Page 1

ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 1

Einzelpreis € 4,50

Sommer 2013 2/2013 · 26. Jahrgang

Nr. 105

ISSN 2191-4257

RUNDBLICK AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

unter anderem:  Gerhard Rohlfs  Gebrüder Ries  Dampfer Welle

 Bremens maritime Museen  Der Moorexpress  Die Anfänge des Dorfes Teufelsmoor Lager Sandbostel

Leserreise 2013 Otto Meier – Kunst am Bau Serie: Vor 100 Jahren Plattdüütsch leevt (noch)!

I N H A LT

I N H A LT

GESCHICHTE · KULTUR · NATUR


02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 2

Foto: Erwin Duwe

ausgabe 105 sommer 2013

2

Ca. 700 m überdachte Tankfläche stehen Ihnen zur Verfügung!

SERVICE

wird bei uns groß geschrieben

Waschstraße – mit 6 Programmen + Hartwachs-Power-Plus Vorwäsche + Nachledern – wir waschen mit „Textil“ und „Teddytex“ – natürlich waschen auch wir Ihr Auto, während Sie Kaffee trinken – Fahrzeugpolituren, Komplettpflegen, Fahrzeugaufbereitung

Handwaschplätze – 2 Freiwaschplätze für leichte Nutzfahrzeuge und Pkws – 12 Turbo-Staubsauger – 4 SB-Waschboxen

• Aral-Store mit Bistro auf ca. 150 m2 Verkaufsfläche erhalten Sie von der Zahnbürste bis zum Sekt fast alles, was das Herz begehrt • täglich frische Backwaren und belegte Brötchen • alles zum Grillen

ARAL GmbH & Co. Großtankstelle KG

27711 Osterholz-Scharmbeck · Ritterhuder Str. 55 Telefon 0 47 91 / 27 72

Titelbild: Das Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen Foto: Dr. Helmut Stelljes

Siebdruck Digitaldruck Außenwerbung

Wilbri GmbH Gutenbergstraße 11 28 865 Lilienthal Tel. 0 42 98 - 27 06 0 www.wilbri.de

Impressum Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag UG (haftungsbeschränkt), Scheeren 12, 28865 Lilienthal, Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67, E-Mail info@heimat-rundblick.de, Geschäftsführer: Jürgen Langenbruch M.A., HRB Amtsgericht Walsrode 202140. Redaktionsteam: Tim Wöbbeking, Lindenallee 25, 27726 Worpswede, Telefon 04792/95 21 48, Wilko Jäger (Schwanewede), Rupprecht Knoop (Lilienthal), Dr. Christian Lenz (Teufelsmoor), Ilse Mehnert (Grasberg), Peter Richter (Lilienthal), Manfred Simmering (Lilienthal), Dr. Helmut Stelljes (Worpswede). Beratung und ständige Mitarbeit: Gerhard Behrens (Worpswede), Prof. Dr. Hermann Cordes (Borgfeld), Hermann Giere (Schlußdorf), Jürgen Lodemann (Ritterhude), Siegfried Makedanz (Schwanewede), Rudolf Matzner (Bremen-Lesum), Dieter Meisner (Worpswede), Hans-Jürgen Paape (Bremen), Johannes Rehder-Plümpe (Borgfeld), Hans Siewert (Osterholz-Scharmbeck), Erwin Simon (Ritterhude), Harald Steinmann (Lilienthal). Für unverlangt zugesandte Manuskripte und Bilder wird keine Haftung übernommen. Kürzungen vorbehalten. Leserservice: Telefon 04298/46 99 09, Telefax 04298/3 04 67. Korrektur: Helmut Strümpler, Harald Steinmann. Erscheinungsweise: Vierteljährlich. Bezugspreis: Einzelheft 4,50 €, Abonnement 18,– € jährlich frei Haus. Bestellungen nimmt der Verlag entgegen; bitte Scheck, Bargeld, oder Abbuchungsermächtigung beifügen. Kündigung drei Monate vor Ablauf des Jahresabonnements. Bankverbindungen: Für Abonnements: Kreissparkasse Lilienthal (BLZ 291 523 00) Konto-Nr. 126 995, Volksbank Osterholz eG (BLZ 291 623 94) Konto-Nr. 731 778 600. Für Spenden und Fördervereins-Beiträge: Kreissparkasse Lilienthal (BLZ 291 523 00) Konto-Nr. 122 150, Volksbank Osterholz eG (BLZ 291 623 94) Konto-Nr. 732 737 400. Druck: Langenbruch, Lilienthal. Erfüllungsort: Lilienthal, Gerichtsstand Osterholz-Scharmbeck. Der HEIMAT-RUNDBLICK ist in Bremen in der Böttcherstraße/ Ecke Andenkenladen zu bekommen, in Worpswede in der Buchhandlung Netzel, außerdem liegt er im Philine-Vogeler-Haus (Tourismus-Info) und dem Barkenhoff aus und ist im Fotoatelier Dieter Weiser erhältlich, natürlich auch im Verlagshaus Langenbruch in Lilienthal.


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Aus dem Inhalt Aktuelles Tim Wöbbeking/Christian Osterselthe Die Rekonstruktion des Dampfers „Welle“ Seite 10 + 11 Tim Wöbbeking Bremens maritime Museen

Seite 12

Manfred Simmering/Harald Steinmann Eine gute Verbindung Seite 14 + 15 Termine der Heimatvereine

Seite 15

Heimatgeschichte Rudolf Matzner Afrikaforscher Gerhard Rohlfs Seite 4 + 5 Dr. Horst Rössler „Gemeinschädliche Subjekte“ Seite 6 + 7 Tim Wöbbeking Die Erfolgsstory der Brüder Ries

Seite 8 + 9

Wilhelm Berger Die Anfänge des Dorfes Teufelsmoor

Seite 18 – 21

Wolfgang Lampe Torfabbau und Leben im Teufelsmoor

Seite 22 – 25

Dr. Helmut Stelljes Gedenkstein in der Marcusheide

Seite 28

Kurt Ringen Das Lager Sandbostel – Die Jahre nach dem Krieg

Seite 31

Seite 3

Redaktionssitzung Die Redaktionssitzung zu dieser Ausgabe fand im Binneboom Museum statt. Von dem großen Engagement beim Sammeln historischer Werkzeuge und Relikte aus den Zeiten des Torfabbaus waren alle Redaktionsmitglieder fasziniert. Klaus Krentzel führte uns durch sein Museum, das jede Menge Erinnerungen an vergangene Zeiten in uns weckte. Zu jedem der Ausstellungsstücke weiß der Inhaber des privaten Museums eine Geschichte und erzählte über die Schwierigkeiten, all diese Geräte und Utensilien aus Haushalt, Landwirtschaft und Torfabbau zusammenzutragen. Ebenso liebevoll, wie die vielen historischen Ausstellungsstücke präsentiert werden, ist auch der Garten angelegt. Hier sind viele selten gewordene Obstsorten und Apfelbäume zu finden, die dank der Kenntnis von Klaus und Jutta Krentzel hier erhalten bleiben. Auf der Redaktionssitzung im Anschluss an die Führung kamen viele Themen auf den Tisch, die wir auf den Seiten dieser Ausgabe zusammengestellt haben. Die Redaktionssitzung zur kommenden Ausgabe findet am 27. Juli 2013 um 14.30 Uhr in Bremen-Nord statt. Nach einer Führung durch „Knoops Park“ durch Herrn Matzner treffen wir uns um 15.30 Uhr im Vereinsheim „Tura“, Am Lesumhafen, zur Besprechung der Themen für Ausgabe 106 und weitere Anregungen. Der Treffpunkt zur Führung durch den Park ist der Parkplatz am Raschenkampsweg. Tim Wöbbeking

Kultur Helmut Strümpler Plattdüütsch leevt (noch)

Seite 13

Dr. Katja Pourshirazi Fritz Overbeck und das Pferd des Bauern Kattenhorn

Seite 27

Rolf Kaestner Otto Meier „Kunst am Bau“ – ?

Seite 29

Liebe Leserinnen und Leser, im Mittelpunkt dieser Ausgabe behandeln wir das Thema „Leben im Teufelsmoor und umzu“. Wann das Teufelsmoor erstmalig erwähnt wurde und wie die Besiedlung vor sich ging, ist dabei ebenso Bestandteil wie auch der Torfabbau und der damit verbundene Lebensunterhalt vieler Menschen. Wie bequem wir uns heute auf die Spuren der ersten Bewohner der Findorffsiedlungen begeben können, haben Manfred Simmering und Harald Steinmann für uns herausgefunden und stellen dabei ein Unternehmen vor, das für „gute Verbindungen“ sorgt. Die zu damaligen Zeiten schwierigen Lebenbedingungen haben auch dazu geführt, dass viele Menschen ihr Glück in der Ferne suchten. Deshalb berichten wir über die Brüder Ries, die in New York erfolgreich wurden. Andere Menschen wurden in die USA abgeschoben, wie Horst Rössler für uns recherchiert hat. Von großem Fernweh getrieben war der Abenteurer und Afrikaforscher Gerhard Rohlfs. Aus dem spannenden Leben dieses Menschen berichtet Rudolf Matzner und geht dabei auf Höhepunkte und Schicksalsschläge ein, die der Forscher zu jener Zeit erlebt hat. Die Rekonstruierung eines alten Dampfers, der noch auf eine passende Maschine wartet, und die Vorstellung zweier maritimer Museen in Bremen zeigen, wie sehr unsere Region aber auch vom Handel und der Seefahrt profitiert hat. Mit diesen Themen wünschen wir unseren Lesern eine spannende Zeit beim Lesen. Tim Wöbbeking

Serie Peter Richter Vor 100 Jahren

Seite 16 + 17

Johann (Jan) Brünjes Lach- und Torfgeschichten

Seite 26

Mareike Haunschild Jugendseite – Kunst in Kinderschuhen

Seite 30

Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe: 15. August 2013

RUNDBLICK Sommer 2013

Wer kann helfen? Wer kann mir Auskunft über das abgebildete Wappen geben? Mich interessieren die Entstehung und die Bedeutung der Wappenfelder. Meine bisherigen Nachforschungen blieben ohne Ergebnis. Informationen bitte an: Gerhard Behrens Birkenweg 13, 27726 Worpswede Tel. 04792 / 10 60, E-Mail: gerh.behrens@web.de

3


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 4

Gerhard Rohlfs der Abenteurer und Afrikaforscher aus Vegasack In der ehemaligen Langenstrraße 58, die heute Gerhard-Rohlfs-Straße heißt, wurde am 14. April 1831 der berühmte Afrikaforscher geboren. Sein Elternhaus steht dort nicht mehr. Dafür hat sich in der als Fußgängerzone ausgewiesenen Straße an diesem Platz ein moderner Neubau breit gemacht, in dem nun die Kundschaft in einem Geldinstitut bedient wird. Lediglich an der Hauswand befindet sich eine Erinnerungstafel, die auf Gerhard Rohlfs hinweist. Sehr umfangreich und informativ ist sein Nachlass, der in der Obhut des Vegesacker Heimatvereins im Schönebecker Schloss aufbewahrt wird. Dort sind sein Arbeitsplatz, sein Schreibtisch und eine Vielzahl seiner Bücher und Reisebeschreibungen öffentlich ausgestellt. Fragt man einen Vegesacker nach dem Namensgeber dieser Straße, dann hört man die unterschiedlichsten Antworten. Und wer war nun dieser Abenteurer und Afrikaforscher Gerhard Rohlfs? Sein Vater war Arzt in Vegesack und zur Familie gehörten sieben Kinder, die von einem Hauslehrer unterrichtet wurden. Zwei Söhne wurden ebenfalls Ärzte. In Gerhard Rohlfs bewegtem Leben war zunächst für ein Medizinstudium kein Platz, er wandte sich anderen Aufgaben zu. Seine Lieblingsfächer im Unterricht waren Geografie, Geschichte, Deutsch, Englisch und Französisch. Für weitere Fächer verspürte er wenig Interesse.

sein berufliches Lebensziel vor Augen gehabt hätte, sah sich abermals getäuscht. Nach drei oder gar vier Semestern brach er sein Studium ab und ging abermals zum Militär. Im März 1854 verpflichtete er sich für acht Jahre beim österreichischen Feldjägerbatallion. Trotz Beförderung zum Patrouillenführer desertierte er im Mai 1855 in Verona. Er wurde erwischt, festgenommen und zum einfachen Jäger degradiert. Nach acht Monaten gelang ihm endgültig die Flucht aus der österreichischen Armee.

Mit 15 Jahren auf Schiff angeheuert

Abenteuer „Fremdenlegion“

Im Sommer 1846 besuchte Gerhard Rohlfs im entfernten Osnabrück das Gymnasium, jedoch ohne es dort länger auszuhalten. Er versilberte seine Uhr und heuerte als 15-Jähriger in Rotterdam auf einem Schiff an. Von seiner Mutter und seiner Schwester auf den Weg der bürgerlichen Tugend zurückgeholt, wurde er nun nach Celle geschickt. Auch dieser Gymnasiumbesuch hielt nicht allzu lange an. Mit 17 Jahren meldete Rohlfs sich als Füselier zum Dienst in der 1. Kompanie der Bremer Bürgerwehr, doch sein nächster Schritt führte ihn zu den Truppen des Deutschen Bundes, wo er 1850 als Unteroffizier am DeutschDänischen Krieg teilnahm. Noch zum Leutnant befördert, sah er nach Beendigung des Konfliktes seine Pläne im Militärdienst als aussichtslos und somit als beendet an. Irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass Gerhard Rohlfs bis zu diesem Zeitpunkt als das schwarze Schaf in der Familie galt. Doch im Jahre 1851/52 begann er ein Medizinstudium in Heidelberg, das er in Würzburg und in Göttingen fortsetzte. Wer nun glauben könnte, dass Gerhard Rohlfs

Es ist kaum zu glauben, aber für Gerhard Rohlfs begann nun das Abenteuer „Fremdenlegion“, zu der er sich in Colmar, am Fuße der Vogesen, für sieben Jahre verpflichtete. Möglicherweise waren ihm Werber bei dem illegalen Grenzübertritt behilflich. Dank seiner medizinischen Kenntnisse wurde er als Feldapotheker eingesetzt. Nach vier Dienstjahren verließ er am 26. September 1860, fast dreißigjährig, die Fremdenlegion. Über die Zeit nach seinem abgebrochenen Medizinstudium hat sich Gerhard Rohlfs selber nie klar geäußert. Es gibt Hinweise, dass er durch finanzielle Unterstützung seitens seiner Schwester nach intensiver Vorbereitung sich zum Militärarzt qualifiziert habe. Wie dem auch sei, nichts wird so glaubhaft hinterlassen, wie ein geschönter oder gar geänderter Lebenslauf, so auch bei Gerhard Rohlfs. Doch jetzt begann in den folgenden 15 Jahren sein selbstständiges Leben. Fast mittellos, folgte er dem Traum seiner Kindheit, er wurde Afrikaforscher. Als erster Europäer durchquerte er die Wüstenfelder der

4

Sahara. Aus Sicherheitsgründen verkleidete er sich als Moslem und weil das für einen Christen gefährlich werden konnte, trat er zweckbedingt zum Islam über. Gerhard Rohlfs erlernte die arabische Sprache und folgte damit dem Rat des englischen Konsuls in Marokko, Sir Drummond Hay, von dem auch vor der Reichsgründung die Vertretung der deutschen Hansestädte wahrgenommen wurde. In seinem Auftreten muss Rohlfs einen vertrauenswürdigen Eindruck hinterlassen haben, denn in der Stadt Mesan/Quezzan südlich von Tanger schloss er sogleich Freundschaft mit dem Groß-Sherif Sidi Hadsch Abdes-Slalam. Auf Empfehlung dieses hohen geistlichen Würdenträgers ging er nach kurzer Tätigkeit als Arzt mit dem Namen Mustafa nach Fes zu dem Sultan von Marokko. Auch hier gewann Gerhard Rohlfs schnell an Ansehen und Einfluss, er wurde Leibarzt des Sultans, Chefarzt der Streitkräfte, Vorgesetzter der Militärärzte und war darüber hinaus auch zuständig für die Haremsdamen. In der Behandlung passte er sich den Gewohnheiten des Landes an. Als der Sultan seine Residenz nach Meknes verlegte, zog der inzwischen prominent gewordene Mediziner Mustafa ebenfalls nach dort. Durch den Zustrom seiner Patienten hatte er ein breites Betätigungsfeld. Seine Aufzeichnungen über Erlebnisse und Erfahrungen übergab er dem britischen Botschafter Sir Drummond Hay, als er abermals in Tanger auftauchte. Für Gerhard Rohlfs begann nun die Forschungs- und Entdeckungsreise, die südlich des Atlasgebirges entlang führte. Schon zu Beginn gab es eine Enttäuschung, denn er wurde von seinem Diener beraubt und verlassen. Die zufällige Bekanntschaft mit einem marokkanischen Prinzen und unmittelbar danach mit einem Scheich, führten bei seiner Weiterreise zu einem verhängnisvollen Überfall. Der Ablauf dieses Vorfalles deutete darauf hin, dass man Rohlfs, dem Abenteurer, misstraute. Er wurde sogar verdächtigt, ein französischer Spion zu sein. Zeit seines Lebens blieb sein linker Arm verkürzt und drei Finger gelähmt. Beinahe hätte seine erste Entdeckungsreise durch die schweren Verletzungen Rohlfs das Leben gekostet. Über seinen Bruder Hermann gelangten die bis dahin geführten Tagebücher in die Hände des deutschen Geografen August Petermann. Der ließ die Schriftstücke durch den Vorstand des Geographischen Instituts Gotha veröffentlichen. August Petermann plante für Rohlfs zwei Reiserouten und organisierte die finanziellen Mittel. Dafür war es nötig, dass Rohlfs den Umgang mit wissenschaftlichen Instrumenten lernte und es dauerte auch nicht lange, bis die internationalen Fachleute auf

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Rohlfs ehemaliges Arbeitszimmer, jetzt im Schönebecker Schloss

ihn aufmerksam wurden. Mit finanzieller Unterstützung der geographischen Gesellschaft in London, einer Schenkung seines Bruders und eines Reisestipendiums des Bremer Senats, brach Rohlfs nach seiner Genesung 1863 zu einer weiteren Forschungsreise auf. Er plante, das Atlasgebirge zu überqueren und dann durch die Wüste nach Timbuktu vorzustoßen. Nach einem abermaligen Überfall galten seine Anstrengungen, als erster Europäer zu Fuß das bis zu 4000 Meter hohe Atlasgebirge zu erforschen. Die dort lebenden Araber waren voller Respekt für diese ungewöhnliche Leistung, denn die von Rohlfs geschaffte Überquerung wollte zunächst niemand glauben. Gerhard Rohlfs’ Reiseberichte fanden bei den heimischen Geografen große Beachtung, und das besonders, weil der Afrikaforscher zuvor keine Kenntnisse in Geologie, Meteorologie, Zoologie und Biologie besaß. Er hatte sich als Autodidakt zu einem wahren Wissenschaftler entwickelt. Zu seinen wichtigsten Leistungen als Forscher zählten die Kartenaufzeichnungen, besonders der zweiten Reise über das Atlasgebirge. Mit seinen Wegbeschreibungen hat Gerhard Rohlfs die Grundlage für alle weiteren Expeditionen in Afrika geschaffen. Auf sechs Forschungsreisen ist er in schwierige Gegenden vorgestoßen. Und die Frau an seiner Seite? Darüber ist zu lesen, dass er während einer Vortragsreise nach Moskau und St. Petersburg im Mai 1870 in Riga Station machte, wo er ebenfalls einen Vortrag halten sollte. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wohnte er im Hause eines Bekannten. Dort traf er die 19-jährige Nichte des Gastgebers mit Namen Leontine Behrens. Schon sechs Tage danach hielt der 39-jährige Gerhard Rohlfs um ihre Hand an. Die Verwirrung in der Familie der Braut war groß, doch der Zufall wollte es, dass der damalige Rigaer Pastor Iken aus Vegesack

RUNDBLICK Sommer 2013

Seite 5

stammte und beiden Eltern bekannt war. Er entpuppte sich als früherer Hauslehrer in der Familie Rohlfs und wusste demzufolge nur Gutes zu berichten. Es wurde geheiratet, doch die Ehe blieb kinderlos. Obwohl sich die jungen Eheleute aus wohl überlegten Gründen nun in Weimar und nicht in Berlin häuslich einrichteten, blieb seine Forschungs- und Abenteuerlust ungebremst. Es folgten weitere erfolgreiche Reisen, die aber auch nicht weniger gefährlich waren. Nach fast zwanzig Jahren harter Strapazen hatte Gerhard Rohlfs u.a. die größte Wüste der Erde, die Sahara, die libysche Wüste, Abessinien, die Kufra-Oasen, die Cyrenaica und Sansibar kennengelernt. Hier war er auch Generalkonsul des Deutschen Reiches. Im Jahre 1880 unternahm Rohlfs seine letzte Afrikareise mit englischen Forschern durch Abessinien. Schon ab 1869 wurde Rohlfs als kompetenter Vortragsreisender eingeladen und geschätzt. Eine Einladung führte ihn in die USA. Er genoss die Zeit der Vortragsreisen und sein Bekanntheitsgrad öffnete ihm die Türen zu dem höchsten Kreise am Berliner Hof. Die Gespräche mit Kaiser Wilhelm I., Fürst Otto von Bismarck, Helmuth Graf von Moltke, Lüderitz, Freiligrath, Liszt und Rubinstein, um nur einige Zeitgenossen zu nennen, stärkten Rohlfs’ Selbstbewusstsein und letztlich auch seine Eitelkeit.

