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kinki

nr. 16 aug/sep 2009 chf 6.–

4.–


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rien, e F e n . Schö ünstig g n ö sch


‹ editorial› it’s hip to be square. Liebe Leser. Das war er also, der Indie-Hype. Schön war’s. Wir haben gerne getanzt zu coolen Bands wie den Futureheads, Virgins und Killers. Wir haben es geliebt, Hüte auf dem Flohmarkt zu kaufen, schwarze Röhrenjeans von Cheap Monday zu bestellen, und angefangen Indietronic auf­ zulegen. Doch irgendwie war der Hype schon vorbei, bevor er richtig angefangen hat. Trotzdem sind wir aber bei den Vintage-Online-Stores geblieben, sind zum Colette nach Paris, der Bread & Butter in Barcelona und der Fashion Week nach Kopenhagen gepilgert. Fashion war der neue Rock’n’Roll! Wir haben unsere Klamotten auf dem eigenen Blog gepostet und über die neue Kollektion von Martin Margiela diskutiert. Als das dann aber auch schon wieder alle gemacht haben, sind wir lieber auf eine Vernissage in einer Underground-Galerie gegangen und haben dabei wissend Schaumwein geschlürft. Wir fanden Damien Hirst zu kommerziell und Terence Koh ganz weit vorne, haben wieder selbstgedrehte Zigaretten geraucht und eine kleine Ausstellung mit experimentel­len Fotos von Freunden organisiert. Art is the new fashion! Aber als wir dann wieder die halbe Stadt auf der Art Basel getroffen haben und feststellen mussten, dass jetzt jeder eine Off Space Galerie betreibt, beschlos­ sen wir, in die Kommunalpolitik zu gehen und für den Stadtrat zu kandidieren. Denn Politik is the new art! Deine trendbewusste kinki Redaktion ... so last year! kinki

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Proudly distributed by Brazil info@brazil.ch www.brazil.ch


WeSC activists Lady Tigra, Love Eneroth, Danijel Todorovic, Ricky Sandström, Mika Edin, Jonas Wiehager and Chris Pastras contributing to ”WeAretheSuperlativeConspiracy” Pick up a copy at your nearest WeSC retailer. For more information visit www.wesc.com


‹content› Standard

03 10 12 12 19 106 112 114

Editorial Content Gossip Agenda Klagemauer Media Abo / Impressum Versammelt

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Report 30 32 42 46 48 52 58

Zehn Minuten mit Eric Cane My Home Is My Caravan Pleiten, Pech und Stangen Querschläger: Maggie Tapert Deus ex Machina Stranger in Chiasso Das Bikini-Experiment

Sound 62 64 66 68 70 72 74 76

Album des Monats: Portugal. The Man Interview: Jeannel Interview: Conrad Keely Playlist: The Goldfinger Brothers Soundcheck Interview: Th’Mole Interview: Ane Brun und Nina Kinert Northern Soul in Japan

Fashion 78 88 90 94 96

‹J.C.› von David Spaeth Vive la Fragrance Mociun: Urban Hippie Chic Vertreter: Birkenstock-Sandale ‹Au revoir Ramone› von Roman Goebel

Art & Co

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Peter Hauser: Anchorless Die Klowand des Web Top Notch Gallery: Myymälä2 Gallery Helsinki

Anchorless

Das Ankersymbol auf dem Arm des Fotografen Peter Hauser und das Segelschiff auf seiner Zigarettenpackung scheinen fast schon sinnbildlich für seine Arbeitsweise: auf seiner stürmischen Reise durchs Leben legt er den fotografischen Anker vor verschiedensten Inseln, um Stimmungen, Menschen und Situationen einzufangen. In diesem Heft zeigt er euch einen kleinen Einblick in sein Schaffen, spricht über sein Bildmagazin ‹Püré›, die Wellengänge seiner Hassliebe zur Fotografie, und darüber, dass man für ein gutes Bild gar nicht unbedingt in die Ferne schweifen muss.

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Das BikiniExperiment Egal welcher Sender, egal wann – irgendwo

läuft immer eine Castingshow im Fernsehen. Höchste Zeit also, sich endlich mal bei einer zu bewerben, dachte sich auch unsere Autorin Uschi Rüdisüli und stürzte sich fürs kinki magazine in ihren schönsten Bikini, um bei der Sendung ‹Mega Solo› nicht nur ihr hart Erspartes, sondern auch ihre private Beziehung aufs Spiel zu setzen. Alles erstunken und erlogen? Urteilt selbst…

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What Th’Mole Manche Leute lassen sich einfach nicht in

eine Schublade drücken. So zum Beispiel auch der zappelige Ausnahme-Rapper Th’Mole, der mit gewagten Bühnenoutfits, optisch überladenen Live-Auftritten und einer scheinbar grenzenlosen Fantasie bei der Mischung verschiedener Musikstile aus der Reihe tanzt. Florence Ritter unterhielt sich mit dem Meister des ‹Independent Rap› über sein Alter Ego ‹Captain Daydream›, seine experimentellen Beats und die finanziellen Engpässe, die das Leben auf Tour mit sich bringt.


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Urban Hippie Chic

Caitlin Mociun, die amerikanische Jungdesignerin (und Schwester des in diesem Heft ebenfalls vertretenen Indie-Rappers Th’Mole), begeistert mit unaufdringlichen und dennoch einzigartigen Mode- und Schmuckkollektionen. Dabei setzt Mociun nicht nur in ihrer Mode, sondern auch in den Fotografien der einzelnen Stücke auf natürliche Schönheit, Individualität und Naturbezug. ‹Urban Hippie Chic› eben.

108 Die Klowand des Web Was ursprünglich als Anime-Fanpage gedacht war, gleicht heute einem einzigen Chaos: Pornobilder, Tierfotografien und jede Menge Unsinn werden tagtäglich auf die Website 4chan.org hochgeladen. Vielleicht hat gerade diese Narrenfreiheit, die die Site ihren Nutzern gewährt, 4chan zu einem der beliebtesten Plätze des Web gemacht. kinki Autor Tom Hägler unterhielt sich mit dem 21-jährigen Gründer ‹Moot› über Kulturverlust, Reichtum und das ‹dunkle Herz› des Internets.

‹contributors›

Julian Salinas

Neben kommerziellen Arbeiten für Werbeagenturen, beschäftigt sich der freischaffende Fotograf im Rahmen redaktioneller und freier Arbeiten immer wieder gerne mit Menschen am ‹Rande der Gesellschaft›. Seien es nun Asylbewer­ber, Transsexuelle oder, wie in dieser Nummer, Fahrende – Julian bietet immer wieder spannende Einblicke und Zugänge zu Menschen in un­ bekannten Mikrokosmen. ‹Die Begegnungen mit den Fahrenden haben viele Vorurteile und Unwissen unsererseits ab­gebaut›, kommentiert Julian die Arbeit an ‹My Home Is My Caravan›. In seiner Freizeit schiesst er gerne Land­schaftsfotografien der Schweiz, die in diesem Winter übrigens in Buchform erscheinen werden. – S. 32

Nola Darling

‹In den drei Jahren, in denen ich jetzt im Stripclub «Roi Soleil» in Ludwigsburg auflege, habe ich bemerkt, dass Männer auf ganz bestimmte und einfache Klischees (freizügige, fremde Frauen, die man mit Geld beeindrucken bzw. kaufen kann) abfahren. Ich fand es witzig, dieses Bild, das Erotik­ tänzerinnen verkörpern, durch die peinlichen Geschichten zu untergraben. Denn viele der Frauen sind privat komplett das Gegenteil von dem, was sie während der Arbeit vorgeben zu sein›, beschreibt die 29-jährige Musikerin, DJane und freie Journalistin ihre Motivation, die Eindrücke, die sie in diesem Stripclub über die Jahre hinweg gesammelt hat, in einen Artikel zu fassen. – S. 42

Kai Eisele

Kai schreibt ‹mehr oder weniger regelmässig› fürs kinki und andere Magazine. Seine Leidenschaft gilt dabei in erster Linie politischen und sozialen Themen – gerne auch weitab der Heimat. Für den TechnikAficionado und Physikamateur war die Reportage über das Eldorado der Teilchenphysiker am Genfer CERN so etwas wie die Erfüllung eines lang gehegten Traumes: hundert Meter unter der Erde, in Gesellschaft von Millionen Protonen über die Ent­ stehung des Universums zu grü­beln. Traumwetter am Genfer See und akzeptable Bierpreise taten ihr Übriges. Vorläufiges Ergebnis: ein Schwarzes Loch... im Kopf des Autors. – S. 48

Roman Goebel

Zu seinem Ziel ist der 32-jährige Berliner Fotograf Roman Goebel über einige Umwege gekommen: Wirtschaftsstudium, Arbeit als Regie­ assistent und später Produktions­ leiter beim Film… Als er seine wahre Bestimmung allerdings entdeckte, assistierte Roman diversen renommierten Fotografen und arbei­tete mehrere Jahre international als Producer für Fotografiegrössen wie Mario Testino, Peter Lindbergh und Steven Klein. In der für diese Ausgabe des kinki magazine produzierten Wäschestrecke ‹Au revoir Ramone› erzählt Roman euch in zauberhaften Bildern eine sehnsüchtige Liebesgeschichte im Glanz eines sommerlichen Sonntagnachmittags. – S. 96

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‹gossip›

rüebli-hose

‹agenda›

07 21.07–25.07.

paléo festival feat. placebo (uk), kaiser chiefs (uk), the gossip (usa), peter doherty (uk) uvm. Nyon 21.07. Di

ghinzu (bel) Rote Fabrik, Zürich 22.07. Mi

santigold (usa) Rote Fabrik, Zürich 3.07.–16.08.

poolbar festival feat. does it offend you, yeah (uk), telepathe (usa), black lips (usa), zombie nation (d) uvm. Beim serbischen Label Carrot Clothing kann man buchstäblich von einer modi­ schen Revolution sprechen.

Bereits 1999 sorgte Carrot Clothing für viel Wirbel. In diesem Jahr er­hob der serbische Jungdesigner Alex Gligorich seine Stimme gegen den Balkankrieg und setzte mit plaka­ tiven Anti-Kriegs-Nachrichten auf T-Shirts ein Zeichen. Diese zuerst nur an Freunde und Familie verteilten Shirts nahmen wie ein Lauffeuer weite Teile ein. Bis zu den lokalen Behörden, die dem ganzen ein Ende set-

zen wollten und Alex kurzerhand auf­grund terroristischer Politik ins Gefängnis steckten. Sein von den Behörden prognostizierter Untergang war die Geburt des Labels Carrot Clothing, eine heute weltweit an­erkannte Lifestyle Marke, die in mehr als 20 Ländern zu finden ist. Das nennt man ein Statement setzen. Peace out. (km) www.carrotclothing.net

Feldkirch, Österreich 31.07. Fr

wildlife! meets tim turbo & danny scrilla

08 Club Bonsoir, Bern

13.–30.08.

zürcher theater­ spektakel

Landiwiese, Zürich 13.08. Do

the thermals (usa) Volkshaus, Basel 19.08. Mi

life of agony (usa), keith caputo (usa)

handzahm

Schüür, Luzern 20.08. Do

the whitest boy alive Volkshaus, Basel 19.–30.08.

musikfestwochen ‹Where goes the white when melts ihre fragilen Gebilde wieder zum Le- winterthur feat. the sea (uk), danko jones (usa), the snow›, fragte sich Shakespeare ben. In namhaften Galerien auf the kooks (uk) uvm. und die Antwort liegt auf deiner Hand, der ganzen Welt ist Susanne Klemm Winterthur

am Finger und um den Hals. Wahre Geheimnisse spiegeln sich in der unnahbaren Schmuckkollek­ tion von Susanne Klemm. Dabei wirken die Accessoires zunächst handzahm und so samtig, als hätte man einen schneeweissen Ha­sen auf dem Arm. In ihrer neuen Kol­ lektion arbeitet die gebürtige Schweizerin mit Früchten, Zweigen und Blüten, die von einer Kunst­ stoffhülle umfasst werden. Sie spielt mit der Vergänglichkeit und erweckt 12

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seit 1994 zu Gast gewesen und überzeugte stets mit ihrer besonde­ ren Sichtweise als Beobachterin und Träumerin. Die Schmuckdesignerin nimmt zur Zeit in ihrer Wahl­ heimat Amsterdam an der ‹Residence Situation› im Rotlichviertel teil. Monatlich verwandelt sie mit neuen Arbeiten ein ehemaliges Prosti­ tutionsschaufenster in einen Ort der Poesie. (rz) www.susanneklemm.com

30.08.2009–03.01.2010

ausstellung: michel comte

Museum für Gestaltung, Zürich 30.08–22.11.

ausstellung: roman signer Kusthaus, Zug


ins kino entführt

the serbian connection In die Perspektive einer gebürtigen Serbin können wir auch mit Schweizer Pass dank der Bilder von Ana Kras tauchen. 1984 geboren, ist Ana mit den Strapazen und den Kon­ flikten des Balkans aufgewachsen. Bald entdeckte sie ihr Faible für Kunst, der sie sich heute als junge Freelancerin ganz verschrieben hat, sei es in Form von Fotographi­ en, Zeichnungen oder sogar im Design von Möbeln. Erfolge kann die junge Serbin durch Referenzen

wie zum Beispiel Veröffentlichungen beim VICE Magazin vorzeigen. Besonders in Fotoserien wie ‹The Balcony› gelingt es dem jungen Talent vom Balkan seine Leidenschaft und Sichtweise gebündelt in simplen Fotographien zu vermitteln. Einen kleinen Einblick in das Schaffen von Ana Kras findet ihr diesen Monat unter ‹Magazin› auf kinkimag.com. (ms) www.anakras.com

neue dimensionen

Spätestens seit ‹Swordfish› dürfte uns allen klar sein, dass John Travolta nicht nur als Kleinkrimineller und Dancefloor-König, son­dern auch als Terrorist seine Rolle äusserst überzeugend spielt. So bereitet er im Action-Thriller ‹The Taking of Pelham 123› ab dem 13. August nicht nur dem eifrigen und rechtschaffenen Polizisten Walter Garber alias Denzel Washington Kopfzerbrechen, sondern hält mit der Entführung der Untergrundbahn der Linie ‹Pelham 123› ganz New York in Atem! kinki verlost 10 × 2 Tickets für einen fesseln­den Kinobesuch des actiongeladenen Streifens, damit ihr euch vor lauter Spannung mal wieder so richtig am Popcorn verschluckt! Ein­fach bis zum 10. August eine Mail mit dem Betreff ‹Pelham 123› an wettbewerb@kinkimag.ch schicken, und mit ein bisschen Glück sausen euch schon bald die Helikopter und Polizeiwagen um die Ohren! Kleiner Tipp: kommt lieber mit dem Auto ins Kino, die Öffentlichen sind einfach zu unsicher! (rb) 14

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Es gibt Neues vom Regisseur von ‹Nightmare before Christmas›. Henry Selick hat zusammen mit Autor Neil Gaiman einen neuen Film am Start. Mit ‹Coraline› gelingt es den beiden, gleich zwei verschiedenen Genre-Traditionen alle Ehre zu machen: Coraline ist ein Animati­ onsfilm im Stop-Motion-Verfahren – das heisst, die Figuren wurden modelliert und jede einzelne Bewe­gung fotografiert – und ausserdem der erste, der in Stereoscopic3-D konzipiert und verwirklicht wurde. Erzählt wird die Geschichte von Coraline Jones, die mit ihren ge­ schäftigen Eltern in ein altes Haus in einer fremden Stadt zieht. Von ihren Eltern vernachlässigt, entdeckt

Coraline eine Geheimtür in ihrem Haus, die dem Mädchen eine Parallelwelt eröffnet, die sie weitaus mehr fasziniert als die reale Welt. In der Parallelwelt haben zwar alle Bewohner Knöpfe statt Augen, aber die Eltern im verwunschenen Jen­­seits haben wenigstens Zeit für Coraline. Alles scheint besser, farbenfroher und magischer als in der echten Welt. Hier leuchten die Farben und der Alltag erscheint wie eine endlose Zirkusvorstellung. Doch ist hier wirk­lich alles so, wie es scheint? Wie schon bei ‹Nightmare before Christmas› schafft es Selick auch bei ‹Coraline› dem Film eine zwiespäl­ tige Seele einzuhauchen, ihn sowohl charmant als auch gruselig er-

scheinen zu lassen. Kleine Details, die durch das spezielle StopMotion-Verfahren ermöglicht werden–wie zum Beispiel Coralines Kleidung, die aus tatsächlichen Textilien besteht–verleihen Coralines Welt einen Hauch von Magie. Magisch ist hier auch der Aufwand gewe­sen: in das Projekt waren 450 Leute involviert; einer davon war ausschliesslich für das Stricken von Miniatur-Pullovern und anderen Kleidungsstücken für die ‹Darsteller› zuständig und benutzte dabei Stricknadeln, so dünn wie Men­ schenhaare. (am) Kinostart: 27. August


winter im sommer, frühling im winter

wie bei guten freunden

Alexandra Wisniewskas Kleider spielen mit der Ambivalenz zwischen harten Strukturen und leichter Extravaganz. Die diesjährige Herbst-/ Winterkollektion folgt erneut dieser Philosophie. Die Linie an sich bleibt strikt und elegant, wäh­rend die Details ihre Inspiration aus der unendlichen Verschieden­ artigkeit von Formen ziehen. So werden Halsketten zu Blättern, der Schnitt einer Jacke zu Laub und auf den Stoffen der Kleider erwachen Blüten. Ihre Kollektionen sind für ele­ gante, feminine, selbstbewusste Frauen mit einem Hang zum Extra­ vaganten. Wer also auch im nächsten Winter noch gern den Duft des Frühlings riechen will, sollte sich unbedingt auf ihrer Homepage umschauen. (km)

Stell dir vor, du hast Hunger, gehst aber ausnahmsweise nicht in ein Res­ taurant oder kurz was einkaufen, sondern zu fremden Menschen nach Hause, die du nicht kennst, die dich aber bekochen und bewirten. Die Idee von den Gastgebern Renato und Oliver ist simpel, aber gut. Gegessen wird an einer Tafel, ein­fache aber herzliche Küche wird serviert und allen ein unvergesslicher Abend beschert. Ebenfalls kann jeder ein solches Essen bei sich zu Hause durchführen. Das ‹Wie bei Freunden›-Duo kommt als ‹Freunde on Tour› gerne zu dir nach Hause. Informationen über Termine, Kosten und Anmeldung findet ihr auf ihrer Webseite. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, könnte sich der Abend vielleicht ja sogar doppelt lohnen… (km)

Alexandra Wisniewskas Herbst-/ Winter­ kollektion ist ihrer Zeit in jeder Beziehung ein Stück voraus.

www.aleksandra-wisniewska.ch

sommernachts­- catch traum Am Open Air Greifensee darf man zu Sinéad O’Connors Klängen die letzten Tage des Sommers geniessen. 

Nach einem weiteren Open-Air-Som­ mer dürfte euer Leben sich wie­-

der um ein paar nasse Füsse, den ein oder anderen Gehörsturz, schlecht riechende Bekanntschaften, Alkoholvergiftungen und zahlreiche Badge-Holder verschiedenster Bierhersteller bereichert haben. Wer nach den brühenden Som­ mermonaten im Zelt keine Lust mehr auf wochenlanges Campieren hat, sich aber dennoch auch im Spätsommer noch einmal gute Musik unter freiem Himmel zu Gemüte führen möchte, dem sei das kleine aber

feine Open Air Greifensee emp­ fohlen! Das Naherholungsgebiet im Zürcher Oberland hat nämlich am 4. und 5. September nebst einer wunderschönen Kulisse auch musika­ lische Höhenflüge zu bieten und präsentiert den Besuchern am Freitag die Möglichkeit, die legendäre Sinéad O’Connor zu bewundern und rich­tet am Samstag bei freiem Eintritt den Spot auf heimische Talente wie Mañana, Elijah und viele mehr! Ausserdem kann man von dort auch mit nassen Füssen und trotz Gehörsturz seine neue (hoffentlich wohl­ riechende) Bekanntschaft mit den ÖV nach Hause begleiten… kinki verlost übrigens 1 × 2 Tickets für Sinéad O’Connors Konzert am Freitagabend. Hartge­ sottene Fans sollten also schnellstens eine Mail an mit dem Betreff ‹Grei­ fensee› an wettbewerb@kinkimag.ch schicken, sonst landen die Tickets am Ende noch in den Klauen der Redaktion. (rb) www.openairgreifensee.ch

Es gibt die Sorte Menschen, die To­ maten werfen, wenn sie mit etwas

nicht zufrieden sind, und es gibt das Städtchen Buñol in Spanien, wo sich jedes Jahr mehr als 40 000 Leute einfinden, um aus purer Freude die grösste Tomatenschlacht der Welt sausen zu lassen. Auf www.tomatina.es können Reisen aus allen Städten Spaniens an die Tomatina gebucht werden. Um 9 Uhr morgens am 26.8.09 beginnt das Fest mit einem vom Rathaus verteilten Frühstück, währenddem sich der Platz langsam mit Menschen füllt. Vor der Schlacht wird ein riesiger mit Seife beschmierter Balken aufgestellt, an dessen oberem Ende ein Schinken befestigt ist. Die Mutigsten unter den Besuchern verausgaben sich bereits bei diesem Ritual. Um 11 Uhr erklingt dann der Start­ schuss für die Schlacht. Gleich­zeitig fahren am Ende der Strasse die ersten mit überreifen Tomaten vollbeladenen Lastwagen in das sonst eher ruhige Dorf ein. Innert we­-

www.wiebeifreunden.ch

up niger Minuten färben sich Ort und Menschen rot ein. Es empfiehlt

sich daher, nicht mit den schönsten und neusten Kleidern teilzuneh­men. Gut wäre aber eine Sonnenbrille, da die Tomaten in den Augen brennen können. Ausserdem müssen einige Regeln eingehalten werden: die Tomaten müssen vor dem Wer­fen in der Hand zerdrückt werden, gefährliche Gegenstände sind untersagt. Nach genau einer Stunde erklingt der zweite Schuss und beendet die Tomatina schlagartig. Wer dann noch eine Tomate wirft, verletzt den Ehrenkodex. Und wenn man die Konsequenzen davon nicht genau kennt, unterlässt man das auch besser. (km)

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wo der peffer wächst the liess auf sich warten, da ihre Musik gelinde gesagt scheisse war. Kurzerhand beschlossen sie, sich als Künstler zu versuchen – mit dem Ergebnis, dass sie für das Kopieren von Jean-Michel Basquiat ver­klagt wurden. Logisch schien also eine Kar­riere als Profisurfer, doch in Neusee­land ist das jetzt nicht unbedingt eine besonders einzigartige Idee. Um sich abzuheben, entschieden sie sich für High Fashion und Low Income. Gott sei es gedankt. He­raus kam nämlich eine geile Kollektion nach der anderen. Mit ihrer bereits achten Serie, die den schönen Namen ‹Weapons Of Mass Seduction› trägt, entfernt das Label sich von dem eingeschlagenen Weg der Punk- und Grunge-Ästhetik, und macht sich auf zu neuen Ufern, die da heissen Sexiness und Sophistication. Inspiriert wurde das Label nach eiVon der Band zum gener Aussage von Robert Künstlerkollektiv Palmers ‹Simply Irresistible› und zur Modelinie: die Sebastien Telliers ‹Roche›. Auch von Mitglieder des ‹Stolen Girlfriends sehen sie in ihrer Kollektion eine Club› haben ihre Art modernes Sport-Trikot. Nun gut, Bestimmung jeder mag darin sehen, was er gefunden. möchte. Wir jedenfalls, sehen in der Von Neuseeland weiss man ja nicht te Band ‹The Veils› und auch das aktuellen Kollektion des Stolen allzu viel. Aber einiges Gute kom­mt Label ‹Stolen Girlfriends Club›, Girlfriends Club absolute Haben-willaus der anderen Ecke der Welt. Der das wir kurzerhand zu unserem Lieb- Stücke, für die wir unser letztes lingslabel erklärt haben. Überraschungs-Serienhit ‹Flight Hemd geben würden. (am) of The Conchords› zum Beispiel, die Stolen Girlfriends Club startete www.stolengirlfriendsclub.com kürzlich durch die Schweiz getour­eigentlich als Band, doch der Erfolg

duck and cover

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Das ‹4x4› im Land von Nixon bedeutet 4 Rubber Players in 4 Monaten und in einzigartigen Farben. Die altbekannte Uhr erscheint Mitte Juli mit dem vierten und letzten Release der Rubber Players in der Sommer­farbe Gelb. Bis jetzt gehen die speziellen und limitierten Uhren weg wie warme Semmeln. Grund genug, schnell zu sein. kinki verlost eins dieser Schmuckstücke in Grün. Schreibt eine Email mit dem Be­treff ‹Gewinn Rubber Player› an wettbewerb@kinkimag.ch. (km) www.nixonnow.com

jump in the pool

wahrscheinlich eher in engen WGZimmerchen als in grossräumi­gen Villen mit Seeblick und Pool wohDie Webseite des britischen Vertei­ nen, helfen wir der ganzen Sache digungsministeriums als Inspi­ nun etwas nach und verlosen zusamrationsquelle? Warum nicht, dachte men mit ‹Axe› fünf Poolpartysets, sich Christopher Kane: der junge, bestehend aus einem Outdoor-Pool, schottische Designer und neue Liebzwei ‹Super Soaker›-Was­serpisto­ling der Londoner Fashionszene len und natürlich Duschgel und Bokinki und Axe verwendete Nukleartestbilder aus dyspray, damit’s auf dem Balkon schenken dir den 50er- bis 70er-Jahren und be­ trotz Bier und Chips gut riecht. Weil einen Pool! Dufte, oder? druckte damit seine erste Preeure Wohnung nach diesem Fest Col­lection. Die hochexplo­siven, helaber ziemlich sicher genau so grauManche Dinge scheint es nur in ameri­ enhaft aussehen wird, wie man das len Farbgemische sind ein guter Kon­trast zu den sonst sehr clean und kanischen Filmen zu geben: schnul­ aus den Filmen kennt, geht ihr schlicht gehaltenen Designs der zige Happyends, Taxis, die anhalten, mit dem mitgelieferten Shower Gel Kollektion. (uberding.de) wenn man die Hand ausstreckt… am nächsten Tag lieber woanders Weitere Info unter: und natürlich rauschende Poolpartys! du­schen, bis die Mitbewohner die www.londonfashionweek.co.uk Da aber die meisten von euch Wohnung wieder in Ordnung 16

rubber player

gebracht haben. Und glaubt man dem unglaublichen Effekt, den das neue Axe Hot Fever auf andere Menschen haben soll, klappt vielleicht sogar irgendwann der Trick mit dem Taxi… Schickt einfach eine Mail mit Betreff ‹Poolparty› an wettbewerb@ kinkimag.ch, und mit ein bisschen Glück steigt auf euerm Balkon schon bald eine filmreife Poolparty! Auf www.axe.ch findet sich übrigens ein kleiner Vorgeschmack auf eure Sause und ein äusserst amüsanter Online-Test zur Frage ‹Bist du bereit für Muchas Maracas?›, den ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet! (rb) www.axe.ch


this month on the web Die Sommerferien stehen vor der Tür! Und natürlich wird sich auch die kinki Redaktion nächsten Monat auf den Malediven und Saint Barth von den Strapazen des Verlagswesens erholen, unsere Augen statt in den Computerbildschirm zur Abwechslung mal in die Sonne blinzeln las­sen und die bleichen Füsschen ins kühle Nass tunken, um uns im September krebsrot und frisch erholt wieder die Bürostühle unter den Hintern zu ziehen. Doch natürlich lassen wir unsere werte Leserschaft während dieser zweimonatigen Durst­strecke nicht ganz auf dem Trockenen sitzen: so findet ihr auf www.kinkimag.com nebst allerlei Videos, Young-Art-Profilen, Musik- und Modeempfehlungen sowie sommerlichen Veranstal­tungstipps unter ‹Blog› auch während unserer Sommer­pause spannende Heftergänzungen und Zusatzartikel. In der Rubrik ‹Ma­ gazin› erwarten euch während der Hitzemonate so zum Beispiel ein Interview mit den Londoner Alternative Rockern ‹Athlete› und ein Gespräch mit Deutschlands abgedrehtem Meister des skurrilen Humors, dem Filmemacher und Autor Heinz Strunk. Auch das Popsternchen ‹Little Boots› wird diesen Monat zu Wort kommen und uns hoffentlich das Geheimnis ihres kometenhaften Aufstiegs in diesem Jahr erklären! Und auch die Architekturbegeisterten unter euch werden in den Sommer­ ferien nicht zu kurz kommen, selbst wenn vielleicht das Geld für eine Städtereise fehlt: Matthias Straub beleuchtet in einem exklusiven WebArtikel nämlich das Leben und Schaffen des Ausnahmearchitekten und Egozentrikers Frank Lloyd Wright, dessen geniale Ideen unter anderem für das New Yorker Guggen­ heim Museum verantwortlich sind. Wem also noch das Lese­material für die Ferien fehlt, der soll sich einfach seinen Laptop einpacken. Wir machen das immer so… (rb) www.kinkimag.com

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stranger in fiction Fünf Minuten Ewigkeit: das Stranger Festival sucht nach unbe­ kannten Talenten.

