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kinki

nr. 20 dez/jan 2009/10 chf 6.–

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‹editorial› the coast is always changing. Liebe Leser. Zeit der Umbrüche, Zeit der Veränderung. Selten liessen sich so zahlreiche bedeutungsschwangere Phänomene mit gegenläufiger Wirkung zeitgleich betrachten wie in diesen Tagen: die herbeibeschworene Rezession schüttelt alle durch – und schon wird sie mit globalem Seufzen für bewältigt erklärt. Imposante und genauso belanglose Persönlichkeiten zwängen sich ins öffentliche, sogar private Leben, verändern es teils radikal, teils unterschwellig – und treten mit ähnlichem Donner oder ganz ohne Abschied wieder ab. Mitte Dezember im T-Shirt und Schneefall in den nicht enden wollenden Sommerferien. Die Flut spült den Sand von den Steinen. Ist es ein Zeitalter ohne Dogmen und Regeln? Die viel zitierte Katharsis, das reinigende Gericht? Ein Projekt, an dem wir unter Einsatz von Herzblut, Schweiss und Verstand gearbeitet haben, wird verkauft, sein Wert und die ewigen Schwüre verraten. Ein allzu fröhlicher Mensch aus dem näheren Bekanntenkreis wird beigesetzt und nicht müde, diese eine stumme Frage zu stellen. Gestern war heute noch morgen. Das Fieber sinkt langsam und wir sehen wieder klarer. Willkommen, liebes Christkind. Deine himmelhoch jauchzende und fast schon besinnliche kinki Redaktion

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‹content› Standard

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Editorial Content Gossip Klagemauer Media Abo / Impressum Henry & Paul

Report 20 30 32 36

Masters of the Universe Querschläger: Susanna Bigger Der Ochsenknecht Zehn Minuten mit Kimou ­‹Grotesk› Meyer 38 Sturm im Goldfischglas 42 Schlaf gut und träum was ­Schönes

Sound

52 Playlist: Klein & Lang 54 Interview: Florence and the ­Machine 56 Soundcheck 58 Interview: Nite Jewel 60 Interview: LCMDF 62 Album des Monats: Yokonoe

Fashion

64 76 78 82

‹Kaja› von Nicole Maria Winkler Vertreter: Moon Boot Green Grass on the Other Side Mach mir die Grace

Art & Co.

84 88 92 100

Mach’s dir doch selbst! Interview: Miles Aldridge This Is Andrew Clark Top Notch Gallery: Concrete Hermit, London 02 Mike Bailey-Gates: Mike on Mike 1

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‹contributors›

Nicole Maria Winkler

Andrew Clark

Die gebürtige Österreicherin Nicole Maria Winkler lebt schon seit 2006 in London, wo sie neben dem Studium an der University of the Arts als freie Modefotografin arbeitet. Der Anstoss zu der Arbeit in diesem Heft ging von den Kreationen junger Londoner Designer aus, die Nicole faszinierten. So ist ihre Serie ‹Kaja› nicht nur eine Hommage an die Designszene ihrer Wahlheimat geworden, sondern gewährt auch Einblicke in die vier Wände von Nicoles East Londoner Appartments, wo die Innenaufnahmen geschossen wurden. – S. 64

Als der britische Künstler Andrew Clark letztes Jahr an der Londoner University of the Arts sein Studium der Illustration abgeschlossen hatte, tauschte er Schulbank gegen Atelier und arbeitet seitdem an diversen Projekten rund um London. Ob Illus in Zeitschriften, das Artwork von Alben, Designs von T-Shirts und Postern oder gar Corporate Identity – Andrew liebt es, sich kreativ auszutoben. Dementsprechend vielseitig gestaltet sich sein Portfolio, das euch in diesem Heft vorgestellt wird. ‹This Is Andrew Clark› führt euch in die Welt des fleissigen Briten ein. – S. 92

Roger Tschallener

Adrian Riemann

Roger Tschallener studiert Journalismus und Organisationskommunikation in Winterthur und schreibt nebenbei für diverse Publikation und seinen Blog ahnungslos.ch. Als routinierter Schlafwandler sind morgendlich entdeckte leere Joghurtbecher in der Küche und unleserliche Notizen neben dem Bett keine Neuheit für ihn. Wie man seine Träume jedoch selbst steuern kann, verrät euch Roger in seinem Artikel. – S. 42

Dem passionierten Illustrator und Grafikdesignstudenten Adrian Riemann wurde der Bleistift praktisch in die Wiege gelegt und eigentlich hat er ihn seither nicht mehr aus der Hand gegeben. Als Kind der späten 80er und 90er finden sich heute viele Anleihen an die damalige Popkultur in den Arbeiten des Stuttgarters wieder. So zum Beispiel in seinen ‹Masters of the Universe›-Figuren, die – statt mit Umhang – bestückt mit Acne-Jeans eine Brücke zwischen den Jahrzehnten schlagen. – S. 20

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‹gossip›

concept of magic

‹agenda›

12 11.12. – 07.03.

swiss press photo 09 Landesmuseum, Zürich 17.12.

regina spektor (usa) Kaufleuten, Zürich 18.12.

gemma ray (uk)

Mascotte, Zürich 18.12. – 21.03.

rolf iseli - zeitschichten Kunstmuseum Bern 19.12.

Mystische Fluchten, gebannt auf Zelluloid: Hannah Davis’ Fotografien entführen uns in romantische Zwischenwelten.

global ghetto anthems: dj daniel haaksman Südpol, Luzern 20.12.

das interview: stück nach theo van gogh

Theater am Neumarkt, Zürich

Es ist schon erstaunlich, dass Hannah Davis erst 20 Lenze zählt. Denn die junge Studentin der Goldsmiths University of London verblüfft uns mit atemberaubenden Fotografien voller Mystik. Als Kind vom Lande flieht sie immer wieder vor der gefühlten Beengtheit der Grossstadt in ihre Fotos, die sie als puren Eskapismus emp­findet und in denen die Wälder und die Natur um London herum eine grosse Rolle spielen. Nebst ihrer Faszination für die in ihren Fotos verschwindende Grenze zwi-

schen Realität und Fiktion lenkt Hannah ihre Konzentration auf das von ihr ins Leben gerufene ‹Imaginary Zine›. Für dieses Hard Copy Zine sammelt sie Fotografen, deren wunderschöne Fotos vorerst nur im grossen flickrPool herumschwimmen. Unter ‹art› findet ihr diesen Monat auf kinkimag.com eine ausführliche Gallery mit Arbeiten von Hannah Davis und weiteren Informationen zum Imaginary Zine. (am) hellohand.co.uk imaginaryzine.tumblr.com

hot dogs mit herzchen Weihnachten steht bald vor der Tür und wieder einmal grübelt man, was dem oder der Liebsten wohl gefallen könnte. Ja, Unterwäsche ist ein heikles Thema beim Schenken. Weiss man doch nicht immer, ob der Geschmack derselbe ist: schwarz und klassisch? Sportlich? Bunt? Unschuldige, weisse Spitze? Hier ein Tipp für diejenigen, die die Toleranzgrenze ihres Partners noch nicht gefunden haben: Ginch Gonch ist eine neue Unterwäschemarke aus Kanada, deren Motto ‹Live like a kid!› lautet. Genauso sieht das Ganze auch aus. Für die Grafik bedeutet das: Sportliche Höschen 12

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für Männlein wie Weiblein mit den Motiven: Hot Dogs, Totems, Bagger, Motorräder, Feuerwehrautos. Und für die Mädels gibt es zu den Motorrädern noch Herzchen, Sternchen und Karomuster. Klingt in der Theorie jetzt wirklich bescheuert, ist aber in der Praxis recht lustig und cool anzuschauen. Wenn man der Typ SportlichLustig ist. Dann sind die Dinger sogar gar nicht mal so unsexy, wie man meinen könnte. Wer es auch sonst gerne etwas rockiger mag, und findet, dass Spitze und Rüsche in Omas Nähkästchen gehören, wird hier sicher fündig. (pk) ginchgonch.com

31.12.

silvesterparty: nôze & dop (circus company, fr) Südpol, Luzern

silvester maskenball von powpow happenings St. Pauli, Zürich

01 07.01.

the jack stafford foundation Gare de Lion, Wil 08.01.

apparatschik – the russian dance music & live party committee Schüür, Luzern 09. – 16.01.

11 th burton european open Laax

13.01.

dmc from run dmc – einzige ch - show Schüür, Luzern 16.01.

filewile (ch) und talen bass system Palace, St. Gallen 18.01.

ian brown (uk) Abart, Zürich 20.01.

nneka (ngr)

Bierhübeli, Bern


odorant present

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Nächstenliebe, sondern auch das Fest des fröhlichen Umherreisens: Weihnachtsgans bei Mutti, Christstollen bei Oma, die diversen Apéros – ein Adventsmarathon, der auch dieses Jahr wie-

der einiges an Durchhaltevermögen und das nötige Equipment erfordert, um auch duftmässig gewappnet zu sein, denn wir alle wissen ja, wie warm es in der guten Stube an Heiligabend vor dem Fonduetopf werden kann.

aus liebe zum papier Mit dem AXE-Mas Duschtuchset sind aber die Jungs unter euch an Festtagen Verwandtschaft und Freunden stets eine Nasenlänge voraus und können dem Christkind nicht nur guten Gewissens, sondern auch gut duftend entgegentreten. Im praktischen Netzbeutel enthalten ist das AXE-MAS Duschtuch sowie ein AXE Skin Contact Hydro Shower Gel, ein AXE Dark Temptation Shower Gel, ein AXE Dark Temptation Bodyspray und das AXE Dark Temptation Aftershave (für CHF 24.90 auch im Handel erhältlich). (rb) kinki und Axe verlosen 7 AXE-MAS Duschtuchsets im Gesamtwert von über CHF 170.–. Wer uns bis zum 16. Januar eine kurze Mail mit dem Betreff ‹AXEMas› an wettbewerb@kinkimag.ch schickt, der darf also auch nach den Festtagen noch auf eine Überraschung vom Weihnachtsmann hoffen.

Den richtigen Kalender zu finden, ist bisweilen ein mühsames Unterfangen. Umso erleichterter sind wir, dass wir uns schon seit ein paar Jahren keine Gedanken mehr darüber machen müssen, ob wir nun auf Moleskine, Filofax oder doch lieber das digitale iCal schwören sollen. Denn die Schweizer Grafikdesignerin Julie Joliat liefert zuverlässig Jahr um Jahr eine wunderschöne Agenda, die uns schlicht und handlich durch das ganze Jahr begleitet und auf die wir uns schon mindestens ab dem Sommer freuen. (am) Zu bestellen auf joliat.net.

parolen gegen pistolen Wenn unsere Umwelt wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich dergestalt bewegt ist, und Tag ein Tag aus Dinge geschehen, vor denen wir am liebsten die Augen verschliessen und sie ungeschehen wünschten, dann kann Mode und die Beschäftigung mit ihr schon mal als oberflächlich abgetan werden. Das war natürlich schon immer so: Mode und Kunst gehören zu den sekundären Vergnügen. Und doch sind sie für die gesellschaftliche Entwicklung relevant. Ausserdem kehren mit dem Vintage- oder dem Bio- und Organic-Trend neuerdings wieder umweltbewusste Verhaltensweisen in die Modewelt zurück, die sie vom hohen Ross der isolierten und ignoranten Modewelt herunterholen. Auch dem Modelabel ‹FXDXV› aus Berlin kann die dumpfe Abgehobenheit von High End Fashion nicht vorgeworfen werden – im Gegenteil: Die zwei skandinavischen Designerinnen Felina DaVida und Kim Jagua greifen in ihrer Mode die Geschehnisse, die sie umgeben, auf. Jede Kollektion wird von einem für unsere Zeit relevanten Faktor oder Ereignis thematisch bestimmt. Ein

besonders schönes Beispiel bildet die Frühlings- / Sommerkol­ lektion 2009, die den Namen ‹Ilovetibet› trug und als Charity-Kollektion die tibetischen Mönche unterstützte, welche im Exil in Karnataka weilen. Gestalterisch wurde das Thema mit Schriftzügen und entsprechenden Farben umgesetzt und die ‹politische Mitteilung› somit unaufdringlich in die Sprache der Mode übersetzt. Die Herbst- / Winterkollektion beschäftigt sich mit einem westlicheren Gesellschaftsphänomen, dem Stress, dem durch eine ‹NonStress›-Kollektion in Form von oversized Strickware, die im schönen Ibiza von Hand produziert wurde, entgegengewirkt werden soll. Selbstverständlich werden alle verwendeten Materialien bedacht ausgesucht, die Kollektionen sind unisex und tragen neben dem politischen Thema der ‹Ilovetibet›-Serie oft auch einfach gesellschaftliche Beobachtungen in sich. Ein sehr spannendes konzeptuelles Projekt, das wir mit Neugier und Wohlwollen weiterverfolgen werden. (fr) fxdxv.com

Nie waren politische Missstände so tragbar! ‹FXDXV› verbinden äusserst gekonnt Message und Mode.

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kerzen für nitro

Auch nach 20 eiskalten Wintern ist für Nitro das Feuer noch lange nicht erloschen.

Lange ist es her, als ich mit meinem Occasion-Board der dritten Generation unterwegs war, und gerade diese schwarzen Bretter mit etwas Roteinfärbungen (und kleinen Handgranaten oder Ziel-

scheiben) von Nitro sehr angesagt waren. Sie waren farblich schlicht und edel, und die Jungs, die damit fuhren, legten auf der Piste einen entsprechenden Style an den Tag. Heute, da Nitro sein

20. Jubiläum schreibt, ist das minimalistische, schwarz-rote Design von gestern, dafür haben sich seit einigen Jahren grafische Muster und zahllose wilde Farbkombinationen breitgemacht. Auch kann in der Jubiläumssaison 09 /10 das High-Tech-All-MountainBoard ‹Misfit› von den Ridern sogar selbst designt werden. Der Snowboardbrand Nitro, der vor 20 Jahren von Sepp Ardelt und Tommy Delago in Seattle gegründet wurde, hat sich über die Jahre zu einer der erfolgreichsten Marken der Snowboardszene entwickelt und so kommt man heute an den fetten NITRO-Schriftzügen auf der Unterseite der Boards bei keinem Beizenstopp mehr vorbei. Natürlich haben sich nicht nur das Design, sondern auch die Materialien und die Technik der Produkte stetig verbessert. Das Credo ‹Von Snowboardern Für Snowboarder› wird nach wie vor in Ehren gehalten, so dass alle entwickelten Bretter, Bindungen, Boots und Kleider erst von den Nitro-Teamriders getestet und verfeinert werden. Und was für die Pros gut ist, dass kann uns nur in neue Sphären des Snowboardens heben. (fr) nitrousa.com/de

reckless necklace Sehen an NichtManagern noch viel besser aus: Krawatten von Volkan Celik.

In Zeiten der Krise besinnt man sich ja sehr gerne auf Altbewährtes. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, wann ein Portfolio wie das von Volkan Celik auf unsere Desktops flattern würde. Der Berliner Modedesigner hat sich ganz und gar den Accessoires verschrieben und dabei besonderen Gefallen an Krawatte und Co. gefunden. Damit das Ganze aber nicht zu businesslastig und auch auf der Höhe der Zeit da­ herkommt, treten die Krawatten bei Volkan in extrem verkürzter 14

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Form, in den mutigsten Materialund Farbkombinationen sowie an den Hälsen von sowohl Männern als auch Frauen auf. Im Extremfall aber ebenfalls auf Damenköpfen. Zudem umfasst Volkans Accessoire-Linie sehr schöne Schals, die mit langen Fransen aufwarten und die von seiner zweiten Heimat Istanbul Inspiration schöpfen. Wir sind gespannt auf die in Kürze erscheinende um Kleider erweiterte Kollektion! (am) volkanvc.com

kuschelclowns

Beim Schweizer Streetwear-Label ‹Snug Clothing› werden Style, Design und Tragekomfort zelebriert. Im Mittelpunkt stehen die grafischen Designs, die auf der Brust jedes Snug T-Shirts oder Hoodies prangen und mittels Siebdruck, maschinellem Druck oder sogar mit Nadel und Faden aufgestickt werden. Die Gemütlichkeit, die der Name schon beschwört, garan­tiert die hohe Qualität der verwendeten Materialien. Für die Auswahl und Gestaltung der Motive setzt Snug vermehrt auf Kollabos mit Musikern und Künstlern, oder erstellt und kreiert gleich selbst für Musikbands und andere Auf-­ traggeber künstlerische T-Shirts. Die neue Kollektion für 2010 namens ‹day+nite› geizt nicht mit Humor und Buntheit: ein weinender Clown, fallende Eiscreme, eine zertrümmerte Discokugel oder ein Synthesizer können unter anderem stolz auf Mannes oder Weibes Brust prangen. Als Accessoire ergänzt eine hippe day + nite-Brille mit klaren Gläsern die Kollektion und natürlich kann auch das Snugism-Styler-Cap beliebig kombiniert und Tag und Nacht getragen werden. Richtig in Szene gesetzt wurden die Kollektionsstücke dann von der Fotografin Nina Stiller, worauf auch gleich Postkarten mit den coolen Kampagnensujets gedruckt wurden. Ab Januar könnt ihr zu eurem Local-Snug-Dealer stürmen oder euch im neuen Webshop, der am 10. Dezember aufgeschaltet wurde, mit der neuen Kollektion eindecken. (fr) snug-clothing.com


©2009 Samsung Electronics Co., Ltd. Displaybilder sind simuliert.

Aller guten Dinge sind zwei: Eine Kamera – zwei Displays!

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Ein LCD Display vorne. Ein LCD Display hinten. Damit macht man nicht nur gute Fotos, man ist auch noch selber voll im Bild. Mit den neuen Samsung ST550 / ST500 Dual LCD Kameras. st550.samsung.ch

Samsung Smart Kameras. Einfach durch Innovation.


next stop snapshot

Welcher Partner am besten zu uns passt, weiss auch Kooaba nicht. Dafür lassen sich damit praktisch alle übrigen Fragen des Alltags per Schnappschuss beantworten.

Heutzutage kann uns unser Mobiltelefon bei praktisch jedem Problem aus der Patsche helfen. Sei es der Weg von A nach B, Zugund Tramverbindungen, Musik, Internet oder Fotografie: wer im Besitz eines Smartphones ist, der kann sein halbes Leben von der Hosentasche aus organisieren. Der einzige Nachteil der intelligenten Fernsprechgeräte dürfte darin liegen, dass wir langsam einfach den Überblick verlieren und uns die Dinge, die uns in der realen Welt interessieren – wie zum Beispiel das tolle Heft, das neulich beim Freund auf dem Klo lag, die CD, die wir uns unbedingt kaufen wollten, aber deren Namen wir, just dann wenn wir im Laden sind, vergessen haben – immer noch zwingen, auf die uralte Technik der Fresszettelchen zurückzugreifen. Da der Fresszettel wohl aber schon kurz darauf zusammen mit der Jeans in der Wäsche landet, wird leider meistens nichts aus der erfolgreichen Suche nach den Informationen, die wir uns doch so dringend gewünscht hatten. Wer sich nun allerdings auf kooaba.com die Bilderkennungs-App für iPhone oder Android herunterlädt und sich 16

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auf der Seite als Mitglied registriert, der wird fortan solche Probleme ganz einfach, und ohne auf Papier und Zettel zurückgreifen zu müssen, lösen können: einfach die Kooaba-App öffnen, ein Bild von der CD, dem Magazin, der DVD oder was auch immer knipsen, und schon erhaltet ihr über den Bild­ erkennungsservice von Kooaba Zugang zu allen Informationen, ­Bildern und Videos, die mit dem entsprechenden Produkt zu­ sammenhängen. Mit von der Partie ist dabei übrigens neuerdings auch kinki! Wer also mehr Info zu unserem Heft oder einer der gefeatureten Bands und Themen haben möchte, der braucht mit ­seinem Telefon nur ein Smart Visu­al des Artikels zu erstellen und schon erhaltet ihr alle weiteren Informationen zum Inhalt, die ihr auf eurem Kooaba-Account übrigens auch einfach und schnell sortieren und archivieren könnt. Auch wenn nicht immer alles ­erkannt wird, ein feiner Service. Nie mehr Fresszettelchen also! (rb) Weitere Info unter kinkimag.com/kooaba.

protect yourself Betrachten wir einen Samstagnachmittag in der Hochsaison auf der Piste eines beliebigen Wintersportgebietes, dann können wir folgende Charaktere ausmachen: Das Kleinkind, das, so gross wie ein Skischuh, im Stammbogen senkrecht den Hang hinabsticht – Achtung, zwischen das Kind und dessen Erzeuger ist – mitten auf der Piste – ein Band gespannt! Dann gibt es die Oma und den Opa, die schon vor der Snowboardgeneration da waren, und sich deshalb mit ungeschickt plazierten Bögen im Schneckentempo über die Piste ausbreiten, um bei jedem sie überholenden Snowboarder wetternd die Faust in die Höhe zu strecken. Es sind da des weiteren die coolen Kiddies in überweiten Anzügen, die – als wären sie mit dem oder den Brettern an den Füssen geboren worden – den Hang herunterflitzen (waren wir so langsam oder ist die Technologie heute einfach besser?). Zu den besonders schlimmen Fahrern gehören aber unbestritten diejenigen, die wegen dem Kafilutz und dem Jägermeister auf die Piste, sprich in die Berghütte gehen, das sind nämlich

von fay für feen Für alle Anhängerinnen absolut femininer Mode haben wir noch ein reizendes Ass im Ärmel: Fay Alice. Das Label hat besonders bezaubernde Kleidchen in seinem viktorianischen Kleiderschrank unter einem ansehnlichen Stapel Spitzendeckchen verborgen. Inspiriert von Zufällen und Ungereimtheiten, reimt die deutsche Designerin Faye Smith in ihrem Atelier ihre feenhaften Kollektionen zusammen und legt dabei besondere Sorgfalt auf Stoffdruck und das Färben der Stoffe. Abheben tun die Kleidchen trotzdem nicht: Metallschnallen oder Lederriemen halten Rüschen und Seide am Boden der Tatsachen. (am) fayalice.com

meistens solche, die ohne Alkohol gar nicht fahren können. Wegen eben diesen menschlichen Gefahrenfaktoren – die Durchschnittsfahrer haben wir noch gar nicht erwähnt – müssen wir uns auf der Piste schützen. Dafür hat Styletech einen neuen Rückenprotektor entwickelt, der sich dank elastischer Materialien bestens an die Wirbelsäule des Trägers schmiegt, so dass wir nicht als Schildkröten oder Heromen mit viel zu grossem Panzer – was übrigens sehr gefährlich sein kann – den Hang runterrutschen. Durch die Anpassung bleibt auch die Bewegungsfreiheit gewahrt, so dass wir ungestört 720° hinlegen oder, noch wahrscheinlicher, ­weiterhin den vorsichtigen Blick nach hinten vollziehen können. Nachdem in den letzten Jahren augenscheinlich und sehr lobenswert der Helm auf den Schweizer Skipisten Einzug gehalten hat, ist dieses Jahr der Rückenpanzer dran, Styletech bietet einen bequemen und schützenden Rückenprotektor, um die Schutzausrüstung zu komplettieren. (fr) styletechprotection.com, ab CHF 199.–


klagemauer Dein Meerschweinchen hat dich heute gebissen? Deine Freundin steht auf DJ Bobo? Die Welt ist böse? Zürich geht dir auf den Sack? Dein Lover hat deinen Geburtstag vergessen? Egal was dich gerade stresst oder nervt: auf kinkimag.com unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

leute, die sich an den theaterregisseur ran machen, den ich organisiert habe! hallooo!! warum bin ich den immer verantwortlich für andern leute glück!? bin ich jesus? kläglich eingemauert | fehlende Dekadenz auf dem Schweizer Landgebiet.. Leute - seid nicht so gespielt gut drauf!!! herbstunderground | eindeutiger entzug körperlicher liebe. mal gucken wie lange das meine moral noch aushält... ichbrauchs | kichernde mädchen in der sauna. man, tratscht doch zu hause..!!! chill-in-da-sauna | Ritterliches kämpfen ist out, nur schon mal bis man(n) die Rüstung an hat, hat sich Prinzessin schon längst den Nächsten geschnappt ;) kämpfen musst du mit eins 70 | rote salatblätter!!!! hase | es nervt mich dass, ich nicht auf einem wolkenschloss wohne und den ganzen tag blubberblasen machen kann. traumplatzer | so pseudophylosophen, die nach jedem wort einen punkt setzen müssen um ihre ganze pseudophylosophische scheisse noch punktloser zu machen. get real guys! punktescheisser |

S T E K TIC

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N I W � O ETS T S � J D � S L ESTIVA

S�F T R E C CON


‹kinkimag.com›

specimen

Der Japaner Hajime Emotos bastelt seit seiner Kindheit. Und zwar nicht Papierburgen und Muttertagsgeschenke, sondern Monster. Sogenannte ‹Specimen›, deren materielle Ausformulierung derart einzigartig und akribisch genau ist, dass sie geradezu zur Kunst erhoben werden kann. Seit seinen Jugendjahren verfeinert Hajime seine Handfertigkeiten, um – geradezu obsessiv – aus Papier, Schere und Klebstoff präzis realisierte, wundersame Fantasiewesen zu basteln. kinki Redaktor Kai-Holger Eisele hat einen Blick in die schaurige Welt dieser Specimen gewagt, die direkt aus des Künstlers Fantasie entsprungen zwischen drachen-, teufel- und fischähnlichen Tieren changieren. Doch auch wer den Tierchen, die gerne mal in Independentfilmchen eine Nebenrolle als Monster besetzen, nichts Schönes abgewinnen kann, der muss doch dem Künstler, der sich alles selber beigebracht hat, eine aussergewöhnliche Fingerfertigkeit anerkennen. Neugierig? Mehr Informationen und Bilder von den filigranen Biestern findet ihr auf kinkimag.com/magazin.

the xx Die englische Band ‹The xx› ist wahrlich jung und erfolgreich. Ihre Musik klingt einzigartig und auch ihre Coversongs sind unverkennbar und grossartig. Von Gitarrenriffs geprägt, tönen ihre Songs downbeatig nach minimalistischem New Wave Pop, ruhig und zurückhaltend – wie sie selbst. Dass The xx wirklich gute Musik machen, ist niemandem entgangen, ihren kometenartigen Aufstieg verdanken sie aber vor allem der englischen Musikpresse sowie einem wahren internationalen Blog-Hype, der um sie entfachte. Erst im Juli dieses Jahres erschien ihr hochgelobtes Debütalbum ‹xx› und schon muss­ten sie dem Ruhm seinen Tribut zollen: einige Konzerte mussten wegen Erschöpfung abgesagt werden und die Bassistin Baria Qureshi verliess mitten auf der Tour die Band, weshalb sie ihre LiveShow kurzum neu einstudieren mussten. Kein Wunder waren die drei etwas nervös, als wir sie vor ihrem ausverkauften Konzert im Mascotte Club zum Videointerview trafen. kinki befragte Romy Madley Croft und Oliver Sim, ­welche die unverkennbaren Stimmen der Band stellen, zu ihrer Musik und dem ganzen Hype um ihre Person sowie zu Barias Abgang – und erlebte die Band eher offen und sympathisch als ver-­ halten und schüchtern, wie von zahlreichen Medien gepredigt. Das ­Videointerview und weitere Infor­mationen findet ihr diesen Monat auf kinkimag.com/magazin.

alle jahre wieder Wie schon im vergangenen Jahr, verlosen wir auch diesen De­ zember wieder allerhand tolle Sachen in unserem Adventska­lender, um euch die Warterei auf das Christkind ein wenig erträ­ glicher zu gestalten. Und an Weihnachten selbst erwartet euch dann – wie sich das für einen ordentlichen Adventskalender eben gehört – das grösste von allen Geschenken! Klickt euch rein auf kinkimag.com und mit ein bisschen Glück liegt der Hauptpreis unter eurem Weihnachtsbaum. 18

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Die britischen Überflieger von ‹The xx› stehen uns diesen Monat im Videointerview Rede und Antwort.

dark side of tokyo Pawel Jaszczuk gewährte uns in seiner Fotoreportage ‹Drink or Drown› in der vorletzten kinki Ausgabe Einblicke in die alkoholischen Exzesse japanischer Broker, diesen Monat findet ihr unter ‹art› ein ausführliches Portfolio des polnischen Fotografen, der seit ­einigen Jahren in der japanischen Millionenmetropole lebt. Der ­Warschauer scheut sich nicht, in seinen Reportagen bis in die ­untersten Abgründe der Stadt zu blicken. Und immer wieder gelingt ihm auch ein intimer Blick in die Privatsphäre der ansonsten so verschlossenen Grossstadtbewohner, wie seine Serien ‹Kinky City› oder ‹Shibari› eindrücklich unter Beweis stellen. Und auch in seinen inszenierten Arbeiten nimmt Pawel kein Blatt vor die Linse und überzeugt mit teils ironi­schem, teils bitterbösem, stets kritischem Blickwinkel. In unserem Feature könnt ihr euch selbst ein Bild von den vielfältigen und interessanten Werken des Wahl­ japaners machen, die euch vielleicht amü­sieren, vielleicht schockieren, ganz bestimmt aber nicht kalt lassen werden.

encore, encore! Auch diesmal werden wir natürlich auch all jenen zu genügen versuchen, die niemals genug kriegen. Wem also der Sinn nach mehr Artikeln, Interviews, Videos und weiteren Highlights steht, der findet auf kinkimag.com selbstverständlich auch diesen Monat unter ‹magazin› allerlei Zusatzmaterial zum Heft, täglich aktuelle News, Wettbewerbe, Tipps und Kolumnen auf unserem Blog, sowie eine grosse Anzahl toller Videos und natürlich unsere allseits beliebte Klagemauer, an welcher ihr euren Winterdepressionen, euerm Weihnachtshass oder euerm Liebeskummer Luft machen könnt.


