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nr. 35 april /mai 2011 chf 6,00 (schweiz) eur 4,00 (deutschland) eur 4,50 (รถsterreich) eur 8,00 (nederland)


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auftakt Vom Wesen zum Wesentlichen: die Porträtausgabe

Lieber Leser. Eigentlich machen wir das ja schon immer: wir stellen Menschen, Ereignisse und Dinge vor, von denen wir glauben, dass sie eine kurzfristige oder dauerhafte Bedeutung in unserem und/oder deinem Leben haben. Aber jetzt ganz besonders, denn wir richten unser Augenmerk ausschliesslich und alleine auf das Wesentliche und schaffen damit viele grosse und kleine Porträts, die sich − womöglich − zu einem Ganzen zusammenfügen. Warum? Na, klar. Weil es einen Anlass gibt, den wir mit dir feiern wollen: Seit drei Jahren ist das kinki magazin mediales Fernrohr und Mikroskop in einem. Seit 35 Ausgaben ist die dir vorliegende Zeitschrift das Manifest für Porträtierende und Porträtierte, für Betrachter und Betrachtete. In diesem Zusammenhang möchten wir uns artig für die treuen Freundschaften bedanken, die wir vor drei Jahren knüpfen durften und die neuen spannenden Bekanntschaften, die wir noch machen werden. Mit deiner Erlaubnis nehmen wir weiterhin alles genau unter die Lupe, begeistern uns neugierig für Mode, Musik, Kunst und Gesellschaft und natürlich auch – für dich. Lass dich mal genau ansehen! Mit augenscheinlichen Grüssen deine dreijährige kinki Redaktion

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[ L I F E A F T E R S K ATE]


2011

WeA cti vi st K I M M ATU LO VA SHOT BY C H ERY L D U N N w w w.w esc.com


inhalt

standard

Auftakt 03 Inhalt 10 Neuzeit 12 kinkimag.ch 20 Klagemauer 22 Abo / Impressum 108 Kopfkino 110 Maske 112 Henry & Paul 114

92

58

report

Querschläger: Urs Kliby 32 Unter dem Schleier 34 Wortlaut: Anja Rubik 38 Kofferfreunde 50 A1 84

musik

Interview: Britta Persson 62 Interview: The Kills 64 Verhör 68 Vorspiel: Wolfram 70 Interview: Yuck 72 Lieblingslieder: Marion Leiser 74

mode

‹Johannes› von Jonas Lindström 40 ‹Mariel› von Eva Tuerbl 76

The Dark Side Die Skulpturen des irischen Künstlers Kevin Francis Gray faszinieren durch eine glänzende und bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Oberfläche und einen dunklen Schein, der sie umgibt. Florence Ritter unterhielt sich mit dem Künstler über Marmor, Bronze und Black Metal.

40 24

Extreme Makeover Alejandra Villasmil

kunst

‹Painting. Self-portrait› von Kimiko Yoshida 24 ‹Travaux Choisis› von Aurélien Arbet und Jérémie Egry 52 Interview: Kevin Francis Gray 58 ‹Extreme Makeover› von Alejandra Villasmil 92 ‹The Pan Am Smile› von Inka Lindergård und Niclas Holström 98 Schauplatz: Artary Galerie 106

Johannes kooabaisiert [ Ergänzungsmaterial auf kooaba.com ]

kinki inhalt

Jonas Lindström 10

‹Painting. Self-portrait› Kimiko Yoshida


72

Holing Out Gruppentherapie statt Bandinterview? Kein Problem für die Wahllondoner der Band Yuck.

84

A1 Erfahren statt einfach nur durchfahren: diesem Leitsatz folgten Redaktor Rainer Brenner und Fotograf Daniel Tischler bei ihrer mehrtägigen Reise auf der Schweizer Autobahn Nummer eins. Mit Kamera und Logbuch im Handschuhfach versuchten sich die beiden an einem Porträt der Schweizer Verkehrsschlagader.

zugabe

Eva Tuerbl

Alejandra Villasmil

Aufgewachsen ist die 30-jährige Eva Tuerbl in einem beschaulichen kleinen Dorf namens Schondra in Bayern. Schon bald zog es Eva allerdings in die grosse weite Welt: erst nach Hamburg, wo sie Journalismus und Mode studierte, danach nach Barcelona und schliesslich nach New York, das sie seit fünf Jahren ihr Zuhause nennt. Ihre Leidenschaft für Fotografie machte Eva Tuerbl allerdings erst vor etwa vier Jahren zu ihrem Hauptberuf, ihren Job als Korrespondentin und Journalistin für verschiedene Modemagazine gab sie dafür auf. Und dass sich der Wechsel von der Schreibmaschine hinter die Kameralinse durchaus gelohnt hat, zeigt sie uns in dieser Ausgabe mit ihrer Modestrecke ‹Mariel›. – S. 76

Die Serie ‹Extreme Makeover› spielt mit unserer Auffassung von Schönheit, Archetypen und Verwandlung. ‹Ich verwandle die eigentlich schönen Frauen, die ich auf den Covers alter chilenischer Modemagazine gefunden habe, in beunruhigende fiktive und mythologische Gestalten, um auf humorvolle Art gleichzeitig das Grässliche, das Exotische und das feminin Sinnliche darzustellen›, meint die gebürtige Venezuelanerin. Die 38-jährige Künstlerin stellte ihre Werke bereits in diversen Museen und Galerien rund um den Globus aus, zeigte Arbeiten in verschiedensten Magazinen und Büchern (zuletzt im Buch ‹Cutting Edges›, welches dieses Jahr im Gestalten Verlag erschienen ist). Alejandra Villasmil lebt in Chile und ist zudem Redaktorin des OnlineKunstmagazins artishock.cl. – S. 92

Corina Bosshard

Kimiko Yoshida

Corina studierte Ethnologie und Arabische Sprachwissenschaften in Zürich. Nach ihrem Studium lebte sie für mehrere Jahre in Alexandria, Kairo und Hebron. Sie arbeitete für eine NGO im grössten ‹Müllviertel› Kairos, für die Schweizer Botschaft in Ägypten und für eine internationale Beobachtermission in der Westbank. Das Schreiben verfolgte sie dabei immer nebenbei, aber stets mit Leidenschaft. Eine ordentliche Portion davon steckt auch in ihrem Artikel ‹Unter dem Schleier›: ‹Durch Zufall stiess ich in Downtown Kairo eines Tages auf die kleine Buchhandlung von Lehnert & Landrock – und auf diese antiken Aktfotografien verschleierter Frauen. Die Bilder hatten so etwas Faszinierendes und gleichzeitig Irritierendes. Ich musste einfach mehr darüber wissen: Wann diese Fotos entstanden sind, wer sie geschossen hat und was es genau ist, das einen daran fasziniert … oder eben irritiert.› – S. 34

In ihren Fotografien wehrt sich die gebürtige Japanerin Yoshida gegen zeitgenössische Klischees der Verführung, gegen die freiwillige Unterwürfigkeit der Frau und gegen alte und moderne Stereotypisierungen. Ihre Selbstporträts betrachtet die Künstlerin als Prozess des ‹Verschwindens›, als Protest gegen die Dinge, wie sie sind: ‹Kunst ist ein subtiler Prozess des Austauschs, ein unablässiger Kampf mit dem Wesen der Dinge. Die Kunst findet ihre einzige Daseinsberechtigung in der Transformation dessen, was nur die Kunst zu transformieren imstande ist. Die Frage ist also nicht einfach: Wer bin ich? Viel angemessener für meine Arbeit erscheint mir die Frage: Wie viele bin ich?› In ihrer Serie ‹Painting. Self-portrait› beschäftigt sich Yoshida mit den Gemälden der alten Meister und den Kleidern und Accessoires eines neueren Meisters: Paco Rabanne. – S. 24

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neuzeit

blattmacher Künstler lassen sich nicht gerne einschränken. Aber was, wenn Kunst vergleichbar sein muss? Wer sich jetzt fragt, warum man Kunst überhaupt vergleichen sollte und vor allem wie man das anstellen will, der hat wohl unseren Ankündigungsblog letzten März verpasst. ‹Hoja blanca / weisses Blatt› nennt sich nämlich das Projekt, bei dem 26 Künstler aus Zürich und Guatemala ihr Können unter Beweis stellten. Dafür hatten sie – wie der Name schon sagt – bloss ein weisses Blatt zur Verfügung, das auf irgendeine Art und Weise zu einen Kunstwerk verarbeitet werden sollte. Ob bemalt, bedruckt, gefaltet, zerschnitten oder für völlig unkonventionelle Zwecke eingesetzt: Das weisse Blatt gab in jedem Fall einiges her.

Die Idee stammt von Rémi Jaccard, Kurator für den Standort Zürich, und Stefan Ege, der in Guatemala lebt und dort das Projekt betreut. Die beiden wirken selbst auch als Kunstschaffende und haben bereits verschiedene Konzeptionen gemeinsam erarbeitet. Noch vor der Vernissage, die am 15. März in Zürich stattgefunden hat, sprachen wir mit Rémi Jaccard über das ‹weisse Blatt›, die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren, die Erkenntnisse, die dadurch entstanden sind, und über die kulturellen Unterschiede, die die Kunst überwindet. Nachlesen könnt ihr das Gespräch diesen Monat unter kinkimag.ch/magazines. (kf) weissesblatt.com

kinki presents: oh land on tour

agenda

04

23.04. electromatiques tekkno town festival Gaskessel, Bern 23.04. ancient mith, pierre the motionless, brzwoski & moshe Treibhaus, Luzern 24.04. architecture in helsinki Kaserne, Basel 25.04. the soundtrack of our lives & the legendary lightness Selig, Chur 26.04. nik bärtsch’s ronin Exil, Zürich 29.04. honky tonk festival Innenstadt, St. Gallen 29.04. the books Palace, St. Gallen

05 03.05. erland & the carneval Exil, Zürich 04.05. 1 jahr piratenradio.ch Hafenkneipe, Zürich

Unterwegs durch die Landen und hoffentlich bald auch bei uns: Oh Land aus Dänemark.

06.05. the dodos KiFF, Aarau

In der kinki Ausgabe vom Juni 2009 stellten wir Nanna Øland Fabricius als Entdeckung des Spot Festivals in Arhus vor und befragten sie zur dänischen Musik- und Modelandschaft. Von da an warteten wir gespannt darauf, Oh Land – wie ihr Künstlername lautet – in den internationalen Musikhimmel abheben zu sehen. Es dauerte zwar etwas länger, doch die ehemalige Balletttänzerin, die aufgrund einer Rückenverletzung zur Musik wechselte, ist ihren Weg gegangen. Just tänzelt die sympathische und zartgliedrige Sängerin von New York aus durch angesagte Magazine, lässt ihre klare Stimme über dem wattierten Elektropop durch alle Radiosender schallen und stattete auch der Lakinki neuzeit

te Night Show von David Letterman einen Besuch ab. So gehört die Kopenhagerin nun zu den international aufstrebenden, musikalischen Sternen aus der Talentschmiede Dänemark, über die wir damals sprachen. Doch nicht nur die USA bezaubert die Sängerin, auch die Herzen der Deutschen wird sie im Mai mit ihren eigenwilligen Bühnenoutfits und den träumerisch-leichten Melodien im Sturm erobern. kinki präsentiert die drei Konzerte in Deutschland, Tickets haben die Online-Affinen unter euch vielleicht schon auf kinkimag.ch ergattert. Oh Land, komm auch bald ins Schweizerland! (fr) 23.5. Werkstatt, Köln, 24.5. Prinzenbar, Hamburg, 26.5. Privatclub, Berlin

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13.05. blackmail Kulturfabrik, Lyss 13.05.–05.06. world press photo exhibition Papiersaal, Zürich 14.05. kinki edition tour Stickerei, St. Gallen 19.05. bubble beatz Casino, Herisau 19.05. kinki edition tour Wohnzimmer, Bern 20.05. indie.ch nachtschicht Exil, Zürich 20.05. ceschi, darktime sunshine, zoën Sedel, Luzern


date auf wolke sieben Schon immer hatte Axe den Männern grenzenlose Anziehungskraft versprochen, würden sie sich nur ausgiebig mit einem ihrer legendären Deodorants besprühen. Zugegeben: Das alleinige Auftragen eines Duftwassers hat wohl noch keine Frau bedingungslos gefügig gemacht, egal wie gut es auch riechen mag. Trotzdem hält Axe aber, was es verspricht. Ganz im Sinne der aktuellsten Kampagne von Axe ‹Excite›, das sogar Engel betören soll, haben die Herren der Schöpfung jetzt nämlich die Möglichkeit, wahre Traumfrauen zu treffen. Wie das gehen soll? Nun, der Kauf des Deodorants ist sicherlich der erste Schritt. Während im Inneren des Roll-on oder Sprays eine erregende Mischung aus Zedernholz, Vanille, Birne, schwarzem Pfeffer und Ingwer wartet, findet sich auf dem Boden ein Code. Und diesen sollte Mann bis zum 30. April 2011 auf der Axe-Website ein-

tragen, um danach gut duftend auf sein grosses Glück zu hoffen. Beim Anschauen des neusten Axe-Spots lässt sich bereits erahnen, was die Gewinner erwartet: Ein Date mit einem der verruchten Engelchen aus der Werbung. Ja, die sehen nämlich nicht nur gut aus, sondern machen auch (fast) all den Jungskram mit, für den ihr eure Freundinnen nicht begeistern könnt. So begleitet euch ‹Tuning-Engelchen› Magda liebend gern an ein Formel 1 Rennen, die schöne Sara fiebert bei der Box-Weltmeisterschaft mit, Frances kommt mit zum Headbangen an ein Londoner Rockkonzert, und wer am liebsten mal die Nacht im Casino von Monte Carlo durchzocken möchte, dem steht die schöne Josipa bei diesem Erlebnis zur Seite. Wer’s glaubt, wird selig? Na dann macht euch schon mal auf euren Heiligenschein gefasst. (kf)

Wer ein Date mit einem der hübschen Axe ‹Excite›-Engelchen ergattern will, sollte gut riechen.

axe.ch

helden und flaschen Die Welt braucht Helden. Das ist erstens die knallharte Wahrheit und zweitens der neue Slogan von Timberland. Für bewusste Erdenbewohner hat der Brand eine neue Reihe praktischer Waldschuhe herausgebracht, mit denen man aber ebenso den Asphalt erobern kann. ‹Earthkeepers› heisst die neue Kollektion. Ihr Träger wird zum Schützer unseres Planeten, indem er unter anderem die Produktion von ökologisch recyceltem

ausgezeichnet! Seit dem 8. April knallen bei uns in der Redaktion im Minutentakt die Korken! Bereits zum zweiten Mal nämlich holt sich ein kinki Contributor mit seinem Beitrag den begehrten Swiss Press Photo Award! Es handelt sich dabei um unseren Berner Freund Fabian Unternährer, der mit seiner Fotoserie ‹Fensterplatz und Abgeschiedenes› nicht nur die Leser unserer Fotoausgabe im letzten Dezember, sondern auch Ausstellungsbesucher in Biel und schliesslich auch die fachkundige Jury des Swiss Press Photo Preises begeisterte. In der Kategorie ‹Kunst und Kultur› wurde die Bildstrecke aus zahlreichen Einsendungen zum Gewinner erkoren. Wir gratulieren Fabian auf diesem Wege nochmals recht herzlich (die Champagnerdusche hat er bereits hinter sich) und hoffen, dass sich sein Regal in nächster Zeit noch mit vielen weiteren ‹Pokalen› füllt. Und wer sich an Fabians Serie nicht satt sehen kann: Die neun Bilder der Serie sind in einer Auflage von jeweils fünf Stück als holzgerahmter Print auch käuflich zu erwerben. Wer sich eines der 70 mal 100 Zen-

Schuhwerk unterstützt. Die neue Kollektion wird teilweise aus recycelten PET-Flaschen hergestellt. 1,5 PET-Flaschen ergeben ein Paar Schuhe. Zugegeben, damit rettet man noch nicht die Welt, aber es ist zumindest ein Anfang. Wer mit umweltschützender Besohlung und wasserabweisendem stabilen Fusswerk ebenso im Wald Plastikflaschen jagen möchte wie der charmante ‹Plastikflaschenjäger› aus der Werbung, hat jetzt die Gelegenheit dazu. kinki verlost nämlich ein Paar Herrenschuhe und ein Paar Damenstiefel aus der Earthkeepers-Kollektion von Timberland. Schickt einfach eine Mail mit eurem Namen, eurer Schuhgrösse und Adresse sowie dem Betreff ‹Plastikflaschen-Held› an wettbewerb@kinkimag.ch. (fs) earthkeepers.timberland.com

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timeter grossen und im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneten Meisterstücke übers Bett hängen möchte, der nimmt am besten mit Fabian persönlich Kontakt auf: info@fu-photo.ch. (rb) fu-photo.ch swisspressphoto.ch


knot on wool

hautspeise

Geschickt geknotet: Klará Kadlecovás Accessoire-Kollektion.

Herrlich erfrischend ragen Klará Kadlecovás Accessoires aus dem Einheitsbrei hervor. Opulente Unikate, selbstverständlich handgemacht. Und die Besonderheit? Fast könnte man meinen, man sieht den Nähten der Ketten, Arm- und Kopfbänder die Schweiss treibenden Stunden auf einem eher unbequemen Bürostuhl unter einer kleinen Schreibtischlampe an. Es ist Liebe, warum sonst würde jemand sich die Mühe machen, solch verstrickte und verknotete Einzelteile von Hand zu produzieren. Leder, Baum-

Nach der kinki Grande Bouffe- und Schlemmerausgabe, in der wir die gustatorische Wahrnehmung angeregt und thematisch bis zur Sättigung behandelt haben, sollen nun wieder mal andere Teile und Sinne unseres Körpers bedacht werden. Zum Beispiel unser grösstes Körperorgan, die Haut, die gegenwärtig besonders unter der Trockenheit und dem saisonalen Ringen von Winter und Frühling leidet. Wer nicht wie eine vertrocknete Orange oder eine von Juckreiz getriebene Kratzbürste in den Frühling starten will, greift jetzt zu feuchtigkeitspendenden Hautpflegeprodukten wie denen von Weleda. Das Traditionshaus für Naturkosmetik sorgt schon seit 90 Jahren gemäss dem Leitmotiv ‹Im Einklang mit Mensch und Natur› dafür, dass wir stets natürlich im Einklang mit unserem Körper sind. Die neueste Naturkost heisst ‹Weleda Skin Food›, hat eine olfaktorische Citrus-Note, schützt, regeneriert

wolle, Tüll ... Stoffe und das Spiel damit haben es der Pragerin angetan. Sie wird nicht müde zu erzählen, wie viel Spass ihr das macht, was sie tut. Und wir glauben ihr jedes Wort. Ihre Inspiration sammelt sich die Wahlhamburgerin übrigens auf den Strassen und Märkten rund um den Globus. Wir sind uns jedenfalls sicher, dass ihre erste Kollektion ‹lovely accessoires – No.1› einschlagen wird wie eine Bombe. Wear it! (ag)

und nährt – im wahrsten Sinne des Wortes – unsere Haut mit Sonnenblumenöl, beruhigendem Stiefmütterchen und Kamillenblüte, schützendem Calendula und anderen intensiv pflegenden Inhaltsstoffen. Durch regelmässiges Einmassieren der Creme werden raue und rissige Stellen liebevoll weggepflegt und gleichzeitig die taktile Wahrnehmung angeregt. Und sogar für die visuellen und materiellen Sinne hält Weleda etwas bereit: Weleda kollaborierte mit dem Taschenhersteller Freitag und hält ein schneidiges Freitag-Necessaire mit der Skin Food Hautcreme und anderen pflegenden Zückerchen bereit. Ein solches Gesamtpaket, das eure Sinne ganzheitlich betören wird, gibt es demnächst exklusiv auf kinkimag.ch/blog zu gewinnen. Die einzelnen Produkte sind im Fachhandel erhältlich. (fr)

Wahre Gourmets gönnen auch ihrer Haut ab und zu einen Leckerbissen.

klara-kadlecova.com

mai im mascotte Was für ein schöner Monat der Mai doch ist: Er lässt die Sonne nach dem meist verregneten April durch seine Tage ziehen und erweckt die grauen Gemüter zu neuem Leben. Eine gute Zeit, aus der Winterstarre auszubrechen und den trägen Sofatagen ein Ende zu bereiten. Jetzt kommt die Zeit des Tatendrangs, und der führt direkt ins Zürcher Mascotte, wo uns diesen Monat feinste elektronische Klänge aus Übersee entgegenwummern. Als Einstimmung ziehen die aus Grossbritannien stammenden Esben and the Witch am zehnten Mai die Mascotte-Gäste mit ihrem düsteren Elektro-Rock in ihren Bann. Sehr mystisch und geheimnisvoll machen Esben and the Witch ihrem Namen, der sich von einem dänischen Märchen ableitet, alle Ehre. Als Vorband haben sie die vielversprechende und aufstrebende Band Creep aus Brooklyn mit auf der Bühne, die wie sie selsbt mit kinki neuzeit

der Witch House-Symbolik flirtet und gekonnt den mystischen Abend mit düsteren Beats einleiten wird. Die zwei Ladies von Creep konnten übrigens für ihre erste Singleauskopplung ‹Days› die bezaubernde Stimme von Romy Madley-Croft von The xx gewinnen. Ebenfalls aus der elektronischen Ecke, aber mit einem Hauch 80er-Jahre Disco Pop folgen am 16. Mai Holy Ghost dem Ruf der Nacht ins Mascotte. Die seit 1989 zusammen performenden ‹Broolynites› gelten als Garant für durchtanzte Partynächte. Das Schlusslicht dieser Runde musikalischer Leckerbissen bilden die amerikanischen Indie-Rocker von The Walkmen. Am 29. Mai werden sie mit ihrem analogen und rockigen Sound auch den letzten Frühlingsmuffel aus der Winterstarre locken. Wenn das keine schönen Aussichten sind! (kf)

partner gesucht (nur mit!) GummiLove wurde 2009 vom Schweizer Snowboarder Daniel ‹Gummi› Rietmann gegründet, und zwar mit dem Ziel, aktiv etwas gegen die Zunahme von Geschlechtskrankheiten und ungewollten Schwangerschaften zu unternehmen. ‹Liebe das Leben und gehe bewusst mit deinem Körper um› lautet dabei die zentrale Aussage. Mittlerweile ist GummiLove zum einzigartigen Lifestyle-Brand avanciert, der fest in der Boardsports-, Musik- und Streetart-Szene verwurzelt ist. Wichtiger Träger der lebenswichtigen Botschaft ist dabei unter

mascotte.ch

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anderem eine T-Shirt-Kollektion. Diese soll nächstes Jahr erweitert werden und dafür sucht GummiLove bereits jetzt künstlerisch begabte Menschen, die ihrer Liebe zu innovativem Produktdesign Ausdruck verschaffen möchten. Gefragt sind bis Ende April erste Entwürfe. Aus allen Einsendungen werden vier bis sechs Designs ausgewählt, produziert und natürlich mit stolzgeschwellter Brust getragen. Wer mitmachen und seinen Teil zum Projekt GummiLove beitragen möchte, findet mehr Info zur Teilnahme unter gummilove.com. (mm)


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exiting! Wer kann diesem Line-up widerstehen? Das Exit Festival hält viele gute Gründe für einen Sommerausflug nach Serbien bereit.