Vom 14.–17. Oktober öffnet das Stranger Festival zum zweiten Mal seine Pforten. Mehr als 100 junge

zu präsentieren. Dem Gewinner winkt eine Teilnahme bei der Stranger Academy in Amsterdam, wo er unter professioneller Leitung die eigenen Filmskills vertiefen kann. Die einzigen Vorgaben: ihr dürft nicht älter als 25 sein und der Inhalt des selbst­ gedrehten Films sollte etwas mit dem Verfasser zu tun haben und in der Zeit von einer bis fünf Minuten liegen. Einsendeschluss für die Teil­nahme am Stranger Festival ist der 15. August 2009. (km) www.strangerfestival.com

Filmschaffende aus ganz Europa beteiligen sich an diesem Projekt, um der Öffentlichkeit ihre Arbeiten

randerscheinung der grossstadt In einer Zeit, in der vieles in der Gegenwartskunst seinen Ursprung im Streetart beansprucht, kann man Graffiti wohl kaum noch eine subversive Kunstform nennen. Allenfalls kann man von einer Ran­de ­ rscheinung sprechen, die den einen Passanten verärgert und den anderen ganz und gar kaltlässt. Das Dasein des Sprayers ist heute in etwa mit dem einer Taube vergleichbar. Attribute wie ‹unbe­liebt›, ‹beschmutzend› und ‹störend› können Sprayer und Gefieder sich teilen. Da es um Graffiti nun eben steht, wie es steht, entschieden sich die zwei Graffiti-Writer Hëx und Hept, ihre gewählte Kunstform auf die Mode zu transferieren und dazu das Label ‹Hixsept› zu gründen. Mit der Taube als Totem ihres Labels ist es ihnen gelungen, ihre Kunst auf eine kommerziellere Art unter bzw. in Form von T-Shirts auf die Leute zu bringen. Diesen Monat stellt Hixsept nämlich eine T-Shirt-Linie mit dem Namen ‹Atomic Peace› vor. Den drei Modellen der neuen Serie liegen elementare Symbole zugrunde, die in patchwork-typische Formen und Farben übertragen

Tote Tauben für den atomaren Frieden: das urbane Clothinglabel Hixsept bringt die Subversivität zurück auf die Strasse!

wurden. Für das Artwork von Atomic Peace ist Samuel Francois ver­ antwortlich. Seine Zeichnungen hauchen den Modellen einen beun­ ruhigenden Realismus ein und geben den Shirts wahre Street Credibility zurück. In seinen Zeichnungen zeigt

er eine Welt auf, in der Anarchie, Frieden und Dualität herrschen. Ei­

genschaften, die dem Graffiti in der wahren Welt schon längst nicht mehr anhaften. (am) www.hixsept.com


klagemauer Dein Meerschweinchen hat dich heute gebissen? Deine Freundin steht auf DJ Bobo? Die Welt ist böse? Zürich geht dir auf den Sack? Dein Lover hat deinen Geburtstag vergessen? Egal was dich gerade stresst oder nervt: auf kinkimag.com unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

voraussichtlich erst um 2 ins bett zu gehn und dann um 5 wieder aufzu­ stehn.. wiso muss ich auch alles in letzter sekunde erledigen? kamikaze | d’Nicole isch immer sooo gemein!! Illuminat | figged eu all-all-all i eui chnüü... ischmr scheissegal alles-alles-alles Anonymous | busbremsengeräusch donut-mitwanderstock | mich nervt dass ich die nummer gelöscht hab und trotzdem noch sehe wenn die person anruft. tsss | clyde hat sich versteckt! PISS­ NELKE b­onnie | im bus eingeschlafen. kopf schnellt nach vorne-drsch-blaue beule. Ich liebe mittwoch! donut-mit-rädern | nicht, kein bisschen, so überhaupt nicht- BRAUN zu werden.... weisslein | dieser ganze emotionsschmuuu, nicht auszuhalten.... ­reeeeeeeeeee | und why the hell sind wir nie so wie wir sein möchten und wieso gelingt immer alles denen, dies sonst schon schön im leben haben und wir bekommen nur das knäckebrot? kamikaze | dass man nicht weiss, was morgen ist. weil andere bestimmen. und ich am Ende nicht einmal mehr weiss, ob ich selber bestimmen will. ­decisionmaker | und diese zwei wochen in der mir jede sekunde wie 349582mal von ha­ waii nach kroatien vorkommt.. kamikaze | wenn man eine sache voll nicht hinkriegt und die wut wird immer wie grösser und man kann nur men­ schen anschreien, welche nichts dafür können. ich brauch was neues. kamikaze | all meine probleme. dass sich jemand so viel probleme machen kann wie der und mir das auch wieder probleme macht. Anonymous | beschti fründa? jo, xii simmers.. und ez vum aint uf dr ander tag aifach nüm! bisch z’cool dor so? schaisse du regsch!!!! Anonymous | Am nächsten morgen die gesendeten sms abchecken und zu merken was für doofe sms man im rausch herumgeschickt hat. WIESO NUR nein | dass mein freund brems­ spuren in seinen boxershorts spazieren führt midget | die verdammten zi­ cken, die zwar ihre schultasche nicht alleine packen können, aber ganz ganz dicke über weltpolitik, kunst, musik und MEIN leben diskutieren können. haltet doch einfach mal den mund! mechanismus | dass ich heute beim Biken (in den Berg ufen natürlich) wiedermal wie ein Rinozeros atmen muss­ te – Zigis ihr bleibt nun endgültig im Verkaufsregal drin! r­auchen tut nicht gut | dass ich verdammtnochmal zu verpeilt bin! peil_ohne_heil | das ich kein geld habe cash kinki

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P E TE R H AU S E R A N C H O R LE S S

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Der Fotograf Peter Hauser kombiniert in seinem Bildmagazin ‹Püré› Bilder aus seinem Alltag und seinen Reisen zu Geschichten, die es so nie ge­geben hat. Sie erzählen vom Exzess, von der Ruhe und dem ewigen Sammeln von Gefühlen, die es wert sind, die Zeit zu überdauern. Text: Rainer Brenner

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chon Arthur Koestler wusste: ‹Jeder Mensch ist eine Insel.› Eine solche sitzt denn auch neben mir im Zürcher SzeneLokal Casablanca und verdrückt die letzten Reste seiner Rosenkohl-Wähe. Der Fotograf Peter Hauser wirkt irgendwie ernst, schwermütig fast. Und die Nonchalance, mit der er den leeren Teller zur Seite schiebt, um sich eine seiner filterlosen Zigaretten anzustecken, erinnert unweigerlich an die Art und Weise, auf die er sein Bildmagazin ‹Püré› den Besuchern seiner Homepage schmackhaft macht: die Druckqualität des Heftes bezeichnet Peter als ‹crappy› oder ‹fucked up›. Seine Bildmotive – eine Mischung aus Snapshotartig fotografierten Szenen aus seinem Umfeld sowie Landschaften und Gegenständen, gebannt auf Polaroid oder Film – lassen jedoch vermuten, dass es sich dabei womöglich um elegante Koketterie handelt. Wenn man neben Peter sitzt, dessen Kopf während des Gesprächs auf seinen verschränkten Armen auf dem Tisch ruht, erkennt man allerdings leicht, dass Nonchalance im Falle von Peter Hauser nicht einfach nur Stilmittel, sondern Charakterzug ist: ‹Sie ist beides, ästhetisches Prinzip und vielleicht auch Teil von mir selbst, mag schon sein. Was aber die Bildqualität meiner Fotos angeht, so waren die halt einfach schlecht gedruckt, das hatte vielleicht auch einen gewissen Reiz so, war aber schlichtweg auch nicht anders möglich für mich.› Seit 2007 entstanden so vierteljährlich kleine Einblicke in Peters fotografische Arbeiten. Eindrücke und Reisen verarbeitet der 28-Jährige in den einzelnen Ausgaben, deren Erscheinungsbild trotz rein ‹ästhetischer Kombination der Bilder› sehr geschlossen wirkt. Peter erzählt mit seinen Fotografien eine Geschichte: die Geschichte seiner Reisen nach Amsterdam und St. Petersburg, die Geschichte seiner Freunde, seines Alltags und der Dinge, die ihn nicht loslassen. ‹Die Kombinationen erzählen keine lineare Story, das Einzige, was die einzelnen Bilder in den Magazinen wohl verbindet, ist die Tatsache, dass sie alle irgendetwas mit meinem Leben zu tun haben›. Das Einzige, was man über sie weiss, ist, dass die Geschichten, die Peter in seinen Bildern erzählt, irgendwo in seinem Umfeld entstanden sind, ‹das Vorher und das Nachher können sich die Leute selber ausmalen›.

‹Ein beschränktes Medium›

So finden sich Landschaften neben Menschen, und Porträts neben Alltagsgegenständen, ‹Hauptsache es sieht gut aus›, meint Peter, ‹so blöd das auch tönen mag›. Es scheint, dass bei der Kombi-

nation seiner Fotos auch das grafische Talent des gebürtigen Glarners zum Zuge kommt, welches er ursprünglich zu seinem Beruf machen wollte. ‹Irgend­­wie war die Fotografie immer präsent, mein Vater und mein Onkel haben beide fotografiert und auch ich hatte später mit ein paar Kumpels eine Dunkelkammer, in der wir unsere Bilder entwickelten. Angefangen hat’s mit Landschaftsbildern, dann habe ich meine Freunde beim Snowboarden fotografiert. Irgendwann kam dann das Grafische hinzu, allerdings fanden alle anderen meine Fotos immer viel besser als meine grafischen Arbeiten.› Doch Peter verbindet mit diesem Medium auch eine seltsame Hassliebe. Seine Schulzeit in Luzern, danach in Den Haag – wo er die ‹Königliche Akademie der Bildenden Künste› besuchte und in einer Wohnung gleich am Hafen lebte – und zuletzt an der Zürcher Hochschule der Künste war nicht nur geprägt von einer intensiven Ausei­ nandersetzung mit der Kunst, sondern auch von immer wiederkehrenden Selbstzweifeln: ‹Ich halte die Fotografie irgendwie für ein beschränktes Medium, hatte immer wieder Krisen mit meiner Arbeit. Die Schulzeit glich oft eher einer Selbstverzweiflung als einer Selbstfindung. Vergangenen Sommer habe ich deshalb zusammen mit Sebastian Herzog an einem Installationsprojekt gearbeitet. Als das Künstlerduo ‹Hauser & Herzog› haben wir unter anderem mit Sprengstoff experimentiert und dessen Reaktionsweisen untersucht, bewegten uns also weg von der Fotografie und hin zur Bildenden Kunst. Durch die Arbeit an diesem Projekt habe ich dann irgendwie auch wieder mehr Freude gewonnen an der Fotografie, momentan habe ich ziemlich Lust aufs Fotografieren.›

Exzess und Erinnerung

Doch wie entstehen Peter Hausers Fotos? Wo fand sich das Mädchen im morgendlichen Licht? Und wer badet da nachts im Fluss? ‹Manche meiner Bilder entstehen halt auch im alkoholisierten Zustand›, erklärt Peter, der sich eigentlich lieber in einer Bar mit mir getroffen hätte. ‹Das birgt natürlich auch viele Probleme, denn wenn man betrunken ist, denkt man immer, man habe jetzt ein wahnsinnig gutes Bild geschossen, und am nächsten Tag, im nüchternen Zustand, ist dann doch nicht mehr alles so toll.› Aber natürlich geht es in Peters Arbeit nicht darum, die saufenden Freunde im Rausch abzublitzen und eine trashige Welt des Exzesses abzuzeichnen. Was die Bilder wirklich vereint, ist die Tatsache, dass sie – egal ob sie in wilden Partynächten oder frühmorgendlich in der

russischen Agglomeration entstanden sind – ‹Erinnerungen in sich bergen›: ‹So kitschig das auch klingen mag, aber die Fotografie besitzt – ähnlich wie die Musik – die Gabe, ein Gefühl zu konservieren. Man versetzt sich durch ein Bild in einen Moment zurück, Erinnerungen werden wach.› Immer wieder blickt Peter mit nachdenklichem Gesicht den vorbeifahrenden Autos auf der Strasse nach. Auf seinem Arm, der eine weitere Zigarette der Marke ‹Esportazione› aus dem grünen Päckchen fischt, prangt ein kleiner Anker, auf der Zigarettenpackung ein altes Segelschiff. Und irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, all diese maritimen Symbole beschrieben Peters Bilder besser als tausend Worte.

Kartoffelstock auf Negativ

Auch wenn er während unseres Gesprächs nicht viel gelacht hat, bislang eher ernst und nachdenklich wirkte, die Frage nach der Inspiration für den Namen ‹Püré› scheint ihn sehr zu amüsieren. Er rückt seine Hosenträger zurecht und erklärt mit einem schlaksigen Achselzucken: ‹Ich sass halt so da in meiner Einzimmerwohnung und schaute mich um, da ich nach einem Namen für mein Bildmagazin suchte. Dann stand da der Kartoffelbrei auf der Ablage, das schien mir irgendwie passend.› Heute Nachmittag wird er zu Hause wieder Bilder aus seinem riesigen Negativ-Schatz einscannen, bevor er seinem abendlichen Brotjob als Barkeeper nachgeht, der es ihm ermöglicht, neben fotografischen Auftragsarbeiten seinen persönlichen Projekten nachzugehen. Mit schnellem Schritt läuft er zu seinem Fahrrad, das er vor dem Lokal angekettet hat und verabschiedet sich knapp mit einem festen Händedruck. Als er sich auf seinen Sattel schwingt, schaue ich kurz zu seinen Füssen runter und erinnere mich an seine Worte: ‹Mit den Bildern ist es so wie mit einem schönen Paar Schuhe›, hatte er die Suche nach Motiven erklärt. ‹Man sieht sie sich im Schaufenster an, und wenn man sie sich nicht sofort kauft, sind sie am nächsten Tag vielleicht schon weg. Doch es werden wieder ein paar andere schöne Schuhe irgendwo in einem Schaufenster stehen, so dass man dieses Paar schon schnell vergessen wird.› Peter Hauser selbst trägt schöne braune Lederschuhe, mit denen er nun ordentlich in die Pedale tritt, um so schnell wie möglich nach Hause zu seinen Negativen zu kommen. Weitere Info zu Peter Hauser und dem Püré Bildmagazin unter www.phuckphotography.ch.

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‹ zehn minuten mit› Zeitgenossen und Weltbürgern. Eric Cane: ‹Du kannst mein Geld haben, wenn ich dafür Zeit bekomme.›

ten Tagen ein Meeting mit allen wichtigen Nixon-Mitarbeitern halten und unsere Zeichnungen, Prototypen und Eric Crane: Ich kann mich nicht mal Ideen vorstellen. Wir schauen alles ge­ an meine erste Uhr erinnern. meinsam an, gehen es durch und sprechen darüber. Dasselbe führen Hast du eine besondere wir dann in Japan und an der WestBeziehung zu Uhren? küste Kanadas durch, anschliessend Die Beziehung hat sich erst durch gehen wir zurück nach Kalifornien meine Arbeit vertieft. Ich liebe alle Pro­ und übergeben die Inputs dem Cre­ dukte, die wir designen, aber eine ative-Team, sie denken alles noch Uhr ist schon ein spezielles Objekt. mal durch, überarbeiten oder verfeiEs ist ein funktionaler, ‹zeitloser› nern das Angebot. Intern haben Gegenstand, der dich einen langen wir nur 13 Designer aber eigentlich Abschnitt deines Lebens beglei­arbeiten Tausende mit. ten wird. Erst meine Arbeit bei Nixon Ich habe kürzlich den Profi-Snowhat mir die Augen dafür geöffnet, welche Bedeutung Uhren auf der gan- boarder und Sänger Trouble Andrew (der von Nixon gesponsert wird) zen Welt haben. Uhren sind sehr wichtig, das merkt man auch an einer interviewt, er sieht Kunst und Brettsport als Teil derselben Kultur, Ausstellung wie der Baselworld, einige der wichtigsten Unternehmen siehst du das auch so? Ich denke schon. Meine Mutter war sind in der Uhrenindustrie. Uns interessiert natürlich weniger das Tech- Surferin, sie hat mich auf ihre eigene Art erzogen und mir beigebracht, nische, unsere Aufgabe besteht darin, Funktion und Design bestmög- dass es sinnvoll ist, Sachen zu machen, die nicht Standard sind: lich zu kombinieren. Eine Uhr ist auch emotional wertvoller als ein Hoo- keine traditionelle Ausbildung, kein gewöhnlicher Job. ‹Mache, was die oder ein T-Shirt, sie ist viel beständiger und begleitet dich täglich, immer du willst!› war die Message. Das hat mich von klein an bestärkt, und hoffentlich gibst du sie auch Musik zu machen und kreativ zu sein, irgendwann weiter. Ich trage im Mound diese Dinge selbstbewusst ment keine Uhr, weil ich sie immer verschenke. Jeden Tag starte ich mit zu verfolgen. Ich denke, der Kopf des Künstlers und des Surfers, Skaters einer Uhr am Handgelenk und iroder Snowboarders funktioniert ähnlich: gendwann (es ist erst 13:00 Uhr) kommt jemand, schwärmt davon und beide arbeiten an ihrem Stil, sie denken ständig darüber nach, wie sie nimmt sie mir weg. ihre Fertigkeiten, ihren Ausdruck Was ist das Beste und was das und ihren Style verbessern können. kinki magazine: Kannst du dich an die Marke deiner ersten Uhr erinnern?

Schwierigste an deinem Job?

Der Uhrendesigner Eric Crane beschäftigt sich tagtäglich mit dem Lauf der Zeit und dennoch rennt sie ihm davon.

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ein Name wird kaum jemand richtig einordnen können, seine Designs trägt jedoch manch einer ums Handgelenk und seit neu­e­stem auf dem Kopf oder eben über den Körper verteilt. Auch ich weiss nicht genau, was und wer mich an der stieren Baselworld 2009 genau erwartet. Jedoch atme ich auf, als wir den Nixon Corner im entspannten Pavillon – fernab von den überdimensionierten, vor Geld triefenden Uhrenausstellungen der Messehallen – vorfinden. Und

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auch Eric Crane ist alles andere als ein Uhrenindustrieopfer, viel eher ein braungebrannter Bär aus Kalifornien, der sich als ‹Head of Design› von Nixon mit der schönsten Nebensache der Welt beschäftigt: dem Design.

Wenn mich jemand fragt, wie mein Alltag aussieht, kann ich antwor­ten, dass ich alles Mögliche mache: Ich betreue die Werbung, die Website, suche Farben für T-Shirts aus, arbeite zwei- oder dreidimen­ sional. Mir wird nie langweilig. Andererseits könnte ich in jedem Bereich noch viel mehr arbeiten, manchmal geht alles viel zu schnell. Manchmal wünschte ich mir, wir hätten mehr Zeit, um Dinge zu überdenken und zu entwickeln. Ich denke, dass Zeit in allen Kulturen das wichtigste Gut ist.

Apropos Zeit, hast du noch Zeit zum Surfen?

Vor dir gab es keine Stelle für Chefdesigner bei Nixon, hast du die Designkultur eingeführt?

Was inspiriert dich zu deinen Designs?

Ich konnte dem Designprozess zu einer wichtigeren Position verhelfen. Jedoch ist es bei uns so, dass niemand nur für einen einzelnen Bereich zuständig ist. Wir geben uns gegenseitig viel Feedback und Anregungen, egal aus welchem Bereich man kommt. Im Moment be­ reiten wir die Kollektion für Frühling / Sommer 2010 vor. Im Rahmen der Baselworld werden wir in den nächs-

Ja, auf jeden Fall. Unser Office befindet sich nur einige Schritte vom Meer und nur zwei Blocks vom grössten Skate-Park Kaliforniens entfernt. Es ist also nicht so schwer, Zeit dafür zu finden. Mir fehlt eher die Zeit für meine visuelle Kunst oder für meine Musik. Aber ich bin wirklich sehr glücklich mit meinem Job, man muss sich überhaupt glücklich schätzen, einen Job zu haben, es ist verrückt, was in der Welt zur Zeit abgeht.

Menschen. Ich kann mich sehr für Musik, Kunst und Fotografie begeistern, aber erst wenn ich mit jemandem ein Gespräch darüber führe, werden die Ideen lebendig. Deshalb finde ich Gespräche mit Menschen am inspirierendsten, ich kann aus einer Konversation sehr viel ziehen, danach arbeite ich immer am besten. Text und Interview: Florence Ritter Foto: Anja Mikula


Bring PET-Flaschen zur端ck, sonst fehlen sie woanders. Aus leeren PET-Flaschen macht man nicht nur neue Flaschen, sondern auch hochwertige Textilien und daraus Gleitschirme. PET kann umweltfreundlich und zu 100% wiederverwertet werden. Bring deine PET-Flaschen zum Sammelcontainer. www.petrecycling.ch


Eher zufällig streift vielleicht hin und wieder der Blick aus dem Auto- oder Zugfenster eine Gruppe Campingwagen irgendwo auf einem abseits gelegenen Platz und man denkt sich: ‹Das sind jetzt wohl Zigeuner.› Wer diese Leute aber wirklich sind, was sie denken, wie sie mit ihrer Rolle in unserer Gesellschaft klarkommen – davon wissen die meisten Sesshaften hier in der Schweiz nicht viel. Wir haben uns aufgemacht und einige von ihnen besucht, um mit ihnen zu reden und mehr über sie sowie die Freuden und Tücken des modernen Nomadentums in der Schweiz zu erfahren. Text: Natalie Gyöngyösi, Fotos: Julian Salinas 32

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My Home is my Caravan

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s ist nicht ganz einfach, mit ihnen in Verbindung zu treten. Erste Kontak­ tierungsversuche über das Internet scheitern, die virtuelle Globalisie­ rung scheint die Welt der Zigeuner noch nicht wirklich erobert zu haben. Leute, die in der Familie oder im Bekanntenkreis jemanden mit Zigeunerblut in den Adern haben, sind sehr zurückhaltend bis abweisend bei der Weitergabe von Informationen. Auf mehrmalige te­ lefonische Anfrage bezüglich einer Ansprechper­ son werde ich schliesslich zur Generalversamm­ lung der Dachorganisation, der 1975 gegründeten, staatlich subventionierten ‹Radgenossenschaft der Landstrasse›, in ein Zürcher Lokal eingeladen. Ich soll dort selbständig versuchen, Kontakte zu knüpfen. Meine Eindrücke vor Ort sind anfänglich ein wenig vertrackt: ich werde zwar freundlich be­ grüsst, aber weiter möchte sich dann doch nie­ mand freiwillig mit mir abgeben. Also stelle ich mich einfach mal vor dem Eingang hin und beob­ achte die Szene. Die drei Frauen im Rauchergrüpp­ chen neben mir, alle zwischen vierzig und fünfzig Jahren alt, sind stark geschminkt und tragen lan­ ges, teils vermutlich blondiertes und leicht dauer­ gewelltes Haar, die Ponyfransen sorgfältig tou­ piert. An den Ohren hängen auffällig grosse Ringe. Einen langen Rock, wie man es von Bildern kennt, trägt keine, stattdessen an die 80er-Jahre erin­ nernde Jeans mit hohem Bund und eine eng anlie­ gende Bluse. Ihr Umgangston ist laut und fröhlich und ein bisschen ungewohnt ruppig für weibliche Wesen, es wird ununterbrochen gewitzelt und ge­ lacht. Einige der Männer tragen Holzfällerhemden à la Trucker oder aber schicke kurzärmelige, aus denen die Brusthaarpracht spriesst, über der öfter mal ein Jesuskreuz baumelt. Die Brust eines Herrn in einem schwarzen Hemd, ziert sogar noch eine ebenfalls schwarze, sehr schicke Lederkrawatte. Praktisch jeder Mann trägt eine mal fingerdicke, mal nicht ganz so dicke Goldkette um den Hals, aber klar ist: Goldkette ist wichtig. An den Fingern prunken halbe Schatzkisteninhalte verzierter Rin­ ge. Auch die männlichen Anwesenden scheinen gerne rege und intensiv Konversation zu betreiben, zwischendurch wird wieder jemand auf die Schip­ pe genommen, alle lachen laut, scherzend klopft man dem Gepiesackten auf die Schultern, dass es diesen fast aus den Schuhen haut, war alles nicht böse gemeint, schon wieder lachen alle laut.

Mobiles Eigenheim

Ich finde das alles recht lustig, denke ‹krass, das sind jetzt also echte Zigeuner›, und fühle mich total wohl. Der Umgang unter den Teilnehmern der GV ist äusserst familiär, jeder kennt jeden und wenn man sich auch schon länger nicht mehr getroffen hat, scheint eine grosse Vertrautheit zu herrschen. Der Umgang untereinander ist herzerwärmend freundlich und liebevoll, besonders die Kinder wer­ den von allen unterhalten, herumgetragen und be­ handelt, als wären es die eigenen. Ich spitze die Ohren, um mitzukriegen, worüber sie sich neben mir unterhalten. Ich verstehe nicht alles, sie spre­ chen Schweizerdeutsch, Französisch und eine an­ dere für mich nicht definierbare Sprache. Ich versu­ che mich auf das Gesagte zu konzentrieren und es fällt mir ein, dass ich beim Film ‹Snatch›, mit Brad Pitt als stolzem Zigeunersohn, auch schon kein Wort von dem Spezial-Kauderwelsch der Zigeuner verstanden habe. Im Film gefiel mir das recht gut, 34

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es hörte sich lustig an, aber in der jetzigen Situation fängt die Sache an, mich hinsichtlich möglicher Sprachprobleme während meiner Interviews ein wenig nervös zu machen. Ich realisiere, dass nie jemand den Begriff ‹Zigeuner› in den Mund nimmt, stattdessen alle von den ‹Jenischen› sprechen. Ich hatte das Wort noch nie zuvor bewusst gehört und haue den älteren Herren mit Karohemd und RayBan-Brille neben mir an, wie die Sprache hiesse, die sie da redeten. ‹Jenisch›, antwortet er bereitwil­ lig, ‹die wohl unbekannteste Sprache Europas! Wir haben viele Lehnwörter aus dem Hebräischen und Jiddischen, dem Romanes und Sintikanes und auch dem Deutschen. Aber du verstehst trotzdem nichts, gell?!› lacht er mich frech an und ich sehe fast alle seine grossen Zähne. Ermutigt frage ich weiter, ob es übrigens falsch sei, ‹Zigeuner› zu sagen. Er scheint sich über mein Interesse zu freuen und er­ klärt mir, dass der Begriff politisch nicht ganz kor­ rekt sei. Das Wort ‹Zigeuner› sei seit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten negativ behaftet. ‹Das ist wie wenn du Neger zu einem Dunkelhäutigen sagst, weisst du›, meint er jetzt ganz sachlich. Ich versuche mich nicht davon ablenken zu lassen, dass ich gleich bei meinem ersten Gespräch mit einem Jenischen auch sofort ins erste Fettnäpfchen getreten bin, und höre dem netten Mann mit der schönen Goldkette um den Hals weiter interessiert zu. Irrtümlich würde im deutschen Sprachraum häufig geglaubt, das Wort sei von den Nazis aus ‹Ziehen› und ‹Gaunern› kreiert worden, während Sprachwissenschafter bewiesen haben, dass es vom neu­tralen ungarischen Wort ‹Cigàny› ab­ stammt. ‹Nenn uns Jenische oder Fahrende, dann kannst du nicht viel falsch machen, Mädchen!› rät er mir und lacht wieder sein dunkles Lachen, das irgendwo tief vom Herzen kommen muss. Haupt­ thema der Generalversammlung sind die Standund Durchgangsplätze, welche den Jenischen von den Gemeinden gestellt werden sollten. Es herr­ sche immer noch chronischer Mangel an entspre­ chenden Plätzen, auch wenn die Gemeinden auf­ grund internationaler Vereinbarungen und gemäss Bundesgerichtsurteil dazu verpflichtet wären, Stand- und Durchgangsplätze für die jenische Be­ völkerung zu schaffen.

Imagepflege

Zwischen den Zeilen sickert durch, dass die Schweizer Fahrenden immer wieder Schwierig­ keiten mit den ausländischen Fahrenden haben, den Sinti und Roma. Obwohl sie viel gemeinsam haben, scheint es häufig Probleme beim alltäg­ lichen Zusammenleben zu geben. In der Pause spreche ich einen jungen Jenischen namens Pas­ cal auf dieses Thema an. Er erklärt mir, dass die Zigeunervölker über Jahrhunderte hinweg überall auf der Welt zur Armutsschicht der Gesellschaft gehörten und weit gehend wirtschaftlich, rechtlich und sozial von der Gesellschaft ausgeschlossen lebten. Dies habe dazu geführt, dass sie praktisch zu einer Dauermigration gezwungen worden sei­ en. Der mässige Zusammenhalt zwischen den Schweizer Jenischen und den Sinti und Roma lies­ se sich auf die Unterschiede zwischen den Men­ talitäten zurückführen, meint er: ‹Die Einstellung eines Schweizer Fahrenden kommt derjenigen ei­ nes gewöhnlichen Schweizer Bürgers, was Ord­ nung, Sauberkeit und Rechtschaffenheit anbe­ langt, etwa gleich. Dagegen haben Sinti und Roma ein weitaus weniger ausgeprägtes Verständnis für

‹Der Mann muss eine jungfräuliche Braut heiraten. Vor der Ehe gibt’s keinen Sex.› gewisse Hygienevorschriften und so weiter...›. Die ausländischen Fahrenden würden häufig die Re­ geln in der Schweiz nicht kennen bzw. sie nicht so ernst nehmen und täten dann Dinge, die schluss­ endlich das Bild aller Fahrenden negativ prägte. ‹Sie wissen zum Beispiel nicht, wie man Abfall richtig entsorgt – es interessiert sie auch nicht alle gleich stark – oder sie sind lärmig und stören die Nachbarn oder Anwohner›, sagt Pascal. ‹Das ist schlecht für das Image von uns Schweizer Fah­ renden. Deswegen sind wir ein wenig vorsichtig gegenüber ihnen und möchten uns lieber abgren­ zen.› Er gibt sich Mühe, sich diplomatisch aus­ zudrücken, gewisse Ressentiments sind jedoch schwer zu überhören. Wohl aus ähnlichen Gründen hat sich die Rad­ genossenschaft vor einigen Jahren auch entschie­ den, sich statuarisch ausschliesslich auf die Unter­ stützung der Schweizer Jenischen zu beschränken. Es sind in anderen Ländern laut Radgenossen­ schaft keine vergleichbaren Organisationen für Jenische bekannt, obwohl ihre Zahl europaweit ge­ sehen (sie leben überwiegend in Süddeutschland, Österreich und Frankreich) auf mehrere Hundert­ tausende geschätzt wird. Die Situation für die un­ gefähr 30 000 bis 35 000 Schweizer Jenischen ist vergleichsweise privilegiert, da sie in keinem ande­ ren europäischen Staat als nationale Minderheit oder Volksgruppe offiziell anerkannt werden aus­ ser in der Schweiz. Seit der Ratifizierung des Rah­ menübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten von 1998 geniessen die Schweizer Fahrenden den Status einer nationalen Minorität. So wird auch die Radgenossenschaft der Landstrasse, die sich für die politischen und rechtlichen Anliegen der Schweizer Jenischen ein­ setzt, vom Bund subventioniert. Nach der Generalversammlung werde ich von Pascal eingeladen, für meinen Bericht seine Frau und ihn auf einem Platz in Thun, auf dem sie mo­ mentan wohnen, zu besuchen. Wir tauschen die Handynummern, vereinbaren einen Termin für die nächste Woche und ich verlasse den Schauplatz, den Kopf gefüllt mit neuen, fremden Eindrücken und in neugierig gespannter Vorfreude.

‹Wir gehören hinter den Herd!›

Einige Tage später folge ich Pascals Einladung und fahre mit Julian, unserem Fotografen, nach Thun bei Bern. Der junge Herr kommt ein bisschen zu spät, dafür mit rasantem Tempo mit dem klei­ nen Lieferwagen seines Gipsergeschäfts um die Ecke geflitzt, und holt uns damit am Bahnhof ab. Er meint, der Plan sei, dass wir in einem Lokal noch kurz auf seine Frau und die anderen warten, bevor wir auf den Platz fahren. Unterwegs erzählt er von seinem stressigen Arbeitstag und davon, wie gut gerade die Geschäfte laufen. ‹Es ist gut, wenn der Rubel rollt!› lacht er. Auf seinem Unter­


Pascal

Franziska

Tatjana

Jeremy

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Heimat auf vier Rädern: der Wagen einer jenischen Familie auf dem Stellplatz Kaiseraugst.

Aufwachsen zwischen Tradition und Moderne: jenische Kinder dürfen täglich campieren, wenn auch in hoch­modernen Wohnwagen.

