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Festschrift

50 Jahre Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven

1963  - 2013


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KIRCHENKREIS BREMERHAVEN KREISKANTORAT BREMERHAVEN

Festschrift

50 Jahre Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven

Inhalt Grußworte

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Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy ........................................................................ 2 Superintendentin Susanne Wendorf-von Blumröder ..................................................................... 2 Ernst-Michael Ratschow (Superintendent i. R.) .............................................................................. 3 Pastor Ulrich von Stuckrad-Barre (Vorsitzender des Kirchenvorstandes) ..................................... 4 Melf Grantz (Oberbürgermeister der Stadt Bremerhaven) ............................................................. 4 Michael Frost (Kulturdezernent der Stadt Bremerhaven) .............................................................. 5 Ulrich Mokrusch (Intendant des Stadttheaters Bremerhaven) ...................................................... 5 Kirchenmusikdirektor Hauke Ramm (Stade) ................................................................................. 6 Friedrich Wandersleb (Kreiskantor i. R.) ......................................................................................... 7 Prof. Carsten Klomp ......................................................................................................................... 8 Kreiskantorin Eva Schad .................................................................................................................. 8

Chorleiter

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Friedrich Wandersleb (Kreiskantor von 1954 bis 1992) ................................................................... 13 Carsten Klomp (Kreiskantor von 1992 bis 1995) .............................................................................. 14 Eva Schad (Kreiskantorin seit 1995) ................................................................................................. 14 Erlebnisbericht (Marita Westphal-Blome) ............................................................................................ 15

Konzerte 1963 – 2013

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Advent – Weihnachten ..................................................................................................................... 16 Erlebnisbericht (Edith Haisch) ............................................................................................................. 19 Passion ............................................................................................................................................... 22 Erlebnisbericht (Marita Westphal-Blome) ............................................................................................ 26 Endzeit ............................................................................................................................................... 28 Erlebnisbericht (Marita Westphal-Blome) ............................................................................................ 30 Messen ............................................................................................................................................... 34 Cantica und Psalmen ........................................................................................................................ 39 Kantaten und Rundfunkgottesdienste ............................................................................................ 41 Oratorien ........................................................................................................................................... 41 Carl Orff: Carmina burana .............................................................................................................. 46 Noch einmal: Bachs Weihnachtsoratorium .................................................................................... 51 Repertoireliste (Werke mit Orchester) 1963 bis 2003 ...................................................................... 52


Chorreisen

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Finnland (1967, 1970, 1977) ................................................................................................................ 58 Holland (1977, 1982) .......................................................................................................................... 58 Leipzig (1989, 1994) ............................................................................................................................ 58 Schweden (1998) ................................................................................................................................ 59 Harz (2002) ........................................................................................................................................ 60 Mallorca (2003) ................................................................................................................................. 60 Polen (2008) ....................................................................................................................................... 62 Leipzig (2013) ..................................................................................................................................... 64 Jubiläums-Chorreise in die Normandie (2013) ................................................................................ 64 »Alta Ribberta beata« (Kirsten Back & Brigitte Schulte) ..................................................................... 68 Übersicht: Chorreisen der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven ......................................... 69

Berichte

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Silke Wacker: 50 Jahre und kein bisschen leise ............................................................................... 70 Irmela Bohlmann: Tolle Leute im Chor .......................................................................................... 71 Matthias Clasen: Thank God, it’s Friday ......................................................................................... 72 Petrus Klan: Mein War Requiem und mein Nagelkreuz von Coventry oder: Kann man aus Krieg Poesie und Musik machen? ................................................................. 76 Barbara Tönjes: Wie ein Bauwerk das Leben von Menschen verändern kann! ............................ 77 Bruno Fröhlich, Petrus Klan und Stefan Tönjes: Die drei von drüben ......................................... 77 Annika Heyen: »Kinderchen!« ......................................................................................................... 78

Interview

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Chormitglieder 2013

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Jubiläum

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Programm zum Festwochende......................................................................................................... 84 Jubiläumskonzerte............................................................................................................................. 85

Kurioses

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Eibe Meiners’ großer Kantorei-Test .................................................................................................. 86 Katja Asmussens Chor-Panoptikum ................................................................................................ 87

Sponsoren

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Impressum Herausgeber: Kreiskantorat Bremerhaven Eva Schad, Wilhelm-Brandes-Straße 2, 27570 Bremerhaven Tel.: 0471 - 200 290, kreiskantorin@gmx.de www.kreiskantorat - bremerhaven.de Redaktion: Eva Schad & Folker Froebe Gestaltung /  Satz: Folker Froebe Erscheinungsdatum: 23. August 2013

Brommystraße 25 • 27570 Bremerhaven Fon 0471 - 92 11 16 • info@weser-druckerei.de Fax 0471 - 2 65 80 • www.weser-druckerei.de


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Grußworte Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy Ich wollte von Herzen gern diese schöne und köstliche Gabe Gottes, die freie Kunst der Musica, hoch loben und preisen. Weil diese Kunst von Anfang der Welt allen Kreaturen von Gott gegeben ist, denn da ist mitnichten nichts in der Welt, das nicht ein Schall und Laut von sich gebe. (Martin Luther)

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leich nach der Theologie räumte der Reformator der Musik den höchsten Platz ein. Martin Luther sang ein Loblied auf die »Musica« schon vor 500 Jahren. »Singen und Sagen« gehörten für ihn als Zeugnis des Glaubens zusammen. Uns evangelischen Christen liegt die Kirchenmusik am Herzen. Musik und Gesang gehören zur Schönheit des Protestantismus. Wir sind eine singende und klingende Kirche. Ich freue mich daher, im Jahr 2013 der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven zu ihrem 50-jährigen Jubiläum zu gratulieren. Als Chor für ›große Kirchenmusik‹ wurde die Kantorei 1963

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Dr. Hans Christian Brandy

Superintendentin Susanne Wendorf - von Blumröder

iebe Evangelische Stadtkantorei, herzlich willkommen in der Mitte des Lebens! So könnte man den Glückwunsch analog zu einem menschlichen Geburtstag formulieren. Jahrgang 1963: Alles noch etwas steif, die Männer der Kirche stets im Anzug. Es wird viel gebaut und geplant: Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten. Kirchengemeinden und die ganze Gesellschaft richten sich auf großes Wachstum ein. Das Angebot an kirchlichen Aktivitäten wird vielfältiger. Auch Oratorien sollen in Zukunft gesungen werden, deshalb wird aus einem Auswahlchor anlässlich der Aufführung

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gegründet. Über 100 Sängerinnen und Sänger sind heute unter der Leitung von Eva Schad aktiv, wunderbare Konzerte kommen jedes Jahr zur Aufführung, das Renommee der Kantorei reicht weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Auch Reisen ins europäische Ausland gibt es immer wieder. Mit einem Festprogramm wird das Jubiläum in diesem Jahr gefeiert. Dafür meine besten Wünsche; ich freue mich sehr, am 25. August selbst dabei sein zu können Ich wünsche dem Chor, dass auch weiterhin seine Musik zum Lob Gottes und zur Freude der Menschen erklingt. Denn Musik ist eine »köstliche Gabe Gottes«.

des Weihnachtoratoriums von Bach die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven. Heute, im Jahr 2013: In den Kirchengemeinden geht es wesentlich lockerer zu. In den Gemeinden wird über die zu groß gewordenen Gebäude beraten. Der demographische Wandel nimmt seinen Lauf, wir richten uns darauf ein, kleiner zu werden und Profil zu behalten. Oratorien werden regelmäßig gesungen, Gottesdienste werden mit der Kantorei zu etwas Besonderem, nebenbei sind Kammerchor sowie Kinder- und Jugendchöre entstanden. Ein hohes Niveau im Bereich der klassischen Kirchenmusik


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kennzeichnet die heutige Arbeit. Die Kantorei ist selbstverständlicher Bestandteil des kirchlichen Lebens, auch so lässt sich eine Entwicklung der vergangenen 50 Jahre benennen. Viele singen schon jahrelang mit, andere kommen dazu. Um die 100 Sängerinnen und Sänger kommen jeden Freitagabend zusammen. Die Luft im Gemeindesaal wird manchmal dünn und die Stühle knapp. Es werden Töne geübt und der richtige Schwung, die Spannung steigt vor einem Konzert und dann ist es doch geschafft: Der Reichtum unseres Glaubens wird spürbar, tiefe

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Gefühle, Fragen und Bekenntnisse. Ich möchte der Kantorin und den Sängerinnen und Sängern danken für ihr Engagement, ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen. Die Freude am Singen möge allen erhalten bleiben und die Bereitschaft, unseren Glauben auf musikalische Art und Weise zum Ausdruck zu bringen.

Susanne Wendorf-von Blumröder

Ernst-Michael Ratschow (Superintendent i. R.)

um 50-jährigen Jubiläum der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven grüße ich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer recht herzlich und freue mich schon auf die Aufführung der Bach-Kantate Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren am 25. August 2013. Mit diesem Gruß verbinde ich meinen aufrichtigen Dank an alle Sängerinnen und Sänger, die oft über viele Jahre, manche auch über Jahrzehnte hinweg durch ihre verlässliche Teilnahme das Chorsingen und Chorleben erst ermöglicht haben. Dazu gehört ein beträchtlicher Zeiteinsatz – hier denke ich außer an die wöchentlichen Proben auch an die Probenwochenenden in Drangstedt oder im Harz. Vielen Dank dafür: Der Einsatz hat sich voll gelohnt. Das Klangbild des Chores ist so ausgefeilt und auf das einzelne Werk so genau abgestimmt, dass sich dem Hörer die Werke der Meister immer wieder neu erschließen zur großen Freude und Erbauung. So sind auch Auslandseinsätze inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden wie dieses Jahr wieder in Frankreich. Der Applaus ist der Dank der Hörer! Insbesondere ist nun aber auch den Chorleitern der Evangelischen Stadtkantorei zu danken: Herrn Friedrich Wandersleb, der vom 1. August 1954 bis zum 31. März 1992 als Organist und Chorleiter der Christuskirchengemeinde angestellt war und 1963 auf die glückliche Idee kam, die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven ins

Leben zu rufen. Damit war die Voraussetzung geschaffen, auch größere Chorwerke einzustudieren und zur Aufführung zu bringen. Herrn Carsten Klomp, der das Amt des Kirchenmusikers vom 1. April 1992 bis zum 30 September 1995 inne hatte und Frau Kreiskantorin Eva Schad, die ihre Arbeit am 1. Oktober 1995 aufnahm. Hätten diese drei Musiker und Organisten den Sängerinnen und Sängern nicht immer wieder durch ihren ganz persönlichen, Kräfte raubenden Einsatz gezeigt, welche phantastische Aussagekraft in den den einzelnen Chorwerken zu finden ist, der Chor könnte dieses Jahr kein Jubiläum feiern. Insbesondere Frau Schad ist es zu danken, dass sie alljährlich immer wieder Sponsoren auftut, so dass auch Werke mit größerem Orchester aufgeführt werden können. Und hier ist dann auch zu bewundern, dass sie sich in fast allen musikalischen Stilrichtungen auskennt und die einzelnen Werke mit dem Chor und dem Orchester dann so einstudiert, dass wirklich ganz unterschiedliche Klangfarben zu Gehör kommen. Allen noch einmal ein großes Dankeschön und hoffentlich: Weiter so – mit viel Freude!

Ernst-Michael Ratschow

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Pastor Ulrich von Stuckrad-Barre (Vorsitzender des Kirchenvorstandes)

oller Dankbarkeit begeht unsere Christuskirchengemeinde in diesem Jahr das 50. Jubiläum ihrer Evangelischen Stadtkantorei. Die Gemeinde ist froh und stolz, dass die Stadtkantorei viele unserer Gottesdienste mitgestaltet und darüber hinaus das Gemeindeleben durch eine Menge von Konzerten bereichert. An dieser Stelle sei allen Sängerinnen und Sängern und Eva Schad gedankt für all die Zeit und all die Liebe und Begeisterung, die sie der Stadtkantorei und damit auch unserer Gemeinde widmen. Dabei sind wir uns alle bewusst, dass die Wirkung der Stadtkantorei weit über unsere Gemeinde und weit über Bremerhaven hinausgeht. Menschen kommen von weit her, um in der Stadtkantorei zu singen, und Menschen kommen von weit her, um die Stadtkantorei zu hören. Musik zieht die Menschen an und füllt immer wieder unsere schöne und große Kirche – oft genug bis auf den letzten Platz. In ihrer 50-jährigen Geschichte ist die Stadtkantorei in unserer Region zu einer Institution geworden, deren religiöse und kulturelle Bedeutung man gar nicht hoch genug schätzen kann. Zentrum der Arbeit der Stadtkantorei bleibt die Verkündigung der Liebe Gottes zu allen Menschen. Diese Aufgabe teilt sich die Kirchenmusik mit der Predigt. Kirchenmusik ist nicht

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Ulrich von Stuckrad-Barre

Melf Grantz (Oberbürgermeister der Stadt Bremerhaven)

ünfzig Jahre Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven – das ist ein Jubiläum, auf das der Kirchenkreis Bremerhaven mit gutem Grund stolz sein kann. Seit 1963 trägt der Chor für ›große Kirchenmusik‹ zum Musikleben unserer Stadt bei. Über 100 Mitglieder aus Bremerhaven und den angrenzenden Landkreisen treten regelmäßig in Gottesdiensten und Konzerten auf. Oratorien, Kantaten und Motetten von Bach bis Britten verzaubern das Publikum in der Christuskirche.

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nur ›Beigabe‹ oder ›Verzierung‹ der Predigt, sondern sie wirkt entscheidend mit an der Verkündigung von Gottes Wort. Dieser Gedanke ist mir sehr wichtig. Predigerinnen und Prediger und alle an der Kirchenmusik Beteiligten arbeiten zusammen. Gegenseitige Wertschätzung und verständnisvolle Zusammenarbeit sind dafür unerlässlich. Der Kirchenvorstand der Christuskirche will die Arbeit der Stadtkantorei auch weiterhin mit allen Kräften unterstützen. Was haben wir schon alles miteinander erlebt: große Oratorien und Passionen, Radiogottesdienste, viel Klassisches, aber auch neuere und moderne Kompositionen. Wie viele tausende Stunden an Proben stecken dahinter … Dankbar erinnern wir uns an viele musikalische Höhepunkte, die wir in der Christuskirche erleben durften. Der größte Schatz der kirchenmusikalischen Arbeit sind die vielen Menschen, die mitmachen. Sie machen unsere Gemeinde reich! Wir freuen uns auf die kommenden Jahre! Im Namen des Kirchenvorstands wünsche ich der Stadtkantorei für Ihre weitere Arbeit Gottes Segen.

Die musikalische Ausgestaltung der Stücke wird von der Kirchengemeinde und den Konzertbesuchern geschätzt. So verwundert es nicht, dass die gut besuchten Konzerte des Oratorienchores seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Bremerhavener Kulturlebens sind. Mit seinen Konzertreisen von Finnland bis nach Mallorca hat der Oratorienchor den Kirchenkreis und die Stadt Bremerhaven in zahlreichen Ländern Europas würdig vertreten – als Botschafter für christliche


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Werte und kirchenmusikalische Kultur – einmalige Erfahrungen sowie unvergessliche Erlebnisse, die Sängerinnen und Sänger miteinander teilen. Ein Zusammenwirken der Chöre aller Altersstufen und über Generationen hinweg ist eines der höchsten Anliegen des Kreiskantorats. Junge Talente werden altersgemäß in Kinder- und Jugendchören gefördert. Für die Stadt Bremerhaven und die gesamte Region ist diese Jugendarbeit seit Jahrzehnten von unschätzbarem Wert. Die Stadt Bremerhaven ehrt das langjährige

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Melf Grantz

Michael Frost (Kulturdezernent der Stadt Bremerhaven)

n der vergangenen Spielzeit des Stadttheaters bewegte uns das Schauspiel Wie im Himmel, das die Gründungsgeschichte eines Kirchenchores erzählte. Wir erlebten, wie die Mitglieder des Chores zunächst ihre eigene Stimme fanden, sowohl musikalisch als auch in ihrer persönlichen Entwicklung, um schließlich als Chorgemeinschaft nicht nur einander zu stärken, sondern mit der Kraft der Musik ihr Publikum zu berühren. Diese Grundidee des gemeinsamen Singens funktioniert nicht nur im Theaterstück. Die 1963 gegründete Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven mit ihren derzeit über einhundert Sängerinnen und Sängern berührt ihre Zuhörerinnen und Zuhörer nun bereits seit 50 Jahren. Was einst als Chor für ›große Kirchenmusik‹ begann, wirkt durch das Repertoire sowie die Vielzahl der Tätigkeiten und Auftritte in Bremerhaven, in der

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Engagement des Oratorienchores und gratuliert in diesem Sinne der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven zum 50-jährigen Jubiläum. Ich wünsche dem Chor und seinen Unterstützern alles Gute für die Zukunft und weiterhin viel Erfolg.

Region und sogar im europäischen Ausland, längst über diesen ursprünglichen Auftrag hinaus. So gratuliere ich der Stadtkantorei des ev.-luth. Kirchenkreises Bremerhaven sehr herzlich zum 50-jährigen Jubiläum und danke allen Sängerinnen und Sängern, nicht zuletzt aber auch der Kreiskantorin Frau Schad, besonders herzlich für das großartige Engagement, mit dem sie die kirchliche Chormusik zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens unserer Stadt werden ließen. Ich wünsche allen Beteiligten, dass es ihnen auch in Zukunft gelingen möge, die Herzen Ihres Publikums mit Ihren Stimmen zu erreichen.

Michael Frost

Ulrich Mokrusch (Intendant des Stadttheaters Bremerhaven)

ls ich vor knapp drei Jahren meine Stelle als Intendant des Stadttheaters in Bremerhaven antrat, machte ich schnell Bekanntschaft mit der energischen und hoch motivierten Kreiskantorin Eva Schad und den begeisterten Sängerinnen und Sänger der Evangelischen Stadtkantorei der Christuskirche. Schnell waren wir uns einig, dass die in den zurückliegenden Jahren praktizierte Zu-

sammenarbeit zwischen Stadtkantorei und Stadttheater unbedingt auszubauen sei. Umso mehr freue ich mich, dass wir in der relativ kurzen Zeit auf drei herausragende gemeinsame Projekte zurückschauen können. Dies war zum einen die bewegende Aufführung des War Requiems von Benjamin Britten im Herbst letzten Jahres. Unter der musikalischen Leitung von Kreiskantorin Eva Schad und

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Generalmusikdirektor Stephan Tetzlaff vereinten sich das Städtische Orchester Bremerhaven, die Kammer Sinfonie Bremen, Solisten, der Jugendchor der Christuskirche und die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven und gestalteten einen ergreifenden Konzertabend. Zu einer erneuten Zusammenarbeit zwischen unserem Ballettensemble und den Chören der Christuskirche kam es bei Bachs Magnificat. Ser­ gei Vanaev choreographierte zwölf ausdrucksstarke abstrakte Pas de deux und Pas de trois gegen barocke Klänge, getanzt von den Tänzerinnen und Tänzern des Stadttheaters Bremerhaven, musiziert unter Leitung von Eva Schad durch den Bremerhavener Kammerchor, das Barockorchester Concerto Bremen und Vokalsolisten. Ganz bestimmt unvergessen bleiben die 13 ausverkauften Vorstellungen von Carl Orffs Carmina Burana im Großen Haus des Stadttheaters. Erstmals in der Stadtgeschichte Bremerhavens

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Ulrich Mokrusch

Kirchenmusikdirektor Hauke Ramm (Stade)

eit der Gründung der Christuskirche 1875 haben insgesamt sieben Kirchenmusiker an der Christuskirche gewirkt. 1954 wurde Friedrich Wandersleb als hauptberuflicher Kantor angestellt und widmete sich u. a. mit der Gründung eines Kirchenchores gleich dem musikalischen Gemeindeaufbau. Über Wanderslebs Chorarbeit an der Christuskirche berichtet Hans Linder bereits 1959: An den hohen kirchlichen Festtagen kann man sich hier oft an der trefflichen Wiedergabe vor allem Schützscher Werke erfreuen. Mit der Gründung der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven durch Friedrich Wandersleb begann eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte. Als Fachberater für Kirchenmusik der Kirchenkreise Bremerhaven und Wesermünde-Süd – ab 1979 als Kreiskantor des Kirchenkreises Bremerhaven – mit einem übergemeindlichen Dienstauftrag versehen, gründete Friedrich Wandersleb 1963 diesen übergemeindlichen Chor. Er sollte interessierten Sängerinnen und Sängern aus verschiedenen Gemeinden die Möglichkeit geben, Orato-

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standen alle drei großen Chöre der Stadt vereint auf einer Bühne und wirkten gemeinsam an einem herausragenden Theatererlebnis mit: der Chor des Stadttheaters Bremerhaven, die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven und der BachChor der Großen Kirche. Insgesamt 140 musikbegeisterte Menschen sangen dieses chorgewaltige Werk, zu dem Ballettmeister Sergei Vanaev eine beeindruckende Choreographie geschaffen hatte.
Ohne solch einen begeisterten Chor wie die Evangelische Stadtkantorei wären solche Projekte nicht denkbar gewesen. Das ist gelebte Stadtkultur, die es auch weiterhin zu pflegen und zu fördern gilt, damit auch die Zukunft viele solcher Erlebnisse für uns bereithält!

rien und weitere große Werke der Kirchenmusik aufzuführen. Nach der langjährigen prägenden Zeit unter Friedrich Wandersleb übernahm 1992 Carsten Klomp für drei Jahre die Leitung des Chores. Seit 1995 leitet Kreiskantorin Eva Schad die Stadtkantorei. Heute singen über 100 Sängerinnen und Sänger in der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven. Die intensive Chorarbeit ist geprägt durch die Aufführungen des gesamten oratorischen Repertoires. Neben den Hauptwerken, wie z. B. der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, gelangen auch seltener zu hörende Werke – z. B. die Messe von Robert Schumann – zur Aufführung. Die Stadtkantorei hat seit 1967 Konzertreisen in zahlreiche europäische Länder unternommen. Die Pflege des A-cappellaRepertoires mündet aber auch in die kirchenmusikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Christuskirche. Die Aufführungen der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven prägen das kulturelle Leben in Bremerhaven in besonderer Weise. Im Sprengel Stade und in der Hannoverschen Lan-


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deskirche wird das Wirken der Stadtkantorei in seiner großartigen Vielfalt und Fülle hochgeschätzt. Die Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven möge auch in Zukunft mit Hingabe kraftvoll Gottes Lob verkündigen: »Jauchzet Gott, alle

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Lande! Lobsinget zu Ehren seines Namens; rühmet ihn herrlich!« (Psalm 66,1–2)

Hauke Ramm

Friedrich Wandersleb (Kreiskantor i. R.)

ünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert! Das ist wirklich ein Anlass, innezuhalten und zurückzuschauen. So lange schon treffen sich sangesfreudige Menschen als Evangelische Stadtkantorei, um die großen Werke der Kirchenmusik zu erarbeiten und aufzuführen. Als ich 1954 nach Bremerhaven kam und die hauptamtliche Kirchenmusikerstelle an der Christuskirche in Geestemünde übernahm, gab es in Bremerhaven keinen kirchlichen Oratorienchor. Oratorische Werke wie etwa Händels Messias führte der Städtische Musikdirektor mit der Liedertafel auf, anfänglich sogar in der Christuskirche, weil die Große Kirche noch Ruine war. An meinem Anfang stand der von mir gegründete Kirchenchor der Christuskirche, mit dem ich neben dem Musizieren im Gottesdienst in Verbindung mit anderen Chören oratorische Werke von Heinrich Schütz aufführte. Bei der Aushilfe in einem anderen Chor fragte mich ein ebenfalls aushelfender Chorsänger, ob man nicht in Bremerhaven einen Chor für Oratorien gründen könne. Meine Antwort: »Gern, wenn Sie mir Männerstimmen bringen!« Dieses Gespräch war die Initialzündung für die Gründung der Evangelischen Stadtkantorei. Am Anfang stand eine Testaufführung zu Epiphanias 1963 mit der Bachkantate Gelobet seist du, Jesu Christ und dem vierten Teil des Weihnachtsoratoriums mit den Kirchenchören der Christusund der Kreuzkirche und etlichen Helfern. Als diese gelang, wurden in drei Probenphasen mit einem interessierten Kreis die ersten drei Teile des Weihnachtsoratoriums erarbeitet. Ihre Aufführung im Dezember 1963 war die eigentliche Geburtsstunde der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven unter meiner Leitung. Es folgten 1964 in einer Abendmusik in der Pauluskirche die Motette Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf, 1965 die

Johannespassion und 1967 die Matthäuspassion. So wurde deutlich, dass Bach unser musikalisches Zentrum war. Durch vorwiegend mündliche Werbung wuchs der Chor und fand über die kirchlichen Wurzeln hinaus seinen festen Platz im Bremerhavener Musikleben. Chorfahrten nach Finnland und Holland, besonders aber unsere Chorwochenenden, die uns anfäng­lich in den Sachsenhain bei Verden und nach Wüstewohlde führten, dann aber in Drangstedt ihren festen Platz fanden, ließen den Chor zu einer guten Gemeinschaft zusammenwachsen, mit der auch ein so schweres Werk wie die h-Moll-Messe erarbeitet werden konnte. Als Gründer und langjähriger Leiter kann ich diesen Rückblick nur voller Dankbarkeit tun. Diese Arbeit war ein Geschenk. Dankbar bin ich aber auch für den Einsatz und die Treue der Chormitglieder. Dankbar sei den schon Heimgerufenen gedacht. Dank sei aber auch denen gesagt, denen das Alter eine weitere Beteiligung verwehrt und die doch durch jahrelange Treue die Arbeit mitgetragen haben. Sie und viele, die aus beruflichen und anderen Gründen die Kantorei verlassen mussten, werden dankbar an das Geschenk der Kirchenmusik zurückdenken. Eine besondere Freude ist es mir, dass die Arbeit der Stadtkantorei nach meinem Weggang ungeschmälert fortgeführt werden konnte. Meinen beiden Nachfolgern dafür ein herzliches Dankeschön! So sei am Schluss der Wunsch ausgesprochen, dass die Stadtkantorei und ihr Dienst weiter unter dem Segen Gottes stehen mögen.

Friedrich Wandersleb

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Prof. Carsten Klomp

rußworte sind schön und wichtig aber – so ganz unter uns – eigentlich will sie niemand wirklich lesen (und schreiben auch nicht unbedingt). Bei diesem Grußwort verhält sich das etwas anders. Vielleicht nicht unbedingt bei Ihnen aber ganz bestimmt bei mir, denn auch wenn ich angesichts der Chor-Leitungszeiten meines Vorgängers und meiner Nachfolgerin nur eine Episode in der Leitung der Stadtkantorei war, so war die Leitung der Stadtkantorei wesentlich mehr als eine Episode für mich. Die Stadtkantorei war ›mein‹ erster großer Chor, das Ensemble, mit dem ich die ersten großen Werke komplett eigenverantwortlich aufführen durfte, mit dem ich zum ersten Mal herumexperimentieren durfte und aus dem heraus ich den Kammerchor und – mittelbar durch Chorbekanntschaften – das Kammerorchester gründen konnte. Vor allem aber waren die Mitglieder der Stadtkantorei die Menschen, die mich damals als jungen Berufsanfänger wie eine (zugegebenermaßen ziemlich große) Familie empfangen haben, mit denen mich Freundschaften verbunden haben, die den alleinstehenden jungen Mann zum Essen eingeladen haben, die die typischen Fehler und Eigenarten des Berufsanfängers akzeptiert haben, die ehrlich dankbar für die langjährige Arbeit des Vorgängers und gleichzeitig neugierig und freudig gespannt auf die Arbeit des Neuen waren. Selbst als ich vor ein paar Monaten meine

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m Dezember 1967 probt Friedrich Wandersleb mit 28 Sängerinnen und 7 Sängern für einen Weihnachtsgottesdienst (Bild auf der nächsten Seite). Die Frauen tragen (mit einer Ausnahme) Rock und Bluse, Dauerwelle oder zeittypisch hochtoupierte Haare, die Männer (wiederum mit einer Ausnahme) Anzug und Krawatte. Erst ein zweiter Blick auf das SchwarzweißFoto lässt erkennen, dass die Cho-

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Freiburger Arbeit und damit die dort von mir gegründeten Chöre nach 17 Jahren abgegeben habe, hatte ich nicht ein solches Verlustgefühl wie 1995 nach 3 ½ Jahren als Leiter der Stadtkantorei. Liebe Sängerinnen und Sänger der Stadtkantorei: Ich gratuliere und danke Ihnen, dass Sie so ein toller, sympathischer und im wahrsten Sinne des Wortes unvergesslicher Chor sind. Lieber Herr Wandersleb: Ich gratuliere Ihnen, dass Sie einen wunderbaren Chor gegründet und so lange geleitet haben und nun erleben dürfen, wie sich ›Ihre‹ Stadtkantorei in 50 Jahren entwickelt hat. Liebe Eva: Ich gratuliere Dir, dass Du den Chor zu einem Ensemble gemacht hast, das aus der Kulturszene Bremerhavens und der Region nicht mehr wegzudenken ist. Und mir gratuliere ich, dass ich meinen beruflichen Werdegang als hauptamtlicher Kirchenmusiker mit der Bremerhavener Stadtkantorei beginnen durfte – ich hätte mir keinen besseren Start wünschen können. Alles Gute für die nächsten 50 Jahre wünscht Ihnen und Euch

Carsten Klomp

Kreiskantorin Eva Schad risten überwiegend junge Leute sind, nur wenige über 30 Jahre alt. Die Stadtkantorei besteht zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren. Während Friedrich Wanderslebs junger Chor Weihnachtsmotetten übt, lauscht in Stuttgart die kleine Eva, gerade mal fünf Monate alt, in der Wiege dem Geigenspiel ihrer Mutter. 1967 ist mein Geburtsjahr. Das Bild zeugt von einer anderen Zeit und wirkt doch vertraut:


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Ich erkenne ›meine‹ Christuskirche. Das hölzerne Notenpult, an dem mein Vorvorgänger steht, ist auch heute noch bei jeder Chorprobe in Gebrauch. Und ich finde ein bekanntes Gesicht: Silke

Wacker, die zweite von links in der ersten Reihe, ist seit nunmehr 50 Jahren Kantoreimitglied und hat als Leiterin der hiesigen Musikschule meinen Kindern einen ersten Zugang zur Musik eröffnet.

