T I LL MAYER
EUROPAS FRONT KRIEG IN DER UKRAINE
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KARTE
INHALT
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INHALT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SEITE Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 004 Vorwort Markus Behmer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 010 Einführung von Till Mayer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 012 Bildergalerie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 014 Am Ende Kerzenschein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 036 Schlaglichter aus dem Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 042 Ein Grab im Krater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 046 Widerstand mit Hundepulli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 052 Putins Wut und Elenas Mut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 058 Eisiger Tod. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 064 Liebe, Krieg und Dunkelheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 072 Zeit der Pein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 078 Am Rande des Schlachtens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 084 Kunst im Kampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 090 In der Nachbarschaft lauert der Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 096 Retterin an der Front . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Nach der Flut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Tod aus der Luft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Die Geisterstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 1000 Tulpen und ein Baum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Gamer-Look im Erdbunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Kameraden auf vier Pfoten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Warten und Hoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Wenn der Krieg droht, das Herz zu brechen. . . . . . . . . . . . . . . 150 Vor New York stehen die Russen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Die Drohnenjäger von Tscherkassy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Über den Autor & Fotografen / Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . 168
Zeittafel Ukraine
russische Demonstranten bei Straßenschlachten und einem Brand.
JANUAR UND FEBRUAR 2014 Die Proteste gegen Präsident Janukowitsch schwellen landesweit an. Bei Straßenkämpfen in Kyjiw sterben über 100 Menschen. Parallel dazu entwickelt sich eine pro-russische Anti-Maidan-Bewegung vor allem im Osten der Ukraine.
18. MÄRZ 2014 Russland gliedert die Krim gewaltsam in die Russische Föderation ein. Zuvor hatte ein Referendum den Beitritt der Krim zu Russland legitimieren sollen. Die EU und die USA sowie die Übergangsregierung in Kyjiw sehen die Abstimmung als Bruch internationalen Rechts. Sie sprechen von einer Annexion. EU und USA reagieren mit Sanktionen auf Russland.
25. MAI 2014 Petro Poroschenko, ein pro-europäischer Politiker und Milliardär, gewinnt die Präsidentenwahl. In den Separatistengebieten bleiben die Wahllokale geschlossen. Ende Juni unterzeichnen die Ukraine und die EU das Assoziierungsabkommen, das Janukowitsch gestoppt hatte.
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21. FEBRUAR 2014 Auf Vermittlung der Außenminister von Deutschland, Frankreich und Polen und unter Verhandlungsbeteiligung Russlands wird zur Beilegung der Krise von Regierung und parlamentarischer Opposition das Maidan-Abkommen unterschrieben. Ein selbsternannter Maidan-Rat lehnt das Abkommen ab und ruft zum sofortigen Sturz der Regierung auf. Am selben Tag flieht Präsident Janukowitsch über die Krim nach Russland. 22. FEBRUAR 2014 Für Mai werden von Abgeordneten des Parlaments Präsidentschaftswahlen ausgerufen und Janukowitsch wird für abgesetzt erklärt. Russland spricht von einem verfassungswidrigen Handeln. ENDE FEBRUAR 2014 Es kommt zu Auseinandersetzungen auf der Halbinsel Krim zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kyjiw.
ANFANG APRIL 2014 Pro-russische Separatisten stürmen und besetzen Verwaltungsgebäude in mehreren ostukrainischen Städten. In Donezk wird eine „unabhängige Volksrepublik“ ausgerufen. 14. APRIL 2014 Die Übergangsregierung in Kyjiw schickt Truppen und Freiwilligenverbände in die Ostukraine. 17. APRIL 2014 In Genf einigen sich die Außenminister Russlands, der Ukraine, der USA und der EU auf eine Entwaffnung „illegaler Kräfte“. Eine Umsetzung bleibt aus. 2. MAI 2014 Bei einer Militäroffensive in Slawjansk sterben am 2. Mai zehn Menschen, in Odesa mindestens 43 pro-
11. MAI 2014 Eine Mehrheit der Teilnehmer stimmt in höchst umstrittenen Referenden in Donezk und Luhansk für eine Unabhängigkeit von der Ukraine.
17. JULI 2014 Eine Passagiermaschine der Malaysian Airlines mit 298 Menschen an Bord wird über der Ostukraine abgeschossen. Die ukrainische Regierung und die Separatisten beschuldigen sich gegenseitig. Im Verlauf des Prozesses, der ab 2020 in Den Haag beginnt, verdichten sich die Hinweise, dass das Flugzeug mit einer aus Russland gelieferten Rakete abgeschossen wurde. ENDE AUGUST 2014 Russland unterstützt massiv die separatistischen Milizen. Die Offensive der ukrainischen Kräfte gerät dadurch ins Stocken. Im Donezker Raum werden 7000 ukrainische Soldaten und Kämpfer eingekesselt. Laut ukrainischen Angaben sterben 366 unbewaffnete Soldaten am 29. August durch Beschuss, als sie einen von russischer Seite zugesicherten Korridor bei Ilowajsk zur Flucht nutzen wollen. Die Separatisten starten laut Beobachterangaben mit russischer Truppenunterstützung eine Gegenoffensive.
