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Myanmar AUFBRUCH INS UNGEWISSE

A N D R E A S W E I H M AY R


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Da tauchte ein goldenes Mysterium am Horizont auf, ein funkelndes, großartiges Wunder, das in der Sonne glänzte … »Das ist die alte Shwedagon-Pagode«, sagte mein Gefährte. Und die goldene Kuppel sagte zu mir: »Das hier ist Birma, ein Land, das anders ist als alle anderen, die du kennst.« Rudyard Kipling, Briefe aus dem Orient, 1898

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Vorwort

Jahrzehntelang unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung abgetaucht, regiert von einer Handvoll korrupter Generäle, die jede Anstrengung nach Freiheit brutal niederschlagen ließen und noch immer ethnische Minderheiten verfolgen, hat sich Myanmar, abgeschottet von der internationalen Gemeinschaft, zu einem Land entwickelt, dessen politische, soziale und kulturelle Eigenheiten für westliche Besucher nur schwer zugänglich sind. Myanmar – das sind aber auch menschenleere Strände, unberührte Natur, goldene Pagoden, monumentale historische Bauwerke, Teakholzklöster, sattgrüne Reisfelder und eine Bevölkerung, die in buddhistischer Gelassenheit ohne manch zweifelhafte Errungenschaften des Westen ein Leben abseits von kapitalistischem Konsumdenken und einer Kultur der Äußerlichkeit führt. Es ist ein Leben, in dem Familie und Tradition heilig sind, in dem der Alltag maßgeblich durch die Religion bestimmt wird und materielle Güter nicht den gleichen Stellenwert wie in westlichen Industrienationen haben. Nach der Übergabe des Friedensnobelpreises an Aung San Suu Kyi 2012 in Oslo, der langsamen Öffnung des Landes, die sich zur Zeit vollzieht, und dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Obama 2012 in Yangon rückt Myanmar zunehmend in den Fokus der Weltöffentlichkeit, was nicht zuletzt in den sprunghaft angestiegenen Zahlen der Tourismusbranche deutlich wird. Eine Pauschalreise nach Myanmar darf in keinem Katalog eines großen Reiseanbieters fehlen. Die Gefahren einer solchen Entwicklung sind bekannt. 2008, kurz nachdem der verheerende Zyklon Nargis das Delta zerstört und 90.000 Tote gefordert hatte, bereiste ich zum ersten Mal dieses Land und war, trotz der angespannten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die in Myanmar herrschten, und der Schwierigkeiten und Repressalien, denen man als ausländischer Besucher damals noch ausgesetzt war, sofort von ihm in Bann gezogen. Weitere Besuche folgten und kein anderes Land, das ich bisher bereist habe, hat eine solche Faszination auf mich ausgeübt wie Myanmar, kein anderes Land hat aber auch so viele gemischte Gefühle und Eindrücke in mir hinterlassen. Dieser Bildband ist kein politisches Buch, sondern will dem Leser einen Eindruck vermitteln von unbeschreiblich schönen Landschaften, von einzigartigen kulturellen Errungenschaften und von den Menschen, ihren Problemen, Erfahrungen, Träumen und Hoffnungen. Andreas Weihmayr


Chuxiong

CHINA C H I NA BANGLADESH

Gulu Gulu

Birma, Burma oder Myanmar?

Fengqing

Thimphu Thimphu

NEPAL

SAGAING DIVISION Ledo

B U TH A N BUTHAN Dhaka

Calcutta

KACHIN KACHINLashio STATE

INDIA

INDIA

Guwahati

Guwahati

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Lumding

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Dhaka

Dhaka

Sittwe

Calcutta Chittagong

Calcutta

CHIN STATE

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Bazar

Cox‘s Bazar Sittwe

Bay of Bengal Bay

Sittwe

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CHIN STATE RAKHINE STATE

RAKHINE STATE

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Louang Namatha Simao

Lashio

Simao

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L A O SMengzi VIETNAM

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Chiang Mai

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Bangkok Bangkok

CAMBODIA Nakhon Ratchasima CAMBODIA

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Thaton MAGWAYToungoo KAYIN DIVISION BAGOYangon STATE AYEYARWADYDIVISION YANGON KAYAH DIVISION DIVISION STATE Henzada Toungoo

Yangon AYEYARWADY YANGON DIVISION DIVISION

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Naypyidaw KAYAH

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Chuxiong

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Qujing

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Chuxiong

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Qujing

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Die Bezeichnung Myanmar ist mittlerweile von der Bevölkerung größtenteils akzeptiert und im Alltag gebräuchlich. Auch wenn es der Regierung bei der Namensgebung vorrangig um Manipulation und die Wahrung der eigenen Interessen ging, hat der Name Myanmar einen wichtigen Beitrag für die nationale Identität geleistet.

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RAKHINE STATE

Mengzi

Simao

STATE

Lumding

Wenn man in Gesprächen mit der Bevölkerung das Wort Birma verwendet, kommen leicht Missverständnisse auf, denn dass man seine politische Zugehörigkeit durch die Wahl des Landesnamens Myanmar für Regimetreue und Birma für die Opposition ausdrückt, ist überholt.

C C HH II NN AA

Ledo

Chittagong

Die ersten Europäer in dieser Region, die Portugiesen, gaben dem Land den Namen Birma, abgeleitet aus der Sprache der Mon, die ihr aufblühendes Nachbarreich „Mbirma“ nannten. Von den englischen Kolonialherren zu Burma, in Anlehnung an die indische Bezeichnung „Bama“ abgeändert , wurde das Land 1989 von der Regierung in Myanmar umgetauft, ebenso die Namen vieler Orte und Flüsse neu vergeben. Dadurch sollte die eigene Identität und Unabhängigkeit gegenüber früheren ausländischen Besatzern herausgestellt werden. Der Name sollte auch gegenüber den ethnischen Gruppen, mit denen sich die Zentralregierung seit Jahrzehnten in bürgerkriegsähnlichen Zuständen befand, die Einheit des Landes mit seiner kulturellen Vielfalt besonders betonen. Myanmar ist die vorkoloniale Bezeichnung, die verdeutlichen soll, dass alle Volkstämme, und eben nicht nur die Bamar, das Land verwalten und im Staat gleichberechtigt mitwirken. Wenn man aber bedenkt, dass eine kleine Anzahl Generäle unter starkem chinesischen Einfluss seit einem halben Jahrhundert das Land quasi im Alleingang führt, wird deutlich, dass die Namensänderung vorrangig der Propaganda dient, die für manche Volkstämme wie blanker Hohn klingen muss.

Xichang Xichang

Bangkok Chumphon Chumphon

Gulf Gulf of of Thailand Thailand

CAMBODIA


Geografie

Birma ist mit einer Fläche von 677.000 km2 beinahe doppelt so groß wie Deutschland und größer als viele andere asiatische Staaten wie Thailand, Malaysia oder Vietnam. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 59 Millionen Menschen entspricht das einer Bevölkerungsdichte von 81 Menschen pro Quadratkilometer, was für asiatische Verhältnisse relativ gering ist. Zum Vergleich: Selbst Deutschland liegt mit 228 Einwohnern pro km2 weit darüber. Seine direkten Nachbarn sind Thailand, Laos, China, Indien, und Bangladesch. Von den Ausläufern des Himalaja im Norden bis zur Malaiischen Halbinsel im Süden misst das zweitgrößte Land Südostasiens ca. 2.000 km, die Ost-Westausdehnung beträgt im Schnitt ca. 800 km. Im Süden zieht sich die Küste von der Grenze bei Bangladesch 2.220 km hinunter bis zur Andamanensee, wo Myanmar an Thailand grenzt. Durch seine Ausdehnung weist Myanmar eine landschaftliche Vielfalt auf, die in Südostasien einmalig ist. Im Norden befinden sich mit 5.881 m der höchste Berg Südostasiens, der Hkakabo Razi, und das Kachin-Bergland. Zwischen den Bergen, die sich Richtung Süden erstrecken, liegen Täler mit subtropischen Wäldern, die vielen exotischen Tieren eine Heimat geben, darunter Leoparden, Tigern, Rhinozerossen, Elefanten und in den Flüssen dem bis zu 2,5 m langen Irrawaddy Delfin. Das Mandalay-Becken und das weiter östlich gelegene Shanplateau, ein durchschnittlich 1.000 m über dem Meeresspiegel gelegenes Kalkgebirge mit bis zu 2.600 m hohen Bergrücken, bilden den nördlichen Teil des eigentlichen Kernlandes. Daran anschließend stellt ein mit Primärregenwald bedeckter Gebirgszug, die Dawna Kette, die natürliche Grenze zu Thailand dar. Die Provinz Rakhine am Golf von Bengalen wird von Sumpfgebieten und zahlreichen Flussmündungen geprägt und im Osten durch den RakhineYoma-Gebirgszug eingegrenzt. Im Süden befinden sich das

Myeik Archipel, eine der letzten unberührten Inselgruppen Südostasiens mit unerforschten Tauchgründen, endlosen Sandstränden und hunderten von Inseln. Dieser Küstenstreifen an der Andamanensee sowie das Irrawaddy Delta, das von 1950 – 1960 aufgrund seiner fruchtbaren Landschaft das größte Reisanbaugebiet der Welt war, bilden zusammen das Tiefland von Birma.

Birmas Lebensader: Irrawaddy / Ayeyarwady Mit einer Länge von 2.100 km zieht sich als Lebensader des Landes der Irrawaddy, nach neuer Namensgebung Ayeyarwady, von seiner Quelle im Norden, dem Zusammenfluss von Malihka und Mayhka, die beide im Himalaja entspringen, bis hinunter südlich von Yangon, wo er sich in ein etwa 45.000 km2 großes neunarmiges Delta verzweigt, das auch als die Reiskammer des Landes gilt. Wie überall in Asien spielt sich ein Großteil des öffentlichen Lebens am oder auf dem Fluss ab. Neben seiner Funktion als Umschlagsplatz und Transportweg versammeln sich hier auch die Gemeinden der am Fluss liegenden Dörfer Abend für Abend, um die Wäsche zu waschen, Gespräche zu führen, Neuigkeiten auszutauschen oder einfach nur den vorbeiziehenden Booten nachzuschauen. Zwiegespalten wie das ganze Land, in der Trockenzeit einerseits ruhig, zeitlos in seiner Trägheit und weit abseits allen Trubels der übrigen Welt, in der Regenzeit andererseits zu einem reißenden gefährlichen Ungetüm entwickelt, passiert der Irrawaddy auf seinem Weg alle wichtigen Städte des Landes.

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Kleine birmanische Zeitreise Folgendes ist keine detaillierte Schilderung der politischen und historischen Entwicklung Myanmars, sondern eine kurze Zusammenfassung seiner Geschichte, um die aktuellen Ereignisse und politische Situation des Landes besser zu verstehen.