Abb. 1: Chorprobe mit Friedrich Wandersleb im Dezember 1967

Dies alles führt mir vor Augen, dass ich als Kantorin eine Tradition fortführe, die vor meinem Geburtsjahr 1967 begonnen hat und seitdem bruchlos fortbesteht. Noch heute singen in der Stadtkantorei Gründungsmitglieder, die als junge Menschen 1963 ihre Liebe zum Singen in den neugegründeten Chor einbrachten, daneben aber auch Jugendliche, die, eben erst der musikalischen Kinderarbeit entwachsen, nun auf einmal bei Bachs h-Moll-Messe in der ersten Reihe stehen. Viele Kirchenchöre leiden an Überalterung – nicht so die Evangelische Stadtkantorei. Sie war von Anbeginn ein generationenübergreifendes Projekt und ist dies bis heute. Als ich 1995 nach Bremerhaven kam, war mit meinem unmittelbaren Vorgänger, Carsten Klomp, der Generationenwechsel in der Chorleitung bereits vollzogen. Dennoch war Friedrich Wandersleb, der den Chor gegründet und fast drei Jahrzehnte lang, von 1963 bis 1992, geleitet hatte, als prägende Gestalt nach wie vor gegenwärtig (und ist dies in der Erinnerung manch

langjährigen Chormitglieds bis heute). Ich war damals 28 Jahre jung und kam frisch vom Studium. Die 29-jährige Weggefährtenschaft Wanderslebs mit seinem Chor schien mir unvorstellbar lang. Heute, 18 Jahre später, wird mir staunend bewusst, dass ich selbst bereits einen entscheidenden Lebensabschnitt gemeinsam mit der Stadtkantorei und ihren Sängerinnen und Sängern verbracht habe, ja, dass ich beginne, meine eigene Zeit mit dem Chor nicht mehr in Jahren, sondern in Jahrzehnten zu rechnen. Mit der Stadtkantorei durfte ich nach meinem Studium alle großen chorsymphonischen Werke das erste Mal einstudieren und aufführen. Aber auch nach knapp zwei Jahrzehnten habe ich meine persönliche Liste der ›aufzuführenden Werke‹ noch immer nicht vollständig abgearbeitet und bislang nur wenige Stücke wiederholt ins Programm genommen. Die Arbeit bleibt noch viele weitere Jahre spannend – für Chor und Dirigentin. In der Rückschau sehe ich, wie sich im letzten halben Jahrhundert die Rahmenbedingungen der

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Kirchenmusik verändert haben. So ist die kirchliche Kultur weniger selbstverständlich geworden, während Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring in den letzten zwei Jahrzehnten sehr an Bedeutung gewonnen haben. Wofür die Evangelische Stadtkantorei dennoch seit fünfzig Jahren unverändert steht, sagt programmatisch schon ihr Name: Als ›evangelischer‹ Chor lebt sie in den musikalischen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Als übergemeindliche ›Stadtkantorei‹ vertritt sie andererseits die kirchliche Kultur inmitten der Vielstimmigkeit höchst unterschiedlicher Kulturund Freizeitangebote. Wenn die Stadtkantorei singt, dann hat dies tatsächlich Strahlkraft in die Stadt hinein und bis weit ins Umland! Wer – wie viele Bremerhavener – neidvoll auf die großen Kulturstädte schaut, übersieht leicht die eigenen Vorzüge: Ein Erfolgsmodell wie die Evangelische Stadtkantorei funktioniert am besten in einer Mittelstadt wie Bremerhaven, in der es eben nicht selbstverständlich ist, dass alljährlich zur Adventszeit das Bach’sche Weihnachts­ oratorium dreißigmal erklingt (wie etwa in Hamburg), die aber dennoch das kulturelle Zentrum einer ganzen Region bildet. Es ist nicht zuletzt diese privilegierte Stellung, die mir den Freiraum gibt, auch unbekannte oder seltener aufgeführte Werke ins Programm zu nehmen, ohne dass ich fürchten müsste, die Stadtkantorei könnte in der Publikumsgunst sinken. Die Bremerhavener haben in fünf Jahrzehnten gelernt: Sie werden – was auch auf dem Programm steht – ein Konzert der Evangelischen Stadtkantorei nie enttäuscht oder auch nur gelangweilt verlassen! Das vergangene Jahr 2012 war für die Sängerinnen und Sänger der Stadtkantorei (und auch für mich persönlich) ein Jahr der Höhepunkte, allem voran die Open-Air-Konzerte mit der Carmina Burana im sonnigen Nordenham und im verregneten Bremerhaven sowie die Aufführung des War Requiems von Benjamin Britten zusammen mit dem Jugendchor der Christuskirche, dem Städtischen Orchester Bremerhaven und Generalmusikdirektor Stephan Tetzlaff. Doch nicht allein an solchen Publikumserfolgen misst sich der Wert der Stadtkantorei, sondern auch am Gemeinschaftssinn, an der Motivation und an der mitreißenden Musikalität der über hundert Sängerinnen und Sänger, die Woche für Woche – und darüber hinaus auch für manches Probenwochenende – den Weg in die Christuskirche finden.

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Der Erfolg der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven hat viele Mütter und Väter, und es kommen immer neue hinzu. Der Gründer der Evangelischen Stadtkantorei, Friedrich Wandersleb, schuf in Bremerhaven die Voraussetzungen für eine zukunftsträchtige Kirchenmusikpflege. Zahlreiche ›stille‹ Helfer, übernehmen Woche für Woche ehrenamtliche Dienste, allen voran den Kantoreimitglieder Elke Harksen und Ute Gätje, die sowohl den gesamten Karten- und Notenverkauf durchführen oder überwachen als auch für die Verteilung von Plakaten und Handzetteln sorgen. Kein Kantoreikonzert wäre möglich ohne die Führung der Abendkasse durch ehrenamtliche Helfer unserer Gemeinde und den Podestaufund -abbau durch die Männer der Stadtkantorei – immer dabei: Jens Schoppenhauer, Klaus Fischer, Peter Wacker, Ulrich Krey und Friedrich Bremer. Daniel Wandersleb schließlich ist es zu danken, dass die Entwicklung des Chores fast lückenlos durch Tonaufnahmen dokumentiert ist und ich jederzeit überprüfen kann, wie beispielsweise die Bach’sche h-Moll-Messe – unser Jubiläumswerk – vor 11 Jahren bei ihrer ersten Aufführung unter meiner Leitung geklungen hat. Im Namen aller Sängerinnen und Sänger danke ich den Mitarbeitern der Christuskirche, die dem Chor seit fünfzig Jahren eine Heimat geben, dem Kirchenkreis Bremerhaven, dem ehemaligen Superintendenten Ernst Michael Ratschow und unserer jetzigen Superintendentin Susanne Wendorf - von Blumröder für ihre große Unterstützung, den Sponsoren und Förderern unserer aufwendigen Oratorienkonzerte und nicht zuletzt den zahlreichen Zuhörern, die regelmäßig die Gottesdienste und Konzerte in unserer schönen Christuskirche besuchen. Ob es auch in 50 weiteren Jahren noch eine Chorleiterin (oder einen Chorleiter) der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven geben wird? Ich stelle mir vor, wie sie (oder er) am Grußwort zum 100-jährigen Bestehen des Chores arbeitet, unsere Worte liest und die Bilder aus unserer Gegenwart betrachtet. Ich kann nur vermuten, als was meine Kollegin aus der Zukunft sie wahrnehmen und empfinden wird: als Zeugnisse einer anderen Zeit und doch vertraut.

Eva Schad


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Chorleiter

Chorleiter

I

m Jahre 1827 waren der Hafen und die Stadt Bremerhaven gegründet worden. Knapp zwei Jahrzehnte später ließen sich südlich der Geeste inmitten der kleinen Bauernsiedlung Geestendorf etwa 3000 Neuansiedler nieder und errichteten den Hafen Geestemünde. Der so entstandenen Doppelgemeinde Geestendorf-Geestemünde diente die im Mittelalter errichtete Marienkirche als Gotteshaus. Es erwies sich aber bald, dass dieses für die wachsende Zahl an Gemeindemitgliedern viel zu klein war, und so wurde im Jahre 1863 der Neubau einer Kirche beschlossen. 1868 wurde Baurat Hase mit der Planung betraut; bis zur Grundsteinlegung zog es sich noch bis zum 19. Juli 1872 hin. Die Bauarbeiten nahmen reichlich drei Jahre in Anspruch, so dass am 14. November 1875 die Einweihung gefeiert werden konnte. Seit ihrer Gründung haben insgesamt sieben Kirchenmusiker an der Christuskirche gewirkt:

1875–1893: 1893–1944: 1944–1946: 1946–1954: 1954–1992: 1992–1995: seit 1995:

Lehrer Brinkmann Johann Martin Rademacher August Rademacher Kantor Erich Knorr Kantor Friedrich Wandersleb Kantor Carsten Klomp Kantorin Eva Schad

Über eine Chorarbeit der drei ersten Musiker an der Christuskirche, Lehrer Brinkmann, Johann Martin Rademacher und August Rademacher, ist nichts bekannt. Johann Martin Rademacher muss jedoch ein fähiger Organist gewesen sein. So weiß Riemanns Musiklexikon in der 10. Auflage von 1922 zu berichten, er habe das gesamte Orgelschaffen Johann Sebastian Bachs den Liebhabern der Orgelmusik in Zyklen von 20 Abenden dargeboten:

Das Zentrum einer anspruchsvollen kirchenmusikalischen Chorarbeit war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht die Christuskirche, sondern die Dionysiuskirche in Lehe, wo zwischen 1925 und 1948 der ›Madrigalchor‹ unter der Leitung von Otto Last (dem Vater des gegenwärtigen Kantors Otto-Ernst Last) unter anderem das Mozart-Requiem (1946), die Bach’sche Matthäuspassion (1947) und Haydns Schöpfung (1946/1947) zu Gehör brachte. Der erste Kirchenmusiker an der Christuskirche, der die Amtsbezeichnung eines Kantors führte, war Erich Knorr. Über ihn schreibt Hans Linder in seiner Kleine[n] Musikgeschichte Bremerhavens: »Sein [Jan Martin Rademachers] Wirken setzte in den Jahren zwischen 1946 und 1956 Kantor Erich Knorr (geb. 1895) fort, der mit großer Tatkraft versuchte, wieder eine regelmäßige Folge kirchenmusikalischer Veranstaltungen einzurichten.« (S. 10) Knorr gründete in den späten 40er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Chor für konzertante Kirchenmusik. Die ›Bach-Kantorei‹ scheint jedoch nur für kurze Zeit Bestand gehabt zu haben; jedenfalls kam es nur zu einer einzigen, nicht mehr datierbaren Aufführung des Bach’­ schen Weihnachtsoratoriums. Sein Nachfolger als Kantor der Christuskirche schließlich, Friedrich Wandersleb, widmete die ersten Jahren seines Wirkens dem kirchenmusikalischen Gemeindeaufbau. Mit der Gründung eines Kinderchores legte er das Fundament für eine spätere Mitwirkung der von ihm ausgebildten Kinder und Jugendlichen in dem von ihm neu belebten Kirchenchor und später auch in der Evangelischen Stadtkantorei. Über Wanderslebs Chorarbeit an der Christuskirche berichtet Hans Linder 1959: »An den hohen kirchlichen Festtagen kann man sich hier oft an der trefflichen Wiedergabe vor allem Schützscher Werke erfreuen.« (S. 10)

Abb. 2: Riemann-Musiklexikon, 10. Aufl., 1922, S. 1028

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Oratorienkonzerte wurden in den 50er und frühen 60er Jahren durch die 1909 gegründete Bremerhavener Liedertafel bestritten. Unter


Chorleiter

der Leitung von GMD Hans Kindler führte der Chor unter anderem die Bach’sche Johannespassion (1951), das Mozart-Requiem (1955), den Messias (1958) und die Carmina Burana (195/1957) sowie Werke von Hans Pfitzner, Heinrich Kaminski und Johannes Drießler auf. Die Konzerte fanden zunächst in der Christuskirche, nach deren Wiederaufbau 1960 dann in der ›Großen Kirche‹ statt. Dem Fehlen eines kirchlichen Oratorienchores begegnete Friedrich Wandersleb mit der Gründung der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven im Jahre 1963. Als ›Fachberater für Kirchenmusik der Kirchenkreise Bremerhaven und Wesermünde-Süd‹ (ab 1979 ›Kreiskantor des Kirchenkreises Bremerhaven‹) war Wandersleb der erste Kirchenmusiker an der Christuskirche mit übergemeindlichem Dienstauftrag. Dementsprechend verstand sich die Stadtkantorei von Anfang an als übergemeindlicher Chor für die ganze Stadt Bremerhaven, der nicht mit kleineren Gemeindechören konkurrieren, sondern interes-

sierten Sängerinnen und Sängern aus verschiedenen Gemeinden die Möglichkeit geben sollte, Oratorien und große Kirchenmusik zu singen. Zu den geschichtlich gewachsenen Kuriositäten des kirchlichen Lebens in Bremerhaven gehört der Umstand, dass einzig die Bürgermeister-SmidtGedächtniskirche (›Große Kirche‹) der unierten Bremer Landeskirche, alle übrigen Gemeinden jedoch der lutherischen Hannoverschen Landeskirche angehören. Ein Jahr nach der Gründung der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven, 1964, rief Gerd Reinfeld, Kantor an St. Remberti in Bremen, an der ›Großen Kirche‹ den BachChor als Oratorienchor der Bremer Landeskirche ins Leben. Seitdem bereichern beide Oratorienchöre das kulturelle Leben nicht nur Bremerhavens, sondern des gesamten Elbe-Weser-Dreiecks. Im Folgenden werden die drei bisherigen Leiter der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven kurz vorgestellt.

Abb. 3: Jubiläumskonzert am 14.12.2003; Bremerhavener Kirchenmusiker, von links nach rechts: Eva Schad, Friedrich Wandersleb, Otto-Ernst Last und Dieter Conradi

F

Friedrich Wandersleb (Kreiskantor von 1954 bis 1992)

riedrich Wandersleb wurde 1927 als Sohn des Pastors Martin Wandersleb in Helmstedt geboren. Nach gründlichem Klavierunterricht Orgelspiel, anfänglich autodidaktisch, dann Un-

terricht bei der Braunschweiger Domorganistin Dr. Ellinor Dohrn. Kirchenmusikstudium an der Musikhochschule Stuttgart von 1946 bis 1953. Dozenten unter anderen Hermann Keller, Johann

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Chorleiter

Nepomuk David und Hans Grischkat. Kirchenmusik-A-Prüfung 1950. Erste nebenamtliche Kirchenmusikerstelle an der Matthäuskirche Stuttgart von 1949 bis 1953. Danach ein Jahr Kantor und Organist an St. Lamberti Hildesheim. Vom 1. August 1954 an Kantor und Organist an der

Christuskirche Bremerhaven und Kreisfachberater für Kirchenmusik (Kreiskantor) für die Kirchenkreise Bremerhaven und Wesermünde-Süd. 1954 Gründung des Kirchenchores der Christuskirche. 1963 Gründung der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven. Seit 1992 im Ruhestand.

Abb. 4: Abschiedsfeier für Friedrich Wandersleb 1992

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Prof. Carsten Klomp (Kreiskantor von 1992 bis 1995)

arsten Klomp, geb. 1965, studierte Schulmusik, Kirchenmusik und Klavier an der Musikhochschule Detmold sowie Germanistik an der Universität Bielefeld. Von 1986 bis 1992 war er Kirchenmusiker an der Herdecker Stiftskirche, danach Kreiskantor an der Christuskirche Bremerhaven. Von 1995 bis 2012 wirkte er als Landes- und Bezirkskantor für Südbaden und Freiburg an der Freiburger Ludwigskirche. Hier gründete er die ›Freiburger Kan-

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Eva Schad (Kreiskantorin seit 1995)

va Froebe-Schad, geb. 1967 in Stuttgart, studierte Evangelische Kirchenmusik (A) sowie Orgel und Cembalo (Konzertexamen) in Stuttgart (Jon Laukvik), Hamburg (Wolfgang Zerer) und Wien (Michael Radulescu). 1992 gewann sie den 1. Preis im Internationalen Orgelwettbewerb ›Johann Sebastian Bach‹, Luzern. Seit Oktober

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torei‹ und das ›Herdermer Vokalensemble‹. Seit 2006 leitet er das von ihm gegründete Haus der Kirchenmusik in Schloss Beuggen. Im November 2000 erfolgte seine Ernennung zum Professor für Liturgisches Orgelspiel an der Musikhochschule Freiburg; zum Wintersemester 2012/13 wurde er zum Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik berufen.

1995 ist sie Kreiskantorin des Kirchenkreises Bremerhaven. In dieser Eigenschaft leitet sie die Evangelische Stadtkantorei, den Bremerhavener Kammerchor, mehrere Kinder- und Jugendchöre sowie das Bremerhavener Kammerorchester. Daneben konzertiert sie als Organistin und Cembalistin.


Chorleiter

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ie Jahre unter Friedrich Wanderslebs Leitung waren nicht nur für die Kantorei und für Bremerhaven, sondern auch für mich selbst sehr prägend. Wie viel konnten wir von ihm und seinem umfassenden Wissen lernen! Sicherlich ist auch der gute Geist im Chor zum großen Teil auf seine Persönlichkeit und sein Vorbild des gelebten Glaubens zurückzuführen. Daher war ich richtiggehend traurig, als wir ihn 1992 in den Ruhestand verabschieden mussten. Zum letzten Mal dirigierte er am 22. März die Bach’sche Johannespassion. Ein paar Tage später organisierte die Kantorei für ihn eine kleine Feier. Nur ungern ließ ich mich überreden, dazu für ihn ein Abschiedslied zu verfassen, das von seinen liebenswerten kleinen ›Schwächen‹ handeln sollte. Eine lange Ära war zu Ende gegangen. Die Fußstapfen, die Friedrich Wandersleb hinterlassen hatte, waren groß. Wer würde hineinpassen? Mit Spannung verfolgten wir das Ausschreibungsverfahren für die Nachfolge. Die Bewerber, die in die engere Wahl gekommen waren, stellten sich uns im Rahmen einer Chorprobe vor, denn wir hatten ein Mitspracherecht bei der Neubesetzung der Kantorenstelle. Ich sehe die Kandidaten noch vor meinem geistigen Auge und entsinne mich, dass einer gleich hervorstach, dem der Ruf als Improvisationstalent an der Orgel schon vorausgeeilt war: Carsten Klomp. Mit großer Mehrheit wurde er gewählt. Ein Generationenwechsel. Flott und schwungvoll nahm er seine Arbeit bei uns auf und brachte frischen Wind. Dieser wehte alsbald einige ›Altgediente‹ aus unseren Reihen hinaus, sog im Gegenzug aber auch neue Sängerinnen und Sänger an. So blieb auch unter ihm das ausgewogene Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Stimmen erhalten, das immer schon den spezifischen Klang unserer Kantorei ausmachte. Leider sollte Carsten Klomp uns und der Stadt Bremerhaven schon bald wieder den Rücken kehren, denn neue Aufgaben lockten ihn nach Freiburg. So hieß es nach gut drei Jahren ein weiteres Mal: Kreiskantor und Leiter für die Stadtkantorei gesucht! Wieder setz-

te das uns nun schon bekannte Procedere ein. Und wieder hatten wir das richtige Gespür für den fähigsten Kandidaten, pardon, die fähigste Kandidatin. Gespannt und erwartungsfroh sahen wir der ersten gemeinsamen Chorprobe entgegen. Wie würde es wohl werden mit einer Frau? Doch die neue Chorleiterin ließ auf sich warten. Erkrankt! Leichte Zweifel wurden schon in unseren Reihen laut. Doch kaum war die Neue da, startete sie auch schon so richtig durch. Es dauerte nicht lange und wir erkannten: Etwas Besseres als Eva Schad hätte uns nicht widerfahren können! Als Energiebündel mit viel Temperament, leicht schwäbelndem Charme, erstaunlichem Elan und Ideenreichtum mischte sie nicht nur unseren Chor auf, sondern binnen kurzem auch die musikalisch-kulturelle Szene der Stadt Bremerhaven insgesamt. Mittlerweile ist Eva Schad auch schon im achtzehnten Jahr bei uns. Manche aus der Kantorei haben gar keine andere Chorleitung kennen gelernt. Das fiel mir schon beim 40-jährigen Chorjubiläum auf, als wir sie vereint mit ihren beiden Amtsvorgängern bei der Aufführung des Bach’schen Weihnachtsoratoriums erleben durften. Bei uns Älteren war die Wiedersehensfreude groß, doch begegneten nicht wenige der Sängerinnen und Sänger den früheren Leitern des Chores zum ersten Mal. Dies zeigt aber auch: Über Nachwuchsmangel haben wir (nicht zuletzt dank Frau Schads strategischer Kinder- und Jugendchorarbeit) nicht zu klagen. Und erfreulicherweise stellen sich immer wieder – meist im Nachklang eines Konzertes – Musikbegeisterte aus Nah und Fern zum Vorsingen ein. Ich gratuliere der jetzigen Leiterin der Stadtkantorei und ihren Amtsvorgängern, insbesondere dem Chorgründer Friedrich Wandersleb, von ganzem Herzen zum 50-jährigen Bestehen ›ihres‹ Chores. Möge Eva Schad uns noch lange hier erhalten bleiben und möge sie ihre schier unerschöpflich scheinende Energie, Willenskraft und mitreißende Freude an der Arbeit nicht verlieren! Marita Westphal-Blome

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Konzerte 1963 –  2013 Advent – Weihnachten Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium

A

m 14. Dezember 1963 kündigt die Nordseezeitung in einem kurzen Artikel »Bachs Weihnachts-Oratorium in der Christuskirche« an: »Für diese Aufführung wurde ein Auswahlchor gebildet, der mit diesem Werk erstmals an die Öffentlichkeit tritt und seine Arbeit als ›Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven‹ fortsetzen wird.« (Abb. 5) Die Proben fanden bis zum Bau des heutigen Gemeindehauses im Jahr 1975 in einem Saal statt, der zu dem heute noch bestehenden Pfarrhaus in der Schillerstraße 3 gehörte. Mit Bachs Weihnachtsoratorium hat das musikalische Leben der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven begonnen. Und das Weihnachtsora­ torium ist das von ihr am häufigsten aufgeführte Oratorium: Elfmal ist es in 50 Jahren erklungen, davon zweimal vollständig mit allen sechs Kantaten. Eine Aufführung aller sechs Teile an einem Tag wurde in den Anfangsjahren der Kantorei noch als Herausforderung für die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer empfunden. In einer Ankündigung der Aufführung vom 16. Dezember 1969 schrieb Kantor Friedrich Wandersleb im ›Geestemünder Gemeindeboten‹: »… sollen in diesem Jahr, wohl zum ersten Mal, alle sechs Teile an einem Abend erklingen. Um die Hörer nicht zu überfordern, sind allerdings innerhalb der Teile Kürzungen vorgesehen. Nicht an den Chorsätzen, denn gerade die große Schönheit der bisher nicht aufgeführten Choräle und Choralsätze hat den Wunsch nach einer Gesamtaufführung ausgelöst.«

Abb. 5: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, Konzertankündigung vom 14.12.1963

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Es ist diesen Worten anzumerken, wie schwer Friedrich Wandersleb die Kürzungen an einigen Arien gefallen sein müssen. Für die zweite Gesamtaufführung 30 Jahre danach, am 17. Dezember 2000, verteilte Kantorin Eva Schad die Kantaten 1–3 und 4–6 auf den späten Nachmittag und den Abend, dazwischen gab es einen Imbiss im Gemeindehaus.


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Abb. 6: Einladung Friedrich Wanderslebs zur Aufführung des Weihnachtsoratoriums von J. S. Bach am 15.12.1963

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Abb. 7: Plakat zur Aufführung des Weihnachtsoratoriums von J. S. Bach am 15.12.1963

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n die Aufführung des Bach’schen Weih­ nachtsoratoriums vor 50 Jahren erinnere ich mich noch sehr gut. Am deutlichsten aber habe ich die Generalprobe vor Augen: Die Wirkung der Musik, das Staunen über den Klang der Trompeten, die Atmosphäre in der fast dunklen Christuskirche sind ganz fest in meiner Erinnerung geblieben. Ich war 14 Jahre alt und sang im Schulchor der Surheider Schule, den unsere junge Musiklehrerin Inge Drescher leitete. Sie erzählte uns voller Begeisterung von ›ihrem‹ Chor, der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven und lud uns ein, bei der Generalprobe in der Christuskirche zuzuhören. Da der Eintritt nichts kostete (Taschengeld war zu jener Zeit äußerst knapp), machte ich mich auf den Weg. Das Weihnachtsoratorium kannte ich nicht, hatte es noch nie gehört. Damals gab es in meiner Familie noch kein Fernsehgerät, meine großen Brüder hatten zwar eine ›Musiktruhe‹ mit einem Schallplattenspieler, hörten aber ganz andere Musik. So saß ich nun in dem hohen, schwach erleuchteten Kirchenschiff der Christuskirche mit einigen anderen Zuhörern. Es war absolut still. Vorn im Altarraum stand der Chor, Herr Wandersleb dirigierte. Und dann begann die Musik, der Eingangschor »Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage« erklang. Solch eine Musik hatte ich bisher noch nie gehört: diese schmetternden Trompeten, die Pauken und der Chor – ich war ergriffen und überwältigt! Zu meinem großen Glück wurde der Eingangschor mehrfach geprobt.

Von Anfang an berichtete die Nordseezeitung in ausführlichen und bebilderten Vorankündigungen sowie in Rezensionen über die Aufführungen der Evangelischen Stadtkantorei. Über viele Jahre hinweg waren es zwei Rezensenten, die sich die Berichterstattung über musikalische Ereignisse in Bremerhaven teilten: Werner Steinmeier, ehemals Kapellmeister am hiesigen Stadttheater, später Musiklehrer an verschiedenen Schulen, und Hans Linder, ebenfalls Kapellmeister und

Natürlich habe ich mir dann auch das Konzert am 14. Dezember 1963 angehört. Nun war die Kirche voller Menschen, hell erleuchtet, und eine gespannte Erwartungshaltung der Besucher war zu spüren – und ich wartete auf den Eingangschor. Ich wollte eigentlich nur »Jauchzet, frohlocket« samt Pauken und Trompeten hören. Aber ich hörte das ganze Weihnachtsoratorium, die Kantaten 1 bis 3, auch die Arien! Daran kann ich mich nun wieder sehr gut erinnern, denn die Arien erforderten viel Geduld – und die hatte ich damals nicht. Aber ich habe durchgehalten! Jedes Jahr in der Weihnachtszeit wartete ich auf die Aufführung des Weihnachtsoratori­ ums, aber es wurde nicht jedes Jahr gesungen. Später dann gehörte in unsere Plattensammlung sehr schnell das Weihnachtsoratorium. Mein Mann und ich haben viele Konzerte der Kantorei besucht. 1991 trat mein Mann in die Kantorei ein, 1992 unsere Tochter Annette, und im Januar 1996 kamen auch unsere Tochter Lena und ich hinzu. So sang nun die ganze Familie in der Evangelischen Stadtkantorei. Wir haben zweimal das Weihnachtsora­ torium zusammen gesungen und als Familie die Reisen nach Skandinavien und Mallorca mitgemacht, zu dritt die Reise durch Polen und zuletzt auch die Jubiläumsfahrt in die Normandie. Die wunderbare Musik, die vielfältige Chorliteratur und die gute Chorgemeinschaft in der Kantorei möchte ich nicht mehr missen. Der Freitagabend gehört dem Chor. Edith Haisch

später Musiklehrer. Beide begleiteten die Aufführungen der Stadtkantorei mit fachkundigen Kritiken, wobei letzterer mit lobenden Worten in der Regel ein bisschen sparsamer war als ersterer. Mit der Aufführung der Kantaten 1–3 des Weih­ nachtsoratoriums am 17. Dezember 1995 – noch von ihrem Vorgänger Carsten Klomp geplant – gab Eva Schad ihren musikalischen Einstand als Leiterin der Stadtkantorei. In der Nordseezeitung lobte Hans Linder die neue Kantorin:

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Abb. 8: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, 17.12.1995; Rezension von Hans Linder in der NZ (Auszug)

Im Gemeindebrief der Christuskirche von Februrar / März 1996 brachte Bettina Praßler-Kröncke, damals Pastorin der Christuskirche, ihre solidarische Freude zum Ausdruck: »Zum ersten Mal stand eine Frau am Dirigentenpult in der Christuskirche und gab den Takt an. Es war ein ausdrucksvolles und erfrischend temporeiches Konzert.« Anlässlich der 40-Jahr-Feier erklang das Werk am 14. Dezember 2003, fast auf den Tag genau 40 Jahre nach dem Konzertdebüt der Kantorei.