5. SEPTEMBER 2014 Regierung und Separatisten einigen sich im belarussischen Minsk auf eine Waffenruhe. Diese wird nicht eingehalten. Am 20. September wird die Vereinbarung ergänzt: Eine demilitarisierte Pufferzone soll entlang der Frontlinie entstehen. 26. OKTOBER 2014 Bei Parlamentswahlen setzen sich pro-europäische Parteien durch. Die Separatisten boykottieren die Wahl. 2. NOVEMBER 2014 In den international nicht anerkannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk halten die Separatisten eigene „Wahlen“ ab. Die ukrainische Regierung spricht von einer „illegalen Machtübernahme“.
schnelles Ende des Kriegs einzusetzen. Drei Tage nach dem Wahlsieg Selenskyis kündigt Putin an, den Menschen in den Separatistengebieten einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu russischen Pässen zu ermöglichen. Dies wird von vielen Beobachtern als eine Vorbereitung zu einer Annexion gesehen.
SOMMER 2020 Eine neue Waffenruhe beginnt, die ein halbes Jahr lang für einen deutlichen Rückgang bei Gefallenen und Verwundeten sorgt. Russland vergibt weiterhin freizügig seine Staatsbürgerschaft an ukrainische Staatsangehörige aus dem Donbas.
12. NOVEMBER 2014 Russland wird von der NATO beschuldigt, Separatisten mit Kämpfern und Waffen zu unterstützen. Die Kämpfe und Verluste nehmen weiter zu.
JANUAR/FEBRUAR 2021 Beobachter sprechen von einem Ansteigen der Kampfhandlungen.
12. FEBRUAR 2015 Putin, Hollande, Poroschenko und Merkel einigen sich auf eine Waffenruhe ab dem 15. Februar für das Kampfgebiet im Donbas. Schwere Waffen sollen abgezogen und das ursprüngliche Minsker Abkommen umgesetzt werden. Die Folge von Minsk II ist ein Stellungskrieg mit marginalen Gebietsverschiebungen.
APRIL 2021 Die Russische Föderation verlegt bis zu 150.000 Soldaten während eines Manövers an die Grenze zur Ukraine. Der Vorgang wird von der Ukraine und den NATO-Staaten als klare Drohung und Provokation eingestuft. Auch nach dem Manöver bleiben starke russische Truppenkontingente in Grenznähe. Die russische Armee baut eine militärische Infrastruktur auf.
20. MAI 2019 Wolodymyr Selenskyi tritt sein Amt als neuer Präsident der Ukraine an. Im Wahlkampf versprach er, sich für ein
SOMMER 2021 Putin stellt in einem Essay die nationale Identität eines ukrainischen Volkes in Frage und leugnet das Recht der Ukrainer auf einen eigenständigen ukrainischen Staat.
HERBST 2021 Russland zieht erneut Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen. Mit dem massiven Anwachsen der militärischen Präsenz wächst die Furcht vor einer möglichen groß angelegten Invasion. Russland wirft im Gegenzug der Ukraine vor, den Krieg im Donbas militärisch lösen zu wollen. In Deutschland reicht das Volumen der russischen Gaslieferungen nicht aus, die Speicher zu füllen. Eine endgültige Genehmigung für die bereits fertiggestellte Pipeline Nord Stream 2 wird nicht erteilt. Das bestehende Pipelinenetz hätte jedoch genug Kapazität, um Europa wie in den Jahrzehnten zuvor mit Erdgas zu versorgen. NOVEMBER/DEZEMBER 2021 Putin warnt die NATO davor, „rote Linien“ zu überschreiten. Russland verlange Vereinbarungen, die „jegliche weitere Schritte der NATO nach Osten und die Stationierung von Waffensystemen ausschließen, die uns in großer Nähe zu russischem Territorium bedrohen.“ In ultimativen Vertragsentwürfen an die NATO und an die USA verlangt Russland, die militärischen Einrichtungen in allen Staaten der NATO-Osterweiterung abzubauen. Die Ukraine erhält von den USA Panzerabwehrraketen. Auch mit der Anschaffung bewaffneter Drohnen haben die ukrainischen Streitkräfte ihre Schlagkraft erhöht. Putin meldet den erfolgreichen Test russischer Hyperschall-Raketen. DEZEMBER 2021 Putin beklagt im Rahmen des Jahrestags des Zusammenbruchs der Sowjetunion, dass Russland dadurch 40 Prozent seines historischen Gebiets verloren habe. Seine Drohungen bestehen weiter. Biden und westliche Staatschefs drohen Putin ausdrücklich mit einem umfassenden wirtschaftlichen Embargo, falls er erneut Truppen in das Nachbarland einmarschieren lässt.
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1. MÄRZ 2014 Das russische Parlament ermächtigt Präsident Putin zu einem Militäreinsatz in der Ukraine. Offiziell sendet Moskau keine Truppen. Jedoch tauchen auf der Halbinsel Krim Kämpfer ohne Hoheitsabzeichen an den Uniformen auf. Monate später räumt Präsident Putin ein, dass russische Soldaten im Einsatz waren.
