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kinki

nr. 18 okt/nov 2009 chf 6.–

4.–


‹editorial› show me what you got. Liebe Leser. Wir wollen mehr! Wir wollen die neuen Apps fürs iPhone, mehr Friends auf Facebook und noch limitiertere Sneaker von Nike. Wir brauchen einen Platz auf jeder Gästeliste und eine Lieblingsboutique in Berlin. So weit, so gut. Aber auf einmal kommen irgendwelche Organic-Missionare und fordern den Verbrauch regionaler Lebensmittel oder den Boykott von Textilprodukten aus Vietnam. Die wollen uns doch nur den Spass verderben! Öko-Bünzlis! Und dann kommen sie noch mit pseudo-intellektuellen Fremdwörtern wie ‹Nachhaltigkeit› und ‹Suffizienz›. Was soll das denn bedeuten? Also gut, wenn dadurch die Welt besser wird, fliegen wir dieses ­Wochenende nicht zum Shoppen nach London, sondern treffen uns bei Dosenbier am Walensee. Geht auch. Macht sogar ein bisschen Spass und wenn es sein muss, können aus Bierdosen beim nächsten Mal Pfandflaschen werden. Vielleicht braucht man wirklich nicht jeden Hype mitzumachen und die ganze Zeit zu konsumieren, was uns von der Indus­trie ins Hirn gepustet wird. Kommt doch eh niemand mehr hinterher. Apropos hinterherkommen: das Taxi ist da, schnell einsteigen, sonst beginnt der Pre-Sale ohne uns! In diesem Sinne, eure von Verzicht geprägte kinki Redaktion kinki

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WeSC activists Lady Tigra and Chris Pastras contributing to ”WeAretheSuperlativeConspiracy” Pick up a copy at your nearest WeSC retailer. For more information visit www.wesc.com


www.fenchurch.com


‹content› Standard 3 10 12 12 19 108 112 114

Editorial Content Gossip Agenda Klagemauer Media Abo / Impressum Henry & Paul

Report 20 30 34 36

Islam ist das Leben Drink or Drown Querschläger: Queen Ein Elektromentarfilm der ­Sehnsüchte 38 Bis die Hirnmasse spritzt 40 Zehn Minuten mit Simon Lamunière

Sound 42 46 48 50 52 54 58 60

Interview: Zé Interview: Bela B Interview: Wild Beasts Playlist: Radiorifle Interview: Fan Death La Nouvelle Vague Suisse Soundcheck Album des Monats: Dublex Inc.

Fashion 62 ‹Class of 1977› von Jonas Kündig 70 Vive la Fragrance 72 Van Bery: Pour les filles qui parlent avec les mains 76 ‹The Campus› von Gemma Booth 84 Vertreter: Buffalo

Art & Co.

86 Jan Kiefer: Kopfkunst fürs Auge 94 David Shrigley: Den Schelm im ­Nacken 96 Johannes Tiepelmann: ­Halb­höhenlage 98 Top Notch Gallery: Milieu Artspace Bern 100 James Ari King: Der ungekrönte ­König 110 Heimatland

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‹contributors›

Alice Smith

Gemma Booth

R   oman N   eumann

Jonas Kündig

Nach etlichen Reisen und Auswan­ derungsversuchen hat sich Alice Smith schliesslich entschieden, eine Ausbildung anzufangen: Sie ver­ sucht sich nun im Übersetzen an der Zürcher Hochschule für Ange­ wandte Wissenschaften und ent­ schädigt ihre Fernsucht mit kleinen Fotografie-Trips durch Europa. ­Linguistikstudium hin oder her, was sie am meisten interessiert sind Menschen und ihre Geschichten. Zum Beispiel jene der elf Muslime, die sie für den Artikel ‹Islam ist das Leben› besuchte und inter­ viewte. Die Chance, dieses leider immer noch von vielen Vorurteilen geprägte Thema von einer ganz neu­ tralen Seite zu beschreiben, liess sie sich nicht entgehen. Alices Vor­ urteil hat sich jedenfalls bestätigt: Muslime sind – genau wie wir – ein­ fach Menschen mit Geschichten, wie alle anderen auch. – S. 20

Roman Neumann ist ein leidenschaft­ licher Menschenhasser mit einem ausgeprägten Sinn für Alltagsroman­ tik. ‹Der muntere Reigen der men­ schlichen Probleme› vermittelt ihm nach eigener Aussage ‹das Gefühl unendlicher Traurigkeit, unterbrochen von hysterischem Amüsement›. ­Wertvorstellungen, Ideale oder Hob­ bys besitzt er keine. Und trotzdem hat er von nun an einiges zu tun: je­ weils auf der letzten Seite des Hefts beehrt Roman uns nun immer mit den skurrilen Dialogen seiner imaginären Freunde Henry & Paul, welche auf www.kinkimag.com schon seit einigen Wochen ihr Unwesen treiben. – S. 114

Nach ihrer Ausbildung zur Graphic Designerin wechselte die heute 35-jährige Engländerin Gemma Booth ziemlich schnell zur Fotografie: sie arbeitete als Bildchefin des ­legendären Magazins ‹The Face› und veröffentlichte dort immer öfters auch ihre eigenen Fotos. Bald schon entschied sie sich, von nun an lieber selber Bilder zu knipsen, als jene von anderen zu beurteilen. Ihre ­verspielten und schlichten Mode­ fotografien begeisterten immer mehr Magazine und Werbekunden aus ­aller Welt, mitunter auch grosse Na­ men wie die japanische Vogue, I-D oder Vanidad sowie Paul Smith, American Eagle und Roxy. Mit ihrer wunderschönen Modestrecke ‹The Campus› in diesem Heft be­ scherte sie uns ein paar letzte golde­ ne Sonnenstrahlen. – S. 76

Obwohl die Personen, die Jonas in seiner Fotostrecke ‹Class of 1977› fotografierte, allesamt dreizehn ­Jahre älter waren als er selbst, und sich der angehende Hotelfachmann eigentlich eher seinen Hausauf­ gaben hätte widmen sollen, anstatt nachts durch die Wälder zu streifen, beeindruckte der Zürcher alle durch seine ruhige und routinierte Art. Weder die grölende Meute, die in unmittelbarer Nähe Parolen ­herumschrie, noch die stockfinstere Dunkelheit vermochten es, Jonas aus der Ruhe zu bringen, und so entstand nach einem kurzweiligen und lustigen Abend eine authenti­ sche, tolle Fotostrecke. Das mit den Hausaufgaben hat er übrigens auch noch hingekriegt. Hoffen wir zumindest. – S. 62

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‹gossip›

as cool as berlin

‹agenda›

10 5.9.–15.11.

darkside II – fotografische macht und fotografierte gewalt, krankheit und tod Fotomuseum Winterthur 21.10.

eagles of death metal (usa) Fri-Son, Fribourg 22.–25.10.

jungkunst - junge kunst mit shop, lounge, bar und musik Ein modisches Traumpaar: das Label ‹Julia and Ben› aus ­Berlin ­landet mit seinen Kreationen hoffentlich auch bald ­hier­zulande bei Urs und Regula. 

Wir sind mal wieder Hals über Kopf verliebt. Dieses Mal in ‹Julia and Ben›. Die beiden ESMODAbsolventen entzücken und entrücken uns mit ihrer Mode, die sie selbst als ‹klassisch, mit einem Twist› bezeichnen. Julia sorgt für das zeitlose Element der Kollektionen, wohingegen Ben sich gerne mal in den avantgardis­ tischen oder auch sportiven Weiten verliert. Dabei finden Julia und Ben ihre Inspirationen in einer Farbe oder auch einem Schatten, der eine Form auf den Boden malt, während sie auf den Bus warten. Gegründet wurde das Label in Bens Kunstgalerie in Berlin Mitte, die die beiden kurzerhand

in ihren Flagship Store, den JBSpace, umwandelten. Mittlerweile lieben aber nicht nur wir diese Teile mit offenen Kanten, asymmetrischen Schnitten im betont lässigen Berlin-Look, die von Julia und Ben künstlich dem Alterungsprozess ausgesetzt werden, was dem jeweiligen Stück seinen individuellen Charakter verleiht, sondern auch Fashionistas fernab unserer Breitengrade in Japan, den USA und Korea. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Wir hoffen ganz fest auf eine baldige StoreEröffnung in der Schweiz! (am) www.juliaandben.com

Cityhalle (Dachgeschoss), Winterthur 25.10.

micachu and the shapes (uk), the invisible (uk)

Club Zukunft, Zürich 27.10.

ebony bones (uk)

Südpol, Luzern 28.10.

nouvelle vague (f) Bierhübeli, Bern 29.10.

glory hazel - porno mit potential Cabaret Voltaire, Zürich 31.10.

global ghetto anthems feat. schlachthofbronx (de) Südpol, Luzern

11 4.–8.11.

13. internationale kurzfilm­tage winterthur 6.11.

hübsche wohlfahrt So kann man sein Gewissen auch beruhigen: hatten wir uns bis vor kurzem noch in die Knie geschämt, wenn wir mit einem neu erbeuteten Paar Schuhe ein ­Geschäft verliessen, so können wir neuerdings nach dem Schuhkauf beruhigt sein, etwas Gutes getan zu haben: zumindest wenn es sich dabei um ein Paar ‹Toms› handelt. Die Treter wurden mit der Prämisse gebildet, dass mit jedem gekauften Paar Toms ein ­notleidendes Kind ein Paar neue Schuhe erhält. Frei nach dem 12

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Motto: wie ich mir, so ich dir… oder so. Die Geschäftsidee kam dem amerikanischen Globetrotter Blake Mycoskie 2006, als er in Argentinien Kinder barfuss sah. Seitdem hat Toms über 140 000 ­Schuhe an notleidende Kinder­ füsse gebracht. Ach, wenn Charity doch nur immer so gut aussehen würde wie etwa die silberglänzenden Silber-Slippers aus der aktu­ ellen Kol­lektion: wir ­hätten längst schon die Welt gerettet! (am) www.tomsshoes.com

cluberöffnung revier ReVier, Zürich 10.11.

depeche mode (uk) Palexpo, Genf 12.11.

stella contemporary ­fashion award night

Schiffbau, Zürich 12.–14.11.

tanztage basel Kaserne, Basel 13.–16.11.

kunst 09 zürich, 15. internationale messe für gegenwartskunst ABB Halle 550, Zürich 14.11.

white lies (uk), darker my love (usa) Kaufleuten, Zürich


GOLD now.

outside is in.

Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu. Fumer nuit gravement à votre santé et à celle de votre entourage. Il fumo danneggia gravemente te e chi ti sta intorno.


her damit Auf allet-ohneschminke.blog.de wird jeglicher ­Hunger nach neusten modischen Trends gestillt. 

‹Allet ohne Schminke› – das sind Camille und Annika, zwei Berliner Gören, beide 23 Jahre alt. Auf ihrem Blog kann man – besonders wenn man Frau ist – Stunden verbringen. Und wenn ich Stunden sage, meine ich auch Stunden. Schaut man hier ab und an vorbei, verpasst man in Sachen Mode sicher nichts. Die Schuhe, Kleider und Accessoires, die hier präsentiert werden, sind so liebevoll ausgesucht, dass man sich unter den Fotos eine Taste ‹Ab in den Kleiderschrank› wünscht. Nebenbei erfährt man auch eini-

ges über die Mädels selbst, was dem ganzen eine sehr persönliche Note verleiht. Dabei halten sie sich aber dennoch so diskret zurück, dass man neugierig wird. Nach einer halben Stunde auf Allet Ohne Schminke hat man das Gefühl, zwei tolle neue Freundinnen gefunden zu haben. Und dringend ganz viel Geld ausgeben zu wollen. (pk) www.allet-ohne-schminke.blog.de

modische fanfare In London kann man nicht nur ­Guinness trinken, Fussball schauen, Pool spielen, bei Marks & Spencer Functional Food kaufen und bei Topshop shoppen. Nein, man kann auch Englisch lernen und im Pub sei­nes Vertrauens einen Musikproduzenten, zum Beispiel Reno Inchenko, kennenlernen und kurzerhand gemeinsam eine Geschäftsidee entwickeln. So geschehen im Leben der ­französischen Interior Designerin Julie Rouzioux. Und weil Musik und Architektur auf den ersten Blick nicht allzu viel gemeinsam haben, stellte sich die gute alte Kupplerin und der gemeinsame Inte­ ressensnenner Mode zwischen die beiden. Statt gemeinsamer PubAusflüge folgte die Arbeit an der Frühlings-/Sommer­kollektion 08. Das Label White Trumpet war geboren. Mit Fransen, Nieten, ­Löchern und geometrischem Patchwork entlockten sie dem Stoff ­ei­genartige Musterungen und entzückten mit einer ungewöhnlichen in Gelb-Schwarz-Grau-Tönen gehaltenen Kollektion. Die Herbst-/Win­terkollektion 09/10 steht indes den vorhergehenden in nichts nach. ­Wiederum arbeiteten Inchenko und Rouzioux mit ihren Keypieces – ­lange Shirts, kurze Röcke und Kleidchen – und zauberten diesmal ­anhand von Kordeln und kreisrunden Löchern 14

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ungewohnte Formen. Die Kordeln finden sich in T-Shirt umschlingenden, symmetrischen Ges­t ältchen wieder, die Inchenkos ­ Faible für Geometrie verraten und uns an Pornoutensilien erinnern. Dennoch befinden wir die Kollek‹White Trumpet› aus London blasen ­frischen Wind in die Modewelt und schlagen dabei erfrischend neue Töne an.

tion für äusserst tragbar und vi­suell er­frischend. Wenn wir also das nächste Mal nach London pilgern, steht ­neben dem Guinness White Trumpet auf dem Programm! (fr) www.whitetrumpet.co.uk

gimme gummi Seien wir doch ehrlich: auch wenn wir alle wissen, wie wichtig es ­eigentlich ist, sich beim Sex zu schützen, gerät das Thema Aids- und GeschlechtskrankheitenPrävention doch leider immer ­wieder ein bis­schen in Vergessenheit. Vor allem, weil viele Projekte und Präventionskampagnen leider nicht wirklich die jünge­re Zielgruppe erreichen. Der Schweizer Snowboardprofi Daniel ­‹Gummi› Rietmann hat es sich nun mit seinem Projekt ‹GummiLove› zur Aufgabe gemacht, seinem Namen alle Ehre zu machen und ebendiesen für einen guten Zweck ein­zusetzen. So präsentiert sich das Label ‹GummiLove› mit allerlei Kollaborationen mit verschiedenen Bekleidungs- und Snowboardlabels und überzeugt dabei nicht nur mit tollen Produkten wie T-Shirts, Bandanas, Caps, Signature-Kondom­boxen, sondern auch mit einer ordentlichen Portion ­Humor. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger Angst zu schüren, ­überzeugen GummiLove und seine verschiedenen Ambassadors aus der Welt des Snowboardens, der Musik und Kunst nämlich viel ­lieber mit ihrer Lebensfreude und rufen uns somit das ­‹Verhüeterli› nicht mit der gewohnt medizinischen Ernsthaftigkeit ­einer Apotheken­verkäuferin in Erinnerung. Oder wie es Snowboardlegende und Gum­miLoveAmbassador Nicolas Müller treffend ausdrückt: ‹Love in the air, feet on the ground!› Wer das Projekt unterstützen möchte, mehr über GummiLoveKollektionen und -Kollaborationen ­erfahren will, oder einfach nur Gummi himself in Action (im Schnee, nicht im Bett!) sehen mag, der sollte unbedingt einen Blick auf die ­Homepage werfen. (rb) www.gummilove.com


kunst aus dem jungbrunnen

Es soll nicht wie ein verjüngter Van Gogh oder ein botoxierter Picasso aussehen und doch ver­ körpern der Meister Werke eigentlich das Credo der Jungkunst: die Faszination der Einmaligkeit. Da Originale laut Jungkunst-Konzept

Geschichte atmen und Persönlichkeit ausstrah­len, haben sie sich zum Ziel gesetzt, jegliche Kunstdrucke von den Wänden zu verbannen. Ob auch die Jungkunst-Exponate Geschichte atmen, mögen wir bezweifeln, schliesslich bieten

die Künstler in zweierlei Hinsicht junge Kunst an: die Originalwerke entsprechen einer zeitgenössischen Kunstform und sind erst vor kurzem dem Genie ihrer ­Macher entsprungen und somit garantiert staubfrei. Jährlich wartet die Jungkunst mit ambitionierten Persönlichkeiten aus der zeitgenössischen Kunstszene auf und bietet jungen Kunstschaffenden eine reale Plattform für reale Kunst. Vom 22.–25. Oktober 2009 ­bietet sich die Möglichkeit, in den kunstdruckfreien Räumlichkeiten authentische und inspirierende Kunstluft zu schnuppern sowie sich in sein erstes Original zu verlieben, das – trotz wertvoller ­Einmaligkeit – den Jungverdiener nicht ruinieren wird. Jungkunst: 22.–25. Oktober 2009, City Halle Winterthur. (fr) www.jungkunst.ch

villa kunterbunt Räumliche Kunst und Hausmusik sind in der Villa am See Bestandteil der Ein­ richtung. 

Dass sich in und um Zürich unglaublich viele leerstehende – oft wun­derschöne – Liegenschaften finden, dürfte nicht nur den Hausbesetzern unter uns auf­ gefallen sein. Doch nicht nur hartgesottene Punker und Tramper

nehmen sich dieses Umstands an, auch in der Kunstszene streckt man die Fühler nach unbeherbergten Häusern aus. So wird die ­verträumte mieterlose Villa an der Seestrasse 426 in Zürich Wollisho­fen von Mitte September dieses Jahres bis Januar 2010 kurzerhand in eine temporäre Galerie verwandelt, die mit einem breit gefächerten Programm wesentlich zur kulturellen Seele der Stadt beitragen wird. Ungefähr vier Monate lang ist die ­Villa am See gleichzeitig ein einzigartiger Ausstellungsraum für Gegenwartskunst junger Artists wie Innocent INK, Wildbolz, Celine Quadri, Marc Bundi und Spoke, die in der Ausstellung ‹Hausroboter› im September je einen der wunderschönen Räume der Villa gestal­

teten. Auf weitere Ausstellungen und Konzepte der Organisation ‹Im Kasten›, die das Projekt unter dem Namen ‹United Nations of ­Colors› kuratiert, darf man gespannt sein. Ausserdem wird in der Villa nicht nur betrachtet und ausgestellt, sondern auch getanzt, bis sich die Balken biegen: die Agentur PowPow Happenings sorgte nämlich bereits am 19.9. für die rich­tige musi­kalische ­Untermalung der Kunst­werke. (rb) www.imkasten.org, www.powpow.in

der splätterlikasper ist da

In unseren Kinderjahren kamen wir an ihm nicht vorbei: an Kasperli, der Handpuppe, und an Jörg Schneider, seiner Originalstimme. Kasperli, der mit seinen Erlebnissen die Welt auf den Kopf stellte und – anders als der konservative (heute als rassistisch bezichtigte) Globi – auch mal auf pädagogisch wertvolle, moralische Geschichten verzichtete und sich von seiner derb-naiven und komischen Seite zeigte. Und was das Kinderherz freut, das ­lieben die Erwachsenen erst recht, so dachten die Gründer des ­Luzerner Splätter­litheaters und machten sich daran, das tradi­ tionelle Handpuppentheater mit Trash, Splattereffekten und ­noisigen Klangcollagen aufzupimpen. Kasperli führt Kettensägen spazieren und ist schon mal gerne der letzte Überlebende des Stückes, wobei natürlich alles mit rechten Dingen und mit viel Kunstblut ­ zu- und hergeht. Schon zum sechsten Mal in vier Jahren steht eine neue Produktion auf dem Programm, die da heisst: ‹Em Schnäuzli sine letschti Kampf›. Es geht hinab in die Abgründe der Stadtkanalisation, wo der untote Diktator Schnäuzli auf seine ­zweite Chance lauert! Seine Schergen, hauptsächlich sein debiler Sohn Joggeli, kriechen an die Oberfläche, um sich auf die Suche nach einem neuen Hirn für ihren Führer zu machen! Nazi-­ Klone, blutige Gehirnoperationen und ein mutiges Mädchen mit ­einem Samuraischwert machen dann dem Bösen den Garaus! Und wer jetzt mit erhobenem Finger ob der Unlustigkeit der Thematik schimpft, der hat nix verstanden und sollte sich vom humorvollen Kasperli die Ohren waschen lassen. Beim Splätterlitheater sind die Tarantinos unter den Pup­ penspielern am Werk und bieten ein Puppentheater für Erwach­ sene und tolerante Kinder: vorzügliche Unterhaltung! (fr) www.splaetterlitheater.ch

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engadiner bergkäse

Nicolas Müller wird beim Hit the Cheese in St. ­Moritz nicht nur beim Fondue mitmischen.

Nein, in St. Moritz trifft man sich nicht nur zu Events wie Pferderennen, Luxusshopping oder zum Curling, sondern seit nun bald vier Jahren auch einmal jährlich zum

berühmt-berüchtigten Snowboardcontest ‹Hit the Cheese›! Am 20. und 21. November wird sich beim Hit the Cheese nicht nur die Crème de la Crème des Snow-

face to face 2009 Die Designkonferenz ‹Face to Face› bringt seit 2001 Menschen aus der Wirtschaft und der Kreativbranche in einem aussergewöhnlichen Kontext zusammen. Unter dem Motto ‹in dialogue we trust› werden fernab von langweiligen und verstaubten Konferenzen Projekte rund um Design, Architektur und Wirtschaft präsentiert. Alles in verschiedenen Veranstaltungsformaten wie zum Beispiel dem ‹F2F Open›. Dank dessen Motto ‹Das Geheimnis ist das Geheimnis› melden sich die Teilnehmer an, ohne zu wissen was sie erwartet. Erst bei der Ankunft wird ein verschlossener Umschlag mit dem geplanten Programmablauf überreicht, der die Überraschung enthüllt. So kann es – wie im letz16

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ten Jahr – passieren, dass man sich plötzlich im Bademantel die Präsentation des Kommunikationskonzepts des frisch renovierten Badhauses Boll ansieht, bevor man im Schwimmbecken mit zukünftigen Kollegen plaudert. Klingt doch erfrischend, oder? Anmelden kann man sich ganz einfach auf der Internetseite. Was einen auf der diesjährigen F2F9 erwartet, die vom 12.–14. November in der Film-, Medien- und Designstadt Ludwigsburg stattfindet, ist noch streng geheim. (pk) www.face-to-face.eu

boardsports – ­darunter Nicolas Müller, Markus Keller und Iouri ­Podladtchikov – mit den Gewinnern der Qualifikation messen, nein, auch andere Milchprodukte werden natürlich verehrt und verzehrt. Gummi und Co. sparen nämlich nicht mit kulinarischen Köstlichkeiten und versorgen Fahrer und Zuschauer mit leckeren Käse­ spezialitäten! Wer etwas zu viel von streng riechenden Schmankerln erwischt hat, der darf sich natürlich an der Party am Samstag zu den Klängen von unterschiedlichsten DJs bis tief in die Nacht die Beine zu stampfenden Beats vertreten oder bei der Film­premiere von Patrick Armbrusters neuestem cineastischen Werk ‹Neverland› die Snowboardschuhe hochlegen. Ein Besuch lohnt sich daher auf jeden Fall: sei es, um sich endlich mal mit den Pros zu ­messen, um Party zu machen, oder einfach nur der stinkigen Deli­ katessen wegen. (rb) Weitere Info und Anmeldefristen findet ihr unter www.hitthecheese.com

pop-up-menu Auch wenn man nicht zu den Jamie Olivers oder Andreas Caminadas dieser Welt gehört, gibt es nun eine Möglichkeit seinen Liebsten oder seine Liebste gekonnt mit einem 5Gänge-Menü gehörig zu beein­ drucken: Dank der Gourmet15box kann sich nun ein jeder von uns hinter dem Herd gross aufspielen. Die Lebensmittelingenieure Susanne und Martin Schanz aus Bern liefern die Gerichte mittlerweile schweizweit in einer kleinen Box nach Hause. Morgens per Kurier geliefert, müssen die in etikettierten Behältern noch schlummernden Gerichte nur noch 15 Minuten zubereitet werden und – kadsching: fertig ist das Gour­metmenü! Fünf Gänge kosten 47.– CHF pro Nase und Mund. Mit kinki könnt ihr euch aber sogar diesen unschlagbaren Preis sparen, denn wir verlosen 1 Candle Light Dinner für 2 Personen inklusive Wein und Lieferung in die ganze Schweiz. Einfach eine Postkarte mit Stichwort Gourmet15box an die kinki ­Redaktion, Mööslistrasse 3, 8038 Zürich schicken. (am) www.gourmet15box.ch

day and night Erinnert ihr euch noch, wie herrlich es als Kind war, an gemütlichen Sonntagen 24 Stunden im Schlafanzug herumzurennen? Nun, irgendwann hat Mama dann doch genug gehabt und spätestens wenn Besuch kam, musste anständige Kleidung her. Bei den neuen Einteilern von Pyjamatz können die Eltern nichts mehr auszusetzen haben. Sieht nämlich ziemlich fesch aus, so ein Nikki-PlüschAnzug. Etwas nach märchenhafter Verkleidung à la Aladin, aber immerhin nicht nach Schlafanzug. Die bunten Wohlfühl-Einteiler sind für 2- bis 10-Jährige und kosten zwischen 82 und 88 Franken. Ein Blick auf die geheimnisvoll gestaltete Homepage mit Bildern von Modefotograf Walter Pfeiffer lohnt sich definitiv. Allerdings ist das Portal so kunstvoll gestaltet, dass der wahre Zweck der Seite – nämlich zum Kaufen der Einteiler anzustiften – etwas untergeht. (pk) www.pyjamatz.ch

Was tut man nicht ­alles, damit die lieben Kleinen gut schlafen… Pyjamatz engagierten für ihre ex­klusive Gutenachtgeschichte sogar den Modefotografen Walter Pfeiffer. 


Das neue Rivella Gelb.


‹kinkimag.com›

roy andres hofer Diesen Monat widmen wir uns auf www.kinkimag.com/art, in unserer Young Art Rubrik, ganz den jungen Kunstschaffenden, die vom 22.–25. Oktober in Winterthur an der Jungkunst ihre Werke präsentieren. Auf unserer Web-­ site findet ihr die Profile ausgesuchter Künstler, die – wie an der ­Ausstellung selbst – die Lust auf authentische Kunst und die Fas­ zination für Originale wieder erwecken sollen. Einer der porträtierten Künstler ist Roy Andres Hofer, der sich mit einem breiten Spektrum an Techniken (Malerei, Fotografie, Illu­s­tration) immer wieder dem Thema der Globalisierung verschreibt. Sein Hauptwerk ‹royglobalized› befasst sich insbesondere mit der weltweiten Verbreitung von Marken und Brands durch die Medien und das Internet. Die endlose ­Reihe besteht in erster Linie aus Malereien von städtischen Ballungszentren, Gebäuden oder unbelebten ‹Shopping Malls›, die in Subkategorien wie ‹made in china› und ‹le tokio› oder ‹dead malls› mit unterschiedlichen Techniken weiter verfolgt und vertieft werden. Roy Andres Hofers Werk verspricht eine kritische Auseinandersetzung sowie eine persönliche Dokumentation von ineinander greifenden Themen wie Globalisierung, Urbanität, Konsum, Massenmedien oder Identität.

Globalisierungskritik in Pinselstrichen: die Werke von Roy Andres Hofer können diesen Monat unter ‹youngart› bestaunt werden.  

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wechsel als konstante Die isländische Band mit dem schwierig auszusprechenden und dennoch so wohlklingenden ­Namen Múm legt sich nicht gerne auf festgefahrene Muster fest. Weder was ihre Musik angeht, die sich verschiedenster Einflüsse und Inspirationen bedient, noch ihre Besetzung: der ständige Wechsel scheint bei den experimentierfreudigen Soundtüftlern die einzige Konstante zu sein. So spielten Múm mit Orchestern zusammen, komponieren Filmmusik und sind ständig auf der Suche nach längst verschollenen oder seltenen Musikinstrumenten, um ­ihren Sound zu komplettieren. Katja Alissa Müller sprach mit Frontmann Gunnar darüber, woher Múm diese riesige Menge an Kreativität hernimmt, warum sich die Band trotz der ständig ändernden ­Besetzung dennoch wie eine kleine Familie anfühlt, und natürlich auch über die tiefere Bedeutung des Bandnamens. Ausserdem verrät uns Gunnar, was der Kanarienvogel seines Bandkollegen Örvar zum neuen Album beigetragen hat.

einmal haifischbecken und zurück

max ruf

Der Künstler Max Ruf hat sich ganz der Malerei und der Illustration verschrieben. Mittels Acryl­ farbe interpretiert er unterschiedliche Themen der Gegenwart mal naturgetreu, mal perspektivisch leicht verzerrt. Die Inhalte erstrecken sich von der belebten Stadt bis hin zur Natur und überraschen immer wieder mit Motiven, dessen malerische Umsetzung man nicht ­gewohnt ist. Zurzeit arbeitet Max Ruf mit dem Künstler Jan Kiefer am Projekt OCA, über das ihr auf Seite 86 mehr erfahrt. In Winterthur stellen die beiden Künstler ihre jeweilige Antwort oder Bearbeitung einzelner Fragen des OCA-Tests aus, auf www.kinkimag.com/art seht ihr Auszüge davon sowie einen Querschnitt durch Max Rufs Werk.

und sonst? Drogendealer, Exilschweizer, eine Gang High School Kids und ­Seifenblasenpistolen-Verkäufer. Damit muss man sich herumschlagen, wenn man aus der Schweiz nach NYC kommt und die Menschen vor Ort überzeugen möchte, dass man verdammt gute Musik spielt. Wie die Züricher Band Dee Day Dub auf ihrer ersten US-Tour den Sprung ins Haifischbecken erlebt und gemeistert hat, und wie sie es sogar bis in die Ausgabe des East Coast Rocker Magazines schafte, könnt ihr im Tour-Bericht auf unserer Website nachlesen.

Das ist aber selbstverständlich noch lange nicht alles, was wir diesen Monat für euch auf www.­ kinkimag.com bereithalten. Nebst der vielen interessanten News, Kolumnen, Wettbewerbe und Reviews auf unserem Blog bieten wir euch nämlich auch im Oktober viele Video-Neuheiten, exklusives Material und Ergänzungen zu den Artikeln im Heft! Und für alle, die schon jetzt übers schlechte Wetter, Herbstdepressionen oder per­ sönliche vorwinterliche Krisen klagen, bietet sich natürlich auch die allseits beliebte Klagemauer an, auf welcher ihr eurem Frust freien Lauf lassen könnt! Ein Besuch auf www.kinkimag.com lohnt sich also in jeder Gemütslage.


klagemauer Dein Meerschweinchen hat dich heute gebissen? Deine Freundin steht auf DJ Bobo? Die Welt ist böse? Zürich geht dir auf den Sack? Dein Lover hat deinen Geburtstag vergessen? Egal was dich gerade stresst oder nervt: auf kinkimag.com unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

meine unentschlossenheit und die daraus resultierende innere unruhe. mach mal die musik leiser, herzklappe. rosamundepilchia | die 0-8-15 kunst schätzer, die stundenlang die mona lisa betrachten und danach nicht mal deren Augenfarbe wissen. Geht und bildet euch ne eigne Meinung!!! Toshiro | Am Morgen war ich zu müde, um zu ficken und jetzt ist meine Liebe bei der Arbeit. Was bleibt mir ausser dieser vergebenen Chance auf Frühsport nachzutrauern und den Job meiner Freundin zu verfluchen? Blake | PopElectro. City-Scheiss | dass alle sagen, ich hätte ne psychologische plattensammlung und damit auch noch recht haben. daphned | dass ich nicht jede nacht von ausserirdischen entführt werde. mein leben ist so langweilig und ich bin selbst schuld weil mein herz nicht laufen kann kuhfladndorf | behaarte botox lippen Anonymous | Das neue Statussymbol Nr. 1, Küchen. Man wechselt sie wie Kleider, Kleider im Wert einer Mercedes S-Klasse.... gin

art on art.

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ISLAM IST DAS LEBEN Moscheen, Bärte, Schleier. Anstatt einen unverstellten Blick auf das Leben Schweizer Muslime zu werfen, ­beherrschen meist Vorwürfe und Vorurteile das öffentliche Bild. Unsere Autorin Alice Smith und die Fotografin Sandi Kozjek trafen elf Menschen, die jeweils auf ganz eigene Art nach den Geboten des Koran leben, und stiessen dabei auf Lebensgeschichten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

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Elvira Zukanovic: ‹Es gibt keine Entschuldigung für Unwissenheit mehr.›

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Elvira Zukanovic aus Bosnien 1988, im Alter von 16 Jahren zu ihrem Vater und ihrer Schwester in die Schweiz gekommen. Getroffen: Bei ihr zuhause. Sie hat gerade das Wohnzimmer neu gestrichen, die Wände sind orange, es gibt türkischen Kaffee und Gebäck.

