit ein Leben, das die Freude an der Forschung mit guten und verlässlichen Arbeitsbedingungen und Arbeitsanforderungen ­verbindet. 

Netzwerke und Interdisziplinarität sind wesentliche Erfolgsfaktoren der Karriereförderung.

ju tta al l m en d i n g er

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LEIBNIZ | LUFT

Tief

durchatmen? Besonders in Großstädten atmen Menschen weltweit gefährliche Schadstoffe ein. Wenn zu viel Ruß und ­ ­ähnliche ­Partikel in der Luft schweben, greift das nicht nur die ­Lungen an. Immer mehr Krankheiten werden mit

Foto: INM/Uwe Bellhäuser

­Feinstaub in Verbindung gebracht.

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Bild: John Chandler/Flickr

LEIBNIZ | LUFT

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Die Schattenseite des รถkonomischen Aufstiegs: Smog und Feinstaub tauchen die chinesische Hafenmetropole Shanghai in dichten Dunst. 11


LEIBNIZ | LUFT

Wärme mit Nebenwirkungen: 24.000 Tonnen Feinstaub entweichen pro Jahr aus deutschen Kaminöfen.

In den Baumärkten werden die Geräte mit Stahl- oder Speckstein-Gehäuse nach vorne gerückt. „Knisterndes Flammenspiel“ und „natürliches behagliches Heizen“ versprechen die Prospekte, die dazu verteilt werden. Der Winter naht, die Werbung für Kaminöfen läuft auf Hochtouren. Doch der Trend, das Wohnzimmer mit ihnen zu beheizen, hat unbeabsichtigte Folgen. Schon dass es klimafreundlich ist, Holz zu verbrennen, da dabei nur so viel CO2 freigesetzt wird, wie der Baum vorher gebunden hat, gilt als umstritten. Sicher ist: Der Luft schadet es enorm. Große Mengen Feinstaub und Schadstoffe entstehen. Durch den Schornstein gelangen sie in die Umgebung. Die Emissionen sind inzwischen beträchtlich. „Schöne grüne Wohnsiedlungen am Rande der Stadt, in die die Leute wegen der sauberen Luft und der Ruhe gezogen sind, haben plötzlich ein Feinstaub-Pro­ blem“, sagt Barbara Hoffmann vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung (IUF) in Düsseldorf. 24.000 Ton-

nen Feinstaub produzierten Kamine, offene Feuerstätten und Holzpellets-Heizungen allein 2009. Mehrere Millionen Öfen stehen inzwischen in deutschen Haushalten. Allein einer davon, mahnt das Umweltbundesamt, produziert so viel Feinstaubmasse wie 3.500 Erdgas-Heizungen. Die Entlastung durch den Rückgang der Kohle-Öfen und -Heizungen wird dadurch mehr als kompensiert.

Feinstaub hat viele Quellen

Dreckige Luft ist kein neues Phänomen. Noch in den frühen 1990er Jahren pusteten Kohlekraftwerke ohne Schwefelfilter und Autos ohne Katalysatoren gigantische Abgasmengen in die Luft. In den Industrieländern sind klassische Schadstoffe wie Schwefeldioxid und Stickoxide inzwischen zwar stark zurückgedrängt worden. Doch „rein“ ist die Luft keineswegs. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit ist inzwischen Feinstaub gerückt, verschwindend kleine Partikel in der Luft, die neben

Hausbrand-Anlagen auch zahlreichen anderen Quellen entstammen: Auspuffen von Diesel-Motoren, dem Reifen­abrieb auf dem Asphalt, Baustellen, Kohlekraftwerken und Industrieanlagen oder der Intensivlandwirtschaft. Auf fast 210.000 Tonnen summierten sich die Feinstaubemissionen 2011 allein in Deutschland. Für den Menschen stellen die Partikel ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Sie können eine ganze Reihe von Krankheiten verursachen, besonders die Atemwege und das Herz-Kreislaufsystem sind betroffen. Laut Umweltbundesamt sinkt die Lebenserwartung der Europäer durch feinstaubverursachte Krankheiten, darunter Lungenkrebs, Herzinfarkte und Atemwegserkrankungen, im Schnitt um knapp ein halbes Jahr. Aktuelle Zahlen der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen zeigen zwar, dass die Belastung im vergangenen Jahrzehnt zurückgegangen ist. Aber immer noch atmen rund 90 Prozent der Großstadtbewohner Europas Luft, die – gemessen an den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – zu viel Feinstaub enthält.

Tödliche Luftverschmutzung

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Neue Forschungen, an denen das IUF maßgeblich beteiligt war, belegen die Dringlichkeit, die Feinstaub-Emissionen deutlich stärker zu senken. Die „European Study of Cohorts for Air Pollution Effects“ (ESCAPE) kam zu dem Ergebnis, dass der Staub-Cocktail in der Luft das Lungenkrebsrisiko erhöht. Vor allem aber zeigte die Studie, dass es keinen Schwellenwert gibt, ab dem seine Konzentration ungefährlich ist. „Es lohnt sich auf jedem Feinstaub-Niveau, die Belastung zu senken“, kommentiert Barbara Hoffmann. „Die gegenwärtigen Grenzwerte sind ein KomproForschungstaucher: Mike Belasus miss – aus gesundheitlicher inspiziert eine Fundstelle am Sicht sind niedrigere Schwellen Meeresboden. anzu­streben.“

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Fotos: Claudia Hautumm/pixelio.de; Tilo Arnhold/TROPOS

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Die WHO reagierte unlängst auf die neuen Erkenntnisse: Sie stufte Luftverschmutzung als eine der Ursachen für Krebskrankheiten ein. Weltweit seien im Jahr 2010 etwa 230.000 Todesfälle durch Lungenkrebs auf Luftverschmutzung zurückzuführen, ergänzt die Internationale Agentur für Krebsforschung. Viele davon dürften auf das Konto von Feinstaub gehen. Feinstaub ist ein Sammelbegriff für luftgetragene Partikel im Größenbereich von bis zu 10 Mikrometer. Partikel größer als 1 Mikrometer, das entspricht einem Tausendstel Millimeter, bestehen meist aus Mineralstaub, Seesalz oder sind Pollen und Sporen. Feinere Partikel wie Sulfate, Nitrate oder organischer Kohlenstoff bilden sich aus der Gasphase oder gelangen wie Rußpartikel direkt aus Verbrennungsprozessen in die Luft. Umweltbehörden ermitteln hierzulande lediglich die in Mikrogramm pro Kubikmeter Luft angegebene Massenkonzentration von Feinstaubpartikeln, die kleiner als zehn und 2,5 Mikrometer sind. Von „PM10“ und „PM2,5“ sprechen die Behörden. Die Forschung interessiert sich jedoch auch

für sogenannten Ultrafeinstaub. Weniger als 0,1 Mikrometer messen diese Partikel, die in ihrer Massenkonzentration unbedeutend sind.

Direkt in die Blutbahn

Die Auswirkungen von PM10 und PM2,5 auf die menschliche Gesundheit sind bereits relativ gut erforscht. Anders ist es bei den ultrafeinen Partikeln (UFP), und hier liegt ein Problem: In Städten kommen vor allem Rußpartikel in dieser Größenklasse vor. „Experimente deuten darauf hin, dass insbesondere die UFP gefährlich sein können“, sagt Barbara Hoffmann, die sich seit rund zehn Jahren mit dem Thema Luftverschmutzung und Feinstaub befasst. Die Rußpartikel sind so klein, dass sie von der Lunge direkt in die Blutbahn gelangen. Von dort werden sie in alle Regionen des Körpers transportiert. Die Forscher haben mehrere Pfade identifiziert, auf denen die Partikel wirken. Einerseits lösen sie in den Lungen kleine, zunächst lokale Entzündungen aus, die auf den restlichen Körper

übergreifen können. Das wiederum stört die Regulation der Blutgefäße, erhöht die Bildung von Blutgerinnseln und befeuert das Fortschreiten von Arteriosklerose. Ein zweiter Pfad beeinflusst das vegetative Nervensystem, Herzrhythmusstörungen und erhöhter Blutdruck können die Folge sein. Des Weiteren lagern sich an den Staubteilchen eine Vielzahl giftiger und krebserregender Bestandteile an. Mit den Partikeln gelangen diese direkt zu den Organen. Inzwischen werden viele Krankheiten mit Feinstaub in Verbindung gebracht, bei denen ein Zusammenhang mit Luftschadstoffen bislang als unwahrscheinlich galt. In einer gemeinsamen Studie fanden das IUF und das Deutsche Diabetes Zentrum, das zweite Düsseldorfer Leibniz-Institut, heraus, dass eine langjährige hohe FeinstaubBelastung das Erkrankungsrisiko für Diabetes Typ 2 signifikant erhöht. Die Forscher verknüpften dazu Daten aus einer seit 1985 laufenden Langzeituntersuchung zu den Gesundheitsfolgen von Luftverschmutzung im Ruhrgebiet mit jenen aus Luftmessstationen und Emissionskatastern. Von den 1.775

Umstritten, aber erfolgreich: Umweltzonen vermindern vor allem die Rußbelastung.

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Teilnehmerinnen der Studie erkrankten 187 zwischen 1990 und 2006 an Diabetes. Bei Frauen, die in stark mit verkehrsbedingten Feinstäuben belasteten Gegenden wohnen, war das Risiko, erstmals an Diabetes Typ 2 zu erkranken, dabei deutlich erhöht. Noch ungeklärt ist, ob sogar ein Zusammenhang zwischen Feinstaub und der Entstehung von Alzheimer besteht. Auch hierzu forscht das IUF. Die Wissenschaftler vermuten, dass die kleinen Partikel über den Nervus olfactorius, den sogenannten Riechnerv, ins Gehirn gelangen können, wo sie Entzündungsreaktionen auslösen. Entzündliche Prozesse und Infektionen gelten als eine Ursache für die neurogenerative Krankheit. Gerade bei den ultrafeinen Partikeln ist jedoch noch Grundlagenarbeit nötig. Anders

als für die gesetzlich vorgeschrieben PM10- und PM2,5Messungen fehlt ein dichtes Messnetz, um die Langzeitbelastung durch Ultrafeinstaub zu erfassen. Gemeinsam mit dem Umweltbundesamt arbeitet das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) daran, diese Lücke zu schließen.

Dichtes Netz für feine Partikel

„Weltweit einmalig“ sei das inzwischen aufgebaute Netz mit bundesweit 17 Messstationen, die von Straßenschluchten bis ins alpine Hochgebirge installiert wurden, sagt Alfred Wiedensohler, der die Abteilung „Experimentelle Aerosole und Wolkenmikrophysik“ des Leipziger Instituts leitet. Wie wichtig mehr Wissen über die UFPBelastung ist, verdeutlicht der

Physiker so: „Die ultrafeinen Partikel machen in städtischen Gebieten nur wenige Prozent der Gesamtmasse des Feinstaubs aus, aber rund 90 Prozent der Anzahl der Partikel.“ Einzig die Feinstaub-Masse zu kennen, reicht demnach nicht aus, um die Luftqualität zu bewerten, Maßnahmen zu ihrer Verbesserung einzuleiten und einzuschätzen, wie effektiv diese sind. Ein Beispiel hierfür sind Umweltzonen. Inzwischen haben die meisten deutschen Städte sie eingerichtet, um ältere Diesel-Fahrzeuge mit hohem Ruß­ partikelausstoß aus dem Verkehr zu ziehen. ADAC und Wirtschaftsverbände bezweifeln den Sinn der Maßnahme. Ihr Argument: Noch immer gäbe es zu viele Tage, an denen die Feinstaub-Grenzwerte überschritten werden. Laut Alfred Wiedensohler liegen die Kriti-

Foto: Nicolò Lazzati/Flickr

Atemnot: Über die Lunge ­gelangt Feinstaub in alle Organe.

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ker jedoch falsch. Er zieht eine positive Bilanz für die Umweltzonen und verweist dabei auf die Innenstadt Leipzigs, deren Luftwerte das TROPOS genau analysierte. Die Konzentration der besonders gefährlichen Ruß-Bestandteile im Feinstaub konnte dort in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. Ein bemerkenswerter Erfolg, der aus den gesetzlich vorgeschriebenen Messungen, auf die sich etwa der ADAC bezieht, jedoch nicht abgelesen werden kann, da diese nur größeren Feinstaub erfassen. Auch in anderen Städten seien solche Erfolge möglich, ist sich Wiedensohler sicher, wenn in ihren Umweltzonen nur noch Autos mit grüner Plakette zugelassen werden. „Wir müssen auf diesem Weg voran gehen und alle Quellen für toxischen Feinstaub minimieren.“

Das ist freilich nicht einfach, weil viele unterschiedliche Quellen existieren. Auch der Transport von Feinstaub über große Entfernungen in der Atmosphäre zählt dazu.

Ruß aus der Ferne

„Je nach Wetterlage können mehr als zwei Drittel der Belastung in deutschen Städten aus diesem Ferntransport stammen“, erklärt Alfred Wiedensohler. Besonders die Kohleverbrennung in den Öfen und Kraftwerken Osteuropas sei ein Problem. Dringend müssten schärfere Feinstaub-Limits erlassen werden, meint der Physiker. Die EU habe die Chance, doch noch Vorbild für Länder wie das smog- und feinstaubgeplagte China zu werden – wenn sie die Grenzwerte für die be-

sonders gefährlichen Rußpartikel regulieren würde. Und auch jeder Einzelne kann helfen, die Feinstaubemissionen zu senken. Die Besitzer qualmender Kaminöfen beispielsweise. Die Epidemiologin Barbara Hoffmann vom IUF rät diesen dringend, Hinweise des Umweltbundesamtes für ein möglichst emissionsarmes Heizen mit Holz zu beachten, also möglichst trockenes, naturbelassenes Holz zu nutzen und die Anlagen regelmäßig warten zu lassen. Filter, die den Feinstaub aus dem Abgas holen, bevor er den Schornstein verlässt, empfiehlt das UBA derzeit noch nicht. In der Praxis zeigen sie sich bisher wenig wirksam. Das Feinstaubproblem, so das UBA, können sie auf absehbare Zeit nicht lösen. joac h i m w i l l e

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Mehr als 300 Wracks liegen in der deutschen Ausschließ­ lichen Wirtschaftszo­ ne auf dem Grund der Nordsee. 16 

Foto: IAP

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Das Leuchten der Nacht Wissenschaftlich beschrieben wurde das Phänomen der „leuchtenden Nachtwolken“ (engl.: noctilucent clouds, NLC) erstmals 1885 als „auffallende Abenderscheinungen“ am Himmel. NLC sind mit bloßem Auge nur unmittelbar nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang sichtbar. Dann, wenn es am Boden schon oder noch dunkel ist und das Sonnenlicht in Höhen zwischen 80 und 90 Kilometern auf winzige Eisteilchen mit einem Radius von etwa 50 Nanometern trifft. Für die leuchtenden Farbspiele sind Temperaturen von unter 4/2013

-130 Grad Celsius notwendig, die in diesen Höhen nur in mittleren und polaren Breiten auftreten – merkwürdigerweise im Sommer. Dieses Phänomen, kalt im Sommer und ‚warm‘ im Winter, erforscht das LeibnizInstitut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn (IAP). Die Forscher untersuchen die NLC mit modernen Lasermessgeräten, sogenannten Lidaren, bei verschiedenen Frequenzen. Sowohl in Kühlungsborn als auch in arktischen und antarktischen Breiten. Aus diesen Messungen werden die Eigenschaften der Eisteilchen und der

Umgebung ermittelt. Das IAP verfügt mit der am ALOMARObservatorium in Nordnorwegen (69°N) erstellten NLCZeitreihe über den längsten und umfangreichsten Datensatz weltweit. NLC dienen als Hinweis auf Veränderungen in der Atmosphäre, da schon sehr kleine Änderungen der Temperatur beziehungsweise des Wasserdampfgehaltes sich stark auf ihre Höhe und Helligkeit auswirken. Ob NLC auch als Indikatoren für Klimaänderungen dienen können, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. r ed / Fjl

Mehr zum Thema: http://www.iap­ kborn.de/Leuchtende­ Nachtwolken­und­ Lidars.122.0.html

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„Die

Emissionen steigen, steigen und steigen.“

In einem Porträt schrieb „Nature“ kürzlich, dass Sie vor jeder Sitzung des IPCC eine Karteikarte vor sich an den Sitzungstisch heften. Was hat es damit auf sich? Leider ist mir Zorn nicht fremd, auch bin ich ungeduldig und kann schon mal auf den Tisch hauen. Für einen Diplomaten

Ottmar Edenhofer ist stellvertretender Direktor und Chefökonom des PotsdamInstituts für Klimafolgenforschung sowie Professor für die „Ökonomie des Klimawandels“ an der Technischen Univer­sität Berlin. Er leitet zudem das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Seit 2008 sitzt er der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC vor, die sich mit der Verminderung des Klimawandels befasst.

