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114 Heimspiel empfiehlt

Motosushi

zu singen an die wunderbaren Hidalgo aus Nürnberg. Man könnte einwenden, dass die Produktion eine Spur zu sauber ist, um als hundertprozentig amtlich cool durchzugehen – aber das sind ja nun wirklich Luxusprobleme. Oliver Minck

Please. Me Souvenirs EP Rocken, so stand es einst in diesem Heft geschrieben, könne jeder – »aber Motosushi ganz besonders!« Das hat einen einfachen Grund: Motosushi können deshalb rocken, weil sie es nicht ausschließlich tun. Ihren Noise-Pop-Core setzten sie erstmalig 1997 ins Werk. Seitdem haben sie ihn angefüttert mit Loops, schrägen Sounds – und einer enormen Live-Erfahrung. Sie bespielten nicht nur die Bühnen rund um ihre Homebase Bochum, sondern unternahmen auch eine Konzertreise durch Russland. Motosushi, das Quartett um die charismatische Sängerin Donata Sommer, kennen so ziemlich jede Autobahnraststätte: Drei PKW haben sie während ihrer nimmermüden Touraktivitäten bereits verbraucht. Kein Wunder, dass sie auch beim Coca-Cola Soundwave Online-Voting den Weg zum Rock am Ring spielend fanden. Denn ihr Mix aus eingängigen Melodien, sirenenhaften Vocals und gesunder Gitarrenhärte überzeugt auf ganzer Linie. Michael Schütz

Monk The Man Who Sleeps On His Breath CD // Sevenahalf Records / Broken Silence Mal ehrlich: Wenn auf dem Infozettel gestanden hätte: »neuester Kanada-Hype aus dem Broken-Social-SceneUmfeld« – man hätte es bestimmt erst mal geschluckt. Ist aber nicht so, denn dieses Trio kommt aus Österreich, genauer gesagt aus Graz, und veröffentlicht heuer sein zweites Album, ohne dass in Deutschland bislang irgendjemand groß Notiz davon genommen hätte. Das könnte sich ändern, denn die drei Monks machen Musik, die weltweit goutiert werden könnte und sollte. Eklektisch und modern zugleich. Pop mit Widerhaken: Flockiger Sixties-Flair wird gebrochen von störrischen Gitarren, manchmal einigt man sich auf eine Hitmelodie, dann wieder nehmen die Gesangslinien von Susanna Sawoff komische Wendungen. So bleibt alles gefällig und spannend zugleich. Hier wird mit nichts gegeizt: Obwohl die Grundbesetzung ein Trio ist, werden die Songs ausstaffiert mit Bläserarrangements, Glockenspiel und feinen Chorsätzen. Manchmal denkt man aufgrund der verschrobenen Poppigkeit und der Art

EP // Popup Records Zum Glück verzichtet dieses Quartett darauf, sich als die »Beatles aus Buxtehude« zu verkaufen. Naheliegend wäre es, findet sich ihr Bandname immerhin auch im Debüttitel der Fab Four. Und auch die buxtehüdische Herkunft ließe diese schön alliterierende Bezeichnung zu. Aber man stapelt eher mittelhoch im Hause Please. Me und kontert auf den unter den Fans kursierenden Vergleich, man solle das nicht zu wörtlich nehmen mit den Beatles-Referenzen. Aktueller empfehlen sich da zum Beispiel eher die Herren von Phoenix oder in den rockigen Momenten Maritime und Konsorten. Please. Me legen mit ihrer zweiten EP sechs Songs hin, die begeistern und ausloten, was diese Band kann: Sonnigen und melodischen Power-Pop in »Gentleman With Scars«, der im Refrain recht deutlich den Franz-Ferdinand’schen New-WaveKosmos streift; Mitspringbares gibt’s in den »Houses Of Glass«; während in »Dictionary« sehr gekonnt versucht wird, einen Popsong ins Unhörbare zu überdrehen. Sänger Malte Hadeler zieht hier zu furzenden Keyboards seine Stimme in die höchsten Tonlagen, was in diesem Fall Spaß macht, da sich der Song im Refrain wieder im Normalen fängt. Ein ganzes Album soll übrigens bald folgen. Gutes Gelingen! Michael Schütz

Science Fiction Army

Mal mit, mal ohne selbst gemachte Roboteranzüge. Mal laut, mal leise. Mal in der Besetzung Baddo (Gesang/Gitarre), Raabi (Drums), Hansolo (Bass) – dann mal wieder ganz anders. Bei diesen Offenbachern weiß man nie, was einen erwartet. Sie tauschen wild die Instrumente, sind mal die seriöse Rockband, mal ein Haufen Irrer, der auf seiner Bühne die »Gast-Aliens« Atomic Robot Man, Kink Könk und Gregoria Samsa

begrüßt. Ihr Sound? Garage Punk, der in den Weltraum will, oder, wie sie selbst meinen: »R2D2 meets AC/DC oder C3PO meets Black Sabbath.« Oder klingen sie nicht eher, als würden die Hives die Ewoks pimpern? Oder die Stooges Jah Jah Binks köpfen? Oder Turbonegro mit Chewbacca duschen? Das wird sich live bei Coca-Cola Soundwave Clash auf dem Rock am Ring erweisen. Aber eins steht bereits im Vorfeld fest: Es wird ein Kampf gegen Stille und schlechte Laune. Denn die Science Fiction Army ist angetreten, um Liebe und Krach in der Welt zu verbreiten. Sabine Große-Hambrinker

