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Leibniz-Journal

Erbittert

Versunken

Global

Begehrt

Territorialstreit im Chinesischen Meer

Bakterien beherrschen die Weltmeere

Das Magazin der Leibniz-Gemeinschaft

G 49121

Die Meere: umk채mpft, ausgebeutet, lebenswichtig

Denkmalschutz am Nordseegrund

Ozeane als Wirtschaftsfaktor


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L E I B N I Z | I N H A LT LEIBNIZ | SPEKTRUM

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SPEKTRUM | Ein digitales Presseportal erschließt drei DDR-Zeitungen.

Digitale

Planerfüllung

SEENOT: THEMENSCHWERPUNKT MEERE Piraterie vor Afrika, versunkene Häfen und begehrte marine Rohstoffe. Der Forschungsgegenstand Meer beschäftigt LeibnizWissenschaftler auf unterschiedlichste Weise.

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PERSPEKTIVE

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Interview: Piraterie vor Afrika

Karl Ulrich Mayer: Perspektiven der Leibniz-Gemeinschaft

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Gewichtige Einzeller: Bakterien im System Meer

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Häfen: Fenster in die Vergangenheit

KURZ & FORSCH

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Archäologie: Schiffswracks am Nordseegrund Chinesisches Meer: Säbelrasseln auf See

22 Überfischung: Geschundene Lagune in Kolumbien

Ein Internetportal der Staatsbibliothek zu Berlin macht Artikel aus über 40 Jahren DDR-Presse frei zugänglich. Dazu wurden die Tageszeitungen „Neues Deutschland“ (ND), „Berliner Zeitung“ und „Neue Zeit“ komplett digitalisiert und als Volltext erschlossen. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ergänzt das Portal um vertiefende Informationen zum DDR-Pressesystem. Jürgen Danyel hat das Projekt geleitet: „Wir wollen zeigen, wie die SED ihre Sicht auf die Welt formulierte und in die Gesellschaft hinein zu vermitteln suchte“, so der Soziologe.

Die DDR-Presse stand nicht in dem Ruf, ein realistisches Bild der Welt zu zeichnen. Was versprechen Sie sich von deren Digitalisierung? Gerade dieser Umstand hat die Staatsbibliothek zu Berlin und uns zu dem Projekt motiviert. Die Datenbank soll zeigen, wie die SED ihre Sicht auf die Welt formulierte und in die Gesellschaft hinein zu vermitteln suchte. Eine politische Kulturgeschichte der SED-Herrschaft ist ohne das ND nicht zu schreiben. Die Tageszeitungen, allen voran das als „trocken“ geltende Zentralorgan ND, waren das offizielle Sprachrohr des Regimes. In ihren Leitartikeln steckten sie die jeweils geltenden politischen Möglichkeiten und Grenzen ab, weshalb etwa das ND nicht nur von überzeugten Parteimitgliedern

MUSEEN | „Das Gelbe vom Ei“ im Deutschen Museum

40 MUSEEN

gelesen wurde, sondern auch von Menschen, die der Politik der SED innerlich distanziert oder offen kritisch gegenüber standen. Mit einiger Übung ließen sich sogar hinter den Erfolgsmeldungen über „Planübererfüllungen“ und „Ernteschlachten“ die Probleme der DDR-Gesellschaft herauslesen.

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Werden Unterschiede zwischen den Blättern deutlich, die bisher übersehen wurden? Die Entscheidung, neben dem ND auch die Berliner Zeitung“als regionale Bezirkszeitung und die Neue Zeit als Zeitung der Blockpartei CDU zu digitalisieren, trafen wir gerade wegen ihrer Unterschiede. Blickt man auf die politische Berichterstattung in den genannten Tageszeitungen, wird man auf den ersten Blick eher weni-

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Leibniz in Kürze

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Verlosungen

Wirtschaft: Goldgrube Ozean? 46 IMPRESSUM

12 TITELTHEMA MEERE 12

DDR-Presse online

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Interview: DDR-Presse im Internet

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Sonja Utz: 296 Facebook-Freunde?

47 LEIBNIZ LEUTE

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39 LEIBNIZ LEKTÜRE

Titel-Foto: neophoto / photocase.com

Liebe Leserin, die Weltmeere, Projektionsfläche für imperi- Auch fast 25 Jahre nach Mauerfall wird zur Gelieber Leser, ale Phantasien wie für banales Fernweh, sind schichte der DDR geforscht. Eine neue Quelle

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bei Leibniz in erster Linie eines – Forschungsgegenstand. Und das aus unterschiedlichster Perspektive: politisch, ökonomisch, archäologisch, naturwissenschaftlich. Vieles wird in den Küstenregionen untersucht, manches vom heimischen Schreibtisch aus, oft aber findet die Forschung auf See, vom Schiff aus statt. Erst in der Zusammenschau wird klar, wie komplex das Thema Meere ist. Wenn wir dann von Piraterie sprechen, von Überfischung und Rohstoffausbeutung, wird klar, warum wir das Wort „Seenot“ auf das Titelblatt dieses Leibniz-Journals gesetzt haben. | Seite 12

ist nun online verfügbar: In dem Presseportal wurden drei DDR-Tageszeitungen erschlossen. Warum die Digitalisierung lohnt, erläutert Jürgen Danyel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. | Seite 36

Übrigens: Sie können das Leibniz-Journal kostenlos abonnieren. Eine E-Mail mit Ihrer Anschrift an abo@leibniz-gemeinschaft.de genügt.

Bleiben Sie neugierig! Christian Walther

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LEIBNIZ | PERSPEKTIVEN

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der Leibniz-Gemeinschaft

In den letzten Wochen und Monaten war die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems Gegenstand intensiver Diskussionen. Im Vordergrund standen Debatten um rechtliche, institutionelle und finanzielle Rahmenbedingungen – nicht zuletzt ausgelöst durch die Fragen nach der Zukunft des Paktes für Forschung und Innovation sowie der Exzellenzinitiative. Dabei ist freilich mitunter vergessen worden, dass die Optimierung dieser Rahmenbedingungen kein Selbstzweck ist, sondern sich an einer Reihe übergeordneter Ziele orientieren muss. Zu diesen Zielen gehören die Sicherung der Ausbildungsqualität unserer Hochschulen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Forschung, der Beitrag der Forschung zur Sicherung unserer gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Zukunft sowie die Entwicklungschancen junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In diesem Zusammenhang werden gegenwärtig auch die Leistungen und Aufgaben der Leibniz-Gemeinschaft wieder intensiv diskutiert – eine Debatte übrigens, die u.a. durch die Empfehlung des Wissenschaftsrates von 2001 angestoßen und mit dem Strategiepapier der Leibniz-

Gemeinschaft von 2008 fortgeführt wurde. Ich begrüße diese Diskussion ausdrücklich und möchte hier drei eng miteinander verschränkte aktuelle Ergebnisse aufgreifen: • die Strategiediskussion der LeibnizGemeinschaft und das Positionspapier, das die Mitgliederversammlung im Juni 2012 unter dem Titel „Zukunft durch Forschung“ verabschiedet hat, • die Beschlüsse der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz zu den „Perspektiven der Leibniz-Gemeinschaft“ vom April 2013 sowie • die Braunschweiger Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems vom Juli 2013. Für die weitere Entwicklung hat die Mitgliederversammlung der Leibniz-Gemeinschaft bereits im Juni 2012 in ihrem Positionspapier „Zukunft durch Forschung“ die entscheidenden Weichen gestellt und u.a. die folgenden strategischen Ziele verabredet: • die Selbstständigkeit der Leibniz-Institute zu wahren und zu stärken, • auf dieser Grundlage thematische Schwerpunkte zu bilden, in und durch die Sektionen, zwischen den Sektionen und

Fotos: IPHT Jena / Sven Döring; Cordia Schlegelmilch

Bund und Länder unterstützen die Strategie der LeibnizGemeinschaft. Durch die Aufnahme neuer Institute wie dem Institut für Photonische Technologien (IPHT) in Jena setzen sie weiterhin klar auf das Förderprinzip Leibniz im deutschen Wissenschaftssystem.

Perspektiven

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LEIBNIZ | PERSPEKTIVE

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in regionalen Kooperationen mit Hochschulen, insbesondere durch die LeibnizForschungsverbünde und die WissenschaftsCampi, die Leibniz-Infrastruktureinrichtungen und die Leibniz-Forschungsmuseen weiter zu entwickeln, die Qualitätsentwicklung durch Evaluierung und Wettbewerb zu akzentuieren, Gleichstellung und Internationalisierung als Instrumente der Qualitätssteigerung zu fördern, Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs transparent zu gestalten und, last but not least, die Beteiligung an der Entwicklung des Europäischen Forschungsraumes zu verstärken.

Die Mitgliederversammlung hat mit dem Positionspapier auch nochmals bekräftigt, worin aus ihrer Sicht der spezifische Ort der Gemeinschaft in dem arbeitsteiligen deutschen Wissenschaftssystem – also ihr Profil – begründet liegt: in der Verpflichtung sowohl auf höchste wissenschaftliche Qualität als auch auf gesellschaftliche Relevanz; in der fachlichen Vielfalt und in der Verknüpfung von Kultur- und Sozialwissenschaften mit den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften; in ihrer Aufgabe als Instrument der gemeinsamen BundLänder-Forschungsförderung und in der besonderen Nähe zu den Sitzländern sowie in der engen Kooperation mit den Hochschulen und den Chancen, die sich dafür u.a. aus ihrer dezentralen Organisationsform und Eigenständigkeit ergeben. Neben dem Senat der Leibniz-Gemeinschaft haben die Wissenschaftsminister aus den Ländern und dem Bund, die in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz zusammengeschlossen sind, im April 2013 die oben beschriebene Selbstpositionierung der Leibniz-Gemeinschaft in folgendem Beschluss bekräftigt:

„Bund und Länder sind sich darin einig, die Leibniz-Gemeinschaft in der Entwicklung ihrer ‚koordinierten Dezentralität‘ weiterhin zu unterstützen, die die wissenschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Eigenständigkeit der Einrichtungen sowie Synergiepotenziale nutzt und die Geschäftsstelle zu wirksamen Service- und Unterstützungsleistungen befähigt. Die spezifischen Charakteristika der LeibnizGemeinschaft sollen gezielt weiterentwickelt werden. Das gilt vor allem für: • das differenzierte, der interdisziplinären Zusammenarbeit förderliche breite wissenschaftliche Spektrum von Einrichtungen mit hohem wissenschaftlichen Niveau, 3/2013

• die Bearbeitung von Forschungsthemen von besonderem nationalen Interesse, mit einem hohen Anteil forschungsbasierter Infrastruktur-, Dienstleistungsund Transferaufgaben einschließlich der großen forschenden Museen, • die intensive Zusammenarbeit mit den Hochschulen und Forschungseinrichtungen vor Ort sowie die nationale und internationale Vernetzung, • die systematische Qualitätssicherung unter Einschluss regelmäßiger, hohen Maßstäben verpflichteter Evaluierungen. • Ziel sind strategisch angelegte Kooperationen auf Augenhöhe mit Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen. Gleichzeitig sollen die Potenziale und Synergien aus der Kooperation zwischen den Mitgliedern der LeibnizGemeinschaft besser erschlossen werden.“

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz hat in der Folge für die beiden strategischen Instrumente der Leibniz-Gemeinschaft – die Leibniz-Forschungsverbünde als thematisch definierte Vernetzungen zwischen Leibniz-Instituten und die WissenschaftsCampi als eine von mehreren Formen der Vernetzung mit den Hochschulen – neue Auswahl- und Begutachtungsverfahren und erweiterte Finanzierungsmöglichkeiten durch eine neue Förderlinie im Rahmen des Leibniz-Wettbewerbs eröffnet. Diese setzen wir nun um. Es ist überaus erfreulich, dass die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz die Strategie, die wir in dem Positionspapier vom Juni 2012 entwickelt haben, bestätigt und diese mit konkreten Entscheidungen auch finanziell unterstützt. Gleichzeitig hat der Wissenschaftsrat in seinen Braunschweiger Empfehlungen die Leibniz-Forschungsverbünde und die WissenschaftsCampi als wesentlichen

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LEIBNIZ | PERSPEKTIVE

www.leibniz-gemeinschaft.de/

forschung/leibniz-

forschungsverbuende

Die LeibnizWissenschaftsCampi

www.leibniz-gemeinschaft.de/ forschung/

hochschulkooperationen/ wissenschaftscampi

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Neben den Leibniz-Forschungsverbünden und den WissenschaftsCampi gehören auch die strategischen Erweiterungen einzelner Leibniz-Einrichtungen, auch zusammen mit Universitäten, und die Aufnahme neuer Institute zu den „Perspektiven“ der LeibnizGemeinschaft. Der Wissenschaftsrat hat dazu mit den Empfehlungen für die Aufnahme von drei weiteren Instituten in die Leibniz-Gemeinschaft (Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Bamberg; Leibniz-Institut für Photonische Technologien, Jena; DWILeibniz-Institut für Interaktive Materialien, Aachen) und wichtigen systemischen Empfehlungen (so u. a. zur Osteuropaforschung und zum hessischen LOEWE-Programm) grundlegende Vorarbeiten geleistet. Es steht außer Frage, dass all diese Entwicklungen der jüngsten Zeit für die LeibnizGemeinschaft sehr erfreulich sind. Damit ist die Strategiediskussion der Leibniz-Gemeinschaft allerdings keineswegs abgeschlossen. Wichtige Entwicklungsaufgaben liegen vor uns: die Diskussion der Schwerpunkte der Leibniz-Gemeinschaft für die anstehenden Beratungen von weiteren Neuaufnahmen, die Vorbereitung von Leibniz-Forschungszentren in Hochschulen, die „Zukunftswerkstatt“ für die wissenschaftliche Erörterung neuer gesellschaftsrelevanter Themen, die Durchsetzung optimaler Forschungsbedingungen, die Fortentwicklung des LeibnizEvaluierungsverfahrens, die weitere Stärkung der internationalen Vernetzung und die Gestaltung von Chancengleichheit und Karriereperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Zweifelsohne wird die Leibniz-Gemeinschaft auch diese Herausforderungen in ihrer koordinierten Dezentralität zum Wohle der Wissenschaft und zum Nutzen der Gesellschaft meistern, so wie sie schon häufig in ihrer kurzen Geschichte seit 1995 ihre Selbstorganisationsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. KAR L U L R I C H M AY ER

Der LeibnizForschungsverbund „Nanosicherheit“ hat Chancen und Risiken der Zukunftstechnologie im Blick.

Foto: INM/Uwe Bellhäuser

Die LeibnizForschungsverbünde

Beitrag für das Wissenschaftssystem insgesamt gewürdigt. Die Voraussetzung der wissenschaftsgeleiteten und themenorientierten Leibniz-Forschungsverbünde seien rechtlich selbständige und hoch leistungsund verbundfähige Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen, die sich ihre Partner innerhalb und außerhalb der Leibniz-Gemeinschaft suchten. Mit den Forschungsverbünden könne die Leibniz-Gemeinschaft gegenüber den disziplinär noch breiter aufgestellten Universitäten den Vorzug ausspielen, überregional aufgestellt zu sein. Sie unterschieden sich von den Netzwerken anderer außeruniversitärer Forschungseinrichtungen dadurch, „dass sie auf Initiative unabhängiger Partner im Rahmen weitgesteckter, inhaltlicher Ziele gebildet werden.“ Damit sind solche Unterschiede allerdings noch nicht erschöpfend beschrieben. Denn das ganz große Potential der Leibniz-Gemeinschaft im Hinblick auf ihre Forschungsverbünde besteht ja nicht nur darin, dass sie in der Lage sind, flexibel und „bottom up“ aktuelle „grand and small challenges“ aufzugreifen, sondern sie können auch auf Grund der fachlichen und vernetzten Vielfalt innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft u.a. durch die Verknüpfung der Sozial- und Kulturwissenschaften mit den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften problemadäquatere Lösungen anbieten. Der Wissenschaftsrat hat ferner die WissenschaftsCampi als Instrumente der Vernetzung zwischen Leibniz-Einrichtungen und Hochschulen ausdrücklich begrüßt: „Neben den themenorientierten Verbünden sollte die Leibniz-Gemeinschaft auch eine langfristig angelegte Zusammenarbeit zwischen Leibniz-Instituten, Hochschulen, anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft in geographischer Nähe (...) vorantreiben.“ So könnten Einrichtungen „durch die Einbindung regionaler und lokaler Partner in ihre themenorientierten Verbünde wiederum als Katalysatoren für regionale Verbünde fungieren.“ Die Leibniz-Gemeinschaft hat mit der Etablierung von zehn Leibniz-Forschungsverbünden und fünf WissenschaftsCampi, die von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz und dem Wissenschaftsrat empfohlene strategische Entwicklung bereits in Angriff genommen. Einer der WissenschaftsCampi ist in seiner ersten Periode bereits von internationalen Gutachtern außerordentlich positiv evaluiert worden und hat maßgeblich zur Auswahl der betreffenden Universität als „Exzellenzuniversität“ beigetragen. Die nun neu organisierten Wettbewerbsverfahren werden diesen beiden Programmen Sichtbarkeit und Dynamik verleihen.

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LEIBNIZ | PERSPEKTIVEN

Zukunft leben

Von Febru ar bis M 2013 ärz 20 14

Der demog demografische ische Wandel Wie werden wir morgen lernen, arbeiten und altern? Welche Chancen eröffnet der demografische Wandel? Die Ausstellung zum Wissenschaftsjahr zeigt Entwicklungen und stellt Schlüsselfragen unserer Zukunft.

Eine Ausstellung der Leibniz-Gemeinschaft Museum für Naturkunde, Berlin Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz Deutsches Hygiene-Museum, Dresden Deutsches Bergbau-Museum, Bochum Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven Deutsches Museum, München

27.02.-7.04.2013 19.04.-2.06.2013 14.06.-21.07.2013 20.09.-27.10.2013 15.11.-9.01.2014 31.01.-30.03.2014

www.demografische-chance.de

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LEIBNIZ | KURZ & FORSCH

Dank PIK besser vorhersagbar: El Niño mit seinen schweren Unwettern.

Ausmaß und Zeitraum klimatisch bedingter Naturkatastrophen können nun verlässlicher berechnet werden als bisher. Möglich macht das ein neuer Algorithmus, den Wissenschaftler um Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) entwickelt haben. Dabei orientierten sich die Klimaforscher an El Niño, einer im östlichen Pazifik angesiedelten Erwärmungswelle, die als wichtigstes Phänomen natürlicher Klimaschwankung gilt. El Niños teils gravierende Auswirkungen in weiten Teilen der Welt sollen nun besser vorhersagbar werden. Der neue Ansatz des

PIK beruht auf einer Netzwerkanalyse, die sich Daten von mehr als 200 Messpunkten im pazifischen Ozean zunutze macht, um die zur Erwärmung führenden Wechselwirkungen zu erfassen. Bisherige Prognosen auf Basis der Methode haben sich bewahrheitet. PIK-Direktor Schellnhuber ergänzt, dass der CO2-Ausstoß der Menschen den Klimawandel maßgeblich beschleunigt. Klimaschwankungen könnten deshalb künftig noch extremer ausfallen. Eine korrekte Vorhersage wird damit noch wichtiger.

Ein Hydrogel, das die Blutgerinnung direkt an medizinischen Geräten verhindern kann, haben Wissenschaftler vom LeibnizInstitut für Polymerforschung Dresden entwickelt. Das Material soll künftig für die Beschichtung von Kathetern und medizinischen Systemen genutzt werden, die direkt mit dem Blutkreislauf in Kontakt kommen. Bisher erhalten die betroffenen Patienten blutverdünnende Medikamente, die jedoch ein erhebliches Risiko für Nebenwirkungen mit sich bringen und deshalb exakt dosiert werden müssen. Genau das ist mit Hilfe des neuen Hydrogels möglich: Die Substanz wird erst dann freigesetzt, wenn die Blutgerinnung tatsächlich einsetzt. Dafür

werden der Blutgerinnungsstoff Heparin und ein gut verträgliches synthetisches Polymer mit Hilfe von Eiweißfragmenten verknüpft. Das Enzym Thrombin, das bei der Blutgerinnung entsteht, spaltet diese Fragmente, sodass der Gerinnungshemmer am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und in der erforderlichen Dosis freigesetzt wird. In Experimenten blieb menschliches Blut in Verbindung mit dem bioaktiven Hydrogel über mehrere Stunden flüssig. Bei den derzeit verwendeten Materialien tritt unter denselben Bedingungen eine massive Blutgerinnung ein.

