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the poetics of things in the didactic poetry Wenn nun beym Sehen, ohne Dencken, die Menschen keine Menschen seyn; So fiel, so dir als mir zur Lehre, mir folgende Vermahnung ein:
Laß doch, bey aller Pracht der Wunder hier auf Erden, Dein Auge, lieber Mensch, kein Ochsen-Auge werden! Ach nein! Laß es, zu GOttes Ruhm, ein Menschen-Auge seyn! 20 Eröfne die an ihm befindlichen Canäle, Und laß die Pracht von den erschaffnen Dingen, Durch sie, sich ins Gehirn, den Sitz der Seele, Ja in die Seele selber dringen. 25
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Laß durch Gewohnheit dir die Thüren nicht verriegeln, Wodurch die Welt mit dir, du mit der Welt, vereint, Durch die der GOttheit Glantz, als wie von hellen Spiegeln, Aus seinen Wercken wiederscheint! Wir sehen ja das eigentliche Licht, Ohn einen Gegenschlag von festen Cörpern, nicht. So kann man auch der GOttheit Lieb und Macht Ohn seiner Creaturen Pracht Unmöglich sehn, erkennen und verehren. Die Creaturen sinds allein, Die uns von seiner GOttheit Schein Die herrliche Beschaffenheit erklären.
Drey Dinge braucht ein Thier zum Sehen: das Gesicht, Der Cörper Vorwürff ’, und das Licht. Wer aber als ein Mensch will sehen, muß das Dencken Annoch zu diesen dreyen lencken, 40 Und diese Seelen-Kraft noch zu den andern fügen; Sonst hat der Mensch von allem, was auf Erden, Kein’ eigentliche Lust, kein menschliches Vergnügen, Und GOtt kann nicht gedanckt noch angebehtet werden. (Brockes 2016, 203ff.)
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