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sind das keine Tugenden. Wenn man im UN-Kontext Verhandlungen führt, muss man genau zuhören und hitzige Debatten auch dann auf eine rationale, lösbare Ebene bringen, wenn Angriffe mal emotional oder sogar persönlich werden. Deswegen das Kärtchen. Darauf steht der Rat eines befreundeten Wissenschaftlers: „You should never lose your temper.“

Neben VWL haben Sie auch Philosophie studiert. Hilft das bei Ihrer Arbeit? Nach dem Studium habe ich die Philosophie zunächst beiseite gelassen, erst im IPCC ist sie mir wieder wichtig geworden. In Arbeitsgruppe III geht es darum, in welchem Ausmaß und wie wir den Klimawandel begrenzen können. Dabei stehen wir immer wieder vor Wert- oder sogar Gerechtigkeitsfragen, etwa weil Entwicklungs- und Industriestaaten ungleich vom Klimawandel betroffen sind und ihnen durch Klimaschutz unterschiedlich hohe Kosten entstehen. Solche Fragen angemessen zu verhandeln, ist schwer. Für den fünften Sachstandsbericht unserer Gruppe habe ich deshalb auch Philosophen an Bord geholt. Sie schreiben ein ganzes Kapitel zum Verhältnis von Ökonomie, Gerechtigkeit, Ethik und Werten. Im April legen sie den Bericht in Berlin vor. Wie sind Sie in den vergangenen fünf Jahren vorgegangen?

Wir haben einen intensiven Dialog mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft geführt, um auszuloten, welche Fragen wichtig sind, wenn wir den Klimawandel in seine Schranken weisen wollen. Auf dieser Grundlage haben Forscher Szenarien und Modelle entwickelt, um beispielsweise einschätzen zu können, wie viel Erneuerbare Energie oder Kernenergie wir dazu benötigen. Besonders wichtig war es mir dabei, die Rolle des IPCC klar zu definieren.

Warum war das nötig? Ich glaube, die wissenschaftliche Politikberatung muss sich neu aufstellen. Ich möchte das mit einem Bild beschreiben: Der IPCC erstellt Landkarten, auf denen Zielorte sichtbar werden, die auf verschiedenen Pfaden erreicht werden können. Die Kosten, Risiken, Vorteile und nötigen Politik­instrumente müssen dabei klar auf dem Tisch liegen. Wir erkunden diese Pfade auf Basis der wissenschaftlichen Literatur und in intensiven, kritischen Diskussionen. Die Politik dagegen muss Mehrheiten zustande bringen, um einen dieser Pfade zu beschreiten und beraten, was passiert, wenn sich herausstellen sollte, dass er doch nicht gangbar ist. In diesem Prozess muss stets klar sein, dass die Aufgabe des Kartographen eine andere ist als die des Navigators: Der eine berät, der andere macht Politik.

Fotos: Foto: Richard ThomasVerhoeven/BIPS Köhler/phototek.net; owik2/photocase.com

Wie kann der Klimawandel gestoppt werden? Seit 2008 widmet sich Ottmar Edenhofer, Vize-Direktor des Potsdam-­ Instituts für Klima­ folgenforschung (PIK) und ­Leiter der Arbeitsgruppe III des Welt­ klimarates (IPCC), dieser Menschheitsfrage. Im Interview erklärt der Chefökonom des PIK, warum der Emissionshandel dabei eine zentrale Rolle spielen sollte. Und dass Klimapolitik mitunter eine nervenaufreibende Angelegenheit ist.

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Kohlerenaissance: Nie war der fossile Brennstoff weltweit gefragter als heute. Auch in Deutschland laufen die Kraftwerke auf Hochtouren. Etwa in Boxberg in der s채chsischen Oberlausitz.

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Der Bericht Ihrer Kollegen aus Arbeitsgruppe I hat vor einigen Wochen bestätigt, dass CO2 die Hauptursache des Klimawandels ist. Trotzdem steigt der Ausstoß stärker denn je. Kann der Trend umgekehrt werden? Wir befinden uns in der größten Kohlerenaissance seit Beginn der Industrialisierung. Wenn man die globalen Emissionen betrachtet, könnte man denken, dass es weder die Finanzkrise noch eine Klimapolitik gegeben hat. Die Emissionen steigen, steigen und steigen. Ob dieser Trend umgekehrt werden kann? Ja, technisch geht das und es geht auch zu angemessenen Kosten. Doch die politischen Herausforderungen sind gewaltig: Die wichtigsten Emittenten müssten kooperieren und eine Vereinbarung treffen, es müsste sich so etwas herausbilden wie eine CO2-Steuer oder ein funktionierender Emissionshandel. In der EU sind die Preise für CO2-Zertfikate zuletzt allerdings gefallen – es wurde günstiger, die Luft zu verschmutzen. Was ist schief gelaufen?

Zum einen liegt es an der Konjunkturkrise. Die Nachfrage nach Emissionsrechten ist gesunken und mit ihr der Preis der Zertifikate. Zum anderen sind jede Menge „Clean Development-Zertifikate“ aus dem Ausland zugeflossen, die Staaten auf ihre Reduktionsziele anrechnen dürfen, wenn sie in Entwicklungsländern emissionsmindernde Maßnahmen umsetzen. Zum dritten wurde der Emissionspreis auch durch die verstärkte Förderung der Erneuerbaren gesenkt. Emissionsarme Energie ist günstiger geworden.

Ist der Emissionshandel gescheitert? Die Obergrenze für die Emissionen wurde eingehalten, dem Klima ist sozusagen nicht mehr geschadet worden als geplant. In diesem Sinne ist der europä­ ische Emissionshandel durchaus erfolgreich. Mit Blick auf den Preisverfall gibt es aus meiner Sicht viele Fehlinterpretationen. Stellen sie sich vor, wir würden eine Emissionsobergrenze festlegen und morgen früh wachen wir auf und haben über Nacht lauter emissionsfreie Technologien zur Verfügung. Der Emissionspreis würde dann auf null absinken

– aber wäre der Handel damit gescheitert? Vielmehr wäre das Konzept doch aufgegangen: Es hätten sich so viele Innovationen durchgesetzt, dass wir nicht mehr darauf angewiesen sind, CO2 in der Atmosphäre abzulagern. Ein niedriger Emissionspreis deutet also nicht automatisch auf ein Versagen des Emissionshandels hin. Trotzdem funktioniert der Emissionshandel in der EU natürlich nicht perfekt.

Was muss sich ändern? Wir brauchen nach 2020, wenn die derzeitige Phase des EUEmissionshandels ausläuft, eine schärfere Emissionsobergrenze. So wären weniger Zertifikate auf dem Markt, der Preis würde steigen und mit ihm der Anreiz, in emissionsarme Technologien zu investieren. Außerdem sollte eine staatlich garantierte Preisuntergrenze für die Zertifikate festgelegt werden, die Investoren Planungssicherheit gibt. Wer zum Beispiel in ein effizientes Kohlekraftwerk oder in Erneuerbare Energien investiert, hat die Sicherheit, dass bei Konjunktureinbrüchen der Preis nicht unter eine Grenze fällt, zu deren Einhaltung sich die Politik durch

Wie funktioniert der Emissionshandel? Emissionshandel ist ein Instrument der Klimapolitik, das den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase wie CO2 reduzieren soll. Der Gesetzgeber ― eine Staatengemeinschaft wie die Europäische Union oder ein einzelner Staat ― bestimmt, welche Unternehmen am Handel teilnehmen dürfen. Außerdem legt er eine Emissionsobergrenze fest: Das sogenannte Cap bestimmt, wie viele Tonnen Treibhausgase in einem bestimmten Zeitraum ausgestoßen werden dürfen. In diesem Rahmen werden Emissionsrechte, sogenannte Zertifikate, an die teilnehmenden Unternehmen vergeben – kostenlos oder in Auktionen. Wer im Besitz eines solchen Zertifikats ist, hat das Recht, eine bestimmte Menge zu emittieren. Einmal pro Jahr wird Bilanz gezogen: Wer weniger emittiert hat, als festgelegt, kann überschüssige Zertifikate verkaufen; wer mehr ausgestoßen hat, muss zusätzliche Zertifikate kaufen. Die Emissionsrechte sind handelbar, stehen dabei aber in

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Konkurrenz zu umweltfreundlichen Technologien, die den Ausstoß senken oder vermeiden. Jedes Unternehmen hat die Wahl, ob es in innovative Technologien wie Windkraft investieren oder Zertifikate von anderen Handelsteilnehmern kaufen möchte. Dabei wird es sich in der Regel für die günstigsten Minderungsmaßnahmen entscheiden. Der Emissionshandel, so die Idee, liefert also einen Anreiz, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Langfristig soll auf diese Weise der Ausstoß von Klimagasen eingestellt werden. In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Emissionshandelssysteme etabliert, etwa in Japan und den USA. Das erste multinationale Handelssystem startete 2005 in der Europäischen Union. Inzwischen sind daran etwa 11.000 Anlagen aus Industrie und Energiewirtschaft sowie der innereuropäische Flugverkehr beteiligt. 

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Foto: Gabriele Jepsen/photocase.com

den Aufkauf von Zertifikaten verpflichtet. So entsteht Planungssicherheit, die vor allem für langfristige Investitionen wichtig ist. Dass die Zertifikate in Zukunft nicht mehr verschenkt, sondern versteigert werden, ist ein großer Fortschritt. Mittelfristig sollten wir allerdings sicherstellen, dass alle Sektoren in den Emissionshandel integriert werden. Das ermöglicht, dass Investoren nach den kostengünstigsten Vermeidungsoptionen suchen.

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Manche Forscher wollen Emissionen nicht nur reduzieren, sondern sie aus der Luft holen. Wie stehen Sie zu den Maßnahmen des sogenannten Geoengineering? Das hängt ganz davon ab, von welcher Form des Geoengineering wir sprechen. Das eine ist das Entziehen von CO2 aus der Atmosphäre, man spricht von Carbon Dioxid Removal Technologies. Sie reichen von CO2Einlagerungen im Boden über großskalige Aufforstung bis hin zur Methanisierung, die CO2 in Methan umwandelt, das etwa im Transportsektor genutzt werden könnte. Je länger wir zögern bei der Emissionsreduktion, desto wichtiger könnten diese Technologien werden, auch wenn unklar ist, ob sie technisch oder politisch wirklich verfügbar sein werden. Eine ganz andere Geschichte ist das sogenannte Solar Radiation Management. Es soll nicht Emissionen aus der Atmosphäre ziehen, sondern die Strahlungsbilanz der Erde steu-

ern, indem man etwa Aerosole in die Atmosphäre injiziert, die Sonnenstrahlen reflektieren und die Erde so kühlen. Aus meiner Sicht ist das hochproblematisch: Wer legt fest, wie hoch die globale Mitteltemperatur sein soll? Die Großmächte? Oder der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen? Ihre Veränderung hätte gravierende Auswirkungen, etwa auf die regionalen Niederschlagsmuster. Es ist eine kühne Annahme, zu glauben, dass Solar Radiation Management den Klimawandel begrenzen kann. Zudem kann Problemen wie der CO2-bedingten Versauerung der Ozeane nur begegnet werden, indem man Emissionen abbaut. Aber die Staaten sperren sich gegen Wandel. Weil er schwer umzusetzen ist. Nehmen wir ein Land wie Kanada. Vor 20 Jahren hat es für Klimaschutz plädiert. Dann stieg der Ölpreis und vor Alberta wurden plötzlich wertvolle Ölsande abgebaut. Nehmen wir Nigeria. Durch eine konsequente Klimapolitik würde der Ölpreis langsamer steigen – das ist gut für die OECD-Staaten, aber schlecht für Nigerias Exporterlöse. Klimaschutz provoziert auch Veränderungen, die für einige Teilnehmer von Nachteil sein können. Noch dazu besteht die Welt der Regierungen nicht allein aus Klimaschutz. Die Finanzierungskrise ist derzeit ihr Hauptaugenmerk. Das ist auch der Grund, warum im Augenblick so wenig im Klimaschutz zu machen ist.

Was kann der Bericht Ihrer Arbeitsgruppe bewirken? Das ist die große Frage. Im April werden wir ihn allen Regierungen der Welt vorlegen, um gemeinsam mit ihnen Wort für Wort die sogenannte Zusammenfassung für Entscheidungsträger abzustimmen. Die Wissenschaft hat dabei immer das letzte Wort, aber es wird ein schwieriger Prozess. Ich glaube, der Bericht kann nur Wirkung entfalten, wenn es uns gelingt, das Thema Klima stärker mit wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen zu verzahnen. Da sind auch die Vereinten Nationen gefordert. Ich glaube, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sieht die Herausforderungen und wird neue Wege beschreiten.

Statt CO2-Zertifikaten: Der Emissionshandel soll klimafreundliche Technologien wie Windkraft fördern.

Und sollte trotz allem nichts passieren? Die Folgen wären wohl gravierend. Das Amazonasgebiet könnte von einer CO2-Senke zu einer CO2-Quelle werden, die Monsundyamik aus dem Gleichgewicht geraten, und über die Versauerung der Ozeane haben wir ja bereits gesprochen. Wenn wir beim Zwei-Grad-Ziel nicht vorwärts kommen, kostet das Zögern der Regierungen bares Geld: Warten wir bis 2020, verschlingen die Kosten, um es doch noch zu erreichen, ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts. Zaudern wir bis 2030, steigen diese Zahlen auf vier bis fünf Prozent. Wir bewegen uns dann in der Größenordnung der heutigen Finanz­ krisen. i n terv i ew : d av i d sc h el p

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Fotos: ESA; NASA

Fotos: Elba Luz Torres/ZMT (2); Karte: Nora Tyufekchieva

Klimafaktor W端ste: Sand und Staub aus der Sahara wehen 端ber Westafrika und den Atlantik in R 足 ichtung der 足Kapverdischen Inseln.

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I CF HT T E N L E I B NNI ZA C|H LR U

Den

Schwebeteilchen auf der Spur

Aerosole beeinflussen das Klima entscheidend. Dennoch ist wenig über die in der Luft schwebenden Kleinstpartikel bekannt. Mit immer ausgefeilteren Methoden begeben sich Forscher deshalb auf ihre Spur.

