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nr. 28 september/oktober 2010 chf 6.00.– (schweiz) eur 4.00.– (deutschland) eur 4.50.– (österreich)


Über 100 Jahre Vorsprung. Kurz zusammengefasst. Das jüngste Audi Modell vereint alle Werte der Marke in einer neuen Grösse. Der Audi A1 ist der erste Kompaktwagen, der Sportlichkeit mit hoher Effizienz kombiniert und gleichzeitig allen Premium-Ansprüchen gerecht wird. Seine Form besticht durch progressiv-kraftvolles Design. Ausserdem bietet der Audi A1 Raum. Für die Insassen sowie für Ihre Individualität. Er lässt sich ganz nach Ihren Wünschen gestalten – zum Beispiel mit wählbarer Kontrastfarbe für den Dachbogen oder Designpaketen für den Innenraum. So wird der Audi A1 noch einzigartiger, als er schon ist. Lust auf eine Probefahrt? Ihr Audi Partner erwartet Sie gerne. Alle Händler in Ihrer Nähe und mehr über den Audi A1 finden Sie unter www.audi.ch/a1


Borachio ‹Seest thou not, I say, what a deformed thief this fashion is? how giddily he turns about all the hot bloods between fourteen and five-and-thirty? sometime fashioning them like Pharaoh’s soldiers in the reechy painting; sometime like god Bel’s priests in the old church-window; sometime like the shaven Hercules in the smirched worm-eaten tapestry, where his codpiece seems as massy as his club?› Conrade ‹All this I see, and I see that the fashion wears out more apparel than the man. But art not thou thyself giddy with the fashion too, that thou hast shifted out of thy tale into telling me of the fashion?› - William Shakespeare, ‹Much Ado About Nothing›, 3.3

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auftakt fashion ain’t dead

Lieber Leser. Dramatische Ereignisse haben die Modewelt erschüttert: Yohji Yamamoto ist bankrott, Don Charney stürzt Hipster von L.A. bis Berlin-Mitte in Sinnkrisen und Alexander McQueen sucht gar gleich den Freitod. Während der nahende Herbst sich wie ein dunkler Schleier über die Gemüter legt, sorgen wir für textile Wärme in den Herzen und stoffliche Sonne zum Anlegen. Bedecken, umwickeln, verhüllen – ablegen, ausziehen, entblättern. Aus Zweck­ mässigkeit wird Gesellschaftsritual, eine Siegesfeier banaler Äusserlichkeiten. Wo Kleidung keine wärmende Hülle mehr, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls und sinnstiftende Identitässuche ist, erkunden wir die geheimnisvollen Untiefen von Seele und Körper. Und dürfen dabei freudig feststellen: Mode stirbt nie, solange wir sie lieben! Deine halbbedeckte und textilfixierte kinki Redaktion

kinki auftakt

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[ L I F E A F T E R S K ATE]


2010

We A c t i v is t VA N E S S A P R A G E R , N I C O L E L E M O I N E & C L I N T P E T E R S O N SHOT BY C H E RY L D U N N w w w. w e s c . c o m


inhalt

standard Zitat 03 Auftakt 04 Inhalt 10 Neuzeit 12 Henry & Paul 60 Maske 62 Kopfkino 114 Abo / Impressum 126

report Querschläger: Ueli Schmutz 38 Lord of the pigs 40 Jó napot kivánok – Style made in Hungary 48 Mondän 76 Schöne alte Welt 90 Wortlaut: Shaun Ross 104 Die Antithese 108 My body for the world to see 128

musik Interview: TEENAGERSINTOKYO 74 Lieblingslieder: Jan + Anna 106

mode

80 Just friends: he watches my gauze dress blowing on the line

Dass auch die dunklen Abgründe und lethargischen Gefühlszustände zu unserem inneren und äusseren Befinden gehören und auch ästhetisch nicht weniger reizvoll sind, beweist uns der Fotograf Filippo del Vita eindrücklich in seiner Modestrecke.

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‹She seemed glad to see ...› von Ville Varumo 24 Gilles & Dada 58 ‹Just friends: He watches my ...› von Filippo del Vita 80 Vertreter: Lobster Claws 112 ‹Princes of Stone› von Amanda Camenisch 118

kunst Schauplatz: Fashion Illustration Gallery in London 34 Cocky Eek 52 ‹Zen moments› von Nienke Klunder 64 ‹Obviously› von Audrey Corregan 98 Livraison 116 kooabaisiert [ Ergänzungsmaterial auf kooaba.com ]

kinki inhalt

Zen moments

Cocky Eek Irgendwo zwischen Körper und Hülle, Materialität und Illusion schweben die Aktionen der Holländerin Cocky Eek. Wir haben zumindest einen kleinen Teil davon für euch eingefangen. 10

Meinungen zum Bild der Frau in der heutigen Zeit gibt es viele. Sei es die Weiblichkeit als von der Gesellschaft hervorgebrachtes Konstrukt oder als kämpferisches Individuum. Die Künstlerin Nienke Klunder zeigt uns in ihrem Fotoprojekt ‹Zen moments› ein ganz eigenes Bild vom weiblichen Wesen und erklärt im Gespräch, warum nebst charakterlichen Stärken wie Tapferkeit, Inte­l­ ligenz, Humor und Respekt auch handfeste Werte wie Hüfte und Titten die moderne Frau ausmachen.


98 Obviously Wahrscheinlich umschreibt nichts das Wesen der Mode besser als der Vergleich zum tierischen Federkleid, das den fragilen Körper gleichzeitig schützt und schmückt, ihn mit seinen Artgenossen in Verbindung bringt und gleichzeitig das Abheben in höhere Sphären gewährleistet. Wie könnte man also in einer Modeausgabe auf die Fotostrecke ‹Obviously› von Audrey Corregan, gespickt mit Zitaten der französischen Fotografin, verzichten?

zugabe

Markus Föhn

Niky Roehreke

Der Luzerner Markus Föhn ist 32 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren als freier Journalist, hauptsächlich für den Beobachter. Hin und wieder kommen Projekte hinzu wie die Reportage über Menschen, die ihr Leben in die Dreissigerund Vierzigerjahre vorverlegt haben: ‹Deren Bedürfnis, so leben zu wollen wie während einer Epoche, die sie nur vom Hörensagen kennen, fand ich zu Beginn irgendwie merkwürdig. Zunehmend faszinierte mich aber der Eifer und die Ernsthaf­tigkeit, mit der diese Menschen ihre persönliche Welt nicht einfach hinnehmen, wie sie ist – sondern sie zurechtzubiegen ver­ suchen, bis sie zu einem Ort wird, der ihnen besser gefällt.› – S. 90

Das Central Saint Martins College of Art and Design brachte in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Modeikonen hervor. Alexander McQueen, John Galliano und viele Dutzende mehr machten diese Schule mittlerweile fast selbst zu einer Ikone. Wie alle Ikonen, darf sich aber auch die geschichtsträchtige Kunst- und Designerschmiede nicht einfach auf ihrem Ruf ausruhen. Tut sie auch nicht, denn solange dieser Ort kreative Talente wie die deutsch-japanische Illustratorin Niky Roehreke aus seinen Toren entlässt, dürfte die Qualität auch weiterhin ge­ sichert bleiben! Niky lebt und arbeitet als Freelancerin in London, New York und Tokio und beglückt uns diesen Monat mit ihrer grafischen Umsetzung olfaktorischer Besonderheiten. – S. 108

Peter Rösch

Gian Paul Lozza

‹Ich habe das ganze Klimbim, Tamtam und Trara um die sogenannte High Fashion noch nie verstanden›, gesteht der frisch gebackene Germanist Peter Rösch. ‹Warum ein Sakko zwei Knöpfe hat, wenn man nur den oberen schliessen darf und welche Funktion eigentlich eine Krawatte erfüllt, wird mir wohl immer schleierhaft bleiben.› In seinem kleinen Traktat beleuchtet der 26-Jährige das Thema Mode daher einmal von einer anderen Seite: nämlich von hinten. Widmen möchte er seinen Artikel übrigens allen Arschmodels dieser Welt. – S. 76

Gian Paul Lozza kennt viele Gesichter. Der Fotograf scheint fasziniert vom menschlichen Antlitz und dementsprechend faszinierend sind auch die Werke, die aus diesem Interesse heraus entstehen. Lange bitten mussten wir ihn deshalb auch nicht, als wir ihn fragten, ob er vielleicht ein Porträt von Amanda Lepore für uns schiessen würde: ‹Mein Ziel war es, ein Portrait von ihr als Person zu machen und nicht vom «Objekt» Amanda Lepore. Ich musste aber feststellen, dass es da keine Trennung gibt. Amanda ist durch und durch zum Produkt Amanda Lepore geworden. Selbst in den Augen, wo man normalerweise auf Portraits mehr von einer Person spürt, konnte ich nichts eigenes finden. Künstlerin und Person sind zur Einheit verschmolzen. Wie man darüber denkt, überlasse ich jedem selber. Auf jeden Fall war es eine sehr spannende Begegnung.› – S. 128

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neuzeit

motion design Vom 23. September bis zum 3. Oktober steht Zürich erneut im Mittelpunkt der bewegten Bilder, dann nämlich, wenn das Zurich Film Festival stattfindet. Mit dabei ist auch dieses Jahr wieder das weltweit renommierte Digitalfilmfestival aus London: onedotzero adventures in motion. Die Schweizer Ausgabe, onedotzero_ch, will einen Überblick über das aktuelle Schweizerische Schaffen im Bereich Motion Design und digitalen Geschichtenerzählens liefern. Gleichzeitig ermöglicht das Festival den Kontakt zwischen Designern, Regisseuren, Künstlern und potentiellen Auftraggebern und soll nicht zuletzt inspirieren und die visuelle Eigenständigkeit des Schaffens in allen Genres fördern. Am 1. und 3. Oktober 2010 wird

im Seefeld-Razzia – nebst den Programmen aus London – auch die Schweizer Edition swissmix onedotzero_ch zu sehen sein. Es werden die innovativsten Filme gezeigt, die im Vorfeld von Schweizer Talenten eingereicht wurden. Freut euch also auf Clips, die aufgrund raffinierter und ungewöhnlicher Visualität unverwechselbare virtuelle Welten erzeugen und mit aussergewöhnlichen Methoden Geschichten erzählen und in den Genres Motion Design, Kurzfilm, Musikvideo oder Werbespot visuelle Grenzen ausloten. Auf kinkimag.ch/magazines spricht kinki mit dem neuen Programmverantwortlichen des onedotzero_ch über typisch Schweizerisches Design auf Filmebene. (mm) onedotzero.ch

kopf voran Auch wenn das Duo hinter Goldfrapp – Alison Goldfrapp und Will Gregory – mit seinem bereits fünften Studioalbum ‹Head First› ein klein wenig zu sehr in Richtung cheesy gekippt ist, freuen wir uns dennoch schon seit Monaten bestialisch auf das anstehende Konzert am 5. Oktober im Zürcher X-tra. Und eigentlich kann es auch gar nicht zu viel des Guten geben, wenn es sich um die smarten Briten handelt, die glitzernd und funkelnd bereits seit elf Jahren jede Playlist aufzuwerten vermögen. Die angenehmen Sonderlinge sind bekannt für in fluffiger Atmosphä-

re vorgetragene Liveshows, die sich in die Netzhaut einbrennen. Also: Bügelt eure ins rosa changierenden, fleischfarbenen Strumpfhosen und bestaunt das ‹Spektakel Goldfrapp› am 5. Oktober im Zürcher X-tra. Wir freuen uns jetzt schon auf fluoreszierende Farben am Rande des Nervenzusammenbruchs und werden mit dem getunten Lastwagen vorfahren. Ach ja: Für diesen Act verlosen wir 2 x 2 Konzerttickets. Schickt uns einfach eine Mail mit dem Betreff ‹Goldfrapp› an wettbewerb@kinkimag.ch. (am)

agenda

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17.09.– 21.09. Lakmé Fashion Week, Mumbai feat. Anand Bhushan, Rimzim Dadu, Kallol Datta u.v.m. Mumbai 17.09.– 22.09. London Fashion Week feat. Matthew Williamson, Vivienne Westwood, Richard Nicoll, Christopher Kane u.v.m. London 22.09.– 26.09. MQ Vienna Fashion Week feat. Alexandra Trummler, Anouk Wipprecht, Tiberius, Surreal Objects u.v.m. Wien 22.09.– 29.09. Milano Moda Donna feat. Prada, Fendi, Bottega Veneta, Emilio Pucci u.v.m. Mailand 23.9.– 3.10. Zurich Film Festival mit Onedotzero Razzia (Onedotzero), Zürich 28.09.– 07.10 Paris Ready to Wear feat. Louis Vuitton, Lanvin, Elie Saab, Costume National u.v.m. Paris

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06.10.– 10.10. shnit – Internationales Kurzfilmfestival Bern 08.10. kinki presents: is tropical (uk) Comet Club, Berlin 09.10. kinki presents: is tropical (uk), motorbooty! (d) Molotow, Hamburg

London calling: Alison Goldfrapp lädt ein zum grossen Spektakel

13.10.– 20.10. Los Angeles Fashion Week Los Angeles 20.10.– 24.10. Athens Fashion Week feat. Panos Apergis, Makis Tselios, Dimitris Dassios u.v.m. Athen 22.10.– 28.10. Seoul Fashion Week Seoul 27.10.–31.10. Glasgow Fashion Week Glasgow kinki neuzeit

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gummi over all over feuer Vor einiger Zeit hatten wir euch an dieser Stelle bereits vom Projekt ‹GummiLove› des Schweizer Snowboarders und Lebemanns Daniel ‹Gummi› Rietmann berichtet, der seit über einem Jahr mit verschiedensten Kollaborationen dafür sorgt, dass das Thema Verhütung nicht in Vergessenheit gerät, sondern sicht- und tragbar thematisiert wird. Auch für die kommende Herbst- / Wintersaison sind verschiedenste Kooperationen mit unterschiedlichen Brands und Künstlern geplant, die allesamt den roten Kussmund und seine Botschaft an ein junges und jung gebliebenes Publikum weitergeben möchten. Auch die Grafikerin Natalja Romine hat sich Gedanken zu den Gefahren der ungeschützten körperlichen Liebe gemacht, welche sie passenderweise mit den Worten ‹Es gibt kein ‹‹Öpfeli Z›› nach einer

paperboy Nun ist kinki definitiv 2.0, wenn nicht sogar 2.0.1! Ab sofort könnt ihr nämlich jeden Beitrag, der im Inhaltsverzeichnis mit dem kleinen Dreiecksymbol gekennzeichnet ist mit euerm iPhone fotografieren, und ihr erhaltet in Sekundenschnelle Hintergrundinformation, zusätzliche Inhalte wie Videos und Musik oder könnt die Artikel via Facebook und E-Mail an eure Freunde weiterempfehlen. Dazu müsst ihr euch lediglich die kostenlose App ‹kooaba Paperboy› runterladen und schon kann’s losgehen: Einfach die Paperboy-App installieren, in der Applikation ein Foto einer mit dem Dreiecksymbol gekennzeichneten Seite aufnehmen, und schon liefert euch Paperboy mittels Bilderkennungsprogramm automatisch digitale Extras für die betreffende Seite. Also löscht eure doofen ‹Feuerzeug›- und ‹Wasserwaage›Apps und schafft Platz für eine Applikation, die wirklich Sinn macht! (ah)

Ansteckung›, erklärt und grafisch mit einem T-Shirt mit der Aufschrift ‹Gummi über alles› und passender Kondomtasche für schnelle Einsätze umsetzte. Zu haben gibt’s das Leibchen als Longshirt für die Damen der Schöpfung oder als klassisches T-Shirt für Männer, jeweils in den Farben Schwarz oder Weiss. Rund 15 Prozent des Ertrags gehen bei jedem verkauften Shirt an die Präventionsarbeit des Vereins SaveMyLove.net, der Kauf lohnt sich also nicht nur aus rein egoistischen Gründen. Und wer dennoch das Leibchen gratis erhaschen möchte, der schreibt einfach eine Mail mit dem Betreff ‹GummiLove›, gewünschter Grösse und Farbe an wett­bewerb@ kinkimag.ch, gewinnt eines der schmucken Shirts und investiert das gesparte Geld in Kondome. Fürs Gummitäschchen … (rb)

Die richtige Garderobe für jeden Anlass: GummiLove.

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auf den kopf gestellt Hose in S, Shirt in M und Jacket in L – passt nicht zusammen? Die Italienerin Mariavittoria Sargentini zeigt, dass klassische Grössenabstufungen Schall und Rauch sind. Für ihr Label ‹Marvie› experimentiert sie mit traditionellen Schnitten, dekonstruiert und setzt neu zusammen. Die Grössen Small, Medium und Large verschmilzt sie so, dass die drei neuen Endprodukte zwar unterschiedlich und doch beliebig austauschbar sind. Das Ergebnis des Projekts ‹S+M+L› ist ein minimalistisches Spiel mit Mass und Material. Wie unkompliziert so ein Einkaufsbummel wohl wäre, bei dem man nicht auf die richtige Grösse der gewünschten Neuzugänge für den Kleiderschrank achten muss? T-Shirts, Mäntel und Hosen werden neu erfunden: in wechselbaren Schichten aus verschiedenen Stoffen, mit unterschiedlichen Längen und Schnitten. Alle Stücke der Designerin sind sommer- und wintertauglich und passen an Körper von Mann und Frau. In ihrem Showroom in Paris und auf der Homepage kann man einen Blick auf Mariavittorias bisherige Kollektionen werfen. (bs)

Aller guten Dinge sind drei: ‹Marvie› spielt mit S, M und L.

kooaba.com

marvielab.com

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und flamme

Klar, Rauchen schadet der Gesundheit, macht abhängig, unfruchtbar, sorgt für gelbe Zähne, schrumpelige Haut und viele weitere böse Überraschungen. Umso verwunderlicher erscheint dabei allerdings der Grund, warum man den glimmenden Sargnägeln in Jugendjahren nicht widerstehen konnte, nämlich weil’s einfach gut aussieht. Clint Eastwood, Marlene Dietrich, James Dean, Slash und tausende weitere Superstars haben es uns vorgemacht: Mit einer Kippe im Mundwinkel wirkt das langweiligste Gesicht plötzlich verr(a)ucht und sexy. Noch verführerischer als das Schloten selbst dürfte lediglich der Moment des Anzündens sein, der etlichen Filmen über dramaturgische Schwächen hinweghalf und als theatralischer Akt auch im Alltag pure Erotik verstäubt. Wichtig ist dabei allerdings, dass man dazu auch stets den geeigneten Feuerspender in der Tasche trägt, denn auch wenn man seinem Gegenüber dabei noch so tief in die Augen blickt, verliert der Moment der Feuerspende einiges an Grösse, wenn man mit einer billigen Plastikflamme aufwartet, oder der Geliebten mit einem Zippo nebst Zigarette auch die Fransen anzündet. Nein, ein richtiger Gentleman trägt natürlich ein designtechnisches Wunderwerk in seiner Manteltasche, am besten eines aus dem französischen Hause S.T. Dupont. Wie es sich für ein richtiges Traditionshaus gehört, blieben die Duponts nämlich in den letzten 150 Jahren bei ihren Leisten und versorgen Jung und Alt mit stilsicheren Accessoires wie Füllfederhaltern, Taschen, Schmuck – und eben Feuerzeugen. Zwar sind die edlen Feuerspender leider auch wirklich so teuer, wie sie aussehen, doch da man vom Rauchen ja leider sowieso nicht so schnell wieder wegkommt, dürfte sich die Investition für die meisten lohnen. Erhältlich bei Two Rooms in Zürich oder über boutique.st-dupont.fr. (rb)


leben und laufsteg Mode als Psychoanalyse? Stefan Fuchs weckt mit seiner Kollektion Sehnsüchte und Erinnerungen.

Die Kindheit: grösster Zufluchtsort und viel zitierte Inspirationsquelle. Ob Sänger oder Modedesigner, kaum jemand, der sich nicht inspirieren liesse von der eigenen Kindheit oder der Sehnsucht nach einer fremdartigen, besseren. Die Reminiszenz par excellence hat auch Stefan Fuchs, dessen E-Mail uns vor ein paar Wochen verzauberte, beflügelt. So lässt der

eben absolvierte Modedesigner in seiner Abschlusskollektion Bärte aus Perlen wachsen oder baut höhlenartige Mäntel und Strickjacken, in denen seine Models scheinbar Verstecken spielen. Auf dem Laufsteg entfernt sich Stefan Fuchs allerdings von der Kindheit und zeigt den vollständigen Lebenszyklus – von den Kinderjahren bis zum Altern. Dabei geht der

Mensch seinen Weg nicht allein. Es folgen Liebe und der gemeinsame Weg ins Alter. Die eher düster anmutende Inszenierung seiner Abschlusskollektion und das damit einhergehende Gefühl von Sehnsucht, Traum und Erinnerung könnt ihr diesen Monat auf kinkimag.ch/ magazines entdecken. (am) stefan-fuchs.net

cool kids are made of laser beams Luke Skywalker wäre vor Neid erblasst oder so grün wie sein Laserschwert geworden, hätte er Daniel Ramirez Perez’ Laserfertigkeiten gekannt. Mit der Agilität eines Samurais und der Präzision eines Origamimeisters schwingt der Gründer des Labels ‹Lazerherz› nämlich behände sein Lichtschwert und erschafft aus dem Nichts fragile Figuren. Nicht auf Darth Vader, sondern auf Plexiglas richtet Daniel seinen Lasercutter und vollführt durch das Aussparen von Dreiecken, Rechtecken und Kreisflächen Tapes, Roboter, Brillen, Schlüssel oder Herzen, welche schon Ohr und Brust der Modischen vom Brick Lane Market schmückten. Dort verkaufte Daniel Ramirez Perez seine ersten Lazerkinki neuzeit

cut-Schmuckstücke, nachdem er nach hervorragender Arbeit bei der Fashion Queen Vivienne Westwood, einen Aushilfsjob als überbezahlter Model Maker in einem Architekturbüro annahm und dort zum ersten Mal mit einem Lasercutter in Berührung kam. Auf dem beliebtesten Pflaster der Londoner Hip-Szene testete Daniel demnach seine ersten Entwürfe mit Random-Motiven, und was dem hohen CoolnessFaktor dieses Markts genügt, hat ohne Frage auch Potential die Indie-Szene Berlins, Paris’ und dem Rest der Welt zu erobern. Die erste Laserherz-Kollektion, die 100 Stück umfasst, vertreibt Daniel nun von seiner Basis in Berlin über seinen Onlineshop. (fr)

Jungen- und Mädchenträume, endlich vereint: ‹Lazerherz› schmiedet Schmuckstücke mit Laserkraft!

lazerherz.de

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multitalent Ein wahrer Tausendsassa des Modezirkus ist er: Der Zürcher Yannick Aellen hat schon für zahlreiche Labels – darunter Louis Vuitton, Miu Miu, Rodarte – und Events wie den Swiss Textiles Award gecastet, gemanaged, choreografiert oder die Shows kreativ begleitet. Doch soll es hier für einmal nicht um Mode in dem Sinne gehen. Denn der Herr hat auch musikalisches Talent. Schon seit langer Zeit schreibt und singt Yannick Songs. Dabei kollaborierte er unter anderen mit der ElectroBlues-Pop-Band Alf, der Combo Ö oder mit der Sängerin Annette de Goumoëns, woraus zahlreiche Veröffentlichungen entstanden. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit dem Berliner Produzenten Christoph Varga ist Anfang August nun die EP ‹Dark Crooning› mit drei poppig-düsteren Tracks bei DSQT erschienen. Die mehrheitlich elektronischen Songs entstanden zwischen Liverpool, London, Berlin und Zürich. Nun, reinhören lohnt sich auf jeden Fall, denn das leicht an Depeche Mode erinnernde ‹The Devil (Is A Woman I Never Slept With)› wurde bereits Laufsteg- und Lieblingssong des Berliner Fashionlabels Kaviar Gauche. (ah)


I am the thunder, I am the sound, the million volts, the years of doubt. My stitches are made to hold my fury when I’m the star deep in the night. I am your voice,


way back, back into time ab in die pampa Oldschool, aber nicht von gestern: kinki verlost zwei Uhren von Casio!