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arm prangt sein Familienname, in grossen goti­ schen Lettern tätowiert. Er sagt, er trage den Na­ men eines alten jenischen Geschlechts und das mit grossem Stolz. Seine linke Augenbraue ist mit einem Ringlein gepierct, sein dunkelblondes Haar kurz geschnitten. Der 27-Jährige entschuldigt sich etwa fünfmal für seine Verspätung und lässt es sich nicht nehmen, uns als Widergutmachung grosszügig zu Speis und Trank einzuladen. Wir setzen uns hin und fangen an zu plaudern, nach und nach trudeln seine Frau, die 19-jährige Miranda, ihre Schwester sowie ihre Cousine und eine Freundin im Lokal ein. Anfangs sind die Mädchen – alle zwischen 17 und 21 Jahren – schüchtern und still, doch nachdem sie beobachten, dass sich Pascal mit uns so locker unterhält, fangen auch sie an, ebenfalls zu quatschen und sich bald in un­ ser Gespräch einzumischen. In kurzer Zeit erzäh­ len alle durcheinander ihre Räubergeschichten, das muntere Plappern bricht das Eis zwischen uns im Handumdrehen. Die Mädchen berichten, dass sie nachmittags in die Stadt gefahren seien und sich die Nägel hät­ ten machen lassen und shoppen gewesen wären, es habe Spass gemacht, aber sie hätten nichts Passendes gefunden. Und nein, ‹richtig› arbeiten müssten sie nicht, ‹dafür haben wir doch die Män­ ner – wir gehören hinter den Herd›, lachen sie, ‹wir putzen, waschen, bügeln und kochen. Damit bist du oft auch locker einen Tag lang beschäftigt!› Die Mädchen haben sich für ihren Ausflug in die Stadt herausgeputzt; alle tragen sie enge Miss-SixtyJeans und Fake-Designer-Tops mit kitschigen To­ tenkopf- oder Blumensujet-Aufdrucken oder bun­ ten Strassstrassen übers Leibchen, die Nägel wie Katzenkrallen, bevorzugt im French Manicure-Stil oder einfach dezent neonpink lackiert. Sie sehen aus wie sesshafte Jugendliche, die es mögen, sich hübsch zu machen, sich trendy anzuziehen und das Leben zu genies­sen. Nur zwischendurch, wenn sie von ihren Pro­ blemen oder von der Vergangenheit ihrer Familien erzählen – wobei sie hier Rückfragen gekonnt ausweichen – werden die Blicke ernst und uner­ gründlich. Man meint zu fühlen, dass es sich hier um Kinder handelt, die sehr schnell erwachsen geworden sind und die wissen, dass sie auf ir­ gendeine Weise ‹anders› sind – oder zumindest von Fremden so behandelt werden, als seien sie das. Sie organisieren ihren Alltag für ihr zartes Al­ ter überraschend selbstbewusst und selbständig, passen aufeinander auf und scheinen auf nichts und niemanden ausser auf sich selbst und ihre Gruppe angewiesen zu sein. Wir erfahren, dass die junge Clique normalerweise immer gemein­ sam auf die Reise geht, und man spürt, dass der Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen riesig ist. Sie erzählen von der Arbeit ihrer Männer, die immer noch traditionelle Berufe wie Scheren­ schleifer, Schausteller oder Marktfahrer ausüben. Eines der Mädchen schreit bei Pascals Aufzäh­ lung dazwischen: ‹Und Schrenzierer, Dachlings­ pflanzer, Goschpflanzer, Gsiwalpflanzer, Ketterl­ pflanzer, Ketterlschrenzierer und Johner gibt es noch bei uns!!› und grölt schadenfreudig ob unse­ rer grossen Augen. Sie meine Hausierer, Schirm­ flicker, Korbflechter, Siebmacher, Pfannenflicker, Geschirrhändler und Musikant, übersetzt Pascal. ‹Wir sprechen untereinander lieber jenisch – un­ sere Geheimsprache!› sagt die Kleine und lächelt nun wieder sanft. Die meisten arbeiteten selbstän­

dig, erzählt Pascal: ‹Für mein Gipsergeschäft habe ich in den letzten Jahren eine Stammkundschaft aufgebaut, man kennt mich vielerorts und ich wer­ de immer wieder weiterempfohlen.› Früher sei das Erwerbsleben für Fahrende einiges mühseliger zu bewerkstel­ligen gewesen, erklärt er. ‹Es war ein einziger Hinder­nislauf für unsere Eltern, um an ein Arbeits- oder Handelspatent heranzukommen. In jedem Kanton muss­ten andere Patente gelöst werden und meist mehrere für die verschiedenen Tätigkeiten, denen sie gleichzeitig nachgingen.› Seit dem 1. Januar 2001 existiert nun ein neues Reisendengewerbegesetz, welches ihren Arbeits­ alltag wesentlich vereinfacht: es ist heute möglich, ein landesweit gültiges Patent für fünf Jahre zu er­ werben.

Fahrendes Herz Wir brechen auf, um den Platz, wo ihre Wagen

stehen, zu besichtigen. Er liegt im Grünen, ausser­ halb der Stadt. Etwa fünfzehn Campingwagen sind hier, über den grossen Kiesplatz verteilt, auf­ gestellt. ‹Vor ein paar Tagen sind zwei Roma-Fami­ lien abgereist, jetzt gibt es wieder etwas mehr Raum›, bemerkt Pascal, während er uns zu seinem Zuhause führt. In der Mitte befindet sich ein klei­ ner überdachter Platz mit einem Tisch und ein paar Stühlen darauf. Da stehen auch zwei winzige Toiletten, die jeweils zur Benutzung für alle Platz­ bewohner gedacht sind. Die Türe bei den Frauen lässt sich nicht ganz schliessen und momentan geht das Licht nicht, aber das sei nicht so schlimm, meint N.: ‹Wenn es sehr übel da drin aussieht, ge­ hen wir halt auf die Toilette im Wohnwagen.› Die Zimmer des Wohnwagens von Pascal und seiner Frau sehen – bis auf die Grösse – aus wie frisch gemachte 5-Sterne-Hotelzimmer. ‹Auf so engem Raum muss man ganz einfach Ordnung halten›, sagt N., ‹sonst geht das nicht, schon gar nicht zu zweit oder wenn man noch Kinder hat!› Gekocht wird draussen auf einem topmodernen Gasgrillofen. Der Abfall wird in einem Sack ge­ sammelt, der jeweils in einer Ecke des Vorzeltes hängt. Das junge Paar hat eine eigene Waschma­ schine und neuerdings ist die junge Hausfrau auch stolze Tumblerbesitzerin – ‹im Winter Gold wert!› kommentiert sie und streicht zärtlich über das Gerät, ähnlich wie eben das Dackelchen, das den ganzen Tag vornehmlich unter dem Wagen zu liegen pflegt. Wir setzen uns an den Tisch vor dem Caravan und reden weiter. Immer wieder gesellen sich neue Köpfe dazu, die Mädchen haben ihre Männer überredet, auch mit uns zu sprechen. Sie schütteln uns die Hand, wollen aber keine Fragen beantworten, sondern lieber nur zuhören – der Pascal könne das besser da mit dem Palavern, sie wollen lieber nachher fotografiert werden, sie hätten’s halt mehr mit dem Hübschaussehen, scherzen sie. Pascal grinst nachsichtig. Wie es eigentlich kommt, dass sie schon so jung geheiratet haben, wollen wir von ihnen wis­ sen. Pascal erklärt, das sei normal so nach der je­ nischen Tradition: ‹Der Mann muss eine jungfräuli­ che Braut heiraten. Vor der Ehe gibt’s keinen Sex.› Es sei normal, dass man ein Mädchen mit 18 Jah­ ren heiratet, wenn man mit ihm zusammen sein will. Einfach so als Pärchen zusammen sein, das gehe nicht wirklich. ‹Wenn eine Frau mit 25 Jahren immer noch mit ihren Eltern zusammen reist, gilt sie bei uns als «Altledige» und ihr Marktwert sinkt für die Männer›, erklärt Pascal. Die anderen schau­

en mit so einem Selbstverständnis, dass ich be­ vorzuge, das Thema so stehen zu lassen. ‹Noch schlimmer ist es, wenn eine keine Jungfrau mehr ist – so eine will kein rechter Mann mehr haben!› fügt er hinzu. ‹Wenn du mal verheiratet bist, dann soll das auch so bleiben bei uns›, sagt der Mann der jungen C. Bei den Sesshaften sei die Schei­ dungsrate sehr viel höher, das sei ein grosser Un­ terschied. ‹Aber die Treue zu unseren Frauen empfinden wir nicht als Einschränkung, so wie ich es schon von manchem Sesshaften gehört habe – im Gegenteil: wir wissen, wo wir hingehören, und das gibt uns Sicherheit und Geborgenheit.› Ehen gingen eigentlich meist nur dann in die Brü­ che, wenn ein Partner sesshaft und der andere Fahrender sei. Dies, weil sich herausstelle, dass die kulturellen Differenzen nicht überbrückt wer­ den können. ‹Es klappt höchstens, wenn der sess­ hafte Partner sich anpasst und mit auf die Reise kommt – das Herz eines Fahrenden kann man nicht an einem Ort festbinden.› Einer von ihnen habe mal aus Liebe zu einer Frau in einer Woh­ nung versucht zu wohnen – nach zwei Monaten sei er krank davon geworden, weil er sich wie ein Wellensittich im Käfig eingesperrt vorgekommen sei, und er musste flüchten.

Don’t talk to strangers

Was sie denn sonst noch in ihrer Lebenshaltung von den Sesshaften unterscheide, fragen wir. Pas­ cal meint: ‹Wir lieben unsere Freiheit über alles – sie ist unser höchstes Gut. Die leben wir aus, in­ dem wir ein unabhängiges Leben führen, nicht auf einen Arbeitgeber angewiesen sind, dem wir uns Tag für Tag unterwerfen müssen. Es ist eine tägli­ che Herausforderung, unser Brot selbständig zu verdienen. Nicht dass wir niemals schlaflose Nächte haben, weil wir uns sorgen, dass zu wenig Geld reinkommt – aber unsere Unabhängigkeit ist mit Geld nicht aufzuwägen.› Vielleicht seien sie in dem Punkt stolzer oder eigenwilliger als die Sess­ haften. ‹Auch das Temperament ist anders›, wirft eines der Mädchen ein. ‹Wir halten zusammen und helfen uns in jeder Situation. Egoismus und Selbstverwirklichung gibt es bei uns nicht in dem Sinn wie bei den Sesshaften›, meint sie. ‹Und man merkt es auch daran, wie wir festen. Wenn wir fei­ ern, dann sind wir laut, schreien und lachen, tan­ zen auf den Tischen und singen bis in den Morgen hinein – wir sind eben ein ganz anderes Tempera­ ment, glaube ich!› Die Runde nickt zustimmend. Manchmal gingen sie auch an die Partys der Sess­ haften. Aber das sei ganz anders, das Tanzen in einem Club, verglichen mit ihren Festen draussen. ‹Die sind dann meistens so ein bisschen verkorkst, jeder ist für sich am Tanzen oder dann aber bag­ gern die Jungs die Frauen auf peinliche Weise an, weil sie nur hageldicht eine Frau ansprechen kön­ nen. Ich finde das langweilig›, lamentiert N. Viel­ leicht mache es auch nicht so viel Spass, weil sie von den anwesenden Sesshaften nie jemanden kennen. Und häufig sei es passiert, dass sobald sich herausgestellt hätte, dass sie Jenische seien, die anderen sich von ihnen abgewandt hätten. Schlimmere Szenen seien gewesen, als sie als ‹Assis› und ‹Dreckszigeuner› beschimpft und an­ gepöbelt worden seien. Das sei natürlich sehr ver­ letzend und man fühle sich dann als Aussenseiter und nicht mehr wirklich willkommen. ‹Dabei ken­ kinki

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‹Ein bisschen Respekt wäre schön – einfach so viel, wie ihn jeder verdient, solange er keinem was zu leide getan hat!›

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Jenische sind cool: Dominique und Robert in ihrem Wohnwagen.

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nen die uns doch gar nicht und haben gar keinen Grund, so zu tun als ob›, ereifert sich die junge Cousine von N. ‹Ja, und eben darum gehen wir entweder nicht mehr hin oder verraten nicht, dass wir Fahrende sind›, sagt Pascal und fügt hinzu, ‹aber wie N. schon sagte: unsere Feste sind eh lustiger›, und grinst bereits wieder. Wir verlassen unsere freundlichen Gastgeber zu später Stunde, sie verabschieden sich herzlich und bitten uns, die Fotos und den Bericht später sehen zu dürfen. Wir sollen nur ja nie einen voll­ ständigen Namen erwähnen, sonst hiesse es wieder von den anderen, sie redeten zu viel mit Fremden, die das alles gar nichts anginge. Wir versprechen es. Um auch noch etwas von älteren Fahrenden zu erfahren, wagen wir das Experiment und gehen unangemeldet auf einen anderen Platz im Kanton Basel. Ein Mann Mitte vierzig lädt uns spontan ein, bei sich und seiner Familie vor dem Wagen am Tisch Platz zu nehmen. Das Gespräch verläuft an­ fangs ein wenig zäh, wir spüren, dass die Familie nicht wirklich versteht, worauf wir mit unseren seltsamen Fragen über ihr Leben hinauswollen. Das Ehepaar hat zwei ausnehmend hübsche Töchter im Alter von 16 und 19 Jahren, die Ältere würdigt uns keines Blickes, sondern bereitet auf flinken Füssen herumtänzelnd das Abendbrot vor, die jüngere setzt sich kurz zu uns, verkrümelt sich dann aber bald wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Die Mutter setzt sich zu uns und scheint inter­ essiert, sagt aber ebenfalls keinen Ton. Wir wen­ den uns mit unseren Fragen also an das Familien­ oberhaupt. Ob es nie Schwierigkeiten gegeben habe, weil eine der Töchter vielleicht hätte aufs Gym­nasium oder studieren wollen. Der Vater blickt uns in seinem lachsfarbigen Lacoste-Hemd völlig verständnislos an, streicht sich verwirrt über sein Bäuchlein und antwortet nichts. Ich fühle mich wie eine Ausserirdische, die nur Quatsch la­ bert. Die Mutter bemerkt dies, lächelt und schaut schweigend zu Boden. Dann sagt der Vater: ‹Wir geben unseren Töchtern alles, was sie brauchen. Sie waren in der Grundschule, unsere Kultur und Tradi­tion, das lernen sie von uns Eltern.› Die Mut­ ter ergreift nun doch das Wort und meint be­ schwichtigend: ‹Als unsere Mädchen noch klein waren, gingen sie normal zur Schule, nur während der Sommermonate wurden sie vom Schulunter­ richt dispensiert. Dann erhielten die Kleinen Haus­ aufgaben und Lernziele, bei denen ich ihnen je­ weils geholfen habe und die sie zur Korrektur dem Lehrer schicken mussten.›

Aufwachsen auf Achse Ziemlich bald merken wir, dass das Weiter­fragen

vom Mann als unangenehmes Bohren wahrge­ nommen wird und nicht erwünscht ist, und bedan­ ken uns für ihre Zeit. Der Vater schüttelt uns grum­ melnd die Hand und geht los, um etwas am Motor seines Autos zu reparieren. Als er weg ist, packt mich seine Frau am Arm und sagt, ‹kommt mit, wir gehen zu Esmeralda rüber›, und zieht mich zu ei­ nem benachbarten Wohnwagen, bittet uns kurz zu warten, klopft an und verschwindet darin. Einige Minuten später geht die Tür wieder auf und sie winkt uns herein. Drin sitzt noch eine andere Frau, sie heisst Esmeralda. Sie wirkt schüchtern wie ein 40

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Reh, hat schwarze Augen und dunkelbraunes lan­ ges Haar, auf ihrem Schoss sitzt ein wildes, zap­ peliges, wunderhübsches Mädchen, das auf den Namen Prinzessin hört. Die beiden Frauen sitzen uns gegenüber und die blonde, die uns hergeführt hat, beginnt zu reden: ‹Es tut mir leid, dass mein Mann vorhin so wortkarg zu euch war. Ihr scheint nett zu sein, ihr verdient es nicht, abgewiesen zu werden. Aber ihr müsst verstehen, uns passieren viele seltsame Dinge mit Fremden.› Die Mutter der kleinen Prinzessin nickt bestätigend. Die Blonde fährt fort: ‹Die Sesshaften begegnen uns oft mit Hass. Wir sind das eigentlich gewohnt, weil das in unserer Geschichte schon immer so war: wir wur­ den diskriminiert und verfolgt und galten immer schon als eine Art Untermenschen oder Menschen zweiter Klasse.›

Dunkle Vergangenheit

Die Türklinke geht nochmals herab und der Mann von Esmeralda kommt herein. Ich zucke leicht zusammen. Verwundert fragt er uns, was denn hier los sei und seine Frau bittet ihn, sich hinzuset­ zen, sie würden schon mit uns schwatzen. Er run­ zelt die Stirn, setzt sich dennoch uns gegenüber hin, mustert uns schweigend. Die Blonde kramt ein Buch aus ihrer Tasche, das sie bei sich einge­ steckt hatte, und legt es uns vor die Nase. Es heisst ‹Das Hilfswerk für die Kinder der Landstras­ se› und ist von der Stiftung ‹Pro Juventute›. Sie erklärt uns, dass darin kritisch aufarbeitend über ein ehemaliges Projekt der Pro Juventute berichtet wird, welches es sich zur Mission gemacht hatte, die ‹Vagantität› zu bekämpfen, also die Wande­ rung der Fahrenden zu unterbinden und zu ver­ hindern, dass sie Familien gründeten. Sie fasst zusammen: ‹Im Namen dieses sogenannten Hilfs­ werkes wurden zwischen 1926 und 1973 über 600 jenische Kinder in der Schweiz gewaltsam von ihren Eltern getrennt und zur Adoption an Sesshafte freigegeben, ins Waisenhaus oder in Erziehungsheime und bei Widerstand in psychia­ trische Anstalten gesteckt.› Esmeralda fügt hinzu: ‹Den Kindern wurde kommuniziert, ihre Eltern hät­ ten sie verstossen und sie seien erblich bedingt «debil». Man wolle ihnen mit ihren «Erziehungs­ massnahmen» helfen und ihnen beibringen, wie sie ein einigermassen «zivilisiertes» Leben führen könnten.› Der Kontakt zwischen den Kindern und ihren Eltern sei blockiert worden, viele jenische Frauen hätte man während des Nationalsozialis­ mus sogar zwangssterilisiert. Der Vater der klei­ nen Prinzessin haut mit der Hand auf den Tisch und ruft: ‹Früher deportierten uns die Nazis, dann nahmen sie uns mit Erlaubnis vom Staat die Kin­ der weg und heute verweigern sie uns die Plätze für unsere Wohnwagen! So sieht’s aus.› Wir sitzen erschrocken und betreten da. Ich versuche in meinem Ledersitz zu versinken. Es funktioniert nicht. Die Blonde blättert unbeirrt im Buch und erzählt, dass auch ihre Familie und die Verwandten von den meisten anderen hier von diesen Geschehnissen teils direkt oder von den Folgen betroffen seien: ‹Dieses schwarze Kapitel in unserer Geschichte ist deshalb für uns immer noch nicht ganz abgeschlossen und verarbeitet. Das Schlimmste für uns Jenische ist, dass wir heu­ te nach all dem Unrecht, was uns widerfahren ist, von der Gesellschaft immer noch nicht akzeptiert

oder wenigstens in Frieden gelassen werden!› Ich will wissen wieso und die drei Erwachsenen be­ ginnen im langsam gewohnten und deshalb für mich positiv zu deutenden Stil gleichzeitig zu sprechen. Esmeralda setzt sich durch: ‹Die Leute haben vergessen, was uns in der Vergangenheit angetan wurde, vielleicht wissen sie auch gar nichts davon. Noch schlimmer wäre natürlich, wenn es ihnen einfach egal ist! Manchmal passiert es uns, dass wir von wildfremden Leuten als krimi­ nelles Pack oder ähnliches beschimpft werden. Einmal kam ein Passant hier vorbei und sagte: «Ihr seid doch Fahrende, oder?! Na, dann fahrt doch endlich ab!» Solche Sachen kommen immer wie­ der vor.› Die Blonde sagt, sie versuche zu verste­ hen, weshalb manche Sesshafte die Jenischen so verachteten: ‹Sie haben seit ihrer Kindheit wohl immer nur gehört, dass ein anständiges, geordne­ tes, ehrenwertes und produktives Leben nur in der sesshaften Lebensweise möglich sei. Nach dieser Logik müssen wir Fahrenden also schmutzige Die­ be und faule Halunken sein.› Und da sich Sesshafte und Fahrende wenn möglich aus dem Wege gehen, ist es auch sehr schwierig, solche Vorurteile zu berichtigen. Auch den Jenischen fällt es schwer, von sich aus auf die sesshafte Bevölkerung zuzugehen. Sie rechnen immer mit Ächtung und sind sehr auf der Hut, wenn sie Fremden über den Weg laufen. Aus der Sicht der beiden Frauen hier ist eine Annäherung praktisch unmöglich. ‹Den sesshaften Leuten sind wir vollkommen egal – ihnen genügt es, wenn wir hinter uns aufräumen, unsere Rechnungen bezah­ len und sonst möglichst nicht auffallen. Das geht für uns in Ordnung, aber im Gegenzug würden wir gerne Plätze für unsere Wohnwägen zur Verfü­ gung gestellt bekommen. Und Respekt, doch ein bisschen Respekt wäre schön – einfach so viel, wie ihn jeder verdient, solange er keinem was zu leide getan hat!›

Berührungsängste?

Als wir den Platz verlassen, fühle ich mich ziemlich erschöpft. Dafür habe ich aber plötzlich das Ge­ fühl, wirklich etwas von der Kultur dieser sehr le­ benslustigen und temperamentvollen, aber auch auf eine faszinierende Art melancholischen und nachdenklichen Menschen verstanden zu haben. Meine Erfahrung war, dass sich – begegnete ich ihrem anfänglichem Misstrauen und ihrer präven­ tiven Abwehrhaltung mit aufrichtigem Interesse, einem gewissen Verständnis und genügend Of­ fenheit – viele Berührungsängste unversehens in Luft auflösten. Auf einmal ebnete sich so der Weg für beide Parteien, um mit falschen Bildern und gegenseitigen Vorurteilen aufzuräumen und statt­ dessen einer anderen Welt offen zu begegnen und sie ein bisschen kennen zu lernen. Wenn die Politik sich weiterhin für die Interessen der Jeni­ schen einsetzt und ihre Rechte vermehrt auswei­ tet und vor allem durchsetzt, sollte eine wichtige Voraussetzung für eine soziale Integration der Fahrenden gegeben sein. Das Umdenken in den Köpfen der sesshaften Bevölkerung, Toleranz ih­ rerseits und ein wohlwollendes Entgegenkommen auf der Strasse wäre aber ein weiterer, genauso wesentlicher, wenn nicht noch wichtigerer Grund­ stein für ein gutes Zusammenleben zwischen der jenischen und der sesshaften Bevölkerung. Und das wäre auch für uns Sesshafte eine Bereiche­ rung – die Jenischen sind cool.


‹Wir lieben unsere Freiheit über alles, sie ist unser höchstes Gut.›

Ziehen den Wohnwagen einer Dreizimmerwohnung vor: der selbständige Gipser Pascal und seine Frau Miranda.

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Pleiten, Pech und Stangen

Ic ih h w ei re a fro ge n A r b un h nt u e nä b , w lic ftr i er ch es e h itt si re s ch nn im en fe ch ich te ad s m st an t St e ie er zu d e, a t d ha ie um ng ie e lte se n. r

Als DJane in einem Nachtclub lernt man unheimlich viele unterschiedliche Menschen kennen. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor, denn ich bin keine DJane in einem Nachtclub. Ich lege in einem Nacktclub auf und dort lernt man hauptsächlich viele verrückte Menschen kennen. Doch ich möchte mich nicht beschweren, denn nirgends erlebt man bessere Geschichten als in einem Striplokal. Text: Nola Darling

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issgeschicke passieren überall. Glücklich ist der, dessen Malheur un­ bemerkt bleibt. Pech hat man, wenn es im Kreise der Familie oder vor Freunden passiert. Denn Freunde und Familien­ mitglieder vergessen nie. Richtig peinlich wird es aber, wenn einem das Missgeschick bei der Arbeit passiert. Mal ganz ehrlich, gibt es eine Steigerung von Speiseresten zwischen den Zähnen, wenn man den Chef freudig anlächelt? Oder einem un­ terdrückten Furz, der mitten im Büro plötzlich völ­ lig ausser Kontrolle gerät? Ja, gibt es. Die gleichen Missgeschicke und ein Beruf, der es bedingt besonders sexy zu sein. Denn nichts lässt schneller erotische Fantasien platzen als die kleinen menschlichen Pannen des Alltags. An alle Männer mit Rotlichtaffinität: bitte nicht weiterlesen. Denn die folgenden vier Ge­ schichten könnten die Illusion der ‹unantastbaren› Stripperin für immer vernichten.

Runter kommen sie alle

H sc an W hn s m l e ge en, g z ell a ach d n c u u zu avo Bü atw r sc f d te s di e r h a hm en ic h de es rg ei ne lkf a n gu fi em at e , u ör te nit A ter n S m m iId iv be n. tu ee ke n An h l . ine d

Um mal gleich vorab ein Geheimnis zu lüften: Stripperinnen sind klein. Ich bin wahrlich kein gros­ ser Mensch, aber die meisten Erotik­Tänzerinnen, die ich kenne, sind klitzeklein. Damit Mann sie überhaupt sieht, ziehen sie sich Schuhe mit un­ heimlich hohen Plateausohlen an. Mit diesen Tot­ schlägern an den Füssen gewinnen sie temporär sicherlich bis zu 15 cm an Körpergrösse. Doch die Fetisch­High­Heels haben auch ihre Nachteile: wenn man fällt, fällt man tief. Janas Bühnenshows waren oft so schlecht, dass das Wort Fremdschämen für mich eine kom­ plett neue Bedeutung bekam. Wenn der Takt ein Quadrat ist, war Jana ein Kreis. Was ich damit sa­ gen möchte: Die blonde Russin hatte keinerlei Rhythmusgefühl oder Eleganz. Meistens tippelte sie in ihren Schuhen mit durchsichtigem Plateau unsicher auf der Bühne herum. Ich war bei ihren Auftritten eigentlich immer froh, wenn sie unbe­ schadet die nächste Stange erreichte, um sich an dieser festzuhalten. Doch trotz des nicht vorhan­ denen Showtalents, konnte sie sich über fehlende Kundschaft nicht beklagen. Es muss der Ehrgeiz gewesen sein, der Jana packte, als sie sich eines

Abends entschied, mit den Tanzkünsten der an­ deren mitzuhalten. Zu Beginn waren es die einfachen Drehun­ gen, an denen sie sich versuchte. Die verliefen zwar nicht grazil, aber ohne Komplikationen. Bestätigt durch diesen Erfolg wurde die Russin mutiger und die Drehungen ungestümer. Wie fast jeden Abend, an dem Jana tanzte, war auch ihr Stammgast Hans da. Hans war der stereo­ type Rotlichtfan. Kugelbauch, kleine Äugelein hinter dicken Brillengläsern, ein gelockter Voku­ hila und Schweissränder waren sein Marken­ zeichen. Doch er hatte vor kurzer Zeit erst ein grosses Erbe angetreten und war deshalb ein gern gesehener Gast. Ich sagte Janas Auftritt an, was für Hans den Startschuss bedeutete. Er machte sich schnell auf den Weg zur schmalen, Catwalk­ förmigen Bühne, um davor einen Stuhl zu ergat­ tern. An diesem Abend definitiv keine gute Idee. Mit einem Bündel Dollarscheine bewaffnet, wartete er geduldig lächelnd an der Bühne, auf dass das Objekt seiner Begierde ihn schnell be­ merke. Jana liess nicht lange auf sich warten. Sie tänzelte auf Hans zu und holte zur Akrobatik an der Stange aus. Mit viel Schwung drehte sie sich so lange, bis ihr 12 cm hoher Plateauschuh an einem Hindernis hängen blieb und die Vor­ führung abrupt zum Stoppen brachte. Das Hin­ dernis war Hans’ Gesicht. Panisch vor Schreck, machte Jana einen Schritt zurück. Leider ins Nichts, was uns an diesem Abend einen Gast mit ausgeschlagenem Zahn und eine Stripperin mit Gehirnerschütterung bescherte. Hochschuh kommt vor dem Fall und Jana lässt jetzt die Faxen.

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Hot Like Fire

R ka oy ei n w D ne er, ar un av r H M Am ei d id a itg e D ne er so rle li ri Ti oll n h n G y ed ne sc ar St att a lie b hc au ap e ng ge en he f d el n. sic n em h

Das Aussehen einer Stripperin ist ihr Kapital. Deshalb gehören Botox, aufgespritzte Lippen und Silikonbrüste zur Standardausstattung. Eben­ falls beliebt sind Haarverlängerungen. Doreen war unglaublich stolz auf ihre Extensions. Lange hatte die Berlinerin mit sich gerungen. Schliess­ lich sind 1000 Franken für einen Friseurbesuch kein Pappenstil. Doch ich musste neidlos zuge­ ben, der finanzielle Aufwand hatte sich gelohnt. Doreens lange, dichte Haarpracht zog alle Blicke auf sich. Vorher hatte sie mit schulterlangem und recht dünnem Haar zu kämpfen gehabt. Doch diese Zeiten schienen nun vorbei und man sah ihr an der korrigierten Nasenspitze an, wie sexy sie sich fühlte. Auch den Gästen fiel dieses neue Lebensge­ fühl auf und es kam an. So viele Dollarscheine wie in dieser Nacht hatte Doreen noch nie fürs Tanzen bekommen. Dazu muss ich erklären, der Auftritt einer Stripperin unterteilt sich in der Regel in zwei Songs. In einen schnellen Song, bei dem sie Stim­ mung macht und zeigt, was sie an der Stange so drauf hat, und in einen langsamen Song, bei dem ihr die Gäste Dollars zustecken, während sie sich Stück für Stück entkleidet. Doreen war bereits beim zweiten Lied ange­ kommen, ich glaube es war ‹Eternal Flame› von den Bangels. Sie fing an sich auszuziehen, erst das Röckchen, dann das Oberteil und schliesslich den BH. Direkt an der Bühne sass Roy. Roy war Amerikaner, Mitglied einer Harley Davidson Gang und er hatte einen Stapel Dollar auf dem Tisch­ chen neben sich liegen. Doreen wollte alle haben und räkelte sich minutenlang lasziv vor Roy. Sie hatte schon fast alle Scheine im knappen Tanga stecken, als sie kniend den zierlichen Oberkörper nach hinten über den Rand der Bühne lehnte und mit einer schwungvollen Geste ihren Kopf in den Nacken warf. Hatte ich erwähnt, dass in dem Laden viele Kerzen stehen? Muss ich wohl vergessen haben, Doreen auch. Denn während die sich noch sinn­ lich an die eigenen Titten grapschte, fingen 1000 Franken europäisches Echthaar Feuer. Roys erste Reaktion war im Affekt und sicherlich gut gemeint. Er versuchte das Feuer mit der flachen Hand aus­ zuschlagen. Doreen trägt jetzt eine Kurzhaarfrisur und Hab­ gier ist eine Sünde.

Tampon-Tücken

Ja, liebe Männer, auch Stripperinnen menstruie­ ren. Einmal im Monat. Aber wenn bei dem Auftritt einer Erotik­Tänzerin eine Tamponschnur aus dem Tanga hängt, im Schwarzlicht erstrahlt und lustig zum Takt mitschwingt, deutet das ganz klar darauf hin, dass die Dame ein Rookie ist. Einem Profi würde das nie passieren. Denn die erste und wichtigste Regel im Stripper­Handbuch lautet: Die Tamponschnur ist dein Feind, deshalb immer abschneiden! Lissy war ein echter Profi. Die schwarzhaarige Tschechin besass grossartige Tanzkünste und hatte langjährige Erfahrung im Milieu. Lissy trank ihre Piccolos schneller, als die Gäste den Geld­ beutel zücken konnten, um diese zu bezahlen. Aus dem Grund war Lissy einerseits eines der ‹besten Pferdchen im Stall› und andererseits kurz nach Arbeitsbeginn immer stockbesoffen. Doch 44

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Während Doreen sich noch sinnlich an die eigenen Titten grapschte, fingen 1000 Franken europäisches Echthaar Feuer.

das war der Tschechin egal, denn sie war davon überzeugt: Auf der Bühne mache ihr − auch bei 2,5 Promille − keiner was vor! Ihre Shows waren neben den spektakulären Figuren an der Stange auch deshalb sehr beliebt, weil die Tänzerin gerne mal den einen oder anderen Gast in ihre Bühnen­ show integrierte. An diesem Abend war das Lokal voll. Unter den Gästen befand sich auch eine Gruppe, die den Junggesellenabschied ihres Freundes feierte. Ein Junggeselle, der kurz vor der Heirat steht? Ein gefundenes Fressen für Lissy. In schwarzer Spitzenunterwäsche und zu der Musik von Ramm­ stein legte sie mit ihrer Show los. Unter Beifall und dem lauten Gegröle der Zuschauer holte die Tschechin dann auch bald den verunsicherten Junggesellen auf die Bühne. Es folgte das Übli­ che: Lissy stellt Gast an die Stange, Lissy klettert an Gast hoch und runter, Lissy peitscht Gast mit Gürtel aus und Lissy legt Gast schliesslich auf die Bühne, setzt sich auf ihn und reitet auf ihm herum. Doch in dem Moment in dem Lissy ihren wilden Ritt beendete, wusste jeder im Raum, diese Show war eine ganz besondere gewesen. Denn als der Junggeselle wieder aufstand, um die Bühne zu verlassen, war nicht nur sein Kopf hochrot. Auf seinem weissen Junggesellen­T­Shirt prangte − inmitten aller gesammelten Unterschriften − ein grosser roter Fleck. Zweite Regel im Stripper­Handbuch: Kein Tampon hält ewig.


Gas mit was

Wahrscheinlich waren ihre Starallüren darauf zurückzuführen, dass sie bereits in einigen wenigen Porno-LowBudget-Produktionen mitgewirkt hatte.

