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rot rouge rosso cotschen Zeitung der Jungsozialist_innen • Journal de la Jeunesse socialiste Giornale della Gioventù socialista • Gasetta da la Giuventetgna socialista

+++JUSO.CH+++

JUSO Schweiz, Postfach 8208, 3001 Bern Nr. 216, November 2016

11 Das kleinere Übel? Pro und Kontra Hillary Clinton

Sharing Economy – Gemeinsames Wirtschaften? «Sharing Economy» liegt im Trend. Der kollektive Konsum durch Teilen, Austausch und Miete von allem Möglichen verspricht eine nachhaltige kommerzielle Ressourcennutzung. Doch hinter der neuen Idee stecken meist Geschäftsmodelle mit knallharten Kapitalinteressen, welche sich der Errungenschaften der Arbeiterbewegung elegant entledigen wollen.

Für 50 Franken mit Easyjet nach Amsterdam jetten und für nur 10 Franken mit Uber vom Flughafen in die Stadt fahren, wo dank Airbnb ein Zuhause für 20 Franken pro Nacht wartet. Das klingt vertraut, oder? Viele von uns nutzen diese Angebote, erscheint ja auch alles vorteilhaft: günstig, online, jederzeit zu haben und die Qualität sichert die Bewertung von Leuten

wie dir und mir. «Uber ist der cleverste Weg, um von A nach B zu gelangen» oder «Sei dort zuhause.» Alles gut also? Nehmen wir Easyjet als relativ klassisches Unternehmen aus, verbleiben mit Uber und Airbnb die beiden prominentesten Vertreter einer kleinen Anzahl von Technologiefirmen, die sich der Sharing Economy verschrieben haben. Die Idee:

Fahrgemeinschaften und Couchsurfing mit den neu vorhandenen technischen Möglichkeiten verbinden. Das Ganze wirkt dabei wie eine Bewegung, welche sich den Kampf für Ökologie und gegen das teure Monopolangebot bisheriger Firmen im Markt auf die Fahnen geschrieben hat. So weit so gut. Fortsetzung auf Seite 2

P.P.

9 SP Frauen* Co-Präsidentin Natascha Wey im Interview

3900 Brig

4+5 JUSO-Initiativprojekte Na, wofür wollt ihr auf die Strasse?


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INFRAROT • JUSO • November 2016

Koffertami

Fortsetzung Seite 1

Woher das Geld stammt «Sharing Economy»-Unternehmen sind äusserst beliebt bei Investoren, wodurch sie eine riesige Menge an Kapital anhäufen konnten. Hinter Uber beispielsweise stecken Benchmark Capital, Goldman Sachs und Google Ventures, First Round Capital, Menlo Ventures und Lowercase Capital. Die Beliebtheit bei diesen Investoren erreicht man kaum mit gemeinnützigen Interessen, sondern vor allem mit Profitversprechen (als Goldesel). Die Idee des Teilens und des Teilhabens kann damit nur ad absurdum geführt werden, was ein Blick in die Praxis bestätigt. Arbeitgeber ohne Verantwortung Faktisch verhält sich Uber wie ein Taxiunternehmen und das Angebot von Airbnb wie viele kommerzielle Übernachtungsmöglichkeiten (Hotels, Ferienwohnungen). Was die beiden Konzerne eint: Die feste Überzeugung, sich an keine Regeln und Gesetze halten zu müssen und ihr Ziel, «disruptiv» bestehende Märkte aufzumischen. Sie geben Milliarden von Dollar aus, um weltweit demokratisch verabschiedete (Arbeitgeber-)Gesetze auszuhebeln und durch die Übernahme von Mitwettbewerbern zu wachsen. Oder um es mit Tom Slee zu sagen: «Die Sharing Economy ist durchaus eine Bewegung: eine Bewegung für Deregulierung. Grosse Finanzinstitute und einflussreiche Wagniskapitalfonds ergreifen die Gelegenheit, die Regeln zu attackieren, die demokratisch gewählte Stadtverwaltungen überall auf der Welt aufgestellt haben.» Es geht jedoch nicht nur um die Deregulierung und Missachtung von Errungenschaften, welche Arbeitnehmende jahrzehntelang erkämpft haben. Die Sharing Economy führt auch zu einem Revival der Jobs, die als Zusatzverdienst gelten und dementsprechend nicht richtig bezahlt werden. Bei Uber heisst der Lohn im Vertrag denn auch «freiwillige Servicepauschale». Widerstand regt sich Die Sharing Economy schafft in ihrem jetzigen Zustand riskante und prekäre Jobs im Niedriglohnsektor. Dies nicht nur bei Uber und Airbnb. Vor allem in Amerika ist die Breite der Sharing Economy fast un-

Von Tim Rüdiger

endlich: So gibt es Apps für das Teilen von Werkzeugen, gekochtem Essen, Putzdienstleistungen, Buchhaltungen usw. Der Widerstand gegen diese Entwicklungen wächst jeodch jedoch von Tag zu Tag. Uber beispielweise, ist in 71 Regionen im Konflikt mit den örtlichen Gesetzen, 41 Verbote wurden bereits ausgesprochen. Auch gegen Airbnb gibt es weltweit Proteste, Tausende von Menschen und Organisationen ergreifen Massnahmen, um Verdrängungsprozesse aufzuhalten. Eine mögliche Position der JUSO und eine linke Vision Bei der Sharing Economy zeigt sich einmal mehr: Es ist die Frage, wem die Technologie gehört und wer bestimmt, wie sie genutzt wird. Das Teilen von Autos, Häusern und vielen weiteren Gebrauchs- oder Nutzungsgegenständen bietet grundsätzlich viele spannende und neue Möglichkeiten, um unsere Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. Das Problem bei der Sharing Economy ist nicht die individuelle Nutzung der Dienste, um auf eine neue Art und Weise Urlaub zu machen oder schnell von einem ans andere Ende der Stadt zu kommen. Die Probleme liegen bei der Agenda der Unternehmen und den profitorientierten Investoren. Für den maximalen Gewinn wird Deregulierung fraglos durchgesetzt. Es gibt eine Vision der Sharing Economy, welche unseren persönlichen Austausch von Gegenständen und Dienstleistungen im kleinen Rahmen in den Mittelpunkt stellt, bei welcher die Communities und Nutzer der jeweiligen Plattform demokratisch die Ausgestaltung und Entwicklung mitbestimmen können und kein zentralistisch geführter Konzern. Oder nochmals mit Tom Slee: Anstatt «Deins ist meins» könnte es auch heissen «Meins ist deins».

Literatur

Tom Slee: Deins ist meins. Die unbequemen Wahrheiten der Sharing Economy. Verlag Antje Kunstmann, München 2016.