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ENDE NOVEMBER 2013 Auf dem Maidan in Kyjiw (Kiew) beginnen Demonstrationen, nachdem die Regierung die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union aussetzt.
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ZEITTAFEL
21. FEBRUAR 2022 Russland erkennt die beiden „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk an. NATO-Staaten reagieren mit ersten Wirtschaftssanktionen. 24. FEBRUAR 2022 Die Invasion, die von Putin als „militärische Spezialoperation“ tituliert wird, beginnt. Putin erklärt, dass Russland keine Pläne habe, ukrainisches Territorium zu besetzen. Ziel der „Operation“ sei die „Demilitarisierung“ und „Denazifizierung“ der Ukraine. Russische Truppen dringen von Belarus, der Krim und über die russisch-ukrainische Grenze in das Nachbarland. Raketen- und Luftangriffe werden aus der ganzen Ukraine gemeldet. ENDE FEBRUAR 2022 Schon zu Beginn der Invasion scheitern ehrgeizige Ziele der russischen Armeeführung wie die Einnahme des Hostomel Flughafens nahe Kyjiw. Auch die Hauptstadt kann von den ukrainischen Verteidigern gehalten werden, ebenso Charkiw nahe der russischen Grenze.
Odesa und Mykolajiw bleiben ebenfalls unter ukrainischer Kontrolle. Dennoch marschieren russische Truppen in den folgenden Tagen an vielen Fronten vorwärts. Der Widerstand, der ihnen entgegenschlägt, ist heftiger und erfolgreicher, als aus russischer Sicht prognostiziert. Russische Raketenangriffe überziehen weiter die gesamte Ukraine. Neben militärischen Einrichtungen werden zahlreiche zivile Ziele attackiert und zerstört. Es gelingt Russland nicht, die ukrainische Luftwaffe und Luftabwehr zu vernichten. Der Blitzkrieg mit einem Blitzsieg ist aus russischer Sicht gescheitert. Vor den Kämpfen fliehen Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer, fast acht Millionen Menschen bleiben als Binnenvertriebene im Westen des eigenen Landes. Über fünf Millionen fliehen ins sichere Ausland. Männern im Alter von 18 bis 60 Jahren ist die Ausreise aus der Ukraine nicht gestattet. MÄRZ 2022 Die ukrainischen Verteidiger treten mit hoher Kampfmoral gegen die Invasoren an, Freiwillige strömen in die Armee. Mit Drohnen, Panzerabwehrraketen und tragbaren Raketenwerfern fügen sie den russischen Truppen schwerste Verluste zu. In besetzten Gebieten stoßen die russischen Truppen immer wieder auf zivilen Widerstand, wie in Cherson. Dort sammeln sich die Bewohner zu Demonstrationen. Die Annahme der Aggressoren, dass die Bevölkerung in Gebieten mit russischer Sprachmajorität die Invasoren willkommen heißt, erweist sich als eine völlige Fehleinschätzung. Im Süden der Ukraine können russische Verbände jedoch mit geringeren Verlusten vorrücken. Ende März beginnen russische Verbände sich aus den besetzten Gebieten in der Region Kyjiw zurückzuziehen, ebenso aus anderen Gebieten im Norden und Nordosten der Ukraine.
APRIL 2022 Der Donbas wird zum kommenden großen Schlachtfeld des Kriegs. Russland sammelt dort seine Verbände. In Butscha und Irpin nahe Kyjiw werden die Opfer russischer Massaker geborgen. Allein in den ehemals von russischen Truppen besetzten Gebieten in der Region Kyjiw sind nach ukrainischen Angaben über 1000 Menschen ermordet worden. Aus den Gebieten, die unter Kontrolle der russischen Besatzer stehen, gelangen immer mehr Berichte über Vergewaltigungen, Verschleppungen und Exekutionen an die Öffentlichkeit. Von dort Geflüchtete berichten über einen Zustand der Rechtlosigkeit der Zivilbevölkerung. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen schließt am 7. April Russland aus dem UN-Menschenrechtsrat aus. Russland überzieht weiterhin das ganze Land mit Raketenangriffen. So fordert beispielsweise ein Raketeneinschlag in Kramatorsk am 8. April 57 Tote und 109 Verwundete. MAI UND JUNI 2022 Die Offensive der russischen Armee im Donbas fordert hohe Verluste auf beiden Seiten. Russland nutzt die Überlegenheit seiner Artillerie aus. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beziffert die eigenen Verluste mit bis zu 100 toten Soldaten täglich. Den Verteidigern fehlen moderne schwere Waffen und der Schutz gepanzerter Fahrzeuge. Am 17. Mai übernehmen in der völlig zerstörten und zuvor hart umkämpften Hafenstadt Mariupol russische Truppen und Einheiten der Separatisten die Kontrolle. Bei Mykolajiw starten ukrainische Verbände zur Gegenoffensive. In der Kleinstadt Sjewjerodonezk sollen im Juni 90 Prozent der Häuser entweder zerstört oder beschädigt sein. Schrittweise liefert der Westen moderne schwere Waffensysteme.
