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An der Schwelle der Romantik (Ukázka, strana 99)

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An der Schwelle der Romantik

Schon in der vorromantischen deutschsprachigen Literatur tauchen Werke auf, in denen dem Thema Künstlerexistenz eine besondere Auf­

merksamkeit gewidmet wird. Dieses Interesse wird vor allem in der frühromantischen und romantischen Literatur fast zu einer Regel. Es geht

jedoch in erster Linie nicht darum, den Künstler als ein Wesen zu zeigen, das eine künstlerische Tätigkeit mehr oder weniger meisterhaft beherrscht, sondern als ein Individuum, das auch durch seine zivile Lebensart und

eigene Lebensauffassung vom Alltag abweicht. Die Fokussierung des

Menschen als autonomen Wesens kann in einem breiteren Kontext für ein Ergebnis der weitreichenden gesellschaftlichen Änderungen der Neuzeit gehalten werden.

Für eine nähere Untersuchung der Problematik der künstlerischen

Autonomie wurden größtenteils literarische Werke gewählt, in denen der fiktive Künstler musikalisch tätig ist. Der Grund besteht darin, dass der

Bereich der Tonkunst unter den Künsten in der romantischen Auffassung die erstrangige Position einnimmt198 und so die entscheidende Rolle bei

der Neubewertung des Künstlertums übernehmen kann.

Die literarische Genese des Phänomens Künstlertum um 1800 wird

an zwei fiktiven Musikerbiografien präsentiert: Der Tonkünstler Heinrich Wilhelm Gulden tritt als Protagonist des Romanfragments von Johann

Friedrich Reichardt auf, der Flötist Andreas Hartknopf ist Titelfigur von Moritz´ Bildungsroman in zwei Teilen. Als Synthese der frühromantischen

Einstellung zum Künstlertum werden die Überlegungen von Wackenroders/ Tiecks kunstliebenden Klosterbruders mit einem Fokus auf das musikalische

Schaffen des fiktiven Kapellmeisters Joseph Berglinger erwähnt. Im Kontext der deutschen Literatur wird an einem kurzen Zeitabschnitt von

198

Vgl. E. T. A. Hoffmanns Äußerung, dass Musik die romantischste aller Künste sei. (Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Schriften zur Musik. Nachlese. Darmstadt, 1968, S. 34.)

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Lass mich tönen: Weg zur Autonomie

zwanzig Jahren199 gezeigt, wie inspirierend und einflussreich das damalige

literarische Leben im deutschsprachigen Raum für die weitere Auffassung der Künstler und des Künstlertums in der europäischen Literatur war.

Dem vorliegenden Abschnitt liegt folgender Textkorpus zugrunde: Andreas

Hartknopf. Eine Allegorie und Andreas Hartknopfs Predigerjahre von Karl

Philipp Moritz, Leben des berühmten Tonkünstlers Heinrich Wilhelm Gulden nachher genannt Guglielmo Enrico Fiorino von Johann Friedrich Reichardt, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders und Phantasien über die Kunst von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck. An

Moritz´ und Reichardts Werken wird belegt, dass die literarische Diskussion über die Künstlerproblematik schon in der vorromantischen Epoche an Intensität gewinnt. Die Werke von Wackenroder/Tieck repräsentieren

sowohl die romantische Apotheose der Musik als auch des Künstlertums in der Literatur und zeigen ein neues literarisches Konzept der Künstlerfigur. In allen genannten fiktiven Biografien spielt das Christentum eine

sehr wichtige Rolle. Bei einer näheren Untersuchung kommt jedoch die keinesfalls erstaunliche Feststellung heraus, dass es oft eher als geistiger Ausgangspunkt tieferer Überlegungen über die Position der Kunst und des Künstlers als schaffenden Individuums in der Welt zu deuten ist.

In den Vordergrund des literarischen Interesses rückt die Phantasie, weil

sie nicht nur im Traum, sondern auch im alltäglichen Leben des Individuums

ihre Geltung findet. Mit ihr hängen die Hervorhebung der Emotionen, das Gefühl der Einsamkeit und Ausschließlichkeit und schließlich auch der Rückzug in die Innerlichkeit zusammen. In der Auseinandersetzung mit

sich selbst und mit seiner Phantasiewelt wird der romantische Musiker von der Umgebung als wahnsinnig bezeichnet. Die innere sowie äußere 199

Hiermit wird der Zeitabschnitt gemeint, in dem die betroffenen literarischen Werke herausgegeben wurden: Der Gulden-Roman erschien 1779, die beiden Teile des Hartknopf-Romans 1786 und 1790, die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders 1797, die Phantasien über die Kunst 1799.

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An der Schwelle der Romantik

Kompliziertheit eines schaffenden Künstlers dieser Epoche veranlasste

später Schopenhauer zu der Behauptung, sein Leben sei ein stetes Leiden. Eine solche Komplexität der von innen sowie von außen wirkenden

Impulse lässt die fiktiven Musiker zwischen zwei Welten schwanken: der der empirischen Realität einerseits und der der phantasievollen Empfindung andererseits. So kann die Musik als ein einzigartiges Verbindungselement

zwischen der künstlerischen Empirie und Phantasie betrachtet werden. Für Hartknopf ist sie eine Lebenskunst, Hermenfried im Gulden-Roman

deutet sie als Kompromiss, für Berglinger verkörpert sie in ihrer Ambivalenz

den Konflikt zwischen der beruflichen Tätigkeit und dem schaffenden Künstlertum an sich.

4.1 Versuch der künstlerischen Emanzipation: Heinrich Wilhelm Gulden 4.1.1 Form und Inhalt des Gulden-Romans Mit einem Künstlerroman hat sich auch Johann Friedrich Reichardt als

aktiver Schriftsteller in die Literaturgeschichte eingetragen. Dieses Werk

wird von der Literaturwissenschaft nur wenig beachtet. Die Ursache ist

wahrscheinlich darin zu sehen, dass Reichardt die hohe Intention des Romans durch seine Erzählkunst nicht zu verwirklichen wusste. Der

Roman besteht aus zahlreichen Episoden, die jedoch in Verbindung mit

der scheinbar kraftvollen Handlung eine gewisse formale Seichtheit

kaum verdecken können. Trotz mancher formalen sowie inhaltlichen Unzulänglichkeit gewährt es literaturwissenschaftliches Material zur

Untersuchung der Entwicklung des literarischen Künstlerbildes im Umbruch des 18. und 19. Jahrhunderts und ermöglicht so eine kontinuierliche Forschung in diesem Bereich.

Der im Sommer 1779 erschienene Roman “Leben des berühmten

Tonkünstlers Heinrich Wilhelm Gulden nachher genannt Guglielmo Enrico Fiorino” ist ein Fragment, das im Sinne der aufklärerischen Lebensauffassung 100

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