Wissenschaftler vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere haben mit einem internationalen Forscherteam das Genom der Kalkalge Emilia huxleyi entschlüsselt und dabei eine Erklärung für ihre enorme Verbreitung gefunden. Der kurz „Ehux“ genannte Einzeller gedeiht unter verschiedensten Bedingungen in den Ozeanen vom Äquator bis zur subpolaren Zone. Das Geheimnis des Anpassungskünstlers besteht darin, dass er genetisch sehr flexibel ist: So teilen sich die Kalkalgen einen

Proceedings of the National Academy of Sciences doi:10.1073/pnas.1309353110

Polymer-Verbindung verhindert Blutgerinnung

Nature Communications 4, Article number: 2168 doi:10.1038/ncomms3168

doi = Digital Object Identifier, ein eindeutiger und dauerhafter Identifikator für digitale Objekte, vor allem für Online-Artikel von wissenschaftlichen Fachzeitschriften verwendet

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Emilias Geheimnis

gewissen Stammsatz identischer Erbinformationen, der Rest des Genpools variiert stark und hängt von den jeweiligen Lebensbedingungen ab. „Ehux“ besitzt eine ungewöhnlich hohe Menge an sich wiederholenden DNA-Sequenzen, ihr Erbgut kann sich deshalb sehr schnell verändern. Auch eine weitere Eigenschaft macht die Mikroalge, die achtmal kleiner ist als der Durchmesser eines menschlichen Haares, zu einem interessanten Forschungsobjekt: Ohne die Einzeller wäre es deutlich wärmer auf der Erde. Beim Bau

ihrer Kalkschuppen und durch Photosynthese binden sie Kohlenstoff aus der Atmosphäre und wirken so dem Klimawandel entgegen. Nature 499, 209–213 (11 July 2013). doi:10.1038/ nature12221

Tiefer Blick ins Wasserstoffatom

Unter Federführung des Berliner MaxBorn-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI) hat ein internationales Forscherteam ein Mikroskop entwickelt, das die Wellenfunktion angeregter Wasserstoffatome um Faktor 20.000 vergrößern und so sichtbar machen kann. Mit dem klassischen, auf der Newtonschen Mechanik aufbauenden Weltbild lässt sich die Mikrowelt häufig nicht beschreiben. Erst die Entwicklung der Quantenmechanik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglichte es dank des Konzepts der Wellenfunktion, Vorgänge in Atomen mathematisch nachzuweisen. Die Idee, die Eigenschaften von Wellenfunktionen experimentell zu messen, wurde vor 30 Jahren von russischen Theoretikern entwickelt. Ihren Vorschlag griffen die MBI-Forscher auf. So gelang es ihnen, jeweils ein Wasserstoffatom in verschiedene Energiezustände zu versetzen und mit Hilfe einer äußerst empfindlichen elektrostatischen Linse ein Abbild dieser Zustände zu erzeugen. Phys. Rev. Lett. 110, 213001 (2013). doi: 10.1103/PhysRevLett.110.213001

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Fotos: Dave Gatley/FEMA; CNRS; Dr. Stephan Mertes/TROPOS; Manuela Glawe/neoplas

El Niño auf der Spur


LEIBNIZ | KURZ & FORSCH

Kaltplasma-Pen: Behandlung infektiöser Hautkrankheiten, verbesserte Wundheilung.

Mineralstaub beeinflusst Klima Natürlicher Mineralstaub, wie er beispielsweise aus Wüsten in die Atmosphäre gelangt, beschleunigt die Sulfatbildung in Wolken. Damit fällt der Kühlungseffekt dieser Schwefelverbindung für die Erdatmosphäre geringer aus, als Klimaforscher bislang annahmen. Das ist das in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlichte Ergebnis einer Messkampagne auf dem Berg Schmücke im Thüringer Wald, an der Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) und vom Max-PlanckInstitut für Chemie sowie von den Universitäten Colorado State und Mainz beteiligt waren. Bisher hatte man angenommen, dass Metall-Ionen aus der Verbrennung von Kohle und Öl bei der Katalyse von Sulfat die zentrale Rolle spielen. Die Messungen ergaben jedoch, dass der Einfluss von natürlichen Mineralstaubquellen dominiert. Das hat Einfluss aufs Klima: Diese Mineralstaubpartikel sind recht groß und werden mit dem gebundenen Sulfat schnell aus der Atmosphäre getragen. Sulfat, das sich auf anderen Wegen bildet, lagert sich dagegen an kleinere Partikel an, schwebt länger in den Wolken und reflektiert die Sonnenein strahlung. Science 10 May 2013. doi: 10.1126/science.1230911

Heilender Stift

Die Plasmamedizin zieht in Deutschland in den klinischen Alltag ein. Als erstes Kaltplasma-Gerät hat der „kinpen MED“ die CE-Zulassung als Medizinprodukt für die Behandlung infektiöser Hauterkrankungen und zur Verbesserung der Wundheilung erhalten. Wissenschaftler des Greifswalder Leibniz-Instituts für Plasmaforschung und Technologie sowie des dortigen Universitäts-

klinikums stellten mit der Charité Berlin ihre gemeinsame Entwicklung vor und würdigten erste erfolgreiche Tests. Der Plasma-Pen ist nicht größer als ein Stift und ähnlich wie ein Laser anwendbar. Sein Einsatz beruht auf der Erkenntnis, dass kalte Plasmen Krankheitserreger abtöten und gleichzeitig die Vitalität von Zellen und Gewebe positiv beeinflussen. Die Wundheilung wird so beschleunigt. www.neoplas-tools.eu

Kongress ohne Kompromiss Ihr perfekter Gastgeber: Berlin

convention.visitBerlin.de

Ein perfekter Kongress ist mehr als perfekte Organisation. Mehr als perfekte Räumlichkeit. Mehr als perfekter Service. Zu einem perfekten Kongress gehört auch ein Gastgeber, der sich um den Rahmen kümmert. Berlin, die aufregendste Metropole in Europa tut das. Ob Kultur, Sport oder Party, Berlin gibt sein Bestes. Als Gastgeber für einen Kongress ohne Kompromiss! convention.visitBerlin.de Member of

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LEIBNIZ | KURZ & FORS CH

Giftige Notration

In der Not frisst die Oryxantilope Gift: Dürreperioden überlebt das Tier dank des hochtoxischen Damara-Milchbuschs.

Normalerweise frisst die Oryxantilope Gräser und Sukkulenten, besonders saftreiche Pflanzen also. Doch wenn die Nahrung in der namibischen Wüste bei Temperaturen bis zu 50 Grad knapp wird, weicht Oryx gazella gazella auf den Damara-Milchbusch aus: Die zwar wasserhaltige und nährstoffreiche, aber hochgiftige Pflanze rettet ihr in Dürrezeiten das Leben. Das fand David Lehmann, Doktorand am Berliner LeibnizInstitut für Zoo- und Wildtierforschung, in Zusammenarbeit mit namibischen Kollegen her-

aus. Die Wissenschaftler wollten verstehen, mit welchen Nahrungsstrategien Huftiere wie Oryxantilope und Springbock in einem lebensfeindlichen Ökosystem wie der Kunene-Region im Nordwesten Namibias bestehen. Sie beobachteten, dass auch der Springbock sich dem wechselnden Nahrungsangebot anpasst: In Trockenzeiten frisst er statt Gräsern Büsche und Bäume. Am Damara-Milchbusch und anderen Giftpflanzen zeigt er jedoch kein Interesse. PLoS ONE 8(8): e72190. doi:10.1371/ journal.pone.0072190

Wie Zellen kommunizieren

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Berliner Leibniz-Wissenschaftlern ist es gelungen, einen zentralen Transportvorgang in Zellen aufzuklären. Mit Hilfe chemischer Sonden und hochauflösender Fluoreszenz-Mikroskopie zeigten sie, wie die biochemische Reaktion Endozytose die Bildung von Transportpartikeln in Zellen steuert. Dieser Vorgang ist grundlegend für das Zellwachstum und die Kommunikation zwischen Zellen. Er ist bei einer Vielzahl von Körperfunktionen von Bedeutung, spielt aber auch eine Rolle bei der Entstehung von Krebs oder Alzheimer. Die Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP) sowie der Freien und der Humboldt-Universität Berlin zeigten, wie die Zelle bei der Endozytose ihre Außenhaut

einstülpt und winzige Teile (Vesikel) abschnürt. Bestimmte Komponenten der Zellmembran, Phosphoinositide (PIPs) genannt, sammeln sich dort an, wo sich die Zelle einstülpen wird. Die „Köpfe“ der PIPs besitzen einerseits besonders charakteristische chemische Eigenschaften, die von anderen Zellkomponenten wie Eiweißmolekülen erkannt werden. Andererseits sind sie durch passgenaue Enzyme leicht wandelbar. Aus einer Kette chemischer Reaktionen entsteht so eine räumlich-zeitliche Dynamik mit einer vorgegebenen Richtung. Der Arbeitsgruppe um FMP-Direktor Volker Hauke gelang es, zu zeigen, wie sich dieser komplizierte Vorgang selbst organisiert.

Immer mehr Grundschüler lernen in Deutschland an Ganztagsschulen. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Während noch 2004 6,8 Prozent der Schüler diesen Schultyp besuchten, sind es heute 25 Prozent. Die Forscher beobachteten dabei regionale Unterschiede: Während im Westen immer mehr Kinder aus einkommensschwachen Familien sowie Kinder mit Migrationshintergrund in Ganztagsschulen gehen, besuchen im Osten, wo fast jedes zweite Kind Ganztagsschüler ist, ausgerechnet ärmere Kinder häufiger Halbtagsgrundschulen. Um auch ihnen den Besuch von Ganztagsschulen zu ermöglichen, schlägt das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung vor, die damit verbundenen Kosten für Eltern zu überdenken. Das gilt insbesondere für die häufigste Ganztagsschulform, die „offene Ganztagsschule“, bei der der Hortbesuch freiwillig, aber beitragspflichtig ist. DIW Wochenbericht 27/2013; www.projekt-steg.de/ ticker

Homo floresiensis eigene Spezies Seit der Entdeckung 18.000 Jahre alter Überreste des Homo floresiensis in Indonesien streitet die Forschung um die Abstammung des Frühmenschen. Nun haben Wissenschaftler des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment und amerikanische Kollegen Anzeichen dafür gefunden, dass es sich um eine eigene Art der Gattung Homo handelt und nicht, wie auch vermutet, um eine krankhaft veränderte Population des Homo sapiens. Mit Hilfe dreidimensionaler Vermessungen und statistischer Berechnungen wurden die anatomischen Oberflächenmerkmale des Schädels analysiert und mit fossilen Schädeln der Gattung Homo und denen moderner Menschen verglichen. Die Übereinstimmung mit den fossilen Schädeln gilt als bisher eindeutigster Nachweis einer engen Verbindung zwischen Homo floresiensis und der Gattung Homo. PLoS ONE 8(7): e69119. doi:10.1371/journal. pone.0069119

Eigene Spezies: In Indonesien entdeckter Schädel eines Homo floresiensis.

Nature, 11. Juli 2013. doi: 10.1038/ nature12360

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Fotos: David Lehmann/IZW; Wikimedia Commons/Gerbil

Gefragte Ganztagsschulen


LEIBNIZ | KURZ & FORSCH

Liste

Wissenschaft findet nicht nur in Laboren oder Archiven statt, sondern mitunter an weitaus außergewöhnlicheren Forschungsorten. Eine Auswahl aus den Instituten der LeibnizGemeinschaft.

Das Wolkenlabor am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung simuliert den Geburtsmoment von Wolken. Unter kontrollierten Laborbedingungen untersuchen die Forscher Wachstum und Verhalten winziger Aerosolpartikel und Wolkentropfen, um das für Wetter und Klima so wichtige Phänomen besser zu verstehen.

Teures Kindergeld

Fotos: Helene Souza/pixelio.de; Tilo Arnhold/TROPOS; Roger Spranz/ZMT; Walter Mücksch/BNI; Martin Oczipka/HTW Dresden; Carola Radke/MfN; IOW; Claudia Fichtel/DPZ

Krippenplätze statt Kindergeld: Höhere Direktleistungen kosten den Staat mehr als ein Ausbau der Betreuung.

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Der Ausbau der Kinderbetreuung ist für den Staat deutlich kostengünstiger als eine Erhöhung der direkten Geldleistungen für Familien. Das ist das Ergebnis einer Studie des ifo Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Mütter, die ihr jüngstes unter dreijähriges Kind betreuen lassen, sind mit einer 35 Prozent größeren Wahrscheinlichkeit berufstätig. Der Staat nimmt so mehr Geld in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen ein. Dadurch kann er, so die Studie, die Kosten der Kinderbetreuung zu einem beträchtlichen Teil decken. Die Erhöhung des Kindergelds, die 1996 stattfand, führte dagegen dazu, dass mehr Mütter zu Hause bleiben, entsprechend also Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge fehlen. Weil insbesondere Mütter mit schlecht bezahlten Jobs ihre Arbeit aufgeben, wenn der Staat die direkten Geldleistungen erhöht, geht es diesen Familien finanziell nicht besser, wenn das Kindergeld steigt. Die Studie, die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde, belegt außerdem, dass eine Kindergelderhöhung keinen Einfluss auf die Geburtenrate hat. Der Ausbau der Krippenplätze ließ die Geburtenrate dagegen in den Folgejahren um drei Prozent steigen. ifo Forschungsberichte 60 (2013)

In kleinen Tante-Emma-Läden auf Bali, sogenannten Warungs, untersucht das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie, wie sich die Inselbewohner dazu bewegen lassen, statt Plastiktüten Stofftaschen zu nutzen. Anlass des Projekts: Jedes Jahr sterben in Indonesien über eine Million Vögel, Meeressäuger und Schildkröten an Plastikmüll.

Das einzige Sicherheits-Insektarium (BSL3) Deutschlands für den Umgang mit infizierten Insekten befindet sich am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Im Insektarium erforschen die Wissenschaftler in unsere Breiten eingeschleppte Epidemien. Eine sogenannte Glove-Box verhindert, dass bei den molekularbiologischen Untersuchungen infizierte Mücken entwischen können. Das Seelabor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Stechlinsee in Brandenburg dient dazu, die Auswirkungen des Klimawandels auf Seen zu erforschen. In 24 Versuchszylindern finden die Versuche in der natürlichen Komplexität des Ökosystems statt, können aber in einzelnen Parametern konfiguriert werden. Zwischen 80 Tonnen Trinkalkohol (Ethanol) forschen die Wissenschaftler in der Nasssammlung des Berliner Museums für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung. Natürlich sind die 276.000 Gläser nicht zum Verzehr gedacht, sondern beherbergen etwa eine Million Fische, Echsen, Frösche, Schlangen, Würmer, Krebse und viele weitere Tierarten. Das Azoren-Observatorium „Kiel276“ des LeibnizInstituts für Ostseeforschung liegt mitten im NordostAtlantik, etwa auf halber Strecke zwischen den Azoren und Madeira. Kiel276 besteht aus einer fünf Kilometer langen Leine, die mit einem 1,3 Tonnen schweren Gewicht in 5.200 Metern Tiefe am Meeresboden verankert ist. An der Leine hängen Messinstrumente, die seit 33 Jahren Daten zu Wassertemperatur und Strömung in unterschiedlichen Tiefen liefern. Eine Meereschemikerin fährt alle zwei Jahre zum Observatorium, um die Messgeräte zu warten und Daten und Proben zu bergen. Mitten im Forêt de Kirindy auf Madagaskar betreibt das Deutsche Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung seit 1993 eine Feldstation. Der Wald beherbergt acht Lemurenarten, deren Verhalten und Ökologie die Wissenschaftler erforschen. Lemuren kommen nur auf Madagaskar vor. Neben ihren Beobachtungen fangen die Forscher auch regelmäßig Tiere, um sie zu vermessen und Proben zu nehmen. So sammeln sie Informationen über deren Gesundheit und Fortpflanzung. 11


LEIBNIZ | MEERE

Forschungstaucher: Mike Belasus inspiziert eine Fundstelle am Meeresboden. 12

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LEIBNIZ | MEERE

Ohne Schutz im nassen Grab Hunderte Schiffswracks liegen vor der deutschen Nordseeküste — archäologisch wertvoll, doch unerforscht und ohne Schutz.

Fotos: Jens Auer/ Süddänische Universität; Radio Bremen (2)

Dem will das Deutsche Schiffahrtsmuseum Abhilfe schaffen.

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Jedes Jahr im Sommer zieht es mehrere Hunderttausend Urlauber auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, Helgoland. Ob sie im Hochgeschwindigkeits-Katamaran durch die Deutsche Bucht pflügen oder die Passage im Seebäderschiff aus den 1960er Jahren eher beschaulich angehen, die meisten sind fasziniert von der Weite des Blicks auf offener See. Wie nah sie dabei den Spuren steinzeitlicher Jäger und Relikten der Weltkriege kommen, ist den wenigsten bewusst. Mehr als 300 Wracks – zumeist gesunkene Schiffe, aber auch abgestürzte Flugzeuge - befinden sich Schätzungen zufolge allein in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), jenem Gebiet, das sich jenseits der eigentlichen Hoheitsgewässer der „Zwölf-Meilen-Zone“ befindet und das Deutschland nach den Bestimmungen des Seerechts exklusiv wirtschaftlich nutzen darf. In Küstennähe kommen noch etliche weitere Wracks hinzu. Der Meeresboden birgt damit einen riesigen archäologischen Schatz, der nicht nur technikgeschichtlich interessant ist, sondern auch Aufschluss über Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, soziale Lebensbedingungen oder politische Entwicklungen von Krieg und Frieden geben kann. „Zeitkapseln“ nennen Archäologen diese Spuren der menschlichen Vergangenheit auf dem

Meeresgrund. Die aber sind akut gefährdet, denn die Nordsee gehört zu den am intensivsten genutzten Meeren der Welt: Schleppnetzfischerei planiert den Meeresboden, neue Windkraftanlagen entstehen, Kies wird in großem Maßstab abgebaut und beim Ausbau von Schifffahrtswegen werden Sand und Sediment an der einen Stelle ausgebaggert und an einer anderen wieder abgeladen. Dazwischen liegen die Wracks – nahezu ungeschützt, denn Denkmalschutz ist in Deutschland Ländersache, und die Zuständigkeit der Landesbehörden endet mit der ZwölfMeilen-Zone.

Keine Handhabe

„Die Ausschließliche Wirtschaftszone ist, was die Kulturgüter auf dem Meeresboden angeht, quasi ein denkmalrechtlich nicht geschützter Raum“, sagt Ursula Warnke, Direktorin am Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. „Wer in der AWZ einen Windpark errichtet oder Kies abbaut, könnte mit Schiffswracks im Prinzip machen, was er will. Auch gegen Schatztaucher gibt es keine Handhabe. Es fehlt in Deutschland an einer nationalen Einrichtung zum Schutz der unterseeischen Kulturgüter.“ Das will die Archäologin nun ändern und hat in einem ersten

Schritt das Bundesforschungsministerium überzeugen können, das dreijährige Forschungsprojekt „Bedrohtes Bodenarchiv Nordsee“ zu fördern. Es soll zunächst einen genaueren Überblick darüber liefern, was sich wirklich auf dem Meeresgrund befindet, denn die Kenntnis darüber ist noch sehr gering. Die verlässlichste Basis sind Seekarten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie

Das Messgerät „Boomer“ wird zum Einsatz vorbereitet. Mit Schallwellen detektiert es Strukturen am Meeresgrund, die zum Beispiel den Flusslauf der Ur-Ems sichtbar machen.

