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AlLes. voller. leere.


Gewidmet meinem Vater und der kleinen Ohnmacht, die diese Arbeit begleitete.


AlLes. voller. leere. Theorieteil der Diplomarbeit

von Kati Schiemann

2012


AlLes.voller.leere

Theorieteil der Diplomarbeit Fachhochschule Potsdam, Fachrichtung Kommunikationsdesign von Kati Schiemann, Matrikel-Nummer: 7031 Beginn am 24. Februar 2012 | Abgabe am 23. August 2012

Erstgutachterin

Prof. Wiebke Loeper | Fotografie Zweitgutachter

Prof. Dr. Hermann Voesgen | Kultur - und Projektarbeit Hiermit bestätige ich, dass ich die vorliegende Arbeit mit Ausnahme der gekennzeichneten Stellen in Bild und Text ohne fremde Hilfe verfasst habe. Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder ähnlicher Form keiner anderen Prüfungskommission vorgelegt und auch nicht veröffentlicht.

Kati Schiemann Potsdam, 15. August 2012


Die

die

Vorworte

Schlussworte

19 die Saat

203 die Ernte

23 mein Weg, mein Ziel

207 mein Dank

26 Gliederung

211 Quellen 225 Impressum

10

Alles.Voller.


Die

Der

Die

Heimat

Wanderer

Fotografie

36 das Land der Fichten

101 wer Weißwasser kennt …

140 Sonne zeichnet

40 Weißwasser / Oberlausitz

104 ein Wanderer im Weltgetriebe

148 dunkles Gewölbe

54 die Kohle in der Lausitz

Prolog

154 meine Versuche

56 Deutschlands Energie

Kindsein

167 Warum ein Buch?

62 Vattenfall

Jugend

171 Alles.Voller.Leere.

68 Bergbaufolgelandschaften

mein Auszug

74 mein Weg, mein Wald,

Warum alles so ist, …

meine Rückkehr

weil die Zeit …

erster Versuch

weil das Licht …

zweiter Versuch

Aderlass

Apokatastasis

mein Dorf muss weg 84 Erlebnisparadies

das Fotobuch

180 Gedanken

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Alles.Voller.


Weiß jetzt, das sie kommt Und ich weiß, sie sieht gut Und dies ist die Sehnsucht Und das ist das Buch Leonard Cohen aus dem „Buch der Sehnsüchte“

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Die

Vorworte


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Alles.Voller.


„Frage: Dein apokalyptisches Szenario kommt immer wieder auf die Umweltpolitik zurück … Ratz: Na klar! Ist denn jemals eine größere Entscheidung für die Umwelt und gegen das ökonomische Interesse von Staaten getroffen worden? Das scheint ja schon auf dem lächerlichen Niveau von kommunalpolitischen Entscheidungen unmöglich zu sein. Wir handeln den Tieren und Pflanzen und allen Kostbarkeiten der Erde gegenüber mit der Mentalität von Verbrechern. Je wehrloser etwas ist, umso gnadenloser beuten wir es aus. Das gilt für andere Staaten, das gilt für andere Menschen, das gilt für andere Lebewesen, das gilt für die Erde und letztlich für unsere Kinder – denn wir zerstören ja ihre Zukunft mit einer Gleichgültigkeit, die ihnen fast schon das moralische Recht gibt, uns eines schönen Tages an die Wand zu stellen.“ aus „Hitlers letzte Rede“ von Heinz Ratz, im anschließenden Interview mit Rainer Zufall

Vorworte

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Alles.Voller.


die Saat

* Nachrichten vom 13. März 2012 RBB Inforadio

Klimapolitik, erneuerbare Energien, Castortransporte, Massentierhaltung, schmelzende Pole, das Aussterben unzähliger Tier- und Pflanzenarten, Monokulturen, Energiewende … . Der Mensch, als der gefährlichste Parasit auf Erden, rodet, rottet und reizt die natürlichen Ressourcen weit über ihre Grenzen hinaus aus. Das sind Probleme, die uns alle betreffen und sich zusehends schlechter verdrängen lassen. Spätestens bei der Wahl eines Stromanbieters ist unser persönlicher Standpunkt gefragt. Während wir uns am Abendbrottisch die Bäuche vollschlagen, berichten Nachrichten von Hunger, Tod, Katastrophen und Krieg, von Gesetzen, die es ermöglichen, Flächen in Brasilien, zweimal so groß wie Deutschland, abzuholzen*. Dass der Mensch, egal was er auch tut und anfasst, nicht im Stande ist, sich der drastischen Situation unserer Erderwärmung endlich anzupassen und einzulenken. Jeden Abend überschlagen sich die Hiobsbotschaften auf ein Neues. In welchem Verhältnis stehen da Demokratie und Wirtschaft? Und können wir das Problem des Klimawandels überhaupt technologisch in den Griff kriegen? Weiträumig mündet es in allgemeiner Resignation und Überforderung, die es ermöglichen, trotz der alarmierenden Situation, Glück zu empfinden. Wo fängt man an? Man sagt ja, bei sich

Vorworte

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Alles.Voller.


selbst zuerst … . Ich versuche also bedachter zu sein. Hab den Stromanbieter gewechselt, Gemüse größtenteils nur aus der Region gekauft und auf Fleisch verzichtet. Meine Eier sind glücklich und mein Müll getrennt. Mein Gewissen ist dabei dennoch nicht ruhiger. Im Gegenzug dazu gibt es Momente - so paradox es auch sein mag - wo es an die eigene Existenz, an den eigenen intimen Frieden, an die Heimat oder an die Familie geht und prompt entwickeln wir tonnenweise Meinungen, Kampfgeist und Initiative – unaufgefordert. Vom Globalen ins Detail: Ich erzähle die Geschichte eines kleinen, von Industrialisierung gebeutelten, Ortes im Osten von Deutschland. Viele Teile meiner Heimat, meiner Erinnerungen, meiner Kindheitsbilder wurden dort innerhalb von kurzer Zeit mehr oder minder dem Erdboden gleich gemacht. Ich reise zurück und möchte ergründen, verstehen und versuchen wieder anzukommen. Mein Weg war das Ziel, und mein Ziel war es, innerliche Ruhe zu finden.

Vorworte

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Alles.Voller.


mein Weg, mein Ziel In meiner ersten Lebenshälfte wuchs ich zufrieden und relativ erfüllt in meiner Heimatstadt Weißwasser auf. Anfang der achtziger Jahren wurde ich dort in eine Zeit hineingeboren, die durch ein rasantes ökonomisches Wachstum, hauptsächlich durch den Kohleabbau, geprägt wurde. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen und flügge geworden, deren Einwohnerzahl sich innerhalb weniger Jahre verdoppelte und genauso schnell wieder halbierte. Unsere Klimapolitik steht in der Lausitz kleinen Schicksalen gegenüber. Wälder, Landschaften, Gemeinden weichen der Strom- und Wärmeerzeugung, verschwinden zuerst von unseren Landkarten, dann aus unseren Köpfen. Kaum ein Landstrich Deutschlands ist innerhalb von kurzer Zeit so sehr von Zerstörung, Rekultivierung und Künstlichkeit betroffen, wie diese Region. Ich kehre zurück und finde mich in einer aussterbenden Gegend wieder. Seit meinem Wegzug verging noch einmal soviel Zeit. Nahezu alle Bekannten sind weggezogen, einige wurden umgesiedelt, unglaublich viel Raum wurde weggebaggert und im Zuge dessen ganze Stadtteile abgerissen. Versteckt hinter der Kamera zeige ich anhand lebloser Orte meine eigentlich immer noch lebendigen Erinnerungen, meine Geschichte. ›

Vorworte

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Ein Gefühl von Heimatlosigkeit will entweder gut verdrängt oder besser noch aufgearbeitet werden. Es will etwas festhalten, lieber noch konservieren oder mit- und weiterempfunden werden. Auch Heimatlosigkeit braucht irgendwo ein Zuhause. Empathie befähigt einen Betrachter, sich in Bilder hineintragen zu lassen, so dass über ein sachliches Verstehen hinaus auch Empfindungen erklärend wirken können. Am Beispiel meiner verbildlichten Geschichte möchte ich über theoretische Fakten hinaus ein emotionales Verständnis zur gegenwärtigen Situation in der Lausitz wecken. Ich bin die Heimkehrerin und Zeitzeugin, werde Autorin und Gestalterin. Ich versuche das Damals und Jetzt zusammen zu bringen, an einem Ort, der veränderter kaum sein kann.

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Alles.Voller.


Das Fotobuch ALLES.VOLLER.LEERE zeigt Bilder, die nichts rekonstruieren, die weder schwelgen noch reanimieren. Sie verbinden Ahnungen von meinem Damals, mit dem mir noch etwas obskuren Jetzt. Sie zeigen mein ganz persönliches ALLES: Ob nun blühend oder tot, vorhanden oder abgerissen, hässlich oder schön saniert. Dieser Ort klebt an mir und war, ist und bleibt meine Heimat. Sie zeigen meine ganz persönliche FÜLLE: … an meinen Erinnerungen, meinen Sehnsüchten, etwas Schwermut und viel Betroffenheit. Sie zeigen mein ganz persönliches NICHTS: Meine Behausungen wurden abgerissen, Wälder wurden zu Brachlandschaften und Dörfer zu Seen.

Vorworte

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das Land der Fichten WeiĂ&#x;wasser/Oberlausitz die Kohle in der Lausitz Deutschlands Energie Vattenfall

die Heimat

Bergbaufolgelandschaften mein Weg, mein Wald , mein Dorf muss weg Erlebnisparadies

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Alles.Voller.


erklärende Unterschriften für Bilder & Grafiken in schwarz

* Quellenangaben mit Stern in grau º “Zitate“ mit Dreieck 1

Definitionen in grün

Gliederung Einleitend möchte ich erwähnen, dass diese Arbeit, ausgehend von meinem persönlichen Schicksal, all jene Fakten beleuchtet, die zu einem relativ wertungsfreien Erfassen einer umfassenden Problematik von Nöten ist. Jedoch, um so intensiver ich in die Materie der einzelnen Themengebiete drang, um so bewusster wurde mir ihre Uferlosigkeit. Um dennoch so nah wie möglich an meinem Thema zu bleiben, habe ich versucht, imaginäre Grenzen zu ziehen, die sich in folgende drei Komplexe aufteilen: Um als unvoreingenommener Leser einen neutralen Einstieg finden zu können, beginnt diese Arbeit mit einer theoretischen Näherung an den Ort des Geschehens. Das erste Kapitel „Die Heimat“ beleuchtet die geografische, kulturelle, ökonomische und demografische Entwicklung der Lausitz als Region. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den ländlichen und urbanen Veränderungen durch den Tagebau. Von der Portraitierung eines Energiegiganten bis hin zu Küchentischgesprächen künftig umsiedelnder Menschen, von der Industrialisierung einer ehemals grünen Region bis zur Wasserbeschaffenheit künstlicher Seen, versucht dieses Kapitel relativ wertungsfrei Themenkomplexe miteinander zu verbinden. ›

Vorworte

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Kindsein Jugend

der Vater mein Auszug

der Wanderer

Warum alles so ist, wie es ist. die Rückkehr erster Vesuch zweiter Vesuch Apokatastasis

Sonne zeichnet dunkles Gewölbe Warum ein Buch?

meine Versuche

die Fotografie das Fotobuch „Alles.Voller.Leere“ von der Erweiterung der Weite Gedanken

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Alles.Voller.


Mit der Entscheidung, mich einerseits mit den Orten meiner Kindheit und Jugend auseinander zu setzen, andererseits mein konstantes Gefühl einer Art Heimatlosigkeit und stetem Fluchtempfinden erklären zu wollen, komme ich nicht umhin, meine Biografie zumindest in ihren wichtigen Grundzügen zu umreißen. Im zweiten Kapitel „der Wanderer“ werden die schönen und schlimmen Erlebnisse, die Schicksalsschläge, die zukunftsformenden Entscheidungen und die mich prägenden Menschen erwähnt, die nicht nur der Grund für meinen Wegzug, sondern ebenso für meine Rückkehr waren. Intime Offenheit war deswegen erforderlich, um die feinteiligen und komplexen Hintergründe meiner Motivation auseinander zu drieseln und somit verständlicher zu machen. Nach einer kleinen Entstehungsgeschichte der Fotografie werden Funktionsweise und historische Hintergründe zur Camera Oscura im Detail erläutert und münden im dritten Kapitel „die Fotografie“ in eigenen Versuchen. Die Umsetzung in der entstandenen Praxisarbeit, dem Fotobuch „Alles.Voller.Leere“, wird hier im Detail erläutert und interpretiert. Visuelle Eindrücke begleiten die Darstellung meines persönlichen fotografischen Standpunktes, meiner Irr- und Umwege, meiner Lösungsansätze, meiner wirren Gedanken und erklären hier die Wahl meiner Mittel und Medien. Vorworte

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Alles.Voller.


„Es war einmal ein arm Kind und hatt kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingegangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt`s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an, und wie es endlich zum Mond kam, war`s ein Stück faul Holz. Und da ist es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war`s ein verwelkt Sonnblum. Und wie`s zu den Sternen kam, waren`s kleine goldene Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie`s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein, und da hat es sich hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein.“ Büchner, Woyzeck

Vorworte

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die

Heimat


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Alles.Voller.


Hamburg Spaceman Spiff

Drei Kilometer bis zur Elbe Drei Meter bis zum Telefon Aber das wär‘ nicht das Selbe Ich scheiß auf Kommunikation Was mir fehlt ist ein Gesicht Und ich wusste nicht, dass Freiheit so allein ist Wenn du hier draußen noch ganz klein bist Zwischen all der Euphorie und sicher, besser ging‘s mir nie Fällt mir wieder ein, woanders bin ich wer gewesen Hier muss ich irgendjemand sein Drei Minuten bis zum Hafen Drei Jahre noch bis irgendwann Nur ein paar Tage noch zum Schlafen Dann fängt irgendetwas an Was mir irgendwas verspricht Und es sagt mir in‘s Gesicht „Es ist schön, dass du dabei bist“ Und doch fühl‘ ich mich wie ein Schneemann Dessen Lieblingsmonat Mai ist Zwischen all der Euphorie Spaceman Spiff „... und im fenster immer noch wetter“ CD, Album, Track 3: Hamburg spacemanspiff.bandcamp.com/track/ hamburg

und sicher, besser ging‘s mir nie Fällt mir wieder ein, woanders bin ich wer gewesen Hier werd‘ ich irgendjemand sein ›

Heimat

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Niederlausitz Oberlausitz UNESCO Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft

Berlin Frankfurt (Oder

Potsdam Werder (Havel)

Brandenburg

Eisenhüttenstadt

Luckenwalde Jüterborg

Lübben/ Spreewald

Zielona Gòra

Guben

Lübbenau/ Spreewald Forst/ (Lausitz)

Cottbus Hertberg (Elster)

Žary

Finsterwalde Großräschen

Torgau

Halle (Saale)

Spremberg

Senftenberg Lauchhammer

PL

Weißwasser/ Oberlausitz

Hoyerswerda

Elsterwerda

Boxberg/ Oberlausitz

Leipzig Riesa Kamenz

Großenhain

Niesky

Meißen

Bautzen

Döbeln

Bischofswerda

Löbau

Görlitz

Dresden Freital

Sachsen

Gera

Decin

Chemnitz Zwickau

Zittau

Pirna

Liberec Usti nad Labem

CZ Plauen

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Alles.Voller. Praha


das Land der Fichten

*

de.wikipedia.org/wiki/Lausitz Basisdaten, Stand 2012

Die Lausitz wird in ihrer ursprünglichen Bedeutung mit feuchten Wiesen oder einem niedrigen Sumpfland übersetzt. Sie besteht aus einer Fläche von 13.000 km2 und beherbergt circa 1,35 Mio. Einwohner, 350.000* davon auf polnischer Seite. Sie zieht sich von der Fließlandschaft des Spreewaldes im Norden bis zum Zittauer Gebirge im Süden. Umund durchflossen wird sie von der Spree und der Neiße, der Schwarzen Elster und der Oder, wie natürlich noch von unzähligen kleineren Flüssen, die sich ihren Weg aus dem Gebirge zur Ost- und Nordsee bahnen. Die Lausitz besteht aus zwei Teilen, die sich landschaftlich recht deutlich von einander unterscheiden. Den südlichen Teil Brandenburgs bis in etwa zur Grenze des Freistaates Sachsen nimmt die Niederlausitz ein. Ab dort beginnt die Oberlausitz, die sich nördlich bis ins Zittauer Gebirge zieht. Zudem wird die Lausitz in drei große Landschaftsräume gegliedert: Oberbrandenburgische Heide- und Seenlandschaft, den Spreewald und das Niederlausitzer Becken und Heideland. Industriell wurde die Lausitz neben dem Braunkohleabbau und der Energiegewinnung vor allem durch die Textil- und Glasindustrie sowie den Maschinenbau geprägt. Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, hat seine Wurzeln in Hoyerswerda. ErHeimat

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win Strittmatter, einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, stammt aus Bohsdorf bei Spremberg, und der häufig kontrovers diskutierte Baggerfahrer und Rockpoet Gerhard Gundermann verlebte den Großteil seines Lebens in Spreetal zwischen Hoyerswerda und Schwarze Pumpe. Im südöstlichen Teil Brandenburgs liegt die Niederlausitz. Sie erstreckt sich von Eisenhüttenstadt, über ein kurzes Stück auf der Oder bis zu ihrem östlichsten Punkt bei Zary auf polnischer Seite. Ihre Grenze folgt weiterhin über Groß Särchen nach Lauchhammer im Süden, um dann über DoberlugKirchhain und Luckau Richtung Schwielowsee den Kreis zu schließen. Die größte Stadt der Niederlausitz und zweitgrößte Brandenburgs ist die Universitätsstadt Cottbus, gefolgt von Lübben und Lübbenau, Calau, Forst, die Park- und Kurstadt Bad Muskau, Senftenberg, Spremberg und Finsterwalde. Trotz relativ dünner Besiedelung ist es ein von Menschen intensiv gestalteter Kulturlandstrich, dem Forste, Bruchwälder1, Heiden und Landwirtschaft sein Aussehen verleihen

Niederlausitz

*

Magazin „Im Land der tausend Teiche“ vergl. S. 3

**de.wikipedia.org/wiki/Sorben 1 Als Bruchwald wird ein permanent nasser, zeitweilig auch überstauter, sumpfiger Wald bezeichnet. de.wikipedia.org/wiki/Bruchwald

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Alles.Voller.


Oberlausitz

Sorbische Trachenregionen in der Lausitz www.mr-kartographie.de/uploads/pics/ Trachtenregion-Lausitz_01.

Die Oberlausitz gehört größtenteils zum Freistaat Sachsen, kleine Teile verlaufen noch durch Polen und dem südlichen Zipfel Brandenburgs. Im Norden dieser Region befindet sich ein großes Heide- und Teichgebiet, in welchem große Teile 1996 durch die UNESCO als Biosphärenreservat international anerkannt wurden. Tausende Zugvögel, zum Teil bedrohte Tier- und Pflanzenarten, über 1000 angelegte Gewässer und die, wie bereits vor 500 Jahren, dort heimische Fischzucht*, prägen die Landschaft. Im Süden dagegen findet man das markante Lausitzer Granitmassiv. Die frühere Hauptstadt der Oberlausitz ist Bautzen. Die größte Stadt aber ist die durch die Landesgrenze geteilte Europa und Filmstadt Görlitz – Zgorzelec mit insgesamt 91.000 Einwohner, 33.000 leben davon auf polnischer Seite. Viele Teile der Lausitz gehören zu den Siedlungsgebieten des westslawischen Volkes der Sorben, auch die Wenden genannt. Zwei Drittel von ca. 60.000 Sorben** verteilen sich davon in der Oberlausitz. Heimat

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de.wikipedia.org/wiki/WeiĂ&#x;wasser/Oberlausitz

WeiĂ&#x;wasser/ Oberlausitz

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Alles.Voller.


Weißwasser / Oberlausitz

1 Binnendünen und Flugsandfelder werden in Mitteleuropa räumlich von den Küstendünen an der Nord- und Ostseeküste abgegrenzt. Sie sind vom Wind hervorgebrachte Bildungen aus Sand und wurden überwiegend unter kaltklimatischen Bedingungen vor etwas mehr als 10 000 Jahren aufgeweht. „Ihre Entwicklung in der Nacheiszeit basiert überwiegend auf dem Einfluss des Menschen.“ vergl. de.wikipedia.org/wiki/Binnendüne

Die große Kreisstadt, im obersorbischen auch Běla Woda genannt, ist die drittgrößte Stadt im Landkreis Görlitz. Sie liegt mitten in einer braunkohlereichen Heidelandschaft zwischen dem Lausitzer Seenland und der deutsch-polnischen Grenze, zwischen der Grenzstadt Bad Muskau und dem Tagebau Nochten, der mittlerweile den südlichen Rand Weißwassers erreicht hat. Nächstere Mittelstädte sind Spremberg (etwa 20 km entfernt), Hoyerswerda (35 km westlich), Bautzen (50 km südwestlich) und die Grenzstadt Görlitz / Zgorzelec (55 km südlich). Die nächsten Großstädte sind Cottbus (50 km nördlich), Zielona Góra (90 km nordöstlich) und die sächsische Hauptstadt Dresden (100 km südwestlich). Prägend für die gesamte Region sind großflächige Waldgebiete, vorrangig aus Eiche- und Kiefernbestand, die allzu oft nicht nur von Waldbränden katastrophalen Ausmaßes betroffen waren, sondern bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch Landwirtschaft, Industrialisierung, Tagebaue und dem Truppenübungsplatz Oberlausitz (siehe Abb. S. 100/101) im größeren Maße gelichtet wurden. Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Nutzflächen sind sandige Heideböden mit geringer Ertragsleistung. Eine der größten Binnendünengebiete1 Mitteleuropas verläuft durch diese Region. Jedoch Heimat

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wurden diese bis zu 25 Meter hohen und teilweise mehrere Kilometer langen Dünen durch tagebauliche Inanspruchnahme bereits teilweise zerstört. Im nördlichen Teil ist die Region von weitläufigen Teichgebieten unterbrochen. Die Struga, die durch die jahrzehntelangen Bergbautätigkeiten in ihrem gesamten Lauf kanalisiert ist, entspringt im Westen von Weißwasser und verläuft sich westlich Richtung Schleife in die Spree. 1552 wurde Weißwasser erstmals erwähnt. 1860 wurde mit der Braunkohleförderung begonnen. Durch die 1866/1867 errichtete Bahnstrecke Berlin–Görlitz, erhielt Weißwasser einen Bahnhof, der die Ortsentwicklung begünstigte. Neben Raseneisenerz, Alaun und hochwertiger Tonminerale, fand man weiterhin Ton-, Quarzsand-, Holz- und Kohlevorkommen, sodass Weißwasser im 19. und 20. Jahrhundert als Glasmacherort bekannt wurde. Zur besseren Rohstofferschließung wurde 1897 eine Kleinbahnlinie durch Weißwasser gebaut. In der Gründerzeit1 entstanden in Weißwasser elf Glashütten, fünf Glasraffinerien, drei Ziegeleien sowie einige Kohlewerke. Etwa 75 Prozent der Einwohner Weißwassers arbeiteten in der oder für die Glasindustrie –, sie sorgten auch für den Aufstieg Weiß42

Alles.Voller.

Weißwassers Geschichte*

1

Mitte des 19. Jahrhunderts

*de.wikipedia.org/wiki/Weißwasser/ Oberlausitz


wassers zum europäischen Zentrum der Glasproduktion zur Jahrhundertwende. Von 1911 bis 1922 galt Weißwasser als der größte glasproduzierende Ort der Welt, der zu jenem Zeitpunkt nicht einmal Stadtrechte besaß. Diese wurden dem Ort erst 1935 verliehen, 1997 bekam Weißwasser den Status der Großen Kreisstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Glaswirtschaft zum Erliegen kam, wurde die Produktion wieder aufgenommen und so ausgebaut, dass zeitweise 20.000 Menschen in den Glasbetrieben beschäftigt waren. Im Zusammenhang mit der politischen Wende in Ostmitteleuropa und Osteuropa, sowie dem damit verbundenen Wegfall eines großen Exportmarktes, kam es zum zweiten Zusammenbruch der Glaswirtschaft, so dass nur noch einige hundert Arbeiter in der Glasproduktion tätig waren. In den 1960er Jahren fiel in der DDR-Regierung die Entscheidung, auf Grund der umfangreichen Braunkohlevorkommen in der Lausitz, diese Region zur wichtigsten Energieerzeugungsregion des Landes zu machen. 1978/80 nahm das Kraftwerk Boxberg zwei zusätzliche Blöcke in Kraft und war somit zeitweise das größte Kraftwerk der DDR. 20% der Energieproduktion der DDR wurden durch Kohle aus dem Tagebau Nochten bezogen. 23,4 Millionen Tonnen Heimat

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Rohbraunkohle wurden 1982 im Kreis Weißwasser gefördert. Mit der Wende hat sich durch Modernisierungen und Rationalisierungen auch der Arbeitskräftebedarf in der Energiewirtschaft drastisch reduziert. Anfang der 90er Jahre begann dann der große Exodus aus Weißwasser. So, wie Menschen früher nach Weißwasser gekommen waren, weil es dort Arbeit gab, gingen sie nun dorthin, wo sie jetzt Arbeit fanden. „Sand, Soda, Kalk“, so sprudeln die Worte eingebläut und routiniert aus Muttis Mund, auf meine Frage hin, wie unsere Rohstoffe mit der Glasherstellung korrespondieren. Im Detail werden

für die Herstellung von Kalk-Natron-Glas, das ca. 90% der produzierten Glasmenge ausmacht, folgende Rohstoffe als Gemenge eingesetzt: Quarzsand zur Netzwerkbildung. Natriumcarbonat (wasserfreies Soda) dient als Netzwerkwandler und Flussmittel und senkt den Schmelzpunkt. Pottasche liefert Kaliumoxid für die Schmelze. Feldspat bringt, für die Erhöhung der chemischen Beständigkeit gegenüber Wasser, Nahrungsmitteln und Umwelteinflüssen, u.a. Tonerde mit ein. Kalk dient als Netzwerkwandler und Dolomit. Altglas oder Eigenscherben aus der Produktion werden wieder ins Gemenge gegeben - vor allem in die Behälterglasindustrie, denn Glasflaschen bestehen heute im Schnitt zu rund 60% aus Altglas, grüne Flaschen aus bis zu 90%, der Glasrecyclinganteil bei Glaswolle beträgt bis

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Alles.Voller.