Die erste Einwanderungswelle Die aus Südwest-China und dem tibetischen Hochland kommenden Mon erreichten, vermutlich noch vor unserer Zeitrechnung, birmanischen Boden. Neben den tibetobirmanisch sprechenden Pyu wurden die Mon schon im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Handelskontakte im benachbarten Indien mit dem Theravada- Buddhismus bekannt gemacht, der sich im Laufe der Zeit zu einem prägendem Element ihrer Kultur entwickelte. Nach dem Ende der PyuHerrschaft stellten die im 8. Jahrhundert vom Tibet-Plateau eingewanderten Bamar, die heutigen Birmanen, mit den Mon als direkten Nachbarn, die größten Volksgruppen Myanmars dar. Von den kulturell hoch entwickelten Mon als Barbaren abgestempelt, bat der birmanische König Anawrahta die Gelehrten der Mon, ihm die heiligen Schriften des Theravada- Buddhismus anzuvertrauen, um die Lehre des Erleuchteten in reiner Form kennenzulernen. Erbost über die Ablehnung seines Anliegens rief Anawrahta zu den Waffen und unterwarf die Mon im Jahre 1057. Die Birmanen nahmen die Religion der Unterworfenen an. Nach Beendigung des Krieges wurden neben den buddhistischen Schriften insgesamt ca. 30.000 Mann nach Bagan verschleppt, darunter Architekten, Handwerker, Mönche und Gelehrte. Die Bagan-Dynastie war gegründet.

Bagan – Das goldene Zeitalter Unter Kyanzittha (der Soldatenkönig), dem zweitem Nachfolger Anawrahtas, stieg Bagan neben dem Angkor-Reich im heutigen Kambodscha zu der bestimmenden Großmacht Südostasiens auf. Das politische und kulturelle Zentrum Birmas wurde von ca. 40.000 Menschen erbaut, darunter viele entführte Zwangsarbeiter der Mon. Auf einer Fläche von 40 km2 lebten in der Blütezeit etwa 500.000 Einwohner, die durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem mit Trinkwasser versorgt und durch die ausgedehnten Reisfelder bei Kyaukse ernährt wurden. In einem unglaublichen Bauboom wurden unter den 13 Königen Bagans nicht weniger als 13.000 Klöster, Tempel und Pagoden errichtet, heute sind davon noch mehr als 2.000 Kulturdenkmäler zu bewundern.

Zweite und dritte birmanische Dynastie Nachdem die Bagan-Dynastie 1287 von der mongolischen Armee Kublai Khans geplündert worden war, gelang es den Mon, ihre Macht wieder auszubauen und den Süden

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des Landes zu beherrschen. Die inzwischen dorthin eingewanderten Shan, deren Machtbereich sich nördlich der Mon erstreckte, lagen mit diesen in ständigen Konflikten, wovon wiederum die Birmanen profitierten. Diese hatten inzwischen zu alter Stärke zurückgefunden und eroberten ihrerseits 1531 die Mon-Hauptstadt Pegu. Damit begann die zweite birmanische Dynastie, in der die Birmanen zweimal die thailändische Hauptstadt Ayutthaya zerstörten. 1752 endete diese Herrschaft, als sich die Mon ein letztes Mal mit Hilfe der Franzosen erhoben. Allerdings errichtete schon im selben Jahr König Alaungpaya durch die endgültige Vertreibung der Mon nach Siam die dritte und letzte birmanische Dynastie, die Konbaung.

Thibaw, der letzte König von Birma Die fehlende Regelung der Königsnachfolge kristallisierte sich in den letzten Jahren der Konbaung-Dynastie als tragischer Fehler heraus. Aus Angst vor einem Attentat hatte König Mindon, der Mandalay zur goldenen Stadt machte, keinen seiner 48 Söhne zum Nachfolger bestimmt. Als der König auf dem Sterbebett lag und das Reich unter dreien seiner Söhne aufteilen wollte, nutzte seine erste Königin die Gunst der Stunde und gewann die Kontrolle über den Palast, indem sie den erst 20-jährigen Thibaw mit ihrer jüngeren Tochter Supayalat verheiratete. Im Februar 1879 ließ der neue König Thibaw als erste Amtshandlung nicht weniger als 80 potenzielle Rivalen, darunter 31 leibliche Söhne und neun Töchter Mindons hinrichten. In einer Chronik heißt es dazu: „Die 80 Prinzen und Prinzessinnen wurden in samtene Säcke eingenäht, an der Decke des Königssaales aufgehängt und unter dem Aufspielen des Hoforchesters zu Tode geprügelt. Ein großer Graben wurde ausgehoben, um sie alle aufzunehmen. Viele wurden noch halb lebend hineingeworfen… Das riesige Grab mit Erde bedeckt… Nachdem sich die Erde nach ein, zwei Tagen wieder anhob, sandte der König Palastelefanten, die die Erde wieder eben trampelten.“ Ohne seine herrschsüchtige Frau Supayalat und dem mächtigen Minister Taingdar Myingyi konnte der scheue Thibaw keine Entscheidungen treffen. Frauen, die die eifersüchtige Supayalat als Konkurrenz wahrnahm, ließ sie Gerüchten zufolge von Eseln zu Tode vergewaltigen. Als die Briten am 29. November 1885 in Mandalay einmarschierten, musste Thibaw einen Tag später seine Reise ins indische Exil antreten.

Britische Kolonialzeit 1885 hatte die britische Krone einen Konflikt zwischen der Bombay Burma Trading Corporation und dem burmesischen Königshof zum Anlass genommen, um in Myanmar einzumarschieren. Sie schickten König Thibaw ins indische Exil und mit Beginn des Jahres 1886 verlor Birma seine Souveränität. Für 51 Jahre verschwand Birma von der poli-

tischen Landkarte. Nach zahlreichen Aufständen, brutalen Übergriffen auf die Bevölkerung und Massenhinrichtungen konnten die Briten ihre Kolonialherrschaft 1890 schließlich ausbauen. Indem sie Zugeständnisse an die nicht birmanischen Völker machten und sich im Gegenzug dieser bedienten, vorwiegend indische Immigranten in Armee und Verwaltung einsetzten und ihre altbewährte Politik „Teile und herrsche“ durchsetzten, sicherten sie sich ihre Macht. Durch diese Maßnahmen verschärften sich aber vor allem die Spannungen zwischen der birmanischen Bevölkerung und den anderen ethnischen Minderheiten, was zu den bis heute andauernden Konflikten beitrug. Als der Erste Weltkrieg einsetzte, radikalisierten sich viele der bisher friedlichen Birmanen, bis es schließlich 1920 zu einem ersten landesweiten Studentenstreik kam. Der bekannteste Vertreter war der Aktivist U Ottama, der als einer der ersten offen das Ende des Kolonialismus forderte. Mit seiner Begründung, die Herrschaft der Briten bedrohe den Geist des Buddhismus, stieß er auf breite Zustimmung seitens der Bevölkerung; seine Verhaftung schürte den Hass gegen die Besatzer. Als 1930 der ehemalige Mönch Saya San gegenüber der Bevölkerung predigte, sie seien im Kampf gegen die Briten unverwundbar, kam es zum ersten religiös motivierten Aufstand, der in einem Massaker mit ca. 10.000 Toten endete. 1936 kam es zu einem weiterem Studentenstreik, bei dem der 21-jährige Student Aung San eine führende Rolle spielte. Es wurden politische Forderungen erhoben und die Thakin-Aktivisten verbündeten sich ein weiteres Mal mit den Mönchen. Der 1939 gegründete Freedom Bloc mit seinem geistigen Vater Aung San erkannte schon früh, dass der Zweite Weltkrieg neue Ausgangsbedienungen für den Kampf eines unabhängigen Birmas schaffen würde. U Nu, der spätere Ministerpräsident, schrieb darüber in seinen Memoiren: „Der Freedom Bloc war ein geistiges Produkt von Aung San. Sein Zweck war es, den Menschen im Land die Botschaft zu bringen, dass das Volk die britischen Kriegsanstrengungen nur unterstützen würde, wenn die britische Regierung eine feierliche Erklärung abgäbe, in der Birma die Unabhängigkeit nach dem Krieg versprochen würde. Wenn nicht, würde das Volk die Kriegsanstrengungen bekämpfen“.

Zweiter Weltkrieg Wie von Aung San vorhergesehen veränderte der Zweite Weltkrieg über Nacht die Machtverhältnisse innerhalb Burmas. Nach der Bombardierung Pearl Harbors durch die Japaner im Dezember 1941 blickte der südostasiatische Kontinent mit Bewunderung auf den Inselstaat, der den Mut hatte, nach Jahrhunderten der Fremdbestimmung und Demütigung sich gegen die Europäer und die USA zu wehren. Die Engländer hatten plötzlich an vielen Fronten zu kämpfen. Teile der birmanischen Nationalbewegung suchten den Kontakt zu den Japanern, darunter 30 führende Köpfe,

die sich den englischen Besatzern entzogen und zu einem Militärtraining nach Hainan aufbrachen. Die Rechnung der Männer um Aung San schien aufzugehen, schon am 8. März 1942 marschierten sie an der Spitze der japanischen Invasionsarmee in Yangon ein und wurden von der birmanischen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt.

Der Große Irrtum Am Anfang als Befreier empfunden, zeigten die Japaner bald, dass ihre Ideologie „Asien den Asiaten“ nur eine leere Formel war. Wahllos brannte das japanische Militär Dörfer nieder, vergewaltigte und ermordete jeden, der sich ihm entgegenstellte, und missachtete die kulturellen Gepflogenheiten. Schnell waren sie verhasster als die Briten. Aung San, Kopf der Nationalbewegung, sah ein, dass er sich von den Japanern hatte blenden lassen und wechselte die Seiten. Ab dem 27. März 1945 kämpfte er unter der Bedingung, dass Burma in die Unabhängigkeit entlassen würde, auf Seiten der Alliierten. Am 3.Mai 1945 zog er einmal mehr mit fremden Truppen siegreich in Yangon ein. Der Zweite Weltkrieg war damit in Birma beendet, die Unabhängigkeit zum Greifen nahe.

Der Vertrag von Panglong In Birma gab es zwischen den Bamar und vielen nichtbirmanischen Volksstämmen erhebliche Meinungsverschiedenheiten, wie das neue föderale Birma gestaltet werden sollte. Die Regierung unter Aung San sah vor, dass die von der britischen Kolonialverwaltung eingeführte „Verwaltung der Grenzgebiete“ aufgelöst und es zukünftig nur ein Birma geben sollte. Anfang Februar 1947 traf sich deshalb Aung San mit Vertretern der Kachin, Chin und Shan in Panglong, um über die Rahmenbedingungen innerhalb des neuen Staates zu diskutieren. Obwohl das Abkommen nie von allen Volksgruppen akzeptiert wurde, gilt es als Meilenstein der Geschichte Birmas, da zum ersten Mal Bamar und die nichtbirmanischen Minderheiten gemeinsam und gleichberechtigt ihre politische Zukunft gestalteten. Aung San gelang es durch seine charismatische Persönlichkeit Zentralisten und Föderalisten gleichermaßen zufriedenzustellen. Das am 12. Februar 1947 unterzeichnete Abkommen sollte den Minderheiten fundamentale demokratische Rechte zugestehen, die Schaffung eines autonomen Kachin-Staates innerhalb der Birmanischen Union, den Shan finanzielle Autonomie und den Minderheiten Wirtschaftshilfe ermöglichen.