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(BSH). Dieses jedoch untersucht den Meeresgrund nur nach der Maßgabe, ob ein Hindernis für die Schifffahrt gefährlich ist und gegebenenfalls sogar aus dem Weg geräumt werden muss. „Viel mehr als die geografische Lage und die Information, ob es sich um Wracks aus Holz oder Metall handelt, können wir diesen Karten nicht entnehmen“, berichtet Mike Belasus, der das Projekt am Schiffahrtsmuseum wissenschaftlich bearbeitet. Über den archäologischen Wert sagt das fast nichts aus. Doch wie lässt sich dieser feststellen? „Das ist schwer einzuschätzen“, räumt der Archäologe und ausgebildete Forschungstaucher ein. „Bei Holzwracks müssen wir Materialproben nehmen, aus denen sich im Labor Alter und Herkunft des Baumaterials bestimmen lassen.“ Aber auch das Alter ist nur ein grober Anhaltspunkt. Nach einer Richtlinie der Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) gelten Wracks, die mehr als 100 Jahre alt sind, als archäologisch

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relevant. „Aber auch im Zweiten Weltkrieg gesunkene Schiffe sind zweifelsohne von wissenschaftlichem Interesse“, gibt Belasus zu bedenken.

In der Aufnahme des Multibeam-Sonar werden Schiffswracks am Meeresgrund sichtbar. Unten das Wrack der HMS Royal Oak vor Scapa Flow.

Deutsche Ratifizierung fehlt Die UNESCO gibt aber nicht nur grobe Richtwerte für die kulturgeschichtliche Bewertung von Wracks auf dem Meeresgrund vor, sie hat im Jahr 2001 auch die Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser verabschiedet. Diese sieht unter anderem vor, dass jeglicher Handel mit Artefakten von Schiffswracks, die älter als 100 Jahre sind, untersagt ist. Aber: Deutschland hat die Konvention bis heute nicht ratifiziert. Wenn es das täte, müsste das Land eine nationale Einrichtung etablieren, die sich um diese Unterwasser-Kulturgüter kümmert. Eine solche Einrichtung könnte das Deutsche Schiffahrtsmuseum sein. „Als gemeinsam von Bund und Ländern getragenes Institut,

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das noch dazu Expertise auf dem Gebiet der Unterwasserarchäologie mitbringt, wären wir sowohl unter föderalen wie auch fachlichen Gesichtspunkten sicher eine gute Wahl“, erläutert Ursula Warnke. Das sieht nicht nur das Schiffahrtsmuseum selbst so, sondern auch die Fachwelt: Mitte September sprachen sich bei einer Tagung sieben führende internationale Experten der Unterwasserarchäologie dafür aus, das Deutsche Schiffahrtsmuseum als Kompetenzzentrum für Unterwasser- und Schiffsarchäologie auszubauen und damit eine Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Deutschland endlich die UNESCO-Konvention unterzeichnet.

Shetland

Nordsee Dee

Landschaft am Nordseegrund

Damit würde auf dem Meeresboden weit mehr geschützt als nur Wracks, denn er birgt noch mehr Geheimnisse; solche, die viel weiter in die Vergangenheit zurückreichen – in eine Zeit, in der der Meeresboden gar kein Meeresboden war, sondern Festland. Wären die heutigen HelgolandAusflügler vor 20.000 Jahren unterwegs gewesen, ihre Seereise wäre eine Landpartie, bestenfalls eine Flusskreuzfahrt gewesen. Denn in der späten Altsteinzeit lag die Nordseeküste viel weiter im Norden, noch oberhalb von Helgoland. Über das Land unter dem Meer ist nicht viel bekannt, obwohl unsere Vorfahren dort lebten, jagten und Handel trieben. Ihre Hinterlassenschaften zu finden, ist noch schwieriger als bei den Schiffswracks, die kaum älter als wenige hundert Jahre sind. „Die Menschen der Steinzeit waren viel stärker als heute darauf angewiesen, sich mit der Natur zu arrangieren“, sagt Mike Belasus. „Anhand der topographischen Struktur der Landschaft – Anhöhen, Flussläufe und Mündungen – lässt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit voraussagen, wo sich Siedlungen befunden haben könnten.“ Einen weißen Fleck auf der Karte der steinzeitlichen Land-

D Be ogg rg er e

Fotos: ADUS DeepOcean; DSM (2); MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen, verändert nach Coles, BJ (1998): Doggerland: A speculative survey.

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Rhe

in

Themse

schaft konnten die Wissenschaftler im August dieses Jahres aufklären. Geophysiker des Forschungszentrums MARUM der Universität Bremen rekonstruierten den Lauf des Flusses Ems jenseits der heutigen Küstenlinie. Bei Bodenuntersuchungen für einen Windparkbetreiber war der alte Flusslauf vor einiger Zeit eher zufällig entdeckt worden. Da sich das alte Flussbett unter Wasser mit Sediment angefüllt hatte, scannten die Geophysiker den Meeresgrund per SedimentEcholot und rekonstruierten den Lauf der Ur-Ems fast vollständig. Die mündete vor 20.000 Jahren nicht in die Nordsee, sondern floss nördlich von Helgoland ins Elbe-Urstromtal. Von dieser alten Mündung aus fuhren die Wissenschaftler den Flusslauf „landein-

wärts“ ab und verfolgten ihn bis auf die Höhe von Juist. Hier erst verliert sich die Spur im Bereich der ostfriesischen Inseln. Mit diesen neuen Erkenntnissen ist es den Wissenschaftlern nun möglich, gezielter nach archäologischen Spuren zu suchen. Nämlich dort, wo es eine größere Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich dort einmal menschliche Siedlungen befunden haben – in Fachkreisen heißt diese Vorgehensweise „indicative mapping“.

Wo sich heute die Nordsee befindet, erstreckte sich vor etwa 10.000 Jahren noch besiedeltes Festland, das sogenannte Doggerland.

Maritime Archäologie

Das Ergebnis wird zunächst nicht der spektakuläre Fund sein, aufgrund dessen die Geschichte Norddeutschlands neu geschrieben werden muss. Der eigentliche Schatz ist die vielfältige Projekt-

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LEIBNIZ | MEERE Das an der Bordwand installierte Sedimentsonar untersucht die oberen Schichten des Meeresbodens.

datenbank, in die die zahlreichen kleineren und größeren Erkenntnisse einfließen. Mit ihr soll auch der vorhandene Forschungsrückstand in der maritimen Archäologie in Deutschland aufgearbeitet werden. Erst 2010 hat das Schiffahrtsmuseum einen eigenen Forschungsbereich zu diesem Gebiet eingerichtet – nennenswerte Lehrstühle an deutschen Hochschulen gab es zuletzt keine (mehr). Die neue geschäftsführende Direktorin des Schiffahrtsmuseums Sunhild Kleingärtner aber hat seit April 2013 eine Professur für Schifffahrtsgeschichte und Maritime Archäologie an der Universität Bremen inne. Die maritime Archäologie hat damit an der Weser ihren akademischen Hafen gefunden. Die Aufgaben und möglichen Forschungsansätze, die sich den Wissenschaftlern damit bieten, sind vielfältig: Die lokalisierten Wrackfundstellen müssen mit Sonar und Echolot genauer analysiert werden. Die Probenentnahme oder das Bergen von Artefakten ist oft nur mit Forschungstauchern möglich, was angesichts der rauen Nordsee ein nicht unbeträchtliches Risiko birgt. Bei besonders wertvollen Wracks ist auch eine komplette Bergung denkbar – mit all den Problemen, die die Bergung selbst, aber auch das Konservieren der Wracks außerhalb des Wassers mit sich bringen. Mike Belasus schätzt, dass von den etwa 360 Wracks, die zurzeit in der AWZ bekannt sind, etwa zwei Drittel archäologischen oder kulturhistorischen Wert haben – von

den frühzeitlichen Funden, die über Natur und Lebenswelt der Steinzeit Aufschluss geben, ganz zu schweigen.

Heuhaufen Nordsee

Auch wenn Belasus die Nordsee mit einem gigantischen Heuhaufen vergleicht, so bieten allein die darin gefundenen Nadeln Forschungsstoff für Generationen von Wissenschaftlern. Kann ein Forscher dabei ein ganz besonderes Projekt haben, das er am liebsten sofort untersuchen würde? Nach kurzem Überlegen nennt Mike Belasus ein Wrack, das das BSH vor kurzem lokalisiert hat. Dabei handelt es sich mutmaßlich um eines der ersten TorpedoBoote der deutschen kaiserlichen Marine aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. „Mich würde an diesem Wrack besonders reizen, mehr über die realen Lebensbedingungen der Menschen an Bord zu erfahren“, begründet der Schiffsarchäologe seine Auswahl. „Vor allem der vermutlich vorhandene Kontrast zu den oft glorifizierenden Schilderungen der damaligen Zeit, die ja oft unsere einzigen Quellen über das Leben an Bord sind, ist ein spannendes Thema“, sagt Belasus. Und ein aktuelles noch dazu, jährt sich doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bald zum hundertsten Mal. Bei dessen Vorgeschichte, Verlauf und Ende spielte diese kaiserliche Marine schließlich keine unbedeutende Rolle. C H R I STOPH H ER BORT - V ON L OEPER

Fotos: DSM; Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie

Wracke in der Nordsee

NORDSEE

Mehr als 300 Wracks liegen in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone auf dem Grund der Nordsee. 16

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Muskelspiele im Meer

Dutzend

Staaten

ringt

im

Chinesischen

Meer

erbittert um eine Handvoll Felsinseln. Es geht um Rohstoffvorkommen, Fischgr端nde und die geostrategische Vormacht in der Region. Und um tiefe historische Wunden.

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Foto: Richard Verhoeven/BIPS

Ein

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Fotos: Al Jazeera English; AP/Kin Cheung

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Auf den ersten Blick spricht nichts für eine Bootsfahrt zu den Senkaku-Inseln. Auf der Landkarte sind sie kaum zu finden, nur ein paar graue Punkte im weiten Blau des Chinesischen Meers deuten auf ihre Existenz hin. Auch von Nahem gibt es kaum mehr zu sehen: unbewohnte Felsen, die schroff aus dem Ozean ragen, darauf ein paar Sträucher, Ziegen und Maulwurfshügel, mehr nicht. Doch davon ließ sich eine kleine Gruppe japanischer Nationalisten nicht beirren, als sie im August 2012 die 150 Kilometer Meer überquerte, die zwischen der japanischen Präfektur Okinawa und den Senkaku-Inseln liegen. Die Aktivisten hatten

eine Mission: Eine japanische Flagge hissen. Auf einem Felsen mitten im Ozean.

Säbelrasseln auf See

Sie waren nicht die ersten, die das versuchten. Schon wenige Tage zuvor war eine Gruppe Chinesen mit einer Fahne der Volksrepublik auf den Senkakus gelandet. Man könnte dies nun als bizarre Regatta abtun, doch der Flaggen-Wettstreit hat einen brisanten Hintergrund: Neben Japan beanspruchen auch China und Taiwan die Inseln, die sie Diaoyu-Inseln nennen. Seit Jahrzehnten streiten die Staaten erbittert um die Felsbrocken. Immer wieder kommt es zu ge-

genseitigen Provokationen und Drohgebärden: Fahnen werden mal gehisst, mal verbrannt, gegnerische Schiffe ins Fadenkreuz genommen und Kampfjets in Richtung der Inseln entsandt. Doch nicht nur vor den Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln wird mit Säbeln gerasselt: Eine ganze Reihe Gebietskonflikte brodelt im Chinesischen Meer, dem Seegebiet, das an China, die koreanische Halbinsel, Japan und Taiwan sowie – im Süden – an die Philippinen, Brunei, Indonesien, Malaysia, Thailand, Kambodscha und Vietnam grenzt. Um die kleinen Paracel-Inseln streiten sich China und Vietnam; weiter südlich beanspruchen gleich

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LEIBNIZ | MEERE Die Inseln gehören zu Japan, sagt Japan: Patrouille der japanischen Küstenwache vor einer der Senkakus.

sechs Nationen die Spratly-Inseln für sich. Hinzu kommen weitere Riffe, Felsen und versunkene Atolle sowie ein halbes Dutzend Staaten, die Besitzansprüche darauf anmelden. Anderen Ländern wie den USA und Russland geht es um Handelswege und Einfluss in der Region. Auch in anderen Teilen der Welt gibt es ähnliche Territorialstreitigkeiten: Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate zanken um eine Insel im Persischen Golf; Großbritannien, Dänemark, Irland und Island liegen sich seit Jahrzehnten wegen eines einsamen Felsens im Nordatlantik in den Haaren. Nirgends aber häufen sich die Konflikte so sehr wie im Chinesischen Meer.

Kein Wunder, denn hier verläuft eine der Hauptschlagadern des Welthandels. Ein Drittel des globalen Warenverkehrs passiert den südlichen Teil des Chinesischen Meeres. Doch auch was unter der Wasseroberfläche liegt, weckt Begehrlichkeiten. Von „Rohstoffnationalismus” spricht Torsten Geise vom Hamburger Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA). Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher beschäftigt sich schon lange mit der Region. Auf monatelangen Forschungsreisen in das Gebiet hat er in den vergangenen Jahren Interviews mit Politikern, Reedern, den Mitarbeitern von Küstenwachen und anderen Experten geführt und

parallel umfangreiche Medienrecherchen betrieben: „Die Gebiete um die Inseln sind sehr fischreich und im Meeresgrund werden fossile Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder Mangan vermutet.“ Seit Jahrzehnten wächst die Wirtschaft in der Region um das Chinesische Meer. In Ländern wie den Philippinen, Malaysia und Japan wird damit auch das Bedürfnis nach Energie und Rohstoffen stetig größer – vor allem aber in China. „Chinas Entwicklung ist sicher verantwortlich für die Dynamik des Konflikts im Moment und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit“, meint Geise. Die Wurzel des Problems liege jedoch an anderer Stelle.

Konflikt mit Geschichte

Denn zu den rein wirtschaftlichen Ursachen kommt eine Reihe historischer Faktoren, Südkorea die den Streit bis heute beeinn Tokyo a Gelbes p Ja flussen und so schwer lösbar Meer Peking machen. Bis Mitte des 20. JahrOsthunderts waren viele Staaten chinesisches Meer der Region als Kolonien fremdChina verwaltet. Die Kolonialmächte Okinawa Südkorea an Tokyo willkürlich Grenzen, sie Senkaku-Inseln Gelbes (jap.) pzogen a J Diaoyu-Inseln (chin.) Meer dominierten die Kultur und Taiwan das politische System. „So gab es in der Region nie einen AusGolf Ostvon tausch und es konnte sich keiTonkin Paracel-Inseln chinesisches Meer ne gemeinsame südostasiatiChina sche Identität entwickeln”, sagt Vietnam SüdOkinawa Geise. „Bis heute spielt dieses chinesisches Meer Philippinen Erbe der Kolonialzeit eine groSenkaku-Inseln (jap.) Spratly-Inseln ße Rolle für den Konflikt, weil Diaoyu-Inseln (chin.) es deswegen immer wieder zu n Taiwa gegenseitigen Ressentiments a ysi kommt.” Gleichzeitig sorgte die a l Ma Golf aggressive Expansionspolitik Punkte im von Blau: Die Senkaku-Insel sind nur eins von mehreren umdes japanischen Kaiserreichs Tonkin Paracel-Inseln strittenen Gebieten im Chinesischen Meer. bis zum Ende des Zweiten WeltPeking

Vietnam

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Vietnam Vietnam

Südchinesisches Meer

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kriegs für historische Traumata, die die Beziehungen von Japan zu China, Korea und Taiwan bis in die Gegenwart belasten. Schlussendlich hat ausgerechnet das internationale Seerecht die Konflikte im Chinesischen Meer verschärft, obwohl es genau das Gegenteil bewirken sollte. 1982 wurde im Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen die Einführung einer „Ausschließlichen Wirtschaftszone“ (AWZ) beschlossen. Sie räumt Küstenstaaten in einer 200 Seemeilen breiten Zone das alleinige Recht zur wirtschaftlichen Nutzung des Meeres ein. Sie dürfen dort also beispielsweise Fischfang betreiben und Rohstoffe fördern. „In den meisten Teilen der Welt war die Durchsetzung dieser AWZ unproblematisch”, sagt Torsten Geise, „aber in der Region um das Chinesische Meer liegen viele Staaten eng beieinander, die Ansprüche überlappen sich.” Statt den Streit zu schlichten, brachte das Seerechtsübereinkommen ungewollt neue Konfliktparteien hervor: Während etwa China, Japan,

Vietnam oder Taiwan ihre Ansprüche auf Inseln vor allem historisch begründen, konnten nun Länder wie die Philippinen oder Brunei die AWZ als Argument heranziehen.

Fakten schaffen mit Beton

Vor allem China versucht seither, seine Position im Streit um die Inseln zu untermauern – und zwar wortwörtlich, mit Zement und Beton: So entstehen chinesische Marinebasen und Leuchttürme auf bis dato unbewohnten Felsen. Mit seinen Wirtschaftseinnahmen rüstet die Volksrepublik gleichzeitig ihre Armee auf. Allein dieses Jahr sollen die Ausgaben um elf Prozent steigen. In den Nachbarländern wecken die chinesischen Muskelspiele Ängste. Auch Länder wie Japan oder Taiwan bauen deshalb ihre Streitkräfte aus. In spektakulären Manövern demonstriert man sich gegenseitig militärische Stärke: China im Schulterschluss mit Russland, Japan

dafür gemeinsam mit den USA, die erst kürzlich ihre Militärpräsenz im Südchinesischen Meer verstärkt haben. Dennoch hält Torsten Geise eine Eskalation derzeit für unwahrscheinlich. Man dürfe die Brisanz des Konflikts zwar nicht unterschätzen, so der GIGAForscher – sie aber auch nicht überbewerten. „Die Rhetorik ist sicherlich schärfer geworden – von einigen Scharmützeln abgesehen, sind die Bilder, die wir sehen, aber meist friedlich.” Entwarnung also? Nicht ganz. Denn auch wenn der Konflikt nicht überkocht, bringt er schon jetzt negative Konsequenzen mit sich. „Speziell für die Bekämpfung von Piraterie und Schmuggel ist der Konflikt ein Hindernis”, meint Geise. Denn Patrouillenboote meiden strittige Gebiete, um Nachbarländer nicht zu provozieren. Davon profitieren Umweltsünder, Schmuggler und Piraten. Sie können sich in den Gebieten bewegen, als würden sie ihnen gehören. C H R I STOPH G U R K

Fotos: Al Jazeera English; Wikimedia Commons/Wuyouyuan, Karte: Nora Tyufekchieva

Die Inseln gehören zu China, sagt China: Propagandaplakat in der südchinesischen Küstenstadt Xiamen.

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Versiegende Lebensader: Fischer auf der Ciénaga Grande de Santa Marta.

Die

geschundene

Lagune

Die Lagune Ciénaga Grande de Santa Marta im Norden Kolumbiens steht seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Trotzdem überfischen die Einwohner des Dorfes Tasajeras sie — und berauben

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Karibisches Flair sucht man in Tasajeras vergebens. Dabei bringt der Ort einiges mit, was Touristen eine Reise wert sein dürfte. An der größten Küstenlagune der kolumbianischen Karibik liegt er. Über 450 Quadratkilometer erstreckt sich die Ciénaga Grande de Santa Marta im von Kanälen durchzogenen Mündungsdelta des Rio Magdalena, inmitten eines Naturschutzgebietes. 1998 erklärte die kolumbianische Regierung die Lagune zu einem „Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung“, zwei Jahre später wurde sie UNESCO-Biosphärenreservat. Auf dem Papier ist Tasajeras ein vielversprechendes Urlaubsziel am Rande eines intakten, vielfach geschützten Ökosystems. Doch die Realität sieht anders aus. Weder fließendes Wasser noch Kanalisation gibt es in Tasajeras, stattdessen eine Bundesstraße, die das Dorf teilt. Seine 8.000 Einwohner fristen am Ufer der Lagune ein Leben am Existenzminimum. Die meisten können weder lesen noch schreiben, Jobs,

mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten, gibt es kaum. Eine einzige Lebensader muss das Dorf und Zehntausende Menschen in seiner Umgebung deshalb ernähren: die Lagune.