Langsam aber sicher sind die kalten und doch fröhlichen Pistenerlebnisse Schnee von Gestern. Die Snowboards wurden in den Service gebracht, die Boots im Keller verstaut. Und während sich die ersten Frühlingsgefühle bemerkbar machen, blicken wir schon in voller Erwartung und Vorfreude auf einen langen, heissen Festivalsommer. Zweifellos ist unter den einen oder anderen helvetischen Open Airs so mancher Leckerbissen dabei, doch auch international präsentiert sich so manches Line-up, das unsere Herzen höher schlagen lässt. So ist auch das Programm des diesjährigen Exit Festival im serbischen Novi Sad ein wahrer Hingucker oder besser gesagt Hinhorcher. Besonders mit Pulp, die 2002 zuletzt gemeinsam auf der Bühne standen, stellt Exit so manch anderes Festival in den Schatten. Auch Bands wie Arcade Fire, Portishead und Underworld lassen das Programm ziemlich schick aussehen. Das Festival ist bekannt für seine grosse Musikvielfalt, die von Indie über Elektro bis zu Reggae reicht und natürlich auch zahlreiche ‹regionale Leckerbissen› bereithält. Das eher unbekannte Pflaster Novi Sad ist die Hauptstadt der serbischen Provinz Vojvodina und liegt direkt südlich der Donau. In der Hitze des Musikgefechts kann man sich also auch noch eine Abkühlung gönnen. Das Exit findet vom 7.–10. Juli 2011 statt. Tickets sichert ihr euch aber am besten so schnell wie möglich unter exitfest.org. (kf) kinki neuzeit

koch und künste

Auch in der Gastronomie soll es so etwas wie eine independente Untergrundkultur geben. Diese Kochgarde nennt sich beispielsweise Störköche (Stör bedeutet Wanderschaft) und zieht von Küche zu Küche, von Haus zu Wohnung zu Restaurant, um Menschen kulinarisch zu beglücken. Zu dieser Gattung gehört auch Vale-Fritz Diem, seines Zeichens ausgebildeter Ökonom, feinzüngiger Gourmet und passionierter Koch. Mit seinem Kollegen rief er 2010 das Unternehmen ValeFritz ins Leben und teilte als Störkoch an Dinnerpartys und Caterings seine kulinarische Freude mit den Gästen. Nun ist ValeFritz in einer gleichermassen ausgefallenen Lokalität sesshaft geworden: dem Dakini’s Bed & Breakfast in Zürich. Dort verwandelt ValeFritz das von Künstler Kerim Seiler geistreich und gemütlich ausgestattete Café in einen Schmelztiegel der Esskultur und zeitgenössischen Kunst. ValeFritz zelebriert Kochkunst − von der feinsäuberlichen Auswahl der Produkte bis zur authentischen Weiterverarbeitung der Zutaten. Wöchentlich wird ein abwechslungsreiches Menü aus saisonalen und frischen Produkten aus der Region zu fairen Preisen offeriert. So goutierten wir kürzlich eine sämige, perfekt abgeschmeckte Safran-Peperoni-Suppe, entdeckten Crêpes aus selbstgepflücktem Küsnachter Bärlauch, liessen uns von herzhaftem, aromatischem

Regionale Köstlichkeiten in künstlerischem Ambiente: ValeFritz verwöhnt im Dakini's Gaumen und Auge gleichermassen.

Rotweinrisotto mit Lammrack und Artischocke die Sinne betören, und konnten uns nicht zurückhalten, gleich zwei Portionen des köstlichen Karamell-Tiramisus zu vertilgen. Dazu schlürften wir exklusiven Rosé Sekt und Zweigelt Rotwein aus dem Keller Gesellmann – dies nur eine mögliche Menükomposition und ein lukullischer Genuss, der unsere Gaumen kitzelte und euch den Mund wässrig machen soll. Aus der Küche wurde uns Conaisseur-Info von illegalen Grande Bouffes im Zürcher Untergrund zugespielt, vom ‹Mozzarella-Gott› Michele, der täglich frischen Käse

aus Neapel auf den Tisch zaubert oder von Marktständen, die ihre Ware selbst beim Grosshändler beziehen. Nachkochen ist bei ValeFritz erwünscht: So teilt der Chefkoch sein Wissen, seine Tipps und Rezepte auch auf seinem Weblog mit und verrät, wann er andere talentierte Indie-Gastronomen als Gastköche an seinen Herd bittet. Denn Kochen ist nicht nur eine Kunst, sondern in erster Linie eine Herzensangelegenheit. (fr) ValeFritz im Dakini’s, Brauerstrasse 87, 8004 Zürich valefritz.ch

alle unter einem dach Schon alle Stores durchkämmt und dennoch nicht das zur Saison passende Textil gefunden? Da kommt der neue Schild Flagship Store, der am 17. März in Zürich seine Tore geöffnet hat, gerade recht. Auf fünf Etagen finden Shoppingwütige ein grosses Arsenal an Kleidung für Sie und Ihn. Bugatti, Navyboot, Levi’s, Pierre Cardin und 48 andere renommierte Brands findet man jetzt vereint unter einem Dach an der Zürcher Lintheschergasse 7. Übrigens gibt es auf schild.ch exklusiv auch die − in den Schweizer Onlineshops sonst nirgendwo vertretene − Marke Mango zu kaufen. Bevor ihr also stundenlang durch 16

die Stadt rennt und dabei gerade einmal ein brauchbares Teil ergattert, versucht es erst mal auf diesen fünf nagelneuen Stockwerken. Das spart Zeit und mit etwas Glück spart es auch Geld. kinki verlost nämlich unter euch Kaufrauschjunkies, Schnäppchenjägern und Windowshoppern einen Gutschein im Wert von 150 Franken, den ihr im neuen Schild Flagship Store einlösen könnt. Schreibt einfach eine Mail mit Betreff ‹Schild› und eurer Adresse an wettbewerb@kinkimag.ch und schnappt euch dieses kleine Taschengeld für eure nächste Shoppingtour. (kf) schild.ch


UNCONVENTIONAL CHIC

24/24:PARIS

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kinki edition tour feat. les yeux sans visage Grossartige News gibt’s diesen Monat auch an musikalischer Front zu verkünden. Wir freuen uns nämlich wie Schneekönige, dass wir die Luzerner Band Les Yeux sans Visage für unsere erste kinki edition tour gewinnen konnten! Das kinki Team wird sich in den kommenden Wochen also neben die drei Jungs in den Tourbus quetschen und euch in einem Club in eurer Nähe besuchen. Unterstützt werden Les Yeux sans Visage dabei jeweils von lokalen DJs, getanzt darf also auch nach dem schweisstreibenden Set der Innerschweizer Postpunker noch werden. Und auch fürs leibliche Wohl ist gesorgt: 42 Below wird mit seinem köstlichen Wodka und Drinks dafür sorgen, dass auch die Bar nicht austrocknet. Was will man mehr? Sa 14.05. Location: Stickerei / St. Gallen, DJs: Friends with Displays, Do 19.05. Location: Les Amis Wohnzimmer / Bern, DJs: Mercury, Do 02.06. Location: Südpol / Luzern, DJs: Der schlechte Einfluss, Do 09.06. Location: La Catrina / Zürich, DJ: mahu (abbruchhaus.net)

dear reader

Auch wenn es so aussehen mag: Selin und Norma nehmen kinki nicht auf die leichte Schulter.

Statistiken können zwar Welten erklären, unsere Leserschaft erfassen sie jedoch nur in kalten Zahlen und in den einfachsten Typisierungen wie Mann oder Frau. Da ihr kinki Leser aber ebenso verschiedenartige Lebemenschen seid wie die kinki Macher selbst, möchten wir mehr über euch erfahren und all die Nuancen und Facetten gustieren, die euch einzigartig machen. Die Leserinnen Selin und Norma aus Luzern machen in dieser Ausgabe den Anfang und geben ein

eindringliches Bekenntnis zum kinki ab. Gemeinsam schultern die beiden salopp unsere Insignien und tragen mit einem zwinkernden Auge die Worte auf der Stirn: ‹Wer das kinki nicht ehrt, ist des Lebens / Lesens nicht wert.› Wir fühlen uns dementsprechend geehrt und verbiegen uns im Gegenzug mit einem Knicks. Schickt auch ihr eure Ansichten, Lebeweisen, Charakterzüge oder Geschichten von, über und mit dem kinki magazin an foto@kinkimag.ch. (fr)

rockende beutelsäuger titute Of Performing Arts, doch sollte es noch ganze vier Jahre dauern, bis sich der grosse Erfolg einstellte. Seit 2007 geht’s aber Schlag auf Schlag. The Wombats unterschrieben einen Plattenvertrag bei 14th Floor Records, brachten ihren Hit ‹Let’s Dance To Joy Division› heraus, nahmen in nur drei Wochen ihr Album ‹A Guide To Love, Loss And Desperation› auf und touren seither durch die Welt. Das Trio ist eine absolute Hitmaschine und ihre rockigen Singles füllen die Tanzfläche jeder Indie-Disco. Das neue Album sollte ursprünglich Ende 2010 erscheinen; trotz Verzögerungen zeigte bereits die erste Auskopplung namens ‹Tokyo (Vampires & Wolves)›, dass der Wombats-Siegeszug auch 2011 nicht zu stoppen sein wird. Wer das Konzert am 23. April verpasst hat, dem sei das Album ‹Modern Glitch› empfohlen, das seit dem 8. April in den Regalen steht. (mm)

Verstrubbeltes Fell, nachtaktiv … The Wombats haben einiges mit ihren Namensvettern aus dem Tierreich gemeinsam.

Die Wombats sind eine Familie in Australien lebender Beutelsäuger. Es handelt sich um nachtaktive, höhlengrabende Pflanzenfresser mit bärenähnlichem Aussehen. Doch Halt: kinki ist kein Tiermagazin und hier geht es natürlich nicht um die kinki neuzeit

pelzigen, australischen Fellknäuel, sondern um The Wombats, die drei Jungs aus Liverpool, die sich – ebenfalls bevorzugt nachtaktiv – durch die Indie-Clubs der Welt spielen. Gefunden haben sie sich 2003 an Paul McCartneys Liverpool Ins-

thewombats.co.uk

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juhee, kilbi! Nur wenige Sekunden nach der Veröffentlichung des Kilbi-Programms 2011 geschah das Unglaubliche. Der Server des digitalen Ticketverkäufers brach unter der Last der eingehenden Anfragen zusammen und war für Stunden nicht mehr zu erreichen. Was hierzulande bisher höchstens bei Konzerten von Robbie Williams und U2 zu beobachten war, wurde plötzlich auch für eingefleischte Kilbi-Fans zur Wirklichkeit: Innert kürzester Zeit waren sämtliche Dreitagespässe sowie alle Tickets für den Donnerstag ausverkauft. Klar spielt da der angekündigte Auftritt der legendären Queens of the Stone Age eine gewisse Rolle, vielmehr zeigt sich aber auch, dass die Veranstalter der Bad Bonn Kilbi, die dieses Jahr vom 26. bis zum 28. Mai stattfinden wird, einmal mehr ihr gutes Booking-Händchen walten liessen. Die ‹wahren› Kilbi-Gänger foutieren sich natürlich um den ausverkauften Donnerstag und erfreuen sich am Programm von Freitag und Samstag. Sprich: weniger Hype, dafür die wahren Entdeckungen wie Caribou, The Tallest Man on Earth und Gonjasufi am Freitag oder The Walkmen, Anika oder Buvette am Samstag. Wem erst jetzt der Mund wässerig wird und wer sich bis jetzt noch keine Tickets gesichert hat, der muss nicht traurig sein. Denn kinki verlost zweimal zwei Tickets für Freitag und Samstag. Mit ein bisschen Glück seid ihr am geschmackssichersten und familiärsten Open Air der Schweiz mit dabei. Schreibt uns eine Mail mit eurer Adresse und dem Betreff ‹Kilbi› an wettbewerb@kinkimag.ch und grüsst uns die Katze, falls ihr gewinnen solltet. (mm) kilbi.badbonn.ch


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kinkimag.ch

community portrait fasst sich Klunder häufig mit den Themen Identität und Verwandlung und posiert dafür gleich selbst vor der Linse. In ihrer SelbstporträtReihe ‹Community› zeigt sie das Bestreben der Frauen auf, gesellschaftliche Anerkennung durch ausgesuchte ‹Eingriffe› an ihrem

In unserer letzten Modeausgabe zeigte sich die Künstlerin Nienke Klunder nach ihrer Beauty-OP bis zum Kopf einbandagiert, mit grotesken Brüsten und an den aufgespritzten Lippen angesetztem Starbucks-non-fat-mocha-frappuccino-to-go. In ihren Arbeiten be-

Äusseren zu erlangen – sei es durch Kleidung, Make-up, Operationen oder Sport. Dabei schlüpft Klunder in so vielfältige, ausgeprägte Rollen, dass man die wandelbare Künstlerin gar nicht mehr erkennt.

tijuana – stadtporträt Die mexikanische Grenzstadt Tijuana steht in den europäischen Medien wegen des herrschenden Drogenkriegs und Migrationsproblemen mit den USA ständig in den

Schlagzeilen. Dass in dieser Stadt trotz der alltäglichen Konflikte eine junge, kreative und sich engagierende Generation heranwächst, wird von den Medien meist ausser

Acht gelassen. Die Journalistin und Fotografin Hanna Silbermayr hat diese junge, florierende Künstlerszene besucht. Ihre Reportage findet ihr auf unserer Website.

romantischer kopf Lange bevor der gebürtige Dominikaner George Lewis Jr. als Twin Shadow verspielten, weichgespülten 80er-Jahre Wave Pop produzierte, verzog er sich oft in seine Gedankenwelt. Aufgewachsen in Florida, wo es zu seiner Zeit nicht wirklich viel gute Musik zu hören gab, konstruierte sich der stylishe Friseursohn seine eigene musika-

on and on Auf unserer Website bekommt ihr kinki von der Schokoladenseite zu sehen. Der Fotograf Robert Klebenow stellt seine Porträt-T-ShirtLinie ‹Das Normale ist das Besondere› vor und verlost sogar einige Exemplare an euch. Die Band The Sounds und die Schwedin Britta Persson geben ihr Hauptmerkmal, die Stimme, in Wort und Musik zum kinki kinkimag.ch

Besten. Weitere Facetten entdeckt ihr in den Art-Porträts junger, aufstrebender Künstler, den zahlreichen Blogs und Wettbewerben. Unsere Lieblingseigenschaft derweil sind allerdings unsere frisch angeeigneten ‹kinki tunes›, die Musik zum Hören und gratis Downloaden bieten.

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lische Welt und schrieb verträumte, süffige Popsongs mit tragischem Pathos. Von Brooklyn aus hängt er noch heute seinen Gedanken nach und tüftelt an seiner Musik, reist immer wieder nach Berlin, Kopenhagen – oder eben auch mal nach Zürich, wo er uns vor seinem Gig im Zürcher Plaza einen kleinen Einblick in sein Leben gewährte.


klagemauer Ist dein neuer Kashmir-Pulli eingegangen? Der Joghurt im Kühlschrank zu neuem Leben erwacht? Setzen sich die Psychopathen im Bus immer neben dich? Egal was dich gerade stresst oder nervt: Auf kinkimag.ch unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

den traummann gefunden zu haben und zu wissen, dass man zu jung für ihn ist. wiesohabenwirüberhaupteinalter | ich hoffe, das war nicht mein hirn, das da gerade gedacht hat ‹ich glaub, ich schreib ihm 'ne sms. das ist persönlicher.› die jugend von heute ist so was von facebookisiert. Lola | Dass es von hier nach Wien 5 Tage und 11 Stunden Fussweg sind. Würde dich aber gerne JETZT sehen! man. 646km | biotta-saftkur und plötzlich essen alle um mich herum kebab, pizza und pasta ... grrrrr ich ha HUNGÄÄR durchhaltendurchhaltendurchhalten | Mich nerven diese sinnlosen Einträge. Habt ihr keine echten Probleme? Anonymous | sei doch froh, dass du diese probleme nicht hast!!! hai nomol! muss man sich jetzt auch schon einschränken wenn man klagt??? bööööööööö | letzter tag der saftkur, noch nie so hunger gehabt in ihrem leben, liegt seit zwei stunden wach, sie will ein zwieback, es tötet sie langsam ... loch im bauch | habe gerade realisiert, dass ich im gleichen Jahr geboren wurde, wie Justin Bieber. ausserdem brachte sich 1994 Kurt Cobain um. bringe ich unglück? schwarze katze | Frauen !!!! Wenn Mann sie nur verstehen würde ..... FUCK Anonymous | Männer !!!! Wenn Frau sie nur verstehen würde ...... Anonymous | Krabelvieh das beim Sex zuzweit stirbt ?! lomo | gute nacht meine ach so geliebte Welt! und auch wenn zu früh: guten Morgen mein ach so gehasster Morgen hoffe du wirst mich positiv überraschen wenn du weisst was ich meine! gute nacht | dieses scheiss computer-maus-scroll-ding scrollt nicht! und dann wieder doch! aber auch gleich nicht mehr! mäusefalle | irgendein arsch hat mir gestern Nacht meine haare lila gefärbt! das zeug geht einfach nicht raus! lilaschopf | in diesem land kannst du nicht einfach kunst studieren, neeeeeeeeeeeeeeeeein um gottes willen! zuerst muss man chemie, physik, VBR und den ganzen algebra algorithmen scheiss wiederholen und dann, ja erst dann, testen wir ihr talent. ja ja die schweiz ein land der künstler deren wissen auch gut bei einer bank oder einem pharmakozern aufgehoben wär. unnützes wissen | der sommer ist im anmarsch und mein köper macht einen auf ‹winterreserven für die eiszeit oder komme was auch immer wolle› anlegen. ich das wallross | la vache qui rit. wenigschtens ai chueh wo lacht i dem ruum! frühkück | dass sich die klagemauer in meine liebste website verwandelt (hat). von | heute mal absolut nichts zu klagen .. darf es auch geben! lomo | Mich nervt lomos heile welt ; ). Neider | die telefonverbindung futsch, so schnell kanns gehen und man ist getrennt vom menschen am anderen ende der welt, übrig bleibt leere mit einem hörer am ohr aus dem keine stimme mehr kommt. Anonymous | kinki klagemauer

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ÜBER

LT E W S O R DER MIG

h c . s r a t s m . w w w

AUS L E K I T AR E G I T L 20 0 KU

Der OnlineshOp für MigrOs-fans


Kimiko Yoshida

Torero by Picasso

Painting. Self-portrait. 2007–2009

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Self-portrait by Velasquez

Painting. Self-portrait. 2007–2010

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Queen of France Marie de’ Medeci by Rubens

Painting. Self-portrait. 2010

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Suleiman the Magnificent by Titian

Painting. Self-portrait. 2010

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Sistine Madonna by Raphael

Painting. Self-portrait. 2010

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Do単a Isabel Cobos de Porcel by Goya

Painting. Self-portrait. 2010

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Man in a Golden Helmet by Rembrandt

Painting. Self-portrait. 2010

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Hugo Ball in Cubist Costume at the Cabaret Voltaire

Painting. Self-portrait. 2010

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querschläger alles, ausser angepasst

Kliby und seine Caroline kennt jeder. Vielleicht weil es manchmal scheint, als verfüge die zerzauste kleine Eselspuppe auf dem Arm des Bauchredners wirklich über ein eigenes Leben. Wir besuchten die beiden in ihrem Haus am Bodensee. Text: Rainer Brenner, Foto: Daniel Tischler

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er schnauzbärtige Mann mit seiner Puppe prägte die Kindheit mehrerer Generationen. Witze frei von Sarkasmus oder Bosheit wie etwa ‹Ich bin än Esel. So wie du!› folgten auf den kleinen Kassettchen so dicht aufeinander, dass man sie beim nächsten Lacher schon wieder vergessen hatte. Klibys breiter St. Galler Dialekt und die harmlosen Gags wirkten beruhigend und dennoch unterhaltend. Fast eine Million Tonträger verkaufte der gelernte SBB-Angestellte Urs Kliby in seiner mittlerweile 37-jährigen Karriere als Bauchredner. Und auch wenn er und seine Stoffpuppe heute eher in Möbelhäusern und zu Firmenanlässen als in grossen Samstagabendshows auftreten, verfügen die beiden auch heute noch über die gleiche Strahlkraft wie eh und je. Kliby begrüsst mich gut gelaunt in seinem geräumigen Haus in Kreuzlingen. Er wirkt gepflegt und jung für sein Alter − jünger als auf den Bildern vor zehn Jahren, scheint es mir. Hier ist alles blitzblank, Ruth und Urs ‹mögen’s gerne sauber›. Während er mich durch seinen Garten führt, mir den Swimmingpool und sein Arbeitszimmer zeigt, erzählt er von seinem letzten Auftritt und seinen Merchandise-Artikeln, liest mir zufrieden einen Fanbrief vor, den er heute Vormittag erhalten hat, und macht Kaffee. Sein Haus mit Blick auf den Bodensee wirkt mit dem gekachelten Boden und der kleinen Bar in der Wohnzimmerecke wie eine kleine Hazienda. Nur die Toilette sei irgendwie kaputt, erklärt Kliby und runzelt die Stirn vor seinem Closomat mit Fernsteuerung. Wir setzen uns auf die Terrasse. Caroline gesellt sich erst nach unserem Gespräch hinzu, doch heute scheint sie im Gegensatz zu ihrem Bühnenpartner recht wortkinki querschläger

karg. Das Eselsmädchen gibt es in dreifacher Ausführung: ‹Eine Puppe liegt im Tresor der Bank, falls es hier mal brennt oder eingebrochen wird.› Seine Frau hatte die Puppe vor bald vier Jahrzehnten geschneidert und Kliby hauchte ihr mit seinem angeborenen Bauchrednertalent Leben ein. Seit 37 Jahren ist das Eselchen nun schon elf Jahre alt. Als Kliby sie behutsam über die Stuhllehne legt, trete ich vorsichtig heran und streiche ihr über die langen Ohren. Und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

die Sprüche der Grund für den Erfolg, oder die Puppe, keine Ahnung. Du bist recht weit herumgekommen mit deiner Caroline, nicht wahr? Ja, ich war in 97 Ländern (lacht)! Das kann ich dir aber erklären: Bei der Firma IBM gibt es zum Beispiel den ‹Klub der Hundertprozentigen›, das sind Aussendienstmitarbeiter, die ihr Soll erfüllt, ganze Firmen ausgerüstet und Millionenumsätze generiert haben. Diese Leute werden dann von der Firma belohnt, fliegen zum Beispiel nach Helsinki und kriegen dort eigens eine Show geboten. So kam ich zum Beispiel nach Finnland. Mit der ‹Familie Post› ging’s nach Zypern auf eine wunderbare Reise. Oder man ist auf einem Schiff unterwegs, macht Zwischenhalt in New York und wird dort von einem Schweizer Verein eingeladen. So kam ich zu meinen 97 Ländern (lacht).