Portrait Aung San Als führende Persönlichkeit im Kampf für die Unabhängigkeit Birmas, Gründer der Streitkräfte Tatmadaw und Visionär des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen


Ethnien und Religionen ist der 1915 geborene Aung San zu einem Volkshelden aufgestiegen. Nicht militärische Härte und äußere Autorität, sondern Charisma und Kompetenz machten ihn zum Kopf der Studentenbewegung und der legendären 30 Kameraden, die mit Hilfe der Japaner im Zweiten Weltkrieg die Engländer vertrieben. Als er seine Fehleinschätzung der japanischen Politik bemerkte, scheute er nicht davor zurück, gegen das Versprechen der Engländer, Burma in die Unabhängigkeit zu entlassen, diese im Kampf zu unterstützen. Bei aller militärischen Kompetenz legte er immer Wert auf friedliche Lösungen, was vor allem für seine Politik gegenüber den nichtbirmanischen Völkern galt. Es war ihm nicht vergönnt, seine Visionen in die Tat umzusetzen, denn am Morgen des 19. Juli 1947 stürmte ein Exekutionskommando, gesandt vom ehemaligen Premierminister U Saw, der später dafür zum Tode verurteilt wurde, eine Kabinettssitzung und eröffnete das Feuer. Aung San starb im Kugelhagel und hinterließ drei kleine Kinder, zwei Jungen und eine Tochter, die heute weit berühmter ist als ihr Vater: die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Da das Abkommen von Panglong von den ethnischen Minderheiten vor allem wegen Aung Sans Charisma unterschrieben worden war, wurde es nach seiner Ermordung von vielen als ungültig betrachtet, seitdem herrscht Bürgerkrieg.

Myanmar unter der Geißel der Militärjunta Als am 4. Januar 1948 Myanmar von der Englischen Krone in die Unabhängigkeit entlassen wurde, schlossen zwei der legendären „30 Kameraden“, der spätere Premierminister U Nu und der Soldat Ne Win die Lücke, die Aung San seit seiner Ermordung hinterlassen hatte. 1962 putschte sich der mittlerweile zum Oberbefehlshaber der Armee aufgestiegene Ne Win an die Macht, um den Premierminister loszuwerden, der durch seine Autonomieverhandlungen mit den Shan nach Ne Wins Meinung zu einem unberechenbaren Faktor geworden war. Dieser Putsch markierte den Beginn einer fast ein halbes Jahrhundert währenden grausamen Militärdiktatur, die sich vor allem durch Menschenrechtsverletzungen, Misswirtschaft und der Verfolgung von ethnischen Minderheiten äußerte. Ne Win überzeugte anfangs einen großen Teil der Bevölkerung davon, dass das Militär gegen die Autonomie der nicht birmanischen Völker vorgehen müsse, um die Souveränität und die staatliche Einheit Myanmars zu wahren. Er schaffte das Mehrparteiensystem ab, verstaatlichte Industrie, Handel und Banken, setzte sich an die Spitze eines zwölfköpfigen Revolutionsrates, der das Land in eine Jahrzehnte lange Isolation führte, und legte damit auch den Grundstein für die wirtschaftliche Talfahrt, die Myanmar erfuhr. Das Pro-Kopf Einkommen schrumpfte von 700 US-Dollar (1960) auf 200

US-Dollar (1989), das Bruttoinlandsprodukt sank auf zehn Mrd. US-Dollar und Myanmar fiel von Platz eins auf Platz zehn der weltweiten Reisexporteure zurück.

Erster großer Aufstand außerhalb der nicht-birmanischen Völker und die Farce einer Verfassung Die wirtschaftliche Misere und die Geldentwertung gaben den Ausschlag, dass sich 1988 trotz verhängtem Kriegsrechts hunderttausende Menschen aller gesellschaftlicher Schichten auf die Straße begaben, die Armee in die Defensive drängten und den Sturz Ne Wins forderten. Dieser dankte unter dem Druck der Massen ab. Der ihm loyal zur Seite stehende Sein Lwin, den er als Nachfolger ernannt hatte, wurde kurze Zeit später durch den gemäßigten Zivilisten Maung Aung ersetzt. In dieser Zeit entwickelte sich die NLD (National League for Democracy) zur wichtigsten Oppositionsgruppe innerhalb der Burmesischen Politik, an ihrer Spitze die Generalsekretärin Aung San Suu Kyi. Als die Ära Ne Wins am Ende schien, sogar Soldaten überliefen und sich den Protesten anschlossen, riss Verteidigungsminister Saw Maung die Macht durch einen erneuten Putsch an sich. Unter seiner Befehlsgewalt wurde das Feuer auf Demonstranten im ganzen Land eröffnet, Bürger auf offener Straße totgeprügelt oder erstochen, Studenten und Oppositionelle verschleppt und jegliche Versammlung, und sei es nur zum Gebet, mit brutaler Gewalt aufgelöst. Das Blutvergießen forderte mehr als 5.000 Tote, tausende Oppositionelle retten sich über die Grenze nach Thailand oder in Gebiete der nichtbirmanischen Völker. Als am 27. Mai 1990 freie Wahlen stattfanden, errang die Oppositionspartei einen überragenden Sieg, fuhr bei 73 Prozent Wahlbeteiligung 60 Prozent der Stimmen ein, was nach dem geltenden britischen Mehrheitswahlrecht 397 von 485 Sitzen im Parlament entsprach. Die Militärs verhinderten aber eine Verfassungsverabschiedung mit der Begründung, dass zuerst ein rechtlicher Rahmen für die Machtübergabe geschafft werden müsse. In dem drei Jahre später stattfindenden Konvent ließen die Machthaber in drei Punkten nicht von ihrer alten Linie ab. Zugeständnisse an eine Autonomie nichtbirmanischer Völker gibt es nicht. Das Militär hat die Macht, Regierung und Parlament zu entlassen. Und speziell im Blick auf die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi: Personen, die lange im Ausland gelebt haben, dürfen keine wichtigen politischen Ämter bekleiden.

Alte Köpfe, neue Kleider Nach der Einführung der Marktwirtschaft 1989 und einigen kosmetischen Korrekturen, die der Verbesserung des Rufs im Ausland dienen sollten, nannte sich die Regierung 1997 in das freundlich klingende State Peace and Development um. Sie kündigte freie Wahlen an, aber da das umstrittene Verfassungsreferendum angeblich mit einer Zustimmung von 94 Prozent aller Wähler verabschiedet worden war, war jedermann klar, dass die 2010 stattfindenden Wahlen weder fair noch frei ablaufen würden. Als Konsequenz daraus boykottierte die Opposition die Wahlen, die von den Militärs geführte NSPD (Union Solidarity and Development Party) siegte erwartungsgemäß mit 76,79 Prozent aller Stimmen. Mit andern Worten: Außer dass die Militärs ihre Uniformen gegen Anzüge tauschten, blieb alles beim Alten.

Aufbruch ins Neuland – Myanmars Weg in die Demokratie Die Öffnungspolitik des Premierministers Thein Sein ab 2010 hatte zur Folge, dass bei den ersten freien Nachwahlen am 1. April 2012 Aungs San Suu Kyi´s Nationale Liga für Demokratie durch einen erdrutschartigen Sieg in 43 von 44 Wahlbezirken gewann. Selbst in der Hauptstadt Naypyidaw, einem aus dem Erdboden gestampften künstlichen Konstrukt, in dem es von Regierungsbeamten wimmelt, gewann die Partei des Staatspräsidenten Thein Sein keinen der drei zur Wahl stehenden Sitze. Dieser Sieg ist vor allem einer Person in Myanmar geschuldet: der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Su Kyi.

Portrait Aung San Suu Kyi

Während sie den Sturz Ne Wins und die folgenden blutigen Aufstände miterlebte, erinnerte sich Aung San Suu Kyi ihrer Wurzeln und Verantwortung, entschloss sich zu bleiben und sich für die Demokratie einzusetzen. Als sie, damals weitgehend unbekannt, am 26. August 1988 vor der Shwedagon-Pagode ihre erste Rede hielt, erklärte sie den Massen: „Es stimmt, dass ich lange im Ausland gelebt habe. Und es stimmt auch, dass ich mit einem Ausländer verheiratet bin. Aber diese Tatsachen haben nie und werden auch in Zukunft nie meine Liebe und Zuneigung zu diesem Land mindern oder schmälern. Etwas anderes, das über mich gesagt wurde, ist, dass ich keine Ahnung von burmesischer Politik habe. Das Problem ist: Ich weiß zu viel darüber…“ Über Nacht wurde sie zum Kopf der Oppositionsbewegung. Als die Militärregierung die Aufstände einige Wochen später in einem Blutbad erstickte, erkannte sie, dass sie Aung San Suu Kyi wegen ihrer großen Popularität nicht einfach wie unzählige andere verschwinden lassen konnte.Andererseits war sie für die Generäle eine zu große Gefahr, als dass man sie unbehelligt in Freiheit hätte leben lassen. Am 20. Juli 1988 wurde Aung San Suu Kyi unter Hausarrest gestellt, der mit Unterbrechungen bis zum 13. November 2010 andauerte. Aus Angst davor, nicht mehr in ihr Land zurückkehren zu können, konnte sie ihren Mann von 1995 bis zu seinem Tod nicht mehr wiedersehen. Den Friedensnobelpreis, der ihr 1991 verliehen wurde, nahm sie als freie Frau erst am 16. Juni 2012 in Oslo entgegen. Als sie den ihr schon 1990 verliehenen Sacharow-Preis 2013 im Europaparlament entgegennahm, sagte sie in ihrer Rede:

»Die Freiheit der Gedanken beginnt mit dem Recht, Fragen zu stellen; und dieses Recht hatten die Menschen in Burma so lange nicht mehr gehabt, dass einige unserer jungen Leute nicht einmal mehr wissen, wie Fragen gestellt werden.«