Wissen als Autodidakt selber beigebracht In späteren Jahren war er ein fleißiger Schriftsteller, der in deutscher und in englischer Sprache geografische Fachliteratur herausbrachte. Die etwa 1500 Bände umfassende Bibliothek, die so gut wie vollständig erhalten ist, befindet sich unter dem Nachlass im Schönebecker Schloss. Es darf nicht unterschätzt werden, dass Gerhard Rohlfs sich sein Wissen als Autodidakt selber beigebracht hat. Es versteht sich von selbst, dass er entsprechend geehrt worden ist mit Orden, Ehrenzeichen und Urkunden. Die Universität Jena verlieh Gerhard Rohlfs die Ehrendoktorwürde. In seinem Geburtsort Vegesack gibt es die bereits erwähnte Gerhard-Rohlfs-Straße, eine Schule und eine Apotheke und in Weimar und in Godesberg sowie in weiteren Städten findet man ebenfalls Straßen, die diesen Namen tragen. Im Jahre 1883 erhielt er als Geburtstagsgeschenk von seiner Vaterstadt Vegesack

Schrifttafel, angebracht an dem Haus in Vegesack in der Gerhard-Rohlfs-Straße, in dem Gerhard Rohlfs geboren wude

Grabmal der Familie Rohlfs auf dem Vegesacker Friedhof

einen riesigen Unterkiefer eines Wales. Der Initiator dieses skurrilen Geschenkes war Hermann Allmers, der die Meinung vertrat, Raritäten aus Afrika habe Gerhard Rohlfs ja wohl genug. Ein Walkiefer aber sei etwas Besonderes und erinnere den Beschenkten an Vegesack. Am Portal seines zweiten Wohnsitzes in Weimar, der am 28. 8. 1873 bezogenen eigenen großbürgerlichen Villa, fand der Walkiefer seinen Platz. 1890 zog das Ehepaar Rohlfs von Weimar nach Rüngsdorf/Godesberg in der Hoffnung, dass das Klima am Rhein ihrer angegriffenen Gesundheit guttun würde. Hier schrieb der Afrikaforscher zahlreiche Aufsätze über die deutsche Kolonialpolitik, die viel Beachtung fanden. In heutiger Zeit würden seine Schriften wohl nicht mehr die Aufmerksamkeit erwarten können wie damals. In Rüngsdorf erlitt Gerhard Rohlfs nach einem Sturz plötzlich einen Schlaganfall. Dennoch feierten seine Frau und er ein Jahr danach das Fest der silbernen Hochzeit. Am 2. 6. 1896 starb Gerhard Rohlfs 65-jährig an Herzversagen. Seine Asche wurde nach Vegesack überführt und ehrenvoll auf dem Friedhof beigesetzt. Seine Frau überlebte Gerhard Rohlfs um einundzwanzig Jahre. Von den persönlichen Erlebnissen des Gerhard Rohlfs während seiner Expeditionen hätte Karl May (1842-1912) nur träumen können. Denn im Vergleich zu ihm hat Gerhard Rohlfs nur beschrieben, was er auch selber erlebt hatte. Karl May dagegen schrieb Bücher über Indianerstämme und über Nordamerika, ohne die Menschen und das Land jemals kennen gelernt zu haben. Rudolf Matzner Quellenangabe: Quer durch Afrika, Jens E. Adam Weser Kurier 10. 4. 1981, Vera Machen Weser Kurier 15. 5. 2012, Beilage Zisch Eigene Archivunterlagen Gespräche mit dem Rohlfs-Experten Günter Bolte Das gr. Bremen-Lexikon, Herb. Schwarzwälder

5


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 6

„Gemeinschädliche Subjekte“ Zur Abschiebung von Sträflingen aus dem Elbe-Weser-Dreieck nach Amerika Besorgt registrierten die Obrigkeiten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein dramatisches und bisher in Deutschland nicht gekanntes Massenelend. In ihrer Not griffen viele Angehörige der Unterschichten zur Bettelei, andere strichen als Vagabunden durch die Lande. Arbeitslosigkeit und Hunger ließen die Zahl der Diebstahlsdelikte anschwellen, die Strafanstalten waren überfüllt. War es da nicht eine gute Idee, die Insassen der Anstalten auf Segelschiffen in die Neue Welt zu transportieren? „... allein die Idee, daß mit Vorwissen und Vermittelung deutscher Regierungen, die Zuchthäuser nach hier ausgeschüttet werden sollten, kann natürlich nur die größte Indignation (d. h. Entrüstung) erzeugen.“ Christian Abraham Heineken, Kaufmann und Bremer Konsul in Baltimore, mochte es gar nicht glauben. Hamburger Behörden hatten 1832 mehr als ein Dutzend Sträflinge des Zuchthauses vor Ablauf ihrer Haftzeit auf einen Segler verfrachtet und nach New York verschifft. Dort erregte diese Aktion nach ihrem Bekanntwerden einen größeren Skandal. Heineken war entsetzt, aber nicht nur aus moralischen Gründen. Was, wenn solche „Transportationen“, also Abschiebungen von Straftätern, auch über BremenBremerhaven stattfänden? Dies könnte beträchtlich am positiven Image von Bremen als bedeutendem Handelspartner der USA kratzen. Gerade dem in den 30er Jahren aufblühenden Geschäft mit der überseeischen Emigration, diesem profitablen Standbein der Bremer Kaufleute und Reeder, drohte Gefahr. Auswanderer wurden „exportiert“ und im Gegenzug Tabak, Kaffee, Reis importiert. Die Vereinigten Staaten, so war zu befürchten, mochten es nicht hinnehmen, dass unter den Auswanderern, die in ihren Hafenstädten angelandet wurden, auch solche waren, die von den Zeitgenossen „gemeinschädliche Subjekte und Verbrecher“ genannt wurden. Tatsächlich ließen sich bald fremdenfeindliche Stimmen in der amerikanischen Öffentlichkeit vernehmen, die behaupteten, bei den aus Deutschland und Europa Zuziehenden handele es sich zumeist um Krüppel, Arme und Verbrecher. Damit einher ging die Forderung nach Beschränkung der Immigration. Jede Eindämmung des freien Auswandererverkehrs stand jedoch im Gegensatz zu den Handelsinteressen der Bremer Überseekaufleute. Heineken ermahnte deshalb den Senat, alles zu tun, um Abschiebungen von Häftlingen über bremisches Gebiet einen Riegel vorzuschieben. Diese Warnung wurde vom Senat ernst genommen, doch zu einem gesetzlichen

6

Verbot von „Transportationen“ in die USA kam es erst einige Jahre später, nachdem erstmals eine solche Aktion im Land Bremen bekannt wurde. Im Herbst 1837 konnte in Bremerhaven eine Gruppe von 13 Auswanderern aus Gotha als Insassen der dortigen Haftanstalt identifiziert werden. Eskortiert wurden sie von zwei Gendarmen, die sogar mit einem Begleitschreiben des Herzoglich-Sächsischen Polizei-Kommissars versehen waren, in dem die Bremer Behörden um Dienstunterstüt-

werden oft Verbrecher zur Uebersiedelung nach Amerika begnadigt.“ Aus einem vertraulichen Schreiben des hannoverschen Innenministeriums an das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten aus dem Jahr 1847 geht hervor, dass diese Praxis eine lange Tradition hatte: Zwischen 1836 und 1846 sei eine nicht geringe Zahl von begnadigten Straftätern durch Vermittlung des Ministeriums aus Haftanstalten in Stade, aber auch Celle oder Hameln, nach überseeischen Ländern, besonders in die

Große Weserbrücke in Bremen mit Arbeits- und Zwangsarbeitshaus, in dem Vagabunden und Bettler, Trunkenbolde und unsittliche Weiber untergebracht waren (F.W. Kohl, um 1844)

zung gebeten wurden, falls es bei der Verschiffung der Personen zu Schwierigkeiten kommen sollte! Daraufhin verabschiedete der Senat im Januar 1838 ein Gesetz, das ein Abschieben von „Personen aus Europäischen Strafanstalten“ über Bremen-Bremerhaven in die USA unter Strafe stellte und in den folgenden Jahren verschiedentlich erneuert und modifiziert wurde.

Verbrecher zur Uebersiedelung nach Amerika begnadigt Doch trotz dieses Verbots wurde auch weiterhin fleißig über Bremen abgeschoben. Die „Transportierten“ kamen nicht nur aus dem Herzogtum Sachsen-Gotha, sondern vielfach auch aus dem Herzogtum Braunschweig. Besonders tat sich allerdings das Königreich Hannover hervor. So berichtete 1843 das Amt Stade-Agathenburg: „Aus der hiesigen Kettenstraf-Anstalt

USA „übersiedelt“ worden. Insgesamt handele es sich um 332 Sträflinge, die wegen eines Kriminalverbrechens verurteilt worden waren sowie um 536 „gemeinschädliche Subjekte“, d. h. Vagabunden, Prostituierte etc. Unter denen, die auf Kosten von Staat und Gemeinden in diesen Jahren aus Hannover in die USA geschafft wurden, fanden sich auch solche aus dem Elbe-Weser-Dreieck wie Peter Böhling, ein aus Hesedorf gebürtiger herumziehender Scherenschleifer, sowie der als „Zigeuner“ stigmatisierte Wandermusikant Christian Schwarz, der mit seiner Familie zwischen 1804 und 1812 einen Wohnsitz in Moorhausen gefunden hatte, danach aber als heimatlos galt, oder auch der Tagelöhner Johann Arend Hinrich Eichholz aus Scharmbeck. Lange Zeit blieben die Abschiebungen aus dem Hannoverschen in Bremen und Bremerhaven allerdings unentdeckt, da sie von Anfang an wohl durchdacht und unter höchster Geheimhaltung betrieben wurden. Dabei kam dem in der Nachbarschaft

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Bremerhavens gelegenen Amt Lehe bei der Planung und Organisierung eine zentrale Rolle zu. Sträflinge waren nach Lehe zu schicken, hier mit gewöhnlichen aber nicht allzu abgetragenen Kleidungsstücken und den üblichen Auswandererutensilien sowie „sauberen“ Pässen zu versehen. Von Bremerhaven aus ging es dann über den großen Teich. Die Rückkehr aus den USA war verboten, sonst drohte die erneute Einlieferung in Zucht- oder Arbeitshaus. Erst 1851 kam alles an das Tageslicht. Der Bremer Senat wurde darüber informiert, dass die New Yorker Polizei einen „Verbrecher“ in Gewahrsam genommen hatte, der mit einem Bremer Schiff angekommen war. In Celle war er wegen eines

Seite 7

nigten Staaten „übersiedelt“ wurden, waren auch weiterhin „gemeinschädliche Subjekte“ aus dem Elbe-Weser-Raum, so der Dienstknecht und Tagelöhner Heinrich Stockfisch aus Ostendorf sowie der Müllergeselle August Diedrich Eggers aus Neuenbülstedt. Eingestellt wurden die „Transportationen“ im Hannoverschen letztlich erst im April 1868.

Übersiedelung in die Neue Welt billiger Um die Jahrhundertmitte zeigte sich, dass überseeische Abschiebungen nicht nur auf Regierungsstellen in Hannover, sondern auch auf den Bremer Senat eine gewisse Faszination ausübten. Tatsächlich

Auswanderer an Bord eines Schiffes in Bremerhaven (o.O., o.J.)

Einbruchdiebstahls inhaftiert gewesen und in der amerikanischen Metropole sagte er aus: „Nachdem er einige Zeit gesessen, sei ihm und vier anderen Personen von der dortigen Behörde eröffnet, daß sie auf Kosten der Regierung nach America befördert werden sollten; hierauf seien sie von Station zu Station durch Gendarmen nach Lehe transportiert und dem dortigen Gefangenenwärter übergeben; nach kurzer Haft daselbst habe der Gefangenenwärter sie nach Bremerhaven gebracht, vorab ihnen aber das Wort abgenommen, weder an Bord des Schiffes noch in America von dem Vorfall zu erzählen.“ Der Senat ersuchte Hannover daraufhin umgehend, solche „Transportationen“ über bremisches Staatsgebiet zu unterlassen. In der Folge wurde dann zwar tatsächlich eine Zeitlang von Sträflingsverschiffungen im Königreich Hannover Abstand genommen, doch Mitte der 50er Jahre lebte diese Praxis wieder auf, wenn auch in geringerem Umfang als früher. Unter denen, die noch nach 1860 in die Verei-

RUNDBLICK Sommer 2013

wurden in der Hansestadt dazu dieselben Überlegungen angestellt wie in anderen Ländern. Aus der Sicht der Behörden handelte es sich bei den „Individuen“, die man im Auge hatte, um Gewohnheitstäter. Deren Übersiedelung in die Neue Welt sei allemal billiger als ihre kostspielige Unterbringung in den ständig überfüllten heimischen Strafanstalten. Zudem sah man in „Transportationen“ auch eine Möglichkeit, die Kriminalitätsrate im eigenen Lande abzubauen und soziale Problemfälle zu exportieren. Senator Carl Friedrich Mohr, der auch Mitglied der Bremer Polizeidirektion war, schlug deshalb vor, eine Anzahl „unnützer Subjecte“ aus dem Zucht- und Arbeitshaus „nach einem transatlantischen Platze, jedoch mit Ausnahme der Vereinigten Staaten von America zu schaffen“ - diese waren natürlich als Zielland für Bremer Sträflingsverschickungen tabu. Gerade zu dem Zeitpunkt, 1851, da sich der Senat über die hannoverschen Behörden beklagte, die Sträflinge nach Nordamerika

schickten, segelte ein Schiff von Bremen nach Mittelamerika, nach Nicaragua. An Bord waren sechs begnadigte Sträflinge. „Auf eigenen Wunsch“, d. h. vor die Alternative gestellt, noch weiter in Haft zu verbleiben oder nach Übersee zu gehen, hatten sie sich für das Letztere entschieden. Ein Jahr später ging die Reise aus den Bremer Strafanstalten nach Südamerika, und zwar nach Bahia im Norden Brasiliens. Zu den Passagieren des Seglers zählten diesmal neun „gemeinschädliche Subjecte und Verbrecher“. Damit war das Kapitel Häftlingsabschiebungen nach Übersee aus Bremen aber auch schon wieder abgeschlossen. Politisch und moralisch waren solche Aktionen mehr als zwielichtig. Zu stark gefährdeten sie die internationalen Handelsbeziehungen, an denen die Hansestadt so großes Interesse hatte. Sowohl die Hannoveraner als auch die Bremer Straftäter stammten zumeist aus den ärmsten Teilen der Unterschicht, es handelte sich um Arbeiter, Tagelöhner und Dienstknechte, Wandergewerbetreibende und Handwerksburschen, ganz überwiegend um Männer. Ihre Vergehen bestanden in Vagabundage und Bettelei, Trunksucht sowie wiederholten kleineren Diebstählen. Sie waren in der Regel also sog. „liederliche Leute“, keine Schwerverbrecher. In der Gesellschaft wurden Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und Armut weitgehend als selbstverschuldet betrachtet, ein Zusammenhang zwischen sozialer Not und Eigentumskriminalität, einem typischen Armutsdelikt, dagegen nicht gesehen. Regierungen, Justiz und Polizei reagierten mit aller Härte auf solche, die unfähig oder unwillig waren, sich an bürgerliche Ordnung, Moral oder Arbeitsdisziplin anzupassen. Die Sträflinge wären vermutlich kaum fähig gewesen, eine Auswanderung selbst zu finanzieren. Berücksichtigt man die miserablen Bedingungen, unter denen Häftlinge in jener Zeit untergebracht waren, und bedenkt man ferner, dass körperliche Züchtigungen im Strafvollzug durchaus noch eine Rolle spielten, so erscheinen vorzeitige Entlassung und Abschiebung in einen „fernen Weltteil“ sogar in einem humanitären Licht, eröffnete sich hier doch zumindest die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Insgesamt machten die Sträflinge nur einen kleinen Bruchteil derer aus, die nach Übersee, besonders in die USA auswanderten. Dabei wirft die Transportationspraxis ein bezeichnendes Licht darauf, wie über weite Strecken des 19. Jahrhunderts mit sozialen Problemfällen umgegangen wurde. Der Gesellschaft schien dies attraktiv, weil verlockend einfach. Dr. Horst Rössler Literatur: Horst Rössler, Hollandgänger, Sträflinge und Migranten. Bremen und Bremerhaven als Wanderungsraum, Bremen 2000

7


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 8

Eine Erfolgsstory Die ungewöhnliche Geschichte der Gebrüder Ries aus Ritterhude und New York Ritterhude. Die Gemeinde Ritterhude verdankt einen großen Teil ihrer imposanten Gebäude wie dem Rathaus, der Riesschule, dem Pfarrhaus, der Apotheke, der Turnhalle und dem Postamt zwei in Ritterhude aufgewachsenen und bereits im Alter von 16 und 17 Jahren ausgewanderten Männern. Durch die späteren Schenkungen der Brüder Hermann Hinrich und Johann Friedrich Ries, welche im hohen Alter nach Ritterhude bzw. Bremen zurückkehrten, erhielt Ritterhude sein ganz eigenes Erscheinungsbild und wird noch heute von diesen Gebäuden geprägt. Viele der Ritterhuder nutzen diese Gebäude regelmäßig, so z.B. die Schüler des Gymnasiums, die Sportler in der Turnhalle oder Besucher des Rathauses. Der erste Teil der Reportage über die Brüder Ries handelt von deren Auswanderung nach New York und dem dort erreichten Erfolg, welcher den Bau der Gebäude in Ritterhude erst ermöglichte. In einem weiteren Teil wird über den Gemeindevorsteher Christian Evers sowie über die gestifteten Gebäude berichtet. Gemeinsam mit drei Geschwistern wuchsen Hermann Hinrich und Johann Friedrich in Ritterhude auf. Hermann Hinrich, geboren am 22. November 1847 und Johann Friedrich, geboren am 22. Dezember 1849, wuchsen an der heutigen Riesstraße 58 auf. Ihr Vater, Louis Ries, hatte dort nach einem 10-jährigen Amerikaaufenthalt ein Wohnhaus mit Ladengeschäft erbauen lassen und sich als Kaufmann niedergelassen.

Zu dieser Zeit beschäftigte die Amerikaner die Ermordung Lincolns und das Verbot der Sklaverei wurde in die Verfassung aufgenommen. Es war aber auch die Zeit der großen Viehtrecks, um die Versorgung der explosionsartig wachsenden Städte wie New York mit Rindfleisch zu sichern. Riesige, bis zu 20 km lange Viehtrecks zogen zu dieser Zeit durchs Land. Fast zur gleichen Zeit wurde auch die Jeans von dem aus Deutschland stammenden Levi Strauss erfunden und patentiert. Sie wurde sofort zu einem Verkaufsschlager, diente anfangs den Cowboys auf den Viehtrecks als „unkaputtbare“ Arbeitshose und wurde schnell zum klassenlosen Kleidungsstück vieler Amerikaner. Mit einem Segelschiff begann für die jungen Brüder die Reise über den Atlantik. Später, bei ihren Besuchen in der „alten“ Heimat, reisten sie deutlich luxuriöser auf den großen Dampfschiffen des Norddeutschen Lloyd.

Typische Häuser am St. Marks Place, wo die Brüder Ries einst ihr Ladengeschäft betrieben.

Als im Jahr 1892 das Hotel „Savoy“ mit 12 Stockwerken in New York erbaut wurde, sollte sich auch bald die berufliche Laufbahn der Einwanderer verändern.

New York um 1865, die Zeit der großen Segelschiffe

Wohnhaus der Familie Ries

Nach dem Besuch der örtlichen Hauptschule und später der lateinischen Mittelschule in Lesum, zu der sie zu Fuß gelangten, machten die Brüder eine Kaufmannslehre, wollten jedoch später nicht im väterlichen Geschäft arbeiten und dieses auch nicht weiterführen. Bereits mit 16 und 17 Jahren machten sich die Brüder in die „neue Welt“ auf. Man schrieb das Jahr 1865 bzw. 1866, als beide Brüder in Amerika ihr Glück suchten. Damals war es keine Seltenheit, mit so jungen Jahren auszuwandern. In manchen Regionen wanderten über 50 % der 15- bis 17-Jährigen aus, um in der Ferne eine Perspektive und neue Heimat zu finden.

8

der Westen galt als erschlossen. Die Vertreibung der Indianer lag in den letzten Zügen. Doch noch einmal errang Indianerhäuptling „Sitting Bull“ einen Sieg gegen die amerikanischen Truppen. Durch unermüdlichen Fleiß und ihr freundliches Wesen konnte sich das Lebensmittelgeschäft der nun zu Amerikanern gewordenen Brüder in New York behaupten. Aus dem einstigen Geschäft im gemieteten Keller wurde ein ansehnlicher Laden im Erdgeschoss eines für damalige Zeiten typischen amerikanischen Hauses.

Im Kolonialwarengeschäft ihres Onkels fanden die Brüder ihre erste Arbeit in Amerika in dem überwiegend von Deutschen bewohntem Viertel East Village in Manhattan. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ließ die ehrgeizigen jungen Männer schnell zu selbstständigen Kaufleuten werden, denn bereits im Jahre 1872 eröffneten sie im gleichen Stadtteil ihr eigenes Lebensmittelgeschäft „Ries & Brothers“, zuerst noch im Halbkeller eines Hauses. Es war die Ecke 8. Straße/First Avenue, an der sie nun fortan arbeiteten und anfangs noch während der Nacht im Ladengeschäft schliefen.

„Ries & Brothers“ Mit der Eröffnung dieses Ladengeschäftes am St. Marks Place bekam Hermann Hinrich die Einbürgerung. Knapp zwei Jahre später, 1874, wurde auch Johann Friedrich Bürger der Vereinigten Staaten. Kurz zuvor, 1867, hatten die Amerikaner Alaska gekauft. 1869 wurde die erste transkontinentale Eisenbahnlinie vollendet und

„Manager des Savoy“ Hermann Hinrich wurde zum Geschäftsführer des Hotel „Savoy“, einer der TopAdressen in New York und eines der vornehmsten und teuersten Hotels auf der ganzen Welt. Das Gebäude mit 12 Stockwerken war für damalige Verhältnisse schon eines der höchsten in der expandierenden Stadt New York. Von nun an wohnten und arbeiteten die zielstrebigen Brüder wieder unter ein und derselben Adresse. 767, Fifth Avenue, die beste Adresse in New York. Auch Johann Friedrich wurde zum Hotelmanager. Ob die Brüder schon 1892 oder erst ein paar Jahre später zu den Geschäftsführern des Hotels „Savoy“ wurden, ist nicht exakt belegbar. Vermutet wird, dass der Erbauer und Haupteigentümer des Hotels, der Richter am Obersten Gerichtshof von New York Philipp Henry Dugro, auf die Brüder Ries aufmerksam geworen war, denn sie galten als äußerst pflichtbewusst, zuverlässig und sehr sparsam. In den Jahren 1907, 1908 und 1911 unternahmen die Brüder auf den Dampfschiffen „Kronprinz Wilhelm“ und „Kaiser Wilhelm“ einzeln Reisen in die Heimat. 1912, als die Überlebenden der Titanic-

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 9

Die Queensborough-Bridge machte das Land auf Long Island begehrt und teuer

Werbung mit Preisen. John F. Ries / Savoy, New York

Katastrophe auf der „Carpathia“ den Hafen von New York erreichten, wurde in Ritterhude die Turnhalle eingeweiht, gespendet von den mittlerweile 63- und 65-jährigen Brüdern. Mit einem Teil ihres bisher ersparten Geldes kauften sich die Brüder ins Hotel ein, jedoch waren sie nie die alleinigen Betreiber. Es ist nachgewiesen, dass die Brüder bis 1923 im Hotel „Savoy“ wohnten und ihrer Aufgabe als Geschäftsführer und Manager gewissenhaft nachgingen. Als Manager kamen die Brüder mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten in Kontakt, denn das Hotel war Unterkunft der Regierung für Staatsgäste. Auch Schauspieler und Industriegrößen nutzten dieses Hotel während ihres New York-Aufenthaltes. Trotz des guten Verdienstes als Hotelmanager lässt sich der Reichtum der Brüder nicht allein auf den Erfolg im Hotel zurückführen. Der Blick aus der obersten Etage des Hotels über die vorgelagerte Halbinsel „Long Island“ war der Auslöser für den kommenden Reichtum.

zur Erweiterung der Stadt. Als Richter P. H. Dugro im Mai 1920 im Alter von 65 Jahren verstarb, stand drei Jahre später das „Aus“ für das Hotel bevor. Die Erben verkauften das Hotel an einen Immobilienmakler. Kurze Zeit später kam es zu dem Entschluss, das Hotel abzureißen. Obwohl das Gebäude erst 33 Jahre alt war und noch nichts von seinem Glanz verloren hatte, konnte der Abriss nicht verhindert werden. An gleicher Stelle entstand ein 33 Stockwerke hohes Gebäude, wieder ein architektonisches Meisterwerk, das „Savoy Plaza Hotel“. Doch war die Zeit der berühmten New Yorker Hotels damit zu Ende gegangen. Auch dieser Bau wich nach nur 40 Jahren einem zweckmäßigeren Bauwerk. Heute steht auf dem Platz ein Verwaltungsgebäude von General Motors. Der Erfolg der Brüder Ries und die vielen Jahre in New York haben nie die Bindung an die Heimat abreißen lassen, wo auch die Schwester Marie Bergmann lebte. Die beiden anderen Geschwister waren bereits im Kindesalter verstorben. So kam es ab 1921 zu häufigeren Besuchen in der alten Heimat.

telpunkt der Brüder nicht mehr da. Da beide kinderlos waren, lebte die einzige noch verbliebene Verwandte, ihre Schwester Marie Bergmann, allein in einem Haus in Bremen. Marie Bergmanns Ehe mit Ludwig Bergmann, Bruder des Bäckers Bergmann aus Osterholz-Scharmbeck, war ebenfalls kinderlos geblieben. Nach der endgültigen Rückkehr aus New York lebten die Geschwister in dem 65 qm großen Haus von Marie Bergmann in Bremen, Am Bredenkamp 12. Zusammen haben die Geschwister hier noch zehn Monate verlebt, bis Hermann Hinrich am 27. März 1927 im Alter von 80 Jahren verstarb. Im Juli 1927 reiste Johann Friedrich noch einmal in die USA, kehrte aber nach kurzer Zeit zurück. Im Alter von 82 Jahren verstarb auch Johann Friedrich am 29. Juni 1931. Beide Brüder verstarben im Hause der Schwester. Johann Friedrich und Marie Bergmann lebten noch vier Jahre gemeinsam in Bremen. Marie Bergmann setzte sich besonders für bedürftige Menschen ein. Bei Gemeindevorsteher Christian Evers ließ sie sich rechtzeitig vorm Weihnachtsfest die Namen und Adressen von Bedürftigen geben, um den Menschen und den Kindern die Weihnachten zu versüßen und mit dem Notwendigsten auszuhelfen. Marie Bergmann verstarb mit 80 Jahren am 30. August 1935. Ihr Vermögen von mehreren Millionen vermachte sie wohltätigen Einrichtungen in Bremen, unter anderem einem Waisenhaus sowie einem Verein für Blinde und Kriegsblinde. Geschrieben zum Gedenken an die wohltätig orientierten Geschwister Marie Bergmann, Johann Friedrich und Hermann Hinrich Ries, deren Handeln, Nachlass und Schenkungen noch heute vielen Menschen zugute kommen. Tim Wöbbeking