JULI UND AUGUST 2022 Die Lieferung moderner und leistungsfähiger Raketenwerfer und Artilleriesysteme aus den USA und Großbritannien, aber auch aus Deutschland zeigen militärische Erfolge. Doch ihre Anzahl reicht nach Aussagen militärischer Beobachter nicht aus, um zum Game-Changer zu werden. Den Ukrainern gelingt es, Kommandoeinrichtungen sowie Munitions- und Treibstofflager des Feindes in größerem Ausmaß zu vernichten. Die Verluste der russischen Truppen erhöhen sich, die der Ukrainer sinken. Der russische Vormarsch verläuft im Donbas weiter schleppend. Ebenso kommen örtlich begrenzte ukrainische Gegenoffensiven im Süden nur langsam voran. Die Lage im und am Atomkraftwerk Saporischschja bedroht ganz Europa. Immer wieder schlagen Granaten auf dem Kraftwerksgelände ein, die Umgebung ist schwer umkämpft. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für den Beschuss verantwortlich. Das Kraftwerk wird von russischen Truppen gehalten. Ein Notteam des ukrainischen Energiekonzerns Energoatom hält das Kraftwerk am Laufen. Ein internationales Abkommen ermöglicht die Nutzung von Odesa als Hafen für den Transport von ukrainischem Getreide. Am 1. August verlässt das erste beladene Schiff die Küstenstadt. Am 9. August kommt es auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt auf der Krim zu schweren Explosionen. Die Ursache ist ungeklärt. Russland überzieht weiterhin die ganze Ukraine mit Raketenangriffen. Die angerichteten Zerstörungen sind gewaltig. So wurden beispielsweise 2300 Bildungseinrichtungen beschädigt und 286 vollständig zerstört, teilt das ukrainsche Bildungsund Wissenschaftsministerium mit (Stand Mitte August). ANFANG/MITTE SEPTEMBER 2022 Die angekündigte großangelegte ukrainische Gegenoffensive im Süden hat begonnen, die Ukrainer melden
Erfolge. Im Nordosten gelingt der ukrainischen Armee eine Überraschungsoffensive. Hier können russische Truppen großflächig zurückgedrängt werden. Im Donbas dauern die schweren Kämpfe an. Russland überzieht weiterhin das ganze Land mit Raketenangriffen. Ein Inspektoren-Team der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) warnt nach einer Inspektion des Atomkraftwerks Saporischschja vor der gefährlichen Situation. 30. SEPTEMBER 2022 Russland proklamiert völkerrechtswidrig die ukrainischen Oblaste Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja als zur Russischen Föderation zugehörig. Voraus gehen Scheinreferenden, die keinem demokratischen Standard entsprechen und unter unmittelbarem Zwang auf
die nicht geflüchtete Bevölkerung umgesetzt werden. Teile der von Russland beanspruchten Gebiete befinden sich unter ukrainischer Kontrolle. Die vor der Annexion durchgeführten „Referenden“ gelten völkerrechtlich als nichtig. 143 Staaten der Weltgemeinschaft verurteilen sie als illegal. MITTE NOVEMBER 2022 Die russische Armee muss sich aus der Stadt Cherson zurückziehen. Es ist die einzige Oblast-Hauptstadt, die die russischen Truppen seit Beginn der groß angelegten Invasion im Februar 2022 erobern konnten. Allein in Cherson unterhielt die Russische Föderation vier Foltergefängnisse. Die Soldatinnen und Soldaten der ukrainischen Armee werden von jubelnden Menschen begrüßt. Wie in allen befreiten Gebieten können den russischen
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JANUAR 2022 Der russische Aufmarsch, den Moskau weiterhin als Manöver bezeichnet, hat einen wesentlich größeren Umfang als die Truppenzusammenziehung im Vorjahr. So werden Kampfhubschrauber, Kampfflugzeuge, Flugabwehrsysteme und schwere Artillerie in großem Umfang an die ukrainische Grenze verlegt. Die USA und westliche NATO-Staaten warnen Putin erneut vor einem Angriff, ihre Geheimdienste sehen die Gefahr einer unmittelbar bevorstehenden Invasion. Die Ukraine erhält Waffenlieferungen von den USA und westlichen Staaten. Deutschland liefert keine schweren Waffen. Russland negiert weiterhin, eine Invasion zu planen.
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Längs der Fernstraße M03 warnen Schilder vor Minen (März 2023).
Ganze Landstriche sind vermint. Ihre Explosionen hinterlassen Versehrte und oft Tote.