Der Spruch ‹You’re so 1993› wäre vor einigen Jahren noch ein dezent vorgebrachter Hinweis auf die

Der Herbst hat eigentlich nur eines mit dem Frühling gemeinsam, nämlich dass man Morgen für Morgen vor dem Schuhschrank steht und sich fragt, ob es heute wohl regnen wird, oder nicht. Schlüpfte man im Sommer noch fröhlich pfeiffend in einen leichten Sommerschuh, so gewöhnen sich die bleichen Füsse im Winter nach anfänglichen Mühen an Moonboots und Stiefel, doch was legt man sich nur in den

Tatsache gewesen, dass man der Zeit etwas hinterher und nicht auf dem neuesten Stand war. Mittlerweile hat sich jedoch beinahe alles und jeder den Oldschool-Mantel umgehangen. Für Mode, Musik und mitunter auch Frisuren gilt jetzt: je älter, desto besser. Auch vor unserem Lieblingsaccessoire hat dieser Umkehrtrend nicht haltgemacht: Anstelle der pompös glitzernden Riesenapparate, die den halben Unterarm verdecken, ist uns ein schickes, schlankes und schlichtes Uhrenfabrikat lieber. Wie das aussehen kann, zeigen – übrigens seit 1976 – die Uhren von Casio. Damit du up to date bleibst, verlost das kinki magazine zwei Casio-Uhren! Schreibt einfach eine Mail an wettbewerb@kinkimag.ch mit dem Betreff ‹casio – gold› oder ‹casio – silber›. (bs)

Übergangszeiten zwischen heiss und kalt um die Zehen? Eine zeitlose Lösung für Übergangszeiten hält seit über 60 Jahren der Schuhhersteller Palladium bereit, der mit seinem Pampa Boot eine Kombination zwischen sommerlicher Leichtigkeit und winterlichem Profil gefunden hat. Den Schuh mit der unverkennbaren Gummisohle gibt es in unterschiedlichsten Materialien und drei verschiedenen Höhen zu haben, neuerdings auch mit gummierter Front, damit die Zehen auch im Herbstgewitter vor Nässe verschont bleiben. Kaufen kann man die schmucken Pampa-Stiefel übrigens nicht – wie der Name vermuten lassen würde – am Ende der Welt, sondern bei OLMO in Bern oder im Webshop von Palladium auf palladiumboots. com. (rb)

casio.com

grafische abendgesellschaft Grafikdesign vom Feinsten gab es bereits zum dritten Mal bei der ‹Soirée graphique› in Bern zu bestaunen. In den Räumlichkeiten der Agentur ‹cosmic› waren junge Talente aus der Design-, Fotografie- und Kunstszene zu Gast: Unter anderem gaben sich Philippe Desarzens aus Zürich und das vierköpfige Illustratoren-Kollektiv Blackyard die Ehre. Internationaler Headliner war der österreichische Exil-New Yorker Stefan Sagmeister. Die Veranstaltung ist Ausstellung, Unikat-Versteigerung und Aftershow zugleich und in dieser Form einzigartig in der Schweiz. Die ‹grafische Abendgesellschaft› will die kreative Szene fördern, untereinander vernetzen und einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen – und lockte wieder einmal zahlreiche Liebhaber von Kunst und Grafikdesign ans Aareufer im Altenberg. Das kinki magazine war Medienpartner der Ausstellung, zu der erstmals ein gedrucktes Magazin mit grafischen Arbeiten und Interviews der ausstellenden Künstler erschienen ist. (bs)

Ausstellung, Auktion und Aftershow: Die ‹Soirée graphique› in Bern (zu einem der Ausstellungsposter unter http:// soiree-graphique.ch/)

soiree-graphique.ch

your scene sucks Punk ist mittlerweile ja zum breiten Massenphänomen geworden, und ebenso einfallslos und öde wie die etlichen Subgruppierungen und Pseudo-Mischgenres der gitarrenlastigen Untergenres wie ‹Post Rock›, ‹Indie Core› und so weiter zuweilen erscheinen, so uniformiert pflegen deren Anhänger ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe modisch in Szene zu setzen. Dieses Phänomen hat der 29-jährige Illustrator Rob Dobi zum Inhalt seiner Page yourscenesucks.com gemacht: egal ob ‹Orgcore Punker›, ‹MySpace Whore›, ‹Screamo Frontman›, ‹Halloweencore Goth› oder ‹Apple Store Indie›, hier kriegt jedes uniforme Styling sein Fett ab. Wer sein eigenes Äusseres übrigens von Mr. Dobi persönlich zeichnen und mit einigen Anleitungen versehen lassen möchte, der kann dem Herrn Illustrator gegen ein (einigermassen geringes) Entgelt und einige Fotos von sich selbst eine ganz persönliche Karikatur abkaufen. Wie ‹Punk› diese Idee nun ist, darüber lässt sich sicherlich streiten, aber nur schon die Namensgebungen der einzelnen ‹Scenesters› sind definitiv einen Besuch auf der Seite wert. (rb) yourscenesucks.com

kinki neuzeit

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kurvenreich Laut einer angeblich seriösen Studie glauben 77 Prozent aller Frauen, dass es qualvoller ist, eine perfekt sitzende Jeans zu finden, als sich einem Brasilian Waxing zu unterziehen. Nun gut, lassen wir diesen Befund einfach mal so stehen. Doch ins Jeansgeschäft des Vertrauens zu spazieren, eine Hose aus dem Regal zu ziehen und ohne lästiges Anstehen oder sich schwitzend in zu engen Kabinen durch zig Modelle probieren zu müssen, das Geschäft mit der perfekten Hose in der Tüte wieder zu verlassen, wär schon schön, oder? Was sich anhört wie ein Märchen aus dem modischen Schlaraffenland oder auf jeden Fall zu schön, um wahr zu sein, ist jetzt Realität. Mit der ‹Levi’s Curve ID – New Custom Fits for Women› hat die endlose Suche nach der perfekten Passform und der damit verbundene Frust ein Ende. Ein internationa-

‹Levi's Curve ID› verspricht guten Halt in allen Kurven. Dadurch könnte man schnell die Bodenhaftung verlieren …

les Team aus Designern, Passformund Schnitttechnikern, Denimund Stilexperten hat die Jeanskol lektion entwickelt. Vorangehend wurden rund 60′000 Frauen vermessen und die weltweit drei häufigsten Körperformen identifiziert. Beim ersten Einkauf wird die Kundin vermessen, denn die Curve ID-Kollektion setzt auf Passformen und nicht auf Grössen, und die können nun mal nicht bloss durch Taillenumfang und Beinlänge ermittelt werden. Aus den Daten wird dann die passende Jeans ermittelt. kinki möchte seine Leserinnen mit der perfekten Hose beglücken und verlost fünf ‹Levi’s Curve ID›, die euch in den Jeans & Co. Filialen in Zürich, Luzern, Bern, Zug oder Chur sozusagen auf den Leib geschneidert werden. Schreibt uns eine Mail mit Betreff ‹Curve ID› an wettbewerb @kinkimag.ch. (mm)

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back to basics Diesel hebt ab und setzt mit ‹Diesel 5 pockets› ein tragbares Zeichen gegen Massenware.

Frau kann nicht genug Taschen haben. Dies ist ein allgemeingültiges Gesetz und gilt in diesem Herbst auch für Jeans. Und für den Mann. Denn für den hält die neue ‹Diesel 5 pockets›-Kollektion ebenso viel bereit, wie für die Damen. Die Diesel 5 pockets wollen ein Zeichen gegen Fast Fashion setzen. Ja, richtig gelesen. Als Pendant zum Fast Food, spricht man auch von Fast Fashion, die den Gegenpol zu kreativer, teilweise in Handarbeit

hergestellter Mode darstellt. Die Herbst- / Winterkollektion 2010 von Diesel steht für DIY und will ihre Träger ermutigen, gegen die Massenware zu rebellieren und sich modisch von der Menge abzuheben. Das zentrale Element der Kollektion sind dabei ungewöhnliche Strukturen im Jeansstoff. Das können grob gewobene Elemente ebenso wie abgenutzte, zerrissene Stellen sein. Dieser ‹Punk-Spirit› handgemachter Innovationen

kitchen goes kleid

zeigt sich bei den Damen durch kleine Ketten an den Gesässtaschen und dekorativen Elementen sowie gestickten Mustern an den Seitennähten. Jede Jeans ist handgemacht und so ein Unikat. Die Männerkollektion kommt in japanischem Denim daher und lässt den Träger unter anderem mit kunstvollen Airbrush-Verzierungen in einem gediegenen Vintage-Look erscheinen. (mm)

Die Küchenschürze steht in Sachen Status und Style auf einer Stufe mit Schuhabstreifern und Trinknäpfchen für Katzen. Wie daraus ein Hingucker für die Strasse werden kann, zeigt das junge Label von Debora Rentsch. Kernstück der aktuellen Kollektion der Designerin aus Bern ist das Schürzenkleid: Im klassischen Schnitt des typischen Küchenumhangs wird es durch einen asymmetrischen Verschluss und die Zweitverwendung als Rock modern uminterpretiert. Der Schlüssel ist die Schlichtheit: Debora spielt mit klaren Formen und schimmernden Silhouetten und entwirft so unaufgeregte Basics aus Bio Denim, Cotton und Wolle. Durch besondere Wickelformen und asymmetrische Knopfverschlüsse bekommen Hosen, rückenfreie Neckholder und Satinblusen einen spannenden Dreh. Im November 2010 zeigt Debora ihre Kollektion an der BLICKFANGMesse in Zürich. Zu kaufen gibt es die in Kleinserie produzierten Stücke im Toku Store in Bern und bei FOR ART in Basel. (bs)

diesel.com

deborarentsch.ch

zieh leine, spinner! Das beste Mittel gegen die zaghaft aufkeimenden Herbstdepressionen (oder auch das Schlimmste, was man in Anbetracht des unaufhaltsam näher rückenden Wintereinbruchs tun kann) ist, sich nochmals genussvoll durch die Fotos des Sommerurlaubs zu wühlen. In Gedanken den Sand durch die Zehen rieseln zu lassen, die nette Reisebekanntschaft anzuhimmeln und in der Hoffnung

kinki neuzeit

einer Hand, zieh die Leine mit der anderen und lass los – blitzschnell dreht sich die Kamera um ihre eigene Achse und verewigt das Panorama auf einem Schnappschuss viermal breiter als ein herkömmliches Foto. Und da die Zeiten, in denen man die Abzüge für nostalgische Fotovorträge noch in die Hand nehmen konnte irgendwie besser waren, als die heutigen, in denen man sich mit schlecht

sich etwas vom Duft des temporären Daheims in Erinnerung rufen zu können, die Nase am Computerbildschirm platt zu drücken. Und sowieso war es im Urlaub so schön, dass man alle Eindrücke am liebsten als 360°- Panaromabild verewigt hätte. Hätte? Ja warum denn eigentlich nicht. Die neueste Kamera aus dem Hause Lomo macht’s möglich. Halte die ‹Lomography Spinner 360› in

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angeschriebene Dateien auf der Festplatte herumplagt, wurde auch die Idee für die Kamera von einem futuristischen Kamerakonzept aus den Achtzigerjahren inspiriert. Für rundherum gelungen festgehaltene Urlaubsbilder verlost kinki eine Spinner 360. Schickt uns eine Mail mit Betreff ‹Spinner› an wettbewerb@kinkimag.ch. (mm) lomography.com


DAS PARFUM

FÜHLEN, TEILEN, TRÄUMEN A U F W O M A N I T Y. C O M


kinkimag.ch

pandaemonium Diesen Monat entführt der Künstler Alexander Binder euch auf kinkimag.ch mit seinem Projekt ‹Pandaemonium› in eine Zwischenwelt, in der Körperlichkeit neu verhandelt wird: Geometrische und körperliche Strukturen trennen sich von ihrem gewohnten Umfeld ab, erschaffen

neue Querverweise und wirken so teils verstörend und befremdlich, immer aber faszinierend. Er nutzte seinen eigenen Körper als Ausgangsmaterial dieser neu entworfenen Formen, veränderte sie mittels Photoshop, Layering und 3-DRendering und macht somit auch

technische Vorgehensweisen und deren Hinterfragung zu einem wichtigen Teil seiner Arbeit. Ausserdem werden Gegensätze wie Oberfläche und Innenseite, Beschleunigung und Entschleunigung, Organik und Anorganik, Trend und Gegentrend eindrücklich infrage gestellt.

chrissie abbott Chrissie Abbott ist besessen von Typographie, SiebzigerjahrePoster-Artwork, alten Fotografien und Musik von Cream, Kate Bush, den Beatles und den Beach Boys. Die Vorlieben der jungen Londonerin liessen sich also perfekt mit dem Design von Plattencovern verbinden, dem sie sich nach dem Studium in Grafischer Illustration am London College of Communication während drei Jahren hingab, bevor sie sich als Grafikdesignerin selbstständig machte. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine

Kombination eindringlicher Muster, psychedelisch angehauchter Motive aus der Natur und wie zufällig zusammengewürfelte Collagen alter Fotografien aus. Ihre Liebe zu Farben manifestiert sich in kitschig-schönen Farbenwolken, die Schwerpunkte liegen auf Pink und Blau – am besten kombiniert, versteht sich. Viele ihrer Designs haben es auf T-Shirts etwa von 2K oder Urban Outfitters geschafft, wodurch die glitzernde Wunderwelt der Chrissie Abbott etwas Magie in den Alltag trägt.

daria marchik Daria Marchik lässt sich nicht in eine Schublade quetschen. Die russisch-amerikanische Künstlerin hat es mit ihren wundervoll bizarren Fotografien schon in die russische Vogue geschafft, die künstlerischen Zusammenarbeiten mit Andrey Bartenev und anderen Künstlern machten sie zu einem festen Namen in der Kunstszene. Doch ihre skurrilen Welten werfen stets die Frage auf, mit was es der Betrachter denn hier genau zu tun hat. Diesen Monat steht sie uns auf kinkimag. ch Rede und Antwort.

anziehend … … ist natürlich diesen Monat auch alles Übrige, was euch auf unserer Website erwartet. Denn wie in dieser Ausgabe, steht auch online für die nächsten 30 Tage alles unter dem hell leuchtenden Stern des Modehimmels: sei es das ‹verhör› kinki kinkimag.ch

unseres Reviewnators Mathias Bartsch, der sich diesen Monat ebenfalls ganz der guten Garderobe verschrieben hat oder eine wunderbare Modestrecke der Fotografin Elena Kholkina, zahlreiche Interviews, Videos, Künst22

lerporträts und viele andere Highlights dies- und jenseits von Couture und Zeitgeist. Ein Besuch lohnt sich also nicht nur für Modeopfer, sondern auch für all jene, die beim Surfen die Trainerhose dem Abendkleid vorziehen.


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She seemed glad to see me when I appeared in the kitchen, and by watching her I began to think there was some skill in足 volved in being a girl. Photography: Ville Varumo Vintage Styling: Heidi Marika Urpalainen Hair & Make-up: Marii Sadrak Model: Jutta Ronkainen @ Fondi

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Quote on page 24: Harper Lee: ‹To Kill a Mockingbird›, Chapter 12


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So manche gute Idee hat ihren Ursprung in ein paar Bleistiftstrichen auf Papier. Was für Gebäude und futuristische Designs von Autos und Möbel gilt, steht ebenso am Anfang eines jeden modischen Haute Couture - Stücks. Text: Martina Messerli

M

odezeichnungen wird normalerweise das Leben im Rampenlicht versagt. Von grossen Modehäusern als Vorlagen für die kommenden Kollektionen in Auftrag gegeben, erfüllen die papiernen Kostbarkeiten ihren Zweck, werden danach aber entweder entsorgt oder fristen in vergessenen Kisten ein einsames Leben im Archiv. Während die Modewelt Interesse an den fertigen Entwürfen und Kleidungsstücken zeigt und man bestenfalls noch über die Models spricht, geraten die Ursprünge eines jeden Entwurfs und deren Gestalter in Vergessenheit. Dabei hat die Mode-Illustration als Kunsthandwerk eine lange Tradition. Schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts brachten Magazine wie Harper’s Bazaar oder Vogue interessierten Frauen die neuesten Kreationen optisch näher. Ihre Blütezeit erlebte die Illustration in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Der Modeschöpfer Christian Dior war einer der

kinki schauplatz

Laurence King erschien. Genau so wie das reich bebilderte Buch ist auch die Galerie ein visueller Augenschmaus und bietet eine einzigartige Übersicht über das Genre der Mode-Illustration. Der Galerie wurde aus diesem Anlass auch exklusiv Zugang zum Vogue-Archiv gestattet, weshalb die Fashion Illustration Gallery seltene und wertvolle Werke von den wichtigsten Illustratoren der heutigen Szene wie zum Beispiel François Berthoud, Jean-Philippe Delhomme, David Downton, Tanya Ling, Jason Brooks, Gladys Perint Palmer und Marko Matysik, die bereits im Dienste internationaler Modekonzerne wie Louis Vuitton, Viktor & Rolf, Chanel und Burberry gestanden haben, zeigt. Die Fashion Illustration Gallery zeigt aber auch nicht-kommerzielle Werke, die nicht im Auftrag von Modehäusern entstanden sind, und umso mehr von den kreativen Qualitäten ihrer Schöpfer zeugen. Die Galerie fördert zudem den Austausch zwischen Sammlern

ersten Designer, der in der Nachkriegszeit das Bedürfnis nach farbenfroher Mode antizipierte. Da aber Couture-Präsentationen bloss einem kleinen, exklusiven Kreis vorbehalten waren, gierten Frauen nach Informationen aus der Modewelt und die wurden eben gezeichnet.

100 Jahre ModeIllustration Die Fashion Illustration Gallery im Zentrum Londons wurde 2007 von William Ling gegründet und stellt seither Originale und Reproduktionen verschiedenster Modedesigner aus. Die Galerie bietet die einmalige Gelegenheit, sich mit der Geschichte des Modedesigns vertraut zu machen und verhilft den kunstvollen Zeichnungen und Gemälden zu verdienter Aufmerksamkeit. Erstmals erlangte die Galerie Bekanntheit durch die Ausstellung zum Buch ‹100 Years of Fashion Illustration›, das 2007 im Verlag 34

und Künstlern in einem stetig wachsenden Liebhabermarkt und ist für interessierte Besucher auf Anfrage zugänglich. Fashion Illustration Gallery The Mayor Gallery 22A Cork Street London W1S 3NA Die Fashion Illustration Gallery öffnet auf Anfrage für Besucher. +44 (0)20 8543 6731 fashionillustrationgallery.com


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querschläger alles, ausser angepasst

Was hat uns der Rock ’n’ Roll und all seine Comebacks nicht schon alles beschert: schreiende Männer, zu enge Hosen, zahlreiche Stars, Alkoholvergiftungen, zügellose Sexualität … und Jacky Schmutz! Text: Rainer Brenner, Foto: Daniel Tischler

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ls wir sein gemütliches Heim in der Nähe von Solothurn betreten, sitzt Ueli ‹Jacky› Schmutz ohne Hemd auf der Couch und erholt sich von seiner Operation, von der mehrere Narben auf seinem Bauch und Hals zeugen. ‹Auf der Bühne bin ich ein Killer, im Spital ein Scheisshund›, fasst der ‹Mister Swiss Rock ’n’ Roll› seine Angst zusammen, als er sich vor fünf Wochen einen Tumor aus seiner Speiseröhre herausschneiden lassen musste. Doch alles ist gut gelaufen und Jacky erfreut sich des Lebens, als hätte man ihm ein neues geschenkt. Seine verschmitzten Augen blicken auf eine über 40-jährige Bühnenkarriere als Pianist und Sänger der Jackys zurück, in der er etliche Tonträger verkaufte, die unter anderem Goldstatus erreichten. Seien es berndeutsche Lobeshymnen an das einfache Leben wie ‹Dr Büezer›, ‹Mi Stammtisch› oder englische Blues-, Boogie- und Rock ’n’ Roll-Nummern, Jacky lässt in seinen Songs das Herz all jener lauter schlagen, die eine romantische Sehnsucht nach der guten alten Zeit hegen. Sein weisses Haar und der strenge Schnauzer sind zu einem Markenzeichen geworden, wirken aber in seinem schlank gewordenen Gesicht weniger markant als auf den alten Bildern von ihm. Jacky ist um keinen Spruch verlegen, als er uns durch sein Haus, das von seiner Karriere und seinem Familienleben erzählt, führt, wirkt dabei aber nie prahlerisch, sondern eher wie ein kleiner Junge, der einen Spielkameraden nach Hause einlädt. Auf seinem Gartensitzplatz lehnt sich Jacky gemütlich in seinen Stuhl zurück. Im Hintergrund sonnt sich seine Frau Marianne, der Hund Namens Jerry Lee schleppt sich durch die kinki querschläger

Mittagshitze und das monotone Surren der Reinigungsmaschine im Pool untermalt leise unser Gespräch über die Seele des Rock ’n’ Roll.

Schillernde Persönlichkeiten, die gleichzeitig versuchen, Authentizität zu vermitteln. Könnte man das von dir auch behaupten? Ich glaube schon. Auch wenn man ‹schillernd› auf positive oder negative Art auslegen kann.