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Der Chor konnte seine beiden ehemaligen Leiter, Friedrich Wandersleb und Carsten Klomp, und seine jetzige Leiterin Eva Schad jeweils in einer der drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums erleben (Abb. 9 & 10). Herr Fischer, langjähriger Pastor der Christuskirche und stimmführendes Chormitglied seit Jahrzehnten, schrieb in der damaligen Festschrift: »Ihnen gilt der Dank aller Sängerinnen und Sänger, der ehemaligen wie der jetzigen. Wir haben uns von ihnen musikalisch ›in die Obhut genommen‹ gefühlt in gleicher Weise, wie ein Schrift-

Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven

Ev.-Luth. Christuskirche Bremerhaven · Schillerstraße 1

Jahre

3. ADVENT

10.00 Uhr 17.00 Uhr

SONNTAG, DEN 1 4. DEZEMBER 2003

Festgottesdienst mit weihnachtlicher Chormusik Im Anschluß an den Gottesdienst wird zum Jubiläumsempfang in den Gemeindesaal geladen

J.S. Bach: Weihnachtsoratorium Es dirigieren die Kantoren der Christuskirche aus drei Generationen

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Friedrich Wandersleb (1963-1992)

Carsten Klomp (1992-1995)

Eva Schad Eva Schad

Sopran: Johanna Spörk · Alt: Sibylle Fischer · Tenor: Tilman Kögel · Baß: Ralf Grobe Bremerhavener Kammerorchester · Bläser des Städtischen Orchesters Bremerhaven

Mit freundlicher Unterstützung der Waldemar Koch Stiftung Abb. 9: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, 14.12.2003; Plakat des Jubiläumskonzerts

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(seit 1995)


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Abb. 10: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, 14.12.2003; Friedrich Wandersleb, Carsten Klomp, Eva Schad

Abb. 11: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, 19.12.2010 mit den Kinderchören der Christuskirche

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steller unserer Tage, Maarten ’t Hart in seinem Buch Bach und ich, seine Nähe zu J. S. Bach beschreibt: ›… der mich als Kind mit der Bearbeitung Wohl mir, dass ich Jesum habe in seine Obhut genommen hat.‹« 2010 stellte Eva Schad der ›eigentlichen‹ Aufführung des Weihnachtsoratoriums erstmals Bachs Weihnachtoratorium für Kinder voran. Für jugendliches Publikum hatte sie in langjähriger Aufbauarbeit gesorgt, umfassten ihre Kinder- und Jugendchöre doch zu dieser Zeit bereits über 70 Kinder im Alter von 4 bis 20 Jahren. Es stellte sich zudem heraus, dass die 45 Minuten der von Mi-

chael Gusenbauer gekürzten und kommentierten Fassung auch einigen älteren Menschen eher zusagen als die übliche 90 Minuten. Gefragt sind die Kinderchöre der Christuskirche jedoch nicht allein als Zuhörer: Ihren Einstand als Chorpartner der Stadtkantorei gaben sie 1999 in der Aufführung der Bach’schen Matthäus­ passion. Seitdem dürfen Kinder ab der 3.  Klasse auch das Weihnachtsoratorium mitsingen, und zwar sämtliche Choräle aller Kantaten. Mit ihren hellen Stimmen und weißen Blusen stechen sie – klanglich wie optisch – erfrischend aus der Menge der schwarz gekleideten Chordamen und -herren der Kantorei heraus (Abb. 11).

Weihnachtskonzerte Friedrich Wandersleb

15. Dezember 1963

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

16. Dezember 1965

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

16. Dezember 1969

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–6

17. Dezember 1972

Heinrich Schütz: Historia von der Geburt Christi

16. Dezember 1974

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

13. Dezember 1982

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 4–6

18. Dezember 1987

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 4–6

Eva Schad

17. Dezember 1995

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

17. Dezember 2000

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–6

Wandersleb / Klomp / Schad

14. Dezember 2003

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3 (Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen)

Eva Schad

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5. Dezember 2004

Benjamin Britten: Saint Nicolas

Felix Mendelssohn Bartholdy: Kantate Vom Himmel hoch, da komm ich her

25. Dezember 2005

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantate 5 (Rundfunkgottesdienst)

23. Dezember 2007

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

19. Dezember 2010

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

4. Dezember 2011

22. Dezember 2013

Friedrich Kiel: Der Stern von Bethlehem J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3


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Schütz – Kiel – Rutter – Britten – Mendelssohn Als weihnachtliche Komposition aus der Zeit vor J. S. Bach wurde am 17. Dezember 1972 die His­ toria von der Geburt Christi von Heinrich Schütz durch die Kantorei gesungen. Einer späteren Zeit entstammt dagegen die große Weihnachtskantate Der Stern von Bethlehem des Romantikers und Mendelssohn-Zeitgenossen Friedrich Kiel. Sie wurde am 4. Dezember 2011 gemeinsam mit John Rutters Mass of the Child­ ren aufgeführt, in der die Jugendchöre neben der Kantorei eine zentrale Rolle einnahmen.

B

Gewissermaßen als Vorgänger Rutters in punkto ›Einsatz von Kinderchören in Oratorienliteratur‹ kann Benjamin Britten gelten. Er stellt in seiner Adventskantate Saint Nicolas der Kantorei ebenfalls einen Jugendchor zur Seite, der gemeinsam mit der Orgel von der Empore herunterschallt. Brittens Oratorium erklang am 5. Dezember 2004 zusammen mit der romantischen Weihnachtskantate Vom Himmel hoch von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Passion

ereits bei der ersten Aufführung der Matthäus­ passion von J. S. Bach durch die Evangelische Stadtkantorei im Jahr 1967 wurden die Choralmelodien im Eingangschor (»O Lamm Gottes«) und im Schlusschor des ersten Teils (»O Mensch, bewein«) durch einen Kinderchor gesungen (Abb.  12). Übernahmen damals noch Schülerinnen und Schüler der Wilhelm-Busch-Schule diese Aufgabe, zu deren Proben Friedrich Wandersleb mit dem Fahrrad fuhr, so konnte er sich für die zweite Aufführung der Matthäus­passion im Jahr 1977 bereits auf die im Jahr zuvor gegründete ›Kurrende‹ der Christuskirche stützen. Dazu schrieb er im November 1981 im Gemeindebrief: »War es bis dahin (1976) mehr eine offene Singgruppe gewesen, so wurde jetzt eine geregelte Chorarbeit daraus.« Diese Arbeit hat Eva Schad bei ihrem Dienstbeginn engagiert aufgenommen und zu einer neuen Blüte gebracht. Zwar verlor sich der Name ›Kurrende‹. Die Kinder- und Jugendchöre glänzen jedoch – wie seinerzeit die Kurrende mit Werken von Carl Orff und Benjamin Britten – neben der Mitwirkung in Gottesdiensten heute mit fröhlichen und gelungenen Aufführungen von Kinder-Musicals zu biblischen und nichtbiblischen Texten. Die für die Aufführung von Brittens Kinderoper Noahs Flut im Jahr 1983 genähten schwarzen Kurrende-Kostüme sind noch heute in Gebrauch. Viele jugendliche Sängerinnen sind aus der Kinderchorarbeit in die Kantorei ›hineingewachsen‹. Dass dieses auch in der musikalischen Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist in der Kritik von Werner Steinmeier zur oben erwähnten Aufführung der Matthäuspassion zu lesen:

Abb. 12: Plakat zur Aufführung der Matthäus­passion von J. S. Bach am 19.3.1967

»Die Stadtkantorei mit ihren angeschlossenen Chören (Kurrende, Kirchenchor, Jugendchor) war schon immer ein musikalisch zuverlässiger und stimmlich ausgeglichener Vokalkörper mit erfreulich vielen Jugendlichen.« Sechsmal hat die Kantorei Bachs Matthäuspassion aufgeführt, zuerst jeweils in einem zeitlichen Abstand von etwa zehn Jahren, dann zuletzt 2007 und 2011. Für die Chormitglieder, die seit länge-

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Abb. 13: J. S. Bach, Matthäuspassion, 28.3.1999; Rezension von Dieter Strohmeyer in der NZ

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rer Zeit mitsingen, ist es eine interessante und bereichernde Erfahrung, das Werk unter jeweils anderer Leitung in verschiedener stilistischer Auffassung kennengelernt zu haben. Es lässt einen heute bisweilen schmunzeln, wie die Rezensenten der 90er Jahre versuchten, die ihnen zunächst fremde ›historisch informierte‹ Aufführungspraxis zu beschreiben, die in allen größeren kirchenmusikalischen Zentren längst etabliert war. Man lese nur Dieter Strohmeyers Kritik der Aufführung vom 28. März 1999 unter der Leitung von Eva Schad (Abb. 13)! Allerdings

waren auch Friedrich Wanderslebs Aufführungen der Matthäuspassion keineswegs von »Oratorienfeierlichkeit und aufwühlendem Sängerpathos« bestimmt; vielmehr gibt Strohmeyer seine Referenz selbst an: die Aufnahmen unter Otto Klemperer und Karl Richter aus den 50er und 60er Jahren. Bei Eibe Meiners, übrigens selbst Kantoreimitglied, hat sich das Hörverhalten schon eindeutig dem heutigen Geschmack angeglichen. So schreibt er zur Aufführung am 10. April 2011:

14  LOKALE KULTUR

Dienstag, 12. April 2011

Fesselnd Donner und Hölle beschworen Eva Schad und ihre Chöre bieten eine fesselnde Aufführung von Bachs Matthäuspassion VON EIBE MEINERS

BREMERHAVEN. Eindringlicher als mit Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion kann man den Sinn der Passionszeit kaum vermitteln. Für die Aufführung in der Christuskirche gilt dies in besonderem Maße. Kantorin Eva Schad hatte mit Mikel Connaire einen TenorLöwen für die Rolle des Evangelisten gefunden. Er nutzte die Freiräume der Rezitative, um die Höhepunkte seiner Erzählung wortdeutlich und mit hoher Gestaltungsvielfalt auszukosten. Da ist etwa Petrus, der großspurig verkündet hat, er werde sich immer zu seinem Herrn be-

kennen. Großartig erfasst Connaire die Tragik der Figur. Donnernd lässt er Petrus sich selbst verfluchen, ehe er schwört, dass er Jesus nicht kennt. Dann wird dem Apostelchef sein Scheitern bewusst. „Und ging heraus und weinte bitterlich“: Connaires Stimme ist nun ein leises Winseln, sie versiegt, er haucht Petrus aus dem Oratorium ins Nichts. Im Bass Sebastian Noack ging ein wuchtiger Jesus den Leidensweg. Tanja Aspelmeyer mit leuchtendem Sopran, der Bassist Ralf Grobe und Altistin Julie Comparini komplettierten die Solistenriege. Das Hamburger Barockor-

chester überzeugte mit Durchsichtigkeit und gestalterischer Genauigkeit. Ihre historischen Instrumente klangen gedämpfter als bei modernen Orchestern – besonders schön der samtige, intime Klang der alten Querflöten und die trübseidigen Töne der Gambe. Für die chorische Gestaltung hatte Eva Schad Stadtkantorei, Kammerchor sowie Kinder- und Jugendchöre aufgeboten – fast das komplette Vokalaufgebot der Gemeinde. Eindrucksvoll verlieh dieses Kollektiv trauernden Gläubigen, panischen Schriftgelehrten, übermütigen Spöttern und aufgehetztem Pöbel die Stimme.

Mit Urgewalt riefen die Choristen die Naturgewalten gegen den Verräter Judas an. Jeder Einsatz ein Blitz, aus den Bässen gurgelte der Donner, mit schneidenden Achteln wurde der Abgrund der Hölle beschworen. Im Wechsel schmetterten Kantorei und Kammerchor „zertrümmre“, „verderbe“, „verschlinge“, „zerschelle“ und droschen ein auf „den falschen Verräter“. Judas konnte einem leidtun. Trostvoll dann später der Grabgesang für Jesus – da hatte Eva Schad mit ihren Ensembles die ganze Bandbreite des Werks beeindruckend abgeschritten.

Abb. 14: J. S. Bach, Matthäuspassion, 10.4.2011; Rezension von Eibe Meiners in der NZ

Die zweite uns erhaltene Passionsvertonung von J. S. Bach, die Johannespassion, ist fünf Mal von der Kantorei und einmal vom Bremerhavener Kammerchor aufgeführt worden. Für die Kantorei besonders eindrücklich war die Aufführung, mit der sich Friedrich Wandersleb in einem Passi-

onsgottesdienst am Sonntag Palmarum 1992 von der Kantorei und der Gemeinde verabschiedet hat. In einer Würdigung des Wirkens von Friedrich Wandersleb schrieb Hans Linder am 21. März 1992 in der Nordseezeitung:

Abb. 15: Würdigung Friedrich Wanderslebs in der NZ vom 21.3.1992 durch Hans Linder

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B

esonders tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat sich mein erstes Konzert mit der Stadtkantorei: die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach im März 1977. Zwar hatte ich schon seit Kindertagen in Schul- und Kirchenchören gesungen, aber als Teil eines solchen ›großen‹ Chores mit berufsmäßigem Orchester und Profi-Sängern zusammen aufzutreten, war für mich damals etwas Gewaltiges. Ich weiß noch heute, wie beeindruckt ich war angesichts der voll besetzten Kirchenbänke: Wie warm mir war vor Aufregung – Nervenkitzel und Gänsehautgefühl pur! Da stand ich nun mit weißer Bluse und schwarzem langen Rock – der damaligen Chorkleidung – und war nicht nur nervös, sondern auch ein bisschen stolz, hier mit dabei zu sein zu dürfen. Als die Töne des Orchesters erklangen und wir mit einstimmten, schmolz ich förmlich dahin. Texte und Noten konnte ich auswendig, hatten wir doch unter Herrn Wandersleb überaus intensiv und lange auf dieses Konzert hingearbeitet. Mehr als ein Jahr zuvor hatten wir mit den Proben begonnen. Ich gehörte dem Kirchenchor an, als Herr Wandersleb mit Blick auf die Doppelchörigkeit des Werkes fragte, ob nicht einige von uns die Matthäuspassion mitsingen möchten. Ein verlockendes, aber auch etwas beängstigendes Angebot! Denn ich hatte großen Respekt vor der Kantorei, in der so viele Pastoren, Organisten und Lehrer vertreten waren. Doch stellte ich mich der Herausforderung. Nach jeder regulären Kirchenchorprobe wurde daraufhin noch eine halbe Stunde im kleinen Kreise weiter geprobt. Wir sechs oder sieben Frauen aus dem Kirchenchor sangen

Auch weniger bekannte Passionsvertonungen finden in den Konzerten der Stadtkantorei ihren Ort. Neben den beiden Schütz-Passionen haben besonders die Aufführungen des Passionsoratoriums Membra Jesu nostri von Dietrich Buxtehude am 21. März 1993 unter der Leitung von Carsten Klomp und am 9. April 2004 unter Eva Schads Leitung beeindruckt. Selten zu hören ist auch Georg Philipp Telemanns Matthäuspassion von 1746. Am 2. April

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der Einfachheit halber allesamt die Altstimme aus Chor I. Nach geraumer Zeit hatten wir die Choräle und Chorstücke durchgearbeitet und konnten in die Gesamtproben mit der Kantorei integriert werden. Ein wenig beklommen fühlte ich mich zunächst schon. Würde ich den Ansprüchen genügen? Aber das gute Miteinander, die gemeinschaftliche Freude an der Musik und nicht zuletzt die Probenwochenenden in Drangstedt ließen recht bald die Dämme brechen. Zugleich mit den Noten drang ich auch immer tiefer in die Worte des Evangeliums ein. Derart plastisch und hautnah wie beim Mitsingen in der Matthäuspassion hatte ich die Passionsgeschichte nie zuvor erlebt. Es ist mir noch heute gegenwärtig, wie beim Schluss­ chor ein Kloß in meinem Hals dicker und dicker wurde, meine Stimme ersticken ließ, und ich schließlich in Tränen ausbrechen musste. Danach wollte ich dabei bleiben und wuchs immer mehr in den Chor hinein. Schnell hatte ich gemerkt, dass meine anfänglichen Hemmungen vollkommen fehl am Platze waren. Die Stadtkantorei erlebte ich nicht als elitäre Gruppierung, sondern als leistungsorientierten Chor mit viel Gemeinsinn, in dem sich Freundschaften entwickelten, die weit über das Musizieren hinausgingen. Und durch unseren Chorleiter war immer auch der enge Bezug zu meiner kirchlichen Heimat, der Christuskirche, gegeben. So wurden die Chorproben zu einem festen Bestandteil meines Lebens. Fortan war der Freitagabend für anderweitige Unternehmungen tabu. Marita Westphal-Blome (seit 36 Jahren im Chor)

2010 wurde sie in einem Passionsgottesdienst zur Sterbestunde Jesu aufgeführt: Im Gottesdienst am Karfreitagnachmittag (für den selbstverständlich kein Eintrittspreis erhoben wird) steht in der Christuskirche traditionell die Kirchenmusik im Vordergrund. Telemanns Vertonung der Leidensgeschichte Jesu dauert nur eine gute Stunde – im Gegensatz etwa zu der dreimal so langen Vertonung von J. S. Bach. Gegliedert wurde die Passion durch die Predigt, wie es schon im 18.  Jahr-


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hundert üblich war. Auf solche Art wird in der Christuskirche schon seit Wanderslebs Zeiten jeder Karfreitagsgottesdienst gestaltet – zumeist allerdings durch den kleineren Kammerchor und das Bremerhavener Kammerorchester, da der Karfreitag grundsätzlich in den Ferien liegt, so dass viele Mitglieder der Stadtkantorei (gerade die zahlreichen Lehrer) verreist sind.

Eine Meditation über das Passionsgeschehen stellt auch die altkirchliche Sequenz Stabat Ma­ ter dolorosa dar. Am 23. November 1997 wurde sie in einer Vertonung von Francis Poulenc in der Christuskirche aufgeführt. Die anschließende Besprechung von Roger Matscheizik in der Nordseezeitung würdigt die Leistung des Chores angesichts der enormen Schwierigkeit des Werkes:

Abb. 16: Francis Poulenc, Stabat mater, 23.11.1997; Rezension von Roger Matscheizik in der NZ (Auszug)

Abb. 17: W. A. Mozart, Requiem, 17.11.1971

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Passionsoratorien Friedrich Wandersleb

31. März 1965

J. S. Bach: Johannespassion

19. März 1967

J. S. Bach: Matthäuspassion

7. April 1968

J. S. Bach: Johannespassion

5. März 1977

J. S. Bach: Matthäuspassion

31. März 1981

J. S. Bach: Johannespassion

12. April 1987

J. S. Bach: Matthäuspassion

22. März 1992

J. S. Bach: Johannespassion

Carsten Klomp

21. März 1993

Dietrich Buxtehude: Membra Jesu nostri

Eva Schad

I

23. November 1997

28. März 1999

18. Mai 2003

J. S. Bach: Osteroratorium

9. April 2004

Dietrich Buxtehude: Membra Jesu nostri

25. März 2005

J. S. Bach: Johannespassion

25. März 2007

J. S. Bach: Matthäuspassion

J. S. Bach: Matthäuspassion

2. April 2010

Georg Philipp Telemann: Matthäuspassion

10. April 2011

J. S. Bach: Matthäuspassion

Endzeit

n mancherlei musikalischer Gestalt hat die Evangelische Stadtkantorei die Worte des Re­ quiems erarbeitet und im Singen tiefe Eindrücke erfahren und anderen vermittelt. Auf Eva Schads Einstudierung der modernen, in einem ›Musical-nahen‹ Stil komponierten Re­ quiem-Vertonung des zeitgenössischen englischen Komponisten John Rutter (geb. 1945) waren einige ältere Chorsängerinnen und Chorsänger andeutungsweise vorbereitet. Denn bereits im Februar 1990 hatte die Evangelische Stadtkantorei zusammen mit der Bremerhavener Liedertafel und dem Opernchor im Stadttheater Bremerhaven das Requiem von Andrew Lloyd Webber (geb. 1948) aufgeführt; die Leitung hatte GMD Leo Plettner. John Rutters Kompositionsstil ist eine eigentümliche Mischung aus den Traditionen der abendländischen Kirchenmusik des 19.

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Francis Poulenc: Stabat Mater

und frühen 20. Jahrhunderts und den Tonfällen amerikanischer Unterhaltungsmusik (Jazz, Gospel, Musical). Nach einer engagierten und von spannungsvoller Erwartung erfüllten Probenzeit, führte die Kantorei Rutters Requiem am 9. November 2003 unter Eva Schads Leitung auf. Als zweites Chorwerk in diesem Konzert erklang, dem Requiem kontrastierend gegenübergestellt, Rutters nicht weniger populäres Magnificat. In der Besprechung des Konzerts in der Nordseezeitung weist Thorsten Meyer besonders auf den lichtvoll-tröstlichen Charakter der RequiemKomposition und ihrer Interpretation durch Eva Schad hin (Abb. 18). 8. Mai 1995 – vor 50 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Mit Aufführungen zweier RequiemVertonungen wurde in Bremerhaven dieses Ereignisses gedacht. Am Vorabend des Gedenktages,


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Abb. 18: John Rutter, Requiem, 9.11.2003; Rezension von Thorsten Meyer in der NZ vom 12.11.2003 (Auszug)

am 7.  Mai, erklang in der Christuskirche unter der Leitung von Carsten Klomp das Requiem von W. A. Mozart. Am 12. Mai war in der Großen Kirche unter der Leitung von Werner Dittmann das Deutsche Requiem von Johannes Brahms zu hören. Texte des jüdischen Lyrikers Paul Celan und Bilder des Krieges gaben – wie auch die Musik – dem Gedenken Worte und Raum. Mit einem Anlass wie diesem verbindet sich für manche Chorsängerin und manchen Chorsänger auch die Erinnerung an einen Gottesdienst am 9. November 1988 zum 50-jährigen Gedenken an die Reichsprogromnacht. Die Kantorei sang damals u. a. die ergreifende Motette von Johann Herman Schein: Zion spricht, der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen. Die beiden eben erwähnten Requiem-Vertonungen wurden unter der Leitung von Friedrich Wandersleb dreimal (Mozart) und zweimal (Brahms) aufgeführt. Über die Aufführung des Mozart-Requiems vom 17. November 1971 – also noch in den Anfangsjahren der Kantorei – schrieb Werner Steinmeier in der Nordseezeitung: »Die Stadtkantorei jedenfalls vollbrachte mit Mozarts ›Requiem‹ wohl ihre bisher glänzendste Leistung«.

Auch Eva Schad widmete sich beiden Werken: Das Requiem von Mozart erklang unter ihrer Leitung bereits zweimal, jedoch beide Male mit dem vor knapp 20 Jahren gegründeten Bremerhavener Kammerchor. Freilich singen im Kammerchor auch zahlreiche Kantoreimitglieder, einige von ihnen – wie heute die 18-jährige Annika Heyen oder früher Susanne und Maren Kratz – zudem auch noch im Jugendchor. So gibt es manche Choristen, die, wenn auch noch Stimmproben hinzukommen, bald täglich zu einer Probe ins Gemeindehaus kommen. Der ersten Aufführung des Mozart-Requiems 2003 folgte eine zweite am 28. Februar 2010, dieses Mal in Kooperation mit dem Ballett des Stadttheaters Bremerhavens. Der Kammerchor stand dabei hoch oben in der Apsis über dem Ballettpodest. Am 20. November 1988 sang die Kantorei zum ersten Mal das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Für den Chor war es zugleich das erste Mal, dass er ein größeres Werk der Romantik kennen lernten durfte. Eine Wiederaufnahme erfuhr das Brahms-Requiem dann am 6. November 2005 durch Eva Schad. In der Zwischenzeit durch vielfältigste Musikstile aller Epochen geübt, fiel das Werk dem Chor schon viel leichter.

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Eine beeindruckende Begegnung mit einer für den Chor neuen Klangwelt brachte die Erarbeitung des Requiems von Maurice Duruflé durch

Carsten Klomp im Jahr 1993. Die Aufführung vom 31. Oktober 1993 würdigte Hans Linder in der Nordseezeitung mit folgenden Worten:

Abb. 19: Maurice Duruflé, Requiem, 31.10.1993; Rezension von Hans Linder in der NZ vom 3.11.1993

Mit der Aufführung des Hebbel-Requiems op. 144b von Max Reger – zusammen mit den hebräischen Chichester Psalms von Leonard Bernstein – begab sich die Kantorei am 7. November 1999 erneut auf bis dahin eher ungewohntes Terrain. Angesichts der großen Zahl von Requiem-Vertonungen, vor allem aus dem 19. Jahrhundert, ist

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s ist Eva Schad im Laufe der Zeit immer wieder gelungen, auch unbekanntere Werke auszugraben, von denen manche erstmalig in Bremerhaven erklangen, wie beispielsweise die Kompositionen von John Rutter oder das War Requiem von Benjamin Britten. Für uns als Chor bedeutete dies zumeist schwere Brocken, an denen wir gehörig zu knabbern hatten – die Zahl der Extra-Proben spricht Bände! Dank Eva Schads ansteckendem Enthusiasmus (und natürlich auch unserer Mo-

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es nicht verwunderlich, dass Eva Schad dem Chor seither noch weitere Werke dieses Genres erschlossen hat, wie etwa jene von Franz von Suppé und Gabriel Fauré, die am 11. November 2007 in der Christuskirche erklangen. Dieter Strohmeyer beschrieb das Konzert in der Nordseezeitung als eindrucksvolles Musikereignis (Abb. 20).

tivation und Disziplin) ist bislang noch jedes Unternehmen zum Erfolg gworden. Sich selbst nicht schonend, führt sie dabei auch uns zuweilen bis an unsere Grenzen. Doch stets von Neuem scheinen alle Mühen vergessen und belohnt, wenn sich mit den Schlusstönen am Ende eines Konzertes das wunderbare Gefühl einstellt, gemeinsam etwas Großartiges auf die Beine gestellt zu haben! Marita Westphal-Blome


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NORDSEE-ZEITUNG

L O K A L E K U L TU R

Dienstag, 13. November 2007

Eindrucksvolles Musikerlebnis: Die Evangelische Stadtkantorei und die Kammer-Sinfonie Bremen spielen Fauré und Suppé.

Foto: map

Mit dramatischen Akzenten Requiemvertonungen von Franz von Suppé und Gabriel Fauré in der Christuskirche Von unserem Mitarbeiter Dieter Strohmeyer Bremerhaven. Franz von Suppé, sonst eigentlich nur als Komponist der Wiener Operette bekannt, schrieb seine „Missa pro defunctis“ schwer erschüttert durch den Tod seines Freundes und Förderers Franz Pokorny, Gabriel Fauré sah seine Requiemvertonung etwas gelassener mit Blick auf sein eigenes Ende, das allerdings noch etwas, nämlich 37 Jahre, auf sich warten ließ. Er wollte eine „fried- und liebevolle Musik“ schreiben „so sanftmütig wie ich selbst“. Beide Werke waren jetzt in einem Konzert der Stadtkantorei und der Kammer-Sinfonie Bremen in der Christuskirche zu hören. Fried- und sanftmütig präsentierte sich Faurés Musik, die am Sonntagabend in der Christuskirche unter Eva Schad zur Auffüh-

rung kam. Faurés „Requiem für Sopran und Baritonsolo, Chor, Orchester und Orgel“ ist – im Gegensatz zum Werk von Suppé – frei von jeder Außendramatik. Er verzichtet zum Beispiel auf das Dies irae, den Tag des Zorns, und das Tuba mirum, das himmlische Strafgericht. Die dynamischen Kontraste sind gezügelt, die Klangfarben im Bremer Orchester wirken fast impressionistisch changierend und gedämpft. Eva Schad gewinnt der Musik packende Ausdrucksmomente ab – herrlich die Abstufung der dunklen Streicher gleich zu Beginn oder die feinen klanglichen Abmischungen im „Pie Jesu“. Zudem singt der Chor in guter Staffelung und mit gestalterischem Bedacht. Diesmal sind die Männerstimmen in der Chormitte platziert und vom Sopran und Alt sozusagen umzingelt, was der allgemeinen Intonationssicherheit sehr zugute kommt. Sibylle Fi-

scher (Sopran) und Hans Lydman (Bariton) kosten das harmonische Raffinement dieser Musik in ihren Solopartien mit empfindsamem Ausdruck aus. Dramatischer und gefühlvoller und auch etwas plakativer geht es in der Musik von Franz von Suppé zu. Es zeigt sich, dass er das (Chor-)Handwerk bei Verdi und die Führung der Solostimmen bei Mozart exzellent gelernt hat. Vom fast melodramatischen Sprechgesang im Domine Jesu bis zum schwärmerischen, vom zarten Oboenklang umrankten Lacrimosa beherrscht er spielerisch alle Ausdrucksmöglichkeiten. Alles das wird vom Chor, Orchester und von den Solisten lebendig umgesetzt. Bemerkenswert die Balance der Stimmregister in den homophonen Abschnitten (Introitus), reizvoll herausgearbeitet der Kontrast der Männer- und Frauenstimmen im

Confutatis, eindrucksvoll die Sicherheit im A-cappella-Satz des Benedictus. Die Dirigentin, und das ist die Überraschung des Abends, musiziert mit dem Orchester nicht historisierend, etwa mit zurückhaltender instrumentaler Artikulation, sondern schmissig und mit kantiger Energie und beleuchtet das Geschehen mit dramatischen Akzenten. Exzellent das Soloquartett mit Sibylle Fischer (Sopran), Ann-Juliette Schindewolf (Alt), Robert Morvei (Tenor) und Nans Lydman (Bariton) in feiner Abstimmung in ihren vielen Ensemblepartien. Ann-Juliette Schindewolf mit schönem Timbre und Robert Morvei mit üppiger Durchschlagskraft ließen besonders aufhorchen. Zwischen den beiden Requiemvertonungen war noch das Adagio für Streicher von Samuel Barber zu hören. Viel Beifall in der vollbesetzten Christuskirche.