Der einsame Kampf einer zierlichen Frau gegen eine brutale Militärdiktatur ist eine der außergewöhnlichsten Geschichten des gewaltfreien Widerstands, und so verwundert es nicht, dass Aung Suu Kyi von ihren Anhängern im gleichen Atemzug mit Gandhi und Martin Luther King genannt wird. Ihr Vater Aung San, Wegbereiter der Unabhängigkeit und Nationalheld, wurde zwei Jahre, nachdem sie am 19. Juni 1945 geboren worden war, ermordet. Weil ihre Mutter zur Botschafterin in Indien ernannt wurde, verließ sie ihre Heimat mit 15 Jahren. Nach der Machtergreifung Ne Wins entschloss sie sich aufgrund der veränderten Umstände nicht nach Myanmar zurückzukehren und zog nach England. Dort schloss sie ihr Studium 1967 mit dem Bachelor in Philosophie, Politik und Wirtschaft an der Universität von Oxford ab. Sie heiratete den englischen Tibetologen Michael Aris, gebar ihm zwei Söhne und arbeitete bei den Vereinten Nationen in New York, unterbrochen durch gelegentliche Besuche ihrer Mutter in Myanmar. Im April 1988 flog Aung San Suu Kyi erneut nach Hause, um ihre Mutter, die einen Schlaganfall erlitten hatte, zu pflegen. 9


Gokteik-Viadukt

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Kyon

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Inle

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Irrawaddy

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Inle

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Ye

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Taunggyi

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Yangon

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Yangon-Shwedagon

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Yangon – Karaweik

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Namshan

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Namshan

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Namshan

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Bagan – Inn

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Bagan – Dhammayangyi

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Amarapura – Taungthaman

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Nya Na 23 Jahre, Mönch Lebt zu Zeit in einem Kloster in der Umgebung Mawlamyaings

Wenn sich um sechs Uhr der morgendliche Dunst langsam verzieht und die ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach der Bäume fallen, zeigt sich auch noch im kleinsten und abgelegensten Dorf Myanmars täglich das gleiche Schauspiel. Lange Reihen schweigender barfüßiger Mönche, die Almosenschale in der Hand haltend, ziehen durch die Straßen von Haus zu Haus und nehmen Spenden entgegen. Einige Kilometer von Mawlamyaing entfernt mit dem Boot unterwegs , nehme ich auf dem Weg zu einer der vorgelagerten Inseln Nya Na mit, der von eben einer dieser Almosengänge zurück zu seinem Kloster muss. Er lädt mich ein, den Tag dort mit ihm zu verbringen, und beantwortet mir geduldig alle meine Fragen. Nya Na ist 23 Jahre alt und seit vier Jahren im Kloster. Er stamm aus der Volksgruppe der Mon, sein Vater arbeitet auf einer Kautschukplantage, seine Mutter ist schon früh verstorben. Da der Verdienst seines Vaters nicht zum Überleben reichte und der kleine Sohn sonst unbeaufsichtigt zuhause bleiben würde, muss er schon mit sieben Jahren seinen Vater zur Arbeit in den Wald begleiten. Eine Schulbildung hat er, bis er ins Kloster kommt, nie genossen. Noch als Analphabet lässt er sich wegen des Versprechens einer besseren Zukunft nach Thailand schleusen. Seine Reise ins gelobte Land endet damit, dass er 16 Stunden am Tag an Kreuzungen oder Tankstellen Wasser an Autofahrer verkauft, auf der Straße schläft und nie mehr Geld in der Tasche hat, als zum Überleben notwendig ist. Ein burmesischer Mönch, der für einen längeren Zeitraum ein Kloster in Bangkok bewohnt, um dort Englisch zu lernen, findet ihn schließlich, nimmt ihn mit zurück nach Myanmar und bringt ihn zu dem Kloster, in dem er nun seit vier Jahren lebt. Seitdem heißt es um fünf Uhr aufstehen, dann den Almosengang bewältigen. Anschließend wechselt das Lernen von Englisch und dem Pali-Kanon ab, unterbrochen durch ein frühes Mittagessen, einen kurzen Mittagsschlaf und Hausarbeiten. In zwei Jahren 32

will ihn sein Mentor zum Studium nach Yangon schicken. Für einen 23-jährigen Mann führt Nya Na ein entbehrungsreiches, aber sehr glückliches Leben, und ist damit einer von ca. 500.000 Mönchen in Myanmar. Um die Religiosität der Menschen zu verstehen, muss man sich bewusst sein, dass der Buddhismus in Myanmar mehr als „nur“ eine Religion ist. Er ist eine Lebensform. Wie kaum ein anderes Land Südostasiens identifizieren sich die Birmanen mit dem Buddhismus. Sie betrachten sich als Lieblingsvolk Buddhas und leiten ihre Herkunft sogar von einem Stamm seiner Familie ab. Die Birmanen sind Anhänger des Theravada (Lehre der Alten), ihre Lehre basiert auf den „Vier edlen Wahrheiten“: 1. Das Leben ist dem Leiden unterworfen. 2. Das Leiden resultiert aus menschlichen Eigenschaften wie Neid, Gier, Hass und Unwissenheit. 3. Der Mensch kann sich selbst von dem Leid befreien. 4. Der Weg dorthin ist der „Edle Achtgliedrige Pfad“: Rechte Ansicht, Gesinnung, Rede, Handeln, Lebenserwerb, Anstrengung, Überdenken, Meditation. Begleitet werden die vier edlen Wahrheiten vom Gedanken des „Mittleren Weges“, demzufolge der Mensch Extreme vermeiden soll. Das religiöse Leben spielt im Alltag eine tragende Rolle. Für die meisten Menschen beginnt der Tag, noch bevor sie zur Arbeit gehen, in Tempeln, Pagoden oder vor dem Hausaltar und endet dort auch wieder. Auf dem Land übernehmen Klöster oft die Schulbildung und schlichten, wenn nötig, Konflikte zwischen den Dorfbewohnern. Eine der wichtigsten Funktionen im Alltag von Mönchen ist, dass sie Spenden

von den Gläubigen entgegennehmen. Um das Verhalten der Mönche gegenüber der Bevölkerung zu erklären, das von Ausländern manchmal als arrogant empfunden wird, ist es wichtig einen Grundsatz zu verstehen: Der gläubige Birmane strebt sein ganzes Leben danach, durch Sach- und Geldspenden oder durch freiwillige Arbeit in Klöstern und Tempeln Verdienste für sein nächstes Leben anzusammeln. Ein Mönch wird sich niemals für eine Spende bedanken, im Gegenteil ist es der Gläubige, der sich dafür bedankt, spenden zu dürfen, da er ohne diese Verdienste im nächsten Leben als niedere Kreatur wiedergeboren wird. Überhaupt wird Mönchen in Myanmar höchster Respekt entgegengebracht, sie stehen sogar über dem Staatsoberhaupt und beeinflussen mit ihren Entscheidungen das öffentliche Leben. Für einen heranwachsenden Birmanen ist es einer der wichtigsten Augenblicke, wenn er zum ersten Mal als Novize in einem Mönchsorden eintritt. Feierlich wird er in einer Prozession, meistens auf einem geschmückten Pferd oder Ochsenkarren sitzend, unter Musik und Tanz zum Kloster geführt. Dort legt er seine Seidengewänder ab, die daran erinnern sollen, dass Buddha ein Prinz war, und lässt sich den Kopf scheren, während die Eltern stolz seine Haare in einem weißen Tuch auffangen. Für die nächsten Wochen oder Monate wird sein ganzer Besitz aus einer Almosenschale, einer Matte, Schirm und Fächer, einem Rasiermesser, Nadel, Faden sowie einem Sieb zum Wasserfiltern, damit er nicht versehentlich Insekten tötet, bestehen. Fast jeder männliche Birmane begibt sich mindestens einmal im Leben auf den Pfad, den der Erleuchtete vor ihm gegangen ist. Unschuldig strahlend mögen vielleicht die Stupas der Tempel sein, aber natürlich ist auch im birmanischen Buddhismus nicht alles Gold, was glänzt. Wie überall, wenn sich der


Mensch die Religion zu Nutzen macht, entstehen Auswüchse, die nichts mehr mit der eigentlichen Lehre zu tun haben. Ein Soldat, der am Morgen noch Mönche niedergeknüppelt hat, geht am Abend mit Opfergaben in den Tempel und verlässt ihn mit erleichtertem Gewissen. Interne Machtkämpfe in Mönchsorden oder der Missbrauch von Spendengeldern sind so gewöhnlich wie führende Mönche, die sich von den Generälen instrumentalisieren lassen. Einen traurigen Höhepunkt der verfehlten Auslegung des buddhistischen Glaubens erreichte der radikale Mönch Wirathu im August 2013, als ein von ihm aufgestachelter Mob, darunter viele Mönche, im Nordwesten Myanmars ganze Häuserviertel von Muslimen niederbrannte und nach Schätzungen 200 Menschen getötet wurden. Wie weit die Macht der Mönche in den Bereich des weltlichen Lebens reicht, erfuhren die Generäle ein weiteres Mal, als sich die Mönche 2007 gegen die Repressalien der Junta zur Wehr setzten, indem sie zu Demonstrationen aufriefen und hunderttausende Menschen auf die Straße gingen.

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Die Safranrevolution Als am 15. August 2007 die Regierung über Nacht die Subventionen für Treibstoff aufhob, stiegen die Preise für Benzin schlagartig um bis zu 100 Prozent, Gas kostete plötzlich das Fünffache des normalen Preises und sämtliche Güter des täglichen Lebens verteuerten sich explosionsartig. Infolge der gestiegenen Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel konnten sich viele der bitterarmen Bewohner Myanmars nicht einmal mehr die Fahrt zur Arbeit leisten und verloren diese. Unmut machte sich breit in der Bevölkerung Birmas und vor allem die jüngeren Mönche waren voller Wut, dass ihre Familien ums Überleben kämpfen mussten. Äbte riefen dazu auf, keine Zeremonien mehr für Soldaten abzuhalten oder von ihnen Almosen entgegenzunehmen. Die Wirkung dieser Art von Machtdemonstration war immens. Innerhalb der Streitkräfte regte sich erhebliche Unruhe, da ihnen so die Mönche verwehrten, Verdienste für ihr nächstes Leben zu sammeln, was für einen birmanischen Buddhisten die größte Strafe ist, die man ihm zufügen kann. Die Generäle konnten zwar soziale Netzwerke oder das Telefonnetz kontrollieren und so bis dahin eine schnelle Verbreitung von Aufständen verhindern. Womit sie aber nicht gerechnet hatten, war das interne Netzwerk der Klöster. Jeden Morgen klapperten die Mönche in ihren roten Roben auf ihrem Almosengang unzählige Haushalte ab, und ein geflüsterter Satz da, ein zugesteckter Zettel dort verbreiteten den Aufstand wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Die Militärführung reagierte wie gewohnt, ließ Klöster stürmen, verhängte ein Versammlungsverbot und schlug jede Art von Verweigerung brutal nieder. Ende September eskalierte die Gewalt. In Yangon hatte sich ein Demonstrationszug von ca. 90.000 Zivilisten und Mönchen versammelt, um zur Sule-Pagode zu ziehen. Auf dem Weg dorthin vom Militär gestoppt, eröffneten die Soldaten, nachdem sie Frauen und Kinder gehen ließen, mit gezielten Schüssen das Feuer auf die Demonstranten. Tausende verhaftete Demonstranten, die zum Teil zu drastischen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, sowie dutzende Tote waren die Folge. Das Video, das den japanischen Journalisten Kenji Nagai im Moment seiner Exekution zeigt, ging um die Welt.