Interview

Hat sich denn die Situation bei euch im Bandbus verändert, wenn du an frühere Zeiten zurückdenkst? Nein.

kinki magazine: Rock ’n’ Roll scheint der zeitloseste Musik-, Mode- und Lifestyletrend der letzten 60 Jahre zu sein. Liegt das vielleicht daran, dass niemand so genau weiss, was diese drei Worte eigentlich bedeuten? Ueli ‹Jacky› Schmutz: Der Ursprung jeglicher modernen Popmusik ist meiner Meinung nach der Blues. Der Blues ‹heiratete› die Countrymusik und ihr Kind war der Rock ’n’ Roll. Hinzu kam dann noch der Soul. Für mich ist Rock ’n’ Roll ein Naturell, mein Gitarrist sagte mir mal: ‹Du spielst das nicht nur, du lebst den Rock ’n’ Roll.›

Immer noch verraucht, verkifft und überall Bierflaschen? Also gekifft habe ich nie, aber mit dem Rauchen habe ich erst vor fünf Wochen aufgehört. Ungefähr 200 000 Franken habe ich verraucht, ich habe es erst kürzlich ausgerechnet. Aber eben, in der Garderobe wird immer noch über das gleiche geredet: Zehn Minuten über Musik, was danach folgt kannst du dir selber ausdenken (lacht).

Er umfasst ja aber irgendwie alles, was einen Hauch von Unangepasstheit beinhaltet, oder? Das ist richtig. Ich musste selber kürzlich daran denken, als ich mir im Fernsehen einen Krimi anschaute und die Gangster vor dem Banküberfall einander ‹Let’s Rock ’n’ Roll!› zuriefen. Ich muss aber sagen, dass für mich, in meinem Alter der Rock ’n’ Roll 1965 aufgehört hat. Ich war ja mal bei einem AC/DC-Konzert, die redeten auch von Rock ’n’ Roll. Aber eine Schuluniform und kurze Hosen? Das ist für mich kein Rock ’n’ Roll, das ist Rockmusik, was die machen. Ich bin in ‹meinen› 50ern hängen geblieben, dazu stehe ich auch.

Im Rock ’n’ Roll geht es ja, wie du selber sagst, oft nur um das eine. Ausserdem wird viel geflucht und angegeben. Sind vielleicht die Ganster-Rapper die wahren Rock ’n’ Roller der Jetztzeit? Das glaube ich nicht. Wir haben uns nie als Gangster oder Kriminelle betrachtet. Vielleicht sah man so aus, aber so kriminell waren wir Halbstarken nicht. Aber Prügeln und Klauen, Zerstören, das gab es – bei uns hier – nicht. Wir räumten vielleicht die Kirschbäume leer, dafür mussten wir nachher den ganzen Nachmittag lang den Garten rechen. In deinen Songs geht es ja oft darum, dass du in der falschen Zeit geboren wurdest, was war denn in den 50ern besser? Keine Ahnung, vielleicht gar nichts. Diese 50er, wie ich sie mir

Der Rock ’n’ Roll – egal auf welcher Ebene – bringt scheinbar stets dieselben Figuren hervor: 38

vorstelle, waren halt einfach schon geil, stell dir nur mal vor, was die Generation davor zustande gebracht hat. Den zweiten Weltkrieg! Da konnte man danach nicht viel falsch machen (lacht). Allgemein könnte ich aber nicht sagen, ob die Zeiten besser oder schlechter geworden sind. Jerry Lee Lewis sagte mal, man solle entweder heiss oder kalt sein, denn den Rest spucke der liebe Gott wieder aus. Was bist du? Heiss! Oder kalt. Das ist natürlich schon ein richtiger Rock ’n’ Roll-Spruch. Jerry war ja auch wirklich – entschuldige den Ausdruck – eine riesen Sau. Egal ob auf der Bühne oder privat, er fluchte, schoss auf die Villa Graceland, zündete das Klavier an, als er als Erster spielen sollte … Hast du eine Message für alle jungen Rock ’n’ Roller da draussen und all jene, die es noch werden wollen? Kauft meine Platten (lacht). Nein, natürlich nicht. Rock ’n’ Roll ist eine Philosophie, aber es sollen ruhig alle Rock ’n’ Roller werden. Und was müssen sie dafür tun? Sie sollten Respekt haben. Aber keine Angst. Ueli ‹Jacky› Schmutz, 65, wohnt mit seiner Frau und Hund Jerry in Obergerlafingen bei Solothurn, hat 3 Kinder und 4 Enkel. Das Hörbuch über sein Leben, das Jacky in seiner gewohnt rauchigen Stimme, für die man ‹driissg Jahr suufe und rauchä mues› sprechen wird, erscheint voraussichtlich nächstes Jahr. Das Thema Frauen wird darin lediglich in einem einzigen Satz be­ handelt. Wie dieser lautet, sei an dieser Stelle aber noch nicht verraten.


‹Sie sollten Respekt haben. Aber keine Angst.›

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Lord of the pigs Wer an einen Schweinezüchter denkt, dem mag ein gewichtiger älterer Herr in Wolljacke und dreckigen Gummistiefeln vorschweben, der nonchalant zwischen Mensch und Tier dahinsiecht. Wohl kaum aber ein durchgestylter dänischer Jungunternehmer, wie ihn die Fotografen Joscha Kirchknopf und Andrea Grambow für ihr Modeshooting vor seinem lichtdurchtränkten tschechischen Schweinestall vorfanden. Text: Jan Bender und Joscha Kirchknopf, Fotos: Joscha Kirchknopf und Andrea Grambow

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er auch immer es gewesen sein mag, der in diesen Tagen in einem Supermarkt irgendwo in Europa seine Hand auf ein ganz besonderes Exemplar von vakuumierten Schweinenacken legte, und womöglich aus purer taktiler Sinneslust durch die transparente Plastikfolie die Piment-Wacholder-Marinade in den strammen Muskel massierte, wäre auch in seinen wildesten Träumen wohl kaum auf den Gedanken gekommen, dass dieser Nacken noch vor kurzem stolz ein Vivienne Westwood-Jackett durch einen tschechischen Schweinestall trug. In eben jenem Stall trafen wir neulich Morten Jørgensen – Besitzer dieses Betriebs, und weltweit einer der gefragtesten Berater für Schweinezucht. Gerade mal 29 Jahre alt, verkauft der junge Däne ausserdem für das grösste dänische Unternehmen in Sachen Schwein, SPF, europaweit Schweine. Vom glibberigen Ebersperma, gebärfreudigen Zuchtsauen bis hin zu süssen Ferkeln. Vor Kurzem war er auf einem Kongress in New York als Gastredner eingeladen. In nicht allzu ferner Zukunft steht die Messe in Toronto an. Seine Firma verkauft von Südamerika bis nach Russland. Auch er hat Träume. Und die kinki report

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hören sich so an: ‹To fly with hundreds of pigs to China! That would be fun, huh?! I’d like to do that one day!›

Männer und Schweine

Wenn man Morten zuhört, wie er von seinem Buisness erzählt, fällt einem unweigerlich IKEAs ‹Duz-Philosophie› ein. Diese skandinavische souveräne Gelassenheit, gleichzeitig bestimmt und immer persönlich. Eine wissende Überlegenheit, die keine überdeutliche Hierarchie und Machtsymbolik benötigt. Er ist nah dran an seinen Kunden. Wenn man weiss, dass er vorbeikommt, wird schon mal eine Portion mehr gekocht und er wird vom österreichischen Bauern zum Abendessen eingeladen. Vor Jahren, erzählt Morten, noch während seiner Zeit als Betriebsleiter einer Schweine­ farm in der Slowakei, hat er nebenher eine Personalvermittlungsagentur gegründet. Er stellte für jeden Bereich seines Unternehmens qualifizierte Leute ein, und überliess den Rest den Gesetzen unserer Zeit. ‹I had absolutely no clue about this business. But these days were fun! I had my own personal assistant – she did everthing for me!› Wenn er Leute zu Geschäftsterminen empfing, passierte es oft, dass die ihn 40

am Firmeneingang überrannten und am Empfang nach Mr. Jørgensen fragten. Sie hielten ihn schlichtweg für den Praktikanten. Als das Unternehmen florierte, verkaufte er es und stieg mit dem Erlös als Teilhaber in einem ehemaligen Kolchosebetrieb ein. Vom Menschenhandel zum Schweinehandel. Einst galt: homo homini sus scrofa. Der Mensch ist dem Mensch ein Schwein. Heute ist es einfacher: Das Schwein ist dem Menschen ein Schwein. Der Humanismus dankt.

Existenzen in Excel

Für 4,5 Mio. Euro komplett modernisiert ist seine Farm sozusagen State of the Art. Zum Anwe-


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sen gehört ein Schloss mit diversen Stallungen und Scheunen aus den letzten Jahrhunderten. Zwei Tage im Monat ist Morten durchschnittlich hier auf seinem Schloss und kontrolliert den Betrieb auf seiner Schweinefarm. Den Rest verbringt er grösstenteils mit Tempo 180 in seinem VW Passat auf der Autobahn zwischen Europas Schweinehöfen; seit er festgestellt hat, dass ihn, dank seines slowakischen Kennzeichens, kein tschechischer oder deutscher Bussenzettel erreicht, auch ein bisschen entspannter. Auf dem Schlossgiebel liest man noch die Ziffern 1276. Doch kein dunkles Mittelalter erwartet einen im eigentlichen Mastbetrieb. Das klinische Weiss ist nicht nur ein weitgehend keimfreies Purgatorium von Tausenden von Schweinen, es ist vor allem sauberer als unsere benachbarte Vegetarier-WG, deren GemüseBratlingreste auf dem Glaskeramikherd (in Folge von Verzicht auf silikonhaltige Kosmetikprodukte) ein Spiegelbild ihrer Gesichtshaut zeichnen. Man begreift sehr kinki report

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‹To fly with hundreds of pigs to China! That would be fun, huh?!› schnell: Dieser Morten versteht sein Geschäft, ohne dass ihm das Socializing abgeht, und dabei verbringt dieser junge Däne zwei Drittel des Jahrs unter Schweinen, deren Existenzende schon in einer Exceltabelle vermerkt ist.

Das Schweigen der Säue

Vor allem entspricht er auch nicht dem Bild des Schweinezüchters, das sich im kollektiven Bewusstsein festgefressen haben mag. Man ist schliesslich immer leicht geneigt, Menschen mit einer derartigen Erwerbstätigkeit (wie die eines Schweineverkäufers) mit der Physiognomie der Ware zu identifizieren. Nein, er hat keine wässrigen Schweinsaugen. Er verfügt auch nicht über die Art von Wurstfinger, die Anlass gäben, vom iPhone auf das iPad upzugraden. Seine Nägel sind manikürt, und er besitzt auch keine Ähnlichkeit mit Gary Oldman in der ‹Das Schweigen der Lämmer›-Fortsetzung. Nachdem wir den ganzen Tag in den Ställen fotografiert und total eingenebelt in dem infernalischen Ammoniak-Gestank die Zeit vergessen haben, ist es schon ziemlich spät, bis wir wieder aus den Blaumännern draussen, geduscht und in unseren Klamotten in Mortens Auto sitzen. 42

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‹Always give them no other opportunity.›

1 Das Schweigen der Lämmer.

5 Vivienne, nachdenklich.

2 Morten Jørgensen ist Lord of the Pigs. Hemd: HUGO Men’s Collection Tuch: Vintage

6 Vivienne trägt Vivienne Westwood.

3 Der Stall. 4 Hemd und Hose: HUGO Men’s Collection Stiefel: Vintage 43


‚I had absolutely no clue about this business.›

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7 Kein Scherz: Hier schliesst Morten gerade einen 1,2 Mio. Euro-Deal ab. Jackett, Hose: Henrik Vibskov Shirt: Weekday Sonnenbrille: Fotograf privat 8 Pullover: Wester Ring: Vintage 9 Das vorzeitige Aus: Am Rande der Farm werden an Krankheit verstorbene Tiere bis zum Abtransport aufbewahrt. 10 Jackett, Hose: Henrik Vibskov Shirt: Weekday Sonnenbrille: Fotograf privat 11 Pullover: Wester 10

‹Basically, I am 95 percent vegetarian.› Uns hat es ordentlich den leeren Magen umgedreht, und mit flauen Gefühl sind wir auf dem Weg in die nächste Stadt, um ein Restaurant zu finden, das noch offen hat. Da ein tschechischer Nationalfeiertag auf diesen Montag fällt, ist es schwer etwas zu finden. Noch das Quieken im Ohr, fielen mir auf der Fahrt wieder die Worte einer anglosächsischen Genetikerin ein. Ein Freund von mir verbrachte vor Kurzem eine Nacht mit eben jener auf einer 90-Zentimeter-Matratze eines Hotels unweit eines internationalen Flughafens. Postkoital offenbahrte sie ihm: ‹You know, genetically … men are closest to swine than anything else.›

‹Essen Sie Fleisch?›

Schliesslich parkt Morten direkt vor dem Haupteingang eines spätkommunistischen Hotel-Prunk-Betonklotzes auf dem Behindertenparkplatz. Uns kommt der Portier entgegen und protestiert. ‹I am hungry and there is no other parking space›, antwortet Morten freundlich, aber bestimmt. ‹Always give them no other opportunity›, kommentiert er, wäh-

rend unsere Schritte auf dem Marmorboden durch die riesige leere Hotellobby hallen. Im Restaurant sitzt der Koch neben zwei allzu blondierten Kellnerinnen beim Feierabendbier. Nach kurzem Wortwechsel mit dem Personal kommt Morten mit einem zufriedenen Lächeln zurück: ‹Not so bad that I’ve been here before, huh?!›, grinst er mit seinem charmanten dänischen Akzent. Noch nicht wirklich vom Ammoniak erholt, übergibt sich Andrea auf der Hoteltoilette und wir haben im Nullkommanix Hähnchenbrust auf Ruccola, gegrillte Entenleber und ein tschechisches Bier auf dem Tisch. ‹You know Joscha, it’s like that: Basically, I am 95 percent vegetarian›, beginnt er zu erklären, während er auf seiner Entenleber kaut. Nach seinem eigenen Fleischkonsum zu fragen, ist sicherlich nicht die einfallsreichste Frage, die man einem Schweineverkäufer stellen kann, aber nach einem Tag unter 9000 Schweinen interessiert es einen doch.

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Text: Jan Bender und Joscha Kirchknopf / BOEUC Foto: Joscha Kirchknopf und Andrea Grambow / ON ANY GIVEN MONDAY Special Thanks to Morten Jørgensen and Julius Geis.


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Hin- und R端ckfahrt ZVV Zone 10 (Stadt Z端rich) und ZVV- Nachtnetzzuschlag im Ticket inbegriffen


Jó napot kivánok  — Style made in Hungary 1

Zwei Autostunden östlich von Wien, genauer gesagt in Budapest, ist die Mode bunt. So bunt, dass man sich daraus unverzüglich ein Bouquet zusammenstellen und nach Hause mitnehmen möchte, um künftig nicht mehr auf den westlichen Gleichschritt diverser Grosslabels angewiesen zu sein. Text: Isabelle Haklar, Fotos: Beat Schweizer

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Bernadett Pallai in ihrem Atelier im Untergeschoss des ‹Eclectick› Shops.

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igentlich sollte uns der westliche Modegleichschritt zum Kauf von bunt bedruckten mit Blumen, Streifen und ausgefallenen Mustern verzierten Kleidern animieren. Doch laut Edina GyovaiFarkas, Gründerin des Labels ‹Eclectick›, seien ‹Westler› diesbezüglich immer noch etwas verhalten und müssten zum Kauf ermutigt werden. In ihrem Geschäft finden sich nur Kollektionen junger Designer aus Ungarn, zum Beispiel von Bernadett Pallai. Das Atelier der 30-Jährigen befindet sich im Untergeschoss des Shops. Sie stammt aus Miskolc, einem Dorf im Nordosten Ungarns, etwa 200 Kilometer von Budapest entfernt, und zog 1997 in die Hauptstadt, um an der ‹Moholy-Nagy University of Art and Design› zu studieren. Mit vier Kommilitonen gründete sie ein Label, das sich mit dem Thema Wasser auseinandersetzte. Die erste Kollektion der Designer stiess auf reges Interesse bei der Presse, die sie fortan als ‹Aquanauten› bezeichnete. Kurzerhand taufte das junge Quintett das Label nach diesem Namen. Mittlerweile besteht ‹Aquanauta› nur noch aus Detti. Die ambitionierte Ungarin macht, wie sie sagt, Mode für Leute um die Dreissig und entwirft auch Kleider auf Bestellung, zum Beispiel Firmenuniformen oder Theaterkostüme. Nebst ihrer Tätigkeit als Modedesignerin unterrichtet Detti zwei Halbtage pro Woche an der ‹Modart› in Budapest. ‹Ein guter Ausgleich und Inspirationsquelle zugleich›, wie sie lächelnd sagt.

dung. Mal bunt, mal einfarbig mit Ornamenten verziert: Bruchstücke traditioneller Blumenmotive der Region Matyo, einem Gebiet im Norden Ungarns. Beim Miteinbeziehen dieses historischen Sujets in ihre Kleider ist Detti stets darauf bedacht, nie die Blume als Ganzes zu zeigen. So, dass auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, worum es sich handelt. Schliesslich wollen die Leute nicht durch klar ersichtliche, sich wiederholende Ornamente an die strengen uniformen Muster des Sozialismus erinnert werden, so Detti, die sich noch gut an die straff gemusterten mit strengen, grafischen Linien und Formen versehenen Plastiktischtücher ihrer frühen Kindheit erinnern kann. ‹Bei vielen Modeschöpfern in Ungarn resultiert aus geringen finanziellen Mitteln ein grosses Mass an Kreativität›, sagt Shopbe­ sitzerin Edina. Reststoffe würden nicht einfach weggeworfen, sondern in ein weiteres Kleidungsstück integriert - somit sei die Reflexion über das vorhandene Material im Osten eine unfreiwillige.

‹Inspirationsquelle kann ein 80-jähriger Mann im Trenchcoat auf der Strasse sein.› – Detti

Die Mutter aller Modeschöpfer

Wie viel Kreativität in Budapest steckt, zeigt der ‹Erzsébet tér› im Herzen der Stadt, auf dem einmal im Monat die ‹WAMP› stattfindet: Ein Designmarkt, bei dem sich auserwählte Kreative treffen, um ihre Ware feilzubieten, von einem breiten Publikum wahrgenommen zu werden und mit den Kunden in direkten Kontakt zu treten. Oft sind Neulinge mit ihren Sachen noch in keinem Shop vertreten und nur über das Internet aktiv. So gilt die ‹WAMP› als Mutter aller aufstrebenden jungen Modeschöpfer und Designer Ungarns. Zugleich fungiert sie als Edinas ‹Eclectick› Shop in Budapest, vis-à-vis des traditionellen ‹Centrál Kávéház›.

Ein bisschen ungarische Tradition muss sein

Ihre namenlosen Aquanauta-Kollektionen sind jeweils auf drei Stück limitiert – wahre Unikate zu dennoch erschwinglichen Preisen. Einige erinnern an die Garderobe von Grace Kelly oder Audrey Hepburn; schlicht und elegant, doch gleichwohl für den Alltag bestimmt. Andere wiederum bringt man mit Schürzen in Verbin49

Dachverband, Forum und Sprungbrett. Zweimal pro Jahr findet zudem die ‹Stylewalker Night› statt. Ein Modebummel zu nächtlicher Stunde, an dem an die zwanzig Shops teilnehmen, und bis Mitternacht geöffnet sind. Ein Sprungbrett war die WAMP auch für Gabriella Szabó, die letztes Jahr an ihrem dreissigsten Geburtstag erfuhr, dass sie mit einer eigenen zagabo-Kollektion am Markt teilnehmen darf. So egoistisch es auch klingen mag, ihre Inspirationsquelle sei, wie sie sagt, sie selbst. Ihre Kleider entsprächen ihrem persönlichen ästhetischen Befinden, wenn sie diese zu Papier bringt. Dennoch seien ihr Kundenfeedbacks für künftige Kreationen natürlich sehr wichtig. zagabo macht erschwingliche Mode für das weibliche Geschlecht von sechzehn bis vierzig. Laut Gabriella ist es ein Ziel, eine breite Kundenbasis zu haben, weil es unzählige Frauen gibt, die ein gutes Auge für exquisite Kleidung haben. Genau so breit wie der Kundenkreis ist auch die Mode von zagabo. Das Sortiment reicht


‹Mode ist angewandte Kunst.› – Gabriella Szabó

der der Uniformität des ehemaligen Sozialis­ mus sowie der Uniformität des Westens trotzt, und dennoch bereit ist, etwas von seiner Tradition aufzugeben. Bereits jetzt schon ist der Teppich dicht geknüpft, und langsam aber stetig werden die kleinen, noch vorhandenen Löcher mit jungen aufstrebenden Modeschaffenden gefüllt.

Gewährt dem Ostflavour Einzug!

von eleganten knielangen Röcken über Blusen bis hin zu Mänteln. Auch Blazer, Shorts oder Buntfaltenhosen zählen zur Kleiderpalette von zagabo. Blumige Rüschchen, farbige Stoffelemente, grosse Kragen und Kapuzen verleihen den Kreationen einen verspielten Touch. Fashion ist für die 30-Jährige etwas, das uns jeden Tag umgibt, angewandte Kunst. Etwas, das nicht für spezielle Momente bestimmt ist, uns beim Spaziergang mit dem Hund ebenso begleitet, wie wenn wir zur Arbeit oder ins Theater gehen.