Elvira ist 1992 mit dem Islam in Berührung gekommen. 1992 ist der Krieg ausgebrochen in Ex-Jugoslawien. Weshalb Menschen umgebracht werden, nur weil sie muslimisch, katholisch oder orthodox sind, hat sie nie verstanden: ‹Wir leben zusammen, trinken Kaffee zusammen, sind befreundet und dann bringen wir uns gegenseitig um?› Sie fing an, sich mit Religion zu beschäftigen; der Islam war ihr am nächsten, obwohl ihre eigene Familie ihn nicht praktizierte und auch niemand in ihrem Freundeskreis denselben Weg ging. 1998 pilgerte Elvira nach Mekka – ein unvergessliches Ereignis. Seither verdeckt sie ihr Haar mit einem Kopftuch. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Die Verwandten akzeptierten es. Es waren andere in ihrem Umfeld und auf der Strasse, die ihr das Gefühl gaben, ständig sagen zu müssen: ‹Ja, ich bin’s! Ich bin dieselbe Person!› Anfangs hatte sie immer Antworten gesucht zur Frage, warum sie in den Augen der Menschen schlechter war als eine Person ohne Kopftuch, die Schlechtes tut. Inzwischen hat sie gelernt, dass sie es nicht jedem recht machen kann und bemerkt die Blicke nicht einmal mehr. ‹Vielleicht sind sie weniger geworden, vielleicht fällt es mir nicht mehr auf.› Elvira ist jetzt Mutter von zwei Mädchen, Übersetzerin und hat gerade ihr Diplom in Islamwissenschaft erhalten. Sie spricht Deutsch und Serbokroatisch, hat in der Schule in Bosnien Russisch und Latein gelernt und natürlich kann sie Arabisch lesen. Es gibt immer wieder Verwirrungen wegen dem Kopftuch: Im Spital warteten sie und zwei Freundinnen einmal auf Testresultate, die eine trug ein Hijab wie sie, die andere nicht. Der Arzt habe automatisch die Frau ohne Kopftuch angesprochen – weder die Islamwissenschaftlerin links noch die Germanistin rechts von ihr – und sie gefragt, ob sie vielleicht übersetzen könne. Die Germanistin musste unterbrechen: ‹Entschuldigung, ich bin die Übersetzerin, die Frau versteht kein Wort.› ‹In der Schweiz sähe man es am liebsten, wenn die Frauen ihr Kopftuch ausziehen würden›, meint Elvira. Sie denkt viel darüber nach, was Anpassung heisst. ‹In Bosnien ist es egal, wenn es um Mitternacht noch laut ist auf der Strasse. Hier ist um 10 Uhr Schluss. So passe ich mich an. Und wenn auf dem Plan steht, dass der Müll am Freitag abgeholt wird, dann stelle ich den Müll am Freitag und nicht am Montag raus. Das ist Anpassen.› Aber bestimmt nicht das Kopftuch ausziehen: ‹Wenn ich in dem, was ich trage, eingeschränkt werde, dann heisst das, dass es hier eine Form gibt, in die man passen muss. Dann muss man auch zu lange Beine abschneiden! Man wird geformt oder man geht.› Es gäbe eine Ausnahme, in der sie das Hijab ausziehen würde: Wenn sie ihre Kinder nicht 22

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ernähren könnte, weil sie keine Arbeit findet. Man sündigt, wenn man das Leben nicht ehrt. Elvira kann den Missmut und die Angst verstehen, wenn man auf etwas trifft, was einem völlig fremd ist. Allerdings sei der Islam heute überall präsent. ‹Es gibt keine Entschuldigung für Unwissenheit mehr.› Sie sähe am liebsten einen Werteunterricht in der Schule. Sie würde sich freuen, wenn ihre Kinder während des Religionsunterrichts nicht frei hätten, sondern die Unterschiede zu den anderen Religionen kennenlernen würden. ‹Wir haben vielleicht eine andere Religion, aber jeder hat eine Verpflichtung gegenüber anderen Menschen!›

Imam Sabahudin Sijamhoszic aus Bosnien vor 3 Jahren in die Schweiz gekommen. Getroffen: In der Cafeteria der Bosnisch-­ Islamischen Gemeinschaft. Zu Kaffee aus der Kaffeemaschine, wir unterhalten uns auf Englisch.

Sabahudin hat nach wie vor das Gefühl, fremd zu sein. Nicht nur in diesem Land, sondern auch in seiner Heimat: Selbst unter Bosniern fühlt er sich als Fremder. Er fühlt auch einen enormen Druck von aussen, der sich zuletzt in der Minarett-Initiative gezeigt hat. ‹Die Leute mögen die Muslime nicht so, wie sie sind. Manche verhalten sich uns gegenüber, als wenn wir aus dem Dschungel kämen – dabei ist Religionsfreiheit ein Menschenrecht.› Allerdings hat er noch keine schlechten Erfahrungen gemacht als Muslim – wahrscheinlich weil man als Mann nicht auffällt, meint er. Trotzdem: Dass Frauen diskriminiert werden wegen ihrem Kopftuch, das passiere auch in Bosnien. Sein schönster Moment hier war die Eröffnung des Bosnisch-Islamischen Zentrums im letzten Jahr: ‹Viele Nichtmuslime und wichtige Leute sind gekommen. Ich denke wir haben ein gutes Signal ausgesandt, dass wir hier in Frieden mit dem Rest der Welt leben wollen. Jeder hier sieht die Schweiz als das «andere» Heimatland.› Seine Meinung zum Islam: Einerseits hätten die Muslime das Problem in sich selbst. Jeder möchte ein guter Muslim und gleichzeitig auch den Leuten in der Umgebung ähnlich sein. Ein Zwiespalt. Andererseits werden heute die Religionen aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt. ‹Zum Beispiel ist im muslimischen Leben der wichtigste Wert die Familie. Heute ha­ben wir einen Zerfall der Familienwerte in der westlichen Welt – einen Zerfall der Werte an sich!› Seine Meinung über Muslime in der Schweiz: Sabahudin findet das Wort Kontribution besser als Integration. Wenn man hier von Integration rede, dann meine man Anpassung. ‹Und wir haben Angst vor Anpassung.› Wenn er als Muslim von Integration spreche, dann meine er nicht, dass er sich an die ‹Leitkultur› anpassen werde, sondern dass er sich in sie einbringen möchte. ‹Ich zahle steuern, respektiere die Gesetze, ich versuche das Leben hier besser zu machen, als es jetzt ist. Das ist mein Beitrag.› Eine Mutter

könne einem Land am meisten geben, indem sie ihm einen guten Menschen schenkt. Das sei die wahrscheinlich anspruchsvollste Aufgabe. ‹Wir müssen Geduld haben. Wir sind in Bosnien leider wohl auch nicht aufgeschlossener gegenüber Fremden. Ich bin stolz darauf, im Heimatland der Menschenrechtskonvention zu leben. Ich glaube, wenn wir die Welt anschauen und ein demokratisches, tolerantes, faires Land suchen, steht die Schweiz an erster Stelle. Es macht mich aber traurig, dass hier so viele Diskussionen über Muslime geführt werden.› Sabahudin denkt, dass es das Problem der Muslime ist, dass die Schweizer zu wenig über sie wissen. Die Muslime sollten sich mehr öffnen, mehr sagen. Aber vielleicht komme das erst später, mit der jüngeren Generation. Die meisten Leute in Sabahudins Alter sind einfach hier, leben, arbeiten. Die nächste Generation ist jetzt an den Unis, spricht die Sprache, wird einen besseren Weg finden, sich auszudrücken. ‹Wir können gute Nachbarn und Freunde sein und so ein positives Licht auf den Islam werfen. Wenn wir gute Muslime sind, sind wir bestimmt auch gute Bürger dieses Landes.› Sein Job als Imam ist hart. Gute Ratschläge zu geben ist schwierig; dass sie ankommen noch schwieriger. Es ist vielmehr eine Mission als ein Beruf: Ständig muss er sich auseinandersetzen damit, was es heisst zu leben und wie er das seinen Mitmenschen vermitteln kann. Vielfach akzeptieren sie es nicht. ‹Das ist die Realität unserer Arbeit.› In Bosnien ist er immer aufgewacht zu den Glocken der Kirche, hat aus dem Fenster geschaut und eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee gesehen. Das sei der einzige Weg, zusammenzuleben. ‹Wir müssen realisieren, dass wir nicht alle gleich sind. Aber wir ähneln uns in vielem: Ich höre gerne Rockballaden und habe versucht, Gitarre zu spielen, aber noch nicht genug Zeit dafür aufgebracht...›

Herr und Frau Güllü, ihre Tochter Gülsen und deren Freundin Yeliz Temür aus der Türkei seit 1980 in der Schweiz, Gülsen und Yeliz sind hier geboren und aufgewachsen. Getroffen: Bei Familie Güllü in Ebnat ­Kappel, in der Kantonsschule und in einem Café in St. Gallen. Zum Abendessen in Ebnat Kappel gibt es ‹Mantı› und Salat aus einer grossen ­Schüssel in der Mitte des Tisches.

Anfangs dachte Frau Güllü, dass sie nicht lange hier bleiben werde. Hier hat sie zwar genug Geld und Arbeit, um ein gutes Leben zu führen, aber dass sie und ihr Mann 29 Jahre hier leben und bleiben würden, das hätte sie anfangs nicht gedacht. Herr Güllü rechnete mit drei Jahren. ‹Wer in der Türkei Karriere macht und ein eigenes Auto hat, hat dort gute Chancen. Aber sonst


Imam Sabahudin ­ ijamhoszic: ‹Wir sind S nicht alle gleich. Aber wir ähneln uns in vielem.›

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bleibt man lieber hier.› Ihre ganze Familie ist gläubig, sogar der jüngste Sohn. Es sei für ihn nicht uncool, er will dazugehören. Am Anfang hätten die Leute schon ein bisschen komisch geschaut, erzählt Frau Güllü: Normalerweise waren die Kopftuchträgerinnen älter – sie war jung. Aber inzwischen findet sie es normal. ‹Ich arbeite, er arbeitet, wir haben Kinder. Das sind meine Themen im Leben. Die beste Antwort auf die Frage, was Islam ist, ist das Leben.› Alle fasten anders, alle beten anders, manche leben die Religion, manche nicht. Selbstverantwortung sei das Schlüsselwort. Und Wissen. ‹Das Wissen ist das Wichtigste für einen Menschen, sonst kann er andere nie wirklich verstehen.› Der Muezzin aus Mekka unterbricht: ein Radiosender, der zum Beten aufruft. ‹Es ist einfacher, als immer auf die Uhr zu schauen›, meint Frau Güllü sachlich und stellt ihn ab. ‹Was ich schlimm finde hier, ist, dass die Familien kaputt sind. Niemand hat mehr einen Dialog mit den jungen Leuten. Sie denken alle nur an sich selbst…› Herr Güllü wird von seiner Frau unterbrochen: ‹Ich habe ein Inserat gesehen von einer alten Frau, die bezahlen wollte, dass jemand zu ihr kommt und mit ihr redet. Das ist für mich eine grosse Katastrophe. Im Islam ist das nicht so, man lebt zusammen. Wir ziehen die Kinder auf, sie schauen nach uns, wenn wir alt werden.› Ihr Mann aus der Türkei sei erstaunt gewesen, dass es hier so viele Hunde gebe, meint Frau Güllüs Tochter Gülsen. ‹Anstatt Kinder haben sie Hunde!› Es sei ihnen allen unverständlich, dass man hier lieber einen Hund kauft, anstatt mit Menschen zu reden. Gülsen erklärt es sich so: ‹Im Islam kommt der Mensch an erster Stelle. In der Schweiz leben die Leute einfach für sich. Man lebt im Islam nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen.› Zu ihrer Heirat meint Gülsen: ‹Es hätte auch jemand anderes sein können als mein Mann, aber ich habe mich verliebt! Wir kennen uns schon seit der Kindheit.› Gülsen hat mit 13 das Kopftuch angezogen. Sie entschied sich selbst dafür, als sie in die Sekundarschule kam. ‹Ich sagte mir: Wenn ich es jetzt nicht tue, kann ich es nie mehr.› Sie hat daraufhin ihre beste Freundin verloren, weil deren Mutter, eine strenggläubige, italienische Katholikin, ihr den Umgang mit ihr untersagte. Viele Schweizer haben sie in der Schule über ihre Entscheidung ausgefragt. Das fand sie interessant. Was ihr nicht gefiel, waren die Reaktionen der anderen Muslime: ‹Gell, deine Mami hat dich gezwungen!› Die Erziehung dieser Kinder sei nicht sehr gut, anscheinend haben sie keine Ahnung von ihrer eigenen Religion, meint Gülsen. Leider habe sie in der Sek einen Lehrer gehabt, der eine Abneigung gegen Ausländer hatte, im Speziellen gegen Muslime. ‹Ich kam mit Kopftuch in die Schule und er hat das nicht akzeptiert.› Als der Lehrer entdeckt habe, dass er keine Chance hat, sei er während den Prüfungen immer hinter Gülsen gestanden und habe sie nervös gemacht. Nach drei Monaten Probezeit sei sie zurück in die Realschule versetzt worden. Vor einem Monat hat sie die ZweitwegMatura bestanden. Sie arbeitet nach wie vor in einer Bürstenfabrik. Sobald sie etwas Neues sucht, gibt es Pro24

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bleme. ‹Ich war mal ohne Kopftuch schnuppern. Das waren Welten! Mit Kopftuch wird man kaum angenommen, nicht mal fürs Hinterzimmer!› Wie ihre Mutter will Gülsen mit ihrer Art zeigen, wie eine Muslimin sein kann. ‹Ich bin nicht das perfekte Vorbild, aber so können sie zumindest sehen, wie ich rede, wie ich sitze, wie ich herumalbere... vielleicht verstehen sie uns dann besser.› In den grossen Städten schaue kaum jemand. Ebnat Kappel sei anders, obwohl die Leute sie inzwischen kennen. Ein Junge in der Oberstufe hat ihr einmal gesagt, sie solle ihm ihr Kopftuch geben – er putze sich dann damit seinen... ‹Das tut weh! Es hat doch Grenzen! Ich bin kein Schlägertyp, aber er kann froh sein, dass er sich kurz danach in der Toilette versteckt hat.› Gülsen sieht es als ihr Schicksal, dass sie hier geboren wurde und sich anpassen muss. Sie will Teil sein der Kultur, ohne Zwang. Sie fühlt sich nicht ‹ausgeschlossen› von der Gesellschaft. Dennoch, die Einbürgerung war die bisher grösste Hürde. Sie hat sich mit 20 alleine angemeldet. Die erste Frage war: ‹Sind Sie aktiv?› Dazu meint Gülsen: ‹Was heisst aktiv? Ich bete schon, aber ich habe auch Hobbys – ich bin auch ein Mensch! Ich will mein Kopftuch nicht ausziehen, ich stinke nicht, ich störe nicht. Ich erfülle alle Kriterien: Sprache, Ausbildung, sozialer Kontakt. Auch zu Schweizern. Ich kenne viele, die konvertiert sind und ein Kopftuch tragen. Müssen die jetzt ihren Pass abgeben?› Ihre Freundin Yeliz bewundert Gülsen dafür, dass sie es durchgezogen hat. Gülsen hingegen macht sich nichts draus, dass ihre Freundin kein Kopftuch trägt. ‹Sie ist einfach ein guter Mensch, das hat Priorität. Mich interessiert nicht, ob sie betet oder fastet. Sie ist trotzdem eine gute Muslimin.› Natürlich habe Yeliz bessere Chancen. ‹Das ist die Wahrheit. Wenn wir uns für die gleiche Stelle bewerben würden, mit den gleichen Zeugnissen, Yeliz würde sie bekommen. Aber ich gönne ihr das von Herzen.› Yeliz hat Gülsen in der Moschee kennengelernt. ‹Ich glaube an Gott und ich lese auch im Koran, aber nicht regelmässig. Ich gehe in die Moschee, versuche zu fasten, aber je näher Ramadan an den Sommer rückt, kann ich es nicht mehr – ich spiele Volleyball. Ich finde, solange ich mich als Muslimin fühle, dann finde ich meinen Weg.› Yeliz trägt zwar kein Kopftuch, verteidigt aber ihre Freundinnen, wo sie kann. ‹Wenn Leute wirklich Vorurteile haben, dann brodelt’s bei mir. Das Hijab sollte nicht politisch gesehen werden, es ist ein religiöses Zeichen! Aber sogar im Skript meines Dozenten stand «Islamist» anstatt «Muslim».› Sie glaubt, dass sie, wenn sie ein Kopftuch tragen würde, später in der Karriere Probleme hätte: Die Ausbildung könne man machen, wie man wolle, aber die Frage sei, ob man dann eine An­ stellung bekommt. Momentan studiert sie er­folg­ reich Betriebswirtschaft an der FH in St. Gallen. Früher sei sie ziemlich ausgeschlossen gewesen. Aber nicht nur aufgrund der Religion, sondern vor allem, weil sie Ausländerin sei. Es sei hart, dass man hier als Ausländerin beschimpft, in der Türkei aber nicht als Einheimische akzeptiert werde. Inzwischen habe sich das aber ziemlich gelegt. ‹Manchmal kommt noch der eine oder andere Kommentar, aber dann sitze ich nicht auf dem Mund. Das sind

schliesslich die Leute, die selber ins Ausland in die Ferien gehen!› Für Yeliz ist es klar, warum es einen Teil der Schweizer Bevölkerung gibt, der den Ausländern negativ gegenübersteht. ‹Man sieht es an den Statistiken: Die Schweizer Gesellschaft wird immer älter, die Geburtsraten nehmen ab, weil die Schweizer eher karrierebewusst eingestellt sind, es kommen viele Ausländer in die Schweiz, die viele Kinder haben, und dann geraten die Schweizer am Ende noch in die Minderheit! Bald kommen Ausländer ins Parlament und plötzlich können wir über Dinge entscheiden, die den Schweizern teuer sind. Das ist meine These.› Aber wenn es so viele Kinder in der Schule gibt, dann sollte es ihrer Meinung nach auch einen Werteunterricht geben. Zumindest einen Religionsunterricht, der alle drei monotheistischen Religionen vereint. ‹Schliesslich haben wir alle die gleichen Wurzeln.› Yeliz fühlt sich deshalb auch eher als Türkin denn als Schweizerin. Und es gibt Momente, in denen sie laut wird: Zum Beispiel an der EM.

Maja Vollenweider aus der Schweiz, konvertiert Getroffen: In Abtwil, St. Gallen. Wir trinken Mineralwasser bei Blick auf den Säntis.

Maja arbeitet in einem Architekturbüro als Hochbauzeichnerin. Im Büro wissen die Mitarbeiter nicht, dass sie Muslimin ist – sie trägt das Kopftuch nicht zur Arbeit. Zwar ist sie christlich aufgewachsen, war aber nicht sehr positiv beeindruckt davon. Durch ihren Mann, der aus Saudi-Arabien stammt, hat sie sich mehr mit dem Islam auseinandergesetzt. Den Koran hatte sie sich aber schon vorher angeschaut. ‹Ich war recht schnell überzeugt vom Islam, dann bin ich übergetreten.› Maja gab ihr Glaubensbekenntnis übers Internet – genauer gesagt per Chat – ihrem Mann und seinem Cousin. Bei Bekim Alimi hat sie sich nochmals schriftlich bekannt, um die Reise nach Mekka machen zu können. Sie und ihr Mann haben vor zwei Jahren geheiratet, vor einem Jahr kam ihre Tochter zur Welt. Sie wollen vielleicht nach Saudi-Arabien ziehen. Oder zumindest teilweise. ‹Ideal wäre hier im Sommer und dort im Winter.› Er ist in der Reisebranche und deshalb würde das gut funktionieren. Drei Wochen waren sie dort und es hat ihr sehr gefallen. ‹Mir ist egal, wie offen das Land ist; ich muss einfach den Islam leben können. Ich möchte mich gerne frei fühlen, hier habe ich eher den Zwang, das Kopftuch nicht tragen zu können.› Obwohl sie es eigentlich gerne tun würde; sie will sich aber nicht mit den Leuten auseinandersetzen, die dem ablehnend gegenüberstehen. ‹Vielleicht passe ich mich zu sehr an. Ich habe noch keine schlimmen Sachen erlebt, einfach nur die Blicke. Die gemeinen, hasserfüllten Blicke. Pures Unverständnis.› Manchmal schaue sie weg, manchmal provoziere sie ein wenig. Die Gemeinschaft an den Interkulturellen Tagen tue ihr gut, der Kontakt mit Gleichgesinn-


Maja Vollenweider: ‹Es braucht viel Mut, im ­Geschäft zu fragen, ob man beten, oder das ­Hijab tragen darf.›

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ten sei schön. Ausgeschlossen fühle sie sich nicht in der Schweiz, meint Maja. Das Kopftuch trägt sie nicht so oft und betet nur abends zuhause nach Feierabend. ‹Es braucht viel Mut, im Geschäft zu fragen, ob man beten oder das Hijab tragen darf. Aber vielleicht betrifft mich das bald nicht mehr: Sobald mein Mann genug verdient, höre ich auf zu arbeiten.› Das Leben in Saudi-Arabien wäre ganz anders. ‹In der Schweiz ist es freier als sonst wo, aber ich kann mein Kopftuch nicht anziehen. Dort wäre es einfacher, weil ich es tragen könnte, aber ich wäre als Frau eingeschränkt. Frauen dürfen in Saudi zum Beispiel nicht Auto fahren.› Auch an das Essen in getrennten Räumen müsste sie sich gewöhnen. Aber für ihre Tochter würde sie sich freuen. ‹Es ist viel einfacher in einem islamischen Land ein Kind islamisch zu erziehen.› Sie hätte keine Probleme mit dem Kopftuch oder dem Schwimmunterricht. Natürlich würde die Kleine in eine Privatschule gehen. In der Schweiz findet sie es schwierig, Muslimin zu sein. Zum Beispiel kann sie nicht in die Moschee, weil sie die jeweilige Sprache nicht beherrscht. Sie wäre froh, wenn mehr auf Deutsch gemacht würde, damit sie auch ein Teil der Gemeinschaft werden könnte. Auch die Schweizer im Umfeld könnten davon profitieren. Mehr als alles andere hofft sie jedoch, dass in der Schweiz die Religionsfreiheit bestehen bleibt. Sie findet, man solle tragen können, was man will. Ausser man gehe nackt wandern. ‹Irgendwo hat es Grenzen.›

Oscar Antonius Maria Bergamin alias Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin aus der Schweiz, konvertiert Getroffen: In Felsberg bei Chur in einer Wohnung wie aus 1001 Nacht und bei ­Rooibos auf eigenem Feuerchen.

Oscar ‹Assadullah Mukhtar���, der ‹auserwählte Löwe›, ist ursprünglich in Holland aufgewachsen – katholisch. Er ist 1,86 m gross und blond. Sein Weg zum Islam begann mit der Faszination für islamische Architektur. Er war Auslandredaktor, immer an der Quelle, und mit der Schweizer Armee an den richtigen Orten. So hat er sich immer intensiver mit der Religion befasst. Seine Erlebnisse füllen eine riesige Powerpoint-Präsentation, gespickt mit Porträts von Strassenkindern im Balkan, Afghanistan, Irak, Syrien, Jordanien: ‹Meine Helden.› Oscar hat sein Bekenntnis in Skopje vor 2000 Leuten am 27. Ramadan abgelegt. Als er zurück in die Schweiz kam, freute er sich, endlich seinen muslimischen Freunden sagen zu können: ‹Ich bin jetzt euer Bruder!› Als Oscar als Muslim zurückkam, wurde er Mitglied des bosnischen Kulturvereins, damit er am Freitagsgebet teilnehmen kann. ‹Wenn man in der Schweiz den Islam annimmt, ist man auf eine Art 26

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heimatlos. Als Mann habe ich den Vorteil, nicht erkannt zu werden; ich kann relativ unauffällig meine Religion leben.› Inzwischen hat er seinen Namen zivilrechtlich ändern lassen, ist in vielen islamischen Organisationen aktiv, macht mit bei Podiumsdiskussionen und lebt einfach sein Leben als Muslim. ‹Ich interessiere mich für alles, was mit dem muslimischen Leben zu tun hat: Die «Halal-Industrie» – weltweit 16% vom FoodBereich! Der «Islamic Lifestyle»; mein Leben ist jetzt viel schöner als vorher. Es ist offener, man hat gleiche Grundwerte wie andere Muslime.› An Podiumsdiskussionen empfinde er seine Erscheinung als grossen Vorteil: ‹Alle erwarten einen Migranten. Dann kommt ein grosser, blonder, ehemaliger Offizier und plötzlich können sie nicht mehr auf Ausländern herumhacken. Viele sagen, der Islam müsse sich integrieren. Aber was soll ich als Schweizer? Man muss die Kultur von der Religion trennen: Nicht der Islam muss sich integrieren, sondern die Bosnier, die Türken, die Araber... Integration ist ein Prozess, den ein Zürcher auch machen muss, wenn er ins Bündner Oberland ziehen will. Da hat er dann Probleme!› Ein Spruch, der immer wieder aufkam: Es gibt 6,3 Milliarden Leute auf der Welt, 1,6 Milliarden Muslime, 1 Islam, 1,6 Milliarden Wege zum Islam und 6.3 Milliarden Meinungen zum Islam. Anders gesagt: Eine Religion, viele Ausdrucksformen, die alle regional und individuell geprägt sind. ‹Nur 18 % aller Muslime leben im arabischen Raum. Und sie haben ein riesiges wirtschaftliches Potential; auch grosse Schweizer Firmen produzieren schon lange islamkonform.› Es sei nur eine kleine Gruppe, die sich bewusst gegen den Islam wehre. Die grössere Masse müsse man nur mit genügend Information bestücken, damit sie auch das Schöne an der Religion sehen: Farbige Kopftücher anstatt schwarzen oder weissen, muslimisches Essen, Sport, Musik, Mode, Comedy... ‹Die Klassiker der Unwissenheit sind Zwangsheirat, Frauenbeschneidung und Ehrenmord. Das sind nicht muslimische Probleme, sondern ein generelles, kulturelles Problem. ­Ehrenmord ist absolut unislamisch – und es gibt ihn auch im Christentum, nur heisst er dann Familiendrama.› Auch Oscar sieht die Zukunft des Dialogs in der nächsten Generation. ‹Sie können besser mit der Medienflut umgehen und können sich so differenzierter dem Thema nähern. Die Migranten sind nicht erst angekommen, sie sind jetzt hier.›

Mohamed und Iris Ben Belaid aus Tunesien bzw. Genf er ist seit 1979 in der Schweiz. Getroffen: In der Primarschule von Rehetobel, AR. Kleine Tische, kleine Stühle.

Mohamed und Iris haben sich in einem Club kennengelernt. Iris grinst: ‹Ich habe mir immer gesagt: Ich will nicht in die Deutschschweiz und keinen Araber als Mann. Jetzt hat sich beides

erfüllt.› Inzwischen sind sie fast 27 Jahre verheiratet, haben zwei Kinder, 20 und 25 Jahre alt. Gemeinsam sorgen sie seit 1994 an der Primarschule in Rehetobel, ‹am Ende der Welt›, wortwörtlich für Ordnung – nämlich mit Staubsauger und Gummihandschuhen. 35 Familien hätten sich für den Job interessiert, früher sei es einfacher gewesen, als Muslim Arbeit zu finden. Früher, das heisst vor 9/11. ‹Jetzt machen sie ein unverschämtes Tamtam wegen Kopftüchern und Minaretten, was früher kein Problem war!› Das bringe die Muslime dazu, sich noch mehr in ihren Glauben zu stürzen. Mohamed nickt und fügt hinzu: ‹Ich kenne beide Mentalitäten. Ich komme von dort und lebe hier. Wir Araber lernen europäische Sprachen – versuch mal einen zu finden, der hier Arabisch kann. Jetzt wollen sie plötzlich unsere Kultur verstehen – das kann man nicht in so kurzer Zeit, wir sind nicht erst gestern auf die Welt gekommen!› Als er hierher kam, war noch alles neu. Seine Mitarbeiter kannten Afrika nicht. Wie er hierher gekommen sei? Mit dem Kamel, habe er gesagt. Es stehe draussen auf dem Parkplatz. ‹Wirklich?› Mohamed lacht. Früher sei er aber noch nicht praktizierender Muslim gewesen. ‹Der «Chlapf» kam, als 2000 seine Mutter starb.›, erinnert sich Iris, als sei es gestern gewesen. Vom einen auf den anderen Tag war alles anders. Kein Alkohol mehr, er las im Koran, ging in die Moschee... ‹Es war, als hätte er ein schlechtes Gewissen.› Das Ziel ist Mekka. Iris kann natürlich nicht mitgehen, Mekka ist Nichtmuslimen verschlossen. ‹Eine Mus­ limin werden? Kann vielleicht mal passieren! Frieden und Toleranz sind die Grundlage der Religion. Und das ist ja ganz logisch.› Iris hat sich niemals unterdrückt gefühlt. Sie steht grade, wenn ein Kommentar zu ihrem Mann kommt. Sie lässt nichts durch. Die Kinder sind beide islamischen Glaubens – wenn sie zu Iris’ Eltern in die Ferien gehen, wird kein Schweinefleisch aufgetischt. ‹Das ist Toleranz›, meint Mohamed. Und wenn die Eltern zu ihnen zu Besuch kommen, bekommen sie ein Gläschen Wein. Es sei ein Zusammenwachsen, man finde automatisch zueinander. Seit Mohamed sich an die islamischen Fastengebote hält, macht die Familie mit beim Ramadan. ‹Es ist ein ganz anderes Leben: Man kocht füreinander, zelebriert die Gemeinschaft...› Mohammed sehnt sich dann ganz besonders nach Tunesien. ‹Der Unterschied in der Atmosphäre ist riesig.› In einer Millionenstadt ist alles plötzlich ruhig um halb sechs. Kein Auto, kein Bus, alles hält inne. Nach einer halben Stunde ist das Fastenbrechen vorbei. ‹Und dann kommt die zweite Halbzeit. Wie bei einem Fussball-Match.› Aber auch die Leute, die nicht fasten, respektieren die anderen. ‹Hier kann ich mich nicht einmal in ein Restaurant setzen und nichts trinken.› Es sei nicht schlimm, es wäre einfach schön, während des Ramadans in Tunesien zu sein. Die Ben Belaids halten sich raus aus dem Dorfleben. Klar halten sie hie und da ein Schwätzchen über den Schulhaus-Neubau oder das Wetter. ‹Privat ist privat. Das hat nichts mit der Religion zu tun, es ist einfach ein kleines Dorf.› Sie wollen den Frieden bewahren, vor allem, weil sie täglich mit den Kindern zu tun haben. Ihre eigenen Kinder sind sehr streng auf-


Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin: ‚Wenn man in der Schweiz zum Islam konvertiert, ist man auf gewisse Art heimatlos.›

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gewachsen. Monia muss auch mit 20 ihrem Vater genau sagen, wann sie nachts nach Hause kommt. ‹Und wenn sie nicht da ist, habe ich eine Riesenangst! Ich kann dann nicht schlafen. Iris schon, ich nicht.› Und heute sähe er Mädchen, die mit 12 oder 13 nachts alleine unterwegs seien. ‹Das macht mich wütend.› Iris fängt an, von den Ferien in Tunesien zu erzählen, als Sami drei oder vier war. Mohamed lacht: ‹Wir waren aus, ich habe meiner Mutter gesagt, wir kommen um 12 nach Hause. Um 4 Uhr sind wir vor der Türe gestanden, haben sie ganz leise versucht aufzumachen... Dann stand plötzlich die Mutter vor mir. Und zack! Ohrfeige. Man bleibt eben immer der Sohn. Meine Frau hat ganz schön geschaut...› Beide lachen.

Maria

aus dem Iran (Sunnitin) Getroffen: In Ihrem Büro in einem Frauenhilfswerk. Wir trinken Hahnenwasser. Maria möchte sich lieber nicht fotografieren lassen.