Wirkungslose Umweltgesetze

Schon vor über 20 Jahren wies die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom nach, dass Gemeinschaften in der Lage sind, knappe natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen – sofern es Normen gibt, die ihre Bewirtschaftung regeln. 2009 erhielt sie den Wirtschaftsnobelpreis. „In der Ciénaga Grande scheint sich Ostroms Erkenntnis aber nicht zu bewahrheiten“, sagt Achim Schlüter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen. Seit 2011 untersucht der Umweltökonom in einem dreijährigen Forschungsprojekt den Umgang mit der Lagune.

Voller Staunen beobachten er und seine Kollegen zuweilen, wie wenig Wirkung die vorhandenen Regelwerke zeigen. Trotz strikter Umweltgesetze leiten die Bananenbauern aus dem Hinterland Pestizide in die Lagune. Die rund 20.000 Fischer der Region entnehmen dem Brackwasser alles, was die Netze hergeben – und berauben sich so auf lange Sicht ihrer Lebensgrundlage. „Wir wollen herausfinden“, erklärt Schlüter, „warum es ihnen nicht gelingt, die Lagune nachhaltig zu befischen.“ Wer verstehen will, wie die Ciénaga Grande de Santa Marta wurde, was sie heute ist, muss in der Geschichte Tasajeras ein halbes Jahrhundert zurückgehen. 1957 wurde die Bundesstraße über die schmale Landzunge Isla de Salamanca gebaut, auf der auch Tasajeras liegt. Schon zuvor trennte das Sumpfgebiet die Lagune vom offenen Meer, ermöglichte aber einen stetigen Wasseraustausch. Mit Unmengen von Sand legten die Straßenarbeiter diese Verbindung trocken, um die Fahrbahn

Fotos: Elba Luz Torres/ZMT (2); Karte: Nora Tyufekchieva

sich damit ihrer Lebensgrundlage.

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HE R EI CRHE T E N L E I B N I ZN A|C M

zu befestigen. In der Folge veränderten sich Sauerstoff- und Salzgehalt der nun abgeschnittenen Lagune, der Fischbestand verringerte sich rapide, die Mangroven am Ufer starben. Erst sieben Jahre später stellte die Regierung die Lagune unter Schutz. Die Straße aber blieb. Seither mühen sich Behörden und Nichtregierungsorganisationen, die Auswirkungen des Baus in den Griff zu bekommen und alternative Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Manche Anwohner versuchen zwar, zu überleben, indem sie Wasser und Snacks an der Bundesstraße feil bieten; andere errichten Straßensperren auf der Brücke, die über das letzte offene Stück zwischen Lagune und Meer führt, um Wegezoll zu erpressen. Doch die Fischerei ist bis heute die vorherrschende Einnahmequelle. Täglich treffen sich die Fischer am Hafen von Tasajeras, um ihren Fang zu verkaufen. Seit zehn Jahren gesellt sich ein Mitarbeiter des kolumbianischen Fischereiinstituts INVEMAR dazu. Er fragt die Fischer nach Art, Größe und Menge der ins Netz gegangenen Fische und welche Fangmethoden und Maschengrößen sie verwendet haben. Ihre Antworten bilden inzwischen eine umfangreiche Datenbank, die auch die Forscher vom ZMT nutzen. 172 Fischer haben Schlüter und seine Kollegen ausgewählt, um mehr über die Motive ihres Handelns zu erfahren. Um das Vertrauen der Fischer zu gewinnen, brauchen sie da-

bei mehr als wissenschaftliches Know-how. Gefragt sind Fingerspitzengefühl, kulturelles Hintergrundwissen und Sprachkenntnisse – Voraussetzungen, die Luz Elba Torres mitbringt. Die 42-jährige Kolumbianerin promoviert im kolumbianisch-deutschen Graduiertenkolleg CEMarin am ZMT. Zweimal war sie bereits für mehrere Monate in Tasajeras, um soziodemografische Daten zu erheben. In den Gesprächen mit den 172 Fischern fand sie heraus, dass etwa die Einkommenssituation nachhaltiges Handeln bestimmt. „Wenn ein Fischer heute nicht weiß, wie er seine Familie morgen ernähren soll, interessiert ihn die Überfischung herzlich wenig“, sagt Torres. „Er wird möglichst viele Fische fangen.“

Überfischung aus Existenznot

Eine wichtige Rolle spielt auch das Vertrauen unter den Fischern: Inwieweit kann sich der eine darauf verlassen, dass der andere sich an Absprachen über Fangmethoden und -quoten hält? „Wenn der Fischer seinem Nachbarn traut und sieht, dass der sich an die Regeln hält und nachhaltig fischt, tut auch er das eher“, sagt Achim Schlüter. Vom „sozialen Kapital“ einer Gemeinschaft sprechen Ökonomen, wenn Menschen kooperieren, weil ihnen das langfristig sinnvoll erscheint. Neben Misstrauen können auch kurze Zeithorizonte soziales Kapital zerstören und nachhaltigem kol-

Karibisches Meer Tasajeras Ciénaga Grande de Santa Marta

Karibisches Meer Tasajeras

Venezuela 20 km

Kolumbien

lektiven Handeln die Grundlage rauben. Für einige Menschen ist Tasajeras eine Durchgangsstation. Sie verfolgen andere Interessen als die Bewohner der Pfahlbaudörfer, die traditionell auf Fischfang angewiesen sind – und es auch in Zukunft sein werden. Das langfristige Ziel der Forscher vom ZMT besteht deshalb darin, Strategien zu entwickeln, die die Lagune und ihre Fischbestände entlasten. „Würden wir etwa herausfinden, dass Vertrauen in Tasajeras eine signifikant große Rolle spielt, müssten wir in einem nächsten Schritt überlegen, wie wir das soziale Kapital des Dorfes gezielt stärken können“, erklärt Elba Luz Torres. Bis dahin liegt ein weiter Weg vor den Wissenschaftlern. Im Oktober reist Torres ein drittes Mal nach Kolumbien. Dieses Mal geht es darum, zu überprüfen, unter welchen Bedingungen die Fischer schonender mit der Lagune umgehen – oder welche Maßnahmen sie dazu animieren könnten. Torres wird ein verhaltensökonomisches Experiment durchführen: Die 172 Fischer bewirtschaften darin unter wechselnden Vorgaben eine imaginäre Lagune. Ihre Beobachtungen wird Torres im Anschluss mit den INVEMARDaten abgleichen, um einordnen zu können, ob die Fischer sich im Experiment ähnlich verhalten wie beim Fischen in der Lagune. Von „externer Validität“ sprechen die Forscher. Und nur wenn die hoch ist, wäre das ein Zeichen dafür, dass Strategien, die der Überfischung im Experiment Einhalt gebieten, dies auch in der Realität tun könnten. Das ZMT würde in diesem Fall Handlungsempfehlungen an die kolumbianische Politik aussprechen. Sie könnten dazu beitragen, dass die Lagune eines Tages nicht nur auf dem Papier ein intaktes Ökosystem ist.

Am Ufer der Lagune: Fischer sortieren ihren Fang.

KATJA L Ü ER S

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„Der

Hotspot der Piraterie hat sich verschoben“

Kaum scheint sich die Lage vor Somalia zu beruhigen, entwickelt sich Westafrika zum neuen Revier der Piraten. Im Golf von Guinea

Foto: AP/Farah Abdi Warsameh

haben sie es vor allem auf Öl abgesehen, das sie mit Gewalt und oft ohne Rücksicht auf Menschenleben erbeuten. Melanie Coni-Zimmer von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) analysiert Piraterie weltweit. „Die Wurzeln des Problems“, so die Konfliktforscherin, „liegen an Land.“ 24

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Erst gekapert, dann an Somalias K端ste gestrandet: Somalischer Pirat vor dem Wrack eines taiwanischen Schiffs.

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Lange Zeit waren Piraten nur in Abenteuerromanen und Hollywoodfilmen ein Thema. Wie haben sie es zurück in die Realität geschafft? Piraterie ist in der Tat ein Verbrechen, das wir lange nur aus Geschichtsbüchern kannten. Und bis vor wenigen Jahren waren Überfälle auf Schiffe auch lediglich ein regional begrenztes Problem im asiatischen Raum. Doch 2008 eskalierte die Lage vor Somalia und plötzlich stand das Thema ganz oben auf der internationalen Agenda. Auch die Vereinten Nationen waren alarmiert, weil nicht nur Handelsschiffe, sondern auch Hilfslieferungen für ostafrikanische Länder im Golf von Aden angegriffen wurden. Inzwischen hat sich der Hotspot der Piraterie allerdings von Ost- nach Westafrika verschoben, in den Golf von Guinea.

Wie unterscheidet sich das Vorgehen der Piraten in verschiedenen Weltregionen? In Asien spricht man von kleiner Armutspiraterie. Es geht darum, Fracht und Wertgegenstände von Bord der Schiffe zu rauben. An Entführungen haben die Piraten meist kein

Interesse. In Somalia – und das war das Neuartige – besteht das Geschäftsmodell genau darin: Man versucht Schiffe, die durch den Golf von Aden fahren, zu entführen und Lösegeld für Schiff und Besatzung zu erpressen. Das sind keine unorganisierten Piratenbanden, sondern professionell agierende kriminelle Netzwerke. Die Piraten nutzen Mutterschiffe, von denen aus kleinere Boote starten, die schnellen und wendigen „Skiffs“. Und auch an Land hat sich eine Infrastruktur für die Piraterie etabliert: Küstenbewohner versorgen Geiselnehmer und Geiseln mit Nahrung, die Schiffscrews müssen bewacht und Verhandlungen mit Reedern geführt werden. Oft werden die entführten Menschen und Schiffe monatelang festgehalten. Wie stellt sich die Situation im Golf von Guinea dar? Dort zeigen die Piraten bislang keinerlei Interesse an Geiselnahmen. Es geht ihnen um die Fracht der Schiffe, meist also um Rohöl oder bereits raffiniertes Öl. Anders als vor Somalia greifen die westafrikanischen

Piraten nicht nur fahrende, sondern insbesondere in Häfen oder in Küstennähe ankernde Schiffe an. Sie entern sie und versuchen, so schnell wie möglich einen Teil des Öls abzuzapfen. „Oil Bunkering“ nennt man das in Nigeria. Die Beute wird auf dem Schwarzmarkt verkauft oder auf Umwegen wieder in den legalen Markt eingespeist. Neben der Fracht erbeuten die Seeräuber Bargeld und Wertgegenstände. Dabei gehen sie sehr gewaltsam vor: Die Zahl der Getöteten vor Nigeria war 2012 höher als vor Somalia, obwohl die Zahl der Überfälle niedriger war.

Wo liegen die Wurzeln der Piraterie? Sie liegen an Land. Nigeria und auch andere Staaten der Region blicken auf eine Geschichte von Gewaltkonflikten zurück. Viele Piraten waren daran beteiligt und haben Erfahrung im Umgang mit Waffen. Ein weiteres Problem in Nigeria ist, dass die Bevölkerung vom Ölreichtum des Landes kaum profitiert. Die Jugendarbeitslosigkeit ist groß, es fehlen Perspektiven. Auch die gerade in Nigeria weit ver-

Fotos: Eric L. Beauregard/U.S. Navy; Babette Knauer/HSFK

Im Visier: US-Soldaten verhaften mutmaßliche Piraten im Golf von Aden.

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breitete Korruption spielt eine Rolle. Man geht davon aus, dass Staatsbedienstete die Piraten mit Wissen über Frachtrouten versorgen und beim Verkauf des gestohlenen Öls mitverdienen.

Und in Somalia? Auch Somalia hat einen langen, zermürbenden Bürgerkrieg hinter sich, doch die Situation ist eine andere. Das Land ist der Prototyp eines „failed state“: Die staatlichen Infrastrukturen sind komplett zusammengebrochen. Dies gilt auch für die formale Ökonomie, die Bevölkerung hat also kaum Chancen, ihren Lebensunterhalt auf legalem Weg zu bestreiten. Auch effektive Vollzugsbehörden und eine funktionierende Küstenwache, um die Piraterie einzudämmen, gibt es nicht. Das Risiko, festgenommen und bestraft zu werden, war für Piraten lange gering.

Zuletzt hat sich die Lage vor Somalia dennoch verbessert. Warum? Die Zahl der erfolgreichen Übergriffe ist tatsächlich deutlich gesunken. 2012 gab es im Golf von Aden 75 Piratenangriffe – im Jahr davor weit über 200. Die internationale Präsenz von Marineschiffen im Golf von Aden, etwa im Rahmen der EU-Mission „Atalanta“, scheint zu greifen. Ein Transitkorridor wurde eingerichtet, Marineschiffe so positioniert, dass Hilfe stets relativ nah ist. Außerdem gibt es Eskorten, die Verbände von Handelsschiffen durch den Golf von Aden geleiten.

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Dennoch sind die Seegebiete vor West- und Ostafrika zu groß, um sie flächendeckend zu kontrollieren. Wie können Handelsflotten sich schützen? Die Reeder werden zunehmend präventiv tätig. Es gibt eine ganze Reihe von Sicherheitsmaßnahmen: Zäune an Bord und Wasserstrahlkanonen sollen es Angreifern erschweren, Schiffe zu entern, Sonarkanonen schrecken sie mit akustischen Signalen ab. Auch sogenannte

Panic Rooms unter Deck sind mittlerweile Standard. Darin können sich Crews in Sicherheit bringen und Notsignale absetzen.

Welche Rolle spielen bewaffnete private Sicherheitsdienstleister? Deutsche Reeder lehnten ihren Einsatz zunächst ab. Sie fürchteten, die Lage könnte weiter eskalieren, wenn auf die Piraten geschossen wird. Mittlerweile sind bewaffnete Sicherheitsdienste auf deutschen Schiffen aber gängige Praxis. Die Sorge, dass dadurch eine Gewaltspirale in Gang kommen könnte, scheint sich nicht zu bestätigen. In Deutschland trat dieses Jahr übrigens ein Gesetz in Kraft, das den Einsatz privater Sicherheitsfirmen an Bord von Schiffen unter deutscher Flagge genau regelt.

Wird es im Golf von Guinea einen Militäreinsatz geben, um die Schifffahrt zu schützen? Das kann ich mir zurzeit nicht vorstellen. Solche Einsätze sind mit extrem hohen Kosten verbunden. Und die Ausgangssituation im Golf von Guinea ist komplett anders. Dennoch sollte die internationale Gemeinschaft die dortigen Staaten im Kampf gegen die Piraterie unterstützen. Verschiedene Staaten fördern deshalb den Kauf zusätzlicher Boote und neuer Radarsysteme für die Überwachung der Gewässer. Außerdem versuchen sie, mehr Zusammenarbeit zwischen den Anrainern anzuregen. Schon jetzt gibt es gemeinsame Patrouillen der Küstenwachen Benins und Nigerias. Letztlich liegen die Ursachen der Piraterie aber in allen Teilen der Welt an Land. Sie zu bekämpfen ist keine rein militärische Aufgabe, sondern auch eine der Entwicklungszusammenarbeit. Das gilt auch in Somalia. Dort wird beispielsweise in den Aufbau des Justizsystems investiert. Nur so können langfristig effektive und faire Verfahren gegen Piraten stattfinden.

Wie soll bis dahin mit verhafteten Seeräubern umgegangen werden? Haben Verfahren wie der Hamburger Piratenprozess, der im Oktober 2012 endete, Sinn – mehr als 6.000 Kilometer vom Tatort entfernt? Obwohl Piraterie natürlich nicht straffrei bleiben sollte, hat Hamburg gezeigt, wie schwierig solche Verfahren sind. Der Prozess fand in diesem Fall in Deutschland statt, weil die somalischen Piraten ein Schiff unter deutscher Flagge überfallen hatten und auch zwei deutsche CrewMitglieder betroffen waren. Er war langwierig und komplex. Allein Dolmetscher zu finden, gestaltete sich schwierig. Zum Teil waren junge Männer involviert, die unter das Jugendstrafrecht fallen und schon während des Prozesses entlassen und in Jugendwohngruppen untergebracht wurden. Letztlich ist es eine große Absurdität, Menschen in einem völlig fremden Kulturkreis, fernab ihrer Familien vor Gericht zu stellen. In der Urteilsbegründung – teilweise wurden langjährige Haftstrafen verhängt – wurde aber durchaus reflektiert, dass die Bestraften in ihrer Heimat extreme Not leiden. Man muss auch klar sagen, dass in Hamburg eher die kleinen Fische auf der Anklagebank saßen. Die Hintermänner, die Überfälle finanzieren und das Business Piraterie betreiben, kamen davon. I N TERV I EW : D AV I D SC H EL P

„Die internationale Präsenz von Marineschiffen scheint zu greifen.“

Melanie Coni-Zimmer studierte Politikwissenschaft in Mainz, Helsinki und Tübingen. 2004 wurde sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen, bevor sie 2006 an die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main wechselte. 2009 besuchte sie als Gastforscherin die University of Victoria in Kanada. 2011 schloss sie ihre Promotion an der Technischen Universität Darmstadt ab.

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Die wahren

Herrscher der See Wenn die Blaualge blüht, sperren Bademeister ganze Strände. Doch seit mehr als zwei Milliarden Jahren ermöglichen die Cyanobakterien und andere Mikroorganismen höheres Leben auf der Erde. In der Ostsee haben Warnemünder Leibniz-Forscher nun ein Bakterium entdeckt, das selbst in sauerstoffarmen „Todeszonen“ überleben

Cyanobakterien: Voraussetzung für höheres Leben auf der Erde.

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In den Weltmeeren wimmelt es nur so von Walen, Delfinen und unzähligen Fischen. Das zumindest suggerieren filmische Dokumentationen, die – verständlicherweise – nur die Highlights der Dreharbeiten zeigen. Und kein „leeres“ Wasser. Doch wer sich einmal mit einem Fischer unterhalten hat, weiß, dass man Fischschwärme im offenen Ozean gezielt suchen muss, wenn man sich nicht gerade in einem tropischen Korallenriff befindet. Das Treffen mit einem Wal oder einer Schule Delfine ist schon ein echter Glücksfall. Voller Leben steckt der Ozean trotzdem. Nur können Unterwasserkameras das nicht ohne weiteres dokumentieren. Ob im Pazifik, im Südpolarmeer oder der Ostsee: Bakterien sind im Meerwasser allge-

genwärtig. In nur einem Liter schwimmen etwa eine Million Zellen verschiedenster Arten. Anders als Blauwal oder Kabeljau können die Einzeller im wahrsten Wortsinn die Welt verändern. So waren es die frühen Formen der heute noch in allen Weltmeeren lebenden Cyanobakterien – besser bekannt als Blaualgen – die vor 2,4 Milliarden Jahren damit begannen, oxygene Photosynthese zu betreiben und dabei Sauerstoff als Abfallprodukt zu produzieren. Ohne Cyanobakterien und Sauerstoff in der Atmosphäre wäre kein höheres Leben auf der Erde möglich. Auch heute kommen Blaualgen in allen Meeren der Welt vor. Und ähnlich wie vor Urzeiten spielen sie schon aufgrund ihrer schieren Masse eine ent-

scheidende Rolle in den Stoffkreisläufen des Planeten. So haben einige Cyanobakterien die erstaunliche Fähigkeit, gasförmigen Stickstoff aus der Atmosphäre zu binden. Damit sind die Einzeller in vielen Meeresbereichen die einzige Quelle des für Lebewesen unverzichtbaren Stickstoffs. Doch in flachen Küstenmeeren zeigen sich auch die Schattenseiten der bakteriellen Macht. Matthias Labrenz und Klaus Jürgens können sie direkt vor der Tür ihres Arbeitgebers beobachten. Am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) erforschen die beiden Mikrobiologen die Rolle von Mikroorganismen in der Ostsee. „Wenn abgestorbene Cyanobakterien von der Oberfläche in die tieferen Bereiche

Fotos: IOW

kann und dort wichtige Funktionen erfüllt.

