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098 Heimspiel empfiehlt

121 Crew Soulseeker CD // Eigenvertrieb / Hannover Robust Die 121 Crew macht auf nostalgisch. Da sind dieser Beat, der an De La Soul erinnert, und die Textzeile, die so auf den Punkt formuliert ist, dass Referenzen an den Wortwitz von Blumentopf und die Wortgewandtheit von Torch aufkommen. Kein Wunder, ist auf »Soulseeker« doch das meiste handgemacht. Der mehrschichtige Sound basiert nicht nur auf Samples – die Beats werden beizeiten auch mit diversen klassischen Zupfund Streichinstrumenten eingespielt und als Textunterlage aufgetischt. Mal wird auf »Soulseeker« in der smarten Machart des Conscious Rap getextet, dann wieder die Representer-Keule geschwungen, bevor das HipHop-Hohelied heruntergebetet wird. Kaum zu glauben, dass »Soulseeker« das Debüt der bereits seit acht Jahren bestehenden 121 Crew ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Formation aus den MCs Skan 91 und Chris Nerve, DJ Frenetikk und Soundpapa Kova ihre Suche nach dem vitalen deutschsprachigen HipHop der Neunzigerjahre fortsetzt und damit weiterhin in die Gegenwart umzieht. Lisa Weil

Clipper Alles erscheint in einem anderen Licht CD // Eigenvertrieb Schwärmerischer Indiepop war ja der Fachbereich von Blumfeld. Jochen Distelmeyer und Band verstanden sich darauf besonders pointiert. Die Kölner Clipper-Clique hat sich offenbar aufgehalst, das Erbe der Hamburger antreten zu wollen. Ausgesprochen wird das zwar nie, doch die Einflüsse sind deutlich hörbar. Die »New Romantics des Alltags«, wie sich Clipper selbst nennen, schwärmen, sinnieren und schunkeln nur leider einen Tick zu viel. Ein bisschen Punk können sie zwar auch vertextlichen (»Romantik, Realismus und die deutsche Nation / Innovation ohne Veränderung / Provokation und den Ball flach halten / Der Plan in meinem Kopf wird die Nation spalten«)

– so richtig will das dann aber nicht zum Duran-Duran-Keyboard passen. Was Clipper definitiv können: gitarrenlastige Flächendeckung betreiben, Keyboardgebete in den Himmel schicken und lyrisch umherschwärmen. Dieses Album erzählt dabei natürlich von Liebe, Ängsten und – ja, wovon eigentlich? Leider wissen die Texte das eine oder andere Mal nicht so recht, wohin sie wollen, und auch musikalisch will die Platte nicht so recht nach vorne gehen. Liebhabern deutschsprachigen Schwärmerpops à la Garish dürfte das Album schmecken – als freitagabendlicher Partyantrieb ist »Alles erscheint in einem anderen Licht« aber sicherlich nicht geeignet. Und leider will die Platte auch nicht so recht beantworten, ob der Bandname etwas mit »Detektiv Clipper« zu tun hat. Vielleicht berichten Clipper das auf der nächsten Platte und packen dafür die Trivialpoesie in die Schublade. Lisa Weil

Katriana In meinem Kopf CD // Pussy Empire Records Die Liebe ist eine alte Drecksau. Entweder sie erwischt einen hinterrücks – und lässt einen perspektivlos zurück. Oder sie macht sich dann aus dem Staub, wenn alles perfekt erscheint, und hinterlässt nichts als Tränen, Verzweiflung und Einsamkeit, oft auch Wut. Von dieser ganzen Palette an »Herzscheiße« (Funny Van Dannen) singt die 33-jährige Hamburgerin Katriana gekonnt. Seit sie 16 ist, ist sie in Norddeutschland Musik machend unterwegs, wo 2006 auch ihr Livedebüt »Jeden Tag« erschien. Jetzt zieht Katriana aus, auch den Rest Deutschlands zu erobern. Das macht sie mittels ihrer Virtuosität auf dem Klavier und der mal unterstützenden, mal konterkarierenden Begleitung von Birte Schultz am Cello. Einzig zwei der zehn Lieder fallen heraus: »Man sagt« behandelt, feministisch angehaucht, die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung und stellt ein Schönheitsideal in Frage. »Schlimmer geht’s nimmer« beschreibt das unbestimmte Gefühl der Angst, auch wenn’s einem gut geht. Katrianas Kunst

ist, emotional-poetisch rüberzukommen, ohne kitschig zu sein, sodass im Rückblick die Erinnerung an all die rotweingeschwängerten, vergeudeten Abende ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. »Ich würde gerne mehr Songs über Politik machen«, sagt Katriana, »geht aber nicht immer.« Na ja, irgendjemand muss ja auch über die alte Drecksau Liebe singen können. Und Katriana kann’s. Kerstin Fritzsche

