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#5 Devion

Ausgangspunkt

Devion Bedingt durch die kalligrafische Arbeitsweise findet sich in den frßhen Antiquaschriften ein Strichstärkenkontrast, die linksgeneigte Schattenachse und die unterschiedlich dicken Auf- und Abstriche. Bis heute sind die Formmerkmale des

Prinzips der ungleich breiten Feder in vielen Schriften enthalten. Die 1990 von Robert Slimbach gestaltete franzĂśsische Renaissance-Antiqua Minion vereint viele historische Formen zu einem dezenten und sehr ausgeglichenen Schriftbild.


#5 devion

Wegen ihrer Eigenschaften und der großflächigen Verbreitung durch Adobe und Microsoft ist die Minion heute eine der meistgenutzten Brotschriften für Fließtexte geworden.

Was aber, wenn sich die gewohnte, historisch bedingte Achsenneigung und der bekannte Wechselzug der Zeichenfeder umkehren? Erfüllt eine Textschrift mit dieser Verquertheit immer noch ihre Funktion?

Der Name Minion leitet sich aus dem französischen mignonne ab, was zierlich, niedlich bedeutet. Da die Devion im Gegensatz sehr abweichend, wenn nicht sogar abnormal ist, entpringt ihr Name dem französischen Wort déviante.


#5 Devion

Glyphen-entwicklung

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01 Skizze der Minion. 02 Etwas zu stark rechtsgeneigte Schattenachse. 03 Die um 4,5° linksgeneigte Achse der Minion im Vergleich zur 04 um 11° rechtsgeneigten Schattenache der kursiven Devion.

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05 Glyphe aus der Times ohne Sporn (vgl. 15.)

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06 Sowohl gespiegelter Wechselzug, als auch gedrehte Schattenache. 07 Die lange Gerade im Bogen schafft eine rechtsgeneigte Punze. 05

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10 08 Leicht gebrochene Bögen in den Punzen und 09 kantige Strichenden geben der Schrift einen eigenen Charakter.

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10 Einige Zeichen müssen nur minimal überarbeitet werden. 11 Ein sehr kräftiges Strichende.

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12 Die Schulter ist, trotz Betonung der nach rechts geneigten Punze, noch etwas zu hoch.

13 13 Harte kalligrafische Abstriche.

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14 Sporn zum Ausgleich der Serife der Times und 15 an der Serife der Minion. 16 Noch keine konsequente Position der Bruchstelle im Punzen-Bogen. 16


Glyphen-entwicklung

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17 Reduzierte Serife der Minion (vgl. 15) 18 Der Buchstabe kippt noch zu stark nach rechts.

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19 Vergleich der Minion (rot) mit der invers geneigten Devion.

20 20 Minimale Überarbeitung gegenüber dem Original der Minion. 21 Zu extreme Neigung der Schattenachse mit 28°.

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22 Durchaus lesbares Zeichen mit starkem Strichstärkenkontrast und verkehrtem Wechselzug.

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23 Verdrehter Auf- und Abstrich in den Diagonalen.

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24 Der obere Arm ist zu lang. 25 Sowohl der Wechselzug, als auch die versetzte dünne Diagonale lassen sich spiegeln. 24

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26 Die Rechtsgeneigte Achse in einer klassizistischen Variate sorgt im Bein 27 für zu viel Schwung.

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28 Noch zu kursive Anmutung. 29 Brüche im Punzenbogen suggerieren eine optische Achse. Diese bietet einen Ausgleich zur rechtsgeneigten 30 Schattenachse.

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31 Ausgleichssporn aus der Times. 32

32 Noch zu starke Kehlung.


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Auswertung

Auf den ersten Blick zeigt die Devion eine weniger experimentelle Schrift, da sie eine Abwandlung eines bestehenden Entwurfs ist und keine vollkommende Neukreation. In ihr zeigt sich dennoch das Experiment im Kleinen. Mit subtilen Änderungen und Merkmalen bewegt sie sich auf gleicher Ebene wie ihre Ausgangsschrift Minion, die mit Rücksicht auf die angenehme Lesbarkeit durch dezente Formmerkmale überzeugt.

Die populärsten Schriftarten sind die am einfachsten zu lesenden; ihre Popularität lässt sie aus der bewussten W ahrnehmung verschwinden. Es ist daher unmöglich geworden, zu sagen ob ihre häufige Verwendung sie lesbar erscheinen lässt, oder ob sie in Anbetracht ihrer Lesbarkeit häufig verwendet werden. Devion Regular / 18 pt Zuzana Licko

Mit neuen und kräftigeren kalligrafischen Abstrichen, vielen Ecken und Kanten, der ungewöhnlichen rechtsgeneigten Schattenachse sowie dem negativen Wechselzug der Feder gewinnt die Devion an Eigenständigkeit. Zudem beweißt sie, dass gewohnte Schattenachse und konventioneller Auf- und Abstrichen nicht zwangsläufig relevant für eine gewährleistete Lesbarkeit sind.

Wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig, lässt sie sich durchaus für Fließtext verwenden. Verzichtet man auf den umgekehrten Aufund Abstrich stellt die Devion eine gute Grundlage für eine leserliche Schrift mit holzschnittartigen Zeichen. Die Weiterführung des Konzeptes könnte eine Kursive mit zum einen einer ausnahmsweise linksgeneigten Schattenachse oder zum anderen einer extrem rechtsgeneigten Achse hervorbringen.


Besonderheiten

#5 devion

4,5° linksgeneigte Achse Minion Regular

11° rechtsgeneigte Achse Minion italic

11° rechtsgeneigte Achse Minion Regular

11° rechtsgeneigte Achse Devion Regular

24° rechtsgeneigte Achse Devion Italic A

16° linksgeneigte Achse Devion Italic B


Devion Regular

ABCDEFGHI JKLMNOPQRS TUVW XYZ abcdefghijklmn o p q r s t uv w x y z 0123456789 äÄöÖüÜß.,:;-– Schriftgestaltung am Rande, aber im Rahmen der Lesbarkeit Bachelorarbeit von Jakob Runge ( jakob@26plus-zeichen.de) 2010 Hochschule Würzburg-Schweinfurt

TypExperiment #5: Devion  

TypExperimente: Schriftgestaltung am Rande, aber im Rahmen der Lesbarkeit. Bachelorarbeit von Jakob Runge jakob@26plus-zeichen.de SS 2010...