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Lisa Eckhart   „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“  Programm Pressetext  Verehrte Menschen und jene, die sich für solche halten! Hereinspaziert! Zu einem in Abend feinster  Verstörungstheorien! Zu einer 88er‐Bahn der Gefühle durch die disneyeske Landschaft  österreichischer Wirtshäuser und Kellergewölbe! Entdecken Sie die verborgenen Zusammenhänge  zwischen ISIS und ÖSIS, Rassenhass und Angela Lansbury, Dj Ötzi und Joseph Goebbels! Spähen Sie in  eine Schulstunde des ersten Mobbing‐Unterrichts! Erfahren Sie die Lösungen sämtlicher irdischen  Probleme und Ungerechtigkeiten! Lösungen, die so unmenschlich sind, dass sie wirklich  funktionieren könnten! Viele von Ihnen werden fragen: „Können wir das tatsächlich tun?“ Was soll  man sagen? Der letzte Satz der Menschheit wird nicht umsonst lauten: „Oh yes, we can!“    Katzen würden Whiskas kaufen und sich im Anschluss dieses Programm ansehen. Weil sie es sich  wert sind.   

Über Lisa Eckhart  Lisa Eckhart, eine junge Steirerin, kroch aus der verbrannten Erde der deutschen Poetry Slam Szene,  um sich in der Kabarettszene Österreichs mehr Raum zu verschaffen. Mit Performance und Texten so  gnadenlos wie der Katholizismus und so wortgewandt wie eine Nationalratssitzung. Gebt ihr Stift,  Papier und Bühne und niemand wird verletzt. Ab Herbst 2015 ist sie Teil der "Langen Nacht des  Kabaretts" und gibt ihr Kabarett‐Debüt mit "Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten".   

Pressestimmen Maliziöses Lächeln, böse Reime und geschliffener Vortrag sind Markenzeichen von Lisa Eckhart.  (Süddeutsche Zeitung)  Ihre Reime und die Inszenierung sind so, wie man es von großen Schauspielhäusern gewohnt ist. Das  Publikum ist schwer beeindruckt von diesem hohen Niveau. (Wiener Zeitung)  Wirklich gelungene und durchaus tiefer gehende Unterhaltung (diekleinkunst.com) 

Kontakt    Andi Peichl  der@verschnalzer.com  Tel.: 0 699/133 29 279    Thomas Tröbinger  thomas@troebinger.co.at  Tel: 0664/5329815 


Bös. Lisa Eckhart will niemanden auf ihre Seite ziehen, sie ist nur gern ungemütlich.

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„Frauen werden zur Innenschau erzogen“ Die Poetry-Slammerin Lisa Eckhart dichtet und schimpft neuerdings auch auf österreichischen Kabarettbühnen. Ihr Vorbild: der Teufel. Text: Sabine Hottowy