Abb. 19: Requiem-Vertonungen von Suppé und Fauré, 11.11.2007; Rezension von Dieter Strohmeyer in der NZ

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Eine der expressivsten Requiem-Vertonungen des 20. Jahrhunderts ist zweifellos das War Requiem von Benjamin Britten. Wohl jeder Leiter eines großen Chores wünscht sich, dieses monumentale Werk einmal aufführen zu können – ein in jeder Hinsicht grenzgängiges Unterfangen: Dem Chor wird ein enormes Hörverständnis abverlangt, es bedarf erheblicher finanzieller Mittel, um das groß besetzte Werk zu realisieren, und nicht zuletzt müssen zwei Orchester, zwei Chöre und drei Solisten in der Christuskirche untergebracht und koordiniert werden. Bei der Aufführung am 18. November 2012 gesellte sich der Jugendchor zur großen Orgel, das Kammerorchester – die Kammer Sinfonie Bremen unter der Leitung von GMD Stephan Tetzlaff – musizierte zusammen mit den beiden männlichen Solisten im rechten Seitenschiff, während das Städtische Orchester Bremerhaven zusammen mit der Stadtkantorei und dem Solospropran den gesamten Altarraum in Anspruch nahm (die ersten beiden Bankreihen mussten abmontiert werden). Sopransolistin war Sibylle Fischer, die – einst aus Friedrich Wanders-

Ev. - luth.

lebs Kinderchorarbeit entwachsen – nun häufig unter Eva Schads Leitung die Oratorienkonzerte der Stadtkantorei mit ihrer ausdrucksstarken Singstimme bereichert. Im Konzert vereinten sich die Leistungen aller zu einem ergreifenden Ganzen. Das Publikum honorierte die Aufführung mit Standing Ovations (Abb. 21). Durchweg erfreulich geriet die Kooperation mit dem Stadttheater Bremerhaven. Nach den vielen ›Carmina-Auftritten‹ der Stadtkantorei im Stadttheater (hinten mehr) in der ersten Jahreshälfte 2012 konnte im Gegenzug das Orchester für einen ›Dienst‹ in Anspruch genommen werden, so dass das Gesamtprojekt wirtschaftlich überhaupt erst realisierbar wurde. GMD Stephan Tetzlaff und Chorleiterin Eva Schad arbeiteten partnerschaftlich und ohne jedes Kompetenzgerangel zusammen, und das Städtische Orchester musizierte – trotz des zusätzlichen Dienstes – hochkonzentriert. Belohnt wurden die aufwändige Vorbereitung und der Einsatz aller Beteiligten u. a. durch die Rezension von Ulrich Müller (Abb. 22).

Christuskirche Bremerhaven

Bremerhaven - Geestemünde  ·  Schillerstraße 1

Sonntag 18. November 18.00 Uhr

 Eintritt

1. Kategorie : € 20,– (18,–) 2. Kategorie : € 16,– (14,–) 3. Kategorie : € 10,– (8,–) sichtbeh. : € 5,–

Kinder & Jugendliche bis 18 Jahre : € 5,– / 4,– / 3,– / 2,–

 Vorverkauf

www.bremerhaven-tickets.de Buchhandlung Hübener (Tel. 321 45) Ticket-Shop der NZ (Obere Bürger 48) Tourist-Infos: Hafeninsel und Schaufenster Fischereihafen

Benjamin Britten

WAR REQUIEM Sopran: Sibylle Fischer Tenor: Thomas Mohr Bariton: Timothy Sharp Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven Jugendchor der Christuskirche Städtisches Orchester Bremerhaven Kammer Sinfonie Bremen

LANDSCHAFTSVERBAND

DER EHEMALIGEN HERZOGTÜMER BREMEN UND VERDEN

Leitung und Einführung: Eva Schad & Stephan Tetzlaff

Abb. 21: Benjamin Britten, War Requiem, 18.11.2012; links: Plakat, rechts: Eva Schad und Stephan Tetzlaff beim Schlussapplaus

Dem Konzert vorangegangen waren eine lange und anstrengende Probenarbeit und ein musikalisch wie menschlich produktives Chorwochenende in der Freizeit- und Begegnungsstätte Oese – von Pastor Matthias Clasen (sinngemäß) kommentiert mit den Worten: »Schon erstaunlich, die Chorsänger singen freiwillig ohne Murren drei Tage lang nur Dissonanzen«. Einen sehr persönlich gefärbten Bericht von seinen Erfah-

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rungen mit dem War Requiem gibt Petrus Klan in der Sparte ›Berichte‹ (Mein War Requiem und mein Nagelkreuz von Coventry). Schließlich soll noch eine Komposition erwähnt werden, die der Gattung Requiem nahesteht und der sich Friedrich Wandersleb (1979) und Carsten Klomp (1994) engagiert angenommen haben: die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz.


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LOKALE KULTUR

Dienstag, 20. November 2012

Verdienter Beifall für Chöre und Orchester: Mehr als 170 Musiker gestalteten die Aufführung des expressiven „War Requiems“, das Benjamin Britten Foto pr vor 50 Jahren zur Neueinweihung der kriegszerstörten und wiedererrichteten Kathedrale von Coventry geschrieben hat.

Immer tönt die Totenglocke Ergreifende Aufführung des „War Requiems“ von Benjamin Britten in der Christuskirche VON ULRICH MÜLLER

BREMERHAVEN. Die Sängerinnen und Sänger in der hintersten Reihe mussten unbedingt schwindelfrei sein, bei Benjamin Brittens „War Requiem“ wurde es eng in der Geestemünder Christuskirche. Die Chöre auf einem hoch aufragenden Podest und der Empore, zwei Orchester und rund 550 Zuhörer: Das Konzert am Sonntagabend war in jeder Hinsicht ein beeindruckendes Erlebnis.

Zwei Musikfreunde, eine Idee – schon seit einigen Jahren beschäftigten sich Kreiskantorin Eva Schad und Generalmusikdirektor (GMD) Stephan Tetzlaff mit dem Plan, das dem Gedenken an die Kriegstoten gewidmete Ausnahmewerk des britischen Komponisten gemeinsam zu bewältigen. 50 Jahre nach der Uraufführung

in der durch deutsche Bomben zerstörten und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebauten Kathedrale von Coventry war es soweit, formierte sich die 90-köpfige Evangelische Stadtkantorei, scharten sich die 16 Sängerinnen des Jugendchors um die Orgel. Dazu kamen die 65 Musiker des Städtischen Orchesters und der Kammer-Sinfonie Bremen, als letzte nahmen die Solisten Sibylle Fischer (Sopran), Thomas Mohr (Tenor) und Timothy Sharp (Bariton) ihre Plätze ein. Eine kurze Einführung mit Klangbeispielen, dann wurde das vielschichtige Werk hochkonzentriert musiziert. Eva Schad dirigierte dabei die Musiker vom Stadttheater und die Stadtkantorei, die zusammen mit der Sopranistin für den liturgischen Teil der

Messe zuständig waren. GMD Tetzlaff dagegen leitete die kleinere Kammer-Sinfonie und die beiden männlichen Solisten, die ganz diesseitig mit Vertonungen von Wilfred Owens Gedichten vom Inferno, Chaos und Leid des Krieges sangen. „Welche Glocke schlägt denen, die man schlachtet wie Vieh?“, antworteten sie auf das einleitende „Ewige Ruhe gewähre ihnen, Herr“ des großen Chors – die Abstimmung funktionierte perfekt.

Mutter beweint ihr Kind Schroffe Passagen wechselten so mit ergreifenden lyrischen Momenten, die Bläser riefen gleichsam zu den Waffen, die Mutter beklagte den Tod des Kindes. Immer wieder war die Totenglocke zu hören, schlug die Trommel im

Marschrhythmus, sorgten Streicher und Bläser für fesselnde Dramatik. Und über allem schwebten von der Empore aus die reinen Stimmen des Jugendchors, der sich dem hohen Niveau der bewegenden Aufführung nahtlos anpasste. Am Ende siegt in Brittens „War Requiem“ doch noch die Versöhnung über die Schrecken des Krieges: „Lass uns nun schlafen…“, tönte es vielstimmig durch die Christuskirche. Die Glocken läuteten, die Akteure und das Publikum schwiegen und sammelten sich. Erst danach setzte der langanhaltende, stehende Applaus ein, den dieses Konzert und all seine Mitwirkenden, besonders aber Eva Schad und Stephan Tetzlaff unbedingt verdient hatten.

Abb. 22: Benjamin Britten, War Requiem, 18.11.2012; Rezension von Ulrich Müller in der NZ

­ -capella-Werke wie dieses haben der Kantorei A immer wieder Gelegenheit gegeben, die Kultur

des unbegleiteten Chorgesangs zu proben und unter Beweis zu stellen.

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Ko n z e rt E

Requiem-Aufführungen Friedrich Wandersleb

17. November 1971

W. A. Mozart: Requiem

18. November 1979

Heinrich Schütz: Musikalische Exequien

14. März 1982

20. November 1988

17. März 1991

24. November 1991

W. A. Mozart: Requiem Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem W. A. Mozart: Requiem Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

Carsten Klomp

31. Oktober 1993

6. November 1994

7. Mai 1995

Maurice Duruflé: Requiem Heinrich Schütz: Musikalische Exequien W. A. Mozart: Requiem

Eva Schad Max Reger: Hebbel-Requiem op. 144b Leonard Bernstein: Chichester Psalms

7.November 1999

9. November 2003

John Rutter: Requiem

5. November 2005

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

11. November 2007

Franz von Suppé: Requiem Gabriel Fauré: Requiem

18. November 2012

Benjamin Britten: War Requiem

Messen Gelebte Ökumene

E

ine Messe als musikalische Gattung ist im ursprünglichen Sinn Musik für den Gottesdienst. Es hat für die Evangelische Stadtkantorei neben konzertanten Aufführungen immer wieder auch Gelegenheiten gegeben, eine Messe im Gottesdienst zu singen. Das Erlebnis ökumenischer Verbundenheit mit den katholischen Kirchengemeinden in Bremerhaven ist von den Chormitgliedern – und nicht nur von ihnen – als bereichernd und beglückend empfunden worden. Am 22. Juni 1986 sang die Evangelische Stadtkantorei unter Friedrich Wanderslebs Leitung die Messe in G-Dur von Franz Schubert in der HerzJesu-Kirche Lehe. Diesem Anlass vorangegangen war eine Aufführung der Missa secunda von Hans Leo Hassler am 13. Juni 1982. Es folgte im Jahr 1989 die Krönungsmesse von W. A. Mozart.

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Diese Tradition ist bis heute kontinuierlich weitergeführt worden. Carsten Klomp wiederholte das zunächst in der Christuskirche aufgeführte Duruflé-Requiem am 1. November 1993 in einem lateinischen Hochamt der Herz-Jesu-Kirche Lehe, nunmehr in einer Fassung für Chor und Orgel. Unter der Leitung von Eva Schad wurde in derselben Kirche am 16. Mai 1999 die Missa brevis St. Joannis de Deo von Joseph Haydn gesungen, nachdem sie 14 Tage zuvor am Sonntag Kantate im Gottesdienst der Christuskirche aufgeführt worden war. Auch die Missa brevis in G von W. A. Mozart erfuhr mehrere solcher Aufführungen: erstmals beim offenen Chorprojekt ›Kantate zum Mitsingen‹ am 19. November 2006 gemeinsam mit der Kantate Wer nur den lieben Gott lässt wal­ ten von J. S. Bach, ein weiteres Mal beim ersten


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ökumenischen offenen Chorprojekt ›Messe zum Mitsingen‹ am 11. Februar 2012 zuerst in der Herz-

Jesu-Kirche Geestmünde und am Folgetag in der Christuskirche.

Bach: h-Moll-Messe

Abb. 23: J. S. Bach, h-Moll-Messe, 31.3.1974; Konzertankündigung in der NZ

Die h-Moll-Messe von J. S. Bach nun übersteigt den Rahmen einer gottesdienstlichen Aufführung bei Weitem. Außerdem bedeutet sie für den Chor jedes Mal von Neuem eine Herausforderung, die zu bewältigen viel Vorbereitungszeit erfordert. Die meisten Oratorienaufführungen wurden seit den 70er Jahren im Freizeitheim Drangstedt intensiv vorbereitet; für die Aufführung der ­h-Moll-Messe im November 2002 unter der Leitung von Eva Schad unternahm die Kantorei erstmals eine viertägige Chorfreizeit in den Harz. Auf die besonderen Anforderungen des Werkes verweist auch die Rezension der ersten Aufführung durch die Stadtkantorei im Jahr 1974. Damals schrieb Willy Peter in der Nordsee-

zeitung, es sei »verständlich, daß (bis 1974) als einzige Darbietung des vollständigen Werkes in Bremerhaven nur eine Aufführung durch eine Bremer Chorvereinigung vor dem ersten Weltkrieg zu melden ist.« In der Besprechung heißt es weiter: »Welches war nun das Interpretationskonzept von Kantor Wandersleb? Der Einstellung unserer Zeit folgend, bevorzugte er durchweg frische Tempi und vermied das sentimentale Romantisieren früherer Generationen; mit einer Ausnahme; ›Et in terra pax‹ geriet wohl etwas zu gefühlsbetont. Dagegen blieb der optimistische Grundzug dieser Musik in den freudigen Sätzen gewahrt

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(Gloria und Osanna). Dem innig vorgetragenen ›Incarnatus‹, der geistigen Mitte dieser Messe und dem Fundament christlichen Glaubens, setzte er im ›Kyrie‹ und ›Crucifixus‹ menschliches Leid und im ›Confiteor‹ den Jubel des erlösten Menschen entgegen. Der ausgezeichnet vorbereitete Chor, die Solisten und das Domkammerochester Bremen waren ihm hierbei verläßlich Helfer.« Zwischen der letzten von Friedrich Wandersleb dirigierten Aufführung im Jahr 1985 und der im Jahr 2002 von Eva Schad geleiteten lagen immer noch 17 Jahre. Über die Aufführung vom 3. November 2002 auf historischen Instrumenten schrieb Thorsten Meyer in der Nordseezeitung: »Viel wird in der Bachforschung darüber gestritten, ob die Messe ein zusammenhängendes Werk oder ›nur‹ die Summe brillanter Einzelteile ist. Eva Schad hielt mit ihren Mitstreitern ein flammendes Plädoyer für die h-Moll-Messe als Gesamtkunstwerk.

Die Analytiker mögen sich an der verschlungenen Welt der inhaltlichen Aspekte, die Bachs Musik in jeder Nuance transportiert, erfreuen, in der Christuskirche erschloss sich das Werk schon allein durch den Klangreichtum, den die Beteiligten zu entfalten verstanden. Allen voran die Evangelische Stadtkantorei. Bach nahm beim Komponieren keine Rücksicht auf sängerische Grenzen. Melodisch vertrackt in den Einzelstimmen und harmonisch diffizil im Zusammenklang ist jedes Chorstück der Messe ein neuer Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Doch schon im Kyrie zeigte die Kantorei, dass sie die Herausforderung annahm. Warm und klar in der Tongebung, mit feiner Binnendynamik und präziser Phrasierung schwangen sie sich unbeirrt durchs Klanggeschehen. Allein diese Leistung in diesem einen Stück hätte für ein ganzes Konzert genügt.« Am 10. November des Jubiläumsjahres 2013 wird die h-Moll-Messe ein weiteres Mal in der Christuskirche erklingen.

Messen von Mozart bis Rutter

Abb. 24: W. A. Mozart, c-Moll-Messe, 16.6.1996; Rezension von Thomas Rogalla in der NZ

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Auch mehrere Messen W. A. Mozarts hat Eva Schad mit der Kantorei erarbeitet: Während die ­c-Moll-Messe (sie wurde von Eva Schad schon zweimal aufgeführt, am 16. Juni 1996 und 10 Jahre später am 19. März 2006) und die Krönungsmesse (sie erklang am 30. Dezember 2001 zusammen mit den Vesperae solennes de Confessore) eher konzertante Werke sind, erklang die Missa brevis in G, wie bereits berichtet, in verschiedenen Gottesdiensten und Messfeiern. Erst im letzten Jahrzehnt hat die Stadtkantorei auch Messkompositionen des 19. Jahrhunderts in ihr Repertoire aufgenommen. Besonders ereignisreich war die Aufführung der As-Dur-Messe von Franz Schubert zusammen mit der Theresien­ messe von Joseph Haydn am 27. Juni 2004, dem Tag der Geburt von Eva Schads Tochter Felicitas.

Ihr Mann, Folker Froebe, der sie für die Zeit des Mutterschutzes vertreten hatte, übernahm die Endproben und das Konzertdirigat, Eva Schad selbst hatte sich für den (notfalls verzichtbaren) Orgelpart vorgesehen. Als sie während der Generalprobe plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, wusste jeder, dass es bis zur Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr weit sein konnte. Am Folgetag saßen die junge Mutter und die erst wenige Stunden alte Felicitas just zum Konzertbeginn im Publikum, was das Interesse der Chorsänger am Geschehen im Kirchenschiff ungemein steigerte. Einige Jahre später, am 7. November 2010, folgte noch die Messe von Robert Schumann, die Dieter Strohmeyer in der Nordseezeitung besprach:

14  LOKALE KULTUR

Dienstag, 9. November 2010

Für Schumann ins Zeug gelegt Evangelische Stadtkantorei führt unter Eva Schad in der Christuskirche die späte Messe auf VON DIETER STROHMEYER

BREMERHAVEN. Drei Werke von hohem Anspruch hatte Kreiskantorin Eva Schad für ihr romantisches Programm zum Schumann-Jahr ausgewählt. Die Ev. Stadtkantorei und die Kammer-Sinfonie Bremen zeigten sich dem gewachsen. Die Hörer in der sehr gut besuchten Christuskirche in Geestemünde erlebten ein überaus bewegendes Konzert.

Den Auftakt machte – ein Nachklang zum Reformationstag – die mitunter recht kantige „Reformationssinfonie“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Komponist schrieb 1838 an einen Freund: „Die Reformationssinfonie kann ich nicht mehr ausstehen, möchte sie lieber verbrennen, sie soll niemals herauskommen.“ Zum Glück hat er sie nicht verbrannt, und 30 Jahre später wurde die

Sinfonie posthum doch veröffentlicht. Zumindest für die beiden ersten Sätze ist Mendelssohns Selbstkritik kaum nachvollziehbar. Die Kammer-Sinfonie Bremen gab ihr mitreißenden Fluss und eine erstaunliche Brillanz. Nach der zart-schwebenden Einleitung setzte die Dirigentin auf straffen musikantischen Zugriff und gab auch den kniffligen kontrapunktischen Verstrickungen Kontur. Das Scherzo, das oft als Fremdkörper in dem Werk empfunden wird, nahm sie im Tempo moderat und anmutig. Die Holzbläser trumpften solistisch herrlich auf. Die Bearbeitung des Luther-Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“ im Finale wirkt eher etwas gewollt, aber Eva Schad fand auch hier das rechte Maß.

Als musikalischer Höhepunkt des Abends erwies sich die Darbietung von drei Liedern, die Gustav Mahler auf Texte von Friedrich Rückert komponiert hat. Hier hatte Sopranistin Sibylle Fischer einen grandiosen Auftritt. Mit exzellenter Atemkontrolle und strahlend aufblühender Höhe fühlte sie sich bewundernswert in den Geist und die Stimmung dieser Gesänge ein.

Außerordentliche Sopranistin In „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ gelang ihr ganz ausgezeichnet die Gestaltung der scheinbar zwanglos sprechenden und doch in den Instrumentalpart eingeschmolzenen Gesangslinie. Eine außerordentliche Darbietung! Dann kam das unbekannteste Werk des Abends, doch die Ev.

Stadtkantorei setzte die lange verkannte und erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckte Missa sacra op. 147 von Robert Schumann so souverän um, als hätte diese Musik eine lückenlose Aufführungstradition hinter sich. Der Chor legte sich für Schumann kraftvoll und ausgewogen ins Zeug, bewährte sich vor allem im vielschichtigen Sanctus, in dem der Text vielfältig gewendet wird und immer neue musikalische Einkleidungen erfährt. Fein ausgearbeitete Nuancen wurden hörbar, etwa die emotionalen Wechsel im Gloria („Miserere nobis“) oder im zart intonierten Agnus Dei. Von besonderer Wirkung das ganz auf kammermusikalische Feinheit getrimmte Offertorium, auch hier mit einer gedankentiefen Durchdringung des Textes durch die Solistin.

Abb. 25: Robert Schumann, Missa sacra, 7.11.2010; Rezension von Dieter Strohmeyer in der NZ

Mit der Glagolitischen Messe von Leoš Janácˇek erarbeitete der Chor erstmals eine Messe der frühen Moderne. In drei Sinfoniekonzerten am 27., 28. und 29. April 1998 wurde sie von der Stadtkantorei zusammen mit dem Opernchor und dem Orchester des Stadttheaters aufgeführt; die Leitung hatte der damalige GMD Leo Plettner. John Rutter entstammt der typisch englischen Chortradition. In seiner 2003 uraufgeführ-

ten Mass of the Children spielt ein dreistimmiger Kinderchor eine gewichtige und eigenständige Rolle neben dem großem Chor. Die Stadtkantorei führte das ebenso großbesetzte wie klangschöne Werk zusammen mit den Jugendchören der Christuskirche am 4. Dezember 2011 erstmals in Bremerhaven auf. Mit auf dem Programm stand das selten zu hörende Weihnachtsoratorium von Friedrich Kiel.

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Messen in Konzerten und Gottesdiensten Friedrich Wandersleb

31. März 1974

J. S. Bach: h-Moll-Messe

26. März 1979

J. S. Bach: h-Moll-Messe

13. Juni 1982

30. Oktober 1983

20. Mai 1984

12. Oktober 1985

22. Juni 1986

1989

Februar 1990

Hans Leo Hassler: Missa secunda J. S. Bach: Magnificat J. S. Bach: Messe in A-Dur (Kyrie, Gloria) J. S. Bach: h-Moll-Messe Franz Schubert: Messe in G-Dur W. A. Mozart: Krönungsmesse Ludwig van Beethoven: Messe in C-Dur im Sinfoniekonzert des Stadttheaters (Einstudierung: Friedrich Wandersleb)

Eva Schad

16. Juni 1996

W. A. Mozart: c-Moll-Messe

15. Juni 1997

J. S. Bach: Messe in F-Dur (Kyrie)

27., 28 und 29. April 1998

16. Mai 1999

27. Februar 2000

30. Dezember 2001

28. April 2002

3. November 2002

Leoš Janácˇek: Glagolitische Messe im Sinfoniekonzert des Stadttheaters (Einstudierung: Eva Schad) Joseph Haydn: Missa brevis St. Johannis Marc-Antoine Charpentier: Te Deum W. A. Mozart: Krönungsmesse W. A. Mozart: Missa brevis in G J. S. Bach: h-Moll-Messe

Folker Froebe

27. Juni 2004

Franz Schubert: As-Dur-Messe Joseph Haydn: Theresienmesse

Eva Schad

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W. A. Mozart: c-Moll-Messe

19. März 2006

19. November 2006

W. A. Mozart: Missa brevis in G

21. Dezember 2008

Francis Poulenc: Gloria John Rutter: Gloria

7. November 2010

Robert Schumann: Messe

4. Dezember 2011

John Rutter: Mass of the Children

12. Februar 2012

10. November 2013

W. A. Mozart: Missa brevis in G J. S. Bach: h-Moll-Messe (Jubiläumskonzert zum 50-jährigen Bestehen)


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Cantica und Psalmen Magnificat-Vertonungen

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er wohl meistkomponierte biblische Text ist das Magnificat (»Meine Seele erhebt den Herrn«), der psalmenartige Lobgesang der Maria (Lk 1, 46–55). So wie der Text des Messordinariums zum Hauptgottesdienst gehört, so hat das Magnificat seinen festen Ort im Nachmittagsgottesdienst, der Vesper. Es wurde ursprünglich als schlichter Wechselgesang im Psalmton rezitiert, später auch konzertant vertont. Die Evangelische Stadtkantorei hat das Magni­ ficat von J. S. Bach drei Mal gesungen. Im Jahr 1975 geschah dies zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Christuskirche, jener Kirche also, in der die Stadtkantorei ihren wichtigsten Proben- und Aufführungsort hat. Die Aufführung des Jahres 1983 hatte darin ihr Besonderes, dass zum ersten Mal eine bekannte Solistin aus der damaligen DDR, Adele Stolte, die Sopranpartie sang. Im Nachhi-

nein kann dies als einer von vielen unspektakulären Schritten auf dem Weg hin zur deutschen Wiedervereinigung gesehen werden. Die Aufführung von 1996 unter der Leitung von Eva Schad musste in der Pauluskirche stattfinden, da in der Christuskirche eine neue Heizung eingebaut wurde – nicht unwichtig für Chor und Zuhörer. Eine vierte Aufführung des Magnificats am 9. Dezember 2012 ergab sich aus einer erneuten Kooperation mit dem Ballett des Stadttheaters Bremerhaven und Ballettchef Sergei Vanaev. Gesungen wurde sie dieses Mal vom Bremerhavener Kammerchor: Für sechs Tänzer, Solisten, Orchester und die gut 100-köpfige Stadtkantorei böte die Christuskirche nicht genügend Raum. Eine Vertonung aus unseren Tagen erfuhr mit John Rutters Magnificat am 9. November 2003 eine mitreißende Aufführung:

Abb. 26: John Rutter, Magnificat, 9.11.2003; Rezension von Thorsten Meyer in der NZ (Auszug)

Zur Liturgie der Vesper gehören außer dem Ma­ gnificat noch weitere Cantica und Psalmen. Eine vollständig durchkomponierte Vesper schuf Mo-

zart mit seinen Vesperae solennes, die der Chor zusammen mit der Krönungsmesse am 30. Dezember 2001 zu Gehör brachte.

Magnificat-Aufführungen Friedrich Wandersleb

15. November 1975

J. S. Bach: Magnificat

30. Oktober 1983

J. S. Bach: Magnificat

Eva Schad J. S. Bach: Magnificat

8. Dezember 1996

30. Dezember 2001

W. A. Mozart: Vesperae solennes

29. November 2003

John Rutter: Magnificat

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Händel – Mendelssohn – Elgar – Bernstein Eine britische Besonderheit ist das Anthem, eine mehrsätzige Psalmenkantate. Mehrere Anthems von G. F. Händel, darunter das bekannte Zadok the Priest, standen auf dem Programm eines Konzerts am 18. Mai 2003, zusammen mit Bachs Oster­oratorium und der Bach-Kantate Der Friede sei mit dir. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys symphonischer Kantate Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser (Psalm 42) erklang am 31. Oktober 1993 unter der Leitung Carsten Klomps eine deutschsprachige Psalmvertonung des 19. Jahrhunderts in der Christuskirche.

Bei Edward Elgar denkt man sofort an seine berühmteste Komposition, den Pomp and Circumstance-Marsch, der alljährlich die ›Last Night of the Proms‹ als glanzvolles Schlussstück krönt. In einem Konzert zur Sail am 26. August 2010 erklang das Stück außer in der orchestralen Originalfassung als Zugabe noch ein zweites Mal mit Chor (»Land of Hope and Glory«). Im Zen­ trum dieses Konzerts aber standen drei geistliche Chorwerke Elgars: Die Anthems Great is the Lord und Give unto the Lord sowie Elgars Te deum sind üppigste englische Chorromantik und ließen die Herzen der Zuhörer höher schlagen.

Abb. 27: Plakat des Oratorienkonzerts zur Sail am 26.8.2010

Die Aufführung von Leonard Bernsteins rhythmisch vertrackten Chichester Psalms in hebräischer Sprache stellte den Chor vor neue Herausforde-

rungen. Zusammen mit Bernsteins dreisätziger Chorsymphonie erklang am 7. November 1999 das Hebbel-Requiem von Max Reger.

Aufführungen von Psalmvertonungen Carsten Klomp

31. Oktober 1993

Felix Mendelssohn Bartholdy: Der 42. Psalm Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser

Eva Schad

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7. November 1999

18. Mai 2003

26. August 2010

Leonard Bernstein: Chichester Psalms G. F. Händel: Anthems, u. a. Zadok the Priest Edward Elgar: Anthems Great is the Lord und Give unto the Lord, Te Deum


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Kantaten und Rundfunkgottesdienste

eit Ende der 60er Jahre hat die Stadtkantorei jährlich an einem Rundfunkgottesdienst, der von Radio Bremen übertragen wurde, mitgewirkt. Meistens wird in diesen Gottesdiensten eine Bach-Kantate zum Sonntag der entsprechenden Kirchenjahreszeit gesungen. Diese Tradition ist über 50 Jahre hinweg bestehen geblieben, so dass die Stadtkantorei über ein reiches Repertoire an Bach-Kantaten verfügt – neben oratorischen Kompositionen in Kantatenform, wie dem Weih­ nachtsoratorium und dem Osteroratorium Johann Sebastian Bachs. Zu den festen jährlichen Einrichtungen gehört auch – von Friedrich Wandersleb begonnen, von Eva Schad fortgeführt und weiterentwickelt –

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das offene Chorprojekt ›Kantate zum Mitsingen‹. Es bietet musikalisch Interessierten die Möglichkeit, zusammen mit Sängerinnen und Sängern der Stadtkantorei an nur einem Wochenende eine Kantate einzustudieren und im Sonntagsgottesdienst aufzuführen. Im Anschluss an ein solches Projekt haben immer wieder Sängerinnen und Sänger als neue Mitglieder zur Kantorei gefunden. Neben Werken Johann Sebastian Bachs und Dietrich Buxtehudes standen wiederholt auch Kantaten des 19. Jahrhunderts auf dem Programm, so etwa am 5. Dezember 2004 die unverkennbar am Bach’schen Vorbild geschulte Kantate Vom Himmel hoch von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Oratorien

ie Evangelische Stadtkantorei wurde 1963 ausdrücklich als »Chor für Oratorien und große Kirchenmusik« gegründet. Neben den bereits erwähnten Weihnachts- und Passions-

oratorien hat die Kantorei immer wieder auch die großen biblischen Oratorien von Händel bis ­Honegger zur Aufführung gebracht.