Interview kinki magazin: Du hast mehr Platten verkauft als manch ein grosser Musiker, Kliby. Und das eigentlich einfach nur mit ein paar Witzchen. Wie machst du das? Urs Kliby: Angefangen hat das Ganze ja mit dem ‹Teleboy›. Die ganze Schweiz hat nur von dieser Sendung gesprochen, sie hatte 2,2 Millionen Fernsehzuschauer und war am nächsten Tag natürlich das Tagesgespräch. Damals, 1977, gab es noch keine Videorecorder, allerdings waren die bei den Händlern bereits ausgestellt, da sie demnächst erscheinen sollten. Also bat ich den Händler bei mir in der Nähe, die Sendung aufzuzeichnen. Ich glaube, mein Auftritt war etwas Neues, ausserdem war es ‹Kindermund›. Vielleicht gefiel den Leuten auch die Puppe oder ich kam gut rüber, wer weiss. Auf jeden Fall baten mich viele um eine Kopie der Videokassette. Ich entschied mich dann, eine Single aufzunehmen …

Du hattest sogar eine Audienz beim Papst. (Lacht) Ja! Die Schweizer Garde hatte Jubiläum, 1981. Zu dieser Zeit hatte ich gerade eine halbe Million Tonträger verkauft. Also arrangierte mein Label, dass ich im Rahmen meines Auftritts vor der Schweizer Garde gleich noch eine Audienz beim Papst kriege. Der Papst unterhielt sich dann ein bisschen mit mir über das Showbusiness, fragte, wie ich das mache mit dem Bauchreden. Natürlich war ich nicht alleine dort, sondern mit vielen anderen, aber die hatten so wahnsinnige Kameras, dass es auf den Fotos aussieht, als sei man alleine dort gewesen. Im RingierGebäude hat danach ein Fotograf anscheinend nachts der Konkurrenz das Pult aufgebrochen, um an dieses Foto zu kommen (lacht). Die Audienz war also extrem medienwirksam.

… eigentlich ein Witz, oder? Ein Bauchredner auf Schallplatte. Ja, schon. Aber man hatte mich halt schon bald recht oft im Fernsehen gesehen. Vielleicht sind ja 32

Empfindest du für diese Puppe eigentlich etwas? Auf der Bühne ist sie natürlich so etwas wie meine Partnerin. Ich baue die Pointen nur auf, Caroline setzt sie dann. Die Leute lachen wegen ihr, nicht wegen mir. Ich musste auch schon selbst lachen, wenn eine Pointe richtig gut funktionierte. Hast du dich schon mal dabei ertappt, dass du dich jenseits der Bühne mit Caroline unterhältst? Ja. Allerdings passiert das schon eher auf der Bühne. Manchmal kommt man da in so eine Euphorie rein, dass sich das fast ein bisschen schizophren anfühlt. Manchmal kommt die Puppe mir schon vor wie eine eigenständige Figur. Ein bisschen schizophren muss man wohl schon sein – oder man wird es (lacht). Auch wenn ich mir die CDs anhöre, bevor sie ins Presswerk gehen, erkenne ich mich selbst fast nicht. Hat das was du tust eine Botschaft, Kliby? Hmm, ich weiss nicht, ob man das Botschaft nennen soll, aber ich würde einfach gerne die Leute ein bisschen ablenken von ihren Sorgen. Urs Kliby, 60, hat nicht nur ein Talent fürs Bauchreden, sondern auch einen grünen Daumen. Sein Geheimtipp: Kaffeesatz ins Blumenbeet streuen. Das zieht Unmengen Würmer an und lockert die Erde. ‹Besser als jeder Dünger!›


‹Ein bisschen schizophren muss man schon sein.›

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Unter dem Schleier

Fathma, de la tribu des Ouled Nail, Algérie, 1904–1914 (© Lehnert & Landrock, Le Caire / Courtesy Musée de l’Elysée)

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Heute geraten oft Bilder verschleierter Frauen ins Blickfeld, wenn von Islam und von ‹islamischem Fundamentalismus› die Rede ist. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da galt die verschleierte Frau als Sexsymbol schlechthin. Der Fokus lag damals nicht auf ihrem Schleier, sondern auf dem Bedürfnis, ihn zu heben, um zu sehen, was darunter liegt. Text: Corina Bosshard, Fotos: © Lehnert & Landrock, Le Caire / Courtesy Musée de l’Elysée

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m Roman ‹Aziyadé› aus dem Jahre 1879 heisst es von einer Istambuler Haremsdame: ‹Bei diesem ersten Kontakt erfüllt mich eine tödliche Mattigkeit: Ihre Schleier sind mit allen Düften des Orients getränkt, ihr Fleisch ist fest und kühl.› Das Werk des französischen Schriftstellers und Marineoffiziers Pierre Loti empörte damals die Türken – und begeisterte die Franzosen.

Orientalismus – kollektiver Tagtraum Europas

Zweihundert Jahre lang konnte halb Europa von den Genüssen und der Sinneslust des Morgenlandes gar nicht genug bekommen. Der Orient diente als emotionaler Gegenentwurf zur eigenen puritanischen Gegenwart. Schliesslich boten die europäischen Frauen mit ihren stets sittsam bis oben zugeknöpften Kleidern und Nachthemden kaum Projektionsfläche für erotische Fantasien. Körper und Sexualität galten weitgehend als Tabuthemen, es herrschte der ‹grosse Frost der viktorianischen Prüderie›. Die – wenn auch nur gedankliche – Reise übers Mittelmeer in wärmere Gefilde, in die damaligen Kolonien, ist daher als Flucht zu verstehen vor den bürgerlichen Zwängen der Heimat in ein abenteuerliches Terrain, in dem alles möglich schien. Das Morgenland faszinierte die Europäer dabei mehr als alle anderen Gegenden. Das Bild der verschleierten, orientalischen Frau war hoch erotisch geladen und wurde assoziiert mit Laszivität und Sinnlichkeit. So behaupteten viele Orientreisende nach ihrer Rückkehr in die Heimat, der Schleier habe etwas Geheimnisvolles, einen verlockenden Reiz und er betone die Schönheit der Augen arabischer Frauen. Beliebte orientalisch angehauchte Motive von Malern wie Delacroix, Ingres oder Gérôme waren nackte Odalisken, das bunte Treiben im Harem oder erotische Badefreuden im türkischen Bad. Auch in literarischen Werken wie Goethes ‹Westöstlichem Diwan› oder Karl Mays Abenteuerromanen ‹Durch Wüste und Harem› fand diese Geisteshaltung ihren Niederschlag. Der französische Schriftsteller Gérard de Nerval brachte von seiner Orientreise 1843 wundersame Erzählungen über ‹die Frauen von Kairo›, ihre ‹Masken und Schleier› und über die ausgelassenen Nächte des Ramadan mit. Und böse Zungen nennen Gustave Flauberts Ägypten-Reisetagebuch von 1850 in erster Linie die Beschrei-

bung einer Pufftour mit ein paar obligatorischen Abstechern zu den Tempeln und Pyramiden. Diese stereotype Dar- und Vorstellung der sinnlichen verschleierten Frau, die sich in prunkvollen Haremsgemächern halbnackt auf Kissen räkelt, sagt jedoch viel mehr über den herrschenden Zeitgeist als über die damalige soziale Realität in Nordafrika aus. Die Innengemächer muslimischer Haushalte waren natürlich tabu und völlig ausser Reichweite für europäische Männer. Und arabische Frauen – mit Ausnahme von Prostituierten – weigerten sich partout, für Maler Modell zu stehen oder mit Europäern zu verkehren. Und gerade das machte die orientalische Frau so verlockend. Sie gab sich nicht – wie in anderen, ‹primitiven› Kulturen, zu denen die Kolonialisten vorgedrungen waren – freiwillig hin,

Sie entkleideten die arabischen Frauen nun eben in ihren Gedanken, malten sie nackt auf Ölwände oder eroberten sie literarisch. sondern wurde wie ein Schatz in der geheimen und verbotenen Welt des Harems gehütet und verbarg ihre Reize unter einem Schleier. Dies provozierte einen enormen Drang, den Schleier zu lüften. Und es liess die sexuellen Fantasien der europäischen Künstler auf Hochtouren laufen: Sie entkleideten die arabischen Frauen nun eben in ihren Gedanken, malten sie nackt auf Ölwände oder eroberten sie literarisch. Die Bilder und Erzählungen vom Orient, vom Harem und von der erotischen orientalischen Frau basierten kaum auf Beobachtung oder Erfahrung, sondern waren weitgehend Projektionen der eigenen Fantasien und Wunschvorstellungen.

Exotischer Softporno

Das schwül-erotische Orientbild blieb auch nach der Jahrhundertwende erstaunlich populär, wurde nun aber über neue Medien verbreitet. Die Kommerzialisierung der Fotografie begann, und das Medium Film kam hinzu. Und genau hier beginnt die Geschichte der Lehnert & Landrock Fotografien: Der Österreicher Rudolf Franz Lehnert und der Deutsche Ernst Heinrich Landrock lernen sich 1903, beide 26 Jahre jung, in der Schweiz kennen. Lehnert ist ein begnade35

ter Fotograf, Landrock ein cleverer Verleger. Was sie miteinander teilen, ist ihre Faszination für Nordafrika und eine Geschäftsidee: eine Galerie mit orientalischen Kunstdrucken und Postkarten. Mit schwerer Holzkamera, noch schwereren 18 mal 24 cm grossen Glasplatten und mit Dromedaren als Lasttieren zieht Lehnert zwischen 1904 und 1930 auf mehreren Reisen durch Algerien, Ägypten und Palästina und bannt den orientalischen Geist wie kein anderer auf Papier. Lehnert lässt den Orient auf seinen SchwarzWeiss-Fotografien authentisch aussehen, bedient aber gleichzeitig auch westliche Idealvorstellungen des Orients. Ganz bewusst inszeniert er das Orientbild, nach dem in Europa so grosse Nachfrage besteht, indem er beispielsweise Dutzende Berbermädchen für ein kleines Entgelt zu Porträt- und Aktaufnahmen überredet – mal mit Schleier, mal ohne, mal oben ohne, mal ganz ohne. Derweil kümmert sich Landrock um das Geschäftliche im Laden: Von ihrem Grosshandelsgeschäft in Tunis und ab Oktober 1924 im Herzen Kairos beliefert das Duo Europa mit Kunstdrucken und verkauft Post- und Grusskarten, die europäische Touristen, Soldaten oder Auswanderer in die Heimat schicken. Neben Landschaftsszenen, Bildern der Ausgrabungen der Sphinx oder des Zeppelins über Kairo findet man auf den Drucken und Postkarten auch immer wieder zarte Knaben, sinnlich in die Kamera blickende, verschleierte Frauen oder verführerisch lächelnde, blutjunge, blankbusige Berbermädchen. Das Geschäft floriert und Lehnert & Landrock entwickeln sich zu den wichtigsten Lieferanten des orientalisch inspirierten, lukrativen Erotikmarktes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Geschäftstüchtig reproduzieren sie mit ihren Motiven die herrschende Vorstellung des erotischen Orients, der damals in den Köpfen herumspukte – und der sich dort noch erstaunlich lange hielt.

Welt im Umbruch

1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Das vermeintlich deutsche Geschäft von Lehnert & Landrock in Kairo droht konfisziert zu werden. Landrock überträgt es daher seinem Schweizer Stiefsohn Kurt Lambelet. Die meisten Fotoglasplatten verschwinden bei Kriegsbeginn in einem Lagerraum des zur Buchhandlung umfunktionierten Geschäfts. Die Buchhandlung hält sich in den 50er-Jahren mühselig mit deut-


sie irritierend. Denn während die Fotoplatten in Kairo im Keller verstaubten, ist auf der Welt viel geschehen. Mit der Dekolonisation ging auch der Traum vom malerischen Orient in die Brüche. Die ehemaligen Kolonien haben sich zu arabischen Nationalstaaten entwickelt, eigenständige Systeme aufgebaut und ihre eigene Identität entwickelt. Für europäische Definitionen, Projektionen und Wunschvorstellungen des Orients bleibt da kein Platz mehr. Gleichzeitig fand auch in Europa ein Paradigmenwechsel statt. Man beschäftigt sich heute nicht mehr so sehr mit dem Orient als Projektionsfläche für erotische Fantasien – nackte Haut sehen wir in Europa dieser Tage schliesslich mehr als genug –, sondern betrachtet die arabische Welt vor allem durch eine Religionsbrille: Nicht der Orient, sondern der Islam bewegt heute die Gemüter. Und mit ihm auch – einmal mehr – die verschleierte Frau.

Vom Schleier zum Tschador

Der erotische Drang, den Schleier zu heben, ist dem Interesse an der riesigen Distanz zwischen dem Westen und der ‹islamischen Welt› gewichen, die der Schleier heute für viele symbolisiert. Parallelen gibt es dennoch. Einmal mehr dient das Bild der verschleierten Frau als Symbol für eine viel weiter gefasste politische, religiöse und soziale Ordnung, die eben vor allen Dingen nicht die unsrige ist. Klischeehafte Bilder verschleierter Frauen sollen häufig die Unterdrückung in muslimischen Ländern illustrieren und werden der ‹freiheitlichen westlichen Gesellschaft› gegenübergestellt. Mit Vorliebe werden dabei Bilder verwendet, welche die extremsten und bizarrsten Formen des Schleiers darstellen. So werden beispielsweise Fotos von gespenstischen Gestalten im schwarzen Tschador oder in dunkelblauer Burka in den Kontext westlicher Islamdebatten, des nationalen Minarettverbots oder des Wahlkampfs der SVP gestellt. Die Botschaft, die das Stück Stoff in diesem Zusammenhang übermitteln soll, ist unmissverständlich: Das islamische Kopftuch soll symbolisch die Bedrohung westlicher Werte durch Fundamentalismus und Terrorismus darstellen. Tunisie, 1904–1914 (© Lehnert & Landrock, Le Caire / Courtesy Musée de l’Elysée)

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schen und englischen Büchern und BurdaSchnittmustern über Wasser. Erst im Jahr 1982 entdeckt Kurt Lambelets Sohn Edouard die verborgenen Schätze der Familie wieder, als er das Lager aufräumen will: Hunderte von historischen, verstaubten Fotoplatten von Lehnert kommen dabei ans Tageslicht, viele mit Rissen, manche zerbrochen. Lambelet rettet, was zu retten ist, beginnt die Platten zu reinigen, zu sortieren, zu katalogisieren. Mit Hilfe eines alten Labors werden die ersten Aufnahmen entwickelt und gedruckt. Heute sind die Lehnert & Landrock-Fotografien begehrte Sammlerstücke. Für ein Aktbild blättern Liebhaber schon mal an die 80 000 Dollar hin. Die Fotos der sinnlich in die Kamera blickenden, blankbusigen Frauen mit Schleier üben auch heute noch einen bemerkenswerten Reiz auf den Betrachter aus. Gleichzeitig wirken 36

Orient vs. Islam

Trotz allem hat sich der ‹Orient› hartnäckig in den Köpfen gehalten, nur scheint er heute etwas Märchenhaftes, schon fast Unwirkliches zu sein. Im Rahmen einer Studie befragte die Sozialwissenschaftlerin Iman Attia junge Erwachsene mit deutschen Wurzeln zu ihren Bildern und Erfahrungen im Zusammenhang mit ‹Orient› und ‹Islam›. Orient, das sind für die Befragten die ‹Geschichten aus 1001 Nacht›, ‹Ali Baba und die vierzig Räuber›, ‹Der kleine Muck›, ‹Aladin und die Wunderlampe› oder Lawrence von Arabien. Es sind die Geschichten von Karl May, Bauchtanz, Wasserpfeife oder sogar die bezaubernde Jeannie aus der Fernsehserie. Der Orient erscheint somit als ein Konstrukt aus erdichteten Geschichten und Märchen, als eine Fiktion, die sich selbst gern als Realität ausgibt. Eine Realität, an die aber höchstens noch die Kinder glauben. Die Befragten betonten über-


einstimmend, dass ‹die schönen Bilder und die guten Erfahrungen mit dem Islam nichts zu tun haben›. Denn im Gegensatz zum Orient wird der Islam sehr wohl als eine Realität, ja als eine ‹reale Bedrohung› für den Westen wahrgenommen. Der Schleier der Frauen, Symbol für Erotik und freie Sexualität im orientalistischen Bild, wird zum Inbegriff von weiblicher Unterdrückung und von religiösem Fanatismus. Die orientalische Frau fasziniert in ihrer Fremdheit und Andersartigkeit, die Muslimin wirkt genau darin bedrohlich. Doch hat das Islambild, das wir uns in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben und das gern anhand der ‹Frau im Tschador› versinnbildlicht wird, tatsächlich so viel mit der Realität zu tun? Oder ist es nicht auch, genauso wie unser Orientbild, in erster Linie eine Konstruktion des ‹Anderen›, die der Westen sich schuf, um sich ein kontrastierendes Bild seiner selbst zurechtzulegen? In diesen Tagen ist die arabische Welt erneut im Umbruch. Der Ruf nach einem neuen politischen System, nach Demokratie verbreitet sich wie ein Strohfeuer in der Region. Im Westen schauten wir staunend zu, wie Millionen von Menschen auf die Strasse gingen. Menschen, die eigentlich gar nicht ‹arabisch› aussehen. Es sind entspannte junge Leute, die sich über Facebook und Twitter organisieren und von Partizipation, Demokratie, Emanzipation und Freiheit sprechen, nicht von Allah, Heiligem Krieg oder

Die orientalische Frau fasziniert in ihrer Fremdheit und Andersartigkeit, die Muslimin wirkt genau darin bedrohlich.

Tunise, 1904–1914. (© Lehnert & Landrock, Le Caire / Courtesy Musée de l’Elysée)

Nicht der Orient, sondern der Islam bewegt heute die Gemüter. Und mit ihm auch – einmal mehr – die verschleierte Frau. gar vom westlichen Satan. Statt Vollbärten tragen sie Hemden und T-Shirts. Die Frauen tragen keine Burkas, sind zum Teil nicht einmal verschleiert. Sie sehen aus wie wir und sie kämpfen für Werte, die eigentlich auch die unseren sind. Einmal mehr beginnt unser Gegenüber, sich selbst zu definieren und für sich selbst zu sprechen – und dadurch auch die vertrauten Bilder, welche wir von ihm hatten, in Frage zu stellen.

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wortlaut das 10 minuten interview

Anja Rubik: ‹Man muss sich über seine Stärken im Klaren sein.› Interview kinki magazin: Du bist auf Platz 3 der begehrtesten Models, wurdest von den besten Fotografen der Welt für die renommiertesten Titelblätter und Kampagnen geshootet – was ist dein persönliches Karrierehighlight? Anja Rubik: Ganz klar meine Teilnahme an der Tom Ford Fashionshow in der letzten Saison! Welche Eigenschaften und Voraussetzungen muss ein internationales Topmodel heutzutage besitzen? Als Model braucht man definitiv seinen eigenen Stil, etwas Besonderes, das andere nicht haben. Man muss sich über seine Stärken im Klaren sein und sich auf seine Qualitäten besinnen. Und natürlich das lieben, was man tut.

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ew York City zur RushHour: Passanten bleiben unvermittelt stehen, drehen sich um und schauen. Die gelben Cabs fahren mittlerweile im Schritttempo und bringen den Berufsverkehr im Big Apple fast zum Erliegen. Selbst hartgesottene Cops blicken grinsend von ihrem To-Go-Kaffee auf. Uptown-Manhattan im Ausnahmezustand, und das nur wegen zwei Menschen im Rausch der Sinne: Ein Liebespaar steht knutschend in inniger Umarmung mitten auf der Strasse, scheinbar völlig unbeeindruckt vom turbulenten, von ihnen selbst verursachten Verkehrschaos ringsherum, während das Daily Business eine kleine Zwangspause

kinki wortlaut

Was ist der Preis des Ruhms? Es war nicht einfach, mich dahin zu kämpfen, wo ich heute bin. Anders als bei so manchem Mädchen im Fashion-Business kam mein Erfolg nicht über Nacht. Ich musste hart für den Erfolg arbeiten und sehr geduldig sein. Nichtsdestotrotz war und ist es jeden Moment wert. einlegt. Szenen aus der aktuellen Werbekampagne für Donna Karans gerade relaunchten Duftklassiker ‹DKNY Woman›, für die die internationalen Top Models Anja Rubik und ihr Verlobter Sasha Knezevic das sexy Protagonisten-Pärchen geben. Genau wie im echten Leben also. Wenn sie sich nicht gerade von Karl Lagerfeld für den renommierten Pirelli-Kalender fotografieren lässt oder für Victoria’s Secret über den Runway schwebt, und er für Dolce & Gabbana oder Gap von Magazincovern und Riesenbillboards herabblickt. Mittlerweile fliesst der Verkehr wieder reibungslos, Anja Rubik darf sich kurz entspannen. Und Fragen beantworten.