Exkurs Glasherstellung


zu 80%. Da Scherben leichter als das Gemenge schmelzen, ist das rohstoff- und energiesparend. Für Spezialgläser kommen mitunter Mennige, Borax, Bariumcarbonat und seltene Erden zum Einsatz. Bei fast 1500 °C beginnen die Bestandteile in Schmelzwannen und Hafenöfen zu schmelzen.

Bevölkerungsentwicklung*

º „Nach seinem Aufstieg vom bäuerlich geprägten Heidedorf zur Industriestadt erlebte Weißwasser einen sozialen Wandel. Innerhalb eines Zeitraums von 40 Jahren stieg die Einwohnerzahl von 19.000 auf über 38.000 und fiel wieder auf etwa 19.000 zurück.“

*de.wikipedia.org/wiki/Kreis_Weißwasser und de.wikipedia.org/wiki/Weißwasser/ Oberlausit und www.jmd-weisswasser.de/4_region. html

º

de.wikipedia.org/wiki/Weißwasser/ Oberlausitz

Bis etwa 1850 war Weißwasser ein kleines Heidedorf mit etwa 400 Einwohnern, die mit Ackerbau, Viehzucht, Wald- und Fischwirtschaft ihren Lebensunterhalt bestritten. Als 1873 die ersten Glashütten gebaut wurden, waren die ersten Glasmacher Zuwanderer aus Teilen Schlesiens, heute zu Polen gehörend, und aus Böhmen, im heutigen Tschechien. Die Glasindustrie nahm daraufhin einen raschen Aufschwung, 1903 lebten schon fast 8 000 Menschen in Weißwasser, 1911 waren es schon etwa 13000. Im Zusammenhang mit der Erschließung großer Braunkohletagebaue in den 60er Jahren und dem Bau des Kraftwerkes Boxberg sowie den dafür benötigten Arbeitskräften wurde ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm in Plattenbauweise in Angriff genommen. So entstand südwestlich der ursprüng-

Heimat

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Entwicklung der Einwohnerzahl in WeiĂ&#x;wasser http://weisswasser.de/zahlen_fakten, de.wikipedia.org/wiki/WeiĂ&#x;wasser/ Oberlausitz, weisswasser.de, Digitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen, Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, Lausitzer Rundschau

2011 2010 2009 2008 2007 2006 2005 2004 2003 2002 2001 2000 1999 1998 1997 1996 1995 1994 1993 1992 1991 1990 1988 1984 1981 1980 1970 1964 1950 1946 1939 1930 1925 1910 1905 1899 1885 1876 1871 1866 1825 1.000

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Alles.Voller.

5.000

10.000

15.000

20.000

25.000

30.000

35.000


lichen Stadtlage das Wohnviertel Weißwasser-Süd. Durch den industriellen Aufschwung erreichte die Stadt Ende der 1980er-Jahre einen Höchststand von knapp 39.000 Einwohnern und war damit dreimal so groß wie 30 Jahre zuvor. Nach der Wende entwickelten sich die hohe Arbeitslosenquote von über 20% und die Stadtflucht zu größeren Problemen – innerhalb der folgenden zwei Jahrzehnte hatte sich die Einwohnerzahl mehr als halbiert, großflächiger Wohnungsrückbau war die Folge. Anders als viele andere Kreisstädte konnte Weißwasser zur Kompensation des Bevölkerungsrückgangs keine Orte des Umlands eingemeinden. 2002 lebten noch ca. 25000 Menschen in Weißwasser und mittlerweile sind es keine 20000 mehr. º„Mit dem Schrumpfen der Bevölkerungszahl geht ein Ansteigen des Durchschnittsalters einher. 47 bis 48 Jahre ist heute ein Oberlausitzer im Durchschnitt alt.“ Prognosen gehen von ei-

º

Lausitzer Rundschau, Artikel vom 28.August 2012: „Weißwasser und Umlandgemeinden verlieren weiter Einwohner“

nem weiteren Rückgang der Bevölkerung auf bis zu ca. 15.400 Einwohner im Jahr 2025 aus. Damit hat Weißwasser mit seiner Größe die schlechteste Entwicklungsperspektive aller sächsischer Gemeinden. Durch das Abwandern der jungen Menschen, findet zudem ein Anstieg des Altersdurchschnitts der Bevölkerung statt. Der Bevölkerungsrückgang zeigte seine AuswirHeimat

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kungen vor allem in Weißwasser-Süd. Während Anfang der 1990er Jahre mit der Südpassage ein Einkaufszentrum inmitten eines Wohngebietes der Südstadt entstand, bildete Ich selbst verspüre eine eindieses rund 15 Jahre deutige Tendenz unter meinen, später nahezu den Rand aus unserer Heimat weggezogeder bebauten Stadtflänen, Freunden und Bekannten, che und steht 20 Jahre die es trotz der arg veränderten nach der Wende außerSituation in Weißwasser, wiehalb städtischer Wohnder in diese Gegend zieht und gebiete. jenes über das Planen hinaus

bereits in die Tat umgesetzt haben. Auch wenn es sich für mich unrealistisch anfühlt, kann ich mich von einigen gar nicht so unangenehmen Vorstellungen über meine eigene Rückkehr freimachen.

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Alles.Voller.


Spätaussiedler

Weißwasser ist eine Stadt, die im Grunde genommen durch Zuwanderung entstanden ist. Nach dem 2. Weltkrieg, unter dem auch Weißwasser litt, haben sich hier Vertriebene aus Polen und Tschechien niedergelassen, sodass man Anfang der 60er Jahre auf eine Einwohnerzahl von ca. 17000 kam. Im Zusammenhang mit der Braunkohleerschließung kann man von einer zweiten großen Welle der Zuwanderung sprechen. Seit Anfang der 90er kamen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, also Spätaussiedler mit ihren Familien, nach Weißwasser. Mindestens 3000 Spätaussiedler haben in den vergangenen Jahren in Weißwasser gewohnt, viele von ihnen sind aber ebenso wie andere Weißwasseraner der Arbeit nachgezogen, fast alle in die alten Bundesländer. Mittlerweile wohnen noch ca. 1000 Spätaussiedler in Weißwasser. Durch verschiedene Initiativen, wie zum Beispiel der 1992 gegründete Jugendmigrationsdienst in Weißwasser, wird versucht, die Kluft zwischen Spätaussiedlern in Weißwasser und den Weißwasseranern selbst zu mindern. Die Realität und Erfahrungsberichte bleiben aber traurig. Von den Deutschen ungeliebt und nicht gern gesehen, erkämpfen sich „die deutschen Russen“ ihr Recht mit Gewalt. Sie waren froh in Deutschland angekommen zu sein Heimat

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Weißwasser Süd, April 2012

und sprachen einen eigenartigen manchmal schwer verständlichen Dialekt. Oft lebten mehrere Generationen in einer Vierraumwohnung zusammen, kaum einer fand Arbeit, aber sie schätzten die Ruhe und das angstfreie Leben. Die jüngeren Aussiedler hatten es als Außenseiter in den Schulen noch schwieriger. Keiner hatte sie gefragt, ob sie ihre Freunde zurücklassen wollten. Sie konnten so gut wie kein Deutsch. Einen Job bei dieser schwindelerregenden Arbeitslosenquote zu finden, war nahezu unmöglich. Depression und Alkoholismus, Bedrohungen und Drogenhandel schlichen sich ein. Die Südstadt wurde angsteinflößend und in der Nacht gänzlich gemieden. 50

Alles.Voller.


geschichtlicher Hintergrund*

*de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche

Wolgadeutsche sind Nachkommen deutscher Einwanderer, die im Russischen Reich unter der Regierung Katharinas der Großen an der unteren Wolga ansässig wurden. Zusammen mit den Nachkommen deutscher Siedler in anderen Gebieten des ehemaligen Zarenreichs bilden sie 25% der Russlanddeutschen. Die Siedler folgten in den Jahren 1763 bis 1767 der Einladung ihrer Landsmännin Zarin Katharina II. in ihr neues Siedlungsgebiet, wo sie etwa einhundert Dörfer gründeten. Sie wurden angeworben, um die Steppengebiete an der Wolga zu kultivieren und die Attacken der Reitervölker aus den Nachbargebieten einzudämmen. Die deutschen Siedler erhielten u.a. einen politischen Sonderstatus, der das Recht auf Beibehaltung der deutschen Sprache als Verwaltungssprache, auf Selbstverwaltung sowie auf Befreiung vom Militärdienst umfasste. Sie entwickelten in dieser Region eine blühende Agrarwirtschaft mit Exporten in andere Regionen Russlands. Diese Selbstbestimmungsrechte wurden durch Zar Alexander II. eingeschränkt, was zu Auswanderungen nach Amerika führte. Nach der Gründung der Sowjetunion nahm Stalin den Wolgadeutschen die gesamte Getreideernte und verkaufte sie in das Ausland, worauf Wolgadeutsche an Hungersnot Heimat

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Weißwasser Süd, April 2012, schwarze verbarrikadierte fenster bestätigen Zahlen und tendenzen der großen kreisstadt

52

Alles.Voller.


zu Tausenden starben. 1924 wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geschaffen. Diese wolgadeutsche Republik, die 1941 aufgelöst wurde, hatte etwa 600.000 Einwohner, wovon etwa zwei Drittel deutscher Abstammung waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die etwa 400.000 verbliebenen Wolgadeutschen der kollektiven Kollaboration beschuldigt, nach Sibirien und Zentralsien deportiert und dort in Arbeitslager gezwungen, wo weitere Tausend starben. Erst 1964 wurden sie offiziell vom Vorwurf der Kollaboration befreit, und die Bundesrepublik Deutschland ermöglichte ihnen seit den 1970er Jahren die Einreise und die Einbürgerung. 1989/1990 kamen jeweils ca. 370 000 Personen nach Deutschland. 1992 bis 1995 waren es jährlich 200 000 Russlanddeutsche. Im Jahr 2000 kamen 95000 und fünf Jahre später 35 000 Spätaussiedler, wie sie im rechtlichen Kontext als Deutschstämmige bezeichnet werden. In den folgenden zwei Jahren folgten weitere 13 163 Menschen.

Heimat

53


Förderung von Braunkohle Stand 2006 de.wikipedia.org/wiki/Braunkohlet

Deutschland

173,3

China

100,0

Vereinigte Staaten

76,0

Russland

74,8

Australien

70,0

Griechenland

63,8

Türkei

62,0

Polen

61,0

Tschechien

48,6

Serbien

42,0

Rumänien

33,5

Indien

32,0

Bulgarien

24,0

Thailand

21,0

Mexiko

12,3

Kanada

12,0

Ungarn

9,1

Nordkorea

8,4

Spanien

7,1

Bosnien u. Herzegowina

6,0 25

50

75

100

125

150

175

200 in Moi. t

54

Alles.Voller.


„Der Herrgott hat die Lausitz erschaffen, aber der Teufel hat dort die Kohle vergraben.“ Sorbisches Sprichwort

Die Kohle in der Lausitz

1 Unter Devastierung – auch Devastation (lat.: weit, leer, öde) – wird im Allgemeinen die Zerstörung oder Verwüstung von Landschaften, Ortschaften oder einzelnen Bauwerken verstanden. Nach der Devastierung aufgegebene Ortschaften werden Wüstung genannt. Mit dem Begriff werden ebenso Landschaftszerstörungen durch die Abholzung von Wäldern, die Ausweisung von Truppenübungsplätzen, die Anlage von Bergehalden im Bergbau sowie Siedlungszerstörungen bezeichnet.

Deutschland ist mit Abstand der größte Braunkohleproduzent weltweit (siehe Abb.). Mit den steigenden Ölpreisen wächst auch die Begehrlichkeit an dem schmutzigen Schatz der Lausitz. Die Braunkohle wird hierzulande seit langem im Tagebauverfahren gewonnen. Dies ist mit dramatischen Eingriffen in den Natur- und Landschaftshaushalt bis hin zu großflächigen Devastationen1 verbunden. Daher schreibt das Bundesberggesetz die Wiedernutzbarmachung bzw. Rekultivierung von durch Tagebau beanspruchten Flächen bzw. Landschaftsausschnitten vor. Die Thematik der Gestaltung und Nutzung von Bergbaufolgelandschaften ist also aktuell und wird es in Deutschland angesichts der bestätigten Braunkohlepläne wohl auch noch für Jahrzehnte bleiben.

º

„Inzwischen bezeichnet der Begriff auch innerstädtische Flächen, deren vormalige Wohnbebauung im Rahmen des großflächigen Wohnungsrückbaus in ostdeutschen Städten abgerissen und beräumt wurde.“ vergl. und zietiert: de.wikipedia.org/ wiki/Devastierung

Heimat

55


die größten Stromversorgungsunternehmen Deutschlands E.ON 1.

92,9

RWE 2.

70,9

EnBW 3. Vattenfall Europe

4.

EWE AG

5.

17,6 14,5 6,9

10

Lichtblick 1.

0,562

Greenpeace energy

2.

0,079

Naturstrom 3.

0,053

Elektrizitätswerk Schönau 4.

0,038

20

50

75

100

die größten Ökostrom - Anbieter Deutschlands

Stand 2010 de.wikipedia.org/wiki/Elektrizitätsversorgungsunternehmen

56

Alles.Voller.

Mrd. €


Deutschlands Energie In Deutschland gibt es über 100o Stromversorgungsunternehmen. Die Spitze bilden dabei E.ON, RWE, EnBW, Vattenfall Europe und EWE AG. Vattenfall ist inzwischen – nach eigenen Angaben – das fünftgrößte Unternehmen Europas und stellt den größten Ausbilder in Ostdeutschland dar. In Berlin sitzt die Holding Vattenfall Europe AG, weiter ist das Unternehmen mit Standorten in Hamburg und Cottbus vertreten. Die von der Vattenfall Gruppe gelieferten Hauptprodukte sind Strom, Wärme und Gas. Bei Strom und Gas reicht das Spektrum über die gesamte Wertschöpfungskette, die sich von der Erzeugung über die Verteilung bis hin zum Vertrieb erstreckt. Zudem betreibt Vattenfall Energiehandel und Braunkohlebergbau. Strom aus Braunkohle deckt etwa ein Viertel des gesamten Bedarfs an Elektrizität in Deutschland. Die Konsumenten reichen von den kleinen privaten Haushalten über Industrieunternehmen und Stadtwerken bis hin zu regionalen Energieversorgern. Vattenfall stellt rund 20 000 Arbeitsplätze in Deutschland und hat einen Jahresumsatz von 15,17 Milliarden Euro.

Heimat

57


Stromerzeugung in Deutschland nach Energieträgern Stand 2011 BDEW AG Energiebilanzen 2001, aus dem Faltblatt „Energie und Braunkohle, Zahlen & Fakten 2010“

Heizöl- Pumpspeicher 5%

Siedlungsabfälle

1%

Photovoltaik Wasserkraft Biomasse Windkraft

erneuerbare Energien

und Sonstiges

3% 3% 5% 8%

Erdgas

14 %

Steinkohle

19 %

Kernenergie

18 %

Braunkohle

24 % 5

58

Alles.Voller.

10

15

20

25

30


* Terawattstunden

Energierohstoffe werden weitgehend importiert. In geringem Maß wird Primärenergie im Inland selbst gewonnen, dies aber vor allem durch die Braunkohleförderung. Strom entsteht zu über 90% aus inländischen Erzeugnissen. Die Bruttostromerzeugung lag 2008 bei 637.6 TWh10, der allgemeine Stromverbrauch lag 2010 in Deutschland bei 114,5 TWh*. Die bedeutendsten Energieträger Deutschlands sind Kern- und Kohleenergie. Seit Mitte der 90er Jahre steigt der Absatz von erneuerbarer Energie. Ihr Anteil beträgt zurzeit 10% der Bruttostromerzeugung. Obwohl der Anteil der Braunkohle am Primärenergieverbrauch durch neue Kraftwerkstechnik und geändertes Heizverhalten der privaten Haushalte von 17% auf 11% zurückging, ist die Braunkohle nach wie vor der wichtigste heimische Energieträger. Insgesamt lieferten Kohlekraftwerke 2008 (Braun- und Steinkohle) 43% der Bruttostromerzeugung. Vattenfall investiert laut Internetauftritt auch in langfristige Klimaprojekte, baut im Östersund den Windpark Lillegrund mit 48 Turbinen und gibt hohe Summen für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen wie Wasserkraft, Biobrennstoff und Wellenenergie aus. Eine neue CCS-Technologie soll der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid dienen. Heimat

59


Eine Technologie zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, kurz: CCS) „bietet aussichtsreiche Chancen, um den Rohstoff klimaschonend zu nutzen“ erklärt Vattenfall. Durch das Verbrennen fossiler Energieträger in enormen Mengen gelangt CO2 in die Atmosphäre. Bei dem CCS-Verfahren sollen die Abfallprodukte der Kohleverstromung vor den Schornsteinen der Kraftwerke aufgefangen und unterirdisch entsorgt bzw. gelagert werden. Im Industriestandort Schwarze Pumpe wird seit 2008 eine Pilotanlage zur Entwicklung dieses Oxyfuel-Verfahrens betrieben. Darüber hinaus ist ein CCS-Demonstrationskraftwerk am Standort Jänschwalde geplant. Greenpeace mahnt mit guten Gründen. Die kostenintensive Nachrüstung der Kraftwerke, der Transport, der dazu kommende erhebliche Energieaufwand und die Endlagerung wird sich auf die Strompreise legen und somit vom Endverbraucher getragen. Eine sichere Endlagerung für 10 000 Jahre könne niemals gewährleistet werden, bereits 8% CO2-Konzentration sind für Mensch und Tier tödlich. Verantwortungen für Folgeschäden (erkrankte Menschen, verschmutztes Wasser, vermehrte Treibhausgase) übergibt Vattenfall nach 30 Jahren in die Hände der Bundesländer. 60

Alles.Voller.

CCS Carbon Capture and Storage


“Wir sind der Wurm am Hintern des riesigen Vattenfall-Dinosauriers. Der Wurm wird den Dinosaurier nicht töten, aber irgendwann dreht der Dinosaurier durch.“ Ulf Stumpe von der Bürgerinitiative „Contra CO2-Endlager“

Um das CO2 unter die Erde pressen zu können, bräuchte es ein Bundesgesetz. Gemeinsam mit Klimaforschern, Politikern und Umweltschützern propagiert der Energieriese Vattenfall den Einsatz der CCS-Technologie als potenziellen Exportschlager und auf diesem Wege die Rettung des Weltklimas. Bereits mehr als drei Jahre protestierten Menschen und Bürgerinitiativen in Brandenburgs Osten gegen die Pläne von Vattenfall. Als Antwort trat der Konzern mit der Anfrage, einen Dokumentarfilm über das Thema CCS zu drehen, an die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (HFF) in Potsdam heran. Nach vielen kontroversen Diskussionen an der Hochschule erklärt die Regisseurin des Films º „Grundvoraussetzung dafür war aber, dass es keine Form der Abnahme oder Zensur gibt“.

Der aktuelle Film „Energieland“ über die demokratischen Herausforderungen der Energiewende von der Studentin Johanna Ickert (29), beleuchtet gegenwärtige Kontroversen und wurde trotz seiner kritischen Botschaften, zum Teil aus den eigenen Reihen Vattenfalls, von demselbigen finanziert. º

Onlineartikel auf taz.de http://www.taz.de/Dokumentation-ueber-Vattenfall/%2185456/g

Heimat

61


Tagebau Nochten bei Weißwasser, Januar 2012, am Aussichtspunkt „Turm am schweren Berg“

62

Alles.Voller.


Geschichte Vattenfalls

Vattenfall (schwed. Wasserfall) ist ein schwedisches Unternehmen mit dem Hauptsitz in Stockholm. Das Jahr 1909 wird als Geburtsjahr Vattenfalls gesehen, da seitdem, durch den Einsatz der Kungliga Vattenfallstyrelsen (königliche Wasserfall-Kommision), verstärkt an der elektrischen Nutzung von Wasserkraft gearbeitet wurde. Bis in die 1920er Jahre wurden elektrische Netze errichtet und miteinander verknüpft. 1951 wurde das erste Großkraftwerk eröffnet. Neun Jahre später wurden die Aktivitäten zum Ausbau und Nutzung alternativer Energiequellen (z.Bsp. Heißwasserreaktor) zurückgeschraubt, da das Unternehmen nun auf Kernenergie setzte und 1970 die Zahl der Kernkraftwerke in Schweden beständig ausbaute. Nach den Achtziger Jahren war ein Ende des Wachstum in Schweden kalkulierbar, sodass erst die Öffnung der Energiemärkte 1992 in Nord- und Mitteleuropa, u.a. nach Großbritannien, Norwegen und Deutschland, zur weiteren Expansion Vattenfalls führte. Unter anderem wurde das durch die Liberalisierung der jeweiligen nationalen Stromnetze ermöglicht.

Heimat

63


Konzernstruktur Vattenfall Stand 2007, www.schoene-aktien.de/hew_alte_aktien.html

Vattenfall Europe AG Holding BU Mining & Generation

BU Heat

Service Center Berlin Service Center Cottbus

VE Gernation AG & Co. KG Konventionelle Kraftwerke

BU Distribution

VE Berlin AG & Co. KG

VE Mining AG Tagebaue

BU Sales

Herzwerke, Wärmeversorgung Berlin

Privat-/ Geschäftskunden Berlin bundesweit

Netzservice Berlin

VE Hamburg AG & Co. KG Service Center Hamburg

VE Nuclear Energy GmbH Kernkraftwerke

Herzwerke, Wärmeversorgung Hamburg

Privat-/Geschäftskunden Hamburg bundesweit

Netzservice Hamburg

BU Transmission

VE Distribution Berlin GmbH

VE Transmission GmbH

Verteilungsnetz Berlin

Übertragungsnetz

VE Distribution Hamburg GmbH

Vattenfall Trading Service GmbH

Verteilungsnetz Hamburg

Energiehandel

VE Contracting GmbH

VE Sales GmbH

VE Waste to Energy GmbH

Energiemanagement

Regionalversorger Stadtwerke

New Energy

VE Information Service GmbH IT Service

Gesellschaftrechtliche eigenständige Unternehmen Business Segment/Arel Business Unit Service Unit, Managementgesellschaft Vattenfall Europe Business Serveice GmbH

64

Alles.Voller.


Vattenfall in Deutschland

In Deutschland verband Vattenfall 2002, mit der Gründung der Tochtergesellschaft Vattenfall Europe AG, die Unternehmen Bewag, HEW, VEAG und LAUBAG miteinander. Das Unternehmen setzt sich aus vier Hauptgeschäftsfeldern (siehe Grafik Seite 66) zusammen. Es werden drei große Kohlelagerstätten in Deutschland unterschieden: das Rheinische Revier in Nordrhein Westfalen, das Mitteldeutsche Revier in Westsachsen und das Lausitzer Revier in Ostsachsen. Sämtliche Aktivitäten für die Förderung, Veredelung und Verstromung von Braunkohle geschehen in der Business Unit (BU) Lignite Mining & Gernation. Diese setzen sich für die Kohlegewinnung (Mining) aus der LAUBAG und Generation aus der Bewag, HEW und der VEAG (Stromerzeugung) zusammen. Die Tagebaue und Kraftwerke im Lausitzer Revier sind davon betroffen, auch Veredelungsanlagen wie Schwarze Pumpe und das Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig. Rund 7.700 Beschäftigte decken in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz diese Bereiche ab. Vattenfall bietet ca. 17 Ausbildungsberufe, dessen Ausbildungsstätten größtenteils auch in der Lausitz liegen.

Heimat

65


Tagebaue im Lausitzer Revier* Ortsinanspruchnahmen | Einwohner

*www.ostkohle.de aktiver Tagebau

stillgelegter Tagebau Ortsinanspruchnahme

Ortsinanspruchnahme

Einwohner

Einwohner

Tagebau Nochten

3 | 400*

Tagebau Bärwalde

3 | 265

Tagebau Welzow-Süd

13 | 2762**

Tagebau Berzdorf

3 | 1212

Tagebau Jänschwalde

8 | 1281

Tagebau Bluno

Tagebau Reichwalde

6 | 253

Tagebau Burghammer

Tagebau Cottbus-Nord

4 | 903

Tagebau Dreiweibern

3

Tagebau Gräbendorf

4 | 74

Tagebau Greifenhain

6 | 928

Ortsinanspruchnahmen umfasst die Umsiedlung ganzer

Ortschaften

und

Gemeinden oder von Dorfbzw. Stadtteilen.

