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13 w i e n e r kunstschule


PROLOG

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13 W i e n e r Kunstschule


Wiener

Kunstschule « Fortsetzung folgt? »

Das Jahrbuch 2013 besteht aus mehreren Teilen, zusammengehalten von einer Banderole. Eine Banderole, die für den gemeinsamen Gestaltungswillen und die vielfältige Expertise steht, wie die zahlreichen Projekte und Beiträge von Lehrenden und Studierenden zeigen. Ob Kunst gelehrt werden kann? Eine anhaltende Diskussion, aus der sich vor fast 60 Jahren das Modell der Wiener Kunstschule herausgebildet hat. Kunst und Bildung könnten im ursprünglichen Sinne als zwei verschiedenen Versionen eines Prozesses der Bewusstseinsbildung verstanden werden, wenn Bildung in der Mehrdimensionalität von „Neues Lernen“, „Neues Erfahren“, „Neues Produzieren“ gesehen wird. Das Spannungsverhältnis Kunst und Bildung entsteht vor allem durch verfestigte Bildungsstrukturen und einem eingrenzenden Blick auf künstlerische Arbeitsweisen. Wie kann hier eine Entsprechung zwischen Experimentalräumen und Ausbildungsräumen entwickelt werden? Eine Herausforderung, der sich die Wiener Kunstschule laufend, auch mit Blick auf ein mögliches Zukunftsmodell stellt. Die Wiener Kunstschule stellt den Studierenden eine große Palette an Formen und Farben bereit. So lernen sie auf der Klaviatur verschiedener Sprachen und Medien zu arbeiten. Sie lernen mit Grenzen um zu gehen,

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diese zu unterwandern, zu überschreiten. Die Wiener Kunstschule schafft Freiräume für eigenständige künstlerische Entwicklung und zeichnet sich durch hohe Praxis- und Projektorientierung aus, um auf unterschiedlichste Berufsfelder im Kreativbereich vor zu bereiten. Die zahlreichen Statements von ehemaligen Studierenden und Lehrbeauftragten verweisen auf die Bedeutung der Wiener Kunstschule, als Labor für neue Lernszenarien und künstlerische Strategien. Kreativität und Innovation wird zunehmend eingefordert, hier kann die Wiener Kunstschule einen wichtigen Beitrag – abseits von Slogans – leisten!? Seit Herbst 2012 ist die Wiener Kunstschule im 15. Bezirk. Sie wird als regionaler Partner und durch zahlreiche Kooperationen im Kultur-, Bildungs-, Jugend- und Sozialbereich geschätzt. Die Förderungen der Stadt Wien fließen über Impulse und gemeinsame Projekte in die Stadt Wien zurück. „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden“ (Josef Beuys) und wir freuen uns auf alle Beiträge und Unterstützungen, um die Zukunft der Wiener Kunstschule zu gestalten. 2014 feiert die Wiener Kunstschule – gegründet von Prof. Gerda MatejkaFelden – ihr 60. Jubiläum … Fortsetzung folgt?

Nicoletta Blacher Leitung Wiener Kunstschule « seit September 2013 »

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Weg mit der Bühne!

Eine Farce

zum bevorstehenden Aus einer Bildungsstätte

I Bühne, Kulissen abgebaut; Arbeitsbeleuchtung grelles Neon Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter Bühnenarbeiter

1: Da liegt noch was herum! 2: Dot Fragment – was soll das? 1: Gehört der Faust! 2: Der im Nacken? 1: Alberner Schalk … 2: … aber morgen geben wir ja den zweiten Teil! 1: Steht so aber nicht mehr im Programm! 2: Seit wann? 1: Dem ersten Spieltag der Saison! 2: Da war doch das Programm bereits draußen, das kann man doch nicht mehr ändern! 1: Man kann! 2: Wer kann? 1 (gelangweilt): Er … 2: Er? 1: Ja, er! 2: Aber das kostet doch? 1: Ja! 2: Und wer zahlt das? 1: Er nicht. 2: Wer sonst? 1: Du sagst es! 2: Also kein zweiter Teil? Ist ja eine Tragödie!