Der Vater von Maria ist Mullah, die Mutter ist die Tochter eines Mullahs. Sie sind Sunniten in Teheran und streng gläubig, aber Maria hatte von Anfang an keine Lust zu beten. Der Koran war schön, rhythmisch und poetisch, aber beten war langweilig: Immer früh aufstehen, den ganzen Körper mit kaltem Wasser waschen, beten und dann wieder ins Bett. Also hatte sie Krach mit ihrem Vater. Als sie noch in der Primarschule war, wollte er das Essen nicht essen, das sie machte. Sie sei schmutzig, meinte er. ‹Ich durfte nicht Medizin studieren, er wählte für mich Literatur und arabische Sprache, damit ich die Religion besser kennenlerne.› Sie hatte allmählich die Nase voll. ‹Zuhause, in Teheran, an der Uni... immer ging es nur um den Islam.› Und dann musste sie heiraten. ‹Ohne die Erlaubnis vom Vater geht gar nichts. Und wenn er nicht mehr ist, geht es zum Grossvater, und wenn der tot ist zum Onkel, und wenn der nicht existiert zum Bruder...› Sie hat elf Jahre lang gegen ihren Vater gekämpft, am Schluss musste sie aufgeben. Er hatte für sie einen Mullah ausgesucht, der in der Schweiz lebt. Vielleicht könne er ihr helfen, auf den richtigen Weg zu kommen. ‹Als ich angekommen bin, habe ich gesehen, dass er nicht betet, gar nicht praktiziert und arbeitslos ist. Wir haben uns nicht gut verstanden.› Nach ein paar Jahren hat sie sich scheiden lassen. Das heisst: er war einverstanden. Maria hat von ihrem Vater immer erhofft, er lasse sie selber entscheiden, was den Islam angeht. Als sie dann in der Schweiz war, fühlte sie sich alleine, habe ihre Eltern vermisst und für sich ein Stück ihrer Kultur, ihrer Heimat, ihrer Familie wieder aufleben lassen. Sie fing an zu beten. ‹Ich habe drei, vier Monate lang gefastet, bin sogar nachts aufgestanden, um zu beten – wenn man es von sich aus macht, ist es wunderschön!› Aber je mehr sie über den Missbrauch der Religion durch Politiker oder Ehemänner nachdachte, desto weniger wollte sie mit dem Islam zu tun haben. ‹Die Frau ist immer schuld! Sie macht sich schön, er wird verführt – sie ist 28

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schuld! Wie schon bei Adam und Eva.› Ihr Mann war auch so einer: Er hat nicht gebetet, aber wenn Besuch kam und ein Mann dabei war, musste sie ins Schlafzimmer und er hat von draussen die Türe verschlossen. ‹Es gibt einen Satz im Koran: «Islam ist nicht Zwang.» Ich habe immer mit meinem Vater darüber diskutiert! Aber er denkt, es ist eine perfekte Religion und weil er das Beste für mich will, muss ich gläubig sein! Der schwerwiegendere Grund war aber der Ruf meines Vaters als Mullah. Seine Kinder sollten ein gutes Beispiel sein. Und das hat NICHTS mit Religion zu tun.› Maria hatte schon als Kind ein Kopftuch an; sie glaubte, dass sie es niemals ablegen würde. Es sei schwierig gewesen, einen Job zu finden, und als sie eine Stelle fand, hätten ihre Eltern geweint vor Trauer, weil sie dachten, sie müsste jetzt das Kopftuch ausziehen. Was sie nicht wussten: Sie hatte sich ohne Hijab beworben. Nun ging sie morgens mit dem Kopftuch zur Arbeit, zog es vor dem Eingang aus, ging arbeiten und dann wieder bedeckt nach Hause. ‹Als ich es abgenommen habe, dachte ich, ich sei nackt und alle sehen mich an. Man gewöhnt sich an ein Kleidungsstück!› Als einmal eine Freundin von ihr im Restaurant vorbeikam, hat sie sich versteckt. ‹Ich habe mich geschämt – ich hatte das Gefühl, ich verleugne meine Identität!› Am Anfang habe sie täglich draussen jeweils 15 Minuten das Kopftuch ausgezogen, um sich daran zu gewöhnen. Dann habe sie es ganz weggelassen. ‹Ich habe immer, immer gesagt: Glaube ist im Herzen und nicht im Aussehen!› Natürlich hatte auch sie Probleme wegen des Kopftuchs. Kein Geschenkpapier für sie in der Epa, für die nächste Kundin schon. Eine alte Frau habe sie in der Migros sogar einmal bezichtigt, eine Gurke gestohlen zu haben. ‹Ich war sehr traurig, eine Woche lang hatte ich immer Tränen in den Augen und konnte nicht einkaufen gehen.› Maria hatte immer das Gefühl, alle schauen ihr nach, bis sie um die Ecke bog. ‹Jetzt mache ich das Gleiche!› Sie lacht, sie kennt die andere Seite. Einige Blicke hätten schon ‹ich will dich hier nicht haben› gesagt. Aber das war eher selten. Allerdings war sie eher für sich, nicht eine, die sich gerne zeigt. ‹Ich habe das gemerkt, als ich anfing, Fahrrad zu fahren in der Stadt. Im Iran darf man das als Frau nicht – man sieht ja dann die Wölbung des Hintern. Ich wusste also nicht genau, was ich machen musste und habe eine Zeit lang geübt, bevor ich auf die Strasse ging, weil man eine Frau mit Kopftuch immer mehr beachtet. Und jetzt beobachte ICH sie!› Seit Maria im Frauenhilfswerk arbeitet, kann sie getrost sagen: ‹Es gibt bestimmt weniger Musliminnen, die unterdrückt werden, als andere Frauen. Es sind 50 % Schweizerinnen und 50 % Ausländerinnen, die ins Frauenhaus kommen.› Wenn sie Teheran anschaut, hat sie eine andere Bilanz: ‹80 % der Frauen im Iran werden unterdrückt. Aber nicht von den Männern, sondern von den Gesetzen. Es hat nichts mit der Religion zu tun. Nicht der Islam unterdrückt sie, sondern die Kultur. Machos gibt es auch in Italien!› Als sie noch ein Kopftuch trug, hat sie eine Frau aus Algerien kennengelernt. Es war Winter, die Frau hatte einen langen Mantel an, der zwei bis drei Zentimeter länger war als sie. Der

Mantel schleifte auf dem Boden, und da es nass war vom Schnee, sog er sich voll und wurde immer schwerer. Mit dem Kinderwagen und der Tasche... Maria wollte ihr helfen und sagte, sie solle doch den Mantel etwas kürzer machen. Die Frau durfte nicht, da ihr Mann ihn so herstellen liess, dass man die Füsse nicht sieht. ‹Dabei darf man die Hände und die Füsse zeigen im Islam! Warum bedecken die Männer nicht einfach ihre Augen? Warum soll ich mich einpacken, damit der Mann nicht sündigt? Das ist doch mir egal!› Marias Schwestern wissen, dass sie kein Kopftuch trägt. Sonst niemand. Sie möchte gerne ihre Mutter hierher einladen. ‹Aber soll ich es ihr jetzt sagen und sie dann einladen? Oder soll ich sie einladen und es erst dann sagen? Soll sie mich einfach am Flughafen so sehen? Oder soll ich ein Kopftuch tragen?›


Iris und Mohamed Ben Belaid: ‚Privat ist privat. Das hat nichts mit der Religion zu tun, wir leben einfach in einem kleinen Dorf.›

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DRINK OR DROWN Schnapsdrossel oder Finanzhai? In Tokyo darf man sich nach einem langen Tag im Büro selbst auf dem sonst so zugeknöpften Finanzparkett gerne auch mal so die Kante geben, dass man die Nacht auf einer ebensolchen im Strassengraben verbringt. Betrunkene Geschäftsmänner gehören zu Tokyos gewohntem und durchwegs akzeptiertem Stadtbild. Der Fotograf Pawel Jaszcuk porträtierte dieses Phänomen in seiner Fotoserie ‹Drunk Salarymen›. Text und Interview: Rainer Brenner

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ie Finanzkrise hat weltweit eingeschlagen, soviel ist klar. Und nicht nur die westliche Welt kämpft mit den Folgen heikler Devisengeschäfte und einer kränkelnden Wirtschaft. Auch in Japan sah sich die Regierung gezwungen, mit einem riesigen Förderungspaket neuen Wind in die Segel der Herren in den schwarzen Anzügen zu blasen. Diese schwitzenden Männer, stets in dunklen Anzügen und mit ihrem Mobiltelefon verwachsen, die sich tagtäglich mit schnellen Schritten durch die Millionenstadt Tokyo drängeln, nur um die aktuellen Börsenkurse rechtzeitig vom richtigen Ort aus mitzukriegen, die in Grossraumbüros stundenlang in die Weiten ihrer drei nebeneinander aufgereihten Computerbildschirme starren, Devisenmärkte und Kreditgeschäfte zu ihrem Lebensinhalt auserkoren haben – sie haben schon mehr als eine Krise hinter sich. Nach dem stetigen Boom, der in den 70er-Jahren begonnen hatte, sahen sich die Salarymen schon 1990 und zuletzt 1997 während der Asienkrise in ähnliche Lagen versetzt. Doch wie geht man um mit diesem stetigen Stress? Wie verarbeitet man den Druck, die Verantwortung und die immensen Überstunden, die sich auf den schwarz bekittelten Schultern und unter der sorgfältig gekämmten Frisur anstauen? Klar: man geht saufen. Und zwar so richtig!

Katharsis und ­Karaoke Sie scheinen alle gleich angezogen zu sein: gleicher Anzug, dieselbe Krawatte, dasselbe Hemd, pünktlich um acht Uhr morgens reiht sich die schwarze Masse der Salarymen allmorgendlich in die Züge, um in die Innenstadt zu gelangen, wo sie ihr – teilweise sicherlich langweiliger – Job oft bis tief in die Nacht in Anspruch nehmen wird. Doch wer nach einem langen Arbeitstag keine Lust hat, sich wieder in Reih und Glied in den Zug zu stellen, um die Heimreise anzutreten, der entspannt sich mit seinen Kollegen und Geschäftspartnern in einer der unzähligen Outdoor Bars im ShimbasiQuartier bei Karaoke, Zigaretten und einem Sake. Oder zwei, oder vielen, vielen mehr! Der Warschauer Fotograf Pawel Jaszcuk lebt seit einigen Jahren in der Japanischen Millionenmetropole und zeigt sich immer wieder von ihrer Vielseitigkeit, ihrer speziellen Atmosphäre und vor allem auch von ihren Abgrün-

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den begeistert. ‹Betrunkene Geschäftsmänner gehören in Tokyo zum nächtlichen Stadtbild. Sich nach einem harten Tag volllaufen zu lassen gilt in Japan nicht als anstössig, nein, viel eher wird das Trinken als eine Art der Reinigung, als Katharsis vom alltäglichen, streng reglementierten Leben, akzeptiert.› Dennoch wunderte sich Pawel, der selbst gerne und oft nachts unterwegs ist, häufig nicht schlecht, als er diese Männer dort so liegen sah: Handy, Brieftasche, Laptop, alles liegt auf der Strasse verstreut neben einem ohnmächtig betrunkenen Mann am Boden, doch nichts wird geklaut, niemandem wird etwas zuleide getan, man akzeptiert die Drunk Salarymen, weil sie einfach schon zum gewohnten Stadtbild gehören; sei es am Laternenpfahl, der Eingangstreppe oder einfach mitten auf dem Gehweg. ‹Freitagnacht schlägt zwar alle Rekorde›, meint der Fotograf amüsiert, ‹doch eigentlich finden sich jede Nacht besoffene Geschäftsleute in den Strassengräben. Sie brauchen keinen besonderen Grund, sich volllaufen zu lassen.›

Abgrundtief ‹Es ist ziemlich schwierig, an die Japaner ranzukommen›, kommentiert Pawel seine Arbeit an verschiedenen Projekten, ‹sie sind extrem verschlossen und legen grossen Wert auf Privatsphäre›. Genau diese zu erkunden, hat sich der Fotograf zum Ziel gemacht. Sei es in seiner Arbeit ‹Kinky City›, in welcher er hautnah zweieinhalb Jahre lang das nächtliche Geschehen in den Sexclubs und Sadomaso-Bars Tokyos porträtierte, oder eben in der vorliegenden Fotostrecke. ‹Doch hier war es natürlich einiges einfacher. Die betrunkenen Geschäftsmänner waren die dankbarsten Models, die ich je hatte›, scherzt Jaszcuk. Und auch in Zukunft wird er sich auf die Suche nach den verschiedensten Abgründen und Zwischenwelten der Hauptstadt machen, denn ‹genau diese Welten sind es, die mich faszinieren, Dinge, die man noch nie gesehen hat, verborgene Gewohnheiten von Menschen, die man ihnen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zutraut. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Ich interessiere mich vor allem für ungewöhnliche Geschichten.› Mag hierzulande also so manch einer die Japaner als brav funktionierende Spiessbürger verschreien, so sollte einem bewusst sein, dass unter dem verbissenen und ameisenhaften Bild, das wir von den Bewohnern der arbeitsamen Hauptstadt zuweilen vermittelt bekommen, uns diese Menschen dennoch so ähnlich sind: sie essen, schlafen, lieben, arbeiten… und saufen. Weitere Info unter: www.paweljaszczukgallery.com


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‹querschläger› Alles, ausser angepasst. Wer die Pracht der königlichen Kronjuwelen bewundern möchte, der braucht nicht unbedingt zum Tower of London zu reisen. Auch in Kleinbasel findet sich eine prunkvolle Sammlung royaler Schmuckstücke. Streng bewacht vom majestätischen Auge eines Manns namens Queen.

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twas nervös sei er schon, gesteht uns Queen, als er uns in seiner Stammkneipe, der KaBar im Basler Kasernenareal empfängt. Auf seinem offenen Hemd trägt er den Union Jack, dessen Entstehungsgeschichte er uns auf einem kleinen Blatt Papier verdeutlicht. Über der braun ­gebrannten Brust des 52-Jährigen baumeln verschiedene Kettchen mit Kronen, seinen Kopf schmückt eine blaue Kappe mit der Aufschrift ‹London›. In seiner Einzimmerwohnung, die schon von ­aussen mit zwei Fahnenmasten seine Leidenschaft verrät, bietet sich uns ein Bild, wie wir es uns in unseren britischsten Fantasien nicht erträumt hätten: über und über mit Bildern, Karten, Fotos und Nippes rund ums englische Königshaus überflutet, bahnen wir uns einen schmalen Weg durch die engen Gefilde seines Herrschaftsreiches. ‹Welcome›, begrüsst Queen uns stolz und führt uns durch ­seine Sammlung. Die absolute Krönung seines majestätischen Haushalts bilden seine detailgetreu nachgebauten Kronjuwelen, die wie auf einem Altar in einer Ecke seines Wohnzimmers ruhen. ­Zepter, Kronen, Sporen und Ringe liegen fein säuberlich aufgereiht und sauber abgestaubt in Queens Kleinbasler Wohnung. Immer ­wieder wird während unseres Gesprächs durch unsere unerfah­ renen Schritte irgendwo etwas runterfallen, was uns der Herr des Hauses nicht übel nimmt, aber lie34 kinki

ber selber zurückstellt. Seine ­Antworten verdeutlicht er mit minutenlangen Einspielungen zur Geschichte Englands, zahlreichen Bildern und Büchern sowie ­dröhnender britischer Musik.

auf Blätter, weil die Figur der Königin mir so imponierte. Später, als ich wieder zu Hause wohnte, sah ich mir im Fernsehen immer die Edgar Wallace Filme an, die zu dieser Zeit liefen.

kinki magazine: Queen, wann hast du damit angefangen, die königlichen Kronjuwelen nachzubauen? Queen: Das hat natürlich Jahre gedauert. Das hier (er deutet auf einen prunkvollen Säbel am Fenster) war eigentlich mal ein ganz herkömmliches Fas­ nachtsschwert. Nun habe ich es so verziert, dass es aussieht wie das Staatsschwert von Grossbritannien. Natürlich bedeuten diese Sachen mehr für mich, als sie eigentlich wert sind. Wenn hier ein Brand ausbrechen würde, so wäre das ein erschütternder Einschnitt in meinem Leben!

Wie war denn deine erste Reise nach London? So interessant, wie du es dir erhofft hattest? Es war eine Katastrophe für mich! 1982 ergab es sich, dass ich mit Freunden nach London reisen konnte, um dort eine gemein­ same Bekannte zu besuchen. Klar wussten meine Freunde, dass dies ein besonderer Moment für mich war, doch diese Leidenschaft führte bald schon zu Problemen. Als ich auf der Westminster Bridge stand und den Big Ben betrachtete, war ich wie ­gebannt. Die anderen riefen immer wieder ‹Komm jetzt endlich!›, doch ich war wie gefesselt von diesem Anblick! Dasselbe geschah am Piccadilly Circus, den ich nur aus den Edgar Wallace Filmen kannte – den hat man ja inzwischen um 16 Meter versetzt, das regt mich immer noch auf! Ich habe ihn noch gesehen, als er wirklich in der Mitte stand. Meine Freunde hatten aber für diesen Besuch ein anderes Programm geplant als ich, was ja eigentlich vorhersehbar war. Ich setzte mich auf eine Treppe und schmollte. Das darauffolgende Jahr und alle wei­ teren Male reiste ich dann alleine nach London und konnte mir dann endlich all die Sachen ansehen, die ich sehen wollte (er strahlt im ganzen Gesicht)! Jedes Mal habe ich die Queen gesehen.

Wann und wie begann deine Faszination für das Königreich? Gab es da so etwas wie ein Schlüsselerlebnis? Ich verbrachte zwei Jahre meiner Kindheit in einem Heim. Eine der Heimleiterinnen hatte ein grosses Buch, das hiess ‹Die Abenteuer im Wandschrank› oder so. Die Geschichte handelte von ­einer Schar Kinder, die in einem Wandschrank einen Zugang zu einer märchenhaften Welt fanden, in welchem eine Königin ­regiert. Ich wollte immer diese Königin sein, bastelte mir auf dem Balkon eine Art Thron und sass dort mit meinem Stecken, der mir als Zepter diente. Heimlich pauste ich die Bilder des Buches

Was genau fühlst du denn, wenn du die Queen siehst? Sie ist mein Vorbild, ich identifiziere mich mit ihr! Hast du nie mit dem Gedanken gespielt auszuwandern? Nein, nie. Ich lasse mir meine Illusion nicht verderben. Klar weiss ich, dass jede Stadt und jedes Land seine positiven und negativen Seiten hat. Ich will von Grossbritannien aber nur die positiven Seiten sehen. Ich verdränge die negativen Seiten! (Queen zeigt uns einen langen Videobeitrag über die ­Ausdehnung des britischen Reiches, eine über den Bau des Big Ben, dessen Uhr noch heute mit Pennystücken reguliert wird und eine Dokumentation der Feier des 50. Regentschafts­ jahres der Queen.) Auch die Queen wird eines Tages sterben. Wird für dich dann eine Welt zusammenbrechen? Das wäre mein Tod! Oder zumindest ein sehr herber Schlag ins Gesicht! Das ist eine meiner grössten Ängste. Ich will die Queen und alle wollen die Queen! Die wichtigsten Dinge, die man in London laut Queen, 52, unbedingt gesehen haben sollte, sind die Birthday Parade (immer am zweiten Junisamstag, obwohl die Queen am 21. April Geburtstag hat, doch im Juni ist das Wetter zumindest ein ­wenig besser), die Kronjuwelen im Tower und der Piccadilly Circus. Aber auch die Themse Barrier, das grösste Flutschutzsystem der Welt an der Mündung der Themse, sei durchaus einen Besuch wert. Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Daniel Tischler


‹Die Queen ist mein Vorbild.›

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Ein Elektromentarfilm der Sehnsüchte

Am 5. November startet der Elek­tro­mentarfilm ‹Dachkantine› in den Kinos. Mehrere hundert Leute mussten an der Vorabpremiere in der Zürcher Roten Fabrik wegen Überfüllung auf den späteren Kinorelease ­vertröstet werden. Dem sagenumwobenen Club mit s­ tarker internationaler Ausstrahlung ist zu ­verdanken, dass Techno nach einer längeren Auszeit wieder salonfähig wurde. Text und Interview: Valerio Bonadei

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er Elektromentarfilm ‹Dachkantine› ist eine eindrückliche, 76-minütige Hommage an den gleichnamigen Zürcher Elektroclub auf dem Dach der Tonimolkerei. Die Dachkantine wurde von Michel Häberli, Thomas Gilgen, Nader Kuhenuri, Markus Ott und Alex Dallas geführt und musste im Jahre 2006 ihre Tore schliessen, weil die Verwaltung den Mietvertrag nicht verlängern wollte (obwohl die Liegenschaft danach 1½ Jahre leer stand). Dass sich viele Ausgehfreudige nach der Dachkantine sehnen, ist nachvollziehbar: Sie war ein spannendes Labor für musikalische Experimente und Innovationen, Sündenpfuhl und Vermählungsstätte von Liebenden, von unterschiedlichen Stilrichtungen und Szenen. Ich habe mir diesen tollen Film mit Markus Ott angeschaut, der als 22-Jähriger in die Clubführung einsass. Heute betreibt er den erfolgreichen Club ‹Zukunft› an der Zürcher Dienerstrasse. Ihm kullerten während der Visionierung die Tränen von den Augen… kinki magazine: Wie hat dir der Film gefallen? Markus Ott: Ich fand ihn sehr gut, sehr ­authentisch. Er hat mich traurig gestimmt, weil es den Club nicht mehr gibt. Diese Zeit war sehr, sehr intensiv. Der Film vermittelt genau das, was dort drin stattfand. Er ist ein Zeitdokument, das sehr gut gemacht ist – 36 kinki

und das auf eine nicht langweilige Art. Mir hat er sehr gefallen, auch wenn ich befangen sein mag. Die Experimentierfreude und das Ungeplante machten die Dachkantine so einzigartig. Warum hat man den Club nicht in einer anderen Location weitergeführt? Er war ja immer rappelvoll. (Markus lächelt endlich wieder ein bisschen.) Es gibt drei Gründe: So intensiv wie diese Zeit gewesen war, konnte und wollte ich – aber auch andere Parteien – in diesem Kon­ strukt nicht mehr zusammenarbeiten. Es war schlicht zu nervenaufreibend, zu heavy. Zweitens gab es eine abrupte Kündigung. Der dritte Grund war: no space. Fakt ist: man findet keine geeignete Räumlichkeit. Zürich ist hierfür wirklich ein schwieriges Pflaster. Von daher freue ich mich auch auf diese Wirtschaftskrise und hoffe, dass sie schlimmer wird. Vielleicht gibt es bald irgendwelche frei werdenden Kantinen in Geschäftshäusern, die frisch aufgezogen wurden und nicht vermietet werden können. Leider lassen Eigentümer oft lieber ihre Liegenschaften unver­ mietet. Liesse sich ein derartiger Club nach betriebswirtschaftlichen Kriterien erfolgreich führen? Die Work-in-Progress Philosophie der Dachkantine war sehr intensiv und Energie rau-


bend. Ob die Dachkantine aber mit mehr Planung und Professionalität hätte entstehen können, bleibt dahingestellt. Optimal wäre ein Objekt, begrenzt auf drei Jahre, wo man Leute fett vereint zusammentrommelt, um das Teil zu rocken. Für Längerfristiges – wie etwa die ‹Panorama Bar› in Berlin – sehe ich schwarz. Denn diese gleiche Energie nochmals heranzuzelebrieren, ist wirklich schwierig. Mit betriebswirtschaftlichen Strukturen einen derartigen Club zu führen wäre aber, so glaube ich, auch nicht Erfolg versprechend. Warum wurde der Mietvertrag mit dem Dachkantine-Team nicht verlängert? Ich weiss nicht, ob es politisch clever ist, das zu sagen, aber: Die Nachbarn, die selber in diesem Gebäude etwas betrieben haben, spielten dabei eine zentrale Rolle. Dann auch unsere freakige Art, mit den Vermietern um­ zugehen. Das Gebäude stand danach bestimmt noch eineinhalb Jahre frei, ohne Fenster und WCs. Wir hätten es sicher weiterziehen können. Der Verwaltung wurde

es aber, glaube ich, schlicht zu bunt. Wir ­waren keine einfachen Partner, viele ‹extreme› Leute. Jemand vom Club ‹Rohstofflager› geht mit dem Anzug in die Verhandlungen. Wir ­hingegen sassen verkatert am Tisch. Das ist der Unterschied. Irgendwo erschienen wir einfach zu unprofessionell. Wir waren viel eher professionelle Raver und hatten auch auf unsere Art professionelle Strukturen. Wir waren einfach keine klassischen Gastrobetreiber. Wir lebten den Club und führten ihn nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Mit einem starken Statement beschreibst du im Film den Wirkungskreis der Dachkantine treffend: sie schaffte es, Leute heranzuzüchten, die Techno wieder schätzten. Können wir es der Dachkantine verdanken, dass Techno auch heute in überschaubaren Clubs angesagt bleibt? Techno fand schon vorher an abgeschirmten Orten in Zürich statt. Der Club ‹Ära› war ­beispielsweise ein solcher Ort. Als wir mit der Dachkantine begonnen haben, hiess es oft: ‹Bist du dir sicher? Techno ist doch tot.› Wir haben das auch so gesehen. Aber wir wollten einen Off-Space schaffen, wo sich die Leute wohl fühlen, wo sie vergessen können. Einen Raum schaffen, in dem man sich nicht immer beobachtet fühlt, in dem man sich auch mal ausziehen und total ausflippen kann, ohne gleich rausgeschmissen zu wer-

den. Die Dachkantine war ein Ort, in welchem diese ganzen Dinge, die vorher in kleineren, versteckten Orten stattfanden, publik wurden. Viele wussten gar nicht, dass eine solche Feierkultur in dem Ausmass möglich ist, ­geschweige denn bereits existent. Sie besuchten Hip-Hop-Partys oder blieben zu Hause. Sie wurden urplötzlich von diesem Techno­virus angefixt. Dazu gehören viele Dinge wie Community, Abtauchen, Wegdriften, Tanzen, Liebe – extrem vieles. Wir haben dies ­einigen Leuten näher gebracht. Einigen Leuten hätte ich es lieber nicht gezeigt. Denn ­früher konnte man sich als Frau auf ein Sofa legen und einschlafen, ohne ­befürchten zu müssen, dass einem ans Höschen gegriffen oder das Portemonnaie ­gestohlen würde. Das war der Nachteil des ‹Going Public› des Techno. Aber so ist der Werdegang. Und ich bereue es nicht. Auch wenn wir in der Dachkantine bald eine strengere Selektion durchführen mussten, was am Anfang nicht so war. Die Gäste ­waren eh schon cool drauf. Die Selektion half

Schluss zu einem ‹High-Culture› Club. Heute haben die Leute auf gemischte Musik Lust. Aber es ist schon so: Freunde, die wir früher für die Dachkantine gebucht haben, verlangen heute horrende Gagen. Gerade mit Booking-Agenturen wurde das Ganze zu einem Zirkus. Aber es gibt immer noch ­Künstler, die noch hobbymässig und mit Leidenschaft auflegen. Mit diesen Leuten arbeite ich auch gerne zusammen.

auch, die ‹coziness›, das Gemütliche, zu ­erhalten. Ich bin überzeugt, dass die Leute, die nach der Dachkantine in Pension gegangen sind, mit einem ähnlichen Konzept wieder mobilisierbar wären.

a­ llzu schwierig. Aber monatlich 4 bis 5 super Gigs mit guten Besuchern zu haben, das ist echte Kunst. In London gibt es auch einen guten Club, dessen Name mir entfallen ist. Auch in Spanien.

Viele Techno-Pensionäre vermissen auch ein wenig die Experimentierfreude im heutigen Angebot. Stimmst du dem zu? Es gibt Orte, also Kellerpartys beispielsweise oder spontan aufgezogene Feste, wo diese Experimentierfreude tatsächlich noch gelebt wird. Klar, es ist so, in Clubs mit fixem Programm muss man für Experimente extrem viel Energie aufbringen, die man für eine qualitativ hochstehende Programmgestaltung bräuchte. Aber ja, eine grosse Bühne aufzustellen, gerade wie bei der Narod Niki Session am Abschlussfestival der Dachkantine, mit 10 DJs, erfordert Platz und Koordinationskunst.

Bist du ein Fan der Elektro-Retortenstadt Ibiza? Ibiza ist mir zu gross, ist nicht so mein Stil. 50 Euro Eintritt und 13 Euro für ein Bier, das geht mir ungeheuer gegen den Strich. Mit den Leuten, die über längere Zeit die Qualität eines kleineren Clubs aufrechterhalten, mit diesen Leuten würde ich gerne mal in die ­Ferien gehen.

Das Ende der Dachkantine markiert einen Wendepunkt in der Techno-Subkultur, hin zu einer stärkeren Kommerzialisierung. DJ ­Brinkman beklagt im Film pointiert und stellvertretend dafür die hohen DJ-Gagen: ‹They ask for fucking 1500 EURO for a business class flight from Berlin to Zurich.› Die Subkultur gibt es noch, auch in Zürich. Mit der Dachkantine boten wir verschiedenen Subkulturen ein Zuhause, wir wurden aber am

Welcher ist eigentlich dein Lieblingsklub europaweit? Ich gehe selten an Raves, wenn ich in die ­Ferien gehe. Meine Frau darf deshalb im Auto auch nie Radio hören. Der ‹Golden Pudel Club› in Hamburg beispielsweise fasziniert mich sehr. Oder auch das ‹Robert Johnson› von Atta in Frankfurt, der sehr konstante Energien freisetzt. Ganz allgemein finde ich Clubs sehr faszinierend, die konstant über mehr als 5 Jahre hinweg ihre Qualität er­ halten. Davon gibt es etwa 5 bis 10 weltweit. Ein Club zur Nummer 1 zu hypen ist nicht

Markus Ott ist 28 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und seinen einjährigen Zwillingen in einem Bauernhaus in der Zürcher Agglomeration. Er ist gelernter Dekorateur und betreibt seit vier Jahren erfolgreich den Club Zukunft. Soeben hat er in der Nähe seines Clubs die Eisdiele ‹Bingo ­Bongo› eröffnet. Auf die Frage hin, welches Stück er gerne an seiner Beerdigung gespielt haben möchte, wollte mir Markus einen YouTube Link schicken, auf den ich heute noch warte. Das Interview in ungekürzter Fassung findet ihr auf www.kinkimag.com.

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Bis die Hirnmasse spritzt

Verhungernde Sklaven im Kerker, aufgespiesste Gladiatoren in der Arena. Alles harmlos. Wenn euer Geschichtslehrer zu zartbesaitet war und euch die grausame Seite des Altertums vorenthalten hat, schliessen wir mit diesem Schnellkurs einige Bildungsl端cken. Vorausgesetzt, euch wird nicht vorher 端bel. Text: Jens Dierolf

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ie Kriegsführung der Römer gehorchte einer schlichten Logik. Barbarische Völker mussten gewaltsam unterworfen werden. So zogen die Legionäre mit der Mission in den Krieg, die Unzivilisierten zu zivilisieren. Wenn der Feind auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden sollte, so heiligte der Zweck die Mittel. Wer die Moral auf seiner Seite hatte, musste nicht zimperlich sein. Eine Vorstellung von dem Gemetzel geben Überlieferungen, die das Schlachtfeld nach vollbrachter Arbeit beschreiben. Zurück blieben abgetrennte Arme, Schädel, die samt Nacken abgeschlagen worden waren, oder blossgelegte Eingeweide. War der Feind besiegt, ging das Massaker weiter. Neben den Menschenleichen lagen Hunde und andere Tiere, mit Schwerthieben in ihre Einzelteile zerlegt. Der Kampf endete im Blutrausch. Gefangene wären Ballast gewesen, ein Anhängsel, das bewacht, versorgt und gepflegt hätte werden müssen. So war man stolz auf seine Opfer. Mit mehr als einer Million Feinde, die unter seiner Führung getötet wurden, soll Julius Cäsar geprahlt haben. Gewaltorgien waren ein selbstverständliches Element römischer Kriegsführung, schreiben Historiker. Je höher die Opferzahl, desto spendierfreudiger zeigte sich der Senat bei der Bewilligung der Kriegsmittel. In einem neuen Buch haben Wissenschaftler Formen von Gewalt im Altertum zusammengetragen. Wie sich zeigt, waren die Herrscher durchaus erfinderisch bei ihren Grausamkeiten. Die Brutalität hatte Methode. Ekel und Abscheu sollte das eigene Volk gehorsam machen und Feinde abschrecken.

Gehäutete Menschen Meister des Metzelns waren auch die Assyrer. Aufständische, die sich schnappen liessen, konnten nicht mit Gnade rechnen. Eine Standardstrafe war es, sie zu häuten. Mit der abgezogenen Haut liess der Herrscher die Stadtmauer überziehen. Zur Mahnung. Wer es wagte, sein Reich anzugreifen, musste tollkühn gewesen sein. Eine Schlachtbeschreibung liest sich wie das Drehbuch eines Psychopathen, der vor dem Verfassen drei Tage ohne Schlaf schlechte Horrorstreifen geschaut hat: ‹Viele Gefangene verbrannte ich, viele Krieger nahm ich lebend gefangen, einigen schnitt ich Arme und Hände ab, anderen Nase, Ohren und Hände, zahlreichen Kriegern riss ich die Augen heraus. Die Lebenden schichtete ich zu einem Haufen auf, die abgeschnittenen Köpfe zu einem weiteren. In die Bäume, die die Stadt umgaben, hängte ich ihre Köpfe. Ihre jungen Frauen und Männer verbrannte ich. Die Stadt selbst zerstörte ich, riss ich ein und liess ich in Flammen aufgehen.› Wer sich in Mesopotamien im Reich der Assyrer dem Herrscherwillen nicht bedingungslos unterwarf, war in Gefahr. Hinrichtungen wurden zum Schauspiel. Der lange, qualvolle Todeskampf sollte einprägsam zeigen, was denen droht, die nicht gehorsam vor den Herrscher

krochen, ihm nicht die Füsse küssten, nicht mit dem Bart den Staub von Thron oder Streitwagen wischten. So gross war die Angst vor der Folter, dass die Untertanen des feindlichen Lagers den Kampf oft von vornherein verweigerten und ihren eigenen Fürsten auslieferten. Mit Selbstmord entzogen sich viele Krieger der Tortur, ehe sie in die Hände der Assyrer gerieten.