Indein

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Sandangu

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Pathein

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Inle

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Hpa-an

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Kyauktan

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Inle

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Hpa-an

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Mandalay

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Pindaya

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Yangon

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Yangon

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Yangon

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Mandalay

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Mandalay

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Taungkalay

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Mawdin Point

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Amarapura – U Bein

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Pathein

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Ywathit

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Amarapura

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Mandalay

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Mandalay

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U Sein Myint 68 Jahre, Maler Wohnt in seinem Atelier in Mandalay

Am 19.12.2012 trifft zum ersten Mal ein amerikanischer Präsident zum Staatsbesuch in Yangon ein. Dabei wird Barack Obama unter tausenden frenetisch feiernden Menschen auch von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Empfang genommen. Als Gastgeschenk überreicht sie ihm ein Gemälde, ein Gemälde des Malers U Sein Myint. Als mir der 68 Jahre alte Mann die Tür zu seinem Haus in Mandalay öffnet, bin ich überrascht. Das Haus gleicht einem Museum. Im Vorhof steht neben einem alten ZeremonienWagen ein mit filigranen Schnitzereien verziertes Holzhaus, das er – auf dem Land gekauft – in seine Einzelteile zerlegen ließ und hier wieder aufbaute. Er nimmt mich bei der Hand und führt mich durch sein Wohnzimmer in sein Atelier. Auch im Wohnzimmer stapeln sich Antiquitäten und Kurioses aus vergangenen Zeiten: Opiumgewichte und Pfeifen, Buddhaköpfe und Figuren, alte Lackware neben rituellen Masken aus dem Nagaland. Wir nehmen zwischen hunderten Pinseln, einer beträchtlichen Ansammlung Whisky und seinen aktuellen Arbeiten Platz. Auf meine Anfrage ein paar Wochen vorher, ob er Interesse habe, sich mit mir zu treffen und aus seinem Leben zu erzählen, bekam ich die pragmatische Antwort, er sei ja noch nicht tot, also sei es auch möglich. Nun sitzt er mir also in einem abgenutzten Ledersessel gegenüber, die Beine unter dem traditionellen Longyi gekreuzt, lächelt schüchtern und fängt mit leiser Stimme an zu erzählen. U Sein Myint hat ein Glasauge und wie alles in seinem Leben hat auch dieses Glasauge eine besondere Geschichte. Mit neun anderen Geschwistern in Mandalay am 23. Januar 1945 geboren, studierte er Burmesische Linguistik und Literatur. 1970 brach er das Studium ab, da die Rattanmöbelfabrik seiner Eltern durch die wirtschaftliche Talfahrt des sozialistischen Myanmars nicht mehr genügend Geld abwarf. 60


Er schlug sich einige Jahre als Führer für Touristen durch und besuchte mit ihnen neben historischen Bauten und Tempeln auch Antiquitätengeschäfte, wo er sich in die Kunst verliebte. Dadurch, dass er sich die Kommission nie in Geld, sondern in Antiquitäten auszahlen ließ, wurde die Idee geboren, diese Schätze für die Nachwelt zu sammeln. Wann immer er in Klöster oder abgelegene Dörfer kam, suchte er nach Antiquitäten und Kunstgegenständen. Bis heute hat er, selbst in größter finanzieller Not, kein einziges Teil seiner Sammlung verkauft. Er sagt, Geld brauche er nur für Essen, aber seine Seele benötige die Dinge, die ihn umgeben.

dem Fahrrad abholen musste, zu ihm und kaufen LKW- Ladungen Schnaps aus seiner Hand. Er legt sich einen neuen, „richtigen“ Laden zu und wird zum Verbindungsmann zwischen Zulieferern und Abnehmern. Im Hinterhof stehen die Schmuggler Schlange, um die Ware abzuliefern, vorne im Laden drängen sich Kunden, um die neuste Auslage zu begutachten. Groß im Geschäft lässt natürlich auch die Polizei nicht lange auf sich warten. Ein paar Mal sitzt er im Gefängnis, wird aber immer nach einigen Tagen freigelassen, dank seiner guten Beziehungen oder ausreichenden Bestechungsgeldes.

Als immer weniger Touristen Myanmar besuchen, muss er einen neuen Weg finden, Geld zu verdienen. Das Leben wird nun härter, aber sein Einkommen steigt. Konkret bedeutete das: Mit dem Zug oder Boot in den Norden fahren, Blumen und Tee in großen Mengen kaufen und in Mandalay verkaufen, in Thailand Schmuggelware erwerben, die man in Mandalay auf dem Schwarzmarkt unter die Leute bringt. Insgesamt sieben Jahre führt er das unstete Leben eines Schmugglers und fahrenden Händlers, schläft nur auf Holzpritschen und dem Deck von Dampfern und verdient genug Geld, um seinen Geschwistern den Aufenthalt im Kloster zu ermöglichen. Er sagt über diese Zeit, dass sein Leben wie die Wellen im Ozean war. Man weiß, dass sie kommen, aber nicht, wie sie ausschauen.

Erfolg schafft aber auch Neider, und als er eines Morgens seinen Laden aufschließt, wird er von einem Konkurrenten angegriffen. Es entwickelt sich ein Kampf auf Leben und Tod, bei dem er sein linkes Auge verliert. In den Minuten, in denen die Kontrahenten auf sich einschlagen, erringt er irgendwann die Oberhand, genau in dem Moment, in dem seine Hand ein heruntergefallenes schweres Eisengewicht umschließt. Er sagt, er habe in diesem Augenblick Buddhas Stimme in seinem Kopf gehört, sonst hätte er dem Angreifer damit umgebracht. Im selben Atemzug beendet er den Satz mit den Worten, dass, hätte er schon damals gewusst, auf dem verletzten Auge nie wieder sehen zu können, er seinem Gegner den Schädel eingeschlagen hätte.

Später bilden alte zusammengezimmerte Holzkisten, ein Sonnenschirm, ein paar Flaschen Schnaps, Kerzen, Zigaretten und anderer Kleinkram seinen provisorischen Laden. Er hat wirtschaftliches Talent, erst eine Kiste Schnaps, in der nächsten Woche zwei Kisten, nach einem Monat acht Kisten pro Woche. Nach einem Jahr kommen die Schnapshändler, die ihn am Anfang belächelten, als er seine Ware noch mit

Sein Onkel ist Maler und so kommt er schon in seiner Kindheit in Berührung mit der traditionellen burmesischen Kunst. Um seinen harten Alltag zu bewältigen, fehlt ihm anfangs noch die Zeit, selbst künstlerisch tätig zu werden. Er sagt, später sei ihm klar geworden, dass man, um Geld zu verdienen, nur eine Hand brauche und man die andere noch für den Pinsel frei habe. 1980 gibt er alle seine Geschäfte an seine Brüder ab und fokussiert sich ganz auf die Kunst.

Und das mit großem Erfolg. Dass heute im Hauptquartier der UN in New York ein ca. zwei auf fünf Meter großer Wandteppich von ihm hängt, hat nach U Sein Myint vor allem damit zu tun, dass er nach zwei Regeln lebt. 1. Man ist niemals zu alt, um etwas Neues anzufangen. 2. Wenn man reisen möchte, ist das Ziel nah, wenn nicht, scheint es in großer Ferne. Heute ist er so erfolgreich, dass er nur noch die Vorlagen für seine in ganz Myanmar bekannten filigranen Stickereien 61


zeichnet und die Teppiche von 35 Arbeiterinnen unter der Leitung seiner Tochter geknüpft werden, damit er sich voll auf seine Malerei konzentrieren kann. Er mischt dabei moderne abstrakte Malerei mit traditionellen Motiven, vorwiegend die aus dem Geisterglauben der Burmesen entstandenen Schutzgeister, Nats genannt. Ausstellungen auf der ganzen Welt, leergekaufte Galerien, zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen folgen. Das Gastgeschenk an Obama ist nun der nächste Schritt, für ihn persönlich, so sagt er, sei diese Ehre mehr wert als alle erhaltenen Preise zusammen. Als wir eine Woche später bei einem Glas Whisky auf dem Dach eines Hotels in Mandalay zusammensitzen, beantwortet er meine Frage, was er einem jungen Mann denn auf seinem Lebensweg mitgeben würde, mit drei Worten:

Su sammeln, bewahren, lernen

Tu tiefer graben, eigene Erfahrungen machen, sich selbst finden

Pyu einen eigenen Weg einschlagen, indem man seinem Herzen folgt

Ein schöner Abschluss der Begegnung eines Malers mit nur einem Auge, aber vielen Gesichtern.

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Inle

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Inle

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Hpa-an – Ba Bhu

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Sagaing

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Amarapura

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Taunggyi

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Hpa-an – Kan Tar Yar

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Mottama

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Eindu

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Yangon

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Dala

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Kalaw

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Shwegun

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Irrawaddy

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Amarapura – U Bein

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Setse

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Hpa-an – Kan Tar Yar

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Hpa-an

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Hpa-an

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New Bagan

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Indein

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Nyaungshwe

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Pathein

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Zijait

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Than Pe Tun 35 Jahre, Immigration Officer Stationiert in einem kleinen Dorf im Kayin State

Wenn man in Myanmar als allein reisender Mann mit dem Motorrad in entlegene Gebiete unterwegs ist, von denen nicht ganz klar ist, ob sie jetzt gerade für Ausländer geöffnet oder geschlossen sind, stellt man, am Ziel angekommen, sein Motorrad auf dem Marktplatz ab, setzt sich an den nächstbesten Bretterverschlag und verbringt eine halbe Stunde mit Kaffee trinken. Erfahrungsgemäß ist genau das die Zeit, die ein Schuljunge vom Marktplatz eines kleinen Dorfes nach Hause zu seinem Vater braucht, ihn aus der Hängematte schmeißt und ihm mit hochroten Kopf erklärt, dass ein Ausländer ins Dorf gekommen ist. 15 Minuten später blickt man dann von seiner Kaffeetasse auf die blitzblank geputzten Stiefel und – weiter nach oben – auf die Sonntagsuniform eines mehr oder weniger gut gelaunten Herrn von der Einwanderungsbehörde. Wenn dann die Grundsatzfrage geklärt ist, ob man sich denn hier überhaupt aufhalten darf, was von manchen Offizieren mit den Worten „Wir sind ja jetzt ein freies Land“ und einem Augenzwinkern quittiert wird, von anderen mit stundenlangem Aktenwälzen, dem Abstauben eines japanischen Funkgerätes aus dem Zweiten Weltkrieg oder der Einladung in eine Bar beantwortet wird, geht es zum gemütlichen Teil des Abends über. Dieses Ritual, das schon mal bis in der Früh um vier Uhr dauern kann, also bis wirklich jeder Mann, auch der Gärtner der Einwanderungsbehörde und dessen entfernter Cousin, sturzbetrunken sind, wiederholt sich Abend für Abend, bis man seine Rückreise antritt oder einem das Bargeld ausgeht. Meistens habe ich gute Erfahrungen gemacht. Der Großteil meiner Aufpasser war wirklich mehr um mein leibliches Wohl besorgt, als darauf zu achten, dass ich etwas sehe, was ich nicht sehen soll. Skurrile Auswüchse waren allerdings nicht ausgeschlossen, wie z. B. beim Schwimmen von einem Offizier mit dem Ruderboot begleitet zu werden oder am 90