Vor kurzem bin ich auf die Facebookseite «Secondomeme» gestossen. Der Humor auf den Bildern basiert auf einem spannenden Raum zwischen und über den Kulturen des Balkans und der Schweiz – die immer wiederkehrende Hauptfigur ist der klischierte Jugovater Sabahudin. Ein Migrant der ersten Generation, Bauarbeiter mit kaputtem Rücken, der ein hyperakzentuiertes Schweizerdeutsch spricht. Er ist in der Schweiz angekommen, aber trotzdem nicht entwurzelt: «Von wo pish tu?» – «Von cirih» – «I meini von dunne». Der Kommentar: «Tummi siech, mi nit interesire vo wo tu kome im shvic. #koffertami.» Wird hier Integrationsverweigerung gefeiert? Mitnichten. Über den alten Sabahudin mit seinen Sehnsüchten und Verhaltensweisen von «Dunne» lachen gerade die Balkan-Schweizer, die selbstverständlich auch die Schweizer Perspektive einnehmen – und genauso ins Lächerliche ziehen können. Gelacht wird über eine kollektive Migrationserfahrung, ohne sie vergessen zu machen. Und ich – Bioschweizer – lache mit. www.facebook.com/secondomeme


Unternehmenssteuer-Bschiss 3

USR III: Das Fuder ist überladen Voraussichtlich im Februar kommt die Unternehmenssteuerreform III zur Abstimmung, die Linke hat dagegen erfolgreich das Referendum gesammelt. Mit der neuen Reform drohen Steuerausfälle in Milliardenhöhe.

Von Cédric Wermuth

An sich wäre die Aufgabe nicht so wahnsinnig schwierig gewesen. Die internationale Gemeinschaft verlangt seit etwas über 10 Jahren, dass die Schweiz ihre Steuerpolitik in Bezug auf die Unternehmenssteuern revidiert. Stein des Anstosses sind eine Reihe von Steuertricks auf kantonaler Ebene, die es Unternehmen erlauben, ihren im Ausland erzielten Gewinn zu tieferen Sätzen zu besteuern («Ring fencing»). Das ist aus Sicht von EU und OECD eine ungerechtfertigte Diskriminierung und führt zu «Verzerrungen» im Steuerwettbewerb. Also hätte man die umstrittenen Steuerregimes einfach streichen können. Hätte... Die Sonderregimes bei den kantonalen Steuern führen seit ihrer Einführung zu teilweise absurd tiefen Steuersätzen von wenigen Prozenten. Deshalb haben wir die Idee der Unternehmenssteuerrefom III – also die Abschaffung dieser Privilegien – begrüsst. Nur kam es leider wie es kommen musste: Die neue, rechte Mehrheit beliess es nicht einfach bei der Abschaffung der Sonderregimes, sondern packt gleich noch ein paar Punkte aus der Weihnachtswunschliste obendrauf. Aus einer Vorlage, die das Schweizer Steuerrecht an internationale Vorgaben angleichen wollte, wurde so eine erneute Steuergeschenksorgie. Es droht Abbaupaket um Abbaupaket Die Reform enthält im Wesentlichen zwei Elemente. Erstens sollten die Kantone als «Ausgleich» für den Verlust der Sonderregimes ihre allgemeinen Steuersätze senken. Die konkreten Auswirkungen solcher Senkungen sind völlig offen. Klar ist: Die Mitnahmeeffekte dürften enorm sein. Mit Mitnahmeeffekten meint man den Umstand, dass plötzlich Unternehmen von einer Steuererleichterung profitieren, die über gar kein Sonderregime verfügten. Ziemlich ironisch übrigens, wenn wir uns daran erinnern, dass die gleichen Parteien noch vor wenigen Wochen die AHVplusInitiative für das «Giesskannenprinzip»

geisselten. Zudem sollen diese Steuersenkungen nicht koordiniert erfolgen. Das hat schon jetzt ziemlich dramatische Folgen. Der Bund ging in seiner Gesetzesvorlage von einem Einpendeln der Steuersätze bei ca. 16 % aus. Tatsächlich haben verschiedene Kantone bereits jetzt klargemacht, deutlich weiter zu gehen. Die Waadt hat bereits entscheiden von 21.6 auf 13.8 Punkte zu gehen (wenn auch als einziger Kanton bisher mit gewissen sozialen Ausgleichsmassnhamen), Genf will auf 13 %, Schaffhausen und Zug auf 12 % – sogar das rot-grüne Basel-Stadt will auf 12 %. Die Folgen sind gerade im aktuellen finanzpolitischem Umfeld klar: Abbaupaket um Abbaupaket um Abbaupaket... Privilegien für das Kapital Und zweitens führt der Bund (zusätzlich!) eine so genannte «Tool-Box» ein, sprich eine Sammlung von teils recht kreativen, neuen Steuertricks. Mit Inputförderung, zinsbereinigter Gewinnsteuer, Patentbox und Step-Up soll die Schweiz noch «attraktiver» werden für internationales Kapital (für Details siehe das Argumentarium der SP Schweiz). Vielleicht drei Beispiele: Die zinsbereinigte Gewinnsteuer soll es den Unternehmen erlauben, auf das überschüssige Eigenkapital einen fiktiven « Insgesamt dürfte die Reform Bund, Kantone und Gemeinden mindestens 2.7 Milliarden Franken kosten. 2.7 Milliarden, die am Schluss die Bevölkerung wird tragen müssen.» Zins (wie wenn sie Fremdkapital aufgenommen hätten) anzurechnen und von den Steuern abzuziehen. Ähnlich funktioniert die Inputförderung: Damit sollen Investitionen in Forschung und Entwicklung in der Schweiz von den Steuern

abgezogen werden können. Klingt erstmals nicht mal so falsch. Der Haken ist aber: Diese Ausgaben sollen bis zu 150 % von den Steuern abzugsfähig sein. Man kann also für 1 Franken Forschungsausgaben 1.50 Franken von den Steuern abziehen. In beiden Fällen, zinsbereinigte Gewinnsteuer und Inputförderung, werden also Kosten von den Steuern abgezogen, die nicht anfallen. Das wäre so, wie wenn ich als alleinstehender Kinderloser einen Kinderbetreuungsabzug geltend machen könnte, ich hätte ja schliesslich Kinder haben können. Vielleicht die grösste Blackbox im Paket ist die so genannte Patentbox. Diese «Box» ist im Wesentlichen eine Bestimmung, wonach Erträge aus Patenten und vergleichbaren Rechten (also «Innovation») privilegiert besteuert werden sollen. Und das nicht zu knapp: Bis zu 90 % vom steuerbaren Reingewinn sollen abgezogen werden können – das heisst, dass im Idealfall eine solche Firma nur 10 % ihres Gewinns regulär versteuert. Abgesehen von der absurd tiefen effektiven Steuerbelastung, ist heute völlig unklar, welche Erträge am Ende tatsächlich unter diese Regelung fallen werden (der Bundesrat legt erst nach der Abstimmung die Details in einer Verordnung fest). Verlieren absolut verboten Insgesamt dürfte die Reform Bund, Kantone und Gemeinden mindestens 2,7 Milliarden Franken kosten. 2,7 Milliarden, die am Schluss die Bevölkerung wird tragen müssen – mit Leistungsabbau oder mehr Steuern für die natürlichen Personen. Die SP Schweiz hat während der Debatte immer wieder Vorschläge gemacht, wie die Reform – wenn schon – gegenfinanziert werden könnte. Vergeblich. Die letzte Chance bietet nun das Referendum. Es wird eine Abstimmung sein über den Durchmarsch der neuen rechten Mehrheit – verlieren ist also absolut verboten.