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des Meeres absinken, werden sie dort von anderen Bakterien unter Sauerstoffverbrauch abgebaut“, erklärt Labrenz. „Dadurch bilden sich in der tiefen Ostsee Sauerstoffdefizitzonen.“ Ohne Sauerstoff können in diesen Bereichen höhere Organismen wie Fische nicht existieren. In den Medien ist deshalb häufig von „Todeszonen“ die Rede. Aber tot sind diese Bereiche keineswegs. „Ganz im Gegenteil“, sagt Klaus Jürgens. „Viele Bakterien können auch ohne Sauerstoff überleben und besiedeln die ‚Todeszonen‘ in einer erstaunlichen Artenvielfalt.“ Doch erst seit einigen Jahren verfügen Wissenschaftler über effektive mikrobiologische Untersuchungsmethoden. Ein großer Teil der globalen Artenvielfalt unter den marinen Bak-

terien ist deshalb noch völlig unbekannt. Während es unter höheren Organismen wohl nur noch wenige unbekannte Arten zu entdecken gibt, schlummert in den Tiefen der Ozeane eine wahre Goldgrube an genetischer Vielfalt.

„Key Player“ im Ökosystem

„Wenn wir verstehen wollen, wie das Ökosystem Ostsee funktioniert, müssen wir uns bei der Suche nach neuen Arten vor allem auf sogenannte ,Key Player‘ konzentrieren“, sagt Klaus Jürgens. Eine solche Schlüsselfigur haben die Biologen in 215 Metern Tiefe zwischen der schwedischen Insel Gotland und der Westküste Lettlands entdeckt.

Von Bord des deutschen For- In brauner Blüte: schungsschiffes ALKOR aus Blaualgenteppich in hatten die Wissenschaftler im der westlichen Ostsee. Bereich des Gotland-Tiefs – der zweittiefsten Stelle der Ostsee – einen Wasserschöpfer ins Meer sinken lassen und innerhalb einer „Todeszone“ Proben genommen. „In den Proben fiel uns eine Bakterienart auf, die bis zu 30 Prozent aller Zellen im Wasser ausmachte“, berichtet Jürgens. Nachdem die Forscher das Bakterium im Labor kultiviert und mit einer Vielzahl molekularer Techniken untersucht hatten, war klar: Sie hatten eine noch unbekannte Art entdeckt, die aufgrund ihrer großen Masse eine Schlüsselrolle im Ökosystem spielen musste. Und diese Schlüsselrolle ist in der Ostsee nicht hoch genug einzuschätzen. In den Sauer-

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www.zew.de

stoffdefizitzonen des Meeres bildet sich Schwefelwasserstoff – ein übel riechendes, giftiges Fäulnisgas – das unter Fischen und anderen Lebewesen im Oberflächenwasser Massensterben auslösen kann. Das neu entdeckte Bakterium ist in der Lage, den in der Tiefe gebildeten Schwefelwasserstoff nahezu komplett abzubauen, noch bevor er in die Oberflächenschichten der Ostsee gelangt. Damit fungieren die Einzeller als wichtige Entgifter und wirken den schädlichen Effekten der von oben herabsinkenden Cyanobakterien als Teil einer natürlichen Kläranlage entgegen. Die Bewohner der Oberfläche werden so vor den giftigen Substanzen aus der Tiefe bewahrt.

Jetzt erschienen:

Seminarprogramm 2013/2014

Modellorganismus entdeckt

Als einziges deutsches Wirtschaftsforschungsinstitut verfügt das ZEW über einen eigenen Weiterbildungsbereich. Dieser führt seit mehr als 10 Jahren erfolgreich Seminare für Fach- und Führungskräfte aus Wissenschaft und Wirtschaft durch.

Sulfurimonas gotlandica, so haben Matthias Labrenz und Klaus Jürgens die neue Art getauft, ist ein wichtiger Modellorganismus für das Ökosystem Ostsee. „Doch von der Entdeckung der neuen Art bis zur Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt war ein langer Weg zu gehen“, erzählt Labrenz. Unzählige technisch anspruchsvolle Laboruntersuchungen waren nötig, um das neue Mitglied in der Bakterienfamilie umfassend zu charakterisieren. Was kann der Organismus? Von welchen Stoffen ernährt sich die Art? Aus welchen Stoffen besteht sie? Und wo im riesigen Verwandtschaftsbaum der Bakterien ist die neue Spezies einzuordnen? Die Ergebnisse dieser Charakterisierung müssen in einem internationalen Forschungsmagazin

Einen Schwerpunkt des ZEW-Weiterbildungsangebots bilden Seminare, in denen statistische und ökonometrische Methoden und Praktiken vermittelt und angewendet werden. Darüber hinaus beinhaltet das neue ZEW-Seminarprogramm Expertenseminare, die sich speziell an wissenschaftliche Einrichtungen richten: • Scientific Talks in English 01./02.10.2013 in Mannheim • Wissenschaftliche Besprechungen und Diskussionen moderieren 08./09.10.2013 in Mannheim • Exzellent führen – Ein Seminar für Frauen in wissenschaftlichen Leitungspositionen 10./11.12.2013 in Mannheim • Internationaler Mitarbeitereinsatz in Wissenschaft und Forschung 22.01.2014 in Mannheim

veröffentlicht werden. Als endgültig anerkannt gilt der Fund erst, wenn die neue Art in zwei Kultursammlungseinrichtungen in zwei verschiedenen Staaten der Welt hinterlegt ist. Sulfurimonas gotlandica lagert künftig in Japan und in der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ), einem Leibniz-Institut in Braunschweig. In doppelglaswandigen Ampullen schlummern dort in einem der größten Bioressourcen-Zentren der Welt mehr als 40.000 Kulturen, vor allem Bakterien und Pilz-Stämme. Darunter finden sich exotische Vertreter aus der Tiefsee oder der Arktis, aber auch Krankheitserreger bis zur Risikogruppe 2, Salmonellen oder das Mycobacterium tuberculosis beispielsweise. „Mit der Hinterlegung machen wir Sulfurimonas gotlandica für alle Wissenschaftler der Welt zugänglich“, sagt Matthias Labrenz. „Sie müssen nur einen Antrag bei der DSMZ stellen und bekommen gegen Bezahlung eine Probe der Kultur zugeschickt.“ Der Einzeller aus dem Gotland-Tief reiht sich damit in eine lange Liste neuer Bakterienarten ein, die Wissenschaftler des IOW im Laufe der letzten Jahre in der Ostsee aufgespürt haben und zeigt, dass selbst in einem so nahe liegenden Forschungsgebiet wie der Ostsee noch immer vieles zu entdecken ist. Vor allem aber verdeutlicht Sulfurimonas gotlandica, wie gewaltig der Einfluss der für das bloße Auge unsichtbaren Mikroorganismen ist. Ohne die bakterielle Kläranlage in der Tiefe der Ostsee sähe die Welt von Dorsch und Schweinswal an der Oberfläche ziemlich düster aus. N I L S EH R EN BERG

• Digitale Literatur in der wissenschaftlichen Praxis 26.02.2014 in Mannheim und 05.03.2014 in Berlin

www.zew.de/weiterbildung

2 µm

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Kläranlage der Tiefsee: Sulfurimonas gotlandica.

Foto: IOW

Weitere Informationen und Seminaranmeldung unter:

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Mit dem

Schiff kam die

Pest

Noch weit entfernt vom sicheren Hafen: Darstellung in einer byzantinischen Handschrift.

Fenster in die Vergangenheit: Was Häfen über das Leben am Wasser

Foto: RGZM

vor 2.000 Jahren verraten.

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Häfen sind Sehnsuchtsorte zwischen Fernweh und Heimweh, an denen sich der Lärm von Maschinen und Hafenarbeitern mit dem Geschrei der Möwen vermischt. Sie verbinden Festland und Wasser, sind Schnittstelle zwischen zwei Elementen und seit Jahrtausenden rege genutzte Handels- und Reiserouten. Auch für Archäologen haben sie deshalb ihren Reiz: „Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter“ heißt ein Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem 60 Wissenschaftler das Phänomen Hafen von Nord- bis Südeuropa untersuchen. Mit zwei von insgesamt 15 Projekten ist das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz (RGZM) beteiligt. Sie führen die Forscher ins östliche Mittelmeer: in die thrakische Hafenstadt Ainos − heute das Städtchen Enez nahe der türkisch-griechischen Grenze − und entlang der 1.000 Kilometer langen Balkanküste des Byzantinischen Reichs. „Damit betreten wir Neuland“, sagt Falko Daim, der das RGZM leitet. „Bisher haben wir uns mit dem Schiffbau in der Antike und seinen technischen Aspekten beschäftigt.“ Das lag nahe, weil das Museum sechs Schiffe aus der Römerzeit besitzt; Schiffe, die zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert auf dem Rhein unterwegs waren, als der Fluss die Grenze des Römischen Reichs zu Germanien bildete. Sie wurden Anfang der 1980er Jahre bei Ausschachtungsarbeiten gefunden

und bekamen mit dem Museum für Antike Schiffahrt einen eigenen Ausstellungsort unter dem Dach des RGZM. Etliche der antiken Häfen, mit denen sich Daim und seine Mitarbeiter beschäftigen, liegen heute aufgrund von Verlandungsprozessen unter der Erde. Ein Beispiel dafür ist der große theodosianische Hafen von Konstantinopel, benannt nach Kaiser Theodosius II., der im 5. Jahrhundert regierte. Bei Bauarbeiten für eine neue U-Bahnlinie im heutigen Istanbul kamen die Überreste des Hafens wieder ans Tageslicht – für die Archäologen ein Fest, für die Ingenieure ein Albtraum. Denn die türkische Regierung stoppte die Bauarbeiten, um die historischen Schätze zu bergen.

Häfen mit Lasertechnik auf der Spur

Andere antike Häfen liegen unter Wasser. Ein genaues Bild von diesen Anlagen können sich die Mainzer Forscher dank eines neuen Laserverfahrens namens Airborne Laser Bathymetrie machen, das sie in einem Pilotprojekt einsetzen. Dreidimensionale Unterwasseraufnahmen bis zu einer Tiefe von zehn Metern sind damit möglich. So können Strukturen wie die Lage und Größe der Molen rekonstruiert werden, zudem liefert die Methode Hinweise auf Werften und andere Infrastruktur. Und nicht zuletzt darauf, was im Lauf der Jahrhun-

derte in den Häfen versunken ist: Schiffe und ihre Ladungen. Die Funde geben wichtige Informationen über Handelsgüter und lassen Rückschlüsse auf Handelswege zu: „Das Römische und das Byzantinische Reich waren globale Wirtschaftsysteme“, sagt RGZM-Generaldirektor Daim. „Anhand der Funde können wir die Handelsrouten und den Export von Lebensmitteln, Wein, Seide und sogar von Wildtieren aus Afrika nachweisen – die wurden dort für die kaiserlichen Parks von Konstantinopel gefangen.“ Die Mobilität auf dem Seeweg brachte aber nicht nur Nutzen, sondern auch Gefahren mit sich: „Wir wissen heute, dass Soldaten aus dem Nahen Osten die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert auf dem Seeweg ins Römerreich einschleppten. Die Krankheit raffte dort ein Drittel der Bevölkerung dahin.“ Übereinstimmungen und Unterschiede im Schiffbau interessieren die Archäologen ebenfalls. Sie vergleichen Wikinger- und Römerschiffe, antike und mittelalterliche Funde. Europas Häfen jedenfalls waren wohl über die Jahrhunderte hinweg ähnlich organisiert. Denn schon immer gaben die Elemente, also Erde und Wasser, den Bauplan vor. Letztendlich bestimmen sie, trotz handwerklicher Kunst und technischen Fortschritts, das Leben zwischen Land und Meer. G ERTR U D V ÖL L ER I N G

Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter. Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft www.spp-haefen.de

Museum für Antike Schifffahrt Neutorstr. 2b 55116 Mainz www.rgzm.de

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Im

Rausch der

Tiefe

Riskante Bohrungen: Die Ölplattform „Leiv Eriksson“ vor der Westküste Grönlands.


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Rohstoffkonzerne betrachten die Ozeane als Goldgrube der Zukunft. Doch das Geschäft am Meeresgrund birgt Risiken. Und

Fotos: Steve Morgan/Greenpeace; BP p.l.c.

ob es die ersehnten Gewinne abwerfen kann, ist ungewiss.

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Wenn die Europäische Union davon spricht, bis 2020 einen guten Zustand der Meeresumwelt zu erreichen, dann hat sie ein Gewässer vor Augen, das seit Jahrtausenden den Menschen dient: als Ernährer, als Verkehrsweg, als Lieferant von Heil- und Rohstoffen, als Ort der Erholung. Doch die Nutzung der Meere hat in den letzten Jahrzehnten eine zumindest teilweise beunruhigende Intensität erreicht. Und nun scheinen neu entdeckte Unterwasserschätze den Glauben an die Wirtschaftskraft des Ozeans weiter zu beflügeln. Ungeahnte Vorkommen von Erdöl und Erdgas, beispielsweise in der Arktis, versprechen langfristige Versorgungssicherheit. Funde sogenannter Manganknollen, die wertvolle Metalle wie Kupfer, Kobalt, Zink und Nickel enthalten, versetzen Unternehmen in einen Rausch, der nicht nur mit dem Wasserdruck zu tun hat, unter dem sie operieren. Das wirtschaftliche Potenzial des Ozeans, so scheint es, ist grenzenlos. Aber stimmt das? Und welche Risiken birgt das Geschäft am Meeresgrund? Als Pedro Martínez Arbizu im vergangenen Frühjahr zu einer Forschungsreise in den Pazifik aufbrach, nahm er auch diese

Fragen mit an Bord. Im Auftrag der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe untersuchten der Biologe von Senckenberg am Meer – einer Wilhelmshavener Außenstelle der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung – und sein Team in den Wochen darauf ein riesiges Seegebiet zwischen Mexiko und Hawaii.

Das Unbekannte schützen

Die Region ist ein vielversprechendes Revier für den Abbau der rohstoffhaltigen Manganknollen. Dicht an dicht liegen sie am Meeresgrund. Doch während die Internationale Meeresbodenbehörde der Bundesrepublik zwar schon eine Lizenz zur

Exploration des Gebiets erteilt hat, ist die Hürde zur Förderung hoch. Die Vereinbarungen sehen vor, dass das Unterwasser-Gebiet genau erforscht sein muss, bevor eine Abbaulizenz überhaupt beantragt werden kann. Zu den Auflagen gehört auch die exakte Kenntnis der lokalen Tier- und Pflanzenwelt, um mögliche Umweltrisiken durch das Fördern der dunklen Knollen abschätzen zu können. Die Forscher von Senckenberg stellt das vor eine schwierige Aufgabe: Schätzungsweise über 90 Prozent der Arten, die in bis zu 5.000 Metern Tiefe leben, sind noch nicht einmal bekannt. In einem ersten Schritt zogen die Wissenschaftler deshalb mit einer Art Schlitten Netze über den Meeresboden, um Proben der dort heimischen Lebewesen zu nehmen und stachen Plexiglasrohre in das Sediment, um auch kleinere Organismen zu erfassen. Zurück im Labor entschlüsselten sie die „Genetik der Tiere“, um die Arten zu differenzieren. „So wollen wir erkennen, ob die Tiere, die wir da finden, nur in der unmittelbaren Umgebung der Knollen leben oder auch anderswo“, sagt die Biologin Annika Janssen, die bei Martínez promoviert. „Wir haben festgestellt,

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„Bislang sind sich die Experten nicht einig, welche Maßnahmen wirklich geeignet wären, um so einem Ölunfall zu begegnen“, so die Volkswirtin. Und noch eine weitere Besonderheit macht die Arktis zu einem Hochrisikogebiet für Ölkonzerne. Anders als im Golf von Mexiko, wo 2010 eine Bohrinselhavarie zu einer der verheerendsten Ölkatastrophen aller Zeiten führte, fehlen im hohen Norden die nötigen Geräte, um einer Ölpest zu begegnen. Schon im Golf von Mexiko dauerte es Monate, bis es Experten gelang, das Leck zu schließen. In der Arktis gibt es nicht einmal eine Infrastruktur, um in angemessener Zeit Hilfskräfte an den Unglücksort zu bringen oder verunglückte Mitarbeiter zu bergen: Extreme Temperaturschwankungen lassen Routen für Rettungsschiffe immer wieder gefrieren – ein exaktes Eismanagement vonseiten der Unternehmen wäre unerlässlich. „Vor ein paar Jahren, als es die Diskussion um Fracking oder den Abbau von kanadischen Teersandvorkommen noch nicht gab, wären Projekte in der Arktis wahrscheinlicher gewesen“, ist Rehdanz über-

Rausch in 5.000 Metern Tiefe: Manganknollen enthalten wertvolle Rohstoffe wie Kobalt, Zink und Nickel.

Marines Handelsbarometer

Ohne Wasser kein Welthandel. Schon vor Jahrhunderten waren Meere und Flüsse elementar für Kaufleute. Auch heute sind sie von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft, denn der internationale Warenverkehr wird noch immer zu großen Teilen per Frachtschiff abgewickelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei Container. Seit den späten 1950er Jahren werden die Großraumbehälter verwendet, um Güter zu transportieren. Die Menge der verladenen Container, der Containerumschlag, liefert Hinweise darauf, wie es um den Handel steht. Das macht sich der 2012 vom RheinischWestfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und dem Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) entwickelte „RWI/ISL-ContainerumschlagIndex“ zunutze. Er basiert auf Daten aus

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72 internationalen Seehäfen, die circa 60 Prozent des weltweiten Containerumschlages abwickeln. Die Berechnung des Index auf dieser breiten, fortlaufend erweiterten Datengrundlage erlaubt es, die internationale Konjunktur einzuschätzen und zuverlässige

Rückschlüsse auf den Welthandel zu ziehen. Ein Vorteil des Indikators liegt in seiner frühen Verfügbarkeit. Gebräuchliche Indikatoren liegen oft erst nach Monaten vor. Die Schätzungen des ContainerumschlagIndex hingegen sind schon rund 25 Tage nach Ende eines Monats zugänglich, da viele Häfen früh über ihre Aktivitäten berichten. Einen Monat später wird neben einer ersten Schätzung für den dann aktuell zurückliegenden Monat ein revidierter Wert für den Vorgängermonat veröffentlicht. Die so ermittelten Werte spielen auch für die Analyse der deutschen Wirtschaft eine große Rolle. Da diese stark exportorientiert ist, hilft die Einschätzung des Welthandels durch den Index, die deutsche Konjunktur genauer vorherzusagen. JU L I A V OI G T

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Fotos: Senckenberg (2); Bernd Sterzl/pixelio.de; Claudia Hautumm/pixelio.de; Andreas Pondorfer/IfW

dass die Vielfalt der im Sediment lebenden Tiere in den Gebieten mit und ohne Manganknollen ungefähr gleich hoch ist“, berichtet Martínez, der circa 800 der 5.000 vermuteten Organismen erfasst hat. „Es sind aber andere Arten, die in den Knollengebieten leben.“ Diese würden mit dem Abbau zunächst verschwinden, weil sie auf das Hartsubstrat, das die Knollen bilden, angewiesen sind. Damit das nicht zu einem dauerhaften Problem wird, müssen Schutzzonen eingerichtet werden, die vom Abbau ausgespart werden. Während eine umweltverträgliche Gewinnung von Mangan also durchaus realistisch erscheint, stellt sich die Lage mit Blick auf die Öl- und Gasvorkommen in der Arktis anders dar. Wissenschaftler fürchten die Gefahren, die die Rohstoffförderung in dem einzigartigen Ökosystem birgt. „Das Risiko eines Ölunfalls ist unkalkulierbar“, meint Katrin Rehdanz, die am Institut für Weltwirtschaft (IfW) an der Kieler Förde die wirtschaftliche Bedeutung der Meere untersucht. Vorstellbar wäre, dass austretendes Öl im Eis eingeschlossen wird oder sich unkontrolliert auf der Meeresoberfläche verteilt.