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Masters of the Universe Die Welt ist kompliziert und undurchschaubar geworden: elektronische Geräte verwalten unser Privatleben, statt Festanstellung gibt es nur unvergütete Praktika und alle Vorstellungen von der Zukunft, die uns als Teenager noch so klar erschienen, verblassen zusehends. kinki macht sich Gedanken zum Dilemma unserer Generation, die alles kann und doch nichts darf, und gibt euch in einem Test Aufschluss darüber, wo genau ihr im Leben steht. Text: Anja Mikula und Matthias Straub, I­llustration: Adrian Riemann

Z

u jung? Zu unerfahren? Bleiben wir doch mal bei den Fakten: weder die 30-jährigen Wannabe-Familientiere noch die selbst­verliebten Dauerkokser um die 40 haben sich bisher mit Ruhm bekleckert, ihre Rolle als reife und verantwortungsbewusste Erwachsene gut zu spielen. Deswegen müssen wir es tun! Yes, we can. Oder not? Während diese älteren Generationen über Web 2.0 leise den Kopf schütteln oder ihr verkümmertes Social-CommunityProfil nur heimlich benutzen, haben wir längst begriffen, um was es hierbei wirklich geht: Wir haben eine permanent durchgestylte Webpräsenz als Legitimation für das digitale UND reale Leben. Es vergeht keine Woche ohne neues Facebook-Profilfoto. Und das liegt nicht daran, dass wir nicht wüssten, wer wir sind, oder daran, dass wir uns ständig unser Selbst vor Augen halten müssten. Viel eher haben wir verstanden, dass wir medial durchleuchtet werden und uns diese Tatsache zunutze gemacht. Man könnte uns an dieser Stelle die Rolle des Medienopfers zuschreiben, aber der Fakt, dass wir von Kindesbeinen an komplett von Werbung und Medien infiltriert wurden, hat schlussendlich nur dazu geführt, dass unser Blick genau geschult wurde. Vielleicht hat es uns auch ein wenig misstrauisch gemacht. Wenn etwas zu perfekt ist, wenn etwas zu gut riecht, schöpfen wir Ver20 kinki

dacht. Sind die Eltern nach 40 Jahren noch verheiratet oder man selbst wurde noch nie in einer Beziehung betrogen, riecht es faul. Kein Wunder, denn wir retuschieren die Wahrheit doch auch selbst ganz gerne.

On and off. Das können wir ganz gut. Wir ernähren uns bio und tragen hippe Ökojutetaschen von Acne – um dann doch ohne schlechtes Gewissen am Wochenende mit Easy­ jet einen kleinen Shoppingtrip nach Stockholm zu machen. Wir machen Selbstfindungstrips nach Thailand und kehren mit einer Amphetaminvergiftung zurück. Wir sind retro, öko und ethno und dann wieder nicht. On and off. Das können wir ganz gut. Wir geben alles für Imagepflege und für unsere bevorstehende Karriere, auf die wir hinarbeiten. Vorbereitung ist alles. Oftmals wissen wir zwar noch nicht, wohin uns dieser Weg führen wird, aber bei einem sind wir uns sicher: wir wollen hoch hinaus! Wir haben schon früh erkannt, dass es an uns ist, erwachsen zu sein. Spätestens wenn unsere coolen Eltern – die absolut keine Probleme haben, eine SMS zu tippen oder ‹Arcade Fire› lässig zu finden – mit über 50 noch die Umschulung zu Klangschalentherapeuten absolviert

oder sich dazu entschlossen haben, unser zukünftiges Erbe bei toporganisierten Trekkingtouren in den Anden zu verprassen. Doch eben gerade beim Erwachsensein stossen wir auf ein Problem: Man nimmt uns nicht für voll. Auf der anderen Seite sind wir jedoch zu alt, um noch jugendlich zu sein. Beim Weggehen fragen wir uns, warum unser Lieblingsclub über Nacht zur Teenie-Hölle mutiert ist – obwohl dort alle älter aussehen als wir selbst und die 19-Jährigen sich auf High Heels bewegen, als wären sie darin geboren. Natürlich lassen sich nicht alle Midtwens über einen Kamm scheren. Es gibt ja auch noch den Web 2.0-Verweigerer, die LOHA-Braut, den Jungkarrieristen, die Attac-Aktivistin oder den Grafikdesignstudenten, der sich mit dem Bachelor in der Tasche alles andere als bereit für das dumpfe Berufsleben fühlt. Und vielleicht sind wir alle noch nicht wirklich bereit. Vielleicht sind es aber auch gerade diese Widersprüche, die uns einen. Eine Generation ohne Namen und Prägung? Zu diversifiziert, zu infiltriert und zu zusammenhangslos? Wollen wir jetzt erwachsen werden oder lieber doch noch mal richtig auf die Kacke hauen? Es ist schon schwer zu sein, was wir sind!


Stratos wears: Glasses & T-Shirt - American Apparel, Jeans - Dior Homme, Shoes - F-Troupe

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She-Ra wears: Jacket & Top - H&M, Jeans - April 77, Shoes - Vintage

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Beast Man wears: T-Shirt - Surface 2 Air, Jeans - Acne, Shoes - RAF Simons

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Ob mitten im Leben oder doch ‹Generation Lost› – der grosse kinki Test zeigt dir, wo du stehst. 1. Deine Freundin / dein Freund bekommt ein verdächtiges Leuchten in den Augen, als euch eine Frau mit Baby auf dem Arm entgegenkommt. a) Ich frage sie / ihn instinktiv, ob sie ihre Pille heute schon genommen hat / ob das Gummi tatsächlich nicht gerissen ist.  (2 Punkte) b) Es entfährt mir ein ‹Ach, wie herzig›, danach ziehe ich meine Partnerin / meinen Partner zum Audi-Showroom, um einen Blick auf die neusten Familienkutschen zu werfen. (8 Punkte) c) Ich rede krampfhaft über den Verlust von Yoshi Yamamoto für die Modewelt. Ein schmutziges Kind bedeutete die Vernichtung meiner avantgardistischen Garderobe.  (2 Punkte)

2. Deine Mutter hat Geburtstag. a) Diesen Termin vergesse ich nie! Das ist immer das erste, was ich im Kalender notiere, (5 Punkte) wenn ein neues Jahr beginnt.  b) Ich weiss. Seitdem ich iCal verwende, vergesse ich keinen einzigen Termin mehr!  (3 Punkte) c) Zum Glück hat mich meine Freundin /  mein Freund daran erinnert, sonst hätte ich (8 Punkte) es fast wieder vergessen! 

3. Welche Themen beschäftigen dich derzeit am meisten? a) Dass ich bei dem ganzen Weihnachts­ gefutter jetzt schon weiss, dass es mindestens einen David Kirsch braucht, um mich im Sommer wieder in mein äusserst knappes Missoni Beach Outfit zu werfen.  (3 Punkte) b) Ueli Maurer! Bei seinen grausamen Englischkenntnissen kann ich nicht anders, als mich fremdzuschämen.  (5 Punkte) c) Die globale Erwärmung. Wenn wir unsere Kohlenstoffdioxidemission nicht so schnell wie möglich reduzieren, wird es in der Mode bald nur noch Frühjahr-/ Sommerkollektionen 24

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geben. Die Winterkollektionen aufzugeben, (4 Punkte) wäre ein herber Verlust! 

4. Über welches dieser Themen würdest du dich mit deinen Freunden / Freundinnen jetzt am liebsten unterhalten? a) Na über meine letzte Eroberung natürlich: wir waren zwar beide so zugedröhnt, dass wir nach einigen schmerzhaften Kopulations­ versuchen einsehen mussten, dass es keinen Sinn hat, dafür haben wir uns nachher noch eine Line reingezogen und bis in die frühen Morgenstunden Playstation gespielt. Er /  Sie ist jetzt mein Freund / meine Freundin.  (2 Punkte) b) Über die kommenden Abstimmungs­ themen. Oder aber über die grandiose Farbenpracht traditioneller Verlobungszeremonien in Westburma. Wenn ich die natürliche Schönheit dieser Feste betrachte, habe ich manchmal das Gefühl, hier in der Schweiz (4 Punkte) ziehe das Leben an mir vorbei.  c) Über diese beschissene Rechtschreib­ funktion im iPhone! Ich habe es schon streng genug in meinem Job, da will ich mich nicht noch mit solchem Schwachsinn abquälen.  (5 Punkte)

5. Die Feiertage stehen vor der Tür: wo wirst du deine Ferien verbringen? a) Vielleicht zum Snowboarden nach Laax. Vielleicht hau ich aber auch mit dem nächstbesten Billigflug ab nach Ägypten, um dem kalten Schweizer Wetter zu entfliehen. Obwohl… in Ägypten darf man nicht mal ein Bier trinken am Strand, habe ich gehört.  (8 Punkte) b) Ich begebe mich auf eine ausgedehnte Wanderung und wandle auf den Spuren der Pilgerer. Ich habe die Reise schon im August geplant und mir schon ein paar Bücher zu diesem Thema angesehen. Da ich mich mit mir selbst und meiner Heimat auseinandersetzen möchte, reise ich allein, verarbeite die Eindrücke aber abends in meinem Moleskine(5 Punkte) Skizzenbuch.  c) Ich mache keine Ferien. Ich werde aber wahrscheinlich über Neujahr kurz mit dem TGV nach Paris fahren, um mit meiner Freundin / meinem Freund ein bisschen zu shoppen. Wir reisen erster Klasse, weil ich das Geschrei der Kinder in der zweiten in meinen Ferien einfach wirklich nicht brauche. (2 Punkte) 

6. Wie stehst du zum Thema Ausländer? a) Ich habe eigentlich nichts gegen Aus­ länder, aber die ganzen Deutschen gehen

mir mittlerweile schon ziemlich auf den Sack! Sogar sein Fondue muss man mittlerweile auf Hochdeutsch bestellen.  (6 Punkte) b) Sehen wir uns doch die Statistiken an: sie sprechen eine klare Sprache. Wer sich nicht integriert und hier in der Schweiz (8 Punkte) straffällig wird, muss raus.  c) Wir alle sind irgendwann und irgendwo ein­ mal Ausländer und wollen ja schliesslich auch so aufgenommen werden, wie wir sind.  (4 Punkte)

7. Was machst du nächsten Samstag? a) Saufen natürlich, wieso? 

(2 Punkte)

b) Ich mache es mir mit einem guten Buch und einem guten Glas Rotwein auf meinem Futon gemütlich. Fernseher habe ich keinen und das oberflächliche Treiben in den Clubs ist mir echt zu doof.  (4 Punkte) c) 18:30: Apero mit den Freunden meiner Partnerin / meines Partners, die ich allesamt hasse. 20:00: Nachtessen mit einem Geschäftskumpel. Wir trinken sechs Flaschen teuren Rotwein, werden raus­ geschmissen, weil er der Kellnerin an den Arsch greift. 23:30: Wir landen irgendwo, wo wir uns viel zu alt fühlen und von komischen Teenies schräg angeschaut werden. Obwohl ich mich das erste Mal richtig alt fühle, tanze ich so lange, bis mir die Füsse wehtun. Ich werde mich nie an diese teuren Schuhe (7 Punkte) gewöhnen. 

8. Wie immer an Weihnachten überweist dir deine Nani 300 Franken auf dein Sparkonto bei der UBS. Da du das Geld gerade nicht dringend brauchst, überlegst du dir: a) Endlich diese unverschämt verbotenen Halbschuhe von Acne beim Dings zu kaufen. Sind zwar nicht warm genug für den Winter, aber hey, die würden so geil zu den engen Lederhosen von Marc Jacobs (3 Punkte) passen!  b) Den armen Typen vom Roten Kreuz, die sich in der Bahnhofstrasse beim Spendensammeln die Zehen abfrieren, das Geld für das Kinder- und Jugendhospiz zu überweisen. Oder vielleicht wenigstens (5 Punkte) die Hälfte davon...  c) Erst mal das Geld auf dem Konto zu lassen. Ist ja schliesslich ein Sparkonto und nicht dein ‹Notfall-Goldesel›, den du all die Jahre davor geschröpft hast. Wer weiss, vielleicht willst du ja mal Kinder in die Welt setzen, die studieren wollen. Was das (8 Punkte) dann wieder kosten wird...  Einfach alle Punkte zusammenzählen und mehr auf Seite 28 erfahren.


Mekaneck wears: Jacket - Dior Homme, T-Shirt - Trinitas, Jeans - Acne, Shoes - RAF Simons

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u jung? Zu unerfahren? Bleiben wir doch mal bei den Fakten: weder die 30-jährigen Wannabe-Familientiere noch die selbstverliebten 40-jährigen Dauerkokser haben sich bisher mit Ruhm bekleckert, um ihre Rolle als reife und verantwortungsbewusste Erwachsene gut zu spielen. Deswegen müssen wir es tun! Yes, we can. Oder not? Während diese älteren Generationen über Web 2.0 leise den Kopf schütteln oder ihr verkümmertes Social-Community-Profil nur heimlich benutzen, haben wir längst begriffen, um was es hierbei wirklich geht: Wir haben eine permanent durchgestylte Webpräsenz als Legitimation für das digitale UND reale Leben. Es vergeht keine Woche ohne neues FacebookProfilfoto. Und das liegt nicht daran, dass wir nicht wüssten, wer wir sind, oder daran, dass wir uns ständig unser Selbst vor Augen halten müssten. Viel eher haben wir verstanden, dass wir medial durchleuchtet werden und uns diese Tatsache zu Nutze gemacht. Man könnte uns an dieser Stelle die Rolle des Medienopfers zuschreiben, aber der Fakt, dass wir von Kindesbeinen an komplett von Werbung und Medien infiltriert wurden, hat schlussendlich nur dazu geführt, dass unser Blick genau geschult wurde. Vielleicht hat es uns auch ein wenig misstrauisch gemacht. Wenn etwas zu perfekt ist, wenn etwas zu gut riecht, schöpfen wir Verdacht. Sind die Eltern nach 40 Jahren noch verheiratet oder man selbst wurde noch nie in einer Beziehung betrogen, riecht es faul. Kein Wunder, denn wir retuschieren die Wahrheit doch auch selbst ganz gerne.

über einen Kamm scheren. Es gibt ja auch noch den Web 2.0-Verweigerer, die Loha-Braut, den Jungkarrieristen, die Attac-Aktivistin oder den Grafikdesignstudenten, der sich mit dem Bachelor in der Tasche alles andere als bereit für das dumpfe Berufsleben fühlt. Und vielleicht sind wir alle noch nicht wirklich bereit. Vielleicht sind es aber auch gerade diese Widersprüche, die uns einen. Eine Generation ohne Namen und Prägung? Zu diversifiziert, zu infiltriert und zu zusammenhangslos? Wollen wir jetzt erwachsen werden oder lieber doch noch mal richtig auf die Kacke hauen? Es ist schon schwer zu sein, was wir sind! Ob mitten im Leben oder doch ‹Generation Lost› – der grosse kinki Test zeigt dir, wo du stehst.

On and off. Das können wir ganz gut. Wir ernähren uns bio und tragen hippe Ökojutetaschen von Acne – um dann doch ohne schlechtes Gewissen am Wochenende mit Easyjet einen kleinen Shoppingtrip nach Stockholm zu machen. Wir machen Selbstfindungstrips nach Thailand und kehren mit einer Amphetaminvergiftung zurück. Wir sind retro, öko und ethno und dann wieder nicht. On and off. Das können wir ganz gut. Wir geben alles für Imagepflege und für unsere bevorstehende Karriere, auf die wir hinarbeiten. Vorbereitung ist alles. Wir haben schon früh erkannt, dass es an uns ist erwachsen zu sein. Spätestens als unsere coolen Eltern – die absolut keine Probleme haben, eine SMS zu tippen, oder ‹Arcade Fire› lässig zu finden – mit über 50 noch die Umschulung zu Klangschalentherapeuten absolviert oder sich dazu entschlossen haben unser zukünftiges Erbe bei toporganisierten Trekkingtouren in den Anden zu verprassen. Doch eben gerade beim Erwachsensein stossen wir auf ein Problem: Man nimmt uns nicht für voll. Auf der anderen Seite sind wir jedoch zu alt, um noch jugendlich zu sein. Beim Weggehen fragen wir uns, warum unser Lieblingsclub über Nacht zur Teenie-Hölle mutiert ist – obwohl dort alle älter aussehen als wir selbst und die 19-Jährigen sich auf High Heels bewegen, als wären sie darin geboren. Natürlich lassen sich nicht alle Midtwens

Tri-Clops wears: Jacket & Top - Custom, Jeans - Cheap Monday, Shoes - Nike

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0 – 30 Punkte Glückwunsch! Du stolperst ja mal ordentlich durchs Leben. Die Probleme der anderen tangieren dich nur peripher, die Umwelt ist nur so wichtig wie ihre Darstellung bei ‹World of Warcraft›. Du bist auf jeder Party zuhause, solange es genug Wodka gibt. Deine Woche besteht nur aus deren Ende, allerdings machst du gerne auch eine Ausnahme, wenn am Mittwoch DJ Hell im Rohstofflager auflegt. Deine Standardausrüstung: iPod / iPhone (oder irgendetwas anderes von Apple), Vice Magazin in einer Umhängetasche aus Stoff, zu enge Jeans (Cheap Monday), Karo-Hemd, Zigaretten, Rennrad, Ray Ban Brille, Red Bull Dose und Nike-Sneakers von der vorletzten Saison.

30 – 40 Punkte Oha, hier kommt Mahatma Gandhi und Al Gore in Personalunion. Du scheinst ja der MusterLOHA zu sein: Immer schön Bio kaufen, auch wenn es fast das Doppelte kostet, Organic Jeans gut finden und von Elektromobilität reden – aber nur, wenn der Strom dazu aus erneuerbaren Energiequellen kommt. Migranten beleben zwar die kulturelle Vielfalt, findest du, aber deine Freunde suchst du dir trotzdem feinsäuberlich nach der Hipster-Skala bei Facebook aus. Die Welt willst du zwar erst morgen retten, aber bei einer Flashmob-Aktion würdest du schon heute mitmachen falls Aussicht besteht, auf einem Foto getagged zu werden.

40 – 60 Punkte Jawoll, du weisst, was sich gehört. Und du hast das schon früh gewusst: Mit 12 Jahren war dir klar, dass du Wirtschaftsinformatik studieren willst, mit 21 bei der UBS ein Praktikum machen wirst (von Papi vermittelt) und mit 24 deine erste Immobilie anzahlen kannst. Traditionelle Werte sind dir sehr wichtig, solange sie sich auf deinem Konto befinden. Du wählst die FDP, weil eine Gesellschaft ohne florierende Wirtschaft ihren Bürgern nichts bieten kann. Und schliesslich ist jeder seines Glückes eigener Schmied. Auf deiner Liste stehen noch folgende Punkte: zwei Kinder (Junge und Mädchen), Eigenheim mit Garten und Seezugang sowie Zweitwagen mit Ledersitzen (wegen der Hundehaare).

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‹querschläger› Alles, ausser angepasst. Susanna Bigger verpasst mit ihrer Arbeit bei der Freikirche ICF dem Glauben einen neuen ‹Style› und versucht auf moderne Art, junge Frauen für alte christliche Werte zu begeistern. Wir sprachen mit ihr über Gott, die Welt und die Frauen.

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ährend in der ‹Celebrationhall› die Neulinge der ICF-‹Collegeklasse› an der Kaffeebar Schlange stehen, empfängt mich Susanna Bigger, ihres Zeichens Gründungsmitglied, ‹Senior Pastor› und Frauenverantwortliche der ‹International Christian Fellowship› Zürich, in einem karg eingerichteten Seminarraum der Freikirche im Herzen der Zürcher Partymeile. Draussen fahren die Lastwagen und Bagger am Fenster vorbei, und so schleunig wie diese in den nächsten Jahren neue Hochhäuser aus dem Boden stampfen werden, so fleissig versuchen die Mitglieder des ICF um Susanna und ihren Mann Leo das verstaubte Image des Christentums mit ihrer Freikirche zu renovieren. Statt Gottesdiensten werden Celebrations gefeiert, wo den jungen Gläubigen mit Hip-Hop-Konzerten und modernen Predigten der Weg zu ihrem uralten Gott geebnet werden soll. Susanna selbst trägt einen Blazer der Marke Volcom, auf ihrem iPhone prangt eine strahlende Minnie Mouse und an ihrem Finger glitzert ein überdimensional grosser und aussergewöhnlich moderner Ehering: ‹Nach 19 Jahren Ehe ändert sich der Stil schon ein bisschen, also haben wir uns irgendwann einmal für einen neuen Ring entschieden›, kommentiert die Glarnerin, die ihren Leo einst bei einem Treffen der christlichen Jugendgruppe kennenlernte. In der Zeit, die Susanna nicht mit ihren beiden Kindern zu Hause verbringt, setzt sie sich beim ICF für Projekte wie die ‹Ladies 30 kinki

Lounge› und die ‹Women’s Celebrations› ein. Neben uns zeugen ein Messer, ein Holzbrett und einige Brotkrümel auf dem Tisch von einer kürzlichen Demonstration christlicher Grundwerte, die vor unserem Treffen hier stattgefunden haben muss. Grundwerte, die sich nach Susannas Meinung durchaus mit dem Leben der heutigen Frauen vereinbaren lassen. kinki magazine: Auf eurer Website äussert ihr, dass es euch ein Anliegen ist, die Kirche dem Puls der Zeit anzupassen. Ist das überhaupt möglich und nötig? Immerhin handelt es sich beim Christentum um eine 2000 Jahre alte Religion, deren Reiz doch gerade in ihrer altmodischen Art liegt. Susanna Bigger: Ich glaube, manche mögen es etwas liturgischer, andere nicht. Mir persönlich bedeutet es sehr viel, zu merken, dass dieser uralte Glaube auch ganz persönlich und praktisch erlebbar ist. Ich habe gemerkt, dass sich eine Modernisierung nicht mit den christlichen Werten beisst, denn die Werte bleiben dieselben, aber die Form der Darstellung lässt sich verändern. Das heisst, ihr verpackt alte Werte einfach ein bisschen neu, oder? Das wird euch ja gerade in Bezug auf den Umgang mit Themen wie Homosexualität und Enthaltsamkeit oft vorgeworfen. Der Kern ist, dass Gott uns liebt und uns erschaffen hat, dass sein Sohn für uns am Kreuz gestorben ist. Das ist eine Grundwahrheit, daran lässt sich nichts rütteln. Die war vor 2000 Jahren so aktuell wie heute.

Wieso wird bei euch eigentlich so viel gefeiert? Immerhin leben wir nach dem Sündenfall. Für den nebenbei bemerkt ja ihr Frauen verantwortlich seid. Es gibt immer einen Grund zum Feiern, nämlich den, dass wir einen Gott haben, der uns liebt und der es uns ermöglicht, mit ihm eine Beziehung aufzubauen. Mit Trauer und Schuldgefühlen alleine lässt sich nichts verändern, der Sündenfall ist passiert, aber ich mache die Welt nicht besser, wenn ich nur darauf ­rumhacke, was für einen Scheiss ich angestellt habe, nicht nur in Bezug auf den Sündenfall, sondern auch in Bezug aufs tägliche Leben. Man sollte zu seinen Fehlern stehen, denn Gott vergibt, wenn man ihn darum bittet. Siehst du dich mit deiner Frauenarbeit bei ICF als eine Art christliche Feministin oder doch eher als Bewahrerin alter Werte? Der Begriff der Feministin ist aus meiner Sicht negativ belastet, denn er besagt soviel wie: ‹Wir schaffen das auch ganz ohne Männer.› Das ist sicherlich nicht unser Ziel. Es geht mir vielmehr darum, den Frauen Wert und Würde zurückzugeben. Wir feiern, dass wir der Schlusspunkt der Schöpfung sind, und sind nicht in ständiger Demut, so wie du das immer andeutest. Ist die Frau deiner Meinung nach denn wirklich aus der Rippe des Mannes entstanden? Ja, ich glaube schon, dass das so ist, wie auch immer man sich das nun vorstellen will. Sie wurde erschaffen, um das menschliche Leben zu komplettieren.