Rückkehr in die Heimat Mit dem Abriss des Hotels und dem Tode von Dugro war vermutlich der Lebensmit-

Kauf von Land auf Long Island „Du Hermann, da liegt Geld“, soll Johann Friedrich einmal zu seinem Bruder gesagt haben, als sie gemeinsam aus dem Fenster sahen. Und so bewiesen die schlauen Hotelmanager wieder einmal ihr Gespür für ein erfolgreiches Geschäft. Denn das von ihnen gekaufte Land wurde immer begehrter und teurer. Der Grund dafür war die 1909 fertiggestellte Queensborough Bridge, welche als Verlängerung der 59. Straße über den East River führte. Das einst von Kleingärtnern genutzte Land wurde zu teurem Bauland und war für die wachsende Stadt New York eine willkommene Fläche

RUNDBLICK Sommer 2013

Die Brüder Hermann und Johann Ries, die Zeit ihres Lebens zusammenhielten, zusammen arbeiteten und Ritterhude viel Gutes getan haben

9


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 10

Verlassen der Heimat vorlagen, sind nur ein kleiner Auszug an Themen, die dieses Buch behandelt. Auch wird auf Deutschland als Einwanderungsland eingegangen sowie auf die Vertreibung der Juden im Dritten Reich. Die globale Migration der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die Gründe hierfür werden von renommierten Migrationsexperten präzise geschildert und vermitteln einen Einblick in die globalen Wanderungsbewegungen. Das Buch ist erschienen im TemmenVerlag und im Buchhandel zum Preis von 9,90 Euro auf Deutsch und Englisch erhältlich. 280 Seiten, 430 Abbildungen, Format 17 x 22 cm. ISBN 978-3-86108-972-8

Lesenswertes Aufbruch in die Fremde Der Traum vom Auswandern, ein wenig Fernweh – das sind Träume, die fast alle schon mal hatten. In dem Buch „Aufbruch in die Fremde“ werden die Erfahrungen der Auswanderer von einst und ihre oft beschwerlichen Erfahrungen geschildert. Dass nicht alle das große Glück gefunden haben, wird in diesem umfangreichen Werk anhand von Einzelschicksalen, historischen Fotos und Dokumenten präzise geschildert. Kolonisationsprojekte, erste Siedlerhäuser, die Zeit des Goldrausches, die wichtigsten Reiserouten und Auswandererhäfen, Ankunft und Weiterreise im neuen Land, sowie die Gründe, die zum

Tim Wöbbeking

Bremen/Bremerhaven: Die Rekonstruktion des Dampfers „Welle“ Schon fast hoffnungslos verloren war der Dampfer „Welle“, als er 1994, bunt gestrichen und ohne die Aufbauten von einst, versunken an der Bremer Schlachte lag. Nur noch wenige wussten, welch ein formschönes und stolzes Schiff die Welle einst war. Zum Glück wurde das Schiff, welches 1915 bei den Atlas Werken in Bremen vom Stapel lief und in 2 Jahren 100 Jahre alt wird, 1988 wiederentdeckt. Am 4. November 1988 kam es zur Gründung des Vereins „Dampfer Welle e.V.“, der von 8 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen wurde. Ziel des Vereins ist die Rekonstruktion und Restaurierung des Bereisungsdampfers „Welle“. Die „Welle“ soll, wie im Nutzungskonzept und in der Satzung des Vereins festgeschrieben, als Traditionsschiff erhalten, im aktiven Vorführ- und Demonstrationsbetrieb in Fahrt gebracht werden und für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Das Schiff wird ausschließlich ideellen Zwecken dienen und zur maritimen Traditionspflege, zu sozialen oder vergleichbaren Zwecken eingesetzt. Der Erhalt der Arbeits- und Lebensbedingungen an Bord des Schiffes aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist primäres Ziel der Rekonstruktion.

Die damalige Schiffsbetriebstechnik soll den Besuchern erklärt sowie die tägliche Inbetriebnahme im aktiven Schichtbetrieb vorgeführt und die Seemannschaft vergangener Tage tradiert werden. Ebenfalls gilt es, die vielseitigen Aufgaben dieses Schiffes zur Zeit der Unterweserkorrektion und danach zu erklären und erlebbar zu machen. Dieses geschieht ebenfalls vor dem Hintergrund der schifffahrts- und schiffbaulichen Bedeutung des Landes Bremen für die Region des Unterweserraumes. Der Liegeplatz des Schiffes wird im Neuen Hafen in Bremerhaven sein. Der Betrieb eines DoppelschraubenDampfschiffes ist von Erlebnis- und Erkenntniswert für Besucher und Mannschaft von besonderer Bedeutung. Darüber hinaus ist er ein wesentlicher Beitrag, neben dem materiellen Erbe auch das immaterielle Erbe im Bereich der Schifffahrtsgeschichte zu erhalten. Dass mit der Restauration und vor allem der Rekonstruktion des Dampfers auch handwerkliche Qualifikationen weitergegeben werden und somit Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive geboten wird, ist ein weiteres Anliegen des als gemeinnützig anerkannten Vereins.

Schwerpunkt sind hier unter anderem die Qualifizierung im Metallhandwerk (Schiffbau, Anlagenbau), im Verwaltungsbereich (Buchhaltung, Büroorganisation) sowie im technischen Bereich (Konstruktion, Restauration). Weiterhin entwickelt der Verein mit seinen Mitarbeitern im Laufe der Förderzeit Möglichkeiten, um in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Hier war der Verein in der wirtschaftlich schwachen Region Bremerhaven (die durchschnittliche Arbeitslosenrate liegt hier im oberen Drittel im Vergleich zur Bundesrepublik) in den letzten Jahren erfolgreich.

Der gehobene Rumpf beim Abschleppen.

Per Kran wird das Schiff ins Wasser gehievt …

… und mit Schlepper an den Liegeplatz gebracht.

10

Ausreichend Betätigungsfelder zur Qualifizierung Ca. 60 % der Mitarbeiter wechselten während bzw. nach der Fördermaßnahme in ein ordentliches Beschäftigungsverhältnis. Die Restauration und Rekonstruktion des 1915 gebauten Bereisungsdampfers „Welle“ bietet ausreichend Betätigungsfelder zur Qualifizierung und zur Tradierung alter Schiffbautechniken in vielen Handwerksbereichen. Dieses Projekt wird von der Europäischen Union kofinanziert und vom Land

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 11

Das „Befeuern“ der Kessel mit Kohle.

Herz des Schiffes: Back- und Steuerbordmaschine.

Die „Welle“, wie sie früher oft gesehen wurde.

Bremen, der ARGE (Jobcenter Bremerhaven) sowie der Agentur für Arbeit Bremerhaven gefördert. Als enge Kooperationspartner für die Rekonstruktion und Restauration stehen hierfür zur Seite – das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, – die Auszubildenden der Bremerhavener Werften, Ausrüstungs- und Ausbildungsbetriebe, – der Germanische Lloyd – sowie Schiffs- und Maschinenbau-Ingenieure zur Seite. Viele Wirtschaftsunternehmen unterstützen durch Sach- und Dienstleistungen und Geldspenden das Projekt.

Wenn jemand weiß, wo möglicherweise eine solche Maschine noch vorhanden ist, möge er sich bitte unter der Tel.-Nr. (0421) 545750 oder (0471) 9314831 melden.

Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges war eine erneute Vertiefung der Außenweser notwendig. Für diesen Zweck wurde auch ein geeigneter Bereisungsdampfer und Schleppdampfer benötigt.

Die Historie

Atlas-Werke bekamen Zuschlag

Zweite Maschine dringend gesucht! Um den Dampfer, welcher mittlerweile dank der Rekonstruktion und Nachbau der Aufbauten wieder sein originalgetreues Erscheinungsbild zurückerhalten hat, auch technisch auf den Stand von damals zu bringen, sucht der Verein dringend nach einer zweiten Maschine für die Backbordseite. Hier die technischen Daten der Hauptmaschine: Hersteller: Atlas Werke AG Bremen Dreifachexpansionsmaschine mit Stephensonsteuerung, 320 PSi bei 175 Umdrehungen und 72-%Füllung, Hochdruckzylinder Durchmesser 270 mm, Mitteldruckzylinder Durchmesser 440 mm, Niederdruckzylinder Durchmesser 700 mm, Kolbenhub 400 mm, Betriebsdruck 13 bar.

Als im 16. Jahrhundert die Weser zwischen Bremen und Bremerhaven immer mehr versandete, konnten die großen Segelschiffe die Hansestadt Bremen nicht mehr anlaufen. Das Handelsgut aus Übersee musste aufwendig auf kleinere Schiffe umgeladen und nach Bremen transportiert werden, bis es schließlich bei den Kaufleuten ankam. Mit der Gründung Bremerhavens 1827 änderte sich diese Situation. Bremerhaven entwickelte sich zu einem wichtigen Hafen. Nicht nur Fracht aus aller Welt kam hier an, auch Tausende von Auswanderern verließen hier die alte Heimat, um ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen. Im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert beschloss man, das 60 Kilometer weseraufwärts gelegene Bremen der internationalen Schifffahrt zugänglich zu machen. Schon 1888 wurden in Bremen mehrere Hafenbecken angelegt und in den Jahren 1887-1895 die Unterweser auf 5 m Wassertiefe ausgebaggert. Für dieses Projekt von 30 Millionen Goldmark wurde eine eigene Verwaltung, das Bauamt für die Unterwasserkorrektion, ins Leben gerufen und eine große Anzahl von Spezialschiffen in Auftrag gegeben. Durch die weitere Versandung der Weser zwischen Bremen und Bremerhaven blieben das Bauamt und ein Teil der Schiffe im Dienst und sorgten nun ständig für genügend Tiefgang in der Weser.

Im Juli 1914 erhielten die Bremer Atlas Werke den Zuschlag für den Bau des Dampfers „Welle“, welcher am 11. August 1915 vom Stapel lief und noch im selben Jahr dem Bauamt übergeben wurde. Das stabile und zuverlässige Schiff wurde neben dem Bereisungs- und Schleppdienst auch als Eisbrecher eingesetzt, wenn in den strengen Wintermonaten die Unterweser vereist war. Später wurde das Schiff zusätzlich zu Versorgungsfahrten zu den Leuchtfeuern in der Wesermündung eingesetzt. Nachdem die Welle während des Zweiten Weltkrieges zeitweise bei der Kriegsmarine eingesetzt wurde, übernahm die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes den Dampfer. Prominentester Gast an Bord war damals Theodor Heuss, welcher am 10. März 1950 eine Rundfahrt durch die bremischen Häfen machte. Das Aussehen der „Welle“ veränderte sich 1957, als die maroden Aufbauten aus Teakholz durch stromlinienförmige Leichtmetallaufbauten ersetzt wurden. Nach 60 Jahren wurde der Bereisungsdampfer 1975 aus dem Staatsdienst entlassen und von privater Hand zu einer schwimmenden Gaststätte umgebaut. Weitere vorgenommene Umbauten sowie 2 Brände in den Jahren 1984 und 1986 zerstörten nicht nur die Aufbauten, sondern auch einen Großteil der Schiffstechnik. Als im Sommer 1994 die Welle an der Schlachte versank, wäre es fast das Ende für das Schiff gewesen. Tim Wöbbeking. Mit freundlicher Unterstützung des Vereins „Dampfer Welle e. V.“ und Herrn Dr. Christian Osterselthe für die Historie.

Optisch wieder hergestellt …

RUNDBLICK Sommer 2013

… erstrahlt der Dampfer in neuem Glanz.

Mehr Information auch im Internet unter www.dampfer-welle.de

11


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 12

Bremens maritime Museen 120 Jahre Hafengeschichte zum Erleben und Anfassen Hinter historischen Mauern präsentiert sich das Hafenmuseum Speicher XI. In dem ehemaligen Speicher erleben die Besucher 120 Jahre bremische Hafengeschichte und entwicklung. Viele der ausgestellten Objekte werden dem Betrachter hautnah näher gebracht, können angefasst und ertastet werden, was diese Art, Ausstellungsstücke näher zu bringen, auch für Kinder zu einem besonderen Erlebnis macht. Neben dem Schwerpunkt Hafenbau und Hafengeschichte werden auch Berufe, welche einst im Warenumschlag häufig vertreten waren, vorgestellt. Auch bei diesem interessanten Thema werden die Besucher mit eingebunden und können die Waren von einst riechen und ertasten und ein Gefühl dafür bekommen, was z.B. ein Kaffeesack wiegt. Doch woher die Waren eigentlich kommen und auf welchen Schiffen sie transportiert wurden, kann in der Dauerausstellung „Mit wertvoller Fracht übers weite Meer“ erlernt werden. Vorgestellt werden die stolzen Schiffe, die großen Reedereien, Erfahrungsberichte von Seeleuten sowie der Wandel vom Stückguthafen zum modernen Logistik-Standort Bremen. Die Sammlung der Schiffsmodelle gibt viele weitere Informationen zu historischen Schiffen und stellt auch die heutigen Frachter und Containerschiffe vor. Welche Unternehmen und Firmen sich im Hafengebiet von Bremen angesiedelt

Spicarium - maritimes Museum für die ganze Familie In maritimer Atmosphäre bietet das Spicarium in Bremen Vegesack ein vielseitiges Programm für die ganze Familie. Mitmachen, anfassen und spielerisch lernen lauten hier die Devisen. Ausführlich behandelt das Museum im alten Speicher die Schwerpunkte „Hafen Vegesack“ und dessen Entwicklung, geht dabei auch auf Probleme wie Versandung ein und schildert, wie es hier im Mittelalter zuging.

Das Gebäude von 1814 …

12

Einst Speicher, heute Hafenmuseum „Speicher XI“

Foto: Jürgen Langenbruch

haben, wird anhand von Waren und Filmen verdeutlicht. Eine besondere Attraktion des Museums ist das große begehbare Fußbodenmodell des Hafens, anhand dessen der gesamte Hafen bis zur Innenstadt wie aus der Vogelperspektive abgewandert werden kann. Hier wird schnell deutlich, um welch großes Areal es sich beim Hafen in Bremen handelt. Wie sich die Überseestadt gewandelt hat und was hier noch alles geplant ist, kann im Infocenter Überseestadt in Erfahrung gebracht werden. Eine ferngesteuerte 360

Grad Dachkamera macht auch hier den Museumsbesuch zu einem Erlebnis. Wer mehr über die wechselvolle Geschichte des Hafens erfahren möchte, sollte unbedingt einen Besuch im Hafenmuseum Speicher XI planen. Hier ist auch ein Museumsshop eingerichtet, welcher sorgfältig zusammengestellte Literatur zum Thema Hafen, Seefahrt und Schiffbau parat hält. Weitere Informationen im Internet: www.hafenmuseum-speicherelf.de Tim Wöbbeking

Innovatives und Traditionelles warten darauf, bestaunt zu werden, genauso wie Produkte aus der Region, die das Leben an Bord der Schiffe damals mit prägten, wie z.B. der Schiffszwieback, dessen moderne Weiterentwicklung, das Schiffsbrot, in Dosen im museumseigenen Shop erworben werden kann. Das Gebäude, in dem heute das Spicarium untergebracht ist, weist selbst auf eine lange Geschichte zurück und wurde um 1814 als Bestandteil einer Werft erbaut. Warum 1848 und in den darauf folgenden Jahren so viele Menschen den Aufbruch in die „Neue Welt“ wagten, behandelt die Ausstellung „1848“ und klärt dabei auch über die Auswirkungen im Schiffbau auf. Für Biologie- und Technikinteressierte wird in der Abteilung „Marine bionik“ unter anderem darüber berichtet, warum manche Anstriche für Schiffsrümpfe der Haut von Haifischen nachempfunden wurden. Auch hier sind die Museumsgäste durch spannende Modelle und MitmachAktionen in den Bann gezogen. Wie die Schifffahrt von morgen aussehen kann und

moderne Technik und zukunftsweisende Innovationen auch hier für Veränderungen sorgen werden, ist ein faszinierender Bereich dieser Ausstellung. Einen kleinen Einblick ins Thema Yachtbau ermöglicht die Firma „beiderbeck“, die im Speichergebäude ansässig ist. Für Schulklassen und Gruppen hält das Spicarium spezielle Angebote bereit. Weitere Informationen zum Spicarium im Internet unter www.spicarium-bremen.de Text: Tim Wöbbeking Fotos: Jürgen Langenbruch

… beinhaltet heute ein Museum

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 13

Plattdüütsch leevt (noch)! Wer den WESER-KURIER und die WÜMME-ZEITUNG aufmerksam liest, findet viele plattdeutsche Beiträge; hierzu einige Beispiele aus dem letzten halben Jahr: Da gab es die sechsteilige Serie „Tiet för Platt“. Sie berichtete u.a. von Frankenburger Grundschülern, die nach dem Unterricht freiwillig Niederdeutsch lernen; von zwei Krings in Lilienthal und Borgfeld, die die plattdeutsche Sprache lebendig halten; von der Grasberger Bürgermeisterin, für die Platt „ok geern mol Amtsspraak is“; von dem Verein „Dat Huus op'n Bulten“, der alljährlich den „Heinrich-Schmidt-Barrien-Preis“ vergibt, Preisträgerin ist in diesem Jahr die Lehrerin und Autorin Birgit Lemmermann. Die Kolumne „De Plattdüütsche Eck“ erheitert die Leser mit netten Geschichten, und Jürgen Ludwigs, der seit Jahrzehnten das Plattdeutsche pflegt, bietet in der Volkshochschule Kurse in Niederdeutsch an. „Fierabend op’n Dörpen“ lautet der Titel des elften Buches der Tarmstedter Autorin Grete Hoops, deren Ziel es ist, die plattdeutsche Sprache zu erhalten. Viele Jahre hat Hermann Gutmann die Leser des HEIMAT-RUNDBLICK als „Jan Heinerich“ mit seinen Döntjes zum Schmunzeln gebracht. Die Theatergruppe „De Plattsnackers ut Grasbarg“ bringt auf dem Findorffhof mächtig Stimmung. Selbst die BILD-Zeitung verlautet unter der Überschrift „Plattdeutsches Theater boomt im Norden“, dass das plattdeutsche Theater hoch im Kurs stehe. So hätten in 2012 rund 144.000 Zuschauer entsprechende Aufführungen besucht. Und in einer Wandsbeker Klinik lernen Pfleger und Ärzte Platt, damit sie sich besser mit ihren Patienten verständigen können. Die Erfahrungen sind positiv. Der seit mehr als zehn Jahren bestehende „Bundesraat för Nedderdüütsch“ fordert Platt-Unterricht in Kindergärten. „Die Eltern unterstützen uns, und die Kinder sind ebenfalls begeistert, vor allem, wenn sie ihre neu gewonnenen Sprachkenntnisse am Wochenende bei Oma und Opa unter Beweis stellen können“, so Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache im Bremer Schnoorviertel. Zahlreiche „plattdüütsche Böker för Kinner un junge Lüüd“ werden im Buchhandel angeboten. Selbst „Harry Potter“ ist als Hörbuch auf dem Markt, auf Platt natürlich. Ein Rekordversuch mit einer 222 Stunden langen Lesung auf Plattdeutsch in Oldenburg ist gelungen. Zehn Tage lang hatten knapp 300 Freiwillige ununterbrochen im Staatstheater Texte vorgetragen. Wochentags, jeweils um 10:30 Uhr, sendet „Bremen l“ plattdeutsche Nachrichten und nicht zuletzt bietet der Airport Bremen

RUNDBLICK Sommer 2013

„Föhrungen op Plattdüütsch för Besökers“ an. Im Kurier am Sonntag vom 21. Oktober 2012 ist zu lesen, dass die Bürgerschaft in Bremen den Antrag der Kulturdeputation zur Einrichtung eines Platt-Beirats einstimmig angenommen hat. In ihm sollen die Fraktionen, das Institut für niederdeutsche Sprache, niederdeutsche Dachorganisationen, niederdeutsche Strukturen aus den Bereichen Schule, Wissenschaft, Medien, Theater und Kirche vertreten sein. Erlebt das Plattdeutsche zurzeit eine Renaissance? Mitnichten! In der Einleitung einer Schrift des „Bundesraats för Nedderdüütsch“ aus dem Jahr 2009 heißt es: „Optimisten behaupten, dass das Niederdeutsche seit Jahrzehnten nicht so viel Aufmerksamkeit und nicht ein so hohes Maß an Sympathie erfahren hat wie heute. Pessimisten verweisen darauf, dass immer weniger Menschen Platt aktiv beherrschen: Die Sprecherzahlen sind dramatisch rückläufig, sie verweisen nachdrücklich auf eine existenzielle Bedrohung der Sprache“. Doch während laut einer Umfrage in acht Bundesländern auf die Frage: „Wie gut können Sie Platt verstehen?“, 16 % mit „sehr gut“, 30 % mit „gut“, 33 % mit „mäßig“, 14 % mit „wenige Worte“ und 7 % mit „gar nicht“ beantworteten, sinkt die Zahl beim Sprechen erheblich und beim Schreiben rasant! Reinhard Goltz vom bereits erwähnten Institut für niederdeutsche Sprache sagt in einem Gespräch, dass innerhalb einer Generation die Fähigkeit, Plattdeutsch zu sprechen, um die Hälfte zurückgeht. Flächendeckend, bei einem starken NordSüd-Gefälle, sprächen noch ca. 14 % der Bevölkerung Niederdeutsch, und zwar überwiegend ältere Menschen. Die plattdeutsche Sprache sei eindeutig bedroht! Das von ihm geleitete Institut, eine Einrichtung der norddeutschen Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen seit 1974, besitzt die größte Bibliothek für aktuelle plattdeutsche Literatur und hat mehr als 21.000 Medien der vergangenen 150 Jahre im Bestand. Die Sammlung von Theaterstücken sei die größte in der Welt, so Goltz.

Versuch, das Plattdeutsche zu retten Dieses Institut versucht, durch viele Aktivitäten das Plattdeutsche zu retten, u.a. durch Veröffentlichungen, Autorenlesungen, Lesewettbewerbe, Arbeitsgemeinschaften in den Schulen, Aktionswochen usw. Ein wichtiger Ansatz ist, auf die Bildungspolitik Einfluss zu nehmen. So ist in Hamburg seit fast drei Jahren Plattdeutsch

Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen. Foto: Helmut Stelljes

Wahlpflichtfach; in Niedersachsen ist geplant, pro Landkreis einen Lehrer/eine Lehrerin für dieses Fach zu benennen; in Mecklenburg-Vorpommern wird zurzeit 100 Lehrern/-innen ein entsprechender Kurs in einem 3-Jahres-Programm angeboten, der mit einem Zertifikat abgeschlossen wird; in Schleswig-Holstein gibt es Schulen mit dem Profil „Plattdeutsch“. Reinhard Goltz bleibt trotz vieler Bemühungen, den Schwund zu stoppen, skeptisch. In einem Aushang hat er in 12 Punkten zusammengefasst, was das Plattdeutsche ist: – eine Sprache für rund 10 Millionen Menschen, – eine Sprache zwischen Englisch und Hochdeutsch, – eine Sprache mit einer langen und wechselvollen Geschichte, – eine bedrohte Sprache, – eine Sprache zum Wohlfühlen, – eine Sprache, die in acht Bundesländern zu Hause ist, – eine Sprache mit vielen Dialekten, – eine Sprache auch in den USA, in Mexiko, Australien und Russland, – eine Sprache, in der Jahr für Jahr mehr als 180 Bücher erscheinen, – eine Sprache mit Gedichten, Romanen, Erzählungen, Theater, – eine ausdrucksvolle Sprache mit kräftigen Bildern, – eine Sprache, deren Wert politisch anerkannt ist. Nein, das Plattdeutsche, von der UNESCO zu den bedrohten Sprachen zählend, darf nicht sterben! „Tro di wat, snack Platt“! Helmut Strümpler Quellen: div. Zeitungsartikel aus WESERKURIER und WÜMME-Zeitung und Materialien des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen

13


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 14

Eine gute Verbindung Mit dem Moorexpress durchs Teufelsmoor

Der Moorexpress mit Güterwaggon für Fahrräder.