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Porträt: Christine Ebenthal

m Irgendwo bei Leoben ist Lisa Eckhart bei ihren Großeltern aufgewachsen, bevor sie in die weite Welt hinausgeflogen ist, um ihren Publikumskreis zu erweitern. Nach Paris und London lebt die 23-Jährige heute in Berlin – schreibt, reimt und lässt sich feiern. Ihren Start dürfe man sich aber nicht besonders Bernhard-verträumt vorstellen, sagt sie, eher auf die Seidl-Haneke-Tour. „Wenn man die Kindheit mit 70-jährigen Menschen verbringt, die verleugnen, dass es auch andere Kinder gibt, und man einen genetischen Defekt wegen seiner Größe eingeredet bekommt, hinterlässt das schon Spuren. Damals habe ich gelernt, dass Lieben die unanstrengendste Form der Liebe ist, geliebt zu werden, das ist das Unangenehme.“ Ja, sie ist zynisch, privat und beruflich. Nach dem Poetry Slam, dem modernen Dichterwettstreit, tritt Eckhart derzeit als nicht ganz genrereine Kabarettistin auf. In ihrem ersten Solo „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ dichtet sie wild und flegelt elegant. Die Pointendichte ist gemäßigt. „Es tötet mich nicht, wenn es nicht konstant lustig ist.“ Ihre Themen sind breit, über historischen Alzheimer, „Hatsche Strache Luftballon“, platonischen Terrorismus und andere Harmoniehysteriker, findet sie auch neue Ansätze zur industriellen Fleischproduktion (Warum sollte man glückliche Tiere essen? Doch lieber die, die wirklich sterben wollen) und natürlich über sich selbst – oder das, was sie an sich unterhaltsam findet. Mit der Wahrheit nimmt es die multilinguale Künstlerin nicht so genau. „Das Programm ist sehr entschärft, die Wahrheit ist in diesem Fall ungleich dem Bachmann-Zitat nicht zumutbar.“ Und darüber hinaus „werde ich doch lieber angelogen als schlecht unterhalten“. Diese Idee vererbt sie auch ihrem Publikum. Zurück zu den Sprachen, die sind ihr wichtig. Nachdem sie als Kind wie ein „legasthenisches Wolfskind“ kommunizierte, dem Grammatik als Dekadenz verkauft wurde, musste sie erst einmal Deutsch als Fremdsprache lernen, erzählt sie. Da war die Liebe geboren. Mittlerweile spricht sie Englisch, Französisch und Russisch. „Meine liebsten Sprachen in der Schule waren aber Latein und Griechisch, weil ich mich damit nicht unterhalten musste. Dialog finde ich überbewertet, Hauptsache, ich spreche.“ Lisa Eckhart, eine egozentrische Wölfin. Ihren Sprung von Leoben nach Paris als 17-Jährige beschreibt sie als „unerklärlichen Kurzschluss. Französisch konnte ich nur rudimentär, ich habe es mir in den nächsten drei Jahren mit einem Wörterbuch beigebracht.“ Währenddessen hat sie an der Sorbonne Germanistik studiert und als Hostesse Geld verdient. „Sind die Autoverkäufe nicht nach oben gegangen, wurden die Mädchen angewiesen, ihre Röcke weiter nach oben zu ziehen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für meine feministische Entwicklung, ist es doch einer der degradierendsten Berufe überhaupt.“

Der Wunsch, angesehen zu werden, war also schon früh da, die Richtung fehlte. Schreiben wollte Eckhart damals nicht, weil sie davon überzeugt war, dass man zuerst alle anderen Autoren kennen muss. Also hat sie gelesen. Danach ist sie ein Jahr nach London gegangen, um zu unterrichten und schnell zu merken, dass Kinder nicht ihr Publikum sind. Nächste Station: Berlin. „Dort wusste ich gar nicht mehr, was tun. Dann waren es die Schauspielschulen.“ Die wollten sie nicht, weil sie immer den Mephisto statt des Gretchens gab – und „weil ich nur mich spielen kann“. Über all diese Umwege landete sie am Ende beim Poetry Slam. Auf dieser Bühne wurde sie gut aufgenommen, schnell zur Nachwuchshoffnung und noch schneller zu Julia Engelmanns Antithese gekrönt. Letzteres findet sie „wunderschön“. Engelmann wurde 2013 mit einem optimistischen Text voller Allgemeinplätze über Nacht zum Sprachrohr der Yolo-Bewegung (Yolo steht für „You only live once“). Eckhart ist ihr Gegenstück. „Wenn ich Sätze höre wie: ‚Du kannst alles erreichen, du musste es nur wollen‘, dann sprichst du für ein Prozent der Menschheit. Dieser ganze Genuss-Spaß-Faschismus ist nicht vertretbar. Und von wegen ‚Wir müssen jeden Tag unseres Lebens genießen‘. Das macht uns natürlich nur unglücklich. Wer genießt denn schon jeden Tag. Das ist ja nicht möglich und auch nicht erstrebenswert. “

Danke an das WUK für das zur Verfügung stellen der Location.

„Dieser ganze GenussSpaß-Faschismus ist nicht vertretbar.“

 roße Vorbilder.Goethe und Jelinek, mehr interesG siert Eckhart nicht. „Nichts ist in so schöner Sprache verfasst wie der ‚Faust‘ und dann diese Verkleidung des Vulgären zu etwas Grandiosem.“ Und die Jelinek ist ihr Nonplusultra. „Mit dieser absoluten Härte hat sie auch absolut Humor. Sie treibt die menschlichen Abgründe an die Spitze, bis sie in ein Lachen ausarten.“ Was sie selbst auszeichnet, ist nichts Süßes, wie bei manchen ihrer Kolleginnen, sondern die Härte, wohl auch eine gespielte. Dieser fühlt sie sich als Frau verpflichtet. Und aus dieser Verantwortung heraus schreibt sie auch keine gefühlvollen Texte. „Frauen werden ja zur Innenschau erzogen, aber dieses Ich interessiert doch niemanden. Das ist charmeloser Narzissmus.“ Sie will lieber charmant narzisstisch sein, wie Mephisto. Bös und raffiniert. „Ich bin niemand, der feste Überzeugungen hat. Ich schau immer zuerst, was der andere hat, und dann versuche ich, dagegenzureden. Ich will niemanden auf meine Seite ziehen. Meine Seite ist das Nichts. Ich will nur, dass die Gemütlichkeit verloren geht. e