Wie war es, während der DKNYKampagne mit deinem Verlobten zusammenzuarbeiten? Es hat eine Menge Spass gemacht und sich überhaupt nicht wie Arbeit angefühlt. Ganz im Gegenteil. Es war ziemlich angenehm. Wir durften den ganzen Tag miteinander flirten und uns küssen ... Ich denke, wir verleihen dem Spot echte, ungekünstelte Sinnlichkeit. Wie schwer fällt es, Job und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, wenn ihre beide andauernd von Location zu Location um die Welt jettet? Natürlich ist es schon eine grosse Herausforderung, doch wir 38

bekommen es hin! Wir sind eigentlich nie länger als maximal zwei Wochen voneinander getrennt. Falls einer von uns ein längeres Engagement hat, besuchen wir uns gegenseitig auf den Sets. Wie entspannst du dich? Scuba-Diving, Filme, Reisen und Malerei. Und natürlich hilft mir meine Familie dabei, runterzukommen und abzuschalten. Du sagst, du interessierst dich für Malerei. Kannst du mir ein bisschen mehr darüber erzählen? Ich liebe Kunst. Die Malerei ist mein liebster Fluchtweg aus der Realität. Ich zeichne hauptsächlich Porträts mit Pastellstiften oder Ölfarbe. Welche Kunstrichtung gefällt dir denn am besten? Der Impressionismus – obwohl ich für Goya eine Ausnahme mache. Interview: Thomas Clausen Foto: DKNY


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Shirt: Maison Martin Margiela Jacket: Cheap Monday Pants: Comme des Garçons Socks: American Apparel Shoes: Army vintage

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Jacket: Stylist’s own

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Shirt: Jil Sander Jacket: Vintage Shorts: Wood Wood Socks: American Apparel Shoes: Creepers

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Jacket: Comme des Garçons Short: Cheap Monday

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Top: Helmut Lang vintage Pants: Acne Necklace: Weekday Sweater: Strenesse Blue Jacket: Wood Wood Pants: Acne

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Shirt: Bless Pants: Armani Jeans Necklace: Sabrina Dehoff

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Shirt: Maison Martin Margiela Pants: Acne Boots: Hussein Chalayan

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Shirt: Comme des Garçons Vest: Vintage Short: Cheap Monday Socks: American Apparel Shoes: Creepers

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Sweater: Strenesse Blue Jacket: Wood Wood Pants: Acne Photography: Jonas Lindström, jlindstroem.com Styling: Alessandra Coico @ Perfectprops Berlin Model: Johannes S. @ Tomorrow is another Day

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Kofferfreunde Irgendwer da draussen hat auf seiner Reise seinen Koffer verloren. Einen weissen und ziemlich abgenutzten Hartschalen-Trolley, den ich gestern bei einer Fundsachenauktion ersteigert habe. Was sich in ihm befindet, weiss ich nicht. Noch nicht. Text und Fotos: Peter Rösch

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n diesem Moment blicke ich ihn gerade an, diesen Koffer. Er steht neben meinem Schreibtisch in ständiger Sichtweite. Wenn er sprechen könnte, würde er mir eine lange Geschichte erzählen. Aber vielleicht muss ich ihn auch nur öffnen, um diese Geschichte zu erfahren. Gestrigen Samstag habe ich den Koffer bei einer Fundsachenauktion ersteigert. Dazu musste ich mich in den Zug setzen und in ein kleines Nest in der deutschen Provinz fahren, das etwa eine Stunde von Frankfurt entfernt liegt. Als der Zug in Cölbe hielt, ‹im Herzen der Europäischen Union›, wie der Bürgermeister auf der Homepage schreibt, war ich der einzige, der ausstieg. Zum Glück fand ich das Cölber Gemeindehaus recht bald, denn auf dem 15-minütigen Weg dorthin begegnete mir keine Menschenseele.

Zum zweiten, zum dritten, verkauft

Bei der Auktion angekommen, besorgte ich mir ein Bieterschild, worunter ich mir mehr als nur ein foliiertes gelbes DINA4-Blatt mit einer Nummer drauf vorgestellt hatte. Obgleich ich ziemlich pünktlich eintraf, war der Saal rappelvoll und ich musste mich in die letzte Reihe verkriechen. Ein gemischtes Publikum von vielleicht hundert Leuten hatte sich hier versammelt. Als ich die Reihen so studierte, fiel mir die Ähnlichkeit auf zwischen den Anwesenden und den Menschen, die man immer auf Flohmärkten sieht. Alle blickten wir nach vorne, wo sich auf der Tribüne ein riesiger Berg aus Koffern, Taschen, Rucksäcken, Kartons und Trolleys auftürmte. Hier, wo sonst wohl eher der örtliche Gesangsverein auftritt, stand nun die Auktionatorin an einem Pult. Das kleine Holzhämmerchen in ihrer Hand verlieh ihr richterliche Würde. Über ihr prangte an der Wand das Cölber Wappen, das seltsamerweise sechs auf dem Kopf stehende Herzen zieren. Nach einigen Erklärungen – unter anderem, dass die Auktionsgegenstände vom Flughafen Frankfurt und von der Lufthansa öffentlich versteigert werden, nachdem der ursprüngliche kinki report

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Besitzer auch nach intensivem Suchen innerhalb von drei Monaten nicht ausfindig gemacht werden konnte – ging es auch schon los. Zwei Assistentinnen hievten einen roten Hartschalenkoffer auf einen Tisch. Mindestgebot 40 Euro. Es blitzte das erste Bieterschild auf: ‹40 Euro sind geboten.› Weitere folgten: ‹42 Euro, 45 Euro, 50 Euro.› Bis sich schliesslich die Reihen lichteten und die Auktionatorin den Hammer schwang und verkündete: ‹110 Euro zum ersten, 110 Euro zum zweiten, 110 Euro zum dritten. Verkauft an den Bieter mit der Nummer 12.› Zusätzlich zu den Gepäckstücken wurden alle sonst nur erdenklichen Dinge versteigert, die einem auf der Reise abhanden kommen können: Teddybären, Mobiltelefone, immer wieder Regenschirme, Krücken, Schlafsäcke, iPods, Wandkarten von der Mongolei oder dem Pazifischen Ozean, Notebooks, Klappfahrräder, Gehstöcke, Digicams, Sonnenschirme, japanische Wandfächer, Gitarren, Tennisschläger und und und.

nutzlos ist. Zum Beispiel einen dunkelroten Miniaturelefanten aus Kunststoff, der seinen Rüssel in die Luft streckt. Oder eine Jahre alte vertrocknete Kastanie. Oder einen ganz gewöhnlichen kleinen Stein. Das sind Dinge aus meinem Besitz,

Was wird in dem Koffer sein? Was werden die Socken über ihren Träger oder ihre Trägerin aussagen? Was für eine Zahnpasta wird im Kulturbeutel stecken?

Die Suche nach dem Richtigen

Bald zeigten sich die Cracks unter den Bietern. Sie erwarben mehrere Koffer, wahrscheinlich um sie später profitreich auszuschlachten und den Inhalt im Internet zu verscherbeln. Um ein Schnäppchen zu machen, war ich allerdings nicht hier. Im Gegenteil, es würde mich sogar verletzen, wenn ich durch den grau-weissen Hartschalen-Trolley, zu dem ich während des Schreibens dieser Zeilen immer wieder hinüberschiele, irgendeinen Gewinn erzielen sollte. Das wäre nämlich so, als würde ich meinen Kofferfreund übers Ohr hauen. Denn genau darum geht es mir, um eine Kofferfreundschaft. Wie könnte ich einen wildfremden Menschen besser kennenlernen als über die intimen Siebensachen, die er auf Reisen mitnimmt? Zeige mir deinen Koffer und ich sage dir, wer du bist. Oder so ähnlich. Bei der Auswahl des Koffers war ich dementsprechend wählerisch. Bei einem lila Gepäckstück mit rosa Herzen schwankte ich nur kurz, bevor ich das Schild unten liess. Der Erwerb schien mir irgendwie anzüglich. Auch ein edler schwarzer Mafiakoffer reizte mich nur

Wie könnte ich einen wildfremden Menschen besser kennenlernen als über die intimen Siebensachen, die er auf Reisen mitnimmt? Zeige mir deinen Koffer und ich sage dir, wer du bist. Oder so ähnlich. einen Augenblick lang. Nicht mein Typ. Bei einem dunkelgrünen und teilweise ledernen Vintagekoffer bot ich kurzzeitig mit, war dann aber froh, als er an eine junge blonde Frau ging. Zu bohème für mich. Zugegeben, es war nicht Liebe auf den ersten Blick, als nach zweieinhalb Stunden der doch etwas heruntergekommene

graue Trolley für 68 Euro in meinen Besitz überging. Dennoch passt er, denke ich, ganz gut zu mir. Wenn ich jetzt zu ihm hinüberblicke, erscheint er mir sogar wie eine Art Selbstbildnis von mir. Ich habe ihn, wie gesagt, noch nicht aufgemacht. Es hätte mir nur die ganze Fantasie geraubt. Ausserdem hat er ein Zahlenschloss, das ich wohl mit einer Zange knacken werden muss. An der Seite befindet sich ein blauer Aufkleber in teils arabischer, teils englischer Schrift: ‹Airport Security / Abu Dhabi International Airport›. Vielleicht werde ich drinnen einen Kaftan finden. Welche Grösse werden die Kleidungsstücke wohl haben? Ich tippe irgendwie auf einen dicken Mann mit XXL-Boxershorts. Oder vielleicht doch eher Slips?

Geheimes Innenleben

Die Marke des Gepäckstücks heisst ITP, ein chinesischer No-Name-Brand, erfahre ich im Internet. Ob die Kleidung im Inneren wohl nach einem ähnlichen Prinzip ausgesucht sein wird wie der ITP-Trolley? Wahrscheinlich ist mein Kofferfreund kein reicher Mann. Andererseits deuten die vielen Gebrauchsspuren auf einen Vielreiser hin. Ein Geschäftsmann ohne Sinn für Ästhetik, dem es nur um die funktionalen Qualitäten seines Gepäckstücks ging? Warum dann aber gerade die so sensible Farbe Weiss? Klingt nach jemandem, der beides will: das Günstige wie das Besondere. Jemand, der sich seine Armut nie eingestehen würde. Auch modisch nicht. Wer weiss, vielleicht liegt den Kleidungsstücken im Inneren ja ein Gürtel oben auf, auf dessen Schnalle in grossen Lettern irgendeine famose Marke prangt. Möglich wäre es. Wobei der Koffer eigentlich auch zu einer Frau passen könnte. Eher eine nicht besonders hübsche Frau, würde ich vermuten. Ich hoffe, dass ich etwas ganz Persönliches in dem Koffer finden werde, das gleichzeitig völlig 51

die ich meinem Kofferfreund von mir senden würde. In einer billigen Reisetasche mit der Aufschrift ‹Bahama Fishing Charters› und einem Anker drauf. Zusammen mit ein paar schlichten, überwiegend dunkelblauen Klamotten in der Grösse ‹Small›. Und mit einem Necessaire voller Sensitive-Hygieneartikel: Sensitive-Rasierschaum, Sensitive-Deo, Sensitive-Hautcreme, Sensitive-Zahnbürste und Sensodyne-Zahncreme. Meine Tasche wäre sehr leicht und unscheinbar, niemand würde viel dafür bieten. Ich werde den Koffer jetzt öffnen. Welcher Duft wird mir entgegenströmen? Wird er ordentlich oder chaotisch gepackt sein? Was wird drinnen sein? Was werden die Socken über ihren Träger oder ihre Trägerin aussagen? Was für eine Zahnpasta wird im Kulturbeutel stecken? Vielleicht eine mir völlig unbekannte arabische Marke? Das alles wird mein Geheimnis bleiben. Meine Freunde können mir schliesslich vertrauen.


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Travaux

Choisis 53


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The Dark Side

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Wie ikonische Statuen der Popkultur thronen die Werke des irischen Künstlers Kevin Francis Gray in zeitgenössischen Kunstgalerien. Visuell verbinden die Skulpturen antike Bildhauerei mit urbaner, zeitgenössischer Ästhetik. Die dargestellten Gestalten aus der Subkultur und dem Untergrund umgibt ein epischer Glanz. Hinter dieser Oberfläche verbirgt sich jedoch eine tiefere dunkle Seite. Text und Interview: Florence Ritter

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ie ehrwürdige Erscheinung des Kunsthandwerks und die makellose Beschaffenheit der prächtigen Statuen überschatten als erster glanzvoller Eindruck alle anderen Beobachtungen – so auch die wahre Natur der Figuren. Die Nähe zu römischen und griechischen Statuen von Göttern, Heiligen und Heroen ist augenscheinlich, besonders die neueren Marmorskulpturen weisen vornehm auf diese Anleihen hin. Doch auch die Plastiken aus Giessharz oder Bronze bewirken mit glatt polierten, matten oder glänzenden Oberflächen in Jeff Koons-Ästhetik diesen würdevollen Eindruck. Alle Materialien tragen die fliessenden Körperkonturen und die raffiniert ausgeprägten Details meisterlich zur Schau. Klassische Formen entdeckt man auch in den häufig dargestellten Schleiern, die aufwendige Falten werfen − ähnlich wie die römischen Togen. Diese Referenz ist aber ebenso das zeitgenössische Merkmal Grays. Die fragil ausformulierten Schleier bedecken nämlich Haupt und teilweise den Körper der Akteure und berauben sie ihrer Identität.

Arme der Skulpturen ‹Ghost Boy› und ‹Ghost Girl› oder die durch den Schleier erahnbaren Skelettkörper von ‹Kids on a Tomb› entblössen die Zerbrechlichkeit und werfen die Relation der dargestellten Jungendlichen zu Selbstzerstörung und Tod in den Raum. In diesem Sinne vereinen Grays Arbeiten auf den zweiten Blick zahlreiche Oppositionen: Klassisches Handwerk trifft auf zeitgenössische, urbane Inhalte, dem Personen- und Götterkult der Antike wird mit verschleierter Anonymität begegnet. Diese erinnert wiederum an die griechische Tragödie. Statt der Masken verbergen Grays moderne, tragische Figuren ihre Gesichter jedoch hinter Schleiern. Die Statuen glänzen durch makellose Schönheit und Perfektion. Ihre Körperhaltung sowie subtile, fein ausgearbeitete Details zeigen jedoch − wie Wunden der Seele − die Risse der Fassade auf. Im Gespräch stand uns der in London lebende Kevin Francis Gray Rede und Antwort zu seinen Werken und Ansichten und zur dunklen Seite seiner Skulpturen.

Weight on the shoulders

Ist das Gesicht einer Skulptur als möglicher Spiegel der Seele verdeckt, eröffnen sich dem Betrachter andere visuelle Aspekte. Abgesehen von der Anonymisierung dient der Schleier auch als Projektionsfläche oder als Mystifizierung der Figur und unterstützt nebenbei die Körpersprache. Dabei fällt die von den heroischen Vorbildern der Antike abfallende Haltung der Figuren auf. Statt mit ausgestelltem Torso und erhobenem Blick stehen die Statuen meditativ, in sich gekehrt oder gefallen da, den Blick zu Boden gerichtet, als würde eine schwere Last auf ihre Schultern drücken. Statt Stolz schwingen Demut, Unbehagen oder eben der Wunsch, nicht erkannt zu werden, in der Luft. Eine weitere genauso um- wie enthüllende Eigenschaft übernimmt die Bekleidung der Figuren. Sie besteht aus moderner Streetwear − Sneakers, breite Hosen, kurze Röcke, High Heels und Kapuzenpullover − und gibt Indizien zur städtischen Herkunft, zum jugendlichen Alter und zur Angehörigkeit zu subkulturellen Strömungen. Erst die feinen Details wie die aufgeritzten, hinter dem Rücken versteckten

Interview kinki magazin: Wann und warum sind Skulpturen ins Zentrum deines Schaffens gerückt? Kevin Francis Gray: Ich habe einen Bachelor im Bereich Malerei und einen Master im Bereich Video gemacht. Als ich meine Videos drehte, arbeitete ich mit Menschen, und merkte, dass ich mehr im Drei- als im Zweidimensionalen dachte. Deshalb habe ich ein Studium zum Goldschmied angehängt. Ich empfinde Skulpturen als grössere Herausforderung als Gemälde, sie sind grundlegend und konzeptuell komplexer. Was entspricht dir mehr: ein Künstler oder ein Handwerker zu sein? Und wie viel realisierst du selbst? Ich bin Künstler, ich realisiere sehr wenige meiner Skulpturen selbst. Die Marmorskulpturen werden in einem Marmorstudio in Italien gefertigt. In London arbeite ich mit drei oder vier Assistenten – alle Experten in Anatomie und Figur. Sie helfen mir mit den Figuren. Meistens arbeite ich sie dann auf und stelle sie fertig. Wenn ich die ganze Arbeit selber machen würde, könnte ich wohl nur ein bis zwei Stücke im Jahr produzieren. Welche Personen stehen hinter deinen Statuen? Das sind normalerweise Personen, die ein spannendes, schweres oder kompliziertes Leben haben oder hatten. Es sind Leute, denen ich in der Öffentlichkeit, zum Beispiel auf der Strasse, begegne. Sie kommen dann in mein Studio und erzählen mir ihre Geschichte, während ich sie abbilde. Oft wird die erste Form live oder von einem Foto aus Ton geformt. Die Idee ist es, diese Person in einer klassischen, göttlichen Weise darzustellen. Wenn man aber die Details der Skulpturen anschaut, sieht man, dass es ziemlich dunkle Charaktere sind. Wie wählst du die unterschiedlichen Materialien wie Harz, Holz, Marmor oder Leder für deine Statuen aus und wie ändert das Material den Charakter der Skulptur? Ich wähle es nicht aus, das Stück bestimmt für mich, aus welchem Material es gemacht

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‹Innerhalb der Skulptur ist das Porträt ein interessanter und anspruchsvoller Strang.›

werden wird. Wenn ich eine Figur mache, dann sehe ich fast augenblicklich, ob es ein Marmor- oder ein Bronzestück wird. Die Figur diktiert es. Warum haben deine Skulpturen keine Gesichter? Bei meiner neuesten Arbeit geht alles um Porträts. In der Vergangenheit wollten die Leute, die für mich modelten aufgrund ihrer Situation – oft waren es Junkies und Cracksüchtige – ihr Gesicht nicht zeigen. Daher kam die Idee des Schleiers, hinter dem die Ge-sichter sich verstecken. Derzeit konzentriere ich mich ganz aufs Porträtieren. Innerhalb der Skulptur ist das Porträt ein interessanter und anspruchsvoller Strang. Und wen stellen die neuen Porträts dar? Ich habe erst ungefähr drei Stücke begonnen, unter anderem eine Ballerinastatue, weil ich Degas schon immer mochte. Die Ballettstudie ist gerade fertig geworden und wird in meiner Show in Brasilien gezeigt werden.

59 ‹Face-off› (2007) Bronze, automotive Paint, Wood

Was für Subkulturen, Bücher oder Filme haben dich als Jugendlicher beeinflusst? Ich war immer interessiert an dem, was ich ‹Gothic Culture› nennen würde. Ich mochte Gothic-Musik und Black Metal als ich sehr jung war. Ich weiss nicht, ob es eine Subkultur ist, aber ich mochte immer Dinge aus diesem Bereich. Filme oder Bücher haben mich nie direkt beeinflusst. Es war mehr Musik oder eigentlich Kunst und Malerei. Tiziano Vecelli ist einer meiner Lieblingsmaler, ich interessiere mich sehr für sein Werk, oder der Bildhauer Giuseppe Sammartino, ebenso viele der italienischen Rennaissance-Bildhauer.

60 Oben links: ‹Ghost Boy› (2008) Carrara Marble, Glass Crystal Beads

Woher kommt das Dunkle oder Düstere, das deinen Skulpturen innewohnt? Denkst du, sie sind unheimlich oder böse?

58 ‹Mickey› (2011) Resin, 24 cct Gold Chain, Black Oak Plinth

Oben rechts und unten: ‹Ghost Boy› (2007) Fiberglass Resin, Glass Crystal Beads, Wood kinki kunst

Ich finde, dass oft etwas Bedrückendes, Dunkles oder auch mal Trauriges mitschwingt. Ich mag die Figuren sehr, das ist nichts Negatives, aber es ist einfach da. 60

Du erfasst das wahrscheinlich richtig. Gewöhnlich denke ich, dass man als Künstler Arbeiten schafft, die reflektieren, wer man ist und wie man fühlt. Wenn du also denkst, es ist schwarz, düster und traurig, dann stimmt das wohl für dich. Ich denke, wir haben alle eine dunkle Seite, hinter der wir uns verstecken. Der Schleier symbolisiert, dass da noch etwas dahinter steht. Mich interessiert, was unter der Oberfläche liegt. Wenn du also meine Werke betrachtest, sind sie glänzend, wohl geformt und perfekt auf der Oberfläche. Wenn man aber etwas tiefer schaut, sind sie vielleicht etwas düsterer und bedrohlicher. Metaphorisch betrachtet operieren wir alle mit einem Schleier. Entsprechen deine Figuren deiner Sicht auf die Gesellschaft oder beinhalten sie eine sozialkritische Beobachtung? Nein, tut mir leid. Ich weiss, dass du gerne hättest, wenn ich Ja sage und ganz viele Dinge erzähle, aber so ist es nicht (lacht). Weitere Info findest du unter kevinfrancisgray.com.