Tagebau Halbendorf Tagebau Klettwitz

8 | 4178*

Tagebau Koschen

1 | 220

Tagebau Lohsa

4 | 245

Tagebau Meuro

10 | 6385

Tagebau Niemtsch

Einwohnerzahlen

Tagebau Olbersdorf

1 | 1288

Tagebau Scheibe

1 | 23

lich oder werden erheb-

Tagebau Schlabendorf

3 | 450*

lich ungenau, zum Bsp.

Tagebau Sedlitz

3 | 420

wenn

Tagebau Seese

4 | 871

Tagebau Skado

1 | 415

fehlen

zum

Teil

gänz-

nur Familien oder

Wirschaften werden,

angegeben

deren

genaue

Tagebau Spreetal

Personenanzahl nicht klar

Tagebau Werminghoff

hervorgeht.

Siebanlage Sabrodt

1 | 350

*Jeder einzelne Stern repräsentiert einen Ort, dessen Einwohnerzahl unbekannt ist. (Bps: 3|400* - einer der 3 angegeben Orte hatte unauffindbare Einwohnerzahlen)

66

Alles.Voller.


Vattenfall in der Lausitz

*Faltblätter April 2011, „Aus Braun-

kohle wird Energie“: Braunkohlekraftwerk Boxberg, Braunkohletagebau Nochten, Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe, Braunkohletagebau Welzow-Süd, Kraftwerk Jänschwalde, Tagebaue Jänschwalde und Cottbus Nord

Das Lausitzer Braunkohlerevier zieht sich vom Südosten Brandenburgs bis in den Nordosten Sachsens mit gegenwärtig 5 aktiven und 22 stillgelegten Tagebauen (siehe Abb. Seite 90). Von dort aus werden die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg, sowie die Heizkraftwerke Berlin-Klingenberg und Chemnitz versorgt. Die Geschäftsbereiche BU Lignite Mining & Generation mit Sitz in Cottbus sind die Akteure im Lausitzer Revier, in dem zwischen Senftenberg, Spremberg und Hoyerswerda seit Mitte des 19. Jahrhunderts über zwei Milliarden Tonnen Braunkohle aus bis zu 60 Metern Tiefe geholt wurden. Mit der Auskohlung des Tagebau Meuro ging 1999 eine Ära des Braunkohleabbaus im Senftenberger Revier zu Ende, die um 1850 in der Niederlausitz begonnen hatte. Mehr als 600 Millionen Tonnen Rohbraunkohle hat der Tagebau Nochten direkt bei Weißwasser Hauptversorger für das Kraftwerk Boxberg und den Veredelungsstandort Schwarze Pumpe - seit 1973 gefördert. Der Tagebau Welzow-Süd bei Spremberg beliefert das Kraftwerk und die Brikettfabrik in Schwarze Pumpe jährlich mit 20 Millionen Tonnen Rohbraunkohle (eine Tonne pro Sekunde). Das Vattenfall-Kraftwerk in Schwarze Pumpe ist eines der modernsten und leistungsfähigsten weltweit*. Heimat

67


Kleiner Kanal unweit des Grubenrandes des Tagebau Nochten bei Mühlrose

Bergbaufolgelandschaften* das neue Wasser in der Lausitz

*

Präsentation: „Bergbaufolgeseen und Wasserrahmenrichtlinie im Freistaat Sachsen“ 2006 und „Wassermanagement in Braunkohlefolgelandschaften“ April 2012, Landesamt für Umwelt und Geologie Landesamt für Umwelt und Geologie

1 Kaolin ist ein feines weißes Gestein und wird auch als Porzellanerde, Porzellanton, weiße Tonerde oder in der Apotheke als Pfeifenerde bezeichnet http://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin 2

Altlasten sind Verunreinigungen (Kontaminationen) des Bodens, des Grundwassers und der Bodenluft, die aufgrund ihres negativen Einflusses bzw. ihrer Toxizität die gesetzlich definierten Schutzgüter „Mensch“ und „Grundwasser“ bedrohen. www.buero-fuer-umweltplanung.de/ html/altlasten_kontaminationen.html

3 MIBRAG = Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH 4

LMBV = Lausitzer-undMitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH

Die Rohstoffvorkommen in Ostsachsen erstrecken sich über die Braunkohle hinaus, über Festgesteine, Sande, Kiese und Kiessande bis hin zu Lehmen, Tone und Koaline1. Bis zur Wende wurden ca. 310 Mio. t/a Braunkohle gefördert. Es entstanden riesige Hohlräume. Notwendige großräumige Grundwassersenkungen und ein damit einhergehendes Grundwasserdefizit waren die Folge. Ein anschließender Grundwasseranstieg fand im Sanierungsbergbau statt. Seit 1990 wurden 3,6 Milliarden Euro in die Sanierung investiert. Mit 53 Bergbaufolgeseen entstand eine der größten Landschaftsbaustellen Europas. Ziel ist es, einen sich selbst regulierenden Wasserhaushalt wieder herzustellen, wobei ein gezielter Wiederanstieg von Grundwasser und die Flutung der Bergbaufolgeseen durch Zuleitung von Flußwasser zugelassen wird. Ebenso brauchte es technische Maßnahmen zur Verbesserung der Grund-, Kippen-und Seewasserbeschaffenheit und es musste sich der Altlastenkontamination2 gewidmet werden. Während sich Vattenfall Europe Mining und die MIBRAG3 dem aktiven Bergbau bedient, übernimmt die LMBV4, bereits seit Mitte der Neunziger Jahre, die Verantwortung für die Sanierung der Bergbaualtlasten durch Revitalisierung ehemaliger Industriestandorte und die vorschriftsmäßige WieHeimat

69


derherrichtung von Tagebauarealen soweit, dass eine gefährdungsfreie Nachnutzung möglich wird. Laut Landesamt für Wirtschaft, Landwirtschaft und Geologie existieren allein in Ostsachsen 28 Bergbaufolgeseen, wovon 23 WRRL1 -relevant sind. Nimmt man die Gebiete Westsachsens (Mitteldeutsches Revier) hinzu, verdoppeln sich in etwa die Zahlen. Die Umweltziele bis 2015 sind in erster Linie keine Verschlechterung der Gewässer zu forcieren und einen guten ökologischen und chemischen Zustand bzw. ein gutes Potenzial herzustellen. Dazu werden Maßnahmeprogramme und Bewirtschaftungspläne erstellt. Derzeit ist die Gesamtbewertung der Bergbaufolgeseen im Lausitzer Revier nach der Wasserrahmenrichtlinie in einem schlechten chemischen Zustand. Nahezu alle Seen weiGut erinnere ich mich an die sauer schmeckenden Seen meiner sen eine schlauchartige Kindheit. Der Halbendorfer See bei Weißwasser war so intensiv, Form auf, haben große dass einem sogar die Augen brannten. Differenzen in den Tiefen und Tiefenverteilungen und zeigen sehr gleichmäßig gestaltete Böschungen im Wasserwechselbereich auf. Man findet tertiäre Substratschichten2. Durch die bergbaubedingte Bildung von sauren Grubengewässern sinkt der ph-Wert des Bodens. Sauerstoff gelangt in anoxische (sauerstoffreie) Ge70

Alles.Voller.


Bergbaufolgeseen Versauerung, Ostsachen, Ist-Zustand 2010 pH-Wert > 3,0

extrem sauer

pH-Wert 3,0 - 4,5

stark sauer

pH-Wert 4,6 - 6,5

schwach sauer

pH-Wert < 6,5

neutral

7

8

11

2

„Wassermanagement in Braunkohlefolgelandschaften“, April 2012, Landesamt für Umwelt und Geologie

1 Die EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist die Basis für einen umfassenden Gewässerschutz in ganz Europa. Wesentliche Ziele der WRRL sind die Herstellung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Oberflächengewässer und die Erhaltung der Nutzbarkeit des Grundwassers. www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/3577/ 2 Das Tertiär begann vor 65 Millionen Jahren (Ende der Kreidezeit) und dauerte bis zum Beginn der Klimaveränderung (Eiszeitalter). vergl.

º

„Substrat im Kontext mit Boden liegt meist als Granulare Materie vor und besteht oft aus zerkleinertem Gestein. In den Geowissenschaften bezeichnet das Substrat (lat.: Unterlage) das Ausgangsmaterial für die Bodenbildung.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Tertiär

birgsbereiche und oxidiert mit den dort lagernden Eisendisulfidmineralen Pyrit und Markasit. Eisen(III)Ionen und Sulfid-Schwefel oxidieren und werden freigesetzt. Dieser Prozess wird zusätzlich durch Bakterien mikrobiell unterstützt und beschleunigt. Es entstehen größere Mengen Schwefelsäure, die langfristig eine Versauerung des Grund-und Oberflächenwassers bewirken und den Normalfall (Fische und Algenwuchs) ausschließen. Der Tagebau Nochten ist, durch die hohe Sulfatbelastung unter anderem in der Spree, Hauptverursacher für spürbare Beeinträchtigungen des Trinkwasser bis Berlin und Frankfurt/Oder. Derzeitig haben 11 der 23 Bergbaufolgeseen einen neutralen pH-Wert, 7 sind noch extrem sauer. Reicht der Eisenwert unter 3,0 mg/l Heimat

71


zeichnet sich eine Braunfärbung des Wasser und eine Verockerung der Gewässer ab. Das ökologische Potential der Seen muss mittels einem durchgeplanten Monitoring der Standgewässer nach Wasserrahmenrichtlinien geprüft werden. Wenn Fische, Algen und Insekten beginnen, den See zu bevölkern, kann dieser auch vom Menschen genutzt werden. Das Motto „Leben im See“ wird verfolgt. Erst seit 1960 beschäftigt man sich mit der Entwicklung von Bergbaufolgelandschaften. Bis dahin galt der Knappensee bei Hoyerswerda als einziges Beispiel für die Folgenutzung von Restlöchern. Zum Ende des zweiten Weltkrieges füllte er sich unkontrolliert, erst danach begann seine Planung und Nachnutzung. Die Flutung von Bergbaufolgeseen dauert Jahrzehnte. Die durch die Grube verschonten Dörfer werden nach der Flutung zu Halbinseln. Mit monumentalen Landschaftsdenkmälern wird versucht, diesen neuen Zustand für Anwohner und Touristen humaner zu gestalten. Zum Bespiel soll eine 20 Meter hohe und 500 Meter lange Hand als begehbare Erdskulptur entstehen, die sich zur gegenüberliegenden Halbinsel Pritzen am Ufer des Altdöbener Sees öffnet und nach ihr greift. Oder das bereits 72

Alles.Voller.


existierende begehbare Landschaftsbauwerk „OHR“ am Bärwalder See. Ein aus 100.000 m3 Sandmassen modelliertes menschliches Ohr, mit einer Länge von 350m, einer Breite von 250m und einer Höhe von 18m, birgt es in seiner Ohrmuschel das „Theater im Ohr“ mit 270 Sitzplätzen. Das Flutungswasser, aus dem diese Bergbaufolgeseen entstehen, wird in Pipelines nahe gelegener Flüsse umgeleitet. Am Beispiel des Bergheider Sees wird das Wasser der Schwarzen Elster über zwei Seen in Lauchhammer in eine Grubenwasserreinigungsanlage bei Lichterfeld geleitet und erst von dort gelangt es in den Bergheider See. Der Bärwalder See bei Boxberg ist gegenwärtig der größte See im Seenland, wird aber 2015 nach Abschluss der Sanierungsarbeiten vom Sedlitzer See mit 14,09 ha Endwasserfläche abgelöst werden. 13 Überleiter und Regulierungsbauwerke, vier bereits realisierte, mit Längen von 50 bis zu über 2700 Metern sollen zukünftig zehn Seen miteinander verbinden, um nicht nur eine schnellere Flutung gewährleisten zu können, sondern auch eine touristische Nutzung durch Schiffe und Boote herstellen zu können.

Heimat

73


Alles.Voller.

Landmarke „Turm am schweren Berg“ bei Weißwasser für den Aus- und Einblick in den Tagebau Nochten http://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Weißwasser_-_Tagebau_Nochten_-_Turm_am_Schweren_Berg_01_ ies.jpg

74

die Vegetationsfreie Fläche des Tagebau Nochten mit Blick auf das Kraftwerk Boxberg, 2010


mein Weg, mein Wald, mein Dorf muss weg am Beispiel des kleinen Dorfes Mühlrose

Wenige Schritte hinter dem Ortsausgangsschild Weißwassers befindet sich einer jener Aussichtspunkte, welche Vattenfall für Besucher direkt an den Rändern vieler Tagebaue errichtet hat. Jener besagte Ort trägt den Namen „Turm am schweren Berg“ und ist ein monumentaler Betonturm, der es ermöglicht, aus verschiedenen Höhen in und über das Ausmaß bisherigen und gegenwärtigen Braunkohleabbaus zu schauen. Der „schwere Berg“ hat seinen Namen seit Jahrhunderten, noch aus Zeiten, als Pferdefuhrwerke schwer beladen mit Torf, Ton und Glassand, auf dem mühsamen Weg von Nochten nach Weißwasser jenen Ort passierten. Ein Ferienjournal beschreibt diesen Aussichtsturm als jenen, der durch seinen Ausblick, für die Mühen des Aufstiegs entschädigt. Man schaue in ein Panorama des Tagebaus Nochten mit imposanter Anlagentechnik! Der Horizont verschwimmt, zeigt lediglich die Silhouette des Kraftwerks Boxberg mit seinen großen, qualmenden Türmen, weder Wälder noch Zivilisation sind anwesend, alles ist leblos. Immer noch mit einem Kloß im Hals sehe ich den riesigen Urwald, der einst dort stand und die Straße, die zu meiner Oma nach Hoyerswerda führte. Jetzt füllen die riesigen Kohlebagger die Luft mit den für sie typischen monotonen Industriegeräuschen schwerer Heimat

75


Mitten in einem wunderschönen Mischwald zwischen Weißwasser und Mühlrose steht eine uralte Buche, dort wo auch einst das Jagdschloß stand. Ich setzte mich auf die Bank unter diesen riesigen Baum und entdeckte unter ihr dieses Glas, in dem ich verwundert dieses „Buchebuch“ fand. Sein Inhalt untermalt ein sich dort aufdrängendes Gefühl. das Buchebuch Nr.22, Juni 2011

Ich sitze ursprünglich mitten im Urwald von Weißwasser auf dieser Bank. Früher war ich oft mir dem Fahrrad hier. 20 Meter weiter wird bereits unwiederbringlich gerodet und gebaggert.

76

Alles.Voller.


rotierender Maschinen. Boxberg ist 20 km von Weißwasser entfernt, hier wirkt es wie ein guter Steinwurf. Solch morbide Weite trübt einem die Wahrnehmung, Distanzen lösen sich auf, weil es keinen Punkt gibt, an dem man sich orientieren könnte. Ahnungen und schemenhafte Bilderfetzen von Mars- und Mondlandschaften lassen sich dabei nur schlecht unterdrücken. Der Blick bleibt leicht rechts, etwa auf zwei Uhr, stehen. Wenn es einen nicht täuscht, ahnt man da einen Grubenrand zu erkennen. Noch. Diese Richtung wird der Tagebau Nochten einschlagen. Nachdem er bereits die Naturschutzgebiete Eichberg, das Hermannsdorfer Moor, das Altteicher Moor und Große Jeseritzen verschluckt hat – der Urwald von Weißwasser wird in den kommenden Jahren unwiederbringlich vernichtet, in dessen Herzen das Jagtschloß bereits gesprengt und abgetragen wurde - wird sein nächstes Hindernis das kleine Dorf Mühlrose sein. Heimat

77


Mühlrose - ruhig, idyllisch, waldreich. Bei meinen vielen Streifzügen durch das Dorf ist mir so gut wie nie ein Auto auf den Straße begegnet. Es gibt Hühner, Kühe, Pferde, niedliche Grundstücke und große Vierseitenhöfe. Viele Menschen leben bereits ihr Leben lang dort, ob sie nun 20 oder 70 Jahre zählen, andere haben erst vor kurzer Zeit ihr Häuschen dort gebaut und gründen eigene Familien. Mühlrose grenzt südlich an die Gemeinde Schleife, zu der sich sie Ortsteile Rohne und Mulkwitz gesellen, östlich befindet sich der Tagebau Nochten. Zum Gemeindegebiet gehören die Ortsteile „Tiergarten“, ein unter Naturschutz stehendes Waldgebiet, und die „Ruhlmühle“, in der eine Papierfabrik mit Wasserkraft betrieben wurde. 1536 wurde das Dorf erstmalig urkundlich erwähnt. Nach angelegten Entwässerungsgräben, Dämmen und Rodungen wurde aus einem weitreichenden Moorgebiet ein ansehnliches Heidedorf mit landwirtschaftlichem Charakter. Man fand ergiebige Mengen Ton und Ziegel und nutzte die Wälder für die Jagd. Seit den sechziger Jahren ist Mühlrose vom Abbau der Braunkohle betroffen und geprägt. Mit dem Tagebau Nochten wurde ein Großtagebau erschlossen, der bis heute aktiv ist. 1966/67 wurden 21 Häuser bzw. Bauernwirtschaften der Gemeinde 78

Alles.Voller.


„Wenn der Wind urplötzlich drehte, konnte man frisch aufgehangene Wäsche direkt wieder in die Waschmaschine befördern. Wenn die Wäsche bereits trocken war, konnte man den feinen Kohlestaub versuchen abzuklopfen. Der Staub zog sogar zwischen die frische Wäsche in meinen Schränken.“

Bewohnerin aus Mühlrose

„Dieser Kohlestaub war überall. Man sah Fußspuren, wenn man über seinen Hof lief. Meine Besucher waren manchmal erstaunt, warum mein Gesicht so aussah, als wenn ich den ganzen Tag auf dem Feld stand, uns fiel das manchmal selbst gar nicht mehr auf.“

Bewohnerin aus Mühlrose

Mühlrose umgesiedelt. Fünf Jahre später folgten weitere 18. Ein Großteil der Einwohner musste dem Tagebau weichen. Zwischen 1973 und 1997 entstanden in unmittelbarer Nähe zum Ortskern von Mühlrose ein Kohlebunker und eine Kohleverladung für die Kraftwerke Boxberg und Schwarze Pumpe. Erinnerungen, wie damit verbundene Staub- und Lärmbelästigung sowie ein Wassermangel, halten sich bis heut zäh in den Köpfen der Mühlrosener. Mitte der neunzi„Mehrmals täglich sprach eine unüberhörbare Stimme aus eiger Jahre zog sich der nem Lautsprecher: „Vorsicht an der Bandanlage, die Anlage wird Bergbau schrittweise angefahren“, gefolgt von einem lauten Hupton. Im Sommer und aus Mühlrose zurück, bei gutem Westwind konnte man schwarzen Kohlestaubnebel über und das 45-jährige Mühlrose sehen.“ Bewohnerin aus Mühlrose Bauverbot, infolge des Status Braunkohleschutzgebiet, wurde aufgehoben. Durch bereitgestellte Fördermittel erfolgten umfangreiche Sanierungen im Ortsbild. Ab 1999 schlossen sich die Gemeinden Trebendorf und Mühlrose zusammen,

Heimat

79


He

chtt eic

Halbendorf

h

Schleife

Halbendorfer See

Schleife Siedlung

Rhodedendronpark Kromlau

Trebendorf

Rohne

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de

e

Trebendorfer Tiergarten Mulkwitz Jahnteich

Weißwasser/ Oberlausitz Mühlrose

Turm am schweren Berg

annsHerm dorf

Innenkippe Nochten

Tagebau Nochten

Truppenübungsplatz Oberlausitz

Ta g

eb

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Lausitzer Findlingspark

No

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Speicherbecken Lohsa II

Kraftwerk Boxberg

Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft

Boxberg/ Oberlausitz

Kiessandtagebau Boxberg

Bärwalder See


Bad Muskau

Gablenz

Braunsteich

Südbereich Braunsteich

Truppenübungsplatz Oberlausitz

um einer späteren Zwangs-Eingemeindung zu entgehen. Der Tagebau Nochten, jetzt Vattenfall Europe Mining AG, wird in den nächsten Jahren Mühlrose von der anderen Seite her tangieren, sodass der Ort eine Insel in der Tagebaulandschaft mit Kappung nahezu aller Verbindungsstraßen wäre. Nach vielen und langen Gesprächen und Verhandlungen mit Vattenfall gab es im Dorf Abstimmungen, bei der eine klare Mehrheit von 80% der Dorfbewohner/innen für eine komplette Umsiedlung stimmte. Mühlrose (ca. 210 Einwohner), Mulkwitz (263 Ew.) und Rohne (578 Ew.) werden in wenigen Jahren im vollen Umfang von einer Umsiedlung betroffen sein. Vattenfall Europe Mi„Damals ist es weitaus ungerechter zugegangen, als noch ning Ag und die sächsiZwangsenteignungen, ungerechte Auszahlungen und kaum sche Landesregierung ein Recht auf Mitsprache normal waren!“ wollen für das geplante Bewohnerin aus Mühlrose Abbaugebiet II des Braunkohletagebaus Nochten mehr als 1500 Menschen umsiedeln. Land und Gut der Betroffenen wird bei Begehungen ihrer Grundstücke bis ins Detail geschätzt, in den gegenwärtigen Marktwert umgerechnet und nach Vorstellungen der Betroffenen in einen dementsprechenden Besitz auf neuem Land umgesetzt. Entscheiden sich die Besitzer für ein neues Heim kleiRietschen


„Die prognostizierte Grundwasserabsenkung bei Erweiterung des Tagebaus Nochten reicht weit in das Nachbarland Brandenburg

neren Ausmaßes – all hinein. Davon wären geschützte Feuchtgebiete, das Trinkwasser für Spremberg und die Wasserversorgung des Industriestandortes zu oft bewohnt nur Schwarze Pumpe betroffen. Dennoch ist Nochten der einzige Launoch eine Person eisitzer Tagebau, für den Vattenfall an keiner Stelle eine Dichtungsnen Besitz, der für wand zur Begrenzung der Grundwasserabsenkung vorsieht.“ viele Bewohner ausUmweltgruppe Cottbus e.V. gelegt ist – werden die jeweiligen Beträge ausgezahlt. Das war nicht immer so! 2015 sollen die neugebauten Häuser und Wohnungen beziehbar sein. Oberhalb von Schleife entstehen drei neue Orte bzw. Ortsteile, den Gemeinden Mühlrose, Mulkwitz und Rohne in ihrer Geschlossenheit bestmöglich nachempfunden. Es gibt viele Gespräche, um allen Belangen so nah wie möglich kommen. Es gibt Veranstaltungen, bei denen sich die neu zusammengeführten Gemeinden kennen lernen können. „Große Reisebusse holten uns ab, um uns zu jenen Orten zu fahren, die für den neuen Standort Mühlrose in Frage kamen. Oberhalb von Schleife sind bereits Grundstücke auf Brachland abgesteckt. Bestenfalls können Nachbarn Nachbarn bleiben. Eine eigene Kirche und ein eigener Friedhof wurden ausgehandelt.“

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Bewohnerin aus Mühlrose


Ich schaue, bei meinen Gesprächen dort am Küchentisch einer Mühlroserin, in freudige erwartungsvolle Gesichter. Auf meine Frage, wie es sich anfühlt, ein ganzes Leben nicht nur zurücklassen zu müssen, sondern auch die unumgänglich damit verbundene Tatsache, dass eine Rückkehr an die Orte solcher Erinnerungen und Wurzeln nie wieder möglich sein wird, schaue ich in fragende Gesichter, so als sei ich die Erste, „Ich empfinde die Umsiedlung als eine neue Chance für mich, wie die das fragt. Die Erinein Neuanfang, in einem neuen Haus, nach meinen Vorstellungen nerungen an jene Zeit, errichtet, bestenfalls mit meinen alten Nachbarn. Ich möchte nicht als die Grube aktiv so auf einer Insel wohnen, die ich nur auf langen umständlichen und nah an Mühlrose war unschönen Umgehungsstraßen verlassen kann.„ und alles Leben be Bewohnerin aus Mühlrose einträchtigt hat, steckt noch tief in ihren Köpfen. Man weiß auf jeden Fall, was man nicht mehr will und da sind sich offenbar alle einig. Zwischen den Entscheidungen, die demokratisch im Dorf getroffen werden, und den eigentlichen Umsiedlungen, vergehen viele Jahre. Eine Zeit, in der viele eine Art Freude auf eine neue Umgebung, auch auf neue Menschen, das neue Häuschen und vor allem auf neue Chancen entwickeln. Einige Dorfbewohner sind sogar ganz froh, ihre baufälligen Häuser nun nicht mehr sanieren zu müssen. Heimat

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„Bereits nach kurzer Zeit fühlen sich fernab der Zivilisation und erleben einen besondere Landschaft, die eher an Australien oder Afrika erinnert, aus einer völlig neuen Perspektive. Also rein ins Abenteuer - mitten in Deutschland!“ Ferienjornal, Lausitzer Seenland, 2012, Seite 4 aus dem Artikel „Abendteuer abseits der Straße“