Illustration: Raffinerie

Al ‹B s pr ig sie e a S dr ntg lle pe ihre se öh e n H nd m be lb n ge in e G tä en te ns te r› d le er u e au tr rn e n nu id äu be in s ec r e er w sc nd oh de kte in a h. U es re m- , nG re n er s d äu ni sc ch h. t

In jedem Job gibt es unterschiedliche Kategorien von Kollegen. Es gibt den Immerfreundlichen, den Dominanten, den Schüchternen und es gibt den Kotzbrocken. Kein Büro oder Geschäft, in dem es ihn nicht gibt. Er ist hinterhältig, unverschämt, faul und verhält sich bei jeder Gelegenheit einfach falsch. Doch meistens wird der Kotzbrocken ge­ duldet und die einzige heimliche Genugtuung der unter ihm leidenden Kollegen besteht darin, dass man hinter seinem Rücken heftig über ihn lästert. Stripperinnen sind da konsequenter. Die 33­jährige Cynthia fiel ohne Zweifel in die Kategorie Kotzbrocken. Die Frankfurterin kam und ging jedes Mal, ohne von den anderen auch nur Notiz zu nehmen. Sie hatte ständig Extrawün­ sche und schnappte Kolleginnen mittels kleiner Tricks die Kunden vor der Nase weg. Wahrschein­ lich waren ihre Starallüren darauf zurückzuführen, dass sie bereits in einigen wenigen Porno­Low­ Budget­Produktionen mitgewirkt hatte. Dies er­ klärte wohl auch, weshalb sie immer mit ihren Au­ togrammkarten an der Bar sass. Und wahrschein­ lich hatte sie an diesem Abend einfach der falschen Kollegin das Geschäft vermasselt. Cynthia beschäftigte sich gerade wieder ein­ mal mit dem Stammgast einer anderen Stripperin. Ein grosszügiger Mittvierziger, der eine leitende Position bei einem namhaften Autohersteller inne­ hatte. Nach kurzer Zeit köpfte die Bedienung dann auch die Moët­Champagnerflasche, um sie an Cynthias Tisch zu bringen. Zur Information: Eine solche Flasche kostet den Gast 800 Franken und das nicht, weil der Champagner etwa so hochwer­ tig ist, sondern weil er für die Gesellschaft der Erotik­Tänzerin mitbezahlt. Und das bedeutete für

Cynthia 30 Prozent Provision. Somit war die Wut der Stripperin, mit dessen Stammgast Cynthia sich gerade vergnügte, wohl verständlich. Doch Nathalie, die um ihre Provision geprellte Ukraine­ rin, wirkte sehr gelassen. Sie ging mit einem Lä­ cheln zu Cynthias Tisch, um ihren Stammgast kurz zu begrüssen. Als sie zurückkam wirkte ihr Lächeln sogar noch irgendwie breiter. Die Flasche Moët war fast geleert und Cynthia hatte ihren Bühnenauftritt. Als ich ihren Namen an­ sagte, drehten sich die Köpfe aller Tänzerinnen simultan in Richtung Bühne. Okay, irgendwas stand an. Ich holte mir Nathalie in die Umkleide. Die klärte mich dann auch ohne Umschweife auf, indem sie − fast akzentfrei − sagte: ‹Habe ich der Schlampe Tropfen ins Glas getan.› Auf meine Ge­ genfrage, was für Tropfen, antwortete sie knapp: ‹Gegen Verstopfung.› Es wäre gelogen, wenn ich jetzt schreiben würde, dass ich die Show abge­ brochen hätte, um Cynthia zu helfen. Ich musste erstmal laut lachen, ging dann wieder hinter das DJ­Pult und platzierte mich so, dass ich die Show gut sehen konnte. Jetzt erschloss sich mir auch Cynthias verbis­ sener Gesichtsausdruck, der mir bereits vor einer halben Stunde aufgefallen war. Sie wirkte ange­ spannt. Ich liess den zweiten, langsameren Song laufen. Sie zog sich bis auf ihren weissen Tanga aus und die Gäste konnten ihr nun Dollarscheine zustecken. Vor dem grosszügigen Mittvierziger an­ gekommen, wollte sich die Erotik­Tänzerin wohl doch noch mal zusammenreissen und ging in den Spagat. Dumme, dumme Cynthia! Denn als sie ih­ rem ‹Big Spender› den prallen Hintern entgegen­ streckte, dröhnte aus demselben ein ohrenbetäu­ bendes Geräusch. Und leider war es nicht nur ein Geräusch. Genau konnte ich nicht erkennen, was das Geräusch begleitete, doch das Gesicht des Mittvierzigers sprach Bände. Sowohl Cynthia als auch der Mittvierziger waren nach diesem Auftritt nie wieder gesehen. Remember: You can screw with a whore but not with a stripper.

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‹querschläger› Alles, ausser angepasst. Maggie Tapert sieht sich selbst als ‹Pleasure Activist› und hilft als solcher der Frauenwelt in ihren Kursen, zum Orgasmus zu gelangen, die eigene Sexualität zu entdecken und Grenzen zu überschreiten. Im Gespräch klärte uns die ‹horny grandmother› über männliche und weibliche Energie, Vibratoren und die schmerzhafte Arbeit am G-Punkt auf.

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aggies Wohnung im Zürcher Kreis 5 ver­rät die Handschrift ihres Mannes, eines Architekten, mit dem sie seit über zwanzig Jahren verheiratet ist, der allerdings getrennt von ihr im gemeinsamen Landhaus in der Innerschweiz lebt. Klare Linien und reduziertes Design treffen auf rote Wände, Peitschen und Vibratoren, die Maggie zu unserem Treffen fein säuberlich auf dem Tisch drapiert hat. Seit ihrer Tumordiagnose vor zwanzig Jahren hat es sich die gebürtige Amerikanerin, die ihren Akzent auch nach vierzig Jahren in der Schweiz nicht ganz abgelegt hat, zur Aufgabe gemacht, weibliche Sexualität zu ‹promoten›. So fährt sie mit ihrem über und über mit BHs verzierten ‹Orgasmobil› durch die Lande, veranstal­ tete ein umstrittenes Sex-Casting im Cabaret Voltaire und eckt an, wo sie nur kann. Ganz in Schwarz gekleidet und mit rotem Lippenstift und ihrem stolzen Gesicht erscheint Maggie in der Umgebung ihrer stylishen Wohnung, auch wenn sie während unseres Gesprächs mindestens 20 schmutzige Wörter in den Mund nimmt, ohne auch nur im Gering­­s-­ ten zu erröten. In ihrem Bücherregal reihen sich Filme wie ‹Double Pe­ netration› nahtlos neben der gesamten ‹Six Feet Under›-Staffel ein; die ‹Travel Pussy› unter den geschmackvollen Fotografien im Gang plädiert wie Maggie selbst für einen fast schon übertrieben offenen Umgang mit der eigenen Sexualität. kinki magazine: Maggie, ich war ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht von deinem Orgasmobil. Ich stellte mir darunter einen ordentlichen Lastwagen vor, doch 46

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gebe mich total hin für dich, nächstes Mal tust du dasselbe für mich.› Beim Sex läuft sehr viel über männliche und weibliche Energien, die beide Geschlechter in sich tragen. Ist der Mann Maggie Tapert: Hinter dem Orgasmo­ beim Sex zum Beispiel ganz in sei­bil steckt die Idee, ein bisschen ner männlichen Energie und die Frau zu provozieren. Wenn ich damit vor- ganz in ihrer weiblichen, so ergibt fahre und rufe: ‹Hey, hier gibt’s sich dadurch ein wunderschönes Zueinen Gratis-Orgasmus! Steigt ein!›, sammentreffen. Wenn beide in dann überlegen sich die Frauen, ihr­er männlichen Energie sind, gleicht wie oft sie eigentlich ‹Nein› zu dieser der Sex eher einem WrestlingGelegenheit sagen. Natürlich bie­Kampf, wenn beide in ihrer weiblichen te ich ihnen damit nicht das perfekte sind, so passiert hingegen nicht Umfeld für den Orgasmus ihres Le- viel… bens, es ist einfach ein Denkanstoss. schlussendlich handelt es sich dabei doch nur um ein mit BHs behangenes Zelt, gefüllt mit Vibratoren. Denken Frauen dort drin wirklich an Sex?

Wenn ein Mann mit einem Onanier-Zelt vorfahren würde und anderen Männern Orgasmus-Kurse anböte, wäre das reichlich schmuddelig, oder?

Ich glaube, Männer haben nicht wirklich ein Problem damit, einen Or­ gasmus zu kriegen. Frauen können jahrelang Sex haben, ohne ein ein­ziges Mal einen Orgasmus zu erleben, viele Frauen trösten sich selbst dann mit Ausreden wie: ‹Ich brauche das nicht, mir reicht deine zärt­liche Umarmung› oder so. Aber ich sage dir: wenn Männer keinen Orgasmus mehr hätten, gäbe es schlichtweg keinen Sex mehr! Kein Mann will Sex mit jemandem, ohne dabei abzuspritzen. Oder nicht? Lassen sich männliche und weibliche Sexualität denn überhaupt vereinen? Ist das Idealbild des gemeinsamen Orgasmus’ nicht ir­ gendwie einfach nur eine romantische Vorstellung?

Ich finde nicht, dass der gemeinsame Orgasmus das Mass aller Dinge ist, vielmehr ist er eine Illusion. Ich glaube, man sollte sich sagen: ‹Ich

Deine Kurse muten sehr spirituell an: sakrale Messen und Pfadi­ lagerstimmung im Wald… Es kommt mir vor wie eine Mischung aus verkapptem Gruppensex und esoterischer Heilssuche.

Ich probiere immer weniger Worte zu benutzen, mit denen man mich in die Esoterik-Schublade stecken kann, und doch werde ich immer wieder ‹Hohepriesterin› und ‹Guru› genannt (lacht). Ich vermeide solche Worte in letzter Zeit, weil sie im Deutschen nicht dieselbe verspielte Leichtig­keit haben wie im Englischen. Ich bin ein zutiefst spiritueller Mensch, Aber mit solchen Aussagen verlierst möchte aber nichts mit diesen Tantradu dich doch auch wieder in jahrund Esoteriksachen zu tun haben. hundertealten Klischees: der Mann Für mich ist Spiritualität eine Form des als aktives Wesen und die passive Einklangs mit sich selbst. Wenn Frau… man im Einklang mit sich selbst ist, ist Man muss das nicht als männlich oder jedes Erlebnis spirituell, auch meine weiblich bezeichnen, du kannst es Geilheit ist spirituell. auch Yin und Yang nennen, wenn du Sag mir die Wahrheit, Maggie: wie magst. Wenn man ganz in seiner weiblichen Energie ist – davon hast wichtig ist der G-Punkt? Oh my God! Sehr sehr wichtig! Er be­ du übrigens sehr viel, das sehe findet sich gleich beim Eingang der ich dir an… Vulva, die meisten Männer denken ja Wie bitte? immer, der sei ganz weit hinten ir…das ist nichts Negatives, sondern gendwo. Er unterscheidet sich in seieher ein Kompliment! Man muss ner Textur vom umliegenden Be­einfach lernen, wann man sich in wel- reich. Man muss ihn erwecken, da das cher Energie befinden muss. Ich Gewebe um die Harnröhre verwachhabe mehrere Liebhaber, einer davon sen ist, das ergibt am Anfang oft das war letztens hier, ich habe mich Gefühl, man müsse auf Toilette, ihm total ergeben, war ganz in meiner oder bringt ein wenig Schmerzen mit weiblichen Energie und er hat sich, allerdings nur am Anfang. mich richtig gut gefickt, das war wun­ Wer das überwindet findet dort die der­bar. Nachher sah er meine PeitBasis für einen vaginalen Orgasmus. schen und all die Sachen und wollte Maggie Tapert ist zweifache Mutter und  das gerne einmal ausprobieren. dreifache Grossmutter. Sie arbeitete Ich sagte zu ihm: ‹Ja klar, das können als Stylistin, PR-Frau, Bäuerin (‹mein HippieTime-Out›) und Erwachsenenausbilderin. wir gerne nächstes Mal auspro­ Weitere Info unter www.maggietapert.com bieren, aber nicht jetzt. Dafür muss Foto: Daniel Tischler ich mich ganz in meiner YangText und Interview: Rainer Brenner Energie befinden.›


‚Meine Geilheit ist spirituell.›

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Deus Ex Machina

Am ‹CERN› nahe Genf versucht man mit immen­sem Aufwand Wissenschaftsgeschichte zu schreiben und die Gesetze des Universums endlich besser zu verstehen. Ein Wettlauf mit technischen Machbarkeiten und der amerikanischen Konkurrenz. Text: Kai-Holger Eisele

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ngela wirkt nicht gerade wie je­ mand, der an der Welt­ver­nich­ tungs­maschine mitgeschraubt hat. Die 31-jährige Doktorandin von der Uni Zürich scheint auf­ richtig begeistert von ihrer For­ schungsarbeit, hundert Meter tief unter der Erd­ oberfläche. Hier unten steht der LHCb-Detektor, eines von vier grossen Experimenten am Teilchen­ beschleuniger des CERN, der Europäischen Or­ ganisation für Kernforschung. Wir befinden uns in der Nähe von Genf, irgendwo unter französischem Territorium. Um die fünfzehn Stockwerke hinab in die Tiefe zu gelangen, sind wir mit einem Lastenaufzug ge­ fahren, haben zwei Sicherheitsschleusen passiert, an denen Iris-Scanner die Augen der zutrittbe­ rechtigten Mitarbeiter mit der Datenbank abglei­ chen, und sind schliesslich durch eine meterdicke Betonmauer getreten, die leichte Radioaktivität und starke Magnetfelder während des Betriebs von den Menschen in der Anlage abschirmen soll. Was wir dort unten zu sehen bekommen, ist für den Laien eine undurchschaubare Anordnung von Maschinen, Kühlvorrichtungen, Speichereinheiten, grossen blauen Magneten und zahllosen Kabel­ strängen. Alles mehrere Etagen hoch. Zwischen den einzelnen Elementen verlaufen enge Stege und Metalltreppen, ein ständiges Maschinengeräusch

überlagert jedes Gespräch. In den Gängen fühlt man sich vorübergehend wie im Maschinenraum eines U-Bootes. Am CERN arbeiten zu können, sei schon so eine Art Traumjob für sie als Teilchenphysikerin, meint Angela. Aber jetzt wo die Installationsarbei­ ten am Detektor beinah abgeschlossen seien, werde sie nicht mehr allzu viel Zeit im Erdinnern verbringen, sondern oberirdisch die anfallenden Daten analysieren, die das technische Ungetüm bald in unfassbarer Menge ausspucken soll.

Der grosse Run auf kleinste Teilchen

Seit mehr als fünfzig Jahren gibt es das CERN, und die für die Experimente benötigten Einrichtun­ gen wurden immer gigantischer. War der erste Teilchenbeschleuniger noch rund hundert Meter lang, so verläuft der neueste von ihnen, der be­ rühmte LHC, über rund dreissig Kilometern ring­ förmig unter der Schweiz und Frankreich. Ein riesi­ ges Konstrukt zur Beschleunigung von Teilchen, kleiner als Atomkerne: sogenannte Protonen. Mit dem blossen Auge und selbst mit Elektronenmi­ kroskopen unmöglich zu erkennen, stecken Millio­ nen von ihnen in den entgegengesetzten Röhren

des LHC. Mit annähernd Lichtgeschwindigkeit le­ gen sie die dreissig Kilometer lange Strecke etwa elftausendmal in der Sekunde zurück – weit jen­ seits der menschlichen Vorstellungskraft. Errei­ chen will man damit die kontrollierte Kollision der Protonen, die einer Miniaturausgabe des Urknalls entsprechen soll. Die Abfallprodukte des Crashs sollen Rückschlüsse auf die Gültigkeit des be­ kannten physikalischen Modells der Naturgesetze erlauben. Zum Beispiel ist bis heute ungeklärt, woher die Körper ihre Masse haben. Die bisherige Physik setzt auf die Existenz des nach seinem theoreti­ schen Begründer benannten Higgs-Teilchens. Die Existenz dieses Teilchens ist noch immer unbewie­ sen und das CERN liefert sich mit amerikanischen Forschungseinrichtungen seit langem eine Art Wettrennen um die endgültige Bestätigung. Dass es überhaupt gefunden wird, ist aber keineswegs sicher. Wenn nicht, sagt Angela, dann müssten die Lehrbücher der Physik wohl umgeschrieben werden. Aber so richtig glaubt hier wohl niemand, dass dieser Fall eintritt. Milliardenbeträge der eu­ ropäischen Geberländer sind immerhin schon in­ vestiert worden. Es ist ein Prestigeprojekt der europäischen Naturwissenschaft und Ingeni­eurs­ kunst. Angeblich ist mit dem Auffinden des HiggsTeilchens unweigerlich ein Nobelpreis verbunden. Wer von den Tausenden Mitarbeitern würde ihn kinki 49


aber wohl dann in Empfang nehmen? ‹Keine Ah­ nung›, meint Ann-Karin von der ETH Zürich und lacht: ‹Der Direktor wahrscheinlich.› Im Moment muss sie jedoch zugeben, haben wohl wieder die Amerikaner die Nase vorn. Ein Unfall im Kühlsystem vergangenen September hat den LHC weitestgehend lahmgelegt. Die Magne­ ten, aus denen der Beschleuniger besteht, müs­ sen im Innern mit Hilfe von Helium auf Temperatu­ ren nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden, erklärt uns Guy. Der französische Ingenieur ist mit Test und Wartung beschäftigt. Von den Hunderten Magneten, aus denen der LHC zusammengesetzt ist, waren zwei wohl fehlerhaft verbunden worden, meint er schulterzuckend. Das hat in einer Ketten­ reaktion auch viele andere in deren Nähe beschä­ digt. Bald soll es aber wieder losgehen: inzwi­ schen ist der letzte Magnet repariert und mit Hilfe von grossen Kranrobotern sicher in den Tunnel ge­ bracht und dort installiert worden. Was wenn der Urknall und die Beschaffenheit des Universums mit Hilfe der Anlage tatsächlich einmal vollständig erklärt und verstanden werden könnten? Wo ist dann noch Platz für so etwas wie Glaube? ‹Ach, die ganze Debatte um Wissen­ schaft versus Religion!› wehrt Guy ab. Er ist mit diesem Thema für sich selber durch: ‹Dann wissen wir immer noch nicht, was vor dem Urknall gewe­ sen ist oder wohin wir einmal gehen. Mir persön­ lich ist es auch irgendwie egal. Am CERN habe ich schon einige religiöse Kollegen, aber wahrschein­ lich findet man hier mehr von denen, die nicht an so etwas glauben, als andernorts.›

Steuergelder für ein Schwarzes Loch?

Manche sehen im CERN aber nicht nur eine Ge­ fahr für ihr Weltbild, sondern für Leib und Leben. Vor einigen Monaten geriet der LHC in die Schlag­ zeilen weil Weltuntergangspropheten und verein­ zelt aussenstehende Physiker voraussagten, bei den geplanten Experimenten könne ein Schwar­ zes Loch entstehen und den ganzen Planeten auf­ saugen und vernichten. Einige Presseorgane grif­ fen die Geschichte im Sommerloch dankbar auf. Angela hält diese Geschichten für reine Panikma­ che und völlig realitätsfremd. Die Protonen, die tagtäglich aus dem Weltall auf unsere Erde herab­ regnen, seien mit sehr viel mehr Energie aufgela­ den als alles, was sich am CERN künstlich herstel­ len lässt. ‹Dabei ist auch noch kein Schwarzes Loch entstanden. Wir Menschen merken es nicht einmal.› Auch Hollywood bedient sich der Mischung aus Fiktion und Technikangst, vor deren Hinter­ grund das CERN manchmal in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Vor kurzem hat Tom Hanks das CERN besucht, um seinen neuen Thriller, ‹Illumi­ nati›, zu promoten. Einige Szenen des Films sind am CERN entstanden, teilweise wurden Kulissen für den Dreh nachgebaut. In Illuminati wird Anti­ materie aus der Forschungseinrichtung gestohlen und für den Bau einer Bombe verwendet. In der Wirklichkeit ist das aber unmöglich, beruhigt uns Ann-Karin. Die Menge an Antimaterie, die für eine Bombe notwendig ist, sei selbst in Millionen Jah­ ren nicht herstellbar. Nicht mal am CERN. Die Auf­ merksamkeit, die der Film auf das CERN gelenkt 50

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hat, begreift man vor Ort ganz pragmatisch. ‹Wir sehen das als Chance, um der Öffentlichkeit zei­ gen zu können, was wir hier wirklich tun›, erzählt Sophie von der Pressestelle. Transparenz ist dort ein zentrales Thema für die Öffentlichkeitsarbeit. Schliesslich lebt und arbeitet man von Steuergel­ dern der europäischen Bevölkerung.

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Weiter geht es mit dem Auto zur nächsten CERNEinrichtung. Rund zwanzig Minuten Fahrt, das Ge­ biet ist riesig. Unterwegs passieren wir Dörfer auf französischer und schweizerischer Seite. Die Ak­ zeptanz der Bevölkerung für das wissenschaftli­ che Monster-Projekt sei glücklicherweise gut, be­ richtet Sophie. Die Kommunen über dem LHCTunnel profitierten von der Anwesenheit der inter­nationalen Forschergemeinschaft. ‹Die Kirche des Ortes, in dem ich wohne, liegt auch direkt über dem Tunnel›, erzählt uns Jörg im Kontrollzentrum des CERN. Geboren ist er in Deutschland, durch seine lange Arbeit vor Ort inzwischen aber Schwei­ zer geworden. Selbst Menschen mit Herzschritt­ macher können sich an der Oberfläche problem­ los aufhalten, nur hinunter in die Anlage sollten sie nicht gehen. Die Magnetfelder sind zu stark. Ver­ schiedene Arten von Magneten werden benötigt: blaue und weisse. Die einen halten die Protonen auf ihrer Flugbahn in der Röhre – die Teilchen sind so winzig, dass sie ansonsten einfach gerade­ wegs durch sie hindurch und hinaus fliegen wür­ den. Die anderen Magneten fokussieren die Teil­ chen möglichst eng in einem Strahl – andernfalls wären Kollisionen unter ihnen viel zu selten. Im Kontrollzentrum werden die ablaufenden Prozesse zentral überwacht. Es bietet sich ein An­ blick wie beim Starten eines Space Shuttles in der Kommandozentrale der NASA. Auf unzähligen Bildschirmen, die in vier grossen Ringen in jeder Himmelsrichtung des Raumes angeordnet sind, verlaufen bunte Kurven und Zahlenreihen. Über­wachungsmonitore zeigen das Innere der Anlage. ‹CERN, wir haben ein Problem› ist der Funk­spruch, auf den man innerlich wartet, der aber ausbleibt. Das Kontrollzentrum ist schwach besetzt, es laufen nur Testreihen. Der Ernstfall steht noch bevor. Erst in ein paar Wochen wird nach dem Unfall vom September 2008 erstmals alles wieder auf Hoch­ touren laufen. Die immensen Datenmengen werden im Com­ puterzentrum des CERN gespeichert. Oder viel­ leicht besser gesagt: verwaltet. Keine Computer­ farm der Welt könnte all die Daten alleine aufnehmen, die in der Laufzeit des LHC anfallen. Circa ein Gigabyte – etwas mehr als die Speicher­ kapazität einer handelsüblichen CD – geht pro Sekunde hier ein. Man bedient sich eines einfa­ chen wie genialen Tricks: ein Netzwerk auf Basis des Internets, ‹World Wide Grid› genannt, verteilt die Daten an Rechenzentren auf der ganzen Welt. Im Eingangsbereich zeigt ein Monitor ein virtuelles Abbild des Planeten. Für jedes angeschlossene Rechenzentrum blinkt ein grüner Punkt nervös auf und bedeutet dem Eingeweihten die jeweils ver­ fügbaren Kapazitäten: die Mehrheit auf europä­ ischem Grund und Boden, manche in den USA, Südamerika und Asien. Häufig bilden sich kurze Verbindungslinien zwischen den einzelnen Punk­ ten auf dem Schirm – das Zeichen für einen einge­

henden Speicherauftrag vom einen Ende der Welt zum anderen. In den Gängen des örtlichen Re­ chenzentrums ist es kühl: Tausende Prozessoren und Festplatten produzieren so viel Wärme, dass durch Schlitze im doppelten Boden ständig kalte Luft zugeführt werden muss. ‹Es ist, als ob 2500 Haartrockner in diesem Raum gleichzeitig laufen würden›, zieht Helge Meinhard vom Rechenzent­ rum einen eindrücklichen Vergleich.

Eine Frage der Wissenschaft oder der Ehre?

Unsere letzte Station: das CMS-Experiment mit Ann-Karin. Wieder eine längere Fahrt, wieder geht es hundert Meter unter die Erde, wieder ein Stock­ werke hoher Detektor, der die Protonenkollisionen misst und deren Daten erfasst. Hier dreht sich al­ les um die Suche nach dem Higgs-Teilchen. Mehr Metall als im Pariser Eiffelturm ist für den Detektor, der den Grossteil der unterirdischen Halle ein­ nimmt, verbaut worden. Man kommt sich vor wie in der High-Tech-Festung eines James-Bond-Schur­ ken der 1960er. Aus beiden Enden des Detektors ragt in luftiger Höhe die dünne Röhre hervor, durch die die Protonen schiessen. Es ist, als habe man den Mont Blanc künstlich aufgeschüttet, um mit seiner Spitze einen Ping-Pong-Ball aufzuspiessen – so unvorstellbar sind die Grössenverhältnisse. Was wenn das Higgs-Teilchen doch am CERN und nicht von der amerikanischen Konkurrenz ent­ deckt würde? Dann würden sich die Amerikaner zwar freuen, dass es endlich gefunden wurde, sich gleichzeitig aber auch ziemlich ärgern, dass es ihnen nicht selbst gelungen ist, meint Ann-Karin vergnügt. Man kann sich denken: ganz unrecht wäre es ihr nicht. Illustration: Sarah Parsons


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Stranger in Chiasso

Jedes Jahr kommen Tausende Flüchtlinge an den Schweizer Gren­ zen an – mit oder ohne Einreise­ genehmigung. Der Weg dorthin ist oft von Strapazen und physischen wie psychischen Qualen begleitet. Unser Fotograf Jacek Pulawski hat in die Gesichter der Ankömmlinge geblickt und ihre Geschichten für uns festgehalten.

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In den Wäldern zwischen Italien und der Schweiz ruhen sich die Flüchtlinge in notdürf­ tigen Nachtlagern von den Strapazen ihrer Odyssee aus, bevor sie ihr Material zurücklas­ sen und ihre Reise fortsetzen. Viele von ihnen haben seit Monaten nicht mehr in einem Bett geschlafen, ein 31-jähriger Nigerianer (links) gibt an, er habe vor seiner Ankunft in Chiasso mehr als 2000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt.

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Oben: dieser 21-jährige Mann kam – bis auf einen kurzen Zwi­ schenhalt in einem Camp bei Lampedusa – direkt aus Nigeria nach Chiasso. Unten: Ein abge­ wiesener Flücht­ ling verbringt seine vielleicht letzte Nacht in der Schweiz auf einem Spielplatz.

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Ein Blick in ihre Gesichter genügt, um sich ein Bild davon machen zu können, wie anstren­ gend ihre Flucht war.

ngeachtet dessen, wie sie die Schweizer Grenze überquert haben, müssen sich alle Asylsuchenden in einem der Meldeämter der Einwanderungsbehörde in Chiasso, Vallorbe, Basel oder Kreuzlingen registrieren lassen. Sobald ihre persönlichen Daten aufgenommen wurden, werden sie ein zweites Mal befragt. Diesmal werden persönliche und familiäre Hintergründe recherchiert sowie der Grund des Asylantrages festgestellt. Aus Sicherheitsgründen wird jeder einzelne Flüchtling genau überprüft, es werden Fingerabdrücke genommen und eine Akte mit Foto des Antragstellers angelegt. Dieses Verfahren soll helfen sicherzustellen, dass dieselbe Person nicht mehrmals Anträge zum Beispiel unter falschem Namen stellen kann. Die Bearbeitung des Antrages dauert in der Regel fünf bis zehn Tage. Eine Zeit, die die Flüchtlinge oft in Frustration und Angst vor einer Ausweisung verbringen. Fakt ist, dass so der erste Tag eines jeden illegalen Einwanderers aussieht, der sein Glück in der Schweiz suchen will. Gründe, die die Menschen dazu bewogen haben, ihre alte Heimat vielleicht auf immer zu verlassen, verschwinden oft unter einem Deckmantel aus Lügen oder Schweigen. Die Antworten findet man jedoch allzu häufig in ihren Augen. Blicke, die Bände sprechen. Der Grund, warum Immigranten die italienischschweizerische Grenze bevorzugt bei Nacht überqueren, scheint unklar. Meist werden die Flüchtlinge von gut organisierten Schleuserbanden über die sogenannte ‹Grüne Grenze› gebracht – trotz des mittlerweile in Kraft getretenen Schengener Abkommens. Hier endet eine Reise durch Illegalität und Angst. Oft lässt sich nicht genau nachvollziehen, wie lange diese Menschen hierher unterwegs gewesen sind. Meist Monate, in manchen Fällen sogar Jahre. Augenscheinlich mussten sie auf ihrem Weg, der von Armut und Ungewissheit geprägt war, grosse Entbehrungen in Kauf nehmen, bis sie in Chiasso oder den anderen Städten nahe der Grenze angekommen sind. Ein Blick in ihre Gesichter genügt, um sich ein Bild davon machen zu können, wie anstrengend ihre Flucht war. Geprägt von Ausbeutung und schrecklichen Erlebnissen, verwirrt von Desinformation und Sprachbarrieren. Nach Tausenden von Kilometern kennt jeder von ihnen erschütternde Geschichten: unaussprechlich, geflüstert. Nach dem Eindruck, den all diese Geschichten hinterlassen, kann man den Weg eines Einwanderers am besten mit dem eines Kajakfahrers vergleichen, der bei Sturm versucht den Atlantik zu überqueren: Diese Reise ist selbstmörderisch. Der vorliegende Fotoessay zeigt die von ihrer zermürbenden Flucht erschöpften Menschen, die im Land ihrer Träume angekommen sind. Der erste Augenblick in einem neuen Leben. Text: Jacek Pulawski und Prisca Colombini Übersetzung: Florian Pflüger Fotos: Jacek Pulawski

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Das Bikini-Experiment

Gestern abend habe ich mir den Film ‹ Das Experiment › angesehen. Der Hauptdarsteller, ein Journalist, meldet sich darin auf eine Annonce hin zu einem wissenschaftlichen Experiment und erhofft sich davon nicht nur eine Stange Geld, sondern vor allem eine heisse Story. Am nächsten morgen sitze ich im Büro vor dem Computer, überfliege einen Newsletter – und was springt mich an? Eine Anzeige für das Kandidatencasting einer TV Reality Show: ‹Werde Mega Solo›… Text: Uschi Rüdisüli

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er Inserattext verrät nicht viel, ausser dass man sich als Teilnehmer während eines zweiwöchigen Aufenthaltes in einem Luxusressort irgendwo am Meer als Flirtexperte bzw. Flirtexpertin unter Beweis stellen könne. Es wird jede Menge ‹Spass und Abenteuer› und dem Gewinner der Show der Titel des ‹Mega Solo› versprochen. ‹Wie Dschungelcamp›, denke ich, ‹das wäre lustig›. Als MegaSolo-Kandidatin würde ich ganz bestimmt nicht so wie die armen Teufel von der ‹Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!›-Show irgendwelche Würmer vertilgen müssen. Viel eher würde ich mich da entspannt zwei Wochen lang in der Sonne am Strand oder im Jacuzzi räkeln und mit hübschen Jungs flirten. Und wenn die zwei Wochen um wären, würde ich einen Höllenverriss über den exhibitionistischen Hang von ein paar selbstverliebten, kreuzdummen Teilnehmern in den Fängen der bösen Medienmaschinerie schreiben, das Ganze kinki zum Veröffentlichen schicken und sogar noch dafür bezahlt werden. ‹Toller Plan›, denk ich und schon habe ich die Anmeldung abgeschickt.