Erpressung Hatten die Folterknechte ihre Opfer gefunden, gingen sie gemächlich ans Werk: Beim Angriff auf eine Stadt wurde denjenigen, die sich noch rechtzeitig hinter den Mauern in Schutz bringen konnten, ein bestialisches Schauspiel vorgeführt. Vor den Festungen wurden Verwandte und Bekannte, einer nach dem anderen, gemartert. Nur wenn sich die Stadt ergab, hatten die Qualen der Zuspätgekommenen ein Ende. Die Gefangenen wurden entkleidet, gefesselt, man spreizte ihnen die Beine, ölte den Anus ein, mit Hammerschlägen trieben die Folterer ihrer Beute einen Pfahl in den Hintern. 50, 60 Zentimeter tief. Dann rammten sie Pflock samt Mensch in die Erde. Der Tod liess auf sich warten. Die Schwerkraft trieb den Pfahl Minute um Minute, Stunde um Stunde tiefer in den Leib, zerteilte die inneren Organe, ehe er durch Schulter, Brust oder Magen wieder heraustrat. Die Schreie müssen steinerweichend gewesen sein. Wenn es ein Wertungssystem für Erniedrigungen gäbe, assyrische Herrscher erhielten die volle Punktzahl. Nach gewonnener Schlacht liessen sie die gefesselten Gefangenen prügelnd durch die Strassen treiben. Aufzeichnungen zufolge gab es nicht wenige, denen die Sieger dabei das verwesende Haupt des unterlegenen Herrschers um den Hals banden. Später wurden auch die Gefangenen zerstückelt.

Knochenmühle Der König Assurbaniapal (669 bis 626 vor Christus) liess Rebellen auch posthum noch demütigen: Die Überreste eines Widersachers liess er ausgraben und in die Stadt Ninive am Tigris überführen. Dort zwang man seine Söhne unter Schlägen, die Knochen des eigenen Vaters mit Handmühlen zu zermahlen. Einen Ehrenkodex schienen die Assyrer bei aller Grausamkeit aber gehabt zu haben. Frauen wurden zwar verstümmelt, getötet oder verschleppt. Doch in der Blütezeit des Assyrischen Reiches scheint es keinen Fall sexueller Misshandlung gegeben zu haben. Kaum weniger grausam ging es im Altpersischen Reich zu. Zehn Tage lang etwa liess ein König den mutmasslichen Mörder eines Prinzen foltern. Dann wurden ihm die Augen ausgestochen, schliesslich goss man ihm geschmolzenes Metall in die Ohren, bis er starb. Kein Einzelfall: Laut mittelbabylonischen Schriften sollte Vertragsbrüchigen Blei oder Zinn in den Mund geschüttet werden. Weniger schmerzhaft dürfte das Lebensende auch beim ‹In den Trog Setzen› nicht gewesen sein. Zwei Zuber wurden dabei so aufeinan-

der gelegt, dass nur Kopf, Hände und Füsse des Gefangenen herauslugten. Dann schüttete man ihm Honig über den Kopf und in den Mund. Den Rest übernahm die Natur: Fliegen bedeckten das Gesicht, legten ihre Eier. Durch sämtliche Körperöffnungen traten Maden und Würmer ein. Die Brut nagte an den Eingeweiden, der Körper begann von innen zu verfaulen. Eines der Opfer blieb 17 Tage am Leben, ehe der Tod die Erlösung brachte. Um Giftmischer hinzurichten, existierte bei den alten Persern ein eigenes Gesetz: Die Henker legten den Kopf auf einen breiten Stein, mit einem anderen quetschten sie den Schädel, bis dieser nachgab und die Hirnmasse spritzte.

Öffentliches Zersägen Zu erwähnen wären ausserdem noch einige ein einprägsame Tötungsarten im Schnelldurchlauf: Während der Regierungszeit des römischen Kaisers Caligula war es Sitte, angesehene Män Männer, die sich strafbar gemacht hatten, öffentlich zu zersägen. Tiberius soll jungen Männern die UnHarnröhre zugeschnürt und ihnen daraufhin Un Commomengen von Wein eingeflösst haben. Commo dickleibidus wird nachgesagt, er habe einem dickleibi gen Mann auf der Strasse mit einem scharfen Messer den Bauch aufgeschnitten, um sich an belustiden herausfallenden Eingeweiden zu belusti gen. eiDer Tyrann von Akragas in Sizilien liess ei nen bronzenen Stier herstellen, in den er zum Tode Verurteilte sperrte. Unter dem Bauch des Tieres entfachten seine Diener ein Feuer. Die Schreie sollen Akragas belustigt haben. In einer Nachhilfestunde in Sachen Altertum darf schliesslich das makabere Abenteuer eines besonders fresssüchtigen Lyderkönigs nicht fehlen. Dieser hat angeblich in einem Anfall von gebraHeisshunger seine Frau zerstückelt und gebra ten. Als er nach seinem Rausch aufwachte, steckte noch die Hand seiner Gattin in seinem Mund. Welches Ende könnte diese tragische Geschichte genommen haben ausser diesem? Der König nahm sich das Leben. Aus Angst vor einer Strafe. Umfassende Einblicke in die Gewalt des Altertums und ihre kulturelle Bedeutung bietet das Werk, aus dem sämtliche oben erwähnte Beispiele stammen: Martin Zimmermann (Hrsg.): Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums. Münchner Studien zur Alten Welt. Utz Verlag, München 2009. Bild: ‹Das Blutgericht von Amboise, 15.3.1560› (Ausschnitt). Aus: Christoph Hinckeldey (Hrsg.): Justiz in alter Zeit. Verlag Mittelalterliches Kriminalmuseum, Rothenburg o. d. T. 1989. Illustration: Raffinerie

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‹zehn minuten mit› Zeitgenossen und Weltbürgern. Simon Lamunière: ‹Ich bin nicht Gott.›

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imon Lamunière ist ein bekannter und gefragter Mann in der zeitge­nössischen Kunstszene der Schweiz. Als Kurator und künstlerischer Leiter zahlreicher Ausstellungen und als Dozent und Professor für Kunst, Medien, Film, Video und auch mal explizit fürs Internet bewegt er sich gekonnt in der Welt der Neuen Medien, ­welche er unabdingbar in seinen Kunstbegriff aufgenommen hat. Auch an der Utopics, der 11. schweizerischen Plastikausstellung in Biel, ist Lamunières Spezialgebiet, die Multimedialität der Gesellschaft, prägender Bestandteil. Dabei ist die Betitelung als Plastikausstellung nur ein Relikt aus alten Zeiten, präsentiert wird in Biel nämlich ein breites Spektrum an zeitgenössischer Kunst. Die40 kinki

ses Jahr löste sich die Ausstellung gar von den allgemein verbreiteten Vorstellungen von Kunst und auch mal von Materialität, und fand sich – ganz wie die Utopien – auch mal in Gedanken- oder ­virtuellen Welten wieder. Dieses Spiel mit Grenzen und Zwi­ schenwelten, die zwischen Realität und Virtualität oszillieren, ist das, was Lamunière fasziniert und ihn veranlasste, nicht nur Künstler, sondern auch (fiktive) Mikrona­tionen, Idealisten, Anthroposophen, Rebellen und Spassvögel einzuladen, die mit ihren Ideen in irgendeiner Form den Raum einnehmen. An seinem geschäftigsten Tag dieses Jahres, dem Pressetag der Utopics Ausstellung, traf ich Simon Lamunière in Biel, wo ich ihn kurz vor dem TagesabschlussDinner noch für ein paar Fragen zur Seite nehmen konnte.

kinki magazine: Was waren die ausschlaggebenden Kriterien bei der Auswahl der an der Utopics teilnehmenden Künstler? Simon Lamunière: Das Wichtigste war, dass die Teilnehmer mit ihren Ideen Territorien einnehmen wollen. Es können Künstler, Gruppen oder Freaks sein. Ich wollte keine anderen Kriterien aufstellen, wonach die Akteure ­einer bestimmten Kategorie ange­hören sollten, sie z.B. alle mit derselben Form arbeiten. Viel eher haben alle Exponenten unterschiedliche Ursprünge und teilen als gemeinsames Element, dass sie je ihren eigenen Blick auf die Gesellschaft mit sich bringen. Sie wollen mit ihren Ideen in irgendeiner Form Raum einnehmen. Deshalb gibt es auch Naturisten, Jura-Aktivisten oder eine ehemalige Terroristengruppe, die an der Ausstellung teilnehmen. Ausserdem setzen sich sehr viele Künstler explizit mit der Frage des Territoriums auseinan­ der. Gibt die Utopics dem Begriff des Künstlers eine neue Bedeutung? Ich denke, es wird bei dieser Ausstellung der physische Akt mit dem künstlerischen oder ­virtuellen verglichen. Es geht um Raumbesetzung, die man direkt mit einer Fahne vollziehen und deklarieren kann, wie die Ame­ rikaner auf dem Mond oder die Russen in der Arktis. Das ist die typische Haltung und deshalb gibt es auch Mikronationen. Nun stellt sich bei einer Ausstellung im öffentlichen Raum die Frage: Was ist öffentlicher Raum? Ist das nur die physische Stadt oder gibt es andere Gebiete? Durch MySpace und Google Earth hat sich meiner Meinung nach die Privatsphäre mehr und mehr in den öffentlichen Raum verlagert, umgekehrt ist damit wiederum der öffentliche Raum verstärkt privatisiert worden. Wie und wo kann man also noch Ideen infiltrieren? Es gibt da eine Kreuzung, eine Unschärfe und es stellt sich verstärkt die ­Frage: Was ist real, was virtuell, was öffentlich, was nicht? Folgt man einer Art Ideologie, wenn man so intensiv mit Kunst arbeitet? Vielleicht hat man die Hoffnung, dass eine Ausstellung gewissen Leuten Kunst näherbringen kann. Aber ehrlich gesagt, ­glaube ich das nicht. Die Kunst selbst adressiert sich an die

Neugierigen, also kann sie nur Leute ansprechen, die dafür empfänglich sind. Aber das ist nur meine Interpretation, die ich aus persönlichen Erfahrungen ableite. Ich selbst bin in dieser Hinsicht auch kein Eroberer, aber es ist meine Praxis, etwas ein­ zunehmen, indem ich Ideen infiltriere. 1999 war ich Teil einer Kunstkomission in Genf, wir entwickelten ein Kunstprojekt, bei dem eine solche Infiltration von Idealen im öffentlichen Raum im Vordergrund stand. Künstler entwickelten dafür ­Neonschriften ohne kommerzielle Mitteilung, welche auf der Plaine de Plainpalais – einem Platz, der belebt und voller Chaos und Bewegung ist – angebracht wurden. Somit bildeten die Lichtwerke einen Gegensatz zum steifen gen­ferischen Postkar­tensujet mit den Banken- und Versicherungsschriftzügen. Der Punkt ist, dass es wie Werbung aussieht, niemand nörgelt oder stört sich daran! Wir haben diese Dächer eingenommen, etwas Künstlerisches platziert, das sich nur an diejenigen wendet, die es sehen. Das Projekt heisst Neons und läuft noch immer (www.neons.ch). Ist das Zusammenstellen von Kunst selbst schon Kunst? Ich war früher Künstler, also habe ich die Grenzen nie richtig gekannt, eigentlich gar nie, weil ich schon vor dem Abschluss meiner Ausbildung kuratiert habe. Ich habe Video studiert und immer an künstlerischen Pro­ jekten teilgenommen. Ich sehe meine Aufgabe als sehr erfinderisch und aktiv, ich bin kein Kunsthistoriker, ich sage nicht: Allein was der Künstler sagt, gilt. Ich bin eher ‹pushy und attacky›, ich ­fordere die Künstler heraus, gleichzeitig bin ich nicht Gott. Wenn der Künstler fragt, wie ich etwas finde, dann sage ich meine ­Meinung, gleichzeitig erinnere ich daran, dass ich nicht der Allmächtige bin und über alles entscheide. Aber ich denke, es ist eine sehr kreative Arbeit, natür­lich kommt das jeweils darauf an, wo ich kuratiere. Und sicher gibt es auch Kuratoren, die un­ kreativ sind und sich nichts trauen. Die 11. schweizerische Plastikausstellung Utopics läuft noch bis zum 25. Oktober. Info gibt es auf www.interversion.org/utopics. Text und Interview: Florence Ritter Foto: Georg Gatsas


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Fluoreszierend und flüchtig

Als vor über zweihundertzwanzig Jahren britische Chemiker auf das Edelgas Neon stiessen, hätten sie sich wohl nicht erträumen lassen, dass das neue Element in seinen ­modernen Ableitungen immer wieder die schöngeistige Welt der Mode und Musik prägen würde. Von London bis nach ­Kuala Lumpur. Text und Interview: Rainer Brenner, ­Fotos: Thomas ‹Creager› Stöckli

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ementsprechend bunt findet sich an einem sonnigen Sonntagmorgen denn auch die malaysische Musikerin namens Zé (alias Zebra in Pink aka ­Searze) im Industriequartier am Fusse des Zürcher Uetliberges ein. Den zierlichen Körper hat sich die hübsche junge Frau ganz ihrem Namen entsprechend in schwarz-weiss gestreifte Leggins gesteckt, in ihrem kleinen Gesicht funkeln verschiedenste Farbtöne in Form von Schminke auf- und nebeneinander um die Wette. Die ges­ trige lange Konzertnacht im Zürcher Superzero Club scheint jedoch keine Spuren darin hinterlassen zu haben, oder aber diese unter ebendiesen Leuchtpartikeln begraben zu haben. Nach einer zurückhaltenden Begrüssung schleppt die Musikerin ihre Kleidersäcke ins Untergeschoss der Fotolocation und zeigt uns dort die grell leuchtende Ausbeute ihres Berliner Shopping­ ausflugs und eine Sammlung verschiedenster Bühnenoutfits: Bikinis mit Sternchen, leuchtende Regenmäntel aus Latex, Hüte, Leibchen und Schuhe werden fein säuberlich auf dem Sofa drapiert und dem Fotografen zur Auswahl geboten. Zusammen mit ihrer Schwester führt Zé in Kuala Lumpur eine Fashionboutique, wo die beiden ihre fluoreszierenden Kollektionen unter dem Namen ‹Osixnine› der fashionhungrigen Jugend der Millionenstadt feilbieten. ‹Das ist etwas, das wir eigentlich immer schon machen wollten›, erklärt Zé die Entstehungsgeschichte ihrer Designerkarriere. Ob es sich denn bei den Kleidern um passende Outfits zum Soundtrack der quirligen Dame handelt, weiss Zé auch nicht so genau. Mit einem Berg leuchtender Klamotten verlässt Zé den Raum, um sich umzuziehen und wenig später in einer Hülle aus Neonfarben zurückzukehren, die an den wichtigen Stellen auch viel Haut durchblicken lassen, welche wiederum selbst an Bauch und Hüften über und über mit leuchtendem Glitter überzogen ist. Auch wenn die fälschliche sprachliche Ableitung des Wortes Neon eigentlich nichts mit dem in den 1890er-Jahren ­ in London gefundenen Edelgas aufweist, 42

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so ist der Name dennoch geblieben, und ebenso die Verbindung zum Geburtsort des Elements an der Themse. Dort räkelte sich in den 80ern und 90ern des vergangenen Jahrhunderts die gleichgültige Jugend zu nächtlicher Stunde in phosphoreszierendem Tuch zu elektro­ nischen Klängen. Man bewegte sich zu einer Musik, die einem das Gefühl vermittelte, die Zukunft habe gerade in diesem Moment eben angefangen und ­nehme alle mit auf eine galaktische Reise durch das grelle Universum des ­verklanglichten Hedonismus. Menschen kleideten sich wie Markerstifte, Schminke war nicht Schminke, wenn sie nicht ­sogar den Schweiss in fluoreszierende Lava verwandelte, und der Schnuller im Gesicht wies die Aussenwelt daraufhin, dass das Erwachsensein höchstens zum längeren Aufbleiben etwas zu ­bieten hatte. Die Technobewegung entzog sich jeglicher Verantwortung. Fast unvorstellbar erschien einem die ­politische Lethargie eines Kurt Cobain, der sich aus lauter Weltschmerz fast zeitgleich das Gewehr in den Rachen steckte, unverständlich die Wut linksradikaler Punkvereinigungen, die in ­besetzten Häusern zu brachialen Gitarren­ klängen farbige Banner mit Totenköpfen und Karikaturen der Weltgeschichte bepinselten. Zé sieht sich selbst nicht als politische Musikerin. Auch will sie die Leute in ihrer Heimat, wo sie dank durchschlägiger Erfolge – unter anderem bei der asiatischen Antwort auf den Grand Prix Eurovision, dem ‹Sutasy Songcontest› – schon ein gewisses Mass an Berühmtheit erlangt hat, mit ihren Songs nicht provozieren. Viel eher scheinen ihr die Leute in Malaysia noch nicht bereit zu sein für ihre schimmernde Welle aus Electropunk und Pop, mit welcher sie deshalb lieber erst mal das europäische Publikum beglückt: ‹Viele Leute in Malaysia hören sich traditionelle Musik an oder Rock und Pop – Dancemusic ist kaum verbreitet in Malaysia. Man würde sich dort nie für eine Party ausgefallen


Die malaysische Musikerin ZĂŠ hat viele Gesichter. Und nicht alle sind so schrill und bunt wie dieses hier.

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auftakeln oder so. Als ich das erst Mal nach Berlin gekommen bin und dort auf eine Electro-Party ging und mir angesehen habe, wie sich die Leute dort anziehen, dachte ich mir:

‹Oh mein Gott, endlich Leute, die mich wirklich verstehen!› Ihr geht es darum, ‹den Leuten eine laute und eindrückliche Performance zu liefern›. So tanzt sie sich zu Tracks wie ‹I am Glam› oder ‹Hello Disco› auf ihrer Tour derzeit durch die Lichtkegel verschiedener europäischer Clubs und feiert in ihren Performances die Verschmelzung von Fashion, Tanz und Musik: ‹Ich habe viele verschiedene Genres ausprobiert, in verschiedensten Bands gespielt, doch der Electropop bot mir die Möglichkeit, meine Liebe zur Mode mit der zur Musik verschmelzen zu lassen›, erklärt Zé. Sich selbst beschreibt die 26-Jährige auf ihrer Homepage mit den Worten ‹Zé is one loud and bitchy electropop singer and songwriter›. An diesem Sonntagnachmittag ist allerdings von ‹loud› und ‹bitchy› nicht das Geringste zu spüren. Bereitwillig und geduldig posiert Zé vor der Kamera und bittet mit Gel und Vaseline bewaffnet freundlich darum, ihr doch die Haare noch ein bisschen wilder zu stylen. Der Jahrtausendwechsel brachte wenig kreative Neuerfindungen mit sich, dafür viel Fantasie zur Kombination ­retrospektiver Trends. So erschien vor wenigen Jahren denn auch die Kombination des bislang grössten modischen Fauxpas, dem neonfarbenen Over­all, mit Punkattitüde und rauchigen Kellerclubs auf einmal alles andere als verfehlt. Zu den hämmernden Beats von M.I.A., CSS, Santigold und vielen ­weiteren schreienden hyperaktiven Damen in zu weiten Oberteilen und zu ­engen Hosen feierten Punk und Techno ihre laute, farbenprächtige Hochzeit. Fortan spülte man die bunten Pillen mit einem Schluck Dosenbier runter, trug opulente Goldketten mit Maschinen­ pistolen dran und bewies mit einer breiten Musikauswahl auf dem iPhone nicht Charakterlosigkeit, sondern viel eher ­Individualität. So sieht denn auch Zé – die mit bürgerlichem Namen eigentlich Sarah heisst, wie das krakelige Adressschildchen an ihrem riesenhaften Rucksack verrät – den Vergleich zu ihren gros­ sen Vorbildern und den Vorwurf der fehlenden Neuartigkeit auch weniger als Vorwurf denn als Kompliment. Aber lauter als ihre Musikgenossinnen sei sie, meint Zé mit einem scheuen Lächeln. Und man darf sich sicher sein, dass die Multiinstrumentalistin auch keinerlei Mühe haben dürfte, die Lautstärkeregler selbst in die Hand zu nehmen. Durch ihre Ausbildung als Sound Engineer sowie jahrelange Erfahrung an verschiedensten Produktionen in unterschiedlichen Genres hat sich Zé ihre musikalischen 44 kinki

Sporen mit Sicherheit abverdient und den Weg für eine Karriere geebnet. Die Frage ist nur, wie lange der Electro Hype noch anhalten wird. Lange genug für die laute Malaysierin, um das schnelllebige Londoner Clubleben noch für sich zu gewinnen? Bei Neonfarben handelt es sich um nichts anderes als um Farben, deren ansonsten schlechter sichtbaren Spektralanteile des Tageslichts durch Fluoreszenz heller und leuchtender erscheinen. Anders formuliert: Neonfarben müssen ins richtige Licht gerückt werden, um in ihrer ganzen Helligkeit zu erstrahlen. Doch was passiert, wenn die Lichtquelle plötzliche erlischt? Mittlerweile hat sie sich weitgehend abgeschminkt und wirkt viel jünger, als sie wirklich ist, wie sie so vor Brownie und Orangensaft auf der Wiese im Park sitzt. Ihre weiblichen Reize hat sie grösstenteils unter einem Oversized Shirt versteckt. ‹Natürlich unterscheidet sich die Kunstfigur der Zé von meiner privaten Person›, erklärt Sarah ihr Verhältnis zu ihrem Alter Ego.

‹Ich würde sagen, sie ist ein kleiner Teil von mir, der einfach manchmal zum Vorschein kommt.› Doch was, wenn diese Kunstfigur weder durch ihre schrillen Outfits noch durch laute Shouts und pumpende Beats mehr aufzufallen vermag, weil sich die einst so bunte Meute in einen weitgehend grauen Mob zurückverwandelt hat? ‹Ich glaube definitiv, dass ich bei der Musik bleiben werde, auch wenn der Electro-Hype vielleicht bald schon ganz vorbei sein wird›, garantiert uns Zé und trommelt mit ihren feingliedrigen Fingern auf ihrem Rucksack. ‹Vielleicht kann ich, wenn ich mal ein bisschen älter werde, nicht mehr so exzessiv tanzen (lacht), aber Musik machen werde ich wohl mein Leben lang.› Vielleicht wird das nächste Album ja auch ganz anders tönen als dieses, wer weiss. Bedenkt man die vielen Namen, unter denen sich die Malaysierin in der Vergangenheit zu präsentieren wusste, die unterschiedlichen Musikgenres, in denen sie sich schon zu Hause fühlte, so hegt man kaum Bedenken, dass ihr eine weitere Neuerfindung allzu schwer fallen dürfte. ‹Ausserdem gefallen mir visuelle Projekte sehr gut, ich könnte mir also auch vorstellen, zweigleisig zu fahren. Ich werde aber auf jeden Fall keinen Nine to Five Job machen, mir macht dieser verrückte Lebensstil viel zu viel Spass!› Und wer weiss, vielleicht sehen wir Zé ja schon bald wieder, vielleicht wird sie sich schon bald eine Gitarre um den Hals hängen und den

Lautstärkeregler mit einer Träne im Auge halt doch ein wenig leiser stellen. Zuzutrauen wäre es ihr, und das ist nicht als Kritik gemeint. Viel eher sollten wir uns verneigen vor Zé, Pink Zebra, der Lady in Pink und Searze, auf dass schon bald eine weitere – auch ohne Neon – schillernde Kunstfigur das Tageslicht erblicken wird. Weitere Info zu Zé findet ihr unter www.zebrainpink.com. Wir danken der ­Fotolocation www.soussol.ch.


Artwork by ill-studio www.sixpack.fr


Diamanten im Dreck

Bela B kennt man als charismatischen, stehenden Drummer der ­Ärzte, als Spassmacher und seit einiger Zeit sogar als Schauspieler. Auf seiner zweiten Soloplatte präsentiert er sich ­neuerdings auch als Gitarrist und mit einer Prise weniger ­Ironie. Interview: Rainer Brenner

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n einer geräumigen Ecke der trendigen Zürcher Kaufleuten-Lounge sitzt Bela B lächelnd vor seinem Laptop. Er scheint glücklich, beantwortet die Fragen ausführlich, verliert zwar von Zeit zu Zeit den Faden, allerdings nur, um mit geschickten Worten wieder zurück zur ursprünglichen Frage zu finden. kinki magazine: Du wolltest in jungen Jahren ja anscheinend Polizist werden, liest man. Stimmt das oder war das ein PR-Gag? Bela B: Ja, das ist wahr. Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, ich habe das in meinen Punkzeiten schon ziemlich früh bekannt gegeben, damit man mir keinen Strick daraus drehen konnte. Die Idee, Polizist zu werden, kam mir, als ich 15 war, das Schulende stand bevor, Geld, um Abitur zu machen, hatte ich nicht, ausserdem hatte ich auch kein wirkliches männliches Vorbild, Papa war schon lange nicht mehr präsent und mein ­Onkel war bei der Polizei. Bei der Polizei gab’s im ersten Lehrjahr halt einfach ziemlich viel Geld, wirklich an die Zukunft dachte ich damals natürlich noch nicht. Schliesslich habe ich mich dann also dort beworben und einen – erschreckend leichten – Anforderungstest bestanden. Im darauffolgenden Jahr kam aber Punkrock in mein Leben und mit ihm natürlich auch die Zweifel an diesem Beruf. Das Thema ist bis heute immer noch ein gefundenes Fressen, was ich natürlich auch verstehe. Ist ja auch absurd, dass jemand, der bei den Ärzten spielt und eine gewisse Nonkonformität predigt, mal bei der Polizei war. Wo wir schon beim Thema Nonkonformität sind: was hättest du gedacht, wenn du mit 18 vorausgesehen hättest, dass du mal hier in der Kaufleuten-Lounge Interviews geben und in 5-Sterne-Hotels wohnen würdest? Als ich 18 war, traute ich grundsätzlich niemandem über 30. Mittlerweile habe ich ja bereits die 40 überschritten (lacht). Ich hoffe und denke aber schon, dass ich mir selbst in gewisser Weise treu geblieben bin. Wir haben früher ja vor allem versucht, uns von diesen Deutschrockern abzugrenzen, nicht so zu werden wie die, und ich finde schon, dass uns das irgendwie gelungen ist.

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Hat Punk eigentlich überhaupt je etwas bewirkt oder verändert? Leute, die sich als Punks bezeichnen, sind doch eigentlich nichts anderes als Hippies mit gefärbten Haaren, findest du nicht? Klar, da gebe ich dir recht! Doch genau das war es ja eigentlich, was wir in den Anfangszeiten nie wollten. Dass man irgendwann nur noch vergangenen Zeiten nachheult. Das ist eine Falle, in die viele Bands und Fans leider getre­ten sind. Für mich ist der Punk eine erstarrte Szene. Man sieht da zum Beispiel ein Inter­view mit Blink 182, und der Drummer simst im Hintergrund mit Paris Hilton… Punk ist halt einfach im Establishment angekommen. Es gibt etliche Boybands, die mittlerweile tätowierter sind als ich. Das Ganze ist einfach zu einer Pose erstarrt, Shirts auf denen ‹Punk› geschrieben steht, kann ich mir im H&M kaufen, genauso wie Ramones-Leibchen. Einerseits mag das traurig sein, dass die Leute deshalb etwas tragen, einfach weil’s geil aussieht und gar nichts über den Hintergrund wissen, andererseits ist es doch eigentlich total im Sinne der Idee von Punk, die Sache dermassen einstürzen zu lassen.

‹Punkrock ist zur Pose erstarrt.› Du bist ja politisch doch ziemlich engagiert, zum Beispiel für Attac oder ‹Gegen Nazis›. Bringt es denn überhaupt etwas, wenn sich ein linker Musiker wie du, von dem man gar nichts anderes erwartet, für solche Zwecke einsetzt? Deine Botschaft erreicht doch sowieso nur Gleichgesinnte, oder? Ja, das hat etwas. Das ist auch genau die Sache, die wir an Punk früher so scheisse fanden: man steht da vor hundert Gleichgesinnten und predigt das, was jeder im Kopf hat oder auf der Jacke trägt. Ich merke aber, dass durch die grosse Popularität der Ärzte, die wir mittlerweile erreicht haben, schon auch ein anderes Publikum erreicht wird. Als wir zum Beispiel letztes mal im Hallenstadion gespielt haben, sind wir über Blocher hergezogen und haben da nicht nur Zustimmung von unse­ren Zuschauern empfangen. Vielleicht ist das Publikum mittlerweile etwas breiter gefächert, sodass solche Äusserungen teilweise


schon auch Menschen erreichen, die nicht gleich denken wie wir. Ich gebe dir grundsätzlich schon recht, aber solche Organisationen brauchen halt Öffentlichkeit und sind auch wichtig. ‹Kein Bock auf Nazis› oder ‹Gegen Nazis›, die ich beide unterstütze, sind ein Hafen für junge Leute, die gerne etwas verändern wollen und sich dort auch aktiv beteiligen können. Manchmal erreicht man dann mit den organisierten Konzerten vor Nazimahnma­len so schon mal die Leute, die man anspricht, meistens geht es aber wohl einfach darum, den anderen Gleichgesinnten Mut zu machen. Lässt das Bedürfnis, die Welt zu verändern, nach ein paar Jahren im Musikbusiness ab? Ehrlich gesagt hatte ich mit 16 oder 18 nicht das Bedürfnis, die Welt zu verändern, von daher würde ich sagen, dass das Bedürfnis eher wächst. Wir haben 1993 unseren ersten bewusst politischen Song geschrieben, ‹Schrei nach Liebe›, weil wir wussten, dass wir als Band, die von vielen Menschen wahrgenommen wird, nicht einfach auf die Bühne gehen und Party feiern können, während in Rostock die Asylantenheime angezündet werden – nicht nur von rechtsradikalen Skinheads, wohlgemerkt, sondern auch vom normalen Mob. Damals wollten wir ein klares politisches Statement machen. Früher dachten wir uns halt, dass es reicht, den Menschen einfach den Nonkonformismus und ein bisschen Anarchie vorzuleben, doch mittlerweile kann man sich ein politisches Statement manchmal einfach nicht verkneifen. Wir thematisieren die Missstände vielleicht auf unsere ironische Art, aber kriti­ sieren gewisse Dinge ganz bewusst. Apropos Ironie: In einer Pressemitteilung verschreist du die Ironie und feierst stattdessen den Widerspruch. Doch überall, wo Widerspruch ist, kann auch Ironie entstehen. Wieso sträubst du dich so gegen diesen Begriff? Hast du Angst, dass man dich nicht genügend ernst nimmt? Ich sträube mich gar nicht gegen dieses Wort, Ironie ist ja auch ein fester Bestandteil der Ärzte. Das Problem ist nur, dass Ironie ein Mittel ist, um Sachen zu schwächen. Man schwächt mit ihr andere Dinge, oder auch sich selbst, so werden gewisse Sachen vielleicht einfach als Spass abgetan und gar nicht richtig reflektiert. Ich verstecke mich auf meiner neusten Platte einfach nicht hinter der Ironie, bin auch deutlich weniger ironisch, als die Ärzte es sind. Ich finde aber auch, dass die zu ernste Beschäftigung mit Dingen ebenfalls nicht richtig ist. ‹Schrei nach Liebe› war zum Beispiel gerade darum so erfolgreich, weil das Lied ein ernstes Thema

i­ronisiert darstellte; das macht es leichter für die Leute, das Thema anzunehmen, als wenn man das so bierernst präsentiert. Ich möchte einfach nicht, dass ernsthafte Aussagen von meiner Seite von den Leuten als ironisch verstanden werden. Ich denke, in der Kunst wird das Wort Ironie vielleicht einfach zu schnell mit Trash gleichgesetzt. Ja, vielleicht, auch wenn ich dazu sagen muss, dass Trash natürlich ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens ist. Aber nehmen wir das Beispiel Hamburger Schule: eine ex­trem ironiefreie Bewegung. Allerdings gibt es auch in Blumfeldsongs eine gewisse Ironie, vor ­allem aber bei Tocotronik, was wohl auch be-

Nonkonform im grossen Stil: Die-Ärzte-Legende Bela B gehört längst zu den ganz Grossen des deutschen Musikzirkus.

gründet, warum sie die erfolgreichste Band dieser Bewegung sind. ‹Let there be rock› ist zum Beispiel ein unglaublich lustiger Song, auch wenn er nicht so klingt. Als wir mit dem Muszieren angefangen haben, war halt die Ernsthaftigkeit so grauenhaft ver­ breitet im deutschen Rock, alle hatten sich ‹Die Kinder vom Bahnhof Zoo› durchgelesen, kifften sich die Birne voll und arbeiteten in ­ihren Songs politische und soziale Themen ab. Dagegen war die Ironie der Punkbewegung natürlich eine willkommene Waffe. Heute möchte ich manche Themen auch ernst­ hafter ausdrücken, auch wenn die Ironie teilweise sogar in ganz ernste oder schöne Songs einfliesst, manche mögen sich da ­denken ‹Wie kann er das Lied nur so ver­­-

sauen?›, aber das ist halt einfach ein Teil von mir. Würdest du Trash als Lebenshaltung bezeichnen? Mir macht es einfach total Spass, den Diamanten im Dreck zu finden. Letztens habe ich Tarantino mal interviewt, und da er ja so unglaublich viel weiss über Trashkultur, habe ich ihn gefragt, ob das nicht wahnsinnig mühsam sei, sich diese Sachen alle anzugucken, denn das Meiste ist ja echt totale Scheisse und wird zurecht als C-Kultur klassifiziert. Auch er hat mir darauf entgegnet, dass es ihm darum geht, die Perlen zu finden, dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt. Du bist ein leidenschaftlicher Sammler verschiedener Dinge: Filme, Gitarren und vieles mehr. Bist du denn ein ordnungsliebender Mensch, so wie die meisten Sammler? Nein, da muss ich dich enttäuschen. Ich bin vielleicht nicht desorientiert und habe mir über die Jahre angewöhnt, einigermassen pünktlich zu sein, auch das ständige Sich-Gehen-Lassen bringt mir nicht mehr so viel Spass wie früher, zumal ein Kater mit über 40 länger anhält, aber ordentlich bin ich wirklich nicht geworden. Da ist schon viel Chaos in meinem Leben, und zwar ­sowohl inner­lich als auch äusserlich. Das ist nichts worauf ich ­besonders stolz bin, aber auch nichts was mir Angst macht. ­Unordnung ist wohl einfach ein Teil von mir. Gibt es denn eine Frage, die du schon immer beantworten ­wolltest, aber noch nie gefragt wurdest? (Lacht.) Da gibt es natürlich viele Anekdoten zu meiner neuen ­Platte, die ich gerne erzähle. Als ich zum Beispiel das Lied ‹Dein Schlaflied› für mein Demo einspielte, war es Nacht und bei mir zu Hause war jemand, den ich nicht wecken wollte, daher sang ich ganz leise und ganz dicht am Mikrofon. Die Stimme tönte total strange, deshalb entschieden wir uns, diese Stimme live bei den Konzerten dann auch im Hintergrund mitlaufen zu lassen. Das ist eine ­Geschichte, die weder mit Sex noch mit Drugs oder Rock’n’Roll zu tun hat, ich aber gerne mal ­erzählen wollte. Auf www.kinkimag.com verlosen wir zwei ­Tickets für das Konzert von Bela B in seiner Heimatstadt Berlin am 09.12. in der ­Columbia Halle! Ausserdem findet ihr dort das Interview mit Bela B in voller Länge. Illustration: Raffinerie

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Falsett ist Punkrock

Die Wild Beasts haben keine Angst vor Hochkultur und ­hohen Stimmen. Beseelt vom Geist der Jahrhundertwende hauchen sie englischem Pop neuen Odem ein. kinki sprach mit den ­jungen Wilden über den Sturm und Drang ihres Debütalbums, über Inspiration und Retrospektive sowie das musikalische Erwachsenwerden der Band. Und natürlich blieb auch die Frage nach der stimmlichen Tonlage des Sängers Hayden Thorpe nicht aus. Text und Interview: Arno Raffeiner

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s muss wohl an der eigenen Konditionierung liegen, dass man mit einem – nebenbei bemerkt etwas tautologischen und leicht bescheuerten – Bandnamen wie Wild Beasts nur Bilder einer Horde junger Rüpel in knallbunten T-Shirts assoziiert, die auf gimmicky Comic-Karacho machen. ‹Genau dem wollen wir entgegentreten. Wir wollen überraschen›, sagt Hayden Thorpe und streicht seine vor Pomade glänzenden blonden Haare noch mal sorgfältig aus der Stirn. Immerhin, ein einziges Detail stimmt mit dem ursprünglichen Bild überein: Der Sänger der Wild Beasts ist jung, ziemlich jung. Aber er ist von einer Aura sehr erwachsener Weisheit umgeben, und in seinem Aufzug aus Karottenhosen, gestreiftem Hemd und JeansWeste sieht er nicht gerade hip, sondern ein we­ nig aus der Welt gefallen aus. Vermutlich würde er das selbst sogar als Kompliment nehmen.