„... vom Rücken eines Pferdes schweift der Blick in die Landschaft. Reifendes Korn in weiten Feldern wechseln mit ausgedehnten Weideflächen. Hellbraune Pferde ohne Zaumzeug tummeln sich da. Ungestüm springen Fohlen zwischen den ausgewachsenen Tieren. Am Wegesrand entdeckt ein Naturfreund eine Wildblume, die sich woanders so rar gemacht haben. Nach einer Weile gemächlichen Trabs bietet sich dem Auge eine Herde von Rindern. Urwüchsige Kraft strotzt da mit wuchtigen, nach hinten geschwungenen Hörnern, dem Ur-Rind ähnlich. In der Ferne läd eine Anhöhe zum Besteigen ein. Wie mag sich von dort aus die Gegend zeigen?“ Ferienjornal, Lausitzer Seenland 2012, Seite 24 Artikel: Erlebniswelt Elsterheide ..., über die Landschafts-, Nutz- & Wildparkpfelege GmbH

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„Woher kommt unsere Energie? Der Vattenfall-Tagebau Welzow-Süd fördert pro Sekunde eine Tonne Kohle zu Tage. Seien Sie live dabei. Fahren Sie ein in die gewaltige Grube und erleben Sie mit dem F60 die größte Förderbrücke der Welt in Aktion.“ Faltflyer excursio Besucherzentrum „Erlebnisse der besondern Art“ Touren am tagebau 2012

*

Lausitzer Seenland „Ferienjournal“ 2011 und 2012

ErlebnisParadies* Die Arbeitsplätze der Lausitzer hat zu Tausenden der Strukturwandel fort geholt. Ihre Kinder sind weggezogen, um woanders zu studieren, zu lernen oder zum Beispiel in den Alpen zu Kellnern. Ein Schicksal ähnelt vielen anderen hier in dieser Gegend. Ein Opa hatte eine Landwirtschaft, der Kohlebagger kam, fraß die Wälder, Felder, Straßen und das Dorf, jedoch vielerorts nicht den Unternehmergeist der Menschen. Der Vater betreibt nun einen Gasthof, sein Sohn hat sich mit ein paar 4-WheelBikes selbstständig gemacht und ist bereits lange vor dem Sommer, mit seinen geführten Touren über ehemalige Abraumhalden, ausgebucht. Manche Ausgeflogenen kommen eben wieder, denn die Hoffnung wächst mit jedem Kubikmeter Wasser, der in die einstigen Gruben fließt. Besucher und Touristen werden mit weitläufigen Seenlandschaften, naturnahen Teich- und Heidegebieten, einem herrlichen Bergland mit Kletterfelsen, mit Schlössern, Freilichtmuseen, Fürst von Pückler mit seinem Gartenkunstwerk - ein Welterbe von internationalem Rang, mit einzigartigen Schmalspurbahnen und Saurierparks, umworben. Vom größten Irrgarten Deutschlands bis zum fast größten funktionierenden Räuchermann der Welt. Achäologische Fundstücke aus dem Tagebau kann man in der Heimat

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Slawenburg Radusch bei Lübbenau oder dem Findlingspark Nochten bei Weißwasser begutachten. Eine Landschaft, die stetig im Wandel begriffen ist. Mehr als 150 Jahre Bergbau und Kohleproduktion haben der Region ein industrielles Gesicht verliehen. Viele Maschinen, Werkhallen und Industriegebiete stehen mittlerweile still, wurden abgerissen und rekultiviert oder werden als Museen und imposante Kulisse für kulturelle Veranstaltungen wieder zum Leben erweckt. Vor der 100-jährigen Brikettfabrik Knappenrode kann man auf Liegestühlen bei einem „Fabrikerlebnis“ die bunt beleuchteten, stillgelegten Backsteinhallen auf sich wirken lassen. Neben dem Dieselkraftwerk Cottbus oder den Biotürmen von Lauchhammer (einer ehemaligen Kokerei1) zählen zum Beispiel auch das 502 Meter lange, 204 Meter breite und 80 Meter hohe Besucherbergwerk F60, auch liebevoll der „liegende Eiffelturm“ genannt, als die weltweit größte bewegliche Arbeitsmaschine, dazu. Der Name steht für die Fördertiefe von 60 Metern und in der Lausitz gibt es gleich fünf von dieser Sorte. Vier von ihnen dienen dem aktiven Bergbau und der eine avanciert zum größten Klettergerüst der Welt. 1 In einer Kokerei wird aus Kohle Koks und Rohgas erzeugt. http://de.wikipedia.org/wiki/Kokerei

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„Geierswalder See Wenn Sie diese Seen sehen, wollen Sie kein Meer mehr.“ Ferienjornal, Lausitzer Seenland 2012, Seite 22 zitiert ist der Titel des Artikels

die Sorben

*http://de.wikipedia.org/wiki/

Benutzer:Flurax/Johann_Schadowitz

Das kleine westslawische Völkchen der Sorben bzw. Wenden findet hier, im Süden Brandenburgs und Osten Sachsens, bereits seit dem 6. Jahrhundert einen Ort zum Sein und hat sozusagen die älteren Rechte an dieser Gegend. Die tausendjährige Stadt Bautzen am Ufer der Spree zählt als Wendenhauptstadt zum kulturellen und politischen Zentrum der Sorben. Gegenwärtig gibt es noch Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Auch wenn ihr Alltag wenig mit bunter Folklore zu tun hat, prägen sie mit ihrer Kultur, ihrem Brauchtum, zumeist zur Osterzeit, und mit ihrer Sprache ganz sichtbar diese Gegend. So ist zum Beispiel auf allen Ortseingangsschildern der Region der sorbische Name des Ortes ebenso zu lesen. Cottbus wird niedersorbisch zu Chósebuz und Görlitz obersorbisch zu Zgorzelec. Diese Zweisprachigkeit zieht sich ebenso durch Kirchen, Schulen, Kindergärten, Museen und Buchhandlungen oder man besucht einfach mal das Deutsch-Sorbische Theater in Bautzen. Typische Bräuche sind die Osterreiter-Prozessionen, das Holen des Osterwassers oder die in der althergebrachten Technik kunstvoll verzierten Ostereier. Der kroatische Reiterobrist Johannes Schadowitz* oder auch im Volksmund der alte Zauberer Krabat mit seiner Mühle in Schwarzkollm bei Hoyerswerda, Heimat

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„Stahlgigaten bei Nacht Fahrt zu den beleuchteten Baggern mit kleiner Wanderung und Imbiss beim Sonnenuntergang“ excursio Besucherzentrum

liegt als sorbische Sagenfigur hier begraben. Seine Geschichte kam im gleichnamigen Film 2008 in die Kinos, wurde allerdings nicht in Schwarzkollm sondern in Rumänien gedreht. 20th Century Fox erklärte, das sie eine Gegend gesucht hätten, in der es noch wirklich wie im 17. Jahrhundert aussah. Quer durch die Lausitz zieht sich das Lausitzer Seenland, von Calau in Brandenburg bis Görlitz in Sachsen. Die, für die gesamte Bundesrepublik bedeutende, wirtschaftliche Struktur der Lausitz, insbesondere bei der Energieerzeugung durch die Braunkohlegewinnung und Weiterverarbeitung, hinterließ nach vielen Jahrzehnten eine durchgeplante von Menschenhand geschaffene Landschaft. Still gelegte Tagebaue werden und wurden mit Wasser befüllt, künstliche Seen mit einer Gesamtgröße von mehr als 14.000 Hektar werden entstehen, weite Landschaften werden und wurden großflächig rekultiviert. Namen, wie Rosendorfer Kanal oder Gräbendorfer See, erinnern an jene Dörfer oder Ortsteile, die dort dem Tagebau weichen mussten.

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Lausitzer Seenplatte


leere Fülle

1

Eine Pontonbrücke (auch Schiffbrücke oder Schwimmbrücke) besteht aus einer Reihe von auf einem Gewässer schwimmenden Körpern, auf die ein Steg, eine Brückenfahrbahn, seltenen Fällen ein Gleis, montiert ist.

eine Karte vom Lausitzer Seenland auf der folgenden Doppelseite www.lausitzerseenland.de

Still gelegte, bereits geflutete Tagbaulöcher avancieren bereits seit 2003 zu einem erlebnisorientierten Publikumsmagneten. Segeln, Surfen, Tauchen, Wasserski, Monoski, Trickski, Wakeboard, Wakeskate Motorboot, Skaten, Kanu fahren, Reiten und Golfen. Übernachten kann man auf Caravanplätzen, in Bungalows und Ferienhäusern oder auf einem der schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder oder Partwitzer See. Es werden kilometerlange Strände, lange Pantonbrücken1 und ganze Hafenanlagen geplant und errichtet. In einem gut ausgebauten Radwegenetz kann man sich von verschiedenen Themenrouten, wie zum Bespiel der Rundkurs-Dreiländereck, der Kohle – Wind & Wasser – Tour, Sorbische Impressionen auf dem Wolfsweg und vielen weiteren markanten fahrradläufigen Sehenswürdigkeiten hinreißen lassen. Barrierefrei können Blinde und Sehbehinderte Tandemtouren und Landkarten in Anspruch nehmen, Boote und Kleinbahnen werden durch Rampen und Kräne für Rollstuhlfahrer benutzbar. Die Seestadt Großräschen mit Seehotel und einem Freizeit- und Erholungszentrum umwirbt sich als „Tor zum Lausitzer Seenland“. Ein schiffbarer Kanal wird zukünftig den Großräschener See mit dem Seedlitzer See verbinden und somit an touristischer Attraktivität gewinnen. Noch im Trockenen Heimat

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„Nimm alles mit, auch deine Familie. Wir haben Wasser ohne Ende, im Sommer Hitze wie auf Hawaii, Gegenwind wie auf Lanzarote und staubige Löcher wie auf dem Mond“

aber bereits vorhanden sind eine Seebrücke und die IBA-Terassen19, welche alle Informationen zur 10-jährigen Internationalen Bauausstellung und zur Geschichte der Braunkohle in der Lausitz bereit stellt. Der Senftenberger See hingegen bekommt zu seinem 7 km langen Sandstrand im Hochsommer 2012 mit neuem Stadthafen eine Uferpromede mit Hafenflair und Seebrücke mit 100 Liegeplätzen. Das Fahrgastschiff „Santa Barbara“ hat mit zwei Salons Platz für 110 Gäste. Der Bärwalder See, seines Zeichens mit 13,6 km2 der größte See Sachsens, hat bereits einen Leuchtturm. Die bis zu 300 Jahre alten Schrotholzhäuser in Rietschen stammen größtenteils aus Dörfern, die dem Braunkohleabbau zum Opfer gefallen sind. Die Gebäude wurden abgetragen und auf dem Museumsgehöft „Erlichthof“ originalgetreu wieder zusammengesetzt. Zwischen all der lausitzer Schönheit brechen riesige vegetationsfreie Flächen das aufgebaute Bild eines Erlebnisparadieses. Denn selbst aktive Tagebaue werden als ein aberteuerreiches und adrenalinförderndes Ausflugsziel propagiert. Aus der Not wird eine Tugend gemacht, sodass zahlreiche Aussichtspunkte bzw. Landmarken unmittelbar an den Rändern der Grubenlöchern errichtet wurden. Dreißig Meter hohe Türme ragen mahnend, wie riesige, erhobene 92

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aus einer Reisereportage „Glück auf ! Gib niemals auf, Lausitz“ ein Text von Mathias Priebe

volle Leere


Zeigefinger, aus einem kleinen Stück zivilisierter Erde. „Als Symbol für den Wandel der Bergbaulandschaft zu einer Seenlandschaft, aber auch als Orientierungs- und Aussichtspunkt ...“, schreibt das Ferienjournal Lausitzer Seenland tragen sie Namen wie „Schiefer Turm“, „rostiger Nagel“ oder „Randriegel“ und bieten den zahlreichen Besuchern „faszinierende Ausblicke“. Es ist die einzigartige Möglichkeit, noch weiter, noch tiefer, in futuristische Tagebaulöcher zu schauen. Aber wer will denn nur schauen? Natürlich gibt auch die Möglichkeit hineinzugehen - zu Fuß, mit Kutsche, hoch zu Ross oder mit einem Quad oder Jeep ins Off-Road-Gelände; Tagebausafari im Tagebau Welzow. º„Bereits nach kurzer Zeit fühlen Sie sich fernab der Zivilisation und erleben eine besondere Landschaft, die eher an Australien oder Afrika erinnert, aus einer völlig neuen Perspektive. Also ein echtes Abenteuer - mitten in Deutschland!“ schreibt ein

1 Direkt am Rand des ehemaligen Tagebaus Meuro befinden sich die IBA-Terrassen. IBA steht für die Internationale Bauausstellung. Ihre ungewöhnliche Gestalt aus drei durch Terrassen verbundenen Gebäudewürfeln beherbergen sie das Besucherzentrum Lausitzer Seenland, Ausstellungen, Veranstaltungsräume und einen Reiseveranstalter. www.iba-terrassen.de

º

Ferienjornal, Lausitzer Seenland 2012

Ferienjournal Lausitzer Seenland. Wie nicht anders zu erwarten, ist das Bestaunen monumentaler Zerstörung auch aus der Luft möglich. Der Bärwalder und Sedlitzer See bieten sogar Wasserlandeplätze. Es bleiben keine Wünschen offen, keine Ressourcen unausgeschöpft. Nach einem Rundflug über die Grube kann man selbstverständlich auch sein Mittagessen unter freiem Himmel am kargen Grubenrand an weiß gedeckter Tafel zu sich nehmen. Heimat

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„Die ganze Weltgeschichte scheint mir oft nichts anderes zu sein, als ein Bilderbuch, das die heftigste und blindeste Sehnsucht des Menschen spiegelt: die Sehnsucht nach Vergessen. Tilgt da nicht jede Generation mit den Mitteln des Verbotes, des Todschweigens, des Spottes immer gerade das aus, was der vorigen Generation das Wichtigste schien? …“ Hermann Hesse, Die Morgenlandfahrt

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der

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Das Neugeborene Ach, als ich noch ein Fischlein war in meiner Mutter Leibe, wie war mir da so wunderbar in dieser süßen Bleibe. Wo kam ich her? Was soll ich hier? Das habe ich vergessen. Ein Engel tat die Finger mir auf meine Lippen pressen. Hier draußen will mir alles nun so rauh und kalt erscheinen. Mir ist so weh. Was soll ich tun, als weinen, weinen, weinen? Michael Ende aus „Michael Endes Zettelkasten, Skizzen & Notizen“

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wer weißwasser kennt … … der weiß, was er kennt.

„Ich bin Weißwasser“ nennt sich eine Facebookgruppe mit einer ca. 3500-Menschen starken Gemeinde (Tendenz wachsend), die ein ähnliches Schicksal miteinander teilt. Hier werden verlorene Freunde gesucht, Erinnerungen ausgetauscht, aktuelle Bilder hochgeladen und zur Diskussion gestellt. All zu oft ähnelt dieser virtuelle Raum einem digitalen Friedhof, der Orte zeigt, die es so nicht mehr gibt. Als jemand ein Bild des Straßenschildes “Werner-Seelenbinder-Straße“ veröffentlichte, darüber hinaus auch das Einzige, was von dieser Straße noch existiert, folgten in einer Flut von kurzen Kommentaren, die Hausnummern, die jeder dort einmal bewohnte. Ich möchte behaupten, wer Weißwasser einmal kannte, wird es jetzt nicht mehr wiedererkennen. Zwischen dem Spreewald im Norden, Polen hinter der Neiße im Osten und der Sächsischen Schweiz im Süden befindet sich, an Wanderer

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einem der östlichsten Orte Deutschlands, die Glasmacherstadt Weißwasser. Eine gemütlich anmutende Altstadt, eine plattenbetonierte Neustadt, sauer schmeckende Baggerseen, riesige Märchenwälder und die Wurzeln wahrer Freundschaften ruhen für mich dort, mehr oder minder unverändert, im Herzen des Niederschlesischen Oberlausitzkreises. Hier beginnt meine Geschichte. Hier wohnen all meine bewussten und unbewussten Impulse und Ruhelosigkeiten, die mir die Entscheidung zu dieser Arbeit abgenommen haben. Hier lies ich Land und Leute zurück, suchte Glück und Zukunft woanders, vielleicht nur, um herausfinden zu können, dass es keine zweite Heimat für mich gibt. Von hier kommt und dahin strebt meine Suche. Weißwasser musste ich erst verlassen, um nun zurückkehren zu können.

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1983, meine Mutti und ich mit ca. einem Jahr. Dieses Bild erklärt eindrucksvoll meine früheren Spitznamen „die Zwiebel“.


ein Wanderer im Weltgetriebe die Vorgeschichte

Prolog

Als Drittes von vier Kindern wuchs meine Mutter in Hoyerswerda auf. Ihr Vater war durch seinen Malerberuf viel unterwegs. Ihre Mutter, selbst Einzelkind, bereitete, neben ihrem Beruf bei der Bahn, ihre vier Kinder, soweit es die Zeit zuließ, auf das Leben vor. Meine Mutter, das Schwarze Schaf der Familie, fühlte sich unverstanden, emotional allein gelassen und erkämpfte sich böse und boxend Aufmerksamkeit, brach Regeln und Normen, um der Spießigkeit zu Hause entfliehen und ihrer zigeunerhaften Freigeistigkeit frönen zu können. Schon früh büchste sie aus, um auf Blueskonzerte zu trampen, ihrerzeit die rebellische Szene einer Jugendbewegung der DDR mit süßer Suchtgefahr. Auf einem dieser Konzerte lernte sie Enrico kennen und verliebte sich. Sie verlebten die folgenden Wochenenden liebestrunken vor und hinter den Konzertbühnen der Blueser. Zwei Monate später war sie schwanger. Enrico enthielt sich nahezu jeder Reaktion zu diesem neuen Umstand und ging, ganz offensichtlich überfordert, seiner Wege. Mit einer fertigen Lehre, jungen, lebensdurstigen 17 Jahren und einem Kind im Bauch, erfuhr Muttis wilde Jugendzeit eine abrupte Wendung.

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ich als Kindergartenkind

Im Oktober 1982, zwei Monate nachdem ich das Licht der Welt erblickt hatte, zog meine Mutter mit mir aus ihrer Heimatstadt Hoyerswerda in die 40 km östlicher gelegene Große Kreisstadt Weißwasser. Mit 19 Jahren nahm sie dort als alleinstehende Mutter eines einjährigen Kindes eine Arbeitsstelle zur Bleiglasschleiferin auf. Wir zogen direkt neben dem Glaswerk ‘Bärenhütte’ in ein Mehrfamilienhaus in der Lorenz-Zaleski Straße. Acht Jahre lang schliff sie geduckt, paletten- und stiegenweise Weinlaub, Büschel und Rosensterne in Weingläser, Likörschalen, Cognacschwenker, Whiskybecher, Zuckerdosen und Sahnekännchen. Mit der Zeit kannte ich mich in den Betriebshallen ganz gut aus und war immer sehr beeindruckt, wie sich die Gesichter der Glasbläser deformierten, wenn sie konzentriert die ganze Luft ihrer Lungen durch ein langes schmales Rohr bliesen, um am anderen Ende, kurz vor der Öffnung eines riesigen Ofens, einer glühenden wabernden Masse eine Form zu verleihen. Am liebsten aber mochte ich die großen Container für kaputtes, misslungenes und überschüssiges Glas1. Es gab einen Container für grünes Glas, für rotes, gelbes und orangenes, für blaues und einen für durchscheinendes Glas. Ich durfte mir immer ein paar bunte Glasklumpen mit nach Hause nehmen, womit ich beim Scherben106

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Kind Sein

1

Überfangglas is ein Flachoder Hochglas, das aus zwei oder mehreren Schichten unterschiedlicher Färbung besteht. http://de.wikipedia.org/wiki/Überfangglas


1989, Einschulung, vor dem Hauseingang Werner-Seelenbinder-Straße 37

vergleichen im Kindergarten immer klar im Vorteil war. 1986 zogen wir in das neue Plattenbaugebiet „Südstadt“ von Weißwasser. Plattenbauten wurden damals nach meinem Empfinden noch nicht als hässlich und verrufen angesehen. Ich sah Vorteile, da durch die Ballung vieler Menschen auf einem engeren Raum nun alle Freunde, Supermärkte und Schulen in angenehmerer Nähe zueinander waren. Aber in erster Linie gab es endlich eine Badewanne, ein Klo in der Wohnung und statt der Kohlenschlepperei endlich eine Zentralheizung! Unsere neue Adresse war die Werner-Seelenbinder-Straße 37, an der Stirnseite der Südstadt. Zwischen dem Fichtenwäldchen des Ortsausganges und unserem Hauseingang gab es neben einem Parkplatz noch ein Kinderheim, oder auch das „Früchtchenheim“, wie es meine Mutter immer liebevoll nannte und in das sie mich all zu oft scherzhaft drohte zu stecken, wenn ich mal wieder nicht spurte. Ab und an besuchten wir noch die uns zu Freunden gewordenen Bewohner unserer alten Adresse neben der Bärenhütte. Da es dort weder einen Spielplatz noch Spielzeug auf dem Hof gab, wurde der kindliche Geist erfinderisch. Ameisenhaufen Wanderer

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wurden zum Zentrum für Mutproben oder so lange attackiert und unterspült, bis der Hof unter Wasser stand. Kleine Schlammbäder in den Beeten der Anwohner oder das große Hoftor als Klettergerüst wurden kräftig von uns durch die Mangel genommen. Bei einem dieser Kletterversuche bekam ich die Finger meiner linken Hand nicht rechtzeitig aus der Angel gezogen, als das Tor zufiel. Nach zwei Wochen traumatisierendem Klinikaufenthalt, ein halbes Jahr lang Gipsarm bis zum Ellenbogen und deshalb lebenslange Befreiung vom Stangenrutschen im Schulsport und der gut gemeinten Empfehlung meines späteren Musikschullehrers doch lieber Bass statt Gitarre zu spielen, verbinde ich mit dem fehlenden Ringfingerglied eine wirklich prägende Erinnerung mit Weißwasser. Kurz nach der Wende 1992 verlor meine Mutter ihren Arbeitsplatz, so wie in den folgenden Jahren nahezu alle Mitarbeiter der Bärenhütte. Sie blieb von da an arbeitslos. Es folgten Umschulungen zur Hauswirtschafterin und Altenpflegerin, sie nahm Pflegekinder auf und engagierte sich in der Familienhilfe, sie wurde während ihren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Zeichnerin bei archäologischen Ausgrabungen im Tagebau und jobbte als Pizzafahrerin. Sie war Betreuerin bei Kinderferienlagern oder bemal108

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Werner-Seelenbinder-Straße 37, Blick aus dem Wohnzimmerfenster hinten raus. Noch Jahre später haben sich, nach diversen Komplettaushebungen des Sandkastens durch die vielen Kinder im Block, ein halbes Dutzend meiner verloren gegangenen Haustürschlüssel wieder eingefunden.