Tipp Bühne & Buch.Ihr erstes Solokabarett „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ spielt Lisa Eckhart das nächste Mal am 29. 4., 6. und 7. 5. im Kabarett Niedermair und am 1. 5. in der Kulisse in Wien. Das Buch „Bonusmaterial“ ist im Eigenverlag erschienen und über www.lisaeckhart.com erhältlich. Kulturmagazin 57


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TAZ.DI E TAGESZEITU NG

Berlin Kultur

MONTAG, 29. FEBRUAR 2016

„Die Wohrheid is ned imma zumutbar“ VERWEIS

SeelenfresserEmotion Regisseur Hakan Savaş Mican bringt „Angst essen Seele auf“ auf die Bühne. Er will mit der Liebesgeschichte zwischen der Putzfrau Emmi und dem zwanzig Jahre jüngeren Gastarbeiter Ali nicht mit der dunklen Bildsprache des Fassbinder-Films konkurrieren. Sein Rückblick auf eine vierzig Jahre alte Geschichte verkneift es sich sogar, Parallelen zu ziehen zwischen der kleinbürgerlichen Fremdenfeindlichkeit der 1960er mit den besser getarnten Ausschlussgesten von heute. Aber wenn Emmi das erste Mal mit Ali allein ist, beide von ihren Familien erzählen, von ihrer Einsamkeit – dann kann man darüber erschrecken, dass das nichts von seiner Ungewöhnlichkeit verloren hat. Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, 19.30 Uhr.

BERLI N ER SZEN EN KUMMERZAH N

Fatal, fatal Es tut weh im unteren linken Backenzahnbereich. „Wie weh?“, fragt der Zahnarzt im Kreuzberger Graefekiez. „So weh halt“, sage ich, „bin aber nicht so schmerzempfindlich.“ Zero points für meine Antwort: Der Bader beschließt, im oberen rechten und schmerzfreien Backenzahnbereich Hand anzulegen. „Für mehr bleibt heute nicht die Zeit, wir haben Feierabend.“ Gesagt, getan, Patientin überrumpelt, Bohrer surrt. Als ich mich gerade in mein Schicksal füge, fällt mir doch noch ein, dass man vorrangig zum Arzt geht, um akutes Weh einzudämmen. Ich sage mit drei Apparaturen im Mund: „Stopp!“ Die Assistentin und der Arzt schauen mich konsterniert an. Als ich meinen Wunsch nach Behandlung im unteren linken Backenzahnbereich äußere, „weil, da tut es mir heute weh“, ist der Doc sauer. Ja, er schimpft richtig und ich weiß gar nicht, wie mir auf meinem Behandlungsstuhl geschieht, von wegen Dienstleistungsgesellschaft und so. „Ich hatte mir heute etwas anderes

„Also, ein Kind hält so eine Scholle nicht aus.“ Ich nicke für Sie vorgenommen“, ruft der Zahnarzt entrüstet. Wenig später breaking news an der Schmerzensquelle: „Der Zahn muss raus. Die Karies ist zu weit in die Wurzel vorgedrungen.“ Reflexartig und mit betäubtem Mund fasele ich etwas von „zweite Meinung einholen“. Beleidigt meint mein Bader, ich vertraute ihm nicht. „Nur raus hier!“, denke ich und irgendwann bin ich auch draußen. Ich stehe am Geländer der Baerwaldbrücke, es ist dunkel, eine Eisscholle schwimmt im Wasser, darauf eine Ente, die sich treiben lässt. Ein Mann in einer klobigen Winterjacke gesellt sich zu mir, sucht unbeholfen das Gespräch. „Also, ein Kind hält so eine Scholle nicht aus. Das würde untergehen.“ Ich nicke stumm, dann sagt der Mann: „Entschuldigen Sie, dass ich ein wenig nuschele. Ich bin in zahnmedizinischer Behandlung. Schönen Abend noch!“ HARRIET WOLFF 