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Mitten in der Nacht schrillt das Telefon. Die über ein Dutzend Wissenschaftler in der Ferienwohnung im Thüringer Wald sind alarmiert, suchen eilig nach ihren Hosen, Schuhen, Jacken. Die Gruppe weiß, was der Anrufer ankündigen wird: Wolken. Eine Stunde bleibt nun, um in die bereitstehenden VWBusse zu steigen, durch den mit Schnee bedeckten Nadelwald zu fahren und sich auf die drei Messstationen zu verteilen. Eine davon liegt auf dem Höhenzug „Schmücke“. Der erste Forscher klettert die Leiter des Stahlgerüsts hinauf, 20 Meter hoch in den Nebel. Er überprüft die mit Frost bedeckten Geräte, die „ALABAMA“ heißen, „HR-ToF-AMS“ oder „FSSP“. Modernste Spektrometer und Laser, die Wolken durchleuchten, Wolkentropfen und die Luftfeuchte vermessen. Die Wissenschaftler dürfen keine Fehler machen. Allzu viele geeignete Wolken werden in den folgenden sechs Wochen nicht vorüberziehen. „Insgesamt hatten wir acht gute Wolkenevents“, erinnert sich Hartmut Herrmann, Leiter der Chemieabteilung des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) in Leipzig.

Die Idee zu dem Experiment hatte Herrmann im Herbst 2010. Im Fokus standen darin vor allem Kleinstpartikel, die in ihrer mittleren Größe etwa 2.000 Mal kleiner sind als der Punkt am Ende dieses Satzes. An diesen in der Luft herumschwirrenden Aerosolpartikeln bilden sich die Wolkentropfen.

Komplexes ­Zusammenspiel am Himmel

Doch nur langsam gelingt es der Forschung, das komplexe Zusammenspiel am Himmel zu durchblicken. „Wolken und Aerosole stellen weiterhin die

größte Unsicherheit in der Einschätzung des sich wandelnden Energiehaushalts der Welt dar“, heißt es im aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC). Unbestritten ist: Sie spielen eine entscheidende Rolle. Aerosolpartikel schweben allerorts in der Luft, als Mineralstaub, Salz, Ruß oder Bakterien. Ohne sie gäbe es keine einzige Wolke. Wenn Luft aufsteigt, sich abkühlt und die Luftfeuchtigkeit bis auf 100 Prozent steigt, kondensiert das Wasser an den Kleinstpartikeln. Je mehr davon in der Luft sind, desto mehr Tropfen können sich bilden. Die Wolken werden weißer und beständiger, sie können länger einen Teil der Sonnenstrahlen zurück ins All reflektieren und so die Erde abkühlen. Diesen ­Effekt auf das Klima haben Aerosole auch ohne Wolken: Wie ein Sonnenschirm wirken etwa die gigantischen Smogglocken über chinesischen Millionenstädten. Die Erderwärmung wird „maskiert“, heißt es im IPCC-Bericht. Die Frage ist nur: Wie stark? Bislang gingen Wolkenforscher davon aus, dass eine verbesserte Luftqualität die Temperaturen um 0,4 bis 1 Grad

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Science 10 May 2013. doi: 10.1126/ science.1230911

erhöht. Im aktuellen Weltklimabericht sind sie vorsichtiger. Zu wenig weiß man noch über Aerosole. Hartmut Herrmann will auch deshalb kein Detail übersehen. Monate nach der Winternacht im Thüringer Wald wertet er noch immer akribisch die Daten des Schmücke-Experiments aus. Im Mai wurde eine erste Erkenntnis in der Fachzeitschrift „Science“ präsentiert: Das bei der Wolkenbildung wichtige Sulfat könnte weniger zur Abkühlung der Erde beitragen als gedacht. Lange war man fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die Bildung von Sulfat in den Wolken vor allem durch Metallionen aus Kraftwerksschloten oder Autoauspuffen katalysiert wurde und weniger aus natürlichen Quellen wie Wüstenstaub.

Abkühlung aus der Wüste?

die Wolken, um mehr über die Größenverteilung der Aerosolpartikel und die Eisbildung in den Wolken zu erfahren, die entscheidend dafür ist, dass es regnet. Am Hubschrauber befestigt war eine 200 Kilogramm schwere und knapp fünf Meter lange Sonde, die alle zehn Zentimeter einen Messpunkt erstellte. Die Messergebnisse, mit denen schon bald Grundlagenforschung betrieben und Klimamodelle gefüttert werden sollen, werden nun in einem 16 Meter hohen Turm in Leipzig überprüft. In dem Labor des TROPOS lässt sich nachvollziehen, wie Wolken entstehen. Sein Herzstück ist eine sieben Meter lange, von außen gekühlte Röhre. Von oben wirbeln Aerosolpartikel in ihr Inneres, hinein in einen befeuchteten Luftstrom. Um die künstliche Wolke ­beobachten zu können, hat die Röhre einen Schlitz.

Experimente im Wolkenturm

Durch ihn können die Forscher einen Lichtstrahl schießen, um festzustellen, ob und in welcher Größe Tropfen entstanden sind. „Je mehr die Aerosolpartikel

Fotos: Tilo Arnhold/TROPOS (2)

Wolkenverhangen: Messstation auf dem Höhenzug „Schmücke“ im Thüringer Wald.

Nun stellte sich heraus: Es ist wohl genau andersherum. Da aber die Mineralstaubpartikel aus den Wüsten vergleichsweise groß sind, werden sie, nachdem sich das Sulfat daran bindet, schnell aus der Atmosphäre getragen, etwa durch Regen. Ih-

nen bleibt so weniger Zeit, um das Licht der Sonne zurückzustreuen. Der Kühleffekt ist also geringer. Wissenschaftler interessieren sich aber nicht nur für die Nahaufnahme, sondern auch für das Gesamtbild. Um die Raumstruktur der Wolken besser zu verstehen, haben im Frühjahr 120 Forscher aus dem TROPOS und 16 weiteren Instituten am Forschungszentrum Jülich der Helmholtz-Gemeinschaft mehr als 20 Instrumente zur Bodenfernerkundung aufgeboten. Sie richteten Lidare, Radare und Bodensensoren auf einen fest definierten Himmelsausschnitt und schossen Strahlen auf die Wolken, um durch die Lichtbrechung Rückschlüsse auf deren Eigenschaften zu ziehen. Bis in zehn Kilometer Höhe vermaßen die Geräte Temperatur, Feuchtigkeit, Aerosolart und Wolkenstruktur – und zeichneten so ein detailreicheres Bild der Entstehung und Veränderung von Wolken als je zuvor. Ende September kamen Wolkenforscher vom TROPOS und der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ihrem Forschungsobjekt noch ein Stück näher. Im sächsischen Melpitz schickten sie einen Hubschrauber und einen Wetterballon in

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Wolkengeburt: In einem 16 Meter hohen Labor in Leipzig erzeugen und untersuchen Forscher am TROPOS Wolken.

durch Feuchtigkeit aufquellen, desto mehr strahlen sie auch ab“, erklärt TROPOS-Wolkenexpertin Heike Wex. Knackpunkt bei den künstlichen Wolken ist die Turbulenz. Nur mit geschickten Algorithmen kann man die in echten Wolken auftretenden Luftverwirbelungen am Computer rekonstruieren. „Unordnung und Chaos können wir nicht so einfach herstellen“, sagt Andreas Macke, der Direktor des Leipziger Leibniz-Instituts.

Ein Schatz an Beobachtungen

Nature 476, 429–433. doi: 10.1038/ nature10343 4/2013 



Ganz neue Möglichkeiten, um Aerosole zu verstehen, bietet der Teilchenbeschleuniger CERN in der Schweiz. Dort haben Forscher herausgefunden, dass kosmische Strahlung einen geringeren Einfluss auf die Bildung von Aersolen und damit auf das Klima hat als zeitweise angenommen. Bestätigen konnten die Wissenschaftler zwar, dass die Sonne winzige Partikel auf die Erde schießt, die Aerosole ionisieren und damit die Kondensation feuchter Luft zu Tröpfchen an diesen begünstigen. Der Effekt fiel bei der Wolkenbildung aber kaum ins Gewicht, so das Ergebnis einer in „Nature“ veröffentlichten Studie, an der auch TROPOSForscher beteiligt waren. Das konnten die Forscher anhand

bestimmter Ammoniak-Moleküle zeigen. Schon eine sehr geringe Menge von ihnen reicht aus, um im Zusammenspiel mit Schwefelsäuremolekülen eine riesige Menge an Kleinstpartikeln zu bilden – kosmische Strahlung hin oder her. Mit der Datenflut aus all diesen und weiteren Versuchen füttern die Wissenschaftler Rechenmodelle, um das Klima genauer vorhersagen zu können. Außerdem helfen neue Daten, die Genauigkeit bestehender Modelle zu testen. „Wir verfügen über einen Schatz an Beobachtungen“, sagt Ina Tegen, Leiterin der Abteilung Modellierung am TROPOS und Professorin an der Universität Leipzig. Dank immer komplexerer Messinstrumente und neuer Satelliten habe sich die Methodik in den vergangenen Jahren stark verbessert. Bis ins Detail können Tegen und ihre Kollegen im Modell rechnen, wenn es um kleine Gebiete wie den Höhenzug Schmücke geht. Für Mitteldeutschland, Europa oder die Welt ist das noch nicht möglich. Die Daten sind zu unsicher und die Rechenkapazität der Computer zu gering. „Es ist noch sehr viel zu tun“, meint Tegen. Den Aerosolen auf den Grund zu gehen – das sei für sie wie die Erforschung eines unbekannten Kontinents.  B en jam i n v on B r ac kel , V er en a K er n 25

Wie werden wir in Zukunft leben, lernen, arbeiten, Kinder kriegen und altern?

Das Begleitbuch zur Ausstellung

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Gegner

ohne Gesicht

Die US-Drohne „MQ 1 Predator“ im Einsatz.

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6. Juli 2012. Es ist Abend in Zowi Sidgi, einem Dorf im Nordwesten Pakistans, in einem Zelt sitzen einige Arbeiter beisammen und essen. Die vier Drohnen der amerikanischen Luftwaffe, die über dem Dorf kreisen, beunruhigen sie nicht. Das Stammesgebiet gilt als Hochburg islamistischer Aufständischer, nirgends auf der Welt setzen die USA mehr unbemannte Flugzeuge ein, um Terroristen zielgenau auszuschalten. Doch an diesem Juliabend schlägt der Plan fehl: Das Zelt wird beschossen, mindestens acht der Arbeiter sterben. Kurz darauf trifft ein zweiter Luftschlag die ihnen zu Hilfe eilenden Nachbarn. Dorfbewohner sprechen später von Panik, Hilflosigkeit, Blut und Leichenteilen. 18 Zivilisten kommen ums Leben, so die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Es sind Vorfälle wie dieser, die eine weltweit geführte Debatte um Drohnen füttern. Die Hightech-Waffen polarisieren. Für Kritiker bricht ihr Einsatz

Völkerrecht, fordert zivile Opfer und verschärft die Spannungen zwischen den involvierten Staaten. Für viele Regierungen hingegen birgt er ein verlockendes Versprechen: in den Krieg zu ziehen, ohne das Leben der eigenen Truppen zu riskieren.

Close air support für Bodentruppen

„Gerade in westlichen Staaten ist der Druck, den Tod von Soldaten zu legitimieren, extrem hoch“, sagt Niklas Schörnig, der an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) technische und ethische Fragen moderner Kriegsführung untersucht. Ein Thema, bei dem großer Informationsbedarf besteht. Der Unterausschuss Rüstungskontrolle des Bundestags, politische Parteien, Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen haben die HSFK bereits um Beratung gebeten, mit dem Bundesverteidigungsministerium und der Bundeswehr steht man im Gespräch.

Es ist Schörnig in diesen Gesprächen wichtig, ein Bewusstsein für die Vielzahl der Fragen zu schaffen, die die Hightech-Waffen aufwerfen. Grundsätzlich sei die Nutzung ferngesteuerter Drohnen nur im Rahmen bewaffneter Konflikte mit dem Völkerrecht vereinbar, so der 41-jährige Politologe und Volkswirt: „Dass Bodentruppen etwa in zwischenstaatlichen Kriegen Schutz aus der Luft, den so genannten close air support, erhalten dürfen, ist Konsens.“ Die Bundesregierung, die den Einsatz der Technologie in Auslandseinsätzen in Betracht zieht, hat bislang allerdings keine klare Stellungnahme abgegeben, ob sie Drohnen ausschließlich zu diesem Zweck nutzen will – oder ob sie auch andere, völkerrechtlich möglicherweise umstrittenere Szenarien im Sinn hat. Auch dass keine europäische Regierung Kritik am Vorgehen der US-Armee in Pakistan, Jemen und Somalia übt, irritiert Schörnig: „Dort werden Drohnen außerhalb eines bewaffneten Konflikts gezielt zur Tötung von

Fotos: U.S. Air Force photo/Lt Col Leslie Pratt; Amnesty International

„Saubere“ Kriege oder Kriegsverbrechen aus der Luft? Konfliktforscher Niklas Schörnig fordert die Ächtung autonomer Kampfdrohnen.

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Terroristen eingesetzt. Das ist völkerrechtswidrig und verstößt gegen grundlegende Menschenrechte.“ Mittelfristig könne das Schweigen der westlichen Länder zu einer Aufweichung der Normen führen. Auch die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch teilen Schörnigs Urteil. Erst kürzlich warfen sie den USA vor, in Pakistan und Jemen menschenrechtliche Standards und das Völkerrecht zu missachten und beschuldigten auch Deutschland, die US-Drohnenangriffe in Pakistan mit Geheimdienstinformationen zu unterstützen. Das Weiße Haus verteidigte die Einsätze: Sie seien „präzise, rechtmäßig und effektiv“, so Obamas Sprecher Jay Carney. Schon die ferngesteuerten Drohnen von heute, die Namen wie „Reaper“ (dt.: Sensenmann), „Hunter“ (Jäger) oder „Predator“ (Raubtier) tragen, mögen unheimlich erscheinen. Die Zukunft der Kriegsführung sind aber wohl autonome Drohnen, die selbstständig Waffengewalt anwenden – und so ganz neue Fragen aufwerfen: Darf man Computern die Entscheidung über Leben und Tod überlassen? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas schief geht? Wie sicher sind die Systeme vor Cyber-Angriffen durch Hacker? Gerade zum letzten Punkt werde bislang nur wenig geforscht, sagt Schörnig. Dabei ist das Thema brisant: In den USA wurden vor zwei Jahren drohnensteuernde Computer von Viren befallen.

Die gravierendste Schwäche von Computern liegt laut Schörnig jedoch anderswo: Sie haben weder Bauchgefühl noch Gewissen. Wenn es darum geht, Gesichter zu erkennen oder Situationen richtig einzuschätzen, lassen sie sich leicht hinters Licht führen. „Wenn jemand mit einem langen Gegenstand in der Hand um die Ecke kommt, der ein Gewehr sein könnte, aber auch eine Hacke für die Feldarbeit, entscheiden Soldaten nach ihrem Bauchgefühl und liegen damit meist richtig“, sagt er. „Computer täuschen sich eher.“

Roboterkriege bald Wirklichkeit?

Auch mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit haben die Rechenmaschinen ihre Probleme. Wenn ein Gebäude als Versteck einer terroristischen Gruppe identifiziert wird, sich darin aber wohl auch Frauen und Kinder befinden, muss ein Pilot demnach abwägen, ob dies der richtige Zeitpunkt für einen Angriff ist oder die möglichen zivilen Opfer unverhältnismäßig hoch wären. Menschen wiegeln bei solchen Kosten-Nutzen-Fragen ab – sie machen das mit ihrem Gewissen aus. Computer können das nicht. Zumindest bisher. Die technologische Entwicklung unbemannter Kampfflugzeuge zeichnet sich durch ihr rasendes Tempo aus. Schörnig muss sich ständig auf dem Laufenden halten – und hinkt den

In Trauer: Familie eines mutmaßlichen Drohnenopfers in Pakistan.