Foto: evb

Es sollte nur ein kleines Informationsgespräch über den Moorexpress werden, doch Eckhard Spliethoff als Pressesprecher des Unternehmens gewährte dem HeimatRundblick auch einen tiefen Einblick in den für das Elbe-Weser-Dreieck bedeutenden Verkehrsbetrieb evb. Anlass unserer ersten Frage war der Firmenname VNN auf dem Firmenschild vor der Eingangstür: Verkehrsgemeinschaft Nordost-Niedersachsen, ein Zusammenschluss von 28 Verkehrsunternehmen zwischen Bremen und Hamburg zur Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs in diesem Bereich, Teil dieser Gemeinschaft ist die evb, Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser GmbH in Zeven. Doch dann zum Moorexpress: Dieses historische Verkehrsmittel ist nicht als Teil des auf Gewinn ausgerichteten Unternehmens evb gedacht. Als Werbeträger wieder auf die Schiene gestellt, repräsentiert dieses Verkehrsmittel das Unternehmen evb und ist zu einem Symbol der Landschaft geworden. In der Sommersaison 2013 fährt der Moorexpress samstags, sonntags und feiertags auf der Strecke zwischen Bre-

men, Osterholz-Scharmbeck, Worpswede, Gnarrenburg, Bremervörde und Stade. Man kann bei der Fahrt durch das Teufelsmoor den Spuren der ersten Bewohner in den Findorffsiedlungen folgen. Dabei unterstützt ein Anhänger für die Mitnahme von bis zu 25 Fahrrädern den Tourismus auf dem Rad. Das Aussteigen an einem der zahlreichen Bahnhöfe ist möglich und gibt Gelegenheit, z.B. im Künstlerdorf Worpswede die Fahrt schon zu beenden, um dort zu verweilen und die Große Kunstschau oder eines der anderen Museen zu besuchen. Bilder berühmter Maler, Paula Modersohn-Becker, Fritz Mackensen oder anderer Vertreter der Künstlerkolonie sind hier zu finden. Doch es ist nicht nur die Wochenendfahrt, die den Moorexpress ausmacht, zu vielfältigen Anlässen wird dieses historische Verkehrsmittel gebucht. Firmen begeben sich damit auf den Weg zu einem Fest, Hochzeitsgäste erleben eine vergnügliche Fahrt zur großen Feier, Schulklassen machen einen Ausflug in diese herrliche Landschaft mit ihrer Vogelwelt. Dass es dabei auch einmal ein spektakuläres Erlebnis gibt, zeigt folgender Vorfall: Es hatte mehr als heftig geschneit, selbst für den Moorexpress zu viel. Der Schnee hatte sich an einer Stelle besonders hoch aufgehäuft, der Zug konnte diesen Berg nicht beiseite drücken, fuhr auf, verließ sein Gleis. Doch für die Fahrgäste war das kein Grund zur Besorgnis. Alle stiegen aus, nahmen sich vorhandenes Gerät oder die Hände und beseitigten das Hindernis. Dass die Fahrt danach umso fröhlicher fortgesetzt wurde, muss nicht betont werden.

Stop in Worpswede.

Foto: Horst Wöbbeking

und der „Förderverein Moorexpress“ um Dr. Wolfgang Konukiewitz bemüht, diesem Aushängeschild eine gesicherte Zukunft zu ermöglichen. Doch der Moorexpress könnte nicht bestehen, gäbe es nicht den Verkehrsträger evb. 70 Busse für den Linien- und Schülerverkehr bilden das Rückgrat der Firma. Die Fahrer, die im Schichtbetrieb diese Fahrzeuge lenken, werden von ihrem Arbeitgeber hoch eingeschätzt, was sich nicht nur in der Bezahlung widerspiegelt. Auf mehreren Linien, z.B. von Bremervörde nach Osterholz-Scharmbeck, von Zeven über Grasberg und Lilienthal nach Bremen werden zwei wichtige Linien bedient. Bei der Letzteren wurde die Bedeutung noch verdeutlicht, als es bei der geplanten Durchfahrt der Linie 4 durch Lilienthal um die Frage ging, ob die Schnellbuslinie künftig am Falkenberger Kreuz in Lilienthal enden sollte. Die Fahrgäste aus Grasberg und Worpswede protestierten, was dazu führte, dass eine Möglichkeit gefunden wurde, Lilienthal weiter zu bedienen und ohne Umstieg auch künftig die Bremer Innenstadt zu erreichen. Die Übernahme dieser Strecke von dem in Lilienthal angesiedelten Privatunternehmen Fr. von Ahrentschildt hat sich für die Fahrgäste ausgezahlt. – Doch auch die Verbindung von Zeven nach Tostedt mit der Anbindung an den Metronom nach Hamburg ist von den Bewohnern der geringer

evb und „Förderverein Moorexpress“ sichern Zukunft Firmenschild in Zeven

14

Foto: Harald Steinmann

Für den Erhalt des Moorexpress werden keine Landesmittel zur Verfügung gestellt. Neben der evb sind eine Arbeitsgruppe

Eckhard Spliethoff, Pressesprecher der evb Foto: Harald Steinmann

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

besiedelten Landgegend gut angenommen. Die evb ist ein eigenständiger Betrieb, an dem das Land Niedersachsen mit 58 % die Mehrheit hält und somit Eigentümer ist. Gemeinsam mit den anderen Eigentümern (Landkreise, Gemeinden und Städte der Region) ist erkannt worden, dass der demografische Wandel auch Einfluss auf den Bereich Personenbeförderung nimmt. Dadurch, dass die Bevölkerung älter, der Druck, in die Stadt ziehen zu wollen oder zu müssen, größer wird, und weniger Kinder geboren werden, dünnt die Landbevölkerung aus, was Einfluss nimmt auf die Zahl der Fahrgäste, sowohl beim Linienverkehr als auch bei der Schülerbeförderung. Um die bisher erreichte „schwarze Null“ im Bereich Bus halten zu können, werden alle Anstrengungen unternommen, die Attraktivität zu erhalten. Den Versuch, auch Reisebusverkehr anzubieten, musste man aufgeben, da bei den gezahlten Löhnen und Einhaltung der Lenkzeiten kein Ertrag zu erzielen war, im Gegenteil. Vom Einsatz von Linienbussen im Fernverkehr hat man aus diesen Gründen von vornherein abgesehen. Das Vorhaben, den Fuhrpark zu modernisieren, ist natürlich abhängig vom erzielten Ertrag. Gern würde man den bestehenden Fuhrpark schneller erneuern, doch

Termine der Heimatvereine Findorff-Heimatverein Grasberg Findorff-Hof Grasberg, Am Schiffgraben 7 Kontakt: Hilde Bibelhausen Tel.: 04208 / 12 44 Sonntag, 28. Juli 2013 15.00 Uhr, Kaffeenachmittag, FindorffHof Grasberg Sonnabend, 10. August 2013 13.30 Uhr, Fahrradtour, 18.00 Uhr Grillen, Findorff-Hof Grasberg Sonntag, 25. August 2013 14.00 Uhr, Tag der offenen Tür, FindorffHof Grasberg Sonntag, 29. September 2013 15.00 Uhr, Kaffeenachmittag mit Shantychor, Findorff-Hof Grasberg Findorff-Verein Worpswede Viehlander Straße 8, 27726 Worpswede, Tel.: 04791 / 38 35 Mittwoch, 31. Juli 2013 19.30 Uhr, Gedenkfeier am FindorffDenkmal

RUNDBLICK Sommer 2013

Seite 15

mit den bisher genutzten klimatisierten Niederflurbussen, die an den Haltestellen zum besseren Einstieg abgesenkt werden können, bietet man den ca. 4 Millionen Fahrgästen pro Jahr schon jetzt eine angenehme und sichere Beförderung. 1991 wurden von der Deutschen Bahn für eine DM verschiedene Strecken aufgekauft, sodass das evb eigene Schienennetz auf ca. 280 km anwuchs, was natürlich eine kostenträchtige Wartung bedeutete, dies gilt insbesondere für Schienentrassen, die durch Moorgebiete führen. Die Instandhaltung von Brücken, technisch gesicherten Bahnübergängen und Bahnhöfen ist ein großer Kostenfaktor. Doch insbesondere die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs zwischen Buxtehude und Bremerhaven (später die weitere Bedienung nach Cuxhaven) wird von ca. 2 Millionen Fahrgästen pro Jahr genutzt. Diese Strecke wurde vor drei Jahren neu ausgeschrieben, doch man konnte gegen ein Angebot der Deutschen Bahn bestehen und somit für zehn Jahre eine stündliche Verbindung zwischen den Orten Buxtehude und Cuxhaven bis 2021 erhalten.

Heimatverein Lilienthal e.V. Klosterstraße 16 b, 28865 Lilienthal, Tel.: 04298 / 60 11 Sonnabend, 13. Juli 2013 13.30 Uhr, ab Heimatmuseum in PKW-Fahrgemeinschaften zum Lokal „Kreuzkuhle“, Gnarrenburg, interessante Torfkahnfahrt über Balbeck und Hamme bis zur 1. Schleuse, dann den Giehler Bach hinauf (Quellfluss der Hamme) bis zu einer Anlegestelle im Grünen, dort Kaffee und Kuchen satt, Rückfahrt in Fahrgemeinschaften ab Kreuzkuhle. Anmeldung bis Dienstag, 9. Juli 2013, erforderlich. Die Liste liegt 2 Wochen vor der Veranstaltung bei Buch & Papier winter aus, Info-Telefon 04298 / 23 24 (U. Roschen) Heimat- und Bürgerverein Ritterhude e.V. Hannelore und Gerhard Monsees Tel.: 04292 / 27 15 Sonnabend, 14. September 2013 9.00 Uhr, Tagesfahrt in die Heide Worphüser Heimotfrünn e.V. Hofanlage Lilienhof, Worphauser Landstr. 26 a, Kontakt: Hinrich Tietjen, Tel. 04792 / 76 79 Sonnabend, 27. Juli 2013 Tagesfahrt zur Bundesgartenschau in Hamburg, Anmeldung beim Vorstand

Fachleute wissen zu schätzen, dass auch der Güterverkehr ins gesamte Bundesgebiet von der evb betrieben wird. Dieser Sektor mit der größten Bewegung und Dynamik, besonders beim Transport von Containern, stellte die größte Herausforderung für das Unternehmen dar. Doch in enger Zusammenarbeit mit Bremer Speditionen hat man auch diese Hürde genommen und ist ein gern gesehener Partner. Dem Geschick des Disponenten, z.B. der Bremer Spedition ACOS, ist es überlassen, Ladung zu akquirieren und dabei auch für eine gute Auslastung zu sorgen, was bedeutet, dass der Zug sowohl auf der Hinals auch Rückfahrt Ladung transportiert. War man vor 15 Jahren neben der Deutschen Bahn das zweite Bahnunternehmen, das den Hamburger Hafen anfuhr, so sind es heute über 100 Eisenbahnunternehmen, die dem Hamburger Hafen ihre Dienstleistungen anbieten! Im Jahr 2011 wurde die Mehrheit an der Mittelweserbahn übernommen, ein Unternehmen, das ausgezeichnet in die Planung der evb passte. Mit 70 Güterzuglokomotiven und über 200 Eisenbahnern ist man in dieser Sparte ebenfalls auf dem richtigen Weg. - Wohl auch für den Leser ein interessanter Blick hinter die Kulissen. Manfred Simmering / Harald Steinmann

Sonntag, 18. August 2013 ab 14.00 Uhr, Backtag, Butterkuchen frisch aus dem Steinbackofen Heimat- und Verschönerungsverein Bremen-Lesum e.V. Alter Schulhof 11, 28717 Bremen, Tel. 0421 / 63 46 Donnerstag, 18. Juli 2013 15.00 Uhr, Schulschiff „Deutschland“, Besichtigung des weißen Schwanes der Unterweser. Eintritt und Führung . 5,–, anschl. Kaffeetrinken im „Nautico“ (nicht im Eintritt enthalten), verbindliche Anmeldung bis 9. Juli 2013, Leitung: Adolf Deck, Tel. 0421 / 6 36 60 48 Um diese Rubrik immer auf dem neuesten Stand zu haben, sind wir auf die Angaben der Vereine angewiesen. Wir bitten deshalb um Ihre Mithilfe. Melden Sie doch bitte die Termine bis Redaktionsschluss an den Verlag. Wir freuen uns auf Ihre Nachrichten entweder per Telefax (04298 / 3 04 67) oder per E-Mail (info@heimat-rundblick.de). Die Redaktion

15


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 16

Vor 100 Jahren ...

Eltern und älteren Arbeitskollegen, dem jungen Nachwuchs klar zu machen, daß eine strenge Lehrzeit ihm nichts schadet und nur zu seinem Besten ist. Später, im praktischen Leben, wird stärker gesiebt, als der Lehrling jemals glaubt. (…) Darum sollte kein Handwerkslehrling darüber ungehalten sein, wenn er im eigenen Interesse vom Lehrmeister scharf rangenommen wird. Und ebensowenig sollten die Eltern noch die Unlust eines solchen Mißvergnügten durch Mitleid und Entrüstung stärken, oder ihn gar gegen den Lehrmeister aufhetzen, wie es heutzutage, im Zeitalter des ,Humanitätsdusels´ immer noch geschieht.“

Heimatrückblick: Presseberichte von April bis Juni 1913 Die Auswahl der Presseberichte bietet wieder eine bunte Palette aus den verschiedensten Lebensbereichen der Menschen in der damaligen Zeit. Da der Raum für die Wiedergabe der Ereignisse begrenzt ist, fällt es schwer, auf weitere interessante und aus heutiger Sicht überraschende Inhalte zu verzichten… Hereingenommen wurden auch wieder Texte, die sich mit Ereignissen im benachbarten Bremen befassen.

Eine sonderbare Sozialfürsorge

Vom „Kreiswiesenbaumeister“ und über den Beginn der Lehrjahre Landkreis. Auf der letzten Sitzung des Kreisausschusses beschlossen die Mitglieder die Einstellung eines Kreiswiesenbaumeisters. Zur Begründung heißt es in dem entsprechenden Bericht, dass auch schon andere Kreise des Regierungsbezirkes Stade eine solche Stelle ausgeschrieben hätten: „Auch haben die Kreise an der Anstellung solcher Beamten ein erhebliches Interesse, weil die Kreiswiesenbaumeister durch ihre auf dem räumlich beschränkten Gebiet eines Kreises ausgeübte Tätigkeit allmählich sich eine solche Ortskenntnis verschaffen können, daß sie vorzüglich geeignet sind, die Gelegenheiten zur Bodenverbesserung herauszufinden. Hierdurch trägt ihre Tätigkeit dazu bei, den Sinn der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung für Verbesserung und rationelle Bewirtschaftung ihrer Ländereien vornehmlich auf dem Gebiet des Wiesenbaues zu wecken und die Landeskultur

16

zu heben. (…) Der Kreis ist bekanntlich sehr wasserreich, die Wasserwirtschaft ist in vielen Beziehungen schwierig und verwickelt, mehr als 60 größere und kleinere Genossenschaften und Interessenschaften sind zur Ordnung des Wasserwesens gebildet. (…) So sind die Verhältnisse durchaus nicht einwandfrei und im Interesse der Landeskultur ist es dringend erwünscht, hierin eine Besserung anzustreben. Dies aber läßt sich erreichen, wenn dem Landrat eine technisch erfahrene Hilfskraft zur Seite gestellt wird. Es kommt hinzu, daß im Kreise noch große, unkultivierte, aber kulturfähige Flächen – und zwar rund 14 000 ha - vorhanden sind, die allmählich nutzbar zu machen die Kreisverwaltung für eine ihrer wichtigsten Aufgaben hält.“ Lilienthal. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre und Lehrlinge sind keine Herren! Unsere jüngsten Sprößlinge, die seit dem 1. d. Mts. ihre neuen Stellen angetreten haben, werden den Übergang aus dem Elternhause ins Alltagsleben als etwas Ungewohntes und wenig Zusagendes empfinden. Noch vor wenigen Wochen hing man an Mutters Schürze, konnte ganze Nachmittage draußen im Freien mit gleichaltrigen Freunden spielen und hatte als der „große Junge“ hier und da sogar das Recht, einen Ton mitzureden. Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden. Der Meister und der Geselle zupfen den Neuling oft recht derb am „Horchlappen“, wenn er sich keine Mühe gibt und nicht aufpassen oder nicht begreifen will. Für zwecklos verpfuschtes Material setzt es herbe Rügen und Anpfiffe, kurz, das Leben ist, wenigstens vom Standpunkt solches 14jährigen Lehrlings, nicht wert, daß man sich damit abgibt. - - - Hier heißt es für die

Landkreis. „(Die Unterbringung von Arbeitsscheuen in der Provinz Hannover.) Am 23. Juli 1912 ist bekanntlich das Gesetz über die Abänderung und Ergänzung des Ausführungsgesetzes zum Reichsgesetz über den Unterstützungswohnsitz ergangen. Das Gesetz sieht vor, daß arbeitsscheue Personen, die der Armenpflege zur Last fallen, sowie Personen, die sich der Unterhaltungspflicht für ihre Angehörigen pflichtwidrig entziehen und dadurch die öffentliche Unterstützung ihrer Familie nötig machen, für die Dauer eines Jahres in einer Arbeitsanstalt untergebracht werden können. Die Unterbringung wird durch den Kreis- oder Stadtausschuß beschlossen und erstreckt sich auch auf uneheliche Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen und die Sorge den Armenbehörden überlassen. (…) In Durchführung des Grundsatzes, daß das Landesdirektorium keinerlei Gewinn oder Vorteil aus der Verpflegung der Arbeitsscheuen ziehen will, soll auch der Arbeitsverdienst der Insassen den Armenverbänden voll gutgeschrieben und ein etwaiger Überschuß nötigenfalls zum Unterhalt der Angehörigen der Arbeitsscheuen verwandt werden. Mit der Regelung der Unterbringung der Arbeitsscheuen hat der Provinziallandtag noch eine andere Fürsorge ver-

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

bunden, nämlich die für entmündigte Trinker. (…) Wenn die Trinker auch anfangs arbeitsunlustig waren, so gewöhnten sie sich doch bald durch den Zwang an die Arbeit und haben unter Aufsicht Gutes geleistet.“

Fälle aus dem Schöffengericht Lilienthal. „R., gebürtig aus Osterwede, hatte zwischen Weihnacht und Neujahr vorigen Jahres Auktion abgehalten. Unter den verkauften Gegenständen waren Sachen seines Stiefvaters B. . Dieser hatte von den Auktionsgeldern 49 Mk. zu fordern. R. ließ sich die ganze Auktionssumme vom Auktionator auszahlen, gab aber seinem Stiefvater von dessen Forderung nichts, weil er der Meinung war, daß er damit warten könne bis zum 1. September, da dann erst der Zahlungstermin für die Auktionsgelder stattfindet. Der Angeklagte, welcher wegen Unterschlagung angeklagt war, wurde kostenlos freigesprochen. – Das Dienstmädchen U. K. aus Mirow bei Neustrelitz war wegen Diebstahls angeklagt. Sie war im Dienst beim Einwohner M. in Eickedorf. Dort hatte sie am 27. Januar die Kleider des M. zu reinigen. In der Weste des Ms. steckte eine silberne Uhr mit goldener Kette. Nachher war die Uhr verschwunden, fand sich aber später im Waschtisch in einer Hutschachtel wieder. Der Verdacht, die Uhr aus der Westentasche gezogen und im Waschtisch versteckt zu haben, lenkte sich auf U. K., zumal ein 12jähriges Mädchen aussagte, daß die Angeklagte ihr die Uhr gezeigt habe. Ferner wird die Angeklagte beschuldigt, ein altes Vorhängeschloß aus dem Kasten der Herrschaft genommen zu haben. Die Angeklagte bestritt energisch beide Taten und erreichte ihre Freisprechung. In einem zweiten Termin wurde gegen die Angeklagte verhandelt wegen vorzeitigen Verlassens ihres Dienstes. Zu ihrer Entschuldigung führte sie an, daß ihre Herrin zu ihr gesagt, sie habe gestohlen. Das Urteil lautete gegen sie auf 9 Mk. Geldstrafe, weil kein gesetzlicher Grund zum Verlassen des Dienstes vorlag. – L. aus Worpswede war angeklagt, nicht für die

RUNDBLICK Sommer 2013

Seite 17

Unterhaltung seines Kindes gesorgt zu haben. Er konnte aber durch Quittungen nachweisen, daß er nur für Januar und März im Rückstande war. Im Gerichtssaal zahlte er an den Vormund die Schuld für Januar. Das Urteil lautete auf Freisprechung. – Der Arbeiter R. aus Worpswede war angeklagt wegen Nichterfüllung der Unterhaltspflicht gegen seine Familie, die Armenunterstützung in Anspruch nehmen mußte. R. gab an, seine Frau ginge schlecht mit dem Gelde um. Er gebe ihr seinen nicht geringen Verdienst wöchentlich. R. wurde zu 1 Mk. Geldstrafe verurteilt.“

Walfischfang von Bremen aus – Flugstützpunkt auf dem Neuenlander Feld Bremen. „Der Walfischfang soll von Bremen aus wieder aufgenommen werden. Durch die bremische Walfanggesellschaft ,Sturmvogel´, die zunächst zwei Walfangdampfer in Norwegen hat erbauen lassen. Diese beiden Dampfer ,Seeadler´ und ,Sturmvogel´ trafen am Donnerstagmittag in Bremen ein. Die in Größe wie die Heringsdampfer erbauten Fahrzeuge sind 104 Fuß lang und 20 Fuß breit. Vorn auf der Back ist das Harpunengeschütz aufgebaut. Die Walfangdampfer sind mit allen für den

Fang bestimmten Geräten ausgerüstet, haben zwei Masten und einen gelb angestrichenen Schornstein. Die Besatzung einschließlich Kapitän besteht aus Norwegern, die Kenntnisse im Walfang besitzen. Beide Dampfer sind von Bremen nach Bremerhaven gefahren, um Kohlen einzunehmen, von dort fahren sie nach den Walfischgründen Deutsch-Südwest-Afrika.“ „Das Segeln auf dem Kuhgraben ist, worauf besonders aufmerksam gemacht sei, nicht immer gestattet. Eine landherrliche Verordnung vom 22. Oktober vorigen Jahres besagt, daß das Segeln vom 15. Juni bis 15. September auf dem Kuhgraben von der Achterstraße bis Kuhsiel verboten ist. Ausgenommen von diesem Verbot sind bis auf weiteres die in diese Zeit fallenden Sonntage. Ferner haben die Segler beim Segeln auf dem Kuhgraben, sobald Pferde herannahen, die Segel so rechtzeitig einzuziehen, daß ein Scheuen der Pferde vermieden wird. Zuwiderhandlungen können mit einer Geldstrafe oder auch mit Haft bestraft werden.“ „(Die Herstellung eines Flugstützpunktes in Bremen ist gesichert.) Der Bremer Verein für Luftfahrt e.V. hat in einer Donnerstag abgehaltenen außerordentlichen Hauptversammlung beschlossen, die Garantie dafür zu übernehmen, daß in Bremen die nötige Summe von 8 000 Mk. aufgebracht wird. Im ganzen sind etwa 24 000 Mk. für die Herstellung des Flugstützpunktes, wie er den Anforderungen namentlich der MilitärLuftfahrt entspricht, erforderlich, doch ist nur etwa ein Drittel der Kosten in Bremen aufzubringen. Es handelt sich besonders darum, im Neuenlander Feld einen massiven Schuppen für Flugzeuge zu errichten. Es ist in Deutschland bereits eine sehr bedeutende Anzahl von Flugstützpunkten vorhanden, da im Ernstfalle die zahlreichen, über das ganze Reich zerstreuten Flugschulen hierfür verwendet werden können. Nach der Fertigstellung des Flugstützpunktschuppens dürfen wir erwarten, daß unsere Stadt noch häufiger zum Ziel oder zu einer Station von Überlandflügen gewählt wird.“ Peter Richter Quelle: Zeitungsarchiv des Heimatvereins Lilienthal