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Bühnenarbeiter 1: Ja, aber Du vergisst die Hintergründe: Goethe hat 60 Jahre am Faust gearbeitet, Matejka-Felden hat vor 60 Jahren die Kunstschule gegründet. Das erste war eine Tragödie, das zweite wird nun zur Farce. Das Licht geht aus. Die Notbeleuchtung springt nicht an. Die Feuerwehr kommt und begleitet Bühnenarbeiter 1, Bühnenarbeiter 2 und das verunsicherte Publikum aus dem dunklen Theater.

II Hafen, Abfertigungshalle für Crew Die Keramik (zur Druckgraphik): Du bist auch dabei? Graphik Design kommt dazu: Griaß Euch! Alle: Habt ihr auch den Brief bekommen? DesignUndRaum schleppt einen schweren Koffer an und keucht: Ja! Malerei trifft ein. Alle fragen: Hast Du eine Ahnung? Malerei zuckt mit den Schultern. Bildhauerei tritt dazu, hat sehr leichtes Gepäck locker umgehängt, drückt seine Unwissenheit lässig aus. Interdisziplinär kommt und fragt: Wo sind unsere Passagiere? Animation kommt vorbei, studiert SmartPhone-Screen: Kein Comic? Comic kommt aus dem Off: Wir waren als erste da! Alle: Wir machen also eine Kreuzfahrt! Malerei: Aber wohin? Bildhauer: Wir werden das Ziel gestalten! Interdisziplinärer: Aber Open source. Alle anderen nicken. Die Sekretärin kommt, mit schwerem Trolley, und wird von allen bedrängt: Ich weiß auch nichts genaues, ich hab’ den gleichen Brief wie ihr alle bekommen! Der ehemalige Direktor kommt vorbei: Was macht ihr denn da? Alle: Na was wohl, Kunstkurse auf Kreuzfahrt!

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Ehemaliger Direktor: Da könnt ihr aber lang warten, das Schiff ist doch gesunken! Alle: Na geh! Ehemaliger Direktor: Und der Kapitän hat als erster das sinkende Schiff verlassen! Alle: Kotza Concordia? Ehemaliger Direktor: Maia Kotzordia. Alle ziehen ihr Gepäck in unterschiedliche Richtungen davon, das Hafengebäude zerbröckelt; aus dem Off hört man „Ein Schiff wird kommen“

III Zimmer, Bett, vor Tagesanbruch Er schlägt im Schlaf um sich. Sie rüttelt ihn wach. Er: Was war los? Sie: Du hattest einen schlimmen Traum! Er: Ich kann mich nur an den Untergang erinnern! Sie: Untergang wovon? Er: Na, von allem, der Welt! Sie: Na geh, das war doch nur ein Albtraum. Er: Wenn die Kunst stirbt, was bleibt dann zum Leben? Sie: Wenn man die Kunst sterben lässt, kann man nicht weiter leben … Black out

Aus der Feder von

Thomas Reinagl im Namen des Betriebsrats

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Die

W i e n e r

Kunstschule muss 2014

geschlossen werden!

Im September 2013 wurde der Vorstand der Wiener Kunstschule von der bisherigen Förderungsgeberin, Stadt Wien-MA13 informiert, dass sie sich aus der Finanzierung der Schule kurzfristig gänzlich zurück ziehen wird. Der Erhalt der Wiener Kunstschule ist jedoch nur über eine kontinuierliche Basisförderung möglich, da die Studiengebühren (900,– pro Semester), projektbezogene Förderungen und Kooperationen nur anteilig den notwendigen Finanzbedarf decken. Bisherige Bemühungen (auch über das letzte Jahrzehnt hinweg), die notwendige Finanzierung über zusätzliche Geldgeber, Projekte und Angebote zu gewährleisten, waren nur eingeschränkt erfolgreich und können die nunmehr entstehende Finanzierungslücke bei weitem nicht abdecken. Vor Beginn des Wintersemesters 2013/2014 musste der Vorstand des Trägervereins (Schulerhalter) daher leider die Schließung 2014 bekannt gegeben. Der Vorstand bemüht sich gemeinsam mit der Schulleitung um ein sozial verantwortliches und pädagogisch sinnvolles Ausstiegsszenario bis Ende 2014: Im Mai 2014 würden 41 Diplomand/innen aus neun Werkstätten/Schwerpunkten die Schule regulär beenden. 58 SchülerInnen des 1. Studienjahres (Orientierungsjahr) erhalten ein Jahreszeugnis und 21 SchülerInnen beenden das 3. Studienjahr mit einem Zwischenzeugnis,

