An der Schwelle der Romantik
Schon in der vorromantischen deutschsprachigen Literatur tauchen Werke auf, in denen dem Thema Künstlerexistenz eine besondere Auf
merksamkeit gewidmet wird. Dieses Interesse wird vor allem in der frühromantischen und romantischen Literatur fast zu einer Regel. Es geht
jedoch in erster Linie nicht darum, den Künstler als ein Wesen zu zeigen, das eine künstlerische Tätigkeit mehr oder weniger meisterhaft beherrscht, sondern als ein Individuum, das auch durch seine zivile Lebensart und
eigene Lebensauffassung vom Alltag abweicht. Die Fokussierung des
Menschen als autonomen Wesens kann in einem breiteren Kontext für ein Ergebnis der weitreichenden gesellschaftlichen Änderungen der Neuzeit gehalten werden.
Für eine nähere Untersuchung der Problematik der künstlerischen
Autonomie wurden größtenteils literarische Werke gewählt, in denen der fiktive Künstler musikalisch tätig ist. Der Grund besteht darin, dass der
Bereich der Tonkunst unter den Künsten in der romantischen Auffassung die erstrangige Position einnimmt198 und so die entscheidende Rolle bei
der Neubewertung des Künstlertums übernehmen kann.
Die literarische Genese des Phänomens Künstlertum um 1800 wird
an zwei fiktiven Musikerbiografien präsentiert: Der Tonkünstler Heinrich Wilhelm Gulden tritt als Protagonist des Romanfragments von Johann
Friedrich Reichardt auf, der Flötist Andreas Hartknopf ist Titelfigur von Moritz´ Bildungsroman in zwei Teilen. Als Synthese der frühromantischen
Einstellung zum Künstlertum werden die Überlegungen von Wackenroders/ Tiecks kunstliebenden Klosterbruders mit einem Fokus auf das musikalische
Schaffen des fiktiven Kapellmeisters Joseph Berglinger erwähnt. Im Kontext der deutschen Literatur wird an einem kurzen Zeitabschnitt von
198
Vgl. E. T. A. Hoffmanns Äußerung, dass Musik die romantischste aller Künste sei. (Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Schriften zur Musik. Nachlese. Darmstadt, 1968, S. 34.)
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Lass mich tönen: Weg zur Autonomie
zwanzig Jahren199 gezeigt, wie inspirierend und einflussreich das damalige
literarische Leben im deutschsprachigen Raum für die weitere Auffassung der Künstler und des Künstlertums in der europäischen Literatur war.
Dem vorliegenden Abschnitt liegt folgender Textkorpus zugrunde: Andreas
Hartknopf. Eine Allegorie und Andreas Hartknopfs Predigerjahre von Karl
Philipp Moritz, Leben des berühmten Tonkünstlers Heinrich Wilhelm Gulden nachher genannt Guglielmo Enrico Fiorino von Johann Friedrich Reichardt, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders und Phantasien über die Kunst von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck. An
Moritz´ und Reichardts Werken wird belegt, dass die literarische Diskussion über die Künstlerproblematik schon in der vorromantischen Epoche an Intensität gewinnt. Die Werke von Wackenroder/Tieck repräsentieren
sowohl die romantische Apotheose der Musik als auch des Künstlertums in der Literatur und zeigen ein neues literarisches Konzept der Künstlerfigur. In allen genannten fiktiven Biografien spielt das Christentum eine
sehr wichtige Rolle. Bei einer näheren Untersuchung kommt jedoch die keinesfalls erstaunliche Feststellung heraus, dass es oft eher als geistiger Ausgangspunkt tieferer Überlegungen über die Position der Kunst und des Künstlers als schaffenden Individuums in der Welt zu deuten ist.
In den Vordergrund des literarischen Interesses rückt die Phantasie, weil
sie nicht nur im Traum, sondern auch im alltäglichen Leben des Individuums
ihre Geltung findet. Mit ihr hängen die Hervorhebung der Emotionen, das Gefühl der Einsamkeit und Ausschließlichkeit und schließlich auch der Rückzug in die Innerlichkeit zusammen. In der Auseinandersetzung mit
sich selbst und mit seiner Phantasiewelt wird der romantische Musiker von der Umgebung als wahnsinnig bezeichnet. Die innere sowie äußere 199
Hiermit wird der Zeitabschnitt gemeint, in dem die betroffenen literarischen Werke herausgegeben wurden: Der Gulden-Roman erschien 1779, die beiden Teile des Hartknopf-Romans 1786 und 1790, die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders 1797, die Phantasien über die Kunst 1799.
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An der Schwelle der Romantik
Kompliziertheit eines schaffenden Künstlers dieser Epoche veranlasste
später Schopenhauer zu der Behauptung, sein Leben sei ein stetes Leiden. Eine solche Komplexität der von innen sowie von außen wirkenden
Impulse lässt die fiktiven Musiker zwischen zwei Welten schwanken: der der empirischen Realität einerseits und der der phantasievollen Empfindung andererseits. So kann die Musik als ein einzigartiges Verbindungselement
zwischen der künstlerischen Empirie und Phantasie betrachtet werden. Für Hartknopf ist sie eine Lebenskunst, Hermenfried im Gulden-Roman
deutet sie als Kompromiss, für Berglinger verkörpert sie in ihrer Ambivalenz
den Konflikt zwischen der beruflichen Tätigkeit und dem schaffenden Künstlertum an sich.
4.1 Versuch der künstlerischen Emanzipation: Heinrich Wilhelm Gulden 4.1.1 Form und Inhalt des Gulden-Romans Mit einem Künstlerroman hat sich auch Johann Friedrich Reichardt als
aktiver Schriftsteller in die Literaturgeschichte eingetragen. Dieses Werk
wird von der Literaturwissenschaft nur wenig beachtet. Die Ursache ist
wahrscheinlich darin zu sehen, dass Reichardt die hohe Intention des Romans durch seine Erzählkunst nicht zu verwirklichen wusste. Der
Roman besteht aus zahlreichen Episoden, die jedoch in Verbindung mit
der scheinbar kraftvollen Handlung eine gewisse formale Seichtheit
kaum verdecken können. Trotz mancher formalen sowie inhaltlichen Unzulänglichkeit gewährt es literaturwissenschaftliches Material zur
Untersuchung der Entwicklung des literarischen Künstlerbildes im Umbruch des 18. und 19. Jahrhunderts und ermöglicht so eine kontinuierliche Forschung in diesem Bereich.
Der im Sommer 1779 erschienene Roman “Leben des berühmten
Tonkünstlers Heinrich Wilhelm Gulden nachher genannt Guglielmo Enrico Fiorino” ist ein Fragment, das im Sinne der aufklärerischen Lebensauffassung 100
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