Jugend

te jegliche Objekte, die sich in ihrem näheren Umfeld befanden. Sie hangelte sich von einem Ehrenamt zum Nächsten, ob ABM`s oder Ein-Euro-Jobs, es nahm sich alles nicht viel, unterbezahlt und deprimierend waren sie allesamt. Sie gewann für sich mit den vielen Jahren des mühseligen Einarbeitens, des Anpassens und immer wieder neu Lernens die gute Erkenntnis, dass sie sich nach all dem nur noch nach Ruhe sehne und sich am liebsten ausschließlich ihren eigenen künstlerischen Projekten widmete. Dies war, ist und bleibt ein ganz persönlicher Siegeszug ihres Selbstwertgefühles als selbsttherapeutische Genesung. Bis heut bemalt und gestaltet sie Keramik und Stühle nach ihrem Verständnis für traurig-fröhlichen Humor. Zehn Kinder- und Jugendjahre wohnte ich in der Südstadt. Zehn Jahre bin ich durch vier verschiedene Schulen gegangen, eine Zeit, die viele flüchtige Freundschaften gebar. Ich wurde relativ regelfrei erzogen. Durch die vielen Freiheiten, die ich bei meiner sorglos scheinenden Mutter bekam, erwischte ich mich des öfteren dabei, wie sehr ich jene Wichtigkeiten beneidete und vermisste, die andere Kinder durch Verbote zu spüren bekamen. Als ausgefalleWanderer

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nes Zweiergespann nahm mich Mutti bereits als Kind mit auf Konzerte und Festivals, ich hatte immer ältere Freunde. Einen Mann gab es an Muttis Seite nie lange. Ein paar mal versuchte sie „Vater, Mutter, Kind zu spielen“, wie sie es definierte, um ihren Bestrebungen, bezüglich ihrer aufreibenden und kurzlebigen Beziehungen, einen Namen zu verleihen. Doch konstant blieb lediglich nur unser Frauenhaushalt. Ich war ihr Kind, ihre beste Freundin, ihr Kontrahent, ihr Tröster. In der nahenden Pubertät erwies sich diese, auf zwei Fronten konzentrierte enge Bindung, als ein zerstörerisches Gebräu. In den dürren Fichtenwäldern am Stadtrand rauchte ich meine ersten Zigaretten, dort knatterten wir ohne Sinn und Verstand mit den, von den Jungs zusammengebastelten Motorrädern über die Waldwege. Von meinem Jugendweihegeld kaufte ich mir einen E-Bass mit Verstärker, begann mich in Proberäumen und allein auf Konzerten herum zu treiben. Ich merkte, dass betäubende Verliebtheit und eine starke Abneigung zu Menschen die besten Songtexte produzierte, spielte eigene Theaterstücke und verarbeitete meine Probleme in eigenen Songs auf der Wandergitarre. In meinen letzten Schuljahren kniete ich mich intensiv in meine Schulaufga110

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erste Aufnahmen mit meiner zweten Band Chiasma


ben, – zu Hause herrschte bereits eine abgekühlte Distanz- immer in der Hoffnung, mich nach der 10. Klasse nicht für eine Ausbildung entscheiden zu müssen, sondern ein Fachabitur anknüpfen zu können. Arbeiten zu gehen, hieß in meiner Welt arbeitslos sein. So hatte ich es bisher erlebt. Dies hieß es hinauszuzögern.

der Vater

Mit 14 Jahren nahm ich Kontakt zu meinem Vater auf, der in Berlin als Ehemann, Vater und Fahrradmonteur lebte, aber vor allem durch die weite Welt radelte und reiste. 1989 als ich 7 Jahre alt war, kam er bei einer Reise durch Rumänien mit seinen Füßen unter einen Zug, verlor nahezu alle Zehen und beinah sein Leben dabei. Er verlor seine Arbeit und begann nach seine Rehabilitation eine Umschulung. Meine Mutter hielt mit ihm stets einen sachlichen Kontakt, der sich lediglich über das Finanzielle erstreckte. Jahre später, als ich längst ausgezogen war, las ich mir all diese Briefe auf dem Sofa meiner Dresdner Hinterhaus Souterrain-Wohnung durch. Schluchzend und fassungslos, begriff ich nicht, wie Mutti trotz so vieler Nöte zu solch einer Sachlichkeit im Stande gewesen war. Was nun mit einem regen Briefkontakt begann und als bald in aufgeregte Besuche mündete, so glich dieWanderer

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se Bekanntschaft mit meinem Vater einer Bilderbuchgeschichte, wie sie vermutlich nur wenige vaterlose Einzelkinder erleben dürfen. Mit ihm lernte ich meine anderthalb Jahre jüngere Halbschwester Anne kennen, die als Einzelkind bei ihm und ihrer Mutter aufwuchs. Ich hatte also eine Schwester (das Halb vor der Schwester war für uns schnell gestrichen). Jemanden, nach dem ich mich so oft gesehnt hatte! Aber auch eine Oma, einen Onkel und verschiedene Tanten kamen hinzu. Obwohl ich meinem Vater zuvor nie begegnet war, war es immer wieder ein Wunder, wie ähnlich wir uns im Geiste und Leben entwickelt haben. Ich wurde von ihm und seiner Frau recht selbstverständlich wie ein eigenes Kind aufgenommen. Ich fühlte mich immer sehr wohl, wenn ich die drei in Berlin besuchte. Das Verständnis für meine Euphorie bei meinen Großeltern und meiner Mutter blieb aus, was ich verstand und als bald gut zu trennen lernte. Bis heute ziehe ich vor meiner Mutter ehrfürchtig den Hut, dass sie selbst im Angesicht vieler Notsituationen, nie ein schlechtes Wort über ihn verlor. Da meine Mutter keinen Reiz am Reisen empfand, hatte ich, bis auf die griechische Akropolis, die finnische Autobahn und den Polenmarkt direkt hinter 112

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1996, dieses Bild fügte Papa einem seiner ersten briefe hinzu, in denen wir uns begannen kennenzulernen


der Grenze, keine weiteren nennenswerten Auslandserfahrungen. Enrico, wie ich ihn in den ersten Jahren noch nannte, schlug vor, mit Anne und mir nach Thailand zu fliegen, um sich besser kennenlernen zu können. Es war also soweit. Das kleine Mädchen aus der Provinzstadt flog aus, „in die große weite Welt”, wie es Mutti immer nannte, sie, der weite Entfernungen immer Angst und Panik einflößten. Durch Enrico lernte ich mit der Fremde bedachter und entspannter umzugehen. Ich sah wie man mit einer Krakse und genügend Zeit, ein Land ohne Vorbuchungen, Reiseleiter und Touribusse authentischer kennenlernte. Zudem erfuhren Anne und ich von einem gemeinsamen Bruder, den wir durch ein paar heimliche Schnüffeleien in Papas (Ja, es vergingen keine zwei Jahre und ich nannte ihn „meinen Papa“!) Dokumenten bei Dresden Klotzsche ausfindig machten und kontaktierten. Altersmäßig lagen wir Drei recht nah beieinander. Dennoch, der Kontakt zu ihm blieb immer etwas zäh. Bei unserem ersten Treffen an den Dresdner Elbwiesen war ich ungewohnt aufgeregt. Als er dann vor mir stand, betrachtete ich Papa im Kleinformat, sehr verblüffend. Heute sind wir über all die Fügungen froh, die uns zusammengeführt haben. Wanderer

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Wenn man kein guter Eishockeyspieler war oder keinen Ausbildungsplatz bei Vattenfall bekam, schrumpften die Perspektiven, die Weißwasser seinen Jugendlichen bot, auf ein paar Ausbildungsberufe zusammen. Nach dem allgemeinen Schulabschluß zerstreute sich Zusammengewachsenes und viele Erinnerungen schlagartig über dieses kleine Stück Erde hinaus. Eine Ausbildung stand für mich außer Frage. Ich war 16 und spürte, dass solch eine Entscheidung für mich der Anfang von einer Art Ende sein würde. Ich wollte es gar nicht erst austesten und umging jene Gewissensmarterung und Unschlüssigkeit mit Flucht und Aufschub. Entgegen den Erwartungen meiner Familie, verlies ich als eine der Klassenbesten die Realschule in Weißwasser und konnte somit in der 55 km entfernten Filmund Grenzstadt Görlitz mein zweijähriges Fachabitur für Soziales beginnen. Das erste Weggehen, der erste Auszug fiel mir schwer, aber ich genoss eine neue, ganz andere Art Freiheit. Auch der Abstand zu meiner Mutter tat uns beiden gut. Ich pendelte viel zwischen Weißwasser und Görlitz, hatte ja noch die Bands und Theatergruppen zu Hause, auch suchte ich mir meine Praktika dort. Zwei Jahre später trennte ich mich von meiner ersten großen Liebe, von der schönen Stadt Gör114

Alles.Voller.

mein Auszug


1

Abk. für Gestaltungstechnischen Assistenten, in meinem Falle, mit dem Schwerpunkt Grafik

litz und auch immer mehr von Weißwasser. Nahezu alle meine Freunde hatte es in alle möglichen Städte Deutschlands verschlagen, Kontakte brachen abrupt ab oder verliefen sich mit der Zeit ganz still und heimlich. Meine Mutter zog einige Jahre nach meinem Auszug zur Überraschung aller Familienmitglieder zu ihren Eltern nach Hoyerswerda zurück, was meine eigene freiwillige Loslösung um ein Vielfaches unfreiwillig beschleunigte und mich nur noch zu einem Besucher Weißwassers machte. Nach einigen Absagen von Fachhochschulen entschloss ich mich, mehr oder weniger über Nacht, eine Ausbildung zum GTA1 in Freital, einem kleinen Städtchen am Rande Dresdens, zu beginnen. Ich wollte und konnte mich weder festlegen noch entscheiden und wählte als Überbrückung diesen Assistentenberuf, der mir Zeit, ein Ziel vor Augen und Wartesemester beschaffen sollte. Ich sattelte also um, vom sozial engagierten Theater- und Musikerherz zur ahnungslosen Grafikerin. Mein Vater kam von Berlin nach Freital gefahren, um mir einen Computer samt Drucker in mein winziges möbliertes Zimmerchen, mit Klo auf halber Treppe und Dusche neben zwei Kochplatten, zu stellen. Ich wusste nicht einmal, wo dieses Teufelsding anging. Es war mein erster Computer. Meine erste eigene Wohnung. MeiWanderer

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Abriss eines Wohngebietes in der Weißwasseraner Südstadt

2008, die Werner-Seelenbinder-Straße 37, menschenleer und geisterhaft. Ich beschloss, diesen Ort nicht mehr aus den Augen zu lassen. Die drei, im Wald gemopsten und nach dem Feste wieder eingegrabenen, Weihnachtsbäume im Vordergrund hüten wie treue Wärter einer vergangenen Zeit, diesen womöglich hässlichen, mir aber heiligen ort.


1 im März und April 2006 kam es in folge Tauwettern in den Mittelgebirgen am Oberlauf der Elbe (Moldau, Eger, etc.) zum stärksten je gemessenen Elbhochwasser http://de.wikipedia.org/wiki/Elbhochwasser_2006

nen ersten verzweifelten Liebeskummer linderten Nietzsche und viele wirre Gitarrenakkorde. Nach einem Jahr Ausbildung pendelte ich lieber und zog nach dem Jahrhundertwasser1 in die wunderschöne Stadt Dresden. Wie dieser Stadt, genauso war ich auch der Fotografie zugetan, die einen Teil meiner Ausbildung ausmachte und eine ungeahnte Leidenschaft in mir entfachte. Ich hungerte für meine erste eigene Kamera und schlug mir Nächte im Schwarz/Weiß-Labor meines Fotografielehrers um die Ohren. Ich begann Körper anzumalen und abzulichten, eröffnete Ausstellungen und veranstaltete Workshops in Dresden und Meißen und beschloss in diese Richtung weiter zu arbeiten. 2005. Die unerwartete und kurzfristige Zusage für den Studiengang Kommunikationsdesign an der FH Potsdam und die daraus resultierenden zwei Umzüge innerhalb nur eines Monats, schlugen in meinem Leben ein wie eine Bombe. Ich hatte bereits einen Ausbildungsvertrag für die auf meiner Ausbildung aufbauenden „Fachschule für Gestaltung“ am ESB mediencollege und einen neuen Mietvertrag in Dresden unterschrieben. Völlig überstürzt und zerstreut kam ich in der brandenburgischen Hauptstadt an, hoch motiviert und restlos erschöpft begann ich das erste Semester. Und immer noch von den Ängsten Wanderer

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geplagt, mich festlegen oder definieren zu müssen, erlag meine Verwirrung den einfachsten Fragen. Ich hatte für meine Begriffe meine Art zu fotografieren gefunden, und liebte Farbe wirklich sehr. Für‘s Erste sah ich in meinem neuen Kapitel Potsdam eine weitere Chance, mich neu zu ordnen, und es gab mir Zeit, mich und andere Antworten zu finden. So sehr, wie solche heftigen Tapeten,- Orts,- und Menschenwechsel reizen, so sehr zerren sie auch an Körper und Gemüt. Abstürze, Höhenflüge, Grenzgänge, Lampenfieber, Unsicherheiten, Krankheiten ohne Symptome und Narben ohne Schmerzen sind die eigentlich vorhersehbaren Folgen eines solchen Lebenswandels. Ich zog nirgends mehr, mit dem Gedanken des Bleibens oder endgültig Niederlassens, hin. Beheimatet fühlte ich mich schon lange nirgendwo mehr auf Dauer. Alles lebte sich für mich ab, alles wurde eintönig, überall verbarg sich Lethargie. Von einer Art inneren Unruhe angestachelt, bewältigte ich alles recht lose, hielt mir Hintertüren und Optionen offen. Orte und Menschen waren Stationen meines Lebens – Urlaubsorte für die Seele. Was mich unglücklich machte, entfernte ich. Beziehungen zu Menschen, die nicht aus meiner weißwasseraner 118

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Warum alles so ist, wie es ist.


„Eine Unruhe schleicht in mir herum. Bin ich auf der Jagd oder auf der Flucht? Das ist die entscheidende Frage. Ich wollte frei sein, jetzt fühle ich mich gefangen. Vom Nichts.“ Rocko Schamoni aus „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“

Zeit stammten, pflegte ich eher banausenhaft. Beziehungen zu Männern überstanden kaum ein Jahr, weil mir das Warten auf einen für mich befriedigenden Sinn oder ein gemeinsames Verständnis immer zu schnell abhanden gekommen war. Ich wollte Ankommen und hielt mich immer nur selbst davon ab, wollte mich binden, doch meine Kapitulation hieß nicht Kampf, sondern Flucht. Eine Art schutzbedürftiges Einzelgängertum, dessen Wurzeln und Konsequenzen sich vermutlich in den häuslichen Zweifrontenkriegen während meiner Pubertät begründeten. Während meiner letzten Jahre in Weißwasser, begann ich gegen all jene unlogischen Mechanismen zu rebellieren, die sich über die vielen Jahre des Zusammenlebens mit meiner Mutter ungesund manifestiert hatten. Vertrauen wurde zur Egosache, Kompromisse zumeist unmöglich und Kotzgrenzen waren erreicht, bevor man hätte einlenken können. Wie nicht selten in überreizten Situationen, dominierten Sensibilitäten und ließen notwendige Klarheit gefährlich verschwimmen. Reden, so wie mir es zu Hause zu jener Zeit fehlte, war für mich ein Schlüssel geworden, um mich anderen Menschen nah und verbunden zu fühlen. Treue hingegen war eine einengende Tugend, die mein verletztes Einzelkämpferego nur schwer verstand.

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Im Gegensatz zu meinen Kinderjahren, konnte ich nun nach meinem Auszug einfach gehen, abhauen, flüchten. Alles, was begann an mir zu zerren, fühlte sich für mich urplötzlich so eigenartig austauschbar an. Auf der Suche nach wahren tiefen Gefühlen, bekam ich Angst, wenn sie von mir selbst gefragt und erwartet wurden. In den letzten rebellischen Jahren, die ich zu Hause wohnte, vermisste ich eine verlässliche Basis, ein Gefühl echten Zusammenhalts. Ich wünschte mir eine Art selbstverständliche Verantwortung, die niemanden etwas beweisen wollte. Ich sehnte mich zu oft nach einer dritten Meinung. Getreu dem Motto „Wenn man sich auf jemanden verlässt, ist man verlassen.“ wuchs ich zu Hause auf. Muttis Charakterzüge haben mich geprägt. Menschen waren für sie Aufgaben, all zu oft Grund für Enttäuschung aber auch ein Spiegel ihrer guten Kräfte, die sie oftmals über sich selbst hinauswachsen lies. Mit einem schwachen Selbstwertgefühl ausgestattet, verhinderten ihre Überzeugungen oftmals den nötigen emotionalen Abstand zu alltäglichen Dingen. Außerstande ihren Überforderungen auszuweichen, fungierte ich oftmals als ihr Ventil. Die Essenz all dessen, vermengt mit meinen Erfahrungen und Überzeugungen, wuchs in vielen Jahren 120

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durch viele Beziehungen. Ich lernte über ein inflationäres Verlieben hinaus, auf einem mühseligen Weg aus Einsichten, Verständnissen und Kompromissen, auch wahrhaftes Lieben, ohne die Flucht ergreifen zu wollen. Nur auf Dauer anzukommen, das fällt mir bis heute noch schwer. Eine innere Ruhelosigkeit zeigt mir, dass ich sicherlich aus guten Gründen gegangen bin, diesem Ort jedoch nie den Rücken zugekehrt habe.

die Rückkehr

Seit 2009 fuhr ich wieder öfter nach Weißwasser, die Kamera immer im Gepäck. Dafür verantwortlich war ein kurzer Besuch, eigentlich nur auf Durchfahrt, ein Jahr zuvor, bei dem sich mir ein erschreckendes Bild bot. Die Abwanderung, der Rückbau, die Zurückgebliebenen, der immer näher kommende Tagebau, es war erschütternd und monumental zugleich. Weißwasser glich, im Gegenzug zu den Bildern meiner Erinnerungen, einer Geisterstadt. Ganze Stadtteile waren dem Erdboden bereits gleichgemacht worden, der Rest der Südstadt war von Deutschen und Russen zu gleichen Teilen besiedelt. Karge bedrückende Leere lag in der Luft. Seinerzeit belebte Orte wirkten zum Teil wie Ruinen, ihrer einstigen Lebendigkeit beraubt. Ich kehrte also zu den Orten zurück, die die Bilder in meinem Kopf Wanderer

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sind, die Erinnerung, die Prägung, die Kindheit; Orte die „ich“ war, die „ich“ bin … und fand Nichts. Oder Schutthaufen abgerissener Vergangenheit. Ich schaute dort Löcher in die Luft, wo es nie eine Distanz gab, zeitweise unfähig zu fotografieren, … stand ich dort und schluckte unverdauliche Gegenwart. Der Kohleabbau um die Stadt herum, hinterließ Löcher in Ausmaßen, die Horizonte verschlingen; fraß Wälder, Straßenzüge, Ortschaften am Stück, hinterließ weder eine Richtung noch einen Sinn. Eine Straße, die zu meiner Oma nach Hoyerswerda führte, mit dem Bus bin ich dort als Kind ungezählte Male entlang gefahren – sie war weg! Der Wald, die Seen, die Dörfer, an denen sie entlang führte – weg! Man hatte nicht einmal mehr eine Ahnung von dem, was einmal dort gewesen war. Mir war, als hätte jemand sein unglaublich riesiges Maul aufgerissen und einfach ein Stück aus der Erdkugel gebissen. Mit fehlten Worte!

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im November 2009, Werner-Seelenbinder.Straße 37. ich trau mich nicht auszusteigen.


das Fotobuch „Betreten verboten, Lebensgefahr!“ entstand im Rahmen eines Fotografiekurses an der Fh Potsdam. Es protraitiert eine Baggersee in der Lausitz.

erster Versuch

zweiter Versuch

2008 hatte ich bereits versucht, einen Baggersee in Burghammer bei Hoyerswerda zu porträtieren. Das postkartengroße Fotobuch „Betreten verboten. Lebensgefahr!“ war das Resultat. Ich hatte mit verschiedenen Kameras zu unterschiedlichen Tag- und Nachtzeiten versucht, Bildern meine bedrückende und eigentlich traurige Emotion einzuflößen, jene, die diesem augenscheinlich schönen Ort innewohnt, ohne auf den Gebrauch von Worten angewiesen zu sein. Es gelang mir nicht zufriedenstellend. Nach vielen eingeholten Meinungen und Konsultationen mit meinem Professor, sah ich mich gezwungen, Texte in Anwendung zu bringen, wenn ich das Gefühl und die bedrückende Wahrheit dieses Ortes durch meine Bilder wahllosen Betrachtern übermitteln wollte. Ich widmete mich wieder anderen Projekten, obwohl die aus diesem Versuch resultierende Unzufriedenheit weiter in mir arbeitete. 2009, letzter Versuch, letztes Semester, bevor ich meine Abschlussprüfungen an Angriff nehmen wollte. In einem Fotografiekurs sollte man sich für einen gelosten oder selbst gewählten Ort entscheiden und eine fotografische Lösung für ihn finden. Weißwasser als Thema war für mich klar, nur musste ich nach der letzten „Niederlage“ eine andere AusdrucksweiWanderer

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meine Hausnummer 37

Werner - Seelenbinder - Straße in richtung Grubenrand

se finden. Ich wusste, dass ich mich weder auf die digitale, noch auf die analoge Fotografie mit Spiegelreflexkameras im Klein- und Mittelformatssektor zu konzentrieren brauchte. Das hatte ich bereits ausgiebig getestet und konnte meine Intentionen nicht zufriedenstellend transportieren. Mir ging es nicht nur um die bloße, gestochen scharfe Abbildung einer aussterbenden Landschaft. Vielmehr sollten meine Bilder es ermöglichen, auch Gefühle in Betrachtern wach zu rufen, deren Heimat nicht vom Tagebau betroffen war. Ich wollte Menschen erreichen, ob nun Gleichgesinnte oder nur Interessierte. Ich wagte den Schritt in die, für mich schon immer reizvoll aber nie in Angriff genommene Welt der Lochbildfotografie. Ihre Ästhetik ist einzigartig und zufällig. Ihre Technik leicht nachbaubar, dennoch selten nachgeahmt. Sie gehört zu den Beginnern der Fotografie, lässt traumähnliche Bilder entstehen, ist linsenlos, zumeist nur aus Karton gebaut und ihre Bilder erheben durch die langen Belichtungszeiten einen hohen emotionalen Anspruch. Ich recherchierte lange nach Selbstbauplänen – es war kaum etwas Brauchbares zu finden – bastelte kleine Kameras aus Papier und Pappe, machte erste Versuche. Ich bewegte mich in einer Grauzone, wo die klägliche Nachfrage das traurige Angebot 124

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das gegenüber liegende Kinderheim

Juni 2011, Bestandsaufnahme meiner früheren Wohngegend in Weißwasser Süd. Bis auf den obskur wirkenden Stromkasten und unseren, scheinbar allem Widerstand trotzenden, Weihnachtsbäumen ist das gesamte Wohnviertel verschwunden


der Wald zum Stadtrand

in Richtung zweier Wohngebiete

das einst zentral in der Südstadt gelegene Gebäude von Radio WSW

bestimmte. Schnell war mir klar, dass die Technik so einige Hürden mit sich brachte. Üblicherweise werden die lichtdichten Kameras mit einem unbelichteten Fotopapier versehen, welches man nach der Belichtung im Fotolabor entwickeln musste. Ich hatte aber am Ort des Geschehens weder ein Fotolabor noch eine lichtundurchlässige Möglichkeit das Fotopapier zu wechseln. Die Suche ging weiter. Das Semester schritt undankbar voran. Ich baute mir eine Kamera für Kleinbildfilme und, obwohl ich es umgehen wollte, kaufte ich mir zusätzlich einen Bausatz für eine Mittelformatkamera. Kaum hielt ich die Ersten, für mich bahnbrechenden, Resultate in meinen Händen, war das Semester auch schon vorüber. Ich war meinem Bedürfnis unglaublich nah gekommen, nicht nur karge Stadtlandschaften und Grubenlöcher abzubilden, sondern auch wahre Eindrücke von jemandem zu schildern, der schwermütig zurückkehrt.

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Apokatastasis5

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Apokatastasis ist eine theologische Lehre von der „Wiederherstellung“, „Neuordnung“ oder „Verwirklichung“ aller Dinge am Ende der Zeiten. Als zyklisch-teleologisches Geschichtsbild geht diese Lehre ausgehend von einem durch Abfall der geschaffenen Wesen hin zu einem Zustand der Versöhnung und Einheit aller Wesen aus. (vgl.) http://de.wikipedia.org/wiki/Apokatastasis

Seit 2005 lebte ich nun schon in Potsdam. Anfangs hatte ich relativ schnell endlich wieder eine Band gefunden, ich verliebte mich neu und intensiv und wenige, aber gute Freunde sind mir über die Jahre ans Herz gewachsen. So schön und vollkommen diese Stadt auch war, so spürte ich auch, dass ich zum Studieren hier war, nicht zum Bleiben. Ich vermisste ein wenig das Dreckige und Rebellische aus Dresden, das Gemütliche und Vertraute aus Weißwasser und die heimatliche Nähe, die ich trotz großer Stadt in Görlitz genoss. Ich fühlte mich öfter etwas abgeschiedener – Vertrautes, Familie und Freunde schienen unerreichbarer als sonst. Meine neue Welt war nun teurer, ferner, sauberer und fremder. Ich schaffte es, diesmal länger als ein Jahr in einer Wohnung und in einer Beziehung zu bleiben. Das waren große Schritte für mich. Im neunten Semester angekommen neigte sich mein Studium seinem Ende entgegen. Kellnerjobs wurden zu kleinen Grafikjobs, ein kleines kreatives Netzwerk wuchs konstant. Eine meiner, in beiderlei Hinsicht, intensivsten Zeiten durchlebte ich 2009. Eine emotionale Zuspitzung positiver Ereignisse wurde von unvorhersehbarem Unheil abgelöst. ›

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Zu Beginn des Jahres steckte ich mitten im Studium und arbeitete nebenbei in einer kleinen Werbeagentur in Berlin Prenzelberg, gleich neben dem neuen Fahrradladen, in dem mein Papa arbeitete. Ich löste mich erschöpft und zufrieden aus einer langjährig umkämpften Beziehung, in die viele Jahre viel Liebe, Zerissenheit und Verzweiflung geflossen ist. Verliebte mich, skurrilerweise Hals über Kopf, in einer Art neu, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Nach langer Durststrecke saugte ich diese neue Leichtigkeit auf, wie ein Schwamm. Im Sommersemester arbeitete ich mit meinem Fotobuchprojekt „bloß“ meine Schaffensjahre (Körperbemalung und Fotografie, 2002-2005) vor dem Studium auf und rang mich im Spätsommer zu einer dazu passenden Fotografieausstellung in Potsdam durch. Es war die Erste meiner Ausstellungen, zu der alle abgelichteten Modelle anwesend waren. Das war etwas wirklich Besonderes. Auch mein Vater und meine neuen, mir selbst noch recht unbekannten, „Schwiegereltern“ begegneten sich dort zum ersten Mal. Meine Mutter scheute die Fahrt und die ihr Angst einflößende Autobahn, was für mich nicht weiter ins Gewicht fiel, da sie meine Art, mit dem Akt umzugehen, eher weniger teilte. Trotz anfäng-

Veranstaltungsflyer zu meiner Fotoausstelung 2009 in Potsdam


licher Zweifel bin ich im Nachhinein froh, so etwas noch einmal in Angriff genommen zu haben. Im September erbrach ich mich beinah auf den großen Tisch des Konferenzzimmers der Werbeagentur beim hungrigen Anblick meines Mittagessens. Mein Sommer of Love trug nun seine Früchte – ich war schwanger. Mir war immer klar gewesen, das mir so was aus Versehen passieren musste. Es folgten drei Monate konstanter Übelkeit, eine ausgedehnte Laktoseintoleranz, bissiges, regelmäßiges Sodbrennen und schweißtreibende Angstträume, die mich als junge Mutter zeigten, jedoch mit den Verhaltensweisen meiner eigenen Mutter agierend. Gruselig, aber mit so etwas war womöglich zu rechnen. Mit der hartnäckigen Exfreundin meines Freundes hatte ich eher weniger gerechnet. Sie konnte ihn weder ziehen lassen, noch zu sich nehmen. Er wollte nichts verlieren und fühlte sich unfähig Entscheidungen zu treffen. Beide machten mir das Leben und die Schwangerschaft weit über meine Schmerzgrenzen hinaus unerträglich. Ich wäre gern gegangen! Meine Mutter ging seit meiner Schwangerschaftsverkündung zu leichtfüßig mit meiner sensiblen Situation um. Unbewusst gab ihr mein Umstand

Heimat

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Namibia, im Dezember 2009

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Anlass, mich noch mehr „ in die große weite Welt“ ziehen zu lassen. Mit einem Mann, einer Ausbildung, einem Studium und einer genossenen Jugend – ich hatte die Welt bereist und bewohnte nun eine zukunftsbringende Stadt – hatte ich in ihren Augen all das erreicht, was ihr versagt blieb. Ich fühlte mich allein gelassen und löste mich für eine Zeit innerlich von ihr. Ich wäre gern gegangen! Mein Vater reiste mit seiner Frau im November mehrere Wochen nach Namibia. Hunderte von Fahrradkilometer und eine Tour durch den Etosha National Park waren geplant. Wenige Tage vor ihrem Rückflug – ich befand mich mit meinem Freund gerade mitten in der Organisation für den in drei Wochen anstehenden Zusammenzug – rief mich meine Schwester an. Sie erzählte mir, dass Papa tödlich verunglückt sei. Ich saß in der kleinen Gästekammer meiner WG, eine unvorstellbare Verzweiflung überrannte mich, meine Mitbewohner erstarrten, keiner wusste zu reagieren, die Zeit blieb stehen.