Tapete Die Ewigkeit des Vergänglichen CD // www.myspace.com/tapeteberlin Auf dem Tisch liegt das aktuelle Album des Rappers Tapete, aufgenommen und produziert in Eigenregie und im heimischen Studio. Das muss kein Manko sein und ist es auch nicht; Transparenz und Druck hat das gute Stück. Tapetes handwerklich souveräner Rap beweist Flow und unterhält angenehm. Erfreulicherweise werden textliche Klischees vermieden, auch wenn Tapete weniger provoziert als behauptet. Der Berliner kümmert sich um seine Stadt, ihre Geschichten, die Gesellschaft und ihre Auswüchse. Was eine Nabelschau befürchten lässt, zeigt erfreulich kritische Töne und ist dabei höchst variantenreich. Hier ist ein aufmerksamer Beobachter am Werk, der von den Strukturen gescheiterter zwischenmenschlicher Beziehungen wie auch den Mechanismen urkapitalistischer Ausbeutung zu künden weiß und sich darauf einen melancholisch grundierten Reim macht. Als Haupteinflüsse müssen Zivilkontrolleure und die netten Mitarbeiter vom Ordnungsamt herhalten. Flotte Rhythmen, die manchmal an osteuropäische Folklore erinnern, wechseln sich mit gedämpftem, lässigem Material ab. Aufgrund eines offenbar vorschnell unterschriebenen Künstlerexklusivvertrags wurde Tapete eine Zeit lang daran gehindert, mit seinen Werken an die Öffentlichkeit zu gehen. Was lehrt uns das? Leute, nicht immer gleich der bösen Industrie auf den Leim gehen! Wie von ihm zu erfahren ist, soll Tapete übrigens kein Gangsta, Spaßrapper oder Student sein, sondern vielmehr conscious, feelgood, gutaussehend und Hartz IV. Benjamin Cries

This Drowning Man Big Faint Lane CD // www.myspace.com/ theillusionfailed Ohne despektierlich sein zu wollen – wenn man sich This Drowning Man so vorstellt, hat man sofort ein wandeln-

des Klischee vor Augen. Man denkt an gestandene, etwas blässliche Männer mit Jobs, die sie ausfüllen, weil sie es müssen, und an eine alte Liebe zu Musik, die auf den Tanzflächen der Alternativ-Discos der Achtziger erwachte. Die Hamburger sind deutlich beeinflusst von Wave und Postpunk, von New Order, Pulp und Cure, aber auch von Fury In The Slaughterhouse, U2 und den Sisters Of Mercy. Die Umsetzung ist stilsicher und düsterromantisch, zeugt von intensiver Auseinandersetzung und aufrichtiger Liebe. Die Stimme schwadroniert effektbesetzt und stimmungsvoll, die Arrangements sind treffend und gönnen sich hin und wieder sogar kleinere, anregende Umwege. Die Keyboards sind denen der alten Helden stilecht nachempfunden. »Big Faint Lane« könnte traditionsbewussten schwarzen Seelen sogar ein wirkungsvolles Déjà-vu verpassen. Nur – hören die überhaupt noch neue Musik? Christian Steinbrink

Xrfarflight The Early Bird Catches The Worm, So Clever Worms Get Up Late CD // www.myspace.com/xrfarflight Aufbauen und zerlegen, Konstruktion und Dekonstruktion – das Prinzip wird schon im Titel deutlich. Der frühe Vogel fängt den Wurm, so so – Floskelalarm lässt grüßen. Und prompt geht der Spruch andersrum. Songtitel wie »Mad Bedicine« oder »Messy Lane« tun ihr Übriges. Hier spielt und verdreht jemand wohl gerne. Gut so, schön so – doch das schürt natürlich Erwartungen, die von den zwei Hamburgern auch musikalisch nicht enttäuscht werden. Mit Orgel, Bass, Schlagzeug, Gitarre, ein wenig Electronica und zweistimmigem Gesang wirbelt das Duo so ziemlich alle erdenklichen Sounds durcheinander. Ohne Vorwarnung flanschen sie Dios »Holy Diver«Winde als Zwischenpart im Opener in einen Rogue-Wave-Song. Im Song »Dream Theater« frickeln sich die beiden in bester Prog-Metal-Manier mit Lo-Fi-Sound durch den Song. Und das überhaupt nicht ungekonnt. The Knacks »My Sharona« brät in Picking-Gitarren, und krumme Rhythmen und Nirvana-Riffs enden in Klingelton-Breaks. Klingt unhörbar? Zu viel des Guten? Keineswegs. Xrfarflight lehnen sich weit aus dem Fenster, haben keinen Bammel vor dem freien Fall und punkten damit auf ganzer Linie. Thomas Markus

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Intro #161