Die Sportliche, das Model und die Partyschlampe

Eine Sandra oder Manuela ohne Nachnamen antwortet wenige Minuten später und mailt mir einen Fragebogen zurück. Ich solle das bitte ausfüllen und sofort zurückschicken. Sie seien jetzt im Endspurt des Castings etwas gestresst, aber würden mich trotzdem sehr gerne kennen lernen. Ich finde das schmeichelhaft und mache mich fleissig ans Beantworten der Fragen. Ich muss ankreuzen, ob ich im Frühling für zwei Wochen abkömmlich sei und ob ich gesundheitliche Beschwerden habe, und meine persönlichen Daten angeben. Dann wollen sie den Namen meiner engsten Bezugsperson wissen – und das Spiel beginnt: statt dem Namen meines Freundes Alex trage ich den mei58

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ner besten Freundin ein. Sie würde begeistert sein, wenn sie bei einer Homestory über mich irgendwelchen Quatsch erzählen dürfte, wir würden uns kaputtlachen. Die nächsten Fragen drehen sich um mein Männerbeuteschema und auf welche Anbaggermethoden ich setze. Dann muss man noch von seinem Ex erzählen. Dazu bastle ich aus all meinen Exbeziehungen und denen meiner Freundinnen eine einzige Monsterhorror-Exgeschichte zusammen. Ein bisschen Sensation muss sein, da beissen die bestimmt an. Danach kommen alles Fragen, die darauf abzielen, mich in eine bestimmte Kategorie Frau zu schubladisieren. Ich muss ankreuzen, ob ich eher der Typ Draufgänger, Zicke, Kumpel, bester Freund, Fun oder Witzbold bin. Ich entscheide mich für Zicke, um wenigstens hier ein bisschen bei der Wahrheit zu bleiben. Offensichtlich wollen sie auch noch die Typen ‹die Sportliche›, ‹das Model› und ‹die Partyschlampe› abdecken, wovon für mich nur letzteres in Frage kommt und ich so auch problemlos ‹Disco› bei Hobbys hinschreiben kann und nicht mit Lesen, Schwimmen oder Tennis herumzubluffen brauche. Beim Bewerten des eigenen Aussehens auf einer Skala zwischen 10 für sehr gut und 2 für schlecht aussehend gebe ich mir eine grosskotzige 7, denn alles was drunter ist, wird eh gleich in den Abfall verschoben. Ob nun wahr oder nicht: wenn ein zu tiefer Wert der Realität entspricht, nehmen sie einen nicht, weil man sowieso zu hässlich fürs Fernsehen ist; wenn er zu bescheiden gewählt ist, wirkt die Person wahrscheinlich vor der Kamera wiederum zu wenig selbstbewusst. Ich schicke den Fragebogen also ab und kurz darauf ruft eine sehr fröhliche Sandra oder Manuela ohne Nachnamen an und macht mit mir einen Termin für das erste Casting aus. Ich triumphiere still, grinse blöd vor mich hin und denke: ‹wie Streich spielen früher›. Zwei Tage später sitze ich im Zug, unterwegs an mein erstes ‹Mega-Solo›-Casting. Ich hab es niemandem erzählt, schon gar nicht meinem Freund. Ich schäm mich ein wenig. ‹Ich sag’s ihm dann, wenn ich überhaupt weiter komme...›, beru-

hige ich mich und blättere ohne hinzuschauen in einem dieser todlangweiligen Zugmagazine. Als ich vor dem Büro der Agentur stehe, hab ich Gummiknie, auch wenn ich mich deswegen selber nicht ernst nehmen kann. ‹Hallo, ich bin die Manuela›, empfängt mich eine junge Frau nett und bittet mich, ihr zum Besprechungszimmer zu folgen. Die Leute im Büro sitzen an ihren Arbeitstischen, nur einer sieht kurz auf, grüsst aber noch nicht mal. Ich ihn logischerweise auch nicht. Bin ich Luft oder wie? Im Sitzungsraum warten drei Leute auf uns, jeder mit Schreiber in der Hand und Notizblock vor der Nase. Sie sind unverhohlen angeödet. Ihre Arroganz macht mich nervös und mir schiesst durch den Kopf: ‹keine Chance›. In der Ecke steht eine Kamera und fokussiert mich, ich fühl mich von ihr angegafft. Ich will mich gerade hinsetzen, aber in dem Moment sagt einer: ‹Warte mal, kannst du dich bitte da hinten kurz aufstellen und dich ein bisschen drehen, ja?› Ich stehe wieder auf, stelle mich brav hin und drehe mich einmal um mich selbst. Er meint: ‹Gut, kannst du das noch mal machen und diesmal die Arme ein bisschen hochhalten, ja?› Ich folge seiner Anweisung und vermeide es, in die dämliche Kamera zu sehen – ich hasse es, gefilmt zu werden. Ich hab das Gefühl, ich sei völlig falsch angezogen, aber zum Glück bleibt mir keine Zeit, mir darüber weiter den Kopf zu zerbrechen, denn ich soll es mir jetzt auf dem Stuhl ‹bequem machen›. ‹Wir filmen das Interview, einfach dass du es weisst›. ‹Hab ich bemerkt, du Trottel›, denke ich, lächle und höre mich sagen: ‹klar, kein Problem!› Sie fragen nochmals alles, was ich schon im Fragebogen beantwortet habe, mir schläft fast das Gesicht ein. Wenigstens weicht die Nervosität. Dann geht plötzlich die Tür auf, ein gross gewachsener Typ mit Hornbrille, Anzug und neonfarbenen Turnschuhen tritt ein, schleudert ein ‹Hallo› in meine Richtung und fragt die anderen: ‹Seid ihr schon durch?› Und mich: ‹Würdest du jemanden vor der Kamera küssen?› Ich werde rot, denke nur: ‹Alex› und sage:


– Logisch, kein Problem. – Gut, meint er beruhigt und fragt weiter: Und feiern tust du ja auch gerne, hab ich gelesen, nicht wahr? Drogen und so nimmst du aber keine, oder? – Nein, so was würde ich nicht mal mit dem Stöckchen anfassen, gebe ich als Antwort. – Und wieso willst du mitmachen? Das wird kein Honigschlecken, das wird harte Arbeit! Natürlich mit ein bisschen Spass verbunden... Ich sage, ich würde eben fürs Leben gern flirten und hätte gern Spass und doch doch, sei mir völlig klar, dass so was aber auch Konzentration und Disziplin erfordere. Der Typ mit den schnellen bunten Schuhen nickt und lächelt zum ersten Mal: ‹Gut, du kannst gehen. Wir rufen dich an.› Einen Tag später kommt ein Anruf: Manuela oder Sandra ausser Atem meint, ich solle morgen noch einmal vorbeikommen und diesmal Bikini, Pass und den unterschriebenen Vertrag mitbringen, ich sei von zweihundert ‹Girls› unter die zwanzig Finalistinnen auserkoren worden. ‹Wahnsinn›, entgegne ich höflich und denke: ‹Sie haben’s gefressen!› Ein kleiner fieser Gedanke schiebt sich in mein Gehirn, er heisst Alex-hat-immernoch-keinen-Schimmer-von-meinem-Plan und ich schiebe ihn schnell wieder beiseite.

Nur so tun, wie wenn man knutscht

Die nächsten Tage zermartere ich mir den Kopf darüber, wie ich die Sache meinem Freund verklickern soll. Ich entscheide mich, ihn ein kleines bisschen zu blenden. Einer seiner Lieblings-DJs legt in einer anderen Stadt an einer Party auf, ich organisiere Eintritt und Reise und überrasche ihn damit am Abend vor dem Anlass – er freut sich tierisch. Ein Stündchen später nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und sage: – Du, darf ich dich was fragen? Ich muss übermorgen an so ein komisches Casting, kommst du mit? – Was denn für ein Casting? Miss Drama Queen Zürich? Oder Miss Kannst-du-bitte-waskochen Zürich? fragt er zurück. – Ans Finale vom Mega Solo, Mann... – Ans Finale vom Mega-WAS? Er wirft sich fast weg vor Lachen. Während der Reise am nächsten Tag bin ich ein lieber kleiner Ausnahmeengel, er nennt mich konsequent nur noch seinen kleinen Mega-Solo und betont aber, dass er mich bei der Sache unterstütze, das sei eine gute Gelegenheit für mich, eine exklusive Geschichte zu verfassen und das sei schliesslich wichtig für meine berufliche Zukunft. Ich habe einen richtigen Vorzeigefreund. Auf dem Heimweg von der kleinen Reise hängen wir im Zug herum und Alex hatte scheinbar Zeit zum Nachdenken: – Aber Schatz, wie ist das jetzt genau: knutschst du da wirklich mit irgendwelchen anderen Jungs rum? – Quatsch. Ich tu dann nur so, antworte ich. Er grinst und wir lassen das Thema ruhen. In Zürich kommen wir gegen Mittag an, jeder geht rasch zu sich nach Hause – duschen, umziehen, wir müssen uns in einer Stunde wieder am Hauptbahnhof treffen, das Casting beginnt um 14 Uhr. Da wir seit gestern unterwegs waren und ich auch im Zug nicht viel geschlafen habe, sehe kinki 59


ich inzwischen, sagen wir einmal, interessant aus. Dagegen spachtle ich mir zwei, drei Make-ups aufs Gesicht, ziehe ein heisses Gwändli an und braue mir einen doppelten Espresso. Zurück am Bahnhof wartet Alex, schmeichelt mit einem ‹Du siehst super aus› zur Begrüssung, ich lache, weil ich weiss, ich sehe aus wie ein Zombie, er streichelt mir übers Gesicht und wir rennen los, um den Zug zu erwischen. Wir sind übermüdet, aufgedreht, wir blödeln nur rum und die Fahrt wird (für uns) sehr lustig. Unterwegs fällt mir der Vertrag ein, den ich mitbringen muss, ich krame ihn zerknittert aus meiner Handtasche hervor und wir überfliegen ihn ein bisschen. Die Stimmung wird etwas ernster. Der Vertrag ist kompromisslos. Die Produzenten verfügen über die ganze Drehzeit und bis das Marketingprozedere abgeschlossen ist vollständig über die Kandidaten. Diese haben zu tun, wie ihnen befohlen wird. Wir sind auf der letzten Seite angekommen, ich zögere und unterschreibe. Plötzlich kommt es mir vor, als hätte ich gerade dem Teufel meine Seele für ein paar Wochen zum Gebrauch überlassen und mich bei ihm im Wohnzimmer im goldenen Käfig als sein Kanarienvogel eingemietet. Er sagt genau, was ich wann und wie zu zwitschern habe, bei Widerrede muss ich bitter bezahlen. Schnell lege ich die Seiten weg, mir ist komisch. Alex merkt’s, er sagt erst nichts und dann: ‹Drehen wir um?› Wir sitzen in einem Zug ohne Zwischenstopp. ‹Was, Notbremse?› versuche ich zu scherzen. Und dann sage ich tapfer: ‹Quatsch, ich bin doch kein Feigling›. Alex zuckt nur die Schultern, will mich ablenken und beginnt, die zwei älteren Frauen im Abteil neben uns nachzuäffen, wie die sich flüsternd, in der Meinung, wir verstünden sie nicht, über unseren Kleidungsstil aufhalten. Ich muss doch wieder grinsen. ‹Wenn die erst wüssten, wo du hingehst...› meint er. Das find ich dann nur noch mittellustig.

‹Bis bald, Fräulein Kandidatin!›

Während dem Casting versteckt sich Alex in einem Café und konzentriert sich intensiv darauf, nicht über seiner Zeitung einzuschlafen. Ich finde mich schön pünktlich in der Agentur ein. Diesmal sind die Leute von der Produktionsleitung auch dabei, die Stimmung ist angespannt. Das Interview ähnelt einem Kreuzverhör. Ich fand die Fragen das letzte Mal schon ziemlich direkt, diesmal ist direkt nur der Vorname: ‹Erzähl mal von deinem aufregendsten erotischen Abenteuer, was du je gehabt hast und mit Details, ja?› Ich fühle mich überrumpelt und zögere. Sie warten. ‹Los!›, fordert mich einer auf und ich reisse mich zusammen und erzähle ihnen eine abgefahrene Geschichte aus den Schlampenjahren einer Freundin. Sie würde ja eh nie erfahren, dass ich hier ihre intimen Geheimnisse für die Mega-Solo-Bewerbung verwende. Während dem Erzählen komm ich in die Gänge, sie starren mich aufmerksam an, was mich motiviert, und ich fabuliere wild drauf los. Sie scheinen es zu mögen. – Zeigst du gerne Haut? Ich meine, könntest du dir vorstellen, dich auch nackt filmen zu lassen? – Nackt in Unterhosen? – Nackt nackt. – Äh, ja. Schon, ich bin ja jetzt nicht verklemmt oder so. 60

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‹Wo bin ich hier gelandet, wollen die einen Softporno drehen oder was›, schiesst es mir durch den Kopf. Zu spät, ich bleibe konsequent: Ja, ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als mich zwei Wochen lang in jeder Situation ungefragt filmen zu lassen, ich Rampensau, ja, ich würde selbstverständlich jede Gelegenheit wahrnehmen, um möglichst viel Haut zu zeigen, ja, ich hätte überhaupt gar keine Hemmungen mit allem möglichem Körperkontakt vor der Kamera und ja, ich sei die Strapazierfähigkeit in Person und permanent guter Laune, klar. Ich wolle ja Spass haben. Sie sind begeistert. Zum Schluss muss ich mich umziehen gehen und mich im Bikini vor der ganzen Crew präsentieren. Neun Augenpaare scannen mich von oben bis unten, ich ziehe den Bauch ein und lächle – ich will nur noch raus hier. Jemand sagt, es sei gut, ich könne mich wieder anziehen: Erlösung! Turbomässig stöckelnd flüchte ich in die Umziehkabine. Zurück in der Folterkammer scheinen sie wie ausgewechselt. Die Professionalität ist im Handumdrehen einer Locker-vom-Hocker-Stimmung gewichen, alle scherzen und reden, lächeln mir zu und einer steckt meinen unterschriebenen Vertrag in seine Aktentasche und meint: ‹Na dann: bis bald, Fräulein Kandidatin!› Mist.

Liebeskummer vertraglich geknebelt

Alex empfängt mich am Bahnhof mit einem seltsamen Blick. Er scheint inzwischen ziemlich mies gelaunt zu sein, aber ich habe keine Lust, darauf einzugehen. Unbeirrt hüpfe ich um ihn herum und texte ihn mit meinem Casting-Abenteuer zu: ‹Hey, weisst du was, die spinnen total!› Ich erzähle von den indiskreten Fragen und wie ich halb nackt vor denen herumrennen musste und dass ich das Gefühl hätte, sie würden mich für die Show nehmen und das sei alles so super abgefahren und ich fände es irgendwie toll und irgendwie schrecklich, beides. Er schweigt. Als sich mein Adrenalinpegel wieder normalisiert hat, versuche ich meine Euphorie aus Rücksicht zurückzuschrauben, denn er teilt sie ganz und gar nicht mit mir. – Was ist los, wieso bist du plötzlich so skeptisch? will ich von ihm wissen. – NICHTS, antwortet er, lass mich in Ruhe mit diesem Zeug, das ist doch krank... In meinem Kopf geht der Alarm an. – Ich hab mir das noch mal überlegt. Schnuckie, du bist doch viel zu sensibel für so einen Müll! Die machen dich fertig! Dieses Medienindustrieding ist grösser als du, es schluckt dich, zermalmt dich, macht Kohle mit dir und spuckt dich wieder aus. Und du hast gar nichts davon! Ausser dass dich jeder Idiot auf der Strasse blöd anmacht, hey, das ist doch die Kleine aus dieser komischen Schlampenshow. – Jetzt übertreibst du es aber, nicht? versuche ich halblaut zu kontern, mein Herz, das feige Ding, rutscht in die Hose. – Nein, tu ich überhaupt nicht, im Gegenteil, ich glaube, DU unterschätzt das alles völlig! Meinst du, dein Arbeitgeber findet es toll, wenn du so was machst? Und deine Familie? Dein Vater wird durchdrehen, wenn er dich halbnackt im Fernsehen sieht!

Der Streit artet aus, ich schreie ihn auf offener Strasse an: – Aber ich hab den Vertrag jetzt schon unterschrieben, es ist zu spät! Wieso hast du mir nicht vorher gesagt, dass es dich so stört?! – Mach was du willst, Mädchen: riskier alles für nichts. Aber ohne mich. Ich mach da nicht mit, sagt er und stampft davon. – Klar, dann hau doch ab von mir aus, denke ich und merke, wie mir die Tränen in die Augen schiessen. Ich fahre allein zurück nach Zürich, keine Ahnung, wo er steckt, ist mir auch egal. Fast egal. Ich versuche, den Streit mit Alex nicht zu ernst zu nehmen und rede mir selber zu, dass es wichtig ist, dass ich meine Projekte durchziehe, auch wenn er vielleicht nicht mit allem einverstanden ist. Ich melde mich nicht bei ihm. Von ihm höre ich auch am nächsten Tag nichts. Das dumpfe Gefühl, dass es aus ist, beschleicht mich. Meine Blitzdiät funktioniert nicht. Statt Ananas verschlinge ich tafelweise Schokolade und denke an Alex. Der Bikini, den ich letzte Woche in einem Schaufenster gesehen habe, interessiert mich nicht. Auch der heisseste Bikini macht aus einem Elefanten keinen sexy Elefanten. Wieso ruft Alex mich nicht einfach an? Zum hundertsten Mal wähle ich seine Nummer – und lege wieder auf. Was mache ich bloss, wenn er recht hatte und es mir in diesem Camp doch zu viel wird? Im Vertrag steht, dass verlangt wird, dass man zwei Wochen vollständig auf sein Recht auf Privatsphäre verzichtet und sich gänzlich dem Diktat der Programmleitung unterwirft. Ist das rechtlich überhaupt gültig, jemanden so etwas unterschreiben zu lassen? Ich lasse mir von einem Bekannten aus dieser Branche bestätigen, dass diese sogenannten Knebelverträge ganz normal im Fernsehgeschäft seien. Dringen durch den Teilnehmer Informationen an Dritte durch, verstösst er gegen die vertragliche Vereinbarung und kann um 10 000 Franken gebüsst werden. ‹Klar, das dürfen die. Du hast ja freiwillig unterschrieben›, meint mein Kollege. Wenn man bei einer TV-Show mitmache, müsse man immer sämtliche Rechte an die Produzenten abtreten. Diese müssten sich ja absichern. ‹Sonst kommt irgendsoeine lustige Undercover-Journalistin, macht die ganze Show mit und plappert dann vor der Ausstrahlung alles aus oder sagt, man dürfe ihr Bild nicht verwenden – da wäre eine Produktionsbude innert Kürze bankrott!› Ich spüre, wie es mir im Magen flau wird. So eine Busse würde mich ruinieren.

den wertvollen Zettel aber dankbar entgegen und verschwinde. Mein Handy klingelt, es ist: nicht Alex. Es ist die olle Manuela Hennimann von der Agentur. – So, hast du fertig gepackt?! Ich wollte dir noch die letzten Infos für den Flug... fängt sie an. – Wart mal Manuela, ich muss dir was sagen, falle ich ihr ins Wort. Ich komm nicht mit. Ich hab’s mir anders überlegt. Es herrscht Stille am anderen Ende der Leitung. Und dann donnert ein Flugzeug wenige Zentimeter über meinem Kopf hinweg, mir vergeht hören und sehen: – MÄDCHEN, DU HAST ETWAS UNTERSCHRIEBEN!! fährt sie mich an. Das sei mir klar. Aber ich sei gerade schwer krank geworden. Sie will gar nicht wissen, was ich für eine schlimme Krankheit habe. Ein Glück. Ich würde ihr das Zeugnis gerne schicken, sage ich, aber sie will gar nicht recht zuhören und hängt knallend das Telefon auf. Betreten lege auch ich auf. Am nächsten Tag erhalte ich einen Umschlag von der Agentur, darin findet sich ein Serienbrief, mit einer freundlichen Absage, dass es nun mal leider dieses Mal nicht geklappt hätte, aber – wer weiss – vielleicht sei ich ja in der nächsten Staffel dabei? Nein danke, ich hab an dieser Sache glaube ich genug Federn gelassen. Ich zerknülle den Brief und schmeisse ihn auf den Altpapierstapel. Doch keine exklusive Maulwurfgeschichte über das Mega-Solo-Camp. Dafür ist als Strafe jetzt auch meine Beziehung tot. Naja. Das ist ja nur gerecht vom Medienmonster. Das hab ich jetzt davon, ich Mega Solo. Sämtliche in diesem Artikel enthaltenen Namen, Orte, Daten und Fakten sind frei erfunden und jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen oder tatsächlichen Gegebenheiten rein zufällig. Illustration: Raffinerie

Goliath hat wieder mal gewonnen, David ist kaputt

Zwei Tag vor Abflug entscheide ich mich: ich kneife! Ich gehe zu meinem Hausarzt, erzähle ihm die Kurzversion meiner Geschichte und bitte ihn, mich krank zu schreiben. Ich fühle mich wie ein Wellensittich, den jemand in den Tumbler geworfen und diesen, auf ‹schranktrocken› eingestellt, hat laufen lassen. Einen entsprechend Mitleid erregenden Eindruck mache ich offenbar auch auf meinen Arzt. Er muss zwar ob meiner Ausführung kurz lächeln, doch stellt er mir, ohne weiter zu zögern, ein Zeugnis aus, begründet durch ‹psychischen Stress›. Ich fühle mich wie der grösste Feigling, nehme kinki

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‹album des monats› Von der Redaktion gekürt. Portugal. The Man: The Satanic Satanist

1.

Guns and Dogs:

Als wir die Demos machten, hatte ich diesen Song noch nicht geschrieben. Ich ging zurück nach Alaska, wo mir mein Vater ein Banjo schenkte. Er sagte: ‹Du musst Pete Seeger hören.› Und rein zufällig lief eine Show über den bekannten Banjo-Musiker im Fernsehen. Es war einer dieser Momente, der mich sofort zu einem Song inspirierte.

‹Guns and Dogs› handelt von damals, 1987, als ich mit meiner Familie draussen in einer Hütte am Icy Lake lebte. Wir waren echt ab vom Schuss. Nur wir und unsere Hunde, Schnee, Bäume und der See. Aber die Familie war alles, was wir hatten, und so hielten wir zusammen.

2.

Work all day: In diesem Song kommt vor allem die Arbeitsauffassung meines Vaters und meines Bruders zum Ausdruck. Du arbeitest jeden Tag, behältst den Rhythmus während der Nacht bei. Alaska ist ein sehr harscher Ort. Viele Waffen und Drogen. Es ist hart, wenn du in der Stadt lebst und keine Familie hast, die dich davon abhält, Scheisse zu bauen. Der Refrain gedenkt meiner Freunde, die in diesem Sumpf untergingen.

3.

Lovers in love:

A

laska. Weite Landstriche. Idylle pur. Erzeugt durch Bäume, Seen und Bären. Einsame Hüt­ten, die Geschichten von Einsamkeit erzählen. Und doch gibt es ein Exportgut aus diesem Land, das nicht zum Essen, aber dafür ein Gau­ menschmaus für die Ohren ist. 2004 gründete sich die Indie Rock Band ‹Portugal. The Man›, die heute aus John Baldwin Gourley (Gitarre/Gesang), Zachary Scott Carothers (Bass/Perkussion/Gesang), Ryan Neighbors (Key­board/Gesang) und Jason Sechrist (Schlagzeug) besteht. Mittlerweile erscheint ihr viertes Album in vier Jahren, wobei bei diesen Aufnahmen spezielle Begebenheiten hinzukamen. Als Gas­t­ interpreten waren nur Freunde von ihnen dabei. Kann man sich ja vorstellen, wie ein Haufen alter Freunde zusammen sitzt, ein Bier trinkt, über alte Zeiten spricht und der musikalischen Kreativität ihren freien Lauf lässt. So entstand ‹The Satanic Satanist› im Haus von Kollege Jake. Gourley verarbeitet darin die Zeit zwischen 1987 und 1993, in der er mit seiner Familie in Alaska aufwuchs und immer wieder um­

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8.

Do you: Der Song handelt vom Wegzug von Alaska. Ich hatte Angst vor allem. Aber es geht nicht nur um meine Ängste, sondern um die Ängste aller. Ich habe hier viele Eindrücke von damals verarbeitet. Es ist einer dieser Songs, wo du dich zurücklehnst und über alles nachdenkst, was du einmal gemacht hast. Das kleine Kind kommt in dir hervor und erzählt vom Winter und wie schwarz und düster alles war. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit. Noch bis vor kurzem.

9.

Everyone is golden:

‹Lovers in Love› entstand weil wir noch nie ein Liebeslied geschrieben hatten. Um ehrlich zu sein, startete alles als eine Art Joke, aber der Refrain war einfach super. Also schrieb ich Texte darüber und beinahe ergriff mich der Curtis Mayfield Vibe beim Versuch, mehr oder weniger einen Song zu schreiben, dessen Zeilen entgegen allem standen, was wir bislang gemacht hatten.

Ich entschloss, über meine Zeit in Healy zu schreiben. Ich glaube, das war 1993, als ich dort war. Healy war eine dieser verrückten Städte in Alaska, wo jeder jeden kennt, und alle glücklich sind. Dort machte ich auch meine erste Erfahrung mit dem Tod. Der beste Freund meines Kumpels starb dort, als sie im Schnee spielten und er von einer Lawine erfasst wurde. Das ist eines der Dinge, die einen ein Leben lang verfolgen werden.

4.

Let you down:

The Sun:

ziehen musste. Diese prägenden Erinnerungen sind in jedem Titel des neuen Albums zu hören. Dass die ‹Men› nicht aus Portugal kommen, sorgt immer wieder für Verwirrung. Für sie müsse ein Bandname persönlich sein, sagen sie selbst. Ein Name stehe für eine Gruppe, eine Person oder ein Land, und Portugal klänge einfach schön. Damit doch nicht zu viel Verwir­rung aufkomme, habe man absichtlich noch ‹The Man› dahinter ge­setzt, um den Link zu einer Person herzustellen. Da der Bandname spontan entschieden wurde, besteht heute oft Erklärungsbedarf gegenüber den Journalisten. Nichtsdestotrotz: ‹Portugal. The Man› ist eine Vorzeigeband son­ dergleichen. Nach eigenen Angaben üben die beflissenen Mannen noch immer Tag für Tag gemeinsam – aus Ehrgeiz, sich besser als Musiker kennenzulernen. Man kann also gespannt sein auf weitere Musik der nicht portugiesischen Alaskaner, die an dieser Stelle so nett waren, die Tracks ihres neuen Albums für uns zu kommentieren.

7.

People Say:

Das ist alles Science Fiction. ‹Fantastic planet› und ‹Light years› und all die Comics, die ich mir immer ansah, als ich klein war. Es endet damit, dass du nur noch in den Sternenhimmel sehen kannst, 18 Stunden lang am Tag. Das fördert deine Imaginationskraft. Alles, was wir bei diesem Album an Texten schrieben, machte mir so viel Spass, weil es so einfach war, in alles reinzukommen, fast so als sei ich noch einmal 10 Jahre alt.

5.

The home: Den Song schrieb ich, als meine Eltern umzogen und meinten: ‹Wir bauen uns hier ein neues Zuhause auf.› Wo immer wir auch hingingen, genau so fühlte ich mich.

6.

10.

Ich spiele kein Klavier, doch aus irgendeinem Grund sass ich am Klavier und fühlte mich so, als ob ich gleich einen Song schreiben werde. Das war einer dieser Momente, wo ich mich wirklich mies fühlte. Ich war deprimiert. So läuft es manchmal. Aber ich liebe es, wie dann alles zusammenkommt.

11.

Mornings: Das war eine Art Buchstütze für die Aufnahme. Offensichtlich sollte es der letzte Song auf der Platte sein. Es führt die Gedanken zu einem Ende. Das war Alaska. Bei all dem, das wir sein mussten und durch das wir durchmussten, waren wir glücklich genug, zu haben, was wir haben. Dieser Song ist so was wie der Buchdeckel des Albums, ein eindeutig letzter Song.

The woods: Wir hatten schon immer Wald um uns herum, und das ist eine Sache, die Zach und ich extrem vermissen. Dieses Lied ist eine Fortsetzung von ‹The Home›, in dem Sinne, dass dir die Menschen, wenn du weit weg von deiner Heimat lebst, sehr nahe stehen, zu deiner Familie werden. So ist meine Band für mich.

Portugal. The Man: ‹The Satanic Satanist› (Irascible) ist bereits erschienen. Text: Katja Alissa Müller Tracklist: John Baldwin Gourley Foto: Emily Dyan Ibarra


Der lange Weg zum Licht

Jeanne Kaiser aka Jeannel ist kein einfaches Mädchen. Sie hat eine Lebensgeschichte mit vielen Höhen und Tiefen, ist zerbrechlich, laut und schön zugleich. Ihre filigranen Songs scheinen die intimsten Momente der Sängerin zu entblössen. Lässt man sich auf Jeannels Lieder ein, meint man auf den Grund ihrer Seele blicken zu können. Interview: Matthias Straub, Foto: Alexandre Kurek

E

s ist nicht im Sinne der Musikindustrie, über Musiker zu berichten, die bisher noch nicht mit einer Veröffentlichung glänzen konnten. Aber es ist auch nicht die Aufgabe einer Zeitschrift, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, die Schönheiten des Lebens zu erforschen, die wankende Musikindustrie zu bedienen. Über Umwege ist der Link zu Jeannes MySpace-Seite in unserer Redaktion gelandet, und was wir dort hören dürfen, hat uns alle verzaubert. Elektronische Beats und massive Synthie-Klänge treffen auf hauchzarte Cello-Töne und liebliche Melodien. So lassen sich aus den tiefgründigen Liedern immer wieder neue Geschichten lesen, die nach Liebe, Schmerz, Dunkelheit und Licht klingen. Grund genug, der 21-jährigen Kölnerin mit der bezaubernden Stimme einige Fragen über ihre Musik, Vergangenheit und Rolle als Künstlerin zu stellen. kinki magazine: Du warst Sängerin der Kölner Elektro-Band ‹Malk›. Was war der Grund für die Trennung von Malk?

Jeanne Kaiser: Das hatte private Gründe, irgendwie hat es einfach nicht mehr gepasst. Ausserdem war mir schon immer klar, dass ich als Solo-Künstlerin arbeiten muss, denn ich möchte bei meiner Musik keine Kompromisse eingehen. Bei Malk habt ihr ein ausgeprägt hedonistisches Party-Image gepflegt. Als Jeanne trittst du eher melancholisch auf. Wie kam es zu diesem Stimmungswechsel?

Ich würde das nicht als Stimmungswechsel bezeichnen. Malk war eine Phase, in der ich mich selbst und eine für mich neue Art der Ausdrucksform ausprobieren musste. Es war sozusagen eine Findungsphase. Aber ich denke, dass man mit der Zeit zur Ernsthaftigkeit des Lebens findet und deshalb war diese Neuorientierung die einzig logische Entwicklung für mich. 64

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Es klingen ziemlich viele verschiedene Einflüsse in deinen Songs mit. Produzierst du alles selbst?

Ja, deshalb hört sich auch nicht alles so konsistent und teilweise auch laienhaft an. Beeinflusst worden bin ich von verschiedenen Ecken heraus, denn ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, habe zwölf Jahre lang Cello gespielt und mir selbst das Klavierspielen beigebracht. Tatsächlich komme ich aus einer Musikerfamilie, mein Vater ist selbst Sänger. Ich bin Autodidakt und versuche alles, was ich musikalisch um mich herum wahrnehme, für meine Musik zu nutzen. Als Kind meiner Zeit bin ich natürlich auch mit aktueller Clubmusik in Berührung gekommen, deren Energie mich unheimlich inspiriert.

‹Ich habe immer alles gegeben.›

Von was handeln deine Texte? Kann man das überhaupt pauschal beschreiben?