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welches den Übertritt in andere Institutionen ermöglicht. Bis Ende 2014 ist ein reduzierter Betrieb – auch in den Sommerferien – geplant, der voraussichtlich 30 SchülerInnen (derzeit 5./6. Semester) einen Abschluss mit Diplom ermöglicht. Die Fördergeberin MA 13 wird laufend über die Situation informiert und Verhandlungen, zur finanziellen Absicherung bis Ende 2014, laufen auf Hochtouren. Um den Betrieb 2014 vernünftig und abgesichert zu bewerkstelligen, benötigen und hoffen Vorstand und Schulleitung auf eine zeitnahe Entscheidung vor Weihnachten. Wenn andere Partner und potenzielle Fördergeber Interesse haben, steht die Wiener Kunstschule jederzeit und gerne für Gespräche zur Verfügung um einen Weiterbestand zu ermöglichen. Dies kann aber nur parallel erfolgen und die gesetzten Maßnahmen werden derzeit dadurch nicht tangiert. Das Modell der Wiener Kunstschule ist einzigartig und entspricht den sich stetig verändernden Arbeitsweisen von KünstlerInnen und sich wandelnden Tätigkeitsbereichen, innerhalb und außerhalb des Kunstfeldes. Dies zeigt sich auch in der Vielfalt der Berufswege bisheriger DiplomandInnen, aber auch SchülerInnen, die nur einige Zeit einen der letzten Freiräume in der künstlerisch-kreativen Ausbildung in Österreich besucht und mitgestaltet haben.

offizielle Mitteilung des Vorstandes des Schulerhaltenden Vereins und der Schulleitung « Wien, November 2013 »

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STATEMENT DER LEH R EN DEN

DER WI EN ER KUN S T S C HUL E

Ende November 2013 wurde in den online Ausgaben zahlreicher österreichischer Zeitungen (Presse, Kleine Zeitung, Vienna Online, Vorarlberg Online) eine APA-Meldung wiedergegeben, welche die bevorstehende Schließung der Wiener Kunstschule zum Inhalt hatte. In dieser Meldung erklärte die Bildungsabteilungsleiterin der MA 13 Brigitte Bauer-Sebek, dass die Wiener Kunstschule keine qualifizierten Abschlüsse ermögliche: Mit dem Abschluss dieser Schule „könnten die Absolventen allerdings nichts anfangen, verweist Bauer-Sebek auf eine entsprechende Bewertung durch das Unterrichtsministerium aus dem Jahr 2011.“ Wir Lehrenden der Wiener Kunstschule protestieren vehement gegen diese herabwürdigende und rufschädigende Einschätzung der Bildungsabteilungsleiterin. Bauer-Sebeks Bezug auf die „Bewertung durch das Unterrichtsministerium“ bleibt einigermaßen tendenziös, denn im Resümee dieser „Bewertung“ wird die Wiener Kunstschule grundsätzlich mit den folgenden Worten qualifiziert: „Die Kunstschule erfüllte und erfüllt im Rahmen der Volksbildung die Aufgabe, auch jungen Menschen ohne Schulabschluss, eine Weiterbildung im Bereich freier künstlerischer Betätigung zu ermöglichen. Sie stellt daher (aus der Perspektive der Kunst) eine im Raum Wien einzigartige Möglichkeit dar, sich intensiv auf eine berufliche Weiterbildung […] vorzubereiten.“ Den Abschluss der Kunstschule abzuwerten und die Qualität der Ausbildung damit in Frage zu stellen, ignoriert die seit 60 Jahren praktizierte künstlerisch-pädagogische Realität an der Wiener Kunstschule. Richtig ist vielmehr, dass das Bundesgesetz der Republik Österreich die Abschlüsse der Wiener Kunstschule in sozialrechtlicher Hinsicht den