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INFRAROT • JUSO • November 2016

Wer, wenn Welche Initiative will nicht wir? die JUSO? Wann, wenn Die ausserordentliche Jahresversammlung vom Juni hat beschlossen eine neue JUSO-Initiative zu lancieren. In nicht jetzt? einem breiten Prozess wurden Ideen diskutiert und Projekte entworfen. Die Antragsstellenden haben ihre Vorschläge für das Infrarot zusammengefasst.

Am 5. November 2016 entscheidet die Delegiertenversammlung über das zukünftige Initiativprojekt der JUSO Schweiz. Es wird eine wichtige Entscheidung, die unsere Organisation in den nächsten Jahren beschäftigen wird und, je nach Projekt, unsere ganze Bewegung prägen kann. Umso wichtiger ist es, dass dieses Projekt mit Bedacht gewählt wird. Doch welche Ziele soll das neue Projekt verfolgen? Ich bin der festen Überzeugung, dass es Aufgabe der JUSO ist, neue Diskurse zu lancieren und neue Wege aufzuzeigen. Dies kann nur durch eine fundamentale Systemkritik passieren, denn wie es Genossin Luxemburg zu betonen pflegte: «Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.» Auf diese fundamentale Kritik müssen dann konkrete Vorschläge für Alternativen folgen. Alternativvorschläge, die uns die Möglichkeit geben, die Grenzen dort zu ziehen, wo sie hingehören: zwischen Klassen und nicht zwischen Nationen. Alternativen, die es uns ermöglichen, bei der Realität der Menschen auszuknüpfen, reale Verbesserung vorzuschlagen und Auswege aufzuzeigen aus dem jetzigen System. Wir müssen Fragen aufwerfen: Wer hat die Macht in unserem System und wieso eigentlich? Gibt es nicht andere Möglichkeiten? Ist der Kapitalismus wirklich das Ende der Geschichte? Profit oder Bedürfnis? Wenn eine Kraft in diesem Land fähig ist, solche Diskurse zu lancieren, dann wir. Wenn eine Organisation es schafft, eine ganze Bewegung zu prägen, dann die JUSO.

Die 1:12- und die Spekulationsstopp-Initiative waren für die JUSO Schweiz und die politische Debatte prägend. Um an diese Erfolge anzuknüpfen hat die JUSO an der ausserordentlichen Jahresversammlung im Juni die Lancierung einer dritten Initiative beschlossen. Die Delegierten beschliessen am 5. November 2016 über das Thema, die Lancierung ist auf März 2017 geplant. Die Antragsstellenden erhalten hier die Möglichkeit ihre Projekte vorzustellen. Sie haben die Texte dazu selbst verfasst.

Liebe Genossinnen* und Genossen*, lasst uns die Welt verändern. Hier und jetzt. Venceremos!

Privatisierungsstopp Das will die Initiative: Privatisierungen führen zu schlechten Arbeitsbedingungen und Qualität. Sie dienen den Besitzenden, welche die Bereiche der Profitlogik unter-

Tamara Funiciello, Präsidentin JUSO Schweiz

Schluss mit Mietwucher Das will die Initiative: Der / Die Vermieter_in darf nicht mehr verlangen, als ihn / sie der Unterhalt der Liegenschaft tatsächlich kostet. Wohnen ist ein Menschenrecht und darf nicht der Profitlogik unterstellt werden. Mit dieser Initiative zeigen wir durch eine einfache Forderung die Grenzen des Kapitalismus auf. Die Forderung entzieht den gesamten Wohnungsmarkt der Profitlogik. Mieten sind ein grosser Kostenpunkt für Arbeiter_innen und Junge. Besonders für Junge, sei es um von zu Hause auszuziehen oder für Freiraum, etc. Diese Forderung wird deshalb breite Unterstützung finden. Mit diesem Projekt können wir unser Profil als sozialistische Partei der Jungen und Arbeiter_innen stärken und diese organisieren. Antragsstellende: Lukas Nyffeler, Dersu Heri, Alain Schwerzmann, Olivia Eschmann, Florian Eschmann

stellen wollen. Die Initiative verteidigt den Service Public. Privatisierungen gehören verboten. Damit sagen wir dem Abbau der letzten Jahre, sowie den Abkommen wie TTIP und TiSA den Kampf an. Bisher hat man sich nur auf kantonaler oder kommunaler Ebene gegen Abbau und Privatisierung gewehrt. Mit diesem Projekt machen wir es zu einem schweizweiten Kampf. Der Ausverkauf des Staates trifft neben den Angestellten die Jungen und wenig Verdienenden am stärksten. Diese können wir mit diesem Projekt mobilisieren und organisieren. Antragsstellende: Caspar Oertli, Arianne Müller, Ele Wild, Michael Wepf, Jan Fässle

Konzerndiktaturinitiative Das will die Initiative: Freihandelsabkommen gefährden nicht nur unsere Demokratie, es droht Abbau. Die Initiative will, dass die Schweiz nur noch Freihandelsabkommen eingeht, die mit unseren Rechten vereinbar sind. In den Freihandelsabkommen wie TTIP, TiSA und Co. diktieren Multis ihre Regeln und niemand kann sich dagegen wehren. Wir wollen diesen wichtigen Teil der Gesellschaft wieder der Demokratie unterstellen und mitbestimmen. Unsere Regeln gehören eingehalten. Wir stellen die Gretchenfrage: Demokratie oder Kapitalismus? Indem wir die Demokratie über das Diktat der Wirtschaft stellen, bringen wir die Basis der neoliberalen Politik ins Wanken. Antragsstellende: Geschäftsleitung JUSO Schweiz

Kapital statt Arbeit besteuern Das will die Initiative: Superreiche lassen ihr Geld für sich arbeiten und werden so


Initiativvorschläge 5

Die Delegierten der JUSO Schweiz werden am 5. November 2016 eine neue Initiative beschliessen.