Ich trenne nicht zwischen Text und Musik, für mich sind das nur zwei verschiedene Ebenen, um dieselben Gefühle auszudrücken. Meine Musik – und damit auch meine Texte – sind die Essenz dessen, was ich in meinem Leben erfahren konnte. Sie handeln von Schmerz und Schmerzverarbeitung und sind das Persönlichste, was ich von mir preisgeben kann. Ich habe viel Mist erlebt, aber auch schon ganz wundervolle Momente erfahren dürfen... Auf deiner MySpace-Seite war der Slogan ‹Keep the streets empty for me› zu lesen. Was steckt dahinter?

Das ist ein Zitat von ‹Fever Ray›, die ich sehr verehre. Ich habe oft vor meinem Auge das Bild einer menschenleeren Strasse. So fühlt sich für mich meine Musik an. Man muss sich im Leben immer wieder durchbeissen und hat mit so vielen Problemen und negativen Emotionen zu tun, die von den Mitmenschen

beeinflusst und damit von aussen gesteuert werden. Manchmal wünsche ich mir deswegen leere Strassen. Aber bitte versteh mich nicht falsch: ich bin kein melancholischer Typ. Im Gegenteil denke ich, dass ich sehr wohl das Leben auch zu geniessen weiss. Das sieht man. Du trittst zum Beispiel gerne auch mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne auf. Welche Rolle spielt dabei die Sexualität für deine Musik?

Eine bedeutende Rolle, denn Liebe und Sex – als wichtiger Teil der Liebe – beschäftigen mich und meinen Kreativprozess in grossem Umfang. Sexualität und meine eigene Weiblichkeit sind unweigerlich mit meinem Gefühlsleben verknüpft. Ich bin ein impulsiver Typ und habe immer alles gegeben. Das will ich auch nicht missen und bereue keine der Nächte, in denen ich mich und meinen Körper als künstlerischen Ausdruck meiner Persönlichkeit eingesetzt habe. Es kommt ja auch immer darauf an, ob man als Künstler verstanden wird. Welche Verantwortung hat deiner Meinung nach der Musiker gegenüber seinem Publikum?

Für mich ist es eine der wichtigsten Aufgaben des Künstlers, ‹echt› zu sein. Das Publikum hat das Recht auf Authentizität. Wie soll man einem Musiker vertrauen, der auf der Bühne etwas verspricht, das er nicht einzulösen vermag. Es ist doch das grösste Geschenk eines Künstlers, wenn er das Publikum einlädt, an seinen Emotionen und Gefühlen teilzuhaben. Wenn die Leute diese Geste honorieren und sich auf die Einladung einlassen, ist die dadurch gewonnene Intimität zwischen Publikum und Künstler mit Geld nicht aufzuwiegen. Weitere Bilder von Jeannel findet ihr auf www.kinkimag.com. Mehr Info zu Jeannel gibt’s auf www.myspace.com/jeannejjj.


Das Publikum hat ein Recht auf Authentizit채t.

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…and you will know me by the trail of ink

Conrad Keely entführt seine Fans nicht nur auf der Bühne als charismatischer Front-­ mann der Band ‹…And You Will Know Us by the Trail of Dead› in fremde Welten, sondern liefert ihnen mit seinen mystisch anmutenden Zeichnungen auch die Bilder zum epischen Soundtrack seiner Songs. kinki traf den Mann mit dem unerschöpflichen Schaffensdrang bei seiner Ausstellung in Berlin. Text und Interview: Teresa Mohr

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ontagabend in der Berliner Torstras­ se. Vor der Lowdown Gallery hat sich eine ansehnliche Schar Indie-Publi­ kum versammelt. Man trinkt Biobier und wartet auf das Erscheinen von Conrad Keely und Konsorten. Der ‹Trail of Dead›-Frontmann lässt hier erstmalig in Deutschland die Früchte seiner, so sagt er, wahren künstlerischen Be­ stimmung ans Licht: detailreiche, verschnörkelte Zeichnungen mit grösstenteils im Fantasystil ge­ haltenen Motiven. Nachdem die Fans das Aus­ stellungs-Gimmick, ein wunderschönes ‹Trail of Dead›-Akustik-Set, abgegriffen haben, beant­ wortet der vom Promo-Run gezeichnete King of Bombast-Rock im zartroten Licht des GalerieHinterstübchens unsere Fragen, zeigt Zeichnun­ gen von Heino und greift auf die seiner Meinung nach lebensrettende Methode des ‹Apfelrau­ chens› zurück: ‹Ohne das würden wir keine Tour überleben.› Wer braucht schon Vitamine, wenn man einen Kugelschreiber, ein bisschen Hasch und einen Apfel in der Tasche hat? kinki magazine: Man bekommt den Eindruck, du stündest unter dem Zwang, ständig Output zu produzieren. Was ist der Motor all dessen?

Conrad Keely: Ich denke, das ist wirklich ein gewisser Zwang, ein kreativer Impuls. Manchmal hast du das Gefühl, dass du selbst sehr viel unwichtiger bist als das, was du tust. Ich habe eine gewisse Rolle, die anschei­ nend darin besteht, die Welt zu verschönern. Leute kaufen meine Drucke und hängen sie in ihr Wohnzimmer. Ihre Freunde kommen vor­bei und wollen mehr darüber wissen. Mein Werk ist so viel grösser als ich selbst – ich selbst hätte nie die Möglichkeit, das Leben anderer in demselben Ausmass zu berühren, ihnen einen derartigen Anlass zum Fantasieren zu geben. Bei mir fing es schon als Kind an, dieses grosse Staunen. Wenn ich bei anderen Leuten war, habe ich mir ihre Plattensammlun­ gen angesehen, das Artwork stundenlang betrachtet. Die Fähigkeit des Staunens: wenn ich sie auch nur in einem Menschen wecken 66

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kann, ihm damit helfen kann, seine eigenen Visionen zu entwickeln, dann hat das, was ich tue, einen Sinn. Du hast gerade schon von deiner Kindheit gesprochen. Wann hast du angefangen, dich mit dem Zeichnen auseinanderzusetzen?

Als ich zwei Jahre alt war. Die Sache mit der Musik fing viel später an, mit zwölf. Da hatte ich mich bereits zehn Jahre lang mit dem Zeich­ nen beschäftigt, schon eine gewisse künstle­­rische Entwicklung hinter mich gebracht. Kunst war etwas, über das ich mich als Person identifizierte, und Musik war das, was ich sein wollte. Etwas, woran ich arbeiten musste. Das war eine Herausforderung, während die Kunst mir wie etwas Natürliches, Grundlegen­ des von der Hand ging.

‹Die Leute lieben die Fiktion, sie haben das Bedürfnis sich wegzu­ träumen.› Ergänzen sich denn Musik und Kunst?

Zeichnen gibt mir manchmal überhaupt erst die Möglichkeit, über Songs nachzudenken. Auf eine andere Art und Weise, als wenn du vorm Klavier sitzt und dir sagst: ‹So, jetzt schreibe ich einen Song. Jetzt ist Song­writingZeit.› Man kann da eine verdammte Woche lang sitzen bleiben, ohne das irgendwas pas­ siert. Aber manchmal, wenn ich zeichne, entstehen Ideen für Songs wie von selbst. Ich gehe kurz zum Klavier, nehme auf, zeichne weiter, und dann kommen mehr und mehr Ideen dazu. Warum ist der Grossteil deiner Motive so fantastisch?

Ich bin mit ‹Herr der Ringe› und ‹Die Chroniken von Narnia› aufgewachsen. Vieles davon ent­

stand aus der Hässlichkeit des 20. Jahr­ hunderts heraus. Zwei Weltkriege, die welt­weit angeschlagene Wirtschaft. Aus all dem ent­­wickelte sich eine Generation von Künstlern und Autoren, die eine neue, bessere, fantastische Welt sahen. Tolkien war einer von ihnen. Die Fantasie, die ich reflektiere, ist be­ einflusst von der Computergeneration, der Vor­ stellung des Cyberspace, einer neuen Dimen­ sion – ich denke da an Spiele wie ‹World of Warcraft› u.a. Man meint, dass wir uns von der Vorstellung fantastischer Welten wegbe­ wegen, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Leute lieben die Fiktion, es ist ihnen ein regel­rechtes Bedürfnis sich wegzuträumen. Für mich sind die Bilder, auch wenn sie so aussehen, gar nicht so fantastisch. Man könnte sagen, dass die Darstellungsweise zwar fantastisch ist, aber viel wichtiger ist die Aussage. Der Junge mit dem Totenschädel ist beispielsweise ein Sinnbild für die Sterblichkeit, und das Bild, auf dem Krishna gegen den Löwenkopf kämpft, ist eine Metapher für das Tier im Menschen, das gegen den Intellekt kämpft. Du schreibst Songtexte und du zeichnest. Hast du jemals darüber nachgedacht, beides miteinander zu koppeln und ein Buch zu verfassen?

Oh ja. Seit Jahren arbeite ich schon daran. Das Problem ist, dass es viel Zeit braucht, ein Buch zu schreiben. Ich arbeite schon seit ich 15 bin, also seit 20 Jahren, an einem FantasyRoman. Es gibt eine Menge grosser, riesen­ grosser Konzepte und Ideen, von denen ich weiss, dass ich sie mit Hilfe von Kunst und Musik nicht realisieren kann und mich deshalb zur Literatur hinwenden muss. Das wird das nächste Kapitel in meinem Leben sein. Ich kann mich dem noch nicht widmen, auf Tour kann man kein Buch schreiben. Der literarische Aspekt ist in meinen Augen der Gipfel der kreativen Tätigkeiten. – Und irgendwann in den nächsten Jahren gelingt mir das auch noch. Fotos: Matthias David


‹Die Fantasie, die ich reflektiere, ist beeinflusst von der Computer­ generation.›

Conrad Keely ist nicht nur ein Meister der mystischen Kunst, sondern auch ein wahres Arbeitstier. Bei seinem Auftritt in der Berliner Lowdown-Gallery erlaubt er seinen Fans einen Einblick in seine malerische und musikalische Gesamtkomposition.

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‹playlist› Unsere Lieblings-DJs stellen ihre All Time Favourites vor. The Goldfinger Brothers: DJ Montes & DJ La Febbre 03:46

A Tribe Called Quest: Award Tour Wir schreiben das Jahr 1993 – the golden age. Das ist alternativer Hip Hop mit Köpfchen und viel Jazz und definitiv kein Plastikscheiss! All ihre Alben stehen bei uns im Regal. Und der Griff zum Fach erfolgt noch immer regelmässig. Wer gräbt, der findet die gesampelten Originalstücke von ATCQ – wahre Perlen sind das. Can I kick it? – Yes, you can!

03:24

Tre Cani: Dimmi (feat. Ganglords) Nach Tempo Al Tempo der Grund, warum wir überhaupt angefangen haben, Beats zu schustern. Das ist unser Sommerhit – Cheers Ganglords! Tre Cani ist CalabriaElectroHipHopTarantella mit 4-Wheels-Drive-Turntablism. Tre Cani ist 3 x 33,33 Prozent Rebel Entertainment. An dieser Stelle noch ein bisschen Eigenwerbung: Das Debutalbum ‹Ho Fame›, was ‹ich habe Hunger› auf Italienisch bedeutet und nicht etwa ‹Bitch Fame›, wie so manche meinen, gibt’s im Fachhandel zu kaufen.

04:09

Gwen McCrae: All This Love That I’m Giving

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ie der Name verkün­ det, verfügen die Brüder DJ Montes & DJ La Febbre über ein goldenes Händchen, was Musik anbelangt. Doch nicht nur ihre Handfertigkeiten, sondern auch ein auserwählter Musikgeschmack, glänzendes Taktgefühl und das Ta­ lent, die passende Platte im rich­ tigen Moment zu ergreifen, haben ih­ nen zum Titel ‹The Goldfinger Brothers› verholfen. In der Schweiz kommt man um die zahlreichen Auftritte des Ge­ schwisterpaars in den bekanntesten Clubs nicht umhin. Ihre ersten Schritte übten sie gekonnt an zahl­ reichen DJ-Battles, aus denen sie rückblickend mit etablierten Par­ tyreihen wie ‹Beat Busters›, ‹Soulsugar› oder ‹Block Party› und einer eigenen Radio-Show als Sieger hervorgehen. Der Sound, mit

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dem die Brüder bis über die hel­ vetischen Grenzen hinaus das Nacht­ leben aufmischen, bewegt sich erwartungsgemäss im Hip-HopBereich. Jedoch stellen sie ihr Beat- und Scratchvermö­gen auch an musikalischen Abstechern zum Funk, Reggae oder Electroboogie un­ ter Be­weis. Und auch die heimi­sche Rap-Szene kommt um DJ Montes und DJ La Febbre nicht herum, ihre Beats und Scratches zieren die Alben zahl­reicher Schweizer RapKünstler wie Greis, Baze, Black Tiger oder Aman. Wer auch ausser­ halb der Nachtklubs und des Schweizer Rap dem musikalischen Finger­­­spiel der Brüder horchen will, der kann sich ihre Radio-Show auf Radio DRS Virus einmal wöchent­ lich reinziehen. www.myspace.com/thefamousgoldfingerbrothers

Mit dieser Nummer hatten wir zu DMC-Zeiten zwei fette Routines am Start. Der Track ist einfach eine Bombe. Ein zeitloser Klassiker. Zieht euch die Nummer ‹90% Of Me Is You› rein, das war ein Sample, das wir damals mit Tempo Al Tempo verwertet haben. Oder der Partytune ‹Funky Sensation› (Kenny Dope RMX) – very DISCO! Can you feel it? The Funky Sensation?

04:15

Roots Manuva: Witness (One Hope) Deep’n’darker UK Hip Hop mit krass Bass, gewürzt mit Dub, geprägt durch elektronische Musik, ein Pionier des Grime! Das erste Mal am Nottinghill Carnival in London gehört und komplett durchgedreht – wicked!

03:17

J-Dilla: E=Mc² Produzierte Alben für Common, Slum Village, A Tribe Called Quest, Busta Rhymes, The Pharcyde etc. Das JaylibAlbum ‹Champion Sound› ist einer unserer Favoriten. Danke für die Inspiration. Manche sagen, er sei überbewertet, aber für uns bleibt er ein Genie – R.I.P.!

03:42

Dave Pike Set: Mathar Schwarzes Gold. Diese Platte haben wir über Jahre gesucht und schliesslich bei unserem Dealer gefunden. Sehr indisch, aber massiv funky!

07:22

M.I.A.: Galang Reduced to tha max! Beats mit der Groovebox, darauf stehen wir! Von Peaches inspiriert und Santigold als Extension gehen wir rüber zu den Cool Kids, den schwarzen Beastie Boys von heute, mit per Reason minimalistisch produzierten Beats, 808 Sounds und Rap mit relaxtem Flow. Sonnenbrille aufsetzen, Fenster runter, Ellbogen raus, Anlage aufdrehen und loscruisen. In der gleichen Linie steht der USMusiker und DJ ‹DIPLO›, der für M.I.A. ‹Bucky Done Gun› produzierte – geht auch ganz steil die Nummer. Er hat sein erstes Album auf Big Dada veröffentlicht, wodurch sich der Kreis wieder schliesst, ’cause we love UK, way out Label, massive Tunes, Mash up, Phatness Productions, MENTAL! God save the Queen!

02:41

Dr. Dre feat. Snoop Dogg: Next Episode The Safety Track. 1000x gehört, gewünscht, gespielt, geliebt, daher ein Masterpiece – unbedingt das Intro zur 2001 Next-Episode-Live-Tour ‹Up In Smoke› auf YouTube reinpfeifen und geniessen! Goosebumps garantiert!

03:41

Beastie Boys: Paul Revere Das Album ‹Licensed To Ill› hat wohl jeder irgendwo im Regal stehen. Ebenso hat jedermann zu ‹Fight For Your Right› gepogt und den Refrain laut mitgejohlt: to paaaaaaaarteeeeeeey! Produziert von Master Rick Rubin, einer der wohl wichtigsten Produzenten der letzen 20 Jahre, behaupten wir. Vier Liveauftritte gesehen: in Fribourg im Fri-Son, in NY im Madison Square Garden, im Zürcher Hallenstadion und in Basel in der St.Jakob-Halle. Mix Master Mike (Member of The Invisible Scratch Piklz) war damals auch eines unserer ganz grossen Idole! Wir haben alle Mixtapes. Dafür hat es sich gelohnt, das Tape-Deck im Auto nicht gegen den CD-Player auszuwechseln.

03:18

Serge Gainsbourg: 69 Annee Erotique Lääääck, unser Heavy Petting Song! Interview: Florence Ritter Foto: Gina Folly


Organizer: freestyle.ch AG, Zurich

Organization / Design: FAF AG, Zurich; Illustration: Roger Zürcher

Host City

Keine Parkplätze. Anreise mit ÖV. Kombi-Tickets am Bahnhof erhältlich.

Vorverkauf


‹soundcheck› Nach diesen Scheiben wirst du süchtig. Wer jetzt noch kein Open-Air-Ticket ergattert hat, der wird statt matschiger Füsse und unvergesslicher Konzerte wohl oder übel mit einem Platz auf der Couch und den Fernsehübertragungen vorliebnehmen müssen. Unser Reviewnator sorgt allerdings dafür, dass diesen Sommer auch die Daheimgebliebenen noch zu Musikzwecken aus dem Haus kommen, denn für diese Neuerscheinungen lohnt sich der Gang zum Musik­laden definitiv! 

Für Tanzabende in der Retrospektive

Deastro: Für Retrotänzer

mit absoluter Gewissheit zum Fonzie der Synthie-Pop-Generation befördert werden. Statt Leder­jacke und Moped gibt es jedoch opulente Soundwelten, erschaffen durch klassisches Songwriting. Während MGMT und Empire of the Sun wenigstens noch etwas Berechnung zulassen, packt der intellektuell wirkende Musterschü­ler aus Detroit seine Songs derart dicht, dass man ihm nicht glauben möchte, er sei von einer Kirchenchorleiterin gefördert wurden, die auch schon Kid Rock unter ihren Fit­tichen hatte. Wunder gibt es eben immer wieder.

Deastro ist ein Mamakind. Zumindest musikalisch. Der erst 22-Jährige wirkt nämlich wie ein ausgebuffter Freak, der sich lieber seine Zeit in Muttis Keller mit dem Basteln neuer alter Soundwelten vertreibt – in die er sich dann auch getrost zurückziehen kann – anstatt mit den anderen Kindern zu spielen. Auch wenn er die anderen alle doof findet, schon sehr bald dürfte Randolph Chabot vom eigenbrötlerischen Wunderknaben zum allseits geliebten Lady-Checker aufsteigen. Das zumindest erwartet man von einem, der Songs zu gleissendverschlingenden Supernovä werden lässt, die mit den 80s flirten Regina Spektor: Für Trampfeifer und mit den 90ern ins Bett gehen. Regina Spektor? Da fällt meistens Falls daher ersteres nicht zutref­eine Phrase: ‹Die Alte hat einen fen sollte, dürfte er zumindest

Pfeifend summen im Tram

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an der Waffel. Und wie.› Aber diese aussergewöhnliche Künstlerin schreibt Songs, die ihresgleichen suchen. PopHymnen: treibend, eindringlich, sympathisch, ehrlich, emotional, authentisch, einfach eigenwillig. Und dennoch wehrt sich ein Album wie ‹Far› nicht dagegen, zu sein was es ist: ein Popalbum in Reinkultur. Pianoballaden, zart und zerbrechlich, Gassenhauer, melodisch und treibend. Regina Spektor schreibt Stücke, die man noch tagelang in der Tram oder im Büro vor sich hersummt und damit langsam aber sicher seine Mitmenschen in den Wahnsinn treibt – man kann sich dieser grossen Melodien einfach nicht entziehen. Wäre Regina Spektors Musik eine Krankheit, so wäre es eine schleichende. Ein Virus, den man mit blossem Auge nicht sehen kann, doch wenn er sich erstmal in seinen Wirt eingenistet hat, wird man ihn so schnell nicht mehr los. Der einzige Unterschied: man tut alles, um seinen kleinen Freund nicht mehr zu verlieren, denn Songs wie die erste Single ‹Laughing with›, ‹The Calculation› oder auch ‹Folding Chair› werden zu stillen Begleitern in allen Lebenslagen – traurigen wie munteren. Warum man Regina Spektor einfach lieben muss? Weil sie musi­ziert, wie aus dem Leben gegriffen: zu keiner Zeit berechenbar. Wäre

Natasha Bedingfield ein wenig mutiger und Adele ein bisschen avantgardistischer, sie würden dennoch nie die Grösse einer Regina Spektor erreichen. Sei es nun musikalisch oder charismatisch. Das etwas durch­ geknallte Fräulein ist eben authentisch und das macht ihre Musik umso wertvoller. Ihr russisch-amerikanisches Naturell erübrigt da den Rest.

Für die behaglichen Momente des Sommers

Siva: Für Sommernachtsträumer

Nicht alles, was alt ist, ist auch schlecht. Nicht alles, von dem vermeidlich der Putz abblättert, ist von gestern. Nicht alles, was auf den ersten Blick verblasst scheint, ist auch wirklich farblos. Bei näherer Betrachtung entfalten sich auch


scheinbar graue, alt eingesessene Dinge und rufen Erinnerungen in den prächtigsten Bildern, Tönen und Farben in unser Gedächtnis zurück. Und genau so verhält es sich mit der Musik von Siva. Nicht dass die Musik des deutschen Vierers blass wäre. Ganz im Gegenteil! Die jungen Berliner verstehen es, Popmusik früherer Jahre mit dem Rock der letzten Modewellen zu verbinden und garnieren ihre prächtigen Buketts mit elektronischen Grusskarten und allerlei beatgeladenem Grünzeug – heraus kommt dabei ein bunter Strauss blütenreichster Poptracks, die zum Tanzen und Nachdenken gleichermassen inspirieren. Jeder Track ist wie ein alter Kumpel, den man zwar seit Monaten nicht gesehen hat, beim Treffen aber dennoch den Eindruck hat, als wäre man sich erst gestern über den Weg gelaufen. Musikalisches Déjà-vu könnte man so etwas nennen. Gekonnte Retrospektive der musikalischen Errungenschaften der letzten Jahre wäre jedoch passender – zumindest aus der Sicht der Hauptstädter. Gemütlichen Pop machen Siva ohne Frage, aber ein bisschen Wahnsinn schwingt in Songs wie

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‹Spies in the trees› oder ‹Misery box› dennoch mit: ein bisschen Radiohead hier, ein wenig Air da, fertig ist ein Soundkonstrukt, das aktueller nicht sein könnte und dennoch mit eigenem Charme zu überzeugen weiss. Ein Grund mehr, alte Freundschaften wieder aufzufrischen.

Schwelgen in erhabenen Momentaufnahmen

The Butterfly Effect: Für Freiluftmosher

Es gibt sie noch, diese Bands, die einen aus dem Nichts treffen

und nicht mehr loslassen wollen – doch das ist heutzutage eher die Ausnahme. Aus diesem Grund wird dies hier eine Art ‹Dankesbrief›: Danke, dass es noch Acts gibt wie The Butterfly Effect, die auf kommerzielle Ambitionen pfeifen und sich lieber ihrer eigenen Ansicht von perfekter Rockmusik widmen. Danke, weil es nicht viele Platten wie ‹The Final Conversation of Kings› gibt, die einerseits so eingängig, mitreissend, fast schon episch daherkommen und dennoch auch etwas für den anspruchsvollen Hörer zu bieten haben. Danke für berauschende Melodien, vertrackte Groove-Parts und sphärische Gitarrenwände. Danke auch, dass es noch Labels gibt, die Künstlern wie den anspruchsvollen Australiern seit Jahren die Treue halten, obwohl es für den grossen internationalen Durchbruch auch nach der dritten Platte noch immer nicht reichen sollte. Danke, weil es Spass macht. Danke, weil es Bands wie The Butterfly Effect sind, die dem schon zum alten Eisen geschobenen Genre des Progressive-Rock neues Leben einhauchen und es derart modern und soundgewaltig verpacken, dass es Laien wie

Musikkennern gleichermassen gefällt. Danke, weil es fordert und unterhält zugleich. Danke auch, dass es sich wieder lohnt, sich mit einer Platte auseinanderzusetzen, auf der es bei jedem neuen Durchlauf neue Details und Phrasierungen zu entdecken gibt. Danke für eines der besten Rockalben der letzten Jahre. Statt in einen Kessel mit Zaubertrank ist Florian Hennefarth aka Henne aka The Reviewnator als Kind in eine 3000-WattBox gefallen. Seitdem kann er ohne Musik nicht mehr leben und durchlauscht für uns alle relevanten Neuerscheinungen.

9.7.2009 13:45:51 Uhr

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What Th’Mole

Die Musikszene kennt ihn als Energiebündel im Superhelden­ kostüm, das über das Gute in der Welt rappt: The Mole aka Th’Mole ist der wohl aussergewöhnlichste Ver­fechter des Underground-Raps unserer Zeit. Text und Interview: Florence Ritter

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as Leben als Musikjournalistin ist dieser Tage nicht ganz einfach. Während früher das Musikspektrum klein und die gespielten Musikstile einfältig und leicht definierbar waren, tummelt sich heutzutage eine ganze Armee von Hybriden auf dem Schlachtfeld der Musik. So geschehen und gehört beim amerika­n­ischen Künstler Th’Mole aka Jonah Mociun. Seinem Sprech­gesang ist es zu verdanken, dass man ihn zumindest der Kategorie Rap zuordnen kann, mit dessen Vertretern er sich schliesslich auch auf Tourneen oder auf seinen Alben des Öfteren umgibt. Als weitere Reduktion kann der Rap-Kategorisierung noch das charakterbestimmende Kürzel ‹independent› vorgelegt werden, das seine Berechtigung aus Th’Moles eigenem Record Label, ‹Mo­ tion Recordings›, schöpft.

Experimental Fusion

Der musikalischen Kulisse seines Sprechgesangs zugewandt, gerät man doch etwas in Verlegenheit: Th’Moles Musik ist ein Schmelztiegel aus tausendundeiner Stilrichtung, sie in Worte zu fassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Um mir Erleichterung zu verschaffen, frage ich den Künstler selbst nach einer Beschreibung seiner Musik. Die Antwort fällt erstaunlich nüchtern aus: ‹Ich würde meine Musik als eine Mischung aus allem, was mich beschäftigt und was ich mag, beschreiben. Ich mixe elektronische und akustische Sounds.› Klar, so genau überlegt sich das wohl kein Musiker, des Weitern fährt er über die treibende Kraft fort: ‹Ich vermische gerne unterschiedlichste Musikrichtungen, weil ich die Idee von Fusion mag. Ich möchte etwas anderes, eigenartiges machen, indem ich alles Mögliche verschmelze.› Etwas Eigenes machen, will im Zeitalter der Individualisierung jeder, Th’Mole würde ich dieses Siegel aber ohne Zögern zugestehen. Aus seinem progressiven Fusionierungsdrang entstehen nämlich kaum klassifizierbare Beats zwischen Breakcore, elek­ tronischen Klängen und Niemandsland, ein Potpourri aus Genres, Subgenres und allem, was ihn in seinem Musiklabor sonst noch ereilt. Von den zahlreichen Endprodukten gibt es wohlklingende Meisterstücke wie ‹Mutamigradaptation› aber auch mal schräge, experimentaltriefende Alben wie ‹Whirlwind World›, die man sich nicht länger als fünf Minuten auditiv zufügen kann. Schon im Kindesalter wusste Jonah, dass er der schnellen Sprachkunst verfallen war und dass sie ihn auf seinem Weg begleiten würde: ‹Ich wusste es, als ich die erste Musik hörte, die mir 72

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gefiel. Es war eine Platte von «The Fat Boys». Damals war ich zehn Jahre alt und begann meine eigenen Rapsongs zu schreiben.› In seiner Pubertät hörte der als sehr ruhig geltende Jonah Hip-HopMusik von Gruppen wie den Beastie Boys und Public Enemy und begann selbst Tapes aufzunehmen. Später erweiterten sich seine musikalischen Einflüsse um Beck und Weezer. Und auch über die Musikindustrie informierte er sich ganz genau, um ihr später geistesgegenwärtig den Rücken zu kehren.

Do it the independent way

‹Ein independent Rapper zu sein bedeutet, dass man mehr Freiheiten hat und seine Kunst selbst bestimmen kann. Ich denke auch, dass es schwieriger ist, man muss vielleicht kreativer sein, um independent zu sein. Ich weiss es nicht. Aber es ist für mich der einzige Weg›, erklärt mir Jonah. Ein independent Artist zu sein bedeutet aber auch, seine Shows und Reisen selbst zu planen und mit Zug und Gepäck durch fremde Länder zu ziehen. Übernachtet wird dabei zumeist in den Wohnungen der Veranstalter, bei netten, aber fremden Leuten, mit denen man einzig die Liebe zur Musik teilt, die einen über die Jahre hinweg aber meist zu Freunden eint. Man trifft auf interessante Menschen und auf gute Musik und auch für gemeinsame Auftritte mit anderen amerikanischen Wortkünstlern des Untergrunds bieten sich sowohl in Europa als auch in Amerika immer wieder Möglichkeiten. Th’Mole tanzt durch seine quirlige Bühnenpräsenz, seine Texte und seine Biografie vor allem auch innerhalb der Rap-Gemeinde aus der Reihe. Ganz nach seinem Vater, der laut Th’Mole halb Künstler, halb Arbeiter und schon immer sehr einzigartig war: ‹Mein Vater ist ein Lebenskünstler, der gerne Witze erzählt. Er lehrte mich immer, nichts von dem zu glauben, was ich höre. Er hat mich gelehrt, Fragen zu stellen. Meine Mutter ist gestorben, als ich 10 Jahre alt war, das hat meinen Charakter sicherlich auch stark geprägt.› Auf den kleinen europäischen und amerikanischen Bühnen, die für Jonah Mociun die Welt bedeuten, macht er seinem Ruf als Vertreter des Nicht-Kategorisierbaren dann alle Ehre. Als überzeichneter Comic-Charakter im Heldenkostüm – früher im Maulwurfskostüm – hüpft und tanzt er über die Bretter, rappt Texte wie ‹Go, Horsie go!› in trabendem Tempo und verziert sein Gesicht mit allerlei Grimassen, welche die Rap-Qualität nicht im Mindesten beeinträchtigen. Textlich wird von humorvollen Verwünschungen der Ex bis zu Kinder­

liedern, in denen erklärt wird, weshalb man seine Zähne putzen soll, alles geboten.

Captain Daydream

Im Interview erfahre ich dann auch mehr über Jonahs Hang zur kunterbunten Welt der Kinder und seine Zukunftspläne: ‹Je nachdem, wieviel Geld ich übrig habe, wenn ich von der Tour zurückkehre, werde ich meinen alten Job im Lebensmittelladen wieder aufnehmen oder eben nicht. Aber so oder so werde ich meinen Fokus auf Kindermusik richten. Mein Alter Ego heisst Captain Daydream und wir sind schon an Geburtstagspartys und Schulevents aufgetreten. Ich möchte mich verstärkt darauf konzentrieren und eine TV-Show für Kids entwickeln.› Captain Daydream macht ähnliche weirdo Musik wie Th’Mole, nur sind Kostüm und Auftritt etwas gesitteter, schliesslich sollen die ganz Kleinen nicht verschreckt werden. Seine frühere Arbeit als Erzieher möchte Th’Mole nun also mit seiner Passion fürs Musikexperiment fusionieren lassen und seine Message den Kindern dieser Welt, die laut Jonah viel empfänglicher für Spass und für positive Botschaften sind, weitergeben. Und die Message selbst: ‹Be nice and happy!› Und Jonah fügt hinzu: ‹Wenn man weiss, wieviel Scheiss auf der Welt vorgeht, ist es einfach, sich auf die schlechten Dinge einzuschies­ sen. Das hilft aber nichts. Es ist besser, gute Dinge zu unterstützen und sich auf das Positive zu konzentrieren.› Doch manchmal wäre er tatsächlich gerne ‹klein und blind wie ein Maulwurf›. Sein Gesamtkonzept dient nach dieser Auslegung dem Kampf gegen den weltlichen Pessimismus, ein Kampf gegen die Windmühlen und Wolkenkratzer des Negativen, den er hoffentlich noch lange mit dem Mikrofon fuchtelnd führen wird. Auf www.kinkimag.com findet ihr Musik­ clips von Th’Mole sowie persönliche Tagebucheinträge über Dinge, die einem independent Rap Artist auf Tour so zustossen, auffallen und abhanden kom­ men. www.myspace.com/themole www.dalycityrecords.com Foto: Pierre Grasset 


Manchmal wäre Th'Mole am liebsten klein und blind wie ein Maulwurf. Meistens rappt er sich dann aber doch lieber als Verfechter des Guten durch den Untergrund, anstatt sich vor den nega­ tiven Einflßssen der Welt zu verkriechen.