SATIRE Lisa Eckhart verbreitet „Verstörungstheorien“, wenn sie auf der Bühne steht. Ihr Schmäh richtet sich

scharfzüngig gegen populäre Scheinargumente und Ressentiments. Ihr Publikum wird stetig größer

VON CHRISTINA PALITZSCH

Aus dem Dunkel der Bühne erhebt sich eine blutleer wirkende Erscheinung auf 20 Zentimeter hohen Plateauschuhen, blickt stumm mit einem müden Lächeln auf das Pu­blikum herab. Dunkle Kleidung, streng gescheitelte Haare und die vogelartige Gürtelschnalle unterstreichen den morbiden Look von Lisa Eckhart. Sie hält kurz inne, bevor ein tosendes ­Reimgewitter mit österreichischem Zungenschlag aus ihr herausplatzt: „Wenn der Mensch kein Feindbild wüsst’, wie wüsst’ er dann noch, wer er ist? Der Mensch ist nun mal Herdentier, und schwarze Schafe braucht die Herde, gefragt ist nur: Wen wählen wir, der schwarzes Schaf der Herde werde? Da sag ich: Wir diskriminiern die Kinder! Erklären sie zur schmutz’gen Minderheit unsrer Gemeinschaft und deklarieren ihnen Feindschaft. Na, warum: In seiner Ungerechtigkeit, die Diskriminierung stets begleit’, wär’ dies die gerechteste. Denn so ist jeder einmal dran, von 0 bis 10 Jahren jedermann Prügelknabe der Nation, und welches Kindlein stört das schon.“ Die 23-jährige Wortkünstlerin spielt mit vollem Körpereinsatz, mal freundlich, dann wütend und bitterböse, in einem Moment leise, kurz darauf mit angehobener Stimme und ausladender Gestik. Es ist die Katharsis einer aus den Fugen geratenen Realität. Eckhart verbreitet „Verstörungstheorien“, nutzt die immer gleichen Ressentiments gegen Faulheit, Fehlen von Sprachkenntnissen und kulturelle Verschiedenheit, um sie als Scheinargumente vorzuführen. Damit hinterfragt sie auch gesellschaftliche Übereinkünfte über Kinderliebe, Rassismus oder gesunde Lebensweise. Weder stereotype Frauenbilder, kirchliche Doppelmoral noch rechte Gesinnungstrottel sind vor ihrer scharfen Zunge sicher. Unter dem Slogan „Stift, Papier und Bühne und niemand wird verletzt“ erobert sich Eckhart ein wachsendes Publikum. Gerade in Österreich habe sie es schwer gehabt, wuchs sie doch in einem Dorf auf, in dem

Die 23-jährige Wortkünstlerin Lisa Eckhart nennt Elfriede Jelinek, Goethes Faust und den „absurden Humor der Russen“ ihre Vorbilder Foto: Moritz Schnell

am Wirtshausstammtisch der Zweite Weltkrieg nie verloren geglaubt war, wie sie sagt. Früh floh sie „aus der Enge cisleithanischer Alpen“. In Deutschland sei sie nun der gute Flüchtling, also nicht so ein Syrer, geflohen vorm Krieg, was sie, die Augen verdrehend, mit einem Schnalzen der Zunge kommentiert. Sie komme aus Österreich und befinde sich aus rein wirtschaftlichen Gründen in Deutschland. „Das meng die Deudschn“, sagt sie mit unüberhörbarem Akzent. Sie habe zeitweise drei Arbeitsämter um Geld erleichtert, das österreichische, das französische und das deutsche. Erst als sie kürzlich das Neuköllner Jobcenter aus Versehen im Nerz betrat, sei alles aufgeflogen und man habe ihr die Bedürftigkeit nicht mehr abgenommen. Doch sei sie sich kei-