immer reicher. Unsere Initiative sieht vor, Kapitaleinkommen stärker (Faktor 1.5) zu besteuern und dafür die Lohnarbeit zu entlasten. Die Linke greift zurecht die Millionenlöhne von Vasella & Co. an, vergisst dabei aber, dass die Ikea-Familie Kamprad eine Milliarde (!) Kapitaleinkommen pro Jahr scheffelt. Dabei wäre hier das Empörungspotential, mit dem wir Menschen auf die Strasse und an die Urne bringen, gewaltig. Ausserdem stellen wir damit erneut die entscheidende Verteilungsfrage: Wie kann es sein, dass die Reichsten immer noch reicher werden, während der Rest der Bevölkerung immer weniger hat? Antragsstellende: JUSO Kanton Zürich

Robin-Hood-Initiative Das will die Initiative: Jedes Kind, das in der Schweiz lebt, erhält bis zum 18. Geburtstag jährlich vom Staat 2'400 Franken als Kindesvermögen auf ein Jugendsparkonto. Finanziert wird dies durch eine Zwecksteuer auf hohe Vermögen. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, die eigenen Träume zu verwirklichen und das eigene Leben nach den eige-

nen Plänen zu gestalten. Die Chancen dies zu tun, hängen heute aber immens von den finanziellen Möglichkeiten ab. Diese Initiative zeigt diese Chancenungerechtigkeit auf und unternimmt gleichzeitig etwas dagegen, indem sie jedem Kind ein finanzielles Startpaket mit auf den Weg gibt, das einen guten Start in Studium oder Berufsleben garantiert. Weil allen zusteht, was wenigen gehört. Antragsstellende: Geschäftsleitung JUSO Schweiz

Für Demokratie statt Konzerndiktatur Das will die Initiative: Die Schweiz soll nur noch Freihandelsabkommen unterzeichnen können, in denen soziale, ökologische und menschenrechtliche Mindeststandards definiert sind. Ausgeschlossen werden Schiedsgerichte. Freihandelsabkommen wie TTIP, TiSA & Co. hebeln mit Schiedsgerichten die Demokratie und den Rechtsstaat aus. Arbeiter_innen-Rechte werden beschnitten, der Schutz der Umwelt verschlechtert und die Macht des globalen Geldadels weiter ausgebaut. Gemeinsam stoppen wir die

Konzerndiktatur und sorgen mit mehr Demokratie dafür, dass der Handel den Menschen und nicht dem Profit dient. Antragsstellende: Julia Baumgartner, Joël Bühler, Jonas Eggmann, Mia Gujer, Nils Jocher

25-Stunden-Woche Das will die Initiative: Wir fordern eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 25 Stunden pro Woche, bei gleichbleibendem Lohn. Die Arbeitszeitverkürzung war in den letzten 150 Jahren eine Kernforderung der Arbeiter_innen. Sie ist nötig, weil die Arbeitsproduktivität kontinuierlich steigt. Die zeitliche Fremdbestimmung als Herrschaftsinstrument muss durchbrochen werden! Durch Erhöhung der freien Zeit werden die Menschen ermächtigt, ihr Leben aktiv zu gestalten. Die Arbeitszeitverkürzung ist Voraussetzung für die geschlechtergerechte Aufteilung jeglicher Arbeit. Dies bringt uns einen Schritt näher an die Gleichstellung. Antragsstellende: JUSO Stadt Bern


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INFRAROT • JUSO • November 2016

Die JUSO und ihre Volksinitiativen: Eine Erfolgsgeschichte 2009 hat die JUSO Schweiz ihre erste Initiative lanciert: 1:12, gemeinsam für gerechte Löhne. Dies war der Anfang einer langen Erfolgsgeschichte. Auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene stärkten Initiativen das Profil der Partei.

Von Dario Schai

Lange Zeit war die JUSO vor allem mit sich selbst beschäftigt. An den Delegiertenversammlungen waren nur ein paar Dutzend Leute anwesend und man stritt sich um ellenlange Positionspapiere. Medial wurde die JUSO kaum wahrgenommen und die Mitgliederzahlen dümpelten im dreistelligen Bereich vor sich hin. Nach vielen Diskussionen beschlossen die JUSO-Mitglieder 2009 die Lancierung der 1:12-Initiative. Die Initiative verlangte, dass niemand mehr als zwölfmal soviel verdienen darf wie die schlechtestbezahlten Mitarbeiter_innen im selben Unternehmen. Diese Forderung traf den Nerv der Zeit: Geprägt von Wirtschaftskrise und horrenden Manager-Boni katapultierte sich die Initiative in die Schlagzeilen – und mit ihr die JUSO. Die Mitgliederzahlen stiegen rasant, ebenso häuften sich Medienberichte. Die JUSO wagte sich vom stillen Kämmerchen auf die Strasse und begeisterte die Menschen. Nur knapp ein Jahr brauchte die sammelunerfahrene Jungpartei, bis mehr als 100'000 Unterschriften beisammen waren. Aufschwung in den Sektionen Die Mitgliederzahlen hatten sich innert kürzester Zeit verdoppelt und verdreifacht. Heute zählt die Mitgliederliste rund 3’500 Personen. Der Mitgliederanstieg und die erfolgreiche Sammelphase der 1:12-Initiative brachte auch neuen Schwung in die Sektionen. Schon bald lancierten mehrere Kantonalparteien erste eigene Initiativen. Im Kanton Zürich wurde die sogenannte Bonzensteuer lanciert, welche hohe Vermögen stärker besteuern wollte, in Basel-Land und im Aargau die Transparenzinitiative. All diese Vorlagen fanden weit über den linken Wählendenanteil hinweg an Zustimmung und machte die JUSO auch auf kantonaler Ebene zu

Im Oktober 2009 lancierte die JUSO die 1:12-Initiative medienwirksam auf dem Paradeplatz.

einem Pfeiler in der Politlandschaft. Viele weitere kommunale und kantonale Initiativen sollten folgen. Heute gibt es kaum mehr eine JUSO-Sektion, die nicht schon eine oder mehrere Initiativen lanciert hat. Initiative als Mittel zum Zweck Nicht immer war die Lancierung von Initiativen unumstritten. Die Unterschriftensammlung bindet viele Ressourcen, die für andere Aktivitäten fehlen. Würde die JUSO zu sehr zur Sammelmaschinerie, bestünde die Gefahr andere Kernaufgaben zu vernachlässigen. Auf einen Ausgleich muss deshalb geachtet werden. Als die Geschäftsleitung 2014 eine neue Initiative lancieren wollte, bevorzugte eine knappe Mehrheit der Delegierten das sogenannte Lernendenprojekt. Dieses Projekt bestand im Kern aus einer Petition und hatte das Ziel die JUSO an den Berufsschulen zu verankern. Rückblickend war das Projekt ein Misserfolg. Es wurden keine zusätzlichen Mitglieder hinzugewonnen, die Medienberichterstattung und öffentliche Debatte waren minimal und es fehlte auf allen Ebenen, von Sektionen bis Geschäftsleitung, die Motivation. Dabei sollte gerade ein gemeinsames nationales