Abend alleine in der Bettstatt des Kloster einzuschlafen, und am nächsten Morgen links von mir den Chef des Einwanderungsbüros und rechts dessen Sohn schlafend vorzufinden. Freilich ist mir bis heute nicht klar, ob sie um mich besorgt oder einfach nur vom gemeinsamen Barbesuch zu betrunken waren, um nach Hause zu fahren. Wenn man sich vorstellt, dass diese Staatsbediensteten für das Einwanderungsbüro eines 200 Seelen- Nestes verantwortlich sind, in dem sie die eine Hälfte des Dorfes beim Namen kennen und mit der anderen auch noch verwandt sind, wird schnell klar, dass sie einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, sich zu langweilen. Langeweile ist auch das häufigste Wort, das Tan Pe Tun, Offizier der Einwanderungsbehörde, für die Beschreibung seines Arbeitsalltags verwendete.

zu folgen. Wir fahren auf einen nahegelegenen Berg. Oben angekommen erwarten uns unter einem Baum vier Männer in Freizeitkleidung, mit Funkgeräten und Ferngläsern, und schauen mich interessiert an. Tan Pe Tun hat sein EnglischBüchlein gefunden, und nachdem er mir nochmal erklärt, warum ich hier nicht sein darf, und ich ihm meine Situation schildere, dass ich frühestens am nächsten Morgen wieder umkehren kann, fängt eine längere Diskussion zwischen den Männern an. Man einigt sich darauf, dass ich eine Nacht auf dem Dachboden eines Restaurants schlafen kann, wenn ich ihnen am nächsten Tag noch ein bisschen Englisch beibringe. Nachdem die Formalitäten geklärt sind, stellt man sich vor, ich erfahre, dass alle Männer entweder Polizisten oder von der Einwanderungsbehörde sind. Palmwein macht die Runde.

Auf den Weg Richtung Süden werde ich eines Tages von zwei Motorrädern eingeholt, die mich drängen anzuhalten. Ein Mann in Flip Flops und Bermudahosen steigt ab, schüttelt mir die Hand und fingert einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche. Mit zittriger Stimme fängt er an, den Zettel vorzulesen: „May I help you?“ und ohne meine Antwort abzuwarten, “You are in a No Go area, you can not stay here, please go home“. Im Gesicht des anderen Fahrers nach Anerkennung für seine Englischkünste suchend, wendet er sich wieder mir zu und lächelt mich breit an. Ich lächle zurück und erkläre ihm, dass die Dämmerung schon hereinbricht, das nächste Hotel fünf Fahrstunden entfernt, meine Heimat weit weg und mit dem Motorrad generell etwas schwierig zu erreichen ist.

Im Restaurant sitzen Tan Pe Tun und ich noch bis spät in die Nacht zusammen. Er erzählt von sich. 35 Jahre alt ist er vor drei Wochen geworden und noch nicht verheiratet, was für asiatische Verhältnisse sehr ungewöhnlich ist. Er sagt, er könne sich mit dem Gehalt, das ihm der Staat zahlt, keine Familie leisten, mit der Öffnung Myanmars sind viele Dinge teurer geworden, aber sein Gehalt ist nicht gestiegen. Was für ihn die Situation noch verschlimmert, ist, dass es ihm verboten sei, sein Gehalt mit einem anderen Job aufzubessern, und er Tag für Tag nichts tun kann, außer die Zeit tot zu schlagen. Er hat von seinen Eltern ein Grundstück am Meer geerbt und den Traum, für Touristen ein paar Holzhütten zu errichten. Wenn sich die Lage im Süden entspannt und es die Touristen an die kilometerweiten, menschenleeren Sandstrände zieht, will er gut vorbereitet sein. Deshalb versucht er sein Englisch zu verbessern, soweit es ihm eben ohne fremde Hilfe möglich ist.

Seine Taschen durchsuchend, sichtlich unangenehm berührt, dass er mich nicht verstanden hat, fordert er mich auf, ihnen

Als ich am nächsten Morgen die Treppen meiner Schlafstätte hinuntersteige, erwartet mich eine Überraschung. Wie aus


dem Ei gepellt sitzen die fünf Männer in ihren besten Uniformen an einzelnen Tischen verteilt im Raum, haben Papier und Stift vor sich liegen und starren mich an. Tan Pe Tun hat sogar eine Tafel aus ihrem Büro hereingeschleppt, drückt mir jetzt lächelnd eine Kreide und einen Teller Nudelsuppe als Frühstück in die Hand und setzt sich mit erwartungsvollen Blick wieder an seinen makellos sortierten Tisch zurück. Ich wünsche ihnen alle einen guten Morgen und als mich Tan Pe Tun mit „Teacher“ anspricht und fragt, womit wir denn heute anfangen wollen, lasse ich vor Lachen fast die Suppe fallen. Wir haben einen unterhaltsamen Vormittag. Ich bringe ihnen mit Hilfe von Gegenständen, die sich im Restaurant befinden, oder von Zeichnungen auf der Tafel, die sehr zur allgemeinen Heiterkeit beitragen, einfache Wörter bei. Der Restaurantbesitzer holt kurzerhand seine beiden Söhne aus der Schule und setzt sie neben Tan Pe Tun an den Tisch. Als es gegen Nachmittag unerträglich heiß wird, beschließe ich den Unterricht an den Strand zu verlegen, aber als mir der Wirt einen Eimer mit Eis und Bier in die Hand drückt, wird schnell klar, dass niemand mehr große Lust zu lernen hat. Der Wirt spricht freudig aufgeregt auf mich ein und Tan Pe Tun übersetzt: „Ob wir heute Abend gerne Affen zum Essen hätten?“, wobei er mir aufmunternd zunickt. Ich sage, dass mir die gefüllten Tintenfische vom Vorabend ausgezeichnet geschmeckt haben, und hoffe, er belässt es dabei. Den Rest des Tages verbringen wir badend und Bier trinkend, die Kinder des Wirts holen sich Kokosnüsse von den Bäumen und sammeln für mich Muscheln, und als wir gerade faul auf dem Rücken liegend dem Rauschen der Wellen zuhören, meint Tan Pe Tun, ich könne solang bleiben, wie ich wolle. Es sollten noch vier weitere wunderbare Tage werden.

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Mawlamyaing

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Taunggyi

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Bagan

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Mong Ngwat

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Yangon

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Yangon

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Myitkyina

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Helon

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Zijait

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Irrawaddy

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Hsipaw

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Kyon

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Hpa-an – Ba Bhu

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Irrawaddy

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Hpa-an

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Hpa-an

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Mandalay

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Bagan – Shwesandaw

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Mawdin Point

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Indein

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Kyaw Win 69 Jahre Deputy Director of Military Intelligence 2004 aus dem militärischem Dienst ausgestiegen

Kyaw Win oder Kyaw Myo Naing, wie er sich selbst nennt, treffe ich zum ersten Mal um fünf Uhr morgens auf der Plattform der Shwedagon Pagode. Da sitzt er, ein unscheinbarer, etwa 1,60 m großer Mann mit Tropenhut, weißem Hemd, Hosenträgern und perfekter Bügelfalte und blickt konzentriert durch sein 600mm Nikon-Objektiv, immer bereit den Auslöser in dem Moment zu drücken, wenn sich die drei Geier von dem mit 55 Tonnen Gold bedeckten wichtigsten Heiligtum der burmesischen Bevölkerung majestätisch zum Flug erheben. Wir kommen ins Gespräch, er erzählt mir, dass sein Hobby „Vogelfotografie“ sei, und auf meine Frage, seit wann er denn diesem Hobby nachgehe, antwortet er „Seitdem ich aus dem Militärdienst ausgeschieden bin“. Dieser Satz lässt mich aufhorchen und ich nehme sein unmittelbares Umfeld bewusster wahr. Um ihn verteilt etwa 70.000 Dollar an Kameraequipment, in einem Land, in dem das Bruttosozialprodukt pro Kopf etwa 850 Dollar im Jahr beträgt, kein alltäglicher Anblick. Die fünf Männer, die sich bis jetzt dezent im Hintergrund gehalten haben und die er nur „my men“ nennt, bekommen deutlich die Züge von Personenschützern und automatisch stellt sich mir die Frage, ob ich über diesen Mann Einblick in die geheim gehaltene Welt der burmesischen Militärjunta erhalten kann. Wir unterhalten uns noch ein wenig, und obwohl mir tausend Fragen durch den Kopf schießen, die ich ihm gerne zu seiner militärischen Vergangenheit stellen würde, sagt mein Gefühl, jetzt nicht näher auf das Thema einzugehen. Wir tauschen E-Mail Adressen und Telefonnummern aus, und er meint, ich solle mich melden, wenn ich das nächste Mal in Yangon bin. Nachdem Internetrecherchen –außer dem vagen Eindruck, dass es sich um einen sehr ranghohen Militäroffizier handeln muss- keine aussagekräftigen Daten über seinen militärischen Werdegang liefern, lasse ich vier Wochen nach 114