Mit eng anliegenden Ellbogen

Junge Modekreateure, die dank dem EUBeitritt Ungarns nun vermehrt die Möglichkeit auf Praktika im Westen und somit auch Einblick in den westlichen Arbeitsprozess erhalten. Laut Gabriella Szabó fand in den letzten Jahren in der ungarischen Modeszene ein beinahe exponentielles Wachstum statt. Nicht, weil davor ein Mangel an talentierten Modedesignern herrschte, sondern weil diese erst jetzt realisierten, dass nebst Talent und Kreativität auch gutes Marketing zum Business gehört. So hofft sie, dass die westliche Modewelt den einzigartigen ‹Flavour› der osteuropäischen Länder entdeckt und ihm eine Chance gibt, sich im Westen etablieren zu können. Üdvözlet Svájcba², Mode made in Hungary. ¹ Guten Tag ² Willkommen in der Schweiz

Etwas, das dem Kunden verborgen bleibt, jedoch ein wertvoller und sympathischer Bestandteil der Budapester Modeszene ist, ist deren Mentalität. Anders als in unseren Breitengraden sind die Akteure keine Einzelkämpfer, die sich mittels ihrer Ellbogen vorwärts wursteln. In Budapest hat das Miteinander einen grossen Stellenwert. Man will, dass sich die Mode des Ostens längerfristig als Ganzes im Westen etabliert und nicht nur einige wenige Kreative. Ein gutes Beispiel dafür ist das Label ‹Detti & Ipek›; bestehend aus Bernadett Pallai und Ipek Turkoglu. Zusammen gestalten die Freundinnen Accessoires, da diese weder in Dettis noch Ipeks Kollektionen Platz finden. Zudem arbeitet Ipek, wie sie sagt, stets nur mit ‹dirty und trashy› Materialien, und hatte Lust, einmal etwas aus weichen und sauberen Sachen zu kreieren. In den Accessoires des Duos stösst man vermehrt wieder auf Segmente der klassischen ungarischen Blumenmotive des Nordens. Diese zieren Pantoffeln, Lederetuis, Geldbörsen oder kleine Notizbüchlein – alles Handarbeit, wie auch Ipeks ‹Balkan Tango›Kollektionen. So verwebt sich die Budapester Mode zu einem grossen Teppich. Einem Modeteppich, kinki mode

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Gabriella Szabó, in Eile posierend, an der nachgeholten ‹WAMP› am letzten Maisonntag. Websites und Adressen: eclectick.hu: Eclectick, V. ker., Irányi utca 20 aquanautadesign.com: fregoli, V. ker., Királyi Pál - Bástya utca sarok camou.hu: Retrock, V. ker., Ferenczy I. utca 28 balkan-tango.com: Retrock Deluxe, V. ker., Henszlmann Imre ucta1 zagabo.com: INSITU, V. ker., Múzeum krt. 7


Cocky Eek 1

1 ‹Kite-dress is a 16 meters long dress; floating along the coastline. One person is lifted, by a huge kite, about 30 meters of the ground. While flying in the air, the dress performs continuous waves in its cloth. The aeronaut can pilot the dress in endless shapes.› Kite-engineer: Patrick de Koning 2 Spira Mirabilis: ‹These spiral-like costumes are tested in a lab to define their equi­libriums in a nongravity situation.› Photo: Nathalie van Helvoort kinki kunst

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Als würde der Kopf für unbestimmte Zeit das Denken sein lassen und den Körper in ferne Universen jenseits der einengenden Wirklichkeit tragen – so muss sich Cocky Eek fühlen, wenn sie in Aktion tritt. Die niederländische Künstlerin stellt unsere Vorstellung von Identität und Raum in Frage: Ist da Luft? Nichts? Alles? Text: Bastian Steineck

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‹How would it be if we could con­ struct our worlds from just air: basically all one needs is a skin to keep its integrity.› 3

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3 ‹Space Explorer wonders what female transportation vehicles could look like to make some wondrous space travelling.› 4 Ice-illumine: ‹A person has filled a huge bag of air while skating over a lake and caught the sunset in it.› 5 Floating Room: ‹A person is wearing an airy cubic room of 3 x 3 x 3 meters. In this performance the room / person is catapulted by a bungee-cord in a big space, while tum­ bling through the air, the person loses the sense of under, above and sides.›

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Mit den abstrakten Begriffen zu spielen, ist die eine Sache. Die andere ist, diesen Fragen in der Realität nachzugehen. Cocky Eek, geboren 1966, agiert an der Schnittstelle zwischen räumlicher Installation und haptischer Aktionskunst. Aus einem federleichten Forscherdrang heraus verzerrt sie die Elemente Licht und Luft bis zur Illusion, umgeben von einer textilen Hülle, die sie als Individuum verdeckt und verkleidet und doch eine eigene modische Identität formt. Halb fliegend, halb schwebend, alternierend zwischen festem Körper, loser Hülle und leerem Nichts ist Cocky Eek auf der Suche. kinki kunst

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6 ‚Illumine found its inspiration from some luminous jellyfishes. It is a latex balloon-dress filled with air and light. The intensity of the light inside the latex skin is changing according the breathing rhythm of the wearer.›

6 cockyeek.com

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Gilles & Dada

‹Gilles et Dada is a state of mind. That is why it transforms itself according to moments and events. Gilles et Dada applies itself to everything, and yet it is nothing, it is the point where the yes and the no and all the opposites meet, not solemnly in the castles of human philosophies, but very simply at street corners.› Text: Florence Ritter, Fotografie: Federico Cabrera

Interview kinki magazine: Wann habt ihr die dadaistische Bewegung kennen gelernt und weshalb gefällt sie euch? Jasmin und Federico: Unser Interesse für den Dadaismus rührt von der Idee, lächerliche Standards zu durchbrechen, die es in der Welt gibt. Oder bedeutungslose und künstliche Aussagen in kreativen Feldern zu bekämpfen, indem man etwas tut, das für einen selbst echt oder im eigenen Leben von wahrer Bedeutung ist. Es ist auch der einzige Weg, Kunst als etwas anzunehmen und zu verstehen, das absolut alles und gleichzeitig nichts ist. Es ist ein Paradox, das uns inspiriert; im Herzen sind wir beide kleine Anarchisten. Euer grafisches Stilmittel basiert darauf, Bilder auseinander zu schneiden, zu kopieren, zu dehnen und auf überraschende Weise wieder zusammenzufügen: Ist das eine dadaistischer Ansatz? Federico: Es könnte sein, aber eigentlich war das ursprünglich nicht die Überlegung. Ich arbeite auf diese Weise, weil ich die Vision mag, als roh, simpel und so direkt wie mögkinki mode

lich wahrgenommen zu werden. Ich nehme an, dies hat mit meiner Persönlichkeit zu tun, die Kraft zu schüren, um Sachen in meinem Leben und ausserhalb zu ändern. Zurzeit kommt dabei etwas sehr Rohes heraus und ich fühle nicht mehr das Bedürfnis, Sachen zu überdenken oder zu planen, ich glaube und vertraue in mein Gefühl und ich stelle diese Determination ständig auf die Probe. Führt ihr euren Shop selber? Was macht ihr sonst noch? Beide: Wir arbeiten manchmal im Laden, aber wir haben einige andere Projekte wie ‹Who said we cant›, eine Onlinegalerie mit ausgewählten, kreativen Werken. Der Fokus liegt darauf, die Arbeiten sehr junger und talentierter Personen zu präsentieren und zu fördern. Dieses Projekt ist fantastisch, weil es uns ermöglicht, andauernd mit anderen Künstlern in Kontakt zu stehen, und wir Kollaborationen eingehen und uns gegenseitig unterstützen können.

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‹Like everything in Life, Gilles et Dada is useless. Gilles et Dada is without pretention, as Life should be. And yet we still have our dreams.› Adapted from ‹Lecture on Dada› by Tristan Tzara

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er Klang des Labelnamens ‹Gilles et Dada› erinnert mein verklärtes Franzosenherz an die Leichtigkeit des Namenpaares ‹Jules et Julie›: die prototypischen Namen für den Jungen und das Mädchen der ehemaligen Grande Nation. Doch die Geschichte, die sich daraus ableiten lässt: ‹Junge trifft Mädchen in der Bar, schenkt ihr den koketten Namen ‹Dada› und gründet mit ihr ein hippes Modelabel›, ist viel zu romantisch für die Macher von Gilles et Dada. Diese fahren eher eine poetisch-philosophische Linie, kommen aus Finnland und heissen mit echtem Namen Federico Cabrera und Jasmin Mishima. Gilles et Dada ist ihr Label, das sich mit einem eigenen Store in Helsinki feiert. Hinter den Namen Gilles und Dada verstecken

sich keine Personen, sondern eine Philosophie und ein Hinweis auf deren inspirierende Quelle: Den Dadaismus, auf den meine Zürcherraison mich sogleich angesetzt hatte. Die Selbstbeschreibungen des Labels, die sich auf ihrer Website in Englisch finden, und die sie beispielsweise von der ‹Lecture on Dada› von Tristan Tzara adaptiert haben, verraten denn auch viel mehr über ihr Label als irgendwelche Gründungsgeschichten. ‹Gilles et Dada sind niemand und alle zugleich. Sie sind, wen du sie zu sein wünschst. Es ist ihre Geschichte, die wir durch unsere Kollektionen erzählen›, verraten mir Federico und Jasmin. Und auch: ‹Wir mögen den Gedanken, dass Ideen und Gefühle da sind, um entwickelt und durch jegliche künstlerische Ausdruckswege erforscht zu werden.› Dem nicht genug, gestehen sie sich freilich die Nutzlosigkeit von Mode und Sein ein, was sie jedoch nicht daran hindert, weiter zu träumen. Die Bezeichnungen ‹Nonsens Art Fashionbrand for Men and Women› und der Shop ‹Nostylebutgoodsense› tragen ihr Restliches zum Konzept bei. Die visuelle Ebene ist Gilles et Dadas zweites Kommunikationsmittel, das den sorgfältig angepassten, philosophischen Zitaten in nichts nachsteht. Dies sind die ausgefallenen grafischen Arbeiten von Federico, die mich bei der Entdeckung des Labels erst an ein Fotografenteam denken liess. Die aufwendig gestalteten Kampagnenbilder, für deren Styling sich Jasmin zuständig zeigt, sind auf Blog und Website noch präsenter als die Mode selbst. Die Bilder zeigen Models mit verwirrend gestreckten Hälsen, gedehnten Oberkörpern und ausgeweiteten Frisuren, die offensichtlich einer Photoshop-Stempelaktion unterlagen.

Trotz der augenscheinlichen Manipulation ist man sofort gebannt und lässt sich leichtherzig von den kleinen optischen Eingriffe irritieren sowie von den surrealen Wesen in eine andere Welt entführen.

Dada-Haus in Helsinki

Auf der Textilebene verkörpern ‹cleane› Schnitte und abgewandelte Basics, viele weisse T-Shirts mit Claims und Sujets im typischen Gilles et Dada-Stil ihren Geisteszustand. Die Farben Schwarz und Weiss dominieren die Kollektionen, glänzende Leggins und Blusen aus leichten Stoffen mit Schulterpolstern, Punkten oder fragilen Details ergänzen das Sortiment. Auch Drappierungen stehlen sich immer wieder auf die Kleidungstücke, doch weiss man nicht so recht, ob sie stoffliche Elemente oder Resultate der märchenhaften, grafischen Inszenierung sind. Insofern bleibt uns nicht viel anderes übrig, als Jasmin und Federico im Store in Helsinki zu besuchen, um mit eigenen Augen zu sehen, was konkret Schnitt und Kleidungsstück ist, und was zur Ausstattung und grafischen Bearbeitung gehört. Insgesamt haben die beiden aber einen verführerischen Kosmos geschaffen, der uns fasziniert und dem wir uns gern anschliessen, um die weitere Geschichte von Gilles et Dada zu erfahren und mit ihnen die absolute Freiheit einzufordern. gillesetdada.com nostylebutgoodsense.com

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henry und paul

Die mit guten Songs. Und mit zu guten Freunden. Und mit Madonna. Text: Roman Neumann, Foto: Philippe Sir? Sprich, Henry. Sir, was hören Sie sich da an? Einen Song, welcher ausdrückt, wie alleine man zu zweit ist, Henry. Ich verstehe nicht ganz, Sir. Sieh Henry, wenn zwei Menschen über längere Zeit miteinander zu tun haben, ganz gleich in welcher Beziehung sie zueinander stehen, geraten sie innert kurzer Zeit in einen Sog ihrer Reaktionen aufeinander. In einen Strudel, der sie, meist negativer Natur, in gewisse Verhaltensmuster hineinpresst, die sie von sich gar nicht kennen. Oh. Ja, oh, Henry. Als Beispiel: Da gibt es Freunde, die sich niemals sagen würden, wie gerne sie sich haben. Anderen werfen sie es ohne zu zögern wie Ramsch hinterher. Oder Männer, die sich mit engen Freundinnen – keine Liebespaare, wohlgemerkt! - nur über drei, vier Themen unterhalten können. Und wenn sie sich doch trauen, anderes anzuschneiden, schmeckts fad im Mund und fremd im Ohr. Und beide bemühen sich, peinlich berührt, rasch wieder auf festen Boden, auf gewohntes Terrain zurückzuhuschen. Sir, man will sich im Freundes­ kreis vielleicht nur portiönchen­ weise öffnen. Einer kennt diese Seiten, der andere diese. Ab­ sicherung. Kontrolle. Vielleicht zu einem kleinen Teil, Henry. Aber vielfach ist es die Eigendynamik, die zwei Menschen zusammen entwickeln. Einer sagt dies, der andere verstellt sich deswegen, der erste zieht mit, und die Spirale dreht. Klammern Sie sich davon aus, Sir? Quatsch, Henry. Aber es geht mir dabei, wie mit den guten Songs. Denen, die dir Hühnerhaut verschaffen, bei denen es Momente mitten im Song gibt, bei denen du sterben willst. kinki henry und paul

Oh, das kenne ich, Sir. Mir geht es bei fast allen Liedern von Madonna so. Scher dich zum Teufel, Henry. Ich meine, Freunde sind wie Songs. Erst willst du sie auffressen, und du erkennst bei einigen die Stellen, die du liebst, denen du stundenlang zuhören könntest. Und du liebst diese Stellen über alles. Und irgendwann, irgendwann, passierts.

Traurig, Sir. In der Tat, Henry. Darum höre ich diesen Song. Er erinnert mich an jemanden. Aber denjenigen werde ich nie wieder sehen. Und hör auf zu flennen, Henry. Ja, Sir.

Was passiert, Sir? Henry, du hast sie zu oft gehört! Sie nutzen sich ab. Der Zauber verschwindet, er verblasst. Und dann kommt der Punkt, bei dem du nur noch die Erinnerung liebst an den Song, ihn selbst aber nicht mehr. Dann kommt der Zeitpunkt, ihn zu verlassen. 60


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maske art must be beautiful

Jeden Monat wird an dieser Stelle ein Schweizer Künstler drei Beauty-Produkte in Szene setzen. Den Anfang macht der Zürcher Silvio Meier, der sich für uns mit einem zeitlosen Klassiker auseinandergesetzt hat: dem roten Lippenstift. NaRs Lipstick semi- Rouge Pur No. 150 Matte: Heat Wave Yves saint Laurent Die Pigmente von Heat Wave sind farblich fein säuberlich ausbalanciert: weder das Orange noch das Rot drängen zu sehr in den Vordergrund und bieten somit eine knallige, verspielte Rotnuance. Die nicht-trocknende Formulierung erlaubt ein kontrolliertes Auftragen der Farbintensität: vom krachenden Lollipoprot bis zu einem hellen Koralle strahlt das matte Farbspektrum. 3.4 gr., CHF 45.-

Aus der imposant goldenen Schachtel mit YSL-Emblem entfaltet sich ein einmalig intensives und warmes Feuerrot in cremiger Textur. Die Kombination aus Sonnenschutz, Pflege und Farbe macht den Lippenstift zum perfekten Alleskönner. 3.5 gr, CHF 47,90

Rouge Unique: Thunder Thierry Mugler Strahlende Farbpigmente von zartem Beige über Knallrot bis hin zum sich verfärbenden typischen Mugler-Blau und das gewohnt futuristische Verpackungsdesign machen die sieben Farbtöne der Rouge Unique-Kollektion unverwechselbar. 3.5 gr., CHF 51.-

silvio Meier ‹Ich habe versucht, weibliche Schönheit von einer anderen, etwas dekonstruierten Seite zu zeigen›, kommentiert Meier seine Arbeit an diesem Bild, in dem sich sowohl weibliche Stereotypen als auch immer wiederkehrende Formen seines künstlerischen Ausdrucks finden. Silvio Meier ist freier Künstler und Mitglied des Kollektivs Maphia und lebt in Zürich. Realisation: Nicola Fischer Text: Anja Mikula, Rainer Brenner

kinki maske

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Zen moments Die im ‹Schönheitsstaat› Kalifornien geborene Künstlerin Nienke Klunder überzeichnet mit ihren fotografischen Arbeiten Beobachtungen aus der Welt der autoaggressiven Beauty-Industrie. In der Auseinandersetzung mit Identität, Weiblichkeit und Anerkennung fordert Klunder einen Waffenstillstand. Text und Interview: Antonio Haefeli 65


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tereotypen und Künstlichkeit verzerren oft das Bild, welches wir von Realität haben. Auch wenn der Begriff der Realität aus erkenntnistheoretischer Sicht sehr schwierig zu definieren ist, kann es – vereinfacht gesagt – bestimmt nicht schaden, den Bezug zu naturgegebenen Dingen nicht zu verlieren. So auch nicht zum eigenen Körper und der (wie allgemein bekannt) im Auge des Betrachters liegenden Schönheit. Die Fotografin Nienke Klunder spielt in ihrer Fotostrecke ‹Zen moments› mit dieser Thematik und das auf eine leicht irritierende Art und Weise. Dabei hält sie der nach ‹Perfektion› strebenden Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt, welche Spuren dies hinterlässt.

‹Die blonden, ästhetisch erweiterten Sexbomben auf den Fotografien sind Opfer des Strebens nach einem übertrieben Schönheitsideal, das den Bezug zu dem, was echt ist, verloren hat›, erklärt die in Barcelona lebende Künstlerin. Geboren in San José, Kalifornien, wuchs sie in den Niederlanden auf und begann dort schon als Kind damit, ihre Erlebnisse fotografisch zu dokumentieren. Sie träumte davon, Kriegsfotografin zu werden. Doch sie entschied sich trotzdem für die Kunsthochschule und fing an, ihre eigenen Realitäten zu erschaffen und diese in fotografischen Sequenzen festzuhalten. Zuerst fotografierte sie ihre Freunde und engagierte professionelle Models. Doch bald schon begann sie, sich selbst vor die Linse zu stellen – mit dem Fernauslöser in der Hand.

Tapferkeit und Titten Der Begriff ‹Zen› im Titel der Strecke stelle einen Kontrast dar zu der eigentlich gar nicht im Gleichgewicht stehenden Frauen.

‹Der Titel könnte auch «Zen moments?» lauten, also mit einem Fragezeichen dahinter. All die Charaktere auf meinen Fotos erscheinen auf den ersten Blick in einem Zustand, der ziemlich relaxed und friedlich wirkt. Dennoch, bei genauerem Betrachten stellt man fest, dass sie den Sinn für Realität verloren haben und aufgrund der Elemente – in diesem Fall die unnatürlich grossen Brüste und die Spuren der OPs – die in Opposition zu diesem ausgeglichenen Gefühlen stehen, leiden.› Diese ‹verlorenen› Figuren sind, wie Klunder selber sagt, Teil eines roten Fadens, der sich durch ihr ganzes kreatives Schaffen ziehe. Und dieser Faden ist tatsächlich klar erkennbar. Oft geht es in ihrer Arbeit nämlich um Schein oder Sein, darum, dass wir ständig Rollen einnehmen und es geht um die seit Jahrhunderten immer wieder neu definierte Rolle der Frau in der Gesellschaft. Ich wollte deshalb wissen, was ihrer Meinung nach denn eine Frau ausmache. Und bekam eine ziemlich klare Antwort:

‹Ich liebe es, mich zu verkleiden. Sobald die Charaktere auf dem Zelluloid zu Leben erwachen, werden sie ein Teil von mir. In jedem von ihnen steckt ein kleiner Teil von mir›, ‹Anmut, Humor, Intelligenz, Respekt vor sich selbst, sagt Klunder. Wahrscheinlich wirken ihre Bilder deswegen Tapferkeit, Hüfte und Titteilweise irritierend und bringen den Kontrast ten.› zwischen Künstlichkeit und Realität so gut auf den Punkt. Wie bei ‹Zen moments› arbeitet Klunder gerne mit Stereotypen und spielt mit den Schubladen in unseren Köpfen – wobei sie sich selber nicht ausnimmt:

‹Ich liebe Stereotypen. Sie bringen mich zum Lachen. Die Welt ist voll von ihnen, wenn du mal ganz objektiv auf sie schaust – was ich von Zeit zu Zeit ganz gerne mache.› kinki kunst

Ein ziemlich realistisches Frauenbild. Dass dieses realistische Bild in unserer Gesellschaft immer mehr an Präsenz verliert und wir oft vergessen, dass Schönheit tatsächlich im Auge des Betrachters liegt, ist Nienke Klunder sehr wohl bewusst:

‹Wir unterliegen oft einer Gehirnwäsche, die uns glauben lässt zu wissen, was Schönheit bedeuten soll. Wir sehen Bilder von retouchier­ten Körpern ohne jeden Feh66

ler, magersüchtige Körper, Implantate, Enten-Lippen und durch Botox gestraffte Gesichter. Das Unvermögen diese Art von Schönheit zu beurteilen, ist wie einen lästigen Werbe-Jingle immer und immer wieder anzuhören, bis er in deinen Kopf eindringt und du irgendwann beginnst mitzusingen.› nienkeklunder.com


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Neue alte Welle Um es gleich vorweg zu nehmen: Die TEENAGERSIN­ TOKYO sind weder Teenager noch kommen sie aus Japans Hauptstadt. Aber keine Angst, wir haben der Band nicht nur die Frage nach Herkunft und Alter gestellt. Viel lieber haben wir die Sängerin Samantha Lim um be­ lastbare Hinweise über eine stilsichere Garderobe ge­ beten. Text: Martina Messerli, Foto: Morgan O’Donovan

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s ist das Schicksal vieler Bands. Da denkt man sich, beflügelt von der ersten Euphorie des Erfolgs, einen vermeintlich tollen Namen für die Band aus und merkt plötzlich, dass diese Wahl wohl doch keine so glückliche war, befindet man sich doch mit dem steigenden medialen Interesse ständig in Erklärungsnotstand. Im Falle der TEENAGERSINTOKYO war es zwar keine Bieridee, sondern ein zufällig aufgeschnappter Satz aus einer Zeitschrift. Trotzdem kennen die fünf Australier das Phänomen nur zu gut. Samantha Lim, Miska Mandic, Sophie McGinn und Linda Marigliano lernten sich in der siebten Klasse im Kunstunterricht kennen. Ihre ersten musikalischen Gehversuche machten sie mit A-capella-Coverversionen von Daft Punk. Acht Jahre später legten sie sich schliesslich Instrumente und männliche Unterstützung in Form von Rudy Udovich an den Drums zu. 2005 erschien ihre selbstbetitelte EP in Australien, die seit 2008 via Back Yard Records auch in Europa erhältlich ist. Mit The Gossip, als deren Support sie kürzlich auf der Bühne standen, verbindet sie nicht nur das Label, sondern auch musikalisch gibt es durchaus Parallelen. New Wave lautet das Stichwort. Scharf schneidende Gitarren, nervöse Drums, die leicht apathische Stimme der Sängerin Samantha Lim und vor allem die Achtzigerjahre-Synthesizer lassen unweigerlich in Erinnerung an Joy Division schwelgen. Der düstere Synthie-Elektro-IndiePop der TEENAGERSINTOKYO will irgendwie schlecht zu Sonne, Sommer, Strand und Surfen am Bondi Beach klingen, wohl auch ein Grund, weshalb sich die fünf Musiker seit Längerem in London aufhalten und ihre Heimat Australien nur noch ferienhalber, oder um das im Mai 2010 erschienene Album ‹Sacrifice› zu promoten, besuchen.