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Abschlüssen der österreichischen Kunsthochschulen, Kunstakademien und zahlreichen Höheren Technischen Lehranstalten gleichstellt. (Vgl. BGBl 1980, 55. Verordnung). Der Verweis auf eine geforderte Umwandlung der Schule in eine FH oder ein Kolleg ist irreführend, weil damit der Eindruck vermittelt wird, es müsste nur die Schulform geändert werden, um die finanzielle Unterstützung zu sichern. Vermutlich will die Stadt Wien sich damit einer finanziellen Verantwortung entledigen und an andere Subventionsgeber weiterreichen. Die mit jeglichen anderen Schulformen verbundenen Veränderungen würden dem Gedanken des freien Zugangs und der interdisziplinären Lehre an der Wiener Kunstschule grundsätzlich widersprechen. Damit setzt die Stadt Wien eine einzigartige Institution der österreichischen Bildungslandschaft aufs Spiel und wir appellieren an die politisch Verantwortlichen, rasch eine Lösung für die Weiterführung der Kunstschule zu finden! Die Aussage, „die Stadt hätte die Kunstschule weiterhin gefördert“ ist überaus zwiespältig, da die Führung einer Schule ja nicht davon abhängt, ob sie gefördert wird, sondern in welcher Höhe sie gefördert wird. Wir sind davon überzeugt, dass die MA 13 sich dieser Tatsache ebenfalls bewusst ist, und laden die Bildungsabteilungsleiterin Brigitte Bauer-Sebek freundlich zu einem konstruktiven Gespräch über die Zukunft der Wiener Kunstschule ein.

Im Namen

der Lehrenden der Wiener Kunstschule Wien am 29. November 2013

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MANIFEST für den Erhalt der W I E N E R KUNSTSCHULE

Die Wiener Kunstschule vermittelt das Studium der freien Kunst. Die Wiener Kunstschule lebt die Idee der Freiheit der Kunst. Freiheit der Kunst wird durch den freien Zugang zum künstlerischen Wissen vermittelt. Die Gründerin der Schule Gerda Matejka-Felden sah eine wichtige Aufgabe darin, künstlerisches Denken breiten Kreisen der Bevölkerung zugänglich zu machen, und die künstlerische Ausbildung von Zwängen der akademischen Auslese zu befreien. Aus dieser Idee entstand die Wiener Kunstschule, die sich als einzigartiges Schulmodell seit nunmehr 60 Jahren erfolgreich bewährt hat. Wir sind davon überzeugt, dass es wichtig, dringlich und notwendig ist, die Wiener Kunstschule aufgrund ihrer Einzigartigkeit in der österreichischen Bildungslandschaft zu erhalten und weiterzuführen. Freier Zugang zur freien Kunst darf nicht verhindert werden! Die Lehrenden und die Studierenden der Wiener Kunstschule bekennen sich zu den Visionen der Schulgründerin und protestieren mit großer Empörung gegen die geplante Schließung!

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Eine Schließung der Wiener Kunstschule hieße die bestehenden Angebote zur künstlerischen Bildung um zahlreiche bedeutende Qualitäten zu vermindern, denn die Wiener Kunstschule steht für -- einen offenen Kunstbegriff mit vielfältigem Angebot -- ein basisdemokratisches Bildungskonzept -- einen niederschwelligen Zugang zur künstlerischen Ausbildung -- einen teamorientierten Gegenentwurf in der Kunstausbildungslandschaft Die Wiener Kunstschule bietet -- eine fundierte Ausbildung im Verbund von Werkstätten und Theorien -- künstlerische Bereiche, die an Universitäten und Hochschulen zurückgedrängt werden (z.b. Bildhauerei und Keramik) -- die einzige Comic-Ausbildung in Österreich -- unkomplizierte Möglichkeiten, um verschiedene Werkstätten miteinander zu verknüpfen -- eine Hinführung zu praxisnahen künstlerischen Überlebensstrategien Die Lehre an der Wiener Kunstschule beruht auf -- einer Vielfalt von künstlerischen Zugängen -- intensiver und direkter Kommunikation -- diskursiver Offenheit -- vielfältigen Lebenshintergründen -- kollegialer und freundschaftlicher Atmosphäre Die Wiener Kunstschule hat ein Orientierungsjahr, um -- vielfältige künstlerische Bereiche kennenzulernen -- zahlreiche Kunstsparten auszuprobieren -- die eigenen Möglichkeiten auszutesten -- einen reflektierten persönlichen Zugang zu gewinnen -- der künstlerischen Entwicklung Freiraum zu verschaffen Die Aufnahme an die Wiener Kunstschule erfolgt unabhängig von Alter, Bildungsbackground und Herkunft, ohne Selektion und Aufnahmeprüfung.