Die Frau hat sich nach Meinung der Bibel ganz klar dem Manne unterzuordnen. Hast du damit kein Problem? Nein, habe ich nicht, denn mein Mann liebt und schätzt mich. Mit einer Rangordnung habe ich daher keine Probleme, denn ich sehe, dass er nur das Beste für mich will. Wie viel Zeit pro Tag verbringst du mit Beten? Und tust du das ganz klassisch oder ist deine Form des Gebets eine modernisierte Variante des klassischen Vaterunsers? Ich mag das Vaterunser, denke aber gerne darüber nach, was wirklich mit den Worten gemeint ist, während ich es bete. Manchmal bitte ich um Hilfe, manchmal bereite ich mich im Gebet – vor allem morgens – auch auf den Tag vor. Seit die Kinder zur Schule gehen, habe ich mehr Zeit, früher machte ich das, während die Kinder schliefen. Mir ist es einfach extrem wichtig, eine Beziehung zu Gott zu führen, das heisst, dass von beiden Seiten etwas kommt, damit die Beziehung nicht einseitig ist. Die Verbindung muss da sein – immer online sozusagen. Susanna Bigger, 40, lebt mit ihrem Mann Leo und ihren beiden Kindern in Zürich Wallisellen. Ihre Lieblingsstelle in der Bibel findet sich unter Johannes 3,16: ‹So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab.› Am Abend nach dem Gespräch betete sie für ihre Kinder, ihren Mann und vielleicht auch für eine neue Location der ICF-Celebrationhall, da sie die alte 2013 verlassen werden müssen. Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Daniel Tischler


‚Ich habe keine Mßhe damit, mich meinem Mann unterzuordnen, weil ich weiss, dass er mich liebt.›

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DEr OCHSENKNECHT Da die Schweizer Mitarbeiter des Sorgentelefons zu Weihnachten schlichtweg überlastet sind, hat die evan­ gelische Kirche ihre Seelsorge­Hotline dieser Tage in ein Callcenter nach Indien ausgelagert. Dort werden jetzt Baumarktkunden und Selbstmörder gleichermassen betreut. Ein Krippenspiel aus Neu­Dehli. Text: Martin Fischer und Laurence Thio

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ls Rajiv Mutu in Neu-Dehli den Hörer entgegennimmt, geht es um Leben oder Tod. ‹Schweizerisch-evangelisches Sorgentelefon, wie kann ich Ihnen behilflich sein?› Er hat eine angenehme, serviceorientierte Stimme. Am anderen Ende: Salomon Rubin, total aufgelöst: ‹Ich will nicht mehr leben – ich mach jetzt Schluss.› Rajiv denkt: ‹Scheisse.› Der dritte Arbeitstag als Telefonseelsorger und gleich ein Selbstmörder. Er beginnt zu schwitzen, kratzt sich am Headset. ‹Scheisse, Scheisse, Scheisse!› Rajiv muss reagieren, cool bleiben, er loggt die Antwort ein, der Bildschirm schlägt seine nächste Frage vor: – Sie wissen, dass das Leben ein wertvolles Geschenk ist? sagt er. – Wertvolles Geschenk?! keift Rubin schrill zurück und hängt auf. Die Leitung ist tot. Rajiv erbleicht. Normalerweise betreut Rajiv Mutu die Hotline einer Baumarktkette. In der Adventszeit nimmt er jedoch auch die Anrufe des Sorgentelefons der evangelischen Kirche entgegen. Der Dienst ist neu. Eine Studie hatte festgestellt, dass sich die Neurosen junger Menschen zur Weihnachtszeit verschärfen. Sie sollen dann auch für Gott empfänglicher sein. Mit einer Plakatkampagne wurde die Hotline beworben. Aufgrund der Überlastung des Telefonservices – und vielleicht auch um Kosten zu sparen – wich der Schweizer Anbieter auf ein Callcenter in NeuDehli aus. Christlich sind die Arbeitsbedingungen dort allerdings nicht: gibt Rajiv eine falsche Antwort und bringt Rubin sich um, ist er fristlos

gefeuert. Der Selbstmörder ruft wieder an: – Du willst mich nur fertigmachen, stimmt’s? Alle wollen sie mich fertigmachen. Alle! schreit er. Puh, Rajiv ist wieder im Geschäft! – Wie war Ihr Name? Das ist Rajivs Trick von der Baumarkt-Hotline: frag die Leute nach ihrem Namen, lass sie dann ihre Beschwerde vortragen, sag dann: ‹Also Herr soundso, Sie haben dies und das und blablabla›, wiederhole einfach alles, was sie gesagt haben und sie sind zufrieden. Wieder scheint der Trick zu funktionieren: – Rubin, gibt der Selbstmörder in spe Auskunft. – Rubin, wiederholt Rajiv. Was sind Sie von Beruf, Herr Rubin? – Schauspieler, sagt er. Das ist ja das Problem. – Berufliche Probleme also, sagt Rajiv und schlägt das entsprechende Register auf seinem Computer auf. Probleme am Arbeitsplatz, mit Mitarbeitern und Vorgesetzten oder andere Probleme? liest er die Folgefragen ab. – Mit Vorgesetzten, sagt Rubin. – Und wie äussert sich Ihr Problem? fragt Rajiv. Aber auf diese Frage hatte nicht nur er, sondern auch Rubin gewartet. Rubin schluchzt, steigert sich in einen Weinkrampf. Würde Rajiv schon etwas länger im Psychodienst arbeiten, würde er nun vielleicht mit den Augen rollen, doch er ist tipptopp konzentriert: – Erzählen Sie mir davon! Rubin beendet sein Weinen mit einem etwas affektierten Seufzer: – Ich habe die Rolle meines Lebens verloren – im Krippenspiel. – Krippenspiel? – Nicht irgendeines! Ein besonderes. Richtiges

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Theater, verstehst du? Im Berner Münster. Alle habe er schon eingeladen, die ganze Familie, alte Klassenkameraden, die heute Chefposten besetzen, seine Kollegen von der Schauspielschule, die schon alle den Macbeth gespielt haben. Und jetzt also auch er einmal in einer Hauptrolle: Josef! – Joseph? fragt Rajiv. Das Musical kenne er. – Theater! sagt Rubin beleidigt. Musical ist mehr so für die Massen. Unser Krippenspiel, das ist zwar auch für die Massen, aber wir machen das mit künstlerischem Anspruch. Er gerät ins Erzählen. Genau hier wollte ihn Rajiv haben. Konzentriert schreibt er mit, um gleich alles zu wiederholen. – Das Krippenspiel ist ja ein Klassiker, fährt Rubin fort. Selbst Menschen, die dem Theater eher ferne stehen, kennen den Stoff. Deshalb hat der Rolf – das ist der Regisseur – eine moderne Adaption geschrieben. Rubin ist nun vollends in einer Beschreibung der modernen pseudoradikalen Inszenierung des Krippenspiels aufgegangen und gibt nach und nach die Highlights Preis. – Beispielsweise bei der Maria, da spielt der Ingo mit der Babette eine total abgefahrene, zerstörerische Vergewaltigungsszene. Viele meinten, dass sei frevlerisch, dass der Ingo den Gott spielt, aber ich fand die Besetzung okay. Rajiv spielt auf Zeit, er hat nicht den Hauch einer Idee, was Rubin da erzählt. – Verstehe, sagt er nur. – Naja, und ich sollte den Josef spielen. Ich weiss, was du jetzt denkst! Na komm, sag’s! Rajiv schwitzt, er denkt nichts, er weiss nur, dass er Rubin in der Leitung halten muss, der jetzt sehr verwirrt wirkt. – Sie haben damit ein Problem? versucht er. – NEIN, verdammt! explodiert Rubin. Kein Problem hatte ich, hörst du überhaupt zu?! Ich sollte den Josef spielen. Eigentlich eine lethargische Langweilerrolle, das wolltest du sagen! Aber Rolf hat mir den Josef auf den Leib geschrieben, ihn getunet und ihn zu einem komplexen, zerrissenen Charakter gemacht. Verstehst du? – Sie sind überfordert? fragt Rajiv vorsichtig. – Nein, genau mein Ding! Mein Josef wäre kaputt gewesen, innerlich am Zerbersten. Unterschwellig muss Josef doch gegen den Drang, sein Kind zu töten, ankämpfen. Ist doch klar! Aber bei der letzten Probe, da haben sie mich versetzt. Noch bevor das Kind geboren wurde. Und weisst du weshalb? Schnupfen. Plötzlich ist es ruhig, Rajiv befürchtet das Schlimmste. – Welches Kind? fragt er schnell. Er begreift noch immer nicht, dass er als Betreuer eines evangelischen Sorgentelefons die Weihnachtsgeschichte eigentlich kennen müsste. Er hätte sie doch noch auf Wikipedia nachschlagen sollen. Jetzt ist es zu spät. Rubin explodiert:

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– Okay, es reicht! keift er. Ich habe genug von diesem Theater! Ich gehe jetzt auf den Turm! flucht er und fügt nach einer theatralischen Pause hinzu: Und du bist schuld! Die Leitung verstummt. Nach zwei Jahren Baumarkt-Hotline glaubte Rajiv die Abgründe unserer Gesellschaft zu kennen. Er hat sie live miterlebt, die Dramen, die sich am Bau einer vorfabrizierten Gartenhütte entzünden. Er fühlt sich dann immer wie ein kleiner Regisseur. Er weiss, welche Schrauben man vergessen muss, um Dächer einstürzen zu lassen. Eigentlich spricht er nur Hochdeutsch. Aber wenn er vom Leid seiner Kunden erzählt, zitiert er belustigend Sätze wie ‹Gopfertammi diä huere Schisshüttä funktioniert überhaupt nöd!› Wieder kommt ein Anruf rein, wieder ist es Rubin, aber diesmal ist die Stimme schwer verständlich. Wind bläst durch die Hörmuschel. – Ich mein das ernst! schreit Rubin ins Telefon und tut so, als müsste er nicht nur akustisch gegen den Wind ankämpfen, als würde er sein Leben bereits auf der äussersten Kante balancieren, als wäre er King Kong am Münsterturm. Ich habe mich jetzt umgezogen. Ich werde jetzt springen! – Umgezogen? Rajiv wird die Sache allmählich zu blöd. Als was springen Sie denn? Als Vogel? – Als Ochse, schluchzt Rubin, schluckt die Tränen und fügt trotzig hinzu: Die sollen nur sehen, was es heisst, jemanden vom Josef zum Ochsen zu machen. Diese Schweine! – Ich verstehe Ihr Problem, sagt Rajiv. Er mimt den Kundenberater nur noch sarkastisch. Sehen Sie Ihre Aufgabe als neue Herausforderung! Lustigerweise geht Rubin auf den Vorschlag sogar ein. – Ich soll ihn tänzerisch darstellen, lamentiert er. Ich fand das ja zuerst völlig daneben. Aber der Rolf meinte, die Rolle des Ochsen, also die Verkörperung des Proletariats, die sei im bürgerlichen Krippenspiel immer marginalisiert worden. Deshalb solle sich der Ochse jetzt tänzerisch erheben. Das find ich schon gut, jetzt mal so als Symbol. Verstehst du? – Nein Mann, ich verstehe kein Wort, gibt Rajiv zurück. Haben Sie eigentlich Freunde? Weil ich suche in meiner Liste einen Grund, der Sie vom Springen abhalten könnte. Wissen Sie, ihr Ochse ist mir völlig egal. Aber wenn Sie springen, dann heisst es in meinem Rapport ‹Falsche Information mit Todesfolge›. Und das kostet mich dann meine Stelle. Verstehen Sie? So richtig verstand das Rubin nicht. Gesprungen ist er aber doch nicht. Und der Ochsentanz durch das Berner Münster wurde in der Presse als ‹grazile tänzerische Offenbarung› gefeiert. Illustration: Raffinerie


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‹zehn minuten mit› Zeitgenossen und Weltbürgern. Kimou ‹Grotesk› Meyer: ‹New York ist eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.›

kinki magazine: Was bedeutet dir New York, Kimou? Kimou Meyer: Hier habe ich die letzten zehn Jahre meines Lebens verbracht, eine Familie gegründet, hier erschuf ich Grotesk und hier findet sich meine unerschöpfliche Quelle der ­Inspiration. Denkst du, dass du als Schweizer New York mit ganz anderen Augen betrachtest als die New Yorker selbst? Nein, das glaube ich nicht. Nach all den Jahren, die ich hier verbracht habe, fühle ich mich eher als New Yorker denn als Schweizer. Man entdeckt hier mit der Zeit immer wieder Orte, an die man als Tourist niemals kommen würde und lernt auch, wie man sich in verschiedenen sozialen Schichten und ­Situationen verhält und wie man reagiert. New York verändert sich schon beinahe monatlich, meine Augen blicken also noch ­immer so gespannt auf neue Gebäude, Museen, Shows und Nachbarschaften wie an dem Tag, als ich hier gelandet bin. Das ein­zige, was mich vom Durchschnittsamerikaner unterscheiden mag, ist meine grafische Ausbildung, die ich in der Schweiz ­absolviert habe und die mir hilft, visuelle Informationen zu filtern. Es ist unübersehbar, dass das urbane Leben direkten Einfluss auf deine Arbeit hat. Was sind andere Faktoren, die dich inspirieren? Die Kunstwerke meiner Freunde, meine Kinder, Kochen, Musik, Zeitungen und Basketball - Gucken!

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anch einen, der von der kleinen Schweiz in den Big Apple zieht, mag die unüberschaubare Grösse und Vielfalt dieser Millionenstadt wohl einschüchtern und weh-­ mütig an das kleine Dorf in der Heimat zurückdenken lassen. Ganz anders erging es dem Graphic Artist Kimou Meyer, den es vor zehn Jahren nach seiner Ausbildung im beschaulichen Genf in die amerikanische Metropole zog, wo er schnell Fuss fasste und mitt­ lerweile sowohl als Art Director des legendären New Yorker Skateboardbrands Zoo York als auch als

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freier Künstler unter dem Namen ‹Grotesk› mit seinen Illustrationen, Fotos, Designs und Kunstwerken fleissig in der New Yorker Kunstszene mitmischt. Seine unverkennbare grafische Handschrift verschaffte ihm zahlreiche Auf­ träge für Firmen wie Stussy, Sixpack, Alife, 5 Boro oder Staple, und kann mittlerweile unter anderem in einem 144 Seiten dicken Buch namens ‹A Decade of Swiss Design Lost in Brooklyn› bewundert werden. Der umtriebige Künstler und Familienvater ist also definitiv in NY angekommen. Im Folgenden verrät er uns, warum er wohl auch in Zukunft seinen Sitz in Brooklyn nicht gegen eine Genfer Wohnung eintauschen wird.

Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus? Ich wache früh auf. Nach einem schnellen Espresso fahre ich nach Manhattan und bringe die Kids zur Schule, dann laufe oder radle ich ein bisschen durch die Stadt, knipse ein paar Fotos. Gegen 10 Uhr fahre ich zurück nach Brooklyn, setze mich zu meinem Partner Eric Elms und bespreche mit ihm unser Tagesprogramm. Danach arbeite ich an einem der viel zu vielen Projekte, um die ich mich kümmere. Gegen 18 Uhr verlasse ich dann das Büro, hänge mit meinen Kindern ab und bringe sie ins Bett. Danach besorgen sich meine Frau ­Sylwia und ich eine Nanny und gehen irgendwo an eine Eröffnung oder essen etwas Schönes.

Du hast in New York eine Familie gegründet. Inwiefern unterscheidet sich deiner Meinung nach eine Kindheit in New York von jener in der Schweiz, wie du sie hattest? Ich glaube, dass die Kinder hier viel schneller erwachsen werden als in der Schweiz, da hier irgendwie alles schneller läuft und sie die ganze Zeit von zahlreichen Reizen überflutet werden. Auch muss man seine Kinder hier viel stärker beschützen als in der Schweiz, denn hier passieren echt ziemlich viele ver­ rückte Sachen. Meine Kids können beispielsweise nicht allein mit der Metro zur Schule fahren, so wie ich das in Genf bereits mit 6 Jahren tat. Du arbeitest sowohl als Creative Director für Zoo York wie auch als freier Künstler und Fotograf. Wie unterscheidet sich die ­kommerzielle Arbeit von deiner persönlichen? Wenn ich für eine Firma als Creative Director arbeite, so kom­ muniziere ich sozusagen für sie. Ich arbeite für ihre Ziele und ­versuche das zu erreichen, was sie bezwecken. Wenn ich alleine arbeite, so bin ich selbst der einzige, den ich zufriedenstellen muss. Haben deine Arbeiten eine politische Message? Ich sehe mich eher als eine Art Zeitungscartoonisten: ich ­drücke mich selbst aus, indem ich auf die Dinge eingehe, die um mich herum passieren. Manchmal mache ich mich über die doofen Kleider eines Freundes lustig, am nächsten Tag rege ich mich über die Äusserungen dieses rassistischen Arschlochs auf, das letzten Monat in Genf gewählt wurde… Denkst du, es verschlägt dich ­irgendwann mal wieder zurück in die Schweiz? Sag niemals nie… Aber momentan sehe ich keinen Grund zurückzugehen. Ich liebe mein Leben hier in NY. Wahrscheinlich würde ich zuerst nach Amsterdam, Marseille oder Berlin ziehen, um mich langsam wieder an das langsamere Tempo zu gewöhnen, bevor ich in die Schweiz zurückkehrte. Weitere Info zu Kimou Meyer aka Grotesk findet ihr unter grotesk.to. Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Andi Speck


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Sturm im Goldfisch­ glas

‹The Economy Sucks! Let’s Party!›, lautet das Motto der derzeitigen Anti-Flag-Tour. Dementsprechend ausgelassen übten die Fans beim Konzert in Pratteln schon mal den feuchtfröhlichen Klassenkampf.

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Anti-Flag gehören trotz Majorlabel-Deal und geräumigem Tourbus zu den ambitioniertesten Politpunks der Gegenwart. Der Schlagzeuger Pat Thetic erklärt uns im Interview, wie es sich anfühlt, in einem Ghetto der Ideologie zu leben, warum er dennoch das Mercedes-Benz-Museum besuchte und was es mit seiner Leidenschaft für überzüchtete Goldfischchen auf sich hat. Text und Interview: Rainer Brenner, Fotos: Janis Weidner

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an kann uns nicht vorwerfen, wir hätten uns nicht vorbereitet: standesgemäss billig waren die drei Dosen Bier, die wir uns im Zug auf dem Weg zur Eastpak Antidote Tour in die Kehlen stürzten, gut beleuchtet das Gebüsch, in dem wir auf dem Weg vom Bahnhof Pratteln zum Club unsere Notdurft verrichteten, und natürlich würden wir uns nicht an das Rauchverbot halten, auf das der Club mit etlichen Schildern aufmerksam machte, so viel war klar. Vor den Toren des Festivals reihten sich Snowboardjacken neben Nietengürteln ein, diskutierten über Ticketpreise und darüber, wie teuer drinnen wohl das Bier sein würde. Gespannt ragten die Köpfe in der ersten Reihe über die Absperrungen, Kammfrisuren wippten neben Baseballcaps zu den Klängen verschiedener­ amerikanischer Gitarrenbands, die schwitzend, spuckend, kreischend und ordentlich laut ihre Songs zum Besten gaben. Dennoch gab sich der Grossteil der Angereisten verhalten, es schien, als wolle man nicht gleich bei der ersten Band eine Elle in den Bauch gerammt bekommen, schliesslich warteten ja alle auf den gros­ sen Auftritt des Abends, auf jenen der US-amerikanischen Politpunker Anti-Flag. Anti-Flag wetterten schon gegen Kapitalismus, Gewalt und das politische System, als ein Grossteil ihres heutigen Publikums noch nicht mal an den Gittern des Laufstalls rüttelte. Und auch wenn die ‹Number One Institution of Punk› mittlerweile zu einem Majorlabel gewechselt hat, ist ihr politisches Engagement ungebrochen. Sei es die von ihnen gegründete Organisation ‹Military Free Zone›, die sich gegen die Anwerbung des Militärs an Schulen starkmacht, oder Hilfsprojekte für Obdachlose, Tier- und Umweltschutz und natürlich ihr unermüdlicher Kampf gegen den Afghanistan- und den Irakkrieg. Zu letzterem organisierten Anti-Flag bei dessen Ausbruch zusammen mit Michael Moore zum Beispiel eine riesige Demonstration. Wirft man einen Blick auf die Homepage der vier Herren aus Pennsylvania, wo ein Zähler einem gleich zu Beginn die Kosten des Irakkrieges vorrechnet und die Bandmitglieder in Videobotschaften ihre Fans motivieren, selber politisch aktiv zu werden, zeigt sich schnell, dass diese

Band trotz Majorlabel und Tourbus ihren Idealen wohl so treu geblieben ist wie wenige andere in diesem Genre. Bevor er zu Songs mit kämpferischen Namen wie ‹Sodom, Gomorrha, Washington D.C.› oder ‹Fuck Police Brutality› auf seine Felle trommeln wird, empfängt uns ein überraschend gut gelaunter Patrick Bollinger aka Pat Thetic vor dem Hintereingang des Clubs und spricht ausführlich, fröhlich und dennoch stets ambitioniert über sein Lieblingsthema: die Politik.

‹Natürlich finde ich es auch schlecht, was die Taliban tun, aber man kann die Demo­ kratie nicht einfach in eine andere Kultur hineinbomben.› kinki magazine: Die USA haben einen farbigen Präsidenten und vielleicht sogar bald schon ein anständiges Gesund­ heitssystem. Gehen euch langsam die Feindbilder aus? Pat Thetic: Weisst du, gerade diese Denk­ weise ist das grosse Problem momentan. Alle meinen: ‹Ja, wir sind auf dem richtigen Weg!› Obama kriegt den Friedens­nobelpreis, aber kannst du mir sagen, was er bis jetzt verändert hat? Überhaupt nichts! Unsere Truppen sind noch immer in Afghanistan, es hat mehr Tote gegeben denn je. Ich mag ja diese neue ‹touchy, feely› Art des Präsidenten irgendwie, aber bisher hat er einfach noch nichts erreicht. Die Linken haben echt hart gekämpft, um jemanden ins Weisse Haus zu bringen, der ihren Ideen und Vorstellungen zumindest ein offenes Ohr schenkt. Und als das geschafft war, hat man sich halt ein bisschen auf den Lorbeeren ausgeruht, stets in der Gewissheit, dass ja nun alles gut werden würde. Aber irgendwann wird den Leuten wohl ein Licht aufge-

hen und sie werden feststellen, dass sich gar nichts wirklich bewegt und dass der Klimagipfel in Kopenhagen so viel gebracht hat wie ein Besuch in der Kirche. Es gibt also noch genügend Missstände, über die ihr euch auslassen könnt. Ja (lacht). Die Probleme sind dieselben geblieben, die Ideen auch. Zwar hat es einen Wechsel an der Machtspitze gegeben, aber die Kräfte und Probleme, die auf uns einwirken, sind dieselben. Meinst du, ihr werdet nun weniger Alben verkaufen als während der Ära Bush? Ja, wahrscheinlich. Weniger Leute regen sich über politische Themen auf, weil ihnen ein­getrichtert wurde, dass nun alles besser wird, obwohl das natürlich nicht stimmt. Aber wir haben uns nie gross darum gekümmert, wie viele Platten wir verkaufen, wir sagen, was wir zu sagen haben, egal wie viele Platten wir damit nun loswerden. Es ist wichtig, die Leute auf Probleme aufmerksam zu machen. Wir kommentieren einfach, was in der Welt so vor sich geht und es mag sein, dass momentan weniger Menschen am Weltgeschehen Anstoss nehmen. Obwohl es wahrscheinlich nicht einmal so ist, dass sie nicht unserer Meinung wären, ich glaube das Problem liegt viel eher darin, dass sie sich alleine und isoliert fühlen und nicht glauben, etwas verändern zu können. Der Sinn unserer Band ist es, diese Menschen zusammenzuführen. Man trifft hier auf Gleichgesinnte, die derselben Meinung sind, zum Beispiel was Themen wie Krieg oder gleichgeschlechtliche Ehen angeht… Ich glaube, grundsätzlich sind die meisten Menschen gegen den Krieg und wissen auch über viele Ungerechtigkeiten Bescheid, die in der Welt vor sich gehen. Aber es ist ihnen entweder egal oder aber sie sind zu faul, um etwas dagegen zu tun. Jein. In den USA wird einem der Krieg ständig verkauft, der Krieg hat ein regelrechtes Marketingsystem. Uns wird eingebläut, dass wir den Krieg in Afghanistan unbedingt weiterführen müssen, weil die Menschen dort uns brauchen, um sie vor diesen bösen kinki 39


Taliban zu retten. Natürlich finde auch ich es schlecht, was die Taliban tun, aber man kann die Demokratie nicht einfach in eine andere Kultur hineinbomben. Ich würde also durchaus behaupten, dass es viele Leute gibt, die an den Sinn von Gewalt – in Form von Krieg – glauben. Traurig, aber wahr. Ich gebe dir aber recht darin, dass eine grosse Menge der Bevölkerung einfach unmotiviert am Strassenrand steht und dem Verlauf der Dinge teilnahmslos zuschaut. Ich denke allerdings auch, dass man diese Menschen durchaus motivieren kann. Denk nur an die Vietnamzeit, da gingen viele Leute auf die Strasse und wehrten sich gegen den Krieg, auch im Jahr 2003 demonstrierten viele. Aber natürlich ist es eine Menge Arbeit, raus auf die Strasse zu gehen und für seine Ideale zu kämpfen. Ihr seid nun seit 16 Jahren ein fester Bestandteil der Punkszene. Wie hat sich Punk in dieser Zeit verändert? Nun, vielleicht bin ich die falsche Person, um dir diese Frage zu beantworten, denn ich lebe sozusagen in einem Ghetto der Ideo­ logie: Wir haben in diesen Jahren eine Art Community um uns herum gebildet, mit der wir unsere Ideale und Vorstellungen teilen. Aber ich denke, dass die allgemeine Punk­ szene etwa aus 20 Prozent hartem Kern besteht, der sich für seine Ideale einsetzt. Dann gibt und gab es natürlich immer schon die Mainstream-Punker, die kommen und gehen. Punkrock war immer wieder mal da, dann kümmerte sich wieder niemand mehr darum, ein ewiger Kreislauf… Punk verhält sich doch ähnlich wie ein Politiker: er nutzt die Probleme der Menschen zu seinem eigenen Wachstum. Für den Mainstream gilt das ganz bestimmt so, da hast du recht, nicht aber für den harten Kern. Für diese Leute ist Punk eine Art zu leben. Wir glauben, dass diese Welt eine bessere sein könnte und dass das durchaus auch machbar wäre. Wir glauben daran, dass, wenn wir uns nur richtig orga­ nisieren und zusammenschliessen, etwas bewegt werden kann. Aber wie gesagt, das sind sicher lediglich rund 20 Prozent der Szene. Ihr seid momentan mit der Eastpak Antidote Tour unterwegs. Und obwohl ihr ja betont, dass ihr das Geld, das ihr damit verdient, für wohltätige Zwecke spendet, werden sicherlich viele dieser Anhänger des harten Kerns es euch nicht gerade zugutehalten, dass ihr unter der Flagge eines Rucksackherstellers spielt. Wir haben solche Dinge als Band schon immer gemacht. Uns ist klar, dass wir sowieso touren, aber wir überlegen uns auch jedes Mal, wie wir daraus mehr als ‹nur› eine Musiktour machen könnten. Wir verwenden also das Geld von Eastpak, um etwas Positives zu bewirken, sie profitieren dafür im Gegenzug sozusagen von unserer Street Credibility. Wir sagen also: ‹Okay, ihr könnt Teil dieser Sache sein, das ist euch wichtig, dafür setzt ihr euch für Obdachlosenheime ein, denn 40 kinki

das ist uns wichtig.› Anti-Flag hat schon immer solche Vereinbarungen getroffen, manchmal klappt’s, manchmal auch nicht. Stell dir vor, du wärst einen Tag lang der Präsident der USA, was wären deine drei ersten Amtshandlungen? (Lacht.) Einen Tag lang? Obama ist nun seit einigen Monaten Präsident und hat nichts verändert, und ich bin mir sicher, dass er ein smarterer Typ ist als ich. Na gut, wir geben dir ein bisschen mehr Zeit. Was wären die drei ersten Dinge, die du verändern würdest? Zuerst würde ich zum Klimagipfel in Kopen­ hagen reisen und mich dort für die Ver­ ringerung des CO²-Ausstosses einsetzen. Das Zweite, was ich machen würde, ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu öffnen, denn ich denke, jeder sollte dort leben dürfen, wo er möchte, und es bringt nichts, Mauern aufzubauen, das haben wir ja mit dem Fall der Berliner Mauer gelernt. Grenzen nützen nur denjenigen Menschen, die über Macht verfügen. Das Dritte, was ich machen würde, ist…

‹Stell dir das vor, ein Pazifist wie ich tötet Goldfische.› …einen Mercedes kaufen? Ja, genau (lacht). Wir waren übrigens vor ein paar Tagen im Mercedes Museum. Was? Ja, wir waren im Mercedes Museum (lacht). Ich erzähle dir auch gleich, wie es war. Aber meine dritte Amtshandlung als Präsident wäre, die Produktion sämtlicher mili­tärischer Waffen zu verbieten. Nun zurück zum Mercedes Museum. Du kannst dir vorstellen, dass ich Mercedes hasse, was ich aber interessant fand, ist, dass sie versuchten, in diesem Museum ihre eigene Art der Weltgeschichte nachzubauen. Sie haben die Weltgeschichte ganz einfach so präsentiert, dass sie zu ihrer Firmen­ geschichte passte, sie in ein gutes Licht rückt. Ich dachte mir: ‹Fuck, ich glaube, ich baue mir auch so ein eigenes Museum! Und ich werde ebenfalls die Geschichte so umschreiben, wie ich sie gerne hätte und verlange von den Leuten 6 Euro, damit sie sich das ansehen können.› Das war echt der Wahnsinn. Es war zwar vielleicht nicht so, dass sie die Geschichte komplett umgeschrie­ ben hätten, sie legten den Fokus einfach auf einzelne Momente und rückten den Rest in den Schatten. Natürlich macht jedes Museum das auf gewisse Art und Weise, aber es war schon speziell, die Geschichte der letzten 50 oder 60 Jahre von einem Automobilhersteller erzählt zu bekommen. Bist du es eigentlich nicht manchmal leid, immer politische Fragen wie unsere beantwor-

ten zu müssen? Würdest du manchmal nicht auch lieber über Groupies, Musik und die Erlebnisse im Tourbus reden? Das denkt man wohl, was? Aber weisst du was? Ich rede überhaupt nicht gerne über Musik. Mir ist es scheissegal, welche Drums ich spiele oder auf welche Becken ich schlage, darüber spreche ich nicht. Der Tourbus, das Schlagzeug, das sind alles nur Werkzeuge für mich, sie sind mir nicht wichtig, sondern helfen mir einfach, den Menschen politische Ideen und Auffassungen zu vermitteln. Ich rede also viel lieber über Politik und darüber, was in der Welt so vor sich geht, als über meine Musik, den Tourbus oder meine Instrumente. Verhältst du dich eigentlich ständig so politisch korrekt oder sündigst auch du manchmal? Ja, auch ich sündige (lacht). Obwohl ich dir hier zu verklickern versuche, wie smart und interessant ich und meine Ideen sind, habe auch ich meine Leichen im Keller: Ich liebe Goldfische! Natürlich weiss ich, dass diese Lebewesen auf schlimmste Art und Weise degeneriert und mutiert sind, eine Spezies, die wir so überzüchtet haben, dass sie in natürlicher Umgebung niemals überleben würde; die sterben ja auch so schon ziemlich schnell… Aber ich kaufe mir Goldfische, füttere sie und schau sie mir an… Du guckst ihnen sozusagen beim Aussterben zu. Ja, genau. Ich musste kürzlich sogar ein Weibchen töten, stell dir das vor, ein Pazifist wie ich tötet Goldfische. Aber ich musste sie von ihrem Leiden erlösen. Trinkst du manchmal dabei auch eine Cola? (Lacht.) Ertappt! Stimmt, ich trinke von Zeit zu Zeit eine Cola, da ich keinen Alkohol trinke. Aber ich steh auch nicht besonders drauf. Was war das letzte, das du dir gekauft hast? Mal abgesehen von Nahrung und Gold­ fischen. Diese Jacke! (Er präsentiert stolz seinen schwarzen Coat.) Das war eine lustige Geschichte übrigens. Ich war in einer teuren Fashionboutique und habe dort eine wunderschöne Jacke gesehen, ziemlich ähnlich wie diese hier. Ich habe mich total in diese Jacke verliebt, aber die kostete 350 Euro, das war mir einfach zu viel. Also ging ich weiter und fand in einem anderen Laden diese Jacke hier für etwa 40 Euro. Das einzige Problem ist, dass sie schon auseinanderfällt (er deutet auf die Knöpfe, die nur noch an einem dünnen Faden von seinem Coat hängen). Aber ich liebe diese Jacke und ich habe über 300 Euro gespart. Sieht doch gut aus, oder? Weitere Info unter anti-flag.com.