Georg Friedrich Händel: Der Messias und andere Oratorien »Singen Sie kammermusikalisch«: So verdeutlichte Carsten Klomp den Chorsängerinnen und Chorsängern seine Vorstellung, wie Händels Mes­ sias zu singen sei. Am 6. Dezember 1992 dirigierte er den Messias zum Antritt seiner 3 ½ Jahre währenden Amtszeit als Kreiskantor des Kirchenkreises Bremerhaven. In seiner Besprechung (Abb.  28) würdigt Werner Steinmeier das »glanzvolle« Konzert als Frucht der »jahrelange[n] Aufbauarbeit« Friedrich Wanderslebs und der Qualitäten seines noch jungen Amtsnachfolgers Carsten Klomp (es war die letzte Kritik über eine Aufführung der Kantorei aus seiner Feder, er starb im März 1993): Die Aufführung des Messias am 13. Dezember 1998 unter der Leitung von Eva Schad brachte eine ganze Reihe an Neuerungen. Der Chor sang das Oratorium erstmals in der englischen Originalsprache. Das ›Hamburger Barockorchester‹ spielte auf historischen Instrumenten, d. h. auf Nachbauten originaler Instrumente der Barockzeit und in ›alter‹, um einen Halbton tiefer liegender Stimmung. Die Chorsängerinnen und

Chorsänger lernten beim Singen unter anderem das ›Schwer – Leicht‹ der Silbenbetonung zu beachten. In diesem Bemühen um eine ›historisch informierte‹ Aufführungspraxis wird der Generationenwechsel spürbar, der sich mit Leitung der Kantorei durch Eva Schad vollzogen hatte. Hatte Werner Steinmeier in seiner Rezension der Messias-Aufführung von 1992 noch die Kontinuität zwischen den Interpretationsansätzen Friedrich Wanderslebs und Carsten Klomps hervorgehoben, so arbeitet Dieter Strohmeyer das ›Neue‹ der Messias-Interpretation Eva Schads heraus (Abb. 29). Neu war es auch, dass Eva Schad den Messias auf die Kantorei und den Bremerhavener Kammerchor aufteilte: Die großen Chöre wurden von der Kantorei gesungen, während sie die eher kammermusikalischen und fugierten Teile dem Kammerchor zusprach – angesichts der von Eva Schad gewählten Tempi eine sinnvolle Entscheidung. Mit zunehmendem Alter und vielleicht auch in Folge der Geburt ihrer zwei Kinder Felicitas (2004) und Jakob (2007) wurden ihre Tempi

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Abb. 28: Händel, Der Messias, 8.12.1992; Rezension von Werner Steinmeier in der NZ (Auszug)

ruhiger, und auch die Art und Weise des Musizierens nahm einen kleinen Wandel. Bei der zweiten Aufführung des Messias unter Eva Schads Leitung

am 13. Dezember des Händel-Jahres 2009 sang die Kantorei wieder alle Teile selbst – eine Spur langsamer, aber nicht weniger lebendig.

Abb. 29: G. F. Händel, The Messiah, 13.12.1998; Rezension von Dieter Strohmeyer in der NZ (Auszug)

Neben dem Messias hat sich die Kantorei auch Händels doppelchörigem Oratorium Israel in Egypt angenommen, das am 8. Oktober 2006 in der Christuskirche erklang. In diesem Werk – von den Zeitgenossen seines hohen Choranteils wegen geschmäht, von den Späteren aus gleichem Grunde hochgeschätzt – erzählt Händel in zahlreichen Volks- und Massenchören von den zehn Plagen und dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Zwei Jahre zuvor hatte der Bremerha-

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vener Kammerchor bereits das Oratorium Saul aufgeführt – von Eva Schad nur wenige Tage vor Beginn ihres Mutterschutzes mit dickem Bauch vom Hochstuhl aus dirigiert. Am 22. Februar 2009 schließlich, zu Händels 250. Todesjahr, verbanden Eva Schad und der ehemalige Stadttheater-Intendant Dr. Dirk Böttger einige der schönsten Oratorienchöre mit Texten von und über Händel zu einem ›Rundumbild‹ des Orpheus des Barock.


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Aufführungen von Händel-Oratorien Friedrich Wandersleb

16. November 1980

Der Messias

25. November 1984

Der Messias

Carsten Klomp

6. Dezember 1992

Der Messias

Eva Schad The Messiah

13. Dezember 1998

22. Februar 2006

Orpheus des Barock – Oratorienchöre von G. F. Händel

8. Oktober 2006

Israel in Egypt

13. Dezember 2009

The Messiah

Joseph Haydn: Die Schöpfung Nachdem die Kantorei 1999 in der Aufführung einer Missa brevis von Joseph Haydn mit der Tonsprache dieses Komponisten in Berührung gekommen war, konnte der Chor im Jahr darauf in der Einstudierung des Oratoriums Die Schöp­ fung durch Eva Schad ein großes Chorwerk von Haydn kennen lernen. Etwas reißerisch klingt die Überschrift zur Rezension der Aufführung vom 9. Juli 2000 in der Nordseezeitung: »Brüllender Löwe und schneller Tiger – Haydns ›Schöpfung‹ in der Christuskirche« (Abb.  30). Aber es hat dem Chor und den Zuhörenden schon Freude gemacht, die so köst-

lich anschaulichen Wetter- und Tierportraits in Haydns Schilderung des Paradieses zu singen und zu hören! Schließlich wurde im Jahr 2009 in Bremen der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag gefeiert. Auch Bremerhaven wollte einen musikalischkulturellen Beitrag leisten, und so erklang Die Schöpfung, passend zum Motto des Kirchentages »Mensch, wo bist du?«, am 23. Mai 2009 erneut in der Christuskirche – dieses Mal begleitet vom eigenen Bremerhavener Kammerorchester, was für die engagierten Laienmusiker ein großes Stück Arbeit war.

Mendelssohn: Elias, Paulus und ›Lobgesang‹ Am 21. Oktober 2001 – die Erschütterung über die schrecklichen Terroranschläge des 11. September auf das World Trade Center in New York war allen noch nahe – sang die Kantorei unter der Leitung von Eva Schad das Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy. Ob sich beim Singen oder Hören dieses Oratoriums in Gedanken Musik und Weltgeschehen berührten, wird jede und jeder anders empfunden haben. Die Musik ist offen dafür, zumal die Musik von Mendelssohns Elias in ihrer musika-

lisch-dramatischen Darstellung von Naturgewalt und Menschengewalt. »Im Oratorium ›Elias‹ bebt die Erde«, titelte die Nordseezeitung. Die Besprechung von Dieter Strohmeyer lässt erkennen, dass es in der Musik nicht nur die Erde ist, die bebt, sondern dass es um den »von Zweifeln, Ängsten und Irritationen geprägte[n] Mensch[en]« geht, heute wie damals (Abb. 31). Nicht weniger dramatisch komponierte Mendelssohn seinen Paulus, den die Kantorei am 9. November 2008 zur Aufführung brachte.

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Abb. 30: Joseph Haydn, Die Schรถpfung, 9.7.2000; Rezension in der NZ

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Im Oratorium ›Elias‹ bebt die Erde […] Sie hat den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy eindrucksvoll gegen alle Klischees der Glätte, Oberflächlichkeit und Sentimentalität verteidigt. Damit hat sie bewiesen, dass er gleichfalls kraftvoll und innovativ komponierte. Er lebte […] nicht nur glücklich dahin, sondern war ein von Zweifeln, Ängsten und Irritationen geprägter Mensch. Das war wohl das Verständnis Eva Schads, das weit von jeder frömmelnden Interpretation entfernt ist […]. Und so kam in einer turbulenten Ausgestaltung durch Chor und Orchester auch

der Aufruhr der Naturelemente zum Zuge, das Zerreißen des Himmels, das Beben der Erde, das Zerbrechen der Felsen. Dem standen – etwa im Doppelquartett oder in der langen Wiedereweckungsepisode – in beeindruckender Steigerung Szenen einer zart empfundenen romantischen Religiösität gegenüber. Der Dirigientin halfen bei dieser Gradwanderung ein gut disponierter und einstudierter Chor und vorzügliche Solisten. Der Chor war bei dieser stürmischen Auslegung extrem gefordert. […] Eindrucksvoll die Zuverlässigkeit und Präzision der Einsätze […].

Abb. 31: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Elias, 21.10.2001; Rezension von Dieter Strohmeyer in der NZ vom 24.10.2001 (Auszug)

Felix Mendelssohn Bartholdy starb am 4. November 1847 im Alter von nur 38 Jahren. Mit der Aufführung seiner 2. Symphonie Lobgesang am 15. Juni 1997 in der Christuskirche unter der Leitung

von Eva Schad sollte seines Todesjahres vor 150 Jahren gedacht werden. In diesem Konzert kam zum ersten Mal ein neues Chorpodest zum Einsatz.

Oratorienaufführungen (außer Händel) Friedrich Wandersleb

14. Oktober 1990

Arthur Honegger: König David

Eva Schad

15. Juni 1997

Felix Mendelssohn Bartholdy: 2. Sinfonie Lobgesang

9. Juli 2000

Joseph Haydn: Die Schöpfung

21. Oktober 2001

9. November 2008

23. Mai 2009

Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias Felix Mendelssohn Bartholdy: Paulus Joseph Haydn: Die Schöpfung (Kirchentag Bremen)

Arthur Honegger (1892–1955): König David »Endlich mal was anderes in der Bremerhavener Chorszene«, begrüßt Monika Willers in ihrer Rezension in der Nordseezeitung die Aufführung von Arthur Honeggers König David am 14. Oktober 1990. »Neben ihrem Bach-Studium hat sich die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven unter der Leitung von Friedrich Wandersleb jetzt um ein Werk aus unserem Jahrhundert bemüht.«

Aber die Rezensentin muss auch feststellen, dass nicht unbedingt eine Mehrheit der potentiellen Konzertbesucherinnen und -besucher mit ihr einer Meinung ist. Denn am Schluss schreibt sie: »Es hat viel Spaß gemacht, den ›König David‹ in dieser Aufführung zu hören. Schade, daß die Christuskirche nicht voll besetzt war. Hoffentlich

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ben. Komponisten wie John Rutter und Maurice Duruflé waren den meisten, die die erwähnten Requiem-Aufführungen gehört hatten, bis dahin vermutlich unbekannt, ebenso wie manches Chorwerk bekannterer Komponisten. Dennoch erfahren auch Konzerte mit unkonventioneller Programmgestaltung seit langen Jahren erfreulichen Zuspruch.

hält das weder den Chor noch Wandersleb davon ab, sich auch weiterhin um unbekanntere Musik zu bemühen.« Konzertbesucherinnen und -besucher für das Hören neuer und unbekannter Werke zu gewinnen, ist seit Friedrich Wanderslebs König David-Projekt ein wichtiger Aspekt bei der Programmauswahl für die Kantoreikonzerte geblie-

Carl Orff: Carmina burana Hafenwelten Bremerhaven

Freiluftbühne am Neuen Hafen (beim „Lloyd‘s“) Sonntag, den 8. Juli 2012, 19.00 Uhr

Carl Orff

Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven Open-air Sopran: Lilli Wünscher · Tenor: Daniel Kim · Bariton: Peter Kubik Klaviere: Adrian Rusnak & Marina Kondrasheva Schlagzeugensemble Christian Pfeifer Leitung: Eva Schad

Eintritt frei !

Abb. 32: Carl Orff, Carmina Burana; Plakate der Aufführungen von 1994 und 2012

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s ist zwar eine klösterliche Handschrift, die das Libretto für die wohl berühmteste Komposition von Carl Orff abgegeben hat. Aber eine Aufführung in einer Kirche rechtfertigt diese Tatsache allein noch nicht. Denn deren Bezeichnung als cantiones profanae, sprich ›weltliche Lieder‹, könnte – wie Carsten Klomp im Programmheft zur Aufführung schreibt – »durchaus noch das Wörtchen ›sehr‹ vorangestellt werden«, insofern sie »zum Teil recht drastisch die Freuden des Saufens, Fressens, Liebens und Spielens, verbunden mit heftigen Angriffen auf Kirche und Gesellschaft«, beschreiben. Doch Chorleiter und Chor

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wollten das Werk gerne aufführen. So fand sich ein ungewöhnlicher, aber – wie sich herausstellte – sehr geeigneter Aufführungsort, den es mittlerweile nicht mehr gibt, das so genannte ›DesignLabor‹, besser bekannt unter dem Namen ›ehemaliges Stadtbad‹. Das Orchester saß im ehemaligen Nichtschwimmerbecken, der Chor war über Eck am Beckenrand postiert, das Publikum saß auf den Zuschauerrängen (Abb. 33). Den Aufführungsbedingungen musste etwas nachgeholfen werden: Bei hochsommerlichen Temperaturen wurden in schweißtreibender Arbeit der Kantoreimitglieder


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Abb. 33: Carl Orff, Carmina Burana, 17.7.1994 im ehemaligen Stadtbad Bremerhaven

Stühle und Podeste für den Chor, das Orchester und das Publikum aus dem nahen Schifffahrtsmuseum und der Pauluskirche herbeitransportiert. Das Konzert wurde ein großer Erfolg und sorgte nicht zuletzt des Aufführungsortes wegen für besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Wann kann man schon einmal ein großes Orchester mitsamt Dirigenten und Kinderchor in einem leer gepumpten Schwimmbadbecken erleben?

Für die Damen und Herren der ›Sinfonia Silesia‹, Mitglieder des Nationalen Rundfunk­ sinfonieorchesters Kattowitz / Polen, stellten die Kantoreimitglieder Privatquartiere bereit. Da die Carmina burana am Tag nach dem Bremerhavener Konzert in einer Halle der Meyer-Werft in Papenburg wiederholt wurden, war genügend Zeit für eine herzliche Begegnung mit den Gästen. Über die Aufführung am 17. Juli 1994 schreibt Donald Preuß in der Nordseezeitung:

Abb. 34: Carl Orff, Carmina Burana, 17.7.1994; Rezension von Donald Preuß in der NZ

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Das Einstudieren und die Aufführung des Werkes machte den Chorsängerinnen und Chorsängern so viel Spaß, dass sich ein Jahr danach, im Oktober 1995, viele noch einmal als Chor für eine Ballett-Inszenierung der Carmina burana am Stadttheater Bremerhaven zur Verfügung stellten. Knapp zwei Jahrzehnte später realisierte Eva Schad ihren lang gehegten Plan, die Carmina burana open-air aufzuführen. Das schmissige und rhythmusbetonte Werk ist mit seiner großen Schlagzeugbesetzung wie geschaffen für die Open-Air-Bühne, zumal es von Carl Orff selbst eine Fassung gibt, in der das große Orchester auf nur zwei Klaviere und Schlagzeug reduziert ist. In dieser Besetzung ist es möglich, alle Ausführenden – die Stadtkantorei samt Kinderchor, drei Sänger und die Instrumentalisten – auf einer 9 mal 6 Meter kleinen Bühne unterzubringen. Im Rahmen von ›Klassik im Park‹ organisierte das sowohl musikalisch als auch planerisch bestens aufeinander eingespielte Nordenhamer Männer-Trio,

bestehend aus Petrus Klan, Bruno Fröhlich und Stefan Tönjes, einen perfekten Sommerabend. Auf das Eröffnungskonzert der Jugendchöre, die später am Abend den Kinderchorpart der Carmi­ na Burana übernahmen, folgte ein Beitrag von Vasilly und Adrian Rusnak, die mit stimmungsvoller Salonmusik zur Carmina-Aufführung am lauen Sommerabend überleiteten. Die rund 1000 Zuschauer saßen an Tischen, fein eingedeckt mit köstlichen Speisen und Getränken, und erlebten die Carmina Burana in einem traumhaften Ambiente. Einen Tag später wurde das Chorpodest von fleißigen Chorherren mit Anhängern zu den neuen ›Havenwelten‹ gegenüber dem Restaurant ›Lloyds‹ transportiert. Mehrere hundert Zuhörer erlebten die dortige Aufführung am Sonntag den 8. Juli 2012, vor Regen und heftigem Wind notdürftig geschützt durch die vorsorglich bestellten Partyzelte. Der Bericht in der Nordseezeitung (Abb. 35) und die Fotoserie (Abb. 37) vermitteln Eindrücke von beiden Aufführungen:

LOKALE KULTUR  15

Dienstag, 10. Juli 2012

Mit Bravour gegen Wind und Regen angesungen Knatternde Planen, umschlagende Schirme: Die Freiluft-Aufführung von „Carmina Burana“ hatte ihren eigenen Charme VON ULRICH MÜLLER

BREMERHAVEN. „O Fortuna!“ O Glücksgöttin! Mit diesem Ausruf beginnt Carl Orffs Kantate „Carmina Burana“, und er mag am Sonntagabend auch manchem Besucher der Freiluft-Aufführung am Neuen Hafen auf den Lippen gelegen haben. Mit verblüffender Pünktlichkeit begann der Wind kurz vor dem Auftritt der Evangelischen Stadtkantorei den Regen über den Platz vor dem „Lloyd’s“ zu fegen, das Schicksal meint es offenbar nicht gut mit Kreiskantorin Eva Schad und ihrem Chor. Auch die Zuschauer, die keinen Schutz mehr im aufgestellten Zelt gefunden hatten, ließen sich zunächst nicht vertreiben. Unter diesen Umständen war es trotz ausgeteilter Plastikcapes eine kluge Entscheidung von Kantorin Eva Schad, das Vorprogramm des Jugendchors zu kürzen und früher als vorgesehen ins Hauptwerk einzusteigen. Eine Entscheidung zudem, die durchaus für Span-

nung sorgte: Werden es die noch nicht anwesenden Solisten rechtzeitig auf die Bühne schaffen? Der mächtige, von Eva Schad dirigierte Chor sang sauber und präzise, war dank der Lautsprecher überall auf dem Platz bestens zu hören. Pentatonik und Romantik, Archaisches und ausgelassene Tänze: Adrian Rusnak und Marina Kondraschewa steuerten die Klavierbegleitung bei, die vier Schlagwerker sorgten für das Fundament der ständig wechselnden Rhythmen.

Mit der Bratpfanne Dazu leise im Wind knatternde Planen, umschlagende Schirme und knisternde Regenmäntel –Open Air hat in Bremerhaven seine ganz eigene Atmosphäre. Auf die Sekunde genau stürmte Bariton Peter Kubik auf die Bühne, sein erster, mit den Worten „Alles macht die Sonne mild“ beginnender Text war ein Leckerbissen für Freunde gepflegter Iro-

nie. Sopranistin Lilli Wünscher und Tenor Daniel Kim komplettierten die Reihe der Solisten, die sich mit dem Chor ausdrucksstark durch die 24 Lieder und ihre Gefühlslagen sangen. Dass Kim dabei eine offenbar aus dem Perkussionsfundus entliehene Bratpfanne benutzte, um seine Noten vor dem vom Bühnendach tropfenden Wasser zu schützen, sorgte für Heiterkeit. „O Fortuna!“ – irgendwann hatte sich die Feuchtigkeit auch durch Kabel und Anschlüsse gearbeitet, doch direkt vor dem letzten Lied konnte das nun wirklich niemanden mehr erschüttern. „Schmählich Leben! Erst misshandelt, dann verwöhnt es“, sang der Chor und brachte das Konzert souverän „unplugged“ zu Ende. Großer Applaus für das beeindruckende Konzert, Beifall von den Mitwirkenden für die beharrlichen Zuschauer. Ach ja, eine Stunde später war es mit dem Regen dann erst mal wieder vorbei.

Wie schon im Vorjahr hatte Eva Schad Pech mit dem Wetter. In Regencapes und unter Schirmen hielt das Publikum dennoch tapfer aus. Foto hr

Abb. 35: Carl Orff, Carmina Burana, 8.7.2012; Rezension von Ulrich Müller in der NZ

Wie bereits 1995 wurden die Carmina burana auch 2012 wieder für eine Ballett-Inszenierung ins Programm des Stadttheaters genommen. Dieses Mal übernahmen die Stadtkantorei und der Bach-Chor die Chorpartie gemeinsam mit dem Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven. Der Inszenierung und dem Bühnenkonzept folgend,

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mussten alle Sängerinnen und Sänger in einem mehrstöckigen, sechs Meter hohen ›Amphitheater‹ einreihig im Halbkreis stehend singen, was Kapellmeister Stefan Veselka einige Koordinationsschwierigkeiten bereitete. Nach der Premiere vom 31. März 2012 gelang das Experiment von Aufführung zu Aufführung besser – und die


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zahlreichen Vorstellungen im stets ausverkauften Stadttheater bedeuteten für viele Chorsänger eine wohlklingende Abwechslung zur Knochenarbeit an Benjamin Brittens War Reqiem, das die Kan-

torei zeitgleich für ihr Herbstkonzert 2012 vorbereitete. Auf dem Bild lässt sich die Podestaufstellung der Chöre im Stadttheater erahnen:

Abb. 36: Carl Orff, Carmina Burana mit dem Ballettensemble im Stadttheater Bremerhaven 2012

Aufführungen der Carmina burana Carsten Klomp

17. Juli 1994

Oktober 1995

im ehemaligen Stadtbad im Stadttheater als Ballettproduktion (Einstudierung: Carsten Klomp)

Eva Schad

31. März bis Juli 2012

im Stadttheater als Ballettproduktion (Einstudierung: Eva Schad)

7. Juli 2012

Open-Air-Konzert ›Klassik im Park‹, Nordenham

8. Juli 2012

Open-Air-Konzert in den ›Havenwelten‹ Bremerhaven

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Abb. 37: (gegenüberliegende Seite) Eindrücke von der Open-Air-Aufführung der Carmina Burana in Nordenham am 7. Juli 2012

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Noch einmal: Bachs Weihnachtsoratorium

it einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach am 15. Dezember 1963 hat das musikalische Leben der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven begonnen. Die zwölfte Aufführung wird noch Ende dieses Jahres zum ausklingenden 50-jährigen Jubiläum der Stadtkantorei stattfinden, am 4. Advent, dem 22. Dezember 2013 – fast auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Gründungskonzert des Chores. Die Geschichte der Stadtkantorei war von Anfang an eng verbunden mit der musikalischen

Kinder- und Jugendarbeit. Das Konzert wird dies in mehrfacher Hinsicht widerspiegeln. So ist dem eigentlichen Konzert eine Kurzfassung des Weihnachtsoratoriums für Kinder vorangestellt, in der ein Erzähler die Rolle des Evangelisten übernimmt und Bachs Musik erklärt. An der Aufführung der Kantaten 1 –3 schließlich nehmen Sängerinnen und Sänger aller Altersstufen teil: von den Kinderchören und den Jungen des 2012 neu gegründeten Knabenchores bis hin zu ehemaligen Gründungsmitgliedern, die bereits vor einem halben Jahrhundert ihre musikalische Heimat in der Stadtkantorei gefunden haben.

Der diesem Beitrag zugrunde liegende Text wurde von Klaus Fischer zum 40-jährigen Jubiläum der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven (2003) verfasst und von Eva Schad & Folker Froebe aktualisiert und erweitert.

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Repertoireliste (Werke mit Orchester) 1963 bis 2003 Leitung: Friedrich Wandersleb

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J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

15. Dezember 1963

31. März 1965

16. Dezember 1965

19. März 1967

J. S. Bach: Matthäuspassion

7. April 1968

J. S. Bach: Johannespassion

16. Dezember 1969

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–6

17. November 1971

W. A. Mozart: Requiem

17. Dezember 1972

Heinrich Schütz: Historia von der Geburt Christi

31. März 1974

J. S. Bach: Johannespassion J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

J. S. Bach: h-Moll-Messe

16. Dezember 1974

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

15. November 1975

J. S. Bach: Magnificat J. S. Bach: Matthäuspassion

5. März 1977

26. März 1979

18. November 1979

Heinrich Schütz: Musikalische Exequien

16. November 1980

G. F. Händel: Der Messias

31. März 1981

J. S. Bach: Johannespassion

14. März 1982

W. A. Mozart: Requiem

13. Juni 1982

13. Dezember 1982

30. Oktober 1983

20. Mai 1984

25. November 1984

12. Oktober 1985

J. S. Bach: h-Moll-Messe

Hans Leo Hassler: Missa secunda J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 4–6 J. S. Bach: Magnificat J. S. Bach: Messe in A-Dur (Kyrie, Gloria) G. F. Händel: Der Messias J. S. Bach: h-Moll-Messe

22. Juni 1986

Franz Schubert: Messe in G-Dur

12. April 1987

J. S. Bach: Matthäuspassion

18. Dezember 1987

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 4–6

20. November 1988

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

1989

Februar 1990

14. Oktober 1990

17. März 1991

24. November 1991

22. März 1992

über die Jahre hinweg

W. A. Mozart: Krönungsmesse Andrew Lloyd Webber: Requiem Ludwig van Beethoven: Messe in C-Dur im Sinfoniekonzert des Stadttheaters (Einstudierung: Friedrich Wandersleb) Arthur Honegger: König David W. A. Mozart: Requiem Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem J. S. Bach: Johannespassion zahlreiche Bach-Kantaten und alle sechs Bach-Motetten


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Leitung: Carsten Klomp

6. Dezember 1992

21. März 1993

31. Oktober 1993

17. Juli 1994

6. November 1994

7. Mai 1995

September bis Nov. 1995

G. F. Händel: Der Messias Dietrich Buxtehude: Membra Jesu nostri Maurice Duruflé: Requiem Felix Mendelssohn Bartholdy: Der 42. Psalm Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser Carl Orff: Carmina Burana im ehemaligen Stadtbad Heinrich Schütz: Musikalische Exequien W. A. Mozart: Requiem Carl Orff: Carmina Burana im Stadt­theater mit Ballett (Einstudierung: Carsten Klomp)

Leitung: Eva Schad

17. Dezember 1995

16. Juni 1996

27. Oktober 1996

8. Dezember 1996

15. Juni 1997

23. November 1997

27., 28 und 29. April 1998

13. Dezember 1998

28. März 1999

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3 W. A. Mozart: c-Moll-Messe J. S. Bach: Kantate Ein feste Burg ist unser Gott J. S. Bach: Magnificat Antonio Vivaldi: Gloria Felix Mendelssohn Bartholdy: 2. Sinfonie Lobgesang J. S. Bach: Messe in F-Dur (Kyrie) Francis Poulenc: Stabat Mater Leoš Janácˇek: Glagolitische Messe im Sinfoniekonzert des Stadttheaters (Einstudierung: Eva Schad) G. F. Händel: The Messiah J. S. Bach: Matthäuspassion Joseph Haydn: Missa brevis St. Johannis

16. Mai 1999

17. Oktober 1999

7. November 1999

Max Reger: Hebbel-Requiem op. 144b Leonard Bernstein: Chichester Psalms

27. Februar 2000

Marc-Antoine Charpentier: Te Deum J. S. Bach: Kantate Herz und Mund und Tat und Leben

9. Juli 2000

17. Dezember 2000

10. Juni 2001

21. Oktober 2001

30. Dezember 2001

J. S. Bach: Kantate Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut

Joseph Haydn: Die Schöpfung J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–6 J. S. Bach: Kantate Gott der Herr ist Sonn und Schild Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias W. A. Mozart: Krönungsmesse und Vesperae solennes

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Abb. 38: Plakate der Konzerte unter Friedrich Wandersleb zwischen 1982 und 1989

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W. A. Mozart: Missa brevis in G

28. April 2002

3. November 2002

J. S. Bach: h-Moll-Messe

8. Dezember 2002

J. S. Bach: Kantate Schwingt freudig euch empor

23. Februar 2003

J. S. Bach: Kantate Aus tiefer Not schrei ich zu dir

18. Mai 2003

9. November 2003

John Rutter: Requiem & Magnificat

14. Dezember 2003

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

7. März 2004

J. S. Bach: Kantate Nimm, was dein ist, und gehe hin

9. April 2004

Dietrich Buxtehude: Membra Jesu nostri

27. Juni 2004

Franz Schubert: As-Dur-Messe Joseph Haydn: Theresienmesse

5. Dezember 2004

25. März 2005

19. Juni 2005

J. S. Bach: Osteroratorium und Kantate Der Friede sei mit dir G. F. Händel: Anthems Zadok the Priest und O sing unto the Lord a new song

Felix Mendelssohn Bartholdy: Kantate Vom Himmel hoch, da komm ich her Benjamin Britten: Saint Nicolas J. S. Bach: Johannespassion J. S. Bach: Kantate Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist


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6. November 2005

Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem

25. Dezember 2005

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantate 5 W. A. Mozart: c-Moll-Messe

19. März 2006

8. Oktober 2006

19. November 2006

25. März 2007

J. S. Bach: Matthäuspassion

11. November 2007

Franz von Suppé: Requiem Gabriel Fauré: Requiem

23. Dezember 2007

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

6. April 2008

9. November 2008

Felix Mendelssohn Bartholdy: Paulus

7. Dezember 2008

J. S. Bach: Kantate Nun komm, der Heiden Heiland

21. Dezember 2008

22. Februar 2009

23. Mai 2009

Joseph Haydn: Die Schöpfung

14. Juni 2009

J. S. Bach: Kantate Erschallet ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten

29. November 2009

J. S. Bach: Kantate Nun komm, der Heiden Heiland

13. Dezember 2009

G. F. Händel: The Messiah

2. April 2010

26. August 2010

7. November 2010

Robert Schumann: Messe

19. Dezember 2010

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

10. April 2011

4. Dezember 2011

12. Februar 2012

31. März bis Juli 2012

7. / 8. Juli 2012

18. November 2012

25. August 2013

10. November 2013

J. S. Bach: h-Moll-Messe

22. Dezember 2013

J. S. Bach: Weihnachtsoratorium, Kantaten 1–3

G. F. Händel: Israel in Egypt J. S. Bach: Kantate Wer nur den lieben Gott lässt walten W. A. Mozart: Missa brevis in G

Dietrich Buxtehude: Kantate Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort

Francis Poulenc: Gloria John Rutter: Gloria Orpheus des Barock – Oratorienchöre von G. F. Händel

Georg Philipp Telemann: Matthäuspassion (1746) Edward Elgar: Te Deum, Anthems Great is the Lord und Give unto the Lord u. a.