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Zukunftspläne und Memoiren Auf wilde Tiere treffen, fremde Länder bereisen, exotische Speisen zubereiten: Fragt man die schwedische Musikerin Britta Persson nach ihren Zukunftsplänen, kommt einiges an Wünschen und Träumen zusammen. Ihren grössten Wunsch – Musikerin zu werden – hat sie sich bereits erfüllt. Text und Interview: Martina Messerli, Foto: Märta Tishner

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ie sei 29, lebe in Stockholm und habe soeben ihr drittes Album veröffentlicht, das ihr bei weitem gelungstes sei, antwortet Britta Persson auf meine Bitte, sich kurz vorzustellen. Und ebenso selbstbewusst und dennoch charmant zurückhaltend gibt sich die schwedische Singer / Songwriterin während des ganzen Interviews. Sie nimmt dabei in Kauf, wie ‹eine frischgebackene Mutter oder ein Bandmitglied von Oasis zu klingen›, wenn sie mit ähnlich stolzgeschwellter Brust ihr ‹Baby› vorstellt. Tatsächlich gibt ihr neues Album keinen Anlass für Zurückhaltung. ‹Current Affair Medium Rare› erschien Anfang des Jahres und ist das erste Album, das Britta Persson unter professionellen Bedingungen aufgenommen hat. Zuvor schlug sich die Do-It-Yourself-Musikerin in Eigenregie durchs Leben. Ursprünglich als Background-

‹Meine Familie hätte es schon gerne gesehen, wenn ich was ‹‹Anständiges›› gelernt hätte.› sängerin unterwegs mit Kristofer Åström, verkaufte sie zu Beginn ihrer Karriere selbstgebrannte Demos übers Internet. Im Jahr 2006 erfolgte dann der Durchbruch mit dem Album ‹Top Quality Bones and a Little Terrorist›, dem noch deutlich anzuhören war, dass es im eigenen Wohnzimmer entstanden war. Die mittelmässige Tonqualität tat dem Charme, den die junge Schwedin versprühte, jedoch keinen Abbruch. ‹Current Affair Medium Rare› klingt eingängig, gereifter und vielfältiger als seine Vorgänger. Britta Persson konzentrierte sich vermehrt aufs Songwriting und die Arrangements der einzelnen Songs. Doch das Album spiegelt auch die schwierigen Zeiten wider, in denen es entstankinki musik

den ist. Britta erzählt im Interview vom Warten auf einen Plattenvertrag, der Unsicherheit, ob es dieses Mal mit der finanziellen Unterstützung klappen würde und dem Gefühl der Isoliertheit. Dennoch ist die Musik weit davon entfernt, melancholisch auf die Tränendrüse zu drücken − im Gegenteil. Das Album ist weitaus poppiger und tanzbarer ausgefallen als die beiden Vorgänger. Die lebensfrohe und eigenwillige Musik trotzt den teilweise nachdenklichen Texten, die voller Wortwitz und Erzählfreude sind. Im Interview lernten wir die sympathische junge Frau besser kennen.

Interview kinki magazin: Angenommen, du würdest jetzt schon deine Memoiren verfassen, mit welcher Anekdote würden sie beginnen? Britta Persson: Mit der Geschichte, wie es überhaupt dazu kam, dass ich mit dem Songwriting begann − damit würde ich beginnen. Ich war als Backgroundsängerin mit dem schwedischen Musiker Kristofer Åström auf Tour. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, auch als sein Support-Act aufzutreten. Ich fand das eine lustige Idee und sagte zu, aber nicht ohne anzumerken, dass ich noch keine eigenen Songs hätte. Also fragte ich ihn, ob wir noch zwei, drei Monate damit warten könnten, und begann, Songs zu schreiben. Ich musste ja ... Arbeitest du noch immer mit Kristofer Åström zusammen? Nein, ich habe meine ersten Alben mit Kristofer gemacht und einige Songs auf seinen früheren Platten gesungen. Ich finde Austausch in meinem Umfeld sehr wichtig und möchte daher auch mit den verschiedensten Musikern zusammenarbeiten. Mit Kristofer werde ich in Zukunft sicher mal wieder etwas machen. 62

Welches Kapitel deines bisherigen Lebens hat deine Musik bislang am stärksten geprägt oder inspiriert? Das war sicher die Phase, in der das letzte Album entstanden ist. Ich fühlte mich sehr isoliert. Als ich mit dem Album begann, hatte ich noch keinen Plattenvertrag. Ich war ganz alleine und versuchte, so viel wie möglich selbst hinzukriegen, bevor ich andere Musiker ins Studio einlud. Also arbeitete ich fast ein ganzes Jahr lang zu Hause. Das war extrem lehrreich. Zum Beispiel brachte ich mir alles mögliche am Computer bei. Schon verrückt, was du alles zu Hause machen kannst und für wie vieles du gar nicht mehr ins Studio gehen musst. Aber es war nicht immer nur lustig. Obwohl ich die Arrangements und Ideen alle selbst entwickelte, und auch die Demos selbst aufnahm, genoss ich es dann, das Album mit vielen anderen Musikern im Studio einzuspielen. War es immer klar für dich, dass du Musikerin werden wolltest? Als ich ein kleines Mädchen war, wollte ich unbedingt Sängerin werden. Aber als ich dann die Schule beendet hatte, war das für eine Weile keine Option mehr. Also habe ich ein paar andere Sachen ausprobiert, musste aber feststellen, dass ich nicht besonders gut darin war. Woran hast du dich versucht? Ich ging zur Kunstschule, studierte im Bereich Visual Art. Und ich habe mich als Malerin versucht ... Malst du heute noch? Nein! Ich habe mich voll und ganz für die Musik entschieden. Wie stand deine Familie zu deiner Berufswahl? Meine Familie hätte es schon gerne gesehen, wenn ich was ‹Anständiges› gelernt hätte. Aber sie waren gleichzeitig auch immer sehr verständ-


‹Derzeit experimentiere ich mit der asiatischen Küche. Und mit Knödeln.›

nisvoll und liessen mich meinen eigenen Weg gehen. Mittlerweile haben sie sich wohl daran gewöhnt. Gibt es etwas, was du – nebst der Musik – mit ähnlich grosser Leidenschaft verfolgst? Ja, das Kochen. Oder besser gesagt, ich versuche eine bessere Köchin zu werden. Ich bin echt nicht so gut darin, aber es macht mir unheimlich Spass, neue Gerichte auszuprobieren. Derzeit experimentiere ich mit der asiatischen Küche. Und mit Knödeln. In der ersten Single deines neuen Albums singst du die Zeile ‹I want to meet a bear before I die›. Was möchtest du in deinem Leben sonst noch unbedingt machen, bevor du stirbst? Also vielleicht möchte ich nicht wirklich auf einen Bären treffen, da bin ich mir nicht so sicher ... Aber im Song geht es um die Zukunft, was die Zukunft Tolles für uns bereithält. Tatsächlich ist es – wie im Song beschrieben – eines meiner Zukunftsziele, nach Japan zu reisen. Ich finde das Land und seine Kultur extrem spannend und möchte unbedingt einmal dorthin. Natürlich nicht zuletzt auch wegen des Essens. Wir haben über Autobiografien gesprochen. Gibt es inspirierende Persönlichkeiten, deren Memoiren du gelesen hast? Ich bin ein grosser Fan der Band Fleetwood Mac. Die hatten eine Menge Probleme, aber genau das Mysteriöse, das diese Band umgibt, fasziniert mich. Und sie inspirieren mich ungemein. Britta Persson ist derzeit auf Tour durch Deutschland und die Niederlande. Das Album ‹Current Affaire Medium Rare› erschien im Februar bei Razzia Records. Weitere Info findest du unter brittapersson.com.

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Like Bonnie and Clyde

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Bedingungslose Wertschätzung. Damit könnte man die schwer nachvollziehbare Verbindung zwischen den Bandkollegen Jamie Hince und Alison Mosshart von The Kills am besten beschreiben. Sie ergänzen sich in all ihren Facetten und haben dabei eine Menge Spass miteinander. Unsere Autorin Paula Kohlmann durfte fünfzig Minuten lang daran teilhaben. Fotos: Rahel Zoller

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ir sind mit The Kills in einem der teuersten Hotels Londons verabredet und werden in der Vorhalle erst einmal gefragt, ob wir denn Gäste hier seien. Etwas verunsichert klopfen wir wenig später an Zimmertür 125. Die Managerin bittet uns, im Vorraum zu warten, öffnet dann die Tür: Jamie Hince liegt auf der Couch, die Cowboystiefel über die Armlehne geschmissen. ‹kinki magazine›, flüstert sie. Er setzt sich auf, fährt sich durch die Haare und begrüsst uns mit einem leichten Händedruck. Dann zündet er sich eine Zigarette an. Zusammen mit Bandkollegin Alison Mosshart ist er erst seit kurzer Zeit wieder in seiner Heimatstadt London. Sie haben einige Wochen in Michigan verbracht und sich dort in ein kleines Studio namens Keyclub zurückgezogen, um ihr viertes Album aufzunehmen. Den Keyclub in Michigan entdeckte Jamie Hince schon vor vier Jahren, erzählt er

‹Sie war zu laut, hatte zu viel Kraft.› uns. Es sei ein kleines, aber sehr persönliches Studio, eineinhalb Stunden von Chicago entfernt. Keine Pubs, keine Clubs. Die Birne wegblasen kann einem dort nur der orkanartige Sturmwind. ‹Das einzig aufregende dort ist die Landschaft›, nickt Jamie. Er redet langsam und gelassen und dennoch liegt Begeisterung in seiner Stimme. Vor allem wenn er von seiner Kollegin Alison spricht. Dann bäumt sich der ansonsten etwas in sich zusam-

mengesackte Körper auf einmal lebendig auf, seine Arme machen grosse Gesten und seine Augen beginnen zu leuchten. ‹Ihre Stimme hat so viel Power. Sie ist so kraftvoll und dynamisch. Manchmal zu sehr, dann versuche ich ihr Alternativen vorzuschlagen, beruhige sie etwas.› Besonders nachdem sie mit ihrer zweiten Band auf der Bühne stand: ‹Ja, Alisons Stimme war anders, nachdem sie mit Dead Weather getourt hatte. Sie war zu laut, hatte zu viel Kraft. Ich musste sie erst einmal wieder auf unser Level bringen.›

‹Wir sind nur noch Haut und Knochen.›

Während Alison Mosshart mit ihrer harten und rauchigen Stimme Geschichten über letzte Abschiede, Ironie und verpasste Chancen erzählt, ist Jamie für Musik und Produktion verantwortlich. Er weiss dabei sehr genau, was er will, doch das sieht er nicht immer als Vorteil: ‹Ich bin zu perfektionistisch. Bei zwei Alben ist es mir jetzt schon passiert: Wir waren komplett fertig und ich habe gesagt: Das ist nicht gut. Machen wir es noch mal! Dann haben wir das Ganze von vorne aufgenommen.› Doch die Mühe hat sich auch dieses Mal gelohnt: Der Rock’n’Roll dringt unter die Oberfläche. Das Album hat nichts Leichtes oder Verspieltes, nichts Verklärendes oder Aufgesetztes. Es ist pur und rau. ‹Wenn man bei unseren vorherigen Alben gedacht hat, wir ziehen uns aus, zeigen uns nackt, so kann man jetzt sagen: Wir sind nur noch Haut und Knochen.› 65

Die Härte und Rauheit fliesst direkt ins Blut, wie es bereits der Albumtitel ‹Blood Pressures› unterstreicht. Und auch zarte Lieder wie ‹The Last Goodbye›, eines der sinnlichsten Stücke des Albums, zeigen trotz aller Verletzlichkeit immer eine wahnsinnige Intensität. Ist Jamie also der ruhigere, verantwortungsvollere Part und Alison die Wilde in der Band? Sind die beiden sich anziehende Gegensätze und harmonieren gerade deshalb so gut, oder sind sie sich ähnlich? Jamie meint: ‹Wir sind Seelenverwandte. Als wir das Album aufgenommen haben, war Alison im Raum neben mir. Sobald ich eine neue Idee hatte, bin ich rüber zu ihr und meinte: Hey, schau dir mal das an. Dann gibt sie mir harte und ehrliche Kritik. Und wenn sie mit einem neuen Song kommt, bei dem ihr die Hälfte fehlt, weiss ich den zweiten Teil dazu. Wir ergänzen uns perfekt.› Alison, die wir bisher noch nicht gesehen haben, kommt plötzlich ungeschminkt und in weissen Socken ins Zimmer gehuscht, klettert über einen Stuhl und greift nach den Zigaretten auf dem Tisch, ist aber ebenso schnell auch wieder verschwunden.

Die Schnapsdrossel

Dieser Auftritt hat wenig mit der Alison gemein, die man aus Musikvideos oder Bühnenshows kennt. Auch Jamie wirkt weniger selbstbewusst, als man erwarten würde. Er spielt die ganze Zeit an einer Büroklammer herum. Und wenn er nicht über Alison spricht, sondern versucht, sich selber zu beschreiben, tut er sich schwer. ‹Voller Gegensätze›, meint er. ‹Ich bin sehr sozial und gleichzeitig unglaublich asozial, bin sehr leise und dann wieder sehr laut.› Und ein sehr visueller Mensch


sei er ausserdem. Er malt und fotografiert, das Studio in Michigan habe er mit Zeichnungen, Fotografien und Skizzen ausgehängt, erzählt er uns. Als Inspiration. Sein kreativer Drang ist nicht zu übersehen: Auf dem Hotelzimmertisch liegen neben Zigaretten und Magazinen eine Kamera und sieben bis zehn Filmrollen. ‹Ich fotografiere fast nur analog. Neulich habe ich mir eine Digitalkamera gekauft, aber ich mag nicht, dass man die Bilder gleich sieht. Ich liebe den Prozess des Wartens und die Überraschung. Meine besten Fotos sind aus «Unfällen» entstanden. Um sechs kann ich einen entwickelten Film abholen. Ich bin schon ganz aufgeregt.› Da sitzt einem ein echter Rockstar mit verwaschener Jeans und Lederstiefeln gegenüber und erzählt einem, dass er wegen eines Filmes, den er abgegeben hat, aufgeregt ist. Der Satz bleibt hängen. Zeit für unsere Fotos: Alison kommt zum zweiten Mal in den Raum, diesmal trägt sie Make-up und High Heels. Trotzdem kein Vergleich zu ihrem Auftreten auf der Bühne. Die Intensität ihrer Stimme ist kaum zu erkennen, beim Reden fällt die Kraft weniger auf, sie wirkt fast zerbrechlich und zart. Das

‹Sie füllt alle meine Lücken aus. Und das ist sehr hilfreich, denn ich habe einige.› mag allerdings auch daran liegen, dass es ihr heute nicht besonders gut geht: ‹Ich habe den schlimmsten Kater überhaupt. Ich habe ständig das Gefühl, ich muss mich gleich übergeben. Entschuldigt.› Wir haben nichts anderes erwartet, gehört schliesslich zum Image. ‹Sie ist eine Schnapsdrossel›, kommentiert Jamie. Und: ‹Sie kinki musik

kann viel, aber das hat sie alles von mir gelernt.› Und letztendlich: ‹Sie füllt alle meine Lücken aus. Und das ist sehr hilfreich, denn ich hab so einige.› Während er über sie spricht, schiesst Alison mit unserer Analogkamera Bilder von ihm.

Kate Moss bäckt Banoffee Pie

Die Art, wie er sie ansieht, die Art, wie sie ihn durch die Linse betrachtet, ist speziell. Die Intimität, das Verständnis und diese sehr eigene bedingungslose Wertschätzung, die die beiden füreinander zu haben scheinen, das könnte man als Aussenstehender wohl nie einfangen. Jamie hält jetzt die Kamera in der Hand und Alison sucht nach Worten: ‹Er ist unglaublich inspirierend. Er malt wunderschöne Bilder. Und er hat eine einzigartige Art, Gitarre zu spielen›, meint sie. Die beiden haben ihren Spass und scheinen fast zu vergessen, dass wir mit im Raum sind. Automatisch fühlt man sich ausgeschlossen, nicht zugehörig. Man spürt eine viel zu lange, intensive und unzugängliche Verbindung. Die Mann-Frau-Kombination funktioniert einfach immer gut, das haben uns schliesslich schon Bonnie und Clyde vorgemacht. Die Stimmung ist gelassen und intim. So intim, dass Jamie sogar Privates erzählt: ‹Ich hab auch nen Kater›, sagt er, ‹ich hab zu viel Rum getrunken gestern.› Jamaican Night bei seiner Freundin. Sie hat gekocht. Und dann gab es noch Banoffee Pie. ‹Gott, das war das Beste, was ich je gegessen habe.› Und während wir uns noch Kate Moss am Herd vorstellen, packt Jamie langsam seine Filme ein und Alison zieht mit einem rechtfertigenden ‹Schaut nicht so, der ist secondhand!› ihren 66

Leopardenmantel über. Wir waren der letzte Termin für heute. ‹Das war ja unkompliziert›, meint Alison und bedankt sich. Wir uns auch. Dafür, dass wir ein wenig mehr verstehen vom Geheimnis, das jedes Bonnie und ClydePärchen umgibt: Ihre gegenseitige Bewunderung füreinander sticht sofort ins Auge und gleichzeitig lassen sie alle Aussenstehenden mit demselben Gefühl zurück: Ihr wisst doch eh nicht, worum es eigentlich geht … Weitere Info zu The Kills und ihrem aktuellen Album ‹Blood Pressures› findest du unter thekills.tv.


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S Y E K N O M C I T ARCIROQUAI JAM ABIAN KASDY EYERES M W A U O L E L U F D B AL N D*PEN N O O D I T N BRA E NA ORL

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verhör essentielle alben für jede lebenslage

Unser Reviewnator kennt sich aus mit den Stars und Sternchen der Musikszene: Er weiss über Körbchengrössen, Affären und Skandale Bescheid, weiss, wer sich gerade wo was reingepfiffen hat und bei wem sie danach übernachteten. Vor allem aber weiss er, welche Bands diesen Monat die besten Platten aufgenommen haben. Manche Informationen sind eben unbezahlbar. Von der Strasse ins Studio und wieder zurück

Rob Longstaff – Boogaloo Platten wie ‹Boogaloo› des Australiers Rob Longstaff sind rar gesät. Der Grund liegt in einer radikalen Verweigerung sämtlicher technischer Hilfsmittel, die die moderne Musikproduktion mittlerweile anbietet. Statt Auto-Tune gibt es bei Rob Longstaff lieber eine Strassenmusikatmosphäre, die unmittelbar berührt. Authentische FolkLieder, die in bester Singer/Songwriter-Tradition stehen und trotz reduzierter Instrumentierung vor Energie strotzen. Als musikalische Hintergrundstrahlung fungiert ein lockerer Rhythm & Blues mit groovenden Gitarren-Licks, die das instrumentelle Können des Musikers sofort verdeutlichen. Dass der Australier auch im wahren Leben noch immer am liebsten auf der Strasse performt, ist zudem mal ausnahmsweise kein Marketingtrick, sondern kann in seiner derzeitigen Wahlheimat Berlin vielerorts leicht nachgeprüft werden. Wie gesagt, hier ist noch alles echt. Der Moment zählt, weshalb alle Stücke während der Aufnahmen auch nur exakt einmal eingespielt wurden. Ohne Netz und doppelten Boden. Kleinere Fehler zählen für Rob kinki verhör

metti aus Paris, die bei den aufstrebenden Koko Von Napoo spielt und im Lied ‹Violent Love› mit ihrem französischen Super-Akzent kokettiert. Merken sollte man sich auch Amandine Morin, die in ‹Rue de Rome› zu hören ist, einem Track, der nachts im Hinterzimmer einer Bar in Marseille mit billigem Mikro aufgezeichnet wurde. Irgendwo zwischen dem Ganoven-Vibe der umtriebigen Hafenmetropole und mediterraner Lebenslust bewegt sich die Stimmung in dem Song, den Munk noch mit arabesken Klangfragmenten als Hommage an das nordafrikanische Flair der Stadt veredelt. Erschienen ist die Platte auf Gomma Records, dem eigenen Label von Modica, das vom Zentralorgan der weltweiten Musikpresse, dem britischen NME, schon mal als deutsche Version von DFA bezeichnet wird.

Longstaff in der Summe eben mehr als eventuell perfekt, aber am Ende irgendwann auch seelenlos arrangierte Stücke.

Erotomanischer Crossover

Munk – The Bird and the Beat Dass Mathias Modica aka Munk schon immer bei den Coolen im Club stand, weiss man, aber mit der neuen Scheibe ‹The Bird and the Beat› wird noch mal eine Schippe draufgelegt. Gleich ein ganzes Dutzend an Gastsängerinnen aus acht Ländern versammelt er auf der Platte, die dementsprechend unterhaltsam daherkommt. Zudem zementiert er seinen Status als Kosmopolit, wenn in ständig wechselnden Sprachen zum Mic gegriffen wird. Ja, man kann es sich bildlich vorstellen, wie Munk relaxt die sonnige Corniche am Mittelmeer in seiner Wahlheimat Marseille lang gefahren ist, um Sängerin für Sängerin mit seiner Disko-Corvette für die Aufnahmen abzuholen. Auf jeden Fall tritt er mit der Platte gekonnt in die Fussstapfen bekannter ‹Girl-Producer› wie ehemals Serge Gainsbourg oder Burt Bacharach. Zu entdecken gibt es neben seinem bekannt wilden Stilmix aus House, Disko, Punkfunk und der ein oder anderen Italo-Pop-Anleihe daher vor allem bisher unbekannte Sängerinnen. Beispielsweise Clara Co-

Partyabgänger

schleppender Verlauf dazu führte, dass sie sich einfach eine Gitarre schnappten und das ebenfalls vorhandene Klavier entstaubten. Zusammen jammten sie drauflos und der Zauber war geboren. Sofort bemerkten sie, dass amerikanischer Folk und europäische Elektronik nur auf dem Papier als zu gegensätzlich durchgehen können. Nicht aber unter den Händen zweier Vollblutmusiker, die Genregräben nur vom Darüberfliegen kennen. Mit ‹American Primitive› und unter dem Projektnamen ‹L/O/N/G› ist nun das Ergebnis dieser Zusammenarbeit als Platte erschienen. Vor allem die spannende Symbiose beider Stilrichtungen überzeugt. Der Titel der Platte leitet sich aus der Bezeichnung für amerikanische Rootsmusic vor 1950 ab. Ansätze dieser Tradition sind auf dem Album leicht zu finden, werden aber in eine moderne Fassung gebracht und durch Hubers Background europäisch elektrifiziert. Entstanden sind so packende urbane Folksongs, die speziell auch von der hypnotischen Stimme Eckmans getragen werden. Wenn doch nur alle langweiligen Partys so enden könnten ...