‹Für seine Ideale zu kämpfen, ist eine Menge Arbeit.›

Spricht lieber über seine Ideale als über sein Drumset: Pat Thetic von Anti-Flag.

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Schlaf gut und Träum was Schönes 42

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Ilya, 16 Jahre. Als ich klein war, hatte ich oft Albträume. Aber keine gewöhnlichen. Die grösste Angst hatte ich vor der Unendlichkeit. Zum Beispiel wandere ich eine bekannte Strasse entlang, sie hat allerdings kein Ende. Oder wir sind auf dem Heimweg von unserm Landhaus und können eine der Städte nicht durchqueren. Wir laufen und laufen und kommen nicht an. Das war gruselig!

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Sie sind die Gedanken der Nacht, die heimlichen Wünsche und die schockierenden Wahrheiten. Träume können vieles bewirken. Doch wieso träumen wir? Träumt wirklich jeder? Und kann man Träume selbst steuern? Text: Roger Tschallener, Fotos: Serezha Komarov

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Misha, 22 Jahre. Hier ist mein Traum: Ich stehe am Ende der Welt und halte eine Spule in der Hand, mit der ich die Netze unter mir heraufziehen kann. Unter mir ist es dunkel. Ich kurble und kurble und kurble und plötzlich ziehe ich meinen eigenen toten Körper hervor. Ich komme immer näher an mich selbst heran, um mich anzu­ sehen, bis ich ganz nah am Gesicht bin – und plötzlich öffnen sich meine Augen. Ich wache auf.

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esterday war ein Traum. Paul McCartney ist eines Morgens mit dieser Melodie im Kopf aufgewacht. Er war sich si­ cher, dass dieses Lied bereits existierte. Wie hätte er sonst davon träumen können? Doch Paul lag falsch. Er hatte sich den Welthit tat­ sächlich selbst erträumt. Und damit war er nicht der einzige Künstler. Auch surreale Maler wie Salvador Dalí brachten Traum- oder Fie­ berfantasien auf die Leinwand. Ob sie diese aber im Schlaf oder im Rausch hatten, ist nicht bekannt. Wieso wir jedoch träumen ist noch nicht völ­ lig erforscht. Bereits in den 60er-Jahren entwi­ ckelten Psychiatrie-Professoren in Amerika di­ verse Theorien darüber. Eine davon besagt, dass Träume eine Reaktion des Hirns auf ein zu­ 46 kinki

fälliges Erregungsmuster in der Grosshirnrin­ de sind, kurz gesagt also eine Notlösung des Hirns, um Zufälle bildlich darzustellen. Irgend­ wie konnte man damit aber niemanden überzeu­ gen. Nach unzähligen anderen Ideen hat sich nun der Gedanke der Tageswiederholung am stärksten durchgesetzt. Ihm zufolge werden wäh­ rend des Tages wahrgenommene Dinge und Gefühle aufgearbeitet und neu geordnet. Das Hirn räumt das tägliche Gedankenchaos auf. Für andere Wissenschaftler sind Träume aber lediglich ein Überbleibsel aus der Evolution, das in der heutigen Gesellschaft nicht mehr genutzt wird. Doch wieso sind Träume noch nicht er­ forscht, obwohl sie uns schon seit Jahrhunder­ ten beschäftigen? Ganz einfach: Der einzige Zugang zu einem Traum besteht darin, den Träu­ mer zu wecken. Beinahe die ganze Forschung basiert also auf Erzählungen von Testpersonen

– und damit auf keiner wissenschaftlich aner­ kannten Masseinheit. Doch träumt wirklich jeder Mensch? Wäre jede Person als wissenschaftliches Testobjekt geeignet? Auch in diesem Punkt sind sich die Forscher noch nicht einig. Während die einen behaupten, dass wir jede Nacht gleich viel träu­ men, haben andere die Annahme, es gäbe Men­ schen, die gar nicht träumen. Klar ist, dass sich Frauen besser als Männer an ihre Träume erinnern können. Ebenfalls bewiesen ist, dass die Traumaktivitäten während des REM-Schlafs (Rapid-Eye-Movement), in dem der Körper mit erhöhtem Puls, angespannten Muskeln und schnellen Augenbewegungen sichtlich ange­ spannter ist als während der anderen Schlaf­ phasen, am höchsten sind. Die Träume, an die man sich erinnert, sind meistens die unbeliebtesten. Der Stiefbruder


der herkömmlichen Träume, der Albtraum, ist als ‹nicht organische Schlafstörung› sogar eine me­ dizinisch anerkannte Krankheit. Als Ursachen werden unverarbeitete Tagesgeschehnisse, traumatische oder traumatisierende Erlebnisse, Stress oder psychische Probleme angenom­ men. Dabei lösen meist abstrakte Traumsituati­ onen Panik und Angst aus. Diese Emotionen werden beim schweissgebadeten Aufwachen in den Wachzustand übernommen und können so noch längere Zeit störenden Einfluss auf den Träumer ausüben. Je nach Gemüt können aber auch Träume wie der eigene Tod erlösend sein und traumdeuterisch für einen positiven Neube­ ginn stehen. Trotzdem sind die meisten Be­ troffenen froh, wenn sie aus dem Albtraum er­ wachen und sich vergewissern können, dass dieser nicht ganz so real war, wie er sich ange­ fühlt hat.

Eine der wenigen wirkungsvollen Methoden gegen regelmässige Albträume ist die Technik des Klarträumens. Bereits die Schamanen di­ verser Kulturen versetzten sich damit in einen abgehobeneren Zustand. In Indien wird diese Art des Träumens seit langem als ‹Traumyoga› praktiziert. In einem Klartraum – auch luzider oder erleuchteter Traum genannt – ist sich der Träumer bewusst, dass er träumt. Man ist sich seiner Handlungs- und Entscheidungsfreiheit völlig im Klaren und bei vollem Bewusstsein. Dadurch kann der Verlauf des Traumes beein­ flusst und an die eigenen Wünsche angepasst werden. Geübte Klarträumer können so auch Albträume positiv beeinflussen und gut enden lassen. ‹Eigentlich ist in einem solchen Traum alles möglich, der Zustand ist mit einer Drogenhallu­ zination vergleichbar. Diese Erlebnisse können

Andronik, 20 Jahre. Bis ich 13 war, habe ich immer denselben weiterführenden Traum gehabt. Mein Bruder und ich hatten ein zweistöckiges Hochbett in der Nähe des Fensters. Während ich schlafe, kommt Baba-Yaga – eine russische Mär­ chenhexe – in das Zimmer und nimmt mich mit ihr in die Nacht hin­ aus. Es war ein gruseliger Traum. Später habe ich herausgefunden, wie ich Träume steuern kann. Ich habe das dann benutzt, um von schönen Mädchen zu träumen.

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sehr eindrücklich sein›, erzählt der Zürcher Neu­ ropsychologe Steve Ebright, ‹lediglich die eige­ ne Phantasie setzt Grenzen.› Die Grundlagen für luzides Träumen seien dem Mensch von Ge­ burt an gegeben, so Ebright weiter. Ganze 80 Prozent der Menschen erleben solche Visionen mehrmals in ihrem Leben spontan und unge­ wollt. Zehn Prozent haben sie sogar wöchent­ lich. ‹Ich selbst erlebe das schon seit meiner Schulzeit. Ich würde sagen, ich bin ein eher in­ tuitiver Klarträumer, manchmal habe ich ein hal­ bes Jahr lang kein erwähnenswertes Erlebnis; und dann, je nachdem wie ich drauf bin, durch­ lebe ich über längere Zeit hinweg täglich steu­ erbare Träume.› Um selbst zum Klarträumer zu werden, soll­ te man sich zuerst einmal an seine Träume erin­ nern können. Indem man sich das Geträumte bewusst mache, könne man sich mehr auf die 48 kinki

eigentliche Steuerung des Traums konzentrie­ ren, erklärt Ebright, der eine der grössten Schweizer Informationsseiten zu diesem Thema im Internet betreibt. Einen luziden Traum gezielt herbeizurufen, sei aber nicht so einfach, wie es sich anhört. Man brauche viel Geduld. Eine Me­ thode besteht darin, sich den Wunsch danach einzureden. ‹Man kann dabei immer wieder re­ petieren, dass man diese Nacht klarträumen will. So wird diese Motivation in den Schlaf übernommen.› Nützlich sei auch tägliche Medi­ tation, wie sie die buddhistischen Mönche be­ reits seit Jahrhunderten üben. Am Morgen kann dabei versucht werden, den Übergang zwischen dem Schlaf- in den Wachzustand vorüberge­ hend anzuhalten. Wie der Dalai Lama sagt, ist Meditation nämlich der Moment zwischen zwei Gedanken. Eine weitere, sehr oft wirksame Technik ist das trendige Power-Napping. Dabei

handelt es sich – etwas einfacher formuliert – um ein Mittagsschläfchen. Durch dessen kurze Dauer bleibt der Körper in der REM-Phase und ist für Klarträume sehr empfänglich. ‹Dabei er­ ziele ich selbst die besten Ergebnisse und habe öfter luzide Träume als in der Nacht›, meint Eb­ right und fügt hinzu: ‹Mit dem entsprechenden Willen und genügend Zeit kann so jeder klar­ träumen.›


Elizabeth, 22 Jahre. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen Traum, in dem ich mit Flugzeu­ gen und Piloten gekämpft habe. Meine Person war zweigeteilt, das eine Ich sass im einen, das andere Ich in einem anderen Flugzeug. Von dort aus betrachtet, wusste ich, dass das Ende schlecht für mich ausgehen würde. Also habe ich mich, als wir an den Punkt kamen, an dem mir etwas Schlimmes gesche­ hen sollte, selber ausgetauscht. Mit einem anderen Ich aus der Rea­ lität, was den Verlauf der Ge­ schichte natürlich völlig veränderte…

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Serezha Komarov: ‹Dreams› Die Arbeit ‹Dreams› des Moskauer Fotografen Serezha Komarov ist aus einem Projekt namens ‹objective reality› entstanden, an dem er sich beteiligte. Dort bestand ein Teil der Aufgaben des gerade mal 22-Jährigen darin, eine Art Porträt­serie zu schiessen. Dabei kam er auf die Idee, schlafende Menschen durch ihre Träume zu por­ trätieren. Serezha versucht, die sehr realistische Welt der Schlafzimmer oder Wohnräume mit der abstrakten und oft verrückten Welt der Träu­ me zu verbinden. Die Fotos sind sachlich, fast schon nüchtern. Die Zitate der Abgebildeten – Geschichten, die sie nachts erleben – wirken dagegen wild, beängstigend, phantasievoll, 50 kinki

märchenhaft. Die porträtierten Menschen sind meist im Alter des Künstlers, der jüngste von ihnen ist 13. Serezha wählte sie intuitiv aus sei­ nem Freundeskreis aus. Menschen zu ‹benut­ zen›, die er persönlich gut kennt, machte die Sache einfacher, aber nicht uninteressanter: ‹Ich habe sehr viel Neues über meine Freunde gelernt. Allen waren Träume sehr wichtig, sie denken darüber nach, beschäftigen sich den Tag über mit ihnen, versuchen sie zu deuten. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch das Projekt eine so wichtige und auch private Seite meiner Freunde erforschen durfte! Nur einmal war es schwierig, der Person den Traum zu entlocken, Träume sind ja wirklich sehr intim.› Im Moment studiert Serezha Komarov an der VGIK, der russischen Universität für Film, wo er sich zum Kameramann ausbilden lässt. Freiberuflich arbeitet er jetzt schon als Video-

Editor. Von der Fotografie alleine zu leben, sei bis jetzt noch nicht möglich, meint er. ‹Prinzipiell geht das in Russland aber schon. Jedoch meis­ tens nur als Hochzeitsfotograf in Studios oder ähnlichem. Das hat wenig mit Qualität, gutem Geschmack oder einem Sinn für Kunst zu tun. Es gibt natürlich trotzdem einige wenige wirk­ lich gute Fotografen, die als Künstler davon le­ ben. Ich arbeite hart daran, einer von ihnen zu werden. Wie es aussieht, bildet sich hier gerade eine Welle guter junger Nachwuchsfotografen heraus.› Das Leben in Moskau sei nicht immer einfach, der Alltag oft von Problemen geprägt. Weggehen würde Serezha trotzdem nicht, da er Russland und auch Moskau liebe. Text ‹Dreams›: Paula Kohlmann


Sasha, 25 Jahre. Ich sitze vor einem Gefängnis­ komitee, das entscheiden soll, wer frühzeitig freigelassen wird und wer nicht. Die Jury aus Gefängnis­ wärtern macht ihr Urteil davon ab­ hängig, wer sich selbst am härtesten verletzten kann, aber trotzdem bei Sinnen bleibt. Ich sitze also da und schaue zu, wie ein normaler Mann sich irgendwo in der Nähe der Leber ins Fleisch schneidet. Es tut ihm wahnsinnig weh, aber er hört nicht auf. Er versucht sich zu fassen, setzt wieder an, um noch tiefer zu schneiden, immer wieder…

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‹playlist› Unsere Lieblings-DJs stellen ihre All Time Favourites vor. Klein & Lang

03:19

Dr. Octagon: Blue Flowers Fragt mich einfach nicht nach der Bedeutung der Lyrics! Die soll mal jeder so auslegen, wie er möchte. Ein schräger Song mit noch schrägeren Lyrics. Als das Album ‹Dr. Octagonecologyst› im Jahre 1996 rauskam, war der Titel der Untergrund-RapHit schlechthin. DJ Q-Bert, eines meiner früheren Vorbilder, lieferte die unglaublichen Scratches dafür. Dr. Octagon aka Kool Keith ist der wahrscheinlich unterbewerteste Künstler, ‹wo’s je hät’s git’s›!

05:32

High Contrast: The Basement Track Noch immer ein klasse Liquid Tune. High Contrast brachte 2003 den House zurück in die Clubs. Für viele Heads zu ‹cheasy›, für mich ein Burner. Vertrackte Vocals, ein mit Käse voll getränktes Saxophon und dann ein Drop, wie es ihn nur im Drum’n’Bass gibt. Der Track war lange Zeit nicht aus meiner Plattenkiste zu sperren und die Smileys auf den Köpfen der Tanzbeine bestätigten dies. Wow, muss unbedingt wieder mal meine D’n’B-Scheiben hervorkramen. Schweiss, ich vermiss dich grad. Hell yeah!

01: 57

DJ Shadow: Organ Donor Wenn ich cool sein wollte, hätte ich jetzt das Original von Giorgio Moroder genommen. Doch Shadow ist Shadow und verfrickelte das Original zu einem Klassiker für die Ewigkeit. Dass er es mit dem Album ins Guinnessbuch schaffte, ist nebensächlich. Die Dichte an Samples auf ‹Entroducing› setzte einen Massstab, der seinesgleichen sucht. Und Organ Donner konzentrierte die Klänge direkt für die Himmelspforte. Ein Song für meine Beerdigung.

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ie zwei Klötzchen mögen den Herren, die sich dahinter verbergen, nicht genau aus dem Gesicht geschnitten sein, dafür zeigen sie den namensgebenden Unterschied auf: der eine ist klein, der andere lang. Die leiblichen DJs verstecken sich derweil hinter den Plattentellern, wo sie sich seit geraumer Zeit beim Auflegen profilieren, statt vor der Kamera zu posieren. Den überwindbaren Höhenunterschied ausgenommen, scheinen die beiden DJs Klein und Lang aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein und sich perfekt zu ergänzen, obwohl sie ursprünglich aus verschiedenen Musikrichtungen stammen: Der Lange, Patrick von Schulthess, begann Mitte der 90er als DJ Delyrium zwischen Bier und Kippen Platten zu drehen. Scratchend verband er die Ostmit der Westküste, bis er – der Szene überdrüssig – eines Nachts 52

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im Delirium auf eine Technoparty gelangte, die es dem eingefleischten Hip-Hopper irgendwie antat. Der Kleine, Fernando Gort, nervte schon im zarten Alter von 13 Jahren seine engumschlungene Kuschelsongs liebenden Mitschüler mit Punk und Hardcore Techno. Früh entdeckte er die schnellen Drums und tiefen Bässe und zog als ‹nonda› durch die Schweiz, Leichtfüssigkeit und den von der Decke tropfenden Schweiss zelebrierend. Als die guten Drum’n’Bass-Partys rarer wurden, entfachte auch bei ihm die Liebe für das schwarze Gold. Und so legten der Kleine und der Lange eines Nachts an derselben Geburtstagsparty auf, wo sie alsbald merkten, dass sie – Dick und Doof ähnlich – wie die Faust aufs Auge zusammenpassten. Seit der besagten Nacht legen Klein & Lang gemeinsam auf; was mit Minimal und Techno begann, wird unterdessen ziemlich deep mit einem Schuss Razzbatz versüsst.

06: 56

Frivolous: Bats At Twilight Frivolous ist der Oberstyler. Irgendwo zwischen Minimal, Jazz und House deckt er sich den Tisch. Immer für eine Überraschung gut. Im Grunde hätte ich wohl genauso gut jedes andere Stück von ihm nehmen können. Da der Qual die Wahl überlassen wurde, nehmen wir das neuste Stück in die Sammlung. Romantischkitschig verspielte Ohrwürmer. Ja, gerade auf dem Dancefloor haben sie Platz!

04: 06

cLOUDDead: Physics of a Bicycle ‹Mother nature made the aeroplane, and the submarine sandwich, with the steady hands and dead eye of a remarkable sculptor.› Der ganze Chorus würde die Zeilen sprengen. Abstruses Dada Theater ad absurdum gesammelt auf einer 10’’ für John Peel. Weird Folk trifft Hip Hop in Do-itManier – abgewrackt in höchstem Grade. Geilo unstylish. John Peel R.I.P.!

04: 09

Cymande: Brothers on the Slide Aus dem Album ‹Promised Heights› von 1974. Ein nicht ganz unbekannter Song, der richtig steilo, geilo daherfunkt! Reinziehen und abfunken!

03: 53

Del Tha Funkee Homosapien: What is a Booty Auf dem Album ‹I Wish My Brother George Was Here› 1991 erschienen. Del war und bleibt einzigartig. Von vielen kopiert, ist und bleibt er DER Master of Ceremony! Musiker und DJs sollten ihr Ego mal beiseite stellen und sich ein Stück von Del abschneiden… ne, eigentlich jedermann! ‹What is a booty and how do I know if I’m shakin’ it?›

02: 54

Fugazi: Waiting Room Einfach ein Klassiker aus alten Hardcoretagen. Gitarre, Bass, Drum und viel Energie. Da waren wir noch jung, tranken Bier, rauchten Gras, waren fasziniert von der RAF und fanden Straight Edge irgendwie spannend, den Rausch dann aber doch tighter.

05: 38

Natural Rhythm: Freak FM (Little Men Remix) Spiel ein House-Set vor einem gut gelaunten Publikum. Dazu ein fettes Soundsystem und leg die Nadel auf die Rillen des Little Men Remix. Was willste mehr? Nippe an deinem kubanischen Sirup und geniess einfach mal. Das Publikum wird es dir danken!

04: 25

George Duke: Son of Reach for It (the funky dream) Ich weiss noch, damals in der Frog Show auf LoRa, als mir zum ersten Mal ‹West Up!› von ‹W.C. and the Madd Circe› zu Ohren stieg. Wir sassen alle mit roten Augen im Radiostudio am Tisch und freestylten uns die Seele aus dem Leibe, als meine Lieblings-Djane DJ Azel den Song spielte… Die Samples von ‹West Up!› stammen von George Duke’s Stück ‹Son of Reach for Me›, welches auf dem Album ‹Dream On› 1982 erschienen ist. Ein Ohrenschmaus! Mehr zu Klein & Lang unter myspace.com/kleinundlang. Text: Florence Ritter, Fernando Gort und Patrick von Schulthess Foto: Florian Bachmann


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Packungshinweise beachten. BURN ist eine registrierte Marke der The Coca-Cola Company.


…die Maschine spielt verrückt

Florence Welch wiegt in ihren Videos feengleich über Wiesen, tanzt mit clownesken Waldwesen, feiert eine Hochzeit mit einem Sarg und singt dem Mond ein Ständchen. Nach ihrer offiziellen Biographie trinkt sie als ‹Florence and the Machine› gerne mal einen über den Durst, um im Rausch wundervolle Lieder zu schreiben. Text und Interview: Florence Ritter, Foto: Janis Weidner

Florence Welch ist ruhig und lustig, aufbrausend und in sich gekehrt, himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Hier erleben wir sie verträumt im Zürcher Niederdorf.

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hre roten Haare sind von Robin Hood und X-Men inspiriert, ihr Gesicht ist von markanten, weichen Zügen gezeichnet, körperlich ist die Sängerin Florence Welch ein zierliches Wesen, so dass man fast nicht glauben mag, dass ihr eine so starke, raumfüllende Stimme entsteigt. Die Zitate, die man von ihr liest, sind ebenso bunt und verspielt wie ihre Videos, und genauso lebendig und komisch ist auch ihre Gestik und Mimik, wenn sie bei Interviews theatralisch von Gedanken, Gefühlen und Geschehenem erzählt.

The Machine and the Music Die englische Hauptstadt brachte in den letzten Monaten eine Reihe talentierter, weiblicher Sängerinnen hervor, Florence ist eine der spannendsten und sicherlich die sonderbarste davon. Neben den Texten über Liebe, Schuld, Gefühle, Schmerz und Tod, über Särge, die ihr Freund schustert und Mädchen mit nur einem Auge kommt zu den morbiden Inhalten auch immer eine Prise Humor dazu. Schlussendlich geht es inhaltlich auch meist nur um Männer und um die (schmerzvolle) Liebe, was Florence mit ihren makaberen Allegorien aus ihrer zuweilen traurigen Märchenwelt zu verbildlichen sucht. Ihre Musik ist sehr eigenständig und vermischt – von Gotischer Musik, Chören und Big Sounds inspiriert – Pop, Rock, Soul, Folk und Punk mit Harfe, Gitarren, Klavier, Percussion und lauten Drums. Instrumentell begleitet wird Florences eindringliche Stimme von ihrer ‹Machine›, einer flexiblen Bandformation, die je nach Tour unterschiedlich viele Musiker zählt. Zurzeit gehören zu deren festem Bestandteil der Gitarrist Robert Ackroyd, der Schlagzeuger Christopher Lloyd Hayden sowie Isabella Summers am Keyboard und Tom Monger an der Harfe.

Singing Is Art In die Maschinerie der Musikindustrie gelangte Florence erst vor ein, zwei Jahren, zuvor wandelte sie auf künstlerischen Pfaden an der Kunsthochschule, wo sie bereits allen mit ihrem ewigen Singsang auf die Nerven ging: ‹Ich habe es immer geliebt zu singen. Ich rannte jeweils durch unser Haus oder durch das Treppenhaus meiner Schule und habe gesungen, ich rannte singend von Ort zu Ort und wurde endlos gebeten aufzuhören. Irgendwann riefen alle nur noch: «Shut up!», deshalb ist es sehr schön, dass ich heute singen kann, ohne dass die Leute was rufen.› Schon zu Zeiten der Kunsthochschule schrieb sie Songs und spielte Shows, indes sie tagsüber bizarre Installationen bastelte. ‹Wir haben über zwei Jahre hinweg Gigs gespielt, wir gaben fünf Shows pro Woche, weil wir einfach zu allem Ja sagten›, verrät Florence und ergänzt: ‹Ich habe ewig gebraucht, bis ich überhaupt wusste, was für Musik ich machen und wie ich klingen wollte.› Letzteres kann man sich kaum vorstellen, wirkt ihr Stil doch so einzigartig und genau für sie bestimmt! Gleichwohl hat die Reise zu ihrer Bestimmung nicht wirklich lange ge-

dauert, schliesslich ist Florence erst 23 Jahre jung und doch voller Reife und Bestimmtheit.

Florence’s World Die offizielle Biographie auf ihrer Website hört sich an wie eine Mischung aus Märchen und perfekter PR-Inszenierung, wohlbedacht auf Florences aussergewöhnlichen Charakter abgestimmt. Ihre Musik wird dort mit einem Zauber verglichen, der so stark ist, dass dem überwältigten Hörer die Luft wegbleibt. Die besten Lieder schreibt sie, wenn sie betrunken ist oder einen Hangover hat, und charakteristisch vereint sie etliche Gegensätze in sich, da sie alles sehr intensiv wahrnimmt und lebt. Diese Beschreibung nimmt man ihr auch sofort ab, scheint Florence doch eindeutig Künstlerin zu sein und in ihrem Inneren eine sensible, kreative Seele zu wahren, die mal harmonisch schlummert und dann wieder unbändig waltet. Die Sprunghaftigkeit und ihre intensiv gelebten Gefühle stehen am Anfang ihres Schaffens, aus welchem die Songs und auch die ganze visuelle Welt entspringen, die ebenso wichtiger Bestandteil des Gesamtkunstwerks Florence and the Machine ist. Auf der Website ist das zum Beispiel ein Lungenkissen, das am Anschlagsbrett baumelt als auch das Antlitz einer antiken Puppe, die ständig mit einem grausigem Geräusch die Augen zuschlägt. Die Videos von Florence and the Machine spannen dementsprechend den Bogen um ihre Welt und unterstreichen mit feinen Farbtönen und Überbelichtung weich ihre starke Stimme. Visuell ist von den makabren Texten dann auch wenig zu sehen. Als ich Florence Welch am Nachmittag vor ihrem Konzert im Zürcher Mascotte treffe, werde ich sogleich darauf hingewiesen, dass sie nicht in bester Verfassung sei und sich heute etwas verschlossen gebe. Tatsächlich ist Florence nicht in Bestform, sie hat Augenringe, abgeblätterten Nagellack und scheint sehr erschöpft. Ob dies nun dem Ende der Euro­paTournee oder einer ausgiebigen Feier am Abend zuvor zu verdanken ist, lasse ich mal im Raum stehen; das Label würde mir wahrscheinlich ungeniert letzteres nahelegen. Als ich meine Interviewzeit in Anspruch nehme, ist Florences Verstimmtheit verflogen, nur die Müdigkeit schimmert hie und da etwas durch. Sehr freundlich und herzlich gibt sie – nicht ganz so theatralisch und witzig, wie ich sie auf Videointerviews erlebt habe – Auskunft über ihr ‹neues Leben›, seit sie von Universal unter Vertrag genommen wurde: ‹Ich bin viel beschäftigter (lacht). Ich denke, alles hat sich verändert. Es ist, als könntest du dieses «normale Leben» nicht wieder leben, du lebst diese sonderbare Existenz, in der du nur reist und ständig Shows spielst. Es macht grossen Spass, bedeutet aber auch sehr viel Arbeit. Ich war ziemlich naiv und dachte «Juhu, ein Record Deal», aber jetzt denke ich schon manchmal «Oh mein Gott»!› Man merkt förmlich, dass sie die ganzen Veränderungen noch nicht fassen kann, aber dennoch dankbar darum ist: ‹Es ist eigentlich grossartig, jemanden zu haben, der die Tour richtig organisiert. Das war ein ziemliches Chaos früher, als mein Vater der Tourmanager war und wir in einem Wohnmobil tour-

ten. Einen richtigen Bus zu haben und in Hotels zu schlafen, das ist sehr schön.› Florence liebt es, auf Tour durch fremde Städte zu spazieren, Kunstmuseen zu besuchen und Vintageläden und -märkte aufzusuchen, um ein ausgefallenes Outfit für die Show am Abend aufzustöbern. Lesen ist ebenso ihre Leiden­schaft: ‹Ich lese sehr gerne, eigentlich hatte ich auf dieser Tour kaum Zeit zu lesen, obwohl ich so viele Bücher dabeihabe. Aber ich habe einfach keine Zeit zwischen den Interviews, der Stadtbesichtigung – falls überhaupt möglich – und dem Gig.› Und sie fügt hinzu: ‹Es kommt mir so vor, als gäbe es wochenlang massig viel zu tun, du hast keine Wochenenden, du arbeitest sechs Monate am Stück, dann hast du einen Monat frei und arbeitest wieder sechs Monate ohne Pause.› Florence nippt während des Interviews an ihrem Tee, spricht selbstbewusst und ungekünstelt, sie fährt sich immer wieder durch die feuerrote Mähne und wirkt zuweilen latent schüchtern oder etwas abwesend. Nichtsdestotrotz ist sie sehr sympathisch und zieht einen mit ihrer Art und Weise in ihren Bann. Ihre Natürlichkeit beweist sie, als sie sich unkompliziert für ein paar Fotos bereit erklärt.