unserem ersten, zufälligen Treffen verstreichen und sende ihm dann eine E-Mail, in der ich ihm mitteile, dass ich in acht Tagen wieder in Yangon bin, und anfrage, ob wir uns treffen könnten. Am 8. Februar ist es soweit, er hat positiv auf meine E-Mail geantwortet und kurz nachdem ich in meinem Hotel eingecheckt habe, rufe ich ihn an. Er fragt, ob ich heute frei bin, was ich bejahe, und sagt, er hole mich in einer halben Stunde ab. Ich bin vor den Kopf gestoßen, eine halbe Stunde! Ich bin unvorbereitet, habe 20 Stunden Busfahrt hinter mir und schaffe es gerade noch zu duschen, mir meinen Laptop zu greifen, und immer drei Treppen auf einmal nehmend renne ich zurück in die Lobby. Dort warten drei Männer auf mich, der General lässt sich entschuldigen, ich werde höflich zu einem weißen SUV geführt. Wir fahren los und als ich nach ein paar Kilometern bemerke, dass uns ein weiterer SUV gleicher Farbe folgt, wird mir mit flauem Gefühl klar, dass ich in der Eile niemandem Bescheid gegeben habe, zu wem ich unterwegs bin. Verfolgungswahn aus früheren Besuchen Myanmars. Ich war davon ausgegangen, dass wir uns in einem Hotel oder Restaurant treffen, aber nach 20 Minuten Fahrt werden die Häuser nobler, die Zäune höher und nach weiteren zehn Minuten biegen wir in eine abgesperrte Wohngegend ein, an deren Ende wir halten und ich zu einem Haus geführt werde. Im Garten heben gerade acht Männer mit Schaufeln einen Swimmingpool aus und auf der Veranda wartet Kyaw Win. Er empfängt mich mit einem gewinnenden Lächeln, sein Wesen und seine Ausstrahlung sind einnehmend, aber er ist spürbar nervös, trommelt mit seinen Fingern und fährt sich oft mit seinen Händen übers Gesicht. Er führt mich in sein Büro, und ich nehme ihm gegenüber Platz. Auf dem ansonsten leeren Schreibtisch

zwischen uns liegt geschickt platziert neben Kamera und Mac Book ein riesiges, martialisch aussehendes Armeemesser mit Insignien, und ich frage mich, ob es mich erinnern soll, vorsichtig mit meinen Fragen zu sein. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er damit umzugehen weiß. Mir wird Tee angeboten, wir diskutieren über ein paar seiner Bilder und dann werden seine Fotobücher ausgepackt, sechs verschiedene hat er bis jetzt drucken lassen, jeweils 2000 Stück und ich darf mir zwei aussuchen, natürlich mit persönlicher Widmung. Er führt mich zu seinem nächsten Haus, eine Villa mit Flusslage, in dem er sein Studio untergebracht hat und in dem sich meterhoch seine Bücher stapeln. Stolz zeigt er mir das Vorwort für eines seiner Bücher, das die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geschrieben hat, und ich falle aus allen Wolken. Auf die Frage, woher er sie denn kenne, antwortet er, in den 17 Jahren, in denen sie in Yangon unter Hausarrest stand, habe sie nur wenige Freunde gehabt. Mir ist nicht ganz klar, ob er sich damit als Freund Aung San Suu Kyis bezeichnet, ich hake nach und er sagt ganz trocken, als „Deputy Director of Military Intelligence“ sei er 10 Jahre lang die wichtigste Kontaktperson zwischen ihr und den Militärs gewesen und in ihrem Haus ein und aus gegangen. Mir wird klar, dass ich mich gerade mit einem pensionierten stellvertretenden Direktor des Geheimdienstes über die von den Militärs am meisten gefürchtete Person des Landes unterhalte. Aber die Zeiten ändern sich, und gerade in einem Land wie Myanmar, in dem man nie mit Sicherheit sagen kann, wer morgen die Geschicke des Landes lenkt, muss man sich notfalls schnell in ein anderes Lager retten können, gerade dann, wenn man eine politische Vorgeschichte hat.


Ich lese das Vorwort und muss schmunzeln. Aung San Su Kyi schreibt auf der ganzen Seite eigentlich nichts Persönliches über den General und lässt es sich nicht nehmen, eine klare politische Botschaft beizufügen: „The wild flight of powerful wings is a strong symbol of the heights, to which freedom may rise“. Mit der Zeit wird Kyaw Win offener. Er erzählt von seinen Dienstreisen mit dem Premierminister nach München oder in die ehemalige Tschechoslowakei und schildert lachend, dass sie sich einen eigenen Träger für die Holzfäller-Axt nehmen mussten, die sie als Gastgeschenk überreicht bekamen. Er hat sich warm geredet, ich sehe meine Chance gekommen. Unser Gespräch wird vertraulicher und ich frage ihn, wie die Zeit beim Militär für ihn war. Leise und mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen sagt er, dass er leider alles vergessen habe, was vor seiner Pensionierung geschah. Er nimmt mich beim Arm und führt mich in den Garten. Die Augen auf den Fluss gerichtet, macht er mir das Angebot, sich morgen noch einmal mit mir zu treffen, und verspricht sich darüber Gedanken zu machen, ob und was er mit mir über das Militär reden kann. Er sagt, dass die politische Situation noch zu unstabil sei, und er, wenn er mit mir redet, auch darauf achten müsse, sich und seine Familie zu schützen, als Deutscher hätte ich ja schon einmal von den „Nürnberger Tribunalen“ gehört. Am nächsten Tag werde ich wieder abgeholt und zu einer Galerie im Diplomatenviertel gebracht, er hat zusammen mit dem Ehepaar, das die Galerie leitet, diese aufgebaut und erzählt mir, dass ein weiteres Hobby von ihm die Malerei sei. Ich werde herumgeführt und anschließend nehmen wir zum obligatorischen Tee Platz. Er fängt an seinen Lebenslauf zu

erzählen, dass er als einziges Kind eines Bauern in Bago geboren wurde und sein Vater starb, als er eineinhalb Jahre alt war, seine Mutter nie viel Zeit für ihn hatte und er sich mit ein paar Freunden, die ein ähnliches Schicksal teilten, praktisch selbst durchschlug. Durch gegenseitige Unterstützung schafften sie es, die High School zu besuchen, wo er auch seine zukünftige Frau kennenlernte. Auf die Frage, warum er 1967 zum Militär gegangen sei, antwortet er, dass er ja nichts zu verlieren hatte, keine Familie oder Verwandte, also überlegte er sich auf seine pragmatische Art, dass es nur zwei Optionen beim Militär gebe: Entweder er stirbt in den ersten paar Jahren im Kampf oder er hat Glück, wird irgendwann ausgezeichnet und steigt schnell auf. Letzteres war der Fall. Sobald er von seinem zurechtgelegten Lebenslauf abschweifen will, greift die Frau des Galeristen, der ganz offensichtlich unbehaglich ist, ein und unterbricht ihn auf Burmesisch. Ich nehme an, dass sie Angst hat, etwas Negatives aus seiner Vergangenheit könne auf ihre gemeinsame Galerie zurückfallen. Dadurch erfahre ich keine Details seines militärischen Werdegangs, sondern nur noch, dass er 2004 zusammen mit zweien seiner Kinder, die im gleichen Ministerium arbeiteten, in Pension ging, weil sie „Platz für neues Blut machen mussten“. Ich gehe nicht näher darauf ein, aber es ist wahrscheinlich, dass er im Rahmen der Machtkämpfe innerhalb des zwölfköpfigen „Rats für Frieden und Entwicklung“ vom Herbst 2004, aus denen der selbst innerhalb der Elite als abergläubisch, korrupt und brutal geltende General Than Shwe als Sieger hervor ging, seinen Hut nehmen musste. Er entschuldigt sich und sagt, dass er jetzt einen Arzttermin habe und in eineinhalb Stunden wieder zurück sei. Ich frage ihn, ob er mir denn hier in Yangon einen guten Arzt empfehlen könne, da ich seit einigen Tagen Magenprobleme habe. Spontan lädt er mich ein, ihn zu begleiten, und auf den Ein-

wand, dass mein Pass im Hotel sei und ich auch nicht mehr viel Bargeld dabei hätte, sagt er nur „I am your passport now“. So läuft das also in Myanmar… Am Krankenhaus angekommen führt uns eine Schwester an einer langen Schlange wartender Patienten vorbei, hoch in den ersten Stock, durch das Büro des Chefarztes in ein Konferenzzimmer mit schweren Ledersesseln. Es wird Kaffee serviert und der General erklärt mir, dass der Leiter des Krankenhauses ein Freund von ihm sei. Die Frau des Galeristen ist zu Hause geblieben, der General ist entspannt und so 115


Ne Win – Der Soldat, der zum Diktator wurde Diszipliniert, skrupellos, unberechenbar, charmant, misstrauisch, einsatzfreudig und unbeherrscht – diese Eigenschaften, zum richtigen Zeitpunkt gepaart mit einer Portion Glück oder wie der abergläubische Diktator sagen würde „Schicksal“, machten aus einem Mann, der nach einem gescheitertem Medizinstudium eine Stelle bei der Post antrat, eine der wichtigsten Figuren in der burmesischen Politikgeschichte: Ne Win.

er ohne Begleitschutz in die Berge fuhr, um dort mit den Stammeshäuptern der beiden ethnischen Gruppen zu verhandeln. Der Galerist nennt ihn „Peacemaker“, wobei ihm sicherlich nicht klar ist, dass im Westen dieser Name in einem anderen Kontext steht und eher Assoziationen zu einem Colt oder einem Film mit George Clooney in der Hauptrolle hervorruft. Als der Opiumkönig Khun Sa, der zeitweise über eine Privatarmee von 20.000 Mann verfügte, sich der Regierung ergab, holte er ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit dem Hubschrauber aus dem Norden, weil Khun Sas Truppen wegen des nicht bezahlten Solds seine Abreise verhindern wollten.

erzählt er von sich aus, wie er und der Arzt Freunde wurden. Er beginnt damit, dass sein Freund der ehemalige Leibarzt von Ne Win ist. Kennen würden sie sich schon lange, aber Freunde wurden sie erst bei einer dreimonatigen Auslandsreise nach Amerika, als ihr Chef (es wird nicht klar, ob Ne Win oder der damalige Premierminister) sich dort einer medizinischen Behandlung unterzog. Der eine verantwortlich für die Gesundheit, der andere für die Sicherheit ihres Vorgesetzten, schlichen sie sich jede Nacht aus dem Hotel, streiften umher, amüsierten sich in Bars und kamen im Morgengrauen zurück. Er gerät ins Schwärmen und erzählt mir, wie er in den 90er Jahren die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und den Rebellen der Schan und Karen geführt habe, wie 116

Nach der Untersuchung im Krankenahaus ist es spätnachmittags und wir gehen in ein europäisches Cafe. Der General ist wieder der alte Stratege, der jedes Wort mit Bedacht ausspricht und genau abwägt, was ihm schaden könnte. Er lenkt das Thema erneut zur Fotografie und ich frage ihn, wie er denn überhaupt dazu gekommen sei. In seiner Zeit als junger Soldat seien sie oft im Dschungel stationiert gewesen und hatten wenig zu essen, deshalb hätten sie Vögel geschossen. Nun schieße er eben Fotos von ihnen, das sei ja naheliegend. Wir verabschieden uns, ich bedanke mich für das Gespräch und er verspricht mir, sich bei mir zu melden, wenn er denkt, dass die Zeit für offene Worte gekommen sei. Im Taxi auf dem Weg zurück ins Hotel geht mir ein Satz nicht mehr aus dem Kopf, den er beiläufig dahinsagte, als er mir erzählte, warum er jetzt Vögel fotografiere: „Rennende Ziele zu treffen war meine Spezialität“. „Rennende Ziele“ ist nicht die korrekte Bezeichnung für die eigentlich gemeinten „sich bewegende oder fliegende Ziele“, ein ungewöhnlicher Versprecher für sein sonst so gutes Englisch. Die Zeit für offene Worte scheint noch nicht reif.