FRÜHJAHR 2023 Die heftigen Kämpfe an der Front im Süden und Osten der Ukraine dauern unvermindert an. Neben der Artillerie wird in den Kampfgebieten auf beiden Seiten der Einsatz von Aufklärungs- und Kamikaze-Drohnen immer kriegswichtiger. Trotz hoher Verluste auf beiden Seiten kommt es kaum zu großen Veränderungen am Frontverlauf. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf zivile Ziele in der Ukraine dauern an. Am 20. Mai erklärt der Führer der Wagner-Privatarmee, Jewgeni Prigoschin, Bachmut stehe unter vollständiger russischer Kontrolle. Die Verluste seiner Privat-Armee bei der Schlacht um Bachmut wird er später mit über 20.000 Kämpfern beziffern. Die neue Frontlinie verläuft nun vor den Toren Bachmuts. In verschiedenen Nato-Staaten, darunter auch Deutschland, werden Soldatinnen und Soldaten für die geplante ukrainische Offensive ausgebildet. 6. JUNI 2023 Eine Explosion zerstört den unter russischer Kontrolle stehenden Kachowka-Staudamm. Es kommt zu großflächigen Überschwemmungen flussabwärts. Pestizide, Salz und riesige Mengen an Öl vermischten sich mit dem sauberen Wasser aus dem Stausee zu einer gifti-
gen Brühe. Die Staudamm-Sprengung führt so auch zu schweren ökologischen Schäden. Die Fakten- und Indizienlage weist auf eine Verantwortung der russischen Seite hin, die dies bestreitet. 23. JUNI 2023 Der Chef der Wagner-Söldnertruppe, Jewgeni Prigoschin, wagt den Aufstand und lässt Truppen Richtung Moskau marschieren. Am Tag darauf bricht er nach Verhandlungen die Operation ab. Er kommt am 23. August bei einem Flugzeug-Absturz ums Leben, der von Beobachtern als Strafaktion Putins gesehen wird. SOMMER 2023 Anfang Juni startet die ukrainische Armee zu einer Gegenoffensive. Militärführung und Präsident Wolodymyr Selenskyj stehen unter hohem Erfolgsdruck, die Erwartung in der ukrainischen Bevölkerung ist groß. Doch die Voraussetzungen sind schlecht. Die russische Armee nutzt die Zeit und kann die Befestigungen an der Frontlinie umfassend ausbauen. Den ukrainischen Kräften fehlen Flugzeuge für eine notwendige Unterstützung aus der Luft. Die vorhandene Artillerie kann nicht ausreichend genutzt werden, da große Teile der vom Westen zugesagten Munition nicht geliefert wurden. Vorrückende Panzer der Ukraine bleiben in Minenfeldern stecken. Eine funktionierende Infrastruktur für eine effiziente Reparatur des Kriegsgeräts aus dem Westen ist nicht ausreichend aufgebaut. Weitreichende Raketen, wie das Taurus-System, fehlen. Sie könnten den russischen Nachschub im Hinterland empfindlich stören. Kleinere Erfolge kann die ukrainische Armee zum Beispiel an der Südflanke der Bachmut-Front erlangen. Im Süden gelingt es, den Dnipro zu überqueren und sich festzusetzen.
HERBST 2023 Awdijiwka vor den Toren von Donezk ist seit 2014 Frontstadt und konnte von den ukrainischen Verteidigern auch nach der Invasion 2022 gehalten werden. Russische Verbände starten mit großem Aufgebot zur Eroberung der Stadt. Verteidigungslinien und Wohnbezirke der weitgehend entvölkerten Stadt werden bombardiert, ganze Wohnblocks und Straßenzüge sind nur noch Trümmer. Die russische Armee verliert Tausende von Soldaten bei den Angriffswellen. Viele Beobachter sehen mittelfristig den Fall der Stadt. Es wird immer klarer, dass die ukrainische Offensive weitgehend gescheitert ist. An der Front im Osten und Süden dauern die Kämpfe an. WINTER 2023/2024 Zwei Jahre dauert der großangelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine an. Russland startet nun zur Offensive an der Front und überzieht die Ukraine wieder mit Drohnen- und Raketen-Angriffen. Dabei schaffen es die Aggressoren nicht mehr, wie im Winter 2022/2023 die Energieversorgung in großem Ausmaß zu schädigen. Der ukrainischen Luftabwehr gelingt es, das Gros der Raketen und Drohnen abzufangen. Aber die herabstürzenden Trümmerteile setzten noch ganze Häuserblocks in Brand und töten Menschen, die darin leben. Über zehntausend ukrainische Zivilisten sind bisher durch Kampfhandlungen getötet worden. Der Schaden beträgt vermutlich hunderte Milliarden Euro. Hunderttausende gefallener Soldaten auf beiden Seiten sind zu verzeichnen. Vor allem die russische Armeeführung schickt Truppen ohne Rücksicht auf eigene Verluste ins Gefecht. Sperreinheiten der russischen Verbände schießen in wiederholten Fällen auf eigene zurückweichende Soldaten. Im Westen bröckelt die Unterstützung der Ukraine. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán blockiert mit seinem
Veto wiederholt die Unterstützung der Europäischen Union für die Ukraine. Rechtsextreme und pro-russische Parteien gewinnen europaweit Wahlen. In Deutschland betreiben die AfD und Sarah Wagenknecht eine Ukraine-Politik im Sinne Putins. Von Russland finanzierte Internet-Trolle agieren dabei als ihre Unterstützer in den sozialen Medien. Teile der Republikanischen Partei der USA wollen die Unterstützung der Ukraine einstellen oder stark verringern, allen voran Ex-Präsident Donald Trump. Er hat gute Chancen, für die Republikaner in die Wahl um das Präsidentenamt zu gehen. In der Ukraine selbst steht das eindeutige Gros der Menschen zur Verteidigung des Landes. Doch die gesellschaftliche Diskussion, die Last dafür gerecht zu verteilen, ist schmerzhaft. Ende Dezember erklärt die Armeeführung, bis zu 500.000 neue Soldaten zu benötigen.