Sie als Österreicherin sei aus rein wirtschaftlichen Gründen in Deutschland ner Schuld bewusst: „Ich bin ja in keinem der Länder einem regelmäßigen Erwerb nachgegangen, gell?“, fügt sie süffisant hinzu. Im ­Gegensatz zu den Flüchtlingen, die immer arbeiten wollten, wie sie schließlich resigniert feststellt. Lisa Eckhart ist der fleischgewordene Schmäh. Doch nicht im Sinne oberflächlicher Freundlichkeit, die besonders den Wienern nachgesagt wird. Ihr Schmäh ist vielmehr ein schwarzer Humor voll versteckter ­Anspielungen, abgeleitet von dem mittelhochdeut-

schen Begriff smæhe, der für „Beschimpfung“ oder „verächtliche Behandlung“ steht. Kein Wunder also, dass sie letztes Jahr in Ludwigsburg eine Totenkopftrophäe dafür ergatterte, dass sie in Klaus-KinskiManier beim „Dead or Alive“Slam an grund- und bodenloser Wut alle anderen übertraf. Wegen ihres trockenen schwarzen Humors, der nicht selten die Seichtheit menschlicher Exis­ tenz aufdeckt und irgendwo zwischen Josef Hader, Ulrich Seidl und Charlotte Roche verortet werden kann. Ihre literarischen Vorbilder seien Elfriede Jelinek, Goethes Faust und der absurde Humor der Russen. Die außergewöhnliche faustische Bühnenerscheinung Lisa Eckhart wirkt wie eine Kunstfigur, doch sie selbst weist das entschieden von sich. Gelassenheit

und Natürlichkeit seien einfach nicht ihr Thema, sie sei privat genauso. In ihren Bühnenauftritten nehme sie sich sogar noch zurück, denn, so sagt sie, das Zitat von Ingeborg Bachmanns abwandelnd, die „Wohrheid is ned imma zumutbar“. Nun ist sie mit ihrem ersten Soloprogramm, „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“, unterwegs und arbeitet an zwei Büchern, von denen eines im Herbst erscheinen soll. Die Intensität der Texte und die Radikalität ihrer Inhalte nahmen im letzten Jahr deutlich zu. Sicher ist, dass wir von der selbst ernannten „experimentellen Züchtung der österreichischen Alpen“ noch so einiges zu hören bekommen werden. ■■ Am 1. 3. ist Lisa Eckhart beim Kreuzberg Slam zu hören. Lido, Cuvrystr. 7, 20.30 Uhr. 6 Euro

Die Emanzipation der jungen Frau KINO

Spiel mit Rollenerwartungen: das Programm „Ich. Weibliche Selbstreflexion im ost- und westdeutschen Film“ im Arsenal

Noch immer scheint die Geschichte weiblicher Filmproduktion allzu oft nur aus dem kurzen Aufbruch Ende der 1960er Jahre zu bestehen. Die Mühen, die Frauen in späteren Jahrzehnten auf sich nehmen mussten, um Filme zu drehen, geraten dar­ über oft in Vergessenheit. Dem hilft nun ein Filmpaket mit dem Titel „Ich. Weibliche Selbstreflexion im ost- und westdeutschen Film“ ab, das die Deutsche Kinemathek zusammengestellt hat. Zum Auftakt ist ein Kurzfilmprogramm im Berliner Arsenal zu sehen, einleitend kommentiert von der Berliner Filmjournalistin Claudia Lenssen. Entspannt liegt eine junge Frau auf dem Bett und liest. Die Kamera nähert sich ihr allmählich und schwenkt dabei über einen Tisch, auf dem neben einer Obstschale und einem Aschenbecher der „Kinsey-Report“ liegt. Neben der jungen Frau auf dem Bett: der Kulturfahrplan,

ein Bildband zum Manierismus und ein Mickymaus-Heft. Die Bilder sind unterlegt mit der männlichen und allwissenden Stimme eines Kunstkurses von der Schallplatte. Genüsslich, spielerisch und detailverliebt zerpflückt May Spils in ihrem Kurzfilm „Das Porträt“ paternalistisch-verstaubte Kulturvorstellungen. Zwei Jahre später, 1968, drehte May Spils mit „Zur Sache, Schätzchen“ einen der zu Recht bekanntesten westdeutschen Filme der 1960er Jahre. Im selben Jahr entstand der frühe Kurzfilm „Umwege“ der späteren Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Susanne ­Beyeler (heute am ehesten für ihren Anti-Atom-Dokumentarfilm „Strahlende Zukunft“ bekannt). „Umwege“ zeichnet den Ausbruch einer Frau aus ihrem Elternhaus nach und folgt ihr in die Erkundung der Wirklichkeit.

Aus der Beengtheit des Elternhauses kommt die junge Frau mitten unter schwafelnde Politmacker und den Kampf gegen die Notstandsgesetze. Beyelers Kurzfilm ist durchdrungen von den Brüchen, die mit der Chiffre „1968“ bezeichnet werden, und markiert zugleich eine Differenz, indem die Emanzipation der jungen Frau im Zentrum des Films bleibt.

