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Vom Reichenauer Gutshof zum Stadtteil Reichenau Wenn in dieser Ausgabe von „Innsbruck informiert" u. a. über die Landwirtschaft in Innsbruck berichtet wird, so interessiert vielleicht den/die Leserin dieAus dem Stadtarchiv von Josefine Justic ser Zeilen auch ein Blick zurück in die Jahre, als die Stadtgemeinde selbst noch im Besitz eines eigenen landwirtschaftlichen Anwesens war, das sich in der Reichenau, etwa im Bereich der Kreuzung Reichenauer Straße/Radetzkystraße, befunden hat und dessen Wiesen und Felder sich bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts im heutigen Innsbrucker Stadtteil ausdehnten. Der Reichenauer Gutshof wurde 1902 von der Stadt erworben. Nachweisbar jedoch ist dieses vormals landesfürstliche Gut schon seit der Zeit Herzog Sigmunds d. Münzreichen, konkret seit dem Jahre 1461. In einer vertraulichen Sitzung am 12. Juli 1902 stand im Innsbrucker Gemeinderat unter Vorsitz des Bürgermeisters Wilhelm Greil der Ankauf des Landgutes Reichenau zum Preis von 200.000 Kronen zur Debatte. Der gesamte Grundbesitz umfasste 76.919,54 Quadratklafter. Der Beschluss des Gemeinderates über den Ankauf erfolgte einstimmig. Das Gut wurde von der Stadt an Andrä Tollinger verpachtet und einer land-

wirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Wenn auch im Jahr 1924 rund 15 Hektar des Reichenauer Gutes für die Errichtung eines Flughafens zur Verfügung gestellt wurden (Eröffnung 1925), blieb die Landwirtschaft doch aufrecht, sogar ein Schweinezuchtbetrieb, deren Ferkel in den folgenden Jahren in ganz Tirol Absatz fanden, wurde in der Reichenau errichtet. 1929 wird über das Reichenauer Gut berichtet, dass „der Betrieb in erster Linie die Erzeugung von Qualitätsmilch bezweckt und dementsprechend auch vorwiegend Futterbau getrieben wird". In dem im selben Jahr vom Tiroler Landesverkehrsamte herausgegebenen Buch „Die tirolische Landeshauptstadt" wird nicht ohne Stolz über Erträge des Reichenauer Gutshofes berichtet: „Geerntet wurden von Roggen zirka 2800 Kilogramm, Hafer 2500 Kilogramm, Kartoffeln 200 bis 240 Zentner, Futterrüben bis zu 1200 Zentner, Luzerne 160 bis 240 Zentner pro Hektar." Am Flughafenareal konnte mittlerweile nur mehr das Gras genutzt werden. In Ergänzung zu den dort weidenden Schafen wurden auch drei Grünfuttersilos errichtet, im übrigen die ersten dieser Art in Tirol, die „vorzügliches Futter" für die damals 60 am Gutshof gehaltenen Kühe lieferten. Großes Augenmerk wurde in diesen Jahren auf die Gesundheit der Tiere gelegt, wenn berichtet wird, dass „jährlich

zweimal alle Tiere der Tuberkulinprobe unterworfen werden, um die Sicherheit zu haben, dass für die Kindermilchgewinnung nur vollkommen gesunde Tiere verwendet werden". Einer der Abnehmer der Reichenauer Milch war die Kinderklinik des Landeskrankenhauses. In dieser Ära erreichte das Reichenauer Gut sogar die Anerkennung des Landes Tirol als landwirtschaftlicher Musterbetrieb, was zur Folge hatte, dass zahlreiche Exkursionen von Fachschulen aus dem In- und Ausland in die Innsbrucker Reichenau führten. In den Jahren 1936/37 wurde weiterer Grund abgetreten. Die Eugenkaserne wurde erbaut. Während der Jahre des Zweiten Weltkrieges kamen die Produkte des Gutshofes der Innsbrucker Bevölkerung zugute. Vor allem die Grundnahrungsmittel Milch und Kartoffel konnten vom Landgut geliefert werden. In den Nachkriegsjahren musste die Landwirtschaft immer mehr einer anderweitigen Nutzung der Grundstücke des Reichenauer Gutshofes weichen. Gewerbebetriebe wurden angesiedelt, für die Errichtung u. a. der Landesfeuerwehrschule wurden Grundstücke abgetreten. Im Dezember 1950 diskutierte der Gemeinderat erstmals über die Auflösung des Hofes und beschloss in der Folge die Bebauung der Gründe mit Wohnhäusern, die nach den Zerstörungen des Krieges auch höchst notwendig waren.

Blick von Mühlau auf die Reichenauer Felder und Wiesen, in BildDer Reichenauer Gutshof kurz vor dem Abbruch, 1970. (Sign. Ph-11545/G) Foto: R. Frischauf (Sammlung Stadtarchiv Sign. Ph-8445)mitte der Reichenauer Gutshof vor 1925.

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INNSBRUCK INFORMIERT - APRIL 2001

Innsbruck informiert  

Ausgabe April 2001

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