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Zwei Nordlichter auf Reisen

Vor Kurzem tourten die zwei nor­d­ischen Singer-Songwriter­­­innen Ane Brun und Nina Kinert durch Europa und beehrten auch die Schweiz. Mit ihren einfühlsamen Stimmen und ihrer je­weils eigenen Art verzauberten sie das Publikum. Sowohl auf der Bühne als auch im Interview traten die Damen einzeln wie gemeinsam auf und zeigten, dass sie sich – trotz augenfälliger Unterschiede – gekonnt er­ gänzen. Text und Interview: Florence Ritter

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eit geraumer Zeit hat sich die skandina­ vische Grande Dame des Song­writing, Ane Brun, in die Herzen all jener ge­ spielt, die sich gerne von akustischer Gitarre, Piano und wohligen Sinnesklängen um­ garnen lassen. Obgleich in musikalischer Hinsicht eine Spätzünderin, war ihr sehr schnell grosser Erfolg beschieden. Bis anhin sind sechs Alben veröffentlicht worden, auf denen Ane zwischen Country, Folk, Blues und Pop schwelgt und damit eine treue Zuhörerschaft in Europa und insbe­ sondere in ihrer Heimat Norwegen und Schwe­ den bezirzt. Als gebürtige Norwegerin zog sie von ihrer Heimatstadt Molde nach Bergen und Oslo, zwischenzeitlich auch nach Barcelona, und schliesslich der Liebe folgend nach Schweden, wo sie unverhofft musikalisch Fuss fasste. Dieses Jahr tourte Ane Brun begleitet von der schwedischen ‹Märchenfee› Nina Kinert durch Europa. Zu meiner Freude konnte ich die beiden Liedermacherinnen bei ihrem Konzert in der Schweiz zu einem Gespräch bei Kaffee und Ku­ chen treffen. Zuerst sprach ich mit Ane, dann kam Nina hinzu und schliesslich verliess uns Ane… Entstanden ist ein Interview in allen möglichen Konstellationen. kinki magazine: Seit wann machst du Musik?

Ane Brun: Ich mache Musik und singe seit ich 21 bin, vorher habe ich wahrscheinlich auch oft gesungen, aber niemals für jemanden oder vor anderen. Eher zufällig habe ich in die Musikwelt gefunden, als ich eine alte Akustik­ gitarre meiner Familie mit nach Oslo nahm. Gelernt habe ich eigentlich etwas anderes: Ich habe ein Jahr Spanisch, dann Jura, dann wieder Musik- und Kulturgeschichte sowie Musik-Improvisation studiert. Als ich mein ers­ tes Album veröffentlichte, war ich gerade an meiner Abschluss­arbeit in Kulturgeschichte. Diese ist dann auf der Strecke geblieben. Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Irgendwie melancholisch und mit persönlichen Lyrics auf Englisch. 74

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Ane Brun ist eine skandinavische Licht­ gestalt – so be­zau­bernd und betörend wie ihre Lieder.


Bist du in musikalischer Hinsicht Autodidakt? stärker betont, zurück. Nina ist – anders als Ane – Die feine Aura von

Absolut, ich habe mir das Gitarrespielen sel­bst beigebracht, indem ich Musiker, die ich mochte, nachgespielt habe.

An dieser Stelle wird das Interview von Nina Kinert unterbrochen, die mit Hut und Luftigkeit in den Saal wirbelt, und sich zu uns gesellt. Ane macht auf mich einen sehr freundlichen, ruhigen und zu­ rückhaltenden Eindruck, der ganz meinen skandi­ navischen Klischeevorstellungen entspricht. Der aus Stockholm stammenden Nina kann man diese Wesenszüge und Verhaltensweisen hingegen nicht zuschreiben. Nina Kinert spricht laut, macht Witze und teilt sich gerne mit.

musikalisch eher ausserhalb ihrer Heimat erfolg­ reich. Obwohl die musikalischen Einschläge bei­ der Musikerinnen von Country über Folk und Blues bis Pop reichen, erzeugen sie jeweils eine ganz unterschiedliche Wirkung. Ninas Lieder klingen nach unkonventionellem Pop mit einem prägnanten Folk-Einschlag, ihr Gesang ist glasklar und durch­ dringend, weit weniger warm als Anes charisma­ tische Stimme. Man weiss nicht genau, welchen Worten man trauen soll und welchen nicht, doch wähnt man sich mit ihr sowieso in wohliger Sicher­ heit, denn alles, was Ninas Lippen ausformulieren, klingt verspielt, märchenhaft und auch humorvoll.

Nina Kinert wird durch ihre klare Stimme weitergetragen.

Wie würdest du deine Musik beschreiben? Ihr wart schon oft in Skandinavien auf Tour, gibt es Unterschiede zum Touren im restlichen Europa?

Nina Kinert: Ich denke, besonders in der Schweiz ist es eigentlich sehr ähnlich. Der Lebens­standard ist vergleichbar, die Natur und die Leute ebenso. Das ist recht witzig, weil man Schweden und die Schweiz in Amerika oft verwechselt. Ane Brun: Es ist sehr einfach, mit Schwei­z­ern zu kommunizieren, Schweizer sprechen gut Englisch. Wir waren vor ein paar Tagen in Mailand, das war ganz anders. Wir haben abends mit den Leuten diniert, das war ziemlich seltsam, wir haben uns überhaupt nicht verstanden, von der Sprache wie vom Tem­ perament her. Nina Kinert: Die waren so italienisch, so laut und fröhlich und wir sind eben doch sehr schwedisch und reserviert und haben natürlich kein Wort verstanden.

‹In Schweden fungiert eine Eule als musikalische Muse.›

Würdet ihr eure Musik als typisch skandi­ navisch bezeichnen?

Ane Brun: Ich denke, dass die Musik, die aus Schweden und Norwegen kommt, stark von amerikanischen und englischen Einflüssen geprägt ist, deshalb weiss ich nicht, ob wir un­ seren Stil skandinavisch nennen können. Nina Kinert: Wir werden auch oft gefragt, wes­ halb so viel gute Musik aus Schweden kommt, ich würde gerne antworten, dass unser Musik­ talent von den langen Nächten herrührt und von einer grosse Eule, die mitten in der Nacht über den Hügeln wacht und allen, die um sie geschart sind, musikalische Muse verteilt. Dann wäre also die grosse Eule dafür verantwortlich, dass es in Schweden so viele tolle Musiker gibt. Ane Brun: Kennst du Heidi Happy? Ich habe ihr eben auf MySpace geschrieben und gefragt, ob sie Lust hätte, heute Abend auf die Bühne zu kommen und ein Lied mit uns zu singen. Ich habe sie in New York kennen gelernt.

Das ist sehr schwierig. Ich würde sagen, dass sie irgendwie verträumt und weiblich ist. Ich denke auch, dass es viele junge Mädchen gibt, die meine Musik hören, vor allem das neue Album. Das Publikum meiner ersten Alben war etwas älter als die neueren Zuhörer. Wenn ich beispielsweise in die Niederlande fahre, stehen immer viele Mädchen in der ersten Reihe. Das gefällt mir sehr. Ich bin auch ein Mädchen! Ich finde das wirklich schön, wenn andere Mädchen verstehen, worüber ich singe und was ich zu vermitteln versuche. Was inspiriert dich?

Ich lasse mich gerne von Filmen inspirieren, von David Lynch, Tim Burton, Filme haben mich schon immer beeinflusst, schon als Kind. Anfangs war ich von der kleinen Meerjungfrau besessen, weil sie sang, dann kam das Phantom der Oper, beides Storys, die sich um eine Frau drehen, die mit ihrer Stimme alle Leute verzaubern konnte. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Später bin ich zum Star Wars Fan geworden. Als sehr inspirierend empfinde ich auch das Reisen: man lernt so viele Leute kennen, die interessant, anders oder auch seltsam sind, ich mag verrückte Dinge. Ich gehe oft spazie­ ren, das reinigt meinen Geist. Und Träume beeinflussen mich auch sehr. Im Moment träu­ me ich sehr viel und total absurd, das ist manchmal sehr anstrengend. Oft sind unsere Träume aber gar nicht mehr so verrückt, wenn man mal überlegt, was für abge­fahrene Dinge wirklich existieren. Zum Beispiel Okto­ poden, die Hunderte Meter tief im Wasser leben. Das ist unglaublich, wenn man sich das überlegt.

Nach dem angenehmen Gespräch am Nachmit­ tag ist auch das Konzert am Abend eine Wonne der Entspannung und eine Wiege guter Musik. Nina tritt, optisch einer Wahrsagerin mit riesigen Fledermausärmeln und überlangen Wimpern äh­ nelnd, mit der Cellistin Linnea Olsson als Vorband auf. Sie weiss sich zu präsentieren, sich auch am Piano sitzend tänzerisch zu bewegen und das Pu­ blikum mit ihrer überwältigenden, feinfühligen und gleichzeitig starken Stimme zu bezirzen. Auf Nina folgt Ane; in einem schlichten, eleganten schwarzen Kleid legt sie in gewohnter Manier mit komplexem Gitarrenspiel los. Auf der Bühne ist Nun muss Ane zu einem anderen Interview, ich sie in ihrem Element, sie beherrscht ihre Gitarre bleibe mit Nina Kinert und ihrem grossen azur­ und ihre Stimme dermassen gut, dass sie den blauen Hut, der die klaren blauen Augen noch ganzen Raum erfüllt. Noch schöner und vielfältiger

wird das Bühnenbild als Nina Kinert und Linnea Olsson die Grande Dame als Backing Vocalists begleiten. Ein Dreiklang ausserordentlicher Stim­ men bietet den begeisterten Zuschauern einen aussergewöhnlichen Hörgenuss, und man merkt, wie sich Nina Kinert als zweite Stimme gesanglich und auch von der Bühnenpräsenz her geradezu zurückhalten muss. Und zum Schluss ergänzt – wie versprochen – Heidi Happy das Trio, ein wirk­ lich starkes Programm! Die Zeit ist wie im Flug vergangen – einem langen, seichten, wunder­ schönen Flug, der einen später als gedacht sanft in der dunkeln frühsommerlichen Nacht absetzt. Und nun hält sich auch das Publikum (mit Applaus) nicht mehr zurück! Das ganze Interview findet ihr auf www.kinkimag.com. Weitere Informationen zu den Sängerinnen gibt es auf ihren Websites: www.anebrun.com www.ninakinert.com Fotos: Promo

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Wer denkt, YouTube-Klick­ raten dienten als Grad­­­messer der popkulturellen Relevanz einer Bewegung, liegt damit sicherlich fast immer falsch. Im Falle der japanischen Northern Soul Szene erzählen die sechsstelligen Klicks aber wirklich eine wahre Erfolgsgeschichte. Text: Mathias Bartsch

Northern Soul in Japan

Schicht anpassten und damit charttauglicher wa­ ren. So wurden viele Singles von den kleinen La­ bels eben nur in geringen Stückzahlen produziert, da für mehr einfach kein Geld da war. Heute sind es gerade die geringen Auflagen, die Sammler an­ spornen und die Preise für die raren Tracks oft explodieren lassen.

Schweisstrei­ bender Tanz unter dem Fujiyama.

Nach englischem Vorbild kopiert und doch mit eigener Note: in Japan erlebt die Northern Soul Szene eine asiatische Renaissance.

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ie aktivste Szene findet man aber nicht in den Metropolen sondern in Osaka, dem industriellen Rückgrat Japans. Kei­ ne zufällige Parallele zu den Anfangs­ tagen des Northern Soul in England, wo er ja ebenfalls nicht in London, sondern in den Arbeiter­ städten im Norden, wie Manchester oder Wigan, aus der Mod-Bewegung entstanden war. Die Mods hörten am Ende der 60er-Jahre neben der Beatmusik, Ska und Rocksteady auch amerikani­ schen R&B und Soul, der vor allem schnell und beatlastig aus den Amps kam. Als der Soul dann in den 70er-Jahren weichgespült wurde, wider­ setzte sich nur der Norden dem Zeitgeist und blieb bei den härteren Stompern, während die neuen Stile wie Modern Soul oder Phillysound das trendige London eroberten. Aus diesem Ge­ fühl des Widerstands entwickelte sich das wich­ tigste Element des Soul: das fanatische Sammeln von Soulmusik aus der Anfangszeit des Genres. Damals gab es eine riesige Vielfalt an tollen schwarzen Künstlern, die aber meist nur auf klei­ nen Labels unterkamen. Der Kampf um Absätze war von vornherein verloren gegen die Majors wie ‹Motown› oder ‹Stax›, die sich mit ihrem Soul den Hörgewohnheiten einer weissen Mittelklasse76

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Ausgangspunkt. Die japanische Szene gibt sich beim Dresscode verspielter und in Sachen Attitü­ de auch etwas lockerer als in England. Zwar feh­ len auch hier nicht die obligatorischen ‹Badges› in Form von Fred Perry T-Shirts und Levi’s Sta Prest Hosen, doch die erhobene linke Arbeiterfaust sucht man dann doch vergebens. Japan wäre aber nicht Japan, wenn sich nicht auch diese Szene hauptsächlich über das Internet ver­ netzen würde. So findet man überwiegend Blogs und Plattformen statt Magazinen, über die man sich gegenseitig mit den neuesten Dates und News versorgt. Daneben gibt es zwar noch kleine­ re Fanzines, aber mehr auch nicht. Womit ein wei­ terer Punkt in Sachen Authentizität abgehakt wird. Denn die ursprüngliche Northern Soul Bewegung war nie darauf bedacht, sich medial im Limelight zu präsentieren. Hochglänzende Mags passen einfachen nicht zum puristischen Anspruch der Szene. Im Mittelpunkt steht die Musik und in Japan speziell der exzessive Tanz.

In Osaka ist vor allem die Veranstaltungsreihe ‹Osaka Manifesto› der Fahnenträger der Bewe­ gung geworden. Von den Machern rund um die DJs Ryo Kitaaki und Izumi Sawamoto bzw. die La­ bels ‹Nude Restaurant› und ‹Bootsy Records› werden die schweisstreibenden Allnighter in den Clubs der Stadt organisiert. Zwar stellt auch in Ja­ pan das Volumen der Plattensammlung des DJs ein unverzichtbares Qualitätskriterium dar, doch Info unter: der Hauptunterschied zu Europa ist der stärkere Weitere www.osaka-manifesto.org Fokus auf den Tanz. Dieser hat hier mindestens www.sakurahill.com/soulstylist den gleichen Stellenwert wie die Musik, was www.osakatwistandshout.com http://toodarnsoulful.hp.infoseek.co.jp/home.html vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Szene definitiv jünger ist als hierzulande. Immer­ Fotos: www.photocase.com hin gilt Northern Soul in Europa mit knapp 40 Jah­ ren als eine der dienstältesten Musikbewegungen. Auf jeden Fall sind die All­ nighter in Japan Veranstal­ tungen, die immer an das körperliche Limit gehen, ob­wohl sichtlich weniger Drogen und Alkohol im Spiel sind als sonst. Der szenetypische Tanzstil be­ steht übrigens aus einer Vielzahl von geradezu ak­ robatischen Einlagen. Aus einem Basisschritt heraus werden die sogenannten Spins, Flips oder Back­ drops ausgeführt. Was ir­ gendwie erstmal fies nach rhythmischer Sportgym­ nastik klingt, bei den japa­ nischen Cracks aber durch­ weg elegant wirkt. Für zahlreiche spätere Tanz­ formen wie zum Beispiel Raritäten und akrobatische Tanzeinlagen? Bei den japanischen Breakdance war der Nort­ Musikalische Partys sind nicht die DJs, sondern die Tänzer die Könige der Nacht. hern Soul ja auch der klare


10. September im Kino

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13. AuguST IM KINO 13.

August

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J.C.

Fotografie David Spaeth

Produktion Patricia Kempf Haare Ahmet Bilir Styling Nora Erdle Assistenz Florian Winges Model Jean-Cedric Sow Danke an chris cut

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Sakko: Paul Smith, Blouson: Vintage Salon Vow, Hose: Helmut Lang, Slipper: Vintage Salon Vow kinki

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Hemd: Raf Simons 80

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Trenchcoat: Vintage Salon Vow, Pullover: Acne, Hose: Acne kinki

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Anzug: Raf Simons, T-Shirt: Acne, G端rtel: privat, Slipper: Vintage Salon Vow 82

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Hemd: Acne, Weste: Raf Simons, Hose: Vintage Salon Vow, Doc Martens: Raf By Raf Simons, Str端mpfe: Falke 84

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Trenchcoat: Vintage Salon Vow, Hemd: Polo Ralph Lauren, Krawatte: Vintage Salon Vow kinki 85


Hemd: Acne, Jeans: Vintage Salon Vow, Slipper: Vintage Salon Vow 86

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Poloshirt: Raf By Raf Simons, Hose: Acne kinki

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‹vive la fragrance › Wohlgerüche für Fortgeschrittene. Einsam, zweisam, dreisam…

Ein Flotter Dreier für die Nase: ‹Eau de Sisley› wird gleich im Drillingspaket geliefert und hat für jede Situation die richtige Duftnote parat.

Bezirzt nicht nur die tragischen Helden der Antike, sondern auch den modernen Mann: ‹L’Eau de Circe› der Parfumerie Générale.

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bwohl ich eine cinophile Ader mein Eigen nenne, gehöre ich in dieser Hin­ sicht trotzdem zu den Spätzündern. Denn selbst als lang­ jährige Batman­Verehrerin habe ich mir ‹The Dark Night› erst auf DVD reingezogen. So auch letzthin Woody Allens Oscar gekrönte Hom­ mage an die kulturelle Hauptstadt Spaniens: ‹Vicky, Cristina, Barcelona.› Nun haben mich beim Betrachten des Filmes nicht nur die raue Schön­ heit der katalanischen Umgebung und des unwiderstehlichen Javier Bardem völlig begeistert, sondern auch die darin aufgezeigte Handlung. Denn in diesem Leinwandspek­ takel stehen Liebe, Leidenschaft, Sex sowie viele Irrungen und Wirrungen im Zentrum. Oder die Frage, warum man sich entgegen jeglicher Ver­ nunft immer wieder auf sogenannte gefährliche Liebschaften, ja sogar Dreiecksbeziehungen einlässt. Wes­ halb diese, ehrlich gesagt doch sehr erfrischenden Liebesgrüsse aus Spanien auch mich zum Nachden­ ken angeregt haben. Und das ganz besonders über eine Geschichte, die mir neulich bei einem abendlichen Tête­à­tête unter Freunden mit Antipasti und Rotwein geflüstert worden ist. Dabei soll die Freundin einer Freundin einen Bekannten haben, der sich zum einen in einer wunderbaren Beziehung befindet, zum anderen aber immer mal wieder am Honigtopf naschen muss. Mit letzterem sind natürlich eine oder mehrere andere Frauen gemeint, von welchen dieser Herr anscheinend nicht die Finger lassen kann. Nun stellt sich hierbei die Frage, woran solch ein Benehmen liegen mag. Ist es der unstillbare Fortpflanzungs Fortpflanzungs­ drang des männlichen Wesens? Vielleicht ist es – wie von Schauspie Schauspie­ lerin Olympia Dukakis im ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichneten Movie ‹Mondsüchtig› so schön formuliert – gar die Angst der Männer vor dem Tode? Oder sind schluss schluss­ endlich nicht die Männer schuld, sondern muss man vielmehr jene

verführerischen Weibsbilder zur Re­ chenschaft ziehen, welche ihre Opfer mit nahezu magischen Tricks becircen? Würden diese Damen während ihrer Beutezüge jeweils den fabelhaften Duft ‹L’Eau de Circe› der Parfumerie Générale (Eau de Parfum, 100 ml um CHF 273.–) tragen, wäre letztere Frage mit einem deutlichen JA zu beantworten. Dieses Parfum von Pierre Guillaume wurde nämlich nicht von ungefähr nach der Tochter des griechischen Sonnengottes Helios benannt. Denn Circe hat nicht nur den listen­ reichen Helden Odysseus umge­ hauen, sondern wird auch so man­ chem Manne – ob dieser nun ‹in einer Beziehung› ist oder nicht – auf traumhafte Weise die Sinne rauben. Zumindest infolge der famosen Zusammensetzung des gleichnami­ gen Duftes, bestehend aus Flieder, Damaszener Rosen, Amber und Honigbalsam. Weshalb ‹L’Eau de Circe›, neben roten Pumps von Christian Louboutin, vor allem von der ‹ewigen Geliebten› getragen werden sollte, sich zuweilen aber auch an der perfekten Freundin, Ehe­ frau oder Mutter gut macht. Ferner ist seit diesem Frühling klar, dass eine vollendete ‹ménage à trois› nicht immer im Bereich der Sagen und Le­ genden angesiedelt sein muss. Denn das französische Kosmetik­ Unternehmen Sisley hat mit seinem duften Trio ‹Eaux de Sisley› (Eau de Toilette, je 100 ml um CHF 165.–) klar bewiesen, dass man auch zu dritt eine Menge Spass haben kann. Und zwar ganz ohne Tränen. So steht die neue Parfumlinie für Fanta­ sie, Leichtigkeit und schlichte Ele­ ganz, wobei die ‹Nummer 1› – kom­ biniert mit Mandarine, Jasmin, grünem Tee und Moschusnoten – blumige Akzente setzt. Der zweite Duft im Bunde verkörpert hingegen mittels Kardamom, Bergamotte, Rosen und Alpenveilchen die sanfte Sinnlichkeit einer Frau, während sich ‹Eau de Sisley 3› mit Orangen­ sowie Aprikosennuancen, Patchouli und Vetiver restlos betörend prä­ sentiert. Und einem somit die Qual der Wahl überlässt. Oder hat Maria Elena alias Penelope Cruz in Woody Allens ‹pièce d’amour› etwa doch recht, wenn sie sagt: ‹Nur unerfüllte Liebe kann romantisch sein›? Schon als kleines Kind bewies Irène Schäppi, unsere Kolumnistin und Duft-Fetschistin, einen guten Riecher. So zum Beispiel, als sie mit vier Jahren den elterlichen Schlafzimmerteppich mit dem damals angesagten Eau de Parfum (!) von Valentino tränkte. Illustration: Raffinerie


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Über Stock, Stein und Wolkenkratzer hinweg scheint die untergehende Sonne Kaliforniens bis zur Labelbasis nach Brooklyn, wo die Letter ‹Mociun› im rot-orangen Abendlicht glänzen. Offensichtlich haben die Kleider der amerikanischen Jungdesignerin Caitlin Mociun die eigensinnige Wildheit, Sonnenzugewandtheit und Strandverbundenheit ihres Heimatstaates Kalifornien bewahrt und erstrahlen so, verfeinert mit Musterkreationen aller Art, im Big Apple – bereit die Garderoben der Frauenwelt zu illuminieren. Text und Interview: Florence Ritter

Urban Hippie Chic

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rints wohin das Auge reicht! Bei ‹Mociun› gehört die Bemusterung der Kleider zum Konzept, ebenso wie Retro-Schnitte, Ungezwungenheit und der Fokus auf Nachhaltigkeit. Kein Wunder, schliesslich schneidert und designt Caitlin Mociun, ihres Zeichens Textildesignerin, seit 2005 an ihrem Label und ihren Kleidern. Nachdem sie einige Jahre lang von der Textilindustrie in die Knie gezwungen wurde, verwandelte sie den Fusstritt aus einem Textil-Job in einen Aufbruch in die Selbständigkeit. Eigen­ sinnig wie ein Appaloosa – die Pferderasse, der sie sich in rebellischen Kinderjahren zugehörig fühlte – schneiderte, designte und bedruckte sie zunächst noch Stoffe auf dem Fussboden ihres Wohnzimmers, bis ihr Label Mociun langsam aber stetig in professionellere Ebenen aufzusteigen begann. Jahr für Jahr reihen sich nun Frühlings- an Herbstkollektionen mit Namen wie ‹the cabinet of natural curiosities›, ‹judas and the chocolate grinder›, ‹naming ceremony› und zuletzt ‹the vast expanse›, und noch immer erledigt die beflissene Modemacherin den grössten Teil der Arbeit selbst, nur punktuell lässt sie sich von Assistenten unter die Arme greifen.

Seefahrer, Berufswünsche und Weltenbummler

Doch standen die Sterne nicht immer günstig für Caitlins Weg als Modedesignerin: ‹Als ich in der Mittelschule war, wollte ich plötzlich Modedesignerin werden. Im Laufe meines Textildesign-Studiums verlor ich aber irgendwie das Interesse am Designen von Kleidern. Dennoch machte ich mei90

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Das Label Mociun ist eigensinnig wie ein Appaloosa.

Die Mode von Caitlin Mociun macht natĂźrliche Frauen noch schĂśner und einzigartiger.

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Der Schmuck wie die Kleider von Mociun werden in NYC produziert, tragen die kalifornische Sonne aber augenscheinlich in sich.

Mociuns Mode appelliert an die Individualit채t und das Verantwortungsbewusstsein der Tr채ger.

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Die Bauhaus-Bewegung ist oft als Referenz in Mociuns Designs wiederzufinden.

nen Abschluss, danach nahmen die Dinge ihren Lauf und schliesslich endete ich trotzdem als Designerin. Heute liebe ich meinen Job›, lautet Caitlins ungeschminkte Begründung ihrer Berufswahl. In pastellfarbenen Tönen und mit Humor gepudert liest sich hingegen ihre Biographie auf ihrer Website: Da ist von ihrem Vater, dem Seefahrer Tony Mociun, zu lesen, von ihrer Angst vor Kojoten, ihrer störrischen Zeit als Appaloosa, von ihrem stillen Bruder Jonah sowie der Unsesshaftigkeit ihrer Familie, mit der sie sechs ihrer Jugendjahre auf Reisen durch Europa und Asien verbrachte und die Welt entdeckte.

Wiege der Natürlichkeit

Gegenwärtig bietet Mociun auf ihrer Website ein breites, schmuckes Angebot feil, das sich über die letzten Jahre im Mode- und Schmuckbereich profiliert hat und bald durch selbst designte Schuhe und Kunstbücher erweitert werden soll. Der gemeinsame Nenner der dargebotenen Produkte ist einerseits, dass sie alle ‹Made in New York› sind: ‹Viele der Stoffe, die ich kaufe, kommen aus China, jedoch lasse ich sie an der Ostküste der USA, in der Nähe von NYC, bedrucken. Und auch die Kleidungsstücke und der Schmuck werden alle in NYC produziert›, sagt Caitlin. Andererseits soll ihre Mode die Individualität eines jeden bestärken und durch ihre Kombinierfreundlichkeit dazu ein­ laden, um Teile aus dem privaten Kleiderschrank ergänzt zu werden. Ebenso appellieren ihre Stücke auch an das Verantwortungsbewusstsein. Auf-

grund dieser Einstellung trägt ihre Modelinie das Öko-Siegel, obwohl sie selbst nicht zu den Personen gehört, die sich einzig mit Öko-Produkten eindecken: ‹Ich kaufe alles Mögliche, bin mir der Auswahl, die ich treffe, aber stets sehr bewusst. Ich mag zum Beispiel Second-Hand-Läden, weil das eine Form von Recycling ist. Ausserdem kann man die tollsten Sachen finden, die sonst niemand trägt.› Auch in ihrem Label setzt Caitlin auf Nachhaltigkeit: ‹Für meine Kleiderlinie versuche ich immer Materialien zu benutzen, die nur einen geringen Einfluss auf die Umwelt haben, zum Beispiel Fair-Trade- oder Mill-End-Stoffe. Ich hoffe, dass meine Mode so auch Leute anspricht, die sich ähnliche Gedanken zum Thema Umwelt machen.› Der stärkste und überzeugendste Charakterzug von ‹Mociun› ist meiner Meinung nach die Unaufdringlichkeit, die sich in den Schnitten, den Prints bis hin zur visuellen Präsentation niederschlägt. Die Mode von Mociun wird von retrospektiv orientierten Formen geleitet und legt die gestalterische Sensibilität ihrer Macherin offen zu Tage. Eben diese spiegelt sich auch in der auffallend stark vertretenen Gemustertheit ihrer Kollektionen, und entstammt natürlich einhellig ihrer Feder.

rien. Die Exponate dort inspirieren mich oft sehr stark.› Und als weitere Eingebungsquellen verrät sie: ‹Ich liebe Textildesign, also sehe ich mir immer und überall Textilien an. Konstante Anregungen schöpfe ich aus traditionellen amerikanischen Stoffen, aus Schmuck und Kunst sowie der Bauhaus-Bewegung, diese Referenzen sind in meinen Kleidern oft wiederzufinden.› Von Kunstrichtungen oder auch mal von Pflanzen oder Tieren animiert, entsteht so das Textildesign, das ihren Kleidern den individuellen Anstrich verpasst, der vermutlich nicht jedermann anspricht, was aber auch nicht weiter stört, da ja nicht die grosse Masse eingekleidet werden soll. Jedenfalls sind es die ungewöhnlichen Drucke, die auch zum unverkrampften Vintage-Bezug verhelfen. Es resultiert ein HippieRetro-Style – wie ihn sicherlich auch Chloë Se­ vigny mögen würde. Statt überstilisierten Menschen präsentieren dann auch natürliche schöne Frauen Schmuck und Mode auf liebevoll und wunderschön inszenierten Fotos, die wohl jeden Betrachter in ihren Bann ziehen. Als einziger Wermutstropfen bleibt, dass die Designerware dann doch durch Fair-Trade, New Yorker Produktion und Einzigartigkeit einen entsprechenden Preis fordert. Aber dann ergötzen wir uns eben an den stimmungsvollen Bildern und warten auf bessere Zeiten in unserer Geldbörse.

Als Inspiration für die Textildesigns lässt sie gerne Kunst auf sich wirken: ‹Als Fokus oder Thema jeder Kollektion wähle ich oft einen oder zwei Künstler. Ich war schon immer sehr kunstinteressiert und besuche noch heute viele Museen und Gale-

Modefotos: Alyson Fox Schmuckfotos: Lena Corwin Weitere Info unter: www.mociun.com.

Muster, Bauhaus und Leichtigkeit

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‹vertreter› Über die wichtigsten Schuhe von 1900 bis heute. Name: Arizona Geburtsjahr: 1964 Typ: Sandale Hersteller: Birkenstock

Birkenstock Sandalen bieten ihrem Träger während LSD-Trips und im Bioladen einen physiologisch vorteilhaften Stand – und passen neuerdings sogar zu rasierten Beinen!