Vom jugendlichen Un­ gestüm zur er­ wachsenen Poesie Seit die Wild Beasts vor drei Jahren ihre ersten Songs veröffentlicht haben – so exaltiert wie rätselhaft wirkende Indie-Pop-Lieder über finstere Nächte und unerschrockene Hellseher – werden sie gerade für ihren Aussenseiterstatus gefeiert. Der Name der Band erklärt sich weniger aus einer Vorliebe für crazy Klamotten, sondern viel eher aus einer Passion für Symbolismus, Absinthräusche, die Poesie des blutjungen Arthur Rimbaud sowie die freigeistigen Maler des Fauvismus im frühen 20. Jahrhundert. Warum auch nicht mal das Lyrik- und Kunstportal bei Wikipedia durchstöbern, während alle anderen sich die immergleichen YouTube-Videos der letzten Bühnenerstürmung in Londoner Clubs reinziehen? Mit solchen strategischen Überlegungen kann Thorpe allerdings wenig anfangen. Die Musik, die er zusammen mit seinen langjäh48 kinki

rigen Freunden Tom Fleming, Benny Little und Chris Talbot macht, habe weniger mit Konzept als vielmehr mit Instinkt zu tun, erzählt Thorpe. Mitte der 80er-Jahre geboren, lernten sich Hayden und Benny an der Schule ihres Heimatortes Kendal kennen. ‹Wir kommen aus dem Lake District, ganz im Norden Englands, fast schon in Schottland. Das ist eine sehr ländliche Gegend mit vielen Bauern. Es ist alles sehr traditionell und nicht besonders modern, da zirkuliert wenig frisches Blut.› In dieser idyllischen, aber wenig aufregenden Gegend seien sie noch kurz vor der digitalen Revolution aufgewachsen. Ihr Taschengeld investierten sie in sorgsam ausgesuchte CDs, die eben auch nach dem 20. Hördurchgang noch spannend bleiben und immer neue Facetten bieten sollten. ‹Mein erstes Album war Pulps «Different Class». Das ist für einen 12-Jährigen ein kompliziertes Album! Es hat so viel Raffinesse und Ironie und ist auf gewisse Weise ziemlich düster: eine erwachsene Platte. Ich habe zuerst nur die Popsongs darin gehört, die Melodien und die Beats, und mich um die behandelten Themen nicht wirklich gekümmert. Trotzdem hatte das wohl ziemlichen Einfluss auf mich. Wenn man dann älter wird, bemerkt man irgendwann: Vielleicht machen wir ja auch erwachsene Musik.› Auf jeden Fall. ‹Brave Bulging Buoyant Clairvoyants› nannten die Wild Beasts ihre erste Single und riefen damit noch recht jugendlich ungestüm dazu auf, im Geiste der Sünde das Leben in vollen Zügen zu geniessen. Aber sie machten das auf eine ungewohnt spitzfindige und poetische Art. Ihre Gitarren haben sie knapp unters Kinn geschnallt, die Arrangements sind aufwendig rund um Klackerschlagzeug und hell tönende Riffs konstruiert, und nicht zuletzt schätzen die beiden Sänger und Texter Thorpe und Fleming ein sehr erlesenes Vokabular. Die Wild Beasts wollen ihr Publikum nicht für dumm verkaufen, sie wollen es herausfordern. Die grösste oder einfach nur die offensichtlichste dieser Herausforderungen lässt vermutlich viele schon beim ersten Ohrkontakt zurückschrecken. Hayden Thorpe singt fast nur mit einer durchdringenden, überschlagenen Kopf-

stimme. ‹Falsett zu singen ist eigentlich sehr offensiv. Es ist ziemlich Punkrock. Die Leute denken sich dabei viel eher «Was zum Teufel?!», als wenn man sie einfach anschreit. Das war wichtig für uns. Es ist essenziell, dass wir uns selbst eine solche Freiheit zugestehen und uns nicht darum kümmern, was andere darüber denken.›

Retrospektive als Antrieb Für die Aufnahmen ihres zweiten Albums ‹Two Dancers› nahmen sie sich die Freiheit, sich einen Wintermonat lang in einem Haus in Norfolk einzuschliessen, gemeinsam mit Richard Formby, der seit Ende der 70er-Jahre vorzugsweise Psychedelia in Plattenform produziert und ebenfalls strikt nach beinahe vergessenen Methoden aus dem 20. Jahrhunderts vorgeht: eine Bandmaschine, ein Live-Take, das war’s. Aber die Wild Beasts schaffen es genau mit dieser Rückwendung zu Vergangenem, englischem Gitarrenpop wieder frischen Wind einzuhauchen. Überraschenderweise. Foto: Tom Beard

Kopfstimme mit Köpfchen: die Wild ­Beasts besinnen sich auf ihre musikalischen Wurzeln und ­erschaffen ­trotzdem etwas komplett Neues. 


st i en ehr g in h s s u tlic iem › z t t en st z ck. e ls eig s i kro a ‹F . E un v i s hP n e lic ­off

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‹playlist› Unsere Lieblings-DJs stellen ihre All Time Favourites vor. Radiorifle 03:26

03:47

Slum Village: Fall-N-Love

Os Mutantes: Virginia Der Song Virginia wurde ursprünglich in Portugiesisch geschrieben, mir gefällt jedoch das englische Rework noch besser. Es ist ein sehr emotionales Stück, das mir jedes Mal unter die Haut geht. Das ist brasilianischer Psychedelic Rock vom Feinsten.

02:52

Arthur Verocai: Na Boca Do Sol Es fällt uns schwer, aus Arthur Verocais gleichnamigem (und einzigen) Longplayer einen Favoriten auszuwählen. Einigen konnten wir uns auf ‹Na Boca Do Sol›, welches durch ein unglaublich gutes Arrangement von Bläsern und einem 20-köpfigen Streicherensemble überzeugt. Am besten hört man die Platte jedoch in voller Länge und beginnt noch mal von vorne, wenn man durch ist.

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The Sylvers: We Can Make It If We Try

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ie sind die Nachtgewächse aus Solothurn, die sich in der Bundesstadt Bern implantiert haben, und in clubkultureller Hinsicht sind sie mit Sicherheit der beste Export Solothurns. Besonders eingenistet hat sich das DJ-Duo im Club Bonsoir, wo sie als Resident-DJs auf hohem ­Niveau mit internationalen Kollegen auftreten oder auch mal ein zweisames Heimspiel geben. Radiorifle, das sind die DJs Faktor und Clinic, mit bürgerlichem Namen Florian Bürki und Christoph Leuenberger, was dann wieder ganz solothurnisch anmutet. Nach Jahren gemeinsamer Clubtour und ausdauernder DJ-Nächte schlossen sie sich 2005 als Duo zusammen, um vom ursprünglichen Rap, dann Soul, Jazz und Funk gemeinsam mehr und mehr Richtung cluborientierte Elektronik zu driften. Heute heizen die beiden etwa mit House, Disco, World, Downbeat oder Dubstep ein und legen

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besonderen Wert auf elegantes Überschreiten jeglicher musikalischer Grenzen. Für solche gekonnten genreübergreifenden Ausschweifungen sind Grossremixes wie ‹Blowin’ Up The Barrio› und ‹I Sing The Funk Electric› exemplarisch. Neben den Besuchern des Club Bonsoir kam auch das Publikum des Gurtenfes­tivals sowie der Red Bull Music Academy Lounge am Sonar in Barcelona auf den Genuss der eklektischen Beschallung von Radiorifle. Ihre Top Ten zeugt denn auch von ihrer musikalischen Entwicklung und zeigt ihre Lieblingsstücke aus Rap, Soul, Downbeat und Electronic. www.myspace.com/radiorifle

The Jackson Who? Die zu unrecht etwas vergessenen Sylver Geschwister beweisen, dass sie bei weitem ebenso grossartig und smooth sind wie Michaels Brüder. ‹We Can Make It If We Try› lässt den Hörer alles Lästige vergessen und überträgt eine grosse Portion Euphorie. Pure Lebensfreude.

04:42

Ramases: Mind Island

Wir träumen ständig von einer einsamen Insel. Hört man sich dieses Stück an, wird dieser Traum seifenblasenecht. Diese musikalische Insel ist jederzeit erreichbar, die bedrückende Welt schnell vergessen und die Sorgen und Probleme ‹vanish like april snow›.

03:31

Aztec Camera: Lost Outside The Tunnel ‹The Sound Of Young Scotland›, der Slogan des Labels Postcard Records, sollte nicht ohne Einfluss auf die nachfolgende Generation der unzähligen ‹The Bands› bleiben. Indiepop, wie wir ihn heute kennen, musste erst erfunden werden. Einen grossen Schritt dazu leisteten die gerade mal 13 Releases von Postcard Records. Unser Favorit entstammt der Feder des damals 16-jährigen Roddy Frame.

Rest In Peace Jay Dee & Baatin!

02:34

The Slapped Eyeballers: The Fake Anti Waltz Ein Pianoloop, den ich bis ans Lebensende hören möchte. Dazu passen die schummrigen Vocals perfekt, die falschen Streicher kommen authentisch rüber und sogar die Handclaps haben Soul. Leider sind The Slapped Eyeballers schon bei ihrer Geburt verstorben, wir werden die Hoffnung auf eine Auferstehung jedoch nie ganz aufgeben: Hörst du, Mr. Grimm!

03:03

Mia Doi Todd: My Room Is White (Flying Lotus Remix) Seit den ersten Demotapes verfolgen wir aufmerksam den musikalischen Output von Flying Lotus. Mit diesem Remix schafft er es, den Song mit seinem unverkennbaren Stil zu versehen, die Stimmung und das Gefühl des wunderschönen Originals aber beizubehalten, perfekt ausbalanciert.

03:31

Daedelus: Vida Vida Von Daedelus könnten wir jeden beliebigen Titel wählen! Jedes seiner Stücke trägt eine eigenartig starke Aura mit und um sich, die auch live deutlich zu spüren ist. Selten findet man bei einem Künstler eine so innige Verbindung von Person und Werk wie bei ihm. Man spürt deutlich, dass er sich keine Grenzen setzt, wodurch seine Musik so lebendig und leicht wirkt.

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Burial: Etched Headplate Burial ist Soul. Dunkel und mystisch. Ein Soundtrack für eine einsame Zugfahrt. Musik für die Nacht. Unendlich und nicht greifbar. Unverständlich und tief. A distant light… Text: Florence Ritter und Florian Bürki Foto: Fabian Pfluger


eastpak.com

Fr. 30. Oct. 2009

antidotetour.com

Z7 Pratteln

presale: www.starticket.ch / www.ticketcorner.com / tickets.leechredda.ch Out now. anti–ag.com

magazine

Each show supporting a local Emmaus Shelter. Visit their site at www.emmaus-international.org

Out now. theonlybandever.com


Disco, Synths & Miracles

Wenn ein Ventilator über Nacht in einem geschlossenen Raum angelassen wird, besteht für die anwesenden Per­ sonen die Gefahr am sogenannten ‹Fan Death› durch ­Erstickung, Vergiftung oder Unterkühlung zu sterben. So be­ sagt es zumindest die südkoreanische Legende. Was die hübschen Damen der Pop-Band ‹Fan Death› mit diesem ­Mythos verbindet, erfahrt ihr im Laufe der Geschichte. Text und Interview: Florence Ritter

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owohl der Mythos als auch die Band ‹Fan Death› sollten hierzulande für viele eine Neuentdeckung sein, in England hingegen weitet sich ihr Bekanntheitsgrad bereits rapide aus, dennoch ist die kanadische Band nach wie vor ein Geheimtipp. Um euch das musikalische Projekt etwas näher zu bringen, habe ich mich mit Dandilion, der Sängerin von Fan Death, unterhalten und erfahren, dass sie von der 80erund 90er-Jahre-Nostalgie geplagt, von der Passion für Vintage-Kleider getrieben und von Oldschool-Filmen und Videoclips besessen sind, lieber als Gesamtkunstwerk oder fantastischer Mythos denn als simple Musikerinnen wahrgenommen werden.

Dem Jungbrunnen entsprungen Fan Death, das sind Dandilion Wind Opaine und Marta Jaciubek sowie ihr Produzent Szam Findlay, der so stark im Hintergrund agiert, dass man ihn selten zu Gesicht bekommt. Ansonsten finden sich im Internet nicht überbordend viele Informationen über die Band aus Vancouver, nicht mal eine Biographie ist verfügbar. Dafür zeigen professionelle Fotos auf ihrem MySpace-Profil zwei adrett gekleidete, hübsche Damen, die mal im Weltall schweben, sich mal bei einem Fashion Shooting in Pose werfen, mal bei Live-Konzerten in vielversprechenden Tanzbewegungen erstarrt sind. Allesamt strahlen die Bilder etwas Märchenhaftes aus, zu bunt und zu mystisch für unsere ergraute, rationale Welt. Fan Death haben bis anhin erst zwei Songs releast, an Bildmaterial haben sie aber schon einiges zu bieten und auch ihr Videoclip zum Song ‹Veronica’s Veil› ist so wohlgestaltet und sinnlich, dass man erwartungsvoll nach weiteren visuellen Ergüssen labt. Im Clip folgen Dandilion und Marta zu poppigen Synthi- und Disco-Klängen den beiden Enden eines langen weissen Schleiers. Über einen kitschigen Friedhof in Me52

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xiko, durchs Wasser, an Felswänden empor gehen sie dem verheissungsvollen, entschwindenden Schleier nach, singen und springen vor verzaubernden Kulissen in entzückenden Kleidern, bis sie zueinander finden. Gemeinsam schreiten sie ins Meer, um unter Wasser zu den letzen Takten des Songs nymphenhaft vom Schleier umschlungen durchs Wasser zu wirbeln. Wie im Märchen eben.

Integrales ­Kunstprojekt Fan Death produzieren einen Mix aus Synthi-, Dance-Pop und Disco, geführt von weiblichen Vocals. Es ist Discomusik, die mit einzigartigem Einfallsreichtum und einer spürbaren Überzeugung interpretiert wird und so tatsächlich an die goldene Ära der elektronischen Popmusik erinnert. Und auch ihr Feingefühl für Mode, Geschichten, Geheimnisse und nostalgische Musik zieht sich derart durch alle Ebenen der Selbstdarstellung hindurch, dass wir ihnen den 80ies- / 90ies-Flashback dankend abnehmen. Im Interview wird dann auch schnell klar, dass Fan Death nicht nur gute Musik machen wollen, sondern sich gerne als Mythos auf unseren Schultern niederlassen und uns in ihre Traumwelt begleiten möchten. Im Gespräch zeigt sich Dandilion, die der Kopf der Band zu sein scheint, sehr ruhig; diese ‹Zurückhaltung› wirft sie, beim Thema Mode und Inspiration angelangt, aber vollends von sich. kinki magazine: Ich konnte nur wenige offizielle Informationen zu Fan Death ausfindig machen, könntest du euch kurz vorstellen? Dandilion: Unsere Band besteht aus zwei weiblichen Bandmitgliedern, Marta und mir, sowie einem männlichen Mitglied, dem Produzenten Szam, der sich jedoch weder auf Fotos noch in Videos zeigt. Nur wenn wir auftreten, präsentiert er sich dem Publikum. Ich


denke, wir machen klassische Bandmusik mit vielen Synthesizern, die stark geprägt von Stilrichtungen aus der Vergangenheit ist und sich bewusst an den Sound anlehnt, der am Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre aufkam. Was für eine Verbindung besteht zwischen dem ‹Fan Death›-Mythos und eurer Band bzw. eurer Musik? Ein Freund von mir ist Koreaner, er hat mir diese Legende erzählt. Das war gerade zum Zeitpunkt, als wir über unseren Bandnamen nachdachten, ich habe also auf Wikipedia nachgeforscht und konnte es nicht fassen, dass die Leute diesen Mythos wirklich glaubten. Dann habe wir auf MySpace überprüft, ob der Name schon besetzt ist, und haben ihn uns gekrallt. Ich finde er passt sehr gut zu uns, da wir sehr empfänglich für Mythen, Legenden und fantastische Geschichten sind. Er hat auch einen düsteren Touch, das gefällt uns sehr. Was verarbeitet ihr in eurer Musik, worüber singt ihr? Meistens schreibe ich die Lyrics, es geht um Dinge, die ich gelesen oder gefühlt habe: Beziehungen, Emotionen, Geschichten und Märchen. Unser erster veröffentlichter Song ‹Veronica’s Veil› basiert auf einer Geschichte aus der Bibel. Es geht um das katholische Relikt, das Schweisstuch der Veronika, das die Heilige Veronika der Legende nach Jesus auf dem Weg nach Golgatha reichte, worauf der Abdruck von Jesu Angesicht darauf haften blieb. Obwohl wir beide nicht besonders religiös sind, konnten wir uns aus der Kirche daran erinnern, wir mochten diese Geschichte sehr. Ein anderer Song heisst ‹La Paca›, es ist Martas Lieblingssong. Es geht um ein mexikanisches Medium, das der Polizei hilft, Geheimnisse aufzudecken. Das ist ein ziemlich verbreitetes Phänomen in Mexiko. Da ich viele Freunde in Mexiko habe, gehe ich oft hin und lasse mich von der Kultur und den Märchen dort inspirieren. Und natürlich haben wir auch einige Lovesongs. Habt ihr eine bestimmte Botschaft? Es gibt keine bestimmte Message, wir möchten emotionale Popmusik machen, heutzutage fehlen der Popmusik oft die Emotionen. Wir versuchen das Gefühl zu transportieren, welches wir hatten, als wir als Kinder zum

ersten Mal Pop im Radio hörten. Das waren damals Pop-Bands wie Depeche Mode, The Pet Shop Boys, OMD und New Order. Wir sind in dieser Hinsicht sehr nostalgisch.

Sie liebt es aber, wenn ich schöne Kleider für sie finde. Seit wir mit Fan Death begonnen haben, hat ihre Garderobe immens zugenommen.

Ihr seid immer auffallend gut gekleidet, wie wichtig ist Mode für Fan Death? Danke! Es ist so, dass Mode mein Leben lang eine sehr wichgespielt hat. tige Rolle Ich habe auch schon als Stylistin gearbeitet und sammle Kostüme. mit ‹Dandi Schon Wind›, meiner

Wie würdest du euren Kleidungsstil beschreiben? Wir mögen sehr verschiedene Stile. Was aber alle unsere Looks vereint, ist, dass wir grundsätzlich nur Vintage-Kleider tragen. Alles, was wir tragen, ist Second-Hand; von den 40er- bis über die frühen 90er-Jahre haben wir alles im Sortiment. Es ist meine Passion Vintage-Kleider zu sammeln. Woraus schöpft ihr eure Inspiration? Modisch inspirieren uns vor allem Filme, wir schauen sehr gerne alte Thriller des italienischen ‹Giallo›-Genres, insbesondere diejenigen des Regisseurs Dario Argento. Meist tragen die Schauspieler dort fantastische, schicke Kostüme. Ausserdem lieben wir alte TV-Shows, wir sehen gerne ‹Dallas›, die Mode darin ist grossartig! Was steht als nächstes an? Wir gehen jetzt ins Studio und beenden endlich die Aufnahmen für unser Album, das eigentlich schon Anfang 2009 hätte erscheinen sollen. Und dann werden wir viele tolle Videos machen und auf Tour gehen. Ich bin ganz aufgeregt, weil wir gerade einen Vertrag bei einem Major Label unterschrieben haben (dem Label ‹Pharmacy›, das ausser in UK unter der Obhut von Mercury / Universal steht), wodurch wir endlich ein grösseres Budget für Videos zur Verfügung haben. Ich produziere nämlich auch selbst Musikvideos, für meine ehemalige Band ‹Dandi Wind› habe ich alle Videos gemacht, aber zum Beispiel auch für ‹Lady Sovereign› und ‹Metronomy›. Und danach werden wir in England und in Europa auf Tour gehen und nächstes Jahr nehmen wir dann Amerika in Angriff.

früheren Band, war ich immer ‹verkleidet›, sprich selekt und auffallend gekleidet. Ich denke, dass es wichtig ist, auf der Bühne speziell, apart und professionell auszusehen. Ich bin eigentlich immer gut gekleidet; was ich auf der Bühne trage, trage ich auch im Alltag. Mode hat mich schon immer fasziniert. Marta ist nicht so ein Fashion-Addict wie ich.

Wir erwarten mit Spannung das langersehnte Album Anfang 2010, und natürlich freuen wir uns bereits auf weitere ­traum­hafte Videoclips. Mehr Info gibt es auf www.myspace.com/fandeath. Foto: Leigh Righton

kinki 53


La Nouvelle Vague Suisse

Denkt man an Schweizer ­Musik, so fallen einem augenblicklich Urgesteine wie Polo Hofer, Mani Matter oder volkstümliche Schmachtbarden wie Oeschs die Dritten ein. Diese recht eigentümliche Szenerie hat sich jedoch spätestens seit dem Auftauchen der Singer / Songwriterin Sophie Hunger gewandelt und seither rollt eine wahre Neue Schweizer Welle auf uns zu, auf der auffallend viele frische, weibliche T­alente surfen. Text und Interviews: Anja Mikula

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as Konzert ist ausverkauft, als ich die winzigen, puppenstubenähnlichen Räumlichkeiten des ‹La Catrina› betrete. Der Andrang ist nichts Ungewöhnliches für die Mitarbeiter der Bar, immerhin lockte die junge Zürcher Musikerin Fiona Daniel bereits viermal wahre Scharen in die kleine Bar in einer Seitenstrasse der Langstrasse. Doch um das fünfte und letzte Konzert der ‹La Catrina Hausband› mitzuerleben, scheint sich die Bar heute Abend noch ein wenig mehr auszudehnen als sonst. Nicht mal die kurz nach Konzertbeginn ankommende Sophie Hunger kommt mehr herein. Als die Band zu spielen beginnt, geht es los auf den knackenden und rauschenden Bahnen, die Fionas Musik beschreibt. Ich lausche nur noch ihrer herb-süssen Stimme, die an manchen Stellen brüchig erscheint und in den Höhen charmant in der Luft zerissen wird. Fionas Musik ist geprägt von einer Lust am Ausprobieren, die für den Zuhörer immer wieder spürbar wird: Hier tänzeln die Melodien zwischen Jazz, Folk und Bossa Nova, dort setzt sich der ­B assist plötzlich auf den Boden, um dem Xylofon eine kinderliedähnliche Melodie zu entlocken, die dann im Raum hängen bleibt. Probierfreudig ist Fiona auch, als sie bei einem Konzert im La ­Catrina einmal kurzerhand einen Beatboxer für Rhythmus sorgen lässt, als ihr Drummer ausfällt. Und obwohl man es nicht gedacht hätte, passt auch er in den Klangteppich ihrer Musik.

‹Auf Züridütsch würde ich mich zehnmal nackter fühlen.› Als ich vor dem Konzert kurz die Möglichkeit habe mit Fiona zu sprechen, beschreibt sie ihre Musik selbst als etwas Winterliches, vielleicht auch Herbstliches. Tatsächlich empfindet man 54 kinki

beim Hören einen kühlen Unterton, dem dennoch etwas Tröstendes innewohnt. Wohltuend wirkt ihr Sound hier im heissen La Catrina, wo die Zuschauer sich seit Beginn des Konzerts Luft zufächeln. Bei dem aktuell zu beobachtenden Trend der ‹Neuen Schweizer Welle›, bei der man fernab von Folklore-Bligg und Wieder-zurück-ausAustralien-Gölä auch jungen hausgemachten Talenten Gehör schenkt, bleibt verwunderlich, warum alle auf Englisch (oder wie Lea Lu auch sporadisch auf Französisch) singen und nicht mit Schweizerdeutsch ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Denn obwohl beispielsweise bei unserem grossen Nachbarn aus dem Norden, Künstler wieder häufiger ihre Musik in ihrer Muttersprache singen, scheint dieser Trend bei uns nicht zu existieren. kinki magazine: Fiona, warum singst du auf Englisch und nicht auf Schweizerdeutsch? Fiona Daniel: Ich finde, dass Schweizerdeutsch vielleicht gut zu Hip Hop passt, aber zum Gesang passt speziell das Züridütsch – das ich ja spreche – nicht. Die Laute klingen manchmal sehr hart und kehlig und hören sich in einem Lied gar nicht so gut an. Auf Englisch geht das leichter. Ich glaube, dass ich auch so ein ‹Gspüri› für die Sprache habe. Wenn ich aber auf Züridütsch singen würde, würde ich mich zehnmal nackter fühlen als bei englischen Texten. Hinter der Fremdsprache kann man einfach in eine geschütztere Rolle schlüpfen.

Könnt ihr jungen Talente in der Schweizer Musiklandschaft gut koexistieren? Das würde ich schon sagen, da wir alle sehr unterschiedliche Musik machen. Ich finde, man macht es sich schon sehr einfach, wenn man uns alle einfach in die Schublade ‹Singer / Songwriter› steckt. Solche Leute beschäf­tigen sich doch gar nicht damit, was für un­ terschiedliche Musikfacetten die Schweizer Musikerinnen aufweisen. Sophie Hunger hat für mich unter all den talentierten Schweizer Musikerinnen und Musikern persönlich übrigens eine spezielle Bedeutung. Durch sie wurde vieles, was jetzt auch mit mir und den anderen Schweizer Künstlerinnen passiert, erst in Bewegung gesetzt. Sie hat uns sozusagen den Weg bereitet. Ihre Musik berührt mich jedes Mal. Immer wenn ich auf einem Konzert von ihr bin, rollen die Tränen. Da brechen

Man darf gespannt sein, ob Fionas Musik auch auf ­ihrem Debütalbum knacken und rauschen darf.


Deutschland bei Four Music zu veröffentlichen. Voraussichtlich wird ‹Dots and Lines› im Frühling auch dort erscheinen. Ich glaube, dass die Musik – so abgedroschen es auch klingt – eine universelle Sprache ist, oder zumindest eine weltliche. Das, was man mit der Musik vermitteln will, wird verstanden, und zwar ­überall auf der Welt, auch wenn man die verwendete Sprache nicht kennt. Ein trauriges Lied ist überall ein trauriges Lied.

Lea ist bereit, für ihren Erfolg ‹wie eine Ameise› zu arbeiten.

sozusagen die Dämme. Sie ist die einzige Schweizer Künstlerin, die es schafft, mich so zu berühren.

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inige Wochen nach dem Konzert im La Catrina flattert ein Album in das kinki Redaktionsbüro: ‹Dots and Lines› heisst es und darauf zu sehen ist eine junge Frau, die sich Lea Lu nennt. Schon beim ersten Anhören erfüllt eine helle Beschwingtheit die Redaktion und ein leises Mitgesumme mischt sich unter die sanften Klänge der Zürcherin. Lea Lus Lieder sind in einer anderen Jahreszeit angesiedelt als die Musik von Fiona Daniel: ‹Dots and Lines› tönt fast wie ‹barfuss am Strand entlanggehen›, wie die NZZ nach einem Konzert der 1984 geborenen Lea titelt. Tatsächlich sind Lea Lus Lieder flirrend federleicht und am besten bekömmlich auf einer rot-weiss-karierten Picknickdecke. Doch auch wenn sie noch so sommerlich tönen: Die 24-Jährige mit dem nach Südsee klingenden Namen schreibt die meisten ihrer Stücke an Regentagen. Auch kein Wunder in der Schweiz.

Ihre Musik assoziiert Lea selbst mit Farben und anderem. Blau, tief, pink, rot, orange, fliegend und tauchend. In anderen Worten: melancholischer Pop, eher mediterran denn nordisch. Mit ihrer eingängigen Musik ist es der Künstlerin mit den spanisch-französischen und polnischen Wurzeln bereits gelungen, das Record Label Sony Music auf sich aufmerksam zu machen und sich dort einen Major-Deal zu sichern. Dies ermöglicht ihr auch, wovon andere Schweizer Künstler noch träumen: ein Album Release in Deutschland. Die Sängerin wirkt souverän, schon fast abgeklärt wie ein alter Hase auf der Showbühne, als ich sie nach ihren Plänen für die Zukunft frage: kinki magazine: Wie siehst du deine Zukunft? Wünschst du dir, deine Karriere auch im Ausland voranzutreiben? Lea Lu: Meine Zukunft wird sich auf der Bühne abspielen, hoffentlich auch auf der interna­ tionalen. Konzerte spielen ist das, was mich antreibt. Der Grundstein dafür ist zum Glück schon gelegt, durch Sony Music Schweiz habe ich die Möglichkeit mein Album auch in

Kann man in der Schweizer Musikszene gut nebeneinander bestehen? Wenn man die Ohren der Leute mit etwas ­Authentischem und Krea­ tivem aufwecken kann, dann hat man grösste Chancen auf Aufmerksam­keit. Und das ist der Grundstein für Erfolg, man muss zu allererst einmal wahrgenommen werden. Dazu kommen natürlich Glück und ein Wille, wie eine Ameise zu arbeiten, hinzu. Wenn das erfüllt ist, bietet die Schweiz ein feines aber sehr kleines Musik­ business, in dem man erste Schritte üben kann. Die grösseren Schritte folgen dann, wenn man ins Ausland geht, weil das Business dort einfach viel grösser ist.

‹Ein trauriges Lied ist überall ein ­trauriges Lied.› Auf deinen Pressebildern inszenierst du dich sehr romantisch. Siehst du dich auch selber so? Eigentlich müsste ich ja eine Brille tragen, aber da ich lieber fast an ein romantisches Werk erinnernde Landschaften und Bäume sehe lass ich es bleiben. Zudem mag ich Musik aus der Romantik sehr gerne. Die ganze Epoche entspricht einer Seite in mir, deshalb ist es zutreffend, mich romantisch zu nennen. Aber es ist nur eine Seite. Ich kann auch sehr ­traurig, wütend und aggressiv sein. Das Auto in meinem Videoclip kaputt zu schlagen ­be­reitete mir äusserste Freude. kinki 55


grossen Publikum aufzutreten. Die junge Sängerin nimmt sich während der Studioaufnahmen Zeit, meine Fragen zu beantworten.

Valeska empfindet die Schweizer Musikszene als wohlwollend.

Was denkst du von deiner musikalischen ‹Konkurrenz› Fiona und Valeska? Fiona war bis vor kurzem meine Backgroundsängerin und dazu noch eine langjährige ­Kollegin. Von Konkurrenz kann da bitteschön nicht die Rede sein! Wir sind in Zürich ein kleiner Gesangsclan. Dazu gehören unter anderem auch Valeska Steiner und Guillermo Sohrya, alles wunderbare Sänger mit einer eigenständigen musikalischen Sprache. Wir sind Freunde und helfen uns gegenseitig musikalisch auch mal aus. Wenn jemand von uns erfolgreich ist, sehe ich es als Erfolg für alle. Denn dann wird unsere Musik gehört und das ist doch schon mal gut!