‹Das Outfit sollte das, was du auf der Bühne zu tun gedenkst, unterstrei­ chen. Es ist ein Arbeitsin­ strument.› kinki musik

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Interview kinki magazine: Ihr kommt ursprünglich aus Sydney, Australien. Was hat euch nach London verschlagen? Samantha Lim: Wir kamen ursprünglich für eine kleine Tour in Jahr 2008 nach London und hatten eine wirklich gute Zeit hier. Wir genossen die kulturellen Möglichkeiten, die London bietet. Das Publikum macht hier sehr viel mehr Spass. Es kommen auch viel mehr Leute an unsere Konzerte, was für uns na­türlich von Vorteil ist. Generell hat man in London einfach mehr Optionen als in Australien, mehr Konzerte, interessante Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, es ist eben die kulturelle Hauptstadt Nummer eins. Täglich triffst du so viele unterschiedliche Menschen. Musiker, Designer, eben die Leute, die du um dich herum brauchst, um inspiriert zu werden. Du erwähntest gerade Designer, lass uns über Mode sprechen. Eure Musik ist durchaus Achtzigerjahre inspiriert. Wie sieht es mit euren Looks aus? Ich kann gar nicht so genau sagen, woher wir unseren Style haben. Es gibt sicher verschiedene Inspirationsquellen. Miska zum Beispiel liebt den Viktorianischen Stil. Ich denke wir nehmen uns von überall her ein bisschen was raus und kombinieren es neu. Klar können dies auch die Achtzigerjahre sein, müssen aber nicht unbedingt. Obwohl ich Madonna liebe, ihre Musik und ihren Stil, könnte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen, mich nur noch genau so zu kleiden, wie sie es tut. Man hat Referenzpunkte aus allen möglichen Stilen, personalisiert diese und kreiert daraus einen eigenen Stil. Das ist ähnlich wie in unserer Musik. Es gibt in unserem Sound sicherlich einige offensichtliche Referenzen zu Achtzigerjahre-Sound, genau so wie es aber auch Referenzen zu Krautrock, 70s-Rock oder Jazz gibt. Alles zusammen ergibt dann den Sound der TEENAGERSINTOKYO. Schaut man sich eure Videos und Pressebilder an, hat man den Eindruck ihr mögt StilExperimente? Ja, definitiv. Wir sind alle sehr unterschiedlich in der Art wie wir uns kleiden. Wir bewundern uns gegenseitig für unsere Styles, aber wir würden niemals den Stil der anderen kopieren. Wir sind alle fünf unterschiedliche Charaktere, haben verschiedene Persönlichkeiten. Aber ja, wir geniessen es alle, ein bisschen Spass mit unseren Klamotten zu haben. Für uns ist es ein weiterer Weg, unsere Kreativität auszudrücken. Manchmal macht es auch einfach richtig Spass, sich aufzubrezeln. Den einen Tag renn ich gern ein bisschen ‹gothy› rum, am nächsten Tag erlaube ich mir auszusehen wie ein katholisches Schulmädchen. Gibt es für dich ein klares Fashion-No-Go? Kennst du Ugg Boots, diese australischen Schaffellstiefel, die man normalerweise im Winter trägt? Die sind zu Hause wirklich grossartig. Doch hier in London tragen sie die Leute

in der Öffentlichkeit – und im Sommer! Für mich sind das bloss funktionelle Fusswärmer. Da ist nichts Stylishes dabei. Niemals würde ich die ausserhalb meiner eigenen vier Wände tragen. Hast du einen Lieblingsdesigner? Ich habe viele Lieblingsdesigner. Ich liebe zum Beispiel Albar Elbaz. Ich mag seine Designs, die auf ihre Art sehr poetisch sind. Ich mag aber auch Rei Kawakubo für Comme des Garçons. Ihre anspruchsvollen Designs sind faszinierend schräg. Bei ihr geht es nicht bloss um Kleidung, sondern da zieht sich ein ganzes Konzept durch die Mode. Und ich mag Gareth Pugh. Ich könnte ewig so weitermachen.

‹Den einen Tag renn ich gern ein bisschen «gothy» rum, am nächsten Tag er­ laube ich mir auszusehen wie ein katholisches Schul­ mädchen.› Lass mich dir ein paar Stichworte geben: Schwarz oder bunt? Wahrscheinlich Schwarz. Einfach gehalten oder verspielt? Ich mags simpel. No-Name- oder Designersachen? Egal. Hauptsache, es sieht gut aus. Und das tut es auf jeden Fall. Und noch viel wichtiger: Die TEENAGERSINTOKYO klingen auch gut. Die Band arbeitet mit erstaunlich reduzierten Melodien. Das klingt zunächst alles ziemlich unaufgeregt, steigert sich jedoch durch Synthie-Hymnen, cleane Drums und eindringliche Gesangsmelodien zu einer eingängigen New Wave-Disco-Mischung, die die Funken sprühen lässt. Die fünf Australier legen mit ‹Sacrifice› ein Album vor, das nicht nur als Soundtrack für kalte nasse Regentage in London taugt, sondern auch auf der Tanzfläche wunderbar funktioniert. Wie siehts denn mit dem Bühnenoutfit aus, wie wichtig ist dir das? Für mich kommt es in erster Linie darauf an, dass ich mich in meinen Bühnenoutfits gut bewegen kann, sie dürfen mich keinesfalls einengen. Ich sehe die Bühnenoutfits eigentlich eher als Kostüme, ähnlich denen von Schauspielern. Das Kostüm sollte das, was du auf der Bühne zu tun gedenkst, unterstreichen. Es ist ein Arbeitsinstrument. Aber schlussendlich muss ich einfach darin gut spielen und mich bewegen können. Und es darf sich nicht unangenehm anfühlen, wenn man auf der Bühne zu schwitzen beginnt. Vier Mädchen und ein Mann gemeinsam auf Tour, mit wie vielen Koffern seid ihr unter­ wegs? Oh, das ist gar nicht so schlimm, wie man vielleicht denken mag. Es hängt auch immer 75

davon ab, wie lange wir unterwegs sind. Aber ich denke, wir sind da nicht exzessiv und können uns aufs Notwendige beschränken. Habt ihr eigentlich eine Verbindung zu Tokio, auch eine der Modemetropolen schlechthin? Wir hatten ursprünglich nicht wirklich eine Verbindung zu Japan oder speziell zu Tokio. TEENAGERSINTOKYO war ja bloss ein beliebiger Satz, den jemand von uns in einer Zeitschrift aufgeschnappt hatte und eher zufällig unser Bandname wurde. Seither haben einige von uns ihren Urlaub in Japan verbracht. Ein wirklich fantastisches Land, dessen Kultur so anders ist, als alles was ich in Australien und England jemals kennen gelernt habe. Ich liebe Japan, und hoffe, bald mal wieder dorthin reisen zu können. Habt ihr denn schon mal in Tokio gespielt? Nein, bis jetzt nicht, aber wir würden das sehr gerne nachholen. Das steht definitiv auf unserem Plan für die Zukunft. Wie glaubst du denn, würden die Teenager in Tokio auf euch reagieren? Hm, ich frag mich wirklich, ob sie es wohl verstehen würden. Bevor es die TEENAGERSINTOKYO jedoch gegen Ende des Jahres vorübergehend zurück nach Australien zieht und nächstes Jahr vielleicht auch der Traum vom Auftritt in Japans Hauptstadt endlich wahr wird, kommt die Band im September für ein paar Shows nach Deutschland. kinki empfiehlt folgende Termine: 22.9. Indra, Hamburg 23.9. Hafen 2, Offenbach 24.9. The Atomic Café, München 25.9. Lido, Berlin teenagersintokyo.com sacrificealbum.com


Mondän Wie soll der Mensch sich anziehen? Hat uns die­se Seins­frage der Mode nicht über Jahrhunderte hinweg in eine Sackgasse geführt? kinki Autor Peter Rösch stellt die Gegenfrage – und lässt die Hosen runter. Text: Peter Rösch, Illustration: Kollaporation

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äglich zwängen wir uns in unsere je nach Anlass variierenden Outfits, probieren Kleidungsstück für Kleidungsstück vor dem uns stets ernst musternden Auge des Spiegels, prüfen beinahe unwillkürlich bei jeder Reflexionsfläche, die uns Zugfenster oder Vitrinen bieten, den Sitz unserer Uniform, auf der die Abzeichen verschiedener Modelabels prangen. Und dennoch: Ist das Einkleiden nicht zwangsläufig mit seinem Antonym, dem Auskleiden, verbunden? Leider wird diese andere Seite der Fashionmedaille aber nur zu häufig ausgeblendet. Dabei hat auch die Frage, wie der Mensch sich ausziehen soll, verschiedene Moden hervorgebracht. Zum Beispiel die Freikörperkultur Anfang des 20. Jahrhunderts. Durch universelle Nacktheit wollten die Nudisten die Gleichheit aller Menschen durchsetzen und zur paradiesischen Einheit mit der Natur zurückkehren. Doch wie alle Moden währte auch dieser Trend nicht ewig. Heute laufen den FKK-Vereinen die Mitglieder davon, obgleich sie einstige Werte wie Rauch-, Alkohol- und Fleischverbot über Bord geworfen haben und mit modernen ‹Nacktivitäten› wie Nacktradeln, -wandern oder -reiten locken. Unter anderen Vorzeichen teilen die Stripperinnen und Stripper mit den Freikörperkinki report

kulturisten das Schicksal, in gesellschaftliche Nischen zurückgedrängt worden zu sein. Die Kunst des erotischen Auskleidens büsste nämlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre breite Popularität und Salonfähigkeit ein. Während Mata Hari noch vor der High Society etwa des Barons von Rothschild auftrat und Anita Berber als Ikone der Jugendkultur gefeiert wurde, müssen die heutigen Stripperinnen sich meist von weniger noblen Kunden und Bewunderern beklatschen bzw. begrapschen lassen.

Das braune Auge

Nudismus und Striptease sind out, à la mode ist – unser Arsch. Genau, Idole wie Robbie Williams, Bart Simpson oder Ozzy Osbourne haben es vorgemacht: die Kunst des ‹Mooning›. Vom Grundprinzip folgt sie einfachen Regeln: Dem Zielpublikum die wahre Schokoladenseite zuwenden, leicht in die Hocke gehen und Hosen runter. Natürlich gibt es feine Unterschiede: Bei männlichen Protagonisten kann beispielsweise der Neigewinkel, den der Oberkörper einnimmt, und der Grad des Hosenrunterlassens darüber entscheiden, ob die Testikel Teil der gestischen Botschaft sind oder nicht. Und auch kulturelle Unterschiede müssen berücksichtigt werden. So existiert in 76

Australien eine Sonderform des Mooning, bei der zusätzlich mit den Händen die Pobacken gespreizt werden, um die Aufmerksamkeit auf die Rosette zu lenken. Bezeichnenderweise nennt man diesen Vorgang ‹chucking a browneye›, ‹das braune Auge aufreissen›. Besonders modern sind als Flashmobs organisierte Massen-Moonings. Beispielsweise versammelten sich im Juni 2000 vor dem Buckingham Palast in London rund 2000 Leute zum ‹Moon Against the Monarchy›. Anarchistische Aktivisten, die als ‹European Movement Against the Monarchy› auf Facebook vertreten sind, hatten dazu aufgerufen, symbolisch auf die Royals zu scheissen. Leider verhinderte allerdings das hohe Polizeiaufgebot die Brechung des Weltrekords im Arschzeigen, den 1995 zum ersten Mal Studenten der Stanford Universität aufgestellt hatten. Aktuell sollen ihn die Schweden halten, die im Jahr 2001 George W. Bush mit über 200 nackten Hinterteilen in Stockholm willkommen hiessen. Ihr Motto lautete ‹Bums not Bombs›, ‹Popos statt Bomben›. Die Wortschöpfung ‹Mooning› entstammt ursprünglich dem Studentenslang der 68er und kombiniert das Substantiv ‹moon› als Metapher für das Gesäss mit dem Verb ‹to


Rorschach-Test, Lungenflügel oder doch eher die Ärsche der Redaktion? Ihr werdet es wohl nie erfahren … 77


moon› im Sinne von ‹sich dem Mondschein aussetzen›. Die Geste an sich ist aber wesentlich älter und reicht bis ins Jahr 79 nach Christus zurück. Damals verfasste nämlich Flavius Josephus seine ‹Geschichte des jüdischen Krieges›, in der der erste historische Beleg des Arschzeigens zu finden ist: ‹Als bei grossem Zulaufe das Osterfest in Jerusalem gefeiert werden sollte, war eine römische Kohorte über der Säulenhalle des Tempels aufgestellt. Da hob einer der Soldaten sein Kleid empor, bückte sich, zeigte den Juden seinen Hintern und liess ein gewisses Geräusch vernehmen, das dieser hässlichen Stellung vollkommen entsprach. Junge Hitzköpfe und andere, die einen Aufruhr wünschten, schritten sogleich zum Kampfe, rafften Steine auf und schleuderten sie gegen die Soldaten. Als dieselben in die Hallen hereinströmten, entschwand den Juden der Mut und sie ergriffen die Flucht. Das Gedränge der Forteilenden wurde an den Tempeltoren so gross, dass sie einander zertraten und zerdrückten, wobei mehr als 10 000 Menschen das Leben verloren.› Und das alles wegen einem blank gezogenen Römerpopo.

Popo-Protest

Bei den Maori, den Ureinwohnern Neuseelands, ist die anale Gebärde schon seit Jahrhunderten als ‹Whakapohane› fest in der Kultur verankert und soll – ähnlich wie bei uns der böse Blick – dem Rezipienten ‹noa›, also schlechte Energie und Unglück bescheren. Auf diese Tradition pochte auch der Maori-Aktivist Dun Mihaka als er den Repräsentanten der ehemaligen Kolonialisten, Prinz Charles und seine damalige Gattin Diana, 1983 bei einem Besuch in Neuseeland seinen Hintern entgegenstreckte. Das neuseeländische Gericht liess das Whakapohane allerdings nicht als polynesische Form des Protests durchgehen, die unter das Gesetz der Redefreiheit falle, sondern verurteilte Dun Mihaka wegen Erregung öffentlichen kinki report

Ärgernisses zu einer Geldstrafe. Nicht alle Mooner setzen ihren Allerwertesten als Instrument der politischen Meinungsäusserung ein. Im kalifornischen Laguna Niguel treffen sich jedes Jahr im Juli tausende Menschen, um das ‹Mooning of Amtrak› zu feiern. Amtrak ist die SBB der Vereinigten Staaten und dementsprechend besteht das Hauptereignis des Festivals darin, Personenzügen, die an dieser Stelle extra das Tempo drosseln, den Hintern entgegenzustrecken. Dieses Jahr ging das Event in die 31. Runde, sodass nun sogar schon alteingesessene Mooner neben ihren Enkeln in einer Reihe stehen und beim Tuut-Tuut des Zugführers die Hosen runterlassen. Die Tradition wurde angeblich von einem Stammgast des lokalen Mugs Away Saloon im Jahre 1979 initiiert, als er eines Tages im Suff rausposaunte, für jeden, der zu den Gleisen rennt und eine Bahn moont, eine Runde zu schmeissen, und offenbar von einigen beim Wort genommen wurde. Auf der Website moonamtrak.org kann man sich vorab über den Fahrplan informieren, um keinen der 37 passierenden Züge zu verpassen, und erhält ausserdem wichtige Ratschläge – zum Beispiel für das ‹Night Mooning› Fackeln mitzubringen, die die nackten Monde in der Nacht schimmern lassen sollen. ‹Night Mooning ist besser, da es weniger überfüllt, weniger heiss und viel authentischer ist›, heisst es auf der Website. Die enthält auch eine Ecke mit häufig gestellten Fragen: ‹Kann ich meinen Hintern bemalen?› lautet eine davon. ‹Ja, das geht in Ordnung›, die Antwort. Das nächste Mooning of Amtrak findet übrigens am 9. Juli 2011 statt.

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Dress: Preen dress Scarf: Hellz Necklace: Stephen Dweck

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Jacket: Viktor & Rolf Necklace: Stephen Dweck

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Collared Shirt: Maison Martin Margiela Cotton shirt: Hellz Skirt: Toni Maticevski Necklace and rings: Baccarat Necklace: Fiona Paxton Studded bracelet: Ceecee

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Dress: Elie Saab Panties: Rosa Cha Shoes: Silvia Tcherassi Bracelet and Earrings: Baccarat

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Dress: Silvia Tcherassi Necklace, Earring and Ring: BVLGARI Shoes: Brian Atwood

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Dress: John Galliano Ring: Alexis Bittar

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Photography: Filippo del Vita Art direction: effellephotography Stylist: Allison St. Germain Hair & Make-up: Melanie Harris using Givenchy and Kerastase products Model: Yana @ Elite NYC Post Production: Laura Garcia Serventi Photographer’s Assistant: Paul Nathan Stylist’s Assistant: Megan Pfiffner Haiku on page 80: Alexis Rotella: ‹After an Affair›


Schöne alte Welt Ein Leben ohne Jeans, Mikrowelle und Internet? Im Jahr 2010 für die meisten Menschen hierzulande völlig unvorstellbar. Und doch: Es gibt Leute, die pfeifen auf iPhone und saisonale Kleiderkollektionen. Lieber leben sie wie in den Dreissiger- und Vierzigerjahren. Weil sie die Ästhetik der Epoche mögen – oder ganz einfach den Verdacht haben, sie seien in der falschen Zeit geboren. Text: Markus Föhn, Fotos: Esther Michel

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in Film könnte so beginnen, ein alter Schinken in Schwarz-Weiss. Durchs Fenster brennt die Sonne, brennt auf den Stapel von ‹Ringiers Unterhaltungsblättern›, brennt auf die klapprige UraniaSchreibmaschine, es ist Sommer 1949. Aus den Lautsprechern in der Ecke scheppert Evelyn Künnekes neuer Gassenhauer ‹Barbara, komm mit mir nach Afrika›. Hinter der Schreibmaschine sitzt Mario Waser, braungebrannt und drahtig, in Unterhemd und grober Überhose. Er streicht sich mit den Fingern über das dünne Schnurrbärtchen, das ihn ein bisschen aus­ sehen lässt wie Clark Gable, seine grauen Augen fliegen über die soeben geschriebenen Zeilen. Der Waser. Zurück nach dreieinhalb Jahren auf hoher See. Dreimal hat er als Schiffskellner die Erde umrundet, selbst unten in der Antarktis war er, und jetzt ist er wieder da, hat an die hundert Hemden mitgebracht, einen Körper voller Tätowierungen und einen Kopf voller Geschichten. Genau so könnte er beginnen, der alte Schinken in Schwarz-Weiss. Doch das hier ist kein Film. Das ist alles echt. Das ist Vitznau, Kanton Luzern. Unten glitzert der Vierwaldstätterseee, wir schreiben den Sommer 2010 und Mario Waser steht von der Schreibmaschine auf und sagt: ‹Doch, ich hätte gerne in den Vierzigerjahren gelebt.›

irgendetwas Jazziges aus den Dreissigern; manchmal auch Volksmusik oder RockabillySachen. Will er seinen Bruder in Zürich besuchen, setzt er sich aufs alte Militärvelo und fährt los, in zweieinhalb Stunden ist er dort. Will er kochen, tut er das richtig, und das heisst: keine Mikrowelle, keine Fertigsaucen, nichts mit Fischstäbchen. Alles wird selber gemacht, vornehmlich nach der klassischen französischen Küche, und häufig auch nach einem Rezept aus seinem Lieblingskochbuch: ‹Neuzeitliche Kochkunst für Gesunde und Kranke›, erschienen 1936. Zugeständnisse ans 21. Jahrhundert gibt es wenige in Wasers Welt. Er hat eine E-MailAdresse, doch der Computer dazu fehlt ihm. Er

‹Das war damals nicht nur eine schöne Zeit, ich will das nicht verherrlichen.›

Schuld ist der Rock ’n’ Roll

Ein Dasein ohne Flachbildschirm und Fertigsauce

Mario Waser ist 41 Jahre alt. Andere Männer in seinem Alter kurven mit Offroadern oder Familienkutschen herum und bewohnen Lofts oder Einfamilienhäuser, die sie mit Interio-Möbeln und Unterhaltungselektronik vollgestopft haben. Der Waser aber, wie er sich selber nennt, ist anders. Der Waser hat sich eine Welt eingerichtet, die so aussieht, als sei draussen in Europa eben erst der Krieg zu Ende gegangen. Als sei das Rad der Zeit kurz vor Beginn des Wirtschaftswunders stehengeblieben. Waser, gelernter Koch und Serviceangestellter mit Berufserfahrung zu Lande und zur See, lebt in einer Welt, in der niemand Jeans und T-Shirt trägt. In der niemand ständig an seinem iPhone herumfummelt, ein Navigations­ gerät in sein Auto einbaut oder eine Tiefkühlpizza in den Ofen schiebt. Das Haus, das er bewohnt, ist das Wirtschaftsgebäude eines ehemaligen Ferienheims des Metall- und Uhrenarbeiterverbands, erbaut in den Vierzigerjahren. Seine Wohnung hat keine Renovation gesehen seit damals, die Einrichtung ist stilecht, sie ginge problemlos als Museum durch. Stilecht ist auch Waser selbst. Seine Kleider kauft er sich auf Flohmärkten und in Brockenhäusern, oder er lässt sie sich schneidern, nach Schnittmustern aus den Dreissiger- und Vierzigerjahren. Die Haare schneidet ihm ein 70-jähriger pensionierter Coiffeurmeister, der den Fassonschnitt mit dem stufenlos ausra­ sierten Nacken noch bestens beherrscht. Waser raucht viel und ausschliesslich Mary Long, und hat er Lust auf Musik, so legt er sich eine Platte der Boswell Sisters auf oder sonst

von der Ästhetik und dem Design der Dreissiger- und Vierzigerjahre, begeistert von der damaligen Mode, verliebt in die Musik. Organisiert sind sie kaum. Die meisten kennen sich zwar, doch sind sie kein Verein, keine Gruppierung und schon gar keine Bewegung mit einem gemeinsamen Ziel oder einer einheitlichen Weltanschauung. Sie teilen die Leidenschaft für eine Epoche, das ist alles, und abgesehen davon sind sie so verschieden, dass es vielleicht sogar übertrieben ist, von einer Szene zu sprechen.

hat ein Handy, doch als Klingelton ertönen die Andrew Sisters mit ihrem ‹Bei mir bist du schön› – ein ziemlicher Kracher in den USA, allerdings schon 1937. Mario Waser, bist du in der falschen Zeit geboren? Waser ist ein Mensch mit einem umwerfenden Lachen, ein charmanter Kerl, witzig, und wortgewandt, doch auf einmal wird er ernst. Er setzt sich an den Tisch in der Küche, steckt sich die nächste Mary Long an. Sagt: ‹Das war damals nicht nur eine schöne Zeit, ich will das nicht verherrlichen.› Und sagt: ‹Aber ja, vielleicht bin ich wirklich in der falschen Zeit geboren.› Im Jahr 2010 gibt es in diesem Land vielleicht zwei oder drei Dutzend Menschen, die sich ihr Leben in der Epoche zwischen 1930 und 1950 eingerichtet haben, genau wie Mario Waser. Sie haben diese Zeit nie erlebt. Dennoch fühlen sie sich zu ihr hingezogen, und es reicht ihnen nicht aus, hin und wieder eine alte Swingplatte aufzulegen oder sich einen Film mit Bette Davis anzusehen. Sie wollen die Geschichte leben bis in die letzte Pore. Fasziniert 91

Auch Karin und Herbert Baschung haben sich entschlossen, ein Leben zu führen, das aussieht wie damals, als die Fluggäste im Zeppelin über den Atlantik reisten und es zwar noch keine Online-Newsplattformen gab, dafür täglich drei Ausgaben der NZZ. Ihre Wohnung in Zürich wirkt, als sei sie irgendwann zwischen 1935 und 1945 eingerichtet worden, sie selber ernten erstaunte Blicke, wenn sie durch die Strassen gehen – die 37-jährige Karin Baschung in der weiten Marlene-Dietrich-Hose oder im engen, knielangen Rock, das Oberteil breitschultrig und hoch geschlossen, Ehemann Herbert im Anzug, mit Fliege und Hut. Für sie beide gilt: Das ist keine Kostümierung. Daheim faul in der Trainerhose herumfläzen und sich bloss für die Strasse optisch siebzig Jahre zurückkatapultieren, ist nicht drin. Diese Kleider sind Teil des Alltags. Sie sind ernst gemeint, sie sind mit Bedacht ausgewählt und kombiniert, alles stilecht. Herbert Baschung: ‹Das ist europäische Mode, wie sie Mitte der Dreissigerjahre getragen wurde.› Und so erstaunlich es klingen mag: Schuld an all dem ist wahrscheinlich der Rock ’n’ Roll.