Phoenix from the Ashes Als Florence am Abend im Mascotte Club mit ihrer vierköpfigen Maschine die Bühne betritt, scheint sie wie ausgewechselt, die Mattheit des Nachmittags ist abgelegt, die Energie zu hundert Prozent in Körper und Stimme vereint. Wie ein Phönix, der durch die Musik beschwingt aus der Asche steigt, trägt sie auch passend ein enganliegendes schwarzes T-Shirt, an dessen Ärmeln lange Fransen baumeln, die flügelähnlich ihre geschmeidigen Armbewegungen zu einem Schauspiel werden lassen. Von Lied zu Lied wird sie zutraulicher und aufgeweckter, lässt das Publikum an der eigenen Freude und Rührung teilhaben und spielt sich so – talentiert und bescheiden – geradewegs in die Herzen der Zuschauer. Bei ein, zwei Liedern regt sie das Publikum zum Tanzen an, den Rest des Konzertes verbringen die Zuschauer gebannt und gerührt ihrer Stimme horchend. Und als sie beim Cover ‹You Got the Love› stimmlich derartig ausholt und ewig den Ton anhält, geht die Musik jedermann direkt unter die Haut. Das Treffen am Nachmittag sowie die Performance am Abend reihen sich sehr gut ins Bild der Künstlerin, die von Gefühlen geleitet, aufgeweckt oder in sich gekehrt sein kann, aber auf jeden Fall von der Musik wiederbelebt wird. Florence and the Machine erinnern mich an diesem Abend daran, weshalb man eigentlich zu Konzerten geht: weil wirklich gute Sänger live noch viel besser klingen als auf dem Album! Weitere Info unter florenceandthemachine.net.

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‹soundcheck› Nach diesen Scheiben wirst du süchtig. Unser Reviewnator hat sich natürlich lange überlegt, ob er euch statt der üblichen Neuerscheinungen diesen Monat vielleicht lieber die schönsten und festlichsten Weihnachtsalben aller Zeiten vorstellen sollte. Nachdem er sich aber durch unzählige CDs von Sarah Brightman, Bo Katzman, Hansi Hinterseer und Mariah Carey gekämpft hatte, entschloss er sich schliesslich, lieber bei seinen Leisten zu bleiben. Denn feiern lässt es sich auch zu guter Musik!

nach der gymnastikstunde

Ok Go – Of The Blue Colour Of The Sky

Kannst du dich noch an dieses äusserst irrsinnige, aber dennoch grandiose Video mit dieser seltsamen Band und ihren Laufbändern erinnern? Natürlich, wer nicht. Aber wer weiss schon, wie die Band heisst? Ok Go heissen diese lustigen Kerlchen und sie sind alles andere als eine One-VideoWonder-Band, denn sie machen auch richtig gute Musik. Irgendwo zwischen Elektro und Indie ziehen Ok Go ihre Sound56 kinki

schraube ziemlich fest – bis zur Unerträglichkeit, denn Ok Go sind nicht von der Sorte jener, die sich gerne beugen. Da werden die Off-Beats aus der Büchse mit ohrenbetäubenden Gitarren-Soli und allerlei Elektrofrickelei in einen Topf geworfen und bis zum Siedepunkt heiss gekocht. Was dabei raus kommt ist ein Potpourri feinster Songs, die sich auf ‹Of The Blue Colour Of The Sky› so herrlich heterogen aneinanderreihen, dass es eine wahre Freude ist, zwischen den einzelnen Tracks auf der neuen Scheibe des Vierers aus Chicago nur so hin- und herzuzappen. Abwechslung, die Freude macht. ‹Wir brauchen Eier›, sagte der Ex-Torhüter des deutschen Fussball-Teams Oliver Kahn einmal in einem Interview und hätte er Ok Go jemals kennengelernt, er hätte sich das Gehänge des USQuartetts unter den Weihnachtsbaum gewünscht. Einen prallen Sack voller süsser Überraschungen sozusagen. Ok Go machen nämlich Musik, um sich und ihrem Publikum zu gefallen – selten

schafft es eine Band Popallüren mit musikalischer Raffinesse so zu verbinden wie Ok Go, ohne dabei dennoch zu abgedreht oder berechnend zu wirken. Bekloppt zu sein ist einfach was Herrliches... und das hört man auch!

bei der methadonausgabe am bahnhof

Thao with The Get Down Stay Down – Know Better Learn Faster

Als Thao noch im Kindergarten war, nannten die Kinder sie ‹Handtuch›. Ob sich das geändert hat,

weiss man nicht. Was man jedoch weiss: eben besagter Kosename hat eben jener Frontfrau ganz schön die Murmel aus dem Gewinde geschleudert. Man stelle sich einfach vor, Ennio Morricone hätte einen Soundtrack für ein urbanes New York Drama mit Jeff Goldblum von ein paar Geishas einspielen lassen und Björk hätte die Scheibe obendrein auch noch komplett ‹unverstärkt› produziert – man hätte nicht ansatzweise den Sound von ‹Know Better Learn Faster› in Worte gefasst. Keine Ahnung, ob sich der Folk-Dreier bei einer Psychologie-Vorlesung an der Uni oder bei der Methadonausgabe am Bahnhof kennengelernt hat, aber es war jedenfalls eine schicksalshafte Begegnung. Denn nicht oft finden sich Musiker, die es vermögen, sich gemeinsam in ein derart verdrehtes Sounduniver­sum zu verlaufen, wie es Thao with The Get Down Stay Down mit ihrer Platte anheimelnd, verstörend, mitreissend, fordernd und unterhaltend in Szene zu setzen wissen.


Noch nie war Folk so verkopft, noch nie waren einfache Gitarrenstücke so wahnwitzig – Jack Johnson auf Crack oder Norah Jones auf Turkey, keine Beschreibung will so recht genügen. Vielleicht sollte man sich hier einfach ein Herz fassen und es schlicht ‹handgemachte Musik› titulieren. Hände, die von wahrlich ‹andersartigen› drei Menschen geboren wurden. Aber jetzt mal Schluss mit den Beleidigungen, dieser Dreier macht wirklich sympathische Musik und vermag streckenweise sogar zu rocken. Einfach so für nebenbei taugt ‹Know Better Learn Faster› mit seinen ständigen Ausbrüchen und musikalischen Haken nun wirklich nicht, aber als eigenwillige Eigentherapie macht sich dieser Silberling ganz gut – know better, heal faster.

während der bruchlandung

30 Seconds To Mars – This Is War

Wenn es wirklich nur 30 Sekunden bis zum Mars dauern würde, dann, ja dann könnte man lustige Sachen machen: Picknicken in der roten Wüste, den sonntäglichen Spaziergang mit Bello in die stille Unendlichkeit verlegen oder dem Krebsfaktor ‹Mission to Mars› mit der Hobbyschauspieltruppe endlich mal eine anständige Handlung verpassen. Und wenn einem nichts, aber auch gar nichts mehr einfällt, könnte man sich auch einfach von 30 Seconds to Mars inspirieren lassen: die verkaufen Einfallslosigkeit schliesslich auch als Trip in andere Sphären. Also jetzt mal ehrlich, wer auch immer das Shuttle auf dem Weg zum neuen Album von Jared Leto und seiner Crew gesteuert hat, der gute Mann hatte ordentlich einen im Tee. Nicht nur, dass er den Heimatplaneten ‹AlternativeRock mit Anspruch› um mehrere hundert Lichtjahre umschippert hat, nein, der Kerl ist auch noch in die völlig falsche Richtung getuckert – ‹Jared, wir haben ein Problem›,

sozusagen. Denn mit intelligenter Musik hat diese Platte nur noch bedingt etwas gemein. Ich weiss nicht, welcher Alien 30 Seconds To Mars bei ‹This Is War› in den Leib gefahren ist, aber der Mann vom Mond hat einen ziemlichen Groll auf den blauen Planeten – vielmehr lässt das Vieh Predator und Genossen als niedliche Knuffeltiere dastehen. Was soll diese neue poppige Straightness denn auch, und was dieses auf die Hookline ausgelegte Riffing? Früher einmal stand Sweetboy Leto für ambitionierte Rockmusik mit progressiven Zügen, die man bis zum Merkur loben wollte. Heute will man diese blöde Kugel nur noch vom Himmel bomben. Von ihrem damaligen Debütkracher ist leider nichts mehr übrig. Was geblieben ist, sind Designerjeans, ein Koffer voller Haarfarben und der Drang, noch weiter die Charts zu erklimmen. Doch man kann noch so ein schickes Raumschiff fliegen: wenn sich der Motor als billig zusammengeschraubtes Massenprodukt entpuppt, dann sollte man den Gurt lieber ein wenig enger schnallen. Also, lieber Jared, wir hören uns nach deiner Bruchlandung.

auf bierbänken unter den linden

The Game – R.E.D.

Manche investieren ihr hart verdientes Geld in Aktien, andere in Immobilien, andere wiederum in edle Rohstoffe. Doch während diese gar lächerlichen Sparten des Anlegermarktes geradezu mickrige Renditen abwerfen, liegen die wahren Millionen eher zwischen Baggypants, kugelsicherer Weste und tiefergelegten Escalades begraben. Die Gangsterbranche boomt und mit ihr ihre Musik. Ganz oben auf der konjunkturellen Welle reitet dabei ein Mann, dem die Hood nur so aus der übel gelaunten Miene springt: Jayceon Taylor besser bekannt als The

Game, dem man am besten nur bei Tageslicht begegnet, weil er irgendwie nicht so ausschaut, als könne man ihm seine Kinder zur Nachmittagsbetreuung vorbei bringen – und wenn, dann höchstens nur inklusive Personenschützer. Wer so sehr darauf bedacht ist, selbst Ted Bundy mit seinen Blicken einen Schauder über den Rücken laufen zu lassen, höchstens mal zu Weihnachten lächelt und eventuell zu Pixar-Filmen ein kaltes Schmunzeln über die Lippen wandern lässt, der gibt sich auch als Rapper keine Blösse. Was das bedeutet? Nun ja, dass man bei The Game eigentlich immer von einer Bank sprechen konnte. Aber selbst Bänke sind heute nicht mehr sicherer als der Sparstrumpf unter der Schlafzimmermatraze und so lässt es ‹der beste Freund von Familie Cent› diesmal recht wohlig angehen. Eigentlich zelebriert der bekennende Westcoaster über die gesamte Länge von ‹R.E.D.› einen ausgesprochen relaxten Reimflow, der besonders an den wichtigen Stellen den nötigem Zorn und betonte Aggressivität vermissen lässt, die man sich von einem alten Brummbär wie The Game eigentlich erwartet. Boshaftigkeit verkauft sich zwar gut, Boshaftigkeit für jedermann aber noch besser. Und so kommt das ehemalige Mitglied der GUnit mit Gassenhauern wie ‹Better Days› endgültig im Ghetto geprägten Schlager an und dürfte vielleicht schon bald unter grünen Linden zwischen Bierbänken und schaukelnden Greisen seinen Sprechgesang zum Besten geben. Denn für alle, die es immer noch nicht kapiert haben: im Rap liegen die Millionen, in Schlager zu investieren, ist dafür krisensicher! Ihr habt noch nicht genug von den leidenschaftlichen Albumkritiken un­seres ­Reviewnators Florian ­Hennefarth? Dann ­besucht ‹Hennes ­kleinen Musikladen› auf ­kinkimag.com, in welchem unser Flo wöchentlich Neuerscheinungen mit gewohnt unverblümten Kritiken versieht!

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Good Evening, Miss Jewel

Ihre Musik ist quasi elektronisch (analog) und quasi tanzbar (langsam). Sie bringt uns von Spiritualismus zu Synthesizern und von Heidegger zu Deutschland als Faszi­nosum. Ein Gespräch mit Ramona Gonzalez, die jetzt noch in Los Angeles und wohl bald schon in Berlin lebt. Text und Interview: Jean Legras, Foto: Nicolas Duc

Ramona Gonzalez (Mitte) alias Nite Jewel hat ei­ niges zu sagen. Auch wenn sie dies meist nur ganz leise tut.

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E

s lief sozusagen parallel. Im Club tanzte man zu Cosmic, Boogie und New Disco. Privat hörten dieselben Leute Indie­ pop. Nötig war eine informierte Eklektikerin wie Ramona Gonza­ lez aka Nite Jewel, um diese Welten mit einem Mix aus analogen Discorhyth­ men und ambientartigem Lo-Fi-Gesäusel zu vereinen. Heraus kam das, was manche ‹Bed­ room Dance› nennen. Ramona selbst betitelte ihr Debüt ‹Good Evening›, wohl weil es zwi­ schen Tag und Nacht steht. Nicht alle sind über­ zeugt von den rauschenden, analogen Halb­ privatheiten der 25-jährigen Musikfanatikerin, die eher Plattensammler sammelt als Platten. Doch auch wenn sie mit ihrer beinahe esoteri­ schen Sanftheit renommierte Kritiker wie ‹Pitch­ fork› und ‹Other Music› spaltet, ist der Philoso­ phiestudentin die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Seit ihrem selbstveröffentlichten Debut ‹Good Evening› hat Nite Jewel beinahe nonstop getourt und produziert. Die Bühne teilte sie sich bereits mit Acts wie Deerhunter, Geneva Jacuzzi und Glass Candy – unter anderem auf ihrer Eu­ ropatour diesen Herbst. ‹Good Evening› wurde mehrfach nachge­ presst. Zuletzt veröffentlichte sie auf dem Label ‹Italians Do It Better› ihre Maxi ‹Want You Back›. Gleichzeitig ist die 1,55 m kleine Amerikanerin mit mexikanischen Wurzeln Epitom eines kreati­ ven Künstlermikrokosmos, der in L.A. eng ver­ flochten ist. Hier scheint denn auch die ein­ gangs erwähnte Behauptung am augenfälligsten bewiesen: Nite Jewels discoides Rauschen mit dem ätherischem Gesang schafft ein Binde­ glied zwischen L.A.s virulenter Indie-Szene um die weissen Popintellektuellen von ‹Ariel Pink’s Haunted Graffiti› und schlaue schwarze FunkEklektiker wie Stones Throws ‹Dam-Funk›.

‹So viele Leute ren­nen einfach rum und wollen schnell berühmt werden, irgendwas bauen, hinstellen, schnell, schnell.› kinki magazine: Ramona, dein Debüt ist kein Jahr alt und schon gibt es Leute, die dich in die Kiste mit Washed Out und Beach House stecken, und behaupten, ihr wäret eine Bewegung: Bedroom Dance oder Dreambeat – generell ultraverlangsamter Lo-Fi-Synth-Pop mit ätheri­ schem Gesang. Ramona Gonzalez: Weisst du was? Bewe­ gungen können mich mal. Beach House machen doch was ganz anderes. So was hör ich nicht. Manche glauben das scheinbar wirklich und senden mir ihre Musik, Zeug wie Wavves. Das hat doch keine Halbwertszeit. Ich höre das einmal an, dann schmeiss ich es

aus dem Fenster. Oder Times New Viking. Ich kenn die Kids aus L.A., die sind total nett. Jetzt siehst du sie überall auf Pos­ tern und grossen Anlässen. In zehn oder zwanzig Jahren hört das kein Mensch mehr. So viele Leute rennen einfach rum und wollen schnell berühmt werden, irgendwas bauen, hin­stellen, schnell, schnell. Milan Kundera schrieb einmal, das sei schlichtweg Angst vor dem Tod. Sie wissen, sie werden vergehen, deshalb beeilen sie sich so sehr. Ich bin nicht im Stress. Ich lebe in slow motion. Ich will einfach Schönheit erschaffen. Ich arbeite an meiner einen Manifestation von Schönheit. Dein Erstling ‹Good Evening› ist sanft, lang­ sam und discoid, hat aber viele Feinde. Pitchfork zum Beispiel werfen dir Mittelmäs­ sigkeit vor. Pitchfork sagen kein Wort über die Kom­ position. Die kritisieren die Produktion, alles sei so fuzzy. Aber sie verstehen nicht, wo Good Evening herkommt. Das sind private Aufnahmen, die ich zu Hause in L.A. mit Synths auf einem Achtspurgerät vor mich hin produzierte, als mit meinen Bands nichts lief. Das sollte gar nie irgendwo rauskommen. Ich zeigte die Aufnahmen einem Freund. Der sagte: das ist super, bring’s doch raus. Ich fragte wo, und dann haben wir ein Label namens Gloriette gegründet und 1000 Vinyls gepresst. Irgendwie hat Other Music die Scheibe angefangen zu pushen. Bald war alles ausverkauft, Human Ear Music gab CDs heraus und jetzt auch noch No Pain in Pop. Ich selber bin weiterhin glücklich mit Good Evening. Es ist ein tolles Album. Das Cover zeigt auch einen der glücklichsten Momente in meinem Leben. Mein Hochzeits­ foto. Sogar bevor du das erste Mal in Berlin warst, wolltest du schon dorthin ziehen. Auch jetzt noch, nach deinem Konzert dort? Oh ja! Es stimmt immer noch. Ich will nach Berlin ziehen. Und das Konzert hat das be­stätigt. Die Leute, die nach dem Gig zu uns an die Bar kamen, haben so intelligente Bemerkungen gemacht. Meine Liebe für Berlin hat viele Gründe. Ich war schon begeistert von meinem Ostberliner Deutsch­ lehrer in der High School. Dann gibt es Gudrun Gut, deren aktuelles Album ich rich­ tig toll finde. Sie bringt diesen weibliche IDM Sound in Zeitlupe, wirklich toll. Wir ste­ hen auch in E-Mail-Kontakt miteinander. Meine Freundin Erin Weber von Crack We Are Rock lebt auch seit Jahren in Berlin und ist glücklich damit. Ich habe soviel deut­ sche Musik gehört, Harmonia, Faust, Die Partei... Ich bin besessen von Deutschland. Schau dir die ganze Musik- und Philosophiegeschichte dieses Landes an. Sogar an der Universität letztes Semester hab ich mich auf die Frankfurter Schule konzentriert, vorher Heidegger und übrigens auch Wittgenstein. Ich nahm Kurse in Deutsch, Deutscher Kunst und Architektur. Ich habe zur Zeit den Wunsch, mich auf etwas zu konzentrieren. Und deutsche Philosophie

ist da natürlicherweise für mich das Interes­ santeste. Du selbst lebst in L.A., der angeblichen Mutterstadt der Oberflächlichkeit. Ich bin von New York nach L.A. gezogen, weil es da möglich ist, Jobs und Woh­nungen zu finden – und weil dort ein paar der tollsten und freiesten Musiker unserer Generation leben. Es ist eine kleine Szene mit gemeinsamen, aber sehr breit gestreu­ten Interessen. Anti-Hipster, Schall­ plattensammler, Eklektiker. In Los Angeles bekam ich die Möglichkeit, zum ersten Mal Installationen auszustellen, ich nahm an Performances mit Human Ear Music teil, ich habe hier meine Platte veröffentlicht. Über meine Tourpartnerin Emily kam ich auch in Kontakt mit Musikern wie Ariel Pink. Ein beeindruckender Mensch. Ich glaube er ist unglaublich intelligent. Es klingt komisch, das zu sagen, aber ich befürchte, er ist ein Genie. Auch ausserhalb der Musik. Mein Mann Cole MGN spielt Gitarre für sein Bandprojekt Holy Shit. Über ihn habe ich auch erst R. Stevie Moore kennengelernt. Und über Human Ear Music habe ich Julia Holter kennengelernt. Ebenfalls eine unglaub­ liche Künstlerin aus diesem Umfeld. Man sollte die Augen aufhalten nach ihr. L.A. ist eine Stadt, die mich nicht unter Dauerstress setzt. L.A. ist relaxed.

‹Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Die Leute sind wie Schwämme.› Du redest über Inhalte, aber nicht mal Muttersprachler verstehen deine verhallten, leise abgemischten Texte. Denkst du, die Musik allein transportiert deine Inhalte? Oh nein (lacht). Ich weiss, man versteht mich schlecht. Dabei sind mir Texte wichtig. Ich will mein Debüt noch mal rausbringen, diesmal mit Textsheet. Good Evening war einfach eine Heimproduktion auf meinem kleinen Tascam 238 Achtspur Kassettenge­ rät. Na ja. Darüber hinaus finde ich, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sagt. Die Leute sind wie Schwämme. Wenn man einfach so irgendetwas sagt, könnte man die Hörer vergiften. Das Interview in voller Länge findet ihr auf kinkimag.com.

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Gut gebrüllt, Mädels

Le Corps Mince De Françoise könnten die letzten Ritterinnen der wiederbelebten 80er-, 90er-Jahre-Hipster-Welle sein oder diese galant mit ruhevolleren Tönen in eine neue Phase überführen. Text und Interview: Florence Ritter

N

ach der Ebbe kommt die Sintflut, und umgekehrt. Genau so stelle ich mir den Einfall der drei Damen, die man zeitweise gerne Gören nennen möchte, in die Musikwelt vor; sie sind die Sintflut. LCMDF das sind Emma und Mia Kemppianen sowie Malin Nyqvist aus Helsinki. Finninnen, die fälschlicherweise gerne als Französinnen angepriesen werden, weil sie ihre Schlachtrufe mit Vorliebe auch mal in der Sprache der Gallier kundtun. Auch ihr Bandname, der soviel wie der dünne Körper von Françoise bedeutet, entstammt der französischen Sprache. Für seine Wahl gibt es derweil zwei Erklärungen: a) weil er einfach cool tönte, oder b) weil Emma und Mia eine Katze namens Françoise besassen, die magersüchtig wurde und daran starb. Wir bevorzugen die Huldigung an die tote Katze mit dem altbürgerlichen Namen, da diese zynisch-amüsante Darlegung genau dem Wesen von LCMDF entspricht. Nie weiss man so genau, was ernst gemeint ist und was nicht, alles ist von einer sympathischen Selbstironie durchtränkt. Die Mädels von LCMDF, alle um die 20 Jahre jung, produzieren unverfälschten, pulsierenden Electropop, geben sich Genre trotzend und einzigartig, was sie sicherlich auch sind. Dennoch bilden sie nach meinem Urteil das weisse Krönchen auf der Welle der hippen weiblichen Electrobands der letzten Jahre, deren Gesang sich zwischen lärmender Sprachmelodie und Sprechgesang bewegt und sich inhalt- wie präsenztechnisch provokativ, laut und unbekümmert verhält. Ihr punkiger ElectroClash mit den semigerappten Lyrics auf Englisch und Französisch tönt demnach wie ein erfrischendes Konglomerat aus Peaches, CSS, Uffie, Yelle, M.I.A. und Chicks on Speed. Ebenso typisch tragen sie die Lieder in trabendem Tempo vor, gehetzt und aufgedreht dem momentanen Vergnügen frönend, als wollten sie weder Pause noch Langweile in ihre Musik eindringen lassen. Obwohl die drei darauf bestehen, auf Trends zu scheissen, und bitte nicht als rebellische oder emanzipierte Girlband, sondern schlicht als Musikband gehandelt zu werden, kommt die Presse um eben diese Beschreibungen nicht umhin. Weil sie Männer (aber auch ihre Heimat Finnland) zynisch – nicht feministisch – dissen und dann auch noch ‹Ha, ha, I don’t wear a bra-hah› daherparlieren, wurde ihnen sogleich das Sie60 kinki

gel der aufrührerischen Emanzen aufgedrückt. Der Songtitel ‹Cool and Bored›, der alles andere als gelangweilt, sondern exaltiert daherposaunt wird, wurde sofort zur Hymne der Spass­ gesellschaft deklariert. So ist es ihre wild vorgetragene Unbekümmertheit, die sie geradewegs in den Schoss der Hipster-Gemeinschaft legt. Dies besiegelt dann der Song ‹Ray Ban Glasses›, der ironisch auf die allgegenwärtigen, männlichen Ray-Ban-Träger hinweist, und die Band durch das Zitat des ultimativen Trendaccessoires der letzten Jahre direkt wieder in dessen Dunstkreis führt.

‹Ha , ha , I don’ t wear a bra-hah› LCMDF gehen sogar soweit, dass sie – ohne ihrem Schaffen die Qualität abzusprechen – das, was sie machen, gleichzeitig diffamieren. Sie machen sich über das ‹Hip-Sein› lustig und stellen die Hymne dazu. Deshalb haben sie den Zenit dieser Provokation, Hedonismus und Ausgelassenheit vortragenden Bands erreicht und werden die Hipster-Gemeinschaft, das 80ies-Revial und die Nerdbrillen als Spitze der Welle erst mal unter sich begraben, so meine These. Die Ebbe, das werden dann wieder ruhige Sängerinnen und Sänger sein, die fernab von revoltierendem Gekreische einfach wirklich gut singen können. Ein Blick in die independent Musikkreise zeigt, dass diese Bands bereits im Anmarsch sind. Im Gespräch mit Mia von LMCDF wird mir klar, dass auch die Künstlerinnen selbst, die ganz wilden Zeiten hinter sich haben. Sie bezeichnen ihre alten Songs als ‹girly› und sehen sich auch in ihren Videos erwachsener werden. Ausserdem scheinen sie der Labellierungen als sich amüsierende Mädels mit grosser Schnauze – wofür sie eigentlich berühmt wurden – und insbesondere des ganzen Genderkrams überdrüssig. Da das zweite Album ‹Love & Nature› noch nicht erschienen ist, bleibt somit auch die zweite Möglichkeit offen, nämlich dass LCMDF, vielleicht andächtig und etwas gefasster, ebenfalls Teil der ruhigeren Ebbezeit werden, anstatt nach vollem Körper- und Stimmeinsatz ausgepowert im Sand zu versiegen. Bis dahin geniessen wir den lauten Paukenschlag der vielleicht letzten Ritterinnen der Hipster-Garde und sind gespannt, was ihre ‹Love & Nature›-Verkündung noch bringen mag.

kinki magazine: Wie würdet ihr eure Gene­ ration in ein paar Worten beschreiben? Mia Kemppianen: Alle von uns, waren in den 90er-Jahren Teenies, mit unserem neuen Album versuchen wir etwas von diesem 90iesVibe unserer Kindheit zurückzubringen. Das ganze Album zielt in diese Richtung: zurück zu unseren Wurzeln. Gibt es viele junge Menschen, die ihr als ‹cool and bored› bezeichnen würdet? Ja, es gibt sehr viele Leute, die ständig ‹cool and bored› sind. Sie wissen einfach nicht, was sie tun sollen, also setzen sie die Cool-Maske auf, wirken cool, sind gelangweilt. Wir versuchen das nicht zu sein. Im Song geht es darum, Spass zu haben und sich nicht darum zu kümmern, was man darstellt oder wie man aussieht. Darum, einfach man selbst zu sein. Seid ihr eine hedonistische Band? Ich weiss es nicht. Natürlich hat jeder eine hedonistische Seite in sich. (Emma spricht unverständlich im Hintergrund.) Was Emma gerade sagte, war, dass wir diesen ganzen Genderkram satt haben und es leid sind, als Girlband bezeichnet zu werden, nur weil wir weibliche Künst­ lerinnen sind. Was wir heutzutage machen, mag einfach hedonistisch scheinen, weil wir Frauen sind und weil wir machen, was wir wollen, ohne uns um den Rest zu kümmern. Ihr seht das Adjektiv ‹hedonistisch› als ein Label, das euch angehaftet wird? So wie auch das Label ‹emanzipiert›? Ja. Wir möchten nicht unbedingt als hedo­nistisch gelten, wir finden das blöd, genauso wie die Bezeichnung ‹feministisch› oder ‹emanzipiert›. Ich würde uns überhaupt nicht als feministische Band bezeichnen, ich denke, wir sind einfach eine Musikband, that’s it. Ist die Musikszene in Finnland anders als in anderen Ländern? Ja, sehr anders sogar. Finnland gibt es als Land erst seit 100 Jahren, also hatte es nicht genügend Zeit, eine eigen­ständige Musikszene zu entwickeln. In Finnland singen sehr viele Bands nur auf Finnisch. Wir sind eine der ersten Bands, die auf Englisch singen und es auf


dem internationalen Markt versuchen wollen. Darauf sind wir sehr stolz. Es ist gerade ein ‹Big thing› in Finnland, Musik in der eigenen Sprache zu hören und somit musikalisch national orientiert zu sein. Überhaupt gibt es finnische Subkulturen nur in Helsinki und auch dort sind sie sehr klein.