Entwicklungen doch zwangsläufig hinterher. „Wir haben nur Zugang zu öffentlichem Material“, erklärt der Forscher. „Aber zum Glück zeigen westliche Militärs und die Rüstungsindustrie der Welt gerne ihr Können.“ So veröffentlichte die amerikanische Marine kürzlich ein Video einer neuen Drohne, die ohne menschliches Zutun auf Flugzeugträgern landen kann. Außerdem führt Schörnig Hintergrundgespräche mit Verteidigungsexperten, Menschenrechtspolitikern und Militärs. Auch militärische Fachmagazine und Blogs haben sich zu zuverlässigen Quellen entwickelt. „Nur die Industrie ziert sich noch.“ Gelegentlich erlebt Schörnig dennoch Überraschungen, so im Dezember 2011, als eine amerikanische Aufklärungsdrohne in die Hände des Irans geriet und im Staatsfernsehen präsentiert wurde: „In der Forschergemeinde hatte vorher praktisch niemand Informationen über dieses Modell.“ Zurzeit widmet sich die Friedensforschung der Frage, ob Kampfdrohnen die Hemmschwelle für Militäreinsätze senken. Da die Technologie noch jung ist, steht die empirische Forschung zu dieser Frage erst am Anfang. Einiges spräche aber dafür, dass Drohnen zu mehr Kriegen führen: „Sie distanzieren den Piloten vom Kampfgeschehen, er befindet sich in sicherer Entfernung zum Schlachtfeld.“ Das könne dazu führen, dass sich bei den politischen Entscheidungsträgern das Kosten-Nutzen-Kalkül verschiebt: Eigene Verluste müssten nicht mehr legitimiert werden – die Kosten entfallen. Zugleich aber sensibilisiere die Debatte über diese Problematik und zivile Opfer die Politik. Von der Bundesregierung fordert Niklas Schörnig, dass sie sich für eine internationale Ächtung autonomer Drohnen einsetzt. Die Zeit dränge, denn die Rüstungsindustrie profitiere von Entwicklungen in der zivilen Informationstechnologie und mache rasche Fortschritte. Roboterkriege, wie sie derzeit noch Fiktion sind, könnten bald Wirklichkeit werden. bi an c a sc h r öd er

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Keine dicke Luft

im Stall

Schädliche Gase sind die Kehrseite der Lebensmittelproduktion. Agrarforscher arbeiten daran, dass das Steak nicht zur Umweltsünde wird.

Früher Waldsterben, heute Klimawandel

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Schädliche Gase aus der Landwirtschaft gibt es einige: zum Beispiel Ammoniak oder die Treibhausgase Methan und Lachgas (Di­ stickstoffmonoxid). Sie entstehen bei der Tiermast und aus deren Abfallprodukten. Ammoniak zum Beispiel stammt zu 95 Prozent aus dem Agrarsektor. So rührt der stechende Geruch von Gülle von dieser Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff her. „Als Schadstoff ist Ammoniak gerade nicht in Mode“, sagt Thomas Amon, der die Abteilung Technik in der Tierhaltung am ATB leitet und an der Freien Universität Berlin den

Lehrstuhl für Nutztier-UmweltWechselwirkungen inne hat. „Vor 20 Jahren war das anders, als das Waldsterben in aller Munde war. Schließlich ist Ammoniak eine Hauptursache für sauren Regen.“ Zwar hat heute der Klimawandel dem Waldsterben als drängendste Umweltbedrohung den Rang abgelaufen, aber als Schadstoff ist Ammoniak nicht verschwunden: 2011 gelangten laut Umweltbundesamt in Deutschland 563.000 Tonnen in die Luft. Neben der Versauerung sind auch Überdüngung (Eutrophierung), Grundwasserbelastung und die Bildung sekundären Feinstaubs Folgen der Ammoniak-Belastung der Luft. Wie stark Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft die Umgebung beeinflussen, haben ATB-Forscher am Beispiel einer Hähnchen-Mastanlage nachgeHightech im Stall: ­ Moderne ­Messtechnik zeichnet die A ­ usbreitung von Gasen auf.

wiesen. Während einer Mastperiode von 36 Tagen maßen sie, wie viel Ammoniak die sechs Hektar große Anlage für 380.000 Hähnchen freisetzt und wie es sich in der Umgebung verteilt.

Bäume gegen Ammoniak

Der die Anlage umgebende Kiefernwald wies im Abstand von 45 bis 200 Metern auf einer Skala von 1 (keine nachweisbaren Schäden) bis 5 (höchste Schädigung) eine Schadensklasse über 4 auf. Erst in einem Abstand von 400 Metern konnten die Wissenschaftler keinen schädigenden Einfluss auf die Bäume nachweisen. Immerhin: Der Kiefernwald begrenzte die Ausbreitung des Ammoniaks auf die unmittelbare Umgebung der Mastanlage. Deshalb werden mitunter gezielt Baumbestände rings um große Tierhaltungsanlagen gepflanzt. Andere Gase lassen sich nicht so einfach in ihrer Ausbreitung begrenzen. So manche tierische Ausdünstung in Form von Methan und Lachgas gilt als klimarelevant und ist damit nicht nur deutlich mehr in Mode als Ammoniak, sondern ein globales Problem. „Treibhausgase aus der Landwirtschaft werden von Fachleuten als sehr problematisch eingeschätzt“, sagt Barbara Amon. Die promovierte Agrarwissenschaftlerin ist Expertin für Emissionen aus der Tierhaltung und Stoffkreisläufe am ATB und bringt ihre Fachkenntnisse unter anderem in die Arbeit des Weltklimarates IPCC

Fotos: Ulrich Stollberg/ATB

Es ist dunkel in der großen Halle. Ein Brummen erfüllt den Raum, dann hüllen Laserstrahlen Nebelschwaden in grünes Licht. Was der Schauplatz eines TechnoClubs in Berlin-Mitte sein könnte, liegt im beschaulichen Potsdamer Ortsteil Bornim. Hier brummen keine Bässe, sondern die Turbinen des Grenzschicht-Windkanals am Leibniz-Institut für Agrartechnik (ATB). Mit der im Frühjahr 2012 eingeweihten Anlage erforschen die Wissenschaftler am ATB, wie sich Emissionen aus der Landwirtschaft vermindern lassen: schädliche Gase und Gerüche. Immerhin: Es stinkt nicht in Bornim. Schließlich geht es nicht um spezielle Gerüche, sondern um grundlegende Fragen, etwa wie sich Gase aus landwirtschaftlichen Anlagen in der Umgebungsluft verteilen.

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ein. Der beziffert den Anteil der Treibhausgase aus der Landwirtschaft auf zehn bis zwölf Prozent an allen Emissionen weltweit – in Deutschland dürften es laut Umweltbundesamt knapp acht Prozent sein. Rinder spielen dabei eine besondere Rolle: Methan und Lachgas, die in Deutschland zu etwa 60 beziehungsweise 30 Prozent aus landwirtschaftlichen Quellen stammen, werden beim Verdauungsprozess von Wiederkäuern freigesetzt. Dementsprechend schlecht ist auch die Klimabilanz von Rindfleisch: 22 Kilogramm CO2 entstehen bei der Produktion eines Kilogramms, bei Schweinefleisch sind es 7,5, bei Hühnerfleisch nur knapp fünf.

Fröstelnde Hühner, robuste Kühe

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Während Hühner schon bei wenigen Grad Abweichung von der optimalen Haltungstemperatur große Produktivitätseinbußen zeigen, sind Kühe diesbezüglich schmerzfrei. Moderne Milchviehställe sind daher meist frei gelüftet gebaut, das heißt, sie haben keine Seitenwände, sondern nur Windschutznetze. „Das senkt den Energieverbrauch und ist auch unter dem Aspekt des Tierschutzes die zu bevorzugende Haltungsform“, erläutert Thomas Amon. Noch ist nicht genau bekannt, wie sich die Luftströme und Emissionen aus frei gelüfteten Ställen verhalten. Genau das ist aber notwendig, um zielgerichtet gegen ihre Ausbreitung vorzugehen.

Hier kommt der ATB-Windkanal ins Spiel. Mit ihm wollen die Forscher die Simulation der Ausbreitung von Gasen und Gerüchen möglich machen. Der fast 20 Meter lange Windkanal kann Luftströmungen erzeugen, wie sie auch im Freien in Bodennähe vorkommen. Sie treffen auf ein originalgetreues Modell eines Stallgebäudes im Maßstab 1:100. Ähnlich wie bei Windschnittigkeitsmessungen von Autos wird Nebel in den Luftstrom geleitet, den ein grüner Laser sichtbar macht. Deutlich sind so die Verwirbelungen zu erkennen, die das Auftreffen des Luftstroms auf das Gebäude erzeugt. Sie sind stark von Windgeschwindigkeit und Windrichtung abhängig, aber auch von der Bauweise des Stalls, oder der Tatsache, ob die Windschutznetze an den offenen Seitenwänden heruntergelassen oder oben sind. Der Grenzschichtwindkanal des ATB ist eine der größten agrarwissenschaftlichen Anlagen seiner Art.

Aus diesen Variablen erstellen die Wissenschaftler Algorithmen, mit denen sie das Verhalten der Luftströme im Rechner simulieren. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse können helfen, Ställe zu konstruieren, die baulich und lüftungstechnisch eine möglichst geringe Emission von Schadgasen und Gerüchen zulassen.

Wirbel im Laserlicht: Im Windkanal werden die Luftströme am Stall sichtbar.

Ställe im Windkanal

Dass die Wissenschaftler dabei die Interessen des Tierschutzes, der Energieeffizienz und der Schadstoffreduktion im Blick haben müssen, die ganz unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen, macht das Unterfangen komplex. „Wenn wir es mit unserer Arbeit schaffen, die Ausbreitung von Gasen und Gerüchen verlässlich zu simulieren, sind wir schon einen großen Schritt weiter“, meint Thomas Amon. Damit wäre eine wichtige Grundlage für den Umgang mit Emissionen gelegt – seien es Bauvorschriften, Emissionsgrenzen oder Luftreinigungstechniken. Was davon in die Tat umgesetzt wird, liegt aber nicht mehr im Zuständigkeitsbereich der Forscher. „Solche Entscheidungen muss die Politik treffen“, sagt Thomas Amon. „Aber wir können aus unseren Messungen konkrete Vorschläge ableiten.“ Aktuell planen die ATB-Forscher ihr nächstes Projekt: einen „NullEmissionen-Wohlfühl-Stall“ – das wäre dann die eierlegende Wollmilchsau der Tierhaltung. christoph herbort - von loeper 29


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1. Juli 2013: Gegner des damaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi verwüsten das Hauptquartier der Muslimbruderschaft in Kairo. Zwei Tage später wird Mursi vom Militär abgesetzt.

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Im Wohnzimmer der Muslimbrüder

Fotos: Khalil Hamra/AP; David Ausserhofer/Körber-Stiftung

Wer sich für Ägypten und die Muslimbruderschaft interessiert, kommt derzeit kaum an Annette Ranko vorbei. Ob Presse, Radio oder Fernsehen – die 33-jährige Nahostwissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Regionale und Globale Studien (GIGA) in Hamburg ist, spätestens seit sie für ihre Dissertation über die Muslimbrüder den Deutschen Studienpreis erhalten hat, eine gefragte Expertin. Und auch die Politik nutzt ihr Wissen: Bis ins Kanzleramt reicht die Liste der Beratungsgespräche. Dabei interessierte sich Ranko zunächst weniger für den Islam als für das Wohlstandsgefälle ­zwischen Deutschland und Ägypten. Ein Jahr studierte sie Politikwissenschaft in Kairo. Dort begann sie, sich für die Muslimbrüder zu interessieren: „Mich hat fasziniert, wie sich die Gruppe aus der Illegalität heraus zu einer der stärksten Oppositionskräfte des Landes entwickeln konnte.“

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Eine deutsche Frau, die sich in Ägypten mit führenden Muslimbrüdern zum Gespräch über Scharia, Islam und die Perspektiven Ägyptens trifft – wie war das? Spannend, zunächst. Aber dann war es schnell erstaunlich „normal“. Die Gespräche, die ich mit Muslimbrüdern führte, unterschieden sich im Großen und Ganzen wenig von den Unterhaltungen mit anderen ägyptischen Oppositionellen.

Mussten Sie sich für die Interviews verschleiern? Für das Tragen eines Kopftuchs habe ich keinen Grund gesehen,

schließlich bin ich keine Muslimin und habe das auch nicht verheimlicht. Auch mein Forschungsthema habe ich vor den Muslimbrüdern nicht verschleiern müssen. Wohl aber vor Vertretern des Mubarak-Regimes, mit denen ich gesprochen habe.

Sie haben sich intensiv damit beschäftigt, wie beide Seiten versuchten, ein möglichst vorteilhaftes Bild abzugeben und den Gegner zu diskreditieren. Gab es auch in den Gesprächen solche Agitationsversuche? Von Angehörigen des Regimes habe ich oft lange Lobeshymnen auf die ägyptische Demokratie gehört. Die ehrlicheren Gespräche habe ich mit den Muslimbrüdern geführt. Natürlich waren sie als Oppositionsgruppe offen in ihrer Kritik des autoritären MubarakApparates. Aber einige Muslimbrüder waren auch erstaunlich ehrlich, was ihre illiberalen Ansichten betraf. Sie haben keinen Hehl daraus gemacht, wenn diese etwa im Bereich der Moral oder der Rolle der Frau nicht westlichen Vorstellungen entsprachen. Wie haben Sie die ­Gespräche mit den damals politisch verfolgten Muslimbrüdern eingefädelt? In der Tat war es eine Herausforderung, an die Muslimbrüder heranzukommen. Geklappt hat es, weil mich viele Leute dabei unterstützt haben, deutsche und ägyptische Wissenschaftler vor Ort sowie NGOs, die bereits gute Kontakte zu den Muslimbrüdern hatten. Geholfen hat auch, dass ich schon zwei Semester meines Studiums in Kairo verbracht ­hatte. Dort lernte ich Studenten

kennen, die kurz darauf im l­inken und liberalen Oppositionslager aktiv wurden und auch mit Muslimbrüdern kooperierten. Auf diese Kontakte konnte ich zurückgreifen.

Gab es brenzlige Situationen oder besonders denkwürdige Treffpunkte? Ja, denn vor allem gegen Ende seiner Regierungszeit hat Mubarak vermehrt auf Repression gesetzt, um der Unzufriedenheit im Volk Herr zu werden. Als gerade mal wieder eine Verhaftungswelle gegen die Führung der Muslimbruderschaft im Gang war, durfte ich mir die Treffpunkte für die Interviews nicht mehr aufschreiben. Da die Muslimbrüder aus Sorge vor Verhaftungen nicht mehr ihre Zentrale nutzten, fuhr ich einmal in eine Privatwohnung eines hochrangigen Muslimbruders, um ein Interview zu führen. Als ich dort ankam und in diesem dunklen Flur vor einer Haustür ohne Namen stand, habe ich mir schon Sorgen gemacht, was passiert, wenn die Polizei genau jetzt zuschlägt. Dann öffnete Mohammed Badi‘e…

„Als ich dort im dunklen Flur vor einer Haustür ohne Namen stand, habe ich mir schon Sorgen gemacht.“

Annette Ranko ist seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg. Für ihre Doktorarbeit über das Weltbild der ägyptischen Muslimbruderschaft erhielt die Zeithistorikerin Bild: Silke den Oßwald/FMP Deutschen Studienpreis 2013 der Körber-Stiftung in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften.

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…seit 2010 Vorsitzender der Muslimbruderschaft… …die Tür und ein großer Teil der Führungsriege war im Wohnzimmer versammelt. Ich war in ein spontanes Krisenmeeting geraten und wurde erst einmal für zwei Stunden in den hinteren Teil der Wohnung zur Tochter abgeschoben. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, die Geheimdienste hätten herausgefunden, dass die „Verbotene Organisation“ – also die Muslimbruderschaft – geheime Treffen in einer Privatwohnung im Kairener Viertel al-Manial abhält. Genau in diese Wohnung war ich geraten – und bin zum Glück auch unbeschadet wieder herausgekommen.