Projekt die JUSO Schweiz als Ganzes vereinen und stärken. Auch eine Volksinitiative ist aber niemals ein Allerheilmittel. Aber sie ist ein Mittel zum Zweck. Wenn die JUSO wachsen will, wenn sie Leute organisieren will und wenn sie Debatten prägen will, dann muss die JUSO zum Mittel der Volksinitiative greifen. Das Schweizer Politsystem ist darauf ausgerichtet. Eine Volksinitiative garantiert mit Sammelphase, Parlamentsdebatte und Volksabstimmung mehrere Monate, beziehungsweise Jahre grosse öffentliche Aufmerksamkeit. Kein anderes Mittel kann der JUSO derart stark ein Gesicht geben. Die Aktivitäten der JUSO dürfen dabei aber nicht mit Unterschriftensammlung und Abstimmungskampf aufhören. Es gilt die neu gewonnenen Mitglieder in die Partei zu integrieren, zu bilden und für andere Aktivitäten und Kampagnen zu begeistern. Volksinitiativen sind also auch ein Mittel zum Zweck für den langfristigen Parteiaufbau und die notwendige Profilierung der JUSO. Am 5. November 2016 beschliesst die JUSO-Delegiertenversammlung ihre dritte Volksinitiative. Diese hat erneut das Potenzial die Erfolgsgeschichte für die Jungpartei fortzuführen.


Zukunft SP 7

Geklärte Machtverhältnisse: Die Chance für eine offensive Sozialdemokratie Im Dezember findet der Parteitag der SP Schweiz statt. Traktandiert sind unter anderem eine Vorlage zur strukturellen und finanziellen Zukunft der Partei, das Reformprojekt «Zukunft SP», und ein Positionspapier zur Demokratisierung der Wirtschaft.

Von Samira Marti

Seit der Etablierung der Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert hat sich die politische Kultur massgeblich verändert: Unser Kommunikations- und Informationsverhalten hat sich beschleunigt, die Parteibindung abgenommen. Eine Mitgliederpartei wie die SP Schweiz stellt das vor Herausforderungen – finanziell und strukturell. Deshalb wurde zu Beginn dieses Jahres das Reformprojekt «Zukunft SP» lanciert, mit dem Ziel, interne Strukturen zeitgemäss zu gestalten, die politische Arbeit bewegungsorientierter aufzubauen und die Finanzen der Partei nachhaltig zu sichern. Moralischer Selbstmord verhindert So weit, so gut. Da es um die Finanzen nicht gerade gut steht, wurde einmal mehr die Diskussion um die Annahme der Bankengelder angestossen. Die JUSO und eine klare Mehrheit der SP-Kantonalparteien kündigten ihren Widerstand gegen diese Pläne an und konnten damit den moralischen Selbstmord verhindern. Der Antrag wurde zurückgezogen, über die Beweggründe kann nur spekuliert werden. Die Parteileitung hatte wohl Angst vor einer Grundsatzdiskussion. Es ist erfreulich, dass die Diskurs- und Kampagnenfähigkeit der SP Schweiz nicht von Wirtschaftsgeldern abhängig gemacht und den Wirtschaftsbossen ihre Traumrolle im politischen Diskurs – eine beratende Elite über die Finanzierung von Parteien und Think Tanks – nicht zugestanden wird. Nun liegen achtzehn Anträge der Parteileitung vor, die uns vorwärts bringen sollen. Es sind einige unterstützenswürdige Ideen. So soll die Urabstimmung zur politischen Ausrichtung der Partei

wieder vermehrt zum Einsatz kommen. Diese Bestrebung unterstützen wir und machen mit unserer Forderung, bei Bundesratswahlen parteiinterne Vorwahlen durchzuführen, einen sehr konkreten Vorschlag. Mit einer Mandatsabgabe von 25 % für aktuelle und ehemalige Bundesrät_innen und -richter_innen, wie sie ein JUSO-Antrag verlangt, würde neu eine Million Schweizer Franken in die Parteikasse fliessen. Erstens widerspricht die Tatsache, dass Bundesrät_innen und -richter_innen bisher nur minimale Mandatsabgaben leisteten, diametral unseren Grundsätzen, zweitens würde das die Finanzen der SP sanieren und die Kampagnenfähigkeit stärken.

Wirtschaftsdemokratie als Transformationsprojekt aus der Multiplen Krise Eines ist sicher: Die Diskussion am Parteitag rund um das Reformprojekt wird kontrovers. Das tut unserer Mutterpartei gut. Wir brauchen Bewegung, um die Sozialdemokratie zukunftsfähig zu gestalten. Es braucht zeitgemässe Strukturen, um die Repräsentationslogik zu überwinden und Menschen in die politische Arbeit zu integrieren. Es braucht aber vor allem klare inhaltliche Positionen und es braucht ein eindeutiges Bekenntnis zur Demokratisierung der Wirtschaft, es braucht ein Transformationsprojekt, um die Multiple Krise zu überwinden und uns den fremdenfeindlichen und reaktionären Kräften zu stellen. Um erfolgreich die hegemoniale Macht zurückzugewinnen und reale Veränderungen zu erreichen, müssen wir uns selbstkritisch reflektieren. Dazu gehört eine ehrliche Bilanz der parlamentarischen Arbeit. Die Machtverhältnisse im Parlament haben sich seit den letzten Wahlen geklärt; während davor Kompromisse mit der Mitte möglich waren, ist es heute ein strammer Rechtskurs, der alle Vorlagen dominiert. Wir sehen anhand der Altersvorsorge 2020, dass die linken Parlamentarier_innen keine Chance haben, sozialdemokratische Farbtupfer einzubringen. Fortsetzung auf Seite 8

Kämpferische Zukunft? Die SP verhandelt am Parteitag welchen Weg sie einschlagen wird.


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INFRAROT • JUSO • November 2016

Fortsetzung Seite 7

Verlierer-Image ablegen, offensiver politisieren! Als Partei müssen wir diskutieren, wie wir mit dieser Situation umgehen. Entweder verkriechen wir uns und bleiben defensiv, oder wir erkennen die geklärten Machtverhältnisse als Chance, Politik als «Ringen um Interessenswidersprüche» zu definieren. Wenn uns das gelingt, ist das keine verlorene Legislatur, sondern der Anfang einer pointierten Sozialdemokratie. Wir können per Referenden die öffentliche Debatte mitbestimmen und gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Engagements der herrschenden Elite aus Politik und Wirtschaft zeigen, dass wir viele sind, die für unsere Rechte zu kämpfen bereit sind. Doch Referenden alleine reichen nicht.

Wir müssen gleichzeitig damit beginnen, eine ganzheitliche Gegenerzählung zur heutigen Wirtschaftsordnung zu skizzieren. Wir müssen nicht nur am Parteitag, sondern in unserer Kommunikation gegen aussen über alternative Wirtschaftsformen reden. Wir müssen zeigen, dass das Konzept der sogenannten «sozialen Marktwirtschaft», die das kapitalistische Wachstum mit gewerkschaftlichem Schutz und einem starken Sozialstaat zu verbinden versuchte, es nicht geschafft hat, eine wachsende soziale Kluft und lebensbedrohliche Umweltprobleme zu verhindern. Dann – und erst dann – ist diese Legislatur keine verlorene, sondern eine historische Chance, um der Sozialdemokratie zum Durchbruch zu verhelfen.