Einstiegsdroge Fünfzigerjahre

Herbert Baschung war Mitte Zwanzig, als er zur Teddy-Szene kam, zu den Rockabillys. Es war Anfang der Achtzigerjahre und eine gute Zeit für die Teddys: Bands wie die Stray Cats traten gerade ein Rockabilly-Revival los, plötzlich war der totgeglaubte Rock ’n’ Roll in seiner alten Vitalität wieder da, er war hip, Bands und Radiostationen spielten ihn. ‹Ich hatte Spass dabei und begann


‹Man merkt, wenn man sich in der Ästhetik einer Epoche wohl fühlt, wenn einem das Design zusagt, die Mode, die Musik.› kinki report

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‹Es heisst immer, unser Zeitalter sei so grossartig frei und liberal, aber ich vermisse elementare Dinge.›

im Zug dieses Revivals auch immer mehr Originalsongs und Interpreten zu entdecken›, sagt Baschung. ‹Aber der Rock ’n’ Roll hat ein Problem: Wenn du die Texte verstehst und 25 Jahre alt bist, merkst du, dass das Musik für Teenager ist. Und du denkst: Was habe ich hier eigentlich verloren?› Teddy konnte Herbert Baschung nicht bleiben, soviel stand fest, und Möglichkeiten sah er nur zwei: Entweder würde er sich den Leuten aus der Szene anschliessen, die der Entwicklung der Musik folgten und dem Beat der Sechzigerjahre zu frönen begannen. Oder er würde in die entgegengesetzte Richtung gehen – zu den Wurzeln des Rock ’n’ Roll. Baschung tat Letzteres. Und landete ziemlich schnell in den Vierzigerjahren. ‹Ich rutschte halt einfach zurück›, sagt er. ‹Ich verfolgte die Spuren des Rock ’n ’Roll. Ich wollte seinen Ursprung erspüren und begegnete dabei dem Blues, dem Country, den Volksmusik-Arten die hinter all dem stecken. Plötzlich war ich in den Dreissiger- und Vierzigerjahren. Beim Swing.› Und traf dort auf Karin Baschung – auch sie hatte die Flucht nach hinten angetreten, nachdem sie sich in der Fünfzigerjahre-Szene nicht mehr richtig wohl fühlte. ‹Mit zwanzig machte das Rockabilly-Ding Spass, aber ich wurde älter und hatte irgendwann keine Lust mehr auf dieses Teenager-Gefühl›, sagt sie. ‹Ich wollte «ladylike» werden. Mich ein bisschen eleganter anziehen. Vom Stil der Kleider her gab es für mich nur eine Möglichkeit: Ich musste ein, zwei Jahrzehnte zurück.› Aber findet das überhaupt mal ein Ende, wenn man so krampfhaft nach der idealen Epoche sucht? Oder rutscht man da immer weiter zurück? In die Zwanzigerjahre? Ins 19. Jahrhundert? In die Steinzeit? Herbert Baschung schüttelt den Kopf. ‹Man merkt, wenn man angekommen ist: Wenn man sich in der Ästhetik einer Epoche wohl fühlt, wenn einem das Design zusagt, die Mode, die Musik.› kinki report

Und mit beinahe schon verträumtem Blick fügt er an: ‹Wenn ich zu einer Swing-Nummer von Teddy Stauffer tanze, dann geht für mich emotional alles auf.›

Liebe geht durchs Ohr Häufig ist es die Musik, die am Anfang einer Reise in die Vergangenheit steht, der Soundtrack einer Epoche. Natürlich könnte man auch Spass haben an Teddy Stauffers Sound ohne sich gleich in dessen Garderobe zu stürzen – doch die Leidenschaft der Dreissiger- und Vierzigerjahre-Fans für ihre Epoche geht tiefer. Sie wollen mehr als nur die Musik. Man könnte sagen: Sie geben sich nicht mit dem Soundtrack zufrieden, sie wollen den Film dazu. Und sie wollen darin auch gleich mitspielen. ‹Die Dreissigerjahre sind eine faszinierende Epoche›, sagt Herbert Baschung, belesen und bestens ausgerüstet mit Zahlen und Fakten, um seine Begeisterung zu untermauern. ‹Die Welt veränderte sich in einem bis dahin ungekannten Tempo und war geprägt von Umbruch und von Pioniertaten. 1927 etwa gelang Charles Lindbergh die erste Nonstop-Atlantiküber­ querung im Flugzeug – ein paar Jahre später gab es bereits Linienflüge zwischen Europa und den USA. Das ist halt schon spannend.› Und dann kommt ein Wort, das immer wieder fällt im Gespräch mit Menschen, die ihr Leben in die Dreissiger- und Vierzigerjahre vorverlegt haben. Werte. In der Küche ist es schön kühl, Mario Waser schenkt Weisswein ein und sagt: ‹Ich sehe das so: Wenn man z’Tanz geht, bindet man sich eine Krawatte um. Sonst geht man nicht z’Tanz.› Früher sei das völlig normal gewesen, sagt Waser. Man habe, wenn man das Haus verlassen habe, geschaut, dass man etwas hermache. Nach etwas aussehe. Aus Wertschätzung gegenüber sich selber und den anderen. Aus Respekt. Aus Anstand. ‹Es heisst immer, unser 94

Zeitalter sei so grossartig frei und liberal, aber ich vermisse elementare Dinge. Ich vermisse zum Beispiel Höflichkeit. Bescheidenheit. Oder Hilfsbereitschaft. Aufrichtigkeit. Der Mensch von heute hat das Gefühl, er sei fortschrittlich und frei, doch letztlich schubst jeder den anderen herum, und wenn es einem dreckig geht, muss er verdammt viel Glück haben, damit er einen findet, der ihm beisteht.› Früher sei das anders gewesen, sagt Waser, man müsse ja nur einmal die ältere Generation nach Geschichten aus der Zeit ihrer Jugend fragen. Früher hätten die Leute vielleicht we­ niger zum Leben gehabt, dafür hätten sie besser zu sich geschaut, und zäher seien sie auch gewesen – sie hätten die Dinge verändert, statt bloss gejammert. Auch Karin Baschung glaubt, dass Werte, die heute grosspurig beschworen würden, zu Worthülsen verkommen seien. ‹Alle reden von Solidarität, sind aber nur solidarisch, wenn es für sie finanziell drinliegt›, sagt sie. ‹Und alle reden von Toleranz, doch jeder, der nur ein bisschen anders aussieht als die Masse, wird

angestarrt, belächelt und in einer Schublade versorgt. Die heutige Gesellschaft hat jegliches Mitgefühl verloren. Mitgefühl, wie es noch vorhanden war in der Epoche, der wir nachleben.› Karin Baschung, dann war früher also alles besser und wir sollten uns schleunigst daran machen, das Rad der Zeit zurückzudrehen? Sie schüttelt den Kopf, schürzt die rot geschminkten Lippen. ‹Ich behaupte nicht, dass alles besser war damals. Als Frau hätte ich damals weniger Rechte gehabt, die gesellschaftlichen Zwänge wären grösser gewesen als heute. Ich sage nur: Ich glaube nicht, dass das jetzige Zeitalter so grossartig ist, wie alle es sagen.› Wer im Jahr 2010 herumläuft wie 1958 hats nicht weiter schwer, er profitiert von einer Art Coolness-Bonus, den er Ikonen wie James Dean oder dem jungen Elvis Presley verdankt. Wer dagegen daherkommt wie ein Mensch Ende der Dreissigerjahre, muss sich häufig Vorwürfe und hämische Bemerkungen gefallen lassen. Zum Beispiel, dass er die Kriegsjahre verherrliche – und damit irgendwie in die rechte Ecke gehöre.


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diesen Raum in unserem Leben wie die meisten anderen Leute. Wir lassen uns nicht von ihr dominieren.›

1026 Seiten auf der Schreibmaschine

‹Ich glaube, wir sind viel präsenter im Hier und Jetzt als mancher Mensch, der von sich behauptet, er sei auf der Höhe der Zeit.› ‹Völliger Unsinn›, sagt Herbert Baschung. ‹Der Krieg war eine Katastrophe, keine Frage, da verherrlichen wir nichts.› Wer begeistert sei von der Dreissiger- und Vierzigerjahren tue nur eines, sagt Baschung: Er schätze die schönen Dinge jener Epoche – ohne aber auszublenden, dass sie auch ihre unendlich dunklen Seiten hatte. ‹Das Zeitalter hatte furchtbare Aspekte, dessen bin ich mir völlig bewusst›, sagt Baschung. ‹Aber jedes Jahrzehnt hat sein hässliches Gesicht. Zum Beispiel die Sechzigerjahre, rückblickend ein goldenes Jahrzehnt, für die Musik wegweisend. Die Welt stand am Rand eines Atomkriegs, in Vietnam tobte ein grässlicher Krieg – wirft man einem Fan der Sechzigerjahre deshalb etwa vor, er verherrliche den Vietnamkrieg?› Das Problem sei, sagt Baschung, dass vielen Leuten zu den Dreissiger- und Vierzigerjahren nur gerade der Zweite Weltkrieg einfalle – nicht aber die Bauhausmöbel, die damals Avantgarde waren kinki report

und heute in der Ikea-Version in jedem Wohnzimmer stünden. Ein anderer Vorwurf: Wer im Jahr 2010 herumläuft wie 1935 ist ein ewiggestriger Nostalgiker, hoffnungslos verstaubt und ohne das geringste Interesse daran, wie die Welt heutzutage funktioniert und was sie bewegt. Herbert Baschung hat eine Gegenthese: ‹Ich glaube, wir sind viel präsenter im Hier und Jetzt als mancher Mensch, der von sich behauptet, er sei auf der Höhe der Zeit.› Denn: Wer sein Leben in eine vergangene Epoche vorverlege, versuche eigentlich vor allem die Gegenwart zu verstehen – und interessiere sich deshalb exzessiv für Ereignisse und Zusammenhänge die zu eben dieser Gegenwart führten. ‹Durch diese ständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind wir in der Lage, aktuelle Ereignisse einzuordnen und zu erklären.› Und ausserdem: Man kann im Jahr 2010 zwar herumlaufen wie 1935, aber man lebt deswegen noch lange nicht auf einem anderen Planeten. ‹Wir sind ein Teil der Welt›, sagt Karin Baschung. ‹Auch der Arbeitswelt. Wir können Computer bedienen, wir schreiben Mails, haben Handys, einen modernen Staubsauger. Wenn wir von der modernen Technologie profitieren können, tun wir das. Wir geben ihr nur nicht 96

Mario Waser verlässt die Küche und kehrt zurück zur Schreibmaschine, nimmt vom Stapel Papier das erste Blatt, fährt mit dem Finger über die Buchstaben. ‹Vergangenheit und Gegenwart› haben die Bleilettern der alten ‹Urania› aufs Blatt geworfen. Das war vor sechs Jahren. Mittlerweile hat der Waser 1026 Seiten auf der klapprigen Maschine getippt und gleichzeitig Dutzende von Notizbüchern vollgeschrieben, in kleiner, enger Schrift. ‹Ich habe angefangen, von mir zu schreiben, von Dingen, die ich erlebt habe, von Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind›, sagt er. Seine Schultern zucken. ‹Irgendwann merkte ich, dass ich damit nicht mehr aufhören konnte. Jetzt mach ich halt weiter.› Seine Töchter werden die Geschichten irgendwann bekommen, tranchenweise. Sie leben in Schweden, mit ihrer Mutter, er sieht sie selten. Der Waser steht da in der groben Über­hose, fährt sich durchs Haar. Er lächelt verlegen, er klaubt die nächste Mary Long hervor, unten funkelt der See. Und ein Film könnte so aufhören, ein alter Schinken in Schwarz-Weiss.


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Photography: Audrey Corregan kinki kunst

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‹Elles sont grandes, presque nos alter ego. Imposantes créatures, elles nous tournent le dos dans une superbe indifférence, captivées par un spectacle hors de notre portée.›

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‹Le cou large et la la carrure ample, ces silhouettes hiératiques emplissent l’espace exigu du cadre.›

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‹Ce qu’elles nous offrent: la partition de leur plumes moirées et tachetées.›

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‹Pas d’espace pour l’envol, juste assez pour laisser circuler le souffle de l’air à la surface de l’image.› audreycorregan.com

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wortlaut das 10 minuten interview

Shaun Ross: ‹Ich empfinde mich nicht als anders.› Interview kinki magazine: Welche Frage nervt dich in Interviews am meisten? Shaun Ross: Am meisten hasse ich die Frage danach, ob sich mein Leben verändert hat seit ich mit dem Modeln angefangen habe. Okay, dann streiche ich die Frage. Ja, bitte. Warum magst du es nicht, wenn sie dir gestellt wird? Weil mein Leben das gleiche ist wie vor dem Modeln. Ich bin immer noch ich. Was liebst du am meisten am Anderssein? Ich empfinde mich nicht als anders. Denkst du, ich bin anders, weil ich helle Haut und blondes Haar habe? Nein, ich bin ganz normal. (Summt) Ich liebe diesen Song.

S

haun Ross ist kein gewöhnliches Model. In erster Linie ist der 19-Jährige ein Fashionrebell. Er lästert auf seinem Blog über Designer, Modelkollegen und Paris. Er redet in Interviews verdammt schnell und dann plötzlich wieder gar nicht. Wer seinen Background nicht kennt, den verweist er schnippisch auf seinen Eintrag bei Wikipedia. Manchmal summt er bei Interviews auch einige Minuten lang Radiomelodien nach. Je nachdem, wie dem in der Bronx geborenen Amerikaner der Sinn gerade so steht. Der ausgebildete Tänzer stellt ausserdem gerne selbst gedrehte Videos online, in denen er sich leicht ironisch wieder und wieder fragt: ‹What’s the problem with

kinki wortlaut

people today?› Dabei fragt sich wiederum wahrscheinlich der Zuschauer eher ‹What’s wrong with Shaun today?› Und je mehr man über Shaun Ross liest, hört und von ihm sieht, desto stärker macht sich das Gefühl breit, dass der New Yorker mit dem blonden Afro-Flattop und der Sonnenbrille das Rampenlicht hasst und gleichzeitig liebt. Ach ja, und Shaun Ross ist übrigens das erste männliche Albinomodel überhaupt. Er wurde mit 16 Jahren von dem Fotografen Shameer Khan aufgrund seines besonderen Looks entdeckt. Aber das nur am Rande. Denn ausser mit Tyra Banks scheint er nicht allzu gerne über dieses Thema zu sprechen …

Du möchtest also auf keine Fragen bezüglich deiner Hautfarbe eingehen, sondern als ganz reguläres Model behandelt werden, verstehe ich das richtig? I love you. Genau, du verstehst es. Ich hasse diese Fragen. Ich bin doch in erster Linie Model. Du könntest deinen Status als Model aber auch nutzen und als Sprachrohr fungieren, um Menschen über Albinismus aufzuklären. Ja, aber damit rückt das Thema ständig in den Vordergrund und das möchte ich nicht. Ich will nicht, dass Menschen meine Hautfarbe als etwas besonders sehen. Für mich ist mein Aussehen normal und ich möchte keinen Schwerpunkt auf das Thema Albinismus legen. Und was hasst du am meisten am Fashionbusiness? (Seufzt) Ach, da gibt es viele Dinge. Man sieht zum Beispiel 104

ständig die gleichen Gesichter. Immer. Und was ich auch nicht mag ist, wenn Designer versuchen ihre Kleidung grösser und besser erscheinen zu lassen, als sie eigentlich ist. Weisst du, da wird dir erzählt: ‹Oh, das Kleidungsstück ist aus diesem Supermaterial und aus was weiss ich …› Dann denke ich mir immer: Ja, aber es ist doch nur Stoff und daraus macht ihr eben nur ein T-Shirt. Du bist auf der Berlin Fashion Week für den Designer Patrick Mohr gelaufen. Warum denkst du, hat er dich als Model ausgewählt? Er mochte eben meinen Look. Vielleicht, weil der anders ist? Nein. Mal ehrlich, man konnte mich unter dem ganzen Makeup doch gar nicht erkennen. Alle Models sahen bei der Show gleich aus. Von daher … Für was wirst du häufiger gebucht: Shootings oder Laufstegjobs? Shootings. Ich habe bereits einige Editorials gemacht, beispielsweise für die britische GQ und für die Vogue Italia. Gelaufen bin ich für den Designer Alexander McQueen und die Labels Givenchy und Odyn Vovk. Wenn man in deine Heimatstadt New York reist, wo sollte man unbedingt hingehen? Ins Green House. Und zwar an einem Sonntag. Das ist ein Houseclub. Guter Laden. Foto, Text und Interview: Ramona Demetriou Shaun Ross wird in Deutschland durch Izaio Models vertreten. Seinen Blog findet man unter albinohommes.blogspot.com.


HOW FAST CAN YOU SWIM?

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lieblingslieder jedem das seine

Jan + Anna 01:17

04:01

Der Titel spricht für sich!

Jan (Erik): Einer der wohl besten Coversongs ever! Ein absoluter Klassiker der Musikgeschichte. Wenn ich Gitarre spielen könnte, dann nur so wie Jimi.

Bonaparte: Do you want to party

04:01

Depeche Mode: Never let me down again (gesungen von den Smashing Pumpkins) Anna (Verena): Wie eine kleine Zeitreise durch meine Vergangenheit. Begleitet mich schon seit 20 Jahren und bleibt einfach gut, auch im Original. Bei dieser Band gehen Eriks und meine Meinung leider sehr weit auseinander, deshalb höre ich es meistens, wenn ich alleine bin.

03:41

Nancy Sinatra & Lee Hazlewood: Some velvet morning

Anna (Verena): Der Song war Musik zu einer der ersten A.F. Vandevorst-Shows, bei der ich an der Kollektion mitentworfen hatte. Erinnert mich an eine tolle Zeit in Belgien, in der ich mit vielen interessanten Leuten zusammengearbeitet habe und die mich stilistisch sehr geprägt hat.

Jimi Hendrix: All along the watchtower

04:26

Hot Chip: Out at the pictures Schneller, unkomplizierter Sound. Das beste Lied, um den Kopf freizukriegen auf dem Weg ins Atelier.

04:31

Fever Ray: When I grow up

Geniales Video und immer wieder eine starke Inspiration. Spiegelt für uns eine gute Form von Ästhetik wider und bringt uns immer wieder auf neue Ideen, die wir dann weiterentwickeln. Wir mögen diese düstere, etwas schmutzige, aggressive Stimmung, die das Video ausstrahlt.

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CocoRosie: Japan

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uristisch, modern und trotzdem zeitlos. Die Schmuckkollektionen des Schweizer Labels ‹Jan + Anna› sind meist schlicht und gradlinig, verbinden aber alte mit neuen Materialien zu einem auf wenige Elemente fokussierten Mix. ‹Uns ist es wichtig, dass der Schmuck eine Verbindung mit der Kleidung eingehen kann und nicht zu dominant wirkt›, sagen die beiden Designer Verena Weide­ mann und Erik Schelkmann. Kennengelernt haben sich die beiden während dem Studium an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen. Nach dem Studium arbeiteten sie für renommierte Labels wie A.F. Vandevorst und Dries van Noten. Als sie später in die Schweiz zogen, um unter anderem für das St.Galler Traditionsunter­ nehmen Akris zu arbeiten, grün­ deten sie vor eineinhalb Jahren in Basel ihr Label Jan + Anna. Ihre Schmuckstücke sind Einzelanfertigungen und bestehen

kinki lieblingslieder

meist aus vielseitigen Mate­ rialien wie Leder, ungeschliffenen Edelsteinen oder Stahl. Armbän­ der und Halsschmuck definieren sich oft durch mehrere ineinander verschlungene Ketten von un­ terschiedlicher Dicke und Farbig­ keit. Die beiden wollen sich aber auch technisch immer weiterent­ wickeln. ‹Zur Zeit arbeiten wir an neuen Wickel- und Flechttechniken von Ketten und an Färbungen von Leder›, erklärt Weidemann. Doch natürlich sind auch neue Kollektionen in Produktion. Und sie werden eventuell sogar erweitert, wie uns die beiden verraten haben. Es sollen Leder­ accessoires entstehen, die mit ihrem Schmuck harmonieren, und ausserdem arbeiten die beiden an einem Kurzfilm. Die Kombination aus Alt und Neu, die sich im Schmuck von Jan + Anna findet, widerspiegelt sich auch in der Liste ihrer Lieblings­ tracks, um die wir sie hier gebeten haben.

Wie der Text schon sagt; everybody wants to go to Japan. Wir verbinden damit viele Erinnerungen an Reisen, an Kōji, Hideki, Akiko und Co., Teppanyaki und Sake-Nächte. Ausserdem sind die zwei Schwestern live echt ein Erlebnis.

03:52

The Knife: Heartbeats

Trotz skandinavischer Wurzeln der Band, für uns ein Hauch von belgischer Melancholie. Ein bisschen traurig und gleichzeitig doch voll von schönen Erinnerungen.