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All diese Qualitäten der Wiener Kunstschule sind ebenso viele Gründe, diese besondere, ungewöhnliche und erfolgreiche Kunstausbildungsstätte zu erhalten und weiterzuführen. Ihre Schließung hieße -- den demokratischen Gedanken der Gründerin Gerda Matejka-Felden zu Grabe zu tragen -- eine einmalige Idee und eine einzigartige Alternative sterben zu lassen -- die Ausbildungslandschaft eines bedeutenden Aspekts der Pluralität zu berauben Die beabsichtigte Schließung der Wiener Kunstschule ist symptomatisch für die gegenwärtige Krise der Bildungspolitik, in der Kunsthochschulen zu Kunstuniversitäten werden und dafür Master- und Bachelorstudiengänge einführen. Das schafft den unsinnigen Druck, Studien in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren und führt zu einer Vereinheitlichung und Nivellierung von Bildungsabschlüssen und -inhalten. Es ist – insbesondere für künstlerische Fähigkeiten – fatal, sich diesem uniformierenden Prozess von Bildung zu unterwerfen: Künstlerische Kreativität ist ohne Alternativen, Ausnahmen und Besonderheiten nicht denkbar und auch nicht vermittelbar.

DIE FORDERUNG NACH DEM ERHALT DER WIENER KUNSTSCHULE IST DAHER AUCH EINE AUFFORDERUNG ZU EINEM GRUNDLEGENDEN UMDENKPROZESS IN DER VORHERRSCHENDEN BILDUNGSPOLITIK!

L e h r e n d e und Stud i erend e

der Wiener Kunstschule « November 2013 »

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PETITION kunstschule

Wien, im November 2013 An den Schulerhaltenden Verein der Wiener Kunstschule, z. H. Herrn Mag. Rudolf-Michael Maier, an die interessierte Öffentlichkeit: Am Beginn dieses Studienjahres 2013/14 sind wir Lehrende der Wiener Kunstschule vom Vorstand des Schulerhaltenden Vereins darüber informiert worden, dass die Wiener Kunstschule mit 2014 beendet werden soll. Wir Lehrende der Wiener Kunstschule protestieren gegen die Pläne, das seit 60 Jahren erfolgreich praktizierte Ausbildungsmodell der Wiener Kunstschule zu schließen und sind empört über den abrupten Ausstieg, der keine Möglichkeit vorsieht, die von uns bereits seit längerem vorgeschlagenen Reformmodelle auf eine funktionierende Finanzierungsbasis in Kooperation mit neuen PartnerInnen vorzubereiten. Wir sind überdies davon überzeugt, dass es wichtig, dringlich und notwendig ist, die Wiener Kunstschule aufgrund ihrer Einzigartigkeit in der österreichischen Bildungslandschaft zu erhalten und weiterzuführen.