Island in the Sun L/O/N/G – American Primitive Selten passiert es, dass die Begegnung zweier Musiker den Countdown zu einer grossartigen Platte auslöst. Bei Chris Eckman, dem Frontmann der amerikanischen Folk-Rock-Band Walkabouts, und dem Österreicher Rupert Huber − seines Zeichens bisher bekannt durch das Elektroprojekt Tosca − war es so. Vor Jahren trafen sich die beiden auf einer Party, deren 68

Retro Stefson – Kimbabwe Die Mitglieder von Retro Stefson tanzen Lambada an der windigen Atlantikküste von Island. Schwin-


delerregend, wie auf ‹Kimbabwe› die Genres verheizt und die Lieder mit einer Geschwindigkeit wie ein Speedboot Fahrt aufnehmen. Man muss sehr jung sein, um so respektlos mit all den Jahrzehnten an Musik umzugehen. Zum Glück ist die Band juvenil genug – immerhin sind einige Musiker ja noch nicht einmal volljährig – um dieses fröhliche Gemetzel anzurichten. So konnte eine Platte entstehen, die zwar nach naivem Pop klingt, doch dies eben im besten Sinne. Gesungen wird dementsprechend auch in einer Art lautmalerischem Esperanto, wenn sich Englisch, Portugiesisch, Französisch und natürlich die tollste aller Sprachen, Isländisch, miteinander vermischen. Dabei sind Retro Stefson so energetisch, so impulsiv, dass die Jungs von Sigur Rós, dem bisherigen Exportschlager der Insel, bestimmt nicht mehr in Ruhe ihre Elegien proben können, und Björk für die Yogastunden aufs Festland flüchten muss. Hip-Hop-Beats, 80er-Jahre-Rock-Pop, Disko-FunkExplosionen und vor allem afrikanische Highlife-Kwaito-Mash-ups: bei soviel Mixtur gehen einem

der Mannschaft zu werfen, verdient eigentlich einen Grammy in der Spezialkategorie ‹Bester Karriereschub›. Fortan widmete sich Allen nur noch seiner Band Glasvegas, unterstützt von Cousin Rab, Schulfreund Paul Donoghue und der damaligen Schlagzeugerin Caroline McKay, die mittlerweile durch die Schwedin Jonna Lofgren ersetzt wurde. Das selbst betitelte Debüt vor drei Jahren war – um im Bild zu bleiben – ein knallharter Volley in den Winkel. Ein Noise-Pop-RockAlbum, das die britischen Charts bis auf Platz 2 aufmischte. Die abwechslungsreiche Mischung aus rockigem Indiesound und flauschigen Balladen, die manchmal nah am Kitsch vorbeischrammten, war das entscheidende Merkmal der Band, und ist es leider nur noch in Abstrichen auch auf der neuen Platte. Zu weichgespült wirkt diesmal die Musik, zu gleichförmig der Aufbau der Songs. Gewohnt euphorisch geht es nur in ‹Euphoria, Take My Hand› zu und in den Passagen der restlichen Songs, in denen sie Gitarrenriffs einarbeiten, die losgelöst durch die Lieder schweben und sie trotzdem führen. Aber

zwar schnell die Bindestriche aus − doch nicht die Ausrufezeichen hinter dem Urteil: Tropical!!!

Im Norden nichts Neues

Glasvegas – Euphoric /// Heartbreak \\\ Vielleicht arbeitet sich Sänger und Songwriter James Allen noch immer an seiner verpassten Karriere als Fussballprofi ab. Elf Freunde sind es zwar nicht geworden, stattdessen aber genau so viele neue Songs, die nun auf der Platte ‹Euphoric /// Heartbreak \\\› erscheinen. Keine Ahnung, in welcher schottischen Liga der Dumbarton Football Club heutzutage spielt, aber die Entscheidung den Frontmann der Band und damaligen Stürmer aus

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zugegeben, ein Markenzeichen, das seit den Tagen von Oasis dann irgendwie auch schon vergeben ist. Alles in allem kommt Glasvegas mit ‹Euphoric /// Heartbreak \\\› dem leicht ableitbaren Wunsch aus dem Bandnamen nicht wirklich näher. Mit prallem Übergepäck blitzblank gehörter Silberlinge kehrt unser ‹Reviewnator› Mathias Bartsch aus seiner Winterresidenz im Süden zurück und läutet schon einmal kräftig den Frühling ein. Freut euch also auf eine neuerliche Inventur der aktuellen Musiklandschaft und jede Menge Neuerscheinungen, die das Leben noch etwas grösser machen.


vorspiel musiker erklären ihre songs

Wolfram: Wolfram 01 ‹Hold my breath› feat. Holy Ghost!

Durch Moby lernte ich vor vier Jahren zufällig Alex von Holy Ghost! kennen, der zu dieser Zeit sein Assistent war. Nach einem Nachmittag mit ihm im Studio nahm ich eine Demoversion mit nach Hause und daraus entstand dann dieser Song. Ein Journalist sagte kürzlich, der Track sei das ‹Kids› von MGMT 2011. Das freute mich, obwohl ich weiss, dass dem wohl leider nicht so ist (lacht).

02 ‹Fireworks› feat. Hercules & Love Affair

Vor einem Jahr hörte Andy Butler von Hercules den sechsten Track dieses Albums ‹Teamgeist› feat. Patrick Pulsinger. Wegen dieses Songs kam er nach Wien, um in Patricks Studio das Album ‹Blue Songs› aufzunehmen. In der Zeit nahm ich auch den Song mit ihm und Kim Ann Foxman von Hercules auf. Als mir während eines Rückflugs nach Wien ein paar Lyrics dazu einfielen, sang ich die Melodie in mein iPhone. Gentleman, der neben mir sass, schaute mich komisch an.

03 ‹Out of control› feat. Paul Parker

Das extremste Instrumental trifft auf die extremste Vocal-Performance meines Albums. Beides sehr energiegeladen. Ich selbst muss es ab und zu leiser drehen, weil es mir manchmal echt zu viel ist. Paul Parker ist mittlerweile über 60 Jahre alt. Ich sagte zu ihm, er solle in seinen Lyrics über die Zeit schreiben, als alles ‹out of control› war.

E

in Mann, ein Wort: Wolfram produziert vielseitige elektronische Musik, die stets in fröhlicher, lockerer Manier daherkommt und niemals schwer in den Ohren liegt. Doch Wolfram ist auf seiner neuen Platte nicht nur solo unterwegs. Die erste EP ‹Fireworks›, die er zusammen mit Hercules & Love Affair aufgenommen hat, bietet zum Einstieg ein Feuerwerk musikalischen Hochgenusses. Aber damit nicht genug: Der Österreicher holte für weitere Songs zusätzlich namhafte Künstler wie Haddaway, Holy Ghost!, Paul Parker, Patrick Pulsinger und Legowelt zu sich ins Boot. Man darf sich also in froher Erwartung getrost die Hände reiben und auf den Lippen kauen. Wolframs Projekt klingt einfach, ist aber wesentlich schwieriger umzusetzen, als man denkt. Er

kinki vorspiel

04 ‹Roshi›

möchte den Eurodance der 90erJahre zu neuem Leben erwecken und ihn zugleich mit Elementen des 70er- und 80er-Elektros anreichern. Eine Aufgabe, die ihm – nach Meinung einiger Experten – ziemlich gut gelungen ist. Wolfram ist ein äusserst ehrgeiziger und geschäftstüchtiger Musikproduzent, der aber, wie alle Menschen, über eine zweite Seite verfügt. In Wolframs Fall ist dies eine sehr familiäre: Das Cover des Albums ziert nämlich ein Foto des wenige Monate alten Wolframs in den Armen seiner wirklich gut aussehenden Mutter, die ihn hingebungsvoll mit Babybrei füttert. Einerseits etwas schräg, andererseits niedlich und auch irgendwie sympathisch. An der Art, wie das Album zustande kam, ist schnell festzustellen, dass Wolfram ein äusserst geselliger Zeitgenosse ist.

Das erste instrumentale Stück ohne VocalHilfe von Freunden. Es erinnert eher an Filmmusik à la John Carpenter, jedoch wollte ich es sehr romantisch trimmen, um es meiner Freundin zu widmen. Man kann es auf Repeat hören, ohne dass man merkt, wenn es vom Ende zum Anfang zurückspringt. Ich nahm ‹Roshi›, wie die meisten Stücke, zu Hause mit meinem Modular Synthesizer Moog Nachbau auf. Es ist mein Lieblingslied.

sammen und nahmen noch unsere Stimmen auf, die wir sampelten, um die Lead-Melodie dann am Keyboard mit unseren ‹Ahhs› und ‹Ohhhs› zu spielen.

07 ‹Norway› feat. Sebastian

Sebastian ist der Sänger der britischen Bands Heartbreak und Sensation. Kurz nachdem ich ihn kennengelernt hatte, gab ich ihm einfach meine Nummer. Er schickte mir seine Vocals, ich arrangierte das Stück mit Effekten und das war’s. Sein Chorus geht irgendwie so: ‹There is no way, no way to get away› und ich mit meinen schlechten Englischkenntnissen dachte mir: Scheiss drauf, ich nenne es ‹Norway›, weil es so klingt, als ob er Norway singt.

08 ‹So fine all the time› feat. Legowelt

Danny Wolfers aka Legowelt ist ein alter Freund von mir und immer wenn wir uns sehen, versuchen wir an den Synths bei mir oder bei ihm zu Hause rumzudrehen. Dieser Song entstand, nachdem ich mir im Taxi zuvor ein furchtbares Lied von Enya anhören musste.

09 ‹Hold my breath› feat. Sally Shapiro

Dies ist eigentlich der gleiche Song wie der erste nur mit Sally Shapiro und Johan Agebjoern. Wenn es einmal eine Neuverfilmung von ‹Die unendliche Geschichte› gibt, dann würde dieses Lied wohl zum Soundtrack passen.

10 ‹Pianopella› (Hidden Track)

Das ist der versteckte CD-Track. Am Ende des Albums herrscht zwanzig Sekunden Stille und dann kommt eine zehn Minuten lange Überraschung. Perfekt als Hochzeitssong in der Kirche und ab Minute Vier geht es ab in den Club.

05 ‹Thing called love› feat. Haddaway

Ich rief Haddaway an, schickte ihm mein Instrumental und zehn Minuten später hatte ich auf meiner Mailbox seinen Gesang. Er startete einfach das instrumentale Stück und sang dazu. Er kam dann nach Wien und wir nahmen die Vocals nochmals richtig auf, aber im Prinzip war’s das.

Wolfram − ‹Wolfram› (Permanent Vacation) ist bereits erschienen. Weitere Info findest du unter perm-vac.com /artists / wolfram.

06 ‹Teamgeist› feat. Patrick Pulsinger

Das Vorspiel-Album gibt es auf kinkimag.ch fortan monatlich zum Hören, Abschweifen und sogar zum Herunterladen − die Schnellsten unter euch können jeden Monat Gratis-Downloads ergattern.

Es war ein grosser Spass, den ganzen Nachmittag mit Patrick zu jammen. Wir schnitten den ewig langen Jam auf zehn Minuten zu-

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Text: Katja Fässler Foto: Promo


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Holing out

Den Traum, sich mit seinen Freunden ein paar Instrumente zu schnappen und als Band um die Welt zu touren, hatten wir wahrscheinlich alle mal mit Anfang zwanzig. Die Band Yuck aus London brachte – im Gegensatz zu den meisten von uns – aber das Talent und den Willen mit, dieses Vorhaben wirklich durchzuziehen. Text und Interview: Antonio Haefeli, Foto: Promo

V

or zwei Jahren begannen die Londoner Daniel Blumberg und Max Bloom zusammen mit Johnny Rogoff aus New Jersey und der gebürtigen Japanerin Mariko Doi von Grunge und Shoegaze inspirierte Songs zu komponieren. Diese wurden von der internationalen ‹Hypepresse› freudig aufgenommen und so veröffentlichten Yuck Anfang dieses Jahres ihr erstes Album bei Fat Possum Records. Als die vier Jungspunde von Yuck in der Zürcher Hafenkneipe Halt machten, schnappten wir sie uns für ein Interview, das nach anfänglicher Verlegenheit zu einer intimen Plauderrunde im Keller des Clubs mutierte. Oder vielleicht doch eher zur Gruppentherapie?

Interview kinki magazin: Könntet ihr versuchen, euch selbst zu beschreiben? Wer seid ihr, wie seid ihr? Mariko: Als Person? Hm … Max: Das ist eine grossartige Frage um anzufangen (alle lachen verlegen). Mariko: Warum schaut ihr alle mich an? Na dann, ladies first. Mariko: Okay, hm. Ich bin einfach grossartig (wieder verlegenes Lachen). Also gut, dann manchen wir das anders: Beschreibt euch doch einfach gegenseitig. kinki musik

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Was gibt es zum Beispiel über Johnny zu sagen? Mariko: Er? Ein lustiger Typ. Johnny: Ein lustiger Typ? Hoffnungslos. Ich bin hoffnungslos.

ihnen auszutauschen. Max: Warum denkst du, ist das so? Daniel: Weil sie mir Sachen über das Leben beibringen können, von Dingen erzählen, die ich noch nicht kenne.

Hoffnungslos? Warum? Johnny: Weil ich nichts selber machen kann. Ich brauche ständig Hilfe von anderen Leuten, um die Dinge in den Griff zu bekommen. Mariko: Aber er kann sehr gut Auto fahren.

Gut, jetzt haben wir aber noch immer nichts über dich gehört Mariko. Mariko: Über, mich? Daniel: Sie hat eine sehr japanische Persönlichkeit.

Okay. Und was ist mir dir Max? Max: Ich? Ähem … Ich … Mariko: Er liebt Katzen. Max: Stimmt. Und wenn ich nicht gerade in der Band hier spiele, bin ich ein professioneller Billardspieler. Ich spiele schon sehr lange Billard.

Okay, und was genau ist eine ‹japanische Persönlichkeit›? Mariko: Ja, ich bin Japanerin. Max: Wirklich? Wow! Was für eine Überraschung! Ich bin froh, dass du das endlich sagst (alle lachen)!

Was, echt jetzt? Max: Ja! Ich spiele schon seit zwölf Jahren Billard. Nein, du verarschst mich doch! Max: Nein, und ich mag wirklich sehr gerne Katzen. Ich habe zwölf Katzen. Ich lebe auf dem Land. Johnny: Jetzt wird’s aber langsam verdächtig: Du spielst seit zwölf Jahren Billard und hast zwölf Katzen – du solltest verschiedene Zahlen verwenden. Ja, da stimmt doch etwas nicht! Max: Doch! Immer wenn ich ein Spiel gewinne, kaufe ich mir eine neue Katze, um meinen Sieg zu feiern. Daniel: Max spielt viel Gitarre. Mariko: Ja, er ist sehr musikalisch. Max: Nun, wenn ich ehrlich bin, bin ich eine ziemlich langweilige Person. Ich bin kein professioneller Billardspieler und ich habe auch keine zwölf Katzen. Ich mag aber die Gesellschaft von Katzen. Ausserdem mag ich lange Zugfahrten. Auf denen kann man so schön aus dem Fenster schauen. Daniel: Er mag Süsses nach einem Gig. Max: Ja, manchmal kaufe ich mir heimlich einen Schoko-Milkshake nach dem Konzert. Ach, ist das schön, das ist ja wie in einer Therapiesitzung hier! Mariko: Ja genau! Klar, ich will euer Innerstes ans Licht bringen! Was ist mit dir, Daniel? Daniel: (Überlegt) Mein Name ist Daniel. Ich bin gerade 21 geworden. Ich lebe allein. Ich arbeite in einem Plattenladen – was allerdings etwas schwierig ist zurzeit, weil ich mit meinen Freunden hier ständig auf Tour bin. Wenn ich nicht auf Tour bin oder sonst Musik mache, zeichne ich gerne Bilder. Was für Bilder denn? Daniel: Einfach Bilder. Ich hab welche dabei, ich kann sie die nachher gerne zeigen. Und ich mag es, Leute zu treffen, die dieselben Interessen haben wie ich. Ausserdem mag ich es, mit denen dann rumzuhängen und mich mit

Ist denn deine Herkunft ein wichtiger Teil deiner Persönlichkeit? Mariko: Ja, das ist sie. Daniel: Sie mag das Essen auf Tour meistens nicht, weil sie normalerweise ihr eigenes Essen kocht. Max: Sie strickt sehr gerne. Johnny: Sie wechselt ihr Outfit jede Stunde! Daniel: Sie ist sehr süss, aber sie wirkt oft, als sei sie ein harter Punkrocker. Johnny: Sie ist süss wie Zucker, aber hat eine harte Schale wie eine brasilianische Kokosnuss. Max: Man muss sie knacken, um an ihr Innerstes heranzukommen. Die Vorstellungsrunde haben wir also hinter uns. Johnny, du hattest Daniel erst einen Tag gekannt, als du dich entschlossen hast, die USA zu verlassen und für die Band nach London zu ziehen. Warum warst du dir so sicher bei der Sache? Johnny: Nun, ich weiss es wirklich nicht. Ich war mitten im Studium. Ich weiss es echt nicht, die haben mir einfach gesagt, ich solle doch rüber kommen. Und das habe ich dann auch getan. Daniel: Wir haben ihn mit vielen Songs gelockt! Johnny: Ja, und dann dachte ich halt einfach, das würde bestimmt lustig werden, nach London zu ziehen. Es kommt mir so vor, als wärt ihr schon seit sehr langer Zeit befreundet. Und das obwohl ausser Daniel und Max ihr euch eigentlich noch nicht wirklich lange kennt. Daniel: Genau, so fühlt es sich auch an. Das ist wirklich total verrückt. Dass wir uns schon so vertraut sind und so. (Alle schweigen) Aber ich weiss echt nicht, warum das so ist. Es ist verrückt. Max: Vielleicht ist es auch nur, weil wir wirklich jede verdammte Minute zusammen verbringen. Und in einer Band ist es ja auch wie in jeder anderen Beziehung: Man teilt schöne Momente zusammen, verbringt viel Zeit gemeinsam und das verbindet einen automatisch. Was mögt ihr lieber: im Moment zu leben oder 73

einen Plan vor Augen zu haben? Max: Im Moment zu leben. Mariko: Ja, im Moment zu leben. Ich hätte nichts anderes erwartet. Aber ist das nicht auch etwas Vorprogrammiertes, eine klischierte Erwartung, dass alle immer im Moment leben wollen? Mariko: Ja klar, aber es ist wichtig den Moment zu geniessen. Johnny: Es ist sicher ein Klischee. Aber wenn man es wirklich tut, statt nur davon zu reden, dann ist das was anderes. Viele Leute sagen das bloss so, tun es aber nicht. Daniel: Also ich bin da anderer Meinung.

‹Ach, ist das schön, das ist ja wie in der Therapiesitzung hier!› Du magst also lieber Pläne? Daniel: Nein, aber ich bin ein Idealist. Ich glaube es gibt die Möglichkeit, für etwas über sehr lange Zeit einzustehen. Ich versuche so etwas zu finden – sozusagen meinen Plan zu schmieden. Max: Ja, du hast schon Recht. Es ist wichtig, die Zukunft nicht zu ignorieren. Es ist schon schwieriger, wenn alles ständig auf einen zukommt, ohne dass man damit gerechnet hat. Wenn man Pläne hat, dann festigt das sozusagen die Welt. Das Problem ist nur, dass Pläne oft nicht so rauskommen, wie man sich das vorgestellt hat. Und man kann sich auch selbst blockieren, wenn man zu viel über die Zukunft nachdenkt. Man sollte sich nicht zu viele Gedanken machen, dann kann man die Dinge besser so nehmen, wie sie kommen. Daniel: Ich wünschte ich könnte das, aber ich kann es nicht. Weitere Info und Tourdaten findest du unter yuckband.blogspot.com.


lieblingslieder jedem das seine

Seit Marion Leiser denken kann, ist Musik ihr Leben. Seit zwanzig Jahren legt sie als ‹Djette Flashfunk› Platten auf und seit sieben Jahren verkauft sie ausgewählte Scheiben in ihrem Laden ‹Crazy Beat›, einem der letzen Vinyl-Record Stores in Zürich. Für uns hat sie ihren privaten Sound-Fundus geöffnet und daraus ihre Lieblingsstücke sorgfältig ausgewählt – was ihr verständlicherweise nicht leicht fiel. Beautiful People ‹The sea … eventually› Ein wunderschöner Song aus einem Jimi Hendrix-Tribute- / Remix-Album, das 1992 erschien, bevor Remixes dieser Art Furore machten. Die beiden Jungs von Beautiful People gehen mit Ehrfurcht, grosser Liebe und Respekt an das Material vom Gitarrenhelden heran und stricken etwas Neues und Zeitgemässes daraus. Jimi Hendrix für die Neuzeit!

Magnum ‹Natural juices›

Ein psychedelischer Slow Funk Track von einer Band, deren Mitglieder 1974 ihr einziges Album aufnahmen und dabei grade mal zwischen 14 und 18 Jahre alt waren. Die Jungs haben mich mit ihrem Album schwer beeindruckt, alle Songs haben sie selbst geschrieben und sie sind sehr komplex arrangiert und satt gespielt. Eine Perle!

Moodyman ‹Black mahogani / mahogany brown› Immer noch der unglaublichste House Track, den ich kenne. Nicht von dieser Welt! Dieser Song entrückt mich und bringt mich zum Schweben.

Lalomie Washburn ‹I wanna be with you›

Ein heisser Soul-Song, der die Sehnsucht nach einem Lover ausdrückt. Verkörpert für mich wie fast kein anderer Track das Beste aus der Zeit des Acid Jazz der 90er-Jahre. Vinyl-Liebhaberin und ‹Ladenhüter› des Crazy Beat-Recordshops an der Zürcher Badenerstrasse: Marion Leiser.

Fela Kuti ‹It’s no possible›

Hip-Hop verband, absolut fasziniert. Und dieser Song gehört auch heute noch zum Besten, was sie je gemacht haben.

Einer meiner grössten Helden am Musikfirmament. Unglaublich funky, ‹the black president› in Höchstform – unerreicht! Ich habe Fela Kuti bereits mit nur 14 Jahren zum ersten Mal gehört. Diese unglaublich heisse Musik schlug bei mir ein wie eine Bombe und hat seither mein Rhythmusempfinden und meinen Musikgeschmack sehr stark geprägt.

James Brown ‹That’s my desire›

The Cinematic Orchestra ‹All that you give›

Timmy Thomas ‹Why can’t we live together›

Ein für James Brown eher zarter Song mit Big Band Jazz-Begleitung. Grandios! Das ist ein Track, den ich gern an meinem Begräbnis spielen lassen möchte.

Eine zeitlose Bitte an die Menschen, miteinander in Frieden zu leben. Sie wird wohl nie an Aktualität verlieren! Der Song ist zwar simpel arrangiert, aber bewegt mich jedes Mal wieder aufs Neue.