6. FEBRUAR 2024 77 Prozent der russischen Bevölkerung stehen hinter dem Angriffskrieg auf die Ukraine, verkündete das als unabhängig geltende Lewada-Zentrum (Moskau) nach einer Umfrage. MITTE FEBRUAR 2024 Der von den Demokraten kontrollierte US-Senat stimmt einem Gesetzespaket zu, das rund 56 Milliarden Euro für die Ukraine vorsieht. Der republikanisch dominierte Kongress blockiert die Zahlungen. An der Front müssen die ukrainischen Verteidiger Artillerie-Munition rationieren, während russische Truppen in der Offensive sind. 17. FEBRUAR 2024 Die ukrainischen Verteidiger ziehen sich aus dem schwer umkämpften Awdijiwka zurück.
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WINTER 2022/2023 Die russischen Truppen starten in den Wintermonaten ihre Gegenoffensive, ohne wichtige Erfolge erzielen zu können. Große russische Truppenkontingente werden gegen Bachmut geworfen. Der monatelange Dauerbeschuss durch die russische Artillerie verwandelt die fast menschenleere Stadt in ein Trümmerfeld. Vermutlich zehntausende Soldaten sterben bei der Schlacht um Bachmut. An der Front im Donbas und im Süden sind mittlerweile ganze Gebiete durch die Kampfhandlungen völlig verwüstet und vermint. Zugleich überzieht Russland sein Nachbarland mit Raketen- und Drohnenangriffen. Hauptziel der russischen Angriffe sind Einrichtungen der zivilen Energie- und Wasserversorgung. Für die Menschen in den ukrainischen Städten bedeutet das stunden-, bisweilen tagelange Stromausfälle und Energierationierungen. Da auch Gasheizungen oft auf einem elektrischen Geber aufbauen, bedeutet das Kälte in Millionen Wohnungen. Kraftstoffbetriebene Generatoren kommen zum Einsatz, Wärmepunkte werden eingerichtet. Dank der Lieferung von Flugabwehrsystemen aus dem Westen, aber auch durch einen beispiellosen Einsatz der Reparaturkräfte und den ungebrochenen Widerstandswillen der Zivilbevölkerung geht Putins Plan nicht auf. Zahlreiche Zivilisten verlieren bei den Angriffen ihr Leben. Die gezielte Zerstörung für die Zivilbevölkerung überlebenswichtiger Infrastruktur ist laut dem Humanitären Völkerrecht ein Kriegsverbrechen. Der Iran und Nordkorea erweisen sich verstärkt als wichtige Lieferanten von Munition,
Drohnen und Kriegsgerät für die Russische Föderation. Ab Mitte Februar 2023 werden ukrainische Crews an Leopard-2-Panzern ausgebildet. In Deutschland bedeutet die am 24. Januar 2023 von Kanzler Olaf Scholz gegebene Zusage der Lieferung von Leopard-2-Panzern das Ende einer langen regierungsinternen Diskussion. 31 M1-Abrams-Panzer aus den USA sowie rund 100 Leopard-Panzer aus zwölf Nationen sollen in die Ukraine geliefert werden.
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Besatzern Mord, Folter, willkürliche Verhaftungen und weitere schwere Verstöße gegen die Menschenrechte nachgewiesen werden.
Vorwort Markus Behmer
Erschütternd, dass die alten Leute, denen wir dort begegneten und die uns Deutschen ohne Hass, mit offener Zugewandtheit von ihrem Schicksal in den finstersten Zeiten der deutschen Besatzung berichteten, nun, am Ende harter Leben (so sie noch leben mögen), wieder Krieg erleben, erleiden müssen. Es waren andere Zeiten damals, 2013 und im Jahr darauf, als die ukrainischen Studierenden zu einem weiteren Seminar nach Bamberg gekommen sind. Wie kann man die zivilgesellschaftlichen Entwicklungen medial unterstützen, wie einen Konsens finden zwischen West und Ost, wie Pluralismus und offenen Diskurs fördern – darüber haben wir intensiv diskutiert. Unfassbar, dass manche, die wir dereinst kennengelernt hatten, nun wohl an der Front stehen, kämpfen müssen, gar verletzt oder gestorben sind, dass andere geflohen sind, dass die meisten Zuflucht suchen müssen in Schutzräumen vor dem Drohnen- und Raketenterror nur gut zwei Flugstunden fern von hier.