Das gesamte Lehrendenkollegium der Wiener Kunstschule

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SCHOOL OF SUBVERSION

SCHOOL OF SUBVERSION

Die School Of Subversion ist als Trägeraktion zu verstehen, an der sich SCHOOL OF SUBVERSION Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen beteiligen können. Die einzelnen Veranstaltungen (Vorträge, Diskussionen, Workshops etc.) dieser Schule dienen dazu, den Bildungsbegriff diskursiv zu bearbeiten und sind öffentlich zugänglich. Die SOS richtet sich dadurch gegen eine EliQR-Code für: http://schoolofsubversion.net tenbildung und ermöglicht Menschen einen niederschwelligen Zugang zu Bildung im Allgemeinen und der Kunstlehre im Speziellen. FONT: ARIAL BLACK Bildungsreformen, wie das Einführen von standardisierten StudienABSDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ gängen verdrängen pluralistische Bildungsansprüche und münden abcdefghijklmnopqrstuvwxyz notgedrungen in einer klongleichen, opportunistischen Informationsgesellschaft, die ihr studiertes Wissen genauso gut jederzeit aus den unendlichen Weiten des Internets heraufbeschwören könnte. Der Pluralismus wird als Spezialisierungsfaktor uminterpretiert und kulminiert in immer mehr fachspezifischen Studiengängen. Die Nachfrage von Wirtschaft und Industrie an, in dieser Weise produzierte, hochspezialisierte AbsolventInnen ist federführend an Reformierungsbestrebungen aller Bildungsinstitutionen beteiligt. Die Vereinheitlichung der Abschlüsse aller Ausbildungsstätten, dient als Vereinfachung humanes Kapital zu bewerten. Es ist einfacher und spart vor allem Zeit, Bewertungen anhand eines vorgefertigten Schemas zu treffen. Darüber hinaus bietet ein übergeordnetes System die Möglichkeit die eigene Verantwortung abgeben zu können – vor allem wenn eine folgenreiche Entscheidung auf einer solchen Bewertung beruht. Im Hinblick auf AbsolventInnen von künstlerischen BildungsinstituSCHOOL OF SUBVERSION

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tionen erscheint eine Standardisierung der Bewertung absurd. Kunst entfaltet ihre Wirkung innerhalb der individuellen und subjektiven Wahrnehmung des Rezipienten. Demnach ist jegliche Bewertung einer Bildungsinstitution zu hinterfragen, welche die künstlerische Leistung eines/einer Studierenden zertifiziert, da diese Bewertung nie objektiv erfolgen kann. Kunsthochschulen werden zu Kunstuniversitäten, führen Master- und Bachelorstudiengänge ein und kreieren damit einen Druck, der Studierende dazu drängt in möglichst kurzer Zeit ihr Studium zu absolvieren – sei es aufgrund von Studiengebühren oder dem allgegenwärtigen Wettbewerbskanon. Arbeitet man im Berufsfeld der Kunst ist es allerdings fatal sich an diesem von einer formierten Gesellschaft forcierten Prozess zu beteiligen. Als Kunstschaffende/r bleibt man überlebensfähig, solange man sich den individuellen Blick erhält – beispielsweise auf genau solche gesellschaftlichen Prozesse. Die Verdichtung dieser kurz geschilderten Aspekte evoziert die Suche nach alternativen Ansätzen in der momentanen Bildungsdebatte. Um diese Ansätze zu bündeln, um gemeinsame Vorstellungen zu formulieren bedarf es einer diskursiven Plattform. Diese soll in Form einer virtuellen Bildungsinstitution in Erscheinung treten – in Form der School Of Subversion. Das Ziel ist, zu einer richtungsweisenden Vorstellung zu gelangen, wie Bildungsinstitutionen gestaltet werden könnten, wenn tradierte und momentan vorherrschende Konventionen und Paradigmen in Bezug auf Bildung umgestoßen bzw. ausgeblendet werden. Darüber hinaus bedient sich die School Of Subversion an der Freiheit der Kunst, um unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Interessen eine ideale Parallelwelt der Bildungslandschaft zu entwerfen.

schoolofsubversion.net andrea HOKE

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Wir wollen KEIN größeres Stück vom KUCHEN, wir wollen die ganze « Bäckerei! »