Mit der fantastischen Sängerin Fontella Bass bekommt dieser Track eine tiefe und zeitlose Schönheit. Für mich einer der besten Tracks der 90er! Als er rauskam, war ich von dieser Band, die Jazz, Orchestersound, Trip- und

kinki lieblingslieder

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Sly Johnson ‹Is it because I’m black› Unglaublich bewegender Song zum Thema Rassismus – leider immer noch aktuell …

Lonnie Smith ‹Move your hand›

Deep & funky Soul-Jazz, unwiderstehlich! Alles, was ich an einem Soul-Jazz Track mag: Hammond-Grooves, eine heisse Gitarre und ein sexy schleppender Beat. Text: Antonio Haefeli Foto: Ellin Anderegg


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Dress: Prada Necklace (worn as bracelet): Stephanie Schneider

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Dress: Christian Wijnants Top: Sportmax Necklace: Arielle De Pinto

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Suit: Stella McCartney Dress: Hussein Chalayan Dress underneath: Boudicca Necklace: Stephanie Schneider

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Dress: Viktor and Rolf Coat: Burberry

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Jacket and shorts: Bottega Veneta Top: ChloĂŠ

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Top: Maison Martin Margiela Trousers: Christian Wijnants Shoes: Max Mara Ring: Arielle De Pinto

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Top: Marc Jacobs

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Top: Isabel Marant Jacket: Dries Van Noten Skirt: Marc Jacobs Shoes: Christian Louboutin Photographer: Eva Tuerbl Stylist: Julie Williams Make-up: Alex Almeida Hair: Amber Duarte Model: Mariel @ Ford Models NY

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A1 Tonnenweise Asphalt, 41 Jahre Bauzeit, fast 400 Kilometer Länge und 5500 Stunden Stau pro Jahr, 9 Kantone, 18 Raststätten (mal 2), 40 Franken pro Vignette, unzählige Schilder und diverse Baustellen … Doch wie fühlt sich diese Gerade eigentlich an? Rainer Brenner und Daniel Tischler waren mehrere Tage auf der wichtigsten aller Schweizer Autobahnen unterwegs und führten Protokoll. Ein Porträt.

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S

onntagabend, Zürich, vor irgendeiner Starbucks Filiale. Zwei Meter über unserem Dach prangt eine blaue Tafel und weist uns in weissen Pfeilen den Weg in Richtung Winterthur. Die Strassen sind still. Ich setze mich in den cappuccinofarbenen Beifahrersitz und lasse mir von Dani seine Wirbelsäulen-Stütze erklären, die er eigens für unsere kleine Reise gekauft hat. Dani fährt, soviel ist klar. Und zwar einen grünlichen Mercedes 190 E mit verbogenem Stern auf der Kühlerhaube, Baujahr 1989. Der Tacho ist bis 240 numeriert. So schnell fährt Dani aber nicht oft. Er schiebt den Hebel des Automatikgetriebes auf ‹D› und gibt Gas. Ich schaue hoch zum sichelförmigen Mond und denke an die Worte des Astronauten, der behauptete, von dort oben ein menschliches Bauwerk erblickt zu haben. Es war eine Lüge. Nach kurzer Fahrt dann das Autobahn-Signet. ‹1› steht auf einer kleinen roten Tafel. Wir sind da.

Hunger

Erster Stop: Kemptthal. Es riecht nach Rahmsosse und Benzin, in der Tankstelle stehen schon die ersten Osterhasen mit ihren goldenen Schleifen um den Hals zum Verkauf bereit. Energydrinks werden hier in Halbliterdosen verkauft, neben Lufterfrischern in Form von Rennfelgen und Schnittblumen in aufwändiger Verpackung. An der Kasse werden wir gefragt, ob wir Punkte sammeln. ‹Öko-Punkte›. Wer bei BP nämlich oft genug tankt, dem winken interessante Konditionen auf ein Öko-Pfannenset. Nebenan im Restaurant setzt man ebenfalls auf Mutter Natur: Flyer sind auf sichtlich recyceltem Papier gedruckt, am Salatbuffet ertränken Gesundheitsbewusste ihr Gemüse in literweise French Dressing. ‹Das stopft›, meint Nicole, als sie uns unsere Nudeln herüberreicht. Sie hat recht. Während des Essens beobachte ich drei Kinder (deutsch), die sich in ‹Picky’s Welt› vergnügen. Die Spielecke wirkt wie ein schlecht aufgeräumtes Kinderzimmer. Die Kleinen jagen sich lautstark über den grauen Teppich, während die Eltern in ihre Kaffeetassen starren. Neben uns sind alle Tabletts ratzeputz leergefegt. Was nicht in die Mägen passte, wurde in Plastikdosen mitgenommen.

Hinter dem Drehkreuz tauche ich ein in eine Unterwasserwelt mit Haien, Korallen und Walgesang. Einzig über dem Pissoir ändert das Thema. Der Gang zur Toilette kostet hier einen Franken, doch die Investition lohnt sich: Hinter dem Drehkreuz tauche ich ein in eine Unterwasserwelt mit Haien, Korallen und Walgesang. Einzig über dem Pissoir ändert das Thema: Hier hängen schlecht aufgelöste Porträts von Menschen. Den Männern wurden Hitlerschnäuze, den Frauen Schwänze ins Gesicht gemalt. Als ich das Restaurant verlasse, winkt der kleine Junge aus Picky’s Welt mir zu und stösst sich dabei den Kopf an der Wand. Wir fahren weiter.

Kaufen

Die Strasse um Winterthur hat viele Narben, alle paar Meter ändert sich die Farbe des Untergrunds, eine weitere Gesamterneuerung wird auf Schildern angekündigt. Auf der Strasse herrscht wenig Verkehr, kein einziger Lastwagen begegnet uns an diesem Sonntagabend, dafür viele schnelle Pkw mit ausländischen Nummern. Wir hören Country auf Radio DRS. Der Moderator kündigt mit tiefer Stimme Songs an, die von Gasoline und Love handeln. Der Tacho steht exakt auf 100, als die Strasse vierspurig wird. Dann die Nachrichten: ‹Der Genfer Autosalon schliesst seine Tore.› Grosses Thema dieses Jahr: alternative Antriebsysteme. Immer wieder streiten wir uns, ob Coop (ich!) oder Migros (Dani!) die bessere Ladenkette sei. Und auch auf der A1 führen sie einen unerbittlichen Kampf: Migrolino gegen Pronto, Migrol gegen Coop, Cumulus gegen Bonuspunkte. Kein Wunder, denn wer auf der A1 anhält, der tut dies nicht, ohne sein Portemonnaie zu zücken. Zweiter Stop – Thurau. Auch hier ein Angebot: Ab 30 Liter Benzin darf man sich an der Bar einen gratis Becher Kaffee abholen. Hinter Spritzbetonsäulen versteckt, lockt aber einiges mehr als nur Benzin und Kaffee: Bambussocken, Souvenirs, Katzenstreu und ein breites Sortiment an pornografischem Material. Frau G. arbeitet bereits seit 15 Jahren hier. ‹Auf beiden Seiten› wohlgemerkt. Sie erinnert sich an einen Überfall, das ist aber schon lange her. Nicht so die Geschichte mit den Schoggibananen, die eine junge Frau in den Windeln ihres Babys versteckt hatte. Die Unterführung zur anderen Seite sieht unheimlich aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die nette Frau G. gerne da hinabsteigt. Wir fahren weiter.

Grenze Ost

Im Handschuhfach suche ich eine Schweizerkarte. Ganz unten, unter jenen von Deutschland, Frankreich und Marokko finde ich schliesslich eine. Hier heisst die A1 allerdings noch N1, das hat sich erst mit der Vereinheitlichung zugunsten internationaler Abkürzungen vor 15 Jahren geändert. Seither verkörpert diese Strasse alles, was die Schweiz gerne sein möchte: Sie ist weltoffen, geradlinig und dennoch zurückhaltend. Ausserdem ist sie teuer, milliardenschwer, aber irgendwann vielleicht sogar lukrativ. Als ich rausschaue, merke ich, dass mir die Geschwindigkeit recht behaglich vorkommt. Denn was vorbeizieht, ist gross und lang und fern. Nach St. Gallen ist bereits das Ende in Sicht. Je näher wir der Grenze kommen, desto undeutlicher wird Polo Hofers Stimme, der hustend und krächzend seine Lieblingslieder im Radio vorstellt. Ohne grosses Aufsehen übernimmt die E 43 den Verkehr der A1, nahtlos gehen wir darin über. Neben der Grenze leuchten zwei Puffs, der Regen setzt ein. Die erste Polizeikontrolle bestehen wir unbeschadet: − Was machen sie hier? − Fotos. − Auf der Autobahn? − Das ist nicht die Autobahn. − Aber die Strasse, die zu ihr führt. Fahren sie weiter. 85

Sie ist weltoffen, geradlinig und dennoch zurückhaltend.


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Kehrtwende 1

Wir haben im ‹Rank› gefrühstückt. Das liegt direkt an der Grenze St. Margrethen und wurde vom Restauranttester im Fernsehen als hoffnungsloser Fall abgestempelt. Die schwitzende Salami auf meinem Brötchen stammt wahrscheinlich aus der Wurstfabrik auf der anderen Strassenseite. Daneben liegt ein stillgelegter Club, Flyer für eine ‹Tuningparty› hängen an der Ampel. Ab jetzt laufen die Kilometerangaben rückwärts: km 396,1, das heisst 99 Kilometer bis Zürich. Dann der kleine Hügel am Sulzberg. Dort steht ein Holzhäuschen und darin George. George brät Hamburger, schenkt Kaffee aus und hört zu. Seit vier Jahren. An den Wänden hängen Bilder von amerikanischen Highways und Pharaonen, an seinem Gürtel prangt eine mächtige Schnalle in Form einer Highway-Pla-

‹Geschwindigkeit drosseln, rein in die Raststätte und dann wieder beschleunigen!› kette und im Ohr trägt er einen glitzernden Yin-Yang-Stecker. Abends ist George auch Naturheiler. Und im Winter verkauft er Marroni. Eigentlich wollte er sein Häuschen ja am See aufstellen, doch dort war kein Platz. Kein Problem für George. Er mag die A1, denn ‹hier ist man mitten in der Welt›. Im Appenzell zieht viel Natur vorbei, es riecht nach Gülle. Die Landschaft wirkt nass, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat. Danach folgt Peripherie. Im Radio läuft ein deutscher Sender: Es geht um Landtagswahlen in Baden-Württemberg, ich schalte um. Wieder Thurau. Wieder tanken. Neben uns zwängt sich ein Zürcher aus seiner Corvette. Die fährt 350, meint er, und beäugt mich kritisch, als ich um seinen Wagen schleiche. Wir tanken 62,95 Liter, dafür zahlen wir 114,57 Franken. Macht 1,82 Franken pro Liter, wie die Anzeige verrät. Hier sieht alles gleich aus wie auf der anderen Seite: dieselben Naturheilsteine wie auf der Nordseite, dieselben Spielautomaten, Bambussocken und Pornos. Wir fahren weiter.

Durchstarten

In den Tunnels fühle ich mich wie in einem Videogame. Anhand der Geschwindigkeit auf der Anzeige und meines Sekundenzeigers versuche ich auszurechnen, wie lange die weissen Mittelstreifen sein mögen. Ich habe keine Ahnung. In Kemptthal zeigt mir Dani, wie man durchstartet: ‹Geschwindigkeit drosseln, rein in die Raststätte und dann wieder beschleunigen!› Das Ganze klappt zwar nicht ganz, doch ich verstehe den Zweck der Übung. Über den Feldern kreisen Vögel, eine Kohlmeise flattert über die Kühlerhaube. Auf einer Lärmschutzwand hat jemand ein Vogelhäuschen angeschraubt. Dann das Brüttiseller Kreuz. Jumbo, Aldi, Ikea und ausnahmsweise kein Stau. Das Parkgebäude des Glattzentrums wirkt wie eines dieser Gebäude, wo sich in den Nachrichten Rebellen verbarrikadieren: schmale Luken, sandfarbene Fassade, flaches Dach. kinki report

Ab Affoltern zeigen sich Ansätze eines Staus. Ich erinnere mich, dass Staus psychologisch untersucht wurden. Eigentlich ist das Phänomen aber ganz einfach: Alle wollen zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung und einer macht einen Fehler. Gubristtunnel, Limmattaler Kreuz, wir nehmen eine weitere Strasse in uns auf und lassen Zürich hinter uns. Willkommen im Aargau.

Auftanken

Würenlos ist der König der Raststätten! Früher war sie mal fleischfarben, heute erstrahlt sie in elegantem Blau direkt über der A1, 170 Schritte ist der ‹Fressbalken› lang. Er war das Wahrzeichen der Mövenpick-Kette, die sich in den letzten Jahren immer mehr zurückgezogen hat. Doch auf den Autobahnen gibt sie mit Marché und Cindy’s noch immer den Takt an. In der Mitte des Gebäudes steht ein Shiatsu-Massagestuhl. Zehn Minuten kosten fünf Franken. Am Wochenende kommt man hierher zum Shoppen, kauft Jeans, Uhren, DVDs und T-Shirts mit lustigen Sprüchen. Zum Beispiel: ‹Samstag, Sonntag, Scheisstag, Scheisstag, Scheisstag …› Sogar einen Erotikstore gibt es hier, gleich vor der Toilettenanlage. Die Pärchen, die daran vorbeilaufen, kneifen sich in die Seiten und flüstern sich verstohlen Sachen ins Ohr. In Trainerhosen, Arbeitsbekleidung und Lederjacke strömen die Leute in den Block. Und kommen mit Plastiktüten und Dosen in der Hand wieder heraus. Zwanzig Meter neben der Raststätte liegt ein Wald. Jemand hat rote Schleifen an die Äste gehängt. Ich folge der Spur bis zu einem Weg. Dort schaue ich mich um, öffne meine Hose und uriniere an einen Baumstamm. Ich habe einen Franken gespart. Als ich zum Auto zurücklaufe, sehe ich, dass die Raststätte auf Facebook nach neuen Freunden sucht. Wir fahren weiter.

Gesamterneuerung

Nach Würenlos die erste Luftbelastungsmessung: ‹mässig›. Das liegt im gelben Bereich und somit auf der sicheren Seite. Bareggtunnel, danach wieder eine Instandsetzung. Irgendwo gibt es immer was zu tun. Und wo gebaut wird, wird’s bunt: orange Fahrstreifen, rote und gelbe Schilder, neonfarbige Männer, die um rauchende Löcher stehen. Momentan sind an zehn Stellen grössere Bauarbeiten im Gange. Wir fahren an einem riesigen Schutthaufen vorbei. Mit einem fingerartigen Baggeraufsatz wurden die Schichten aufgebrochen, danach abgetragen und aufgetürmt. Dahinter stehen schwarze Kübel mit Reparaturasphalt der Firma Instamak und es herrscht gespenstische Stille. Wie ein ausgenommenes Tier wirkt die Strasse hier. Auch unter der grossen Brücke, die wir später überqueren, wird gearbeitet. Kleine Männchen tragen mit gelben Maschinen die Erde rund um die massiven Betonpfeiler ab, die dreissig Meter über Othmarsingen in die Höhe ragen. An einem steht ‹Eine extra Kugel für Nazis›, am anderen ‹Burton Fun›. Wir verfahren uns. Durch Industriezonen und vorbei an Firmensitzen mit Namen, die ich noch nie gehört habe, suchen wir den Weg zurück auf die Autobahn. 88


‚Hier ist man mitten in der Welt.›

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Vorbei an den weissen Leitpfosten mit reflektierendem Köpfchen. Marke Beilharz, Made in Germany. Es gibt sie in drei verschiedenen Grössen und mit verschiedensten Halterungssystemen. Dahinter stehen fest und tief im Erdreich versenkt die Leitplanken. In manchen liegen lose Muttern und Schrauben. Vielleicht als Ersatz, vielleicht aus Nachlässigkeit. Ich male die verschiedenen Formen und Farben von Lärmschutzwänden in mein Notizbuch: konvexe und gerade Formen, Stein, Kunststoff, grün, gelb, weiss und transparent, Metall und Plexiglas … Manche sind sogar mit den Hecken verwachsen. Die Sondermülldeponie Kölliken wirkt wie eine Werft. Oder ein Hangar für Luftschiffe. Der Mittag ist ruhig und die Strasse ist leer. Doch Langeweile hat sich noch nicht eingestellt. Von der Überholspur aus beobachte ich die Men-

Dann setzt man sich zurück in seine Maschine. Nicht einsam, sondern ungestört. schen in ihren Autos. Sie essen, telefonieren, gähnen oder starren einfach nur geradeaus. Und wenn sie merken, dass ich sie beobachte, werfen sie mir einen bösen Blick zu. Nur kurz, aber sehr ernst gemeint. Denn im Auto herrscht Intimsphäre. Man reiht sich ein und lässt sich gegenseitig in Ruhe. Man blickt nach vorn. ‹Gibt es auf der A1 überhaupt menschliche Begegnungen?› fragt sich Dani. Vielleicht ein schneller Witz hier und da, ein Rüberwinken, ein kleiner Flirt an der Kasse. Dann setzt man sich zurück in seine Maschine. Nicht einsam, sondern ungestört.

Mitte

Ab Rothrist wird’s holprig. 166 Kilometer trennen uns von Lausanne. Schon wieder ein Erotikstore, schon wieder ein Vogelhäuschen. Und dann die Traditionsunternehmen: Migros, Jura, die Axpo. Dahinter liegt freier Horizont. Zumindest bis zu den schneebedeckten Gipfeln. Bis Bern zähle ich Anhänger (32). Durch die Hauptstadt fahren wir durch. Zumindest fast. Als die Kilometerangabe in der Mitte der Strasse von ‹0,1› auf ‹165› springt, fragen wir uns, was das Graffiti ‹Kapitalfahrt› auf der Brücke über uns zu bedeuten haben könnte. Dann entdecken wir das Einkaufszentrum Westside. Wir freuen uns wie kleine Kinder.

Welschland

Nach der Sprachgrenze liegt viel Abfall am Strassenrand. Ich frage mich, ob die welschen Hygienestandards schlechter sind als die Deutschschweizer und schäme mich im selben Augenblick für diesen Gedanken. Im Radio berichtet eine sexy Stimme auf Französisch von einem weiteren beschädigten Reaktor in Japan. Alles klingt hier besser. Die Raststätten, die Tunnels … Die erste richtig tolle Aussicht: der Neuenburgersee. Gleich nach dem Tunnel kinki report

liegt er uns zu Füssen. Von dort an blicke ich solange mit starrem Blick aus dem Fenster, bis mir schlecht wird von den vorbeirollenden Radkappen, Bordsteinen und Felgen. Die Dörfer haben sich seit Fribourg zurückgezogen. Nur die Ausfahrtsschilder und Lichter an fernen Hügeln lassen vermuten, dass jenseits der Absperrungen Menschen wohnen. Es ist wieder dunkel geworden im Auto, die Geräusche werden lauter.

Grenze West

540 Kilometer bis Paris, doch nur noch fünf bis zur Grenze. Ein komisches Gefühl stellt sich ein, doch nichts passiert. Die Änderung der Schilderfarbe wird angekündigt. Mitternacht verbringen wir an der Grenze und trinken im Wechselbüro einen Kaffee. In den Automat habe ich Rappen geworfen und Cent als Rückgeld erhalten. Wahrscheinlich ein schlechter Deal. Wir blicken über die Grenze, dort wo alles in Pastellfarben übergeht, und spazieren eine Weile. Niemand folgt uns, nichts geschieht. Die Grenze fühlt sich anders an als die vielen Male zuvor, denn wir fahren nicht nach Hause und auch nicht in die Ferien, sondern einfach nur hin und her. Die Reflektoren glänzen wie Rehaugen aus der Böschung hervor. Zehn Kilometer bis Genf und schon wieder habe ich verpasst, was auf dieser Willkommenstafel steht: ‹Geneve – un lieu de …›

Kehrtwende 2

Der Asphalt vor Lausanne ist heller als anderswo. Abgetragen wirkt sie, die A1, die Mittelstreifen fransen zu beiden Seiten aus, die Schilder sind verbleicht. Etwas Patina, aber durchaus charmant. Zwischen die Mittelplanken hat man schmale Büsche gepflanzt, doch links und rechts der Fahrbahn liegt Landwirtschaft wie aus dem Bilderbuch: Fleissig grasende Tiere mit glänzendem Fell, Bauern mit hochgekrempelten Hemden. Wir folgen dem Laster vor uns zur Raststätte. Ich laufe über die knarrenden Holzleisten der Brücke zur anderen Seite. Zur bösen Seite: Burger King und Tamoil. Ich kehre um in Richtung Marché und Esso und bemerke, dass die Brücke nicht überwacht ist. Durch die Öffnung über dem Geländer könnte man einen schweren Gegenstand auf die Fahrbahn werfen, niemand würde es bemerken. ‹Viel Freiheit›, denke ich und gehe schnell weiter.

Toilette (Männer)

Dies hier ist keine der ‹Clean Toilets›, aber auch keine der ganz schlimmen. Mit Desinfektionsmittel lässt sich die Klobrille reinigen. Ich setze mich hin und höre den anderen Männern zu. Geräusche von Kleidern und Haut, Schmatzen, Husten dringen durch die dünnen Trennwände. Dann ein kurzer Seufzer und ein Reissverschluss. Es sind dieselben Männer, die jetzt draussen stehen und im stumpfen Winkel über die Fahrbahn blicken, jeder in eine andere Richtung. Sie wirken wie Vertreter, tragen leichte, funktionale Bekleidung, zerknitterte Jacketts. Vor sich tragen sie Bäuche, darunter Mobiltelefonhalterungen. Die A1 ist eine Männerwelt. 90

Ins Restaurant hat sich ein Spatz verirrt. Er muss durch den Rolltreppenschacht hochgeflogen sein. Vorbei an Hector, der hier die Tische abräumt. Gründlich und zufrieden lächelnd reinigt er die Tischflächen. Er zeigt uns ein dreieckiges Holzgestell, das er mit verschiedenen Früchten gefüllt hat, sodass sich daraus ein streifenartiges Muster ergibt. Zuunterst Orangen, darüber grüne Äpfel und so weiter. ‹Decorative, n’estce pas?› schmunzelt Hector. Er ist ein hübscher Mann, immer noch.