17


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 18

Die Anfänge des Dorfes Teufelsmoor Mit der Findorff-Karte von 1755 wird uns ein sehr präzises Bild der Ortschaft Teufelsmoor zu jener Zeit vermittelt. Die Anfänge dieser Siedlung liegen aber nach wie vor im Dunkeln. Denn bisher ist es noch nicht gelungen, die Entstehung des Dorfes zeitlich hinreichend präzise einzugrenzen. Das immer wieder genannte Jahr 1335 ist kaum haltbar 1), da die notwendigen topographischen Hinweise zu vage sind. In der Urkunde heißt es lediglich „…in Vlice, id est Moer…“. Daraus lässt sich eine genaue Lageangabe nicht herleiten. Das heißt andererseits aber auch nicht, dass Teufelsmoor zu der Zeit nicht schon existiert haben könnte. Seit seiner Gründung im Jahr 1182 ist es dem Benediktinerinnen-Kloster Osterholz gelungen, sich Einfluss und umfangreiche Besitztümer zu verschaffen. Dies lässt sich das Kloster in einer Urkunde vom 26. Oktober 1280 durch den Bremer Erzbischof Gyselbertus 2) bestätigen. Hierin werden die dem Kloster Osterholz gehörenden Besitzungen und Rechte aufgelistet. Neben vielen anderen Örtlichkeiten werden z. B. Pennigbüttel, St. Jürgen und Worpswede genannt; in einer Passage heißt es: „Fflezete (bzw. Fletzete) unum mansum,…“3). Die Ähnlichkeit mit Vlice erscheint recht deutlich, aber auch hier kann man dieses Besitzstück nicht näher lokalisieren. Auch die Angabe „Moer“ ist nicht eindeutig, dazu sind die Moorflächen im Hamme-Wümme-Gebiet zu zahlreich. In einer Urkunde vom 9. Oktober 1331 ist das Moorgebiet jedoch präziser gekennzeichnet. Hier führt die Beschreibung ins St. Jürgensland, wenn es heißt: „que sunt a flumine Hamma usque ad viam superiorem, que ducit prope paludem Sancti Georgi vulgariter dictam moer,…pertineant pleno iure ad prepositum et conventum monasterii in Osterholte…“4). Die Bevölkerung spricht also ganz offensichtlich das beschriebene Gebiet, das zum Kloster Osterholz gehört und von der Hamme zum oberen Weg und nach St. Jürgen führt, als Moor an. Bereits 1280 waren Besitzungen des Klosters im St. Jürgens-Land bestätigt worden. Wenn hier jetzt dieses Moorgebiet ohne weitere Kennzeichnung verwendet wird, könnte dies darauf hindeuten, dass diese Bezeichnung exklusiv nur für das bezeichnete Gebiet verwendet wurde. Die Urkunde von 1335 ist nur 4 Jahre von der oben erwähnten entfernt. Ist es da nicht wahrscheinlich, dass auch in jener ein Gebiet im St. Jürgensland gemeint sein könnte? Eine weitere Entwicklung gegenüber 1280 ist der Urkunde zu entnehmen. War es damals eindeutig der Erzbischof, der Titel und Besitz verlieh, taucht er zwar noch – ohne Namensangabe 5) – auf, an

18

erster Stelle steht aber jetzt der Rat zu Bremen, ein Beleg dafür, wie nach dem Tode Giselberts 1306 das Erzstift in eine Krise mit abnehmendem Einfluss der Erzbischöfe geriet. 6) Und unter den Zeugen taucht an erster Stelle Heyno de Westerbeke auf, wohl ein Hinweis auf enge Beziehungen zwischen Rittergeschlecht und Kloster. Die Urkunde von 1335 gibt einen weiteren Namen an, sogar zwei Mal. Zunächst heißt es „in Vlice…colit Henricus, dictus Hemene…” 7), dann später „unum kamp in Hemene, quod solvit quolibet anno unum molt sigilinis.“ 8) Es ist nicht klar, ob dabei dasselbe gemeint ist, man kann es nur vermuten. Als Ortsbezeichnung ist Hemene nicht bekannt und taucht nirgends sonst auf. Vielleicht liegt der Grund darin, dass beim Abschreiben der Original-Urkunde der Name nicht richtig gelesen werden konnte und aus einem m ein en geworden ist, was leicht hat passieren können. Wenn diese Annahme sich als richtig erweisen sollte, dann wäre die Örtlichkeit Hemme, ein Hufendorf, das im Zuge der Holler Kolonisation entlang der Kleinen Wümme entstanden ist (und bereits 1139 urkundlich erwähnt wurde) und heute noch in der „Hemmstraße“ fortbesteht. Gezahlt wurde jedenfalls jährlich ein Molt Roggen (oder Weizen), ein Hinweis darauf, dass hier offensichtlich ertragreicher Ackerbau möglich war, was für das Moor zu der Zeit nicht unbedingt anzunehmen ist.

1365 erstmals auf Ort Teufelsmoor hingewiesen Während also alle älteren Urkunden nicht auf das Gebiet bzw. die Ortschaft Teufelsmoor hinweisen, befinden wir uns erst mit dem Jahr 1365 auf der sicheren Seite. Mit Datum vom 3. August heißt es dort u. a. „…Hinricus de Ouwmunde, Thidericus, Nicolaus et Conradus, eiusdem Hinrici filii…vendimus…Nicolao preposito, Mechtildi priorisse totique conventui sanctimonialium monasterii in Osterholte,…Bremensis diocesis, successoribusque suis bona nostra sita in Sveneklampe, que pro anno Iohannes, Siburgis maritus vocatus, colit et inhabitat,…“ 9) Hinricus de Ouwmunde und seine Söhne haben hiernach dem Propst Nicolaus, der Priorin Mechtild sowie dem gesamten Kloster Osterholz 10) ihre Güter in Sveneklampe mit allen Rechten verkauft. Bewirtschaftet wurde der Besitz seinerzeit von Johannes, dem Gatten von Siburgis. 11) In der Fußnote steht: „Im Copiar sowohl als im Inventar ist hinzugefügt, daß Sweneklampe jetzt Duvelsmoer, Teufelsmohr heißt. Das Dorf Teufelsmoor aber liegt am Teufelsmoore.“ 12) Hier wird also zum ersten Mal deutlich auf den Ort Teufelsmoor hingewiesen. Damit wäre 1365 das Jahr, in dem Teufels-

moor – als Sveneklampe – erstmals urkundlich erwähnt ist. Außerdem wird deutlich, dass die Herren von Aumund dort Besitz hatten, also möglicherweise eine Rolle bei der Gründung des Ortes gespielt haben. Ferner wird ersichtlich, dass das Landstück von einem Johannes bewirtschaftet wurde, also schon seit einer gewissen Zeit in Kultur war.

Die Herren von Aumund Bestätigt und ergänzt werden diese Erkenntnisse durch eine weitere Urkunde, datiert vom 25. Jan. 1369, in der es u. a. heißt: „Ego Thidericus, filius quondam Iohannis de Ouwmunde famuli,…vendidi…Rodolpho preposito, Mechtildi priorisse totique conventui sactimonialium monasterii in Osterholte…bona mea, sita in Sweneclampe, que ad presens Martinus Woleri colit,…“ 13) Auch hier also ein Verkauf von Gütern aus dem Besitz derer von Aumund an das Kloster Osterholz. Bewirtschaftet von Martinus Woleri. Ein etwas anderer Verkauf wurde am 9. Jan. 1371 beurkundet. „Christianus de Ouwmunde, famulus,…vendidi…discreto viro Gerhardo dicto Recamp...myn moer stucke, sitam in Sweneclampe, quam Woler pro nunc colit et inhabitat... pro quinque marcis Bremensibus...“ 14) Hier wird ein Moorstück aus dem Besitz des Knappen Christian von Aumund verkauft, aber nicht ans Kloster, sondern an einen Privatmann namens Gerhard, genannt Recamp. Bewohnt und bewirtschaftet wurde das Stück von Woler; der Verkaufspreis betrug 5 Bremer Mark. Die letzte dieser Urkunden dokumentiert wiederum den Verkauf von Land an das Kloster. „Wy Hinrick van Ouwmunde, Dyderick und Cort, des sulven Hinrickes sone, Kerstien und Dyderick, Johan Cordes sone, ock geheten van Ouwmunde, bekennet…, dat wy…hebbet vorkofft…deme erhafftigen manne heren Roleve van Bordeslo, praveste, vorn Berthen, priorynnen, gehetet van Werpe 15), und deme menen convente tho Osterholte, twe more, de belegen syndt uppen Swenenklampen, den enen buwet Hennycke Witte, und den anderen Junge Stoltewet…vor teyn Bremer marck…“ 16) Mit Datum vom 15. August 1374 wird hier der Verkauf von 2 Stücken Moorland an das Kloster beurkundet. Alle Verkäufe sind also seitens der Herren von Aumund erfolgt. Hieraus kann nur der Schluss gezogen werden, dass es dieses Geschlecht war, das Teufelsmoor als Landfläche erhalten, vermutlich in eigener Regie vermessen und an siedlungswillige Bauern verteilt hat. Seit wann mag dies der Fall gewesen sein? Gibt es weitere Hinweise auf die Entstehung des Ortes? Eins scheint auf alle

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 19

Fälle gesichert: Bei der bereits beschriebenen Regelhaftigkeit der Siedlungsanlage kann von einer gewachsenen Siedlung nicht die Rede sein, sondern die Besiedlung des Gebietes muss nach einem vorher ausgearbeiteten Plan erfolgt sein.

Ein Blick nach Waakhausen Dies gilt auch für das in ähnlicher Form entstandene Waakhausen, das hier nur kurz betrachtet werden soll. In der ersten urkundlichen Erwähnung wird dokumentiert, dass Henningus und Gevehardus de Westerbecke alle ihre Güter in Waakhausen, nämlich 5 moer mit der Hälfte, an das Kloster verkauft haben. 17) 1369 hat Christianus de Westerbecke seine Hälfte an den Gütern in Waakhausen an das Kloster verkauft. 18) Hier sind es also die Herren von Westerbeck, die ihre Güter dem Kloster verkauft haben. Waren sie hier die Kolonisatoren? Es ist zu vermuten, wenn auch nicht klar ist, wie groß der Anteil an der gesamten Siedlung gewesen ist. Wenn der Besitz insgesamt 5 1/2 Moorstücke betragen hat, war das deutlich weniger, als für den Ort insgesamt anzunehmen ist. Der zweite Verkauf deutet aber darauf hin, dass zuvor eine – durch Erbschaft erfolgte – Besitzaufteilung stattgefunden hat. Insofern könnten die von Westerbeck tatsächlich zu Beginn den gesamten Ort Waakhausen innegehabt haben. Die bis dahin erlangte Bedeutung derer von Westerbeck unterstreicht diese Möglichkeit. Die Abstammung leitet sich von einem Elerus ab, der 1182 genannt wird und u. a. mit 2 Vollhofstellen in Westerbeck durch den Osterholzer Propst Eylardus ausgestattet wurde. 19) Seine Söhne Hermann und Bertolt tauchen als Ministeriale von Heinrich auf, der – als Sohn Heinrichs des Löwen – Herzog von Sachsen und Pfalzgraf bei Rhein war und die Grafschaft Stade im Besitz hatte. 20) Nach dessen Tod 1227 waren sie in Diensten des Bremer Erzbischofs. Ministeriale waren herausgehobene Dienstmannen, zu deren Pflichten Kriegsdienst, Verwaltungsdienst u. ä. gehören konnten; auch die Tätigkeit des Kultivators in den Marschen wird genannt. Für die durch Treueschwur versprochenen Dienste wurde der Ministeriale belohnt mit Landbesitz (üblich waren 2 Vollhöfe, vgl. o.) und bestimmten Rechten. 21) Wie die Karte 22) zeigt, waren die von Westerbeck die einzigen fürstlichen Ministeriale in unserem Gebiet (in der Karte die Nummern 21 und 22); die nächstgelegenen wären die von Burg (Nr. 48, 56, 65). Die Nachkommen von Hermann (s. o.) waren in direkter Linie Heyno I., Heyno II. und Johann III.; alle werden als Ministeriale des jeweiligen Erzbischofs aufgeführt. In dieser Zeit – also von Anfang des 13. Jahrhunderts bis etwa 1330 – könnte die Gründung Waakhausens erfolgt sein, denn die Söhne

RUNDBLICK Sommer 2013

• = Ministerialen-Sitz (Dorf/Ortschaft) 앮 = Städte (Bremen, Stade, Hamburg, Lüneburg) und Burgen (Bremervörde, Harburg, Freiburg)

von Johann III. werden schon nicht mehr als Ministeriale genannt, 23) und Enkel von ihm haben dann die o. g. Verkäufe getätigt. Um mögliche Parallelen, aber auch Unterschiede ausfindig zu machen, bietet sich der Blick auf das räumlich wie zeitlich nahe gelegene Gebiet der Holler Kolonisation an, mit dem sich Fliedner ausführlich beschäftigt hat. 24) Einige seiner Erkenntnisse sollen hier vorgestellt und dann in Bezug auf die Orte entlang der Hamme gesetzt werden.

Vorbild: Die Holler Kolonisation Die Anlage von Siedlungen im Zuge der Holler Kolonisation fand im 12. und 13. Jh. statt; als Beginn wird eine Urkunde von 1106 genannt, in der seitens des Bremer Erzbischofs, der Landesherr war und dessen Territorium – anders als die politischen Verhältnisse heute sind – über die Wümme hinausging, siedlungswilligen Holländern Ländereien zur Verfügung stellte, die sie als freie Siedler bewirtschaften konnten, in denen sie aber auch gemeinschaftliche wasserbauliche Arbeiten zu erfüllen hatten. Grundlage war das Holler oder Hollische Recht, nach dem die Bauern ihr Eigentum auch frei vererben konnten, wobei auch Teilungen des Besitzes möglich waren (Realteilungsrecht). Die Ländereien waren bis dahin unbesiedelt und erlaubten so eine umfassende planerische Gestaltung. Zunächst wurde hierbei das Hollerland erschlossen, später (1179 erstmals erwähnt) das Blockland, noch später das St. Jürgensland (Kirche von St. Jürgen 1230 erwähnt). Im St. Jürgensland war dann bereits das Anerbenrecht gültig, d. h. der Besitz konnte nur geschlossen an den ältesten oder jüngsten Sohn vererbt werden.

Der Besiedlung ging eine umfassende Planung voraus, in der u. a. die Größe der Parzellen, die Lage der Höfe sowie die Wasserbaumaßnahmen festgelegt worden sind. Die Größe der Hufen erreichte mit 47 – 48 ha eine beachtliche Größe, die zur Ernährung einer Familie allemal ausreichen sollte. Dabei überschritt die Länge der Hufen deren Breite beträchtlich; Fliedner gibt eine Länge von – im Durchschnitt – 720 Königsruten bei einer Breite von 30 Königsruten an; dies sind etwa 3,4 km in der Länge und 140 m in der Breite. Er bezeichnet sie als Holländerhufen, zu denen keine Allmende gehörte. Gräben zwischen den Hufen dienten als Besitzgrenze sowie zur Entwässerung der Gemarkung. Die Hofplätze wurden auf den Hufen errichtet, und zwar am einen Ende der Hufe. Dieses Ende lag auf der von der Wümme abgelegenen Seite, von der Überschwemmungsgefahr bei Sturmfluten usw. ausging. So lag das erwähnte Hemme mit ursprünglich 19 Hofstellen an der Kleinen Wümme, die Ortschaften im St. Jürgensland etwa parallel zur Wümme, z. T. entlang eines Achterdeiches. Zum Schutz vor Hochwasser wurden die Behausungen auf Wurten errichtet, je Hufe also eine Wurt. Auch Deiche gehörten zu den gemeinschaftlich zu errichtenden Baumaßnahmen, um vor Überflutungen zu schützen. Insgesamt sollte durch Siedlungsplanung und Aufgabenverteilung gewährleistet werden, dass die Siedler es mit etwa gleichen Ausgangsbedingungen zu tun hatten. Zusätzlich war im Siedlungsplan die Errichtung von Kirchen vorgesehen, wobei zu einem Kirchspiel mehrere Bauernschaften gehörten. Fliedner sieht dabei die Kirche als Siedlungsschwerpunkt, wenn auch nicht -mittelpunkt, da die Kirchen eher randlich, aber in exponierter Stellung errichtet wurden; sie bildeten aber den geistlichen Mit-

19


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 20

Marschhufensiedlungen nördlich von Bremen vor 1350

telpunkt. Ferner dienten sie als Organ der landesherrlichen Verwaltung und Sitz des niederen Gerichts mit Versammlungsplatz und Gerichtslinde. Auch eine Verteidigungsfunktion weist er den Kirchen zu und belegt diese Aussage mit dem festungsartigen Aussehen der Kirche in St. Jürgen. Weiterhin erwähnt Fliedner besondere Herrenhöfe in Eckstücken einzelner Siedlungen, die sich von den Lokatoren als Freihufenland gesichert wurden und von wo aus sie als Vogt agierten. Das Land wurde dabei meist von Unfreien bewirtschaftet. Bei der großen Menge an Ähnlichkeiten hat Fliedner als Unterschiede u.a. ausgemacht, dass die Präzision der Anlage im Lauf der Zeit abgenommen hat, im Hollerland waren die Vermessungsarbeiten am exaktesten und im St. Jürgensland dann doch um einiges weniger präzise. Für die Kolonisationsgebiete hat Fliedner die Situation Mitte des 14. Jahrhunderts (vor 1350) kartographisch dargestellt (hier als Ausschnitt wiedergegeben). 25) Vergleicht man nun diese Ergebnisse mit den Siedlungen an der Hamme (Viehland, Waakhausen und v. a. Teufelsmoor), so ergeben sich einige Erkenntnisse. Auch hier kann man von einer planmäßigen Anlage ausgehen, wobei es so scheint, als ob die Exaktheit bei der Planung und Vermessung noch weiter nachgelassen hat. Die Kanäle bzw. Gräben verlaufen beispielsweise längst nicht so geradlinig wie im Hollerland. Auch ist die Größe – jedenfalls auf der Findorff-Karte von 1755 – der einzelnen Höfe sehr unterschiedlich. Fliedner hatte zwar auch für die Gründungszeit eine einheitliche Hufengröße postuliert, hier allerdings von 25 ha, also nur etwa der Hälfte der Holländerhufe. Wenn dies zutrifft, müssen sich bis 1755 doch erhebliche Verschiebungen ergeben haben. Ähnlich ist aber auf alle Fälle auch die Form der Hufen, die erheblich länger als breit sind; sie werden von Fliedner als Moorhufen bezeichnet. Anzunehmen ist für die drei Siedlungen an der Hamme, dass auch dort vorher noch keine Besiedlung stattgefunden hatte

20

und ebenfalls frei geplant werden konnte. Das Gebiet gehörte wie das an der Wümme zum Erzbistum Bremen. Es existiert jedoch keine Urkunde, die die Kolonisierung dokumentiert bzw. Aufschluss darüber gibt, wer an der Kultivierung des Landes beteiligt war und woher die Siedler kamen. Ob hier also auch Holländer zum Zuge kamen, kann im Moment noch nicht gesagt werden. Ausgegangen werden kann jedoch davon, dass die Holländer sich früher und intensiver mit Moorkultivierung zu beschäftigen hatten als die Deutschen, wo es bis dahin genügend einfacher in Kultur zu nehmende Landstriche gab.

Beteiligung des Klosters Osterholz Die oft vorgetragene Annahme, dass das Kloster Osterholz beteiligt war, ist ja nicht abwegig. Das Kloster wurde 1182 durch den Bremer Erzbischof Siegfried von Bremen gegründet 26) und bereits 1185 mit umfangreichen Ländereien, u.a. der Kurie Scharmbeck, ausgestattet. In der Folgezeit konnte das Kloster seine Besitzungen noch erheblich erweitern. Auch die Herren von Westerbeck bzw. Sandbeck waren durch das Kloster belehnt. Es ist also durchaus vorstellbar, dass das Kloster im Auftrage und in Fortsetzung der erzbischöflichen Kolonisationstätigkeit an der Hamme kolonisierend in Aktion getreten ist. Auch hier könnte es um Urbarmachung siedlungsfeindlicher, weil zu nasser Ländereien, wie um die Ansiedlung neuer Untertanen gegangen sein. Dagegen spricht aber, dass – wie oben anhand der Urkunden aufgezeigt – das Kloster erst durch Landverkäufe in den Besitz von Höfen gelangt ist. Wenn man dabei dem Gang der bisherigen Besiedlung folgt, müssten zunächst Viehland und Waakhausen und dann Teufelsmoor angelegt worden sein. In analoger Schlussfolgerung ergibt sich, dass die Hofstellen die überflutungsgefährdeten Bereiche nahe der Hamme gemieden haben und zur zusätzlichen

Sicherheit auf Wurten angelegt wurden. Entsprechend der Leitlinien bei der Holler Kolonisation wäre dies als hier wie dort vorkommender Achterdeich in Teufelsmoor der Querdamm. Waren die Siedler im Hollerland – zumindest anfangs – freie Bauern, so sprechen die Befunde dafür, dass in Waakhausen und Teufelsmoor die Bauern bemeiert, also von einem Gutsherrn abhängig und ihm abgabenpflichtig waren.27) In den Urkunden tauchen hier u.a. die Herren von Aumund auf, die Rechte an das Kloster Osterholz abgetreten haben (s.o.). Wenn das Kloster nur auf diese Weise zu Rechtstiteln gelangt ist, könnte dies aber gegen eine direkte Beteiligung des Klosters bei der Kolonisation sprechen.