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Ich verbot mir, zu leiden. Ich verbot mir, mich zu verabschieden. Meine ohnmächtige Gefühlsstarre wurde mit der Zeit nur von einer Folge enttäuschender Reaktionen meiner Mitmenschen unterbrochen. Kommentare wie „Vielleicht ist er ja gar nicht tot.“, „Lass deinen Kleinen bitte nicht mit Krokodilen spielen.“ oder „Mich bewegt er gar nicht weiter, nur seine Frau tut mir leid.“ haben mir gezeigt, wie allein ich war. Ich sehnte mich nach einem friedlichen Ort, nach einem Gleichgesinnten, nach einem Schmerzausgleich oder zumindest nach einem ruhigen Boden unter den Füßen. Anne und ihre Mutter kümmerten sich um Papas Verabschiedung. Sie trauerten gemeinsam. Mein Freund und seine Familie versuchten für mich da zu sein, aber nach unserer relativ kurzen gemeinsam verlebten Zeit, waren sie nun wie Fremde für mich. Meiner Mutter gab dieses Ereignis Anlass, ihr eher erkaltetes Gefühl zu Papa zu definieren, statt mir ihre Schulter zu bieten. Ich wurde so sehr krank, dass das kleine Wesen in meinem Bauch gefährdet war. Eine Therapie beim Psychologen wirkte wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich wollte nur weg, so sehr, wie ich noch nie weg wollte.

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Als jugendliches Mädchen wurde ich zur introvertierten Einzelkämpferin, weil ich mir bei den vielen Spannungen zuhause nicht anders zu helfen wusste. Mit 16 Jahren zog ich in eine Freiheit aus, die ich so lang herbei gebetet hatte. Ich musste nicht mehr in mich hinein flüchten, sondern konnte endlich wegrennen! Mit den Jahren lernte ich aber, dass Wegrennen zwar schön ist, und es erst einmal leichter macht, aber irgendwie Einsamkeit produziert und zudem andere verletzt. Hier nun, im Dezember 2009, erfuhr diese Entwicklung ihre härteste Probe. Extremsituationen, die einzelnd schon genug Narben produziert hätten, häuften sich nun in einem Zeitraum von wenigen Wochen. Weglaufen, trauern, rauchen, tätowieren, schreien, allein sein, abkapseln, verschwinden, egal sein...danach war mir! Aber ich blieb. Ich hatte zu sehr Angst, das dem Baby etwas zustößt. Ich hatte zu sehr Angst, das mein Freund nicht wiederkommen würde, wenn ich ihn einmal wegschicken würde. Ich wollte einen Vater zum Kind, etwas, dass ich nicht hatte.

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Heinrich Enrico Schiemann erblickte im April 2010 das Licht dieser Welt. Er trägt den Namen seines Großvaters. Heinrich brachte neue Liebe, neues Licht und eine neue Klärung in meine Welt. Ich begann andere Probleme zu wälzen, andere Nöte zu empfinden und andere Bedürfnisse stillen zu wollen. Unerwartet schlüpfte meine Mutti erstaunlich gut in ihre neue Rolle als die Omi aus Hoywoy. Meine Beziehung schweißte sich nach diesen harten Bestandsproben mit einem Male etwas fester zusammen. Nur Papa brannte mir in der Seele, was mir irgendwie gelang, mehr oder minder ungelenk, unbeholfen zu verdrängen.

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Nun, nach zwei Jahren Babypause, habe ich mich entschlossen, dort anzuknüpfen, wo es nach meinen ersten beiden fotografischen Versuchen so vielversprechend endete. Nach all diesen, nicht grundlos so detailreich geschilderten Ereignissen, suche ich nun mehr denn je nach einem Ort, dem ich mich zugehörig fühle, der, wenn er auch zu großen Teilen verschwunden und verändert ist, meine Heimat war und meine Heimat bleibt. Ich versuche mich ihm fotografisch zu nähern. Meine Bilder sollen Gefühle transportieren, sollen zu meiner Stimme werden und möglicherweise Worte ersetzen. Durch meine Rückkehr und Auseinandersetzung beginne ich mir Weißwasser und seine Umgebung ganz neu zu vergegenwärtigen. Wie ein …

Wanderer im Weltgetriebe, ziellos in der Zeit sind wir. Nur durch selbstlos reine Liebe kommst du an im Jetzt und Hier. Seele, mache dich bereit: Jetzt und Hier ist Ewigkeit. Michael Ende aus „Der Spiegel im Spiegel“

Wanderer

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Die Fotografie


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„Im großen Schweigen. – Hier ist das Meer, hier können wir die Stadt vergessen. Zwar lärmen eben jetzt noch ihre Glocken das Ave Maria - es ist jener düstere und törichte, aber süße Lärm am Kreuzwege von Tag und Nacht – , aber nur noch einen Augenblick! Jetzt schweigt alles! Das Meer liegt bleich und glänzend da, es kann nicht reden. Der Himmel spielt sein ewiges stummes Abendspiel in roten, gelben, grünen Farben, er kann nicht reden. Die Klippen und Felsenbänder, welche ins Meer heineinlaufen, wie um den Ort zu finden, wo es am einsamsten ist, sie können alle nicht reden. Diese ungeheure Stummheit, die uns plötzlich überfällt, ist schön und grausenhaft, das Herz schwillt dabei. …“ Friedrich Nietzsche, Morgenröte

Fotografie

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die älteste erhaltene Fotografie: Joseph Nicéphore Nièpce hielt 1826 mit einer Camera obscura und einer mit Asphalt beschichteten polierten Zinnplatte einen Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers fest. Die Belichtungszeit lag bei ca. acht Stunden. Unter Lichteinwirkung wurde der Asphalt gehärtet, so dass bei der anschließenden „Entwicklung“ mit Lavendelöl und Petroleum nur die schwächer belichteten Asphaltpartien herausgelöst wurden. de.wikipedia.org/wiki/Heliografie

› Der Maler und Erfinder Louis Daguerre im Jahr 1844, Daguerreotypie von JeanBaptiste Sabatier-Blot, die Farbreproduktion gibt das Erscheinungsbild einer unter optimalen Bedingungen betrachteten Daguerreotypie getreu wieder de.wikipedia.org/wiki/Daguerreotypie

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Sonne zeichnet die kleine Geschichte der Fotografie

Heliografie

Daguerreotypie

Die Heliografie (Kunstwort, gebildet aus griech. Hélios = Sonne, gráph = zeichnen/ beschreiben), ist das von Joseph Nicéphore Niépce entwickelte Verfahren, das als erstes in der Geschichte der Fotografie dauerhafte Bilder erzeugen konnte. Niépces diesbezügliche Experimente hatten bereits 1811 begonnen. 1826 gilt als die eigentliche Geburtsstunde der Fotografie, da es Niépce erstmals gelang, mittels der Kamera dauerhafte fotografische Abbildungen zu schaffen. Sein eigentliches Ziel war, durch Ätzungen per Druckvorgang Abzüge zu erhalten, was ihm allerdings nur von Strichvorlagen (Kupferstiche, Radierungen) gelungen ist. Er verwendete auch Lithografiesteine, Glasplatten, Zinn-, Zink-, Kupferund versilberte Platten. Ab 1829 arbeitete Niépce mit Louis Daguerre zusammen. Als offizielles Geburtsjahr der Fotografie gilt 1839 mit der öffentlichen Präsentation der Daguerreotypie. Sie basiert auf der Lichtempfindlichkeit von Silberhalogeniden. Versilberte Kupferplatten wurden sorgfältig poliert und dann durch Joddampf lichtempfindlich gemacht. Später wurden die Platten zusätzlich auch noch Brom- und Chlordämpfen ausgesetzt, wodurch die Lichtempfindlichkeit der Platte sich weiterhin erhöhte. Durch die Bedampfung bilFotografie

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„Die Leiter“ William Henry Fox Talbot, 1845 de.wikipedia.org/wiki/Talbotypie

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Ferrotypie, ca. 1870 de.wikipedia.org/wiki/Ferrotypie


dete sich an der Oberfläche der Silberschicht Silberbromid. Ein durch Daguerreotypie entstandenes Bild war immer ein Unikat.

Talbotypie

Mit der Erfindung der Talbotypie (auch Kalotypie) 1835 entstand das erste fotografische Negativ-Verfahren, was erstmals die Möglichkeit bot, beliebig viele Abzüge zu erzeugen. Der Engländer William Henry Fox Talbot, der oft mit der camera obscura Zeichnungen anfertigte und sich dabei fragte º „ob es möglich wäre, diese natürlichen Bilder dazu zu bringen, sich dauerhaft Papier einzuprägen“, verwendete später für seine

º Susan Sonntag „über Fotografie“

Aufnahmen lichtempfindliche Jodsilberpapiere, die er in kleine Kameras legte und die nach dem Belichten eine negative Abbildung ergaben. Ein latentes Negativ erhielt er, wenn er diese Papiere mit einer Entwicklerlösung aus Gallussäure und Silbernitrat behandelte. Mit Kaliumbromid oder Natriumthiosulfat wurde das Negativ anschließend fixiert. Um von dem Papiernegativ einen seitenrichtigen PositivAbzug zu erstellen, tränkte er das Papier in heißem Wachs und machte es dadurch transparent. Nun konnten mit Kontaktabzügen auf weiteren Talbotypie-Blättern beliebig viele Positive hergestellt werden. ›

Fotografie

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eingescanntes Glasnegativ der „Library of Congress Prints and Photographs Division Washington“, Titel: „Hon. Townsend Harris“ entstanden 1855 - 1865 de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte

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Kollodium-Nassplatte

Ferrotypie

Die Kollodium-Nassplatte ist eine um 1850 von Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelte fotografische Platte, die durch ein NegativVerfahren ein fotografisches Bild erzeugt. Das nasse Kollodiumverfahren setzt eine zur Anfertigung der Fotografie zeitnahe Verarbeitung voraus, sodass ein mobiler Reisefotograf in der Frühzeit der Fotografie immer ein Dunkelkammerzelt mit sich führen musste. In den erhaltenen Glasnegativen erscheinen die hellen Teile des Originals dunkel und die dunklen Teile des Originals hell, vor einem dunklen Hintergrund erscheint also in der Durchsicht ein positives Bild. Die Ferrotypie (auch Blechfotografie) ist ein von Hamilton L. Smith 1856 erfundenes fotografisches Direktpositiv-Verfahren, das zwischen 1855 und den 1930er Jahren verwendet wurde. Es gilt als Vorläufer der heutigen Automatenfotografie und trat vor allem als Schnellfotografie und Jahrmarktattraktion in Erscheinung. Ferrotypien sind Unikate, denn sie werden direkt belichtet und können in dieser Technik nicht kopiert werden.

Fotografie

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Wothlytype print from wet plate collodion negative, Work by Mangel de Mesnil www.iphotocentral.com/search/detail. php/128/1/60/6042/1

Die Wothlytypie (1864) ist ein in der Fotografie nicht mehr angewandtes Edeldruckverfahren, benannt nach dem Erfinder Jacob Wothly, dessen Verdienst die Neutralisierung des Urans war. Dieses Verfahren ermöglichte Abzüge in sehr kleinen bis sehr großen Formaten und war für Vergrößerungen geeignet. Bei den Aufnahmen handelte es sich um Papierbilder. Die Fotoemulsion bestand aus einem speziellen Uran-Kollodium, das die Jodide, das Chlor oder Silberbromid, ersetzte. Diese Methode benötigte keine Entwicklerflüssigkeit. Nach der Belichtung war die Aufnahme direkt sichtbar und wurde sofort fixiert. Es existierten keine Negative, da die Aufnahme direkt auf Wothlytypie-Papier ausgeführt wurde. Die Kollodiumschicht konnte auf Elfenbein, Holz, Glas, Porzellan etc. übertragen werden. Daher eignete es sich besonders für Miniaturmaler, Gra146

Alles.Voller.

2001 auf dem Westerntreffen in Quickborn/Schleswig Holstein. Die Aufnahme entstand mit einer historischen Plattenkamera (zirka drei Sekunden Belichtungszeit) zunächst auf eine Chlor-Bromsilber-Trockenplatte. Anschließend wurde die Fotoplatte mit dem „Photospeed Argyrotype-Kit“ auf „Hahnemühle Aquarellpapier, 250 g/m“ bei Sonnenlicht in einem historischen Kontaktrahmen auskopiert. de.wikipedia.org/wiki/Argyrotypie

Wothlytypie


veure und als gewerbliches Produkt für Bildschirme, Rollos oder Lampenschirme.

Argyrotypie

1991 erfolgte mit dem noch heut angewendeten Edeldruckverfahren der Argyrotypie die Weiterentwicklung der Talbotypie. Mike Ware nahm statt eines Papiernegativs, ein großformatiges PlanfilmNegativ oder eine Fotoplatte als Vorlage. Mit einer gebrauchsfertigen Lösung wurden spezielle Papiere bestrichen und getrocknet, um die Negative in einem Kontaktrahmen belichten, wässern und fixieren zu können. Die Resultate waren bräunliche Fotos, die anschließend noch getönt werden konnten.

Fotografie

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das Prinzip einer Lochbildkamera

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Alles.Voller.


dunkles Gewölbe camera obscura*

das Prinzip

* de.wikipedia.org/wiki/Camera_obscura

Die Camera obscura (lat. camera „Gewölbe“; obscura „dunkel“) ist ein dunkler Raum oder Behälter, in den durch ein kleines Loch Licht hineinfallen kann. In dem Loch kann unter Umständen eine Sammellinse angebracht sein; fehlt diese, so spricht man von einer Lochkamera. Auf der gegenüberliegenden Seite entsteht ein auf dem Kopf stehendes seitenverkehrtes Abbild. Dieses Bild ist sehr lichtschwach und es kann nur bei ausreichender Abdunkelung der Umgebung beobachtet werden, zum Beispiel durch ein Tuch, dass das Umgebungslicht außerhalb der halbtransparenten Rückwand abhält. Oder der Beobachter begibt sich selbst in die Kamera, wobei die Adaption des Auges an die Dunkelheit die Beobachtung erleichtert. Die Projektion des Abbildes kann betrachtet oder aufgezeichnet werden. Ebenso kann man lichtempfindliches Aufnahmematerial, wie Papiere oder Filme in der Kamera belichten. Die Größe der Kamera ist von einer kleinen Streichholzschachtel bis hin zu einem begehbaren Gebäude variabel. Die Belichtungszeiten berechnen sich je nach Kamera unterschiedlich. Wichtig und ausschlaggebend ist der Lochdurchmesser, der den Lichteinfall und dessen Intensität vorgibt. Je kleiner dieser Durchmesser ist, desto kleiner sind die Strahlenbündel und umso schärfer erscheint die Abbildung. Fotografie

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Die Bildweite entsteht durch den Abstand zwischen dem Loch und der Rückwand bzw. Projektionsfläche der Kamera. Die Lichtstärke errechnet sich aus dem Verhältnis von Lochdurchmesser und Bildweite und bildet somit in seinem Quotient den Blendenwert der Kamera. Je kleiner der Blendenwert ist, desto lichtstärker ist das Bild. Einen Brennpunkt oder Fokus und eine Brennweite (f) existieren bei Lochkameras nicht, da es keine Linse gibt, die Licht bricht und bündelt. Die Schärfe der Bilder ist von der Entfernung der abzubildenden Gegenstände bis hin zum Loch (Gegenstandsweite) nicht abhängig. Von einer Schärfentiefe im eigentlichen Sinn kann also nicht gesprochen werden. Die Bilder sind stets unscharf, da das Loch aus Gründen der Lichtstärke nicht beliebig klein gewählt werden kann. Bei großen Bildweiten (starke Vergrößerungen) hat die Camera Obscura jedoch ein hohes Auflösungsvermögen, feine Details lassen sich gut erkennen. Lochblenden werden als abbildende Linsen für Röntgenstrahlung eingesetzt. Denn anders als für sichtbares Licht gibt es für diese kurzwellige Strahlung keine Materialien mit geeigneter Brechzahl, aus dem sich Linsen herstellen ließen. Darüber hinaus spielen die Empfindlichkeiten und 150

Alles.Voller.


Gradationswerte der verwendeten Filme und Fotopapiere eine Rolle bei der finalen Darstellung eines Bildes.

die Geschichte

Das Prinzip der Camera Obscura erkannte Aristoteles bereits im 4. Jahrhundert v. Chr.. In der apokryphen Schrift Problemata physica wurde zum ersten Mal die Erzeugung eines auf dem Kopf stehenden Bildes beschrieben, wenn Licht durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum fällt. Erste Versuche mit einer Lochkamera hat der Araber Alhazen bereits um 980 angestellt. Ende des 13. Jahrhundert wurde sie von Astronomen zur Beobachtung von Sonnenflecken und Sonnenfinsternissen benutzt, um nicht mit bloßem Auge in das helle Licht der Sonne blicken zu müssen. Leonardo da Vinci untersuchte den Strahlengang und stellte fest, dass dieses Prinzip in der Natur beim Auge wieder zu finden ist. Nachdem es im Mittelalter gelang, Linsen zu schleifen, ersetzte man das kleine Loch durch eine größere Linse. 1568 fand man erste Beschreibungen dieser verbesserten Kamera. 1686 konstruierte Johann Zahn die transportable Camera obscura. Ein Spiegel, der im Winkel von 45 Grad zur Linse im Inneren der Kamera angebracht war, projizierte das Bild nach oben auf eine Mattscheibe, wo es bequem abgezeichnet werden Fotografie

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Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbr端cke von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a9/Dresden-Elbe-Augustusbr端cke.jpg

Warschau von Canaletto http://nl.wikipedia.org/wiki/Bestand:Warsaw_by_Canaletto.JPG

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Jan Vermeer van Delft (1632-1675) „das Atelier des Malers“, 1665-67, Öl auf Leinwand albertis-window.blogspot.de/2010/06/ pinholes-on-vermeers-canvases.html

konnte. Deshalb wurde die Camera Obscura von Malern, noch vor der Zeit der Fotografie, gern als Zeichenhilfe genutzt. Man konnte in ihr die Landschaft auf Papier abmalen und dabei alle Proportionen richtig wiedergeben. Bekanntestes Beispiel ist der Maler Canaletto mit seinen berühmten Gemälden von Dresden und Warschau. Möglicherweise benutzte bereits der Maler Jan Vermeer eine Camera Obscura, was den Detailreichtum seiner Werke erklären würde.

Fotografie

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SCORE ON DOTTED LINES CUT SOLID LINES AND ALONG EDGE

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TAKING PHOTOS

DEVELOPING PHOTOS

• One regular cereal-box for the light-safe interior

• The best photos are taken on a bright day

• Photos can be processed normally, like any other 35mm film

• An pen knife or razor blade for cutting

• Always wind the film one full rotation after every photo

• Some double-sided tape or glue

• Use a paperclip to wind the film

• Thin needle for making a pinhole

• Remember to rewind the film before disassembling the unit for development

• Small piece of aluminum foil or soda can to puncture with the needle

• Hold the camera very still when shooting

• One new roll of film, preferably ISO200

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• If possible, ask your developer not to cut the prints • If your prints are grey or foggy, you might have a light leak. Use some extra dark tape to seal up your camera interior, and give it another try

• Follow the chart for exposure times

• One film canister from which the film has been removed. You can empty a new roll, or get an empty canister from any photo developer

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This is tricky. Pop open the empty film canister, and invert the spool so that there is a light-safe canister to recieve exposed film. Be sure to include a long strip of tape around the spool for feeding the new film in.

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0.25 mm

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1 cm

1 cm

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13the film onto the open box, and close the Lay frame over the top.

Feed the film into the empty canister.

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11 ADHESIVE ADHESIVE

ADHESIVE Light-safety is created by sandwiching the film between two layers of cardboard, and inserting those layers into the already light safe film canister. Carefully slide both tabs ADHESIVE into the film canister, taking care to push the canister snugly against the frame.

Build the light tub for extra light protection. You never can be too careful.

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Build the camera exterior, and insert the film in through the back. Be sure to feed the shutter handle through the slot near the top of the camera.

Light-safety is created by sandwiching the film between two layers of cardboard, and inserting those layers into the already light safe film canister. Carefully slide both tabs into the film canister, taking care to push the canister snugly against the frame.

14 Build the camera exterior, and insert the film in through the back. Be sure to feed the shutter handle through the slot near the top of the camera.

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Alles.Voller.

After sliding the cardboard tabs into the film canisters, wrap the top of the box over the back and tape it down. This should secure the entire box.

After sliding the cardboard tabs into the film canisters, wrap the top of the box over the back and tape it down. This should secure the entire box.

Insert the light tub it into the box.


Meine Versuche Während meinen Versuchen mit verschiedenen Kameratypen, testete ich auch verschiedene Filmtypen mit ihren jeweiligen unterschiedlichen Lichtempfindlichkeiten diverser Filmhersteller. Schwarz -Weißfilme, die sentimental wie auch derb und lebensnah wirken. Farbfilme, die Authentizität, Realität und Intimität ganz anders transportieren können. Und Diafilme, dessen Bilder nicht jederzeit vorgeführt und aufbewahrt, sondern lieber etwas aufwendiger an Wände projeziert werden. Da es sich für mich ausschloss, mit der Direktbelichtung von Fotopapier zu arbeiten, musste ich eine Möglichkeit finden, Filme statt Papier zu belichten.

Kleinbild

Mein erster Versuch, eine Kamera für diese Arbeit zu bauen, mündete in einem wilden Bastelabend, nachdem ich nach einiger Recherche eine vielversprechende Bauvorlagen für Kleinbildfilme im Internet fand. Die ersten Resultate aus meiner papierenen Kleinbildkamera waren ergreifend und beglückend, nicht nur weil überhaupt etwas aus diesen kleinem Papierding herauskam, sondern weil es durchaus aussagekräftige Testbilder waren. Diese Kamera sollte mich drei Jahre lang begleiten. Heut ist sie kaum noch benutzbar. So wie sich diese Arbeit einem finalen Punkt nähert, so zerfallen mir all jene Fotografie

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camera obscura aus Papier f端r kleinbildfilme

camera obscura aus Pappe f端r Mittelformatfilme

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Alles.Voller.


Schwarz WeiĂ&#x; und Farbergebniss aus der Kleinbildkamera

Schwarz WeiĂ&#x; und Farbergebnisse aus der Mittelformatkamera

Fotografie

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Mittel, mit denen ich all das hervorbringen konnte. Eine schöne Methapher, ein passender Umstand. Einen Bausatz für eine Mittelformatkamera kaufte ich mir hinzu und begann seit jeher stets Klein- und Mittelformatfilme zu belichten. Ich experimentierte mit den Lichtempfindlichkeiten der Filme, lernte nach und nach die Einschätzung der Belichtungszeiten nicht nur an die verschiedenen Filme, sondern auch an das Wetter anzupassen. Der Schärfenunterschied zum Kleinbild war erheblich und gab Genauigkeiten preis, wie sie mir mit dieser Technik völlig neu waren. Meiner Vorliebe für den tschechischen Fotografen Jan Saudek fröhnend, ersteigerte ich mir aus einer Vitrinensammlung eines Mannes eine Kodak Brownie No. 2. Glücklicherweise fand ich für sie noch eine mittelalterliche Beschreibung im Internet. Es handelt sich bei dieser Rollfilmkamera um einen schwarzen Holzkasten, der in seinem Inneren mit einem dunkelrotem Samt ausgekleidet ist. Sie ist mit einer kleinen Frontlinse und einem Moment- und Zeitverschluß ausgestattet. Auf einem 9 x 6 Negativformat belichtet sie ihre Bilder noch auf kleinen Holzspulen. 1935 wurde ihre Produktion eingestellt. Nach einiger Huddelei mit ihrer Handhabe gebar sie 158

Alles.Voller.