Geisterfahrer

Wieder Aargau. Verkehrsinfo von 14:32: Auf der A1 ist ein Geisterfahrer unterwegs. ‹Hebäd üch Sorg!› mahnt eine Berner Stimme im Radio. Wir fahren weiter. Draussen geht der Wind. Wir sind müde. Dani hat sich Süssigkeiten und ein Red Bull gekauft. Er denkt ans Meer, möchte sich ausruhen. Einfach am Strand liegen, dann einschlafen, irgendwo am Atlantik. Dort wo die Liegen noch an die Sonnenschirme gekettet sind, der Sand aber schon warm ist. Ab und zu windet das Meer Sand aufs nasse Badetuch. Doch er würde trotzdem einschlafen. Wir fahren schneller als sonst.


Wir fahren nicht nach Hause und nicht in die Ferien, sondern einfach nur hin und her. 91


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‹Smile though your heart is aching Smile even though it’s breaking When there are clouds in the sky, you’ll get by, If you smile through your fear and sorrow Smile and maybe tomorrow You’ll see the sun come shining through for you Light up your face with gladness Hide every trace of sadness Although a tear may be ever so near That’s the time you must keep on trying Smile, what’s the use of crying? You’ll find that life is still worthwhile If you just smile That’s the time you must keep on trying Smile, what’s the use of crying? You’ll find that life is still worthwhile If you just smile› ‹Smile› by Nat King Cole

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schauplatz die besten adressen für kunst

Anstatt im unübersichtlichen Meer an Galerien in hippen Grossstädten unterzugehen, schwimmt Silke März gegen den Strom und zeigt dort Kunst, wo noch echtes Potenzial schlummert: in der schwäbischen Provinzhauptstadt Stuttgart. Text: Franziska von Stieglitz

was sie verdient hat: mehr junge Kunst. Das Aufgebot der Artary Galerie setzt sich aus Künstlern zusammen, die Silke über die Jahre im Kunstbetrieb kennengelernt hat. Auch Nachwuchstalente stellen hier immer wieder aus. Denn anstatt nur auf renommierte Namen zu setzen, stellt Silke auch Werke von bislang noch unbekannten Künstlern aus und bringt so frischen Wind in die Szene.

Man staune und tanze

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inen Katzensprung von der Innenstadt entfernt und doch ganz fern der platt getretenen Shoppingmeile Königsstrasse befindet sich die Artary Galerie, die Silke seit 2008 führt. Eine riesige Glasfassade bietet perfekten Einblick in das, was gerade gezeigt wird und das so – zur Freude der Nachbarn – zu jeder Tag- und Nachtzeit auch von aussen ersichtlich ist. Vor zwei Jahren gründete Silke die Galerie genau dort, wo sie als kinki schauplatz

Jugendliche immer an den Schaufenstern vorbeischlenderte. Schon früh arbeitete sie in Kunsthäusern und eröffnete in Berlin eine Produzentengalerie. Doch während in Berlin die Galerien nur so aus dem Boden spriessen und ein fast unübersichtliches Kommen und Gehen auf dem Kunstmarkt herrscht, nutzte Silke die Chance, kehrte der Hauptstadt nach einigen Jahren den Rücken und kam ins Schwabenland zurück. Um ihrer Heimatstadt das zu bieten,

Zum Line-up gehört dieses Jahr unter anderen Markus Keibel, der sein Konzeptkunstprojekt ‹Inside Complexity› aus Istanbul und London in der Artary Galerie fortsetzt. Für die Stuttgarter Ausgabe ‹Wie oben, so unten› liess Keibel das Publikum über Farbpigmentmuster laufen und dokumentierte die so entstandenen Veränderungen auf dem Boden mit Filmaufnahmen und Abdrücken. Katrin Hahner zeigt im Mai farbenfrohe Gemälde und im September wird Karima Klasen eine raumbezogene Installation einrichten. 106

Anfang Juli veranstaltet die Artary Galerie den ‹Galerierundgang Mitte Young Galleries›, bei dem neben der Kunst auch das Feiern und Tanzen nicht zu kurz kommen werden. Ausserdem werden hier spezielle Drucke der gezeigten Werke zu studentisch-moderaten Preisen angeboten – damit die Kunst auch mal unters Volk kommt. Mitte September findet dann in Kooperation mit anderen Galerien der Stuttgarter ‹ART ALARM› statt – ein Galerienrundgang, der ebenfalls zum ungezwungenen Kunstgenuss einlädt. Oben links: Markus Keibel: ‹Über mir› (2009) Oben rechts und unten: die Galerie Artary Fotos: Artary Galerie Dienstag bis Samstag, 12−18 Uhr und nach Vereinbarung Artary Galerie Wilhelmstrasse 5 70182 Stuttgart, Deutschland Weitere Info findest du unter artary.de.


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kopfkino vom umschlag bis zum abspann

Schon Falko wusste: Der Mensch als Egoman beschäftigt sich eigentlich nur mit sich und seiner kleinen Welt. Umso bekömmlicher und spannender ist es, die eigene, aufsässige Persönlichkeit mal aussen vor zu lassen und in das Leben anderer zu tauchen. Unsere Rezensenten haben Bücher und Filme zusammengestellt, in deren fremden Welten und Identitäten man sich verlieren darf. Buch diy

Flair. Damit beeinflusste er massgeblich die Hipster-Kultur der letzten Jahre – von New York bis Paris. Seine Porträtfotografien sind im künstlerischen Umfeld dermassen präsent und unverwechselbar, dass jeder Modefotograf, der schwarzweiss porträtiert einen schweren Stand hat und sowohl Nachahmung als auch Überdruss riskiert. Das Stern Fotografie Portfolio widmet dem Meisterfotografen und Chefdesigner seine 62. Ausgabe. Darin sind beeindruckende Aufnahmen versammelt, die mit puristischem Ansatz die kreative It-Szene von den 90ern bis heute dokumentieren, die Atmosphäre einfangen und mitprägen.

Errungenschaften, Persönlichkeit sowie Erfahrungen – und nicht nur Geld – in die Einrichtungen investiert wurden. Erschienen bei Morrison Media, ca. CHF 22.–

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Frankie Magazine: Spaces Während Kleidung eine Person und ihre (modischen) Interessen äusserlich repräsentiert, porträtiert die Wohneinrichtung das Innere eines Individuums. Der Wohnstil spiegelt die persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben einer Person wider, die bewusst oder unbewusst ins Innere des Eigenheims gekehrt und nicht jedermann zugänglich sind. Gerade deshalb ist dieser Raum der Privatsphäre und des personalisierten Geschmacks so spannend und auch inspirierend. Die Buchausgabe ‹Spaces – Where Creative People Live, Work And Play› des australischen Frankie Magazine erforscht den privaten Wohnstil von Kreativschaffenden, die zwischen Melbourne und Amsterdam leben. Grob zusammengefasst neigen sie zum Selbstgemachten, zu überladenen, liebevoll eingerichteten Wohnungen, Studios und Boutiquen, bestückt mit vielen Vintage-Möbeln, Nippes, Reisesouvenirs, DIY-Basteleien, Tapeten, ausgestopften Tieren, Oma-Häkeldecken und 60er- / 70er-JahreKüchen. Die Bilder zeugen davon, dass Unmengen Zeit, Erinnerungen, kinki kopfkino

Erschienen bei teNeues, ca. CHF 35.–

Stern Fotografie Portfolio No. 62 – Hedi Slimane Wie keinem anderen ist es dem Franzosen Hedi Slimane − seines Zeichens Modedesigner und Fotograf − gelungen, der Mode seine schlanke Linie, neue Proportionen und Inspirationen und der Fotografie seinen unverkennbaren Stil einzuprägen. Was wären Dior Homme, die Männermode allgemein, schwule Jungs, androgyne Models, Karl Lagerfelds Garderobe oder die stylishen Modemagazine heute ohne Slimane? Neben seiner hervorragenden Leistung als Designer gehört aber auch die zeitgemässe Liaison unterschiedlicher kultureller Bereiche wie Musik, Skateboarden, Tanz und Mode zu Slimanes Verdiensten. Die (sub)kulturellen Inspirationen bezog er einerseits in die Modewelt ein und stilisierte in seinen Schwarz-Weiss-Fotografien andrerseits die Symbiose aus coolen Musikern, hübschen Models, Popkultur, dreckigem Rock’n’Roll, Tattoos, angesagter Mode und 90s

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Doppelganger – Images Of The Human Being Im Bildband aus dem Gestalten Verlag geben sich künstlerische Doppelgänger des menschlichen Wesens die Ehre und führen vor, wie mannigfaltig die visuelle Interpretation der menschlichen Hülle sein kann. Dabei wird das Motiv des Doppelgängers – eine Person, die jemandem zum Verwechseln ähnlich sieht – im übertragenen Sinne als Identitätssuche und -findung im Internetzeitalter verstan110

den. Die unterschiedlichen Ansätze der aufstrebenden Künstler, Fotografen und Designer werden in die sieben Kapitel ‹Embody›, ‹Dissolve›, ‹Perform›, ‹Reshape›, ‹Deform›, ‹Appeal› und ‹Escape› aufgeteilt. Das visuelle Gegenüber des Menschen wird dabei mit Fototechnik, Bildbearbeitung, Kostümen und Masken kunstvoll manipuliert und deformiert, sodass neue Identitäten erschaffen werden. Uns beschleicht beim Durchblättern ein ebenso euphorisches wie unheimliches Gefühl: Gibt es auch so etwas wie geschmackliche Doppelgänger? Selten haben wir uns und unsere visuellen Vorlieben in einem Buch so wiedererkannt und -gefunden: Unzählige Künstler und teilweise sogar Strecken sind darin zu entdecken, die wir schon selbst im kinki magazin oder auf unserer Website publiziert haben: Gleich zwei Strecken von Madame Peripetie, das Projekt ‹Urban Camouflage›, Bilder von Mathieu Lavanchy, von Federico Cabrera für Gilles et Dada, Leif Podhajsky, Rachel De Joode, Beni Bischof oder die Performerin Helga Wretman in einer Arbeit von Estelle Hanania. Viele weitere figurieren schon länger auf unserer Liste, befinden sich selbst in diesem Heft oder sind uns aus anderen Magazinen bekannt. Das Buch gibt in diesem Sinne auch einen Überblick über die angesagtesten und spannendsten Künstler der Jetztzeit, und vereint sie unter einem ebenso alten wie aktuellen Thema: der Darstellung von Mensch und Individuum. Ob wir mit den Machern ein verwandtes Stilempfinden, die gleiche ästhetische Auffassung teilen oder die Selektion einfach ein Spiegel unseres kunstsinnigen Zeitgeistes ist − wir werden das


Buch wie unseren grossen, gebundenen Doppelgänger in Ehren halten. Damit ihr unsere Begeisterung teilen könnt, verlosen wir unter unseren Neu-Abonnenten zwei Exemplare auf Seite 109.

der Unterdrückung sind Autoaggression, Angst und Inzest. Über Hintergrund und Motive wird der Zuschauer im Unklaren gelassen. Das persönliche Drama wird abstrahiert und so gleicht der Film einer Theaterinszenierung. Die Bezüge zu aktuellen Diktaturen sind unübersehbar. Mit hellen Farben und starrer Kamera beleuchtet Lanthimos die Folgen einer verklemmten Gesellschaft, die mit rigiden Regeln dem Abgrund entgegen rennt. Dieses Meisterwerk des grotesken Familiendramas durfte nicht in die Kinos – und ist daher umso sehenswerter.

DVD

Familie I

Erschienen im Gestalten Verlag, ca. CHF 50.–

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Henry Miller: Joey – Ein Porträt von Alfred Perlès sowie einige Episoden im Zusammenhang mit dem anderen Geschlecht Joey ist der dritte Band der ‹Book of friends›-Trilogie und eines der letzten Bücher, das Henry Miller geschrieben hat. Die erste Hälfte des Buches ist seinem langjährigen Weggefährten Alfred ‹Joey› Perlès gewidmet. Miller, bekannt und berüchtigt für seine hemmungslosen literarischen Werke, beherrscht wie fast kein anderer die Fähigkeit, Menschen zu beschreiben. Dies zeigt sich eindrücklich sowohl im ersten Teil des Buches, der liebevollen Hommage an Joey, als auch im zweiten Teil, in dem er sich mit einer Heerschar von weiblichen Bekannten auseinandersetzt. Dabei erweckt der Autor nicht nur Pauline, Camilla, Louella, Brenda, Ruth und wie sie alle heissen vor dem Auge des Lesers zum Leben, sondern beschwört auch die Zeit, in der sie lebten. Viele der in diesem Buch vorgestellten Personen, begegnen einem auch in den grossen Romanen Millers, und ermöglichen so einen differenzierteren Blick auf das Gesamtwerk des Autors.

Andrew Lancaster: Accidents happen Man stösst seinen Kopf an der Kühlschranktür und rutscht dann direkt auf der Bananenschale aus – so ungefähr fühlt sich auch dieser Film an. Das Leben ist manchmal nicht fair. Aber damit umzugehen, ist die wahre Kunst. Die Conways sind eine Familie, deren Alltag mit solchen Unfällen gepflastert ist − nur ist alles eine gute Portion heftiger. Autounfall, Tochter verloren, Sohn im Koma, ein Suizidversuch und Alkoholsucht. Dazwischen fallen Torten auf den Boden und man reist den falschen Witz auf einer Beerdigung. Geena Davis brilliert mit Sarkasmus als die Mutter der vom Schicksal gebeutelten amerikanischen Vorstadtfamilie. Andrew Lancaster gelingt etwas, woran die meisten Regisseure von Dramödien sonst scheitern: realistischen, herzlichen Humor aus all der Tragik zu gewinnen. Die malerischen Zeitlupenaufnahmen unglaublicher Familienmomente werden untermalt von Empire of the Sun. Lancaster schafft ein cineastisches Bildermeer, das in all seiner Schönheit die harte Kost gut verdauen lässt.

Bereits auf DVD erschienen.

Männer I

Benoît Delépine und Gustave Kervern: Mammuth Trostlosigkeit, Frust und der Supermarktalltag bestimmen das Leben eines alternden Paares. Schlachter Serge steht vor dem Ruhestand, soll aber keine Rente bekommen, falls er nicht alle Belege vergangener Arbeitstellen nachreicht. Da die finanzielle Krise droht, macht sich Serge mit dem Motorrad auf die Suche nach seinen Belegen. Während seines Roadtrips trifft er die seltsame Künstlerin Miss Ming mit ihrer leicht abartigen Kunst und Lebensart. Ganz französisch, ganz absurd. Der Film ist erschreckend und mitleiderregend zugleich. Vor allem das ungeschönte Porträt der französischen Arbeitergesellschaft ist sehr gelungen. Gérard Depardieu zeigt sich ehrlich alternd vor der Kamera und Yolande Moreau spielt zerrüttend überzeugend die frustrierte Ehefrau. Benoît Delépine und Gustave Kervern haben einen Film geschaffen, der daran glauben lässt, dass der trübe Alltag unabhängig vom eigenen Alter noch zu retten ist.

Bereits auf DVD erschienen.

Familie II

Erschienen im Rowohlt Verlag, CHF 7.50

Die Titel für ihre Autobiografien wissen unsere Rezensenten Frau Ritter und Herr Blake schon mal: ‹rainbow in black & white› bzw. ‹comfortable jusqu’au bout de la nuit›. Jetzt müsste in ihren Leben nur noch etwas so Aufregendes passieren wie in den Büchern, denen sie sich Tag für Tag hingeben.

Yorgos Lanthimos: Dogtooth Ob das Böse wirklich draussen lauert, oder das Unheimliche sich nicht vielmehr im Heimischen verbirgt, ist die Frage, der Yorgos Lanthimos in seinem bitteren Familiendrama nachgeht. Drei Kinder werden von ihren Eltern im eigenen Heim gefangen gehalten, vor der Aussenwelt ‹beschützt› und in den Wahnsinn getrieben. Die Folgen

Bereits auf DVD erschienen.

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Kino

Männer II

Shirin Neshat: Women without Men Die im Iran geborene Shirin Neshat ist eine international bekannte Videokünstlerin und so zeichnet sich ihr Spielfilmdebüt auch durch einen unbedingten Willen zur visuellen Stilisierung aus. Die Handlung folgt einer Gruppe von Frauen im Iran der 50er-Jahre. Das Land befindet sich in politischem Aufruhr, die gewählte Regierung steht im Begriff, von Militär und CIA weggeputscht zu werden, die Situation auf den Strassen eskaliert. Für die vier Frauen unterschiedlichen Alters − jede auf ihre Art Opfer der patriarchalischen Gesellschaftsordnung − bewirken die Unruhen jedoch Veränderungen, die ihnen Momente der Freiheit bescheren. Ein märchenhafter Garten wird zum Rückzugsraum frei von Männern. Der Lauf der Geschichte reisst das kurze Glück aber bald fort. Ein trotz der Märchenoptik grimmiger Film, der zeigt, dass der Preis der Freiheit hoch sein kann – manchmal vielleicht zu hoch. Wer die politischen Hintergründe des heutigen ‹Schurkenstaates› und seine latente Frauenfeindlichkeit besser verstehen will, dem ist dieser Film sehr zu empfehlen. Seit 13. April im Kino.

Auch wenn unsere Filmkritiker Familienkomödien und - dramen nicht nur von der Leinwand kennen, erfreuen sich Franziska Stieglitz und Kai Eisele bester Laune. Schliesslich widmen sich die Rezensenten dieser Ausgabe fortan den sonnigen Seiten des Lebens, zwischen Waffeleis und Flaschenbier.


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Jeden Monat setzen an dieser Stelle Schweizer Künstler drei Beauty-Produkte in Szene. Die Modefotografin Nadine Ottawa liess diesmal die Köpfe schäumen. Sebastian Professional: Penetraitt Shampoo Krafttraining und Erholung in einem: Was man sich selber gerne gönnt, kann auch dem Haar nicht schaden. 250 ml, CHF 29.20

Wella Pro Series: Volume Shampoo Die Pro Series von Wella verspricht ein ‹Frischvom-Friseur-Gefühl›. Volumen und Schwung inklusive, allerdings ohne Gossip und Galahefte. 500 ml, CHF 8.90

Tigi Catwalk: Your Highness Elevating Shampoo Tigi Catwalk lockt mit feinem Jasmin-Lavendelduft und besten Empfehlungen aus Christopher Kanes Kreisen. 300 ml, ca. CHF 22.−

Nadine Ottawa Die Wahlzürcherin Nadine zog es in den letzten Jahren öfters ins Ausland: Paris, immer wieder London und jetzt sogar über den grossen Teich nach New York. Was sie dieses Mal alles an schönen Modefotos und Porträts nach Hause bringt? Seht selbst unter nadineottawa.com. Text und Realisation: Nicola Fischer Model: Lejla Hodzic @ Option, Hair & Make-up: Nicola Fischer

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N°1 Edition Tour feat.

L e s Y e u x S a n s V i s a g e 14.05.2011 Stickerei / St.Gallen DJs Friends with Displays 21:00 Uhr 19.05.2011 DJs Mercury

Les Amis Wohnzimmer / Bern 21:00 Uhr

02.06.2011 DJs Der schlechte Einfluss

Südpol / Luzern 21:00 Uhr

09.06.2011 La Catrina / Zürich DJ Mahu / abbruchhaus.net 21:00 Uhr

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henry und paul

Von Mutterinstinkten. Und Pylonen-Köpfen. Und Rentnern. Text: Roman Neumann, Foto: Philippe Sir? Sprich, Henry. Sir, ich hätte gerne ein Baby. Henry! Du weisst ja gar nicht, auf was du dich da einlässt. Zerbrechlich liegen sie im Arm, seufzen, sabbern und manchmal geben sie kurz dieses kurze Quietschen von sich, bei dem Junggesellen die Angst bis ins Mark fährt. Weshalb, Sir? Weil sie den unaufhaltsamen Schrei erwarten! Es gibt wenig Vergleichbares in der Welt. Alle verheerenden Naturkatastrophen gehören dazu. Tornados, Vulkanausbrüche ... und rachsüchtige Frauen. Letztere können im Notfall nur mit einem rasch zugeworfenen kleinen Kätzchen oder einem schlafenden Baby besänftigt werden. Ein Baby zuwerfen? Sir! Quatsch, Henry, Kollateralschäden sollten vermieden werden. Wobei die Köpfe der Kleinen am Anfang ja noch ganz weich sind. Was könnte man da für Schabernack veranstalten! Ein bisschen rumdrücken hier, ein bisschen pressen da – und schon hätte der Junge, wenn er denn ein wenig wächst, einen famosen Dreiecksschädel. Oben spitz und mit einem Dach über den Ohren. Der braucht nie einen Hut! Sie sind geschmacklos, Sir. Ausreden hätte man auch zuhauf: ‹Mama war’s!› oder ‹Weisst du, Triangelix, du bist als Kind halt mit dem Kopf voran in eine Zimmerecke gerannt und steckengeblieben.› Ganz einfach.

Nicht mal süsse kleine schreiende Dreieckskopf-Enkelkinder.

Sir, ich will das nicht hören. Babygeschrei wollen die Leute auch nicht hören! Es gibt ja tatsächlich Menschen, die Mütter mit schreienden Babys im Arm vorwurfsvoll anblicken und dieses herrliche ‹Tss› zischen. Dabei wollen sie nur reden.

Babys schreien nicht immer, Sir. Dabei könnte Babygeschrei ganz nützlich eingesetzt werden. Um Demonstrationen aufzulösen zum Beispiel. Während Sirenengeheul bei Protestlern wie Engelsglocken in den Ohren klingt, hätte Babygeschrei, welches mit 150 Dezibel gegen die Demo gespielt wird, zweierlei Effekt. Einerseits würde bei weiblichen Demonstranten sofort der Mutterinstinkt geweckt, andererseits würden die Männer schleunigst reissaus nehmen.

Beschweren als sozialer Hilferuf? Aber natürlich, Henry. Die meisten Leserbriefe bei Zeitungen gehen von einsamen Rentnern ein, jenen, die niemanden mehr haben.

Eine fabelhafte Idee, Sir. Fabelhaft. Halt, eine unschöne Nebenwirkung hätten wir da noch: Von überallher strömen einsame Rent-

kinki henry und paul

ner und beschweren sich lauthals über das Geschrei. Ein Chor von ‹Tss›-es zischt den verblüfften Beamten entgegen! Und die Rentner verbrüdern sich, gründen Jassclubs und niemand beschwert sich mehr per Leserbrief. Und alles wird gut. Ich hege gewisse Zweifel gegen diese Theorie, Sir.

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