Kirche und Deiche fehlen Was die Moorkolonien deutlich von den Kolonien im Hollerland, Blockland bzw. St. Jürgensland unterscheidet, ist das Fehlen der Kirche. Diese wurde offensichtlich nicht für notwendig befunden und den Bewohnern der Kirchweg nach Osterholz bzw. Scharmbeck zugemutet. Die o.g. Funktionen einer Kirche wurden zusammenhängend vom Kloster Osterholz wahrgenommen. Wenn dies die planerische Absicht und nicht nur ein Versäumnis war, spricht dies zumindest für eine Beteiligung von Osterholz am Siedlungsprojekt. Ein weiterer Unterschied ist das Fehlen von Deichen entlang der Hamme – nur Achterdeiche wurden angelegt. Eine Überflutungsgefahr seitens der Hamme war sicher gegeben; auch der Tideeinfluss reichte noch über Waakhausen hinaus. Jedoch ergibt der anstehende Moorboden kein geeignetes Material für den Deichbau, so dass Wurten abseits des Flusses einen – nicht immer ausreichenden – Hochwasserschutz gewährleisten mussten. Zu erörtern wäre allerdings noch, ob es vergleichbare Herrenhöfe gibt. Für das Hollerland werden als solche u.a. Riensberg und Hodenberg genannt; die Endung -berg oder auch -burg ist hierbei charakteristisch und verdeutlicht die herausgehobene Stellung dieser auch etwas abseits gelegenen Herrenhöfe. Für Teufelsmoor ergäbe sich da die Wulfsburg, die vom Namen her und der besonderen Lage auf der anderen Beekseite in Frage käme. Sie ist allerdings erst 1397 erstmals erwähnt, 28) also später als das Dorf; das muss aber nicht zwangsläufig ein Ausschlusskriterium sein. Für den Ort Teufelsmoor hatte sich gezeigt, dass die Herren von Aumund dort Landbesitz hatten. Auch die Herren von Aumund waren seinerzeit – ebenso wie die Ritter von der Hude – Ministeriale, allerdings auch vor 1219 direkt gebunden an den Bremer Erzbischof. Aufgrund der besonderen Dienststellung als Ritter – auch die von Aumund tauchen um 1300 als Rit-

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

ter auf – genügten nicht die o.g. 2 Vollhöfe, sondern es wurden weitere Ländereien als Lehen vergeben; dazu kam eigener Besitz und ggf. Einkommen aus Verwaltungstätigkeit, z.B. in den Kolonisationsgebieten. 29) Als Lokatoren in den erzbischöflichen Kolonien und in späterer Zeit auf eigene Faust konnten sie ihr Ansehen steigern, die Gerichtsbarkeit nach Lehensrecht erwerben und Land als Eigentum bzw. Zehntbesitz erwerben. 30) Um 1300 haben sich die von der Hude und die von Aumund einflussreiche Positionen im Hamme-Wümme-Raum gesichert. Sie kontrollierten sowohl den Landverkehr in Richtung Stade wie den Schiffsverkehr auf Lesum, Wümme und Hamme. 31) Nachdem die von der Hude bereits vorher im St. Jürgensland aufgetaucht sind, liegt es nahe, dass die von Aumund sich das Teufelsmoor-Gebiet aneigneten, evtl. sogar zusammen mit dem Ritterhuder Geschlecht. Auch hier deutet vieles auf die Zeit vor 1310 hin. Auch aus einer ganz anderen Betrachtungsweise erfährt dieser Zeitraum ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit. In detaillierten Analysen hat Behringer Zusammenhänge zwischen kulturellen Entwicklungen und dem jeweils herrschenden Klima untersucht. 32) Für die fragliche Zeit stellt er zunächst eine Phase heraus, in der das Klima überwiegend warm und trocken war, wärmer sogar als heute. In diesem hochmittelalterlichen Optimum konnte der Weinanbau weit nordwärts ausgedehnt werden, es wurden in vielen Gebieten neue Ländereien erschlossen, die Agrartechnik und die Anbauweise wurden verbessert, die Ernten waren gut, die Preise ebenfalls, und die Wirtschaft florierte allgemein, auch dank etlicher Innovationen. Die Bevölkerungszahl nahm zu, es war auch die große Zeit der Städtegründungen.

Nach 1310: Strenge Winter, regenreiche Sommer Doch diese Gunstphase endete ziemlich abrupt in den 1310er Jahren. Es häuften sich strenge Winter, während viele Sommer kühl und verregnet waren. Die Ernten fielen mager aus, in den Jahren von 1315 – 1322 machte sich der Große Hunger in Europa breit. Auch die folgenden Jahre waren kaum besser, bis durch das Eintreffen der Pest in Norddeutschland im Jahre 1350 die Sterblichkeit nochmals dramatisch zunahm. Es begann die „Kleine Eiszeit“ (s. Abb. 33 ), und es spricht wenig dafür, dass in dieser Phase neue Siedlungen angelegt wurden. Auch wenn die Entwicklung natürlich von niemandem vorhergesehen werden konnte und man sicher die Hoffnung hatte, dass die besseren Zeiten wiederkommen würden, dürfte die Annahme nicht ganz abwegig sein, die Siedlungsgründung für die „gute Zeit“, also vor etwa 1315 anzusetzen.

RUNDBLICK Sommer 2013

Seite 21

Ungeklärt muss in diesem Zusammenhang zunächst die Frage bleiben, ob auch Worpswede eine Rolle bei dem Kolonisierungsprozess gespielt hat. Der Ort, zwar am Fuße des Weyerbergs und damit auf der Geest gelegen, aber ansonsten vollständig von Moor umgeben, wurde 1218 erstmals urkundlich erwähnt. Wie konnte er erreicht werden, hatte er Außenbeziehungen über Land oder Wasser? Sollte mit der Gründung Waakhausens eine Siedlungslücke geschlossen werden? Fasst man nun die bisherigen Erkenntnisse zusammen, ergeben sich folgende Befunde: 1. Die erste urkundliche Erwähnung von Waakhausen erfolgte 1355, die von Teufelsmoor 1365. Die Orte selbst sind aber einige Jahrzehnte älter. 2. Die Siedlungen entstanden auf erzbischöflichem Territorium, aber nicht mit direkter Beteiligung des Erzbischofs. 3. Es waren seine Ministerialen, die für geleistete und zu leistende Dienste mit Land belohnt wurden und darauf Siedlungen planen und anlegen konnten; im Falle von Waakhausen waren dies die Herren von Westerbeck, im Falle von Teufelsmoor die Herren von Aumund, ggf. auch die Herren von der Hude. 4. Die Orte wurden als Langstreifensiedlungen auf dem Moor entlang der Hamme angelegt, aber nicht unmittelbar am Fluss. 5. Deiche als Hochwasserschutz konnten nicht gebaut werden, sodass einzig die Hofwurten vor Überschwemmungen schützten. 6. Günstige Klimabedingungen, eine florierende Wirtschaft sowie ein Bevölkerungswachtum förderten Ende des 13./Anfang des 14. Jahrhunderts den Siedlungsbau und bilden somit den Rahmen für den wahrscheinlichen Entstehungszeitraum der Hammedörfer. 7. Spätestens mit der Pest 1350 kam diese Siedlungsentwicklung zum Erliegen. Wilhelm Berger Anmerkungen 1 ) s. Erörterung im „Heimat-Rundblick“ Nr. 104, S. 21

) Erzbischof von 1274 – 1306; in der Urkunde steht allerdings „im achten Jahr unseres Pontifikats“ 3 ) Hans-Heinrich Jarck, Urkundenbuch des Klosters Osterholz; Hildesheim 1982, S. 59 – 64 4 ) ebd., S. 85 5 ) Burchard Grelle, Erzbischof von 1327 – 1344 6 ) Konrad Elmshäuser, Die Erzbischöfe als Landesherren; in: Hans-Eckhard Dannen-baum u. Heinz-Joachim Schulze (Hrsg.), Geschichte des Landes zwischen Elbe und Weser, Band II; Stade 1995, S. 171 7 ) bei Pratje (zitiert im „Heimat-Rundblick“ Nr. 104, S. 21) heißt es dort allerdings Semene 8 ) Jarck, a. a. O., S. 93 9 ) ebd., S. 149, 150 10 ) Nicolaus, in Urkunden von 1364 – 1366 als Propst genannt; Mechtild als Priorin in Urkunden von 1365 – 1370. 11 ) Für Übersetzungen und Erläuterungen danke ich Herrn P. Wichmann, Osterholz-Scharmbeck 12 ) Jarck, a. a. O., S. 150 13 ) ebd., S. 152, 153 14 ) ebd., S. 157 15 ) in einer Urkunde von 1545 (bei Jarck, S. 362) wird Rodolphus für das Jahr 1374 als Propst genannt 16 ) Jarck, a. a. O., S. 159, 160 17 ) ebd., S. 135, 136 18 ) ebd., S. 153 19 ) ebd., S. 21 20 ) Artur Conrad Förste, Die Ministerialen der Grafschaft Stade im Jahre 1219 und ihre Familien; Stade 1975, S. 9, 10 21 ) ebd., S. 9 22 ) ebd., S. 137 23 ) ebd., S. 58, 59 24 ) Dietrich Fliedner, Die Kulturlandschaft der Hamme-Wümme-Niederung; Göttingen 1970 25 ) ebd., Abb. 5 26 ) Siegfried, Erzbischof von 1180 - 1184 27 ) ausführliche Darlegungen zum Meierrecht in unserer Region finden sich bei a) Hans Gerdes, Rhade Chronik; Zeven 1994, S. 182 – 184, b) Wilhelm Asmus, Das Meierrecht; o. O., o. J., S. 45, 46 (über Meyenburg) 28 ) Jarck, a. a. O., S. 206; allerdings ist es zweifelhaft, ob die Wulfsburg im Teufelsmoor gemeint ist, denn es heißt in der Urkunde, dass die Moore, die die van der Hudes verkauft haben, „legen is by den Bretbecke, de se is geheten de Wulvesbourgh“ 29 ) Hans G. Trüper, Ritter und Knappen zwischen Weser und Elbe. Die Ministerialität des Erzstiftes Bremen; Stade 2000, S. 554 30 ) ebd., S. 555 31 ) ebd., S. 331, 357 32 ) Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung; München 2007 33 ) ebd., S. 10 2

21


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 22

Torfabbau und Leben im Teufelsmoor! Die BBV in Bremen hat „ihre Segel gestrichen“. Neben der „Franziskus“ und anderen nachgebauten Seglern schipperten unzählige Menschen die Weser rauf und runter. Aber auch zu den Nordseeinseln fuhr man und hatte an mehreren Tagen wunderbare Erlebnisse. So hatte die BBV-Werft auch zwei Torfkähne nachgebaut. Es waren der „Jan von Moor“ und „Jan Torf“. Unser Autor Wolfgang Lampe steuerte einen der beiden Torfkähne und wusste den begeisterten Mitfahrern viel zu erzählen. Bremen. Am Nordwestrand des Teufelsmoores bei dem Ort Spreckels hatten königliche Geologen riesige Vorkommen feinen Quarzsandes entdeckt, der sich wunderbar für die Herstellung von Glas eignete. Dies geschah zu Beginn des 18. Jh. Der englische König Georg III. im Kurfürstentum Hannover witterte mit dem Quarzfund eine geniale Geschäftsmöglichkeit und Arbeit für das niedersächsische Volk, indem beim Fundort des Quarzsandes eine Glasbrennerei angesiedelt werden sollte. Die Heizenergie für die Glasgewinnung konnte aus dem nahegelegenen, fast unbewohnten Moor des Königs zur Glasbrennerei herangeschafft werden. Das wäre die Aufgabe der im Moor anzusiedelnden Torfbauern, die dann ihr Brennstoffprodukt Torf mit ihren Torfkähnen direkt zur Brennstelle der Glashütte bringen sollten. Den nun leeren Kahn würde man jetzt mit Glasprodukten neu beladen, die ebenfalls der Torfbauer abtransportieren würde. Es war klar, dass diese Transporte nur mit Kähnen machbar wären, da es zur der Zeit unmöglich war, Straßen und Fahrwege für die Pferdewagengespanne in dem stetig überschwemmten Teufelsmoor zu schaffen. Für die Urbarmachung und Ansiedlung des „Duvenmoor“ (das taube, unfruchtbare Moor) war Jürgen Christian Findorff auffällig geworden. Dieser junge Mann könnte es schaffen, die ihm anvertraute Aufgabe der Urbarmachung und Ansiedlung des Teufelsmoores zu meistern. Jürgen Christian Findorff wurde am 22. Februar 1720 als Sohn eines Tischlermeisters in Lauenburg an der Elbe geboren. Sein Vater verstarb schon sehr früh im Jahre 1738, wobei er als 18-Jähriger die Tischlerei übernahm. Neben seinem Tischlerberuf war er so stark an großen Wasserbauwerken interessiert, dass daraus eine Berufung wurde. J.C.Findorff agierte maßgeblich bei der Regulierung von Flüssen und Kanälen. Er fertigte Karten und Risse u.a. auch von Mooren an, in Lilienthal und Ottersberg war er maßgeblich daran beteiligt. Das war der Grund, weshalb König Georg III. so daran interessiert war, Jürgen Christian Findorff für sein Teufelsmoorvorhaben zu „gewin-

22

nen“. Um ca. 1750 trat er in den Dienst des Königs, um das Teufelsmoor urbar zu machen, sofort begann er das Teufelsmoor zu vermessen. Anschließend begann die Arbeit des „Grüppenziehens“, das Ausheben der Gräben und Kanäle, um das Moor erstens zu entwässern und zum Zweiten Fahrwege für die Torfschifffahrt zu schaffen. Es folgte die Aufteilung des Moorgeländes in Parzellen zu einer Moorkolonie, die sich später in 41 Dörfern zu einer Gemeinschaft bildeten. Auch im Bauwesen in Osterholz, Soltau und Harburg war er tätig. Anno 1756 hatte J.C. Findorff die Bauaufsicht für die Kirche in Worpswede. Die angeworbenen Kolonisten waren nach der kostenlosen Zuteilung einer Parzelle für 10 Jahre von Abgaben und Steuern jeglicher Art an das Kurfürstentum Hannover befreit. Einen „Haken“ hatte diese angeblich so wunderbare Vereinbarung trotzdem: Es musste spätestens nach einem Jahr seit Inbesitznahme der Parzelle ein festes Wohnhaus in Stein errichtet sein, um gegen die typischen Krankheiten durch Nässe, Kälte und sonstigen Unbilden des Wetters geschützt zu sein. Nach dem langsamen Absenken des Sumpfwassers entstanden die Wohn- und Stallhütten aus Lehm größtenteils auf kleinen Hügeln, den sogenannten Warften. Die allmählich

Torfschichten von bis zu 7 Metern Dicke trocken gelegte Oberschicht des Moores war eine nicht zu verwendende krümelige Torfschicht. Sie wurde im Frühjahr angezündet, um aus der Asche kostenlosen Dünger für kleine Äcker zu gewinnen, auf denen dann der anspruchslose aber so

lebenswichtige Buchweizen ausgesät wurde. Diese Art der Moorbrände war eine gegenüber heute harmlose, aber für die mittellosen Torfbauern eine sehr wirtschaftliche und arbeitssparende Angelegenheit. Die tief unten liegenden guten Torfschichten konnten sich wegen der noch starken Nässe nicht entzünden. Die Tiefe der verschiedenen Torfschichten betrug zu Beginn der Moorkultur durchschnittlich bis zu 7 Meter. Um den ersten brennbaren Torf abtragen zu können, vergingen seit Beginn der Wasserspiegelabsenkung in die Weser und Lesum annähernd zwei Jahre, um endlich etwas Geld in die Haushaltskasse wirtschaften zu können! Bis hierhin musste als Erstes ein Torfkahn in Selbstbauweise gebaut werden, um mit ihm als einziges Transportmittel das Holz für die Wohn- und Stallhütten zu transportieren. Ferner musste Vieh zum Überleben herangeschafft werden; eine Kuh für die Milch, ein Schwein zum Schlachten und Hühner für die Eier. Auch Lebensmittel und Kleiderstoffe für die Familie wurden benötigt. Futter für das Vieh im strengen Winter musste auf Vorrat besorgt werden. Ebenso das Brennholz, bis der erste selbst gewonnene einigermaßen brennbare Torf genutzt werden konnte. Er hatte kaum Heizleistung und wurde mit sehr wenig Gewinn an die weit umliegenden Landbauern als Dünger für deren Landwirtschaft verkauft. Durch die langsam fortschreitende Wasserabsenkung pressten sich die Torflagen des Moores von 7 bis auf etwa 5 Meter zusammen, wodurch sich die gesamte Moorlandschaft um bis zu 2 Meter senkte. Nun begann die wirklich brauchbare Brenntorfgewinnung. Es gab drei Varianten der Torfgewinnung: Die erste und einfachste Art war das Abstechen in Soden der obersten, getrockneten Torfschicht. Dieser Torf hatte einen mittleren Heizwert wegen der lockeren Konsistenz. Die zweite Variante war das Ausheben der tiefer liegenden, immer feuchten bis nassen Torfschicht. Um an diese heranzukommen musste vorher die obere Schicht mit dem mittleren Heizwert erst einmal abgetragen werden. Die Feuchte und Nässe der unteren Torfschicht resultierte aus dem möglichst gleichmäßig gehaltenen Niveau des Grundwasserspiegels im gesamten Teufelsmoor durch Siele und Überzüge. Dieses war notwendig, damit sich das Moor nicht weiter absenken konnte. Die Folge wäre gewesen, dass das tägliche Flutwasser der Weser und somit auch der Lesum die tiefer liegenden Flächen immer wieder überspült hätte. Zur Entstehungszeit der Teufelsmoorkolonie gab es noch kein Wehr mit Schleuse an der Hamme bei Ritterhude, dies kam erst viel später. Das Ausheben der

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 23

Moorbauernhof mit Bauernhaus, Stall- und Nebengebäuden: Backhaus, Scheune und Obst- und Gemüsegarten in Mooringen Foto: Rudolf Dodenhoff

feuchten bis nassen Torfmatsche wurde im Frühjahr und Sommer mühsam mit Schaufel und Schubkarre in rechteckige „Formen“ verfüllt und dann naturbelassen getrocknet. Diese Art der Torfgewinnung ergab einen guten Heizwert. Das „Formen“-System waren in Reih und Glied auf dem Moorboden senkrecht ausgelegte Bretter, die in gleichmäßig bestimmten Abständen mit ebenfalls senkrechten Querbrettchen verbunden die Länge der Torfstücke bestimmten. Die dritte Variante war der bis zum 2. Weltkrieg 1939 sogenannte Backtorf. Der spröde Torf wurde mit dem hier ebenfalls vorhandenen klebrigen Klipp vermischt und mit Wasser zu einem steifen Brei gemacht. Das Durchkneten zu einer gleichmäßigen Masse wurde mit den Füßen möglichst barfuß ausgeführt. Anschließend wurde der „Teig“ auf dem Land ausgebreitet und mit Brettholschen (Holzschuhe mit bewusst größeren Sohlen) zusammengetrampelt und geglättet. War der „Torfteig“ soweit durch Wind und Sonne getrocknet, dass man ihn betreten konnte, wurde er von oben mit einem Spezialmesser in handliche Größen von zwei Brikettstücken geschnitten. Hierfür benötigte man zwei Leute. Der Erste zog das Messer am Tau durch den „gebackenen“ Torf, der Zweite musste dabei das Messer in gebückter Stellung führen.

Torf mit sehr hohem Heizwert Anschließend waren noch viele Arbeitsgänge notwendig, bis der Torf total trocken und endlich verkaufsfähig war. Durch die sehr feste Konsistenz war dies der beste Torf mit sehr hohem Heizwert. Bei den Varianten 2 und 3 der Torfgewinnung mussten alle Familienmitglieder, vom Kleinkind bis zur Oma, mithelfen. Kinderarbeit war hier an der Tagesordnung, Schulen gab es in dieser Zeit noch nicht. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Im Winter war das Teufelsmoor mit seinen Hamme- und Wümmewiesen durch Sturmfluten von der Weser und vom Schneeschmelzwasser häufig überschwemmt. Während dieser Zeit wurde

RUNDBLICK Sommer 2013

„Im Teufelsmoor gibt es noch Höfe, bei denen der Torfstich bis ans Haus heranreicht“, schrieb Rudolf Dodenhoff zu seinem Foto Foto: Rudolf Dodenhoff

dann das Notwendigste nur mit dem Torfkahn erledigt, in der Frostperiode bei Eis kamen Schlittschuhe und Schlitten zum Einsatz. Bei zugefrorenem Wasser in den üblicherweise strengen Wintern waren die Schlittschuhe der Schlitten die einzigen „Verkehrsmittel“, um in Worpswede oder Bremen einkaufen zu können. Die meisten Bewohner von „Klein bis Groß“ der gesamten Moorregion waren dadurch sehr gute Schlittschuhläufer. Verstorbene konnten nicht beerdigt werden, man musste warten, bis das Eis und Hochwasser verschwunden waren. In den ersten Jahrzehnten nach Beginn der Kolonisation des Teufelsmoores schwebte unsichtbar ein Sinnspruch über den einfachen Hütten:

Den Ersten sien Dod! Den Zweeten sien Not! Den Dritten sien Brot! Noch im Jahre 1895, einhundertfünfzig Jahre nach Beginn der Besiedlung, schrieb der Worpsweder Maler Fritz Overbeck: „Diesen Leuten ist fürwahr der Kampf um´s Dasein schwer genug gemacht! Denn härter noch als die Arbeit des Landbauern ist die des Torfbauern, vor allem weit einförmiger, ja geistestötend, möchte ich sagen, denn er kennt nicht den Wechsel zwischen Hoffnung und Furcht, ob die Ernte gerate, nicht die Freude am Wachsen, Gedeihen und endlichen reifen der Saaten. Nur damit beschäftigt, die Notdurft des Lebens zu stillen, lernt er dessen edlere Genüsse niemals kennen“. Zudem kam noch erschwerend hinzu, dass das Projekt mit dem Bau der Glasbrennerei bei Spreckels nicht zustande kam. Für die angeworbenen Siedler gab es ja kein Zurück mehr! Zu Beginn des Torfabbaus im Teufelsmoor war die Klosterziegelei in Osterholz der einzige Abnehmer, der größere Mengen Torf zum Beheizen der Brennöfen abnahm. Für diese Möglichkeit hatte J.C. Findorff schon zu Beginn der Teufelsmooransiedlung gesorgt, da er zum selben Zeitpunkt 1765 einen Kanal von der Hamme bei Tietjens Hütte nach

Osterholz (Scharmbeck) ausheben ließ. Er ist bekannt als Osterholzer Hafenkanal. Die Torfanlieferung nach Bremervörde kam erst viel später. Der 1769 begonnene Aushub des Hamme-Ostekanals sollte sich noch 21 Jahre lang hinziehen. Vermutlich gab es Probleme mit der Oberwasserregulierung und der Wasserversorgung für das komplizierte Staustufensystem. Beim „Abstieg“ zur Oste musste im Anfang ca. alle 60 - 80 Meter, mal mehr oder weniger, eine Staustufe angelegt werden. Der Durchbruch des Hamme-Ostekanals in die Oste gelang erst nach zwei weiteren Bauphasen anno 1790! Erst jetzt konnte der Torf auch nach Bremervörde zwecks Weiterverschiffung zum Verkauf mit Torfkähnen angeliefert werden. Bis dahin blieb den Torfbauern nichts anderes übrig, als zu versuchen, ihren Torf in den Dörfern an der Weser bis Brake oder hauptsächlich in Bremen zu verkaufen. Ein sehr langer und beschwerlicher Weg mit dem Torfkahn, da dieser schwer beladen durch die vor der eigenen Haustür liegenden Gräben bis zum nächsten Kanal per Hand gezogen werden musste (Treideln nannte man das). Hierbei half zumeist die Ehefrau mit. Konnte dann der Torfkahn im Kanal gestakt, gewriggt oder gesegelt werden, ging die Frau zurück zum Haus, um ihren Haushalt weiterzuführen und er fuhr dann allein weiter. Die Hamme war bis zum Bau des Wehres bei Ritterhude 1874 ein Tidengewässer. Das bestimmte die Fahrzeiten der Schiffer. Daraus ergab sich zwangsläufig, dass die Torfschiffer versuchten, möglichst bei Hochwasser an der Hamme einzutreffen. Gemeinsam konnten sie dann mit Hilfe der „Überzüge“ ihre Kähne über den Deich in die Hamme wuchten. Zusammen ging dann die „Reise“ bei ablaufender Ebbe in der Hamme weiter bis zum Beginn der Lesum, wo bis heute noch die große Wümme mündet. Hier angekommen musste man auf die Flut warten, wobei die Kähne mit dem Ziel zur Weser mit dem Ebbstrom bis Vegesack weiterfuhren. Die Wartenden setzten nach dem Einsetzen der Flut ihre Fahrt bis Damm- oder Kuhsiel fort. Hier musste man wiederum warten, bis die Flut hoch aufgelaufen war.

23


ausgabe 105 sommer 2013

Torfstechen heute

02.07.2013

8:30 Uhr

Foto: Sammlung Wolfgang Konukiewitz

Nur dann war es möglich, die schwer beladenen Kähne auch hier mit Hilfe der Überzüge über den Deich entweder bei Dammsiel in die Kleine Wümme Richtung Walle oder bei Kuhsiel in den Kuhgraben Richtung Schleifmühle zu wuchten. Das Warten auf Hochwasser geschah meistens in den kleinen Torfhütten an den Überzügen. Nach dem Entrichten der Zoll-, Überzug- und Kanalgebühren konnten sich die Schiffer vom Hüttenwirt ´nen „Lütten“ einschenken lassen.