Mittelformat

Brownie No.2 & Rolleiflex 4 x 4


mir beeindruckende Bilder. Dadurch hochmotiviert, besorgte ich mir eine aus den 50er Jahren stammende Rolleiflex 4 x 4, eine zweiäugige Spielgelreflexkamera. Sie konnte mit Rollfilmen im Negativormat 4 x 4 bestückt werden. Nach mehreren erfolglosen Versuchen passendes Filmmaterial zu bekommen, verkaufte ich sie wieder.

Lomo Action Sampler

Mir begegneten interessante Berichte über eine sogenannte „Lomokamera“. Kurz entschlossen besorgte ich mir diese vierlinsige eher klapprige Kleinbildkamera. Mit einem Auslösen werden vier verschiedene Bilder auf ein 35 mm Kleinbild belichtet. Es können keinerlei Einstellungen vorgenommen werden. Voraussetzung für gute Resultate ist eine Bewegung des Objekts, um die Lebendigkeit und Unterschiedlichkeit der vier Einzelbilder zusätzlich zu steigern. Nach drei, vier Probefilmen befand ich sie für gut, aber unzureichend für die Ansprüche meiner Arbeit.

Fotografie

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Rollfilmkamera Browni No. 2

vier채ugige Lomo Action Sampler

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Alles.Voller.

Rollflex 4 x 4 Quelle: www.Lomohefei.com


Ergebniss aus der Browni No. 2

Ergebniss aus der Lomo

Fotografie

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Durch die Wiederbelebung des Prinzips der Daguerreotypie, also Unikate zu schaffen, testete ich auch eine Sofotbildkamera und der mir bis dahin noch gänzlich unbekannt gebliebenen Polaroidfotografie. Ich kaufte mir eine Fujifilm Instax 200 Instant Film Camera. Sie ist mit einem Objektiv, einem automatisch zuschaltbaren Blitz und einem kleinen LCD Display ausgestattet. Ihre Bildgröße beträgt 99 x 62 mm. Außer einer integrierten Zwei-ZonenScharfeinstellung kann man keinerlei Einstellungen an dieser Kamera vornehmen. Ihre Bilder sind faszinierend traumähnlich, ebenso wie die der Lochbildkamera, jedoch viel farbintensiver und schwärzer. Zudem haftete eine haptische Fehlerhaftigkeit den Bildern an, ein sehr reizvoller Aspekt!

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Alles.Voller.

Sofortbildkamera


Ich entschied mich nach all diesen Experimenten bei der selbstgebastelten Lochbildvariante zu bleiben. Sie transportiert, trotz der erheblichen Schärfenunterschiede zwischen Kleinbild und Mittelformat, meines Erachtens die Einheitlichkeit der angestrebten Aussage am zufriedenstellensten. Hinzu kam der Reiz, ohne Licht bündelnde Linsen zu arbeiten, ohne die Möglichkeit technische Einstellungen vornehmen zu können und mein gesamtes Vertrauen in ein wenig Papier und Klebestreifen zu legen. Eine Roh- und Rauheit, die die Anmut meines Themas ebenbürtig wiederspiegelt.

Fotografie

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Polaroidkamera: Fujifilm Instax 200 Instant Film Camera Quelle: www.savethepolaroid.com/polaroids/fuji-instax/

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Alles.Voller.


Fotografie

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Warum ein Buch?

º

Susann Sontags Essay „Über Fotografie“

Ein Buch archiviert, hilft beim Rekonstruieren verblasster Gedanken, friert Vergangenheit ein, wird reproduziert und lebt ohne zu atmen. Es bietet Dokumenten eine Art Schutz vor äußeren Einwirkungen und bremst dessen Verfall. Es funktioniert als Mahnmal und Symbol. Es altert und verleiht Bildund Gedankengut einen Wert, den es so vielleicht nie gehabt hätte. Es bündelt, heftet, leimt und klammert uns Abbilder holpriger Landschaften in matter oder glänzender Oberfläche mit ganz eigenem Geruch zusammen. Abhandlungen, die wir uns womöglich zuvor aufwendig gereiht und konzipiert haben. Es bietet uns Ein-und Ausblicke auf Zustände und Situationen, die der Alltag gern verschluckt hätte. Man könnte annehmen, dass ein Maler konstruiert, ein Fotograf hingegen enthüllt. Malerei scheint die Kunst zu sein, die in einer º „fieberhaften Rivalität zur Fotografie lebt“ und von ihr bisher am meisten missbraucht wurde. Ein an der Wand hängendes Gemälde oder Bild eröffnet den aktiven Diskurs zwischen sich und seinem Betrachter. Man kann an ihm vorbeigehen und nur seine Anwesenheit spüren, ignorieren kann man es jedoch nur selten. Es bleibt aktiv und provoziert zur Meinungsbildung. Unaufgefordert nimmt es seinen Platz im Raum ein und sorgt indiskret für die jeweilige Stimmung in ihm.

Fotografie

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Es vergeht in den meisten Fällen räumlich. Umzug, Austausch, Verkauf, lokale Veränderungen lassen Gemälde oft auf und in Dachböden, Kellern und Garagen verschwinden. Ein Bewegtbild ist wesentlich vergänglicher als ein Buch oder Gemälde, da es der aktiven und bewussten Aktion und Motivation des Interessierten ausgesetzt ist. Bei Desinteresse bleibt der Film aus und unbemerkt. Ein Film bietet Lautstärke, Geschwindigkeit, digitale Effekte, ringt aber auch durch seine Unantastbarkeit am heftigsten von allen drei Medien um Aufmerksamkeit. Durch das schnelle Dahinfließen, dem Zusammenraffen und Spielen mit der zeitlichen Komponente, bleiben Bilder nur schemenhaft im Gedächtnis hängen, nur selten prägen sich Bilder dabei ein.

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Alles.Voller.


Wir leben in einer konservatorischen Kultur, in der ein ausgeprägtes Verhalten zum Festhalten spürbar ist. Ein festsitzendes Bedürfnis Erinnerungen zu speichern und aufzubewahren, Momente einzufrieren, um sie zu einem späteren Moment sich selbst und anderen Menschen leichter erfahrbar machen zu können. Bücher und Bilder können das weit aus besser als bewegte Bilder oder Musikstücke. Sie sind unsere stillen, unaufdringlichen Begleiter, tronen im Mantel ihres Mediums in verstaubten Regalen, frönen ihrer haptischen Ausdrucksform, die sich hinter all den gegenwärtig multimedialen Wahnsinn nicht zu verstecken braucht. Sie wartet auf den Dialog bewusster Blicke und offener Gemüter … .

Fotografie

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Alles.Voller.


Alles.Voller.Leere. das Fotobuch

Fotobuch

die Technik

Ein Fotobuch bietet seinen Bildern ein Haus und somit ein Zuhause. Es schafft eine Ballung und eine Bejahung von Sinneseindrücken, schützt sein Gesammeltes, erzählt oft ohne Worte und ist alles andere als wahllos. Es verfolgt zumeist einen konzeptionellen Gedanken. Man begegnet einem ungeschützten Außen, ertastet neugierig sein Inneres und lässt eine Verbreitung eines gesammelten Persönlichen zu. Ähnlich einem Foto, so setzen sich unsere Erinnerungen aus kurzen aufblitzenden Momentnaufnahmen und bedeutenden Details zusammen, die wir in einer lückenlosen Geschichte vereinen. In einem Fotobuch erzählen Bilder eine Art Prosa einer detaillierten umfangreichen Geschichte und überlassen wichtige, brückenbildende Interpretationen seinen Betrachtern. Bildunterschriften bekommen Vertrauen und Wahrhaftigkeit zugesprochen, ersetzen oftmals eine fehlende Stimme und helfen bei der Orientierung. Fotografien sind Zeichnungen aus Licht. Anfangs wurden sie nur zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet, schlugen aber relativ schnell aufkommende Zweifel in die Flucht, eine persönliche Art der Ausdrucksweise zu sein und bereiteten somit solide Brücken in künstlerische Richtungen. Fotografie

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Durch die Technik der Lochbildfotografie entstehen nach wie vor Anmutungen alter, früherer Fotografien mit eigenem Charme. Ihre Zufälligkeit und Unbeherrschbarkeit gibt einem das Gefühl, weniger ein Fotograf und viel mehr ein intuitiver Lichtzeichner zu sein. Man übergibt die Kontrolle der Zufälligkeit dieser Technik, genauso wie man weder festhalten noch kontrollieren kann, was im Moment der Ablichtung bereits der Vergangenheit angehört. Es scheint, als zeichnen sich die Bilder, wie von selbst. Wie einer Intuition folgend, gewinnen die Bilder an Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Sie zeigen mir nicht nur den abgelichteten Ort, sondern auch, wie er sich wohl anfühlen mag. Durch diese linsenlose Technik bewegen sich Belichtungszeiten oftmals im Minutenbereich. Kurzatmige Bewegungen und Abläufe werden dadurch gar nicht oder nur geisterhaft abgebildet. Diesen Umstand nutzte ich aus und stellte mich an jene Orte mit ins Bild, die damals noch verändert, die Bühne meiner Erinnerungen waren. Somit erscheine ich als Geist in vielen Aufnahmen und transportiere als aktiver Beobachter weder meine Anwesenheit noch mein Dasein an jenen Orten. Durch ihre zumeist schemenhaften oder unscharfen Bilder wohnt der Lochbildfotografie immer eine Art Schwermut, eine 172

Alles.Voller.


Art Erinnerung, eine Art Nähe inne, der es sich nur schwer zu entziehen gelingt. Aufbegehren und Rebellion sind fehl an jenem Platz, wo man nun mÜglicherweise nur noch akzeptiert und versucht sich neu zu orten.

Fotografie

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Alles.Voller.


von der Erweiterung der Weite

Eine Erinnerung ist etwas hochgradig Subjektives. Aus einer Folge von „hängen gebliebenen“ Bildern setzt sich in unserer Imagination eine nahtlose Geschichte vergangener Geschehnisse zusammen. Erinnerungen setzten Wichtigkeiten und Begebenheiten in einer ganz persönliche Reihenfolge und Wertigkeit neu zusammen. Diese können von den eigentlichen Tatsachen abweichen oder sogar verändert wiederkehren.

Layout

Der Betrachter betritt im Inneren des Buches eine schwarze Bühne, so als befände er sich selbst im Inneren einer Camera Obscura. Von diesem geschützten Ort aus wird er zum Voyeur, zum unbeobachteten Zuschauer der dargestellten Szenerie. Als Betrachter des Buches bekommt er das Gefühl, so im Moment der Aufnahme live dabei zu sein. Der Betrachter kombiniert und puzzelt sich seine Zusammenhänge des Gesehenen zusammen. Er nimmt sich automatisch die Zeit, die auch eine Aufnahme der Camera Obscura braucht, um entstehen zu können. Die Mosaikaufteilung im Seitenlayout erscheint, gleichsam der verwendeten Technik, wie ein rohes lückenhaftes Puzzle. Jedes Bild ist ein Ausschnitt, ein kurzes Aufblitzen, meiner Erinnerungen. Der Betrachter kann sich anhand dieser „ReferenzbilFotografie

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der“ seine eigene Geschichte zusammensetzen, sein eigenes Bild der Realität formen. So, wie man eine Erinnerung nur individuell verbreiten kann, ebenso lässt sich auch ein Gefühl oder eine Empfindung auf einen fremden Betrachter subjektiv übertagen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, ähnliche Gedanken und Gefühle, die mich zum Beispiel zu dieser Arbeit bewegten, auch in anderen zu wecken. Ich biete mit meinen Bildern Einblicke in ein ganzes Großes, ein Gut, was sich jeder Betrachter nach seiner Fasson zu seinem Bild der Gegenwart formulieren und zurechtempfinden kann. Als Orientierungshilfe und Begrenzung dient ein dreispaltiges Raster im Seitenlayout. Höhere Priorität bekommen jedoch jene Linien, die die Bilder über ihre schwarzen Rahmen hinaus, welche sich wiederum mit den Schwarzflächen der Buchseiten verbinden, imaginär miteinander verschmelzen lassen. Alles geht ineinander über und vervollständigt die Vorstellung eines Panoramas. Ein Stilmittel zur Darstellung von Weite, welches einzelne Bilder kaum im Stande gewesen wären, so umzusetzen zu können. Durch die so erzeugte Art einer Panoramadarstellung bekommt die Erzählweise der Bilder einen ganz neuen eigenständigen Charakter. Einzelne Bilder 176

Alles.Voller.

Panorama


dienen nur als Gucklöcher auf ein viel größeres Bild, welches hinter diesen schwarzen Buchseiten zu liegen scheint. Durch diese verschieden großen Löcher bekommt man die Möglichkeit, sich das eigentlich verborgene Bild erst vorstellen zu können, welches formatlos in kein Medium zu passen scheint. Zum Beispiel ein Bild von einem verschwimmenden Horizont genügt nicht, um dessen eigentliche Abwesenheit emotional wirklich darstellen zu können. Nein, es müssen mehrere Gucklöcher her, die die Illusion erwecken, dass dieser Zustand weit und breit unverändert bleibt. Diese Art der Darstellung erweitert die Möglichkeiten der bildhaften Erzählweise. Über diese Erweiterung der Weite hinaus, kann man auch Vergleiche unter Bilder anstellen, die die Entwicklungen eines Ortes in kürzester Zeit zeigen. Bildfolgen beginnen durch Starre und Geschwindigkeit, durch Schärfen und Unschärfen, durch eine Abhandlung oder eine Dramatisierung ohne Worte von allein zu erzählen. Wie bei einem Filmriss können Dopplungen entstehen. Bilder werden abrupt abgeschnitten und tauchen als Bildsequenz im nächsten Bild wieder auf. Das Licht nutzt die Makel der Kamera aus, kämpft sich durch alle Ritzen und bezwingt zuweilen seinen vordefinierten Bereich. Fotografie

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Nach einiger Recherche fand ich für mich eine Auslese möglicher sinnvoller Gestaltungselemente für die Außenerscheinung des Fotobuches. Allerdings, und aufgrund des noch unfertigen Resultats, folgen hier lediglich meine gedanklichen Fragmente dazu: Ich könnte mir vorstellen, die Arbeit mit Transparentpapier für den Umschlag (z.Bsp. als Banderole) oder auch im Buchblock in Betracht zu ziehen, um dem Geisterhaften der Bilder gleichzukommen. Die ließe sich gut auch in das Buchinnere übertragen. Bilder würden auf beiden Seiten eines Buchblattes erscheinen, einmal richtig herum, einmal seitenverkehrt. Ebenso könnte eine Stanzung für den Titel im Buchdeckel die Druckfarbe ersetzen. Der Titel erschiene dann als eine Art zu ertastenden Hauch, eine Anmutung, etwas Verschwindendes. Würde der Titel an selber Position und in der selben Größe auf Umschlag, Hardcover, Vorsatzpapier und der ersten Buchseite wiederkehren, würde dem Betrachter beim Eintritt ins Buch die Illusion vermittelt, dass alles durchscheinend, transparent und miteinander verbunden, ja sogar eins, wäre. Eine andere Herangehensweise wäre eine Passepartoutvariante für den Umschlag. Ein erhabenes, zumeist ausgestanztes, Fenster, was den Blick auf 178

Alles.Voller.

Umschlag


eine darunter liegende Fläche frei gibt. Um in diesem Falle, gleich der Camera Obscura-Ästhetik, mit der Auflösung eines vorgegebenen Formates zu spielen, könnte man die im Fenster abgebildete Fläche, über die Begrenzung des Passepartout hinaus laufen lassen. Eine weitere Möglichkeit wäre, den gesamten Buchblock seitenverkehrt herzustellen. Die Titelgestaltung befindet sich somit auf der Rückseite des Buches und der Betrachter muss das Buch rückwärts blättern, um es sich vom Anfang bis zum Ende betrachten zu können.

Heimat

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„Manche Fotografen fühlen sich als Wissenschaftler, manche als Moralisten. Die Wissenschaftler widmen sich der Bestandsaufnahme der Welt, die Moralisten konzentrieren sich auf schwierige Fälle.“ Susan Sontag

Gedanken Inspiriert durch das Essay „Über Fotografie“ von Susan Sontag

Fotografien bestätigen Daseinszustände, frieren abrupt Momente ein und machen sie gleichsam überprüfbar. Durch den Akt des Fotografierens werden nicht nur vergangene Momente abgelichtet, sondern darüber hinaus wird ihnen eine Bedeutung verliehen. Mit jedem Bild liefert der Fotograf nicht nur eine Bestätigung einer Realität, gleichzeitig inventarisiert er Sterblichkeit, archiviert Verletzlichkeit und enthüllt Wandelbarkeit. Er zeigt mehr denn je das Vergehen der Zeit und dokumentiert ihren Wandel. Er kann zum Produzenten von Gefühlen, Meinungen und Bewertungen werden und darüber hinaus bewusst über Klarheit, Übertreibung und Irritation entscheiden. Als Fotograf manipuliert man nicht das fotografierte Ding, sondern nur seine Erscheinung und Darstellung auf dem Filmmaterial. Die Zufälligkeit, die jeder Fotografie innewohnt, beweist uns ihre Vergänglichkeit. Ihre Beliebigkeit nimmt uns oftmals die Möglichkeit, unsere Realität zu ordnen, zu reihen oder zu klassifizieren. Dennoch steht die Fotografie in dem Ruf, die realistischste und somit zugänglichste Kunst zu sein. Auch wenn es sich bei Fotografien um Zitate eines Gewesenen handelt, so wird ihnen - bestenfalls so unbearbeitet und naiv wie möglich - mehr Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe geschenkt, als jeder Fotografie

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anderen Kunstformen. Keine Fotografie ist eine plumpe Kopie der Realität. Sie hat ganz verschiedene Ausdrucksformen bekommen, wie uns Dinge erscheinen können - und somit dem Begriff Realität einen neuen Inhalt verliehen. Durch die Ästhetik der Camera Obscura und der intuitiven Wahl der Belichtungszeiten, bekommt jede Aufnahme die persönliche Handschrift nicht nur der Kamera, sondern auch die des Fotografen. Es entstehen wolkige Gebilde der Phantasie, vermengt mit winzigen Informationssplittern.

weil die Zeit sich so beeilt*

*„Weil die Zeit sich so beeilt und so wenig bleibt

von dem was einmal war. Und weil das Licht so leicht zerbricht sehen wir die Dinge manchmal selten sonderbar“ Olli Schulz & Der Hund Marie - Track: Weil Die Zeit Sich So Beeilt , vom Album „Brichst du mir das Herz, dann brech‘ ich dir die Beine“ (2003)

Gegenwärtig sind wir zumeist von der hunderstel Sekunde verwöhnt, mit der man Momente unglaublich real und gestochen scharf festhalten kann. Ein Bild einer Lochbildkamera braucht viele Sekunden und Minuten, um entstehen zu können. Es braucht sozusagen eine gewisse Lebenszeit, um zum Einen ruhiges Leben abzulichten und zum Anderen unruhige Elemente im Bild geisterhaft zu veschlucken. In der so entstandenen Lautlosigkeit, die allen Bildern innewohnt, spiegelt sich nicht nur die Passivität und Präsenz eines Ortes, sondern auch sein Frieden, seine Aggression, seine Ohnmacht, sein Angekommensein, seine Abwesenheit. Durch diese Reduktion auf die stativen zumeist leblosen Elemente, die Fotografie

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durch das Auslöschen nahezu jeder Bewegung ihrer Ruinenhaftigkeit Zoll leisten, wirken die Fotografien wie eine Aquarellmalerei, wie ein verwischter Gedanke, eine lückenhafte Erinnerung, eine visualisierte Emotion. Selbst Gebäude werden zu lebendigen Objekten, sind erst da, dann weg. Susan Sontag war der Meinung, dass die º„ … dauerhafte Errungenschaft der Fotografie auch ihre Strategie war,“ nämlich „ lebendige Wesen in leblose Dinge zu verwandeln und leblose Dinge in lebendige Wesen.“

Fotografierte Realität kann man mit vielen einMaßstab der Art und Weise geworden, in der uns die Dinge erscheizelnen Erinnerungspuznen, und es hat damit dem Begriff der Wirklichkeit als solchem zelteilchen vergleichen, - und das heißt zugleich dem Begriff des Realismus- einen neuen die zusammengesetzt Inhalt gegeben. Susan Sontag zwar nie ein komplettes Bild ergeben werden, aber genug Brücken für eine in sich geschlossene Interpretation schlagen. Alles scheint lethargisch und gleichgültig, denn alles vermischt sich miteinander und wird zu einer weiten Fläche mit ungenauen Orientierungspunkten. Ich bemächtige mich dessen Instrumenten und benutze es als Abwehrmittel gegen meine Ausflüchte, benutze es als Helfer, um mich diesem Ort neu zu nähern, ihn wieder zu meinem Ort zu machen. Obwohl Fotoº Susann Sontags Essay „Über Fotografie“ Seite 96 grafie als ein Akt des Nicht-Einmischens verstanden Statt ganz einfach Wirklichkeit wiederzugeben, ist das Foto zum

Fotografie

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„Wenn ich die Geschichte erzählen könnte, bräuchte ich keine Kamera mit mir herumzuschleppen.“ Lewis W. Hine

werden kann und ich mich auch voyeuristisch jenen Orten nähere, obgleich immer im Schutze versteckt hinter der Kamera, so rühre ich doch nicht wenig in meinen festgesetzten Meinungen und Beschreibungen, die ich mir routiniert über die Zeit angeeignet habe. Durch den schmerzlosen Akt des Fotografierens suche ich auf meinen Beutezügen nach Bestätigungen für meine Erinnerungen, schlachte aus, was noch existiert, bevor es zu Staub wird. Ein Fotograf, der sich als ein Sammler versteht, ist getrieben aus einer momentanen Leidenschaft heraus, jedoch stets mit einer liebevollen Verbundenheit zur Vergangeheit. Beglückt über dieses Sammelsurium, welches ich mir selbst geschaffen zu Eigen mache, gewöhne ich mich allmählich an die Temperatur der Gegenwart. Letzlich auch unumgehbar, um den Ausblick, den Weitblick, das noch Ungeschehene unbedrückt und geklärt ertragen zu können.

weil das Licht so leicht zerbricht* *„Weil die Zeit sich so beeilt und so wenig bleibt

von dem was einmal war. Und weil das Licht so leicht zerbricht sehen wir die Dinge manchmal selten sonderbar“ Olli Schulz & Der Hund Marie - Track: Weil Die Zeit Sich So Beeilt , vom Album „Brichst du mir das Herz, dann brech‘ ich dir die Beine“ (2003)

Die Veränderungen in und um die Tagebaulöcher der Lausitz herum passieren für das Auge schleichend, für das heimatliche Empfinden hingegen jedoch rasend schnell. Alle paar Wochen ändert sich ihr Anblick. Also genug Zeit, um ein Bild mit langer Belichtungszeit aufzunehmen, jedoch viel zu wenig Zeit, um es emotional begreifen zu können. UnbeFotografie

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„Aber was besagt schon das Wort: Erinnerung? Wie fadenscheinig ist das Bewußtsein, das wir darauf aufbauen. Was wir eben erst gesagt haben, ist im nächsten Augenblick schon nicht mehr Wirklichkeit. Es existiert nur noch in unserem Gedächtnis – und so unser ganzes Leben, ja unsere ganze Welt.“ aus „Das Gefängnis der Freiheit“ von Michael Ende

merkt entsteht ein Mangel, der in einer Art schwierig erklärbarer Sehnsucht mündet. Ich fahre also nach Hause und plündere bei meinem Inventarisierungsstreifzügen Momente und Anblicke, die sich mir bieten, jedoch in ein paar Wochen, bei meinem nächsten Besuch, möglichweise so nicht mehr existieren werden. Als versuche ich meine Geschichte zu konservieren, halte ich Momente fest, sperre sie ein, bewahre sie in meiner schwarzen Box auf, trage sie weg, fädele eine lückenhafte Kette aus Erinnerungsperlen, gebe sie weiter und versinnbildliche somit mein Urteil an diesen Veränderungen. Referenzbilder und Fragmente von vergangenen Momenten und Orten entstehen, scheinbar nützlich, um mir meine Heimat ans Herz drücken zu können. Doch unerwartet und letzt­end­lich dienen sie auch einer Beschleunigung des gegenwärtig erahnten Verfalls, des Rückbaus und der landschaftlichen Zerstörung. Über diese verschwommene Dokumentation blasser Erinnerungen hinaus, geht es auch um den selbstzerstörerischen Wesenszug unserer Zeit. Selbst jüngste Vergangenheiten beginnt man aufzubrauchen, wegzuwerfen, niederzureißen und zu ersetzen. Ein durchaus reizvoller Gegensatz, dessen Disharmonie mich durch diese Arbeit begleitete. Einerseits empfinde ich Überforderung, Schwermut, Fotografie

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Unfassbarkeit gegenüber manchen so bedeutungsschwangeren Orten, andererseits schaffe ich sie kühl und distanziert abzulichten. Ein umgegrabenes totes Land wirkt in seiner monumentalen Erscheinung und uneinschätzbaren Distanz zwar morbide, aber irgendwie auch schön. Die Fotografie trägt den Rest dazu bei, ästhetisiert und verschönt die Welt ungewollt und schafft somit bisweilen eine Art Neutralisierung konträrer Emotionen. Sie bannt Unvorstellbares auf Klein- und Mittelformatnegative, vermittelt Teilnahme, hält aber gleichzeitig Gefühle auf Distanz, abstumpfend und stimulierend zugleich. Eine „… fromme Bekenntnis zum Respekt vor den Dinge, wie sie nun einmal sind.“Susan Sontag „Über Fotografie“ S. 115

Während dieser Arbeit entsteht durch Vorher- und Nachheraufnahmen die Möglichkeit zu einem Vergleich. Reihen und Serien wachsen in einem papierenen, tragbaren Museum und auf einmal bemerkte ich, dass es zwar ein Bewusstsein für diese Veränderungen gab, jedoch diese schließlich bewusst gewordene Rasanz nun eher neuartig und erschreckend auf mich wirkt. Das was ich festhalten wollte, hab ich durch die Fotografie beschleunigt. Durch die unvollendete, eigentümliche Ästhetik der Lochbildfotografie wird man zum Buhler der Zufälligkeit, neben dem Gewollten passiert eben so viel Fotografie

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im Unerwarteten, man schmeichelt der Verworrenheit, momenteweise wirkt alles beinahe surreal. Mit minimalster Anstregnung, geradezu bestürzender Mühelosigkeit, entstehen Welten in einem kleinen Pappkarton, der ganz ohne Trick irgendwie Glaubhaftes hervorbringt. Er produziert unermüdlich seine ganz eigene Wahrhaftigkeit, wobei seine Launen und Makel sogar gegrüßt werden. Wer sich visuell darauf einlässt, verbannt den Irrtum und wird Zeuge, wie stets etwas ungeplant Interessantes entsteht, was nie ganz falsch ist. Man entdeckt einen sanften Übergang von erkennbaren Bildern zu undefinierbaren skurilen Räumen, die das Licht zeichnet. Alles veschwimmt miteinander, hat scheinbar weder einen Anfang noch einen Abschluß. Vom konkreten Bild über eine Ahnung von eventuell anwesenden Gebäuden, Pflanzen und Landschaften, bis hin zu einem eigentümlichen Kosmos.