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ie Erfolgsgeschichte von Birkenstock liest sich in etwa so spannend wie ein Auszug aus dem Alten Testament: recht dröge würde ich sagen, aber immerhin sprechen wir hier von einer Traditionsmarke, die ihren Anfang bereits 1774 nimmt. In diesem Jahr nämlich wird Johann Adam Birkenstock im kirchlichen Archiv der hessischen Stadt Langenberg als ‹Untertan und Schuhmacher› erwähnt. Rund 120 Jahre später eröffnet Nachkomme Konrad Birkenstock in Frankfurt am Main zwei Schuhfachgeschäfte und beginnt mit der Herstellung von Fussbetteinlagen. Während des Ersten Weltkrieges stellte Birkenstock dann die ersten orthopädischen Schuhe für Kriegsverletzte her. Der Clou am Schuh: das Fussbett ist der natürlichen Trittspur eines gesunden Fusses im Sand nachempfunden und garantiert so absolut gesunden Tragekomfort. Nach einigen Startschwierigkeiten beim Vertrieb – niemand wollte die klobigen Treter in sein Schaufenster stellen – folgte die Expansion und bald schon unterhielt der Familienbetrieb einen europaweiten Handel. Der spätere Nachkomme Carl Birkenstock verfasste 1947 das Buch ‹Fussorthopädie System

Birkenstock›, das damals das meistverbreitete Fachbuch für Fussorthopädie war. Wie gesagt, die Geschichte von Birkenstock ist bis zu diesem Zeitpunkt eher unsexy und sie wäre es auch geblieben, hätte nicht Ende der 1960er-Jahre die Hippiebewegung in den USA die Treter für sich entdeckt. Kein Wunder übrigens: frei gespreizt, kann der Fuss physiologisch korrekt abrollen und atmen. Zwanglos, der Natur folgend: Birkenstock ermöglicht dem Fuss, was die alternativen Lebensmodelle dem Restkörper versprechen. Der Schuh also als ‹Demonstration der Antigesellschaft›. Als dann 1983 die Grünen mit kleinen Birkenbäumchen unterm Arm, Wollpullis am Leib und Birkenstock an den Füssen in den Deutschen Bundestag ihren Einzug hielten, waren die Haus- und Freizeitschuhe längst auch in ausgesprochen ‹bürgerlichen› Haushalten ein Renner. Geprägt von Hippies und den Grünen waren die Birkenstock für die nächsten Jahrzehnte jedoch als Jesus- und Ökolatschen verschrien und so sollte es auch bleiben, ehe die Firma die Modelle ‹Madrid› und die Zehenstegsandale ‹Gizeh› in knalligen Farben und auch in Lack präsentierte. Vorbei sind die Zeiten, als schnarchige und müffelnde Hippies ihre langen Zehennägel aus den Sandalen hängen liessen. Dank der gepimpten Modelle und jüngerer Linien ist es Birkenstock gelungen, an die gepflegten, aber von LouboutinSchuhen geplagten Füsse der Hollywoodstars zu kommen. Diese entdeckten die Birkis vor ein paar Jahren wieder und präsentieren sie seitdem in Freizeit und Drehpausen. Stars wie Heidi Klum – die übrigens auch als Gastdesignerin für Birkenstock tätig ist –, Leonardo DiCaprio, Sandra Bullock und Modedesignerin Stella McCartney liessen auch uns Normalsterbliche wieder daran glauben, dass Birkis selbst nach über 45 Jahren noch durchaus was auf dem Kasten haben. Ob sie nun schön sind oder nicht, darüber kann man streiten. Aber letzten Endes ist es doch beruhigend, dass etwas gesund und immer noch modern sein kann. Neuerdings will uns Birkenstock übrigens weissmachen, dass sie auch echt Rock’n’Roll sein können, und kommt mit Totenköpfen aus Strasssteinen daher. Da muss ich aber eindeutig den Riegel vorsetzen und sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Text und Illustration: Anja Mikula


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Photographer: Roman Goebel, www.romangoebel.com Styling: Jessica Klimach, Optix Agency Hair & Make-up Artist: Lena Petersen, Viva Style Photographer assistant: Marcus Paarmann Model: Bruna Mattos @ Ford Models Europe Location: Feireiss Trendconsulting Berlin Retouching: Forest & Trees, Special thanks to Nikolas and Angie! kinki 105


‹media› Vom Umschlag bis zum Abspann. ‹Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns›, forderte Kafka einst von der Literatur. Und um etwas Abkühlung ist man dieser Tage ja wohl auch froh. So hoffen wir, dass unsere Auswahl auch diesen Monat wie ein Vorschlaghammer das gefrorene Nass in euch zu Crushed Ice zertrümmert und die vor­ gestellten Filme als Eisbrecher erster Güte euer Be­ wusstsein erweitern mögen. Wenn das nur mal kein Kopfweh gibt…

BUCH

für Absurditäten und humoristische Grenzgänge. In seiner Sendung ‹Mein neuer Freund› zeigte Ulmen dann nicht nur weitere humoristische Perlen, sondern bewies auch grosses Talent als Schauspieler und Zeichner von überdrehten Charakteren. Eine solche Figur, näm­Erschienen bei dtv, CHF 17.40 lich das nerdige Muttersöhnchen namens Uwe, erzählt uns nun auch seine Lebensgeschichte auf über 200 Seiten. Sein Leben verändert sich zu seinem dreissigsten Geburtstag nämlich drastisch, als seine Mutter durch einen tragischen Unfall ums Leben kommt, was den Christian Kracht: New Wave milchreis- und computersüchtigen Seien wir ganz ehrlich: Krachts letzUwe zwingt, endlich auf eigen­tes Buch war kein Höhepunkt en Beinen zu stehen. Zusammen mit seiner Karriere. Mit dem Verfassen seinem (erst 12-jährigen) Freund einer alternativen Weltgeschichte Thorsten, der ihm sowohl beim Nuss­ drang Kracht nämlich nicht nur in ein likör als auch in anderen Lebens­Genre vor, in dem man sich seit lagen mit Rat und Tat zur Seite steht, Christoph Ransmayrs ‹Morbus Kita- Christian Ulmen: Für Uwe muss Uwe sich nun im erbar­Im Fernsehen findet sich heutzutage mungslosen Alltag Berlins zurechthara› seine Lorbeeren schwer verdienen muss, sondern er vergass ja nicht allzuviel richtig Lustiges: finden, und erlebt einige ab­stru­Mario Bartsch scherzt über Frauen, se Abenteuer. Ein Buch für alle, denen vielleicht schlichtweg, dass seine wahre Stärke nicht im Kreieren frem- mittelmässige Stand-Up-Come­Ulmens schräge Figuren auch dians versuchen mit peinlichen Bett- beim hundertsten Mal An­-sehen imder Welten liegt, sondern vielmehr im gekonnten Mix zwischen verkapp- ­geschichten das Publikum zu er­ mer noch vor Lachen die Tränen heitern, Stefan Raab reisst schlechte in die Augen treiben. ter Ironie, bitterbösem Realismus Erschienen bei Kindler, ca. CHF 22.– und poetischer Arroganz des Dies- Witze über ein Fernsehprogramm, das auch er nicht wirklich zu be­ seits. Eine Sammlung solcher reichern vermag, und selbst Harald Meisterwerke, die beweist, warum Schmidt ist nicht mehr das, was Kracht zweifelsohne zur Neuen er einmal war. Doch ein grosses TaDeutschen Welle der zeitgenössilent hat die deutsche Fernseh­land­ schen Literatur zu zählen ist, schaft in den letzten zehn Jahren denfindet sich im Sammelband ‹New noch her­vorgebracht: Christian Wave›: Reiseberichte aus Afghanistan, der Mongolei, Paragu- Ulmen sorgte mit seiner skurrilen Fern­ seh­show ‹Unter Ulmen› jahrelang ay und vom Bodensee reihen

arrogant

sich dort an eine Science-FictionFilmversion von ‹Faserland› und ein Theaterstück. Wieso also in ferne Welten schweifen, wenn einem die hiesige noch so viele edle Hotelbars, Gala-Dinners und schlecht angezogene Menschen zu bieten hat?

penetrant

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elegant

100 Years of Fashion: Twentieth Century in Pictures Mode fasziniert die Gemüter seit jeher. Dieses Buch gibt einen fas­ zinierenden Einblick in 100 Jahre Fashion. Angefangen bei den viktorianischen Zeiten über das goldene Zeitalter der 20er-Jahre bis hin zu den Wirren des Krieges und deren Auswirkungen auf die Mo­ dewelt. Mit der Erfindung des New Look in den 50er-Jahren folgte eine Wende und eine Neuorientierung in die Zukunft. Weiter über die rebellierenden 60er und 70er, hin in die bunten 80er und ans Ende der 90er. Gezeigt wird eine Mischung von Catwalks in London sowie der Fashion und dem Style der Strasse, der ja seit jeher Auswirkungen auf die grossen Modehäuser dieser Welt hat. Kurz gesagt, ein Muss für alle Fashionliebhaber, die gerne auch die Geschichte dahinter wissen wollen oder sich einfach von sa­genhaften Modebildern ver­ schiedener Epochen inspirieren lassen möchten. Erschienen bei Ammonite Press, ca. CHF 22.–


unbekannt

DVD phänomenal

Patrick Hartl, Yvonne Winkler: Beyond Illustration Es gibt Fragen, auf die uns wohl niemand je eine befriedigende Ant­­wort liefern wird. So zerbrechen wir uns beispielsweise seit Anbeginn allen künstlerischen Schaffens darüber den Kopf, was genau Kunst denn eigentlich ist, woher sie kommt, was sie mit ihrem Erschaffer ge­mein hat und was mit der Gesellschaft. Und wahrscheinlich geht es bei diesen Fragen auch gar nicht unbedingt darum, sie wirklich zu be­ antworten, sondern vielmehr liegt der Reiz im Dialog selbst. So gingen auch die beiden selbständigen Illustratoren Yvonne Winkler und Patrick Hartl in ihrem Buch ‹Beyond Illustration› dem Wesen dieser Kunstrichtung nach, um uns zu beweisen, dass es selbst in dieser fast schon übersichtlich kleinen Sparte schwer fällt, zu definieren, was genau denn Illustration eigentlich ist: handgefertigte Scribbles, Colla­gen, com­putergenerierte Ausschmückungen von Publikationen oder möglicher­weise gar alles? Kunst oder Handwerk? Eine eindeutige Ant­wort werdet ihr wohl auch hier nicht finden, denn ganz ohne Fragezei­ chen kommt die Kunst nicht aus und wäre auch nur halb so spannend. Dafür werden die vielen Fragen und Diskus­sionsansätze in diesem Buch – wie der Name schon verrät – von etlichen internationalen Künstlern wie Antoine Revoy, Dice Tsutsumi, Nicholas Di Genova, Lucas Aguirre und vielen weiteren von verschiedensten Seiten her beleuchtet und illustriert. Viel wichtiger als das Warum ist nämlich immer noch das Wie.

JCVD Der neueste Film mit Jean Claude Van Damme. Nein, diesmal kein Trash. JCVD ist ein richtig guter, an­ spruchsvoller Film. Es handelt sich um eine aufs Kino übertragene Autofiktion, in der Van Damme sich selbst spielt. Man sieht den einstigen Actionsuperstar, wie er sich von Regisseuren billiger B-Movies anhören lassen muss, dass hier nicht Citizen Kane gedreht werde oder wie er von seinem Agenten mitgeteilt bekommt, Steven Seagal hätte ihm die Rolle weggeschnappt, weil er erstmals für einen Dreh bereit wäre, sich den Haarzopf abzuschneiden. Und wie Jean Claude, von Geldsorgen und indiskreten Taxifahrern geplagt, eine Bank in seiner Heimatstadt in Brüssel betritt, wo der Film sich ironisch in ein Action-Movie verwandelt. Der eher un­be­kannte französische Regisseur Mabrouk el Mechri, der auch das Drehbuch für JCVD schrieb, zeigt den Menschen hinter dem Star und die Diskre­panz zwischen Hollywood und Realität. Eine gelungene Persiflage auf die amerikanischen Action-Blockbuster. Erscheint am 24. Juli als DVD

radikal

Erschienen bei Publikat, ca. CHF 44.–

FILM

keinen Grizzly-Adams-Bart und Bierbauch haben darf. Art Linson, der selbst einige Erfahrung als Hollywood-Produzent gesammelt hat und Romanvorlage wie Drehbuch von Inside Hollywood schrieb, gewährt dem Zuschauer einen satirischen Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik. Dem Regisseur Barry Levinson und vor allem den Schauspielern gelingt es, die facettenreichen Charaktere der Agen­­ten, Stars und Ex-Frauen mit all ihren Macken und Marotten authentisch wirken zu lassen. Eine sehr subtile Komödie mit exzellentem SoundMy Bloody Valentine 3-D track. Übrigens eine IndependentNatürlich bin ich strikt gegen GewaltProduktion. Erscheint am 7. August als DVD verherrlichung, aber man muss das mal aus ästhetischer Perspektive sehen: Wenn da dem wie in Munchs ‹Schrei› blickenden Opfer so eine Spitzhacke in den Hinter­kopf gerammt wird, dass die bluttriefende Spitze genau aus dem rechten Auge vorne wieder rausragt – das hat was. Splatter, das ist l’art pour l’art, frei von moralischer Sinnstiftung, allein der Schönheit des Todes und Wahnsinns ergeben. Und auf wie viele Arten man doch stilvoll ab­ Radio Rock Revolution danken kann! Gerade flüstert man 1966. Radio Rock, ein Piratensennoch zu seinem Kinonachbarn, der, überträgt von einem Boot wie sehr einem der Nebendarsteller ausserhalb des britischen Rechtsda auf den Sack geht, wumms raumes sein Programm ins Ver­ hat sich das auch schon erledigt, weil einigte Königreich, in dem nicht nur er jetzt seine Eingeweide in den das F-Wort verboten ist, sondern Händen hält. Nur schade, dass das auch lediglich eine tägliche Dosis Remake von ‹Blutiger Valentins­­von 45 Minuten Popmusik ge­tag› hier nicht wie in den USA zum spielt wird. Dass die Piraten-DJs nicht Tag der Liebenden in die Kinos Johann Fuckin’ Bach auflegen, kommt. Wäre ein romantischeres dürfte sich von selbst verstehen. Wie Geschenk gewesen als Rosen. Gavin ins Mikro haucht: ‹Ich zwick Zumal in 3-D-Optik, wenn man sich der Nation in ihre Nippel.› Und dazu schützend die Hand vors Gesicht setzt er die Nadel des Platten­ hält, als Harry Warden einem die Spitzspielers auf: ‹Fire, I’ll take you to burn.› hacke in den Kinosaal wirft. Dann Radio Rock Revolution ist eine muss man nur noch den Arm um seiunterhaltsame Komödie, die vor alnen Valentin oder seine Valentina lem durch die charaktervoll ge­ legen und schon hört man innerlich spielten Radio-DJs und die glänzend Billie Holiday: But, don’t change inszenierten Oldies viel Charme a hair for me, not if you care for me, gewinnt. Da kann man bei der rudistay little Valentine... Kinostart: 13. August. mentären Handlung und dem etwas primitiven Humor à la Mr. Bean Peter Röschs grösstes (das ganze Kino lacht und man Trauma war es, als weiss nicht warum) schon mal ein kleiner Junge an der Kino­ kasse nicht in Beverly Auge zudrücken.

brutal

funksignal

Erscheint am 27. August als DVD und Bluray Was machen die kinki ­Redaktoren Florence Ritter und Rainer Brenner wohl, wenn sie nicht gera­ de Artikel schreiben? ­Lesen natürlich! Monatlich stellen euch die beiden L ­ eseratten deshalb an dieser Stelle das Neuste aus der Welt der ­Literatur und Kunstbücher vor.

Inside Hollywood Ben (Robert De Niro) ist Produzent in Hollywood und als solcher mit wichtigen Aufgaben betraut: zum Beispiel den Regisseur des neuen Thrillers mit Sean Penn in der Hauptrolle von der künstlerisch radikalen Entscheidung abzubringen, einen Hund zu erschiessen. Oder Bruce Willis stichhaltige Argumente zu liefern, warum er als Actionheld

Hills Cop III reingelassen zu werden. Heute geniesst er das ­Privileg, sich alles anschauen zu dürfen, was er will − und arbeitet nun schriftlich sein Trauma auf.

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Die Klowand des Web

Leise fliesst der Datenfluss aus Bildern und ein paar Linien Text vor sich hin: Porno, Katzen, Verletzungen, Nonsens. Die sekündlich erscheinenden Einträge bei 4chan.org vermitteln Dinge, die man nicht sehen will – und dennoch nicht wegsieht. Dinge, die man nicht lustig findet – aber sie wieder und wieder anschaut bis zum ‹lol›. Und vieles begreift man schon gar nicht. Text und Interview: Tom Hägler ‹Hey /ck/,/v/ here, I'm looking for some ideas for foods.›

‹1. Get batter. 2. Add sugar.›

S

o vermittelt ein aggressiv schauender Husky die Aussage ‹Quit whining, make life your bitch›. Auf dem nächsten Bild hat ein Mann sein erigiertes Glied neben den Kopf einer schlafenden Frau gelegt. Ein paar Seiten weiter verkündet Indiana Jones mit einem schlecht darüber gephotoshopten GhandiKopf, dass er jetzt ‹Indian Jones› heisst. Verwirrt? Ziel erreicht, denn die ‹/b/tards›, wie sich die 4chan-Nutzer nach dem populärsten 4chan-Forum ‹/b/› auch nennen, wollen vor allem verwirren und schockieren. Die universelle Erklärung, die all diesen Provokationen zugrunde liegt, heisst: ‹I did it for the lulz›. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Schadenfreude. ‹Lulz› ist eine simple Abwandlung von ‹lol› (laugh out loud), meint aber eher ‹über jemanden lachen, der sich aufregt›. Warum L. Ron Hubbard Scientology gegründet hat? He did it for the lulz! Hiroshima? For the lulz. Blocher wäre sicher ein lol wert und Piero Esteriore sowieso. Spätestens jetzt merkt man: Für die Sprache und den Humor der jungen und nerdigen 4chan-Community ist man schon mit 20 zu alt. Nicht überraschend

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also, dass 4chan von einem 15-jährigen Schüler geschaffen wurde. Der ist mittlerweile 21 Jahre alt, heisst bürgerlich Christopher Poole (im Internet ‹moot›) und wohnt in New York. Er entwarf die Webseite als Anime-Fanpage – weil er nichts Besseres zu tun hatte. Vorbild war das ähnlich aufgebaute ‹Futaba channel›-Imageboard aus Japan. Inzwischen ist 4chan eines der meist genutzten Foren im World Wide Web und bekannt als Schöpfungsort von sogenannten ‹Internet-memes›: Bilder oder Videos, die im Web für kurze Zeit eine grosse Popularität besitzen. Dazu gehören die ‹lolcats› (Bilder von Katzen mit unpassend komischen Sprüchen wie ‹I can has Cheezburger?›) oder das ‹rickrolling› (man gibt vor, jemandem einen wichtigen Link zu senden, verlinkt aber auf das Youtube-Video von Rick Astleys 80er-Hit ‹Never gonna give you up›). Auch das für kurze Zeit populäre Bild des kleinen Jungen, der genüsslich die Nase eines Schweins abschleckt unter dem Titel ‹You little bastard. You’ve killed us all.› ist ein typisches 4chan-Produkt. 4chan ist das ‹dunkle Herz des Internets› – wie Poole selbst sagt. Oder eben: die ‹Klowand des Web›, wie andere meinen. Und die wird so vollgeschrieben, wie keine andere: 400 Millionen Page-Impressions und 5,5 Millionen Besuche im Monat, 450 000 Posts pro Tag – einmal ‹reload› klicken und die Seite ist bereits wieder mit 20 neuen Bildern gefüllt. Grosse Zahlen. Doch dem 4chan-Gründer ‹moot› merkt man nichts davon an. Er ist ein ruhiger, sympathischer Typ ohne irgendwelche Business-Allüren. Er verdient keine sechsstelligen Beträge mit Pop-up-Werbung und aktualisiert seine Webseite vom Schlafzimmer in New York aus – weit weg von Silicon Valley. Und etwa so weit ist ‹moot› auch von den selbstüberzeugten und geschwätzigen Startup-Egos entfernt. kinki magazine: Moot, es gibt Leute, die haben Angst, dass das Internet mit dem ganzen Web 2.0 Zeugs zunehmend mit Nonsens überflutet wird.

Moot: Leider gibt es es viel Nonsens – man nennt es auch ‹Noise›. Und im Fall von 4chan gibt es speziell viel Nonsens. Ich verstehe, wieso einige Leute das als ‹Untergang des

‹Let's post some beauties!›

Internets› oder sogar als ‹Untergang der Kultur› sehen. Diese Verschiebung von den gehaltvollen hin zu den unsinnigen Diskussionen im Netz können wir ja tatsächlich auch am Beispiel von 4chan beobachten. Aber: Es gab Zeiten, da brauchte man eine Druckerpresse, um Dinge zu publizieren. Später vielleicht Kassetten – immer gab es Hürden, die gross genug waren, um Leute daran zu hindern, ihre Ideen mit anderen zu teilen. Jetzt haben wir das Internet und alles ist plötzlich so einfach. Und im Fall von 4chan ist es so einfach, wie es nur geht: Man muss sich nicht registrieren, es gibt nichts, was zwischen dem Benutzer und seinem Post steht. Es dauert wirklich nur 5 Sekunden, um etwas zu publizieren. Das Resultat ist dann halt eben auch mehr ‹Noise›. Diese Verschiebung, diese Öffnung ist aber schon seit hundert Jahren im Gang und ich denke nicht, dass es eine negative Sache ist. Es ist halt eine Veränderung – und Leute haben immer Angst vor Veränderungen. Was denkst du, was haben Seiten wie deine für einen Einfluss auf unsere Kultur allgemein?

Wir werden sicher nicht dümmer, wie alle meinen. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Leute ihre Köpfe benutzen. Ich sehe das nicht wirklich als Problem. Diese Veränderungen beobachten wir seit langem und sie werden jetzt durch das Internet beschleunigt. Daran müssen wir uns anpassen. In letzter Zeit tauchten Imageboards wie 4chan immer wieder im Zusammenhang mit Ankündigungen von Schiessereien an Schulen in den Medien auf. Was sagst du dazu?

Das stimmt. Es lief viel in den Medien über diese Falschmeldungen in Imageboards. Das ist traurig, denn es macht nur etwa 0,00001 Prozent des Inhalts aus. Meine Webseite ist riesig – wir erhalten ungefähr 450 000 Posts pro Tag. Das sind Millionen von Posts pro Woche. Und auch wenn nur einer von diesen eine Drohung ist, werden sich die Leute deswegen an dich erinnern. Natürlich ist es ein


‹you fucks are boring and predictable as shit›

‹Funny, i was thinking the same about you.›

i'm looking for a larger bike for myself soon. pic related, my current little baby

‹I'd like to drop some weight but I don't want to bulk out like a bro.›

te Philosophie. An eine Art ‹unsichtbare Hand›, wenn es um die Webseite und die Nutzer geht. Ich versuche wirklich, die Nutzer sich selbst zu überlassen. Ich will meine Community organisch wachsen sehen und glaube an eine Art Selbstmoderation durch diese ‹unsichtbare Hand› – fast wie ein ‹laissez-faire› also. Deshalb habe ich meine Vorrechte nie verwendet, um die Nutzer oder die Seite in eine Richtung zu lenken. Alles wurde durch sich selbst generiert. Daran glaube ich und ich denke, das ist auch wichtig für meine Persönlichkeit. Zweitens benutze ich 4chan selbst jeden Tag. Das erlaubt mir am Boden zu bleiben. Zum Beispiel könnte ich viel Geld verdienen mit nervenden Pop-up-Fenstern und mir vielleicht mittlerweile eine Yacht im Pazifik leisten. Aber ohne die Nutzer ist meine Seite nichts. Ich meine, ich bin selbst ein Nutzer – warum sollte ich anderen diese nervenden Pop-ups zumuten? Das ist ja das Problem, das grosse Firmen haben. Die benutzen ihre Produkte selbst nicht. Zum Beispiel ein CEO einer grossen Plattenfirma, der HipHop-Musik hasst, obwohl sein grösster Künstler ein Rapper ist. Ich bin sehr an meinem Produkt interessiert – das erlaubt mir einen gewissen Grad an Normalität zu bewahren, auch wenn dergleichen vielleicht nicht alltäglich ist. Schön zu hören. Was kommt als nächstes?

Problem. Wenn du halt jemandem erlaubst, zu posten was er will, lockst du immer Leute an, die Aufmerksamkeit suchen. Ich wurde einmal von einem Ermittler gefragt: ‹Warum benutzen Leute deine Webseite, um Drohungen zu veröffentlichen?› Worauf ich antwortete: Es ist ein guter Deal. Warum sollte man in einem leeren Kino ‹Feuer› schreien? Wenn du bei Leuten eine Reaktion auslösen willst, tust du das nicht da, wo es niemand liest oder hört. Also warum nicht auf 4chan gehen, denn da ist es erstens sehr einfach und zweitens sehen es Tausende von Leuten innert kürzester Zeit. Aber so ist es wohl einfach.

Also beneidest du die Typen von Google oder Zuckerberg von Facebook nicht?

Nein. Wirklich nicht. Viele Leute glauben mir zwar nicht. Die Leute, die ich am ehesten beneiden könnte, sind die, die die Kultur von 4chan kapitalisiert haben, also die ‹Memes›, die auf 4chan entstanden sind. Einige Leute haben damit viel Geld gemacht.

‹ Ohne die Nutzer ist meine Seite nichts. › Zum Beispiel?

Du hast 4chan gestartet, als du 15 warst. Jetzt, ein paar Jahre später, hältst du Vorträge an Konferenzen und Universitäten. Bist du eigentlich Milliardär mittlerweile?

Haha. Sicher nicht. Natürlich denken die Leute bei dem enormen Traffic, den meine Seite generiert, ich müsse sehr reich sein. Aber das bin ich nicht. Weit davon entfernt sogar. Das stört mich nicht wirklich, ich bin noch jung und habe noch nicht mal die Schule abgeschlossen – das ist meine Priorität momentan. Bis vor kurzem kannte mich ja fast noch niemand. 4chan war ein Geheimtipp – bis 2008 zumindest. Da haben das Time Magazine und das Wall Street Journal Artikel über uns gebracht. So bekamen auch Leute ausserhalb der Webszene mit, was 4chan ist. Allerdings hat sich diese grössere Bekanntheit nicht wachstumsfördernd auf die Seite ausgewirkt. Auch für mich persönlich hat es nicht sehr viel gebracht und resultierte nicht in den Möglichkeiten, die man vermuten könnte. Die grössere Bekanntheit hat also die Seite nicht beeinflusst und mich persönlich auch nicht – ich denke, das ist eine gute Sache.

Die ‹lolcats› wären das beste Beispiel. Es ist ein Phänomen, das auf 4chan zurückgeht. Und ein paar Leute machen viel Geld mit den ‹lolcats› – im siebenstelligen Bereich. Also viel Geld, während wir schauen müssen, dass wir keinen Verlust machen. Das ist ziemlich ironisch. Aber ich habe die Seite eben nicht mit der Absicht gemacht, Geld damit zu verdienen. Auch der Erfolg war zufällig, ich hatte Glück – also kann ich kaum jemanden kritisieren, der Geld mit meiner Seite macht. Schliesslich haben diese Leute gute Business-Entscheidungen getroffen. Wie könnte ich ihnen das übel nehmen? Ich meine, die Jungs von Google und Zuckerberg – die machen tolle Dinge, die auch ich gerne benutze. Ich freue mich für sie.

Vielleicht sollte ich endlich mal eine Antwort auf diese Frage vorbereiten. Ich werde sicher 4chan weiter betreiben, vielleicht sogar ausbauen und in mehreren Sprachen anbieten. Der Inhalt ist ja nur Bild und Text – wir können also zu irgendwelchen Themen neue Subforen anbieten. Momentan haben wir 40 Foren, vielleicht haben wir mal 100, wer weiss. Auf jeden Fall wollen wir die Seite schneller machen. Und: Wir wollen stolz sein auf unsere Seite. Derzeit bist du noch an deinem Schulabschluss dran, oder?

Ja. Einige Leute sagen: ‹Du spinnst. Du solltest für eine grosse Firma arbeiten.› Meine Eltern sagen dagegen: ‹Mach den Schulabschluss, mach den Schulabschluss, mach den Schulabschluss.› Ich glaube an beides. Vielleicht könnte ich einen Job bekommen ohne Abschluss. Aber Schule ist wichtig. Natürlich werde ich auf jeden Fall an neuen Ideen herumstudieren und meine Talente oder Fähigkeiten, die ich mir über die Jahre angeeignet habe, für andere Webseiten oder Firmen einsetzen und ihnen helfen, grosse Communities aufzubauen. Illustration: Raffinerie

Trotzdem denke ich, ist es gut zu sehen, dass du ein ‹normaler› Typ bist. Heute denkt doch jeder, wenn man im Internet gross ist, muss man reich und berühmt sein.

Danke. Der Grund, warum ich über die Jahre ‹normal› bleiben konnte, hat zwei Aspekte. Erstens glaube ich bei 4chan an eine bestimmkinki 109


‹ top notch gallery › Europas wichtigste Galerien für junge Kunst. Myymälä2 Gallery Helsinki

Zu Unrecht ist Finnland nur für schräge Regisseure, Wodka-Vergiftung und mobile Kommunikation bekannt. Jede geläufige Art urbaner Kunst wird im hohen Norden gelebt und ausgestellt.

D

ass die Finnen nicht nur bekannt dafür sind, die landeseigenen Selbstmord­ raten in traurige Höhen zu treiben, lässt der fröhlich zitronen­ gelbe Webauftritt der finnischen Galerie ‹Myymälä2› schon erahnen. Auch der dazugehörige, im Zentrum Helsinkis angesiedelte lichtdurch­ flutete Ausstellungsraum macht sei­ nen Besuchern und den ausstel­ lenden Künstlern das Leben schöner. Die Entstehungsgeschichte der Galerie ist so alt wie der Bart des Alpöhi lang. Ein paar Freunde finden sich an der Kunsthochschule zu­ sammen und beschliessen, ebenfalls jungen Künstlern eine Platt­ form zu bieten jenseits von langen Wartelisten und horrenden Gebüh­

ren, wie sie sonst für traditionelle Galerien üblich sind. In diesem Fall starteten die Freunde ihre kleine Kunsthandlung mit dem mir unaus­ sprechlichen Namen Myymälä2 im vorderen Raum eines Büros im Stadtteil Töölö in Helsinki. Als sie die Kohle zusammenhatten, um dann mit ihrer grösser gewor­denen Galerie ins Zentrum der Haupt­ stadt zu ziehen, blieben sie den­noch ihrer ursprünglichen Idee treu und hielten weiterhin den Unbe­ kannten, zukünftig Bekannten der finnischen Kunstszene die Stange. Auch der Do-it-yourself-Vibe hängt nach wie vor in den Räumen. Mittlerweile hat das Konzept sich bewährt und Myymälä2 ist zu einer ernst zu nehmenden Stimme in der Kunstszene Helsinkis und über die Tore der finnischen Haupt­stadt hinaus geworden. Ausgestellt werden in erster Linie finnische Künstler, die von Skulpturen über Malerei bis hin zu Fotografie die ganze Bandbreite der zeitgenössi­ schen Kunst repräsentieren. Zur Galerie hat sich mittlerweile ein Shop mit Produkten made with love in Finland dazugesellt. Ergänzt wurde Myymälä2 zudem um Ateliers und Workshops des In-HouseLabels ‹Delirius Monkey›.

Der Do-ityourself-Vibe hängt nach wie vor in den Räumen.

Der manchmal zu Trägheit neigen­ den finnischen Bevölkerung wird auf den hauseigenen Partys und kleinen Live-Gigs gerne mal ordentlich eingeheizt. Dank der Unterstützung durch die Community und die Mit­ arbeiter, die ehrenhafterweise für lau arbeiten, hat Myymälä2 sich die letzten fünf Jahre lang halten können und sich dabei zu einem wahren Hot­spot für hausgemachte Talente und Kenner gemausert. Vielleicht ist es an der Zeit, mal einen kleinen Stop im hippen Helsinki einzu­legen und auf einen Sprung vorbei­ zuschauen? Text: Anja Mikula Fotos: Myymälä2 Gallery Uudenmaankatu 23 00100 Helsinki Finland Mittwoch bis Samstag 12–18 Uhr Sonntag 12–17 Uhr www.myymala2.com

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Bildbearbeitung und Grafische Gestaltung: Cyrill Frick | cyrill.frick@kinkimag.ch Anja Mikula | anja.mikula@kinkimag.ch Lektorat: Peter Rösch | peter.roesch@kinkimag.ch Promotion: Denise Bülow | denise.buelow@kinkimag.ch Franziska Bischof | franziska.bischof@kinkimag.ch Freie Mitarbeit: Prisca Colombini, Kai-Holger Eisele, John Baldwin Gowley, Natalie Gyöngyösi, Tom Hägler, Anja Mikula (am), Jacek Pulawski, Florian Pflüger, Peter Rösch, Uschi Rüdisüli, Irène Schäppi, Teresa Mohr Werbung: Aurum Communication AG | anzeigen@kinkimag.ch

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kinki magazine - #16