Einfach nur laut kreischen und unbekümmert hüpfen war gestern. LCMDF möchten nämlich als Musikband wahrgenommen werden.

Gibt es irgendetwas typisch Finnisches an eurer Band oder an euch? Eigentlich denke ich, dass es gar nichts typisch Finnisches an uns gibt. Wir machen etwas ziemlich Neues. Was finnisch an uns ist, ist, dass wir von dort kommen, das ist alles. Wir sind dort aufgewachsen, wir sprechen die Sprache: wir sind Fin­ninnen. Jedoch haben wir kaum finnische Musik gehört, als wir das Album produziert haben.

‹Was an uns finnisch ist? Dass wir von dort kommen, das ist alles.› Ihr werdet oft mit Peaches und CSS verglichen, auf welche musikalischen Einflüsse bezieht sich eure Musik noch? Wir haben Peaches gehört, als wir jünger waren, ich denke aber nicht, dass das unsere Musik beeinflusst hat. Das sind eher Bands wie Metronomy, Talking Heads, Joy Division, Nirvana, so diese Sachen. Der CSS- und PeachesStyle hat vielleicht unsere ‹girly› Songs beeinflusst, aber die sind jetzt schon sehr alt, im neuen Album bringen wir neuen Sound. Wir werden Ex­peri­ mental Pop spielen und es wird viele 90er-Jahre Einflüsse geben. Es wird grösser und epischer, einfach fresh, aber natürlich immer im LCMDF-Style. Was bedeutet Frankreich oder die französische Sprache für euch? Emma hat Französisch gelernt, als sie jünger war, so kam es am Anfang zum ­Namen. Wir denken alle, dass es eine wunderschöne Sprache ist, obwohl ich zum ­Beispiel überhaupt kein Französisch spreche, weil es so schwierig ist. Wir haben viele Fans in Paris. Frankreich war eines der ersten Länder, das wir bereisten. Also waren wir oft dort. Wir mögen das Land sehr. Weitere Info unter myspace.com/lecorpsmincedefrancoise. Foto: Knotan

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‹album des monats› Von der Redaktion gekürt. Yokonoe: Bathyscaph

1.

Old fat:

Gilles: ‹Ginette› ist eines unserer ältesten Stücke. Der Titel war am Anfang nur provisorisch gedacht, ist mit der Zeit aber dann so geblieben. Duy Quan: Was sich geändert hat, ist der Zwischenteil. Am Anfang gab es einen vierstimmigen Chor, aber wir hatten so schlecht gesungen, dass Frank die gute Idee hatte, Bläser statt Stimmen einzusetzen.

Frank: Es war eigentlich nicht geplant, dass wir dieses Stück machen. Plötzlich hatten wir Zeit und haben es spontan aufgenommen.

2.

Gondwana fiasco: Frank: Alles ist von der Basslinie her komponiert worden, von dort aus wird die Musik dann eindeutig lauter. Duy Quan: Genau! Das Lied handelt von diesem Gefühl, wenn etwas schiefgeht und man die Kontrolle über alles verliert. Ein bisschen wie tektonische Platten, die sich langsam trennen…

3.

Dead cert: Benoît: ‹Dead cert› ist in einer schwierigen Zeit entstanden. Meine damalige Freundin hatte unsere Beziehung beendet. Ich hatte dann dieses Bild im Kopf von kleinen gejagten Kreaturen, die letztendlich vernichtet werden. Nach diesem Krach kommt dann der grosse lange Aufstieg bis zum rettenden Sonnenaufgang. Gilles: Es ist eines meiner Lieblingsstücke. Frank: Meines auch!

4.

Narcissic:

A

us was ist Musik eigentlich gewebt? Dieser Frage gehen Gilles, Frank, Benoît und Duy Quan von Yokonoe seit 2006 fast schon wissenschaftlich auf den Grund, indem sie den Golf des Ambient-Post-Rock erforschen, die Elektropop-Spezies auf den Kopf stellen und damit biologische und akribische Studien durchführen. Dabei mischen sie Klarinette, Bass, Trompete, Saxophon und Posaune mit Tönen von alten Grammophonen oder fügen sanft exotische Instrumente wie die Sitar oder die Dutar ein. Hinzukommen elektrisch-analoge Beats und weitere klangliche Überraschungen. Als MultiInstrumentalisten wechseln die vier Jungs aus der Westschweiz bei Live-Konzerten ihre Instrumente zwischen den Songs, um allen Kompositionen auf ihre eigene Weise Leben einzuhauchen. Das ‹Aufden-Grund-Gehen› kann man üb62

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rigens wörtlich nehmen: Der Name ‹Bathyscaph› bedeutet Tiefsee-U-Boot, eine Metapher für das Abtauchen bis zum Meeresgrund. Wenn wir genau hinhören, erkennen wir Unterwassergeräusche, gemischt mit Tönen vom Armaturenbrett des U-Bootes. Die Songs klingen abwechselnd nach Kraft und Intimität, Melancholie und Energie. Das U-Boot taucht immer tiefer und hier gibt es viel zu entdecken: ein Brass-Intro, plattentektonische Bewegungen, ­Instrumentennebel, UptempoStücke, Electro Beats und Sam­ ples, rockige Tracks und solche mit einer eher rauen Atmosphäre. Zusätzliche Bereicherung liefern die beiden komplementären Stimmen der Sänger mit ihren verschiedenen Temperamenten. Das Album endet mit der Intimität zweier Gitarren, die von einer Melodica und einer zarten Stimme begleitet werden, bevor als Schlusstakt der riesige, letzte Sturm kommt. Gott sei Dank kann der dem U-Boot nicht viel anhaben.

7.

Ginette:

Duy Quan: Ich liebe es, aus der Sicht eines Objektes zu sprechen, das gibt dem Thema eine bestimmte Distanz. Viele Liedtexte sind so aufgebaut. Hier geht es um ein Spiegelbild. Es versucht mit dem, der sich selbst betrachtet, zu reden. Benoît: Ein ziemlich atypisches Lied für uns, aber wir lieben es, weil es Abwechslung in ‹Bathyscaph› bringt.

5.

Linoleum: Duy Quan: Wir haben lange überlegt, Lino als erstes Stück des Albums zu wählen, weil es ein so ruhiges Intro hat, haben es dann aber gelassen. Benoît: Ziemlich typisch für den YokonoeSound ist hier der Gebrauch einer Grossmutter-Zither. Ihr Sound ist einzigartig!

8.

Forefrja: Duy Quan: In diesem Stück spreche ich vietnamesisch. Ich erzähle die Geschichte eines Mannes, der um zwei Minuten seinen Bus verpasst. Daraufhin verpasst er sein Flugzeug und damit eine grosse Gelegenheit. Benoît: Der Grundbeat ist ein einfacher Tabla-Beat, der von hinten gespielt wird. Ich habe lange allein mit meinem Loopgerät gejammet, bis die Stückbasis entstand…

9.

Pt. 1 & Pt. 2 : Duy Quan: Hier erzähle ich aus der Sicht eines Personalausweises, der von jemand anderem gebraucht wird. Er versucht, die Leute darauf aufmerksam zu machen, aber niemand hört ihm zu… Benoît: In ‹Pt. 1› habe ich auf einem alten Kontrabass gespielt, den ich auf einem Flohmarkt in Berlin gekauft habe.

10.

Po’s colours: Benoît: Was ich wirklich an diesem Song liebe, ist, dass man die Klaviergeräusche gut hört (Pedal usw.). Das macht ihn sehr lebendig! Und die indische Sitar sowie die usbekische Dutar erzeugen eine spezielle Stimmung. Gilles: Mit all diesen Wechseln wird gezeigt, wie launisch meine damalige Freundin war. Frank: Es zeigt auch gut, wie Yokonoe arbeitet. Jemand bringt eine Idee, die anderen basteln etwas draus und so entsteht etwas Unerwartetes!

11. Mow:

Gilles: Es hat Spass gemacht, diesen Sturm am Ende zu gestalten. Wir haben unter anderem eine Windmaschine und eine Regenmaschine im Schweizer Figurentheater-Museum aufgenommen. Benoît: Ich habe die Stimme extra kurz nach dem Aufstehen aufgenommen. Wir wollten dieses Nach-dem-Schlaf-Gefühl.

6.

Two diff: Duy Quan: Hier lieferte eine eigene Erfahrung den Anstoss zum Song. Ich hatte einem Mädchen ein Geschenk gegeben, das sie sofort weggeworfen hatte, ohne es zu öffnen. Das Lied sagt: Auch wenn alles schlecht läuft, es gibt immer eine zweite Chance. Benoît: Wir haben die Samples am Berner Bahnhof zu den unmöglichsten Stunden aufgenommen, und dazu noch alte Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert dazugemischt.

Yokonoe: ‹Bathyscaph› (Le disques du Doigt Coupé) ist bereits erschienen. Text: Paula Kohlmann Foto: Mariana Romano und Ali Haimovici


Ka ja photography Nicole Maria Winkler styling Georgina Dennis make up and hair Sunanda Mesquita model Kaja@Profile Models

page 67 Boater  /  hat: Vintage Scarf: Stylist’s own Crochet top: Anna Wilkinson Gloves: Gabriella Gonzalez page 68 & 74 Dress: Harriet’s Muse Lace top: Anna Wilkinson Necklaces: Anna Wilkinson Rings: Gisele Ganne Hi-top trainers: Reebok

page 69 & 75 Hat: Vintage Knited corset: Anna Wilkinson Cardigan: Anna Wilkinson Jeans: Beatrice Newman Shoes: Gabriela Gonzalez Necklaces: Gabriela Gonzalez Socks: Model’s own

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page 70 & 71 Dress: Victoria Jensen Necklaces: Victoria Jensen Ring: Gisele Ganne Scarf: Stylist’s own Hi-top trainers: Vintage Converse

page 72 Sheer top: Beatrice Newman Check pantaloons / trousers: Anna Wilkinson Gloves: Gabriella Gonzalez page 73 Fur gilet: Beatrice Newman Shirt: Vintage Shorts: Anna Wilkinson Kneepads: Gabriella Gonzalez Rings: Gisele Ganne


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‹vertreter› Über die wichtigsten Schuhe von 1900 bis heute. Name: Moon Boot Geburtsjahr: 1969 Typ: Schneestiefel Hersteller: Tecnica Moon Boots

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eute untersuchen wir ein höchst mysteriöses Phänomen, das sich in der Geschichte der Menschheit auf unerklärliche Weise verbreitet hat, obwohl es stets auf allgemeine Abneigung stösst. Es handelt sich um den Moon Boot. Ein wasserabweisender, etwas klobiger, innen kuschliger – da meist wattiert oder ausgeschäumter – Schneestiefel mit angeschweisster Gummisohle und dekorativen Schnürsenkeln. Erfunden wurde er 1969 von dem italienischen Designer Giancarlo Zanatta, als er diesen Satz hörte: ‹Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit!› Neil Armstrong betrat mit Buzz Aldrin am 20. Juli 1996 während der berühmten Apollo 11 Mission als erster Mensch den Mond und muss mit seinem ‹grossen Sprung› bei dem Italiener gelandet sein. Er war jedenfalls fasziniert. Ein derart wärmender Schuh, dass nicht einmal die Astronauten beim Mondwandern kalte Füsse bekommen. Der Schuh kam 1970 auf den Markt und wurde zum Edel-Hippie-Trend. Die High Society im Schnee von St. Moritz schlürfte in mit Strass bedeckten Designer-Boots Champagner, allen voran das damalige Vorzeigeehepaar Gunther Sachs und Brigitte Bardot. Doch diese liessen sich drei Jahre später wieder scheiden und als man auch die Flokati-Teppiche entfernte und wieder reinen Tabak rauchte, dachte niemand mehr an Moon Boots.

Fühlt sich an, als ob man seine Füsse in Pampers gewickelt hätte: der Moon Boot.

Nun sind sie seit einigen Jahren plötzlich wieder in den Schuhgeschäften unserer Zeit anzutreffen. Schuld daran sind bekannte Modehäuser wie Gucci, Prada oder Dior, die am Retro-Design Gefallen gefunden haben und vor allem sehr zottelige Varianten aus Fell auf den Laufsteg schickten.

Die Kältegrenze der meisten Menschen liegt unter ihrer Eitelkeitsgrenze. Seitdem entdeckt man häufiger als einem lieb ist das Stück Daunen am Fuss einer Grossstädterin. Und genau hier kommen wir wieder auf die Anfangsfrage zurück: Wieso findet dieser klobige, elefantenfüssige Schuh so viel Anklang in der Menschheit? Drei Hypothesen erlauben eine Annäherung. Erstens: Den Schuh zu tragen, mit dem der erste Fuss auf den Mond gesetzt wurde, verleiht uns ein Gefühl der Erhabenheit und Einzigartigkeit. Es ist eine Hommage an die amerikanische Raumfahrt. Die Frage ist nur, wieso der Schuh dann immer noch existiert, obwohl die meisten Menschen an eine inszenierte Mondlandung glauben. Der Zauber ist wohl auch erfunden derselbe. Zweitens: Die Schuhe sind einfach sauwarm und die Kältegrenze der meisten Menschen liegt unter der Eitelkeitsgrenze. Die Frage ist nur, wieso gerade die Trägerinnen der Thermostiefel meist die dickste Make-up-Schicht und eine hauchdünne Winterjacke tragen. Drittens: Die Trägerinnen leiden wegen zu gut durchbluteter Füsse an akuter Geschmacksverirrung. Bei dieser Theorie bleibt keine Frage offen, somit ist sie wohl als die wahrscheinlichste anzusehen. Was bleibt da noch anderes zu sagen als: Ab auf den Mond mit den Moon Boots, da wo sie herkommen und auch hingehören! Text: Paula Kohlmann Illustration: Raffinerie

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Green Grass on the Other Side Wien hat Zürich den Rang als lebens­ werteste Stadt ab­ gelaufen. Darum haben wir einmal wa­ gemutig einen Blick über den imagi­ nären Zaun nach nebenan geworfen, um zu sehen, ob die Stadt an der schönen blauen Donau uns auch in Sachen Modedesign übertrifft… Text: Anja Mikula

Awareness and ­Consciousness, AW 09 /10

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s schmerzt, dass die österreichische Hauptstadt unserem kosmopolitischen Züri den Rang abgelaufen hat und an uns vorbeigerauscht ist, um den triumphalen ersten Platz als Stadt mit dem höchsten Lebensstandard zu ergattern. Aber da müssen wir jetzt drüberstehen. Und weil Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist, verdaut man den Kummer der beschämenden Zweitplatzierung am besten während eines kurzen Trips nach Wien. Die Stadt, die schon so grosse Schriftsteller wie Musil zum ‹Mann ohne Eigenschaften› oder Canetti zur ‹Blendung› anregte und Herrschaften von Thomas Bernhard über Ulrich Seidl bis hin zu Mozart inspirierte, hat auch in der Modeszene einiges zu bieten. Wo den Schönen Künsten jedoch der grösste Tribut gezollt wird, mangelt es erstaunlicherweise dem Modedesign in der Kaiserstadt und im übrigen Österreich an Gewicht. Es wirkt verwunderlich, dass die Modeindustrie in Österreich einen verschwindend kleinen Stellenwert einzunehmen scheint. Mode geniesst hier – ganz ähnlich wie in der Schweiz auch – nur in besonderen Nischen wie dem Trachten- oder Sportbereich eine gewisse Anerkennung. Vielleicht ist es auch gerade auf diese Tatsache zurückzuführen, dass bei fast allen Modedesignern die Gedankenarbeit stark dominiert. Mode als Spielwiese geniessen die meisten nur an der Modeschmiede par excellence: der Universität für angewandte Kunst – kurz ‹Angewandte› genannt – die immer wieder wunderbare neue Modedesigner hervorbringt. Das Besondere dieser Universität liegt sicherlich an der fast schon oligarchischen Struktur: alle vier Jahre wählen Vorstand und Studenten einen neuen Modedesigner zum Direktor, der die Struktur der Schule komplett allein bestimmt. Vom letzten Kurztrip in die lebenswerteste Stadt inspiriert, möchten wir euch an dieser Stelle eine kleine Auswahl von fünf äusserst talentierten Modedesignern aus Österreich ans Herz legen, die es hoffentlich vermögen, euch mit Wien und auch den Österreichern vollends zu versöhnen.

Awareness and Consciousness

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um Ersten wäre da Awareness and Consciousness zu nennen. Was erstmal bleischwer nach Nachhaltigkeit und Ökotum tönt. Die Kollektionen von Designerin Christiane Gruber, die hauptsächlich Jerseystoffe verarbeitet, widersprechen diesem Eindruck aber zum Glück. Das Label überrascht Saison für Saison mit einer aufwendigen Einfachheit und sorgt mit dem weichen Textil für höchsten Tragekomfort. So setzt die Designerin neben dem den Körper umspielenden Jersey in der Herbst- / Winterkollektion 09 auch extrem feines Leder ein und kreiert somit eine Silhouette, die mit dem Wechselspiel aus schmal und weit liebäugelt. Das Jersey in Batikmustern weiss sie in der gesamten Dimension seiner Materialeigenschaften einzusetzen und schafft so Looks zwischen filigraner Transparenz und absoluter Blickdichte.

Ute Ploier

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te Ploier erschien es ungerecht, dass der klassische Begriff eines Modedesigners ausschliesslich das Bild eines Mannes impliziert, der Mode für Frauen entwirft. So beschloss sie während ihres Studiums unter der Fuchtel des famos stillen Raf Simons zunächst einmal kurzerhand den Spiess umzudrehen und sich – anfangs nur aus Neugier – mit einer Herren­kollektion auseinanderzusetzen. Jedoch fand sie derart Gefallen am Designprozess für das starke Geschlecht, dass sie beschloss, fortan ausschliesslich für Männer zu entwerfen. Der Preis für die beste Herrenkollektion beim Festival de Hyeres 2003 ermöglichte ihr im Folgenden die Zusammenarbeit mit einer Pariser Presseagentur. Ohne bis zu diesem Zeitpunkt auch nur ein einziges Praktikum absolviert zu haben, packte Ute Ploier diese einmalige Gelegenheit beim Schopfe und lancierte ihr Label unter eigenem Namen. Anstatt ausschliesslich konzeptionell zu sein, legt die Designerin grossen Wert auf die Tragbarkeit der einzelnen Kleidungsstücke. Die durchwegs modernen Kollektionen umfassen einen bunten Querschnitt durch alle sozialen Schichten. Schlicht und klassisch sind ihre Kollektionen, gehen jedoch auch mit Sportlichkeit und Zeitgeist einher. Ihre Frühjahrs- / Sommerkollektion 2010 lässt uns somit an einen re­ inkarnierten Gatsby glauben.

Ute Ploier, SS 10

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links: Anna Aichinger, AW 09 / 10 rechts: Fabrics Interseason, SS 09

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Anna Aichinger

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ie Wienerin Anna Aichinger lancierte nach ihrem Studium an der Universität für angewandte Kunst ihr nach ihr benanntes Label. Die junge Designerin versteht es stets, die einzelnen Teile ihrer Kollektionen in eine Mischung aus gleichen Anteilen von männlichen und weiblichen Elementen zu homogenisieren. Sie erschafft somit einen Look, der die Trägerin gleichermassen tough als auch unverhohlen weiblich daherkommen lässt. Eine Art Osmose aus nacktem Purismus und Sex Appeal. Ihre ambivalenten Kollektionen präsentiert die junge Österreicherin mittlerweile zweimal im Jahr in ihrem Pariser Showroom.

Fabrics Interseason

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ally Salner und Johannes Schweiger stehen hinter Fabrics Interseason – einem Label mit höchstem künstlerischen Anspruch. Ihre Konzepte entwicklen sie aufgrund von fast schon akribisch und intensiv betriebenen Studien soziopolitischer Situationen und Phänomene. Ihre künstlerische Herangehensweise und ihr Schaffensprozess bringen die Designer auch immer wieder in Berührung mit gesellschaftlichen Verhaltensweisen und Werten, die beide als starke Inspirationsquelle empfinden. Der in Fabrics Interseason Gehüllte trägt somit seine kritische und politische Haltung direkt auf dem Leib – zur Schau gestellt durch tiefe Ausschnitte, fallende Schnitte und eine fast schon auf die Spitze getriebene Unproportionalität. Mit diesem Ansatz hat das Modelabel nicht nur in heimischen Gefilden eine gewisse Bekanntheit erlangt: zweimal im Jahr präsentieren Salner und Schweiger ihre Damen- und Herrenkollektionen auf der Prêt-à-porter Fashion Week in Paris.

Hartmann Nordenholz

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ine schöne Verbindung aus Theorie und hoher Handwerkskunst ist die Basis des Labels Hartmann Nordenholz. Die Deutsche Agnes Schorer und der Österreicher Filip Fiska lernten sich während des Studiums an der Wiener Angewandten kennen und entlehnten ihren Grossmüttern die Namen für ihr Modelabel. Mit Omi-Mode sind ihre Damenkollektionen allerdings keineswegs verwandt. Stattdessen zeichnen sich die einzelnen Kollektionen durch eine kritische Herangehensweise aus, die bestehende Formen der Mode hinterfragt. Trotz todernstem Gedankengut gelingt Fiska und Schorer jedes Mal aufs Neue eine Kollektion voller visionärer Eleganz, kombiniert mit architektonischen Schnitten. Dass sie dabei nach nicht weniger als dem perfekten Produkt streben, hat ihnen bereits 2002 den Austrian Fa­ shion Award eingebracht.

Fotos: Bettina Komenda (S. 78), Mark Glassner (S. 79), Irina Gavrich (S. 80 links), Maria Zieglböck (S. 80 rechts), Nordenholz (S. 81)

Hartmann Nordenholz, AW 09 / 10

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Mach mir die Grace

Dass die Mode sich gerne vergan­ gene Trends als Inspiration für neue leiht, ist wohl jedem bewusst. Doch ganz so problemlos, wie man sich das manchmal vorstellt, können vergangene Looks nicht auf die Gegenwart adaptiert werden. Vor allem bei Trends aus den 80er-Jahren ist höchste Vorsicht geboten, wie das Revival der totgeglaubten Schulterpolster ein­ drücklich beweist. Text: Romy Uebel

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erade als man dachte, mit der Reanimation von Leggings, Moonwash und Röhrenjeans wären alle Grausamkeiten der 1980er abgefackelt, nun das! Die Schulterpolster sind zurück! Oder wollen zurück. Oder die Designer wollen, dass wir sie zurück wollen... Jedenfalls wandelten bei den Paraden der jetzt zum Verkauf stehenden Herbst- / Winter­ mode reichlich V-Silhouetten über die Stege. Voluminöse Blazer, aber auch Kleider mit MadMax-Schulterpartien liessen selbst die schmalsten Models wie Preisboxer wirken. Ergo: das Geschrei war gross. Dabei hatten es Sonia Rykiel, Stella McCartney, Balmain und Co. doch nur gut gemeint und wollten uns Frauen emanzipieren, rüsten, wappnen. Denn schieben kann man das fashionable Dilemma – wie momentan eigentlich alles – auf die Krise! Und die soll Frau wie bereits die Workin’ Girls der 80er mit viel Selbstbewusstsein und in alle Richtungen geschwollenem Oberkörper überstehen.

Emanzipation spiegelt sich nicht in der Schulterbreite wider. Die weib­ liche V-Silhouette dürfte deshalb wohl bald schon zum zweiten Mal der Vergangenheit angehören.

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Für alle dedicated Followers of Fashion einige Tragetipps: Die Pads funktionieren nur, wenn man in etwa die Masse von Kate Moss besitzt. Grelle Farben gilt es unbedingt zu vermeiden, stattdessen Blazer oder Blusen in Erdtönen oder in Schwarz wählen. Wenn sich nur eine vage Ähnlichkeit mit Lady Gaga, Joan Collins oder Grace Jones einschleicht: ausziehen! Alle Trendverächter dürfen sich übrigens zurücklehnen – Schulterpolster dürften ein Kurzzeit-Hypechen bleiben. Ann Sophie Back und Acne etwa waren ganz skandinavisch übermotiviert, sprich zu früh dran… und zeigten Schulterpolster bereits im Sommer. Ihre mutigen Crossovers aus Footballer-Outfits und Abendkleidern schwelten selbst im Sale ungewollt und ungekauft auf der Stange. Emanzipiert genug, um lieber hübsch, unbedarft und schutzbedürftig aussehen zu wollen, sind wir Mädels nämlich schon. Illustration: Raffinerie


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Mach’s dir doch selbst!

Basteln ist längst nicht mehr nur das Metier frustrierter Tagesmütter und ge­ langweilter Minderjähriger. Denn von Hand lassen sich nicht nur unnütze Spielereien und doofe Geschenke basteln, sondern auch durchaus Nützliches. kinki versucht sich als Heimwerkermeister und zeigt euch, wie sich die Sachen, auf die ihr zwischen Weihnachten und Neujahr keinesfalls verzichten wollt, (fast immer) ganz einfach selber herstellen lassen. It’s Tool Time! Text: Rainer Brenner

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igentlich haben wir doch schon immer gebastelt. Erinnern wir uns nur an all die Papierflieger, Hütchen, Korkschiffchen, Os­ terhasen aus Klopapierrollen und Schuhschachtelhäuser aus unserer Kindheit, so wer­ den sicher in jedem von uns romantische Erin­ nerungen an kreative Stunden mit Weissleim, Schere, Karton und Bastelbogen wach. Doch auch die monströsen Jointgebilde, die wir wäh­ rend unserer Jugendjahre mit fast schon spies­ siger Liebe zum Detail entwarfen, all die ver­ schiedenen PET­Flaschen, die mithilfe eines ausrangierten Filzschreibers kurzerhand zur Bong umfunktioniert wurden, zeugten durchaus von handwerklichem Geschick und Einfalls­ reichtum. Leider ist dieser Basteltrieb in vielen von uns jedoch schon kurz nach der Pubertät erloschen und kommt nur noch selten beim Ent­ werfen von Bierdeckelhäusern während lang­ weiliger Gespräche oder in den von Flüchen untermalten Versuchen, das Autoradio zu repa­ rieren, zum Vorschein. Mangelndes Selbstbe­ wusstsein und der verhasste Gang zum Bau­ markt machen es uns nicht leicht, zurück zu Schere und Heissleim zu finden. Nach dem grossen Strick­ und Häkel­Revival des letzten Jahres, in dessen Lauf selbst die verwöhntesten Hände zur dicken Nadel griffen, dürfte die Welt nun aber bereit sein für eine Wiederbelebung des verstaubten Knoff­Hoff­ Image. Auch hier versorgt uns das Internet näm­ lich mit allerhand Plänen und Skizzen zum Bau praktisch aller Gegenstände des alltäglichen und nichtalltäglichen Lebens. Das heisst, wir brauchen uns nicht länger mit lumpigen Mario­ netten und öden Nussschiffchen zufriedenzuge­ ben, nein, in den Tiefen des Webs finden sich scheinbar kinderleichte Anleitungen und jede Menge Inspiration zum wirklich nützlichen und zielgerichteten Bastelplausch! Wer also auf den Spuren von Jean Pütz wandeln möchte, der braucht nur seinen Computer anzustellen. Und da auch jetzt wieder Weihnachten vor der Tür steht – und somit ein paar freie Tage – haben 84 kinki

wir für euch einige Inspirationen zur Übung eu­ eu rer Fingerfertigkeit rausgesucht; passende Bas­ Bas telideen, bei denen nicht nur das Basteln selbst, sondern auch das Ergebnis im Vordergrund ste­ ste hen soll. Dabei haben wir übrigens einmal mehr gemerkt, dass man auch mit schmalem Porte­ Porte monnaie keineswegs auf Luxusgüter und Gad­ Gad gets aller Art verzichten muss, die einem die kalten Wintertage zwischen Weihnachten und Neujahr versüssen. Marke Eigenbau versteht sich!