J. S. Bach: Matthäuspassion John Rutter: Mass of the Children Friedrich Kiel: Der Stern von Bethlehem W. A. Mozart: Missa brevis in G Carl Orff: Carmina Burana im Stadttheater mit Ballett (Einstudierung: Eva Schad) Carl Orff: Carmina Burana Benjamin Britten: War Requiem J. S. Bach: Kantate Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

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Abb. 39: Generalprobe am Vorabend der Auff端hrung des War Requiems von Benjamin Britten am 18.12.2012


Chorreisen

Chorreisen

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horreisen gehörten schon bald nach der Gründung der Evangelischen Stadtkantorei zum festen Bestandteil des Chorlebens. Insge-

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samt 13 Mal ist der Chor bislang auf Reisen gewesen – nicht mitgerechnet die jährlichen Wochenendfreizeiten im Bremerhavener Umland.

Finnland (1967, 1970, 1977)

nde der 60er Jahre waren Chorreisen ins Ausland noch eine Seltenheit. Umso bemerkenswerter, dass die Stadtkantorei bereits 1967 erstmals mit 29 Teilnehmern zu einer zweiwöchigen Reise nach Finnland aufbrach. Nach einem Tagesaufenthalt in Stockholm fuhr der Chor »mit dem Dampfer ›Ilmatar‹ nach Finnland [und] mit dem Zug über Helsinki […] nach Kausala, wo für die letzten Kilometer ein Bus bereitstand«. Gastgeber war Pastor Lipasti, Leiter der Heimvolkshochschule Valkama im Bezirk Iitti, etwa 60 km von der südfinnischen Stadt Lahti entfernt. Das ›Mitteilungsblatt der Ev.-luth. Gemeinden Bremerhaven-G.‹ vom November 1967 berichtet weiter: »Unser erstes Konzert fand in einer Kirche der Stadt Kouvola statt. Anschließend waren wir Gäste des dortigen Kirchenchores. Unsere große Busfahrt am 7. August führte uns zuerst in die alte Domstadt Porvoo und dann nach Helsinki, wo die zur Verfügung stehende Zeit längst nicht für die Überfülle des Sehenswerten ausreichte.

Nach einem Empfang durch den deutschen Konsul sangen wir abends unser Konzertprogramm in der deutschen Kirche. Ein besonderes Erlebnis war die sechseinhalb Stunden dauernde Dampferfahrt von Hämeenlinna nach Tampere am 9. August, die über einige der schönsten finnischen Seen führte. Am letzten Abend sangen wir noch einmal unser Programm in der Kirche von Iitti. Als die Zuhörer die Kirche verließen, winkten sie uns zu.« Weitere Finnlandfahrten 1970 und 1977, stets auf Einladung der Heimvolkshochschule Valkama, festigten »die Brücke von Bremerhaven nach Finnland« (Gemeindebrief 9/77). 1975 unternahm eine Gemeindegruppe aus Finnland sogar einen Gegenbesuch in Bremerhaven. Der Gemeindebrief (9/77) berichtet im Sommer 1977 von Konzerten und Gottesdiensten auf der letzten Finnland-Fahrt, u. a. wieder in Kouvola. Außerdem lernten die 27 Reisenden auf »Busfahrten finnische Städte, Landschaft und Kultur kennen«.

Holland (1977, 1982) im Oktober 1977 und 1982 unternahm Jeweils die Evangelische Stadtkantorei Wochenend-

fahrten nach Holland. Über die erste Reise nach Voorburg bei Den Haag berichtet der Gemeindebrief (12/77): »Anheimelnd die Altstadt von Voorburg. […] abends [fand] ein Konzert in der Oude Kerk statt, in dem die Stadtkantorei Motetten alter und

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Die nächste Wochendfahrt der Kantorei im Oktober 1982 führte in die holländische Stadt Gouda, wo der Chor in der St. Jans-Kerk unter anderem die Bach-Motette Jesu, meine Freude sang.

Leipzig (1989, 1994)

s werde nie normal sein, wie die Leipziger Gemeinde mit der Bremerhavener Christuskirchengemeinde in Verbindung stehe, erklärte Pastor von Stuckrad-Barre am Sonntag, den 16. Juni 2013 in seiner Predigt in der Heilig-Kreuz-Kirche

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neuer Meister sang und Mijnheer van der Panne Orgelwerke von Bach und Sweelinck spielte. Am Sonntagmorgen sangen wir im Gottesdienst in der Vaste-Burcht-Kerk.«

in Leipzig. Die Partnerschaft der beiden Kirchen geht bis in die 1950er Jahre zurück. 1989 und 1994 besuchte die Evangelische Stadtkantorei erstmals die Partnergemeinde in Leipzig-Neustadt. Die erste Fahrt mit 51 Sängerinnen und Sängern vom


Chorreisen

21. bis 23. April 1989 war für viele Chormitglieder eine denkwürdige Erfahrung. Jedes Chormitglied brauchte eine persönliche Einladung, um überhaupt in die DDR einreisen zu dürfen. Marita Westphal Blome erinnert sich: »Ein sehr intensives Erlebnis war die LeipzigFahrt im April 1989, die erste Reise der Kantorei in die Partnergemeinde unserer Christuskirche, die Heilig-Kreuz-Kirche. Für einige von uns – mich eingeschlossen – war dies die erste Reise in die DDR überhaupt. Die ›Nachgeborenen‹ können sich wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, mit welchen Restriktionen und Schikanen man Besuchern aus der Bundesrepublik das Leben damals schwer machte. Ausgestattet mit entsprechenden Vorsichtsmaßregeln gingen wir auf die Reise, die wir jedoch keinesfalls zusammen als große Gruppe (mit kirchlichem Hintergrund!) antreten durften, sondern nur getarnt als Einzelreisende. Alle Sängerinnen und Sänger mussten sich einzeln bei der Polizei anmelden und den vorgeschriebenen Geldwechsel von D-Mark in Ost-Mark bescheinigen lassen. In Leipzig selbst wechselten sich dann bedrückende Momente angesichts des DDR-Alltags mit großartigen Eindrücken ab, wie etwa die Wirkungsstätte Johann

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Sebastian Bachs mit eigenen Augen sehen zu können – einschließlich der Thomaner ›live‹. Auch die herzliche Gastfreundschaft der Leipziger wird mir immer unvergessen bleiben. Zugleich erlebten wir ein Stück Zeitgeschichte! Wer hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur im Traum daran gedacht, dass die DDR wenige Monate später aufhören sollte zu existieren und die innerdeutsche Grenze fallen würde?« Und über das musikalische Programm der ersten Leipzig-Reise heißt es im Gemeindebrief (7–8/89): »Im Zentrum des Wochenendprogramms standen ein Motetten-Konzert am Sonnabend und die musikalische Gestaltung des sonntäglichen Gottesdienstes; Höhepunkt war dabei die Aufführung von drei doppelchörigen Werken Alter Meister zusammen mit dem Chor von Heilig-Kreuz.« Zum 100-jährigen Kirchweihjubiläum der HeiligKreuz-Kirchengemeinde reiste der Chor – dieses Mal bereits unter der Leitung Carsten Klomps – erneut nach Leipzig und machte der Partnergemeinde »ein Konzert zum Jubiläumsgeschenk« (Gemeindebrief 11–12/94). Auf dem Programm stand u. a. die Bach-Motette Jesu, meine Freude.

Schweden (1998)

ie erste Chorreise mit Eva Schad führte den Chor, wie bereits drei Jahrzehnte zuvor, nach Skandinavien. 54 Sängerinnen und Sänger reisten mit dem Bus über Dänemark bis nach Schweden. Der Gemeindebrief (10–11/98) berichtet: »Vom 26. Juli bis zum 2. August 1998 unternahm die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven anlässlich ihres 35-jährigen Bestehens erstmals wieder nach vielen Jahren eine Chorreise ins Ausland. Die Reise war ein beeindruckendes Erlebnis für alle: Zum einen durch die vielen neuen Eindrücke, sei es die Fährfahrt von Frederikshavn nach Göteburg, die Besichtigung der traumhaft am Wasser gelegenen Hauptstadt Stockholm, ein Bummel durch die uralte Universitätsstadt Uppsala, oder eine Dampferfahrt durch die Schären zur weit vor Stockholm gelegenen Seglerinsel Sandhamn, die einigen von uns bei strahlendem Sonnenschein sogar ein Bad in der Ostsee ermöglichte. Zum anderen gehören zu einer Chorreise natürlich

auch Konzerte; und davon hatten wir gleich vier an der Zahl: Auf dem Konzertprogramm stand ein buntes und abwechslungsreiches A-capellaProgramm mit Motetten von Schütz, Händel, Bach, Krebs, Mendelssohn und einer Chorbearbeitung des Adagio for Strings von Samuel Barber. Nach Konzerten in der Partnerstadt Frederikshavn (Dänemark) und in der Deutschen Kirche in Stockholms Altstadt war das für alle Teilnehmer sicherlich größte und eindrücklichste Erlebnis unser drittes Konzert im hohen gotischen Dom zu Uppsala, dem größten Dom ganz Skandinaviens! Bereits der erste gesungene Akkord, der elf Sekunden lang durch den hohen Raum des Sakral­baus nachklang, begeisterte uns. Welch Hochgefühl, solch einen Raum, der unsere Stücke wie von einer Wolke getragen erklingen ließ, mit der eigenen Stimme zu füllen! Unser viertes und damit letztes Konzert fand dann am vorletzten Tag auf der Heimreise statt, und zwar in Göteburg in der Deutschen Christinenkirche.«

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Chorreisen

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Harz (2002)

inen Höhepunkt unter den Probenwochenden der Evangelische Stadtkantorei bildete die Harzreise vom 10. bis 13. Oktober 2002. Über 90 Sänger und Sängerinnen waren zu Gast im Haus Sonnenberg in St. Andreasberg. Der Gemeindebrief (12/02–1/03) berichtet von »rund 20 Stunden

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Mallorca (2003)

nlässlich ihres 40-jährigen Bestehens unternahm die Evangelische Stadtkantorei vom 5. bis 13. April 2003 ihre bis dato größte Chor­reise. Unter dem Titel »Das Wandern ist der Sänger Lust« schrieb Hans Rummel im Gemeindebrief (6–7/03) seinen noch von der euphorischen Stimmung der Reise geprägten Bericht: Gut 90 Sängerinnen und Sänger der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven, einschließlich sechs Kinder des Kinderchores, einige Familienangehörige und als Konzertorganist Folker Froebe hatten sich unter der Leitung der Kreiskantorin Eva Schad ein ganz besonderes Programm für die diesjährige Jubiläumskonzertreise ausgesucht: acht Konzerte an acht Aufenthaltstagen auf Mallorca. Anfängliche Zweifel, die ›BallermannMischkultur‹ der Insel sei wohl doch nicht der rechte Ort für ›musica sacra‹, wurden von dem begeisterten Organisationsteam Eva Schad und Folker Froebe rasch zerstreut, und so wurde diese ›Konzertreise in den Frühling‹ ein Ereignis. Gottesdienste, bei denen das Konzertprogramm spontan an die jeweilige Gottesdienstordnung angepasst wurde, so am Sonntag nach der Ankunft bei den deutschen Gemeinden auf Mallorca in Arenal und Paguera und am Abreisetag zur Palmsonntagsmesse in der Kathedrale von Palma, rahmten die Reise. Dazwischen lagen Tage, die nicht nur konzertante Höhepunkte bescherten, sondern auch auf vielen Wanderungen im Norden und Osten der Insel die ganze Großartigkeit einer faszinierenden Berg- und Inselwelt unter der wärmenden Mittelmeersonne offenbarten: eine Pflanzenwelt ganz eigener Prägung von Alpenveilchen, Flechten und Orchideen in der Höhe bis zum vielhundertjährigen Ölbaumhain und den berauschend duftenden Orangenpflanzungen in Blüte und Frucht zugleich im Tale; Zeugnisse einer langen Geschichte von Erobe-

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intensive[r] Chorproben« für die bevorstehende Aufführung der Bach’schen h-Moll-Messe. Aber auch Spaziergänge durch die Naturlandschaft sowie ausführliche Besichtigungen der alten Kaiserstadt Goslar und des mittalterlichen Quedlinburg standen auf dem Programm.

rung und Widerstand in Wachtürmen, Klöstern und Kirchen, in Herrenhäusern, Trutzdörfern, einer stets verteidigungsbereiten Hauptstadt; kulinarisch gleichermaßen eine Entdeckungsreise vom urigen Bauernlokal auf dem Lande bis zum uralten Keller in der Stadt, von Tumbet und Meeresfrüchten zu Spanferkel und Lamm und schließlich zum unglaublich opulenten siebengängigen Abschlussbankett im klassischen Restaurantsaal; am Rande, jedoch gezielt, Kultur­ aperçus von Chopin mit Georges Sand bis zu Gaudi und Miró. Auch Strand, Sand und Muße kamen nicht zu kurz, allenfalls der Schlaf, denn die spanischen Tagzeiten – Konzertbeginn 21.30 Uhr und danach dann das Abendessen! – waren für manche gewöhnungsbedürftig. Die höchst unterschiedlichen Bedingungen der Aufführungsorte reichten vom Sechssekundennachhall der Renaissancekirche in Santanyí, der ganz neue, verlangsamte Tempi verlangte, aber das Singen leicht, zu einem geglückten Genuss machte, bis zur staubtrockenen, eigentlich gar nicht existenten ›Vorstadtkino-SchallschluckAkustik‹ der nüchternen Kirche in Paguera, wo das Singen anstrengte, zur Kärrnerarbeit wurde. Auch der Orgelpart, den Folker Froebe auf den ebenso wertvollen wie restaurierungsbedürftigen historischen Orgeln spielte, war von Mal zu Mal ein Drahtseilakt zwischen verstimmten Pfeifen, ungewohnten Registern und stets knapper Einspielzeit, der hervorragend und mit Improvisationstalent gemeistert wurde. Einen abschließenden Höhepunkt bildete ohne Zweifel der festliche Palmsonntagsgottesdienst in der Kathedrale von Palma mit über 2000 Gottesdienstbesuchern. Schließlich waren die von Eva Schad für diese Konzertreise gewählten Vokalstücke ja auch feinste Ohrenschmeichler: Das durchsichtige Kyrie und Agnus Dei aus der lateinischen Messe Dixit Maria von Hans Leo Hassler und das doppelchö-


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Abb. 40: Nachbericht der Mallorca-Chorreise 2003 von Sebastian Loskant in der NZ

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rige, in breiter Punktierung kräftig dargebotene Heilig von Mendelssohn trugen dem Messordinarium Rechnung; Passion und Fastenzeit klangen auf in Allegris Miserere mit den sich himmlisch hoch verzehrenden Koloraturen der Jungsoprane – besonders anrührend in der Kathedrale von Palma aus deren fernem Hochchor gesungen –, in der schmerzlich schönen lateinischen Motette Tristis est anima mea von Kuhnau, in den bekannten Bachchorälen Was mein Gott will und Befiehl Du Deine Wege, in Melchior Francks vertrauensvoller Motette Also hat Gott die Welt geliebt. Den Sieg am Kreuz endlich verkündete der roman-

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Hans Rummel

Polen (2008)

om 12. bis zum 20. Juli 2008 entdeckten 83 Sänger und Sängerinnen, zum Teil mit Familienanhang im Schlepptau, allerhand Neues im Osten. Unter der kompetenten Führung des Polenfans und Hochschullehrers Hans Rummel und der musikalischen Leitung von Kreiskantorin Eva Schad gastierte die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven in Gdingen (Gdynia) an der weißbestrandeten Ostseeküste Polens. Die Stadtkantorei erfuhr allerorts ökumenische Gastfreundschaft: In der größten gotischen Backsteinkirche der Welt, der Marienkirche in Danzig (Abb. 41), durfte sie die katholische Sonntagsmesse mit Klängen aus der Missa brevis von Joseph Gabriel Rheinberger versehen. Gleichzeitig verwandelten die polnischen Zeremonienmeister die katholische Liturgie in einen himmlischen Lobgesang, der so manches Herz dahinschmelzen ließ … Auch die Jesuiten, bei denen der Bremerhavener Chor sein erstes vollständiges Konzert zum Besten gab, sparten nicht mit Lob und Blitzlichtgewitter. Großer Beifall allerorts! Eine Augenweide und ein Klangerlebnis ganz besonderer Art wurde der Kantorei in Oliva zuteil: In der dortigen Bischofskathedrale zelebrierten sechs katholische Würdenträger ihr 25-jähriges Priesterjubiläum. Das Gotteshaus war wie immer voll. Die Chormitglieder mussten sich sardinenartig mit der wuchtigen Barockorgel die Empore im hinteren Kirchenschiff teilen. Dafür genossen sie einen einzigartigen Blick auf die Zeremonie des Erzbischofs und seines Klerus. Eingegliedert in diesen ›herrlichen‹ Zug waren übrigens sechs junge Frauen in kaschubischer Landestracht – in

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tisch stimmgewaltige Chor in der mächtigen, ungeheuer dynamischen Brucknermotette Vexilla regis, die durch die Nachhallakustik in Santanyí besonders beeindruckend erklang. Den spanischen Gastgebern schließlich wurde mit dem dort ungeheuer populären Ave verum von Mozart und dem gleichermaßen geschätzten Alta Trinitá eines Anonymus Reverenz erwiesen. Mendelssohns Motette Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten! in ihrer flehenden Diktion und romantischen Dynamik beschloss jedes Konzert.

Korrespondenz zu den klassischen sechs heiligen Frauen (Barbara, Monika, Brigitte, Theresa, Katharina, Margarethe), die in der katholischen Tradition Polens neben Maria an Seitenaltären verehrt werden. Kantorin Eva Schad war auch in dieser Situation ganz Frau der Lage und dirigierte die ›Chormasse‹ souverän durch die Messe. Weitere Konzerte der Bremerhavener Stadtkantorei erklangen in den Kathedralen von Frauenburg (Frombork) und Karthaus (Kartuzy), in der Marienburg (Malbork, Abb. 42) und am Abreisetag in der einzigen protestantischen Kirche der Dreistadt (Zoppot). Wo auch immer die Kantorei sang, der Höhepunkt eines jeden Konzerts war stets das polnische Vater unser (Ojcze nasz) von Stanislaw Moniuszko, das eigens für die Polenreise einstudiert worden war. Dieses versöhnende, weltweit älteste Gebet aller Christen berührte die polnische wie die deutsche Seele gleichermaßen. Den dichten Konzertplan wusste Reiseleiter Hans Rummel in abwechslungsreiche Exkursionen durch die idyllischen Weiten der polnischen Landschaft einzubetten: endlose Getreidefelder, Kräuterwiesen in Blütenpracht, Störche an Straßenrändern, Wild auf den Feldern … Die Ostsee lud zum Baden ein, die herrlichen Kiefernstriche zum Wandern über Kliffe, und riesige Dünenzüge verschlugen einem die Sprache. Schmucke, liebevoll und aufwendig restaurierte Städtchen versetzten so manchen, der vor 15 Jahren Polen bereist hatte, in höchstes Erstaunen. Nach zumeist langen Tagen kamen auch die Gaumen der Sänger und Sängerinnen nicht zu kurz: Das Seemannsheim in Prokowo offerierte auf seinem Außengelände einen romantischen


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Abb. 41: Marienkirche in Danzig

Abb. 42: Dünen von Leba (links), Marienburg (rechts)

Grillabend im Licht des aufgehenden Vollmondes. Mit fürstlichen Speisen auf weißen Tafeln versorgte man die Kantorei im Schloss Below, ritterlich deftiges Essen erwartete sie auf der Marienburg, und auch in einem (post-)sozialistischen Betriebsferienheim mundete die köstliche polnische Küche vorzüglich!

Die Konzertreise nach Polen war der Bremerhavener Stadtkantorei ein riesiger Lust- und Bildungsgewinn und wird der neu gefestigten ›Chorfamilie‹ noch lange in Erinnerung bleiben. Gudrun Oldenettel-Büttner

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Leipzig (2013)

Abb. 43: Die Stadtkantorei vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Leipzig

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on Freitag, den 14. Juni bis Sonntag, den 16. Juni 2013 waren nicht nur Mitglieder der Christuskirchengemeinde zu Gast in Leipzig: Mit dabei waren diesmal auch über 45 Sängerinnen und Sänger der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven, die am Samstagabend unter der Leitung von Kreiskantorin Eva Schad ein Benefizkonzert für die Opfer der Flutkatastrophe im Frühsommer 2013 mit Werken von Heinrich Schütz, Joseph Rheinberger und Claude Debussy

gaben. Das anschließende Grillen mit den Leipziger Gastgebern, den Gemeindemitgliedern aus Bremerhaven und dem Chor gehörte neben der Besichtigung Wittenbergs und Leipzigs zu den Höhepunkten der Fahrt. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst machten sich die Gäste wieder auf den Heimweg, mit Vorfreude auf das nächste Treffen 2014 in Bremerhaven. Annika Heyen

Von Käse, Kathedralen und Karussellen Jubiläums-Chorreise in die Normandie (2013) Chorkleidung griffbereit, Noten nicht ver»Diegessen!«, so lautete die Anweisung fast für je-

den Tag der von Ernst-Jürgen und Anita Ribbert organisierten Chorreise der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven in die Normandie vom Freitag, den 28. Juni bis Sonntag, den 7. Juli 2013. An acht Orten Frankreichs und auf dem Rückweg auch in Deutschland ließen wir über 80 mitgereisten Sängerinnen und Sänger unsere Stim-

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men erklingen und präsentierten Chormusik von Heinrich Schütz, Joseph Gabriel Rheinberger und Claude Debussy in drei katholischen Messen und sechs Konzerten. Nassgeregnet und müde von der langen Busfahrt versammelten wir uns am Abend des 28. Juni zum ersten Konzert der Reise in der Basilika von Saint Quentin. Die Erschöpfung wich jedoch schnell angesichts der großen Zuschauerzahl –


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400 strömten in die Kirche –, und Geschenke gab es auch noch! Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Stadtkantorei wurden unserer Chorleiterin Eva Schad ein wunderschöner Blumenstrauß sowie die Ehrenmedaille der Stadt Saint Quentin überreicht (Abb. 44). Über Amiens, mit einem Zwischenstopp in der dortigen Kathedrale (Abb. 45), ging es am zweiten Tag der Reise nach Le Havre, dem Ausgangspunkt für die Unternehmungen der nächsten Tage. Nach einer Messe in der Kirche Saint-Pierre von Yvetot und einem wiederum gut besuchten Konzert in der Église Réformée in Le Havre bereisten wir den kleinen Küstenort Étre-

tat, vor allem bekannt durch die bizarren Felsformationen an der Steilküste. Eine leichte Brise und Sonnenschein luden zum Erklettern der Klippen ein: Von oben genossen wir einen herrlichen Rundblick über das historische Seebad. In der Notre-Dame d’Etretat, einer romanischen Kirche aus dem 11. bis 13. Jahrhundert, präsentierten wir unser Programm (Abb. 46). Erstmals gaben auch wir sechs zum Teil der großen Chortruppe nachgereisten Jugendchorsängerinnen eigene dreistimmige Chormusik zum Besten. Gemessen am begeisterten Applaus schien unsere Darbietung dem Publikum sehr gefallen zu haben.

Abb. 44: Ehrung in der Basilika in Saint Quentin (links), Eva Schad an der Cavaillé-Coll-Orgel in der Kathedrale von Bayeux (rechts)

Die ›Wiege des Impressionismus‹, die kleine, gemütliche Hafenstadt Honfleur, hielt für uns ein unerwartetes Vergnügen bereit: Unweit der einzigen Holzkirche Frankreichs befand sich ein nostalgisches Karussell, auf dem viele unserer 80 Sängerinnen und Sänger eine ausgelassene Runde drehten. Nicht nur wir, sondern auch fremde Touristen und Einheimische zückten ihre Kamera, um den ungewohnten Anblick des mit singenden Erwachsenen voll besetzten Fahrgeschäfts festzuhalten.

Trotz der ungeplanten Gesangseinlage in Honfleur blieb noch genug Kraft für die Messe und das darauffolgende Konzert in der Krypta der Basilika Sainte-Thèrése von Lisieux, der zweitgrößten Wallfahrtskirche Frankreichs. Nach Le Havre kehrten wir an diesem Abend nicht zurück. Es ging weiter nach Falaise. Über Arromanches, wo wir einen Zwischenstopp im dortigen Kriegsmuseum mit einer Ausstellung über die Invasion der Alliierten in Nordfrankreich am 6. Juni 1944 machten, erreichten

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Chorreisen

Abb. 45: Kathedrale von Amiens

Abb. 46: Notre Dame d’Étretat

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Abb. 47: Die sechs Mädchen des Jugendchores am Mont Saint Michel

wir Bayeux, die einzige im zweiten Weltkrieg unversehrt gebliebene Stadt der Normandie. Das erste Highlight dieses Besuchs erstreckt sich über 70 Meter und ist fast 1000 Jahre alt: der Wandteppich von Bayeux, ein beeindruckendes Kunstwerk, das die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer im Jahr 1066 in 58 Szenen darstellt. Den zweiten Höhepunkt bildete unser Konzert in der Kathedrale von Bayeux. Gemeinsam mit unserer Organistin Eva Schad waren wir begeistert vom französisch-romantischen Klang einer echten Cavaillé-Coll-Orgel (Abb. 44). Auch die Fahrt nach Caen, Hauptstadt der Region Basse-Normandie, endete mit Musik: Wir sangen Schütz, Rheinberger und Debussy in der Saint-Pierre-Kirche, nachdem in der ehemaligen Abtei-Kirche Abbaye aux Dames spontan das alt­ italienische Alta Trinita erklungen war, das zum ›Schlager‹ der Reise wurde. Abwechslung von den vielen Kirchenbesuchen boten Ausflüge zu biologisch geführten Familienbetrieben, wie zum Beispiel einer Käserei und einer Cidrerie, wo wir uns mit regionalen Spezialitäten versorgen konnten.

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Chorreisen

Bereits eine Woche unterwegs und immer noch begeistert von neuen Eindrücken strebten wir dem Mont Saint Michel zu. Sobald der Berg in Sicht kam, entbrannten Diskussionen darüber, ob der Bus für einen Schnappschuss anhalten solle: »Ja!«, rief die eine Hälfte, »Nein!« die andere und offensichtlich lautere, denn die Unterbrechung der Fahrt blieb aus. Bei bestem Wetter erstiegen wir die 280 Stufen der Felseninsel zur ehemaligen Abtei der Benediktiner, erkundeten die Gemäuer und genossen den herrlichen Ausblick (Abb. 47). Weit weniger erhalten war die Ruine der Abtei in Jumièges, der wir auf der Rückreise noch einen Besuch abstatteten. Ein französischer Kinderchor war ebenfalls zugegen. Unser wechselseitiges Singen mündete schließlich in den gemeinsam gesungenen Kanon: Frère Jaque.

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Nach einem kurzen Zwischenstopp in Rouen hieß es nach neun Tagen Abschied nehmen von der Normandie. Auf dem Rückweg nach Deutschland gestalteten wir eine festliche Sonntagsmesse im Aachener Dom und erkundeten zu guter Letzt noch den Aachener Domschatz, bevor der Bus uns wieder zurück nach Bremerhaven brachte. Städte, Kirchen, Museen, Kulinarisches, gesellige Abende und natürlich viel Musik prägten unsere Chorreise in die Normandie. Wir Chormitglieder haben nicht nur Wein und Käse mit nach Hause genommen, sondern auch viele schöne Erinnerungen. Annika Heyen

lta Ribberta beata Da Normandia faszinata St. Quentin et le Havre Unita d’hotel luxuriosa Beaucoup de mana propreriosa De fromage et cidre rosa.

Uwe conductor autocaro Lenko überallerosa Glissando per il paysagio Tante brava parlerosa Les Cathedrali fulminanti Con la musica brillianti.

Alta madama Eva Schada Conductrisa adorata Cantantes multi chaotes Unita in organes barockes Belli bambini meraviliosa Publicum klapperosa.