Torfhütten zum Einkehren Nun kann man sich vorstellen, warum die „Reise“ hin oder zurück allgemein jeweils drei Tage dauerte. Man musste immer allerhand Wartezeit in „Kauf“ nehmen. Solche Torfhütten zum Einkehren waren im ganzen Teufelsmoor verteilt. Die meist besuchten Hütten waren an der Hamme. Das waren u.a. „Neu Helgoland“, „Melchers“- und die „Tietjens“-Hütte. Was hatten die Staus und Überzüge, die in den gesamten Gräben und Kanälen im Teufelsmoor vorhanden waren, für eine Aufgabe? Allgemein ausgedrückt: Sie regulierten das Wasser in den verschieden hohen Staustufen. Mit Hilfe dieses ausgeklügelten Findorff’schen Systems war immer genügend Fahrwasser für die Torfkähne in den Gräben und Kanälen vorhanden. Gab es durch starken Regen zu viel Oberwasser, so lief dieses einfach über die hochgestellten „Wehre“ in Hamme und Lesum. Gab es keinen Regen, so konnte das Wasser durch die hochgestellten „Wehre“ nicht abfließen. Die Gräben und Kanäle liefen nicht leer. Wie handhabten die Schiffer das Passieren der Staustufen? Wenn sie von „oben bergab“ fuhren, war das verhältnismäßig einfach. Bei der Ankunft vor einer Staustufe wurde der Kahn gestoppt und an einem Wiesenpflock angebunden. Die quer im Graben oder Kanal steckenden Bretter wurden vom Schiffer herausgehoben. Auf dem so erzeugten Wasserschwall konnte der Kahn, ob beladen oder leer, an seiner Leine in die tiefer liegende Ebene gleiten und wieder

24

Seite 24

„Der Torfkahn war damals im Moor das Auto von heute!“, notierte sich Rudolf Dodenhoff zu seinem Bild Foto: Rudolf Dodenhoff

festgebunden werden. Nun mussten die Bretter wieder in das Wehr gesteckt werden, damit die vorgegebene Wasserhöhe erhalten blieb. Später, so um 1800, wurden in den Staustufen Klappstaue eingebaut. Das war eine Erfindung vom Moorkommissar Claus Witte. Bei der „Talfahrt“ konnte der Schiffer ohne anzuhalten mit seinem Kahn gegen die Stauklappe fahren. Der schräge Vorsteven drückte die Stauklappe herunter und wie von „Geisterhand“ glitt der Kahn auf dem Wasserschwall in die tiefer liegende Ebene. War der „Spuk“ vorbei, so richtete sich die Stauklappe ohne irgendein fremdes Zutun wieder auf, um das obere Wasser am Weiterfließen zu hindern. Bei beiden Arten der Staupassage musste der Schiffer unbedingt darauf achten, dass das lange Pinnenruder am Heck ausgehängt und eingeholt war, damit sich der Kahn beim Heruntergleiten nicht an den „Wehrbrettern“ oder später an den Klappstaus aufhängen konnte. Meistens wurde in den engen Gräben und oft in den Kanälen gestakt. Dabei war die Steuerpinne des großen Steuerruders im „Weg“ und deshalb ausgehängt. Wollte der Schiffer in „Bergfahrt“ eine Staustufe passieren, so musste er warten, bis mehrere Kähne eintrafen. Wurden nun wiederum die Bretter entfernt, konnten die Kähne mit Tauen nacheinander mit vereinten Kräften auf dem Wasserschwall in die nächst höher gelegene Ebene gezogen oder getreidelt werden. Bei den späteren Klappstaus brauchten auch hier keine Bretter ausgehoben werden. Jeder Torfkahn war mit einem langen „Riemen“ zum Staken oder Wriggen ausgerüstet. Mit diesem wurde die Stauklappe für den benötigten Wasserschwall einfach unter Wasser gedrückt. Oft kam es vor, dass der Kahn des Torfbauern von Bremen kommend mit Baumaterialien oder Vieh für die eigenen Bedürfnisse beladen war. Da konnte es passieren, dass die Überzüge an der Hamme mit vereinten Kräften sehr schwer oder gar nicht zu bewältigen waren. In solchen Situationen standen später Pferde oder Seilwinden an den Überzügen bereit, die dann solche

schweren Kähne über den Deich zogen. Natürlich war das nicht umsonst. Die erste Windenzugeinrichtung wurde alsbald nach dem Bau des Überzugs in Kuhsiel installiert. Das Jahr 1865 bescherte den Torfschiffern aus der Region am Wörpefluss aus Lilienthal, Grasberg und Borgfeld im östlichen Teil des Teufelsmoores eine große Erleichterung beim Überzug in Kuhsiel. Die dortige Windeneinrichtung wurde nicht mehr benötigt. Der neue Moorkommissar Claus Witte als Nachfolger des 1792 verstorbenen J.C. Findorff hatte bewirkt, dass er auf Bremens Kosten in Kuhsiel eine Kammerschleuse bauen konnte! Ebbe und Flut der Großen Wümme brauchten nicht mehr berücksichtigt zu werden. Man konnte von nun an bei Hoch- oder Niedrigwasser in die Schleuse ein- oder ausfahren. 31 Jahre später: Anno 1896 bekam auch Dammsiel eine Kammerschleuse. Diese Erleichterung kam den Torfschiffern aus der Hammeregion in Worpswede und umzu sehr zugute. Die wahnsinnige Schinderei und die rechtzeitige Ankunft mit der meist endlosen Warterei an den Überzügen in der Großen Wümme hatten nun ein endgültiges Ende.

Hamme wurde Staugewässer Die mühsame Rackerei mit den Überzügen an der Hamme sollte noch bis 1874 eine immer wiederkehrende Plage bei den „Hin- und Rückfahrten“ bleiben. Ab diesem Datum des Jahres 1874 wurde die Torfkahnfahrerei menschlicher. Es wurde endlich ein Wehr mit Torfkahnschleuse in die Hamme bei Ritterhude gebaut. Es mussten über 100 Jahre seit Entstehen der Teufelsmoorkolonien vergehen, bis die vielen Missstände in der gesamten Hammeregion endgültig größtenteils der Vergangenheit angehörten. Im Winter waren es die stetigen Sturmflutüberschwemmungen, ausgelöst durch die Nord- bis Nordweststürme über der Weser und im Sommer die starken Regenfälle, die nicht genügend in Hamme, Lesum und Weser ablaufen konnten. Auf Grund dessen konnte man das Heu für Winterfutter, das das Vieh unbedingt benötigte,

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

nicht verwenden. Durch den Bau des Ritterhuder Wehrs wurde die Hamme ein Staugewässer, bei dem man von nun an die Höhe des Wasserpegels steuern konnte. Die Überzüge in der Hamme wurden von nun an nicht mehr benötigt und deshalb entfernt. Es gab nur noch die Klappstaus im Moorinneren links und rechts der Hamme. Sommerregen konnte keinen Ernteschaden mehr anrichten. Die winterlichen Sturmflutschäden hielten sich von nun an ebenfalls in Grenzen, da musste es schon ganz schön „dicke“ kommen. Trotz so langer Wartezeit auf das Ritterhuder Wehr war es für das Teufelsmoor das Genialste, als Niedersachsen dieses Wehr bauen ließ! Das Bangen vor den schon angekündigten „dicken“ Sturmfluten in der Weser, die dann über das Ritterhuder Wehr schwappten, um das Teufelsmoor zu überschwemmen, sollte noch 98 Jahre bis 1972 anhalten. In diesem Jahr war der Bau des Lesumer Sturmflutsperrwerks bei Grohn-Vegesack in vollem Gange. Während dieser Bauphase wurde die Schließung der gerade installierten drei Sturmflutsperrtore erprobt und mit Erfolg abgeschlossen. Seitdem brauchen die gesamten Regionen von der Wörpe, Große Wümme und der Hamme keine Angst mehr vor den „dicksten“ Sturmfluten haben. Trotz des Lesumsperrwerks wird das Ritterhuder Wehr mit der dazugehörigen Torfkahnschleuse nach wie vor zum Stauen der Hamme benötigt. Das Lesumsperrwerk behindert nicht die Ebbe und Flut in der Lesum und Wümme, es lässt nur nicht die sich nähernden Sturmfluten passieren. Diese kriegen im wahrsten Sinne des Wortes einen „Riegel“ vor die Tür geschoben. Als Abschluss sei noch erwähnt, dass die überschwemmten Wiesen in Borgfeld und umzu in den Wintermonaten seit Bestehen des Lesumsperrwerkes Absicht sind. Dies ergibt eine gute und vor allem natürliche Düngung. Sind die Wiesen dann noch zugefroren, laufen viele Bremer mit Kind und Kegel Schlittschuh.

Seite 25

ruder ausgehängt, da die Pinne für des Schiffers Füße nur im Weg war. Gesteuert wurde beim Staken, welches allerhand Geschicklichkeit bedurfte. Auch darin waren die Torfschiffer wahre Meister. Die dritte Art war das Wriggen. Diese Möglichkeit wurde dann angewendet, wenn das Wasser zum Staken zu tief und kein Wind zum Segeln da war. Um diese zu erläutern, bedarf es einer ausführlichen Erklärung. Am Heck unter der Ruderpinne befindet sich im oberen Rand der Bordwand eine runde Ausbuchtung, in die man das Rundholz des „Riemens“ so hineinlegt, dass das Ruderblatt achteraus ins Wasser taucht. Vorher muss das Steuerruder mit der Pinne ausgehängt und an Bord genommen werden. Diese Ausbuchtung nennt man Dollbord. Der im Heck rückwärts stehende Schiffer bewegt mit beiden Händen den Riemen gleichmäßig von rechts nach links und zurück. Hierbei muss man darauf achten, dass das Ruder- oder Riemenblatt sinngemäß eine liegende Acht beschreibt. Die meiste Kraft wird nur beim Anfahren benötigt. Ist der Kahn erst einmal in Schwung, dann läuft er bei Windstille fast von selbst. Trotzdem war es auf Dauer bei der meist dreitägigen Fahrzeit sehr anstrengend, besonders in der sehr heißen Sommerzeit. Da der Schiffer beim Wriggen nach achtern schaute, fuhr er sinngemäß rückwärts und war somit nach vorne „blind“. Deshalb musste er von Zeit zu Zeit mal nach vorne schauen, um zu sehen, ob irgend etwas seinen Weg kreuzte. Auch vergewisserte er sich, ob noch der „Kurs“ seines Kahnes richtig anlag. Des Schiffers Bestreben war, möglichst gerade ohne unnötigen Zickzack zu fahren, da jede unnütz gefahrene Kurve zusätzlich Kraft und Zeit kostete. Um dieses zu vermeiden, suchte sich der Schiffer achteraus einen markanten Fixierpunkt in der Landschaft (Baum, Strauch oder Sonstiges), der dann die verlängerte Kiellinie des Kahnes darstellte. Mit diesem kleinen unsichtbaren

Segeln, staken, wriggen Die Torfschiffer hatten drei Möglichkeiten, ihren Kahn vorwärtszubringen. Die erste Art war das allgemein übliche Segeln mit einem rechteckigen, senkrecht am Mast hochgefierten „Rahsegel“. Darin waren sie wahre Meister, selbst in schmalen Gräben und Kanälen. Die zweite Art war das Staken mit dem überlangen Ruder anders herum! Für die Schiffer ist das schlicht und einfach der „Riemen“! Daher auch die Redewendung wenn man mal „schwächelt“: „Reiß dich mal am Riemen!“ Symbolisch: Rudere mal kräftiger. Mit dem Ruder verkehrt herum ist gemeint, dass der Griff beim Staken zuerst ins Wasser taucht, um den Kahn vom Grund weiter voranzustoßen. Da das Staken stehend auf dem Heck des Kahnes gehandhabt wurde, war das lange Pinne-

RUNDBLICK Sommer 2013

Am Feierabend wurde Werkzeug repariert, Flachs und Wolle gesponnen und gestrickt, aus Holz Utensilien für Haus und Hof gefertigt und geschnitzt Foto: Rudolf Dodenhoff

„Trick“ merkte der Schiffer sofort, ob sein Kahn aus dem Kurs lief. Wenn ja, so korrigierte er ihn ebenfalls unsichtbar mit dem Riemen beim Wriggen. In der Schiffer- und Seefahrtssprache nennt man das: Auf Peilung fahren. Irgendwann hat alles mal ein Ende. So auch im Jahre 1954: In diesem Jahr endete die Torfschifffahrt! Von nun an kamen keine Torfkähne mehr zum Findorffer Torfhafen. Den „von Moor“ gab es nicht mehr. Die Kohle hatte ihn für immer verdrängt. Der Name „Jan von Torf“ war ein allgemeiner Spitzname im gesamten Teufelsmoor und Findorff. Damit war der Torfbauer gemeint, wenn er mit seinem Torfkahn und dem geteerten Segel nach Bremen und wieder zurück nach Hause zu Frau und Kindern schipperte. Dieser Name war nicht als Schimpfwort anzusehen. Er war vielmehr eine ehrbare Anerkennung und passte vortrefflich in die Lebensart der Torfbauerfamilien. Nur die Findorffer Butschers versuchten hin und wieder den „Jan von Moor“ wegen seines andersartigen Erscheinens und Auftretens zu hänseln und zu foppen, womit „Jan von Moor“ aber leben konnte. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts, also seit Entstehen der Teufelsmoorkolonien und mit dem Beginn des Torfhandels in Bremen, ist der Name geläufig. Wie der Spitzname enstand, ist nicht genau feststellbar. Man leitet dieses davon ab, dass viele männliche Kinder den Vornamen Johann bekamen, in Plattdeutsch: Jan! Und weil sie aus dem Moor kamen, eben „Jan von Moor“. Einen bestimmten „Jan von Moor“ hat es nie gegeben. Alle Torfbauern wurden so genannt und damit basta! Beim Einkehren in den Torfhütten wurde er mit: „Moin, Jan von Moor“ begrüßt. Genauso schallte es im Torfhafen, wenn die Pferdekutscher den Torf von den Kähnen abholten. Ein „Jan von Moor“ ist den Findorffern noch erhalten geblieben! Man kann ihn in seiner typischen Haltung beobachten, wie die linke Hand in seiner Hosentasche steckt und die rechte Hand vor der Brust eine Tabakpfeife in der Faust hält. In leicht gebeugter Haltung, den Kopf sinnierend wie ein Denker etwas geneigt, blickt er in Richtung Martin-Luther-Kirche an der Hemmstraße, dort, wo sich bis 1913 das Ende des Torfhafens befand. Sein Äußeres ist die typische „Ausgehkleidung“ nach Bremen, extra von Muttern ausstaffiert in dunkler Hose, dunkler Weste mit einem weißen - mehr grauen langärmligen Leinenhemd bis an den Hals zugeknöpft ohne Binder. Auf dem Kopf trägt er die für die Torfschiffer nicht wegzudenkende flache dunkle Schiffermütze. Wolfgang Lampe Die Fotos und Abbildungen über die Besiedlung der Moore wurden dem Buch „Die Findorff-Siedlungen“ mit freundlicher Genehmigung von Dieter Weiser, Worpswede, und dem Temmen-Verlag, Bremen, entnommen.

25


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 26

Ein Raubüberfall im Teufelsmoor Schon häufig wurde über diesen Vorfall in der Familie gesprochen, aber die Erinnerung daran war nur noch lückenhaft vorhanden. Da ergab sich die Gelegenheit, im Kreisarchiv in Osterholz die alten Zeitungen zu durchsuchen. Als grobe Zeit galt die „schlechte Zeit“ vor dem Krieg. Mit Frau Jannowitz, der Archivleiterin, hatte ich den Rahmen auf 1929 bis 1932 eingegrenzt und die Filme lagen bereit. Stunde um Stunde habe ich gesucht und war schon kurz vor dem Aufgeben, als ich die folgende Notiz im Kreisblatt fand: Teufelsmoor, 1. November 1930 „Ein dreister Raubüberfall ereignete sich gestern abend gegen 20.30 Uhr. Ein Reisender verlangte bei einem Kaufmann Zigaretten, zog dabei einen Revolver aus der Tasche und streckte den Geschäftsmann durch einen Schuß nieder. Auf die Hilferufe eilte die Frau des Verletzten herbei. Auch auf diese schoß der merkwürdige Kunde, ohne sie aber glücklicherweise zu treffen. Er ergriff dann die Flucht und ist leider bis heute noch nicht festge-

nommen worden. Der Verletzte musste in das Krankenhaus gebracht werden, der Schuß ging durch den Magen und die Kugel sitzt anscheinend im Rücken. – Hoffentlich wird die Polizei bald des Täters habhaft, damit dieser seiner gerechten Strafe zugeführt werden kann.“ Die folgenden Gespräche brachten wieder Licht ins Dunkel der Erinnerung und immer mehr Einzelheiten ans Tageslicht. Was war geschehen? Kaufmann Hinrich Tietjen hatte am Mittag von seinem Großhändler aus Bremerhaven eine neue Sendung geliefert bekommen, die jetzt mit Preisen ausgezeichnet werden musste. In seiner Schusterwerkstatt war er mit seiner Ehefrau an der Arbeit, als die Klingel an der Ladentür einen Kunden signalisierte. Seine Frau Adeline blieb zurück, als Hinrich sich dem Kunden zuwandte. Doch der späte Gast verlangte keine Waren, sondern die Einnahmen aus der Kasse. Er zögerte keinen Augenblick, als der Kaufmann dieses Ansinnen verweigerte, zog einen Revolver und schoss. Als die Schreie

des schwer verwundeten Kaufmanns ertönten, eilten die Ehefrau und die beiden Kinder in den Kaufmannsladen. Doch der nächste Schuss, der ihnen galt, prallte am Türschloss ab und verletzte glücklicherweise niemanden. Als der Sohn schnell in den Garten lief, gab der Täter sein Vorhaben auf und flüchtete. Kaufmann Tietjen konnte in einer Notoperation im Krankenhaus gerettet werden. Die Verletzung hat ihn jedoch bis an sein Lebensende immer wieder an diesen Tag erinnert. Den Schilderungen nach ist der Täter kurz darauf in der Nähe von Hamburg ergriffen worden, denn er wurde erkannt. Es handelte sich um einen Wanderarbeiter aus dem Rheinland, der auf einem Nachbarhof sich angeblich etwas Geld verdienen wollte. Die Stelle, an der die Kugel abprallte, blieb unverändert und erinnerte immer daran, was am 31. Oktober 1930 in Teufelsmoor geschah. Rolf Masemann

Lach- und Torfgeschichten: Trino un Jan geiht een Licht up

Dat lüttje Moorhaus „De Tang“

An ee’n luurigwaren Sommerobend weer Jan vom Moor sien Fro Trino noch in’ne Waschköök bien Afwasch an’ Gootensteen togang. Buten ünner de Eek- un Appelbööm wört all schummerig worn, Nebel töög ober de Moorweiden. Trino keek ganz vorwundert ut datt Fenster, eer wör een beten gruselig toweeg. Een geelwittet Licht danz dör ünner de Bööm jümmer hen un her um eer lüttjet Moorhuus umto. Se nöhm sick eer’n groten, holten Kortuffelstammper in de Han’n, datt wor eer doch to bunt dor buten jegen Huus. Woller danz un hops datt geele Licht an’n Fenster vorbie. Trino sleek sick dör de Sietendör na buten un tööf up de helle „Erleuchtung“. Angst kenn se nicht un se dach bie sick: ,Ick kann ober jo uck gau lopen, un de Kortuffelstammper iss uck nich to vorachten!’ Datt grelle Licht kööm woller um de Huuseck flackern un jümmer nöger, een swatten Kerl mett grote Mutz un flatternde Blaujack

26

klapper in Holschen up us arme, zitterige Trino to. Se rööp in eer grote Not: „Blief stoon, wer büst du un watt sochst du hier?“ De swatte Kerl stünd vor eer un hölt de helle Petroleumlampen hoch: „Trino, mien leebe Trino, ick bünn datt doch, dien Jan! Un watt ick hier soch hebb, datt hebb ick nu all funnen, dien Stimmen mien leebe Trino, dien söte Stimmen.“ Trino muss sluken un keek ganz dösig ut: „Jan von Moor, du Donerslag, die fallt doch jümmer woller watt in um mie ut de Reserve to kriegen.“ De beiden mussen luut lachen un foten sick um. Disse drollige Vorfall harr jo een Vorgeschichte un mutt noch een beten upklort weer’n. Jan un Trino weer’n jümmer een Hart un Seel, bloots wenn de Düwel bi Jan in’n Nacken sprung un emm düchtig Beer un Brannwien to sluken geef, denn wor sien Trino beestig un gnatterig. Se harr mol slechte Erfohrung dormit mokt un sech jümmer: „De Düwel hett denn Schnaps mokt um us to verdarben!“ Up een Sylvesterfier harr’n se eer mol so veel Röbensluck intarrt, datt se dree Dog dorvon krank weer. Nu kunn se dor nich mehr so ankomen. Eer Jan harr sien eeg’ne Meenung: „Alkohol mutt vornicht weer’n, am besten geiht datt dör Utsupen!“ Datt geef jo jümmer mol Gelegenheiten dorto, ober Jan oberdreef datt uck nicht. Letzte Week harr Jan sick „tofällig“ mit sien Kumpels in de Gaststuv an’ne Hammbrüüg dropen. Se harrn düchtig Torf in Bremen un Osterholt vvorkoft un

„De Düwelsmoordüwel“, Holzskulptur, Standort Teufelsmoor, Fleitenkiel, gefertigt auf gut Sandbeck

gode Geschäfte mokt. Datt harrn se an denn Obend mett Beer un Möhlenkorn fiert. Loot in’ne Nacht, mett luten Gesang un ee’n gewaltigen Oberpetter kööm Jan bi sien Trino anschippern. Se hett emm Hals ober Kopp in’ne Butzen befördert un de Dören tosmeten. Seit disse Nacht weer Ruhe twüschen Trino un eeren Jan. Trino harr eer Stimmen vorloren. Bitt to dissen lauen Sommerobend. Jan harr mett sien Petroleumslampen Trino’s Stimmen woller utfindig mokt. Up so’n Idee musst jo uck erstmol komen. Nu weer datt all woller in’t Lot un de beiden hebbt sick ober disen Obend noch lang amüseert. Jan (Johann) Brünjes

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 27

Fritz Overbeck und das Pferd des Bauern Kattenhorn Die karge und doch unvergleichliche Schönheit der Landschaft hatte die Maler ins Teufelsmoor gelockt: das weiße Leuchten der vom Wind gebogenen Birkenstämme und die wechselnden Farben eines endlos scheinenden Himmels, der sich in schnurgeraden Torfkanälen spiegelt. Fritz Overbeck (1869-1909) gehörte mit zu den ersten Malern, die sich in Worpswede niederließen und das bis dahin unbekannte „Teufelsmoor“ mit einem Schlag berühmt machten. Seine Bilder, zusammen mit denen von Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Hans am Ende und Heinrich Vogeler, machten aus dem Bauerndorf einen Sehnsuchtsort für junge Künstler aus ganz Deutschland. Schon bald strömten junge Maler und Malerinnen in Scharen nach Worpswede, um nach dem Vorbild der bewunderten Pioniere ebenfalls „en plein air“ – unter freiem Himmel – zu malen. Insbesondere für Frauen war das Leben in einer Künstlerkolonie und der Privatunterricht bei den dort ansässigen Malern attraktiv. Die Kunstakademien waren nach wie vor Männern vorbehalten, und in Museen und Kunstvereinen wurden die Bemühungen der sogenannten „Malweiber“ meist belächelt oder rundheraus verspottet. Die freie, naturnahe und von Kunst durchtränkte Atmosphäre der Künstlerkolonien bot Frauen da bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Kein Wunder also, dass die Malstudentin Hermine Rohte (1869-1937) von München nach Worpswede reiste, um bei Fritz Overbeck Unterricht zu nehmen. In dessen Bild „Abend im Moor“ hatte sie sich 1896 in einer Münchner Ausstellung verliebt. Nun verliebte sie sich auch in den Maler und verlobte sich mit ihm, nur drei Monate nachdem sie seine Schülerin geworden war. Eine solche Verbindung war unter den Malern keine Seltenheit: Versprach schon das Leben in einer Künstlerkolonie die ersehnte Symbiose von Leben und Kunst, so wurde diese Einheit in der Künstlerehe erst recht symbolisiert. Gemeinsames Malen und Gespräche über Kunst waren ein wichtiger Bestandteil auch in der Ehe von Fritz und Hermine Overbeck. Zudem hatte das Paar zwei Kinder, den Sohn Fritz Theodor (geb. 1898) und die Tochter Gerda (geb. 1903).