Bildung ist ein wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion der Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung. Öffentliche Bildungsinstitutionen wie Schule, Hochschule oder Universität sind nicht einfach weitere Institutionen, die der staatlichen und gouvernementalen Kontrolle unterworfen sind, sondern darüber hinaus entscheidende Orte, an denen breitere soziale Auseinandersetzungen um das Selbstverständnis von gesellschaftlicher Organisation gewonnen oder verloren werden. Es lassen sich eine Reihe von sozialen Verhältnisse diagnostizieren, von denen Bildung oft untergründig, aber darum nicht weniger deutlich markiert ist: Etwa die mangelnde soziale Durchlässigkeit des bestehenden Bildungssystems, in dem nur wenige darauf hoffen können, ein Bildungsniveau zu erreichen, das über dem ihrer Eltern liegt. Oder die mangelnde soziale Gerechtigkeit, die in den Überlegungen zu kostenpflichtigen Bildungsinstitutionen vorherrscht. Oder die mangelnde soziale Utopie, die in Ansätzen zu Zugangsbeschränkungen zur Bildung liegt, in einem Land wie Österreich, das im europäischen Vergleich nur wenige AkademikerInnen hervorbringt. Oder das mangelnde Verständnis um das fragile Gleichgewicht des sozialen Friedens, das durch die Diskrimierung ausländischer Studierenden immer prekärer wird. Neoliberale Ideen bilden eine zentrale Grundlage für den aktuell im Gang befindlichen Umbau des Bildungssystems, und diese Ideen sind wesentlich von der Vorstellung einer individuellen Freiheit getragen, die ohne Rücksicht auf kollektive Anliegen oder gar Umverteilungen das Recht auf individuelle Innovation und Kreativität proklamiert. Die Vorstellung eines

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autonom agierenden, kreativen und individuellen KünstlerInnensubjekts ist in bestimmter Hinsicht ein ideales role-model der neoliberalen Produktivität. Es besteht dementsprechend ein deutlicher Trend, vermarktbare Mechanismen der Creative Industries in künstlerische Institutionen einzubauen. Kunstschulen zeigen im allgemeinen die Tendenz, Paradigmen zu institutionalisieren, innerhalb derer die künftigen Kunst- und KulturproduzentInnen für einen umfassend flexibilisierten und prekarisierten Kreativmarkt fit gemacht werden sollen. Kunstschulen sind jene Bildungsinstitutionen par excellence, in denen Produktionsweisen eingeübt werden sollen, die hohe kommunikative und kognitive Fähigkeiten voraussetzen, nahezu unbegrenzte Flexibilität im Einsatz der Arbeitskräfte verlangen und ein ebenso permanentes wie kreatives Reagieren auf Unvorhergesehenes erfordern. In Kunstschulen sollen Studierende damit vertraut gemacht werden, nicht einfach Arbeitskraft, sondern vielmehr Persönlichkeit, Intellekt, Ausdrucksvermögen und Affekt in den Produktionsprozess einzubringen. In diesem Licht wird die vieldiskutierte „Krise des Bildungssystems“ auch als Reaktion und Folge einer tiefgreifenden Krise des Finanzsystems verständlich, im Zuge derer bedeutende öffentliche Gelder in marode Spekulationsunternehmen gepumpt wurden – gesellschaftliche Mittel, die im Bildungsbereich aussichtsreicher angelegt wären. Es überrascht daher nicht, dass ausgerechnet in Kunstschulen, den bisherigen Laboratorien neoliberaler Haltungen, eine radikale Absage an die im Gang befindliche Umverteilung von unten nach oben artikuliert wird. Denn es wäre zu kurz gegriffen, anzunehmen, dass die Kosten dieser Krise ausschließlich auf Steuerpflichtige abgewälzt und über Kürzungen eingebracht werden würde. Der Umbau des Bildungssystems ist ökonomisch von der Vorstellung getragen, Schulen und Hochschulen müssten funktionieren wie korporative Betriebe; ein Effekt der Krise besteht darin, dass Schulen nunmehr direkt von korporativen Betrieben geführt werden sollen. Bildung rentiert sich aber vor allem auf Kosten der Auszubildenden: Das Geheimnis der erhöhten ökonomischen Rendite, die Bildung neuerdings abwerfen soll, versteckt sich in so harmlosen und gemeinverständlichen Schlagworten wie „lebenslanges Lernen“ und „permanente Weiterbildung“. Gemeint sind damit aber durchaus nicht aufklärerische und emanzipatorische Ideen von Weiterbildung, die früher mit dem Konzept von Univer-