„Wir sehen, dass die ägyptische Gesellschaft in ihrer Wahr­ nehmung der Muslim­ bruderschaft gespalten ist.“ 32 

Mursi haben Sie nicht ­getroffen? Versucht habe ich es, aber man hat mir klar zu verstehen gegeben, dass er einer der wenigen ist, mit dem prinzipiell keine Interviews möglich wären. Zumindest nicht für mich als westliche Forscherin – und egal wie lange ich warte. Mursi war zu diesem Zeitpunkt schon eine „große Nummer“ in der Organisation, auch wenn er eher hinter den Kulissen agierte und weniger Öffentlichkeitswirksamkeit besaß als andere Führungskader. Wie weit weicht die offiziöse Gedankenwelt beider Seiten vom Bewusstsein des Durchschnittsägypters ab? Gerade momentan sehen wir, dass die ägyptische Gesellschaft in ihrer Wahrnehmung der Muslimbruderschaft tief gespalten ist. Das Mubarak-Regime hat sie als eine Gruppe dargestellt, die

Ihre Untersuchung galt dem Zeitraum zwischen 1981 und 2011. Sie haben dabei Veränderungen in beiden Lagern festgestellt, bei den Muslimbrüdern etwa wurden Leitideen liberaler Demokratien aufgenommen. Wie ernst war es ihnen damit? Für einige war es Taktik, für andere ein echtes Anliegen. Es gibt in der Muslimbruderschaft auf jeden Fall Verfechter demokratischer Grundprinzipien wie freien, fairen und geheimen Wahlen, Gewaltenteilung oder Parteienpluralismus. Was jedoch liberale Werte und persönliche Freiheitsrechte anbetrifft, sieht es schwieriger aus: Hier gibt sich die Gruppe – und das fast geschlossen – weitaus weniger tolerant. Natürlich versuchen sie vor allem vor westlichen Forschern, „unpopuläre“ Themen wie die Einschränkung der Rechte der Frau gar nicht erst anzusprechen. Aber wenn ich diese Punkte selber ansprach, habe ich nie erlebt, dass meine Interviewpartner ihre teils ultrakonservativen isla­ mischen Vorstellungen geleugnet hätten. Letztendlich ist man auf diese Vorstellungen stolz und steht hinter ihnen. Vielen Deutschen ist es vermutlich egal, ob nun ein gemäßigter oder ein konservativer Muslim Ägypten regiert, solange es keinen Krieg mit Israel gibt. Mubarak war in dieser Hinsicht

verlässlich. Wie sieht es mit der Muslimbruderschaft und den heutigen Machthabern aus? Die Muslimbrüder hatten es nach dem Sturz Mubaraks eilig, zu beteuern, dass auch sie keine militärische Konfrontation mit Israel anstreben. Beim Gaza-Konflikt dieses Jahr hat man dann ja auch gesehen, dass Mursi an einer diplomatischen Lösung interessiert war: Er half, eine Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel zu vereinbaren. Auch das Militär hat meiner Meinung nach momentan kein Interesse an einem Krieg mit Israel. Dennoch habe ich den Eindruck, dass man sich nicht mehr so stark von westlichen und israelischen Interessen vereinnahmen lassen will. Schon in den letzten Jahren unter Mubarak war das Militär mit dessen außenpolitischem Kurs nicht immer einverstanden. Sie sind derzeit als ÄgyptenExpertin in zahlreichen Redaktionen zu Gast. Sehen Sie es als Glücksfall, dass das Thema Ihrer Dissertation derart aktuell ist? Natürlich freut es mich, nicht jahrelang an einer Dissertation gearbeitet zu haben, die nun für immer in den dunklen Gängen einer Bibliothek verschwindet. Außerdem habe ich mir das Thema ja bewusst ausgesucht: Forschung ist für mich erst spannend, wenn sie auch eine gesellschaftspolitische Relevanz verspricht. Den arabischen Frühling und diesen rasanten politischen Aufstieg und Fall der Muslimbruderschaft hat man aber natürlich im Jahr 2007 – als ich mit der Dissertation begann – noch nicht voraussehen können.

Wie wird sich Ägypten in den nächsten Jahren entwickeln? Hoffentlich zum Besseren. Hoffentlich wird die Gesellschaft ihre momentane Spaltung überwinden können, werden sich die prodemokratischen Kräfte gegen Teile des alten Mubarak-Regimes durchsetzen. Auch wenn die tatsächliche Lage im Land momentan nur bedingt Anlass für Optimismus bietet – ich denke, wir haben keine andere Wahl, als optimistisch zu sein. i n terv i ew : c h r i sti an walth er

Foto: Lorenz Khazaleh/Flickr

24. Juni 2012: In Kairo feiern Menschen Mursis Sieg bei den Präsidentschaftswahlen.

einen geheimen Plan zur Zerstörung Ägyptens verfolgt. Dieser Diskurs ist bei vielen Ägyptern noch immer – oder gerade jetzt – sehr populär. Andere Menschen stehen nach wie vor hinter der Muslimbruderschaft und sehen sie so, wie diese sich selbst seit vielen Jahren dem ägyptischen Volk präsentiert: als eine Gruppe, die mit friedlichen Mitteln agiert, die für Machtrotation durch demokratische Wahlen ist und die einen Staat anvisiert, in dem islamische Moral und Werte eine große Rolle spielen. Auch für viele nicht-islamistische Ägypter qualifiziert das die Muslimbruderschaft, eine legale politische Kraft zu werden und am formalen politischen Prozess beteiligt zu sein.

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Das

Plastikmeer Meeresforscher Ulrich Bathmann: Bei der Vermeidung

Foto: IOW

von Müll geht es um mehr als „nur“ Plastiktüten.

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Die jüngsten Pläne der EU, die Produktion und Nutzung von Plastiktüten einzuschränken, sind immerhin ein Anfang – doch reichen wird das nicht. Die Tüten machen nur einen Teil des gesamten Plastikmülls aus. Weil sich die Kunststoffe in den Ozeanen kaum zersetzen, ist vor allem der Müll ein Problem, der bereits da ist. Doch kostenund energieeffiziente Techniken, die den Plastikmüll auf riesigen Meeresflächen einsammeln, sind momentan noch völlig unpraktikabel. Dauerhaft können wir das Problem nur mit einer Kombination aus Müllvermeidung, effizienten Sammeltechniken und neu entwickelten Verpackungsmaterialien, die sich in Seewasser zersetzen, lösen. Die aktuelle Weltjahresproduktion von Plastik wird auf 245 Millionen Tonnen geschätzt. Ein großer, jedoch nicht genau bekannter Teil davon landet im Meer und macht Plastik zur heute häufigsten Form von Müll in den Ozeanen. Und die Plastikproduktion steigt derzeit nahezu ungebremst weiter an. Die Gefahren, die von Plastik im Ozean für dessen Organismen ausgehen, sind wahrscheinlich ebenso groß wie die durch Überfischung oder Folgen des Klimawandels. Das Grundproblem: Plastik ist schwer abbaubar, bleibt viele Jahrhunderte in den Ozeanen erhalten und reichert sich regional an. Die Vorstellung eines Ozeans voller Plastiktüten ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Ein Großteil des Plastikmülls ist mit bloßem Auge kaum zu sehen. Aufgrund der geringen Abbaubarkeit von Plastik wird dieses zwar kaum zersetzt, aber durch physikalisches Zermahlen und sogenannte Fotodegradation durch Sonnenlicht in viele kleine Partikel mit einer Größe um 20 Mikrometer (0,02 mm) zerlegt. Diese Plastikfragmente finden sich heute in allen Ozeanen der Erde. Einige der Gefahren, die von größeren Müllpartikeln ausgehen, sind offensichtlich. So reichern sich zum Beispiel größere Plastikreste in den Körpern von Meeresvögeln an, die oft weite Bereiche nach Futter durchstreifen und wenig selektiv fressen. Darüber hinaus verstopft es den Magenausgang vieler Wirbeltiere wie den Meeresschildkröten oder schnürt sie ein. Beides führt unweigerlich zu deren Tod.

Bei Plastikfragmenten ist das Gefahrenpotential komplexer. Die zerkleinerten Partikel haben eine deutlich größere Oberfläche als ihr Ursprungsmaterial. Organische Schadstoffe wie Polychlorierte Biphenyle (PCBs) oder das Insektizid DDT reichern sich entsprechend auf den Partikeloberflächen an und gelangen so hochkonzentriert ins Nahrungsnetz. Zwar wurden P ­ roduktion und Nutzung der schlimmsten chlorierten Plastikprodukte durch die Stockholmer Konvention von 2001 verboten oder zumindest stark eingeschränkt. Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn auf Plastikoberflächen siedeln auch zahl­reiche Mikroben und bilden Biofilme aus, die als „Plastisphäre” bezeichnet werden – und die ist umso größer, je kleiner die Partikel sind. Diese Gemeinschaften unterscheiden sich deutlich von der im Umgebungswasser. Einige ihrer Mitglieder könnten sogar Pathogene (Krankheitserreger) sein (z.B. Vibrio), die neue Infektionsrisiken erzeugen könnten. Insbesondere dieses Gefahrenpotential des Mikroplastiks ist bislang kaum erforscht und es ist überfällig, diese Wissenslücke zu schließen. Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde hat deshalb ein entsprechendes Forschungsprojekt über den Leibniz-Wettbewerb initiiert und beteiligt sich federführend an entsprechenden nationalen und europäischen ­Initiativen.

Ulrich Bathmann ist Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde und Professor für Erd­ systemforschung an der Universi­ tät ­Rostock. Der Meeres­biologe blickt auf mehr als 20 Expedi­tionen auf ­Forschungsschiffen zurück und ist Sprecher der Sektion Umweltwissen­schaften der LeibnizGemeinschaft.

u l r i c h bath m an n

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Kleines Reiskorn,

große Wirkung Energie der Zukunft: Winzige Diodenlaser werden die Stromversorgung revolutionieren, ist sich Paul Crump sicher. Dafür kühlt

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Die Automatikbürste surrt. Wer den Reinraumbereich des Ferdinand-Braun-Instituts, LeibnizInstitut für Höchstfrequenztechnik (FBH) betreten möchte, muss sich von ihr die Schuhsohlen schrubben lassen. In den Laboren herrscht reges Treiben. Nicht umsonst gilt das Institut als weltweit führend, wenn es um Lasertechnologie geht – eine der Schlüsseltechnologien in Deutschland. Die Forscher tragen weiße Ganzkörperanzüge mit integriertem Mundschutz. „Schon kleinste Minipartikel wie ein Staubkorn können die Chips, mit denen wir arbeiten, beschädigen und wochenlange Arbeit zunichtemachen“, sagt Paul Crump, der sich am FBH mit dem Projekt CryoLaser beschäftigt, das über den Leibniz-Wettbewerb gefördert wird. Im Sommer kürte die Fachwelt im kalifornischen San Jose das Vorhaben zu einem „hot topic“. CryoLaser, da ist sich

Crump sicher, hat das Potenzial, eine neue Zukunftstechnologie zu begründen: die nachhaltige Energieerzeugung durch laserinduzierte Fusion.

Kraftwerke von morgen

Halbleiterlaser haben mittlerweile in nahezu allen Bereichen Einzug gehalten: in die Kommunikationstechnologie, die Medizintechnik bis hin zur Industrie. Auch im Alltag sind Laser unverzichtbar: ob nun mit ihrer Hilfe Lebensmittel an Supermarktkassen gescannt oder Datenpakete über Glasfaserkabel versendet werden. Doch all diese Anwendungsgebiete genügen Paul Crump und anderen Forschern weltweit schon lange nicht mehr. Diodenlaser bieten das Potenzial für mehr – warum nicht auch für die Energiegewinnung? Das ehrgeizige

Ziel der Berliner Forscher ist es, den herkömmlichen und – wie nicht zuletzt die Katastrophe von Fukushima gezeigt hat – mit hohen Risiken verbundenen Kernkraftbetrieb vollends abzulösen. Die Energie der Zukunft soll in laserbetriebenen Großanlagen produziert werden, sauber und kostengünstig. „Wir wollen einen Paradigmenwechsel.“ Für Crump und seine Kollegen ist der Weg zum Ziel klar. Mithilfe von Diodenlasern, den effizientesten Lichtquellen überhaupt, soll die laserinduzierte Fusion in den Kraftwerken von morgen umgesetzt werden. Diodenlaser besitzen aktuell eine Effizienz von mehr als 60 Prozent Wirkungsgrad, von der zugeführten elektrischen Energie werden also 60 Prozent in nutzbare optische Leistung (Licht) umgewandelt. Zum Vergleich: LED-Birnen sind zu 20 bis 25 Prozent effizient,

Foto: NASA Marshall Space Flight Center; FBH; FBH/Petra Immerz

er sie auf Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt.

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LEIBNIZ | SPEKTRUM Alles ist erleuchtet: Ein Blick aus der ­Raumstation ISS auf die nächtlichen Lichter Nordwesteuropas illustriert den enormen Bedarf an Energie. ­Die laserinduzierte Fusion könnte sie nachhaltig erzeugen.

Glühbirnen sogar nur zu fünf bis zehn Prozent. Um ihr Projekt umzusetzen, benötigen die Forscher aber noch effizientere Hochleistungslaserdioden. „Was Forscher weltweit in der Lasertechnologie erreicht haben, ist beeindruckend“, sagt Crump. „Aber um in großem Stile Energie zu gewinnen, müssen wir sie weiter vorantreiben.“ Laserdioden sind reiskorngroße Bauteile, die aus Halbleitern hergestellt werden. Führt man ihnen Strom zu, strahlt der Laser Licht ab. Material und Beschaffenheit des Halbleiterbauteils, also sein Design, können stark variieren – abhängig davon, welchen Zweck die Laserdiode erfüllen soll. In der Medizintechnik beispielsweise sind andere Wellenlängen und Eigenschaften erforderlich als in der Automobilindustrie. Dabei gilt jedoch immer, das Design effizient zu gestalten, sodass der Strom möglichst ungehindert fließen kann und sich der Energieverlust in Grenzen hält. Zudem kann man die optische Ausgangsleistung einer einzelnen Laserdiode variieren. Gut 20 Watt werden am FBH zurzeit maximal erreicht, kommerzielle Laser liefern in etwa 12 Watt. Kombiniert man nach dem Baukastenprinzip mehrere Laserchips zu einem Barren, kann man die Leistung pro Bauelement steigern. Und genau das kommt bei CryoLaser zum Tra-

Will aus kleinen Lasern große Leistung holen: Paul Crump.

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gen: Um die Welt mit Energie zu versorgen, braucht es Laserbarren mit noch höherer Ausgangsleistung und gesteigerter Effizienz. Dadurch würden zugleich weniger Diodenlaser benötigt und die Kosten somit sinken.