A

ber mit Fiona Daniel verbinden Lea Lu nicht nur gemeinsame Auftritte, bei denen ­Fiona als Mitglied von Leas Band die Backupvocals übernimmt. Was beide Mädchen eint, ist die Experimentierfreudigkeit, mit der sie der Musik gegenübertreten. Denn sowohl Lea als auch Fiona spielen mehrere Instrumente, von denen sie sich einige selbst durch Gehör und ‹Herumgeklimper› beigebracht haben. Eine weitere talentierte Zürcher Singer / Songwriterin, die über ganz ähnliche Wege zur Musik kam wie Fiona und Lea, ist Valeska Steiner, die mittlerweile zwischen Hamburg und Zürich pendelt. Nicht nur auf MySpace sind die drei Mädchen Freundinnen, auch im wahren Leben verstehen sie sich gut. Genau genommen begegneten sie sich zum ersten Mal in der Zürcher Gesangschule ‹FeMale Funk Project›. Seither ist viel passiert und auch Valeska wird bald mit ihrer vollen und warmen Stimme aus dem CD-Player tönen, denn sie befindet sich ebenfalls gerade im Studio. Ihre Musik wird bestimmt von einer gewaltigen Bandbreite, die es ihr ermöglichte, neben andern Newcomern wie Heidi Happy auf der ‹The Song Circus›-Tour vor einem

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kinki magazine: Wie würdest du deine Musik in eigenen Worten beschreiben? Valeska Steiner: Ich finde es immer schwer, die ­eigene Musik selber zu beschreiben. Vielleicht eine Mischung aus Singer- / Songwriter-Texten und Popeinflüssen. Irgendwo zwischen ­Suzanne Vega und Phoenix. Und ich habe schon ein paar Mal gehört, dass es Musik ist, die einem ein glückliches ­Gefühl gibt. Du bist dieses Jahr mit Coal & Band beim ‹Song Circus› aufgetreten und hattest Ende August einen Auftritt zusammen mit Trummer und Nadja Stoller: Stehst du lieber gemeinsam mit anderen Künstlern auf der Bühne als alleine mit deiner Band? Ich finde, das kann man fast nicht vergleichen. In letzter Zeit habe ich mich mit meiner ei­ genen Sache sehr aufs Schreiben und aufs Studio konzentriert, da blieb wenig Zeit für Bandproben und Auftritte. ‹The Song Circus› und die Konzerte mit Trummer und Nadja ­waren tolle Möglichkeiten, trotzdem aufzutreten. Ich finde es grossartig, mit befreundeten Musikern einen Abend zu gestalten, meistens sehr spontan und mit wenig Proben. Die Konzerte sind ein bisschen unberechenbarer, weil man sie nicht alleine in der Hand hat, aber genau das macht sie so spannend. Und ich finde es sehr schön, dass es mal nicht darum geht, als Einzelperson im Vordergrund zu stehen, sondern gemeinsam mit Leuten mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Talenten etwas auf die Beine zu stellen. Diese Konzerte haben mir menschlich und musikalisch sehr viel gegeben und ich würde solche musikalischen Ausflüge immer wieder gerne machen, weil ich davon sehr erfüllt und inspiriert zurückkomme. Aber die eigene Sache hat natürlich schon Priorität und ich freue mich, in Zukunft ganz oft mit meiner Band aufzutreten. Wie empfindest du die Schweizer Musiklandschaft zur Zeit? In der Schweiz hat man es als Singer / Songwriterin im Moment sehr leicht und ein bisschen schwer zugleich. Einerseits schätze ich mich glücklich, dass ich eine Zeit ‹erwischt› habe, in der Sängerinnen in der Schweiz so viel Aufmerksamkeit und Respekt geschenkt wird. Andererseits finde ich es manchmal schwierig, dass so viele unterschiedliche Sängerinnen oft in einen Topf geworfen werden,

nur weil sie eben Frauen sind, die ihre Songs selber schreiben und aus der Schweiz ­kommen. Das reicht vielen als Gemeinsamkeit schon aus und dann werden z.B. Sophie, ­Heidi, Lea und Fiona in einem schnellen Atemzug genannt, obwohl die sich ja, wenn man genauer hinhört, stilistisch teilweise sehr von einander unterscheiden. Aber im Grossen und Ganzen lebt es sich sehr gut in der Schweiz neben Schweizer Musikern und Bands. Ich empfinde die Schweizer Musikszene grössten­teils als sehr aufgeschlossen, wohlwollend und herzlich. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass man sich seinen Platz erkämpfen muss.

Die perfekte Welle Ob sie während eines Konzertes einen Zuschauer bitten, die zerrissene Saite der Gitarre neu zu spannen – wie Fiona Daniel – oder mit einem schüchternen Lachen zugeben, dass sie und ihre Band für die Zugabe schlicht keinen Song mehr einstudiert haben – wie Valeska Steiner: der Sound dieser Drei, die der ‹Neuen Schweizer Welle› angehören, ist noch ein gutes Stück davon entfernt, perfekt zu sein. Und das ist gut so. Die Musik der jungen Schweizerinnen scheint genau von diesen kleinen, beseelten Momenten zu leben. Wenn der Bass nicht mehr knackte und kein Geräusch seines Eigenlebens mehr von sich gäbe oder dieses leise, heimelige Rauschen im Hintergrund verschwinden würde, dann wäre ihre Musik ein Stück ihrer blossen Schönheit beraubt. Denn diese Momente machen die Musik echt und gelebt, ihr Fehlen würde ihr das Glück nehmen, das den Liedern trotz der besungenen, unglücklichen Liebe stets innewohnt. Sie gehen diesen Weg alleine und doch zusammen: Er mag für alle gemeinsam in der Gesangschule begonnen haben und sich immer wieder auf den unterschiedlichsten gemeinsamen Konzertabenden kreuzen. Man kann diese Bewegung nennen, wie man will, und vielleicht ist ‹Schweizer Welle› auch gar nicht angebracht. Denn letzten Endes wäre dieses Phänomen sicherlich nicht so schön, wäre es in seinem Innern nicht so atemberaubend diversifiziert: Die unangepasste Fiona Daniel, die mit Kinderspielzeug singt, hat neben andern genauso ihre Daseinsberechtigung wie Lea Lu, die uns farbenprächtige Traumwelten von unerfüllter Liebe heraufbeschwört, während Valeska Steiner uns mit ihrer vollen Stimme Schauer über den Rücken zu jagen vermag. Hoffen wir, dass aus den drei jungen Talenten die perfekte Welle wird und die stillen Wasser der Schweizer Musikwelt nicht nur von einem lauen Sommerlüftchen gekräuselt werden. Alle Interviews könnt ihr in gesamter Länge auf ­www.kinkimag.com nachlesen. Fotos: Nora dal Cero, Tom Bauer, Franca Wrage www.myspace.com/fionadanielmusic www.myspace.com/valeskasteiner www.myspace.com/lealumusic


Face to Face 9 · In dialogue we trust! Internationale Konferenz F2F9 · La France meets Deutschland Wirtschaft und Designpraxis

12. bis 14. November 2009 Film-, Medien- und Designstadt Ludwigsburg

Anmeldeschluss: 2.November 2009 Teilnahmebeitrag: 120 bis 390 EUR

Unternehmen und ihre Designpartner auf Augenhöhe – fast 60 Redner, knapp 30 Erfolgsgeschichten aus Frankreich und Deutschland: Uwe R. Brückner / Atelier Brückner, Simon Burkart / Intégral Ruedi Baur, Richard Cook / Wallpaper Magazine, Romain Ferrari / Ferrari SA, Arnault Garcia / Futurocolor, Sergent Garcia / La Gwagwita, Martin Grothmaak / Projekttriangle, Gesine Grotrian-Steinweg / Fons Hickmann m23, Katrin Kahlefeld / Deutsche Kinemathek, Justus Oehler / Pentagram, Jean François Porchez / Porchez Typofonderie, Martin Primus / Audi, Holger Schmidhuber / Fuenfwerken, Loran Stosskopf / Paris, Blasius Thätter / BurdaYukom, Peter Zizka / Heine / Lenz / Zizka, ... Face to Face ist weltweit die einzige Designkonferenz, bei der seit 2001 Designauftraggeber und professionelle Gestalter stets gemeinsam auf dem Podium stehen. Sie machen Gestaltungsprozesse öffentlich und präsentieren Projekte aus Design, Kommunikation und Wirtschaft. Das Partnerland wechselt jährlich. Mehr Information und Anmeldung: www.face-to-face.eu design: bureau-bald.de


‹soundcheck› Nach diesen Scheiben wirst du süchtig. Selbst der sonst so miesepetrige Schwarzseher und Nihilist Nietzsche musste zugeben, dass das Leben ohne ­ Musik ein Irrtum wäre. Umso dankbarer wäre der Philosoph wohl gewesen, hätte er seinerzeit gewusst, dass unser Review­nator einst mit seiner monatlichen Auswahl letzte klangliche Irrtümer und ­Fehlkäufe im Keim ersticken würde und uns an dieser Stelle stets die heissesten musikalischen Neuerscheinungen präsentiert. Gott sei Dank, nicht wahr, Friedrich? 

Während der Grippewelle

Moneybrother: Real Control

Wurst. Es gibt sie in allerlei Va­ riationen. Leberwurst, Fleischwurst, ­Blutwurst. Wurst mit Kräutern und frischen Tomaten, zart und cremig, grob und feurig. In jedem ­Falle aber ist sie eines: nämlich fettig. Und mit Moneybrother verhält es sich ähnlich wie mit Wurst – er schmeckt, passt zu fast jeder Gelegenheit und ist schmierig wie ein Sahnekalbs­leberaufstrich. Klar ist es einfach, sich nach einem erfolgreichen und viel ­gelobtem ­Album à la ‹To Die Alone› auf einen aufstrebenden Künstler zu stürzen und seine Songs zu zerfleischen wie ein ausgehun­ 58 kinki

gerter Bluthund, aber: ich habe auch nie behauptet, dass die letzten ­Alben besonders gut waren. Viel eher war das die deutsche Ant­ wort auf den Ursprung der Medien­krise – Sarah Kuttner – und die hat ja bekanntermassen so viel Ahnung und Geschmack, dass sie mittlerweile nur noch in einer Form mit Musik in Berührung kommt: per MP3-Player zu Hause. Und anders ist der Hype um Anders Olof Wendin auch nicht zu erklä­ ren. Ein bisschen den Sound ­runterfahren, den dahindudelnden Beatles-Zigeuner-Ichmachir­gendwiealles-Mix schön auf Ret­ ro getrimmt und dazu noch ein paar hübsche Tattoos und die ob­ ligatorischen Röhrenjeans – fertig ist der austauschbarste Songwriter Europas. Es reicht heute eben nicht mehr, bekannte Schemata aufzugreifen und sie ein bisschen musikalisch-schizophren auszuschmücken. Das über­lassen wir dann lieber anderen Herrschaften oder machen eben das, was man bei der ersten Plat­ te schon hätte machen sollen: zu den guten alten ­Originalen zu­ rückgreifen. Retro ist, was ihr draus macht.

Zum BurgerBarbecue

Dizzee Rascal: Tongue’N’Cheek

Dizzee Rascal ist wie Ronald McDonald, nur schwarz. Und ta­ lentiert. Und das Dizzee nicht ganz so oft mit Santa Claus asso­ ziiert wird. Einen prallen Sack hat Dizzee aber auch – voller klei­ ner Geschenke. Und selbst das Auspacken macht Spass, denn Dizzee ist einer mit Style. Da steckt Elektro dem guten ­alten Ghetto-Slang ganz un­ verfänglich die Zunge in den Ra­ chen und ­latent paranoide Reime treiben es mit schon fast infantil anmutenden Hooklines – ohne Verhüterli. Klingt schräg, ist schräg. Aber ‹Tongue’N’Cheek› ist, was es ist: Hip Hop wie er un-

konventioneller nicht sein ­könnte. Und das ist auch gut so. Wenn man von den Ermüdungs­ erscheinungen des gewöhnlichen Rap-Mainstreams schon Blitzkrebs zu bekommen be­ fürchtet, liefert ­Rascal die musika­ lische Chemo dazu – und die ­bitzelt, kitzelt und ­fordert gleicher­ massen. Jay-Z, Busta Rhymes – und wie diese ganzen talententeigneten Trauergestalten sonst noch so heissen – würden ihre frisch polierten Grillz, aufgemotzten Karren und ‹Hot Mommas› aber so was von eintauschen, um nur einmal so viel Mut, Individualität und Wahnsinn zele­brieren zu dürfen, wie es Dizzee auf ‹Tongue’N’Cheek› im Brecheisen­format vorlegt. Knallharter Rap ist eben richtig schön. Vor allem, wenn er so Spass bringend in Szene gesetzt wird wie von Dizzee Rascal. Da kann auch Ronald McDonald keinen mehr draufpacken. Und dieser Typ trägt rot-weiss geringelte Skatersocken, verdammt!


Für den Trip ins Wunderland

zugehen. Wer jedoch dazu bereit ist, der wird schon bald merken, dass auch die vertonte Hölle die eine oder andere Freude zu bieten hat. Satan rocks. Zumindest zu diesem Sound.

Für ein ­stilvolles Tanzgelage

Für Nächte an tschechischen Autobahnen

Oliver Koletzki: Grossstadtmärchen

Scarlet Soho: Warpaint

Für laue Abende unter den Linden Horse The Band: Desperate Living

Drogen sind doch irgendwie scheisse. Kurzzeitig machen sie ein ­bisschen Spass, aber was danach kommt, sind üble Kopfschmerzen, verkaterte Ausgelaugtheit und ziemlich fiese Laune. Da sollen sich doch lieber an­dere die Birne vollhauen. So wie Horse The Band. Die sind nicht nur dauer­ drauf, sondern zudem auch noch schizophren und auch ein wenig ­manisch. Willkommen im ­musikalischen Wunderland, Alice, du olles Miststück. Ich will ehrlich sein, diese Platte ist nichts für zarte Gemüter und auch ich gehöre eher zu den bärtigen Kuscheltypen, die immer ein bisschen Melodie mit ein wenig Geschram­mel dem in­ fernalen Hau-Drauf-­Core-Sound vorziehen. Aber ‹Desperate Li­ ving› ist dermassen durchgeknallt, dass man schon fast geneigt sein muss, es Kunst zu nennen. ­ Superstraighte Singalongs werden zerrissen von derben Schreieinlagen, der mitreissendste ­Nintendo-Sound wird zerfleischt von den ­verfrickestelten Riffs seit At The Drive In. Horse The Band ist einfach alles auf einmal: Pop, Metal, Punk, Indie, Emo­ tronic und auch ein bisschen Techno. Vom warmen Bettchen wird man da direkt ins kalte ­Wasser ­geschmissen, nur um danach melodischen Honig ums Maul geschmiert zu bekommen, der sich aber jäh als feuriger Tabasco entpuppt, der ­einem die BartStoppeln versengt. Musik für Ken­ ner. Musik für Denker. Musik für Revolutionäre. Das hier ist eine Kampfansa­ ge. Die erhobene Faust gen Mainstream. Die Verneinung aller Elektro­zappler, die mal ein biss­ chen auf ­Rocker machen wollen. ‹Desperate Living› ist das Salz in die klaffenden Wunden derer, die sich noch nie getraut haben, auch mal musikalisch ein Risiko ein-

I Might Be Wrong : Circle The Yes

Ich bin verliebt. In eine Stimme. In eine Vorstellung. Wie ich so Händchen haltend unter den Ber­ liner Linden sitze. Die Sommer­ sonne strahlt mir aufs Gesicht. Und Lisa von Billerbeck singt nur für mich. Berlin ist die Stadt der Stunde. Die besten Clubs, die beste ­Szene, die besten Bands. Gewiss, das war nicht immer so, schliess­ lich haben die Deutschen auch ziemlich viel Schund zu verantworten, aber was momentan so über die Grenzen der deutschen Hauptstadt schwappt, ist einfach nur ‹qualitativ hochwertig›. So auch I Might Be Wrong: mit einer kongenialen Mischung aus Indie, dezentem Elektro und smoothem Jazz liefern die Hauptstädter die perfekte Platte für laue Herbstabende. Zu dem Sound von ‹Circle The Yes› ­möchte man draussen flanieren, sich mit Freunden treffen, ab­ hängen und über Themen diskutieren, die einem am Herzen liegen. Melancholie könnte man so was nennen. Aber für diesen ­Begriff sind I Might Be Wrong noch zu bejahend, noch zu positiv, noch zu umarmend in dem, was sie machen: melodisch, songwrite­ risch, in der ganzen Erscheinung. I Might Be Wrong wirken wie Grossstädter, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wussten, als einfach ein bisschen Musik zu machen. Dabei raus­ gekommen ist eine der angenehm unspektakulärsten Indiescheiben der letzten Monate. Und genau das ist das Spektaluräre, der Mut zur Natürlichkeit.

‹Oliver Koletzki, wer isn dette?› Hierzu sollte man am besten Wiki­ pedia zitieren und zwar wörtlich: ‹Oliver Koletzki ist ein Produzent und DJ im Bereich der elektro­ nischen Tanz­musik.› Und besser könnte man es nicht ausdrücken. Denn was Oliver auf seiner Schei­ be ‹Großstadtmärchen› abliefert, ist Elektro, Soul, Jazz und Pop zu­ gleich. Irgendwie eine Mischung aus extrem gechilltem Deichkind und eingängig-groovigem Mo­ dern-Jazz. Nur das sich auf Koletz­ kis ­Knallerplatte die deutsch­ sprachigen Mikrofon-Heroen in Form von Features die Klinke in die Hand geben: Mias Mietze, Bosses Axel und Kate Mosh – all diese Stimmen verleihen jedem einzelnen Song einen eigenstän­ digen Charakter und lassen den Begriff ‹Tanzmusik› von nun ab auch beim Patentamt zu. Wenn es Clubs mit Stil über­ haupt noch gibt, dann liefert das ‹Großstadtmärchen› den per­ fekten Soundtrack dazu. Ge­ schmeidiger, ele­ganter und anmu­ tiger kam elektronische Musik in den letzten Jahren nämlich ganz gewiss nicht daher. Und wenn man dann noch die Eier besitzt, das Album auf Deutsch besingen zu lassen, dann hat man zumindest schon mal mein Herz erobert – ein hartes und miesepetriges wohlgemerkt. Die Quotenregelung – vor ­einiger Zeit hatten ausgemergelte Pseudo-Ikonen wie Udo Linden­ berg oder Peter Maffay gefordert, mehr deutschsprachige Musik im Radio zu spielen. Tja Freunde, wenn ihr auch nur halb so hoch­ wertige Musik wie Koletzki abliefern würdet, dann hätte man diese ­lächerliche Diskussion niemals führen müssen. Eins ist mit diesem Album einmal mehr klar: die deutschsprachigen Künstler sind da draussen und sie haben es böse drauf.

Ein ‹elektrisierter› David Bowie treibt es gleich mit allen Dreien von Depeche Mode, Interpol schauf­ feln sich ein Pfund Pillen rein und lassen es sich von The Cure so ­richtig derbe besorgen: fertig ist der feuchtfröhliche New-WaveGang-Bang mit garantierter Höhe­punktsgarantie. Sowas gibt es sonst nur an tschechischen Auto­ bahnen. Oder eben bei den Bri­ ten Scarlet Soho. Keine Ahnung, ob das Sound­ tüftler-Duo von der grünen Insel jemals in einem Sarg zu nächtigen gewagt hat, aber wenn das hier das Ergebnis solch einer abstrusen Erfahrung sein sollte, werde ich mir gleich morgen solch ein hölzer­nes Schlafgefäss von Hand zim­ mern lassen. Was Scarlet Soho auf ihrer neuen Platte abziehen, ist so unglaublich bescheuert, dass es schon wieder unglaublich sty­lish ist. Das hier ist schon kein Re­ tro mehr, das hier ist New-Retro. Eine Retrospektive der Retrospek­tiven. Eine Hommage an all die Hommagen, die derzeit die Charts besiedeln, die Quint­essenz aus den angesagtesten Acts der WaveBewegung und dem Besten von heute. Scarlet Soho liefern mit ‹Warpaint› nicht mehr als viel­leicht das kontroverseste und den­ noch beste Album des Spätsom­ mers ab. Klar ist solch ein avantgardistischer Sound nicht für ­jedermann, aber für all diejenigen, für die hautenge Jeans und ein ­Liter Haarspray sowieso zum allabend­ lichen Inventar gehören, könnte diese Scheibe zum Soundtrack grandioser Nächte werden. Ihr habt noch nicht genug von den leidenschaftlichen Album-Kritiken un­seres ­Reviewnators Florian ­H ennefarth? Dann ­besucht ‹Hennes ­kleinen Musikladen› auf www.­ kinkimag.com, in welchem unser Flo wöchentlich Neuerscheinungen mit gewohnt unverblümten Kritiken versieht!

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‹album des monats› Von der Redaktion gekürt. Dublex Inc.: Phoenix

1.

Hell in A Handbag feat. Tuomo:

Flo: Das Lied entstand an einem schönen Aprilnachmittag bei unserem BoygroupUrlaub auf Ibiza. Es trägt viel Sonne im Herzen. Felix: Erst war es nur ein Instrumental, dann haben wir Sandhy kennengelernt und dachten: Das passt. Er transportiert die Stimmung wunderbar durch den Text.

Felix: Der Protagonist in dem Text sieht, dass sich alles dem Ende nähert und kann nichts tun. Die Explosion der Kulturen lässt sich nicht aufhalten. Flo: Das ist ein Depri-Song. Alles geht den Bach runter. Nur die Familie gibt einem noch Kraft und Sinn. Ach, in Finnland, wo Tuomo herkommt, sind doch eh alle depressiv!

2.

Rainy Day feat. Mayka Edjole: Felix: Mayka, die Sängerin der Sweet Vandals, eine Soul-Garage-Band aus Madrid, kam super vorbereitet hier ins Studio. Dann hat sie aber unaufhörlich gekifft und weil daraufhin ihre Stimme zu kratzig war, Unmengen von Thymian-Tee getrunken. Der ganze Raum hat danach gerochen. Sie ist eine sehr spirituelle Persönlichkeit mit einem grossen Herz. Ich habe selber lange Zeit danach auch nur noch Thymian-Tee getrunken.

3.

The GAME FEAT. ASHLEY SLATER: Flo: Ashley hat uns vor langer Zeit mal auf den AB gequatscht, dass er unsere Platten geil findet. So hat sich der Kontakt entwickelt. Er versteht unsere Musik, die Zusammenarbeit klappt super, auch wenn wir uns nie persönlich getroffen haben. Felix: Das macht wirklich nichts aus, das ist wie eine Brieffreundschaft.

4.

It Takes Time feat. Bridgette Amofah:

S

ingen können sie nicht. Und Texte schreiben auch nicht. Aber verdammt gute Instrumentalmusik machen. Weil das deutsche Produzentenquartett ‹Dublex Inc.› trotzdem mehr zu sagen hat, als Klänge allein ausdrücken können, haben sie sich für ihr neues Album ‹Phoenix› gleichgesinnte Sängerinnen und Sänger mit ins Boot geholt. Eine echte Seelengemeinschaft. Denn das Produzieren funktionierte nahezu ohne Absprachen, die Stimmung der Musik brachte die Textinhalte automatisch mit sich. Logo, denn im Soul ist es ganz einfach: Es geht um grosse Gefühle, die man vermitteln kann, oder eben nicht. Am 11. September erschien nun das zweite Album des Produzenten-Teams. Der Titel ‹Phoenix› lag nahe – aus der Asche von Zerstörtem entstand Neues. Und das kann sich hören lassen: Dublex Inc. aka Felix, Flo, Rino und Robin haben ihre

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gewohnt eher schnellen DanceTracks in wunderschöne SoulSongs verwandelt. Dafür haben sie sich Zeit genommen. Seit ihrem letzten Album ‹Eight Ears›, das 2004 erschien, ist es ruhig um den Vierer geworden. Der legendäre Erfolgstrack ‹Tango Forte› liegt weitere drei Jahre zurück. ‹Phoenix› ist technisch aufwändig und detailliert ausgearbeitet. Die meisten Instrumente wurden live eingespielt, alles sorgfältig abgemischt. Musikalisch ist den sympathischen Jungs damit ein Mix aus Retrosounds und moderner Tanzmusik gelungen. Authentizität zu schaffen war ihnen dabei besonders wichtig. Die Songs wurden im Studio zum Teil mit originalen Instrumenten und 50 Jahre altem Equipment aufgenommen. Oder, um es mit Felix’ Worten zu sagen: ‹Das Album klingt wie ein schönes, altes Auto, bei dem man die Oldtimer-Teile aufpoliert hat – aber um den richtigen Speed zu bekommen, wurden zusätzlich auch neue Teile eingesetzt.›

7.

Shine feat. Sandhy Son Doro:

Felix: Typisch für ein Soulstück ist, dass der Text des Songs nicht abstrakt, sondern nah am Leben angelehnt ist. Es geht darum, wie wichtig die familiäre Umgebung ist. Und darum, dass es Zeit braucht, Wunden heilen zu lassen.

5.

Changes feat. Stee Downes: Rino: Den Sänger habe ich in Dublin kennengelernt. Ich habe auf seiner Veranstaltung aufgelegt und fand seine Musik richtig cool. Felix: Der Tune war zuerst sehr jazzig, wir haben viel an ihm rumgebastelt. Lustig – der Titel heisst ‹Changes› und es ist der Song, der wohl die grösste Wandlung hinter sich hat.

6.

Rockstar: Felix: Die Bassline hier hat Drum & BassGeschwindigkeit, trotzdem wollten wir den Bass live einspielen. Unser Bassist Rolf hat sich fast die Finger gebrochen, so kompliziert hat sich das ganze entpuppt. Wir haben sechs Stunden nur Bass -Aufnahmen für diesen Song gemacht. Keine Ahnung, wie wir das ausgehalten haben. Flo: Also ich hab mir einfach vorgestellt, ich wäre ein Kamel.

8.

Un Peu Mais Pas Trop feat. Rosa Pöttinger: Flo: Rosa ist in der Karibik aufgewachsen. Ich habe sie bei ihrem Auftritt in einem Club kennengelernt. Sie passt eigentlich gar nicht in Clubs. Sie ist so ein feines, dünnes Wesen.

9.

Black Pearl: Felix: Ich habe mich in dieser Zeit viel mit Barry Whites Kompositionen auseinandergesetzt. Der Song hat einen repetitiven Charakter, zwei Rhythmen, die miteinander und gegeneinander arbeiten.

10.

Unfold feat. Spoonface: Rino: Ich mag Spoonface’ Stimme sehr, weil sie mich an Barry White erinnert. Er mochte den Vergleich aber nicht und hat extra höher gesungen. Flo: Wir haben den Track so oft zurückgeschickt, bis es stimmlich passte. Felix: Das ist unser sexy Song. Er geht allerdings unter die Oberfläche und beschäftigt sich mit dem Zeitpunkt, an dem man sich entscheidet, ob man geht oder bleibt.

11.

Something’s Missing feat. Stee Downes: Rino: Das ist der einzige Song auf dem Album, bei dem wir das Instrumental extra geschrieben haben, weil wir mit Stee arbeiten wollten. Ich bin dann nach Dublin geflogen und wir haben den Song ganz spontan nach zehn Bier aufgenommen. Das Studio war genau über der Bar.

12.

My Thrill feat. Mayka Edjole: Felix: Eine schöne D&B Nummer mit Brazil-Flavour. Rino: Wir wollen zeigen, dass D&B immer noch Spass machen kann. Es ist der Rock’n’Roll der Neuzeit. Flo: Wir haben lange rumprobiert, an welcher Stelle der Song passt, als letzter Track ist er perfekt. Ein schönes Ausrufezeichen am Schluss!

Dublec Inc.: ‹Phoenix› (Infracom) ist bereits erschienen. Text und Interview: Paula Kohlmann Foto: Werner Pawlok


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SiMoN SteUri Beruf: Musicvideo- und Filmdirector, Moderator und redaktor der Sendung ‹Sounds!› auf DrS 3 Wohnort: Zürich Geburtsdatum: 22.3.1977 Jugendsünden: ‹ich habe als Kind kaum gesprochen und war furchtbar scheu. ich konnte mich deshalb lange Zeit nicht verständlich ausdrücken. Kommunikation war überhaupt nicht mein Ding. Heute ist das anders.› Shirt: Alternativ @ on y va Schuhe: Nike Air Maxim 1 Jacke: Model’s own Hoodie: Nike AW77 Full Zip Hose: Levi's

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‹vive la fragrance› This is it

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eulich habe ich vom Suchen und Finden der Liebe berichtet und stelle jetzt mit amüsiert hochgezogener Augenbraue fest, dass es mich doch tatsächlich – gleich dem Einschlag eines Kometen – erwischt hat. Ich bin nämlich auf einer meiner ­Luxushotel-Touren jemandem begegnet, der nicht nur ganz ­fabelhaft mit Global-Messern umgehen kann, sondern auch mit meinem Herzen. Weshalb ich nun mit jeder Faser meines Seins ­verkünde: This is it! Meine ewige Jagd nach dem so genannten ­verlorenen Schatz hat endlich ein Ende gefunden – und zwar in ­jeder, ja sogar in olfaktorischer Hinsicht. Denn die neue Duftkollektion der beiden italienischen Designer Stefano Gabbana und Domenico Dolce – ‹The D&G Fragrance Anthology› (insgesamt fünf Düfte, Eau de Toil­ette, 100 ml um CHF 95.–) – ist nicht minder aussergewöhnlich und bricht mit allen Regeln der konventio­ nellen Parfum-Lancierungen. Dabei wurden die von Tarotkarten inspirierten Düfte ‹Le Bateleur 1›,

‹L’Imperatrice 3›, ‹L’Amoureaux 6›, ‹La Roue de la Fortune 10› und ‹La Lune 18› weder Alters- noch Zielgruppen zugeordnet und ­sollen allein durch ihre jeweiligen Namen einen Hinweis auf die ­Eigenschaften des jeweiligen Trägers geben. Was mich betrifft, so scheint das Parfum für ‹Die Liebenden› mit seiner würzigen Note sowie Bergamotte und Sandelholz wie geschaffen, um nicht zu sagen, perfekt für mich. Darum habe ich nicht nur beschlossen, meine amourösen Spielereien ad acta zu legen, sondern auch das Duftzepter weiterzugeben. Man soll schliesslich dann gehen, wenn es am schönsten ist, n’estce pas? So möchte ich denn ­meinen Lesern von ganzem Herzen meinen Dank aussprechen und ein Nordlicht ankündigen, das mich ab der kommenden kinki Ausgabe würdig vertreten wird. Man darf jedenfalls gespannt sein. Ferner möchte ich mich an dieser Stelle auch bei jenen ­Personen bedanken, die mir sowohl im Guten wie auch Schlechten eine Inspiration waren und ohne die es ‹vive la fragrance› so nicht gegeben hätte: Ala, Alejandro, Babbo, Brigitte, Carina, Caroline, Carlos, Charles, Christina, Christian Louboutin, Cyril, Danae, Dani, Edith, Edward, Erich, Fabrizio, Hannah, Henrik, Ivo, Jasmin, Jason, Katja, Kätzli, Kharron, Kristina, Lone, Luca, Lee, Mark, Matthias, Melania, Michael, Michel, Myriam, Myriam R., Neo, Nicole, Patrick, Rahel, Rainer, ­Rainer M., René, Robert, Stefan, Steve, Sue, Tina, Thomas, Urs, Victor. Zum letzten Mal lieh uns unsere Kolumnistin und Parfümfetischistin Irène Schäppi diesen Monat ihr feines Näschen für diese Kolumne. Wir danken ihr für die feinfühlige Riechund Schreibarbeit, mit welcher sie uns Monat für Monat beehrte! In der nächsten Ausgabe werden wir euch an dieser Stelle Irènes Nachfolgerin aus dem hohen Norden vorstellen. Illustration: Raffinerie

Die Suche hat ein Ende: in der fünfteiligen Parfüm-Anthologie von  D&G findet jeder Träger seine charakteristische Duftnote.

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Pour les filles qui parlent avec les mains

Verspielte überdimensionierte Schlei­fen zieren Van Berys neuste Kollektion, die etwas angepasster als die vorherigen ist, innerlich aufbegehrt und am liebsten voller Verrücktheit und Farbenprächtigkeit strotzen würde. Wir haben mit der Jungdesignerin über den Mittelweg zwischen exzentrischen Modewürfen und absetzbarem Mode­ design gesprochen. Text und Interview: Florence Ritter

Ungezwungen und verträumt: ­ ‹Set your monkey free›, Berivan Meyers erste Kollektion nach dem Studium.