«  Um erfolgreich die hegemoniale Macht zurückzugewinnen und reale Veränderungen zu erreichen, müssen wir uns selbstkritisch reflektieren. Dazu gehört eine ehrliche Bilanz der parlamentarischen Arbeit. »

Funken um einen Benzinkanister

Von Dino Tsakmaklis

Es drängt. Weder die Musik von Bit-Tuner, noch die Stimme von Rapper Göldin sind darauf aus, die Hörer_innen sanft zu berieseln. Die Beats gehen direkt auf den Körper, Göldins Stimme setzt sich im Ohr fest und löst ein schwer wieder aufzulösendes Unbehagen aus. Nach einer längeren Pause ohne musikalische Veröffentlichungen unterzieht WOZ-Journalist Daniel Ryser die Gegenwart einer materialistischen Kritik, sodass die zu oft

verschleierten Widersprüche und akzeptierten Unzulänglichkeiten wieder in ihrer ganzen Gewalt brachliegen. Irgendwo zwischen Sleaford Mods und Zugezogen Maskulin anzusiedeln, thematisieren Göldin & Bit-Tuner auf «Schiiwerfer» Polizeigewalt, soziale Kontrolle, Prekarisierung, Gentrifizierung und Greenwashing. Es reicht nicht, sich für ein reines Gewissen Bio-Gemüse am Markt zu kaufen oder eine autofreie Stadt zu for-

dern. Stattdessen gilt es sich als Marginalisierte – denn letztendlich sind wir alle Ausgebeutete – dem gesamten eingerichteten Wahnsinn entgegenzusetzen, und zwar sofort. «Schiiwerfer» (2016), zu hören und sehen auf www.bitnik.org/schiiwerfer


SP Frauen* 9

« Du kannst dich nur für das verteidigen, wofür du angegriffen wirst  » Natascha Wey ist neue Co-Präsidium der SP Frauen*. Im Interview erklärt sie, warum die SP Frauen* nicht Schnee von gestern sind, ihre Vorgängerinnen mehr Respekt verdient haben und Cis-Männer bei den SP Frauen* nicht Mitglied werden können.

Interview: Christine Brunner

Warum braucht es die SP Frauen* heute noch? Sieh dir die Gesellschaft an! Feministische Bewegungen und ihre Anliegen sind wichtiger denn je. Solange wir nicht an einem Punkt sind, an dem die Gesellschaft geschlechtergerecht ist, stellt sich für mich die Frage gar nicht, ob es die SP Frauen* braucht. Darüber hinaus geht es auch um eine feministische Politik. Denn eine feministische Haltung ist immer systemkritisch, zumindest so wie ich sie vertrete. Kümmert sich die SP zu wenig um feministische Anliegen? Eigentlich möchte ich das Verhältnis zur SP gar nicht diskutieren. Die SP Frauen* sind ja Teil der SP! Als Historikerin ist es mir wichtig, den Blick auch auf die Vergangenheit zu richten. Die SP Frauen* sind immer am stärksten gewesen, wenn sie nahe bei den Bewegungen waren und wenn sie sich auch ausserhalb der Partei mit anderen feministischen Akteurinnen vernetzt haben. Das ist auch mein Ziel. Der Fokus soll nicht nur auf parlamentarischer Politik liegen, sondern sich auch wieder auf andere Realitäten richten. Als ich in der JUSO respektive in der SP aktiv wurde, beschrieben meine Altersgenoss_innen die SP Frauen* als eine antiquierte und unorganisierte Gruppe... Solche Aussagen machen mich wütend! Natürlich als Jungsozialist_innen habt ihr das Privileg Dinge anzuprangern, ohne genau darüber nachzudenken. Aber in Bezug auf die SP Frauen und die Frauengeschichte muss ich sagen: Habt etwas Respekt vor dem Kampf dieser Frauen! Auch wenn sie das vertreten, was junge Frauen heute nicht mehr zeitgemäss finden. Es gibt keine Emanzipationsbewegung in der Linken, die derart wichtig war. Ich bewundere diese Frauen, die jahrelang gekämpft haben und mit einer unglaublichen Geduld immer wieder die gleichen Argumente vorgebracht haben.

Gibt es trotz dieser Anerkennung auch Veränderungen, die du bei den SP Frauen* anstrebst? Ja, zum Beispiel haben wir bereits die Geschäftsleitung erweitert. Die JUSO hat neu auch eine Vertretung. Mein Ziel wäre es, dass wir sehr viele verschiedene Frauen aus der ganzen Schweiz in der Geschäftsleitung haben. In der nächsten Zeit werden wir auch über die Organisation diskutieren müssen. Es gibt teilweise Sektionen, wo wieder Frauensektionen gegründet werden. Es sind für mich aber durchaus auch andere Arten von Netzwerken vorstellbar. Verfolgt ihr auch schon inhaltliche Projekte? Nächstes Jahr findet das hunderjährige Jubiläum der SP Frauen* statt. Das ist mir sehr wichtig, denn es gibt nach wie vor die Tendenz, die Frauengeschichte totzuschweigen. Das Jubiläum ist auch ein guter Anlass, um Bilanz zu ziehen, Forderungen wieder aufzunehmen und coole Aktionen umzusetzen. Ein Ziel der JUSO ist es, die Binarität der Geschlechter zu überwinden, um die Vielfältigkeit der Geschlechter zu ermöglichen. Verfestigen die SP Frauen* letztlich nicht auch das binäre System, indem sie nicht allen Geschlechtern offenstehen? Mit dem Stern haben wir auch eine Öffnung für Transidentitäten gemacht. Ich mag aber die Diskussionen darüber, ob wir die SP Frauen* für Männer öffnen müssen, nicht. Das heisst ja nicht, dass Frauen nicht Politik mit Männern machen können. Es heisst einfach, dass die SP Frauen* eine feministische Gruppe sind, bei der die Entscheidungsmacht über die demokratischen Prozesse bei den Frauen liegt. Eigentlich erwarte ich von linken Männern, dass sie analytisch so weit sind und begreifen, dass es hierbei nicht um sie geht.

