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GEDICHTE

WAS WEISST DU SCHON VON PRÄRIE

DANIELA SEEL


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TERRITORIEN, FLIMMERN


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Zu Wänden sprechen, sich in Verhältnisse setzen. Die Zunge will immerzu lecken. Mehrere Enden. Lugen aus Architekturen, Ich-Territorien, Flimmern. Ich will. Ich verspreche. Überall Inventionen, überall Stimmen. Dazwischen sirren Antennen, witternde Spitzen. Regeln lassen sich finden. In Schubfächer hingepinnt Dinge. Eins heißt Jetzt rede ich. Ein andres Die Stille davor, die keine ist. Die Wahrheit ist, ich war nie ohne Papiere. Ich kann Positionen mit der Zunge bestimmen. Motive, deren Konturen ver wischen, produzieren sie zu wenig Zorn.


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Körperteile an Scheiben gepresst. Ich ahme ihre Stellungen nach. Die Stellung unmöglicher Schönheit. Die Stellung eines gelenkigen Scheiterns. Die Stellung ohne Repräsentation. Gewinne mustern Verluste. Ich durfte sie abschreiben. Eine andere Seite der Zeit. Wo essen eine Art von Verschmelzung meint, flüchtig, wovor fürchten Sie sich? Zweige bestreiten den Himmel, Wolken, die oben sind, sommers. Semiose und Vogelzug. Trommeln. Wo oben beginnt, innen. Es sind die Finger. Sie wischen Licht, die große Stille. Wenn die Zunge zu weit aus dem Mund ragt, fällt reden schwer. Ich lege Ähnlichkeit auf den Tisch. Eine weitere Seite der Zeit. Sie reagiert nicht.

TERRITORIEN, FLIMMERN


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Dann diese, die blattförmige Störung. Entfremdet meiner Versenkung. Und Rücken an Rücken die Senke queren, auf Schildkrötenfüßen. Ja reiten sie denn, die alten Weisen? Gewöhnungen vorgelagert, schlägt Welle an und erbt einen Strand. Es rauscht wie aus Projektoren. Ich meine es ernst bis genau zu dem Punkt, wo Sie mir entgegenkommen. Unter Synkopdecken, schwebend. Aber die Nebengeräusche, die Zähnchen. Ihr schreckliches Keckern über rostroten, verwirbelten Feldern. Ein Tagesmarsch noch ins Basislager. Durch Seen aus Wollgras, Sander und Obsidian, einfach ins Sterben geraten. Reste von Anlagen. Funken Widerstand über Grenzen des Datenempfangs. Dass niemand die Passage allein durchsteige. Ich weinte, versuchsweise bei. Beil. Nächster sein, bleiben. Soll Liebe derart beschaffen sein, oder zubereitet? Ein Satz wie ein Seil. Woran Fremde mikroskopisch zerstiebt, schüttelt von Schultern Prärie, rippenlicht. Ihre Muskeln prosodisch. Denk an frühe Nächte im Park. Kein Feuer machen. Keinen Müll hinterlassen. Nicht innehalten angesichts solcher Landschaft.

TERRITORIEN, FLIMMERN


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SAGA


Jeder hier ist übers Wasser gekommen.

Wie sie werde ich Hunger spüren. Dunkel, Wüste. Berührung.

Den versunkenen Wald unter Cardigan Bay, auf den ich von Ty Newydd aus schaute, ohne ihn zu sehen.

Was hat die Hekla damit zu tun, die Katla, Laki, der Inselbergegletscher?

Oder Dürren in Ägypten, Französische Revolution.

Ich meine das nicht monokausal.

Ich kam durch sichere Drittstaaten, Sporen am Schuh.

Ich rechne mit Konsequenzen.

Wie Kontinente millimeterweit reißen und unter Ascheregen die Sicht verschärfen.

Auf das Grün von 600 Sorten Moos.

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Einträge hellster Endlichkeit.

SAGA


Die Botanik nennt Moose auch Pionierpflanzen.

Sie sagt, Pioniere benötigen Dutzende Jahre, um auf frischer Lava zu wachsen.

Kein Lebensraum, wo Wasser nicht fließen, einsickern kann.

Und wieder Dutzende nach ihrer Entwurzelung durch Trampeln und Grasen.

Inzwischen sollen ausgebrachte Alaska-Lupinen Sedimente bilden auf von Mensch, Vieh, Klima hinterlassenen Wüsten.

Degradationsgrade. Möglichkeitssinn.

Im Ziehen von Bedürfnis und Erosion flüchtig Balancen finden.