Rentnerin am Wettschalter Rollenerwartungen stehen auch im Mittelpunkt eines Kurzfilms von Helke Misselwitz aus dem Jahr 1983: „Aktfotografie – z. B. Gundula Schulze“ porträtiert die Fotografin Gundula Schulze und verwebt die Reflexion der Fotografin über die Darstellung von Frauen auf Fotos mit Aufnahmen von Kassiererinnen in einem Supermarkt. Petra Tschörtners Film „Schnelles Glück“ nähert sich 1988 dem Treiben auf der Pferderennbahn in Berlin-

Karlshorst aus der Perspektive einer Rentnerin, die einen der Wettschalter betreut. Beobachtende, reflexive und spielerische Momente halten sich die Balance in dem Kurzfilmprogramm und prägen auch die Langfilme des Verleihpakets. Neben Helga Reidemeisters eindrucksvollem Porträt einer Bewohnerin des Westberliner Märkischen Viertels in „Von wegen ‚Schicksal‘“ sind vor allem die Filme von Defa-Regisseurinnen eine Entdeckung. Zwischen Ingrid Reschkes 1970 entstandenem Film „Kennen Sie Urban?“, der nach einem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf die Emanzipation einer jungen Frau aus männlicher Perspektive schildert, und Iris Gusners kluger Ausdifferenzierung von weiblichen Handlungsoptionen in „Alle meine Mädchen“ von 1980 eröffnet sich eine selten gezeigte Bandbreite weiblicher Lebenswelten in der DDR.

Helke Misselwitz’ Langfilmdebüt „Winter ade“ von 1988 schließlich verbindet eine Reihe von dokumentarischen Frauenporträts zu einem Panorama von Frauenleben in der DDR kurz vor dem Fall der Mauer. Eine Auswahl des Verleihpakets wird im Mai im Berliner Bundesplatz-Kino zu sehen sein. FABIAN TIETKE  ■■„Ich. Weibliche Selbstreflexion im ost- und westdeutschen Film“, 29. Februar, 19 Uhr, Kino Arsenal, Potsdamer Str. 2; weitere Termine im Mai, jeweils sonntags, 15.30 Uhr, BundesplatzKino, Bundesplatz 14

LOKALPRÄRI E TRANSPORTE ■■zapf umzüge, ☎ 030 61 06 61, www. zapf.de, Umzugsberatung, Einlagerungen, Umzugsmaterial, Beiladungen, Materiallieferungen, Akten- und Inventarlagerung


KULTURLEBEN

Wer so reimt, kann nicht schlecht sein WORD-RAP MIT LISA ECKHART. DIE NEUE PROTAGONISTIN DER DEUTSCHSPRACHIGEN POETRY-SLAM-SZENE IST VIELES, ABER NICHT AUF DEN MUND GEFALLEN. INTERVIEW: Mareike Boysen

Fremdwörter benutze ich in etwa so gerne wie Martin Opitz. Moment, ich muss meinen Nasenerker schnäuzen. Ich beherrsche die deutsche Sprache, aber sie ebenso mich. Meine Gestik auf der Bühne entwickle ich meist in Anlehnung an den mittelalterlichen Veitstanz. Meine sieben Sünden sind eine schöner als die andere.

LISA ECKHART, die gebürtige Grazerin, ist mit ihren erst 23 Jahren die Poetry-SlamEntdeckung des Jahres. Im Oktober feiert sie in Wien gleich zwei Premieren: eine als Teil der Formation „Die Lange Nacht des Kabaretts“ (16.10., 19 Uhr), die andere mit ihrem Soloprogramm „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ (30.10., 22 Uhr, beide im Kabarett Niedermair).

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vormagazin direkt September 15

Mein erster Poetry Slam war ein verstörendes Erlebnis für alle Beteiligten.

Für einen guten Text brauche ich Nikotin und die Gewissheit, dass sich in einem Umkreis von 10 Metern kein Lebewesen befindet.

Was sich reimt, das kann nicht schlecht sein. Außer moralisch. Aber wen kümmert das schon?

Das Ende des Sommers empfinde ich als irrelevant. Jahreszeiten sind ein gesellschaftliches Konstrukt. Rautezeichen Season Mainstreaming. privat

Steckbrief

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Lisa Eckhart  

Programmheft Als ob Sie Besseres zu tun hätten

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