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zeugt. Jetzt würden zunächst diese weitaus günstigeren Methoden genutzt.

Die Ozeane versauern

Doch nicht nur die Förderung mariner Rohstoffe bringt Gefahren mit sich. Auch die Nutzung von Öl und Gas wirken sich zuweilen gravierend auf den Zustand der Meere aus. Die sogenannte Versauerung der Ozeane versetzt Forscher in diesem Zusammenhang besonders in Unruhe. Sie entsteht, wenn sich große Mengen Kohlenstoffdioxid im Meer lösen. Seit der Industriellen Revolution ist dieser Prozess ungehindert in Gang. Seine wirtschaftlichen Auswirkungen haben bisher jedoch kaum jemanden interessiert. Allein die Schalentierbranche, so hat Rehdanz kalkuliert, könnte weltweit 100 Milliarden USDollar an Verlusten verzeichnen, wenn der pH-Wert des Wassers weiter fällt. Niedriger pH-Wert heißt hoher Säuregehalt und der ist für Schalentiere wie Muscheln oder Austern fatal. Folglich stellt er für Regionen, die vom Fang dieser Meerestiere leben, eine massive wirtschaftliche Bedrohung dar.

Für Papua-Neuguinea beispielsweise. Hierhin ist Andreas Pondorfer gereist, der ebenfalls am IfW forscht. In seiner Dissertation möchte er herausfinden, wie ein Küstenvolk, für das die Erzeugnisse aus dem Meer eine wichtige Nahrungs- und Einkommensquelle darstellen, damit umgeht, dass das Wasser saurer und die Erträge niedriger werden. Dieses Zusammenspiel ist zwar schon heute zu beobachten, in den Köpfen der Bewohner des drittgrößten Inselstaates der Erde ist es jedoch bislang kaum präsent, so die Erkenntnis Pondorfers erster Forschungsfahrt. „Stattdessen stehen für sie eher andere Probleme an erster Stelle.“ Eine funktionierende Gesundheitsund Wasserversorgung, stabile politische Verhältnisse sowie wirtschaftlicher Fortschritt beispielsweise.

Meer als Klima-Puffer?

Im Lizenzgebiet: Eine Seegurke schwimmt über ein Manganfeld. 3/2013

Die Kieler Wirtschaftswissenschaftler betrachten den steigenden CO2-Gehalt mit Sorge, auch gerade, weil es seit einiger Zeit ernstzunehmende Überlegungen in der Naturwissenschaft gibt, das Meer als Puffer für den Klimawandel zu nutzen. Eine Idee ist, große Mengen Kohlenstoffdioxid durch Pipelines in stillgelegte Bohrlöcher zu leiten, tief unter den Meeresboden. Auch eine weitflächige Düngung von vereinzelten Meeresregi-

onen mit Eisenpartikeln ist im Gespräch. Die Theorie dahinter: Das zusätzliche Eisen soll das Wachstum von Algen fördern, die sich hervorragend für die Aufnahme von CO2 eignen. Schon heute absorbieren die Ozeane etwa 50 Prozent des ausgestoßenen Kohlenstoffdioxids. Wenn der Mensch nachhilft, könnte dieser Wert sogar noch gesteigert werden. Das Meer würde so nicht nur wertvolle Rohstoffe liefern, sondern auch ihre Abfallstoffe schlucken. „Climate Engineering“ nennen Forscher Maßnahmen wie diese, weil sie das Klima gezielt steuern sollen. Am IfW steht man dem nicht nur aufgrund der unkalkulierbaren Auswirkungen auf die Meeresökosysteme distanziert gegenüber: „Zunächst müssen mögliche Vorteile von Climate Engineering besser verstanden werden“, sagt Rehdanz, „insbesondere aber seine Risiken und Nebenwirkungen.“ Auch mit Blick auf das Potential mariner Rohstoffe dämpft die Volkswirtin die Erwartungen. Nicht alles, was das Meer in dieser Hinsicht bietet, stelle tatsächlich einen Gewinn dar: „Wenn wir uns zu sehr auf solchen Hoffnungen ausruhen, dann geht das zulasten der Umstellung auf erneuerbare Energien.“ So könnten die vermeintlichen Schätze des Meeres den Menschen schon bald teuer zu stehen kommen.

Das Meer als bedrohte Lebensgrundlage: Fischerin in Papua Neuguinea.

R I C AR D A BR EY TON

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Digitale

Planerfüllung DDR-Presse online

Ein Internetportal der Staatsbibliothek zu Berlin macht Artikel aus über 40 Jahren DDR-Presse frei zugänglich. Dazu wurden die Tageszeitungen „Neues Deutschland“ (ND), „Berliner Zeitung“ und „Neue Zeit“ komplett digitalisiert und als Volltext erschlossen. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ergänzt das Portal um vertiefende Informationen zum DDR-Pressesystem. Jürgen Danyel hat das Projekt geleitet: „Wir wollen zeigen, wie die SED ihre Sicht auf die Welt formulierte und in die Gesellschaft hinein zu vermitteln suchte“, so der Soziologe.

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Die DDR-Presse stand nicht in dem Ruf, ein realistisches Bild der Welt zu zeichnen. Was versprechen Sie sich von ihrer Digitalisierung? Gerade dieser Umstand hat die Staatsbibliothek zu Berlin und uns zu dem Projekt motiviert. Die Datenbank soll zeigen, wie die SED ihre Sicht auf die Welt formulierte und in die Gesellschaft hinein zu vermitteln suchte. Eine politische Kulturgeschichte der SED-Herrschaft ist ohne das ND nicht zu schreiben. Die Tageszeitungen, allen voran das als „trocken“ geltende Zentralorgan ND, waren das offizielle Sprachrohr des Regimes. In ihren Leitartikeln steckten sie die jeweils geltenden politischen Möglichkeiten und Grenzen ab, weshalb etwa das ND nicht nur von überzeugten Parteimitgliedern ge-

lesen wurde, sondern auch von Menschen, die der Politik der SED innerlich distanziert oder offen kritisch gegenüber standen. Mit einiger Übung ließen sich sogar hinter den Erfolgsmeldungen über „Planübererfüllungen“ und „Ernteschlachten“ die Probleme der DDR-Gesellschaft herauslesen. Werden Unterschiede zwischen den Blättern deutlich, die bisher übersehen wurden? Die Entscheidung, neben dem ND auch die Berliner Zeitung als regionale Bezirkszeitung und die Neue Zeit als Zeitung der Blockpartei CDU zu digitalisieren, trafen wir gerade wegen ihrer Unterschiede. Blickt man auf die politische Berichterstattung in den genannten Tageszeitungen, wird man auf den ersten Blick eher wenige

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LEIBNIZ | SPEKTRUM DDR-Presseportal: Auch wenn es Zwischentöne gab – meist zeichneten Zeitungen wie das Neue Deutschland eine Welt in schwarz-weiß.

Abweichungen wahrnehmen. Erst auf den zweiten Blick lassen sich interessante Nuancen hinsichtlich der Sprache, der journalistischen Qualität und der Themen feststellen.

Foto: privat; Repros: ZFF

Also doch nicht alles eine Soße? Wer genau hinsieht, wird auch im von der SED-Führung akribisch überwachten Zentralorgan ND und seiner betonierten Sprache Spuren von Konflikten im Herrschaftssystem, von politischen Kurskorrekturen und Widersprüchen im sozialistischen Alltag finden – auch wenn diese noch so verklausuliert aufscheinen. Wie groß die Spielräume mitunter auch in der kontrollierten Medienöffentlichkeit der DDR sein konnten, zeigt die Berliner Zeitung. Obwohl sie formell der SED-Bezirksleitung der DDR-Hauptstadt unterstellt war, hob sie sich von den anderen DDR-Tageszeitungen durch eine offenere und zuweilen verhalten kritische Berichterstattung ab.

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Warum haben Sie gerade diese Blätter digitalisiert und nicht beispielsweise den „Morgen“ der liberalen Blockpartei LDPD oder die auflagenstärkere „Junge Welt“ des Jugendverbands FDJ? Für die Auswahl waren verschiedene Kriterien ausschlaggebend: die jeweilige Bedeutung der Medien in der Presselandschaft, die Qualität und Vollständigkeit der Ausgangsmaterialien sowie die Freigabe durch die heutigen Rechteinhaber. ND und Berliner Zeitung waren gewissermaßen von Anfang an gesetzt. Außerdem erschien es uns als wünschenswert, eine Zeitung aus dem Umfeld der Blockparteien in unser Portal mit aufzunehmen. Sicher hätten wir uns hier auch die Junge Welt vorstellen können. Das hätte den Rahmen des Machbaren in diesem für drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt jedoch deutlich gesprengt.

Bekommen Stasi-Akten und Parteipresse durch Projekte wie Ihres nicht ein Übergewicht in der Rekonstruktion der DDR-Geschichte? Diese Gefahr besteht schon längst nicht mehr. Die Geschichte von Sowjetischer Besatzungszone (kurz: SBZ, Anm. d. Red.) und DDR ist inzwischen bestens erforscht: Nach der Wiedervereinigung fanden Historiker eine einmalige Situation vor, in der sie freien Zugang zu allen erhaltenen Quellen hatten – ohne die sonst üblichen Sperrfristen. In der zeithistorischen Forschung gab es zudem von Anfang an eine wirksame Kritik gegenüber der Fixierung auf bestimmte Quellen. In der öffentlichen Diskussion konnte man demgegenüber lange Zeit eine gewisse Fixierung auf die Staatssicherheit beobachten, wodurch beispielsweise die SED als herrschende Partei und ihre Rolle in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aus dem Blick zu geraten drohte. In Ergänzung zum digitalen Archiv hat das ZZF ein Begleitportal freigeschaltet. Ist das die Gebrauchsanweisung für eine historisch korrekte Lektüre? Diese vom ZZF erarbeitete „Forschungsumgebung“ bietet Grundlagenwissen zur Rolle der Tagespresse im politischen System der DDR. Unser Begleitportal soll helfen, das Material historisch besser einzuordnen. Man erfährt dort, wie die SED die Zeitungen kontrolliert hat, wie Zensur praktisch funktionierte, wer die Journalisten waren und wie sie ausgebildet wurden. Außerdem liefern wir Hinweise zu der aus heutiger Sicht eher befremdlichen politischen Sprache der DDR-Medien und biografische Informationen zu einzelnen Personen. In einem Glossar können Leser Begriffe wie „Arbeiter- und Bauerninspektion“, „Drushba-Trasse“ oder „Bitterfelder Weg“ nachschlagen. Hinzu kommen Dossiers, die einzelne historische Ereignisse wie den Aufstand am 17. Juni 1953, den Mauerbau,

die Biermann-Ausbürgerung, den Prager Frühling oder die Ausreisebewegung im Herbst 1989 im Spiegel der DDR-Presse behandeln. Dank des Presseportals können wir jetzt drei Ost-Blätter komplett bis zur Wende lesen. Bei vielen westdeutschen Zeitungen ist das nicht der Fall. Wann werden diese Lücken geschlossen? In der Tat besteht in Deutschland enormer Nachholbedarf. Wünschenswert wäre etwa eine Digitalisierung westdeutscher und Westberliner Zeitungen, etwa des „Tagesspiegels“. So könnte man aufzeigen, wie Medien in Ost und West aufeinander reagierten – ohne diesen Bezug sind viele Beiträge in der DDR-Presse gar nicht zu verstehen. Der Bereitstellung solcher Bestände im Open Access stehen neben rechtlichen Fragen allerdings auch die Interessen der Zeitungsverlage entgegen, die ihre Archive kommerziell vermarkten wollen. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung von Pressematerialien trotz aller technischen Fortschritte immer noch sehr aufwendig und teuer ist, oft ist sie nur über größere Drittmittelvorhaben realisierbar. Ich fürchte, ein so großangelegtes Vorhaben wie das zur Presse in SBZ und DDR wird es so schnell nicht wieder geben. FR AG EN : C H R I STI AN WALTH ER

Jürgen Danyel ist stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und leitet die Abteilung „Zeitgeschichte der Medien- und Informationsgesellschaft“ des Leibniz-Instituts.

DDR digital Über das Zeitungsinformationssystem der Staatsbibliothek zu Berlin (ZEFYS) sind die Volltexte der drei digitalisierten DDR-Zeitungen unter http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/ddr-presse kostenlos zugänglich. Benötigt wird dafür ein Bibliotheksausweis der Staatsbibliothek oder eine OpenIDIdentifikation, die kostenlos auf www.xlogon.net eingerichtet werden kann. Hintergrundinformationen zum Pressesystem der DDR liefert das Presseportal des Zentrums für Zeithistorische Forschung unter presseportal.zzf-pdm.de

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296 Facebook-Freunde? Mehr als Datenkraken und Bühne für Narzissten: Soziale Netzwerke als Quelle nützlicher Informationen und

Sonja Utz ist Leiterin der Nachwuchsgruppe „ERC - Social media“ am Leibniz-Institut für Wissensmedien. Mit einem Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) untersucht die Psychologin, wie die Pflege und Ausbreitung sozialer Netzwerke über soziale Medien zu informationaler und emotionaler Unterstützung führen kann.

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Dreiviertel aller Deutschen sind auf sozialen Netzwerken angemeldet, selbst 66 Prozent der über 65-Jährigen verfügen laut dem Technologieverband Bitkom mittlerweile über ein Profil bei Facebook und Co. Soziale Netzwerke sind ein fester Bestandteil des Alltags geworden – aber was folgt daraus? Sind soziale Netzwerke ein Ort der Selbstprofilierung, der nur ein trügerisches Gefühl von Verbundenheit gibt? Oder eröffnen sie neue Möglichkeiten für die Pflege sozialer Beziehungen? In der Öffentlichkeit werden vor allem drei Punkte kritisch diskutiert: der laxe Umgang mit der Privatsphäre (Privacy), die narzisstische Selbstprofilierung und das Verschwinden wahrer Freundschaft. Was ist dran an diesen Vorwürfen? Tatsächlich wird der Begriff „Freund“ auf Facebook nicht nur für enge Freunde im herkömmlichen Sinn verwendet. Darunter finden sich auch Bekannte, alte Schulkameraden, der Chef, Berühmtheiten – oder sogar Fremde. Studierende haben im Schnitt knapp 300 solcher Facebook-Freunde. Zudem sind die meisten (semi-)öffentlichen status updates, also Kurzmeldungen, die Nutzer auf einer virtuellen Pinnwand veröffentlichen – auch in den Augen der Verfasser – unterhaltsamer, eher oberflächlicher Natur. Bestätigt das all die Vorwürfe? Nein. Als soziale Netzwerke noch ein relativ neues Phänomen waren, wurde tatsächlich viel Privates öffentlich preisgegeben. Mittlerweile beschränkt die Mehrzahl der Nutzer den Zugang zu ihrem Profil, so dass etwa „nur

Freunde“ Einblick in allzu Persönliches haben. Die oberflächlichen und positiven status updates sind ebenfalls nicht allein Zeichen virtueller Oberflächlichkeit, sondern eine Reaktion auf die Privacy-Diskussion; zudem werden mittlerweile häufiger private Nachrichten als status updates geschrieben. Facebook bietet narzisstischen Personen in der Tat eine ideale Plattform zur Selbstprofilierung. Der Umkehrschluss, dass alle Facebook-Nutzer narzisstischer werden, gilt damit aber noch nicht. Auch bei der Frage nach der Qualität der Freundschaften sollte nicht vorschnell geurteilt werden. Die Online-Offline-Dichotomie, also die strikte Trennung von realer und virtueller Welt, greift nicht mehr, seit die Mehrheit der Bevölkerung soziale Netzwerke nutzt, um ihr Beziehungsnetzwerk zu pflegen – und nicht mehr nur eine Minderheit in virtuellen Gemeinschaften mit Gleichgesinnten vom anderen Ende der Welt diskutiert. Portale wie Facebook vergrößern das soziale Kapital, die Ressourcen also, die Menschen über soziale Beziehungen aktivieren können. Längsschnittstudien zur Facebook-Nutzung haben gezeigt, dass diese vor allem das sogenannte bridging capital erhöht, den Zugang zu losen Kontakten, die neue Informationen liefern. Dies gilt vor allem für Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl oder einer geringen Lebenszufriedenheit. Die Nutzer geben einander aber auch emotionale Unterstützung. Allerdings haben wenig selbstbewusste Personen die Neigung, negativere Berichte zu schreiben, und erhalten daher auch weniger positive Resonanz und emotionale Unterstützung. Insgesamt sprechen die bisherigen Befunde aber dafür, dass die meisten Nutzer soziale Netzwerke vor allem als hilfreiches Tool sehen, um ihr persönliches Netzwerk zu pflegen. Lediglich Menschen mit niedrigem Selbstwert laufen Gefahr, wenig emotionale Unterstützung zu finden. Bridging capital zahlt sich dabei oft erst später im Berufsleben aus; Längsschnittstudien, die die Effekte von sozialen Netzwerken auf beruflichen Erfolg untersuchen, haben gerade erst begonnen. SON JA U TZ

Foto: StudioVU/Riechelle van der Valk

emotionaler Unterstützung.

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LEIBNIZ | LEKTÜRE

Gero Klemke und Margrit Hohlfeld: Seegeschichten; 28 Seiten, Oceanum Verlag, Wiefelstede 2013; 9,90 Euro, ISBN 978-3-86927-008-1

Annelie Ramsbrock, Annette Vowinckel, Malte Zierenberg (Hrsg.): Fotografien im 20. Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung; 301 Seiten, Wallstein Verlag, Göttingen 2013; 29,90 Euro,

Fotos: Oceanum Verlag (2); Wallstein Verlag; Jacoby & Stuart

ISBN 978-3-9353-1195-4

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Alexandra Hamann, Claudia Zea-Schmidt, Reinhold Leinfelder: Die große Transformation. Klima — kriegen wir die Kurve?; 144 Seiten, Jacoby & Stuart, Berlin 2013; 14,95 Euro, ISBN 978-3-941087-23-1

Von geläuterten Walfängern, ausgebüxten Feuerschiffen und Polizeibooten auf Müllpatrouille erzählt das neue Kinderbuch „Seegeschichten“ aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum. In zwölf kurzen Geschichten, die mit großen und humorvollen Zeichnungen des Museumspädagogen Gero Klemke illustriert sind, erweckt die Autorin Margrit Hohlfeld unterschiedliche Schiffe zum Leben. Das im Oceanum-Verlag (www.oceanum.de) erschienene Buch eig-

net sich für Kinder ab etwa sechs Jahren sowohl zum Lesen als auch zum Vorlesen. „Seegeschichten“ ist das erste Kinderbuch aus dem Deutschen Schiffahrtsmuseum seit fast 30 Jahren. Quasi nebenbei vermittelt es seinen jungen Lesern auf kindgerechte Art, welche Probleme beim Mit- und Nebeneinander von Mensch, Schifffahrt und Umwelt entstehen können – und dass diese sich mit Rücksichtnahme lösen lassen. C H R I STOPH H ER BORT - V ON L OEPER

Die großen Ereignisse der Moderne – Sternstunden wie Tiefpunkte – sind in zahllosen Bildern dokumentiert. Der Sammelband „Fotografien im 20. Jahrhundert“ ist dennoch keine Zusammenstellung altbekannter, historischer Aufnahmen. Stattdessen richtet er seinen Blick darauf, wie Bilder im vergangenen Jahrhundert produziert wurden. In zwölf Beiträgen gehen die Mitherausgeberinnen Annelie Ramsbrock und Annette Vowinckel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und andere Autoren dieser Frage von der Kolonialzeit bis zur Bonner Republik nach. Den politischen und technischen Bedingungen der Bildproduktion widmet sich Vowinckel. Am Beispiel des Kriegsreporters Robert Capa beschreibt sie den Zeitdruck, unter dem Fotografen standen, wenn die Presse aktuelles Bildmaterial forderte. Als Capa 1944 mit den

alliierten Truppen in der Normandie landete, war er so gestresst, dass die Negative beim zu heißen Trocknen schmolzen. Das verursachte die unverkennbare Unschärfe seiner berühmten Bilder. Annelie Ramsbrock befasst sich mit Porträts verletzter Soldaten im Ersten Weltkrieg. Sie zeigt, wie um die Deutungshoheit über die Bilder gerungen wurde: Mal nutzte man sie, um den Schrecken der Kämpfe ein Gesicht zu verleihen, etwa in dem pazifistischen Fotoband „Krieg dem Kriege!“ von 1924. Mal zeigte man – in weniger blutigen Aufnahmen – genesene Soldaten, um die Vorzüge moderner Medizin und Kriegsopferfürsorge zu propagieren. In ihrer Vielfalt untermauern die Beiträge eindrucksvoll die These von der „Macht der Bilder“. Dabei zeigen sie auch, wie unterschiedlich die Gesellschaft Fotografien zu verschiedenen Zeiten AN KA H EL L AU ER debattiert hat.