Aber genau dieser Ausschluss der Männer stützt ja das binäre System von Geschlecht! Wir haben eine Gesellschaft, in der Geschlechter so stark wie noch nie normiert werden. Ich finde es sehr naiv, zu glauben, dass wir auf das Geschlecht als politische Kategorie verzichten können. Oder frei nach Hannah Arendt gesprochen: «Du kannst dich nur für das verteidigen, wofür du angegriffen wirst». Diejenigen, die denken, dass das Jahr 2016 postgender sei, sollten noch ein paar Bücher lesen. Wenn wir von Männer und Frauen reden, meine ich natürlich nicht die biologischen Kategorien – das habe ich längst begriffen! Aber es geht um Machtverhältnisse, Rollenbilder und wie wir alle davon beeinflusst sind, wie wir das Geschlecht leben. Welche feministischen Bücher empfiehlst du uns Jungsozialist_innen? Lest nicht nur europäische Autorinnen! Lest die Bücher von bell hooks, Chimamanda Adichie oder Roxanne Gays «Bad feminist».

Natascha Wey, Co-Präsidentin der SP Frauen*


10 INFRAROT • JUSO • November 2016

Souriez ! Vous êtes influencés !  

De la rue avec ses affiches jusqu’à nos réseaux sociaux favoris, en passant par les gares, les cinémas, les restaurants, et les abords des terrains sportifs, la publicité est omniprésente. Il n’existe aucun lieu où nous ne la subissons pas, il ne s’écoule pas une journée sans que nos yeux sur poses sur une affiche. Le battage publicitaire s’étale autant sur l’espace public qu’il s’incruste dans nos maisons, affiches et démarcheurs, même combat.

De Yoann Péclard

On nous martèle cependant que rien n’est gratuit dans notre système économique. Si un service est gratuit, c’est que nous sommes le produit. Que ce soit en vous contraignant à regarder une bande-annonce avant de visionner une vidéo de votre youtubeur favori ou en sponsorisant le prochain festival de musique du coin, le but est le même : nous capter pour vous vendre produits et marques. La gratuité est illusoire, il parfois juste plus rentable, plutôt que de faire payer un service donné, de l’utiliser afin d’attirer des masses de personnes qui seront ensuite bombardées de publicité. Ça marche même trop bien puisque nous sommes nous-mêmes peu enclins à payer en espèce pour certains services également disponibles contre un peu de temps cérébral. Entre l’application à quelques francs et celle sans paiement, mais avec bandeaux publicitaires, laquelle achetons-nous ? Bien souvent la deuxième. En nous-mêmes, nous entretenons l’illusion de contrôler cet afflux marketing. Nous sommes certains de faire la part des choses et de ne pas céder aux sirènes promotionnelles. Mais la bien dure vérité est que : si la publicité ne marchait pas, les entreprises ne payeraient pas pour en produire. La publicité agit bel et bien, de manière subtile le plus souvent. Nous sommes tous capables de nommer des centaines de maques rien qu’en voyant un logo ou en entendant un slogan. Elle grave dans nos esprits, à force de matraquage, les canons de beautés de notre société. Nous avons beau critiquer ces normes quand nous les analysons, notre inconscient les suit sans sourciller. Elle dicte et stimule les effets de modes, elle amplifie nos envies et pire encore, les métamorphoses en besoins.

Et si le bombardement publicitaire est constant depuis l’avènement de la société de consommation, le développement technologique va bientôt lui faire atteindre le niveau de la bombe nucléaire. Déjà maintenant sur le net et sur nos téléphones nos données sont collectées, nos comportements analysés pour pouvoir nous fournir le contenu promotionnel qui, selon les publicitaires, nous intéresse le plus. En réalité il s’agit de récupérez ce qui nous intéresse à un moment donné afin de spécifier les publicités que nous recevrons afin, non pas de nous renseigner mais bien de maximiser les chances que nous consommions. Vous vous êtes renseigné pour vos vacances à Rome, admirez toutes ses offres d’hôtels, vous vous êtes renseigné pour remplacer vos vieilles godasses, profitez de toute notre gamme de maroquinerie. Sourions… nous sommes analysés. «Omniprésente, sournoise, intrusive, la publicité est l’expression la plus vile du capitalisme.»

Mais le pire reste probablement à venir, de plus en plus hyper connecté, nous fournissons de plus en plus de données. Chaque paiement par smartphone, chaque géolocalisation offriront quelques informations de plus pour nous gaver de publicités ciblées auxquels nous ne résisterons que moins bien. Et les possibilités vont continuer de s’accroitre avec l’arrivée sur le marché des nouvelles technologies de réa-

lité virtuelle ou augmentée. Ces nouveaux canaux ludiques permettront de franchir un nouveau cap, nous ne verrons plus la publicité, nous la vivrons. En 2013 déjà une société mettait au point une technique pour diffuser, via les vitres de trains ou de bus, aux personnes qui s’assoupirait ou s’appuierait contre le verre. Si encore aucune compagnie n’a osé utiliser le procédé, la technique sur laquelle il est basé, l’ostéophonie, demeure bien réelle. Nous pouvons presque dire que n’entendons plus, mais que nous ressentons. Omniprésente, sournoise, intrusive, la publicité est l’expression la plus vile du capitalisme. D’humain elle nous dégrade en consommateur, de citoyen en client. Elle nous capte, nous parasite et insinue en nous normes et désirs superflus desquels naitrons des besoins fictifs. Elle est nous pousse inéluctablement vers l’aliénation en substituant à nos besoins réels des besoins futiles pour l’humain mais vitale au fonctionnement du système économique. En effet pour que le capital génère du profit, il nécessite de la consommation. Il faut donc sans cesse stimuler l’acte d’acheter, qui n’a aucun autre sens que celui de générer du profit. Notre devoir de socialiste devrait être de mener une lutte implacable à l’immense engrenage marketing qui, comme n’importe quel autre engrenage de la machine capitaliste, ne sert qu’à nous broyer afin de nous remodeler ensuite pour servir le profit. Bannir la publicité, tant de l’espace publique que privé ou numérique doit être un de nos objectifs majeurs pour une société libre.