04:48

Rolling Stones: 2000 Light years from home

Jan (Erik): Showmusik zu meiner Kollektion im zweiten Jahr an der Royal Academy in Antwerpen. Eines meiner absoluten Lieblingslieder. Immer wieder gut für ein Gänsehaut-Feeling, wenn man die Augen zumacht, fühlt man sich wirklich wie im Orbit (ein kühles Bier und eine Zigarette wirken unterstützend).

05:21

Einstürzende Neubauten: Stella Maris

Ein Lied, das uns immer wieder zum Träumen bringt. Schon tausendmal gehört, aber nie langweilig. Seit zehn Jahren unser Song. Genialer Text und die Stimme von Meret Becker fasziniert immer wieder.

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Text: Antonio Haefeli Foto: Promo janandanna.com


Die Antithese

‹Um einen faulen Fisch verbreitet sich Gestank, um eine Orchidee feiner Duft.› Dieses alte chinesische Sprichwort erscheint einem auf den ersten Blick als einfache Wahrheit, die sich so bestätigen lässt. Was aber, wenn das Feld der Düfte explodiert, neue Antidüfte entstehen und so vielleicht gerade das Sprichwort umkehren und den faulen Fisch zum feinen Duft erküren? Text: Katja Alissa Müller, Illustration: Niky Roehreke (nikyniky.com)

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er sich als Mann mit seinem Acqua di Gio und als Frau mit ihrem Chanel No. 5 als ultimative Trendsetter der Parfumträger versteht, sollte seinen Horizont dringend mit neuen Duftkonzepten erweitern, um sich und seinem Umfeld einen Gefallen zu erweisen. Durch die Reiz- und Geschmacksüberflutung der Parfums der grossen Modehäuser wie Gucci oder Prada, die sich aufgrund der Marktsituation dufttechnisch gesehen aneinander anpassen, und Häuser mit eigenen Parfumeuren wie Hermès oder Cartier zu einer verschwindenden Gattung gehören, ist es praktisch unmöglich unter all den Fragrancen noch frappierende Unterschiede zu entdecken, die jedes Parfum zu einem einzigartigen und unverwechselbaren Erlebnis machen. Sind wir doch in einer Generation aufgewachsen, in der das Wort Individualität gross geschrieben und zelebriert wird, sollten die neuen olfaktorischen Duftergüsse verschiedener Anbieter gerade passen, um sich dem ‹MassenVergeruchlichungs-Trend› entgegenzusetzen, sich individuell mit einem neuen Duftkonzept gegen Aussen zu präsentieren und seinen Charakter typgerecht zu unterstreichen. Oder besser gesagt: zu beduften. Unkonventionelle, abstrakte, verwirrende und gar manipulierende Duftnoten tragen zur neuen Ära der Parfums bei, welche das stagnierte Feld der Parfumindustrie gründlich auf den Kopf stellen und die Nase zu neuen Höhenflügen berauschen.

Kopf, Herz- und Hirnnote

Während man bis anhin bekannte manipulative Faktoren in der Zusammensetzung bereits kennt und entsprechend einsetzt, beispielsweise die Zufuhr von Milchessenzen bei Frauenparfums, um eine Erinnerung ans Stillen in Zusammenhang mit einem guten und wohligen Gefühl zu evozieren, tragen die aufs Unterbewusstsein einfliessenden Faktoren auch dazu bei, nicht nur den Träger, sondern sein ganzes kinki report

Umfeld zu verändern und zu stören. Die gewohnte Zusammensetzung eines Dufts aus einer Kopf-, Herz- und Basisnote wird durchmischt, sodass dieses Grundprinzip keineswegs mehr als grosse Wahrheit der Parfumeure gesehen werden kann. Entstanden sind Antidüfte, die in ihrer Komposition keineswegs den gängigen Mustern entsprechen, das Feld der Düfte wahrlich zur Explosion zwingt und den Träger zu einem neuen Erlebnis und Traggefühl für Düfte inspirieren. Wichtige Erkenntnis ist hierbei, dass die Duftmoleküle, im Unterschied zu akustischen und visuellen Informationen, direkt am Kontrollzentrum im Gehirn vorbei in den sogenannten Hippocampus führen, einer Region, wo Emotionen und Erinnerungen verarbeitet werden. Somit können Erinnerungen und Gerüche miteinander in Verbindung gebracht werden und führen neben einem olfaktorischen Erlebnis immer auch zu psychologischen assoziativen Vorgängen mit der Vergangenheit. Dass heisst auch, dass nur schon die Erinnerung an einen Duft mit gewissen Vorgängen gekoppelt werden, was vor allem im Scent Marketing, dem Duftmarketing, als manipulativer Vorteil betrachtet und vor allem auch umsatzsteigernd und gewinnbringend eingesetzt wird. Dies geschieht entweder über saisonale atmosphärische Reize, wie den Einsatz von Weihnachtsdüften, durch die Fehlinformation der Kunden, indem man beispielsweise einen Kunststoffsessel nach echtem Leder riechen lässt oder durch die Erweiterung der bestehenden Corporate Identity eines Unternehmens oder einer Marke mit einem passenden und eigens dafür kreierten Duft. Es ist bewiesen, dass sich die durchschnittliche Verweildauer der Kunden in einem Verkaufsraum mit Beduftung um 16 Prozent steigert, sich die Kaufbereitschaft um 15 Prozent erhöht und eine ungefähre Umsatzsteigerung von sechs Prozent generiert werden kann. Verblüffend ist dabei auch, dass die Konsumenten bereit sind, in einem gut bedufte108

ten Umfeld 15 Prozent mehr für ein Produkt zu bezahlen. Da können wir als Verbraucher noch so lange behaupten, dass wir uns vom Konsum nicht verführen lassen, wenn unser Unterbewusstsein ausgetrickst wird und sich als innerer Feind und schwaches Glied in der Kette entpuppt.

Babyhaut und Kamelmist

Jemand, der sich bestens mit der Wirkung von Duftstoffen auskennt, ist Sissel Tolaas, ihres Zeichens studierte Chemikerin und Linguistin, die seit 1990 ein persönliches Duftarchiv anlegt, das mittlerweile an die 7800 Duftstoffe zählt. Blumige und süsse Düfte aus Flora und Fauna interessieren die leidenschaftliche Duftexpertin jedoch nur bedingt. Lieber widmet sie sich den eigenwilligen Geruchsleckereien wie Kamelmist oder fauliger Mango und testet deren Wirkung auf die Menschen. So bewies sie schon, dass der Duft von Babyhaut Aggressionen dämpft und ihr Parfum ‹Angstschweiss› auf Frauen die Wirkung zeigt, dass sich diese fluchtartig von ihr entfernen und die Männer im Gegenteil dazu­ zutraulich macht. Gerade konzipiert sie für Visa einen Duft, der Kreditkarten nach Geld riechen lassen soll. Man kann also gespannt sein, wie sich das Feld der Düfte noch erweitern und verändern wird. Im folgenden erwartet euch ein kleiner Überblick über die kreativsten und ausgefallensten Duftnoten, die es momentan auf dem Markt zu haben gibt. Wirkung garantiert!


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Comme des Garçons Unsere liebe Rei Kawakubo, bekannt als Desig­ nerin von Comme des Garçons, verblüfft uns nicht nur immer wieder mit ihren modischen Kreationen an der Grenze der Tragbarkeit und Vorstellungskraft, sondern gibt sich auch im weiten Feld der Düfte die Ehre. Diese erinnern an Alltagssituationen, Kulturen oder Lebensmomente wie beispielweise der Duft Odeur 71, welcher mit Essenzen wie Fotokopier-Toner, Toaster, frisch abgespitzten Bleistiften oder Staub einer heissen Lampe spielt und so eine Mischung aus Technologie und Alltag auf die Spitze treibt, die dennoch tragbar ist.

Escentric Molecules WODE by Boudicca

Christopher Brosius

Das britische Designhaus unter Zowie Broach und Brian Kirkby kreierte mit seinem ersten eigenen Duft eine Kunstfragrance, die man nicht nur riechen, sondern auch sehen kann. WODE appliziert nach dem Sprühen eine kobaltblaue Farbe, die zeitlich begrenzt nach wenigen Sekunden wieder von Haut und Kleidung verschwindet und so am Benutzer einen Hauch von Nichts mit intensivem Duft hinterlässt. Der Kunstduft von Parfumeur Geza Schoen ist eine Mischung aus Historik und Streetart. Während das Flacondesign einer Spraydose nachempfunden ist, rankt sich um das Parfum der Mythos der britannischen Königin Boudicca, welche sich nach der Bekämpfung durch die Römer mit einem Schierlingstrank vergiftete. Dieses Extrakt findet sich neben anderen Essenzen wie Opium, Safran, Moos oder Kardamom in WODE wieder.

Wenn jemand einen Satz wie ‹I hate perfumes!› von sich gibt, kann man sich als Verbraucher schon mal darauf einstellen, dass die Duft­ kreationen keineswegs langweilig, süsslich oder dümmlich erscheinen. Für Christopher Brosius, kurz CB, leben wir, weil wir atmen und dadurch mit jedem Atemzug riechen. Er versucht die durch normale Parfums gegebenen Korsetts am menschlichen Körper zu durchbrechen und das ‹Ich› eines jeden Einzelnen hervorzuheben. So tragen denn auch seine Parfums Namen wie: ‹A Room with a View›, ‹Walking in the Air›, ‹Narcissus› oder ‹In the Library›. Düfte, deren Zusammensetzung den Namen alle Ehre machen und den Geruchssinn erweitern.

L’eau Serge Lutens Ganze sechzehn Jahre arbeitete Serge Lutens an seinem Antiparfum, welches nach sauberer Wäsche, Reinheit und angenehmer Schläfrigkeit riechen soll. Entstanden ist ein Duft, der beim Träger ein wohliges Gefühl evoziert und in seinem Umfeld die Menschen aufgrund der olfaktorischen Reduktion ebenfalls dazu bringt, sich in seiner Gegenwart geborgen zu fühlen. Eine wahre Liebe zurück zum natürlichen Duft und ein Mittelfinger gegen die Geschmacksabsenz der grossen Parfumindustrie. kinki report

Vulva Original Ein Duft, dessen Video auf der Internetseite ihn nicht wirklich für sich sprechen lässt, der aber dennoch so faszinierend in Kompo­ sition und Wirkung ist, dass man ihn nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Möglichst unverfälscht soll hier der Duft des weiblichen Geschlechts wiedergegeben werden, und dieses Ziel ist vorwiegend für das intime Vergnügen verfolgt worden. Essenzen wie Schweiss, Urin und weibliche Erregung sollen zur absoluten Ekstase führen. Ob es funktioniert, sei an dieser Stelle dahin gestellt. Nach einer kurzen persönlichen Testreihe unter Freunden sind mehrheitlich rümpfende Nasen das Ergebnis, welche den Duft nicht gerade als frappierende Neuheit und Must-Have bezeichnen würden. Rocco Siffredi hätte aber wahr­lich seine Freude daran. 110

Escentric Molecules brachte unter Parfumeur Geza Schoen einen Duft auf den Markt, bei dem ein einzelner Rohstoff im Mittelpunkt des Geruchserlebnisses steht. Der Duftstoff Iso E Super, als isoliertes Duftmolekül, liegt bei Molecule 01 in einer Konzentration von 100 Prozent vor, und wirkt durch seine radikale pheromonhaltige Essenz unwiderstehlich auf andere Menschen. Als Träger riecht man, abgesehen von einer minimalen Sandelholznote, jedoch nichts. Beim zweiten Duft der Serie, dem Escentric 01, liegt der Iso E Super-Duftstoff in einer Konzentration von 65 Prozent vor und wird unter anderem mit rosa Pfeffer, Limette und Weihrauch gemischt. Die Herznote bei Escentric 01 wird kaum bemerkt, der Duft geht direkt von der Kopf- zur Basisnote über, was ihm den Satz ‹Der Duft hat kein Herz, aber eine Seele› bescherte.


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vertreter

Name: Lobster Claws (Alexander McQueen) Geburtsjahr: 2009 Typ: High-Fashion-Schuh Besonderheit: 25,4 Zentimeter hohe Absätze

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er Alltag eines Models ist geprägt von striktem Gehorsam, unterwürfigem Anbiedern der Agenten und höchster Disziplin. Wenn sich junge Damen also gleich reihenweise weigern, die Kreation eines Designers auf einem Laufsteg zu präsentieren, muss dies einen mehr als triftigen Grund haben. Im Falle der Lobster Claws von Alexander McQueen sagten unter anderem Abbey Lee Kershaw, Sasha Pivovarova und Natasha Poly – allesamt alles andere als blutige Neulinge im Business – eine Fashionshow ab, bei der sie es mit den ‹Hummerklauen› zu tun bekommen sollten. Der Grund: Sie hatten ernsthafte Bedenken und Furcht vor schweren Stürzen und Verletzungen. Der monströse Fussschmuck schaffte es trotzdem auf die Laufstege dieser Welt, erstmals bei der Vorstellung von McQueens Kollektion in Paris im Oktober 2009. Doch was waren diese Schuhe eigentlich? Ungekannter Chic oder fieses High-Heel-Folterinstrument in 25,4 Zentimetern Höhe? Auffälliges Accessoire oder Schuh gewordener Übermut? Ganz offenkundig hatte McQueen etwas völlig Neuartiges ge-

Text: Bastian Steineck Illustration: Adrian Riemann

Hoch zu Fuss: Um die Lobster Claws mit gutem Gewissen tragen zu können, muss man schon ein schamloser Experte der Selbstinszenierung sein. kinki vertreter

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schaffen. Unklar war nur, wer diese überaus hohen und sonderbar geformten Schuhe tragen sollte. Es brauchte schon eine schamlose Expertin der Selbstinszenierung wie Lady Gaga, um die Lobster Claws in der weiten Welt bekannt zu machen.

video killed the fashion star Für die amerikanische Sängerin hatte McQueen bereits zuvor Kostüme, Outfits und Schuhe entworfen – im Video zu ‹Bad Romance› hielt sie schliesslich zu den Worten ‹Walk walk, fashion baby, work it, move that bitch crazy› ihre goldenen Hummerklauen in die Kamera. Auch Kollegin Kelis und BrauereiErbin Daphne Guinness gerieten in die Fänge des Hummers und verschafften dem Schuh abseits des Catwalks eine Bühne. Es ist ein denkwürdiges Vermächtnis, das der Engländer Alexander McQueen den Füssen dieser Welt hinterliess. Für den Sohn eines Taxifahrers war es immer nur bergauf gegangen: ein nach ihm benanntes Label, vermarktet unter dem Luxusdach von Gucci; eine pompöse Hochzeit mit seinem Lebensgefährten 2000 auf Ibiza; spektakuläre Kollektionen an Körpern und Füssen von Prominenten. Doch was für Absatzschuhe gilt, trifft auch auf McQueens Leben zu: Je höher man steigt, desto tiefer kann man fallen. Als sich sein Mann von ihm trennte und kurz darauf die Mutter starb, steigerte sich der Designer tief in die Depression – Erlösung fand er erst in einem Drogencocktail und einer Schlinge, die er sich selber um den Hals legte.


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kopfkino vom umschlag bis zum abspann

Die Mode als kurzlebiges stoffliches Medium hängt dank der vielschichtigen, medialen Dokumentation ihre Vergänglichkeit an den Nagel. In Film und Buch sind ihre wichtigsten Erschaffer, Träger, Abbilder und Kreati­ onen aus allen Jahrzehnten, mal in demütiger Ehrfurcht, mal in formvollendeter Posse für immer in unser kollek­ tives Gedächtnis gebannt … Buch Kaiser

Geschäftsfrau und exzentrischen Modeikone, die längst zu den bedeutendsten Modemachern unserer Zeit gehört, zu beschreiben. Dieses Buch, das 2004 erschien, honoriert Vivienne Westwoods Arbeit ganzheitlich und zeigt die unterschiedlichsten Kollektionen und Kreationen seit 1970: vom punkigen Look der Sex Pistols, über Piraten, Seebräute und Matrosen, Hofleben- und Salon-inspirierte Looks. Elemente wie schottische Karos, Tweed-Jacken, weibliche Bustiers und aufgeplusterte, voluminöse Röcke oder Pluderhosen und unzähmbare Layerings werden immer wieder zitiert und weiterentwickelt. Als prominenteste Designerin Englands spielt ihr offensichtlich das multikulturelle London, als auch die Geschichte, die Adligen und die Borniertheit Englands immer wieder Inspiration zu, die das unermüdliche, westwoodsche Zusammenspiel von Innovation und Tradition hochleben lassen.

de Inspiration aus anderen Kulturen und Ländern wie Afrika, China und dem fernen Osten, von denen er Farben, Stoffe und Formen schöpfte, die seine Trägerinnen luxuriös umhüllten. Und die Avancen zur sexuellen Befreiung der Frau, die Kleid und Haltung opulent oder minimalistisch versinnbildlichten. Und das Aufkommen der Modefotografie, das unweigerlich mit seinen modischen Schöpfungen einherging. Erschienen beim Schirmer /Mosel Verlag, CHF 49.–

Yves Saint Laurent – Icons of Fashion Design Er war der ungekrönte König der Haute Couture, der Erschaffer von Stil und Eleganz, der mit zahlreichen Klassikern die Frauenmode emanzipierte und für immer prägte. Yves Henri Donat Mathieu-SaintLaurent lebte von 1936 bis 2008 und widmete ganze 51 Jahre seines Lebens der Mode. Allzu gut erinnere ich mich daran, wie nach seinem Tod vor zwei Jahren sein Antlitz über die Bildschirme flimmerte: der junge, entblösste Modeschöpfer, die Nacktstudie in apostelähnlicher Stellung, die für sein neues Parfüm warb und Werbegeschichte schrieb. Und dies, obwohl man den Modedesigner danach zeitlebens weniger offenherzig, dafür schüchtern und zurückhaltend erlebte – zumindest was seine Person betraf, seine Mode bediente sich da einer ganz anderen Sprache. Die Neuauflage des Bildbands ‹Yves Saint Laurent – Icons of Fashion Design› lässt die bekanntesten Looks aus den ersten 25 Jahren von Yves Saint Laurents Schaffenszeit Revue passieren. Dabei fallen verschiedene Aspekte ins Auge: Die anhaltenkinki kopfkino

Königin

Claire Wilcox: Vivienne Westwood Vivienne Westwood gehört zweifelsohne zu den Designern, welche Beschreibungen wie klassisch, angepasst und tragbar tunlichst vermeiden. Ihrem anarchistischen und aufrührerischen Herzen folgend, fällt ihr das seit mehr als drei Jahrzehnten auch nicht schwer. Die ‹Queen of Punk› weiss Kollektion für Kollektion ihre eigensinnige Sicht der Mode zu präsentieren und lebt ihre radikalen Überzeugungen auf dem modischen, wie auf dem gesellschaftlichen Parkett kritisch und unbefangen aus. Das Label ‹Queen of Punk› reicht indessen nicht mehr, um das Schaffen der beflissenen Autodidaktin,

Erschienen bei Nicolai Verlag, ca. CHF 46.–

Prinzessin

ten Persönlichkeiten der Fashionszene der letzten Jahrzehnte und schlagen in der Kombination eigentlich alle. Wie schon in den Sechzigerjahren bei Yves Saint Laurent tanzen Models, Designer und Modefotografen nach wie vor auf derselben unerreichbaren Bühne und inspirieren und bedingen sich gegenseitig. Die Kooperation des begehrten und Generation prägenden Modefotografen Mario Testino und des unnahbaren Antimodels, das zu einem der meistverdienenden Topmodels und zur Ikone einer ganzen Generation von modebewussten Frauen wurde, ist dennoch ungewöhnlich. Aufgrund der über zwei Jahrzehnte anhaltenden Freundschaft zwischen Testino und Moss umgibt das Buch die Magie und Vertrautheit dieses Verhältnisses. Es gewährt in Bild und Text intimste Einblicke in das Leben des Models, das sich sonst gegenüber der Presse und Öffentlichkeit gewöhnlich sehr verschlossen gibt. Die ausdrucksstarken und unübertreffbaren Fotos stammen zum grossen Teil aus Testinos Privatsammlung und reichen von den Anfängen hinter den Kulissen der Defilees bis zu den aktuellen, gemeinsamen Produktionen. Da liegt es auf der Hand, dass ‹des Künstlers persönliche Hommage an seine Muse› als limitierte Ausgabe von 1500 Stück erscheint und durch die persönliche Nummerierung und Signatur von Mario Testino erst recht als kleine Kostbarkeit gehandelt wird. Erschienen beim Taschen Verlag, ca. CHF 460.–

Kate Moss by Mario Testino Die Modeikone und der Starfotograf: Kate Moss und Mario Testino. Beide gehören zu den begehrtes114


McQueen

grösstmöglichen Ehrerbietung überhaupt zu münden. Jede Sekunde dazwischen quillt über an rasanten Gefühlsausbrüchen des Italieners, Federboas und Pailettenreihen und sechs Möpsen, die Valentino überall hin folgen. Sehr amüsant zu beobachten ist auch das Katz-und-Maus-Spiel, das sich Modezar und Kamerateam liefern. All dies wird aber nebensächlich bei Valentinos Mode, die selbstredend alle anderen an die Wand spielt. Man könnte hier ein bisschen Kritik laut werden lassen und klönen, dass der Regisseur Matt Tyrnauer (übrigens seit dem 16. Lebensjahr als Redakteur bei der Vanity Fair tätig) den grossen Herrn ein wenig zu kritiklos davonkommen lässt. Die Kritik liefert Seniore Garavani aber dann gleich selber. Und dabei schauen wir ihm nur allzu gern zu.

DVD

Schnitt

Kristin Knox: Alexander McQueen – Genius of a Generation Die Retrospektive zu Alexander McQueens exorbitanten und wegweisenden modischen Schaffen gehört in dieser Reihe zur überraschendsten. Erst im vergangenen Februar musste die geschockte und trauernde Modewelt den Freitod Alexander McQueens schweren Herzens hinnehmen. Das Buch von Kristin Knox liefert ein würdevolle Retrospektive und Abdankung und fängt die unkonventionelle Vision und Wirkung McQueens ein: Seine unfehlbare Schneiderkunst, die Vorliebe für originelle, virtuose Designs als auch seine schockierenden, kontroversen und doch zukunftsweisenden Fashionshows – sprich sein Genie – sind darin erkennbar. McQueen etablierte eine neue Art der Installationskunst, die mit den konventionellen Fashionshows brach und den Showrahmen auf das gleiche künstlerische Niveau der Kollektion erhob. So ist es doch ein kleiner Trost, dass er auch mit seiner letzten Show, der Frühlingskollektion 2010 ‹Plato’s Atlantis›, noch einmal ein wegweisendes Exempel statuierte. Die Kollektion in schillernden Aquanuancen, die von Live-Kamerarobotern und Lobster Claw-Schuhen begleitet wurden, veranschaulicht sowohl den Trend zu ausgefallenen Locations, als auch die Demokratisierung der Mode durch Liveübertragung, die er als einer der ersten unterstützte. Ein schönes Erbe, das hoffentlich noch in zahlreiche Formen und Ausprägungen dekliniert wird. Erschienen bei A&C Black, ca. CHF 32.–

Bei Film und Theater gibt sich unsere Re­ zensentin gerne skep­ tisch, doch wenn es um Bildbänder der talen­ tiertesten Models, Designer und Modefotografen unserer Zeit geht, bleibt ihr der kritische Ton im Halse stecken. Deshalb ist an dieser Stel­ le die Auswahl ausschlaggebend.