Fritz Overbeck: Abend im Moor

RUNDBLICK Sommer 2013

Felicitas Blech: Illustration zu „Kattenhorns Pferd“

Während die künstlerische Seite des Overbeckschen Familienlebens durch Hunderte von Gemälden, Zeichnungen und Skizzen gut dokumentiert ist, zeigt sich die private Seite vor allem in Briefen und Fotos und ist weit weniger bekannt. Nur eines hat aus dem privaten Leben der Familie Overbeck schon früh den Weg in die Öffentlichkeit gefunden: die Geschichten von Kattenhorns Pferd. Von diesem – sprechenden! – Pferd des Worpsweder Bauern Kattenhorn, das zusammen mit dem Raben Jakob zum Schützenfest nach Osterholz fährt und allerlei Abenteuer erlebt, erzählte Fritz Overbeck seinem Sohn, wohl im Jahr 1903, an einem Sommernachmittag, als er nach getaner Arbeit, während die Ölgemälde trockneten, mit seinem Sohn vor seinem Atelier auf dem Weyerberg saß. Die Geschichte machte so großen Eindruck auf den Sohn – zumal die Landschaft, in der das Pferd seine Abenteuer erlebte, direkt zu seinen Füßen lag – dass er sie nie mehr vergaß. Viel später, lange nach dem frühen Tod seines Vaters, schrieb Fritz Theodor Overbeck die Geschichte auf – für seine eigenen Kinder. Er spann sie fort und schrieb neue Kapitel, zunächst nur für den vertrauten Kreis der Familie gedacht. Doch als sich ein Verlag dafür interessierte, erschienen die Geschichten 1947 schließlich gesammelt als Buch, mit Illustrationen von Fritz Theodor Overbeck.

weder Märchen“ bezeichnete. Das Besondere an der Neuauflage: Mehr als 50 Jahre nach der Erstausgabe erscheint das Buch in einem neuen Gewand. Die junge Bremer Illustratorin Felicitas Blech hat die Abenteuer von Kattenhorns Pferd in 50 lebendige und liebenswerte Zeichnungen umgesetzt, die dem Buch eine neue Farbigkeit verleihen. Lebensnah und mit feinem Humor zeigen die Illustrationen die Welt von „Kattenhorns Pferd“, die so eng und stimmungsvoll mit der Landschaft in und um Bremen und Worpswede verknüpft ist. Die einfühlsame Bebilderung lässt dabei jeder Leserin und jedem Leser Raum für Phantasie und eigene Erinnerungen. Das Overbeck-Museum in Bremen feiert die Neuerscheinung von „Kattenhorns Pferd“ in diesem Sommer mit einer kleinen Ausstellung. Vom 7. Juli bis 6. Oktober werden unter dem Titel „Kattenhorns Pferd – Ein Buch und seine Bilder“ die feinen, farbigen Originalzeichnungen von Felicitas Blech erstmals öffentlich präsentiert. Ergänzt wird die Schau durch Originalillustrationen der Erstausgabe aus den 1940er Jahren von Fritz Theodor Overbeck, historische Buchausgaben und Kinderzeichnungen zum Thema. Eine schöne Gelegenheit, einzutauchen in die Welt von „Kattenhorns Pferd“. Parallel zu dieser Kabinettausstellung sind natürlich auch Worpsweder Landschaften im Overbeck-Museum zu sehen – diesmal in einer ungewöhnlichen Kombination. Unter dem Titel „Landschaft im Dialog“ werden Gemälde von Fritz und Hermine Overbeck und Walter Bertelsmann den Landschaftsfotografien des jungen Hamburger Fotografen Ranil Beyer gegenübergestellt. Im direkten Vergleich offenbaren sich überraschende Parallelen, aber auch faszinierende Unterschiede zwischen Malerei und Fotografie, zwischen gestern und heute. Die Ausstellung lädt dazu ein, unseren Blick auf die Natur zu hinterfragen und die Bilder der Worpsweder Maler mit neuen Augen zu sehen. Dr. Katja Pourshirazi

Buch ist zum Klassiker geworden Wer in Bremen „und umzu“, wie man hier sagt, aufgewachsen ist, der kennt oft auch die Geschichten von „Kattenhorns Pferd“. Das Buch ist zum Klassiker geworden, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die darin lebendige Erinnerungen an ein nostalgisches Worpswede der Jahrhundertwende wiederfinden. Rund 30 Jahre lang war das Buch vergriffen – nun wird es erstmals wieder aufgelegt. Die Edition Temmen hat sich der charaktervollen Geschichten angenommen, die Fritz Theodor Overbeck selbst als „Worps-

Fritz Overbeck mit seinem Sohn Fritz Theodor, 1898

27


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 28

Im Wald versteckt zwischen der Worpsweder Marcusheide und dem Barkenhoff Verborgen in dem Wald zwischen Marcusheide und Barkenhoff, parallel zur „Bremer Landstraße“, kann der Besucher an einem der Pfade einen massiven Sandstein entdecken, der auf zwei Pfeilern ruht. In Anlehnung an die Form eines Großsteingrabes zeigt die von einer Moosschicht bedeckte Steinplatte zeichenhafte Schriftzüge. Selbst Einheimische können oft nicht erklären, wo sich das Denkmal befindet und was dieses klotzige Objekt eigentlich bedeuten soll. Wird der moosige Belag vom Stein entfernt, dann entdeckt man kurze Texte wie: „Der Heimat verbunden“ oder „Der Kunst zugetan“ An einer Stelle der Steinplatte findet der Besucher die Aufschrift „Ludwig Roselius 1874 – 1943“. Eine plausible Erklärung dieses Gedenksteines liefert uns die Zevener Zeitung vom 12. Mai 1990. Dort finden wir einen Artikel mit der Überschrift: „Wie Hans MüllerBrauel Roselius zum Denkmal verhalf Gedenkstein von einem Berliner Künstler“. Ludwig Roselius stiftete nach dem Tode von Hans Müller-Brauel (1867 – 1940) seinem Freund einen Gedenkstein. Roselius beauftragte den Berliner Bildhauer Heinz

„Ludwig Roselius 1874–1943“, Schriftzug auf dem Gedenkstein

Gedenkstein in Worpswede für Ludwig Roselius

Küsthardt mit der Schaffung eines Denkmals, das die Verdienste des Vor- und Frühgeschichtlers, Heimatforschers, Fotografen und Schriftstellers Müller-Brauel würdigen sollte. Der anfängliche Plan, den Stein auf dem Zevener Friedhof aufzustellen, wurde vom Kirchenvorstand abgelehnt. Die Absicht, das Objekt im Stadtgarten zu deponieren, scheiterte am Einspruch des Regierungspräsidenten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Verwaltung der Bremer Werkschau die Angelegenheit endgültig regeln. Eine Aufstellung im Stadtpark von Zeven hat die „Gemeindeverwaltung aber nicht befürwortet“ (ZZ, 12. Mai 1990). Das schriftli-

che „Hin und Her“ führte letztlich zu keiner Einigung. Der Designer Roosing stieß bei seiner Tätigkeit im Museum Kloster Zeven „auf die Schriftzüge und Zeichnungen zum geplanten Müller-Brauel-Denkmal“. Roosing erkannte bei seinen Nachforschungen die unverkennbaren Übereinstimmungen zwischen den Entwurfszeichnungen für den Müller-Brauel-Gedenkstein und dem heutigen Roselius-Denkmal. „Bei dem Roselius-Denkmal handelt es sich tatsächlich um den ursprünglich für Hans Müller-Brauel vorgesehenen Stein“ (ZZ, 12. Mai 1990). Da in Zeven über den Verbleib des Denkmals kein Einvernehmen erreicht werden konnte, versah man den Gedenkstein mit der Inschrift „Ludwig Roselius 1874-1943“, und das Monument wurde im Künstlerdorf Worpswede in der Nähe des Barkenhoffs plaziert. An diesem Ort, im Wald versteckt, steht es bis heute. Text und Fotos: Dr. Helmut Stelljes Informationstext: Zevener Zeitung, Sonnabend, 12. Mai 1990, Archiv: Museum Kloster Zeven

„Der Kunst zugetan“, Schriftzug auf dem Gedenkstein

Abweichend von den vergangenen Jahren sind diesmal im Fahrpreis von € 52,– das Mittagessen und ein Imbiss während der Bootsfahrt inclusive. Lediglich die Getränke während des Mittagessens sind nicht enthalten. Wie auch im letzten Jahr erbitten wir eine Anzahlung in Höhe von € 40,– bis 10. August 2013 auf das Konto des Druckerpresse-Verlages UG bei der Kreissparkasse Osterholz, Kto-Nr. 1 410 007 528 (BLZ 291 523 00), Kennwort „Leserreise“.

Leserreise

Unsere diesjährige Leserreise wird uns am 21. September 2013 nach Mölln führen. Um 7.30 Uhr fahren wir in Lilienthal (Scheeren 12) ab und werden einen Tag auf den Spuren von Till Eulenspiegel verbringen. Nach einer Bootsfahrt über die Möllner Seen erwartet uns das Mittagessen. Danach erhalten wir eine Führung durch die historische Altstadt. Gegen 19.30 Uhr werden wir wieder in Lilienthal eintreffen.

Bauernregeln Juli – August – September Juli

August

September

Wer in der Ernte schläft, wacht im Winter auf.

Der August gibt den Gust.

Wenn im September die Grillen noch singen, wird billiges Korn man zum Markte bringen.

Sind die Hundstage heiß, kostet´s den Bauern viel Schweiß.

28

August ohne Feuer macht das Brot recht teuer.

Sind die Eichäpfel schön und trocken, wächst nächstes Jahr viel Weizen und Roggen.

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 29

Otto Meiers „Kunst am Bau“ - ?

Worpswede. 1961 – Worpswede bekommt eine neue Schule. Die drangvolle Enge und die abgängigen Gebäude der alten Schule, zunächst in der „Baracke“ am Weyerberg und in der alten Schule neben der Kirche hatten einen Neubau notwendig gemacht. Unter der architektonischen Regie von Walter Müller wurde damals der erste Bauabschnitt des jetzigen Schulkomplexes „Auf der Wurth“ realisiert. Neben einigen Klassenräumen entstand auch eine sehr ansprechende, gemütliche, heimelige Aula, in der gespielt, getanzt und musiziert werde sollte. Diese Gedanken müssen den Ideen Otto Meiers zugrunde gelegen haben, der damals – neben Werner Rohde, der wunderschöne Glasbilder schuf – den Auftrag erhielt, Keramiken für die „Kunst am Bau“ zu gestalten. Es ist eine Gruppe von Tänzerinnen und Spielleuten entstanden, die in einer Ecke der kleinen Aula an den Wänden befestigt wurde. Leider tobte dort das Leben ein bisschen zu heftig, sodass die eine oder andere Figur zu Bruch ging. Man entschloss sich, die Figurengruppe in den Gang zum Lehrerzimmer zu verlagern. Aber auch dieser Standort erwies sich als nicht zuträglich für die Keramiken, weitere

RUNDBLICK Sommer 2013

gingen kaputt. So fand ich eines Tages heile Figuren und Bruchstücke in Kartons in einem Abstellraum. Da zu dieser Zeit mein Blick für Keramik schon etwas geschärft war, habe ich die kaputten Figuren repariert und die Gruppe mit Unterstützung unseres damaligen Hausmeisters Uwe Holz an einer Stelle angebracht, wo sie gut wahrnehmbar aber auch vor weiterer Zerstörung geschützt war. Der Plan ist aufgegangen – bis heute ist keine weitere Keramik beschädigt worden.

„Kunst am Bau“ sollte erhalten bleiben

men. Die „Kunst am Bau“ von Otto Meier und Werner Rohde sollte aber auf alle Fälle im Besitz der öffentlichen Hand bleiben, zumal sie vermutlich nur Eingeweihten bekannt sein dürfte. In den 40 Jahren, die ich an der Schule in Worpswede unterrichtet habe, hat nie jemand nach Otto Meiers „Kunst am Bau“ gefragt, obwohl diese für Meier eher untypisch ist und somit etwas ganz Besonders darstellt. Sie muss für Worpswede erhalten bleiben und einen würdigen Platz erhalten! Rolf Kaestner

Das ist jetzt schon viele Jahre her – warum berichte ich heute darüber? Bekanntlich wird unsere Haupt- und Realschule Worpswede in einigen Jahren geschlossen. Die Gebäude werden dann unter Umständen in andere Hände kom-

29


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 30

Kunst in Kinderschuhen e t i e s d Jugen Neben der Großen Kunstschau Worpswede bietet auch der Verein der Gästeführer Worpswede viele Aktionen für Erwachsene und Kinder an. Das Motto: „Hier trifft Kultur auf Erlebnis!“ Neben Kunst, Geschichte und Architektur sind auch Literatur und Natur Themen der interessanten Ausflüge und Führungen durch Worpswede und das Teufelsmoor. Es werden für jede Zielgruppe, ob Jung oder Alt, Touren angeboten, die den Besuch in Worpswede zu einem besonderen Erlebnis machen. Jeder Gast ist herzlich willkommen! Das Team besteht zur Zeit aus 14 Mitgliedern. Die Gästeführer arbeiten alle freiberuflich und können individuell für eine ausgesuchte Führung gebucht werden. In dem Team werden Zusammenarbeit und erstklassige Betreuung großgeschrieben. Die Gäste stehen an erster Stelle. „Erleben Sie die intensiven Farben der Landschaft, atmen Sie das Flair der ehemaligen Künstlerkolonie und lassen sich von der Kunst und der Geschichte des Dorfes verzaubern.“ - Auszug von der Internetseite des Vereins der Gästeführer Eine der Gästeführerinnen ist Cornelia Hagenah. Seit gut einem Jahrzehnt lebt sie als „Zugezogene“ im Künstlerort und setzt sich mit dem Kunst- und Kulturgeschehen des Ortes auseinander. Die Kunsthistorikerin kann ihr Wissen über die Kunst in die Führungen mit einbeziehen. Ergänzend zu Führungen und Vorträgen schreibt Cornelia Hagenah für die lokale Tageszeitung. Dadurch erhält sie einen guten Einblick in das kunstpolitische Geschehen des Dorfes. Im März des Jahres 2011 haben einige Gästeführer aus der Region den Verein der Gästeführer WORPSWEDE-TEUFELSMOOR

Tarmstedter Grundschüler haben ihre Klassenfahrt nach Worpswede unternommen. Sie nahmen an einer Führung und Malaktion teil, in der sie sich mit dem Lebenswerk von Paula Modersohn-Becker beschäftigten. Gerade standen sie noch vor der Zionskirche jetzt können sie diese auf einem Bild der Künstlerin sehen und vergleichen.

gegründet. Mittlerweile hat der Verein 14 Mitglieder. Das Team besteht aus Kunsthistorikern, Künstlern und engagierten Gästeführern, von denen zwei Urenkel des Mitbegründers der Künstlerkolonie Heinrich Vogeler sind. Die Führungen für Kinder und Jugendliche sind besonders beliebt. Die Schüler, die ihre Klassenfahrt in Worpswede verbringen, sollten auch immer etwas über die Künstler erfahren, die diesen Ort einst so bekannt machten. „Seit fast acht Jahren arbeiten die Gästeführer, die seit 2011 in einem Verein tätig sind, immer wieder an Konzepten, um auch gerade der jungen Generation einen Zugang zur Geschichte des Ortes und zur Kunst in altersgerechter Weise bieten zu können.“, so Hagenah. Es werden interaktive Führungen durchgeführt, die die Schulklassen animieren sollen, auch immer wieder selbst kreativ zu werden. In Kooperation mit der Jugendherberge sind neue Angebote für Schulklassen entstanden, die

Bremer Schüler des 7. Jahrganges lassen sich von Paula inspieriren und malen mit Ölkreiden eigene Kompositionen

30

Teil 2

auch eine Ergänzung des Freizeitangebotes der Klassenfahrt darstellen. Es gibt Rundgänge zu Sehenswürdigkeiten, Erzählungen zur Besiedlung Worpswedes und kleine Rollenspiele, die das Leben der Künstler darstellen. Natürlich darf der Besuch des Museums nicht fehlen. „Hier erleben die Schüler, welche Faszination die Landschaft auf die Künstler ausübte und wie sich die Künstler von der Natur inspirieren ließen.“, erzählt Cornelia Hagenah. Themen für die interaktiven Führungen sind zum Beispiel „Paula ModersohnBecker“ oder die Gründung der Künstlerkolonie. Oft folgen auf die Führungen Malaktionen, bei denen die Kinder selbst kreativ werden können. Informationen gibt es telefonisch unter 04792-1360 und unter www.worpswedefuehrung.de. Text: Mareike Haunschild mit freundlicher Unterstützung von Cornelia Hagenah Fotos: Cornelia Hagenah

Die Kirche stellt eine beliebtes Motiv für die kreative Umsetzung des Erlebten dar

RUNDBLICK Sommer 2013


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:30 Uhr

Seite 31

Das Lager Sandbostel Die Jahre nach dem Krieg Nach dem Tod von mehr als 10.000 Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in Sandbostel hatte das britische Militär über die Befreiung hinaus im Frühjahr 1945 zunächst enorme Probleme bei der Versorgung der Überlebenden. Sowohl freiwillige zivile britische Helfer als auch Hunderte zwangsrekrutierte Personen aus der Region und den umliegenden Dörfern wurden zur Rettung und Pflege der typhuskranken und verhungerten Menschen herangezogen. Dabei kam es zu zahlreichen weiteren krankheitsbedingten Ansteckungen und Todesfällen auf allen Seiten. Gleichzeitig mit den fortschreitenden Entlassungen der Gefangenen erfolgten erste Internierungen des aus den sogenannten Landesschützen bestehenden ehemaligen Wachpersonals. Die SS-Lagerbewacher hatten sich bereits vorher mit Geiseln abgesetzt. Deren oberster Dienstherr, der Reichsführer SS Heinrich Himmler, der sich zunächst nach Schleswig-Holstein zurückgezogen hatte, wurde noch im Mai beim Übergang über die Oste zufällig ganz in der Nähe, die meisten Quellen nennen hier Bremervörde, festgenommen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Marinelager Westertimke kam dieser einen Tag später ins britische Hauptquartier nach Lüneburg. Dort gelang es ihm nach Aufdeckung seiner Identität, eine Giftkapsel zu zerbeißen, was seinen schnellen Tod zur Folge hatte. Seine Leiche wurde daraufhin von britischen Soldaten an einem unbekannten Ort in den Wäldern der Lüneburger Heide vergraben.

Umerziehungslager No. 2 Civil Internment Camp Sandbostel Zum 1. Juli 1945 richteten die Briten in Sandbostel vorwiegend für SS-Angehörige das Umerziehungslager No. 2 Civil Internment Camp Sandbostel ein, eines von insgesamt neun in ihrer Besatzungszone. Wohl an die 5000 Nationalsozialisten waren hier im Laufe der nächsten gut drei Jahre in Gewahrsam und durchliefen rechtliche Ermittlungsverfahren. Von der Spruchkammer in Stade sind 3.500 Strafbescheide und -urteile bekannt, Haftstrafen von wenigen Monaten bis zu sechs Jahren wurden ausgesprochen. Während wenige führende Nationalsozialisten hingerichtet und weitere zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, gelang es anderen, über die sogenannte „Rattenlinie“ mit Hilfe von Vertretern der katholischen Kirche in Rom, nach Südamerika zu entkommen. Den aus dem gesamten norddeutschen Raum in Sandbostel

RUNDBLICK Sommer 2013

Blick auf die katholische Lagerkirche, heute außer Betrieb.

festgesetzten Funktionsträgern des NSSystems blieb die Teilnahme an Umerziehungsmaßnahmen und Schulungen in Demokratie und Pressefreiheit nicht erspart. In Sandbostel erschien sogar eine eigene Lagerzeitung mit dem Titel „Der Windstoß“. Eine Nissenhütte bildete eine erste Lagerkirche, der Altar, so wird überliefert, wurde von angeblich oder tatsächlich reumütigen SS-Männern aus Ziegelsteinen eigenhändig aufgemauert. Beides dient noch heute für den regelmäßigen Gottesdienst. Ich selber konnte das dort seinerzeit detaillierte, in winzigen Buchstaben aufgeschriebene Tagebuch eines dieser Männer einsehen. Dabei fiel mir auf, welche Zweifel und Krisen dieser Mensch, der fest an die ihm vom Nazi-Regime vermittelten Werte geglaubt hatte, hier durchleben musste, um auf den richtigen Weg zu kommen. Ein eindrucksvolles aussagekräftiges Dokument dieser Zeit, welche dann aber mit dem 1. August 1948 und der Übergabe des Lagers an das inzwischen gegründete Land Niedersachsen endete. Mit den Wirren der Nachkriegszeit hatte Kleinkriminalität, vom Kohlenklau, Schmuggel, Schwarzhandel, „Schwarzschlachten“ bis hin zum unerlaubten Schnapsbrennen Hochkonjunktur. Für verurteilte Straftäter benötigte man Platz. Es wurden in einem Teil des Lagers Haftplätze für 600 männliche Strafgefangene eingerichtet. Diese wurden von 110 Angestellten bewacht und betreut.

Notaufnahmestelle für jugendliche Flüchtlinge aus der DDR Als Anfang der Fünfzigerjahre der sog. „Kalte Krieg“ ausbrach und zunehmend Menschen als Flüchtlinge aus der „DDR“

Foto: Kurt Ringen

nach Westdeutschland kamen, wurde hier eine Notaufnahmestelle als Durchgangslager für jugendliche Flüchtlinge eingerichtet. Es kamen etwa hundert pro Tag. Hundert andere verließen regelmäßig nach Befragung, Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung, Registrierung und Arbeitsvermittlung gleichzeitig wieder diesen Ort. Bis zu 800 junge Männer waren ständig anwesend. Eine gemeinsame Verwaltung bestand mit einem gleichgearteten Lager in Westertimke bei Tarmstedt, wo dreihundert Plätze für junge Flüchtlingsmädchen vorhanden waren. So manch älterer Bewohner der Gegend erinnert sich an die zahlreichen jungen Leute, welche sonntags auf einem von zwei existierenden „Pilgerwegen“ das jeweils andere, gut 20 km entfernte Lager besuchten. Nach der evangelischen Kirche war später auch die katholische Kirche sehr um das seelische Wohl der zahlreichen Jugendlichen und deren Freizeitgestaltung bemüht. Eine katholische Kirche wurde Ende der fünfziger Jahre sogar neu errichtet und von einem Geistlichen betreut, der extra aus dem Sauerland abgeordnet worden war. Etwa 250.000 Jugendliche durchliefen das Lager Sandbostel, etwa 80.000 Mädchen Westertimke. Nach dem Bau der Mauer im August 1961 fand diese Entwicklung ein abruptes Ende. Es kamen keine neuen Flüchtlinge mehr. 1963 übernahm die Bundeswehr den inzwischen weiter verkleinerten Lagerbereich und nutzte die Baracken für die Lagerung von Sanitätsmaterial. 1974 wurde das gesamte verbliebende Areal parzelliert und an Gewerbetreibende verkauft. Offiziell hieß es fortan „Gewerbegebiet Immenhain“. Mit dieser Namensgebung hoffte man, alle Erinnerungen zu tilgen. Diese Rechnung sollte nicht aufgehen. Kurt Ringen

31


ausgabe 105 sommer 2013

02.07.2013

8:31 Uhr

Seite 32

Heimat-Rundblick 105  

Magazin für die Region Hamme, Wümme, Weser

Advertisement