Als Shu Maung 1911 nahe der Stadt Pyay geboren, wurde der Sohn sino-burmesicher Eltern in den späten 30er Jahren von seinem Onkel mit der Thakin-Bewegung bekannt gemacht. Seine militärische Begabung ermöglichte es ihm, beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit den legendären „30 Kameraden“ zum Militärtraining auf die von den Japanern beherrschte chinesische Insel Hainan zu flüchten, wo er sich den Namen Bo Ne Win, General Glorreiche Sonne, gab. 1942 befreite er als einer der hohen Offiziere unter der Führung Aung Sans mit Hilfe Japans Myanmar von den Engländern, um kurze Zeit später festzustellen, dass sie sich ein trojanisches Pferd ins Land geholt hatten. Nach der erfolgreichen Vertreibung der Japaner stieg er in den Wirren der ersten Jahre der Unabhängigkeit unter Premierminister U Nu zum Oberbefehlshaber der burmesischen Armee auf. Seine Härte half ihm, das durch den Krieg ins Elend gestürzte Burma vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren, und seine militärische Kompetenz ermöglichte es, im Sinne der zentralistischen Politik Myanmar vor der Bedrohung durch nicht birmanische Völker und die Rebellen von Chiang Kai-shek zu schützen. Schon von seinen Ämtern zurückgetreten, putschte sich Ne Win 1962 durch einen Staatstreich an die Macht, ließ die politischen Führer ins Gefängnis werfen, gründete den zwölfköpfigen Revolutionsrat, der ausnahmslos aus ihm ergebenen Militärs bestand, und führte das Land in eine Jahrzehnte währende politische und wirtschaftliche Isolation. Wie viele Diktatoren hegte er einen Hang zum Astrologischen und Parapsychologischen. In Verbindung mit seiner militärischen Härte waren diese Faktoren verheerend für die Bevölkerung, die im Dezember 2002 erleichtert seinen Tod zur Kenntnis nahm.


Hpa-an – Gabin

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Ywathit

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Insein

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Mawlamyaing

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Bagan

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Mudon – Yadana Taung

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Mingun

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Inle

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Mottama – Noa Labo

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Bagan – Shwezigon

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Ngwe Saung

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Sandangu

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Htonaing

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Mandalay – Mahamuni

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Yangon – Shwedagon

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Mawdin Point

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Pindaya

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Khaung-Daing

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Hpa-an – Gabin

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Kela

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Mandalay – Irrawaddy

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Thi 10 Jahre Arbeitet auf einem Steinbruch im Shan State

Wenn ihre Mutter um vier Uhr aufsteht, um das Frühstück vorzubereiten, zündet sie zuerst in der Hütte, in der eng zusammengedrängt die fünfköpfige Familie schläft, eine Kerze an. Thi und ihre Geschwister sollen langsam aus dem Schlaf erwachen, bevor sie ihre Mutter mit Tanaka, einer Paste aus Sandelholz und Wasser, einkremt, die ihre Wangen vor der brennenden Sonne schützen soll. Um halb sechs Uhr hebt sie ihr Vater auf die Pritsche eines alten japanischen Lastwagens, der sie Tag für Tag zum Steinbruch bringt. Es ist nicht die Schuld ihrer Eltern, dass sie nie eine Kindheit haben wird, wie wir sie kennen. Thi wird wahrscheinlich nie eine Schule besuchen, nie ein anderes Land sehen und nie die faire Chance haben, ihren Weg selbst zu bestimmen. Es ist die Schuld der Generäle, die mit 200 km/h über die vierspurige Autobahnen rasen, für deren Bau Thi Tag für Tag Steine schleppt. Es sind jene Generäle, deren Kinder mit dem Jet morgens nach Singapur zu einer privaten Universität fliegen und abends wieder zurück, während Thi Analphabetin bleibt.

Rhythmisch erklingt das Klopfen der Männer, die bei 40 Grad in der prallen Sonne mit großen Hämmern auf Felsbrocken einschlagen, durch den Wald. Von der harten Arbeit gestählte Muskeln brechen und zerkleinern Steine, wie vor 400 Jahren mit primitivstem Werkzeug und unter den wachsamen Augen eines Aufsehers. Die Haare vor dem feinen weißen Staub, der durch jede Pore dringt, mit einem Tuch geschützt, taucht ein für diesen rauen Ort viel zu kleines und junges Wesen aus dem Nebel, einen Korb voll Steine auf dem Kopf balancierend. Ihr Name ist Thi. 140

Ich folge der Spur der Steine. Tieflader, Förderbänder oder Schutzhelme? Fehlanzeige. Viel billiger für die Straßenbaugesellschaft sind Schweiß, Zwölf-Stunden-Schichten und Hungerlöhne. Ihr Vater hat der zehnjährigen Thi Schuhe geschenkt. Schuhe sind keinesfalls selbstverständlich in einem Steinbruch in Myanmar. Der Truck erreicht nach wenigen Kilometern eine Schotterpiste und eben noch von Hand aufgeladenen, wird er natürlich auch von Hand wieder abgeladen. Junge Mädchen, geschätzt zehn bis 17 Jahre alt, die Gesichter zum Schutz vor Staub und Sonne mit Tüchern verdeckt, stellen, da sie als besonders fleißig gelten, den Großteil des Arbeitstrupps. Eine Walze ist das einzige Hilfsmittel, das sie zur Verfügung haben. Die Steine werden von Hand klein geklopft, auf dem Boden gereiht und, nachdem die Walze darüber gerollt ist, mit Kies bedeckt. Die Walze rollt

ein weiteres Mal darüber, dann wird der Teer in aufgeschnittenen Fässern über einem Feuer erhitzt und mit Gießkannen aus Metall aufgetragen. Bei dem Gedanken daran, dass so auch die vierspurige Autobahn, die sich über knapp 700 Kilometern von Yangon nach Mandalay zieht, entstanden ist, wird mir klar, warum Schätzungen von 14.000 dafür eingesetzten Arbeitern ausgehen. 2009 fuhr ich von Yangon nach Naypyidaw. Mark, mein Sitznachbar aus den USA, und ich vertrieben uns die Zeit damit, Strichlisten anzufertigen für Fahrzeuge, die uns entgegenkommen, und jene, die wir überholen. Auf der 320 km langen vierspurigen Strecke begegneten uns fünf Busse, fünf Militärfahrzeuge, neun Limousinen des Militärs, 14 zivile Wagen, 68 Ochsenkarren und 167 Fahrräder. Das war an einem Montagmorgen.

Auszug aus einem Bericht des Kinderhilfswerkes UNICEF: „Die vorherrschenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der vergangenen vier Jahrzehnte haben zivile Organisationsformen ausgehöhlt, Strukturen zur gegenseitigen Unterstützung untergraben und die traditionellen Werte angegriffen. Dadurch sind Kinder heute besonderen Gefahren ausgesetzt. Eltern und Angehörige der weiteren Familie sind normalerweise die Ersten, um die Kinder zu schützen. Erwachsene, die keine Ressourcen mehr haben, sind nicht mehr in der Lage, diese Funktion zu erfüllen.“

Kinderarbeit ist ein weitverbreitetes Übel und für jeden ausländischen Besucher gut sichtbar, ob im Straßenbau, Fabriken oder die Jungen im Tea Shop, die so aufgeweckt und fröhlich den Touristen bedienen. Sie alle haben eines gemeinsam, ihnen wurde ein Teil ihrer Kindheit gestohlen.


Dass dieser Missbrauch von Kindern überhaupt möglich ist, liegt unter anderem an folgenden Faktoren: Fehlender gesetzlicher Status der Kinder, da ca. ein Drittel aller Geburten nicht erfasst werden Die durch die Misswirtschaft der Generäle herbeigeführte weitverbreitete Armut Schlechte Gesundheitsversorgung, vor allem in ländlichen Gebieten Anhaltende Konflikte zwischen Regierungstruppen und Rebellen der ethnischen Minderheiten Anhaltende Korruption – Myanmar steht auf dem Korruptionsindex an letzter Stelle in einer Reihe mit Somalia und dem Irak Jetzt, in Zeiten des Aufschwungs, kann in Myanmar gar nicht genug Baumaterial vorhanden sein. Tausende arbeiten ohne jede Sicherheitsvorkehrungen oder gar Versicherungen auf Steinbrüchen oder Sägewerken, während die Betonfabriken im Süden ganze Berge verschlingen. Das Land mag sich langsam öffnen, das ändert nichts daran, das Thi in den Bergen der Shan das gleiche Schicksal erfährt wie tausende anderer namenloser Kinder in Myanmar.

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Tagaung – Irrawaddy

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Bagan – Inn

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Indein

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Mottama

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Naunglon

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Bagan – Pyathada

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Bagan – Dhammayangyi

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Mandalay

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Zayatkyi

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Inwa

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New Bagan


Pathein

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Popa Taung Kalat

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Andreas Weihmayr, 1989 in Lauingen a. d. Donau geboren, studierte Fotodesign an der renommierten Lazi-Akademie in Esslingen.

A N D R E A S W E I H M AY R

2009 führt ihn eine einjährige Reise durch fast alle Länder Südostasiens auch nach Myanmar, das ihn sofort in seinen Bann schlägt. Bezaubert von der Vielfalt der Kulturen, der Herzlichkeit der Bewohner und der Schönheit der Landschaften Myanmars folgt im November 2012 eine zweite, diesmal halbjährige Reise in das Land am Indischen Ozean. Der vorliegende Band informiert nicht nur über Geschichte und Gegenwart Myanmars, er erzählt von intensiven Begegnungen und gibt einen faszinierenden Einblick in die bunte Vielschichtigkeit des Landes und seiner Bewohner.

© Copyright Andreas Weihmayr, 2014

Alle Rechte vorbehalten. Reproduktionen, Speicherungen in Datenverarbeitungsanlagen oder Netzwerken, Wiedergabe auf elektornischen, fotomechanischen oder ähnlichen Wegen, Funk oder Vortrag, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Copyrightinhabers. Herausgeber: Andreas Weihmayr, Wittislingen Texte, Fotos: Andreas Weihmayr Druck: WhiteWall, Berlin


Myanmar - Andreas Weihmayr  

Andreas Weihmayr, 1989 in Lauingen a. d. Donau geboren, studierte Fotodesign an der renommierten Lazi-Akademie in Esslingen. 2009 führt ih...

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