Pro und Kontra Hillary Clinton 11

Too this, too that

Warum Demokrat_ innen Hillary nicht wählen

Von Tim Rüdiger

Von Anna Bleichenbacher

Es fällt mir nicht leicht, diesen Text zu verfassen. Als Die erste weibliche US-Präsidentin, eine symbolische Wahl«Berniebro» habe ich während der demokratischen Vorwahverlockung für viele US-Amerikaner_innen. Doch der histolen in Hillary Clinton das personifizierte Schlechte geserische Blick muss nicht weit zurückschweifen, um sich klarhen: staubtrocken und verfilzt. Ein Wallstreet-Wolf im prozumachen, dass vor knapp acht Jahren mit Barack Obama gressiven Schafspelz. Das Gegenteil von Sanders, der die der erste Afroamerikaner ins Weisse Haus gewählt wurde. Bewegung und den politischen Kampf stets hochhält und Jetzt, wo sich seine zweite Amtszeit dem Ende neigt, muss nicht in Versprechen verfällt, es allen recht machen zu wolleider festgestellt werden: An der Tatsache, dass schwarze len. Menschen in den USA unter anderem von der Polizei systeDoch die Vorwahlen sind vorbei. Für die Wahl zwimatische diskriminiert werden, hat sich nichts geändert. schen Hillary Clinton und Donald Trump ziehen Linke nun Analog dazu würden Frauen in Zukunft von der Wahl Hillaoft den Vergleich mit Pest und Cholera herbei. Das halte ich ry Clintons ebenso wenig spüren. Daran ist nicht einmal ihr für falsch. Wille schuld, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, einen höheren Einerseits werden damit die Mindestlohn einzuführen oder möglichen Folgen einer Präsidenteine bessere Gesundheitsversorschaft von Trump massiv vergung zu realisieren. Die USA haharmlost: Er ist ein unberechenbaben ein generelles Problem damit, rer Protofaschist aus einer Welt, in dass die Politik immer mehr an den der die Wahrheit und die Vernunft rechten Rand gedrängt wird. In eiabgeschafft wurden. Seine Eskanem aktuellen Vergleich von paden im Wahlkampf bieten eine Schweizer- zu US-Politiker_innen befriedigende Show für wütende des Tagesanzeigers wird erkennweisse Männer, die ihre Privilegibar, dass nicht einmal der Zürcher en durch den demografischen und SVP-Nationalrat Claudio Zanetti gesellschaftlichen Wandel bedroht so weit rechts politisiert wie Clinsehen. Als Präsident jedoch wird ton. Bernie Sanders vertritt übriTrump gefährlich. gens Positionen, die am ehesten Einerseits unterstütze ich mit FDP oder CVP übereinstimClinton heute nicht bloss als das men. Nichtsdestotrotz werden kleinere Übel. Sondern schon desSanders-Anhänger, die sich nicht halb, weil sie eine Frau ist. Ja, der ins Lager von Clinton bewegen lasWahlkampf zeigt, dass das aussen, als Linksaussen belächelt. reicht: Der Sexismus, den sie erleiUnd das nur, weil sie grundsätzliden muss, ist erschreckend. che Gedanken zu den Themen Während Trump die frauenFreiheit und Gleichberechtigung verachtendsten Aussagen fallen zulassen. Hillary Clinton hat beste Chancen, am 8. November 2016 als lassen kann, nimmt man es ClinNur weil Frauen den gleierste Frau, Präsidentin der USA zu werden. ton übel, dass sie auf Debatten vorchen Lohn wie Männer erhalten bereitet ist und als Frau Kompetenz zeigt. Ihr Auftreten sei sollen, bedeutet dies noch lange nicht, dass auf dem Arbeitszu schrill, zu laut, zu bestimmt. «Too this, too that» – markt reell dieselben Chancen für alle Geschlechter besteVorwürfe, die ein männlicher Kandidat nicht zu hören behen. Nur weil «Terroristen» nicht in das Land einreisen dürkommen muss. fen, schüren die USA noch lange nicht weltweit weniger Man kann mir vorhalten, trotz eines schwarzen PräsiKonflikte, deren sozioökonomischen Folgen in der Radikalidenten seien die rassistischen Strukturen in den USA nicht sierung junger Menschen gipfeln. Progressive Demokrat_ schwächer geworden: Weshalb sollte es mit innen stehen am 8. November vor der Wahl: geben sie der Clinton und dem Sexismus anders bestellt sein? Gewiss. Angst nach, die vom republikanischen Kandidaten her rührt Meine Erwartungen an eine Clinton-Administration streben oder entscheiden sie sich bewusst gegen die demokratische insgesamt gegen Null; als Sozialist weiss ich, dass gesellKandidatin, mit der sich das Land auch in den nächsten vier schaftliche Veränderungen von unten kommen müssen. Und Jahren wieder zwei Schritte vor und einen zurück bewegen doch würde ich mich freuen, wenn die emanzipativen Kräfwird. te in den USA nach dem 8. November zum ersten Mal gegen eine weibliche Präsidentin antreten dürfen.


Die letzte Seite 12

Aktenzeichen S.M. aus Z.

Die Geschichte begann in einem kleinen Dorf im Fünflibertal – unweit von Titterten und Arboldswil – mit einem unscheinbaren, tanzenden Östradiol-Hormon, welches später die Medienwelt der Schweiz erobern sollte. «Martinski», «Fusionsturbo Marti», «Die nachdenkliche Marti», «Das junge Gesicht von AHVplus», «SmartiMarti» sind nur einige der Rufnamen dieser sagenumwobenen Gestalt, welche auch Namensgeberin für den unter Politolog_ innen bekannten «Marti-Effekt*» ist. Viele Mysterien sind ungelöst: Wieso wurde sie nicht Musikerin? Was geschah in der Nacht im Tessin? Und vor allem: Wie viele Sonnenhüte hat sie? Fragen über Fragen, auf welche die Menschheit wohl nie eine Antwort finden wird. Klar ist nur, dass sich der «Grün-

schnabel» (BZ) innert drei Jahren zum «Marti-Vulkan» (Watson) transformiert hat. Dabei ist es durchaus erstaunlich, dass sie nicht bei den Grünen gelandet ist. Denn in ihrer Herkunftsgemeinde soll es mehr Globuli-Kügeli als Menschen und mehr Birkenstöcke als Sozis geben. Insider-Quellen behaupten immerhin, dass dieses soziale Umfeld doch seine Spuren hinterlassen hat und sie lange auch noch das grüne Parteibuch besessen haben soll. Der Aufstieg von dieser rhetorisch begabten und spontan witzigen jungen Frau, welche sich – so Gerüchte – nur schwer an das bürgerliche Leben anpassen konnte und daher fast von der Schule geflogen wäre, verlief rasant. Nur eine Niederlage musste sie einstecken, welche aber hier aus Gründen der Privatsphäre nicht

genannt werden darf. Und was kommt nun? Wo wird sie in Zukunft gesichtet? Verkommt sie zur C-Prominenz, welche es hin und wieder dank wilden Festen in die People-Spalte des Blicks schafft? Oder wird sie mit ihrem Talent doch Bundesrätin? Auch das Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Fest steht nur: Wer sie trifft, sollte einen Campari mit ihr trinken: Sie ist ne Gute! *Dank ihr hatte die SP in ihrem Heimatdorf bei den letzten Wahlen 10.6 % mehr Wähler_innen als davor.

Impressum Herausgeber: Infrarot – Infrarouge – Infrarosso – Infracotschen · Spitalgasse 34, Postfach, 3001 Bern, www.juso.ch, www.jss.ch · Kontakt: infrarot@juso.ch, 031 329 69 99 · Redaktion: Anna Bleichenbacher, Christine Brunner, Ramina Wakil, Simeon Marty, Tim Rüdiger, Stefan Rüegger, Dario Schai · Design & Layout: art.I.schock GmbH, Zürich, www.artischock.net · Druck: s+z:gutzumdruck, 3902 Brig-Glis · Infrarot erscheint 3 Mal pro Jahr.

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