Long Distance Calling Avoid The Light CD // Superball Music / SPV Die Uhren ticken ein wenig anders im Hause Postrock. Oder vielmehr kümmert man sich gar nicht erst darum, beim Musizieren eine Uhr in Blicknähe zu haben. Wie sonst ließe es sich erklären, dass sich Long Distance Calling auf ihrem zweiten Album zehn Minuten Zeit nehmen, um »I Know You, Stanley Milgram!« in aller epischen Breite zu zelebrieren – eine rein instrumentale Auseinandersetzung mit dem bekannten Autoritätenforscher und Psychologen. Wie schon auf dem gelungenen Debüt »Satellite Bay« verzichtet man überwiegend – nämlich bei fünf der sechs Songs – auf Gesang und hält die Spannung dennoch konsequent, indem man das alte Laut/ Leise-Spiel in allen Variationen durchexerziert. Tracks wie der bereits genannte oder »Black Paper Planes« lassen einem dabei immer wieder Ruheräume, in denen man sich mit eigenen Assoziationen und Lyrics einrichten kann – bis sie einem plötzlich mit einem festen Gitarrenriff in den Nacken schlagen und in die Realität zurückprügeln. Die klare Produktion von Blackmails Kurt Ebelhäuser verstärkt diesen Effekt noch. »Avoid The Light« ist ein durch und durch gelungener Zweitling, der allerdings mit dem Song »The Nearing Grave«, bei dem Jonas Renske von Katatonia gastsingt, eine existenzielle Frage aufwirft: Wenn man solch einen Hammertrack hinbekommt, der den Rest des guten Albums tatsächlich noch in den Schatten stellt – sollte man dann nicht vielleicht doch über einen Sänger nachdenken? Daniel Koch

Coca-Cola Soundwave Discovery Tour 2009

Newcomer-Coaching Als Newcomer hat man es nicht leicht. Aber es gibt ja Europas größte Nachwuchsförderung: Die zwölf Bands , die in der nächsten Wettbewerbsrunde beim großen »Soundwave Clash« bei Rock am Ring spielen werden, bekommen vor diesem Mega-Gig noch ein umfassendes Coaching-Paket. Alles rund um den Bandwettbewerb gibt es auf www.myspace.de/ cokemusic. Und hier im Heft auf Seite 21.

Ofelia & Uzrukki Wir haben keine Aussage ... CD // Hobbymusik / www.hobbymusik.net »Wir haben keine Aussage wir wollen bloß dass die Leute eine gute Zeit haben damit sie sich am nächsten Tag wieder global agierenden Konzernen dienstbar machen können.« So. Das nur der Vollständigkeit halber. Denn so geht nicht etwa eine Rezension von Ofelia & Uzrukkis erstem (?) Machwerk auf CD los, so lang und klar und schlicht ist der Albumtitel selbst in seiner ganzen Schönheit. Ein Titel, der oben wohl oder übel wegrationalisiert werden musste. Platzmangel, Gürtel enger schnallen und so weiter, ihr kennt das Lied. Was soll man auch machen? So ist die Lage. Und genau dieses Lied singen auch Ofelia & Uzrukki immer und immer wieder. Sie singen »Viele Menschen tragen lächerliche Socken, es kann nicht mehr so weitergehen« über die schmalbrüstigsten Beats, seit es Rhythmusmaschinen gibt. Das ist Electropunk ohne jede Attitüde, DAF für die ganz Armen. Also: unglaublich gute Musik. So dünn und primitiv und zwangsläufig pseudorevolutionär »WHKAWWBDDLEGZHDSSANTWGAKDMK« ist, so großartig ist es auch. Habt eine gute Zeit damit! Arno Raffeiner

The Shell Disco Monte Cristo CD // Exzess Berlin / Rough Trade In Berlin lebende Schweizer Exilanten sind augenscheinlich das neue Ding. Wo Bonaparte den fast schon nervtötenden Hauptstadt-Hype nun hinter sich gelassen haben, um in der Festivalsaison Deutschland flächendeckend zu erobern, stehen schon wieder die nächsten Anwärter mit ihren Gitarren unter der Discokugel. Besagte Discokugel findet sich dann auch nicht gerade unsubtil auf dem Plattencover. Aber man muss ja nicht immer feingeistern. The Shell drücken vom Titeltrack-Opener gleich das Gaspedal durch und halten einen von da an elf Songs recht gut bei Laune. Sie wollen allerdings weniger in die Electro-Disco als Bonapar- ≥

Intro #171  

Musik und so.

Intro #171  

Musik und so.

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