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W

as passiert eigentlich mit den zahlreichen talentier­ ten Absolventen hochre­ nommierter Designschu­ len wie dem Central Saint Martins College of Art & Design in London oder der Königlichen Akademie für Schöne Künste in Antwerpen? Nicht allen gelingt ein pompöser Einstieg in die Modewelt wie dem deutschen Bernhard Willhelm, der schon heute von Nach­ wuchsdesignern als Vorbild gehandelt und von gestandenen Grössen in den höchsten Tönen gelobt wird. Nach der Ausbildung sind Praktika bei mehr oder minder bekannten Designern un­ ausweichlich, bis man sein eigenes Label grün­ det oder zumindest vollends auf die eigene Linie setzt, nachdem man sich über Jahre bis in die berühmten, mondänen Modehäuser hinauf­ assistiert und längst den Weg nach Paris einge­ schlagen hat, das trotz reisserischer Modejour­ nalisten-Statements – ‹Berlin / Copenhagen is the new Paris› – de facto noch immer die Haupt­ stadt der Mode und somit ‹the place to be› für Jungdesigner darstellt.

Nicht alle Wege führen nach Paris Berivan Meyer kommt aus Lausanne und gradu­ ierte 2007 an der Königlichen Akademie in Ant­ werpen, einer der besten Modedesignschulen Europas. Sie assistierte bei Bruno Pieters in Antwerpen und bei Loewe in Madrid und be­ warb sich anschliessend beim Podium Femina (einem Wettbewerb für junge Schweizer Modedesigner), wo ihr Kollektionsvorschlag prompt angenommen wurde, weshalb sie nicht nach Paris ging, sondern nach Lausanne zurückkehr­ te und vorerst dort blieb. Die Kollektion, die aus dem Jungdesigner Wettebewerb hervortrat, war wild, unbekümmert und voller jugendlichem Leichtsinn mit ungestümen drapierten Designs ganz auf den Titel ‹Set your monkey free› zuge­ schnitten. Unter ihrem eigenen Label ‹Van Bery› brachte die Jungdesignerin in den letzen einein­ halb Jahren drei eigene Kollektionen heraus, die sich von konzeptueller Alice-im-WunderlandMode in gemässigte und somit tragbarere Schnitte verwandelten. Eine Herausforderung für ­Berivan, der in Antwerpen konzeptuelle Grenzenlosigkeit gelehrt wurde. Absichtlich wurden dort den Absolventen nicht mal die Grundlagen der Schneiderei beigebracht, um ihre Schöpfungsfantasien nicht durch Schnitt­ muster und technische Angelegenheiten einzu­ schränken. In Antwerpen ist alles möglich und machbar, was der kreative Geist ersinnt und was als untragbare Avantgarde-Robe durchgeht. Auf sich selbst gestellt, sieht die Realität dann doch weniger rosa und grenzenlos durch­ führbar aus: Berivan produziert ihre Kollektionen zurzeit von A-Z selbst, da sind umfangreiche, zeitbeanspruchende Näharbeiten fehl am Platz, ebenso extrovertierte, gewagte Schnitte – dies aus verkaufstechnischen Gründen. Im Ge­ spräch erzählt mir Berivan, dass sie sich teilwei­ se vorkommt, als wäre sie bei sich selbst in der Lehrzeit: auf dem Programm steht da das

Die Stoffe der Kollektion ‹Set your monkey free› wurden eigenhändig von Berivans Vater bemalt.

schlichtere Design, das Umsetzen ihrer Entwür­ fe, aber besonders die Suche nach der richti­ gen Kundschaft. Um diese zu finden und zu be­ halten, hat sie sich bereit erklärt, der Klientel geschmacklich entgegenzukommen, solange sie sich dabei selbst treu bleiben kann. Von den grossen Würfen im Sinne der Haute Couture kehrt Berivan in Lausanne mit Van Bery an die Kleiderstange des Prêt à Porter und zu den handwerklichen Aspekten der Mode zurück, die sie an der Designschule schlichtweg über­ sprungen hat. Im Interview gibt die sympathi­ sche Jungdesignerin bereitwillig über ihr Label und über ihre Erfahrungen Auskunft – und ich wünschte, dass sich ihre unaufgeregten, aber sehr hübschen seidenen Kollektionen so gut absetzten, dass sie irgendwann wieder zu den grossen, voluminösen und tollkühnen Entwür­ fen zurückkehren könnte, die ihr eigentlich so Spass machen.

kinki magazine: Würdest du heute noch ein Praktikum in Paris absolvieren wollen? Berivan Meyer: Natürlich, also je nachdem. Praktika sind toll, aber auch schwierig, weil sich daraus nicht unbedingt was ergibt. Ich habe bereits einige Erfahrung gesammelt und weiss, wie ein Praktikum funktioniert, zum Beispiel dass es aus schöpferischer Hinsicht meist sehr beschränkt ist und man schluss­ endlich mehr administrative oder organisatori­ sche Arbeit übernimmt: es ist mehr Sekreta­ riat als Kreation. Welcher Teil des Modeprozesses gefällt dir am besten? Auf jeden Fall nicht das Nähen, das hasse ich. Andererseits liebe ich es, wenn etwas vo­ luminös wird, sprich wenn ich sehe, dass ­etwas Gezeichnetes Gestalt annimmt. Ich arbei­te sehr instinktiv, das heisst, dass auch kinki 73


schen Stücke sind, die sich am besten verkau­fen. Das ist sehr frustrierend für mich, da ich am liebsten ständig verrückte Kollektionen entwerfen würde. Manchmal frage ich mich deshalb auch, ob ich mich vielleicht im Theater besser machen würde. Aber das ist wohl sehr natürlich, nach der Ausbildung muss jeder seinen Weg in der Modewelt finden, ich hoffe, ich finde einen zwischen beiden Polen. Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Oder erfindest du dich jedes Mal neu? Es ist immer sehr schwer, von der eigenen ­Arbeit zu sprechen. Ich sage immer: ‹Ich ma­ che Mode für Frauen, die mit den Händen sprechen› – also ausdrucksstark sind. Ich mag Farben und noble Materien, meine Kollek­ tionen sind oft aus Seide. Der Stil ist feminin, glamourös und vielleicht auch ein wenig kit­ schig im positiven Sinne. Ich denke schon, dass ich mich stark ­entwickle, weil ich sehr viel lerne. Mein eige­ nes Label zu führen, fühlt sich an wie eine praktische Ausbildung. Die Kunstschule, die ich besucht habe, war wirklich rein kreativ, dort habe ich gelernt, immer weiter zu gehen und noch verrücktere Sachen zu machen, das war genial. Aber wenn man nachher in die Realität kommt und auf die Wirklichkeit des Handels und der Nachfrage trifft, dann sieht das anders aus. Auf jeden Fall lerne ich, ­meine Designs zu vereinfachen, simplere Ent­ würfe zu machen, die trotzdem interessant und speziell sind. Und ich lerne richtig nähen, wir haben in Antwerpen nicht einmal die Grundlagen der Schneiderei gelernt. Wir soll­ ten einfach ausprobieren. Deshalb arbeite ich, als wäre Mode eine Skulptur. Ich sehe Mode eindeutig als Kunst, nicht als Industrie. Weltweit wird Mode oft nur als Industrie wahrgenommen, das ist für junge Modeschöpfer problematisch, wir werden in Sachen Subven­tion und Förderung gegenüber Künstlern sehr vernachlässigt. Wir werden nicht als Künstler wahrgenommen. Diese FinanzierungsStruktur für Modedesign fehlt in der Schweiz ganz. Schweizer Designer werden nicht ­respektiert. In Belgien haben Modedesigner einen Status und ihren respektierten Platz in der Gesellschaft.

Die letzte Frühlings- / Sommerkollektion ist neckisch, weniger ausgefallen, ­dafür markttauglicher.

meine Zeichnungen sich weiterentwickeln, wenn ich an der Umsetzung bin. Überhaupt arbeite ich oft direkt mit dem Stoff und forme und drapiere ihn gleich an der Puppe. Hilft dir jemand bei der Umsetzung der Kollektion? Leider nein, das ist meine grosse Sorge. Ich mache vom Entwurf bis zur Umsetzung al­ les selbst. Deshalb konnte ich nur kleine ­Produktionen machen, die Herstellung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, ausserdem arbeite ich im Moment nebenher noch 50% in einer Boutique. Schlussendlich komme ich kaum dazu, Werbung für Van Bery zu machen und an Messen zu gehen. Deshalb bin ich im Mo­ ment mit einer Freundin am Abklären, ob es möglich wäre, unsere Kleider in Polen her­ stellen zu lassen. Dann hätte ich endlich mehr Zeit um an die Kollektion und die Designs 74

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zu denken, statt mich mit dem Annähen von Knöpfen abzumühen. Die neuste Kollektion ist viel simpler und we­ niger auffallend gehalten, war der wirtschaftli­ che Aspekt dabei mitbestimmend? Sicher, aber auch der zeitliche Aspekt. Da ich alles selber realisiere, habe ich keine Zeit, komplizierte Kleider zu produzieren, ansonsten müsste ich pro Stück 2000 CHF verlangen. Und das ist nicht das Ziel. Ich arbeite jetzt un­ gefähr seit 1½ Jahren an meinen Kollektionen und habe drei rausgebracht. Nun beginne ich verstärkt darauf zu achten, wie die einzel­ nen Stücke beim Publikum ankommen. Es ist für mich sehr schwierig, eine fidele Kund­ schaft zu gewinnen und gleichzeitig auch meinen Vorstellungen treu zu bleiben. Ich ver­ kaufe zum Beispiel auch im Globus und die haben mir klar mitgeteilt, dass es die klassi­

Wie schätzt du den Schweizer Markt ein? Es gibt schon mal einen grossen Unterscheid zwischen der deutsch und der französisch sprechenden Schweiz, die haben einen ande­ ren Geschmack. Dann denke ich, dass die Leute sich sehr wenig trauen, sie finden meine Kleider mit starken Farben und auffälligen ­Designs grossartig, wenn ich sie trage, selber kleiden sie sich eher konservativ. Also geht man als Designer darauf ein, was die Leute tragen wollen. Das ist der Kompromiss, den man machen muss, man sollte einfach ein Milieu finden, in dem man sich treu bleiben kann. Weitere Info unter www.vanbery.com. Fotos: Anoush Abrar, Aimée Hoving, Amelie Blanc, Noura Fahali


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T he Campus Photographer: Gemma Booth @ santucciandco.com Styling: Lauren Grant Make Up: Liz Daxauer @ Caren using Shu Uemura Hair: Nina Beckert @ Sohomanagement.co.uk using Kiehl’s Stylist Series Model: Stacey @ Premier Photographer’s Assistant: Phil Taylor Stylist’s Assistant: Sandy Samra

Neck tie: Mint Vintage Cardigan: Paul and Joe Sister

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links Skirt: Beyond Retro Shirt: American Apparel Neck tie: Beyond Retro Belt: H&M rechts Shirt: Margaret Howell Glasses: Calvin Klein

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links T-shirt: American Apparel Playsuit: Paul & Joe Sister Socks: Tabio Shoes: Gap Beret: Beyond Retro Rucksack: As Before Scarf (worn around the waist): Designers Remix Collection rechts Top: Maje Ring: As before Necklace: Noele

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linksâ&#x20AC;&#x2030;&â&#x20AC;&#x2030;rechts T-shirt: American Apparel Playsuit: American Apparel Necklace: Urban Outfitters

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‹vertreter› Über die wichtigsten Schuhe von 1900 bis heute. Name: Buffalo 1310-2 Geburtsjahr: Die 90er-Jahre Typ: Plateauschuh Hersteller: Buffalo Boots GmbH

Was haben Sven Väth und Sonnenkönig Ludwig XIV. gemeinsam? Sie verschafften dem Plateauschuh einen Platz im Modehimmel. Doch der wackelt gewaltig. 

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didasknopfhosen, Helly-Hansen-­ Jacken und PeterAndré-Frisuren. All das waren ja nur Accessoires, die dem einzig wahren Schuh der 90er zu seiner wahren Grösse verhalfen: dem Buffalo! Heute kann man über diese Geschmacksverirrung nur noch lachen. Doch in vielen Kulturen Asiens und Afrikas war das Laufen auf Kork-Plateau schon vor Jahrhunderten gross in Mode, in China gehörte es sich zeitweilen, den Frauen die Füsse schmerzhaft zusammenzubinden, sodass sie auf eine Grösse von 10 cm ­zurück schrumpften. Damit tippelten die puppenartigen Erscheinungen dann auf mehreren Zentimetern Kork ihre Pflicht an das damalige Schönheitsideal ab. Etwas früher noch, im 17. Jahr­ hundert, gehörten Plateauschuhe vor allem bei Männern am Hofe von Ludwig XIV. zum guten Ton. Der ‹Sonnenkönig› war mit seinen 1,68 m Körpergrösse dem Absolutismus und dessen Prunk ohne 10 cm Korksohle nicht gewach­sen. Der berühmteste und älteste Vorläufer des Plateauschuhs ist jedoch der Zoccoli, ein venezia­ nischer Stelzenschuh aus dem 15. Jahrhundert, an dessen Verse und Spitze sich ein hoher Sockel befand. Der Schuh blieb zwei Jahrhunderte am Gipfel der damaligen Trends, geriet dann jedoch für lange Zeit in Vergessenheit. Bis zu einem Rockkonzert im Januar 1973. Die schrill geschminkten Jungs von Kiss brachten ihn dies-

mal in Form von Stiefeln in die Köpfe und an die Füsse aller Langhaarigen. Rocker wie Hippies. In jeglichen Farben, aus knallbuntem Kunstleder und in Kombination mit Minirock und Blümchenbluse feierte der Plateauschuh sein Comeback.

Gefühlte fünf Kilo an den Füssen Und was hat das mit Büffeln zu tun? Michael Conradi gründe­te Anfang der 90er ein Unternehmen, das sich auf ausgefallene Westernstiefel konzentrierte. Daher der Name und das Logo. Klingt nach Texas? Der Hauptsitz der Firma war und ist jedoch Hochheim am Main im Bundesland Hessen. Wer dort dann ­wieder auf die Idee gekommen ist, babyblaue Plateau-Schuhe mit seltsamen Verschnörkelungen an der Seite zu produzieren, bleibt wohl Firmengeheimnis. Doch es hat sich gelohnt: Nachdem an Emmas und Geris Spice-Girl-Füssen diese bis zu 30 cm hohen Klötze auftauchten, war es um eine ganze Generation geschehen. Leider. Denn wer kann noch behaupten, dass es grazil oder sexy wirkt, wenn man gefühlte fünf Kilo an den Füssen mit sich herum trägt. Der Gang wirkt schwerfällig und plump, ausserdem besteht durch Anhebung des Sprung­ gelenks im Falle des Umknickens akute Verletzungsgefahr. Rückenschmerzen inklusive. Heute findet man das Exemplar nur noch in zwei Szenen: An nicht gerade avantgardistischen Fans elektronischer Tanzmusik, meist aus länd­ lichen Gegenden stammend und auf der Loveparade Techno-Vater Sven Väth nacheifernd, der die Schuhe auch schon mal anhatte. Oder aber in der Erotik-Szene, aus edelstem Lack und Leder. Wem das zu extrem ist: Bis heute kann man den Klassiker ‹1310-2›, auch liebevoll ‹Wolkensohle› genannt, auf der Homepage von Buffalo bestellen. Den ‹Tower›, dessen Sohle an den Seiten glatt, ­dafür aber bis zu 50 cm hoch war, wird man wohl nur noch auf Flohmärkten oder tief in unserem Kopf in der Schublade ‹Bitte vergessen!› finden. Und das ist wohl auch besser so. Text: Paula Kohlmann Illustration: Raffinerie


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Kopfkunst fürs Auge Der Künstler Jan Kiefer macht Bilder, die sehr grafisch, kühl und nicht leicht lesbar sind. Jan ist streng und kritisch und gibt sich nicht schnell zufrieden – weder handwerklich noch gedanklich. Wenn Jan seine Bilder erklärt, erschliessen sich einem ganze Gedankenwelten – so auch die Sache mit dem psychodiagnostischen Persönlichkeitstest OCA. Text und Interview: Florence Ritter

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an erwartet mich mit Clemens, seinem Mops, im Café, um über seine Kunst zu sprechen. Hochgerollte Hosen und ein leicht geöffnetes Hemd, aus dem seitlich farbige Tattoos hervorlugen – symmetrisch, versteht sich. Jan wirkt sympathisch und ruhig. Er spricht sehr bedacht. Was er mir erzählt, muss schon Hunderte Male durch seine Hirngänge geschleust worden sein. Ich kann meine Fragen also wegpappen und getrost seinen Erklärungen horchen.

Bündnis für Freiheit, Solidarität und ­Lebensqualität Alles begann mit dem ‹Bündnis für Freiheit, Solidarität und Lebensqualität›. Eine Art fiktive politische Sekte, mit der Jan das Orientierungsverlangen des Menschen auf die Spitze trieb. In der Auseinandersetzung mit seiner multimedialen Umgebung, stiess Jan auf diese menschliche Neigung, sich zusammenschliessen, orientieren und gar unterordnen zu wollen, die sich besonders im Internet manifestiert. Deshalb konzipierte er, nicht ganz unkritisch, eine fiktive politische Sekte: ‹Ich habe mir überlegt, wie so eine Sekte aufgebaut werden könnte. Habe mir eine Art Logo dazu ausgedacht, eine Gallionsfigur – wenn man so will – eine Art Gottheit, die über dem Ganzen steht. Dann habe ich neben der Mythologie um diese Sekte, Architekturstudien und 3-D-Entwürfe gemacht, wie das mög86 kinki

liche Hauptquartier aussehen könnte…› Jan denkt bei seinen Projekten in alle Richtungen, überlegt sich beispielsweise den Entwurf der Sekte von hinten bis vorne, vom Aufbau bis zum Auftritt – das alles, um künstlerisch auszuloten, ‹wie weit der Mensch geht, um irgendwo, irgendwie Anschluss zu finden›.

Der OCA-Test Die verstärkte Auseinandersetzung mit Sekten führte Jan Kiefer auf den Pfad der Sektenpsychologie. ‹Eine Sekte baut extrem darauf auf, ihre potentiellen und die schon gewonnenen Klienten psychologisch zu analysieren›, sagt er. Über umfangreiche Lektüre entdeckte er die psychodiagnostischen Persönlichkeitstests, die nach Jan ‹neben Forschungs- und Therapiezwecken Firmen dazu dienen, potentielle Mitarbeiter zu akquirieren, oder eben von sektenartigen Organisationen verwendet werden, um potentielle Klienten anzuwerben.› Jan erklärt weiter: ‹Diese Tests sind so gestaltet, dass sie einfach nicht mehr neutral und objektiv wie eigentliche Persönlichkeitstests sind, sondern sehr subjektiv: die Art der Fragestellung suggeriert praktisch schon die Antwort, die man wünscht. Durch den Persönlichkeitstest werden dem Klienten die Schwachstellen seiner Persönlichkeit vor Augen geführt und ihm die Notwendigkeit der Betreuung durch die Sekte aufgezeigt.› Einer dieser Tests trägt den Namen OCA, was in der akademisch angehauchten Ausführung für ‹Oxford Capacity Analysis› steht und Wissenschaftlichkeit suggerieren soll. Aus den über 200 Fragen, die der OCA-Test führt,


‹Sind Sie misstrauisch gegenüber Leuten, die sich von Ihnen Geld ausleihen wollen?›

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‹Führen Sie zugewiesene Aufgaben normalerweise prompt und systematisch aus?›

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‹Fühlen Sie sich in einer unordentlichen Umgebung schnell sehr unbehaglich?›

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‹Sind Sie für Rassentrennung und Klassenunterschiede?›

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‹Würden Sie das Notwendige tun, ein Tier zu töten, um es vom Schmerz zu befreien?›

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bildete Jan Kategorien, in die er Fragen ordnete, die offensichtlich immer wieder in die gleiche Richtung abzielen. Aus jeder Kategorie ergaben sich dann mehr oder weniger exemplarische Fragestellungen, die zusammen den Grundstein von Kiefers neuer Arbeit legten.

Die Ordnung der Schweiz Dieses Dutzend typischer Fragestellungen bildete die Grundlage zur visuellen Auseinandersetzung mit seiner Person und seinem Milieu. Jan Kiefer beschränkte die zahllosen Möglichkeiten, die OCA-Fragen darzustellen, indem er sich für eine persönliche Bearbeitung und somit auf sein lokales und soziales Umfeld beschränkte sowie sich zeitlich und örtlich Grenzen setzte. Der Griff in seine Materialsammlung führte unweigerlich zu einer Komposition aus Dokumentarberichten und autobiografischen Reflektionszeugnissen seiner temporären Umgebung Basel. Zur Frage ‹Fühlen Sie sich in einer unordentlichen Umgebung schnell sehr unbehaglich?›, überlegte sich Jan – der Deutscher ist – dass die Schweiz im Grunde keine wirklich unordentliche Umgebung bietet. Und dass absolute Ordnung an einem Punkt auch einengend und beängstigend wirken kann. ‹Ich habe für diese Ordnung, die man in der Schweiz überall wiederfindet, diese Papierstapel genommen. Mir ist schon von Anfang an aufgefallen, wie akribisch hier an den Tagen der Papierabfuhr Papier gesammelt, zusammengebunden und gestapelt wird.› Mit dem Fotoapparat bewaffnet, zog Jan eine Nacht vor der Papierabfuhr durch Basel und fotografierte sämtliche Papierstapel. Anschliessend baute er diese Stapel – das Sinnbild der Ordnung – in einem 3-D-Programm nach und verlieh ihnen eine architektonische, skulpturale Anmutung. Diese 3-D-Modelle montierte er wiederum in surrealer Grösse in reale Landschaften seines Umfelds, sodass ‹die akribische Ordnung schon fast wieder bedrohlich wirkte, und was im kleinen Format irgendwie geordnet aussah, überdimensioniert plötzlich unangenehm und störend erschien›. Um seinen persönlichen Eindruck in diese neue Ordnung einzubringen, entwickelte Jan eine weitere Reihe: Das Stören der Natur oder der eigentlichen Umgebung durch die Skulptur (das 3-D-Modell) wurde darin noch mal gestört, indem Jan ein weiteres Mal in die Ordnung eingriff und die Bilder ordentlich zerschnitt oder sie bildlich mit analytischen Gedanken versah.

Die Geschichten dahinter Hinter jeder Bildserie von Jan Kiefer versteckt sich eine Geschichte aus Erfahrungen oder Überlegungen. Und ich ertappe mich, wie ich bei unserem Gespräch, wie ein kleines Kind, mit dem Finger von einem auf das nächste Bild zeige und mit erwartungsvollen Augen frage: ‹Und hier?› Zum Beispiel wenn Jan bei der Fra92

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ge, ob man für Klassentrennung oder Rassenunterschiede sei, die ‹Grüne 80›, ein riesiges Areal mit Sportplätzen, Beach-Volleyball-Feldern und Schwimmbad, auf dem er mittags Clemens spazieren führt, mittels Fotomontage zur Hintergrundebene einer neuen Arbeit nutzt. Anschliessend überlagert er diese auf emotionalen Erfahrungen basierende Ebene mit abstrakten Flächen, die sich an einem Satellitenbild der Anlage orientieren. Als analytischer, reflektiv angelegter Kommentar werden diese Flächen mit Lack auf eine Scheibe aufgebracht und einige Zentimeter vor der Hintergrundebene montiert. Jan fügt inhaltlich an: ‹Das Thema Integration funktioniert in der Grünen 80 nach meiner Meinung sehr gut, weil Ausländer und Schweizer, alle möglichen Nationalitäten, zusammen Sport treiben. Ich denke, dass Sport eine gute Möglichkeit ist und ich nehme auch an, dass die integrative Komponente schon bei der Planung des Projektes eine Rolle spielte.› Oder wenn er mir bei der Fragestellung ‹Werden Sie normalerweise als unnahbar betrachtet?› von einer kleinen Hütte im Wald in Basel erzählt, die mit einem Schild als ‹Molerschlupf› angekündigt wird. Eines Tages erreichte Jan diese Hütte über einen Trampelpfad und da der Schlüssel in der Tür steckte, blinzelte er nach innen und machte ein paar Bilder: ‹Die Hütte war komplett mit Bildern vollgehangen, gemalte Bilder von der Hütte, vom Wald und der Umgebung. Das war mitten im Winter und es war offensichtlich, dass im Sommer mal jemand dagewesen war – also bestimmt ein paar Monate her – und doch sah es in der Hütte so aus, als wäre eine Stunde vorher noch eine wilde Party gefeiert worden. Da standen überall Gläser auf dem Tisch, es lag eine Gitarre auf dem Stuhl. Es sah sehr unheimlich aus. Es schien eigentlich belebt, aber als wäre irgend etwas passiert – wie in Pompeji – wodurch das Ganze abrupt unterbrochen und alles stehen und liegen gelassen wurde.› Für diesen skurrilen Moment, der auf Jan sowohl leicht nahbar und gleichzeitig unnahbar, distanziert erschien, entschied er sich ganz bewusst für die Malerei: ‹Das Thema Unnahbarkeit wollte ich durch Malerei eher warm und zugänglich ansetzen. Ausserdem waren die Bilder im Inneren der Hütte gemalt, es war schliesslich ein Malerschlupf.›

Die Wirkung und der Perfektionismus Bei der Präsentation der OCA-Serie stellt Jan Kiefer die Frageliste mit aus, mehr wird dem Betrachter nicht verraten. Ob man aufgrund der Frage seine Gedankengänge nachvollziehen kann, ist er sich nicht sicher: ‹Ein Stück weit kann man sicherlich analytisch herangehen, den Rest muss man einfach nach Gefühl halten›, meint er. Ich denke an die tollen Geschichten und an diesen Verlust an Hintergrundwissen. Denn ganz ohne Erklärung können Jans Bilder schon mal distanziert wirken, das sieht er auch so: ‹Weil ich bewusst gegenständliche Motive mit abstrakten Flächen störe, kann das schon mal wie ein Schranke wirken. Mir ist schon bewusst, dass ich den Betrachter durch

eine kühle Ästhetik und durch bestimmte Elemente immer auf Distanz halte. Ausserdem soll meine private Person auch nicht zu dominant werden.› Zu dem autobiografischen Teil der Arbeit gesellt sich offensichtlich ein sozialkritischer Aspekt, den man im Grunde als politisch bezeichnen kann. Jan kommt vom Land und hat eine Faszination für die Grossstadt entwickelt. Er interessiert sich dafür, wie Menschen sich sozialisieren und zusammenschliessen. Wie eine Linie zieht sich die Auseinandersetzung mit Gesellschaft, mit Mensch und Umgebung, mit Individualität und deren Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext durch seine Arbeiten. Durch die zahlreichen Beobachtungen und Überlegungen ist eine feine Sozialkritik unumgänglich. Doch würde er nie die Ästhetik komplett in den Hintergrund rücken, um ein Konzept oder eine Idee zu transportieren. ‹Mir persönlich ist es wichtig, über die dekorative Wirkung hinauszugehen und den Betrachter anzuregen, sich ein bisschen damit auseinanderzusetzen. Ich finde es einfach schön, wenn man sich mit Kunst beschäftigen kann.› Spricht man mit dem Künstler persönlich, ist ein gewisser Perfektionismus latent spürbar, man merkt wie streng und kritisch er gegenüber seiner Arbeit ist. Beispielsweise wenn er sagt, dass er viel produziert, aber nur sehr wenige Werke an die Öffentlichkeit gelangen. Oder weil sehr viele seiner OCA-Arbeiten schon im zweiten oder dritten Zustand sind. ‹Es ist sehr oft so, dass ich eine Arbeit ausstelle, die ich eigentlich für fertig halte oder für gut und vier Wochen später noch mal denke: Oje und die hast du so schon ausgestellt. Und dann wird das komplett noch mal neu gemacht oder überarbeitet›, erklärt Jan. Und wenn er im Nebensatz andeutet: ‹Im Moment bewahre ich das Material schon auf, aber ich habe immer das Gefühl, sollte ich irgendwann, was weiss ich, einfach mal sterben – kann ja passieren – dann möchte ich nicht, dass das alles von mir übrig bleibt. Dann denke ich mir manchmal, vielleicht sollte ich vorsorgen…›, und er dabei verschämt lächelt, dann scheint schon der ambitionierte und strenge Künstler durch. Nach einem ausführlichen Gespräch mit Jan Kiefer, wünscht man sich, mehr mit Künstlern zu sprechen. Mehr über Hintergründe zu erfahren, über die Entstehung und Inspiration und wodurch des Künstlers Seele ihre Bahnen geschlagen hat. Doch wie Jan skeptisch von den zahlreichen Hobby-Künstlern spricht, fürchte auch ich, dass ich da oft enttäuscht würde. Jan Kiefer stellt vom 22.–25. Oktober 2009 an der Jungkunst in Winterthur aus, weitere Info findet ihr auf www.jan-kiefer.com und www.jungkunst.ch.


‹Bekommen Sie dem Leben gegenüber jemals ein «traumähnliches» Gefühl, so dass alles unwirklich erscheint?›

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Den Schelm im Nacken

Den schottischen Zeichner ­David Shrigley als jungen Künstler zu bezeichnen, wäre nicht nur blasphemisch, sondern auch schlicht nicht richtig. Denn mit über vierzig Jahren zählt man in der Szene nicht mehr zu den Newcomern und Davids Arbeiten für Blur oder Bonnie ‹Prince› Billy sind alles andere als jugendlich. Trotzdem hat sich David seinen ­kindlich-frechen Humor bewahrt, der ihn niemals altern lässt. Text und Interview: Matthias Straub

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n einem lauen Spätsommerabend im Flagship Store des Highclass-Labels ‹Pringle of Scotland› in der Bond Street in London. David Shrigly sitzt fast unbeweglich auf einem Holzstuhl (‹Weil der Rücken schmerzt.›) und erwartet mit einem freundlichen Lächeln meine Fragen. Er ist hier, um die Früchte der Zusammenarbeit mit dem schottischen LuxusBrand vorzustellen und um einen Einblick in sein umfangreiches Schaffen zu gewähren. Dazu gehören neben zahlreichen internationalen Einzelausstellungen auch einige Hörbücher, VideoClips für oben erwähnte Musiker, Keramikvasen, Poster für Beerdigungen, Bronzefiguren, Bücher, bemalte Salz- und Pfefferstreuer, Kaffeetassen und eine Skateboardrampe. kinki magazine: Gibt es eigentlich irgendeinen Gegenstand, auf dem du nicht zeichnen würdest? David Shrigley: Nein. Das heisst doch. Ich male auf allem, was sich mit den Inhalten und Aussagen meiner Zeichnungen vereinbaren lässt. Und da ich als Künstler in einem gewissen öffentlichen Interesse eine soziale Ver­ antwortung gegenüber den Rezipienten meiner Arbeiten habe, würde ich zum Beispiel nicht auf einer Waffe oder einem Hakenkreuz zeichnen. Obwohl das vielleicht cool aussehen würde... Klar. Du hast ja auch schon ein Kinderbuch gemacht. Die Kids mögen deinen Stil und sie wären wahrscheinlich überfordert, wenn sie mit politisch unkorrekten Aussagen konfrontiert werden würden. Das sehe ich auch so. Aber man muss es mit der Correctness auch nicht übertreiben. Ich meine, es macht ja schliesslich am meisten Spass, wenn man Dinge beschreibt, mit denen man anderen Leuten ans Bein pinkelt. Ohne dabei seinen Charme und Anstand zu verlieren.

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Shrigleys rüde Charaktere bestehen die ­echten Abenteuer des Lebens, wie diese ­Abbildungen aus seinem neuen Buch ‹Red Book› belegen.


Wie lief denn deine Zusammenarbeit mit den Britpop-Idolen von ‹Blur› oder dem intellek­ tuellen Songwriter Will Oldham aka Bonnie ‹Prince› Billy? Hatten die Musiker schon ­genaue Vorstellungen, wie dein Beitrag aussehen sollte? Nein, gar nicht. Das war ja das Tolle an der Zusammenarbeit. Beide Künstler kamen auf mich zu, weil sie meine Arbeit kannten und sie ihnen offensichtlich gefiel. Sie sagten nur: ‹Mach einfach, was dir Spass macht!› Und ­anscheinend waren sie mit dem Ergebnis zufrieden. Es fällt mir aber auch nicht schwer, mich in gute Songs hineinzuversetzen. Ich liebe und lebe Musik. In meinem Leben läuft ein ständiger Soundtrack, der mich inspiriert und motiviert. Schliesslich hatte ich auch selbst die Möglichkeit, mich über Töne, Klänge und Sprache auszudrücken, als ich mein Spoken Words Album aufnahm.

Schotte in Wolle CDs, Videos, Skulpturen, Keramik. Woher kennst du denn die verschiedenen Techniken, mit denen man das jeweilige Medium be­ arbeitet? Hast du dir das alles selbst beigebracht? Nein, gar nicht. Ich kann eigentlich nur zeichnen. Und das habe ich an der ‹Glasgow School of Art› gelernt. Und weil ich den ganzen Tag auf irgendetwas herumkritzele, konnte ich dabei meinen eigenen Stil entwickeln. Für alles andere habe ich gute Leute in meinem Bekanntenkreis, die für mich die Animationen umsetzen oder das Sound- und VideoEditing übernehmen. Dass du gut zeichnest, hat man offensichtlich auch bei ‹Pringle of Scotland› erkannt, einem Fashion-Brand, der bisher nur für teure Wollpullis und eher konservative Mode bekannt war. Jetzt hast du für das Label ein T-Shirt-Motiv gezeichnet, das das berühmte ‹Twin Set› auf eine freche Weise in den Mittelpunkt rückt. Dabei hast du noch vor einiger Zeit in einem Interview gesagt, dass du vor der Kollaboration vom ‹Twin Set› noch nie gehört hattest. Was kannst du denn mittlerweile über die Kombination eines Wollpullovers mit einem Cardigan sagen? Ich bin ein bekennender Fan geworden! Wenn es heute Abend hier drin nicht so warm wäre, würde ich jetzt auch ein ‹Twin Set› tragen. Und ich finde es gut, dass die Erlöse aus dem T-Shirt-Verkauf einem wohltätigen Zweck zugutekommen. Das spricht letztendlich ja auch wieder für das ‹Twin Set›. Das leuchtet ein. Trotzdem wundert man sich über die Zusammenarbeit einer etablierten Marke für Betuchte mit einem – Pardon – Kunstfreak, wie du einer bist. Liegt das daran, dass sich die Marke neu aufstellt und jüngere Zielgruppen ansprechen möchte? Oder warum haben sie ausgerechnet dich gefragt? Na, weil ich Schotte bin!