Genau zwei Jahre ist es her, dass die russischen Truppen am 24. Februar 2022 in das Nachbarland einfielen, von dem sie Teile schon zuvor, mit der Annexion der Krim 2014 und der Invasion im Donbas, besetzt hatten. Hundertausende sind seither getötet worden, Millionen mussten fliehen, ein ganzes Volk lebt in Angst und Schrecken. Städte sind zerstört, riesige Regionen verwüstet. Russland ist eine Despotie, die Ukraine ist Kriegsgebiet, ihre Existenz höchst gefährdet, Europa, ja die Welt ist nicht mehr die, die sie vor diesem Schicksals- und Schreckenstag war. Till Mayer, der journalistische Wegbegleiter und Dokumentarist vieler humanitärer Aktionen seit drei Jahrzehnten, lange schon auch ein Mahner, was drohen könne, wenn man dem aggressiven Hegemonialstreben Putins und seines Militärapparates nicht entschieden entgegentrete, ist zum Chronist des Krieges geworden. 2019 ist sein Buch „Donbas. Der vergessene Krieg“ erschienen, 2022 sein Band „Ukraine. Europas Krieg“, nun „Europas Front“. Er zeigt: Die Front ist nicht nur da, wo sich Soldatinnen und Soldaten in Kampflinien und
Schützengräben gegenüberstehen, wiewohl er die Kämpfenden auch in ihren Unterständen aufsucht und dort ist, wo das Leben auf die simpelsten Funktionen des Überlebens begrenzt ist. Europas Front ist, wo Hinterbliebene Notgräber in Granattrichter scharren und Behelfskreuze errichten, russische Scharfschützen auf eine Mutter schießen, die den verbrannten Leichnam ihres Sohnes bergen will … Europas Front ist, wo Raketen in Wohngebiete einschlagen, wo Menschen um ihre Angehörigen fürchten, um sie trauern. Wo Männer, Frauen, Kinder in Trümmerfeldern leben, wo zwischen den Ruinen überall Minen liegen, die die russische Armee nach ihrem Rückzug hinterlassen hat. Bewundernswert, dass es Künstlerinnen und Künstler gibt, die zwischen Brandmauern Musikclips drehen, die aus Granatenhülsen Skulpturen gestalten, Menschen, die Zwiebeln für tausend weiße Tulpen setzen. Es sind dies: Zeichen des Lebenswillens, Signale der Hoffnung. „Warten und Hoffen“, so ist dann auch eine der eindringlichen Reportagen überschrieben, die Till Mayer in diesem Band versammelt. Kämpfen und
nicht nachlassen, nicht verzweifeln, das ist der Tenor vieler anderer. Auch: Menschlich bleiben in Zeiten der Inhumanität, des Irrwitzes des Krieges. Möge es doch bald wieder möglich werden, in Frieden und Sicherheit gemeinsame Seminare mit deutschen und ukrainischen Studierenden in Lwiw, Kyjiw oder gar Cherson und Charkiw zu halten. Anlass zur Zuversicht gibt es dazu allerdings derzeit wenig. Till Mayer jedenfalls bringt uns nahe, wie es den Menschen geht, die diesen Krieg in Europa tagtäglich durchleben. Nicht für Schlagzeilen taugen diese Schicksale, diese Geschichten zumeist – aber es sind Gesichter unserer Zeit. Sie zu zeigen, das ist ein großes Verdienst.
Prof. Dr. Markus Behmer Vorsitzender der Ludwig-Delp-Stiftung
VORWORT MARKUS BEHMER
Mit uns war auch Till Mayer, der schon oft in der Ukraine gewesen war, von seinen Eindrücken und Arbeitsmöglichkeiten als Journalist berichtete und – einer der emotionalen Schlüsselerlebnisse der Exkursion – ermöglichte, dass wir in einer vom Ukrainischen und Deutschen Roten Kreuz getragenen Begegnungseinrichtung für Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus Menschen trafen, die KZs und Gulags überlebt hatten. Über sie hatte Till Mayer bereits 2007 einen Foto- und Reportageband gemacht: „Roter Winkel, hartes Leben“. Mit seiner Arbeit, mit von ihm initiierten Spendenaktionen, macht er es mit
möglich, dass die Einrichtung – das Medio-soziale Zentrum Lemberg – bis heute existiert.
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VORWORT MARKUS BEHMER
Elf Jahre ist es her, dass ich mit 15 Bamberger Studierenden nach Lwiw reiste, um dort gemeinsam mit ukrainischen Kollegen, Kommilitoninnen und Kommilitonen ein Seminar über das politische Potential neuer Medien zu halten. Die jungen Leute, die wir dort trafen, waren voller Optimismus, der vielversprechenden Zukunft zugewandt, mit Social Media mindestens ebenso vertraut wie wir aus dem wohlhabenden Westen. Mit ihnen diskutierten wir über Demokratie und Medienvielfalt, feierten zusammen, sahen Tosca im imposanten Opernhaus.
Einführung von Till Mayer
Eine Panzerhaubitze an der Front im Donbas: Der Mangel an Artillerie-Munition ist eine Herausforderung für die ukrainischen Verteidiger.