Dürren, Waldbrände, Überschwemmungen, Artensterben. Wer die Auswirkungen des Klimawandels betrachtet, könnte leicht fürchten, dass nur mehr Superhelden die Erde retten können. „Die große Transformation. Klima – kriegen wir die Kurve?“ zeigt jedoch, dass diese Aufgabe in den Händen der Wissenschaft weit besser aufgehoben ist. Und zwar auf ungewöhnliche Weise: in Comicform. In schwarz-weißen Zeichnungen entführen neun Forscher – darunter Hans Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) – den Leser auf eine Reise in Vergangenheit, Gegenwart und die ungewisse Zukunft des Planeten. Die „Graphic Novel“

basiert dabei auf einem über 400 Seiten starken Regierungsgutachten, das die Wissenschaftler 2011 erarbeitet hatten. Bald darauf fragten sie sich, wie sie seine alarmierenden, aber zuweilen abstrakten Ergebnisse auch der Öffentlichkeit präsentieren könnten. Verständlich und der Dringlichkeit des Problems angemessen. Dem Comic gelingt das. Insgesamt sechs Illustratoren zeigen die Forscher bei ihrer Arbeit. Sie folgen Schellnhuber in hitzige Diskussionen mit Studenten und begleiten Rahmstorf auf einem Forschungsschiff zu Probennahmen vor der Ostküste der USA. Die Probleme des Planeten erhalten so ein Gesicht. Zugleich macht das Buch Mut, die Herausforderung Klimawandel anzupacken.

Wir verlosen Exemplare unserer drei Buchvorstellungen. (▶ S. 45)

D AV I D SC H EL P

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LEIBNIZ | MUSEEN

Das Gelbe vom Ei

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Fossil Art — Senckenberg auf Spurensuche bis 30.11.2013 Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden, Japanisches Palais

Fossilien sind Jahrmillionen alte Zeugen längst untergegangener Lebenswelten. Mittlerweile ausgestorbene Amphibien, Reptilien und kleinste Einzeller haben – noch vor den Säugetieren – Spuren auf dem Planeten hinterlassen – durch Graben, Fortbewegung oder den Bau von Behausungen. Die Ausstellung im Japanischen Palais in Dresden zeigt solche urzeitlichen Zeugnisse, beispielsweise Spuren von Dinosauriern in den Wäldern Thüringens. Neben zahlreichen Exponaten erwarten den Besucher umfangreiche Informationen zu den Fossilien. Modelle laden ein, die rätselhafte Natur der Vergangenheit zu ertasten.

Regionales Rotkraut oder lieber die Gewächshaustomate aus Spanien? Das ist nicht nur eine Geschmacksfrage, sondern deutet auf die oft moralischen Auseinandersetzungen um Lebensmittelkonsum hin. Ernährung ist viel mehr als ein Grundbedürfnis – sie ist ein historisches, soziales und medizinisches Thema. Wie vielfältig Esskultur ist und war, lässt sich auch im Deutschen Museum bei der Sonderausstellung „Das Gelbe vom Ei“ erleben. Essen vereint zwar alle Menschen, doch was und wie wir speisen, ist extrem verschieden. Brot beispielsweise wird beinahe überall auf der Welt gegessen.

Getreidewahl, Rieselstärke des Mehls und natürlich die Form – mal langes Baguette, mal flaches Fladenbrot, mal rundes Krustenbrot – sind völlig unterschiedlich. Das heute zuhauf verspeiste Toastbrot galt im Spätmittelalter als besonders vornehm. Baguette hingegen wurde als Brot der Armen betrachtet. Um für die breite Bevölkerung – also günstig, viel und möglichst einheitlich – zu produzieren, musste sich technisch viel verändern. Die Geschichte des Essens erzählt so zugleich von einer technischen Entwicklung. Bei-

Im Totaleinsatz — Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung für das Dritte Reich bis 27.4.2014 Institut für Zeitgeschichte (IfZ), Dokumentation Obersalzberg

Rembrandt. Meister der Radierung bis 26.1.2014 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Noch in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 mussten bis zu 600.000 tschechische Männer und Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit für das Deutsche Reich leisten. Formal als freiwillige Arbeit getarnt, reichte die Rekrutierung aber tatsächlich bis hin zur Verpflichtung ganzer Jahrgänge. Mit über 250 persönlichen Dokumenten, Fotografien und Interviews von Überlebenden erzählt die vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds konzipierte Sonderausstellung deren Geschichte. Eine vom IfZ erarbeitete Erweiterung widmet sich speziell dem Kapitel der Zwangsarbeit am Obersalzberg.

Voller Enthusiasmus begannen die niederländischen Künstler Anfang des 17. Jahrhunderts, mit der Radierung zu experimentieren. Die vielfältigen Variationsmöglichkeiten der neuen Schraffurtechnik faszinierten sie. Besonders der junge Rembrandt van Rijn beherrschte sie meisterhaft. Sein Spiel mit abgestuften SchwarzWeiß-Kontrasten changiert zwischen harten, tiefen Schwarztönen und leichten, grauen Radierungen, die zart und malerisch wirken. Gezeigt werden 44 Arbeiten eines der bedeutendsten Künstler des Barock. Eindrucksvoll geben sie Einblick in das Wirken Rembrandts, des Meisters der Radierung.

Fotos: Claire Reymond/ZMT; ZMT; Paul Tompkins/ZMT; Mathias Bothor/Mare-Verlag

aus der Leibniz-Gemeinschaft

Aktuelle Sonderausstellungen

Das Deutsche Museum erzählt die Kultur- und Technikgeschichte des Essens

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LEIBNIZ | MUSEEN

Fotos: Deutsches Museum (3); Senckenberg (2); Dokumentation Obersalzberg; GNM; MfN; Michael Jungblut/Atelier Brückner

spiel Konservierung: Einkochen, uralTrocknen und Räuchern sind ural te, sehr wahrscheinlich steinzeitli steinzeitliche Techniken, um Lebensmittel haltbar zu machen. Im ausgehen ausgehenden 19. Jahrhundert kam in wohl wohlhabenden Haushalten erstmals Kühltechnik zum Einsatz. Noch bis in die dreißiger Jahre diente dabei Natureis als Kühlmittel – doch bereits 1937 stand in jedem zweiten amerikanischen Haushalt ein Kühlschrank. Und auch die Nahrungsmittelproduktion ist heute ohne Technik nicht mehr vorstellbar. Die Herstellung ist dabei meist komplizierter als erwartet. Überraschung verspricht beispielsweise das aufwendige Verfahren, mit dem die lockere Luftig Luftigent keit von Erdnussflips entsteht. Lebensmittelproduktion kann sich nicht allein auf die beschrän Wünsche der Masse beschränken, sondern muss manchmal ganz besonderen Anforderungen

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Parasiten — life undercover bis 8.11.2013 (Wanderausstellung des Museums für Naturkunde, Berlin) Naturhistorika Riksmuseet, Stockholm

Blutegel, Zecken, Wanzen und Würmer. Für die meisten Menschen sind Parasiten gleichbedeutend mit ekligem Ungeziefer und mittelalterlichen Erkrankungen. Doch der Begriff meint keine bestimmte Tiergruppe, sondern charakterisiert Tiere mit erstaunlichen Überlebensstrategien, wie die der Stechmücke oder des Amerikanischen Riesenleberegels. In der vom Berliner Naturkundemuseum konzipierten Wanderausstellung, die derzeit in Stockholm gastiert, kann man den winzigen Überlebenskünstlern ganz nahe kommen. Mit großen Modellen, Präparaten und Plastinaten werden sie aus der Ekelecke geholt.

genügen. Raumschiffe etwa müssen krümelfreie Zonen sein. Nahrung im Spaceshuttle wird daher exakt an die Bedingungen der Schwerelosigkeit und des Astronauten-Lebens angepasst. Weniger extravagante Anforderungen an das Essen ergaben sich aus ganz anderen Gründen, aus medizinischen Überlegungen oder um Mangelernährung entgegenzuwirken. Ein Beispiel ist der Jodmangel, auf den sogar eine Mode-Tradition zurückgeht: das Kropfband, ein österreichisches und bayerisches Trachten-Accessoire. Bei Jodmangel schwillt die Schilddrüse an, in schwerwiegenden Fällen wächst sie nach außen und bildet einen sogenannten Kropf. Einen besonders hohen Jodbedarf haben Schwangere. Das enger werdende Kropfband konnte so als früher Schwangerschaftsindikator dienen. Seit sich Jodsalz durchgesetzt hat, ist diese Mangelerscheinung in Deutschland allerdings selten geworden.

Zukunft leben: Die demografische Chance bis 27.10.2013 Deutsches Bergbau-Museum, Bochum

Die Lebenserwartung steigt, die Bevölkerung wird älter, zugleich werden immer weniger Kinder geboren. Wie wirkt sich der demografische Wandel auf unser Leben aus? Die von der Leibniz-Gemeinschaft entwickelte Wanderausstellung zeigt in neun Abteilungen, wie die Menschen in Zukunft lernen, arbeiten, Familien gründen, altern und wohnen werden. Interaktive Module, Animationsfilme, Comicgeschichten und eine begehbare Bevölkerungspyramide zeigen, wie die Gesellschaft sich verändert hat und laden ein zum Nachdenken über die Chancen im demografischen Wandel.

Solche und viele weitere Geschichten erzählen von Ernährung als Ausdruck des sozialen und kulturellen Geschmacks, gemeinschaftlicher Erfahrung und reiner Nahrungsaufnahme. In der Münchner Ausstellung werden selbst die alltäglichen Aspekte des Essens zu faszinierenden Erlebnissen. Abgerundet wird die vielfältige Schau mit Vorträgen, einem eigenen Kinderprogramm und vielen weiteren Veranstaltungen auf der Entdeckungsreise zum „Gelben vom Ei“. AN KA H EL L AU ER

Das Gelbe vom Ei — eine Ausstellung über das Essen bis 6.1.2014 Deutsches Museum München Museumsinsel 1 · 80538 München Öffnungszeiten täglich 9 – 17 Uhr www.deutsches-museum.de

Im Land der Gräser und wilden Pferde — Biologische Forschungen in der Mongolei bis 17.11.2013 Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz

Mit ihren unendlich anmutenden Weiten und ihrer vielfältigen Natur gilt die Mongolei einigen Menschen als Land der Sehnsucht. Auch für Wissenschaftler ist der zentralasiatische Staat ein lohnendes Reiseziel. Sie können hier wilde Pferde, Schneeleoparden, Saiga-Antilopen oder Ohrenigel beobachten, die sich in den endlosen Steppen über Wüsten bis in die Hochgebirge einen eigenen Lebensraum gesucht haben. Seit 50 Jahren erforschen deutsche und mongolische Wissenschaftler diese Vielfalt nun bereits gemeinsam. Zum Jubiläum entführt das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz seine Besucher in die wilde Natur des Steppenstaates.

Mehr Sonderausstellungen unserer Forschungsmuseen finden Sie online: www.leibnizgemeinschaft.de/ institute-museen/ forschungsmuseen/ leibniz-museenaktuell/

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NACHRICHTEN

Nach der Wahl ist in der taz. 10 Woch e taz f端r n 10 Euro ta z.de/wa

hlabo

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LEIBNIZ | LIFE

Lange

Leibniz

Nacht

Larve im Glas: Stand des Projekts „Mückenatlas“.

Erstmals war am 8. Juni 2013 die Leibniz-Geschäftsstelle als Ausstellungsort Teil der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin und Potsdam. Hier präsentierten sich vier Institute mit Projekten aus den Bereichen Klimafolgenforschung, Biodiversität, Landwirtschaft sowie Stadt- und Regionalplanung. Als Zugabe gab es bei bestem Sommerwetter einen eindrucksvollen Blick über die nächtliche Hauptstadt von der Dachterrasse. Mehr Impressionen in der Bildgalerie unter

www.leibniz-gemeinschaft.de/index.php?id=858

Leibniz-Forschungsverbund „Energiewende“

Fotos: Julia Ucsnay (2); H.D.Volz/pixelio.de; IAMO

Das Präsidium der LeibnizGemeinschaft hat die Förderung eines zehnten Leibniz-Forschungsverbundes beschlossen. Dieser steht angesichts des massiven Umbaus des deutschen Energiesystems unter dem Titel „Energiewende“. Atomausstieg, ambitionierte Klimaschutzziele, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie Energieeffizienz und Energieeinsparungen können nicht allein durch technische Innovationen erreicht werden, so die Idee der Initiatoren. Ebenso wichtig seien neue GovernanceFormen, neue Geschäftsmodelle und die Anpassung von gesetz-

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lichen Regelungen sowie soziale Innovationen. Im neuen Leibniz Forschungsverbund „Energiewende“ werden solche Fragestellungen der Energiewende interdisziplinär bearbeitet, zum Beispiel sowohl mit sozialwissenschaftlichen als auch mit naturwissenschaftlich-technischen Methoden. Drei Spannungsfelder der Energiewende stehen dabei im Fokus: zentrale vs. dezentrale Systeme, gesellschaftliche vs. private Interessen, globale vs. lokale Wirkungen. Sprecher des Verbundes ist Dr. Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Neuer Sektionssprecher

Vorstandsmitglied am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin.

Leibniz Lektionen

Neuer Sprecher der Sektion B Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Raumwissenschaften der LeibnizGemeinschaft ist Prof. Dr. Thomas Glauben, Direktor und Abteilungsleiter Agrarmärkte, Agrarvermarktung und Weltagrarhandel am Hallenser Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO). Er folgt auf Prof. Kilper vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner. Neuer stellvertretender Sektionssprecher ist Prof. Dr. Gert G. Wagner, Vice Dean of Graduate Studies und

Aktuelle Forschungsergebnisse populär vermitteln will die neue Veranstaltungsreihe „Leibniz Lektionen“, die Leibniz in Kooperation mit der Berliner Urania ins Leben gerufen hat. In der ersten Saison berichten bis April 2014 elf renommierte Leibniz-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler quer durch alle Disziplinen über neue Erkenntnisse zu gesellschaftlich relevanten Themenbereichen von der Astrophysik über die Gesundheitsforschung bis zu den Wirtschaftswissenschaften. www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/

veranstaltungen/uraniareihe/

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LEIBNIZ | LIFE

Altersdomizil

in

der zehn einflussreichsten Wirtschaftsforscher Deutschlands forschen an Instituten der Leibniz-Gemeinschaft. Das ist das Ergebnis des ÖkonomenRankings der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der einflussreichste Leibnizianer ist Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Auch die höchstplatzierte Frau kommt von Leibniz: Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am DIW Berlin auf Platz sechs. Unter den Top 50 befinden sich 16 Leibniz-Wissenschaftler.

für 180 Wissenschaftler und die Etablierung neuer Arbeitsgruppen am Institut. Bei der Eröffnung unterstrichen unter anderem Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und Thüringens Ministerpräsident Christoph Matschie die Bedeutung der Altersforschung für die Zukunft Deutschlands.

Dreifacher Lesestoff Über die bewegte Geschich Geschichte des Sitzes der LeibnizGeschäftsstelle und dessen Umfelds informiert die Bro Broschüre „Berlin, Chausseestraße 111 — Willkommen bei der Leibniz-Gemein Leibniz-Gemeinschaft“. Martin Sabrow, schaft“ Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, stellt historisch bedeutsame Entwicklungen in der heutigen Leibniz-Nachbarschaft vor: von der ersten Borsig’schen Dampflokomotive über die ersten „Märtyrer“ der Novemberrevolution 1918 bis hin zum Fall der Berliner Mauer am nahegelegenen Grenzübergang. Andreas Butter und Christoph Bernhardt vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner widmen sich dem Mitte der 1950er Jahre für die Industrie- und Handelskammer der DDR erbauten Gebäudes und ordnen es in die Architekturgeschichte seiner Zeit ein. Berlin, Chausseestraße 111 Willkommen bei der Leibniz-Gemeinschaft

Das Jahrbuch der LeibnizGemeinschaft ist in diesem Jahr als Yearbook 2013 in englischer Sprache erschie erschienen. Es bietet einen umfas umfassenden Überblick über die 86 Mitgliedseinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft. Eingeleitet wird es mit Beiträgen von Máire Geoghegan-Quinn, der EU-Kommissarin für Yearbook 2013

Forschung, Innovation und Wissenschaft, und Karl Ulrich Mayer, dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft. Ebenfalls neu erschie erschienen ist der Jahresbericht Jahresbericht 2012/13 der Leibniz-Ge2012/2013 meinschaft. In 15 kurzen Kapiteln stellt der 48-sei48-sei tige Bericht die wichtigswichtigs ten Entwicklungen in der Wissenschaftsorganisation vor. Der besondere Fokus der vergangenen Monate lag auf der Etablierung der bisher zehn Leibniz-Forschungsverbünde, in denen durchschnittlich 15 Leibniz-Institute und weitere Partner unterschiedliche, hochgradig gesellschaftsrelevante Themen wie etwa Energiewende, Gesundes Altern, Krisen einer globalisierten Welt, Nanosicherheit oder Science 2.0 bearbeiten und dafür die Grenzen der Disziplinen überwinden. Dementsprechend umfasst die Schwerpunktbildung den größten Teil des Berichts. der Leibniz-Gemeinschaft

Annual Report of the Leibniz Association

Alle drei Publikationen sind als PDFDateien online verfügbar (www.leibnizgemeinschaft.de/medien/publikationen ) sowie in gedruckter Form per E-Mail an presse@leibnizgemeinschaft.de zu beziehen.

http://bit.ly/Oekonomen-Ranking

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Fotos: FLI; Unicom (2); Sequenz; Almuth Wietholtz

herausragende internationale Nachwuchswissenschaftler erhalten in diesem Jahr ein Stipendium für einen einjährigen Forschungsaufenthalt an einem Leibniz-Institut ihrer Wahl im Rahmen des Leibniz-DAAD-Stipendienprogramms. Die Gastwissenschaftler kommen aus neun Ländern: vier aus Indien, jeweils zwei aus China, Spanien und Rumänien, sowie jeweils einer aus Australien, Belgien, Griechenland, Slowenien und den USA.

Ein neues Laborgebäude hat das LeibnizInstitut für Altersforschung – Fritz-LipmannInstitut (FLI) in Jena Ende August feierlich eröffnet. Der mit modernster Labortechnik ausgestattete Neubau bietet optimale Forschungsbedingungen und mit seinen 5.500 Quadratmetern Nutzfläche ausreichend Platz

Yearbook 2013

der 86 LeibnizInstitute sind formell für Ihre familienfreundlichen Arbeitsbedingungen zertifiziert, 29 mit dem Audit „berufundfamilie“ und 25 mit dem Prädikat „Total-E-Quality“.