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Halbhöhenlage

Johannes Tiepelmann ist viel mehr als nur ein Vertreter der gefeierten und kommerziell erfolgreichen ‹Neuen Leipziger Schule› um den Übervater Neo Rauch. Dieser arbeitet übrigens auf dem nächsten Stockwerk direkt über Johannes Atelier, und ein gemeinsamer Geist scheint die Künstler durch die porösen Wände zu verbinden… Text: Matthias Straub

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ie Nähe zu seinem Ateliernachbarn und ehemaligen Professor an der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst in Leipzig war ein Geschenk für Johannes’ künstlerischen Werdegang. Die offene Atmosphäre und Internationalität der Hochschule, ein Bekenntnis zur Handwerklichkeit sowie der Einfluss seiner Professoren (neben Neo Rauch auch Arno Rink) halfen Johannes, seinen Stil zu finden. Dieser war schon längst in ihm angelegt und musste nur noch geformt werden. Denn der in Mühlhausen geborene Wahl-Leipziger ist durch und durch Künstler, kommt aus einer Familie mit ausgeprägter Kreativ-Kultur und es scheint klar, dass er niemals etwas anderes tun könnte – ausser Malen.

‹Wie Picasso male ich eben auch die Dinge, die mich umgeben.›

Feuerlager, 2009 40 × 40 cm, Öl auf Leinwand

Der 30-Jährige gilt heute schon als vielversprechendes Talent auf dem Kunstmarkt. Nach nur sechs Einzelausstellungen und zahlreichen Gruppenausstellungen in Leipzig, Berlin, Krakau, London, Stuttgart und Wien sind seine Arbeiten bei Galeristen und Sammlern höchst begehrt. Dabei malt er nicht grafisch formal wie Matthias Weischer oder entrückt-aufgeräumt wie Tim Eitel, sondern verarbeitet ungefilterte Emotionen und Banalitäten aus dem Alltag. ‹Wie Picasso male ich eben auch die Dinge, die mich umgeben›, relativiert Johannes den grossen Formenschatz seiner Gemälde. ‹In meinem Kopf sind so viele Bilder, dass ich oft nicht nachkomme, sie alle auf Leinwand festzuhalten.› Dabei lässt sich nicht immer alles auf den ersten Blick klar deuten. Johannes zeigt in seinen ausdrucksstarken und oft surrealen Arbeiten chaotische Strukturen sowie versteckte Geschichten, die viel Raum für Assoziationen bieten.

Büste, 2009 40 × 40 cm, Öl auf Leinwand

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Liegestütze, 2009 200 × 300 cm, Öl auf Leinwand

Stilleben, 2009 160 × 123 cm, Öl auf Leinwand

Dienstwagen, 2004 290 × 190 cm, Acryl auf Leinwand Private Sammlung / Leipzig

‹In meinem Kopf sind so viele Bilder, dass ich oft nicht nachkomme, sie alle auf Leinwand festzuhalten.›

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‹top notch gallery› Die besten Adressen für junge Kunst.

Den vier Jungs vom ‹Milieu› in Bern geht es nicht nur um die Kunst allein. Rémy Pia, Arci Friede, Dave Marshal und Nicola Enrico Stäubli interessiert vor allem der Hintergrund ­eines Künstlers und der kulturelle Kontext der Arbeiten.

Dass bis auf Rémy Pia keiner der vier Gale­ risten einen kunsthistorischen Hintergrund hat, wird als Chance angesehen. Das Motto lautet: ‹Experimente – und Mut zum Risiko.›

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n der Street-Art-Szene war das Zusammenspiel von ­Bildender Kunst, Grafik, Mode und Musik schon immer ein zentraler Angelpunkt der künstlerischen Heran­gehensweise. Das haben die Kuratoren des ‹Milieu Artspace› verinnerlicht. Sie sind deshalb inhaltlich nicht festgefahren, ihre Ausstellungen sind bunt gemischt: abstrakte und realistische Malerei, Skulpturen, Grafik, ­Fotografie. Sie achten bei der Auswahl des Künstlers vor allem auf den menschlichen Aspekt, denn auch privat muss man sich verstehen. ‹Wir legen grossen Wert darauf, dass der Künstler bei Vernissagen immer vor Ort ist. So bieten wir dem Publikum und dem Künstler selber eine Plattform, auf der beide sich begegnen können›, meint Arci. Dass ein Grossteil des Publi­-

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kums nicht vorrangig an den ­Werken des ausstellenden Künstlers interessiert ist, stört nie­ manden. Über das Umfeld, in dem sich Künstler und Galeristen ­bewegen, wird Interesse transportiert und somit das Publikum er­ weitert. Viele junge Menschen, die vorerst nur durch Skateboarden oder Musik die Kunstszene berührten, finden so einen Bezug zur zeitgenössischen Bildenden Kunst. So planen die vier aus der Münstergasse 6 auch viele Ver­ nissagen bewusst als Treffpunkt und Plattform, statt als reine Kunstausstellung. Samstagnachmittags werden mit DJs und Bar nicht nur Kunstsammler angelockt. Die inhaltliche Ausrichtung der Galerie liegt vor allem in der Post-Graffiti-Szene, die sich in den 80er- und 90er-Jahren etabliert hat; die Auswahl der ­Künstler ist aber keinesfalls nur

hierauf beschränkt. Doch man ­erkennt an den bereits ausgestellten Werken deutlich das Interesse der Kuratoren an amerikanischer Kunst. Neben Kelsea Brookes kann sich die Galerie allerdings auch mit dem Amsterdamer Illus­ trator Parra schmücken, der 2010 zum zweiten Mal ausstellen wird.

‹Durch die Krise geht Gott sei Dank das Dekadente und Überflüssige verloren, das ist wie eine Reinigung.› Trotz der Begeisterung für ausländische Arbeiten geht der Trend aber deutlich zu Schweizer Künstlern – nicht nur aus finanziellen Gründen. Gerade als kleine Gale-

rie spüren die vier jedoch schon die wirtschaftliche Krise. Arci erinnert sich: ‹Als wir die Galerie ­gegründet haben, lief es richtig gut. 2007 boomte der Verkauf. Viele Käufer bezahlten vor allem für den erhofften Lifestyle, inzwischen kaufen nur noch die wirklich an der Kunst Interessierten.› In schlechten Zeiten wird Kunst zum Luxus. Was jedoch auf den ersten Blick kritisch für die Etablierung der Galerie erscheint, muss nicht zwangsläufig so ­bleiben. Arci meint dazu: ‹Durch die Krise geht Gott sei Dank das Dekadente und Überflüssige verloren, das ist wie eine Rei­ nigung. Es geht wieder mehr um die Substanz.› Somit wird auch der Inhalt wieder wichtiger als das Medium. Die Provokation in der Kunst wurde übertrieben, das Bedürfnis geht von der Effekthascherei wieder zur moralischen, ja ­sogar politischen Message. Die Galerie wird inzwischen so­gar von internationalen Kunsttouristen besucht – der Platz direkt neben dem Münster funk­ tioniert gut, vielleicht auch weil viele den Ort schon als Kunstraum kennen: 15 Jahre lang hatte die Mutter von Rémi in dem ­Erdgeschoss des Hauses aus dem 13. Jahrhundert eine Galerie laufen. Als sie diese aufgab, ­wollte Rémi den Raum keinesfalls hergeben. Zusammen mit seinen drei Freunden überlegte er einige Zeit, für was man den asymmetrischen Raum nutzen könnte, bis sie wieder bei der Idee zu einer Galerie ankamen. Veran­ staltungserfahrung hatten die vier schon durch den ‹Club Bonsoir›, in dem inzwischen auch viele ­After-Partys von Vernissagen statt­ finden. Text: Paula Kohlmann Foto: Milieu Galerie / Artspace Münstergasse 6 3000 Bern 8 www.milieu-digital.com Samstag 11–18 Uhr


James ARI KING

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Postal Cat

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Power Transmission

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Ice Cream Truck

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Eye Of Prinzhorn

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Fish Man

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An Afternoon In The Sun

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Der englische Illustrator, Fotograf und Künstler James Ari King ­besticht nicht nur durch seinen royalen Namen, sondern auch durch wahrlich königliche Illustrationen und Fotografien, die in ihrer Namensgebung dem Erschaffer selbst in nichts nachstehen. Text und Interview: Katja Alissa Müller

Der ungekrönte König

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ames Ari King, ein Name, der doch unvermeidlich Assoziationen zu einem englischen oder schottischen Adelsgeschlecht heraufbeschwört, mir persönlich zumindest eine Seifenblase über den Kopf zaubert mit einem Prinzen in Ritterrüstung darin, gekommen die Prinzessin und das ganze Land zu retten. Der junge Künstler ist jedoch keineswegs im Mittelalter oder irgendwelchen Rittergeschichten daheim, sondern bereichert die heutige Welt mit seinen Illustrationen und der raffinierten Mischung aus Fotografie, Film, Musik und Kunst. Genau dies scheint seine grösste Begabung zu sein: unkonventionell, einfach und doch mit einer grossen Wirkung die verschiedenen Bereiche zu lieben und diese auch künstlerisch – entweder in Kombination oder separat – in Welten umzusetzen, die dem Betrachter gut zugänglich und verständlich sind. Mit dieser Mischung spricht der junge und talentierte Künstler eine breite Masse an und wird auch sicher zukünftig noch in vieler Hinsicht ein Spektrum an Farben, Geschichten und Statements in seinen Werken verarbeiten, von denen man sich immer wieder überraschen lassen kann. Im Interview sprach der unentwegte Weltenreisende über seine Ursprünge, über morbide Arbeiten und die Zukunft. kinki magazine: Ist James Ari King dein bürgerlicher Name oder ein Pseudonym? ­Vielleicht sogar beeinflusst von König James von England? James Ari King: James Ari King ist mein bürgerlicher Name. Mein Vater kommt aus ­England und meine Mutter aus Finnland. Zur Zeit meiner Geburt fuhr der finnische ­Rallye-Fahrer Ari Vatanen auf einer Strecke in der Nähe meines Geburtsortes einen ­Wettbewerb und so wurde mir der Name zu seinen Ehren gegeben. Du verbrachtest vier Jahre deines Lebens in Hong Kong. Hat diese Zeit dein Schaffen geprägt? Ich bin ein sehr visueller Mensch, der seine Umgebung buchstäblich mit den Augen ­aufsaugt und die Informationen erst nachträglich im Hirn weiterverarbeitet. Für mich ­bedeutet jeder Ortswechsel eine gute Ab-

wechslung, die als Ansporn für neue Ideen dient und sich immer sehr erfrischend anfühlt. Wenn ich mein ganzes Leben in Grossbri­ tannien geblieben wäre, liefe es heute wohl ganz anders ab. Hong Kong ist für mich ein visuell stimulierender Ort. Wie würdest du deinen Stil bezeichnen? Was für eine Aussage steht hinter deinen Arbeiten? Mein Stil zu zeichnen oder zu illustrieren ­ändert sich immer wieder und ich liebe es, locker, automatisch und ohne Vorurteile zu zeichnen. Ich probiere immer wieder Verschiedenes und experimentiere sehr viel. Ausserdem versuche ich mit dem Hintergedanken zu arbeiten, dass nie jemand meine Arbeiten sehen wird, da ich dadurch meist glücklicher mit dem Output bin als sonst. Wenn ich an einem Auftrag arbeite, ist es natürlich mein Ziel, dass mein Konzept und der Schaffensprozess das Output definieren. Bei meinen eigenen Arbeiten habe ich hin­ gegen oft keine Ahnung, wo die Kreativität mich hinführen wird, doch das behindert den Erfolg und das Gelingen eines Werks nicht im Geringsten. Es ist dabei meine Leidenschaft, surreale und alltägliche Aspekte des Menschen und seines Umfelds zu erkunden.

was Magisches an sich zu haben und daher bedaure ich auch, es nicht zu studieren. Film liebe ich als kreatives Mittel und Medium und hoffe für die Zukunft mit mehreren Menschen aus diesen Sparten zu kollaborieren. Welche Ziele möchtest du im Leben noch erreichen? Vor allem will ich glücklich sein. Ich will mich als Künstler entfalten und wünsche mir ­überhaupt Zeit zu haben, um Kunst erschaffen zu können. Ich möchte in eine neue Stadt ziehen, ein grosses Areal mieten, fleissig ­Dinge kreieren und an neuen grossen Projekten arbeiten. Mit ähnlich gesinnten Menschen würde ich gerne Musik machen und für meine Arbeit um die ganze Welt reisen. Vor allem aber will ich meine Freunde und Familie glücklich machen. Das ungekürzte Interview könnt ihr auf www.kinkimag.com nachlesen.

Deine Art zu illustrieren ändert sich, wie du gesagt hast, ja ziemlich oft, manche Phasen scheinen anderen gar zu widersprechen. So sind einige Arbeiten zum Beispiel fröhlich und farbig, andere dagegen geradezu düster und morbide. Teilweise tragen sie auch den Charakter eines ‹Horrorhauses›. Was für ein Statement steckt dahinter? Mein Leben kann manchmal sehr farbenfroh und glücklich sein, teilweise aber auch ziemlich düster und morbide, ein Umstand, der sich meines Erachtens auch in einigen meiner Arbeiten widerspiegelt. Du sagtest, du liebst die Abwechslung. Wenn du dich zwischen Fotografie, Illustration und Film entscheiden müsstest, was wäre deine Präferenz? Und warum? Die meiste Erfahrung habe ich im Illustrieren, aber ich würde sehr gerne Fotografie, Film und Musik tiefer erkunden. Das Fotografieren habe ich schon immer geliebt, schon lange vor den Illustrationen und hoffe in Zukunft mehr damit arbeiten zu können. Es scheint etkinki 107


‹media› Vom Umschlag bis zum Abspann. Erholt und erquickt sind wir braungebrannt mit Badehosenabdrücken aus den Ferien zurückgekehrt. Intus hatten wir ­neben gutem Essen, trashige Filme wie ‹Surfer, Dude› und ‹Endless Summer› und jede Menge Reiselektüre, die wir im ewigen Sonnenbad verschlungen haben. Nun ist es Zeit für einen Szenenwechsel, doch der Sprung in die Kuscheldecke vorm Kamin wäre gar etwas verfrüht. kinki hat für euch die perfekte Übergangslektüre und das passende Film­ material zusammengestellt…

BUCH Freiheit

Taiyo Onorato und Nico Krebs: The Great Unreal Bildserien sind des Künstlers liebste Bearbeitungsform, Roadmovies der Filmbranche abenteuerlichstes Filmgenre. Beides gibt Form und Fass, eine Geschichte visuell darzustellen und festzu­ halten. Wenn das Fotografen- und Künstlerduo Taiyo Onorato und Nico Krebs die zwei Kunstformen vereinigt, ergibt sich auf der Reise durch die Vereinigten Staaten das dokumentarische, fotogra­ fische Material für eine Bildserie namens ‹The Great Unreal›. Was wir im gleichnamigen Buch zu sehen bekommen, sind viele Landschaftsbilder, oft menschenleer und doch meistens durch die Spuren und Eingriffe des Menschen gezeichnet – die Strasse ist als 108 kinki

Ader ihrer Reise immer wieder wichtiger Bestandteil der Bildkomposition. Wir erkennen darin unsere Ideen und Vorstellungen von Amerika wieder; die eingefangenen Momente, die Autos, die Häuser und erst die Farben malen und bestätigen dieses Bild unserer Erinnerungen. Beim Durchblättern kommt man sich oft – vermutlich unberechtigt – vor wie in ‹Paris, Texas› von Wim Wenders oder ‹No Country for Old Men› von den Coen Brothers. Doch wie Amerika nicht nur aus Texas besteht, verdanken die Fotografien ihre Wirkung nicht der beliebigen Dokumentation. Vielmehr beruht die Arbeitsweise der beiden Künstler auf einer meist dem Zufall und der Veränderung verschriebenen Intervention. So beginnen sich die subtilen bis offensichtlichen Eingriffe zu wiederholen und eine assoziative Anordnung untereinander zu bilden, die schliesslich eine spannungsvolle Realitätsver­ fremdung schafft. Gegen Ende der Reise – und des Buches – nehmen die künstlerischen Eingriffe zu, blitzt des Duos Flair für Skulptur und Installation hervor und rundet die Dramaturgie der Bildserie ab. Alles ist nur ein ästhetisches und schönes Spiel mit der Realität und deren Erfindung. Erschienen bei Edition Patrick Frey, CHF 68.–

Gleicheit

Howard L. Bingham’s Black Panthers Mitte der 60er- bis Ende der 70erJahre streiften sie als schwarze Panther durch das weitläufige Amerika, immer zum Angriff und zur Selbstverteidigung bereit. Die Black Panthers Party for SelfDefense bildete sich während der stärksten Bürgerrechtsbewegungen der schwarzen Bevölkerung in den USA als Antwort auf den Mord an Malcom X Mitte der 60er-Jahre. Formiert als radikale, afroamerikanische Bürgerrechts- und Selbstschutzbewegung, kämpften sie mit umstrittenen Mitteln gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Bei wem diese geschichtliche Reminiszenz keine Bildflut auslöst, der kann das vergessene Stück Geschichte in hochwertiger, ästhetischer Qualität nachwirken lassen. Von vergessenem Material kann indes

tatsächlich gesprochen werden, handelt es sich doch um 40-jähriges, unveröffentlichtes Bildmaterial, dessen Geschichte folgende ist: 1968 schickte das LIFE Magazine den Schriftsteller Gilbert Moore und den Fotografen Howard L. Bingham los, die Story der umstrittenen Black Panthers Party zu dokumentieren und zu erzählen. Quasi als ‹embedded journalists› folgten die beiden den Panthers über Monate von Oak­ land nach New York und Los Angeles, um schlussendlich – wegen einer Meinungsverschiedenheit zwischen Moore und dem Magazin – auf die Veröffentlichung ihres Artikels verzichten zu müssen. Dies beschert uns 40 Jahre später erstmals einzigartige Einblicke in die Tätigkeit der berüchtigten Partei und liefert Hintergrundwissen zu Funktion und Ablauf ihrer Aktionen. Einziger Wermutstropfen: Die Antwort auf die Frage, wie die Amerikaner zu gegebener Zeit auf den Artikel reagiert hätten, wird uns für immer verwehrt bleiben. Erschienen bei Ammo Books, ca. CHF 45.–


Leichtheit

DVD Verheimlicht

Ivon Chouinard: Lass die Mitarbeiter ­s urfen gehen! Auf dieses Buch haben Geschäftsmänner, Kletterer und Idealisten gewartet: Ivon Chouinard beschreibt auf fesselnde Weise seinen Weg vom Wildtier am Rand eines Ökosystems zum Unternehmer von Patagonia. Er hat nie die Universitätsbank gedrückt, Geld ­besessen oder sich etwas vorschreiben lassen. Als Lehrmeister galt ihm nur die Natur, in der er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Robust und zäh, dabei voller gesellschaftlicher Werte und Ideale ­entsteht aus seiner persönlichen Lebensphilosophie eine Geschäftsidee, die heute zum Leitbild vieler Firmen geworden ist. Er ­vereint in seiner Biografie Visionen mit Ethik und erzählt dies in ­s achlich-verständlichen Worten, die meistens sehr sympathisch, manchmal leider etwas zu trocken wirken. Erschienen bei Redline Verlag, ​ ca. CHF 38.–

Paula Kohlmann und ­Florence Ritter sind leiden­schaftliche Leseratten. Nach der Pool-Belletristik in den Sommerferien musste endlich wieder tiefgründiger Lesestoff mit Geschichte und Hintergrund her. In kinki verraten sie ihre Favoriten.

Just Another Love Story Mit Just Another Love Story ­(deutscher Titel: Bedingungslos) legt der dänische Top-Regisseur Ole Bornedal – seit Night Watch auch international renommiert und vielfach ausgezeichnet – ein poetisches und ästhetisches Meisterwerk vor. Er schafft es, die Geschichte mit ihren Zeitver­ werfungen faszinierend und eiskalt zu erzählen und macht bestes Genrekino daraus. Keine klassische Dreiecksgeschichte, sondern die Story einer Amour fou im Gewand eines Noir-Thrillers. Bor­ nedal schildert die fatalen Folgen eines Identitätswechsels in epischen Bildern und mit packender Drastik. Ein Film über den heim­ lichen Traum, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, um glücklicher und aufregender zu leben. Just Another Love Story ist ein romantischer Noir-Thriller, dessen fulminante Bildsprache den Zuschauer beinahe physisch am ­fesselnden und wendereichen Geschehen teilhaben lässt. Der erfolgreichste dänische Film der letzten Jahre! Stark! Ein Muss!

Pärchen. Plötzlich für eine Sekunde eine grausige Vision: eine nackte, blutende Frau, schreiend, in einem Käfig gefangen im La­ deraum des vorausfahrenden weissen Lkws. Ist das Realität oder nur ein Streich ihrer Fan­tasie? Zakes möchte es am liebsten gar nicht wissen, aber Beth macht dem unentschlossenen Weichei die ­Hölle heiss. Man muss doch irgendwie helfen! An der nächsten Raststätte ist seine Freundin Beth plötzlich verschwun­den. Zakes findet nur noch ihre zerrissene Halskette auf dem Asphalt, während ein weisser Lkw den Parkplatz verlässt... Hier stellt sich dem Zuschauer die existen­zielle Frage: Wie weit würdest du für deine Freundin gehen, die im Begriff ist, dir den Laufpass zu geben? Bei Hush macht der NewcomerRegisseur trotz Minibudget alles richtig, und wird dich mit diesem ungemein straff inszenierten Thriller in den Bann ziehen. Das haben auch die ­Besucher des letztjäh­ rigen ‹Fantasy Filmfests›, auf dem der Film als Preview vorgeführt wurde, so gesehen: ohne Zweifel ­gehörte das spannende Werk dort zu den Publikum-Darlings. Erscheint am 22. Oktober als DVD. Text: David Pinzon

Film Beschattet

Bereits als DVD erhältlich.

Versteckt

HUSH Was haben die Filme ‹Duell› (1971), ‹Breakdown› (1997) und ‹Joyride – Spritztour› (2001) gemeinsam? Richtig, in allen drei Streifen hat ein Truckfahrer ordentlich Dreck am Stecken und macht den ­Helden der Geschichte das Leben schwer. Doch nun zur Handlung von ‹Hush›: Alles beginnt mit einer regennassen Strasse in der ­Dunkelheit. Ein müdes, streitendes

Verso Verso erzählt die Geschichte von Alex, einem Polizisten, Victor, ­einem Ex-Häftling, und Lou, einer Teenagerin. Drei Schicksale, seit dem Moment miteinander verstrickt, in dem Alex von seiner ­Vergangenheit eingeholt wird. Alex (Laurent Lucas) verschreibt sich voll und ganz seiner Arbeit, während sich seine Beziehung zur Ex-Frau und seiner Tochter Lou zusehends verschlechtert. Als sein Sand­ kastenfreund Victor aus dem Gefängnis entlassen wird, sieht sich Alex mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Alex, der einst gegen Victor ausgesagt hatte, fürchtet nun dessen Vergeltung. Sein

­ erdacht ­bestätigt sich, als sich heV rausstellt, dass Victor erneut in der örtlichen Mafia mitmischt und überraschend Kontakt zum korrupten Fred (gespielt von Rapper Stress) aufnimmt. Alex beschliesst, Victor zu beschatten und gerät dadurch immer mehr in Bedrängnis. Hinter jedem Cop steht auch ein Mensch, scheint eine der Aus­sagen dieses Films zu sein. Nur was für einer? Neben Ge­ rechtigkeit, Erlösung und einer brutalen Realität beleuchtet Verso die Schat­tenseiten der beiden Männer ebenso wie die der Stadt Genf: eigentlich bekannt für Beschaulichkeit und Sicherheit Ab 12. November im Kino.

Entlarvt

Capitalism: A Love Story Schon der Titel seines neuen Films offenbart, dass es sogar für ­Michael Moore langsam Zeit wurde, eine ‹Liebesgeschichte› zu drehen: ‹Dies ist ein ausgezeichnetes Date-Movie. Es beinhaltet alles, was dazu gehört – Begierde, Leidenschaft, Romantik, Lüge und Betrug. Und 14 000 Arbeitsplätze, die jeden Tag gestrichen werden. Es ist eine verbotene Liebe, deren Namen man nicht auszusprechen wagt: Kapitalismus›, kommentiert der Regisseur seinen neuesten Streich. Auch ‹Capitalism› behandelt gewohnt kritisch und mit ­bissigem Humor die Ursachen und Auswirkungen der globalen Finanzkrise. ‹Dieser Film wird keine Lektion in BWL›, so Moore, ‹eher eine Vampir-Geschichte. Nur, dass sich die Hauptakteure nicht am Blut ihrer Opfer weiden, sondern an ihrem Geld.› Michael Moore kehrt mit diesem Film zurück zu der Frage, die vor 20 Jahren bereits seine Karriere eingeleitet hat: Welche Auswirkungen haben das ­desaströse Verhalten von Grossunternehmen und ihr ungebän­digtes Profitstreben auf das Leben der Menschen? Ab 22. Oktober im Kino. Text: Dietmar Steg

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Heimatland

Mit ihrem Buch ‹Heimatland.› ist den Fotografen Julian Salinas und Ursula Sprecher die wohl charmanteste bildliche Ode an die Schweiz gelungen. Sie suchten dabei nach Orten fernab klischierter Schönheitsideale und fanden nichts Ge­ringeres als die Seele der Schweiz. Text: Rainer Brenner

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ir alle haben unser Heimatland sicherlich schon mindestens einmal beschrieben. Wahrscheinlich erzählten wir dabei von idyllischen Berglandschaften, von verträumten Seen, saftigen Kuhweiden und der tollen Winterpanoramas. Vielleicht erwähnten wir auch das Matterhorn – sozusagen den Prototyp eines Berges – Pilatus, Jungfraujoch, und dass, ausser eben diesen Bergen, bei uns in der Schweiz alles ein bisschen kleiner sei. Doch ist es dieses Postkartenidyll, diese tausendfach eingefangene Bergromantik, an die wir denken, wenn wir das Wort ‹Heimat› hören? Sind es wirklich diese Assoziationen, die in uns geweckt werden, wenn wir an unsere gefühlte kleine Insel im Herzen Europas denken, oder ist es nicht vielmehr der kleine Spielplatz am Ende des Waldweges, wo wir unsere Kindheit spielend und unsere Jugend kiffend zubrachten, die Autobahnbrücke, die man überquert, um zum See zu gelangen, oder die Busstation im Dorf, von wo aus jeden Samstag alle Ansässigen einen Ausflug in die Stadt wagen? Und wer bitte sagte, dass diese Orte weniger Idyll und Romantik besitzen, nur weil man sie nicht in Postkartenformat findet? Den Fotografen Ursula Sprecher und Julian Salinas ist es in ihrem Buch ‹Heimatland.› gelungen, die Schweiz von einer Seite her einzufangen, von der wir alle sie kennen, und doch nur selten bewusst betrachten. Drei Jahre lang fuhren die beiden durch ihre Heimat, um nach Orten zu suchen, die durch ihre Schönheit, Absurdität oder Einzigartigkeit bestechen – Orte, die wir alle auf den ersten Blick mit dem Wort Heimat in Verbindung bringen, auch wenn sie uns völlig unbekannt sind. Doch zeichnen Salinas und Sprecher auf fast 170 Seiten in Wort und Bild nicht nur einfach ein Landschaftsporträt, sondern binden auch szenografische Strukturen in die Fotos mit ein. Denn obwohl die Bildlandschaften oft einsam und verlassen erscheinen, zeigt sich dennoch auf jedem von ihnen auch ein Teil der Bevölkerung, der – perfekt arrangiert – mit der Umgebung verschmilzt und ihr Leben einhaucht. Fotografiert wurde in allen Schweizer Kantonen, beschrieben werden die Örtlichkeiten mit absurden, grotesken und witzigen kurzen Anekdoten und Facts über die jeweilige Örtlichkeit, wobei sich Sprecher und Salinas natürlich 110 kinki

in allen vier Landessprachen üben und mit wenigen Sätzen dem Betrachter kurze Geschichten präsentieren, die – wie die Fotos selbst – den Ort nicht trefflicher umschreiben könnten. Des weiteren ist das Buch gespickt mit Überlegungen zum Thema Heimat von verschiedensten Repräsentanten der Schweiz wie Micheline Calmy-Rey, Chris Von Rohr, Sybille Berg, Frank Bodin und vielen mehr. Mit ‹Heimatland.› ist den Baslern nicht weniger als eine vortreffliche bildliche Ode an dieses kleine Land gelungen, und sollte ich mich irgendwann wieder einmal mit der Aufgabe konfrontiert sehen, meine Heimat beschreiben zu müssen, so werde ich ganz einfach dieses Buch auf den Tisch legen. Denn Idyll liegt oft vor der eigenen Haustür und Schönheit findet sich auch in einem Tunnel-Lüftungsschacht. Und ganz ehrlich: wie oft haben wir denn das Matterhorn schon live gesehen? ‹Heimatland.› von Julian Salinas und Ursula Sprecher erscheint Mitte November im TRUCE-Verlag. Erhältlich ist das Buch für CHF 68.– im Buchhandel oder unter www.truce.ch.

Die Ausstellung zur Buchveröffenlichung in der Galerie Keller an der Oberdorfstrasse 3 in 8001 Zürich findet vom 9. – 18. November statt. Vernissage: Montag, 9. November von 18 bis 21h. Weitere Info unter www.kellerkunst.com.


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Henry & Paul Die mit den katholischen Eseln. Und BratwurstHandschuhen. Und Menschen, die sich bereitwillig in Gebüsche schubsen lassen.

Sir? Sprich, Henry. Was lesen Sie da, Sir? Eine Illustrierte, Henry. Ich bitte, mir meine Indiskretion nachzusehen, aber worüber schmunzeln Sie? Über die Autoren, Henry. Unter jedem längeren Text steht hineingemeisselt in des Blattes Fundament: ‹Der Autor lebt und arbeitet in der Stadt Sowieso›. 114 kinki

Mir will sich die Komik dieser Aussage nicht erschliessen, Sir. Henry, wir Durchschnittsmenschen von niederem Rang können da nicht mithalten! Es ist ein elitärer Zirkel. Diese Autoren leben, Henry, le-ben. Die vegetieren nicht einfach in irgendeiner Stadt wie wir, essen nicht Tag für Tag in der Kantine oder schimpfen über das Wetter, nein, sie zelebrieren ihr Leben. Da wird nicht spa-

ziert, nein, da wird flaniert. Und Autoren besitzen alle Bratwurst-Handschuhe. Pardon, Sir? Sie ist immer zu heiss, wenn sie dir gegeben wird, vom hastigen Bratwurststandbetreiber, der dir das Wechselgeld entgegenschleudert. Hier 30 Rappen zurück und während du noch versuchst, das Geld in der Brieftasche zu verstauen, drückt er dir in die andere

Hand die heisse fettige Bratwurst und du schreist verzweifelt, weil’s dir die Haut von den Knochen löst, und das Geld auf den Boden purzelt. Etwas übertrieben, Sir. Mag sein, Henry. Der Punkt ist: Ich hasse diese verdammten Autoren. Dafür haben sie nicht so wunderbare To-Do-Listen wie unsereins. Was steht denn bei Ihnen darauf, Sir? Oh, so einiges. Einen Menschen auf der Strasse im Vorbeigehen in ein Gebüsch schubsen. Zum Beispiel. Gewalt, Sir? Keineswegs. Man muss dem armen Mann aufhelfen und erklären, dass man in einer ‹Phase› sei. Und ihm dann eine Tasse Kaffee spendieren. Glaub mir, Henry, da findet man Freunde fürs Leben! Etwas gewagt, Sir. Papperlapapp. Auf meiner Liste steht auch, dass ich einem Autor ein lustiges Bild schenken will, ein selbst gezeichnetes. Zum Beispiel einen katholischen Esel mit einem Pfarrer auf dem Rücken und der Pfarrer raucht und der Esel denkt in Sprechblasen. Und darin steht ein witziger Spruch. Wie: ‹Mein Glaube belastet mich.› Und dann, Sir? Dann schenkt man dem Autor das Bild, zum Beispiel nachdem man ihn ins Gebüsch geschleudert hat, oder am Bratwurststand und er wird ganz erstaunt sein, aber mit seinem feschen BratwurstHandschuh nicht wissen, wohin damit. Und vielleicht regt es ihn zum Nachdenken an. Vielleicht, Sir. Scher dich zum Teufel, Henry! Text: Roman Neumann Foto: Philippe Neumann


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kinki magazin - #18