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Chorreisen

Chorreisen der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven mit Friedrich Wandersleb

31. Juli bis 13. August 1967

Finnland

Sommer 1970

Finnland

Sommer 1977

Finnland

7. bis 9. Oktober 1977

8. bis 10. Oktober 1982

21. bis 23. April 1989

Holland (Voorburg) Holland (Gouda) Leipzig

mit Carsten Klomp

28. bis 30. Oktober 1994

Leipzig

mit Eva Schad

26. Juli bis 2. August 1998 Planung:

Schweden (Stockholm, Uppsala, Göteburg) Martina Kuhrt, Elisabeth Wandersleb, Eva Schad

10. bis 13. Oktober 2002 Planung:

Harz (Goslar, Quedlinburg) Hans Rummel

5. bis 13. April 2003 Planung:

Mallorca Eva Schad & Folker Froebe

12. bis 20. Juli 2008 Planung:

Polen (Danzig, Marienburg) Hans Rummel

14. bis 16. Juni 2013

Leipzig

28. Juni bis 7. Juli 2013 Planung:

Frankreich (Normandie) Anita & Ernst Jürgen Ribbert, Eva Schad

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Berichte

Berichte

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50 Jahre und kein bisschen leise …

igentlich kann ich es noch gar nicht glauben, dass es bereits 50 Jahre her ist. Damals, 1963, war ich noch jugendlich (juvenil, wie Herr Klomp, der Vorgänger unserer jetzigen Kantorin Eva Schad, zu sagen pflegte). Das Mädchen Silke Oldhaber machte immer schon gerne Musik. Blockflöte spielen, Solo und im Ensemble, aber vor allem das Singen waren ihre Hauptpassionen. Und die meisten dieser musikalischen Aktivitäten fanden in der Kirchengemeinde statt. Unsere Familie gehört bis heute zur Marienkirche in Geestemünde. Es gab allerdings auch viele übergemeindliche Aktionen, zum Beispiel Jugendfahrten, bei denen man sich mit Jugendlichen aus anderen Gemeinden, insbesondere der benachbarten Christuskirche traf. So lernten sie sich kennen, die jungen und alten Mitglieder der Geestemünder Nachbargemeinden. Ich erinnere mich noch gerne an unsere Reise nach Deutschfeistritz in Österreich. Wir hatten viel Spaß beim Wandern, bei gemeinsamen Unternehmungen und vor allem auch beim Singen, denn wir hatten Herrn Wandersleb, den damaligen Kantor der Christuskirche, in unserer Mitte. Bei dieser Gelegenheit haben wir viel über den jeweils anderen erfahren und ihn nicht nur kennen sondern auch sehr schätzen gelernt. So hat sich aus der Bekanntschaft mit Friedrich Wandersleb langsam eine Freundschaft entwickelte, die bis heute andauert. Als Friedrich Wandersleb mich fragte, ob ich nicht mitmachen wolle beim ersten Weihnachts­ oratorium, sagte ich selbstverständlich zu. So ist die aus dieser Aufführung hervorgegangene Evangelische Stadtkantorei zu ›meinem Chor‹ geworden, mit dem ich mich bis heute absolut identifiziere und den ich nicht missen möchte. Zwangsläufig habe ich mich in all den Jahren, bezogen auf die Sitzgewohnheit während der Chorproben, langsam aber kontinuierlich von der ersten Reihe bis in die begehrte letzte Reihe gesungen und gedient. Mit ›meinem Chor‹ bin ich durch Höhen und Tiefen gewandert und habe inzwischen unter drei Chorleitern singen dürfen, die alle drei grundverschieden waren und sind,

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und von denen jeder einzelne einen nachhaltigen Beitrag zum qualitativen Wachstum der Chorgemeinschaft geleistet hat. Gerne erinnere ich mich auch an die Chorwochenenden, die es ja von Anfang an gab, zu Zeiten Herrn Wanderslebs vielfach in Drangstedt, aber auch in Wüstewohlde. Die Johannespassion haben wir damals im Jugendhof Sachsenhain/ Verden geprobt; zum Abschluss des Wochenendes wurde am Sonntag in der lichtdurchfluteten Kapelle gesungen – eine akustisch hervorragende Einstimmung auf das bevorstehende Konzert. Reiselustig waren wir ebenfalls immer schon. Stets nahmen wir schöne Eindrücke von der Umgebung und den dort lebenden Menschen, aber auch vom Singen in kleinen überschaubaren, aber teilweise auch überwältigend großen Kirchen wieder mit nach Hause. Für einen großen Oratorienchor wirkt eine solche Reise sehr gemeinschaftsfördernd und bildet die emotionale Grundlage und den notwendigen Zusammenhalt für die in der Folge geplanten Aufführungen. Für mich persönlich ist die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven musikalisches Fundament und Heimat. Alles was ich je gelernt habe im Gesangsunterricht bei den verschiedensten Lehrern (Frau Erna Klammer war die erste, die ich immer noch verehre und an die ich gerne zurückdenke) habe ich beim Singen im Chor ausprobieren und üben können. Neben dem Singen ist auch das Treffen mit musikalisch Gleichgesinnten nicht zu unterschätzen. Bedauerlicherweise lassen die arbeitswütigen und strengen Chorleiter einem zu wenig Raum für einen intensiven Gedankenaustausch; drei Minuten Pause während der Chorprobe reichen dafür nicht wirklich … Aber nichts ist vollkommen, und wenn wir wieder ein musikalisches Werk aufgeführt und somit für uns vollendet haben, sind, das glaube ich ganz sicher, alle Beteiligten innerlich sehr bewegt, weil sie trotz kleiner Fehler und Unebenheiten in der Darbietung jene wunderschöne Musik nicht nur geistig, sondern eben auch körperlich erlebt und gefühlt haben. Da kann keine noch so gute und perfekte Aufnahme einer CD mithal-


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ten! Das Publikum teilt die Ergriffenheit spürbar mit uns. Die Dankbarkeit der Zuhörer erreicht uns nach jeder Aufführung auf vielfältige Weise. Ich wünsche der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven (und somit auch mir), dass es noch viele, viele schöne Aufführungen gibt, bei denen

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die Mitglieder des Chores sich wie immer mit allen Fasern ihres Seins einbringen können, und zum Dank für ihren Einsatz eine große innere Zufriedenheit beim Singen erfahren. Silke Wacker (seit 50 Jahren im Chor)

Tolle Leute im Chor

be den Chor dirigierte, schon mit ihrem Baby wieder dabei war! Und was wäre unser Chor ohne die ›beiden Schwestern‹, die den Kartenverkauf managen? Sie schaffen es immer wieder, dass wir auch unsere Familien und Verwandten in die Konzerte holen. Außerdem haben wir viele Gourmet-KöchinSybille Fischer sang schon als Schülerin so klar nen und -Köche im Chor. Sie zaubern für die und kräftig, da konnte ich neben ihr schon ah- Konzerte ›weltberühmte‹ Buffets, damit Solosänger, Orchester und ›Chonen, dass aus ihr einmal risten‹ samt Familien hineine große Solosängerin terher verwöhnt werden werden würde. Dann wäre können. da Silke Wacker, ein TaErinnern möchte ich lent aus Wanderslebs Zeiauch an die vielen ›Kohl ten, die jetzt als Musikund Pinkel‹-Fahrten, die schulleiterin in ganz Brevon wechselnden Teams merhaven vom Krabbelalgeplant wurden. Mit viel ter an für Musiker- und Fantasie und ›Spielen Sängernachschub sorgt. ohne Grenzen‹ haben sie Und neuerdings schreibt unseren GemeinschaftsEibe Meiners wunderbare geist gestärkt. Kritiken in der NZ über Besondere Ehre ge(nicht nur!) unsere Konbührt den Planern unserer zerte. Chorreisen: etwa unserem Ein großes Glück ist Hochschulprofessor Hans es, dass wir mindestens Rummel, der uns nach Podrei Ärztinnen und Ärzte len führte, oder Eva Schad im Chor haben, z. B. Ulselbst mit ihrem Mann rike Lipski, unsere ZahnFolker Froebe, die uns ärztin. Als in der GeneAbb. 48: Legendäres Buffet zur 40-Jahr-Feier ihre Lieblingsinsel Mallorralprobe zum feierlichen des Chores am 14.12.2003 ca in allen Facetten nahe­ Magnificat der Zahn einer Chorsängerin im hohen Bogen ins Orchester fiel, brachten sowie Martina Kuhrt und Elisabeth sorgte sie über Nacht dafür, dass der Zahn bis Wandersleb, die uns Schweden bereisen ließen. zum Konzert wieder am richtigen Platz klebte! Und nicht zu vergessen: unsere diesjährige Reise Unvergesslich auch die Generalprobe, als un- nach Frankreich, die von unserem zweiten Bresere Chorleiterin von der Truhenorgel aus direkt merhavener Hochschulprofessor, Herrn Ribbert, in die Frauenklinik gebracht wurde. Natürlich vorbereitet wurde. Ja, und dann wären da noch Klaus Fischer von einem Anästhesisten aus unserem Chor, Daniel Wanderleb, Sohn unseres ersten Chorleiters, und Volker Nagel Geißler, die immer wieder Friedrich Wandersleb. Und wie wunderbar, dass Stimmproben für einzelne Chorgruppen übersie am nächsten Abend, als ihr Mann Folker Froe- nehmen – selbst das Einsingen vor Konzerten. bwohl Schwatzen, Reden und Flüstern mit dem Nebenmann oder der Nebenfrau streng verpönt sind, haben wir es doch immer wieder geschafft, miteinander in Kontakt zu kommen. So fanden wir langsam aber sicher heraus, was für tolle Begabungen im Chor versteckt sind:

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Außerdem bewundere ich immer wieder die vielen Frauen und Männer im Chor, die beim Falschsingen ertappt werden und dennoch lachen. Früher, zu Herrn Wanderslebs Zeiten, waren viele Chormitglieder während der Chorproben auch noch richtig produktiv! Es gab eine gewisse Muße fürs Klönen, Lachen und für die ›Nachbarschaftspflege‹! Mit Notenständern vor sich hatten einige die Arme frei zum Stricken und Häkeln, und es entstanden hübsche ›Chorwerke‹. Andere hatten ihre Romane mit oder nutzten kleinste Singpausen für Schularbeiten. Bei Herrn Klomp hörte diese Produktivität leider auf: kein Stricken und Basteln mehr in den Chorproben. Aber Lachen durften wir, denn er hatte Witz und eine spitze Zunge. Wir lernten bei ihm auch, in einzelnen Reihen zu singen. Bei Chorsängern, die leise singen, war das unbeliebt, denn nun hörte man, dass man sie nicht hörte! Aber nun zurück zu den tollen Chormitgliedern: Wir haben viele ›doppelchörige‹ Mitsänger, die in zwei Chören singen, etwa zusätzlich auch dort, wo sie kirchlich beheimatet sind. Angesichts der Pastorenschwemme im Chor könnten wir einen

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Und doch – im Chor sind wir alle gleich, denn wir singen alle dieselbe wunderbare Musik! Danke dafür unsern früheren Chorleitern, Friedrich Wandersleb und Carsten Klomp sowie vor allem unserer Chorleiterin der letzten 18 Jahre: Eva Schad! Irmela Bohlmann (seit 28 Jahren im Chor)

Thank God, it’s Friday

ur knapp 30 Jahre kann ich von dem halben Jahrhundert Lebenszeit der Stadtkantorei überblicken, und das auch nur lückenhaft. Aber wenn ich an die unzähligen Freitag-Abende und die vielen Konzerte denke, dann muss ich sagen, dass ich aus tiefstem Herzen dankbar bin für diesen besonderen Chor – und natürlich seine Chorleiter und Chorleiterin. Dieses tiefe Gefühl des Erfülltseins und der Dankbarkeit hat mich insbesondere während und nach den großen Konzertaufführungen in der Christuskirche immer wieder bewegt: dass ich diese einmalige Gelegenheit habe, bei einem so großartigen Werk mitzusingen, ein Teil dieser wunderbaren Musik zu sein. Aber auch mitten in den Proben habe ich manchmal gedacht: Wie wunderbar ist das, hier einfach sitzen zu können in der letzten Reihe, als einer von ganz vielen (und nicht da vorne stehen zu müssen und die

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eigenen Kirchenkreis besetzen – samt Superintendentin. Außerdem kommen so viele Lehrerinnen und Lehrer in den Chor, dass wir glatt eine neue ›Oberschule‹ gründen könnten – mit Musik und Singen als Hauptfach. Und unsere drei Malerinnen würden dort die Klassenräume kreativ einfärben. Schließlich spielen so viele ein Musikinstrument, dass sie zusammengenommen ein vollständiges Anfänger-Orchester für unsere Kantorin ergäben. Und wenn wir beim Singen mal ›schlapp machen‹: Unsere Apotheker im Chor würden uns abends noch die Medikamente besorgen. Und dann natürlich noch das Bremerhavener Lokalkolorit: Es gehören zu unserem Chor ein ›Weltumsegler‹, eine ›Leuchte des Nordens‹ und die Bremerhavener ›Frau des Jahres‹. Wir haben tolle Leute im Chor !!! Habe ich jemanden vergessen?

ganze Verantwortung zu tragen …), mitmachen zu können bei etwas so Großartigem, mit meiner kleinen Kraft ein Teil von etwas ganz Großem zu sein – und das nur mit meiner Stimme. Ach, wenn das doch auch nur einmal meine Frau so erleben könnte … Mit den Jahren sind die Proben am Freitag Abend zu einem Teil meines Lebens geworden, so lästig das manchmal war und ist, an einem der schönsten Abende der Woche, wenn ein Großteil der Arbeit getan ist und alle aufs Wochenende zusteuern, mich aufs Fahrrad oder ins Auto zu setzen und nach Geestemünde zu fahren, zur Probe, während ich doch manchmal viel lieber zuhause geblieben wäre, um das Wochenende mit meiner Frau einzuläuten, den Grill anzufeuern und ein kühles Bierchen dazu zu trinken. Aber das musste immer warten – und zischte dann umso besser nach getaner Probenarbeit … Jedenfalls gehören


Berichte

die Freitagsproben zu meinem Wochenrhythmus; sie geben meiner Woche Takt und Struktur, die ich nicht mehr missen möchte, so wenig wie den Sonntag – »Thank God, it’s Friday«, sagen die Amerikaner! Als ich Ende Februar 1985 nach Bremerhaven kam und an der Petrus-Kirche in Grünhöfe als junger Pastor meine erste Stelle antrat, war die Entscheidung für die Stadtkantorei bald gefallen. Am 19. April 1985 um 20.00 Uhr war ich wohl zum ersten Mal bei einer Probe, sagt mein alter Kalender. Eng verpackt zwischen hundert anderen Terminen, deren Fülle und Dichte mich heute weniger erstaunt denn erschreckt, steht da schlicht am Feitag Abend um 20 Uhr: Chor. Ich weiß noch, wie oft ich da mit hängender Zunge ankam und dann, nach dem Einsingen bei Herrn Wandersleb (»p – t – k / pööööt – tööööt – kööööt …«) zwischen Herrn Fischer und Herrn Müller-Hansen zu sitzen kam, völlig übermüdet, aber selig: denn in den nächsten 105 Minuten sollte ich alles vergessen, was mich sonst umtrieb und mir nachts oft genug den Schlaf raubte. Das war – und ist bis heute – wirklich ein Abtauchen in eine andere Welt, weitab vom Alltag und seinen Belastungen. Eine heilsame Pause, ein Aussteigen aus dem Hamsterrad. Und zugleich ein Auftanken, das mich durch die ganze kommende Woche trägt. Ich habe das erst nach und nach begriffen, wie heilsam das eigentlich ist: dass ich da einfach hinten im Tenor mitsingen kann, meinen Beitrag leiste, ohne mich groß anstrengen zu müssen, ohne dass es auf mich allein ankommt, ohne große Erwartungen an mich, einfach so – sola gratia, wie die Reformatoren sagten: Allein aus Gnade. Das spüre ich so bis heute, und es gehört zu den größten und wertvollen Lebensgeschenken, die ich meinem Gott verdanke. Dazu kommt, und auch das habe ich erst nach und nach begriffen, dass wir ja fast immer biblische Texte singen, die sich auf diese Weise nicht nur dem Kopf ganz tief einprägen, sondern sich in meiner Seele fest verankert haben. »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« – ich kann bis heute dieses phantastische Wort aus dem Hebräerbrief, das in diesem Jubiläumsjahr die Jahreslosung bildet, nicht lesen, ohne dass mir dazu die Melodie aus dem Brahms-Requiem in den Kopf kommt. Ich vermute, dass sich ein großer Teil meiner

Kenntnis von biblischen Worten aus musikalischen Quellen speist. Und nicht selten hat mich das gerade als junger Pastor sehr berührt, wenn wir so etwas sangen. Es war wirklich eine sehr anstrengende und aufreibende Anfangszeit für mich, und manche Amtshandlung hat mich bis weit über meine Grenzen geführt. Und so fand ich mich oft wieder in den Worten, die wir da sangen, auch den nicht-biblischen, besonders aus der barocken Sprachwelt. Ich erinnere mich noch an den schönen Satz »Der saure Weg ist mir zu schwer« aus einer Bach-Motette, oder die trotzigen Verse aus Jesu, meine Freude: Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu. Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sich’rer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen. Das tat einfach gut, wenn ich morgens einen viel zu jungen Menschen zu Grabe getragen oder einen deprimierenden Besuch hinter mich gebracht hatte … Aber auch in den Auseinandersetzungen, die ich als junger Hitzkopf mit meiner Obrigkeit auszutragen hatte, halfen mir Sätze wie die aus dem Weihnachtsoratorium: Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben, so gib, dass wir im festen Glauben nach deiner Macht und Hülfe sehn. Wir wollen dir allein vertrauen, so können wir den scharfen Klauen des Feindes unversehrt entgehn. Das war Balsam für meine Seele und ein Kraftquell für mein kämpferisches Herz. Gleich in meinem ersten Jahr 1985 sangen wir Bachs h-Moll-Messe – ein gewaltiges Erlebnis für mich. Obwohl ich sie 28 Jahre dann nicht mehr gesungen habe, staune ich, wie viel davon in diesem Jahr noch präsent ist, wo ich sie aus Anlass des Chorjubiläums wieder mitsingen kann. Wie tief sich das einprägt! In meiner Chorpartitur von damals finden sich noch Hinweise auf Sonderproben im Rundfunk-Studio F bei Radio Bremen und auf eine Chorfreizeit in Drangstedt am 21. und 22. September. Ich weiß nicht, ob es sich bei die-

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sem Anlass zugetragen hat oder etwa an einem Drangstedt-Wochenende der nächsten Jahre. Jedenfalls hatte ich meine Gitarre mitgenommen, das bot sich an, denn Drangstedt war auch das Ziel sämtlicher Konfirmanden- und Jugendfreizeiten dieser Jahre, und natürlich war die Gitarre immer mit dabei. Abends pflegten wir dann im Kaminzimmer zusammenzusitzen und zu singen. Allerdings war die Chor-Tradition wohl etwas anders gewesen; ich meine, Herr Wandersleb hatte selbsthektographierte Zettel mit eher Volksliedhaftem mitgebracht, vielleicht auch ein paar ›Klingende Runden‹. Irgendwann nahm ich (möglicherweise auch auf kurzes Drängen anderer ›Jüngerer‹) dann meine Gitarre zur Hand, die nicht viel anderes als Beatles, Bob Dylan, Wolf Biermann, Hannes Wader und Hermann van Veen kannte, dazu ein paar der (damals noch verpönten) sogenannten neueren Kirchenlieder in der Preisklasse von Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt oder Danke. Jedenfalls ließ ich mich dazu hinreißen, ein paar Lieder von Hannes Wader anzustimmen; ich glaube, es begann ganz harmlos mit Dat du mien Leevsten büst und Heute hier, morgen dort. Doch als ich dann mit dem schönen Lied Cocaine zu brillieren versuchte, änderte sich die Stimmung im Kreis der Sangeslustigen und insbesondere bei Herrn Wandersleb, und die Bereitschaft, den schmissigen Refrain mitzusingen, nahm von Strophe zu Strophe spürbar ab: Ohohoho, Oh Mama, komm schnell her, halt mich fest, ich kann nicht mehr, Cocaine, all around my brain. Spätestens bei der vorletzten Strophe merkte ich,

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Opa hat den Gilb, wartet auf den Tod, freut sich auf Jimmy Hendrix und den lieben Gott, Cocaine, all around my brain. Oma geht es augenblicklich auch nicht gut, seit ihrem letzten Flash spuckt sie nur noch Blut, Cocaine, all around my brain … Mir blieb nichts als möglichst schnell die letzte Strophe anzustimmen, die mit den Worten beginnt: Ich merke schon, dass ich jetzt aufhörn muss, o Mama, Mama, Mama, komm, mach mir ’nen Schuss Cocaine … Ich meine mich erinnern zu können, dass nach diesem Lied etliche Teilnehmer der Runde den Raum verließen und wir Jüngeren für den Rest des Abends unter uns blieben … Die Probenarbeit hat das zum Glück nicht beeinträchtigt. Heute denke ich, es ist ein großes Glück, dass in diesem Chor so unterschiedliche Menschen mitsingen: Junge und Alte, Fromme und Zweifelnde, Normal- und Schwerstbegabte – eben alles, was das Leben so zu bieten hat. Gerade diese Vielfalt macht für mich die Lebendigkeit und den Reiz der Stadtkantorei aus. So ist sie seit 50 Jahren (und wird es hoffentlich auch in Zukunft sein) eine wunderbare Botschafterin der Kirchenmusik und des Glaubens an den, dem wir sie und auch unsere Stimmen verdanken: Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre! Matthias Clasen (Pastor in Langen, seit 28 Jahren im Chor)

Mein War Requiem und mein Nagelkreuz von Coventry oder: Kann man aus Krieg Poesie und Musik machen?

n den letzten Tagen haben mich – mehr oder weniger zufällig – einige Berichte über Kriege und Kriegsfolgen beschäftigt: In seinem Buch In Stahlgewittern verwandelt Ernst Jünger die von ihm selbst erlebte Dramatik von Zerstörung und Tod an der Front des ersten Weltkrieges in Literatur. Der Expressionist Armin T. Wegner beschreibt in seiner Erzählung Der Knabe Hussein das Grauen des Krieges in düsteren, aber zugleich

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dass ich den Bogen überspannt hatte, konnte aber nicht mehr zurück:

kunstvollen und ergreifenden Worten. In einem alten Radiointerview schildert die Dichterin Mascha Kaleko, wie sie 1956 durch das zerstörte Berlin ging und den leeren Platz, an dem einst das Romanische Café stand, von Nord nach Süd und von Ost nach West durchschritt. Dort hatte sie vor dem Krieg oft mit Freunden gesessen, die dann vom Krieg und im KZ umgebracht wurden. Sie konnte als Jüdin vor den Nazis fliehen. Erst jetzt kam sie wieder zurück.


Berichte

Und nun liegt sie hinter uns, diese Totenmesse für die Kriegstoten, das War Requiem von Benjamin Britten, das 1962 erstmals in der neu wieder aufgebauten Kathedrale der mittelenglischen Stadt Coventry erklang. Stadt und Kathedrale waren 1940 von deutschen Bombern in Schutt und Asche gelegt worden. Am Tag nach der Zerstörung machte der dortige Gemeindepfarrer Reverend A. P. Wale aus drei großen Dachbalkennägeln ein Kreuz. Kleine Nachbildungen davon wurden später bei vielen deutschen Kirchentagen verkauft. Gestern, am 18. November 2012, ist Brittens großes Werk von der Bremerhavener Kantorei, zwei Orchestern, Solisten und dem Jugendchor unter der Leitung von Eva Schad und GMD Stephan Tetzlaff in der Christuskirche aufgeführt worden. Meine Frau und ich haben mitgesungen. Noch tief bewegt von dieser Erfahrung schreibe ich diesen Bericht. Es war etwa vor einem dreiviertel Jahr – vielleicht im März 2012 – als ich Eva Schad nach einer Kammerchorprobe am Mittwoch sagte, ich sei noch nicht so recht entschieden, ob ich das War Requiem von Benjamin Britten in der Stadtkantorei mitsingen könne. Ich sprach von »Doppelbelastung« durch »zwei Chöre«, und dass das alles doch recht viel sei angesichts meiner anderen Engagements. Da straffte sich die zierliche Gestalt unserer Kantorin vor mir. Sie funkelte mich an und sagte: »Herr Klan!« Pause. »Ein Chorsänger muss einmal in seinem Leben das War Requiem gesungen haben, glauben Sie mir!« Und etwas leiser, fast beschwörend fügte sie hinzu: »Und ein Chorleiter muss das auch einmal in seinem Leben einstudiert und aufgeführt haben.« Diese von starkem Willen getragene Demut entwickelte sich in den vielen dann nachfolgenden Proben zu einer Mischung aus Trotz, Penetranz und Liebe zu dem Werk, getragen von einer großen Vision. Und gepaart mit stillen Phasen der Verzagtheit, von denen wir nichts mitkriegen sollten. Diese und wie viele andere Emotionsund Willensebenen muss sie durchlebt haben. Sie sagte damals im kleinen Kreis: »Wir können das jetzt machen, weil speziell die Männer im Chor derzeit gut aufgestellt sind«, und: »Wir schaffen das !!!« Drei Ausrufezeichen.

Wir, der Chor, konnten Evas starkem Willen und ihrer umfassenden, für sie selbstverständlichen Musikalität nicht immer folgen. Wie oft stolperten wir ihren musikalischen Vorstellungen hinterher! Immer wieder versuchte sie, uns in Bezug auf die bedrückenden Texte in wunderbaren poetischen und treffend beschreibenden Bildern Passagen des Werkes aufzuschlüsseln. (Allerdings glaube ich nicht, dass diese Poesie alle der 90 Sänger erreicht hat – auch weil sie oft so schnell und so schwäbisch rüberkam.) Unsere Chorleiterin bediente sich aller möglichen pädagogischen Tricks, um uns motiviert zu halten angesichts vieler so ungewöhnlicher Rhythmen und dissonanter Klänge. Keine Frage: sie ging mit diesem Werk an die Grenzen der Leistungsfähigkeit unseres Laienchores. Bei manchen Proben erschien uns das Ziel, diesem War Re­ quiem gerecht zu werden, absolut unerreichbar. Wie hilflos wir oft im Netz falscher Dissonanzen und Rhythmen zappelten! Dazu kam, dass wir so wenig Vorstellung von dem Gesamtklang hatten. In den letzten Proben engagierte Eva den exzellenten Pianisten Hartmut Brüsch, der die Gewalt des Orchesters imitierte, um uns unter anderem das Toben des Krieges und der Zerstörung in dieser Musik begreiflich zu machen. Es geht in diesem Werk um Krieg und Tod – eine Totenmesse. Wie kann man solches heute anders umsetzen als in einer vielschichtigen Klangsprache voller dissonanter Klänge, die aber immer wieder in tröstliche Harmonien münden? Als in der Generalprobe die beiden Orchester und die Solisten über uns, den Chor, herfielen, erfuhren wir anfangs Verwirrung und eine große Verzagtheit. Was uns in diesen Stunden überleben ließ, war außer Evas motivierender Hartnäckigkeit der Jugendchor auf der Empore oben in der Kirche neben der Orgel. Von dort erscholl psalmodierender Gesang in strahlender Klarheit wie aus uralten heiligen Klöstern. Ein Trost. Auf unserer Heimfahrt danach kam es unter uns fünf Nordenhamer Sängern zu Diskussionen und auch zu dem einen oder anderen zaghaft gemurmelten »Das schaffen wir nie!« oder »O Gott, wie soll das morgen nur werden?« Ich selbst spürte eine Anspannung, die mir eine unruhige

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Berichte

Nacht bescherte und weit in den folgenden Tag anhielt. So ging ich etwas unsicher in die Aufführung. Anderen Chorsängern ist es ähnlich ergangen. Beim Einsingen versuchte Eva, uns Mut zu machen wie ein Feldherr vor der Schlacht. Sie muss die Last gespürt haben, die auf uns lag. »Morituri te salutant«, sagten damals die Gladiatoren im römischen Zirkus zu Caesar beim Betreten der großen Arena (»Die sterben werden, grüßen dich«). Ich kam mir ein bisschen vor, als wäre ich einer von ihnen. Aber dann war da die tröstliche Äußerung von Eva beim Einsingen: »Wir sind gut vorbereitet!« – »Wichtig sind die Einsätze zur rechten Zeit. Denkt an die großen Linien.« Und: »Wir schaffen das, ihr werdet sehen !!!« Wieder drei Ausrufezeichen. Picasso hat einmal gesagt, dass er Angst hätte vor dem ersten Strich auf der leeren Leinwand. Obwohl er ein klares Konzept im Kopf hatte. Mag es so unserer Dirigentin Eva Schad ebenso gegangen sein, als das Konzert begann? Das Orchester füllt den Raum mit dunklen, aber tröstlichen Klängen. Und wir stimmen mit dem »Requiem aeternam dona eis« (»Ewige Ruhe gewähre ihnen«) ein, lassen uns von der Musik tragen und gestalten sie – zunehmend mutiger werdend, singend, kämpfend, liebend, konzentriert und richtig schön. Eva hatte bei einer der letzten Proben gesagt, es käme wesentlich auf die großen Linien an. Das macht mir Mut, auch wenn ich mal mit einem Ton daneben liege. Die Solisten sind stark und wirken sicher. Die beiden Orchester nehmen uns rücksichtsvoll in ihre Mitte. Eva hat bei Abschnitten mit Solisten und dem kleinen Orchester unter Leitung von GMD Stephan Tetzlaff immer wieder Erholungsphasen. Und kann wie ein Sportler zur rechten Zeit Atem holen. Wir unsererseits schaffen alle Drahtseilakte der schwierigen polyphonen und rhythmisch wie harmonisch komplizierten Stellen. Etwa zehn Minuten vor dem Schluss bemerke ich, wie Eva ihre sonst fast tänzerische Lockerheit und konzentrierte Grazie aufgibt, ganz steif wird wie eine Statue und einen Moment inne hält. Kurz habe ich Sorge um sie, bis ich merke, was sie bewegen muss: »Das Meiste ist geschafft und war richtig gut.« Die schwierigsten Abschnitte liegen bereits hinter uns: das »Quam olim Abrahae …« (»Wie du einst Abraham verheißen …«) und vor