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sitäten in Zusammenhang gebracht wurden. Intendiert ist vielmehr eine lebenslange Selbstverpflichtung, ins eigene kulturelle und symbolische Bildungskapital zu investieren, um am Jahrmarkt der kognitiven Fähigkeiten attraktiv zu bleiben. Dementsprechend werden Modelle angedacht, die eine konstante Neubewertung der bereits erreichten Bildungsqualifikationen beinhalten. In die Praxis übersetzt hieße das, dass AbsolventInnen von Kunstschulen in regelmäßigen Abständen kostenpflichtige Kurse besuchen müssten, um ihre Qualifikationen als KünstlerInnen unter Beweis zu stellen. Ungefähr so, als ob Führerscheinprüfungen alle Jahre erneut bezahlt und abgelegt werden müssten, um weiterhin Autos lenken zu dürfen ... Solche Überlegungen sind leider keine Augenblickslaune, sondern Teil von längst in Gang befindlichen gesellschaftspolitischen Prozessen: „Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab und die kontinuierliche Kontrolle das Examen.“ (Vgl.: Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften). Die ökonomischen Beben, die die Krise der Finanzsysteme auslöste, zeitigen ihre Nachbeben in einer Legitimitätskrise der politischen Institutionen und finden ihre sensiblen Seismographen in einer Krise des Bildungssystems in Form von Studierenden, die – anstatt die Haltungen einer Avantgarde von prekarisierten EigenunternehmerInnen einzuüben – ihre Bildungsinstitutionen zu Orten für Diskussion, zur Herausforderung institutioneller Politik und für die Wiederaneignung von Ressourcen reklamieren. Der Wunsch nach der ganzen Bäckerei erscheint in diesem Licht als kreative Selbstermächtigung im Sinne jener Ablehnung, die von sozialen Bewegungen allerorten artikuliert wurde: „Wir zahlen eure Krise nicht!“ Angesichts dieser Entwicklungen sind wir aufgefordert, Kunstschulen neu zu definieren als Orte von künstlerischen Praktiken, die über ihre Interventionen in einer Welt nachdenken, in der sie etwas verändern, etwas bewirken können.

Tom Waibel Doktor der Philosophie, Lehrbeauftragter an der Uni Wien und an der Wiener Kunstschule.

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IMPRESSUM HERAUSGEBERIN: ADRESSE: TELEFON: WEB: E-MAIL:

Wiener Kunstschule Nobilegasse 23/2. Stock, 1150 Wien Lazarettgasse 27, 1090 Wien +43 1 676 533 70 27 www.kunstschule.at wiener@kunstschule.at

REDAKTIONSTEAM: Tom Waibel, Nicoletta Blacher FÜR DEN INHALT VERANTWORTLICH: Nicoletta Blacher, Leitung Wiener Kunstschule LEKTORAT: Brigitte Ammer, Tom Waibel VERLAG: SONDERZAHL Verlagsgesellschaft m.b.H. Wien ISBN 978 3 85449 421 8 VISUELLES KONZEPT, LAYOUT UND TECHNISCHE AUSARBEITUNG: marcus balogh, www.987design.at, Werkstätte Grafik Design WERKSTÄTTENLEITUNG GRAFIK DESIGN: Brigitte Ammer, Birgit Kerber, Thomas Reinagl, Tom Thörmer © Texte bei den AutorInnen FÖRDERER: Magistratsabteilung 13 für Bildung und außerschulische Jugendbetreuung der Stadt Wien, Gedruckt mit Förderung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur in Wien. Besonderen Dank dem 15. Bezirk

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Jahrbuch 365/13 Sieben Studierende der Werkstätte Grafik Design entwickelten ein Konzept für eine Publikation die fünf einzelnen Bücher mit eigenständiger Gestaltung zu einen Jahrbuch zusammenfasst. Verbindende Elemente sind der Titel, der schwarze Punkt (Logo der aus der Wiener Kunstschule gewachsenen school of subversion) und eine Banderole die aus Restbeständen einer Zeitungsbeilage produziert wurde. VISUELLES KONZEPT, LAYOUT UND TECHNISCHE AUSARBEITUNG:

Marcus Balogh, Nella Bobo, Rudolf Fitz, Christine Julius, Johanna Moyses, Patricia Schwarz und Bettina Zurowetz

© Foto Patricia Schwarz



365/13 Erster Teil: Prolog