Leibniz Association

Zahlen


LEIBNIZ | LIFE

Austausch mit Polen Die Leibniz-Gemeinschaft und die Polnische Akademie der Wissenschaften planen, ein gemeinsames Austauschprogramm für Nachwuchswissenschaftler ins Leben zu rufen. Noch in diesem Jahr sollen die dafür erforderlichen Mittel beantragt werden. Während die beteiligten Institute in unterschiedlicher Zusammensetzung konkrete Forschungsvorhaben bearbeiten wollen, sollen die Gespräche auf zentraler Ebene zwischen Polnischer Akademie und Leibniz im Zweijahresrhythmus fortgesetzt werden.

Korrekturhinweis: In der Bildzeile auf Seite 10 der letzten Ausgabe des ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Das Bild zeigt das HochsicherheitsInsektarium (der Sicherheitsstufe 3) des BernhardNocht-Instituts, kein S3-Lassa-Labor. Lassa-Viren erfordern ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4 (BSL4). Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen.

Leibniz im Reich der Mitte

Auf einer einwöchigen Delegationsreise hat Leibniz-Präsident Karl Ulrich Mayer die Leibniz-Gemeinschaft bei den wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen der Volksrepublik China vorgestellt. Dabei wurden deutsch-chinesische

Kooperationsprojekte angestoßen oder vertieft. Im Zuge der Reise unterzeichnete der Leiter des Fritz-Lipmann-Instituts – Leibniz-Institut für Altersforschung (FLI) in Jena, Karl Lenhard Rudolph, eine deutschchinesische Kooperation im Bereich der Altersforschung. Im Rahmen eines „LeibnizLink on Healthy Aging“ werden das FLI und verschiedene Institute der Peking Universität, der Chinese Academy of Medical Sciences und der Hangzhou Normal University zukünftig gemeinsam an Themen der Altersforschung arbeiten. Schon jetzt arbeiten mehr als 30 der insgesamt 86 LeibnizInstitute in über 60 Projekten mit universitären und außeruniversitären Partnern in China zusammen; jährlich werden mehr als 300 wechselseitige Besuche unternommen.

Licht und Materialien

Das DWI an der RWTH Aachen – Interactive Materials Research und das Institut für Photonische Technologien (IPHT) in Jena sollen zum 1. Januar 2014 neu in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen werden. Das hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz beschlossen. Zusammen mit dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) in Bamberg, für das ein entsprechender Beschluss bereits früher gefällt worden war (vgl.

Leibniz-Journal 2/2013), wird die Gemeinschaft damit – entsprechende Beschlüsse der Mitgliederversammlung vorausgesetzt – auf 89 Institute anwachsen. Das DWI bearbeitet innovative und gesellschaftlich hochrelevante Fragen der Materialforschung, während das Spezialgebiet des IPHT die auf optischen Methoden basierende Medizintechnik ist. www.dwi.rwth-aachen.de

Verlosung 5 Exemplare des Kinderbuches „Seegeschichten“ (▶ Buchvorstellung S. 39) Stichwort: „Seegeschichten“ 3 Exemplare des Buches „Fotografien im 20. Jahrhundert“ (▶ Buchvorstellung S. 39) Stichwort: „Foto“ 3 Exemplare des Comics „Die große Transformation“ (▶ Buchvorstellung S. 39) Stichwort: „Comic“ Teilnahme unter Nennung von Name und Postanschrift per E-Mail an: verlosung@leibnizgemeinschaft.de Einsendeschluss: 10.11.2013 Die Gewinner erklären sich im Falle des Gewinns mit der Nennung ihres Namens und Herkunftsortes im nächsten Leibniz-Journal einverstanden. Die Gewinner der Verlosungen aus dem Heft 2/2013: Das Buch „Die Vielfalt des Lebens“ gewannen: Ute Johl aus Bonn Dr. Matthias Nolte aus Leverkusen Matthias Gerlt aus Berlin Christa Klaes aus Bad Hönningen Silvia Haas aus Stadt Seestadt Den Wissenschaftskrimi „Ein tiefer Fall“ erhalten: Stefan Dickas aus München Tuula Geske aus Berlin Andrea Weis aus Berlin

und www.ipht-jena.de

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Redaktion: Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, g im seum ebnisse Christian Walther (Chefredakteur), Christoph erbeten. serg auGroßeisAcuhsesnteNllautetinoFnoarlmscuhBeleg ung Auflage: 22.000 Herbort-von Loeper (C.v.D.), David Schelp; Germantiert neues en präs Ausgabe 3/2013: Oktober Michael Giesen, Anka Hellauer, Gertrud Völlering, www.leibniz-gemeinschaft.de/journal Julia Voigt (Praktikanten), Nora Tyufekchieva (Grafik), Steffi Kopp (Assistenz). Das Leibniz-Journal erscheint viermal jährlich. journal@leibniz-gemeinschaft.de Es wird gratis über die Institute und Museen der Leibniz-Gemeinschaft verbreitet. Anzeigen: Außerdem kann es über die Redaktion kostenlos Axel Rückemann, anzeigen@leibniz-gemeinschaft.de unter abo@leibniz-gemeinschaft.de abonniert Telefon: 030 / 20 60 49-46 werden. Layout: ISSN: 2192-7847 Stephen Ruebsam, unicom-berlin.de Leibniz twittert: twitter.com/#!/LeibnizWGL Druck: Leibniz ist auf Facebook: PRINTEC OFFSET – medienhaus, Kassel facebook.com/LeibnizGemeinschaft G 49

Herausgeber: Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer Chausseestraße 111, 10115 Berlin Telefon: 030 / 20 60 49-0 Telefax: 030 / 20 60 49-55 www.leibniz-gemeinschaft.de

Die Leibniz-Gemeinschaft – 86 Mal Forschung zum Nutzen und Wohl der Menschen:

Akademie für Raumforschung und Landesplanung – Leibniz-Forum für Raumwissenschaften (ARL), Hannover · Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI), Hamburg · Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA), Freising · Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED), Köln und Bonn · Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft (ZBW), Kiel · Deutsches BergbauMuseum (DBM), Bochum · Deutsches Diabetes-Zentrum – Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (DDZ) · Deutsches Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung Speyer (FÖV) · Deutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE), Potsdam-Rehbrücke · Deutsches Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), Bonn · Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Frankfurt am Main · Deutsches Museum (DM), München · Deutsches Primatenzentrum GmbH – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ), Göttingen · Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ) · Deutsches Schiffahrtsmuseum (DSM), Bremerhaven · DIW Berlin – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) · Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH), Berlin · FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur (FIZ KA) · Forschungszentrum Borstel – Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften (FZB), Borstel · Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI), Braunschweig · Germanisches Nationalmuseum (GNM), Nürnberg · GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS), Mannheim · GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburg · Heinrich-Pette-Institut – Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI), Hamburg · Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft (HI), Marburg · Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Frankfurt am Main · ifo Institut Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. (ifo) · ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS), Dortmund (assoziiert) · INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien (INM), Saarbrücken · Institut für Deutsche Sprache (IDS), Mannheim · Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW) · Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) · Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (IfZ) · Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik (KIS), Freiburg · LeibnizInstitut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH (DSMZ), Braunschweig · Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Halle · Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) · Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI), Jena · Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften – ISAS – e. V. (ISAS), Dortmund und Berlin · Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG), Hannover · Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) · Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) · Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik an der Universität Rostock (IAP), Kühlungsborn · Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Kiel · Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz · Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW) · Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ), Großbeeren & Erfurt · Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin · Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP), Frankfurt (Oder) · Leibniz-Institut für Katalyse e. V. an der Universität Rostock (LIKAT) · Leibniz-Institut für Kristallzüchtung (IKZ), Berlin · Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), Leipzig · Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP), Berlin · Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (HKI), Jena · Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN), Magdeburg · Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN), Dummerstorf · Leibniz-Institut für Oberflächenmodifizierung (IOM), Leipzig · Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden · Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde an der Universität Rostock (IOW) · Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), Halle · Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), Gatersleben · Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP), Greifswald · Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden (IPF) · Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen · Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Erkner · Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig · Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gGmbH (IUF) · Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), Tübingen · Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Berlin · Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), Müncheberg · Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie GmbH (ZMT), Bremen · Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier · Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach (MFO) · Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI), Berlin · Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN), Berlin · Paul-Drude-Institut für Festkörperelektronik (PDI), Berlin · Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) · Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Essen · Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM), Mainz · Schloss Dagstuhl – Leibniz-Zentrum für Informatik GmbH (LZI) · Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN), Frankfurt am Main · Technische Informationsbibliothek (TIB), Hannover · Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik Leibniz-Institut im Forschungsverbund Berlin e. V. (WIAS) · Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) · Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim · Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) · Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig – Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere (ZFMK), Bonn

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Leibniz Leute Energie speichern mit Turbo

Fotos: INM/ Uwe Bellhäuser; Körber-Stiftung/David Ausserhofer; ZBW; Uta Wagner

Dr. Volker Presser, Juniorprofessor für Nanotechnologie Funktionaler Energiespeichermaterialien an der Universität des Saarlandes und Leiter der Juniorforschungsgruppe Energie-Materialien am Leibniz-Institut für Neue Materialien, hat den Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten. Der wichtigste Preis für deutsche Nachwuchswissenschaftler ist mit 20.000 Euro dotiert. Der 31-jährige Mineraloge erforscht neue und optimierte Materialien, die unter anderem in besonders schnell ladende und hoch-

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Dr. Annette Ranko vom LeibnizInstitut für Globale und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg hat für ihre Doktorarbeit über das Weltbild der Muslimbrüder den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung verliehen bekommen. Die Zeithistorikerin forscht am GIGA Institut für Nahost-Studien zu islamistischen Bewegungen und Parteien mit dem Schwerpunkt Ägypten. Für ihre Dissertation über die

effiziente Energiespeicher eingesetzt werden können. Gerade vor dem Hintergrund der Energiewende und der Abkehr von fossilen Energieträgern wird es in Zukunft immer wichtiger, aus regenerativen Energiequellen gewonnenen Strom zuverlässig, umweltfreundlich und kostengünstig zu speichern, um den „grünen“ Strom nicht nur für das Netz zur Verfügung zu stellen, sondern auch, um beispielsweise Automobile oder Züge anzutreiben. Volker Presser erhielt Anfang 2013 außerdem den mit 10.000 Euro dotierten „Bayer Early Excellence in Science Award 2012“ in der Kategorie „Materialien“.

ägyptische Muslimbruderschaft während der 30 Jahre andauernden Mubarak-Herrschaft erhielt sie nun die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften. Ranko bietet mit ihrer Arbeit einen fundierten Einblick in das Weltbild sowie in die staats- und geopolitischen Vorstellungen der Muslimbruderschaft. Sie „zeigt präzise, was von der mächtigen politischen Kraft in Ägypten zu erwarten ist“, so die Körber-Stiftung. Neben der fachwissenschaftlichen Exzellenz prämiert der Deutsche Studienpreis vor allem die gesellschaftliche Bedeutung der jeweiligen Forschungsbeiträge, was für Rankos Arbeit durch die aktuellen politischen Entwicklungen eindrucksvoll belegt wurde.

Die Informatiker Dr. Guido Scherp und Dr. Jesper Zedlitz haben ihre Promotionsarbeiten an der Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel erfolgreich verteidigt und sind damit die ersten Doktoranden der ZBW – LeibnizInformationszentrum Wirtschaft, die die Doktorwürde erlangen.

Die Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Prof. Dr. Claudia Buch, ist von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in eine Expertengruppe zur Begutachtung der Chancen und Risiken eines europäischen Schuldentilgungsfonds und kurzfristiger Euroanleihen (Eurobills) berufen worden.

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ment dieser Größenordnung müsse durch wissenschaftliche Politikberatung unterstützt werden. Auf europäischer Ebene hat Edenhofer den Ko-Vorsitz der neuen Energieplattform des European Council of Academies of Applied Sciences, Technologies and Engineering (Euro-CASE) übernommen. Euro-CASE richtet sich als unabhängige und wissensbasierte Politikberatung an EU-Entscheidungsträger wie die Generaldirektion für Klimapolitik oder EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

Prof. Marcel Fratzscher Ph.D., Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler als neues Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie berufen worden.

Prof. Dr. HansWerner Sinn, Präsident des ifo Instituts – LeibnizInstitut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, ist mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik zur Förderung von Informationen und Diskussionen über die Soziale Marktwirtschaft ausgezeichnet worden.

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des PotsdamInstituts für Klimafolgenforschung, ist erneut zum Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen berufen worden.

Die Biologin Dr. Nicole Elleuche ist neue kaufmännische Leiterin am Hamburger Heinrich-Pette-Institut Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg.

Der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Marc Roedenbeck ist neuer kaufmännischer Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner.

Aktuelle Forschungsergebnisse aus den Leibniz-Instituten

Leibniz-Lektionen Eine Vortragsreihe der Leibniz-Gemeinschaft in der Urania Berlin

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28.10.2013, 17.30 Uhr Matthias Steinmetz Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) Zuhause ist es am schönsten - die Entstehung unserer Milchstraße

13.11.2013, 19.30 Uhr Heribert Hofer Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Berlin (IZW) Männliche Initiative und weibliche Passivität? Was wir von Partnersuche und Sozialverhalten bei Säugetieren lernen können.

25.11.2013, 19.30 Uhr Andreas Wirsching Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) Gehören Markt und Moral zusammen? Über ein historisches Dilemma.

12.12.2013, 19.30 Uhr Hans Joachim Schellnhuber Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Der Klimawandel, der Monarchfalter und der Generationenvertrag

Nächste Lektionen / 2014 14.1. Hans-Werner Sinn 26.2. Hildegard Westphal 18.3. Andreas Radbruch 10.4. Brigitte Voit 12.5. Claudia M. Buch 18.6. Simone Lässig www.leibniz-gemeinschaft.de/ leibniz-lektionen 12 5 Jahre

Veranstaltungsort Urania Berlin An der Urania 17 Ι 10787 Berlin Vortrag mit Diskussion Eintritt frei

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Fotos: HPI (2); Thomas Köhler/phototek.net; DIW; ifo; PIK/Frédéric Batier; IRS

Prof. Dr. Marcus Altfeld ist seit August Leiter der Abteilung Virus Immunologie am Hamburger Heinrich-PetteInstitut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI). Der 43-jährige Immunologe ist dazu mit seinem Labor von der Harvard Medical School in Boston ans HPI umgezogen. Der Experte für humanpathogene Viren studierte Medizin in Köln und Paris. Nach seiner Zeit als Arzt im Praktikum in Bonn und einem Diplom für Tropenmedizin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine ging Marcus Altfeld 1999 nach Boston. Dort arbeitete er drei Jahre als Postdoktorand am Massachusetts General Hospital (MGH). Anschließend wechselte Altfeld an die Harvard Medical School, wo er später Professor wurde. Seit 2008 leitete er als Direktor das „Pathogenesis Program“ des Harvard University Center for AIDS Research sowie seit 2009 das „Innate Immunity Program“ des Ragon Institute of MGH, MIT and Harvard . Am HPI wird sich Altfelds Abteilung der Erforschung von protektiven Immunantworten gegen humanpathogene Viren wie HIV-1, Hepatitis-C- und Influenzaviren widmen.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Vize-Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), ist ein gefragter Ansprechpartner für die Politik, wenn es um Energie und Energiewende geht. So wurde Edenhofer jetzt in die Arbeitsgruppe Ökonomie des „Forschungsforums Energiewende“ berufen, die die politischen Maßnahmen auf diesem Gebiet wissenschaftlich begleiten soll. Die Initiative bündelt die gegenwärtige Expertise zur Energiewende in acht interdisziplinären Arbeitsgruppen. „Die Energiewende ist eines der größten Experimente, die eine Industriegesellschaft jemals durchgeführt hat“, so Edenhofer. Ein Experi-


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© Sam Rey

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Fotos: DDZ; ISAS; WIAS

PD Dr. Christian Herder, Leiter der Arbeitsgruppe Inflammation des Instituts für Klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum – Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, ist von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft für seine Forschungsarbeiten über Mechanismen zur Entstehung des Typ-2-Diabetes mit dem Ferdinand-Bertram-Preis 2013 ausgezeichnet worden. Herder ist auf der Suche nach Biomarkern im Blut, mit denen sich ein erhöhtes Diabetesrisiko frühzeitig nachweisen lässt. Diese Erkenntnisse ermöglichen ein besseres Verständnis der Prozesse, die zum Typ-2-Diabetes führen und helfen, das individuelle Erkrankungsrisiko abzuschätzen. Herder teilt sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis mit einer Wissenschaftlerin aus Leipzig. Der Biologe arbeitet seit 2006 am DDZ und habilitierte sich 2012 in Düsseldorf im Fach Epidemiologie.

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Mit Prof. Dr. Enrico Valdinoci kann das Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS) in Berlin seit dem 1. Juni 2013 einen weiteren Träger eines Grants des Europäischen Forschungsrates (ERC) in seinen Reihen

Die Deutsche Gesellschaft für Proteomforschung (DGPF) hat Prof. Dr. Albert Sickmann, Vorstandsvorsitzender des Leibniz-Instituts für Analytische Wissenschaften ISAS in Dortmund, zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Proteomforschung ist ein vergleichsweise junges Feld der Biowissenschaften, bei dem es um das Zusammenspiel von Proteinen in Zellen und Geweben geht. Im Gegensatz zum Genom, also der Gesamtheit der Gene, das in allen Zellen eines Organismus weitgehend gleich ist und sich kaum verändert, ist das Proteom ein dynamisches Konstrukt. Sickmann hat darüber hinaus unlängst eine Honorarprofessur für Chemie an der School of Natural & Computing Sciences der Universität Aberdeen erhalten. Dort wird er sich in den kommenden fünf Jahren vor allem mit Proteinquantifizierung und Proteinkomplexen beschäftigen.

Arbeiten bei Leibniz Die 86 Institute der Leibniz-Gemeinschaft beschäftigen 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 3.300 Doktorandinnen und Doktoranden arbeiten an Leibniz-Einrichtungen. Die Leibniz-Gemeinschaft bietet auch eine große Bandbreite von Ausbildungsberufen an.

zählen. Der 39-jährige Italiener war zuletzt ordentlicher Professor in Mailand und bekam seinen Starting Grant im Jahr 2011 zugesprochen. In seiner Forschung befasst er sich mit der Analysis von Grenzflächen und Grenzschichten, die zum Beispiel bei Phasenübergängen oder Oberflächenphänomenen auftreten. Im Mittelpunkt stehen dabei Geometrie, Struktur und Regularität der Grenzflächen. An das WIAS, wo er nun eine eigene Arbeitsgruppe aufbaut, wechselte Valdinoci wegen dessen internationalen Renommees und der sich dort bietenden „hervorragenden Möglichkeiten für ambitionierte Wissenschaftler“.

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Von der Ästhetik des Barock geprägt, vom Licht der Aufklärung durchflutet : Kloster Irsee bietet seinen Gästen aus Politik, Wissenschaft und Hochschule

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einen einzigartigen Rahmen für akademische Begegnungen und außergewöhnliche Konferenzen.

Porta patet, cor magis… Als Tagungs- und Bildungszentrum des Bezirks Schwaben wird Kloster Irsee auch international von seinen Gästen hoch geschätzt. Die aktive Teilnahme am Umweltpaket Bayern und die wiederholte Auszeichnung mit dem Bayerischen Umweltsiegel in Gold sind Ausweis eines nachhaltigen Engagements für ökologische Belange und kulturelle Werte. Konzentrierte Ruhe, festliches Ambiente und eine hervorragende Gastronomie stehen als Dreiklang für Schwäbisches Tagungs- und Bildungszentrum Eine Einrichtung des Bezirks Schwaben

zufriedene Seminarteilnehmer, gelungene Tagungen und unvergessliche Feste. Folgen Sie unserem Motto: „Porta patet, cor magis – Die Tür steht offen, mehr noch das Herz.“ Wir in Kloster Irsee freuen uns auf Sie !

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Leibniz-Journal 3/2013