Wrecker offenbar vor einer Weile geklingelt hatte, und eine heisere Männerstimme unterbrach die nächtliche Stille: „Hey! Waren Sie das, der gerade geklingelt hat?“ fragte sie drohend. Herr Wrecker schaute über die Schulter, winkte mit der Hand und sagte mit unerschütterlicher Ruhe: „Ja, warten Sie, ich komme sofort.“ Der Mann im Nachbarhaus fluchte und schlug energisch die Tür zu. Herr Wrecker wandte sich mir zu und sagte: „Was wollte ich noch? Ach ja, Ihr Freund, der Herr Janýsek, wie sieht der aus?“ Manchmal ist man unerklärlich geduldig, und dies war ein solcher Fall. Anstatt dass ich an fing zu brüllen, beschrieb ich ihm Ota Janýsek so gut, wie ich nur konnte. Ich sagte ihm, er sei mittelgroß, braunäugig und habe braune Haare. „Sind wir uns nicht ähnlich?“ fragte Herr Wrecker. „Nein.“ „Ich dachte nur, vielleicht haben Sie uns verwechselt.“ Ich war von seinem Gedankengang so verblüfft, dass ich mich zu keiner Antwort aufraffen konnte und ihn fort gehen ließ. Im Bett dachte ich über diesen Vorfall nach, und als ich eingeschlafen war, träumte mir, dass ich in einer Stadt voller gleichartiger Häusen lebe, wo alle Menschen gleiche Kleider tragen und in Zimmern wohnen, die mit Standard möbeln eingerichtet sind. Es war einer der schrecklichsten Träume, die ich je hatte, weil alle Bewohner dieser Stadt völlig gleich aussahen, sie hatten die gleiche Figur, Gesich ter, Augen und Haare, und darin war etwas so Monströses, dass ich vor Angst schwitzte. Ich suchte unter diesen Ge sichtern die Züge meines Freundes Janýsek, doch alle Ge sichter starrten mich mit dem Ausdruck einer unendlich wiederholten Maske an. Als ich am Morgen in die frostige Luft hinaustrat, waren die Spuren des irrenden Wanderers halb verweht, und ich dachte daran, wie wohl sein Weg geendet haben mag. Als ( 98 )
ich die Haustür abschloss, wurde mir schlecht. An der Tür war ein Messingschild angebracht ALOIS WRECKER
Ich beendete meine Erzählung, und bald darauf gingen wir schlafen. Die Zuhörer waren insgesamt zufrieden, be sonders Fräulein Barbara hatte meine Geschichte gefallen. Und das war für mich das Wichtigste. Großvater versprach, am nächsten Abend werde er erzählen, wie er unter Gene ral Radetzky in Italien gedient hat und sich da eine schöne Gräfin in ihn verliebte. Im Innern dachte ich mir, dass uns schlimmere Dinge hätten treffen können, und wir die Erzählung Großvaters irgendwie aushalten würden. Ich kannte die Geschichte auswendig. Zum ersten Mal hatte ich sie als kleiner Junge gehört und konnte mich nie des Eindrucks erwehren, so etwas schon einmal in einem Kalender gelesen zu haben. Natürlich kann ich mich irren, und ungern würde ich dem Großvater unrecht tun. Fräulein Barbara gab mir zur Guten Nacht die Hand, und dann stolperten wir alle im Dunkeln in unsere Zimmer. Ich öffnete das Fenster und zündete mir eine Zigarette an. Der Wald auf dem Berg Hradová rauschte, und in den Momen ten, in denen er still wurde, war das Plätschern des Flusses zu hören. Die Sterne leuchteten und die Nacht war warm. Ein Stück von meinem Fenster entfernt flog eine Fleder maus vorbei.
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XI.
Draußen ist es schön und der Knöchel tut nicht mehr weh Fräulein Barbara kann das Reh nicht finden Tante Katharina behauptet, ich treibe Lausbübereien Fräulein Barbara bricht eine Lanze für mich Diesmal ist Saturnin verschwunden Milous ist eingesperrt Glückliche Verlosung Wir suchen Pilze Es war sehr schön Ich wurde frühmorgens wach und war froh, dass mein Knöchel fast nicht mehr weh tat. Ich ging einige Male vor sichtig im Zimmer umher, und es ging ganz gut. Draußen war es herrlich, und die Sonne, die durch das Fenster in mein Zimmer schien, wärmte schon ordentlich. Sorgfältig rasierte ich mich und stahl mich aus dem noch stillen Haus. Ich wollte mir die gestrige Feuerstelle von Fräulein Barbara anschauen. Draußen setzte ich mich auf einen flachen Stein, atmete die duftende und frische Morgenluft ein und überlegte, ob ich nicht Steine an das Fenster von Fräulein Barbara werfen sollte. Die Luft war rein, und die Berge schienen viel näher, als sie in Wirklichkeit waren. Im schrägen Licht der Mor gensonne war an den Abhängen der Berge jede Einzelheit zu sehen. Die nackten Ausläufer der Felsen, Pfade, die an den Rändern der Lichtungen leuchteten und zwischen den Stämmen der Tannen verschwanden, gefällte und geschälte Stämme wie durcheinandergeworfene Streichhölzer, und auf einer großen Wiese etwa auf der Hälfte des Svetec sah ich sogar ein Reh. Ich bedauerte, kein Fernglas bei mir zu haben. Dann schaute ich dem Reh nicht mehr nach, denn vom Hause her näherte sich Fräulein Barbara. Freudig begrüßte ich sie, und sie sagte, sie sei froh, dass ich schon wieder ( 100 )
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