Bling Bling Nachdem wir uns alle unseren Schal letztes Jahr schon schön brav selber gestrickt haben und eigens nächtelang Kleider und Hüte ge­ ge schneidert haben, fehlt nun nur noch der pas­ pas sende Schmuck, um am Weihnachtsapéro vor Chef und Kollegen wieder mal mit einer ordent­ ordent lichen Portion Individualismus und Kreativität zu punkten. Die Welt der Klunker, Broschen und Colliers eignet sich prima als kreative Spielwie­ Spielwie se und Übungsterrain für Neueinsteiger der Bastelszene. So bietet das Schlossergeschäft einem eine wahre Wunderwelt der Ketten, Ösen, Ringe und Nieten, die unter Zuhilfenah­ Zuhilfenah me eines Lötkolbens und verziert mit ein paar Steinchen aus dem Hippieladen einen glitzern­ glitzern den Auftritt garantieren! Aber aufgepasst: bitte unbedingt auf das fiese Filzmaterial verzichten, dieses verleiht dem Schmuckstück nämlich schnell mal ein etwas zu feministisches Flair, und das wollen wir dem Chef zu Weihnachten doch nun wirklich nicht zumuten. Weitere Info zur Schmuckherstellung findet ihr unter schmuck­leicht­gemacht.de, rollendes­atelier.de atelier.de sowie magic­and­arts.com.


High Tech, Low Voltage Natürlich brauchen wir unseren Computer auch während der Feiertage. Und selbstverständlich geht er genau dann kaputt! Was nun? Selbst die grösste Media Markt Filiale dürfte nun ihre Pforten für einige Stunden geschlossen haben und reparieren lassen sich die Dinger sowieso so gut wie gar nie. Wieso also nicht einfach selbst einen Computer bauen? Aus dem Bier­ kasten in der Ecke und den Resten aus den drei alten Rechner­Towers im Keller lässt sich näm­ lich nach der Anleitung auf muckimuck.de mit einigen Handgriffen prima ein Computer bauen, der selbst Bill Gates vor Neid erblassen lässt. Und wer beim Bau des Bierkastencomputers gekom­ gleich so richtig auf den Geschmack gekom men ist, der kann sich in verschiedensten Foren im Netz auch gleich Tipps geben lassen, wie man die passende Software dazu sowie weitere technische Geräte wie Fernseher, Beamer und An­ Radio bastelt. Vorsicht sei lediglich beim An ge­ schliessen dieser Geräte an das Stromnetz ge boten, denn die Spitäler erfreuen sich ja gerade dieser Tage bekanntlich sowieso schon grossen Verbrennungs­ Andrangs verschiedenartigster Verbrennungs opfer. Wer also auf Nummer Sicher gehen will, der sollte sich vielleicht erst mal am Bau einer 3d­bril­ 3D­Brille Brille versuchen (zum Beispiel auf 3d bun­ len.de): der Umgang mit Pappe, Leim und bun volt­ und ter Folie birgt nämlich im Vergleich zu volt wattbetriebenen Basteleien wenig Gefahr. Eine Bastelantleitung für ein iPhone Akkupack findet ihr unter ifun.de.

Sport und Mord Wir alle wissen, wie teuer Wintersport ist. Das Zugticket, das Skigebietsbillet, die 12 Schnäp­ se auf dem Gipfel… Da sollte man vielleicht wenigstens hinsichtlich der Sportgeräte lieber selbst Feile und Säge zur Hand nehmen, anstatt den teuren Empfehlungen des lustigen Sportar­ tikelverkäufers Folge zu leisten. So kann man auf der Website des deutschen Snowboardher­ stellers mit dem klingenden Namen ‹Genial› (genial­snowboards.de) zwischen vier verschie­ denen Bausätzen wählen, welche einem dann bequem nach Hause geschickt werden und dort selbst zusammengezimmert werden können. Aber auch Anleitungen zum kompletten Bau ei­ nes Snowboards, Rodels oder eines Paars Ski­ er finden sich zuhauf. Etwas rar hingegen steht’s mit Erlebnisberichten der Selfmade­Winter­ sportler; man darf also nur hoffen, dass diese noch unter uns weilen… Bauanleitungen für Kurzskier und verschiedene Rodel fin­ det ihr unter alpiticus.de.

Selfmade Orchestra Alle, die lieber selber Musik machen, anstatt sich diese mit dem selbstgebastelten Compu­ ter (siehe oben) vom Internet runterzuladen, können sich das Equipment für die eigene Band über die Feiertage gleich selber herstellen. Und hier sprechen wir nicht von Pfannendeckeln und Gummiband­Gitarren, sondern von professio­ nellen Instrumenten! Angefangen wird natürlich beim rhythmischen Gerüst der Band, dem Schlagzeug, zu dessen Herstellung ihr euch unter schlagzeugbetreuung.de schlaumachen könnt. Von der Snare Drum bis hin zum E­Drum finden sich hier Tipps rund um die Herstellung. Bei der Gitarre wird dem Bastler zwar einiges an handwerklicher Präzision und Erfahrung ab­ verlangt, doch für alle Tool Time Fans ist natür­ lich auch diese Herausforderung nicht zu gross, vor allem wenn man sich an die auf buildyour­ guitar.com beschriebenen Arbeitsschritte hält. Auf frihu.com findet ihr zu guter Letzt nicht nur Schaltpläne für den Bau des Mikrofons, son­ dern auch gleich eine Vielzahl verschiedener Anleitungen zur Herstellung eurer Verstärker. Fertig ist also das Material, fehlen nur noch die leeren Eierschachteln an den Wänden in Ma­ mas Keller – und schon ist der Bandraum kom­ plettiert und eingerichtet. Sollten sich die Leute bei eurem ersten Konzert mit schmerzverzerr­ tem Gesicht die Ohren zuhalten, so bieten euch eure selbstgemachten Instrumente übrigens ei­ nen weiteren riesigen Vorteil: man kann ihnen immer die Schuld für den Katzenjammer ge­ ben. Weitere Info zum Instrumentenbau findet ihr unter musik­ instrumentenbau.de.

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Zwischenmensch­ liche Wärme ‹Buoah, ihr seid ja dreist, so was kann man doch nicht basteln›, werden nun einige von euch mit empörter Mine hervorbringen. Stimmt. Liebe lässt sich weder kaufen noch basteln, Sex aber sehr wohl! Wer sich in diesen Tagen der allge­ meinen Zweisamkeit also nach einem Partner oder einer Partnerin sehnt, und sei es nur für wenige Minuten, der braucht sich im Netz nicht auf zwielichtigen Schmuddelpages zu verlieren, sondern kann sich auf sexspielzeug­basteln. com die kreativsten Geschlechtsverkehralterna­ tiven zum Selberbasteln ‹runterholen›. Egal ob Männchen oder Weibchen, mit Inspirationen wie dem ‹Ballon­Bohrer›, dem ‹Sofa­Stosser›, dem ‹Noppen­Popper›, ‹Strandball­Kitzler› und ‹Bett­ hupferl› kann in wenigen Schritten und mit sim­ plen Haushaltsgegenständen die Intimregion des begehrten Geschlechts nachgebastelt wer­ den. Um den Akt etwas romantischer zu gestal­ ten (schliesslich solltet ihr ja nicht unbedingt sehen, dass ihr gerade mit einer zerschnittenen Shampoopackung schlaft), baut ihr euch das dämmrige Licht zum sinnlichsten Moment der Einsamkeit am besten auch gleich selbst: style­ spion.de liefert euch nämlich allerhand Inspirati­ on, wie aus alten CDs, einem Massband oder einem Hullahup­Reifen und einigen Plastikka­ nistern im Handumdrehen eine schnieke Desig­ nerleuchte wird. Schaut bitte nur zu, dass die Glühbirnen, die ihr reindreht nicht allzu hell sind. Das Gefühl, gerade Liebe mit der eigenen Sitz­ gruppe gemacht zu haben, dürfte auch so schon erniedrigend genug sein.

Happy New Year! Gefährliche Knaller und spektakuläres Feuer­ werk gehören zur Silvesternacht wie der Korken zur Champagnerflasche! Doch wären wir or­ dentlich blöd, elend viel Geld für teuren Bom­ benhagel auszugeben, wenn doch der Apothe­ ker an der Ecke uns die wichtigsten Bestandtei­ le zur lauten Unterhaltung für einen Bruchteil der Kohle verkauft (dort finden sich übrigens auch die Grundbausteine zum fröhlichen Dro­ gengepansche). Wer sich aber von den alljährli­ chen Schreckensbildern der unzähligen Verbren­ nungsopfer verunsichern lässt, der sollte sich vielleicht mit der Anleitung auf expli.de zuerst mal am Bau einer Rauchbombe versuchen, be­ vor er in höhere Gefilde feuert. Doch nun bietet sich natürlich ein weiteres Problem: wie sollen wir die Erinnerungen an all diese schönen Er­ lebnisse denn nur festhalten? Mit unserer selbstgebauten Lochkamera natürlich. Die ver­ fügt zwar weder über Blitz, noch über Zoom, kann dafür aber mit schickem Retrodesign über­ zeugen und lässt hippe Polaroid­Fuzzis als mo­ dernistische Spiesser dastehen. Die Bauanlei­ tung dazu findet ihr auf gamb.de. Selbstverständlich wissen wir auch, dass viele von euch sich sicherlich konsequent den Festlichkeiten zum Jahreswechsel verweigern und das kindische Treiben diese Leute derart in Rage versetzt, dass Gedanken an Amokläufe 86 kinki

und andere Auslöschungen am 31. Dezember wieder mal Hochkonjunktur haben werden. Aber auch infernale Pläne wie die Zerstörung der Welt sollten gut bedacht und vor allem selbst gebaut werden. Und da wir alle wissen, wie out es ist, auf Google nach dem Bauplan zur Atombombe zu suchen (ein bisschen Krea­ tivität muss schliesslich sein), empfehlen wir euch, in eurer Wut einfach das Januarloch vor­ zuziehen und es in Form eines schwarzen Lochs mit der gesamten Menschheit zu teilen. Und was bietet sich da Schöneres an als der Bau des Large Hadron Colliders, des Kernstücks unserer allseits beliebten und gefürchteten Höl­ lenmaschine namens CERN? Auf iop.org findet ihr nämlich das Hintergrundwissen, das ihr braucht, um das tonnenschwere Baby, von dem sich viele den Weltuntergang versprechen, nachzubauen. Einziger Nachteil an dieser Me­ thode dürfte wahrscheinlich der Kostenpunkt (ein neun­ bis zehnstelliges Vermögen solltet ihr schon euer Eigen nennen) und die etwas um­ ständliche Vorgehensweise beim Bau darstel­ len. Habt ihr diese Hindernisse jedoch bewäl­ tigt, so dürft ihr euch stolzen Hauptes vor diesen Apparat stellen und euch sicher sein, dass ihr die Kür der Bastelszene definitiv bestanden habt. In diesem Sinne: Happy New Year, und lasst’s ordentlich krachen! Illustration: Raffinerie


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A Surrealistic Experience

Miles Aldridge ist ein smarter, gutgeklei­ deter und wohlsituierter Brite, der vornehm­ lich leicht bekleidete Damen in teuren Out­ fits fotografiert. Seine Arbeit wird von den bekanntesten Fashion-Magazinen und grössten Modehäusern des Planeten überaus geschätzt. Seit Kurzem gehört auch der umsatz­ stärkste Kaffeeröster der Welt zu seinen Kunden. Text: Rahel Zoller, Interview: Rosalia Frongillo und Matthias Straub

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iles Aldridge zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten Modefotografen. Mit Stichwörtern wie ‹Surrealismus›, ‹Pop Art› und ‹kühle Perfektion› wird die Arbeit des 45-Jährigen beschrieben. Vor allem der Bezug zur englischen Beatnix-Kultur liegt auf der Hand. Sein Vater Alan Aldridge gestaltete in den 60er-Jahren in London die ersten modernen Plattencovers. So wurden Miles die Musik von Eric Clapton und die Fotografie von Lord Snowdon bereits in die Wiege gelegt. Mit dem sprichwörtlich goldenen Löffel im Mund ging es für ihn in der Jugend steil bergauf. Er lernte EGitarre spielen, studierte Illustration an der angesagten Saint Martins School of Arts in London und heiratete schliesslich das amerikanische Supermodel Kristen McMenamy. Diesen Herbst machte Miles Aldridge mit seinen Aufnahmen für den Lavazza Kalender 2010 auf sich aufmerksam. kinki magazine: War es für deine Karriere hilfreich, der Sohn eines berühmten Künstlers zu sein, oder eher belastend? Wie gehst du mit diesem Erbe um? Miles Aldridge: Ich glaube, dass es ein Pri­ vileg ist, in einem künstlerischen Umfeld aufzuwachsen, in dem ein konstanter Strom an visuellen und musikalischen Inspirationen herrscht. Um mich herum war immer Musik. Mein Vater arbeitete mit vielen Musikern ­zusammen wie zum Beispiel den Beatles und den Rolling Stones. Seine Aufgabe war es, der Musik ein visuelles Erscheinungs­bild zu geben und sie dadurch greifbar zu machen. In gewisser Weise ist meine Herangehensweise dem sehr ähnlich. Ich versuche, Emotionen in Bildern zu konkretisieren. Von daher war mir mein Vater bei meiner eigenen Entwicklung als Künstler eine grosse Hilfe. Wo liegt deiner Meinung nach die Schnitt­stelle zwischen ‹Hippie-Kunst› und Mode­fotografie? Mein Vater arbeitete in unterschiedlichen Bereichen, jedoch hatte er hauptsächlich mit 88 kinki

Pop Art und psychedelischer Kunst zu tun. Bei meinen Bildern sticht einem, denke ich, die Farbe ins Auge und die Liebe zum Gewöhnlichen sowie zur Alltagskultur. Damit wird klar, dass ich mich immer noch von der Pop Art inspirieren lasse. In psy­ chedelischen Werken – womit ich weniger die aktuellen meine – lasse ich mich mehr von der sexuellen Revolution von damals beeinflussen, zum Beispiel davon, wie Frauen in Filmen gezeigt wurden. Mein Vater ist bekannt für seine Malerei von Frauen. Eines seiner wichtigsten Werke, ‹The Chelsea Girls›, entstand in Zusammenarbeit mit Andy Warhol. Es zeigt eine nackte Frau, deren Körper einem Hotel gleicht. Ich denke also, es gibt durchaus eine Verbindung zwischen den Werken meines Vaters und meinen – durch die Pop Art, die nackten Frauen, den Surrealismus und die Träume.

‹In der Welt der Mode geht es ziem­ lich politisch zu. Da musst du wissen, zu wem du nett sein musst und wen du lieber ignorierst.› Du scheinst mit Glück gesegnet zu sein. Ein berühmter Vater, eine schöne Ehefrau und ein erfolgreicher Job. Gibt es etwas in deiner Karriere, mit dem du unzufrieden bist? Das ist eine gute Frage. Ich versuche immer hart zu arbeiten, damit es so bleibt, wie es ist. Jedoch hast du meine vier Kinder ausge­ lassen, die für mich die grösste Herausforderung und den grössten Segen darstellen. Meine Familie ist für mich eine ganz andere Welt als mein Beruf. In der Welt der Mode geht es ziemlich politisch zu. Da musst du wissen, zu wem du nett sein musst und wen

Für die Zeitschrift Numéro (Ausgabe 39) fotografierte ­Miles das Supermodel Jessica Miller in rotlichtiger Pose.


Im ‹Paradis Magazine› (Ausgabe 5) war Mr. Aldridges leichtbe­kleidete Frau Kristen ­McMenamy zu sehen – selbstverständlich vom eigenen Ehemann g ­ eknipst.

du lieber ignorierst. Du gleichst dich da dem Denken von Machiavelli an sowie seiner Art, Probleme zu lösen. Beruflich bin ich natürlich häufig unzufrieden. Besonders, wenn ich bei meiner Arbeit auf andere angewiesen bin, treibt es mich manchmal bis zur Verzweiflung. Ich bin Perfektionist, aber es ist nicht einfach, das perfekte Bild zu machen, wenn niemand versteht, welcher Gedanke ihm eigentlich zugrunde liegt. Ich habe zum Beispiel eine Idee für ein Projekt, zeichne sie auf Papier und wende mich an ein paar Leute, ob sie mir bei der Umsetzung helfen können. Ich möchte das Raumschiff zum Beispiel in Rot und sie machen ein Schiff in Blau daraus. Solche Missverständnisse bringen mich um den Verstand und machen mich unglücklich, weil oft nicht die Zeit da ist, um sie zu korrigieren. Jedoch muss man über solchen Dingen stehen, und da man mit

Profis zusammenarbeitet, findet man auch immer eine Lösung. Als Künstler muss man wie ein Fürst vorgehen können, wie Machiavelli, das bedeutet für mich Talent. So ging ich zum Beispiel an den Lavazza Kalender heran. Ich wollte, dass die Menschen auf die Bilder schauen und sich fragen: Sehe ich Helmut Newton, David La Chapelle oder Ellen von Unwerth? Sind sie es oder nicht? Und diese Idee habe ich dann auch umgesetzt. Die Dramaturgie und die Zusammensetzung deiner Bilder erinnert an alte Meister wie Rembrandt. Hast du schon einmal überlegt, die Kamera gegen den Pinsel einzutauschen? Ich verwende keine flüssige Farbe, ich verwende lieber manchmal Farbstifte. In der Malerei mag ich die Strukturen nicht so sehr. Ich liebe die reine Farbe, die monotone Fläche. Jedoch habe ich zum Beispiel ein Buch

mit Karl Lagerfeld gemacht, das eine Mixtur aus Fotografie und Malerei propagiert. Ich mag beispielsweise an Matisse, wie er das Papier in Verbindung mit reiner Farbe verwendet und eine besondere Komposition schafft. Rembrandt ist weniger mein Favorit. Er malt zu dunkel für mich, ebenso sind mir seine Frauen zu korpulent (lacht). Nein im Ernst, ich mag Paul Delvaux, ein wunderba­rer Maler und Surrealist. Seine Frauen sind dünn, hell und ähneln Vampiren, das mag ich sehr. An Rembrandt schätze ich seine besondere Verwendung des Lichts, jedoch ist er nicht sehr inspirierend für mich. Ich habe das Gefühl, er verwendet immer orangefarbenes Licht, während ich leicht blaues Licht ­bevorzuge. Deine Fotografien haben einen hohen ästhetischen Wert, eine sehr cleane Art der kinki 89


‹Bei der Begeg­nung mit Frauen schwingt bei mir stets die Fan­tasie einer erotischen Erfahrung mit. ›

Miles’ handgezeichnete Skizzen dienten als Vorlagen für die Motive des Lavazza Kalenders 2010.

Schönheit. Und gleichzeitig erscheinen sie so artifiziell, fast künstlich. Machst du Bilder von Objekten oder von Menschen? Models sind Menschen. Wenn ich ein Model sehe, habe ich bereits eine Idee in mir. Bei der Begegnung mit Frauen schwingt bei mir stets die Fantasie einer erotischen Er­ fahrung mit. Das Drama in meinem Kopf begleitet mich bei meinen ersten Schritten. Ich sehe eine schöne oder eine eher weniger schöne Frau in einem Buchladen. Zum ­Beispiel wie sie ein Buch liest. Wenn sie sich zu einem dreht, mit dem Buch auf ihrem ­Körper, das könnte sehr erotisch sein, denke ich dann und fange an, einen Entwurf zu zeichnen. Dabei beschäftigt mich diese Frau, als sei ich von ihr besessen. Und eigentlich liest sie nur ein Buch. Das ist für mich die ­perfekte Gelegenheit für eine erotische Fantasie. Aus der Zeichnung wird die Idee, das Model kommt ins Studio und die Fantasie aus dem Buchladen wird wieder lebendig. Mittels des wunderschönen Mädchens, ihrer 90 kinki

Position und dem Buch versuche ich wie­ derzugeben, was in meinem Kopf ist. Ich denke diese Fantasien hören niemals auf. Zu­ mindest bei mir nicht. Man kann sich durch die Perfektion und Detailtreue in deinen Bilder irritiert fühlen. Ist dieser Reiz ein gewünschter Effekt deiner Arbeit? Nicht unbedingt Perfektion, warum Perfek­ tion? Ich glaube, ich habe etwas vom japanischen Stil. Das heisst, dass selbst die Objekte im Bild Frauen repräsentieren. Ich mag es, wie sie exakt richtig stehen, kein hier, kein da, einzig perfekt. Das ist die Perfek­tion, die in der japanischen Kunst verwendet wird. Es wird nur gezeigt, was gebraucht wird – im Gegensatz beispielsweise zum Barock. Daher denke ich, Pop Art ist ­vielleicht eine Flasche Coke, eine Orange und ein Frauengesicht. Sehr pur, ich mag pure ­Sachen, Purheit im Sinne der Japaner. Das Pure an einer Frau, einer Brücke und einem Vogel.

Wie entstand die Kombination von Schönheit, Kunst, Geschmack und Koffein in den Fotos für den Lavazza Kalender 2010? Es war eine grosse Aufgabe und eine grosse Herausforderung. Ich glaube, es lag an ­Michele Mariani, dem Creative Director, der ­meine Arbeit mag und schätzt. Er erteilte mir den Auftrag, Lavazza mit italienischer Musik zu verbinden. Ich war sehr gespannt ­darauf, diese beiden Medien zu vereinen. Dabei wurde viel Emotion und Kraft freigesetzt. Mit ­einer grossen Hochzeit von Kunst und Fotografie feierten wir die Idee von Kaffee und Energie. Britische Fotografen werden für begnadete Teetrinker gehalten. Musste Lavazza dich überzeugen, ihren Kaffee zu probieren? Ich trinke viel Tee, so dass ich eine tiefe Liebe fürs Teetrinken entwickelt habe. Ich liebe aber auch den Geruch von Kaffee, wenn er frisch gemacht wird, und trinke ihn gern. Ich werde mir gleich mal einen holen.


The Time Of YOur Life, KepT CLOse TO YOur hearT. The spree pendanT.

nixonnow.com


This is Andrew Clark

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‹top notch gallery› Die besten Adressen für junge Kunst. Wo wir letztes Mal noch dachten, Düsseldorf zerberste am Überangebot von Kunst und Galerien, müssen wir nun richtigstellen: London ist natürlich das Nonplusultra! Aber anstatt einen ganzen Tag in der Tate Modern zu vertrödeln, lohnt es sich auch einmal auf weniger ausgetre­ tenen Pfaden zu wandeln.

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Wer die Brick Lane ­bereits leer geshoppt hat, findet hier noch das ein oder andere UrbanArt-Must-Have.

s surrt und brummt in Londons wildem Osten gleich neben der Brick Lane oder genauer gesagt in der Galerie Concrete Hermit. Obwohl ‹Galerie› in diesem Fall nicht hundertprozentig zutrifft, denn Concrete Hermit ist viel mehr als das. Eher ist die Galerie, die im Oktober 2007 eröffnet wurde, nur ein Bestandteil im grossen Gebilde, das sich da Concrete Hermit nennt. Denn unter dem Namen kommen Shop, Website und Künstlerkollektiv zusammen, hinter dem sich Chris Knight und sein Team verbergen. Unter dem gemeinsamen Dach findet sich eine wahre Hommage an Urban Art. An gute Urban Art wohlgemerkt, denn wie Charlie – einer der extrem lässigen Typen von Concrete Hermit – bemerkt, gibt es in diesem Genre der Kunst ‹a lot of shit›. Den Jungs der Galerie scheint es allerdings zu gelingen, die Spreu wirkungsvoll vom Weizen zu

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trennen, denn die hier ausgestellten Künstler sind jedes Mal ein recht gelungener Augenschmaus und in der Vergangenheit tum­ melte sich hier bereits einiges, was im Genre Rang und Namen hat. So zum Beispiel Chris Bianchi und Robert Rubbish vom Le Gun ­Magazine, die ihre Arbeiten in der Concrete Hermit Gallery im September präsentierten. Ausgewählt werden Artists, die sich durch ­einen fokussierten und ausgereiften Stil in Illustration und / oder Grafik auszeichnen, ganz gleich an welchem Punkt ihrer Karriere sie gerade stehen. Gemeinsam mit Concrete Hermit entwerfen die Künstler Bücher, T-Shirts und Prints, die direkt im dazugehörigen Shop vertrieben werden. Zum Sortiment des Geschäfts gesellen sich Bücher und Artikel, die Chris und dem Team am Herzen liegen. Dass auch die Galerie allen Beteiligten eine Herzensange­ legenheit ist, ist deutlich spürbar. Die Jungs haben es erreicht – und darauf sind sie auch ein ganz klein wenig stolz – dass ihre

­ alerie einigen ambitionierten G Künstlern als viel beachtete Plattform dient. In der Concrete Hermit ­Gallery tummeln sich vor allem ­– Gleichgesinnte (die arty farty Gesellschaft Londons treibt sich in dieser Gegend nun schon ein paar Jahre herum), die die entspannte Atmosphäre von Galerie und Shop sehr zu schätzen wissen und die gerne mal für ein paar Stunden beim Kunst-Talk hängen bleiben. Im dazugehörigen Shop gibt es alles, was sich der konsumver­ liebte Kunstfreak an auf T-Shirts, Laptop-Cases oder Bücher gebannte Urban Art zu erträumen vermag. Und wer zu denen gehört, die gerne äusserst schrill-plakative T-Shirts tragen, wird hier mit Sicherheit seinen persönlichen Himmel vorfinden. Das Team um Chris gönnt sich eine kleine Pause im Januar, um frisch und munter im Februar mit den Arbeiten von Cat Johnston aufzuwarten. Die Illustratorin zeigt sich beeinflusst von mittelalter­ licher Kunst, Volksmärchen und den Arbeiten russischer und tsche­ chischer Animatoren. Ausgestellt werden kleinteilige und bisweilen an Kupferstiche erinnernde Illustrationen als auch einige Ar­ beiten ihrer Stop-Motion-Animationen. Ein wunderbarer Grund zur Vorfreude und sicherlich ein weiterer Anlass für einen baldigen Spontantrip nach London. Text: Anja Mikula Fotos: Robert Charbonnet The Concrete Hermit Gallery 5a Club Row, London Montag bis Samstag,10–18 Uhr concretehermit.com


2 5. D eze m be r 2 009

a lt e b O r s e

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D i s cO D k a li sti g O l D a l l sta r s frq Ncy & sta rs h i pt rO O p e r s aye? s up e rm a f i a (ch , s m as h fx )

katakOmbOt & Jimi Jules

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VOrV e r kau f au f w w w. sta rt ic k e t.c h

(Kill Em All)

DJ-set uk

DIscoD (SmashFX) mIkkI leela VJ: les enFants terrIbles

(Codek)

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2. Januar 2010

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In FlagrantI + FIlthy Dukes

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Mike on Mike Michael Bailey-Gates brilliert trotz seiner nur 16 Lenze mit unglaublich viel Fantasie und einer ganz eigenen Herangehens足weise. Und zwar sowohl vor als auch hinter der Kamera. Der junge Amerikaner bietet uns an dieser Stelle in Wort und Bild einen kleinen Einblick in die wundervolle Welt des Mike Bailey-Gates. Text: Rainer Brenner, Interview: Mike BaileyGates

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igentlich ist Mike ein ganz normaler amerikanischer Teenager: er besucht eine High School, geht mit seinen Freunden in seiner Freizeit ins Kino oder an den Strand und sitzt nachts vor seinem Computer. Der einzige Unterschied zwischen Mike und seinen Altergenossen dürfte darin liegen, dass sich Mike nachts die Zeit nicht auf Facebook oder MySpace um die Ohren schlägt, sondern auf seiner Flickr-Page mit seinen verträumten, zauberhaften und mystischen Fotografien bei Kunstinteressierten jeglichen Alters auf der ganzen Welt für offene Mäuler sorgt. Trotz seines zarten Alters hat der junge Mann aus Rhode Island in seinen Arbeiten nämlich einen derart eigenen und unverkennbaren Stil entwickelt, wie ihn mancher Fotograf mit 50 noch nicht gefunden hat, was ihm schon ein Interview im Parasol Magazine sowie eine Einzelausstellung beschert hat. Verwundern mag, dass als Inhalt der Bilder oft der Künstler selbst fungiert. Und zwar nicht aufgrund pubertärer Selbstüberschätzung, sondern ganz einfach darum, weil mit 16 das Taschengeld noch nicht wirklich für professionelle Shootings mit Models aus der Agentur reicht und Mikes Freunde – die ihm ansonsten schon bei seinen Produktionen so gut zur Hand gehen, wie sie nur können – halt auch nicht immer Lust haben, ihrem begabten Kumpel zu posieren, sondern stattdessen einfach auch mal an den Strand oder ins Kino fahren wollen. Was also läge bei einem solch vielseitig begabten Allroundgenie wie Mike näher, als ihn gleich die ganze Arbeit selber machen zu lassen und ihn die Fragen zu seinem Interview selber stellen zu lassen? Was ihr hier seht und lest, ist also ein direkter und ungetrübter Blick mitten in den Kopf des 16-jährigen Mike Bailey-Gates aus Rhode Island, NY und in die verträumten Welten und eifrigen Zukunftspläne, die darin schlummern. Mike Bailey-Gates: Ich bin mir sicher, dass du das oft gefragt wirst, aber was ist es, das dich so fasziniert an der Fotografie? Hast du eine fotografische Ausbildung gemacht? Mike Bailey-Gates: Irgendwie ist die Foto­ grafie schon seit langer Zeit ein Teil meines Lebens. Warum weiss ich auch nicht, irgendwie zog es mich einfach immer wieder zu diesem Medium. Als ich in der Grund­ schule einen Zeichenwettbewerb gewann, wusste ich irgendwie schon, dass Kunst der wichtigste Teil meines Lebens werden sollte. Das mit der Fotografie ergab sich, als ich so etwa 12 Jahre alt war. Ich kann mich an einen Urlaub erinnern, den ich mit meiner Familie zusammen im Norden des Landes verbrachte, es hatte unglaublich gestürmt und ich wollte danach unbedingt Fotos von den Wassertropfen schiessen. Von da an habe ich ein Jahr lang viele Landschaften foto­ grafiert und langsam entwickelte sich daraus dann mein heutiger Stil. Eine fotografische Ausbildung habe ich nie gemacht, es war mir einfach zu teuer, einen solchen Kurs zu besuchen, und an der Schule wurde nichts in der Art angeboten. Ich habe aber viele Bücher über Kameratechnik verschlungen und

praktisch täglich mit meiner Kamera experimentiert. Ich liebe die Fotografie! Ich habe gesehen, dass du aussergewöhnlich oft Mittelpunkt deiner eigenen Bilder bist. Wie hat sich das ergeben? Stehst du einfach so gerne vor der Kamera? Nein, eigentlich hasse ich es, Mittelpunkt meiner Bilder zu sein, aber wenn meine Freunde keine Zeit haben, stelle ich mich halt einfach selbst vor die Linse. Ich freue mich schon darauf, wenn ich älter bin, endlich mal Models zu buchen und mit einem richtigen Team zusammenzuarbeiten. Momentan ist es halt einfacher, die Emotionen, die man in einem Bild haben möchte, selbst auszudrücken, als sie einem Freund zu erklären, allerdings erschwert das auch die Arbeit hinter der Linse. In letzter Zeit habe ich deshalb versucht, so wenig Selbstporträts zu schiessen wie möglich.