Tiefere Temperatur, höhere Leistung

Ab einem bestimmten Punkt führen hohe Leistungen allerdings zu Einbußen in der Effizienz, die dann steil abfällt. Um diesen Punkt hinauszuzögern, müssen sowohl Effizienz als auch Leistung erhöht werden. Dazu machen sich die Wissenschaftler am FBH die Tatsache zunutze, dass viele Halbleitermaterialien im kalten Zustand bessere Eigenschaften aufweisen. „Wenn wir die Betriebstemperatur der Diodenlaser deutlich unter den Gefrierpunkt absenken, können wir deren Ausgangsleistung signifikant erhöhen“, erklärt Crump. „Die Effizienz steigern wir parallel mit eigens dafür entworfenen Designs.“ In einem nächsten ­ Schritt muss also die Temperatur bis auf -50 Grad Celsius gesenkt werden, um die Effizienz auf 75 Prozent zu steigern. Sollte dieser Leistungssprung gelingen, wäre das auch für andere Bereiche interessant, in denen ökonomisches und zugleich umweltbewusstes Denken zunehmend eine Rolle spielt, in der Automobilbranche oder im Schiffsbau beispiels­ weise. Schon jetzt erhält das FBH Anfragen von Industriekonzernen, die ihre Anwendungen mithilfe neuer Lasertechnologie verbessern wollen. Für Paul Crump und das CryoLaser-Team kommen diese Anfragen jedoch noch zu früh: „Solange wir die Effizienz der Diodenlaser nicht steigern konnten, macht das System ökonomisch keinen Sinn – und damit auch nicht seine kommerzielle Anwendung.“

Doch der Physiker und seine Kollegen sind optimistisch: Bis Ende 2014 soll die für die laserinduzierte Fusion erforderliche Effizienz der Laserdioden auf 80 Prozent gesteigert werden. Barren, die die dafür nötigen 1.600 Watt Leistung erbringen, haben sie bereits entwickelt. Ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass die Leistung vor zehn Jahren noch bei 100 bis 200 Watt lag und somit in kürzester Zeit verzehnfacht wurde.

Klein und leistungsstark: Diodenlaser aus dem Ferdinand-BraunInstitut.

Projektziel saubere Energie

Bis die Forscher am Ziel sind, werden sie in jeder Entwicklungsstufe die neuesten Laserbarren zu Testzwecken an international führende Fachgruppen schicken, die sich mit laserinduzierter Fusion beschäftigen. So auch Großbritannien, Paul Crumps Heimat. Zehn Jahre hat er dort in der Technologieentwicklung gearbeitet, bevor es ihn zurück an die Schnittstelle zur Forschung ans anwendungsorientierte FBH zog. In Berlin möchte er seine Arbeit zur Lasertechnologie weiter voranbringen. Crumps größter Wunsch für die Zukunft ist es, dass seine Entwicklungen eines Tages außerhalb des Labors eingesetzt werden und helfen, in einem Kraftwerk saubere Energie zu erzeugen. „Unser Projekt soll den Menschen schließlich etwas nützen.“  ju l i a v oi g t

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Aufbruch der Jugend

Aktuelle Ausstellungen

aus der Leibniz-Gemeinschaft

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt 100 Jahre Jugendbewegung.

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Als sich im Oktober 1913 Tausende junge Menschen zum „Fest der Jugend“ auf dem Hohen Meißner bei Kassel versammeln, kämpfen sie gegen Spießbürgerlichkeit und die Bevormundung in einer von Erwachsenen dominierten Gesellschaft. Die Jugend will ihr Leben „aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit“ gestalten, heißt es in der sogenannten Meißner-Formel, die auf dem osthessischen Bergmassiv formuliert wurde. „Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“ Die Rebellion der Heranwachsenden war der Beginn einer Jugendbewegung, die die Gesell-

schaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägt – aber auch begeistert in den ersten Weltkrieg zieht. Wie sich Traditionen, Werte und Ziele der Jugend veränderten, zeigt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Anschaulich zeichnen die Kuratoren in „Aufbruch der Jugend“ die Geschichte der deutschen Jugendbewegung nach. Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben führt die Jugendlichen zunächst in die Natur. Sie schließen sich zusammen, unternehmen Wanderreisen und musizieren auf Gitarren und Flöten. „Wandervögel“ nennen sich die Schüler und Studenten aus bürgerlichem Hause. Voller Leidenschaft verfechten sie vege-

Leonardo da Vinci: Vorbild Natur — Zeichnungen und Modelle bis 3.8.2014

Glanzlichter 2013 bis 12.1.2014

Deutsches Museum, München

Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn

Mechanische Tierwelt bis 23.2.2014

Von den Vögeln lernen, heißt Fliegen lernen. Nach dieser ­Maxime ging Leonardo da ­Vinci einem Menschheitstraum nach und erstellte Modelle von Flügelskeletten. Der Universalgelehrte wusste, dass Erkenntnisse des Lebens aus der Naturbeobachtung zu gewinnen sind. Anstatt bloß Bücher zu studieren, riskierte er einen Blick vor die Tür und skizzierte, notierte und rekonstruierte, was er sah. Einige seiner Handschriften werden nun in München gezeigt und durch Nachbauten seiner Modelle ergänzt. Höhepunkt der Ausstellung: ein einer Möwe nachempfundener Flugroboter, der eigenständig starten, fliegen und landen kann.

Die Weinbergschnecke zählt mit einer Spitzengeschwindigkeit von drei Metern pro Stunde zu den schnellsten Vertretern ihrer Klasse – und bewegt sich in den Augen des Betrachters dennoch im Schneckentempo. Die Jury von „Glanzlichter 2013“ kürte die Aufnahme einer Schnecke vor Sternenhimmel trotzdem zum Gewinner des größten Naturfoto-Wettbewerbs Deutschlands. Rasend schnell erscheint das Kriechtier dank Langzeitbelichtung auf dem Bild des luxemburgischen Fotografen Marc Steichen. Insgesamt hatten 1.149 Fotografen 18.450 Werke eingereicht. Das ­Bonner Forschungsmuseum zeigt die 87 Gewinnermotive.

Aufziehbare Tierfiguren fristen im Kinderzimmer von heute ein Schattendasein. Im Zeitalter interaktiver Spielkonsolen und infrarotgesteuerter Mini-Hubschrauber sind sie – bildlich gesprochen – vom Aussterben bedroht. Die Berliner Fotografen Sebastian Köpcke und Volker Weinhold holen die mechanisch ratternden Löwen, Wildgänse und Elefanten zurück in die Gegenwart. Über 200 Exemplare und 60 Fotografien zeigen sie in Frankfurt und erzählen so die Kulturgeschichte des Spielzeugs. Die Figuren werden dabei in ihrer natürlichen Umgebung nachempfunden Modellen in Szene gesetzt: in afrikanischem Dschungel, deutschem Mischwald oder am Südpol.

Senckenberg Naturmuseum, Frankfurt a. M.

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LEIBNIZ | MUSEEN

Fotos: VG Bild-Kunst; Hamburger Kunsthalle; Deutsches Museum; Marc Steichen; Sebastian Köpcke & Volker Weinhold; Hans Hermann Hertle/ZZF; Armin und Birgit Trutnau; Michael Jungblut / Atelier Brückner

tarische Ernährung und zwanglose, funktionale Kleidung – eine ­Lebensweise, die in krassem Gegensatz zu der ihrer Eltern steht. Dann politisiert sich die Jugend. Wie im Rausch zieht sie in den ersten Weltkrieg – und kehrt gedemütigt zurück. In den Jahren darauf entsteht eine Vielzahl neuer Jugendbünde. Einige beschäftigen sich mit Musik, andere verschreiben sich einem deutschtümelnden Denkmalund Heimatschutz. Sie uniformieren sich, tragen Fahnen und Abzeichen. Schleichend beginnt so der Übergang in „Hitlerjugend“ und „Bund Deutscher Mädel“. 1934 schließlich werden sämtliche Jugendbünde in die nationalsozialistischen Organisationen zwangseingegliedert. Nach dem zweiten Weltkrieg versucht die Jugend an ihre ­Ideale von einst anzuknüpfen: ein Leben im Einklang mit der Natur und gemeinsames Musizieren. Auf Burg Waldeck, die als Sitz der „Nerotaler Wandervögel“ Ziel

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„Rassenhygiene“ und TerrorJustiz. Die Potsdamer Lindenstraße im National­sozialismus. neue Dauerausstellung

Gedenkstätte Lindenstraße 54/55, Potsdam

Die Geschichte der Potsdamer Lindenstraße 54/55 ist eng mit dem Leid Tausender Menschen verknüpft. Im Nationalsozialismus war sie unter anderem Sitz des Erbgesundheitsgerichts und Haftort des Volksgerichtshofs. Am Beispiel von rassenidiologisch und politisch verfolgten Menschen dokumentiert die vom Zentrum für Zeithistorische Forschung mitkonzipierte Dauerausstellung, wie das nationalsozialistische Herrschaftsund Repressionssystem Einzug in Potsdams Innenstadt hielt. Im Fokus stehen auch die Radikalisierung der Justiz und die verantwortlichen Richter und Ärzte.

vieler Jugendfahrten ist, findet 1964 Deutschlands erstes OpenAir-Festival statt. Man spielt Folklore, Chansons und Protestlieder, die einen Kontrapunkt zur heilen Schlagerwelt bilden. 100 Jahre nach dem Treffen auf dem Hohen Meißner erscheint die Vorstellung, gemeinsam zu wandern und zu singen, den meisten Jugendlichen wohl eher altmodisch. Dennoch gibt es Themen und Motive, die den Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein bis heute prägen, das Aufbegehren gegen die Eltern, das Aufbrechen konventioneller Lebensweisen. Nach wie vor interessieren sich junge Menschen für die Natur. Inmitten von Städten legen Studierende Gärten an oder teilen sich in der WG eine „Bio-Kiste“. „Aufbruch der Jugend“ dokumentiert jedoch nicht nur die Entwicklung der Jugendbewegung, sondern auch persönliche Erinnerungen. Mitten in der Ausstellung steht eine sogenannte

Kohte, das typische Zelt, das Jugendgruppen auf ihre Wanderungen mitnahmen. Einer, der noch selbst darin geschlafen hat, hat es ausgeliehen. Hörstationen lassen die Musik der Jugendbewegung erklingen und erinnern an ihre Festivals. Einige Besucher waren selbst dabei, aber auch jüngere Menschen können sich in der Ausstellung wieder finden und sie mitgestalten: Am Ende des Rundgangs steht ein Regal, in dem alles Platz findet, was der Besucher mit der eigenen Jugend verbindet. Ob Spielkonsole, Skateboard oder Plattenspieler.  m ar ei ke str au ss Aufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung bis 19.1.2014 Germanisches Nationalmuseum Kartäusergasse 1 · 90402 Nürnberg Öffnungszeiten Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr www.gnm.de

Schwerelos — Die Welt im Wasser bis 2.2.2014

Zukunft leben: Die demografische Chance bis 9.1.2014

Die preisgekrönten Unterwasserfotografen Birgit und ­Armin Trutnau entführen den Besucher in die farbenfrohe ­ Welt der Wasserlebewesen. Mal sind diese winzig wie die Feuersalamander-Larve im heimischen Bach, mal riesig wie algenfressende Seekühe – und mal auch nicht ganz ungefährlich wie zum Beispiel Haie. Dennoch kommen die Künstler den Protagonisten ihrer Fotografien in Riffen und den unterschiedlichsten Gewässern in aller Welt auf fast schon intime Weise nahe. Der Betrachter erhält so einen Eindruck vom Gefühl der Schwerelosigkeit, ohne selbst nasse Füße zu bekommen.

Bildung entscheidet über den Lebensstandard des Einzelnen und den gesellschaftlichen Wohlstand. Nur mit einem Bildungssystem, das jeden erreicht und ein ganzes Leben lang begleitet, können wir den Herausforderungen des demografischen Wandels begegnen. Das ist ein Thema der von der L ­eibniz-Gemeinschaft entwickel­ten Wanderausstellung im ausklingenden Wissenschaftsjahr 2013. Auch an ihrer nunmehr fünften Station soll sie zum Nachdenken über die Chancen im demografischen Wandel anregen. Weitere Ausstellungsbereiche sind unter anderem Geburtenentwicklung, ­Arbeit, Altern und Migration.

Senckenberg Museum für Naturkunde, Görlitz

Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven

Mehr Sonderausstellungen unserer Forschungsmuseen finden Sie online: www.leibnizgemeinschaft.de/ institute-museen/ forschungsmuseen/ leibniz-museenaktuell/

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LEIBNIZ | IMPRESSUM

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Redaktion: Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, g im seum ebnisse Christian Walther (Chefredakteur), Christoph erbeten. serg auGroßeisAcuhsesnteNllautetinoFnoarlmscuhBeleg ung Auflage: 24.000 Herbort-von Loeper (C.v.D.), David Schelp; Germantiert neues en präs Ausgabe 4/2013: November Kristian Kaltschew, Mareike Strauß, Julia Voigt www.leibniz­gemeinschaft.de/journal (Praktikanten), Nora Tyufekchieva (Grafik), Steffi Kopp (Assistenz). Das Leibniz-Journal erscheint viermal jährlich. journal@leibniz­gemeinschaft.de Es wird gratis über die Institute und Museen der Leibniz-Gemeinschaft verbreitet. Anzeigen: Außerdem kann es über die Redaktion kostenlos Axel Rückemann, anzeigen@leibniz-gemeinschaft.de unter abo@leibniz-gemeinschaft.de abonniert Telefon: 030 / 20 60 49-46 werden. Layout: ISSN: 2192-7847 Stephen Ruebsam, unicom-berlin.de Leibniz twittert: twitter.com/#!/LeibnizWGL Druck: Leibniz ist auf Facebook: PRINTEC OFFSET – medienhaus, Kassel facebook.com/LeibnizGemeinschaft

Die Leibniz-Gemeinschaft – 86 Mal Forschung zum Nutzen und Wohl der Menschen:

Akademie für Raumforschung und Landesplanung – Leibniz-Forum für Raumwissenschaften (ARL), Hannover · Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI), Hamburg · Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA), Freising · Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED), Köln und Bonn · Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft (ZBW), Kiel · Deutsches BergbauMuseum (DBM), Bochum · Deutsches Diabetes-Zentrum – Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (DDZ) · Deutsches Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung Speyer (FÖV) · Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE), Potsdam-Rehbrücke · Deutsches Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), Bonn · Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Frankfurt am Main · Deutsches Museum (DM), München · Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ), Göttingen · Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ) · Deutsches Schiffahrtsmuseum (DSM), Bremerhaven · DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) · Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH), Berlin · FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur (FIZ KA) · Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften (FZB), Borstel · Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI), Braunschweig · Germanisches Nationalmuseum (GNM), Nürnberg · GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS), Mannheim · GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburg · Heinrich-Pette-Institut – Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI), Hamburg · Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft (HI), Marburg · Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Frankfurt am Main · ifo Institut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. (ifo) · ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS), Dortmund (assoziiert) · INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien (INM), Saarbrücken · Institut für Deutsche Sprache (IDS), Mannheim · Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) · Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) · Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (IfZ) · Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik (KIS), Freiburg · LeibnizInstitut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH (DSMZ), Braunschweig · Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Halle · Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) · Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena · Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften – ISAS – e. V. (ISAS), Dortmund und Berlin · Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG), Hannover · Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) · Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) · Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik an der Universität Rostock (IAP), Kühlungsborn · Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Kiel · Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz · Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW) · Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ), Großbeeren & Erfurt · Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin · Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP), Frankfurt (Oder) · Leibniz-Institut für Katalyse e. V. an der Universität Rostock (LIKAT) · Leibniz-Institut für Kristallzüchtung (IKZ), Berlin · Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), Leipzig · Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP), Berlin · Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (HKI), Jena · Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN), Magdeburg · Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN), Dummerstorf · Leibniz-Institut für Oberflächenmodifizierung (IOM), Leipzig · Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden · Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde an der Universität Rostock (IOW) · Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), Halle · Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), Gatersleben · Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP), Greifswald · Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden (IPF) · Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen · Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Erkner · Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig · Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gGmbH (IUF) · Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen · Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Berlin · Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), Müncheberg · Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie GmbH (ZMT), Bremen · Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier · Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach (MFO) · Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI), Berlin · Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN), Berlin · Paul-Drude-Institut für Festkörperelektronik (PDI), Berlin · Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) · Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen · Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM), Mainz · Schloss Dagstuhl – Leibniz-Zentrum für Informatik GmbH (LZI) · Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN), Frankfurt am Main · Technische Informationsbibliothek (TIB), Hannover · Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik Leibniz-Institut im Forschungsverbund Berlin e. 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Herausgeber: Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer

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LEIBNIZ | LEKTÜRE

Gesine Steiner: Mukas geheimnisvolle Nacht im Museum — Das Berliner Naturkundemuseum für kleine Forscher; 28 Seiten, Nicolai Verlag, Berlin 2010, 9,95 Euro; ISBN 978-3-89479-587-0

Wolfgang M. Heckl: Die Kultur der Reparatur; 208 Seiten, Hanser Verlag, München 2013; 17,90 Euro;

Fotos: Arne Beitmann; Nicolai-Verlag; Hanser Verlag; Wallstein Verlag

ISBN 978-3-446-43678-7

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Frank Bösch und Peter Hoeres: Außenpolitik im Medienzeitalter. Vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 343 Seiten, Wallstein-Verlag, Göttingen 2013; 29,90 Euro; ISBN 978-3-8353-1352-1

Muka, ein Zwergplumplori, der früher in den Urwäldern Chinas und Vietnams zu Hause war, wohnt jetzt im Berliner Museum für Naturkunde. In „Mukas geheimnisvolle Nacht im Museum“ begleitet er kleine Forscher auf ihren Streifzügen zwischen den Dinosaurierskeletten und ausgestopften Tieren der Ausstellung. Zusammen mit dem putzigen Feuchtnasenaffen entdeckt er dabei Tiere, die so lustige Namen wie Löffelhund oder Elefantenspitzmaus tragen und bestaunt farbenfrohe Kristalle verschiedenster Art. Auf dem Rundgang durch das Museum macht Muka außerdem Bekanntschaft mit Charles Darwin und lauscht gespannt den Geschichten über seine berühm-

te Entdeckungsreise auf dem Forschungsschiff „Beagle“ und die Erforschung der Evolution. Am Ende stehen beide, Zwergplumplori und Naturforscherlegende, voller Bewunderung vor den Exponaten ausgestorbener Tiere und riesiger Fossilien. Mit Muka und Darwin können Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren auf spielerische Weise die Vielfalt und Arbeitsweise des Naturkundemuseums entdecken. Bunte, großflächige Illustrationen erklären, was Präparate sind und wie majestätische Dinosaurier einst den Urwald beherrschten. Dieses liebevoll gestaltete und dabei übersichtliche Lese- und Vorlesebuch für kleine und große Forscher macht Lust auf eim i c h ael g i esen gene Entdeckungsrundgänge.