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allem das »Libera me …« (»Befreie mich«), dieser gewaltige Aufschrei aus den Ruinen, den menschlichen Nöten und Qualen. Nun verheißt der Jugendchor dort oben neben der Orgel mit engelsgleichem Gesang: Es soll auch im Angesicht des Todes Trost bleiben und Liebe. Ein Blick ins Paradies. Schließlich »Requiescant in pacem« (»Mögen sie in Frieden ruhen«) und »Amen«. Dann Stille. Und das lange Läuten der Kirchenglocken, bevor erst zaghaft, dann gewaltig der Beifall aufkommt. Ich habe weiche Knie und feuchte Hände. Meinem Nachbarn im Bass läuft der Schweiß von der geröteten Stirn. Das unsichere Empfinden, es könnte alles danebengegangen sein, ist davon. Wir sind erschöpft und glücklich. Man sieht Eva an, dass es ihr nicht anders geht. Einige von uns beobachten, wie Leute aus dem Publikum weinen. Bekannte aus Nordenham bestätigen uns wenig später den großartigen Gesamteindruck der Aufführung. Und auch manche Orchestermusiker sagen uns, wir seien richtig gut gewesen. In einer ruhigen Minute mache ich eine heimliche Verbeugung vor Benjamin Britten, vor allen Mitwirkenden und auch vor Eva Schad. Kann man aus Krieg Poesie und Musik machen? Ich denke, man muss es sogar! Nur Poesie und Musik erreichen die Herzen und schaffen anhaltendes Gedenken. Nach dem Konzert kamen meine beiden erwachsenen Kinder Alexander und Inez auf mich zu, beglückwünschten und umarmten mich und übergaben mir ein kleines Coventry-Nagelkreuz, das sie auf einem gemeinsamen Kirchentagsbesuch vor Jahren erworben hatten. Ich war zu Tränen gerührt. Am Morgen nach dem Konzert wurde ich in einem Supermarkt in Nordenham von einem guten alten Freund fast überfallen. Er riss mich am Arm vor Begeisterung, kam dicht an mein Gesicht und sagte fast beschwörend: »Du, Petrus, das war eine ganz, ganz großartige Leistung von euch und ein gewaltiges und so wunderbares Konzert gestern Abend in Bremerhaven. Das Beste, was ich seit Langem erlebt habe!« Er wiederholte dies wie im Märchen dreimal. Und dann ist es wahr. Petrus Klan (Nordenham)


Berichte

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Wie ein Bauwerk das Leben von Menschen verändern kann!

amit meine ich den Wesertunnel, der uns von der anderen Weserseite den Blick auf die Kirchenmusik in Bremerhaven interessant gemacht hatte. Das liegt nun schon sechs Jahre zurück, und mittlerweile können wir uns ein Leben ohne die Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven gar nicht mehr vorstellen. In besonderer Erinnerung bleiben uns die großen Kirchenkonzerte, bei denen wir seitdem mitwirken durften, aber wir freuen uns auch jede Woche von Neuem auf die Proben unter der Leitung von Eva Schad. In ihrer dynamischen, fordernden Art entsprechen sie

so ganz unseren Vorstellungen von einer erfüllenden musikalischen Aktivität. Nicht zufällig wurde Eva Schad schon als ›Verwalterin unserer Freizeit‹ bezeichnet! Ihr gilt unser besonderer Dank, wobei wir aber auch die überaus nette Aufnahme im Kreise unserer Mitsängerinnen und -sänger nicht unerwähnt lassen wollen. So werden wir auch weiterhin – wie viele andere – den Weg nicht scheuen und die Proben am Freitagabend als krönenden Abschluss unserer Arbeitswochen erleben. Barbara Tönjes (Nordenham)

Die drei von drüben Es kamen drei Bässe von drüben, um freitags das Singen zu üben. So probten sie tüchtig und wurden bald süchtig! Nun sind die von drüben mehr hüben. (Ein Limerick von Stefan Tönjes)

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as sind drei Bässe aus Nordenham, nicht die drei von der Tankstelle, auch nicht die drei Musketiere, eher drei Musik-Tiere oder tiefe Stimmbandmuskeltiere. Keinesfalls die heiligen drei Könige. Wir sind so heilig wie alle Chorsänger irgendwie. Alle drei haben wir jeder auf seine Weise über Jahre Musik gemacht und gesungen, bevor wir in einem anderen Chor aufeinander trafen. Aber drei ist eine gute Zahl: Glückszahl und so. Seit der Wesertunnel fertig ist, kamen wir in die Bremerhavener Kantorei und dann in den Kammerchor der Christuskirche. Ohne Tunnelblick. Um es fair zu sagen, wir sind nicht die einzigen, die von weit her kommen. Andere sind aus anderswoher weit weg, z. B. aus Bad Bederkesa oder Cuxhaven. Wir aber kommen von einer anderen Welt, von der anderen Seite. Früher war die Weser eine absolute Siedlungs- und Geistesgrenze, zu Friesens Zeiten und noch lange später. Die Friesen hier haben total unverständlich gesprochen, waren und blieben recht unchristlich und haben absolut nicht und nie gesungen. »Frisia non cantat« (Friesland singt nicht), hat schon der alte Tacitus gesagt. Und der hatte wie alle Römer immer Recht (siehe auch Asterix und Berlusconi).

Dass wir drei singen können, hat nicht zuletzt den Grund, dass wir ursprünglich aus SchleswigHolstein, Bayern und irgendwoher aus dem tiefen Butjadingen sind. Also: keine sangesfremden Friesen-Gene. Bei dem einen mit seinen plattdeutschen Genen ist das nicht ganz sicher. Das ist der Beste und Größte von uns dreien. Schon in Nordenham hatten wir uns zu einem Trio besonderer Art zusammengefunden: Seit knapp 10 Jahren organisieren wir den sommerlichen Open-Air-Klassik-Abend ›Klassik im Park‹. Und wir konnten 2012 die ganze Kantorei der Christuskirche Bremerhavens zusammen mit Eva Schad mit den Carmina Burana zu ›Klassik im Park‹ herüberholen und dienstverpflichten. 800 Nordenhamer haben bei strahlendem Wetter begeistert zugehört. Ein grandioses Ereignis in sommerlicher Picknick-Atmosphäre. In Danzig sangen wir auf einer Chorreise 2008 mit der Kantorei in der gewaltigen und schönen Marienkirche, und als Höhepunkt im großen Remter der Marienburg das Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden von Rheinberger, mit schrägem Abendlicht durch gotische Fenster: Tränen und so. Viele gute Konzerte haben wir gemeinsam gesungen, erstritten, gelitten und gewonnen, nicht zuletzt die alte, gute, anstrengende, weil allzu lange Matthäuspassion von Bach. Vom gewaltigen War Requiem von Benjamin Britten im November 2012 ganz zu schweigen. Das hat nicht nur uns drei umgehauen, obwohl alle Mitwirkenden es gut geschafft haben.

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Berichte

Unsere Fahrten nach und von Bremerhaven, meist nächtens, waren oft Abenteuer für sich: Durch Schneetreiben, über Glatteis, in dichtem Nebel und wildem Regen, aber auch bei strahlender Sonne und bei oft starkfarbig beleuchteten Himmeln. Dabei wurden Chorwerke, Chormitglieder und auch unsere Chorleiterin kritisch durchleuchtet. Diskussionen über unser aller Fehler und Stärken blieben nicht aus. Diese Fahr-

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ten dienten zum Auspendeln unserer Seelen. Wir kamen immer gelassen an. Unter dem Strich macht uns das Singen in Bremerhaven, in der Kantorei und im Kammerchor sehr große Freude. Wir verbeugen uns vor unserer Chorleiterin Eva Schad und danken ihr. Ad multos annos. Auf viele Jahre weiterhin. Bruno Fröhlich, Petrus Klan und Stefan Tönjes

»Kinderchen!«

enn ich mit Leuten meines Alters über Hobbys spreche und erwähne, dass ich in der Evangelischen Stadtkantorei singe, ernte ich zumeist fragende oder ungläubige Blicke. Fragend, weil manch einer sich unter dem Begriff ›Kantorei‹ nichts vorstellen kann. Ungläubig, weil es zugegebenermaßen nicht zu den beliebtesten Freitagabend-Beschäftigungen 18-Jähriger gehört, mit rund 100 anderen Sängerinnen und Sängern Werke von Bach, Händel und Co. einzustudieren.

Die Frage »Wieso?!« ist meinen Altersgenossen deutlich von der Stirn abzulesen. Wieso? Ja, wenn ich selbst darauf eine Antwort hätte! Warum findet man in meinem CDRegal eher Mitschnitte von Rutter-Konzerten als Alben von Robbie Williams? Einige meiner Freunde bezeichnen mich sogar als ›Klassik-geschädigt‹, und meine einzige sinnvolle Erklärung dafür ist, dass ich mit Kirchenmusik, mit Messen, Oratorien und Passionen groß geworden bin.

Abb. 49: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium 2010 (links), John Rutter, Mass of the Children 2010 (rechts)

Als ich das erste Mal bei einem Kantoreikonzert mitsang, war ich 9 Jahre alt: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, aufgeführt im Jahr 2003 durch die Kantorei, die mich Knirps schon durch die unfassbare Anzahl der Sänger beeindruckte, ein für meine Begriffe gigantisches Orchester – ich war bis dato nur Klavierbegleitung gewöhnt – und etwa 20 von Evas »Kinderchen«. Und ich mittendrin, mit kilometerlangen Zöpfen und im schwarzen Chorgewand mit weißem Kragen. Die meisten von uns fanden die Roben doof: So warm, so eng am Hals, so muffig – und verheddern tut man sich auch ständig! Heute kann

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ich sagen: Bequemer als die langen Umhänge, die wir 2012 bei der Carmina Burana im Stadttheater tragen mussten, waren die Kinderchorgewänder allemal! Und ein bisschen trauere ich den ›Fledermauskostümen‹ inzwischen sogar nach. Gewänder hin oder her: Mein erstes Kantoreikonzert war ein Abenteuer für mich, auch wenn ich nur die Choräle mitsang und deshalb die meiste Zeit still zu sein hatte. Das war aber auch nicht so schlimm, denn die Querflöten vor mir waren wirklich ungemein spannend zu beobachten! Die Dirigenten vorne am Pult waren nicht so wichtig – wozu wedelten die eigentlich die ganze Zeit mit ihrem


Berichte

Stab? Und es waren wirklich Dirigenten, nicht nur eine Dirigentin! Denn, man höre und staune, obwohl ich das Küken der Kantorei bin, habe ich bereits das 40-jährige Chorjubiläum, bei dem Friedrich Wandersleb, Carsten Klomp und Eva Schad dirigierten, als aktive Sängerin miterlebt! Dem Weihnachtsoratorium im Jahr 2003 folgten die Johannespassion von Bach im Jahr 2005, seine Matthäuspassion und nochmals das Weihnachtsoratorium 2007; zwischendurch war auch mal was von einem Komponisten dabei, dessen Namen ich mir wunderbar merken konnte, vor allem wegen der nach ihm benannten Schokoladenkugeln, nämlich Wolfgang Amadeus Mozarts Missa brevis in G. Mittlerweile hatte es seinen Reiz verloren, die Instrumente vor sich zu beobachten, denn eigentlich machten die Flöten immer das gleiche: Pusten, die Finger bewegen, Musik aus merkwürdigen Hieroglyphen zu spielen, die ich allmählich als Noten zu interpretieren und zu lesen verstand. 2009 gab es dann endlich mal eine richtige Abwechslung: Ein neuer Komponist und

neue Aufgaben: Erstmals gab es für uns »Kinderchen« mehr zu singen als nur Choräle. Im Jahr 2010 wollte ich es dann wirklich wissen! Seither hat die Kantorei es nicht mehr geschafft, mich loszuwerden. Telemann, Elgar, Schumann, Kiel, Rutter, Orff, Britten und zwischendurch Altvertrautes (im wahrsten Sinne des Wortes), nämlich Mozarts Missa brevis und Bachs Weihnachtsoratorium sowie die Matthäuspassion – und diesmal die vollständige Sopranstimme! 2003 wurde dem Sopran eingeschärft, man möge besonders schön und im Tempo singen, um den »Kinderchen« – mich eingeschlossen – ein gutes Vorbild zu geben. Heute gehöre ich nun auch zu denen, die dem Kinderchor beziehungsweise den eigenen Jugendchorkameradinnen die richtigen Töne ins Ohr setzen sollen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich immer noch unter die Kategorie »Kinderchen« falle – und das wohl, bis ich dreißig bin! Annika Heyen

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I n t e rv i e w

Interview Der Chor kam Weihnachten zur Welt – Friedrich Wandersleb und Eva Schad erzählen von einst und heute  ir haben doch einen schönen Beruf!« Nach »Wanderthalb Stunden eines erfrischenden

Gesprächs blickt Friedrich Wandersleb fröhlich zu Kreiskantorin Eva Schad hinüber. Der 86-jährige Gründer der Evangelischen Stadtkantorei an

der Christuskirche und deren heutige Leiterin haben sich anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Chors zusammengesetzt und manche Gemeinsamkeit zwischen damals und heute ausgemacht.

Abb. 50: Sie öffnen die Tore für viel Musik: Kantoreigründer Friedrich Wandersleb und Kantorin Eva Schad

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I n t e rv i e w

Geprobt wird einmal pro Woche, dazu gibt es Stimmproben und vor den Aufführungen ein Probenwochenende – daran hat sich nichts geändert. »Wir sind zur Chorfreizeit immer nach Drangstedt gefahren«, erinnert sich Wandersleb. Andererseits nahm er sich für seine erste Aufführung von Bachs heikler h-Moll-Messe 1974 mehr als zwei Jahre Probenzeit, Eva Schads Terminkalender ist da enger gesteckt. »Und wenn der Rundfunk einen Kantatengottesdienst übertrug, zahlte er sogar noch dafür«, erzählt Wandersleb. Diesen Vorteil kann Eva Schad, immer auf der Suche nach Sponsoren, heute nicht mehr nutzen. Manchmal war früher doch alles besser, oder? Wandersleb erinnert sich an seine Anfänge als Kantor: »Als ich 1954 die Stelle übernahm, sagten die Pastoren: ›Wozu brauchen wir einen hauptamtlichen Musiker? Der spielt doch nur sonntags.‹ Da der Diakon einen Sing- und Spielkreis leitete, war es mir auch verboten, einen Jugendchor zu gründen.«

der Dirigent zurück, »dann wurde sie ein Selbstläufer – wir hatten immer 80 bis 95 Mitwirkende.« Mit denen konzentrierte sich Wandersleb zunächst vor allem auf Musik von Bach. Johannespassion, Matthäuspassion, die Motetten, jährlich eine Kantate im Rundfunk und auch wieder das Weihnachtsoratorium. 1971 wurde das Repertoire erfolgreich mit Mozarts Requiem erweitert, später folgten Händels Messias, das Brahms-Requiem und sogar Arthur Honeggers König David: »Plötzlich blieben 20 Sänger weg und sagten: ›So was Modernes wollen wir nicht.‹ Es kamen auch nur 250 Besucher.« Da hat es Schad heute leichter: Bei Benjamin Brittens War Requiem nahmen ihre Sänger nicht nur den Kampf mit den schweren Noten auf, die Kirche wurde auch rappelvoll. Wandersleb ist voll des Lobes für diese Aufführung, verbindet ihn doch mit Britten selbst ein großer Erfolg.

Tenöre und Bässe gesucht

Für den Cantus firmus der Matthäuspassion hatte er 1976 einen Kinderchor gegründet. Mit dieser ›Kurrende‹ führte er 1983 in der Kirche Brittens Oper Noahs Flut auf. »75 Kinder als Tiere für die Arche, der kleine David McAllister als einer von Noahs Söhnen und die Männer der Kantorei – die Kirche war zweimal ausverkauft.« Den gemalten Regenbogen, dessen Farben falsch angeordnet waren, verwendet Eva Schad immer noch gern. 1992 schied Wandersleb mit einer im Gottesdienst aufgeführten Johannespassion aus dem Amt, seinen Nachfolger Carsten Klomp beerbte Eva Schad schon 1995. Sie entdeckt immer mehr Gemeinsamkeiten zu ihrem Vorvorgänger: »Wir leiden beide nicht unter Lampenfieber«, stellt sie fest. »Nur vier Wochen vor der Aufführung wälzt man sich nachts im Bett und denkt: Schaffen wir das?«, sagt Wandersleb. Da nickt Schad zustimmend. Einig sind sich der Ex-Kantor und die amtierende Kantorin auch darin, dass man nicht einer Eventkultur der populären Häppchenprogramme hinterherlaufen, sondern die ganze Bandbreite der Kirchenmusik vermitteln sollte. So wird Wandersleb beim Jubiläum einen Akzent mit einer Renaissance-Motette von Hans Leo Hassler setzen. So viel Tradition muss nach 50 Jahren schon sein.

Der junge Sohn eines Pastors, der schon mit sieben Jahren im Chor gesungen und nach dem Krieg während einer Erkrankung seines Vaters dessen Kirchenchor geleitet hatte, tat das einzig Mögliche: »Ich gründete einen Kirchenchor.« Schon damals waren Männerstimmen knapp, aber das hielt Wandersleb nicht von erlesenen Programmen ab. Vor allem Heinrich Schütz stand im Mittelpunkt. Bis der Wunsch wach wurde, Bachs Weihnachtsoratorium aufzuführen. Über persönliche Kontakte suchte und fand Wandersleb weitere Tenöre und Bässe, machte eine Testaufführung mit zwei Bach-Kantaten und führte das Oratorium dann im Spätherbst 1963 auf. »Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven« stand da erstmals in den Vorankündigungen – der neue Chor war geboren. Und sorgte gleich für eine zweite Chorgründung: 1964 zog die Große Kirche mit dem (noch stark von Bremer Sängern unterstützen) BachChor und der Matthäuspassion nach. Solche Konkurrenzsituationen hat Wandersleb häufiger erlebt. »Heute gehen wir entspannter miteinander um«, bemerkt Schad. »Die Szene in Bremerhaven ist so klein, da arbeitet man lieber zusammen.« Die Stadtkantorei wurde allmählich zur In­ stitution. »Zehn Jahre musste ich werben«, blickt

Der kleine McAllister sang mit

Sebastian Loskant (Kulturchef der Nordseezeitung)

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Chormitglieder

Chormitglieder 2013 Sopran Asmussen, Katja Bachmann, Brunhild Bachmann, Irene Becker, Hanna Beister, Sabine Bohlmann, Irmela Cywinska, Alicja Flach, Bettina Förtsch, Birgit Gerke, Kirsten Heyen, Annika Hecker, Gesine

Hierath, Uta Kimmritz, Madlen Kisorsy, Eike Kossow, Wiebke Kube, Katrin Lipski, Ulrike Nolte, Andrea Pannach, Helga Paschen, Brigitte Radünz, Frauke Scheffler, Birgitt Schridde, Andrea

Schünemann, Ulrike Schulte, Brigitte Stegen, Ute Strauß, Ramona Tietjen, Evelyne Tönjes, Barbara Trelle, Gisela Wacker, Silke Weber, Christhild Wehrt, Beke Westphal-Blome, Marita Westerhoff, Astrid

Halai, Teresa Harksen, Elke Heybl, Cornelia Hummel, Barbara Janczewska, Agnieszka Julius, Erika Julius, Friederike Kannewischer, Ursula Knischka, Anke Kratz, Barbara Krey, Margrit Langlo, Gesa Lausen, Sibylle Lübsen, Margret

Richter, Annette Röhr, Anneli Ruf, Petra Sachweh, Christiane Schott, Olivia Schröter, Susanne Sellerhoff, Ursula Sothmann, Eike Stindt, Rosemarie Uenzelmann-Neben, Gabi Wandersleb, Elisabeth Wendorf, Susanne Wirth, Annika

Huisgen, Christian Meenzen, Thomas Meiners, Eibe Muijsers, Anton Nolte, Klaus Penzel, Lothar

Rummel, Hans Schoppenhauer, Jens Wacker, Peter Westerhoff, Philipp Westerhoff, Robert

Kröger, Klaus Krull, Helmut Lausen, Heinrich Lühr, Alexander Nuss, Bernhard Pfleiderer, Eberhard Ribbert, Ernst Jürgen

Schröter, Jens Stegen, Michael-Peter Tönjes, Stefan Wagner, Daniel Wandersleb, Daniel Ward, Richard Weber, Götz Michael

Alt Altenburg, Anke Back, Kirsten Bettge, Christa Böttger, Monika Bormann, Susanne Burghard, Inge Cottel, Irene Deppe, Birgit Engelberth, Beate Falk, Sabine Firnhaber, Margarethe Gätje, Ute Günther-Seidschek, Christina Haisch, Edith Tenor Albers, Hartmut Böbinger, Michael Böger, Jürgen Bremer, Friedrich Clasen, Matthias Haisch, Helmut Bass Back, Walter Burghard, Günther Fischer, Klaus Fröhlich, Bruno Hinnrichs, Hans-Erich Klan, Peter Krey, Ulrich

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Abb. 51: Jubil채umschorreise in die Normandie 2013 Holzkirche in Honfleur


J u b i l äu m

Programm zum Festwochende Freitag, 23. August bis Sonntag, 25. August Offenes Chorprojekt ›Kantate um Mitsingen‹ mit der Bach-Kantate Lobe den Herren … für alle ehemaligen und aktiven Mitglieder der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven sowie für alle Chorsängerinnen und Chorsänger in Bremerhaven und Umgebung Probentermine Freitag, den 23. August 18.30 bis 22.00 Uhr

Ev.-Luth.

Christuskirche Bremerhaven Geestemünde · Schillerstraße 1

Kantate zum Mitsingen Sonntag 25. August 10.00 Uhr

J.S. Bach: Kantate „Lobe den Herren“

Jubiläumsgottesdienst 50 Jahre Stadtkantorei mit Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy, Superintendentin Susanne Wendorf-von Blumröder, Pastoren Friederike Anz und Ulrich von Stuckrad-Barre 11.00 Uhr: Festakt & Empfang im Gemeindesaal

Sopran: Ursula Fiedler Altus: Daniel Lager Tenor: Thomas Burger Bass: Peter Kubik Projektchor des Kirchenkreises Bremerhaven Bremerhavener Kammerorchester Leitung: Eva Schad & Friedrich Wandersleb

Samstag, den 24. August 10.00 bis 13.00 Uhr | 15.15 bis 17.30 Uhr

Probentermine

Freitag, 23. August 18.30 bis 22.00 Uhr

Samstag, 24. August 10.00 bis 13.00 Uhr 15.15 bis 17.30 Uhr

Samstag, den 24. August

Möchten Sie mitsingen? Dann sind Sie herzlich eingeladen, die Bachkantate „Lobe den Herren“ an nur einem Probenwochenende mit einzuüben und aufzuführen! Interessenten mit Chorerfahrung, ehemalige und aktive Sängerinnen und Sänger der Stadtkantorei können sich bei Kreiskantorin Eva Schad (Tel. 0471-200 290) und im Büro der Christuskirche (Tel. 0471-921 47 74) anmelden oder einfach zu Probenbeginn erscheinen.

18.00 Uhr Buffet und Grillen im Garten der Christuskirche für alle ehemaligen und aktiven Mitglieder der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven

Sonntag, den 25. August 10.00 Uhr Kantatengottesdienst J. S. Bach: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, BWV 137 Sopran: Ursula Fiedler · Altus: Daniel Lager Tenor: Thomas Burger · Bass: Peter Kubik Projektchor des Kirchenkreises Bremerhaven Bremerhavener Kammerorchester Leitung: Eva Schad & Friedrich Wandersleb Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy (Predigt) Superintendentin Susanne Wendorf - von Blumröder Pastorin Friederike Anz und Pastor Ulrich von Stuckrad-Barre Im Anschluss an den Gottesdienst Festakt und Empfang für alle ehemaligen und aktiven Mitglieder der Stadtkantorei im Gemeindehaus 15.00 Uhr Chorkonzert der Evangelischen Stadtkantorei Bremerhaven Die Evangelische Stadtkantorei präsentiert das A-cappella-Programm ihrer Frankreich-Chorreise mit Werken von Schütz, Mendelssohn und Rheinberger Leitung: Eva Schad

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J ub i l äum

Jubiläumskonzerte Sonntag, den 10. November, 18.00 Uhr Johann Sebastian Bach: h-Moll-Messe Sopran: Sibylle Fischer · Alt: Claudia Erdmann Tenor: Jan Hübner · Bass: Birger Radde Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven Concerto Bremen Leitung: Eva Schad Eintritt: € 20,– (18,–), 16,– (14,–), 10,– (8,–), 5,– (sichtbeh.)

4. Advent, Sonntag, den 22. Dezember 18.00 Uhr Bachs Weihnachtsoratorium erzählt und musiziert für Kinder ab 5 Jahren Sprecher: Dirk Böttger Musiker: siehe unten Eintritt frei 19.30 Uhr Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium Kantaten I - III Sopran: Ursula Fiedler · Altus: Daniel Lager Evangelist: Thomas Burger · Bass: Peter Kubik Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven Knabenchor, Kinderchor und Jugendchöre der Christuskirche Bremerhavener Kammerorchester Bläser des Städtischen Orchesters Bremerhaven Leitung: Eva Schad Eintritt: € 16,– (14,–), 14,– (12,–), 9,– (6,–), 5,– (sichtbeh.)

Vorverkauf für beide Konzerte (jeweils 5 Wochen vor Veranstaltungsbeginn) Buchhandlung Hübener (An der Mühle 34, Tel.: 0471 - 321 45) Ticket-Shop der NZ (Obere Bürger 48) Tourist-Infos Hafeninsel und Schaufenster Fischereihafen Tickettelefon: 0471 -  946  46  124

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Kurioses

Eibe Meiners’ großer Kantorei-Test Warum sind Sie Sänger/in in der Stadtkantorei? Zählen Sie ihre Gründe zusammen und lesen Sie Ihr Ergebnis! Weil mich kein anderer Chor genommen hat. Weil ich heimlich in (bitte ausfüllen)  ____________________ verliebt bin. Weil mein Ehepartner mitsingt. Weil mein Ehepartner nicht mitsingt. Weil es nach den Konzerten immer so ein schönes Buffet gibt. Weil der Gemeindesaal der Christuskirche so schöne Lampen hat. Weil ich das Lampenfieber während der Konzerte liebe. Weil die Kantorei (bitte Adjektive im Komparativ einfügen)                  ____________ , ____________ , ____________  , ____________ , ____________ , ____________ , ____________ , ____________ , 

und ganz besonders natürlich viel  ____________ ist als der Bachchor. Weil dann ein Bild von mir in der Zeitung kommt. Weil ich so gerne »vom Aufgang der Soo-hoo-hoo-näää« und »Schöhöna Wohnen ahauf dem Landähh« singe. Weil ich da der beste von allen Sängern bin. Weil da so viele andere mitsingen, dass keiner meine Fehler bemerkt. Weil Singen schlank macht. Weil es Spaß macht. Weil ich sonst Evas Sprüche (»man kann nicht mit zuenem Mund singen«) vermissen würde. Weil ich schon mein Leben lang in der Kantorei gesungen habe. Weil das Fernsehprogramm freitags so schlecht ist und ich sonst nichts zu tun habe. Weil alle sagen, dass ich beim Singen besonderes hübsch aussehe. Damit ich allen mein neues Gebiss zeigen kann.

Auswertung: 0 Gründe: Ahhh! Sie sind wohl der Küster, wie? 1  – 3  Gründe:  Für den Anfang gar nicht so schlecht. Sie sind so eine Art Gelegenheits-Mitsänger/in, der/ die einzelne Stimm-Proben verpasst oder verpennt und sich von den anderen mitziehen lässt. Aber doch haben Sie eine gewisse Wichtigkeit, um den Gesamtklang zu verstärken. 4  –  8 Gründe: Sie sind ein/e zuverlässiger Mitarbeiter/in im großen Gesangs-Kuchen. Wenn Eva Sie braucht, sind Sie da, vielleicht üben Sie auch manchmal zuhause, und spätestens drei Wochen vor dem Konzert können Sie Ihre Noten. 9  – 20  Gründe: Wow! Das sind aber viele Gründe. Passen Sie auf, dass Sie nicht übermotiviert werden! Sie sind da, so oft Sie können, und singen öfter mal zu schnell – ein Umstand, der mit erhöhter Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass Sie zum Tenor gehören.

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Kurioses

Katja Asmussens Chor-Panoptikum

Jugendchor

Kammerchor

Die Männer

Knabenchor

Einsingen

Alt-Sängerin

Knabenchor

Tenor-Sänger

Hörertypen

Sopran-Sängerin

Normandie (2013) in einem Schaufenster in Honfleur

Bass-Sänger

Die Rigenn

Abb. 52: Gesehen und fotografiert auf der Chorreise in die

Kinderchor

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Sponsoren

Sponsoren des Kreiskantorats Bremerhaven

Rotary Club

Bremerhaven-Nordsee

LANDSCHAFTSVERBAND

DER EHEMALIGEN HERZOGTÜMER BREMEN UND VERDEn

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50 Jahre Evangelische Stadtkantorei Bremerhaven