Wo etwas durch Aussparung an Konturen gewinnt.

Ich meine das nicht als Metapher.

Ich meine die Art Fiktion, die aus Fakten entsteht.

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Mein Handeln in Selektion überführt.

SAGA


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FIBELN


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WAS W E I S ST D U S C H O N VO N P R Ä R I E


silhouetten in turbulenz. alles linie, aber ohne die wünsche schon zu fixieren. vorne ist, wohin die bewegung führt, die mich orientiert. formationen von ordnung, diskret korreliert. sobald ich hinzutrete, greife ich ein. also exposition im sinne von ausgesetztsein. finger tauchen durch perlen, gedrechselte schnecken, dinge zum angefasstwerden. nesteln und keramische kästchen. erkläre hiermit. sie dürfen jetzt. nur: die adresse fehlt. was folgte, folgen würde, ginge voraus. finge entfernungen ein. oder fokus auf. sagen sie nein. gewalt erfahren, jemanden über die schwelle tragen. was im rahmen zusammenkam. küstennah. antilopenhorn, doppelt gewunden, drei hufe vom rind. könnten sie bitte die sitzordnung ändern, bevor der punkt mit dem küssen anfängt. hallo. hallo, hören sie mich. ja verflucht noch mal, warum unterbrechen sie mich dann nicht. das sind kräfte, ich hatte sie unterschätzt. die kunst liegt hier doch im arrangement. silbrige plättchen, sie spleißen, ich reche, induzierte mandelbrotdisziplin.

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stimmregime, stille, in schichten, fächern, von ablenkung informiert. „was man nicht versteht, das bleibt eben offen.“ natürlich knochen, sehnen, auch federn, unverdauliches plastik, haar, gischt. zeigen auf, was mal vogel war. nirgendwo mehr existiert als hier, im gedicht.


alle wetter, ein weißer schimmel. dabei wollten wir doch contenance. die finger spreizen, an der treppe kurz stehen bleiben. es zieht. pelziges trampolin, sprungfedern, striegel, den poncho halbiert. nicht die lücken zuschmieren. unter den händen wirkt form ganz anders als unter den augen, unter der haut. angrenzend, interveniert. vertraut. jetzt die fassung verlieren. und wiederfinden. sich umsortieren, wo zugehörig, gestreut souverän. oder flocken, von eroberung frei. soll das so kalt sein hier. das tempo anziehen. während wir springen, wechselt das wetter. sonnenflecken, durch flechten steppe, unstete plätze, im flug zusammengesetzt. spukkraft, verdacht auf. ich klopfe die wand ab. gedreht, gedreht, bis was passt. „ich wär immer gern der eine kartäuser gewesen, der reden darf.“ um dann beim indianerspielen zu fragen, was weißt du schon von prärie. vereinbarung war, dass es ruhig auch mal wehtun darf. rück das messer zurecht, ehe du gehst. so etwa. wenn kein zimmer hält, wollen wir zelten. „you became chief, how did you enjoy it. / and now you’re married, all relation is challenge. / that’s all that’s about it.“ die finger wie richtungen kreuzen. das grasland, weiter ist keine entscheidung, passieren.

stat crux dum volvitur orbis das kreuz steht fest, während die welt sich dreht. mit bruno you can’t be sad in a poncho

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mit vince noir


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V E R B I N D U N G E N , FA N G


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verbindungen, fang. hängt überall garn dran, bandagen aus absperrband. fusseln, patrone, leim. jedes kleid könnte brautkleid sein, übertüncht. verdammte legende vom honigdieb, verfolgmich, verfolgmichnicht. die grünen strümpfe scheuern am knie, beim knöpfen fängts an. gewahrsam. herden von fenstern ringsum, tropft glut raus. wo sich was sammelt, flimmert der boden, verteilt wirklichkeit, mischt sich rein. schick noch eins von den zeitwörtern, später, bald, morgen, dann, gleich. draus lern ich entfernung. nicht jeder raum ist als wohnraum gedacht. surrogat, ohne richtig und falsch. koffer voll strecken, gelöscht im schlaf. je mehr ich mich schere, desto mehr wächst nach. lunte, mundgroße drops. nothing to be scared of.


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V E R B I N D U N G E N , FA N G

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Daniela Seel: was weißt du schon von prärie. Gedichte, kookbooks 2015  

#danielaseel #wasweisstduschonvonpraerie #kookbooks

Daniela Seel: was weißt du schon von prärie. Gedichte, kookbooks 2015  

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