William Wyler: How to Steal a Million Ein Film mit Audrey Hepburn ist wie ein kleiner Urlaub. Ungefähr vergleichbar mit dem einmaligen Städtetrip, den jeder mal mit seiner besten, aber unglaublich zickigen Freundin macht, die stets ihren Willen durchsetzen will. Trotz Miss Hepburns plapperndem, augenklimperndem Wesen darf dieser Film dennoch an dieser Stelle nicht fehlen. Die kleine, charmante Komödie um Liebelei, Gaunerei und Unbedeutelei ist nämlich bis zum Rand gefüllt mit atemberaubender, sittsamer Mode. Dass Hubert de Givenchy Audrey Hepburn zu seiner Lieblingsmuse erkoren hatte, mag nichts Neues sein, aber allein das famose ‹Givenchy black Chantilly lace dress›, das die Actrice mit passender Spitzenmaske als Verkleidung in einer Szene trägt, entschädigt für alle hepburnschen Filme da draussen.

Bereits auf DVD erschienen.

Action

R.J. Cutler: The September Issue Lange hatten wir damals im Vorfeld mit den Füssen gescharrt, bis doch endlich die einzig wahre Wahrheit über diese ominöse ‹Maschinerie Mode› an ihren schönen Schuhen ins grelle Tageslicht gezogen werden würde, auf dass auch wir Normalsterblichen endlich ein wenig von ihrem Glanze erhaschen könnten. Stattdessen hat uns Filmemacher R.J. Cutler eine etwas nichtssagende Dokumentation über einen telefonbuchdicken, budgetverschlingenden Teufelsbraten serviert, nach dessen Verzehr wir auch nicht sehr viel schlauer sind als zuvor. Doch weil es so schön anzuschauen ist, wie die leicht irre und sicherlich zu sentimentale Grace Coddington La Wintour die Stirn bietet oder das Original André Leon Talley in kompletter Louis Vuitton-Montur seinen Leibesertüchtigungen nachgeht, seien euch diese 90 Minuten äusserst liebevoll ans Herz gelegt.

Bereits auf DVD erschienen.

Kamera

Matt Tyrnauer: Valentino: The last Emperor Valentino. Das tönt nach etwas ganz Grossem und italienischem ‹zu viel des Guten›. Genau das, aber eben noch viel mehr verbirgt sich hinter dem famosen Modehaus, wie der Dokumentarfilm ‹Valentino: The last Emperor› in seinen 96 Minuten darlegt. Ein Kamerateam begleitete Valentino Garavani während der letzten beiden Jahre seines Schaffens, ehe der Couturier sich von seiner Berufung verabschiedete. The last Emperor beginnt als Posse, schwingt sich auf zum Liebesdrama um dann in der

Bereits auf DVD erschienen.

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Kino Licht

P. A. Straubinger: Am Anfang war das Licht Pfefferminztee, Kaffee und ein Brötchen – das ist alles, was ich heute zu mir genommen habe. Nein, ich bin weder ein Model noch will ich eins sein. Der Grund liegt fernab des verrückten Fashionzirkus: Es soll Menschen geben, die ohne Einnahme von Essen und Getränken überleben können. Sie führen sich die lebensnotwendige Nahrung in Form von Sonnenenergie zu. Diesem Phänomen der sogenannten Lichtnahrung geht Straubinger in seinem Dokfilm nach. Dabei zeigt er Personen, die gewollt auf physische Nahrung verzichten und so seit Monaten oder gar Jahren leben. Zu Wort kommen lässt er Praktizierende rund um den Globus, ungläubige Schulmediziner und Predigerin Jasmuheen aus Australien, welche bereits Todesopfer auf ihrem Gewissen haben soll. Sie beschreibt in ihrem Bestseller das 21-tägige Lichtfasten, bei dem weder gegessen noch getrunken wird – ein Programm, dem viele im Film porträtierte Personen nachgehen. Der Film zeigt ein aktuelles Thema und stellt Misserfolge kommentarlos erfolgreichen Versuchen gegenüber. Der Zuschauer soll und darf sich ein eigenes Bild machen. Mein Fazit: Es geht nicht darum, ganz auf Essen oder Trinken zu verzichten, sondern unser Verhältnis in Zeiten von hemmungslosem Schlemmen und unglaublichem Wohlstand zur Materie neu zu sortieren. Mein Magen knurrt auf jeden Fall ziemlich heftig und ich beende mein eintägiges Fast-Fasten hiermit. Ab 23. September im Kino.

Da Cathrin Michael und Anja Mikula den Ver­führungen der Mode längst entsagt haben, fanden sie ihre wahre Ekstase während der Arbeit an dieser Ausgabe in der Hundestel­ lung und beim gemäs­sigten Ge­ nuss von Goji-Beeren.


media spezial livraison

Die schwedische Offenbarung mit Namen Livraison könnte man als Inkarnation eines Magazins im Körper eines Buchs beschreiben. Livraison bringt die besten Bestandteile zweier Welten zusammen: Lang- trifft auf kurzlebige Publikation und eröffnet einen Freiraum, der lange währen und ausgiebig gelesen werden soll. Text: Florence Ritter

L

ivraison bedeutet soviel wie Lieferung, könnte sich aber ebenso gut aus den Worten ‹libre raison› und ‹livre publication› zusammensetzten. Die französische Sprache kultiviert den Begriff noch angemessen, legt apart das Konzept der nordischen Livraison-Publikation nahe und bestätigt einmal mehr die schwedische Vorliebe für französischen Stil. Geliefert werden jeweils über 500 Seiten geistige Anregung in ästhetischer Sprache auf hochwertigem Papier. Bezeichnet man Livraison als Magazin, führt das in die Irre, denn Umfang, Grösse, Gewicht und Paperback der Livraison-Publikationen sprechen sich deutlich für ein Buch aus. Inhaltlich hingegen bedient sich Livraison der Sprache und Zugänglichkeit eines Magazins.

Issue I

Issue II

In textlicher Form erfragt die erste Ausgabe von Livraison Leben, Meinungen und Charaktere von Personen, die wir lieben oder hassen, kennen oder ignorieren. Illustre Gäste wie Maison Martin Margiela, Bruce LaBruce, Asia Argento und Bands wie Efterklang, Kings of Convenience, Comiczeichner Mat­thew Thurber, Schauspieler Jason Lee, Autor Steve Almond, Designerin Ann-Sofie Back und zahlreiche weitere bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten sind dem Aufruf von Livraison gefolgt und haben ein Mailinterview beantwortet, das in Livraison in unredigierter Form wiedergegeben wird. Auf die visuelle Präsentation der interviewten Personen wird bewusst verzichtet, dafür sind es persönliche Räume, Posen und Körperteile anderer Menschen, die mittels zeitgemässer Fotografie eine weitere Ebene schaffen, die einen neuartigen Zugang zur Persönlichkeit ermöglichen:

Was ist bloss mit dem Briefaustausch geschehen, haben sich die Macher von Livraison gefragt, was mit den unnötigen Überlegungen und den zu Papier gebrachten gedanklichen Ausschweifungen? Wo ist unsere eigene Fähigkeit des Geschichtenschreibens hingekommen in dieser Welt voll von schnellen E-Mails und ‹Short Messages›?

Die Bibel für Ästheten

Der Content ist auf der einen Seite zeitlos und unabhängig, auf der anderen durch etliche Beiträge von zeitgenössischen Künstlern und Fotografen sowie durch soziologischphilosophische Themenumgebungen modern. Die Beiträge verfügen selten über aktuellen News-Wert, sind nicht boulevardmässig, hip oder poppig und grenzen sich allem voran von den gängigen Themen der Medienlandschaft ab. Livraison ist ein Hybrid in der Publikationslandschaft; eine Bibel für Freigeister, Printliebhaber, Ästheten und Poeten, die sich nichts aufschwatzen lassen, aber offen sind für geistige und visuelle Anstösse. Denn die schwedische Publikation Livraison hat es sich auf die Fahne geschrieben, das Magazinverlagswesen herauszufordern – David gegen Goliath, einzigartig statt populär, eigensinnig statt angepasst und stetig auf der Suche nach ‹wechselnden Kontexten und Prozessen›. Die vier Macher von Livraison – die Art Direktoren Johan Sandberg und Henrik Timonen und die Redakteurinnen Marie Birde und Marie Jubelius – sehen sich selber als ‹Erforscher der Peripherie von konzeptueller Kunst und Handelsgeist – Vagabunden in den Hinterwäldern von Kultur und Kommerz›. Jede Ausgabe ist auf 2000 Stücke limitiert und wird von einem Thema, einer Frage getragen, welche die Macher durch die Verarbeitung in individueller Form und Sprache voranbringen möchten. kinki media spezial

Denn das erste Buch handelt vom ‹Privaten›. 116

In der zweiten Ausgabe von Livraison wird der Reiz des Briefschreibens und Abdriftens wiederentdeckt.

Auf der visuellen Ebene sind es Gegenstände des Alltags, die wiederbelebt werden. Nämlich jene, die wir täglich übersehen und für gegeben halten. In einem neuen Kontext fotografiert, erfahren sie eine ungewohnte Beachtung: Löffel, Handschuh und Ameise werden, von ihrem Nutzen befreit, als Objekte wahrgenommen, denn ‹Austausch› und ‹versteckte Objekte› bilden den Ausgangspunkt des zweiten Buches.


Issue III

Issue IV

Livraison Issue I bis IV ISBN 97w9058098-98-098 livraison.se

Alles ist klar und durchsichtig, die Welt ist ein Guckloch in jedermanns Seele, Alltag und Beziehungsnetz. Jede persönliche Information schwappt ungefiltert in die Welt hinüber und Neuigkeiten schliessen sich grenzübergreifend kurz. Und dennoch trotzen einige Geheimnisse der globalen Bekanntmachung. Durch die allgegenwärtige Informationsflut erfährt diese andere Seite sorgfältig selektierter Information zunehmende Bedeutung: Vielleicht birgt sie in ihrem diskreten Dasein die eine oder andere wohlgehütete Wahrheit? Die Macher von Livraison haben für ihre dritte Ausgabe diejenigen Personen, bei denen sie Schlüssel zu versteckten Wahrheiten in Sachen Kunst, Mensch und Universum vermuten, gebeten, ihnen ihre Geheimnisse anzuvertrauen. So plaudern Aki Kaurismäki, Geoff McFetridge, David Shrigley, Rem Koolhaas, Kathryn Williams und Paul Freud aus dem Nähkästchen und befriedigen unsere Neugierde.

Bildlich werden die Geheimnisse der einen von den geheimen Persönlichkeiten der anderen gedeckt.

Wir sind alle Weltenbummler und Weitgereiste, dies können wir an der Anzahl Orte und Plätze, die wir besucht haben, messen. Mit Sicherheit können wir sie nicht mehr alle benennen und erinnern uns nur an einige. Bruchteile davon haben wir als Erinnerungen zurückgebracht, die wir bedächtig hüten. Doch was sagen die Orte und Plätze, die wir besucht haben über uns selber aus?

Die vierte Ausgabe von Livraison handelt von diesen Teilchen, die in ihrer Gesamtheit für jeden persönlich etwas Grosses ergeben. Um auch andere an diesem Ganzen teilhaben zu lassen, hat Livraison kreative Persönlichkeiten aufgefordert, Pläne von den Orten zu zeichnen, die sie mit sich tragen, Bilder zu malen, Worte zu schöpfen oder Fotografien von den Landschaften und Räumen zu schiessen, die ihnen wichtig sind, diese sind im vierten Buch zu entdecken, denn es erzählt von ‹offenen Landschaften und geschlossenen Räumen›.

69 beitragende Fotografen, darunter Bela Borsodi, Helmut Lang, Sølve Sundsbø, Richard Burbridge und Viviane Sassen zeigen sich einig, dass durch die Abdeckung des Gesichts die Persönlichkeit versteckt und neue Identitäten geschaffen werden, diese sind im dritten Buch zu sehen, denn es handelt von ‹geheimen Identitäten›.

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Princes of Stone

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Hans Coat: Anne Demeulemeester, Boutique Roma, Zürich Jogging pants: Adidas Knee pads: Stylist’s own Woolen socks: H&M Leather Shoes: Sebago, On y va, Zürich

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Leo Silk kimono: Trésors de l’Afrique et de l’Orient T.A.O., Zürich

Page 121

Jonas Vintage sunglasses: Timetunnel, Zürich African necklace: Trésors de l’Afrique et de l’Orient T.A.O., Zürich

Page 122, 123

Leo & Hans Chemise: Anne Demeulemeester, Boutique Roma, Zürich

Page 124

Jonas African necklace, glas and stones: Trésors de l’Afrique et de l’Orient T.A.O., Zürich Leather belt: Diesel Pants: Wood Wood, On y va, Zürich

Photography: Amanda Camenisch, amandacamenisch.ch Styling: Michele Muhl, style-council.ch Styling Assistant: Viviane Stadelmann Hair & Make-up: Tamara Aharon, tamaraaharon.ch Models: Hans @ Option, option-model.com, Jonas & Leo @ Visage, visage.ch kinki mode

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impressum September / Oktober 2010 Cover Gian Paul Lozza Redaktionsanschrift kinki magazine Mööslistrasse 3, 8038 Zürich T +41 44 271 09 00 F +41 44 271 09 02 kinki magazine Büro Zürich Mööslistrasse 3 8038 Zürich Büro Stuttgart Falbenhennenstrasse 5 70180 Stuttgart Büro Berlin Wissmannstrasse 2 12049 Berlin Geschäftsführung mark.mirutz@kinkimag.ch Projektleitung melania.fernandez@kinkimag.ch Marketing cathrin.michael@kinkimag.ch Marketing Assistenz cynthia.hanimann@kinkimag.ch Aboservice kinkimag.ch/abo | abo@kinkimag.ch Online orange8 interactive ag, orange8.com Auflage 60 000 Druck Werk zwei Print + Medien GmbH Einzelverkauf /Abonnement Pro Ausgbe: CHF 6 (Schweiz) / 4 (Deutschland) / 4.50 (Östereich) 11 Ausgaben: CHF 58 (Schweiz) / 50 (Deutschland) / 60 (Österreich) Vertrieb Schweiz VALORA AG, valora.com Vertrieb International stella distribution GmbH Frankenstrasse 7 20097 Hamburg Schrift Suisse Sans von Ian Party ianparty.com

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Unter allen eingehenden Abo-Bestellungen verlosen wir einen Kopfhörer von Nixon im Wert von CHF 99.–

Illustration Silvio Meier, Adrian Riemann, Niky Roehreke

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Bildbearbeitung, Grafische Gestaltung anja.mikula@kinkimag.ch helena.dietrich@kinkimag.ch ellin.anderegg@kinkimag.ch

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Freie Mitarbeit Jan Bender, Ramona Demetriou, Markus Föhn, Isabelle Haklar, Joscha Kirchknopf, Cathrin Michael, Anja Mikula, Katja Alissa Müller, Roman Neumann, Peter Rösch, Nicola Fischer

Als kinki Jahresabo-Geschenk wähle ich:

Die nächste Ausgabe gibt es ab dem 18. Oktober!

foto des monats Eigentlich auf der Suche nach Blasenpflastern, um den weiteren Verlauf des Abends in High Heels unbeschadet zu überstehen, wirbelte die äusserst sympathische Ex-Miss Schweiz Tanja Gutmann einiges durcheinander. Unser Kameramann Luchi, der sich mit Frau Gutmann die Schuhgrösse teilt, fühlte sich dabei irgendwie auf den Arm genommen …

Ausschneiden und ab damit an: kinki magazine Mööslistrasse 3

Foto: Florence Ritter

8038 Zürich

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‹My body for the world to see.› Amanda Lepore gehört zu den bedeutendsten Ikonen der Jetztzeit. Ihre Erscheinung lässt Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Körper und Geist verschwinden, beeinflusst und fasziniert die Mode- und Kunstwelt wie nur wenige andere ihrer Generation. Wir trafen Amanda während ihrem kurzen Aufenthalt in der Schweiz und sprachen mit ihr über Körper, Geist und ihr Leben als Kunstwerk. Text und Interview: Rainer Brenner, Fotos: Gian Paul Lozza

kinki report

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E

s gibt Menschen, die kann man sich nicht vorstellen, selbst wenn man ihnen direkt gegenüber sitzt. Amanda Lepore ist so ein Mensch. Seit den frühen 90ern tingelt sie durch die New Yorker Kunst- und Partyszene und festigte ihren Ruf als Underground-Ikone weltweit, als der Fotograf David LaChapellle sie in schrillen Bildern zu seiner Muse erklärte.

All eyes on Amanda

Es folgten Kollaborationen mit verschiedensten Künstlern, Modelabels und Regisseuren sowie eine Karriere als Sängerin, die sie derzeit an verschiedenste Orte rund um den Globus führt. Und auch wenn sie sich in Interviews offen zu den Details ihres Privatlebens wie ihrer Geschlechtsumwandlung oder der Kontrollsucht ihres Exfreundes äussert, so verliert ihre Erscheinung dennoch niemals diese Aura der

Unantastbarkeit, welche ihren Körper umgibt. Als sie denn einige Stunden vor ihrem Auftritt an der ‹Life is a Bitch›-Party im Rahmen des Zürcher Pride Festivals in der Hotellobby des Marriott auftaucht, drehen sich alle Köpfe nach ihr um, starren auf ihre riesigen Brüste, die in einem kurzen glitzernden Kleid Platz gefunden haben, auf den überdimensionalen Mund, dessen rote Lippenstiftspuren sich an ihrem Wasserglas wie ein grosser Stempel festsetzen und folgen dem wippenden Gang, der ihren blonden Haarschopf in langen, zielgerichteten Schritten zu unserem Tisch wandern lässt. Sie ist kleiner, als man sie sich vorstellt, obwohl sie auf ihren hohen goldenen Louboutins ihre eigene Körpergrösse um mindestens 12 Zen­ timeter überragt, reicht Amanda mir gerade mal bis zum Kinn, als sie mir ihre feingliedrige Hand entgegenstreckt und uns mit einem gehauchten, freundlichen ‹Hi› begrüsst. 129

‹Ich habe meinen Körper definitiv benutzt. Als Entertainment, so­ zusagen.› Verwunderlich scheu setzt sie sich in eine Ecke der Polstergruppe und kichert verlegen, als ihr eine Gruppe von Leuten zuwinkt, die sie nicht gleich erkennt. Ich mustere sie noch einmal von oben bis unten und versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlen mag, in diesem Körper zu wohnen, der auch in Realität so wirkt, als käme er gerade aus der Retusche. Nur ihre grossen Augen wirken flinker und um einiges sensibler als auf den Bildern, die man von ihr kennt. Mit ihnen blickt Amanda mir aus diesem statuenhaften Körper aufmerksam entgegen und legt ihre manikürierten Hände in ihren Schoss.


‹Für mich persönlich ist die Welt eine bessere geworden.›

Interview kinki magazine: Die Party heute Abend steht unter dem Motto ‹Life is a Bitch›. Wie sieht es mit deinem eigenen Leben aus? War es eine Schlampe? Amanda Lepore: (Lacht) Hmm, das war es vielleicht mal, aber momentan gefällt es mir sehr gut. Du wirst heute Abend ja als Sängerin auftreten und warst auch schon als DJane tätig. Wenn du jedem deiner Lebensabschnitte einen Song zuteilen müsstest, wie sähe der Soundtrack deines Lebens aus? Oh, keine Ahnung! Er wäre aber definitiv ziemlich schnell! Wo siehst du dich in 30 Jahren, Amanda? Ich glaube nicht, dass ich das sagen kann. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Ausserdem versuche ich, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu leben, sondern im Jetzt. Keine romantischen Vorstellungen wie ein Haus am Meer, in dem du alt wirst? Nein, ich denke, ich werde arbeiten, bis ich tot umfalle. Hast du denn Angst vor dem Tod, Amanda? Ich versuche, keine Angst davor zu haben, aber ganz ehrlich gesagt, fürchte ich mich wohl schon vor dem Tod. Ich denke halt, es wäre gut, keine Angst zu haben … Wenn du eine Biografie schreiben würdest – was ja meiner Meinung nach bestimmt noch der Fall sein wird – was für einen Titel hätte dieses Buch? (Überlegt lange und lacht schüchtern) My body for the world to see (lacht schallend)! Wie gross ist denn die Rolle, die dein Körper in deinem Leben einnahm? Ich denke, ich habe ihn definitiv benutzt (lacht). Als Entertainment, sozusagen. kinki report

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Hast du momentan eigentlich einen Freund, Amanda? Mmh, nichts Ernstes. Denkst du, es ist schwierig für einen Mann, eine Beziehung mit dir zu führen? Du bist viel unterwegs und stehst überall im Mittelpunkt … Ja, definitiv. Ich war wirklich schon mit tollen Jungs zusammen, aber wie du schon sagtest, bin ich viel auf Achse, überall wollen die Leute sich mit mir fotografieren lassen, das sind schon nicht ganz einfache Voraussetzungen für eine Beziehung. Überall wo du hinkommst, sind alle Blicke auf dich gerichtet, vermisst du denn nie ein bisschen Privatsphäre? Nein, ich bin froh darüber, dass es so ist, wie es ist. Wie kann man das nicht mögen (lacht)? Sprechen wir doch zum Schluss noch über den allgemeinen Zustand unserer Welt. Denkst du, dass wir die Welt der nächsten Generation in einem schlechteren Zustand überlassen, als wir sie von unseren Eltern empfangen haben? Nein, ich denke, die Welt ist sogar ein bisschen besser geworden. Denken wir nur an die technischen Fortschritte, die unser Leben erleichtert haben … Ausserdem denke ich, dass viele Menschen etwas offener und weniger engstirnig geworden sind. Allerdings ist das natürlich ziemlich subjektiv, ob man eine bestimmte Zeit schätzt oder nicht, hat sehr viel damit zu tun, was in dieser Zeit im eigenen Leben passiert ist und wie man selber gerne leben möchte. Für manche mag also auch das Gegenteil gelten. Für mich persönlich ist die Welt aber eine bessere geworden. Wir danken Striker Beer und dem Marriott Hotel Zürich ganz herzlich für die freundliche Unterstützung.


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kinki magazin - #28  

Die 28. Ausgabe des kinki magazines ist seit dem 12. September 2010 für CHF 6.- am Kiosk zu haben. Ergänzende Inhalte zur 28. Ausgabe sowie...

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