‹Ich freue mich schon darauf, wenn ich älter bin, endlich mal Models zu buchen und mit einem richtigen Team zusammen­ zuarbeiten.› Woher nimmst du deine Inspiration? Gibt es andere Fotografen, die dich beeinflussen? In letzter Zeit beeinflussen mich vor allem Fotos aus den 40ern und 50ern des letzten Jahrhunderts. Ich habe ziemlich viele davon und schaue sie immer wieder durch, um mich inspirieren zu lassen, ausserdem habe ich mein Zimmer mit alten Fotos zutapeziert. Es gibt auch unglaublich viele modernere Fotografen, die mich beeinflussen – Leute wie Chantal Michel, Elene Usdin, Tim Walker oder Bruno Dayan… Das sind einfach einige Namen, die mir gerade in den Sinn kommen und die ich sehr bewundere. Ich habe mir kürzlich das Buch ‹Pictures› von Tim Walker gekauft, und kann nicht aufhören, es mir anzusehen!

würde sagen, mich interessiert jede Form von Kunst, die Fotografie bleibt aber meine persönliche Lieblingsform. Was, denkst du, ist der Grund dafür, dass du fotografierst? Die Fotografie ermöglicht es mir, eine Er­ innerung, eine wahre Geschichte oder eine Geschichte, die ich im Kopf habe, bildlich umzusetzen und sie meinen Mitmenschen zu zeigen. Ich habe es immer faszinierend ge­ funden, dass ich dadurch den Leuten einen Einblick in meine Gedanken gewähren kann. Denkst du, dass dein Alter die Art, wie andere Leute dich als Künstler wahrnehmen, beeinflusst? Wahrscheinlich schon. Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, aber manchmal nehmen mich die Leute einfach nicht ernst, nur weil ich noch sehr jung bin. Welche Musik hört sich Mike Bailey-Gates denn so an? Oh, wow, ich mag wirklich ganz viel verschiedene Arten von Musik. Ich denke, Frank Sinatra wird immer mein persönlicher All Time Favourite bleiben, aber es gibt auch ganz viele andere tolle Musiker wie zum Beispiel Yann Tiersen. Was sind deine Zukunftspläne? Naja, zuerst werde ich dafür sorgen, dass ich endlich das kleine Kaff verlassen kann, in dem ich lebe. Auch wenn ich noch nicht genau weiss, wohin es dann gehen soll, bin ich mir sicher, dass mich die Fotografie irgendwohin führen wird. Mal schauen, wohin es mich verschlägt, auf jeden Fall freue ich mich aber sehr auf alles, was noch auf mich zukommt. Gerne würde ich mich auch an einer Kunsthochschule ein­­schreiben, wenn das Geld reicht. Wer weiss…

Gibt es andere Kunstformen, die dich interessieren? Ich zeichne immer noch gerne, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Aber ich trage immer noch ständig mein Skizzenbuch mit mir rum, um mir Ideen zu notieren, nehme das Zeichnen jedoch nicht mehr so ernst wie früher. Ich besuche dennoch weiterhin Zeichenkurse an der Schule und habe mich auch im Modellieren versucht, was sogar ziemlich gut funktioniert hat. Ansonsten gehe ich unglaublich gerne in Museen, ich war kürzlich im RISD Museum und die Kunstwerke dort haben mich schwer beeindruckt. Ich kinki 109


‹media› Vom Umschlag bis zum Abspann. Bei Denner gibt es schon seit Oktober Weihnachtsguezzli und Geschenkpapier. Höchste Zeit also, endlich den Wunschzettel fertigzustellen. Wir jedenfalls haben frühzeitig vorgesorgt, denn folgende Bücher und Filme liegen schon fertig verpackt unter dem kinki Weihnachtsbaum.

BUCH berge und bühnen

Hannes Schmid: Rockstars Boney M. beim Skifahren in Gstaad, Barcley James Harvest beim ­Planschen im Meer, AC/DC und Motörhead backstage sowie ABBA auf Schifffahrt: alle diese bis anhin unveröffentlichten ­Szenen finden sich im Bildband ‹Rockstars› wieder. Doch wie kam es dazu? Hannes Schmid war so was wie der Privatfotograf der bekanntesten Musiker der 70er- und ­frühen 80er-Jahre. Nicht als Paparazzi, sondern als unaufdringlicher Begleiter und Freund – eine Gattung, die heutzutage ihres­ gleichen sucht – begleitete er die Stars, um sie hinter der Bühne, auf Tournee oder privat ins rechte Licht zu rücken. Dieses war zu ­jener Zeit ungekünsteltes und natürliches Tageslicht, die Kulissen waren naturbelassen und unarran110 kinki

giert, wie man sie gerade vorfand. Neben einigen Posen gibt es auch viele Momentaufnahmen, die einen wunderbaren Einblick in das Leben der Stars der damalige RockÄra vermitteln. Diese Fotografien gehören somit einem ausster­ benden Genre an, denn alles, was wir heute von den Stars zu sehen bekommen ist Cribs oder Dokumist auf MTV sowie Privatsphäre verachtende, rabiate Paparazzi-Bilder. Den Schritt zurück zum unverkrampften Verhältnis zwischen sterblichen Stars und sterblichen Nichtstars wird es vermutlich nie mehr geben. Deshalb halten wir das Buch Rockstars erst recht als zeitliches Dokument der Popgeschichte andächtig in den ­Händen. Erschienen bei Edition Patrick Frey, CHF 150.–

hommage und page

R. Klanten, S. Ehmann, M. Hübner: Hair’em Scare’em Heiss erwartet werden sie jedes Mal: die Bücher des Berliner

­ estalten Verlags setzen MassstäG be für Kreative in der ganzen Welt. Es gibt wahrscheinlich keine Grafikagentur, in der sich nicht die Sammlungen über Logos im gut bestückten Bücherregal aneinanderreihen und keinen Kommunikationsdesign-Studenten, der sich nicht seine gebundene ­Ausgabe von ‹Tactile› unters Kopfkissen legt, um darauf zu hoffen, dass die fantastischen Wunderwelten aus Papier im Schlaf in seinen Kopf Einzug halten. Deswegen nahmen wir vor Kurzem mit Entzücken zur Kenntnis, dass sich unser Bücherregal nun mit einem weiteren Schmöker der ‹Gestalten› schmücken darf. Mit ‹Hair’em Scare’em› hat sich der Berliner Verlag ganz dem Thema Haare verschrieben, die hier buchstäblich über sich hinaus­wachsen und sich einmal als Gestaltungsmaterial der besonderen Art zeigen. Am Kopf oder ­davon losgelöst in Szene gesetzt, finden sich aufregende, schöne, ungewöhnliche oder auch abartige Anwendungen dieses Materials durch Künstler und Kreative unterschiedlichster Branchen. Eine Hommage an das Haar und seine Eigenständigkeit: so wächst diese seltsame keratinöse Substanz nicht nur nach dem Tod weiter, sondern vermag auch als Zeichen des blanken Wi­ derstands dem System ganz ohne Worte ‹fuck you› zuzurufen. Un­ gebändigt und gebremst, skulptural und ursprünglich bahnt es sich in ‹Hair’em Scare’em› seinen

Weg auf 220 wunderschönen Seiten. Es war auch höchste Zeit, dass dem wandelbarsten Teil ­unseres Körpers ein ganzer Band gewidmet wird! Erschienen im Gestalten Verlag, CHF 58.–

stil und stoff

100 Contemporary ­Fashion Designers Wenn der namhafte Taschen Verlag mit dem renommierten i-D Gründer Terry Jones zusammenspannt, dann müssen sie etwas Grossartiges im Schilde führen. Das Resultat ist die sensationelle ­Vereinigung der besten Taschen Fashion-Now-Ausgaben zu einer zweibändigen Sonderausgabe, die alle Modedesigner des 21. Jahrhunderts Seite an Seite stellt. Alle Labels und Designer werden in einem Text kurz vorgestellt, worauf – je nach Bekanntheitsgrad – auf 4 –18 Seiten fotografische Einblicke in deren Schaffen folgen. Aufstrebende Jungdesigner werden ebenso präsentiert wie etablierte Modeschöpfer, wodurch der Band sowohl


­ ückblicke in die Geschichte als R auch Ausblicke in die Zukunft der Mode gestattet. Die zwei Bände sind wunderschön, mächtig schwer und dafür sehr preiswert. Übrigens wird jede Frau, die sich ein bisschen für das Wesen der Mode interessiert, über dieses Buch in Entzücken geraten, nur so, als Geschenktipp für ahnungslose Freunde und Partner.

DVD gestorben aber nicht tot

Erschienen bei Taschen, CHF 67.–

sterne und streifen

Zoe Strauss: America Die Wertschätzung Amerikas ist dank des neuen Präsidenten endlich wieder angestiegen, zumindest im Ausland. Das Präsidentenpaar bringt Glamour ins Weisse Haus und trägt ein verbessertes Image des Landes in die Welt. Daneben finden noch immer der American Dream, das christlichtexanische Amerika Bushs sowie das an den Pranger gestellte Amerika Michael Moores Platz. Im Buch America wird ein weiteres Bild des Landes der unendlichen Möglichkeiten gemalt. Die Fotografin Zoe Strauss wandte sich während des vergangenen Wahljahres den inneren Begebenheiten der grossflächigen Nation zu und vermittelt ein stimmiges, tiefsinniges Bild der USA, das weder Schönheit noch Kritik aussen vor lässt. Die Fotos dokumen­ tieren die Freuden und Kämpfe des Alltags der unteren Gesellschaftsschichten. America ist Kunstbuch wie soziales Dokument, das sichtbar macht, was im In- und Ausland während der Wahlen oft ungesehen bleibt. Erschienen bei Ammo Books, ca. CHF 50.– Tatsächlich sehen Florence Ritter und Anja Mikula hier harmlos aus wie zwei unschuldige Engelchen. In Wahrheit ver­suchen die beiden aber alle vorhan­ denen Reize einzusetzen, um Peters bei den Lesern wesentlich ­beliebteres Foto a­ uszustechen.

I SELL THE DEAD Arthur Blake ist Leichendieb. Die Kunst dieses Gewerbes besteht darin, die sterblichen Überreste eines Dahingeschiedenen aus der Erde zu befreien und sie möglichst gewinnbringend an den Mann zu bringen. Zum Beispiel an den ruchlosen Anatomen Dr. Quint, der nur bei der Stille der Toten sein Geigenspiel geniessen kann. Dass dieses ‹bloody business› hart von der Konkurrenz umkämpft wird, versteht sich dabei von selbst. Besonders auf der Suche nach Untoten geraten Arthur und sein Gefährte Willie immer wieder mit der Murphy-Gang in ­Konflikt. Glenn McQuaids Filmdebut ist eine Horrorkomödie mit viel schwarzem Humor und scharf gezeichneten Figuren. Besonders die beiden sympathischen Antihelden, die gleichgültig-fröhlich am Rand der Gesellschaft leben, verleihen der Low-BudgetProduktion einen gewissen Charme. Bereits als DVD und Blu-ray erhältlich.

wahr aber fiktiv

PUBLIC ENEMY NO. 1 – MORDINSTINKT Wahrscheinlich seid ihr genau so empört wie ich. Wie man den französischen Originaltitel ‹L’instinct de mort› mit Mordinstinkt über­ setzen kann, muss bei jedem Verehrer des grossen Sigmund Freud natürlich Kopfschütteln auslösen. Schliesslich wissen wir alle, dass der Visionär, dank dem wir nun wissen, dass Frauen ­Penisneid und Männer Kastrationsangst haben vom Phänomen des

Todestriebs sprach, für das die französische Sprache ein nur unzulängliches Äquivalent bietet, dessen sich Jacques Mesrine, der Bankräuber und Staatsfeind Nr. 1, dann ja wohl bediente, als er sich 1977 im Pariser Hochsicher­ heitsgefängnis an seine so betitelte und nun verfilmte Autobiografie machte. Der erste der beiden Teile zeigt seine steile Karriere vom kleinen Ganoven zum Bankräuber und Mörder. Vincent­ Cassel mimt auf brillante Weise den charmanten und kaltblütigen Gangster, und macht den sonst etwas zu dokumentarisch erzäh­ lenden Streifen dadurch dennoch sehenswert.

Streifen. Im Grunde entfaltet es sich wie bei einem Gemälde nicht beim Betrachten, sondern erst später, wenn man sich seiner erinnert und darüber nachdenkt. Bereits als DVD und Blu-ray erhältlich.

FILM trist aber w ­ itzig

Bereits als DVD und Blu-ray erhältlich.

einsam aber nicht allein

THE LIMITS OF CONTROL Die Handlung von ‹The Limits of Control› ist schwer zu umreissen. Vielleicht ist es ein Film über ­Dinge, die man sieht, während man im Café sitzt und Espresso trinkt. Überhaupt geht es wesentlich ums Sehen, während Worte nur wie Verse dahingeworfen werden und meist unbeantwortet bleiben. ­Viele der Aufnahmen, die zum Beispiel minutenlang nur den Ausschnitt eines Zugfensters zeigen, wirken wie Gemälde. Meist filmt die Kamera ein Geschehen, das im Grunde nichts mit dem Haupt­ darsteller zu tun zu haben scheint und ihn doch irgendwie angeht. Kühl und dennoch nicht gleichgültig studiert Isaach De Bankolé, der allein schon für seinen Gang einen Oscar verdient hätte, sein Umfeld, ohne dass der Zuschauer je von seinem Gesicht ablesen könnte, was in seinem Inneren gerade vorgeht. Jim Jarmuschs neustes Werk ist von einem Ernst, den man von dem für seine Ironie bekannten Filmemacher kaum gewohnt ist. Gleichzeitig stilisiert und ästhetisiert Jarmusch hier die Wirklichkeit, experimentiert mit ihr und philosophiert über sie wie kaum zuvor. Das Vergnügen, das der Film dem Zuschauer bietet, ist damit von einer anderen Zeitlichkeit als das der meisten

NORD Irgendwo im Norden Norwegens. Der einstige Skiprofi Jomar lebt von Depressionen geplagt zurückgezogen als Wächter eines Skiparks. Seine einzige Beschäftigung: Dokumentationen über Tunnel­ katastrophen. Die Tristesse seines Alltags wird erschüttert, als er ­erfährt, dass er weiter nordwärts eine 4-jährige Tochter hat. So sieht er, als sein Abendessen versehentlich Feuer fängt, den sich ausbreitenden Flammen einfach zu, bis er sich schliesslich im letzten Moment doch noch entscheidet, aus dem Fenster zu springen. So beginnt, die abbrennende Skihütte im Rücken, Jomars Roadtrip gen Norden. Oder besser gesagt Offroadtrip, denn allein per Schneemobil durchstreift er die verlassenen Berglandschaften Norwegens. Der Film nach der Vorlage des Schriftstellers und ­Drehbuchautors Erlend Loe zeigt die tragikomische Winterreise ­Jomars, die ihn vorbei an kauzigen Einsiedlern des norwegischen Niemandslands durch die einsame Schneewüste führt. Eine sehr ly­ rische und doch humorvolle Metapher für den Versuch, den Berg zu erklimmen, der uns manchmal vom Glück trennt. Ab 7. Januar 2010 im Kino. Bei 90 Prozent der Filme, die sich Peter Rösch ­anschaut, weiss er bereits nach zehn Minuten das Ende. Die anderen 10 Prozent stellt er euch hier vor.

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Cover: Mike Bailey-Gates Herausgeber: Aurum Communication AG, c/o kinki magazine, Mööslistrasse 3, CH 8038 Zürich, www.aurum.ag T +41 44 271 09 00, F +41 44 271 09 02 Geschäftsführung: Mark Mirutz | mark.mirutz@kinkimag.ch Projektleitung: Melania Fernandez | melania.fernandez@kinkimag.ch WERBUNG UND Marketing: Cathrin Michael | cathrin.michael@kinkimag.ch RedaktionSANSCHRIFT: kinki magazine, Mööslistrasse 3, 8038 Zürich T +41 44 271 09 00, F +41 44 271 09 02 Chefredaktion: Matthias Straub (ms) | matthias.straub@kinkimag.ch Stv. Chefredaktion: Rainer Brenner (rb) | rainer.brenner@kinkimag.ch Redaktion: Christina Fix (cf) | christina.fix@kinkimag.ch Florian Hennefarth (fh) | florian.hennefarth@kinkimag.ch Paula Kohlmann (pk) | paula.kohlmann@kinkimag.ch Anja Mikula (am) | anja.mikula@kinkimag.ch Katja Alissa Müller (km) | katja.mueller@kinkimag.ch Florence Ritter (fr) | florence.ritter@kinkimag.ch Rahel Zoller (rz) | rahel.zoller@kinkimag.ch Art Direction: Raffinerie AG für Gestaltung, www.raffinerie.com

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Fotografie: Florian Bachmann, Mike Bailey-Gates, Robert ­Charbonnet, Nicolas Duc, Irina Gavrich, Mark Glassner, Ali Haimovici, Serezha Komarov, ­Bettina Komenda, Nordenholz, Philippe, Mariana Romano, Andreas Speck, Daniel Tischler, Janis ­Weidner, Nicole Maria Winkler, Maria Zieglböck

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(Wert CHF 150.–)

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Illustration: Andrew Clark, Raffinerie AG für Gestaltung, Adrian Riemann Bildbearbeitung, Grafische G ­ estaltung: Anja Mikula | anja.mikula@kinkimag.ch Anna-Tina Kessler | anna-tina.kessler@kinkimag.ch Lektorat: Peter Rösch | peter.roesch@kinkimag.ch Promotion: Denise Bülow | denise.buelow@kinkimag.ch Franziska Bischof | franziska.bischof@kinkimag.ch Freie Mitarbeit: Tin Fischer, Rosalia Frongillo, Fernando Gort, Jean Legras, Roman ­Neumann, Peter Rösch, Patrick von Schulthess, ­Laurence Thio, Roger Tschallener, Romy Uebel

kopfhörer von nitro* (Wert ca. CHF 50.–)

‹sweet and dreamy›-package von lush* (Wert CHF 80.–)

unter allen eingehenden Abo-Bestellungen verlosen wir

einen limitierten ‹Wash me›-Bildband von MINI

Aboservice: www.kinkimag.com/abo | abo@kinkimag.com Online: Orange8 Interactive AG, www.orange8.com Online-Redaktion: Rita Greulich | rita.greulich@kinkimag.ch Florence Ritter | florence.ritter@kinkimag.ch Janis Weidner | janis.weidner@kinkimag.ch Auflage: 50000 Druck: Werk zwei Print + Medien GmbH

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Einzelverkauf/Abonnement: CHF 6/€ 4 (pro Ausgabe)/CHF 58/€ 50 (11 Ausgaben) Ausschneiden und ab damit an: Aurum Communication AG c/o kinki magazine Mööslistrasse 3 8038 Zürich *solange der Vorrat reicht – first come, first serve!

Vertrieb Schweiz: VALORA AG, www.valora.com Vertrieb International: Axel Springer Verlag Vertriebs GmbH, www.asv-vertrieb.de Die nächste Ausgabe des kinki magazine liegt ab 18. Januar 2010 am Kiosk!


Valbella 2 Übernachtungen + 2 Tage Skipass ab 184.-

Grindelwald 5 Übernachtungen + 4 Tage Skipass ab 464.-

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Château d‘Oex 2 Übernachtungen + 2 Tage Skipass ab 169.-

Zermatt 3 Übernachtungen im Doppelzimmer ab 195.-

Die Schweizer Jugendherbergen Die günstige Alternative

Davos 2 Übernachtungen im Doppelzimmer ab 160.-

Die Schweizer Jugendherbergen sind die Alternativen für den oft überteuerten Wintertourismus. Gute Lage, gute Qualität, günstige Preise… Hier drei der vielen Topangebote aus den schönsten Wintersportgebieten der Schweiz. 1. CHÂTEAU D’OEX (VD) Fröhlich und unkompliziert: So präsentiert sich die Jugendherberge Château-d’Oex mitsamt ihren Gästen. Hier im Paysd’Enhaut treffen sich aktive Leute, um die sportlichen Möglichkeiten zu geniessen, ohne dass der Geldbeutel auf die Laune drückt. Schon ab CHF 169.– für zwei Nächte inklusive 2-Tages-Skipass. 2. GRINDELWALD (BE) Die Jugendherberge Grindelwald gehört zweifellos zu einer der komfortabelsten im Alpengebiet! Die herzliche Gemütlichkeit ist geblieben, neu dazugekommen sind moderne Schlafzimmer und zweckmässige Einrichtungen für Einzelreisende sowie auch für Gruppen. Hier verbringt man eine Woche (6 Nächte) inklusiv 5 Tages-Skipass und Abendessen ab CHF 556.–. 3. KLOSTERS (GR) Persönliche, offene Ferienatmosphäre: In den beiden Häusern der Jugendherberge fühlen sich junge Sportfans wohl. An einer der exklusivsten und ruhigsten Lagen im Dorf hast du beste Aussichten auf die majestätische Bergwelt. Fünf Nächte und ein Fünftages-Skipass bereits ab CHF 449.–. Weitere Angebote unter www.youthhostel.ch oder 044 360 14 14


‹Henry & Paul› Die mit den Kinderwagen für Erwachsene. Und den alten Säuglingen. Und den bückenden Müttern.

Sir? Sprich, Henry. Haben Sie sich nicht fast den Rücken ausgerenkt? Ich hätte der Dame helfen können mit ihrem Kinderwagen. Ach was, Henry. So alt bin ich noch nicht. Auch wenn ich die werte Dame mit ihrem Balg über alle Massen verabscheue. Warum das, Sir? Henry, weil sie eisern den Griff festhält, mir ins Gesicht grinst 114 kinki

und mich das schmutzige Rad anfassen lässt. Und mich so erniedrigt – dass ich mich bücken muss. Sir, das ist halt so üblich. Oh, wie ich sie hasse! Und doch zeige ich mein Gerngeschehen-Gesicht. Aber dieselbe Dame will ich sehen, wenn ich mit einem Kinderwagen für Erwachsene ankomme und sie bitte, mir zu helfen. Ich kann nicht ganz folgen, Sir. Henry, ist es nicht unfair,

dass nur die kleinen Gören sich von ihren Müttern herumkutschieren lassen können? Wie schön wäre es, wenn es die Kinderwagen auch für Erwachsene gäbe! Aber… Dann könntest du mich in der Stadt herumfahren, Henry. Und wenn die Sonne scheint, klappst du das Dächlein runter und schmierst mein Gesicht mit Sonnencreme voll. Ebenso grosse Rücksicht erwarte ich

von dir, wenn die ersten Tropfen fallen. Sir… Wie, das würdest du nicht tun, Henry? Sir, also natürlich, aber… Sie können laufen. Aber vielleicht nicht mehr lange, Henry. Und je älter man wird, desto grösser ist die Annäherung zum Kind. Aber das Fläschchen musst du mir nicht mehr geben. Es sei denn, du füllst es mit Whisky. Sir, ich bin skeptisch. Ach, wie würde ich mich freuen, so eine Dame zu sehen, wie sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht hinunterbückt, um dir dabei zu helfen, mich in den Bus einzuladen. Vergnügt kichern würde ich in meinem Thron. Und ihr vielleicht den Schnuller anschmeissen. Was haben Sie eigentlich gegen das Bücken, Sir? Henry, niedriger kann ein Mensch nicht sinken. Man macht den Bückling, man bückt sich vor einem Herrscher und man bückt sich im Gefängnis nach der Seife. Alte Legenden, Sir. Jaja, wie auch immer. Aber gewarnt sollte der sein, der sich bückt. Das Schicksal oder der Horst aus Zelle 8 sticht im ungünstigsten Moment zu. Mit aufrechtem Gang sollte man durch die Welt schlendern und den Gefahren mit geradem Blick ins Auge sehen. Und wenn ein Mann Sie fragt, ob Sie ihm mit dem Kinderwagen helfen können, Sir? Geh mir aus den Augen, Henry. Und gib mir die Flasche. Gerne Sir. Sie haben da noch was am Kinn. Hier, ein Taschentuch. Danke, Henry. Text: Roman Neumann Foto: Philippe


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kinki magazin - #20  

Die 20. Ausgabe des kinki magazines ist seit dem 18. Dezember 2009 für CHF 6.- am Kiosk zu haben. Ergänzende Inhalte zur 20. Ausgabe sowie m...

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