Aderlass

Ich nehme mir heraus, meine eigenen, schwermütigen Gedanken und Gefühle in diese Fotos zu bannen. Es ist ein Teil von mir, ob nun drinnen oder draußen, hier bekommen all jene Empfindungen durch die direkte Konfrontation ein Ventil, einen Kanal zur sichtbaren Welt. Es entstanden Fotografien, die über ein objektives Bild hinaus, nicht nur ZeugFotografie

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nis darüber ablegen, was da ist - eine Bestätigung der Welt - sondern sie zeigen gleichzeitig, was ich genau in diesem Moment sehe, fühle und vermisse, und wie ich es fernab jeder fotografischen Protokollierung subjektiv bewerte. In, und durch sie, entledige ich mich meiner angestauten Überwältigung, räume durch die lange Zeit des Fotografierens innerlich ordentlich auf, orte mich neu, und mache Platz für geklärtere, gegenwärtigere Empfindungen. Ein Befreiungsakt, der nicht ausschließlich mit Optimismus zu verwechseln ist, sondern durchaus mit viel Überwindung und einer irren und wirren Suche verbunden war. Das Resultat fordert Empathie, die trotz möglicher Bedrückungen kein Mitleid möchte. Selbst mitfühlende Reaktionen erscheinen unwichtig angesichts der vorherrschenden Untergangsstimmung. Kommt es an dieser Stelle eher darauf an, diesem Gewaltigen mit Gleichmut zu begegnen? Die Fotografie hat „In den letzten Jahrzehnten hat die „anteilnehmende“ Fotografie bisher viel dazu beigemindestens ebensoviel dazu getan, unser Gewissen abzutöten, wie tragen, unsere Schockdazu, es aufzurütteln.“ Susan Sontag grenze weit herabzusenken. Bilder, die uns womöglich einmal berührten, nicht mehr losließen und sich sogar in unsere Träume schlichen, gehören vielleicht jetzt zu unserem geradlinigen Alltag. Eine aushöhlende Akzeptanz Fotografie

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stellt sich ein, die einerseits durch die mediale Flut, andererseits durch die davon ausgehende Machtlosigkeit viel zu vieler Hiobsmeldungen genährt wird. Erfahrungen zeigen, dass nach dem Fotografieren die Wirkung von gesellschaftlichen Überreizungen und Skandalen abflaut oder sogar vergeht. Fotografie kann zu einer Veränderung führen, eine emotionale Aushöhlung durch visuelle Übersättigung bewirken oder möglichweise zur Aufklärung beitragen. Ob nun der Betrachter aus eigenem Antrieb dazu bereit ist, sich mit dem von mir eingeimpften Leid der Bilder zu befassen oder beschließt, eigene innere Verbindungen zu diesen Bildern zu knüpfen, sei ihm überlassen. Bilder zu betrachten und zu bewerten, ist stets eine Gratwanderung zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Beweis und Vermutung. Zudem haftet ästhetischer Beurteilung oft eine gewisse Mehrdeutigkeit an, was alles in allem die Unbeständigkeit des fotografischen Geschmacks ausmacht. Interpretationsfläche und Berühungspunkte mit individuellen Empfindungen fremder Betrachter schließen sich bei der Eigenständigkeit meiner Bilder nicht aus.

Fotografie

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Alles.Voller.


„In Zeiten von Untergangsstimmungen kommen stets seltsame neue Götter auf, die mehr wie Teufel aussehen, das bisher Vernünftige wird sinnlos, das bisher Verrückte wird positiv, wird hoffnungsvoll, scheinbar wird jede Grenze verwischt, jede Wertung unmöglich, es kommt der Demiurg herauf, der nicht gut noch böse, nicht Gott noch Teufel ist, sondern nur Schöpfer, nur Zerstörer, nur blinde Urkraft. Dieser Augenblick scheinbaren Untergangs ist derselbe, der im Einzelnen zum erschütternden Erlebnis, zum Wunder, zur Urkraft wird. Es ist der Moment des erlebten Paradoxen, der aufblitzende Augenblick, wo getrennte Pole sich berühren, wo Grenzen fallen, wo Normen schmelzen. Es gehen dabei unter Umständen Moralen und Ordnungen unter, der Vorgang selbst aber ist der denkbar Lebendigste, was sich vorstellen lässt.“ Hermann Hesse, Die Erzählungen

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Die

Schlussworte


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die Ernte Anfangs wurde ich gefragt, warum ich mich immer wieder in meine Heimatstadt Weißwasser zurück begebe und soviel Reiz dabei verspüre, befüllte und unbefüllte Grubenlöcher mit kleinen selbstgebastelten Pappkameras zu fotografieren. Warum ich immer wieder zu Orten reise, die es eigentlich so nicht mehr gibt und ihre Menschen, ihre Gestalt, ihre Geschichte verloren haben. Warum ich soviel Leidenschaft für etwas entwickle, was vielerorts so eine Art angenommene rasante Alltagsveränderung ist, die, wie viele Weißwasseraner einsilbig zusammenfassen „krass“ ist, aber „nunmal so ist, wie sie ist, tja“. Und immer kam ich unangenehmerweise bei diesen Fragen ins Grübeln. Eine Antwort kam mir nie wie aus der Pistole geschossen. Was mich wiederrum verunsicherte, da ich eigentlich annahm, wenn ich soetwas derart intensiv betreibe, dann muss es auch Gründe dafür geben, die sich doch regelrecht aufdrängen müssten, denen ich Namen, Definitionen und Prioritäten verleihen könne. Aber all das fiel mir lange Zeit schwer. Ich stammelte und wand mich aus und um diese Fragen herum. Der Kloß in meinem Hals, während ich dort fotografierte, blieb Grund und Indiz genug für mich, dass das was ich tat, gute Gründe haben musste. Erst durch die vielen Jahre des Arbeitens und Auseinandersetzens bemerkte ich, dass mir genau das Schlußworte

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gut tat, mich der Heimat wieder näher brachte, mich erdete an einem vorerst befremdlichen Ort und dies wiederrum Grund genug war, weiter zu machen. Teile einer einst empfundenen Ohnmacht wandelten sich zu wissender Akzeptanz und Einsicht. Ich sehe nun nicht mehr ausschließlich das, was unwiederbringlich verschunden ist, sondern auch wieder jene guten Orte und Menschen, die geblieben sind. Durch die intensivere Beschäftigung mit der Lausitz, einem zu difinierendem Heimatgefühl, mit dem Energiegiganten Vattenfall und mit den davon betroffenen Einzelschicksalen wurde mir das Ausmaß dieses Themas erst so recht bewusst. Zu meiner eigenen Beschämung muss ich gestehen, soviel mehr über meine heimatliche Gegend erfahren zu haben, dass ich mit dieser Arbeit nun auch einen Tribut an ihr zolle. Alles, was man beginnt auch in seinen Tiefen zu durchdringen und Verstehen zu wollen, bekommt ein menschliches Gesicht. Gut und böse, falsch und richtig lösen sich aus ihren Polen, relativieren das Pro und Kontra und decken Abhängigkeiten eigentlicher Kontroversen auf. Einer zäher Kern aus weißwasseraner Freunden besteht bis heute. Zwar nicht in Weißwasser, dafür verteilt auf Dresden, Berlin, Potsdam und Westdeutschland. Er braucht weder Pflege noch Beweise. 204

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Er hat Bestand über Raum und Zeit hinaus. Nie hab ich dergleichen wieder gefunden. Ich weiß nun auch mehr denn je, dass ein autobiografischer Text niemals im Stande sein wird, allen Lesern zu gefallen und jeden Betroffenen gerecht zu würdigen. Unterm Strich braucht solch ein intimes Bekenntnissschreiben weder Meinungen noch Berichtigungen. Um so roher und ungeschliffener es bleibt, um so authentischer und rücksichtsloser wird es sein. Ein schmaler Grad, dessen holprige Schwierigkeiten mir erst im Laufe diese Arbeit bewusst wurden und demnach sehr viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Fotografie wurde eine Art Lunge, die mir dort das Atmen ermöglichte, wo ich lange Zeit starr nach Luft rang. Nach längerer Suche habe ich in der obskuren Technik einen Kanal gefunden, der im Stande war, meine Befindlichkeiten wiederzugeben. Alles in allem war es ein langer Weg, eine schwere Geburt, nun ein gewachsenes Kind, ein Abschluß für mich, der nun Platz für Neues schafft. Der selbsttherapeutische Effekt dieser Arbeit bietet sicherlich zu Recht genug Diskussiongrundlagen für fremde Zuhörer. Aber ich bin nun gefeit für die Fragen, denen ich anfangs oftmals auszuweichen versuchte.

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mein Dank den Weggefährten

Ein Dank gilt den vielen Lektoren. Ich danke meiner besseren Hälfte für die vielen Auseinandersetzungen und Entscheidungsfindungen. Für seine klare sachliche Linie als Lektor und für sein mentales Auffangen all meiner heißen und kalten Emotionen. Ich danke meiner Mutti, für die vielen guten Gespräche auf ihrer Gartenbank und am Telefon, für die vielen gemeinsamen Erinnerungs- und Rekonstruktionsversuche, für ihre Unterstützung bei der Beschaffung vieler verwendeter Quellen, auch für ihre finanzielle Unterstützung und für die unendlich vielen Liter guten Polensprits, den ich auf meinen Streifzügen durch die Heimat durch ihren kleinen gepunkteten Daihatsu gepustet hab. Ich danke der Frau meines Vaters für die viele gute Kritik. Ich danke Madlen, die mich immer wieder daran erinnerte, wo in mir die Sonne scheint. Ich danke Max für unsere gemeinsame Zeit, für seine göttliche Begleitung auf der Gitarre, für die vielen guten Denkanstöße und Bestätigungen in verunsicherten Momenten. Ich danke Fabian für`s Zuhören, für seine Ehrlichkeit und für die vielen fruchtbaren tiefgehenden Gespräche und Anstöße. Ich danke Jan, Anett und Frau Smirnoff für ihr unglaubliches schnelles Lektoriat, für die gute Kritik und die hilfreiche Unterstützung auf den letzten Metern. Schlußworte

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Ein Dank gilt den Menschen aus der Heimat. Ich danke der Mühlrosener Fraktion für die Käselauchsuppe und Mandarinenlimonade. Ohne jene offenen Küchentischgespräche wäre diese Arbeit nicht so authentisch. Ich danke vor allem meiner lieben Christah, die viele Wege begleitet und geebnet hat, auch für ihre wachen Sinne für aktuelle Zahlen und Fakten vor Ort. Ich danke allen Freunden, die aus Weißwasser und Umgebung stammen, für die vielen ehrlichen und interessierten Gespräche. Ich danke Oma und Opa für die großzügige Unterstützung. Ich danke der Unterstützung von Frank Sander, dem Referatsleiter für Bergbaufolgen aus dem Landesamt für Umwelt, Landschaft und Geologie in Dresden, für die langatmigen Telefonate, dem keine Frage zu viel und keine Anstrengung zu teuer war. Ich danke meinen Betreuern für ihre offenen Ohren, ihre Kritik, ihre Anregungen und die Bejahung für meinen Weg. Ich danke meinen Schwiegereltern für interessierte und hinterfragende Gespräche. Ich danke der Band „Logh“, durch die ich in vielen rauch-und rotweinschweren Nächten jene heimatlichen Emotionen ans Nachtlicht holte, die mir bei meinen fotografischen Streifzügen durch Weißwasser und Umgebung die Schwermut an die Fersen schweißte. Mit dieser Musik war ich in der Lage 208

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dieses Fotobuch authentisch und tatsachennah auch in Potsdam umzusetzen. Ich danke Madame ChĂ&#x201E;n, die mir ihre Gedanken lieh und farbig unter die Haut stach. Jeder einzelne Nadelstich war und bleibt ein Morsezeichen zu Papa. There`s a light, that never goes out.

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Quellen 0 º inspirierende Arbeiten

die beeindruckenden camera obscura Arbeiten von Volkmar Herre www.edition-herre.de „Brunica - Leben mit der Kohle“ von Jürgen Matschi eine Fotosammlung aus 25 Jahren Fotobuch, Juni 2011, Domowina-Verlag die Diplomarbeit von Anna-Luise Lorenz, Diplom Kommuniukatuinsdesignerin von der Hochschule Augsburg Thesis: „Eutopia - Vergegenwärtigung individueller Erinnerungs- und Sehnsuchtswelten“ http://kingkasimir.de/

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Quellen 1 º die Heimat º digital

Lausitz: Definition, Größe , Einwohnerzahlen, Orte der Lausitz, Sorben, wirtschaftliche Daten http://de.wikipedia.org/wiki/Lausitz

Niederlausitz: Definition, geografische Lage http://de.wikipedia.org/wiki/Niederlausitz http://de.wikipedia.org/wiki/Bruchwald

Oberlausitz: Definition, Einwohnerzahlen http://de.wikipedia.org/wiki/Oberlausitz http://de.wikipedia.org/wiki/Sorben

Weißwasser: Definition, Nachbargemeinden, Geschichte, Bevölkerungsentwicklung http://de.wikipedia.org/wiki/Weißwasser/Oberlausitz

Definitionen http://de.wikipedia.org/wiki/Binnendüne http://de.wikipedia.org/wiki/Kreis_Weißwasser http://www.jmd-weisswasser.de/4_region.html http://de.wikipedia.org/wiki/Glas http://de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche http://de.wikipedia.org/wiki/Devastierung

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CCS - Carbon Capture and Storage www.berliner-zeitung.de/berlin/vattenfall-film--energieland--einauftrag-der-besonderen-art,10809148,11752946.html www.energieland-film.de/ www.taz.de/Dokumentation-ueber-Vattenfall/%2185456/ www.rosalux.de/event/45321/energieland.html

Vattenfall, aktiven und stillgelgten Tagebauen, GrĂźne Liga http://www.vattenfall.de/de/index.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Vattenfall_Europe http://de.wikipedia.org/wiki/Vattenfall www.ostkohle.de http://de.wikipedia.org/wiki/Lausitzer_Braunkohlerevier http://www.fys-online.de/wissen/geo/tagebau.htm www.lausitzer-braunkohle.de/feld_nochten.php http://de.wikipedia.org/wiki/Kaolin www.buero-fuer-umweltplanung.de/html/altlasten_kontaminationen. html

Daten zu der Wasserbeschaffenheit in der Lausitz http://www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/3577/ www.bmu.de/binnengewaesser/gewaesserschutzpolitik/europa/ doc/3063.php

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Definition der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) http://de.wikipedia.org/wiki/Tertiär http://de.wikipedia.org/wiki/Substrat_(Boden)

Grüne Liga - Netzwerk Ökologischer Bewegung http://www.lausitzer-braunkohle.de/

Daten zum Lausitzer Seenland und Kartenmaterial www.lausitzerseenland.de http://de.wikipedia.org/wiki/Kokerei www.sorben.org de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Flurax/Johann_Schadowitz www.iba-terrassen.de/front_content.php?idcat=144&lang=4 de.wikipedia.org/wiki/Pontonbrücke

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Quellen 1 º die Heimat º analog

Broschüren & Faltblätter

Lausitzer Seenland „Ferienjournal“ 2011, VERLAG Reinhard Semmler GmbH Lausitzer Seenland „Ferienjournal“ 2012, VERLAG Reinhard Semmler GmbH Lausitzer Seenland „Landschaft im Wandel“ LMBV - Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH 11/2011 Reisereportage „Glück auf! Gib niemals auf, Lausitz“ ein Text von Mathias Priebe „Die Niederlausitz“ Urlaubs- und Freizeitmagazin, 2011 Tourismusverband Niederlausitz e.V.

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Oberlausitz Heide- und Teichlandschaft „Im Land der tausend Teiche“ Deutschlands größte Teichlandschaft im Bautzener Land TGG „Heide und Teiche im Bautzener Land“ e.V. „Energie und Braunkohle, Zahlen & Fakten 2010“ Vattenfall Europe Mining AG Lignite Mining & Generation „Landschaft im Wandel - Lausitzer Seenland“ LMBV - Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft mbH 11/2011, 6. Auflage Faltblatt, 12/2010 „Braunkohlewerk Schwarze Pumpe“ Vattenfall Europe Mining & Generation

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Faltblätter April 2011 „Aus Braunkohle wird Energie“ Braunkohlekraftwerk Boxberg Braunkohletagebau Nochten Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe Braunkohletagebau Welzow-Süd Kraftwerk Jänschwalde Tagebaue Jänschwalde und Cottbus Nord Faltblatt, August 2011 „Energie aus der Lausitz, Braunkohletagebau Reichwalde“ Vattenfall Europe Mining & Generation Faltflyer excursio Besucherzentrum „Erlebnisse der besondern Art“ Touren am tagebau 2012 Lausitzer Rundschau vom 28.August 2012 Artikel: „Weißwasser und Umlandgemeinden verlieren weiter Einwohner“

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Facharbeit

von Christin Noack, 2011 „Was steckt dahinter, wenn eines der größten Energiekonzerne Deutschlands ein Dorf umsiedelt, in dem du 20 Jahre deines Lebens verbracht hast?“ Präsentation, 2006

„Bergbaufolgeseen und Wasserrahmenrichtlinie im Freistaat Sachsen“ Landesamt für Umwelt und Geologie Abteilung 3 - Vollzug Agrarrecht, Förderung Referat 33, Frank Herbst Präsentation, April 2012

„Wassermanagement in Braunkohlefolgelandschaften“ Landesamt für Umwelt und Geologie eBook

„Lausitz: Unterwegs zwischen Spreewald und Zittauer Gebirge“ von Kerstin Micklitza und Andrè Micklitza http://books.google.de/books?id=XTUk8jcO_tQC&printsec=frontcover &hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

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Quellen 2 º der Wanderer

„Bluesmans Blues“ von Jörg Rother der Weißwasseraner Jörg Rother erzählt die Geschichte von dem alkoholkranke Jochen Sobowsky, der º„bescheiden, aber nicht unzufrieden, inmitten der zerrütteten Gesellschaft einer im Verschwinden begriffenen Plattenbausiedlung“, wohnt.

º http://www.amazon.de/Bluesmans-Blues-Jörg-Rohter/dp/3868121927 Roman, 2009, Mauer Verlag „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ von Rocko Schamoni Roman, 2008, Rowohlt Taschenbuch Verlag º „Ich zog aus, um die Welt zu erobern, doch die Welt war bereits erobert.“ … Hauptamtlich ist Michael Sonntag „der Fürst der Überflüssigen. Und er hat eine große Begabung zum Leiden – an sich, dem Leben, der Liebe, der Gesellschaft und an Magenproblemen.“ Er kreist „um den Kosmos der Normalen, unfähig dazu zu gehören, unfähig sich von ihm zu lösen.“

º

Frankfurter Allgemeine Zeitung http://www.amazon.de/Sternstunden-Bedeutungslosigkeit-Rocko-Schamoni/ dp/3499247267/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1344845595&sr=1-1

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Quellen 3 º die Fotografie

„Über Fotografie“ von Susan Sontag Essay, September 1980, Fischer Taschenbuch Verlag Geschichte der Fotografie, Definition und Funktion der camera obscura http://de.wikipedia.org/wiki/Heliografie http://de.wikipedia.org/wiki/Daguerreotypie http://de.wikipedia.org/wiki/Talbotypie http://de.wikipedia.org/wiki/Kollodium-Nassplatte http://de.wikipedia.org/wiki/Ferrotypie http://de.wikipedia.org/wiki/Wothlytypie http://www.iphotocentral.com/search/detail.php/128/1/60/6042/1 http://de.wikipedia.org/wiki/Argyrotypie http://de.wikipedia.org/wiki/Camera_obscura http://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Vermeer

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Quellen 4 º Zitate

º„Buch der Sehnsüchte“ von Leonard Cohen Sammlung von Gedichten, Epigrammen, Zen-Sprüchen, Songs und Essays wird ergänzt durch Zeichnungen und handschriftliche Texte Blumenbar; Auflage: 1. (Oktober 2008) º„Hitlers letzte Rede“ von Heinz Ratz ein Theaterstück mit anschließendem Interview und einem Text Alessandro Topa 2003, Verlag Edition AV º „Das Gefängnis der Freiheit“ von Michael Ende Roman, 1992, Weitbrecht Verlag º „Michael Endes Zettelkasten, Skizzen & Notizen“ von Michael Ende Geschichten, Gedichte, Balladen, Lieder, Betrachtungen, Aphorismen und Essays, 1994, Weitbrecht Verlag º „Der Spiegel im Spiegel: ein Labyrinth“ von Michael Ende, mit Zeichnungen von Edgar Ende Kurzgeschichten, 1984, Weitbrecht Verlag

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º „Die Morgenlandfahrt“ von Hermann Hesse eine Erzählung, 1930, Suhrkamp Verlag, 16. Auflage 1982, © 1931 º„Über Fotografie“ von Susan Sontag Essay, September 1980, Fischer Taschenbuch Verlag

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Impressum Betreuende Professoren Prof. Wiebke Loeper (Fotografie), Prof. Dr. Hermann Voesgen (Kultur - und Projektarbeit)

π Bearbeitungszeitraum 24. Februar 2012 bis 23. August 2012 π FH Postdam 2012 π Matrikel Nr. 7031 π Texte und Bilder Soweit nicht anders ausgezeichnet, entstammen alle Texte und Bilder von Kati Schiemann π Schriften Qua-

drat, Arial Black, Spacesuit π Druck Druckerei Steffens, Potsdam π Buchbindung Sigrid Kirsch-Kunze π Lektorat Beate Schiemann, Anke Mehnert, Madlen Kluge, Max Elverfeld, Anett Baron, Jan Pramschüfer, frau Smirnoff π Autor Kati Schiemann, Mauerstraße 2, 14469 Potsdam, www.katischiemann.de, kontakt@katischiemann.de

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„Ich pfeife auf meinen Fingern mein Elend durch die Nacht aus rußigem Schnee, der alles unsichtbar macht, durch den Wind der Leere, das Lied meiner Einsamkeit, ich, der in keinen Schlappschuh paßt. Ich, der in keinen Schlappschuh paßt …“ Michael Ende aus „Michael Endes Zettelkasten, Skizzen & Notizen“ Zitat aus der Kurzgeschichte „Stans Nachtlied“


Ich erzahle die Geschichte eines kleinen, von Industrialisierung gebeutelten, Ortes im Osten von Deutschland. Viele Teile meiner Heimat, meiner Erinnerungen, meiner Kindheitsbilder wurden dort innerhalb von kurzer Zeit mehr oder minder dem Erdboden gleich gemacht. Der Kohleabbau um die Stadt herum, hinterlie Locher in Ausma en, die Horizonte verschlingen; fra Walder, Stra enzuge, Ortschaften am Stuck, hinterlie weder eine Richtung noch einen Sinn. Meine Bilder sollen nichts rekonstruieren, sollen weder schwelgen, noch reanimieren. Sie verbinden Ahnungen von meinem Damals, mit dem mir noch etwas obskuren Jetzt. Alles Sie zeigen mein ganz personliches „ Alles“: Ob nun bluhend oder tot, vorhanden oder abgerissen, hasslich oder schon saniert. Dieser Ort klebt an mir und war, ist und bleibt meine Heimat. Fulle Sie zeigen meine ganz personliche „Fulle“: … an meinen Erinnerungen, ein paar Sehnsuchten, etwas Schwermut und Betroffenheit Sie zeigen mein ganz personliches „Nichts“: Nichts Orte, die ich war. Orte, die ich bin. Meine Behausungen wurden abgerissen, Walder wurden zu Brachlandschaften und Dorfer zu Seen.

Theorieteil der Diplomarbeit, | 2012 | Fachhochschule Potsdam | Fachrichtung Kommunikationsdesign | von Kati Schiemann 232

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"ALLES.VOLLER.LEERE." Theoriearbeit  

Ich erzähle die Geschichte eines kleinen, von Industrialisierung gebeutelten, Ortes im Osten von Deutschland. Viele Teile meiner Heimat, mei...

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