Immer neue Technologien, Funktionen und Trends lassen technische Geräte, Kleidung und andere Gegenstände schnell alt aussehen. Meistens werden dann neue Dinge gekauft, auch wenn die alten eigentlich noch in Ordnung sind. Das bemängelt auch Wolfang Heckl. Der Physiker und Generaldirektor des Deutschen Museums in München kritisiert das viele Wegwerfen, wenn etwas nicht mehr gefällt, wenn Einzelteile defekt oder Funktionen überholt sind. Dabei richtet sich seine Kritik auch gegen die Industrie, die die Lebenszeit ihrer Produkte durch minderwertiges Material oder Schwachstellen absichtlich verringert. Aber auch gegen eine

Gesellschaft, die verlernt hat, kaputte Dinge zu reparieren. Eine neue „Kultur der Reparatur“ nennt Heckl eine Bewegung, in der Menschen gemeinschaftlich selbst herstellen, reparieren, umgestalten. Dabei zählt nicht nur das gesparte Geld. Vielmehr geht es um das Glücksgefühl, etwas mit denen eigenen Händen erschaffen oder erhalten zu haben. Heckls Buch regt zum Nachdenken über das eigene Konsumverhalten an, erhebt aber nicht den moralischen Zeigefinger. Vielmehr motiviert der Autor, achtsamer und wertschätzender mit Besitz umzugehen. Beispiele aus seinem eigenen Alltag zeigen, dass Heckl überzeugter Teil der Reparatur-Bewem ar ei ke str au ss gung ist.

Die Wirkungsmacht neuer Medien auf außenpolitische Entscheidungen wird viel diskutiert. Der von Frank Bösch, Direktor am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, mit herausgegebene Sammelband „Außenpolitik im Medienzeitalter“ versucht, diese Debatte zu historisieren: Inwieweit prägten früher bereits neu aufgekommene Medien politische Weichenstellungen und umgekehrt die Politik die Medien? 13 Beiträge beleuchten unterschiedliche Facetten des Oberthemas. Neben den von Bösch eingebrachten mediengeschichtlichen Aspekten steuern zwei weitere Leibniz-Wissenschaftler vom Institut für Zeitgeschichte diplomatie-geschichtliche Aufsätze bei. Hermann Wentker betrachtet

die Außen- und Deutschlandpolitik der DDR im deutsch-deutschen Kommunikationsraum. Seiner Meinung nach gab es in der DDR keine eigenständige Öffentlichkeit, die Einfluss auf die Außenpolitik gehabt habe, wenngleich die DDRFührung sich stark an ausländischen Medien orientierte. Tim Geiger kommt bei der Betrachtung des Einflusses der deutschen Friedensbewegung auf die Entscheidungen zum NATO-Doppelbeschluss zu dem Ergebnis, dass die Friedensbewegung kein Faktor gewesen sei, dem die Bundesregierung hätte Rechnung tragen müssen. Allerdings habe diese sich durch die Proteste vermehrt unter einem Legitimationszwang gegenüber den Medien gesehen. c h r i stoph h er bort - v on l oeper

Wir verlosen Exemplare unserer beiden ersten Buchvorstellungen. (▶ S. 43)

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LEIBNIZ | LIFE

„Manche

fixe Idee hängt uns bis heute nach.“ Welche Ziele hatten Sie? Unser wichtigstes Ziel war sicher die Fortsetzung der Demokratisierungsbestrebungen an den Hochschulen. Wir wollten aber auch die Ungerechtigkeiten beseitigen, die aus der SED-Kaderpolitik entstanden waren, oder sie zumindest abmildern. Aber die Einheit kam dann ja viel schneller, als wir alle gedacht hatten.

Hans Joachim Meyer bei der Einweihung des Neubaus des Leibniz-Instituts für Festkörper und Werkstoffforschung in Dresden am 16. November 1999.

Hans Joachim Meyer ist der Träger des Hans-Olaf-HenkelPreises – Preis für Wissenschaftspolitik 2013. Der letzte Wissenschaftsminister der DDR und ehemalige sächsische ­Wissenschaftsminister über die Umbrüche im deutschen Wissenschaftssystem im Zuge der Wiedervereinigung und die forschungspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Sie werden in diesem Jahr mit dem „Preis für Wissenschaftspolitik“ ausgezeichnet. Wann haben Sie das erste Mal realisiert, dass Sie Forschungspolitiker geworden sind? Na ja, in dem Moment, als Lothar de Maizière mich 1990 nach den Volkskammerwahlen bat, als Minister für Bildung und Wissenschaft in sein Kabinett einzutreten.

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Aber das kam doch nicht aus heiterem Himmel? Ich war wie viele seit dem Herbst 1989 politisch engagiert. Persönlich aber eher in der Richtung, in der DDR wieder eine katholische Laienorganisation aufzubauen.

Um das möglichst unabhängig vorantreiben zu können, war ich auch ganz bewusst in keine Partei eingetreten. Andererseits war ich schon lange an Hochschul- und Wissenschaftspolitik interessiert und damals wohl tatsächlich einer der wenigen in der DDR, die auf diesem Gebiet auch die Situation in der Bundesrepublik einigermaßen im Blick hatten. Welche Perspektiven hatte die ostdeutsche Wissenschaftslandschaft, als Sie im April 1990 Minister wurden? Die Regierung de Maizière wollte die deutsche Einheit, und nach den Wahlen war im Prinzip klar, dass die Einheit kommen würde – wir wussten nur nicht, wie lange es dauern würde. Und: Natürlich wollten wir die Wissenschaftslandschaft in der DDR noch gestalten. Im Westen gab es hingegen die Haltung, wir sollten ihnen den Laden möglichst besenrein übergeben, sie wüssten dann schon, was zu tun sei. Ich habe diese Zeit als sehr spannungsgeladene Phase im Verhältnis mit der Bundespolitik in Erinnerung.

Aber sie konnten ja mehr oder weniger nahtlos an Ihre Arbeit als DDR-Wissenschaftsminister anknüpfen – als erster sächsischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Die personelle und strukturelle Erneuerung der Hochschulen in den ostdeutschen Ländern hat uns von morgens bis abends ausgefüllt. Und die Zeit drängte, denn innerhalb der ersten Legislaturperiode musste das erledigt sein.

Das ist Ihnen doch gut gelungen, die Zusammenführung der ­Wissenschaftslandschaft Ost- und Westdeutschlands gilt gemeinhin als Paradebeispiel für die gelungene Wiederver­ einigung. Vom Ergebnis her gesehen ist das sicher richtig, aber der Weg dahin war schwierig genug. Es war eine Zeit der Schwarz-Weiß-Bilder. So gab es durchaus ernstzunehmende Stimmen, die forderten, alle Universitäten in Ostdeutschland zunächst zu schließen, weil dort keine wissenschaftliche Leistung zu finden sei. Das war natürlich eine groteske Fehleinschätzung, denn sicher war die Forschung in der DDR durch das System beschädigt, aber dennoch auf vielen Gebieten durchaus im internationalen Vergleich leistungsfähig...

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LEIBNIZ | LIFE Hans-Olaf Henkel (li.) und Hans Joachim Meyer (Mi.) bei der Einweihung des Max-Bergmann-Zentrums Dresden mit Dresdens Uni-Kanzler Alfred Post im April 2002.

… jedoch personell wie organisatorisch nicht automatisch passfähig für das bundesdeutsche System? Für die Hochschulen sind ja die Länder zuständig. Aber die ostdeutschen Länder waren finanziell in hohem Maße vom Westen abhängig. Es war natürlich undenkbar, dass eine Universität im Osten besser ausgestattet würde als im Westen. Und so schlugen die schlechten Betreuungsrelationen im Westen voll auf uns im Osten durch. In Sachsen musste das Hochschulpersonal halbiert werden.

Fotos: IFW/Privatarchiv Meyer; IPF Dresden; Christoph Herbort-von Loeper

Was trotz des grundsätzlichen Erfolgs viel menschliche Härten mit sich brachte. Das war sicher eine der bedrückendsten Erfahrungen für mich bis heute: Kollegen entlassen zu müssen, von deren Leistungsfähigkeit und Integrität ich überzeugt war.

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Also: menschlich schwierig, aber institutionell folgerichtig und konsequent? Auch die institutionellen Lösungen waren strittig. Bei den außeruniversitären Instituten ist der heutige Stand das Ergebnis heftigster Auseinandersetzungen und Konflikte. Ein Grund dafür ist die Behauptung, in der DDR seien Forschung und Lehre getrennt gewesen – also Forschung in den Akademien und Lehre in den Hochschulen. Das ist schlichtweg falsch. Richtig ist, dass in der DDR die Proportionen zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung etwa so waren wie in der alten Bundesrepublik. Schon im Kaiserreich war klar, dass Forschung nicht international wettbewerbsfähig sein kann, wenn sie allein an Universitäten angesiedelt ist, die unter Länderhoheit betrieben werden. Das führte damals ja zur Gründung der KaiserWilhelm-Gesellschaft. Nach der Wiedervereinigung bot sich nun scheinbar die Möglichkeit, die Akademie-Institute wieder in die

Universitäten zu integrieren. Das hätte als Vorbild für Westdeutschland dienen können, um das vermeintlich privilegierte und die Universitäten diskriminierende Modell der außeruniversitären Forschung abzuschaffen. Aber das war eine typische ProfessorenIdee – absolut unhistorisch und ohne jeglichen Sinn für finanzpolitische Realitäten. Aber diese Vorstellungen sind ja nun nach fast 25 Jahren überwunden. Mitnichten, diese fixen Ideen hängen uns bis heute nach und man findet sie immer wieder. Dabei ist jedem klar, dass wir unter der föderalen Zuständigkeit für die Wissenschaft bei den Ländern Kooperations- und Finanzierungsmöglichkeiten für den Bund brauchen.

Deswegen wird doch auch über eine Änderung des Artikels 91b Grundgesetz beraten, um dem Bund mehr Möglichkeiten zu geben. Wir brauchen diese Grundgesetzänderung auch dringend. Vor allem, um den Kardinalfehler der Föderalismusreform von 2006 zu korrigieren, die Hochschul­ bauförderung als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern aufzugeben und allein den Länder zuzuschlagen. Das war wirklich Unsinn und widersprach den Interessen der meisten Länder. Doch noch ist längst nicht ausgemacht, dass eine Grundgesetzänderung kommen wird. Die Länder wollen stattdessen einen höheren Anteil am Steueraufkommen. Da bin ich strikt dagegen. Warum das? Weil es am Ende in die allgemeinen Haushalte fließt und nicht der Wissenschaft zugutekommen wird. Außerdem gibt es keinen Grund, vom bewährten wissenschaftsorientierten Weg abzurücken.

Das heißt? Das heißt, dass die Länder sich mit ihren Hochschulbauprojekten dem Urteil des Wissenschaftsrates stellen müssen und nur auf dessen Empfehlung hin 50 Prozent der

Baukosten vom Bund bekommen können. Ein gutes Beispiel für die Kooperation des Bundes und der Länder auf dem Gebiet der außeruniversitären Forschung ist die Leibniz-Gemeinschaft. Zunächst schien die damalige Blaue Liste eine Verlegenheitslösung, weil der Wissenschaftsrat nur für sie mit Aussicht auf Erfolg Empfehlungen beschließen konnte. Heute hat sich die Leibniz-Gemeinschaft bewährt, weil ihre Institute den Hochschulen und damit den Ländern am nahesten sind und weil der Bund über Leibniz sinnvoll und zweifellos grundgesetzkonform Geld in die Wissenschaft investieren kann, das auch den Hochschulen zugutekommt.

Der Hans-Olaf-­ Henkel-Preis – Preis für Wissenschaftspolitik wird von der Leibniz-Gemeinschaft alle zwei Jahre für ­herausragende Leistungen bei der Förderung der Wissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland verlie­ hen. Das Preisgeld beträgt 20.000 Euro. Seinen Namen trägt der Preis in Erinne­ rung an die Amtszeit von Hans-Olaf Henkel, der von 2001 bis 2005 Präsident der LeibnizGemeinschaft war.

Und zu guter Letzt: Ist die ­Wiedervereinigung in der ­Wissenschaft geglückt? Bei der außeruniversitären Forschung gibt es da schon lange keine Probleme mehr, und bei den Universitäten ist nur hin und wieder noch eine gewisse Polarität zu beobachten. Ich gebe zu, dass es in den neunziger Jahren eine große Enttäuschung für mich war, dass junge Leute aus dem Westen fast gar nicht bereit waren, zum Studium in den Osten zu gehen. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert, so dass heute viele Studenten aus dem Westen im Osten studieren und im Anschluss auch oft dort bleiben und arbeiten. Da mussten Hemmschwellen überwunden werden, aber als positiv denkender Mensch orientiere ich mich am jetzigen Zustand – und der hat sich zum Guten gewendet.  i n terv i ew : c h r i stoph h er bort - v on l oeper

Hans Joachim Meyer Jahrgang 1936, war 1990 in der ­Regierung de Maizière Minister für Bildung und Wissenschaft der DDR und von 1990 bis 2002 sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Der Bild: Silke Oßwald/FMP Sprachwissenschaftler und ­Se­na­ tor der Leibniz-Gemeinschaft wirkte von 1997 bis 2009 als Präsident des ­Zentralkomiteesder Deutschen Katholiken.

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LEIBNIZ | LIFE

Bereits zum vierten Mal haben die Leibniz-Institute in Nordrhein-Westfalen am 16. Oktober die Abgeordneten des Düsseldorfer Landtags zu direkten Gesprächen eingeladen. Bei der Aktion „Leibniz im Landtag“ stellten sich 23 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit ihrer fachlichen Expertise in etwa 70 persönlichen Gesprächen zu über 20 aktuellen Themen den Abgeordneten als kompetente Ansprechpartner zur Ver­fügung. Mit dem wechselseitigen direkten Dialog zwi-

schen Wissenschaft und Politik sollen die Stärke und das Synergienpotential der themenübergreifenden Forschung der Leibniz-Institute deutlich gemacht werden. Die Abgeordneten hatten die Gelegenheit, sich über ihr Wunsch­ thema aus dem Angebot der LeibnizForschung auszutauschen und sich über zukunftsweisende Entwicklungen zu informieren. In Nordrhein-Westfalen sind zehn Institute und ein assoziiertes ­Mitglied der LeibnizGemeinschaft mit etwa 570 Wissenschaftlern ange­ siedelt.

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Zeitgeschichte auf der Bühne

Ihre Premiere als Theaterbühne hat die Leibniz-Geschäftsstelle in Berlin am 1. November gegeben. Im Atrium führte das „theater 89“ sein Stück „Das Ende der SED - Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“ auf. Es basiert auf den Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte der letzten Sitzungen des SED-Zentralkomitees und entstand nach einer Idee und unter der wissenschaftlichen Beratung von Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Die mit 150 Zuschauern ausgebuchte Aufführung erfolgte in Koopera-

tion mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin. Die in Szene gesetzten Tonmitschnitte der letzten Sitzungen des SED-Zentralkomitees, die zu DDR-Zeiten strengster Geheimhaltung unterlagen und niemals veröffentlicht werden sollten, offenbaren die damaligen Vorgänge im innersten Machtzirkel der SED. Sie dokumentieren die letzten verzweifelten Rettungsversuche, erbitterten Wortgefechte und tumultartigen Szenen vor dem Absturz der SED-Herrschaft im Herbst 1989.

Das Präsidium der Leibniz-Gemeinschaft hat einen elften Forschungsverbund eingerichtet. Unter dem Titel „Medizintechnik: Diagnose, Monitoring und Therapie“ steht eine hochwertige und bezahlbare medizinische Versorgung im Fokus des Verbunds. Diese ist besonders vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung eine wichtige Herausforderung für unsere Gesellschaft. Innovative und schonende Verfahren sollen dabei helfen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, die Wirkung von Therapien genauer zu kontrollieren und besser an den einzelnen Patienten anzupassen. So können Belastungen für Erkrankte vermieden und Be-

handlungen verbessert werden. Methoden der Telemedizin spielen hier ebenso eine Rolle wie die Entwicklung von mobil einsetzbaren Schnelltests oder verbesserten bildgebenden Untersuchungsmethoden. Dabei arbeiten Mediziner, Naturwissenschaftler und Ingenieure intensiv zusammen, um sicherzustellen, dass die technische Lösung dem medizinischen Problem gerecht wird. Gesellschaftswissenschaftler erforschen Fragen der Marktfähigkeit und der gesellschaftlichen Akzeptanz der entwickelten Produkte. Sprecher des Forschungsverbundes ist Albert Sickmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Analytische Wissenschaften ISAS.

www.theater89.de

Diagnose, Monitoring und Therapie

Aktuelle Forschungsergebnisse aus den Leibniz-Instituten

Leibniz-Lektionen Eine Vortragsreihe der Leibniz-Gemeinschaft in der Urania Berlin

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12.12.2013, 19.30 Uhr Hans Joachim Schellnhuber Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Der Klimawandel, der Monarchfalter und der Generationenvertrag

14.1.2014, 19.30 Uhr Hans-Werner Sinn ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München Das siebte Jahr der Krise

26.2.2014, 19.30 Uhr Hildegard Westphal Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie, Bremen (ZMT) Tropische Küsten – Brennpunkte des Wandels

18.3.2014, 19.30 Uhr Andreas Radbruch Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ) Rheumaforschung – von der Therapie zur Heilung

Nächste Lektionen 10.4. Brigitte Voit 12.5. Claudia M. Buch 18.6. Simone Lässig www.leibniz-gemeinschaft.de/ leibniz-lektionen 12 5 Jahre

Veranstaltungsort Urania Berlin An der Urania 17 Ι 10787 Berlin Vortrag mit Diskussion Eintritt frei

Fotos: Beate Nelken; Eric Lichtenscheidt; Oliver Lang; Medienzentrum TU Dresden

Leibniz im Landtag

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LEIBNIZ | LIFE

Verlosung 5 Exemplare des Kinderbuchs „Mukas geheimnisvolle Nacht im Museum“ (▶ Buchvorstellung S. 39) Stichwort: „Muka“ 3 Exemplare des Buchs „Die Kultur der Reparatur“ (▶ Buchvorstellung S. 39) Stichwort: „Reparatur“ Teilnahme unter Nennung von Stichwort, Name und Postanschrift per E-Mail an: verlosung@ leibniz-gemeinschaft.de Einsendeschluss: 15. Februar 2014 Die Teilnehmer erklären sich im Falle des Gewinns mit der Nennung ihres Namens und Wohnortes im nächsten Leibniz-Journal einverstanden. Die Gewinner der Verlosungen aus dem Heft 4/2013: Das Kinderbuch „Seegeschichten“ gewannen: - Elias Abboud aus München - Gerd Riedner aus Neubiberg - Elvira Burkowski aus Monheim am Rhein - Uwe Kremer aus Köln - Petra Meyer-Gattermann aus Hessisch Oldendorf Das Buch „Fotografien im 20. Jahrhundert“ erhalten: - Thomas Stahlheber aus Stadecken-Elsheim - Claudia Sojer aus Mainz - Stefanie Bröhl aus Bremen Der Comic „Die große Transformation“ geht an: - Axel Bach aus Köln - Dr. Rainer Schuchardt aus Berlin - Martin Fruehling aus Bielefeld Anzeige

3/2013

Chancengleichheit und Qualität

Fünf Jahre, nachdem die LeibnizGemeinschaft die Chancengleichheit von Männern und Frauen in ihrer Satzung verankert hat, stand am 16. Oktober das Thema „Chancengleichheit und Qualität in der Wissenschaft“ im Mittelpunkt einer Tagung in der Leibniz-Geschäftsstelle in Berlin. Im Eröffnungsvortrag widmete sich Bundesverfassungsrichterin Susanne Baer (re.) der Verwirklichung von Chancengleichheit als öffentliche Aufgabe. Sie analysierte weiterhin bestehende Hindernisse auf dem Weg zu echter Chancengleichheit in der Wissenschaft und zeigte Instrumente auf, wie diese Hindernisse beseitigt werden können. Die Soziologin Hannah Brückner von der New York University at Abu Dhabi untersuchte aus inter-

nationaler Perspektive die vielfältigen Ursachen für die immer noch geringe Repräsentanz von Frauen in der Wissenschaft. Anschließend wurde das Thema in einer engagierten und teilweise kontroversen Podiumsdiskussion weiter vertieft.

http://www.leibniz-gemeinschaft.de/ karriere/chancengleichheit/

Ausbildung in Szene gesetzt

„Leibniz-Forschung eröffnet Zukunft. Deshalb bilden wir aus“, heißt es zu Beginn des neuen Films, der die betriebliche Ausbildung in den Instituten der Leibniz-Gemeinschaft darstellt. Der Film portraitiert Auszubildende vom Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste über Laboranten und Tierpfleger bis zur Ausstellungsmalerin aus sieben Leibniz-Instituten in ganz Deutschland. Damit präsentiert er zugleich die fach-

liche und regionale Vielfalt der Leibniz-Gemeinschaft. Der Film entstand nach einer Idee des Präsidiumsbeauftragten für die duale Ausbildung, Rolf Pfrengle vom Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, in Dresden in Kooperation mit dem Medienzentrum der TU Dresden. Der Film ist über die Mediathek auf den Internetseiten der Leibniz-Gemeinschaft abrufbar: www.leibniz-gemeinschaft.de/ medien/mediathek/

Leibniz-Mentoring gestartet

Das erste bundesweite MentoringProgramm für Wissenschaftlerinnen in Leibniz-Einrichtungen hat begonnen. Am 12. November haben 26 Mentees das Programm zur Förderung von Chancengleichheit und zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen angetreten. Für zwölf Monate arbeiten die promovierten jungen Wissenschaftlerinnen gemeinsam mit ihren Mentoren und Mentorinnen – allesamt in leitenden Funktionen in der deutschen Wissenschaft tätig – daran, ihre Karriere zu befördern. Hinzu kommt ein begleitendes Rahmenprogramm mit Seminaren für die Mentees, die den Erwerb von Schlüsselqualifikationen für Führungskräfte speziell in der Wissenschaft zum Ziel haben. Auch die Mentoren werden in dem Programm professionell begleitet. Im Jahr 2011/12 hatte es eine Pilotphase des Mentoringprogramms in der Region Berlin-Brandenburg gegeben, das nun deutschlandweit jährlich stattfinden soll. www.leibnizgemeinschaft.de/ karriere/wissenschaftlicher-nachwuchs/ leibniz-mentoring/

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LEIBNIZ | LIFE

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3/2013


LEIBNIZ | LEUTE

Leibniz Leute Leibniz’ Beste Malina Schulz (Mi.) vom Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften ist mit dem Leibniz-Auszubildenden-Preis 2013 ausgezeichnet worden. Die Biologielaborantin erhielt den Preis für hervorragende Leistungen in ihrer Abschlussprüfung und vorbildliches soziales Engagement. Nominiert waren drei ehemalige Auszubildende, die ihre

Ausbildung im Ausbildungsjahr 2012/2013 erfolgreich abgeschlossen haben: neben der Preisträgerin die Chemielaborantin Christin Scheunert (re.) vom LeibnizInstitut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden sowie die Kauffrau für Bürokommunikation Hanna Schön (li.) vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Fotos: Christoph Herbort-von Loeper; INM/Uwe Bellhäuser; Udo Borchert/WZB; ZBW

So könnten künftig zum Beispiel Autolenkräder durch eine schlagartig veränderte Oberfläche eine Gefahrenwarnung aussenden.

4/2013

Der Materialwissenschaftler Prof. Dr. Eduard Arzt, wissenschaftlicher Geschäftsführer des INM - Leibniz-Institut für Neue Materialien, wird vom Europäischen Forschungsrat (ERC) mit einem Advanced Grant in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro ausgezeichnet. Damit will Arzt in den nächsten fünf Jahren dreidimensionale Strukturen und Oberflächen entwickeln, deren Funktionen sich durch äußere Reize an- und ausschalten lassen. Durch schaltbare Haftung ließen sich beispielsweise hochempfindliche Wafer oder Linsensysteme rückstandlos und ohne Beschädigung in Produktionsprozessen aufheben und ablegen, ohne Greifer oder Saugnäpfe. Andererseits birgt das Schalten der Mikrostrukturen neben Haftprinzipien auch die Möglichkeit, das Tastgefühl gezielt zu verändern.

Die Bildungssoziologin Prof. Dr. Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) erhält den diesjährigen Wissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Der mit 40.000 Euro Forschungsförderung dotierte Preis würdigt wissenschaftliche Leistungen, die in herausragender Weise zu Problemlösungen in Wirtschaft und Gesellschaft beitragen. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit der Direktorin der WZB-Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ stehen die Frage nach der Entstehung und Verfestigung sozialer Ungleichheit und die Suche nach bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Gegenmaßnahmen.

Prof. Dr. Isabella Peters hat zum 1. Oktober als erste Professorin der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft die Arbeitsgruppe für Web Science am Institut für Informatik der Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel übernommen. Die 30-Jährige forscht insbesondere im Bereich der wissenschaftli-

chen Nutzung von Social Media und der Erzeugung nutzergenerierten Contents. Die Informationswissenschaftlerin untersucht insbesondere die Vor- und Nachteile von Social Tagging und Folksonomies für die Erschließung von Informationsressourcen im Web und in professionellen Datenbanken, wie zum Beispiel OPACs.

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© Sam Rey

LEIBNIZ | LEUTE

metallische Materialien meist nur eine der Eigenschaften im gewünschten Umfang auf. Sie kommen in Bereichen wie Energie, Sicherheit, Infrastruktur, Mobilität, Gesundheit und Kommunikation zum Einsatz.

Arbeiten bei Leibniz Die 86 Institute der Leibniz-Gemeinschaft beschäftigen 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 3.300 Doktorandinnen und Doktoranden arbeiten an Leibniz-Einrichtungen. Die Leibniz-Gemeinschaft bietet auch eine große Bandbreite von Ausbildungsberufen an.

Metallische Gläser und nano­ strukturierte Legierungen stehen im Fokus der Forschungen von Prof. Dr. Jürgen Eckert, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden. Als einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet erhält Jürgen Eckert einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC). Das Team um Jürgen Eckert möchte mit diesem Vorhaben eine neue Generation kom­plexer metallischer Legierungen entwickeln, die die Eigenschaften einer hohen Festigkeit und einer guten Verformbarkeit miteinander verbinden. Heute weisen

Prof. Dr. Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim ist mit dem GustavStolper-Preis 2013 des Vereins für Socialpolitik ausgezeichnet worden. Mit dem Preis ehrt der Verein Wissenschaftler, die sich darum verdient gemacht haben, wissenschaftliche Erkenntnisse in die öffentliche Debatte einzubringen. Dies sei Fuest insbesondere für die europäische Schuldenkrise gelungen.

Das Leibniz-Stellenportal

Dr. Heike Vogel vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke ist mit dem Postdoc-Preis in der Kategorie Natur- und Ingenieurwissenschaften des Nachwuchswissenschaftlerpreises des Landes Brandenburg ausgezeichnet worden. Die Biologin erhält die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihre Forschungsarbeit zur Identifikation neuer Übergewichtsgene, die die Fettspeicherung im Bauchraum fördern. Krankhaftes Übergewicht

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(Adipositas) gehört zu den komplexen Erkrankungen, an deren Entstehung zahlreiche Gene im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren beteiligt sind. Heike Vogel konnte zwei Gene identifizieren, die im Fettgewebe krankhaft übergewichtiger Menschen verstärkt aktiv sind. Zurzeit befindet sich Vogel im Rahmen eines zweijährigen Forschungsstipendiums der DFG an der Universität Göteborg in Schweden (Abteilung Physiologie/ Endokrinologie).

Fotos: IFW; ZEW; privat

Suchen Sie Ihre Zukunft unter www.leibniz-gemeinschaft.de/ stellenportal

4/2013


Pr of Sc a x P . D h ir -P rä r. mh la si Pe e nc de te rr k- nt r Ge d Gr se er us s lls ch af t M

Preisträger/in

Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft 2014

Ihr neues Namensschild? Bewerben Sie sich um KlarText!, den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft 2014. Die Klaus Tschira Stiftung zeichnet jährlich Wissenschaftler aus, die die Ergebnisse ihrer herausragenden Dissertation in einem allgemein verständlichen Artikel beschreiben.

Bewerbungsbedingungen 

Promotion 2013 in Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Neurowissenschaften, Physik oder einem angrenzenden Fachgebiet

Herausragende Forschungsergebnisse

Ein allgemein verständlicher Textbeitrag über die eigene Forschungsarbeit

Einsendeschluss: 28. Februar 2014

Mitmachen lohnt sich 

5000 Euro Geldpreis pro Gewinner in jedem der sechs Fachgebiete Veröffentlichung der Siegerbeiträge in einer KlarText!-Sonderbeilage des Wissenschaftsmagazins bild der wissenschaft Jeder Bewerber kann am zweitägigen Workshop Wissenschaftskommunikation teilnehmen.

www.klaus-tschira-preis.info Medienpartner

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Leibniz-Journal 4/2013: Luft anhalten. Wie kleinste Partikel größte Probleme bereiten  

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