Foto: Oles Kromplias
Putins Angriff auf die gesamte Ukraine kam mit einer jahrelangen Vorgeschichte. Sie begann, als er 1999 in Tschetschenien gnadenlos bombardieren, töten und zerstören ließ. Seine Machtansprüche machte er 2008 mit einem Einmarsch in Georgien und der dort von Russland installierten Pseudo-Separatisten-Republiken deutlich. Dann annektierte Russland 2014 die Krim und Putin trug im gleichen Jahr mutwillig einen Krieg mit seinen Truppen in den Donbas. Der Westen reagierte mit weichen Sanktionen. Für seinen Krieg gegen die Ukraine bekam Putin sogar noch eine Belohnung. Zumindest muss ihm
Mittlerweile ließ Putin auch syrische Städte in Schutt und Asche bombardieren. Militärstrategisch auf den ersten Blick ein sinnloses Unterfangen. Auf den zweiten Blick jedoch: Millionen flohen. Viele davon Richtung Europäische Union. Dort sorgte der Streit um den Umgang mit den Geflüchteten und ihre Aufnahme für Risse in der Gesellschaft sowie für einen Stimmenzuwachs für rechtsextreme und europafeindliche Parteien: Putins Getreue auf EU-Boden. Hunderte Millionen Euro buttert Russland seit Jahren schon in Troll-Armeen, die in den Sozialen Medien einen Krieg führen: gegen die Demokratie, gegen ein vereintes Europa, in den USA für Trump und in allen Fällen gegen die Wahrheit. Wahlen wurden und werden so beeinflusst. Auch in Deutschland gibt es Nutznießer dieses hybriden Kriegs – die AfD und Sarah Wagenknecht. Sie machen eine Politik ganz im Sinne Putins. Russlands Imperialismus hat Hunderttausenden das Leben gekostet. In Deutschland reagierte man
auf einen Krieg mitten in Europa acht Jahre lang mit Verdrängen. Die „Friedensbewegung“ schwieg, als Russland schon 2014 begann, mit Panzern neue Grenzen in Europa zu ziehen. Als im Donbas und mitten in Europa ein Stellungskrieg jahrelang vor sich hin köchelte, herrschten Schweigen und Wegsehen in der Bundesrepublik. Zur Belohnung gab es weiterhin billiges Gas, das Russland gute Einnahmen bescherte und das mitfinanzierte, was am 24. Februar 2022 begann. Ein großangelegter Angriffskrieg auf die Ukraine. Auf ein Land, dem Russland einst zusammen mit Großbritannien und den USA umfangreiche Sicherheitsgarantien gab: 1994 trat die Ukraine ihr Nuklear-Waffenpotenzial an Russland ab und unterzeichnete den Atomwaffen-Sperrvertrag. Die Ukraine war zu diesem Zeitpunkt die drittgrößte Nuklearmacht der Welt und im Anschluss ein Musterschüler in Sachen Abrüstung. Was Putin von Verträgen und gegebenen Versprechen hält, zeigte er schon 2014. Er wird es mit jedem weiteren Vertrag so machen, der ihm nicht mehr nützt. In Polen, Schweden, Finnland und den baltischen Staaten haben es die
Menschen in Europa verstanden: Russland will wieder imperiale Größe. Mit der Ukraine wird es nicht getan sein. In Deutschland stellt sich weiterhin kein Gefühl der Dringlichkeit ein. Im Gegenteil, der Prozess des Verdrängens gewinnt wieder an Fahrt. Aber es geht nicht nur um Landgewinne eines Diktators, der vom „1000-jährigen ewigen russischen Reich“ sowie der „Überlegenheit der russischen Gene“ schwadroniert, Stalin als Staatenlenker bewundert und sich als Erbe mächtiger und kriegsgewinnender Zaren sieht. Es geht um die Freiheit und die Demokratie. In den von Russland okkupierten Gebieten werden die Menschen systematisch entrechtet. Es wird bespitzelt, gefoltert, verschleppt und gemordet. In Russland ist die demokratische Opposition geflohen, sitzt im Gefängnis oder im Straflager. Eine junge Frau, die in einem russischen Supermarkt kleine Sticker gegen den Krieg anbrachte, wandert dafür nun sechs Jahre hinter Gitter. Für die Ukrainerinnen und Ukrainer sieht so kein Leben in Frieden aus. Darum kämpfen sie. Obwohl ihnen zwei Jahre Krieg so viel Kraft geraubt
haben. Sie geliebte Menschen und oft genug ihr Zuhause verloren haben. Es gibt keinen Frieden ohne Freiheit. Darin ist sich die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Gesellschaft einig. Davon erzählen die Menschen in meinem Buch. Sie brauchen Unterstützung in ihrem Kampf. Der Ausgang des Kriegs in der Ukraine wird für die Zukunft der Freiheit auch von uns Deutschen ausschlaggebend sein. Wir können es uns nicht noch einmal erlauben zu verdrängen. Es hätte fatale Folgen für den Frieden in Europa. Putin glaubt nur an Stärke, er respektiert nur Stärke. Kompromisse, die wir Demokraten untereinander finden, sie bedeuten für ihn Schwäche. Zeigen wir ihm, dass Demokratie Stärke bedeutet. Ein wenig
von dem Mut, den die Ukrainerinnen und Ukrainer Tag für Tag beweisen, wäre schon einmal ein Anfang. Till Mayer Journalist und Fotograf
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EINFÜHRUNG VON TILL MAYER
Über 10.000 getötete Zivilisten, Hunderttausende toter Soldaten auf beiden Seiten, eine Zerstörung, die hunderte Milliarden Euro Schaden ausmacht. Das ist das Ergebnis nach zwei Jahren groß angelegter Invasion Russlands auf sein wesentlich kleineres Nachbarland Ukraine. Hätte das verhindert werden können? Ich denke, ja. Die Staatengemeinschaft und wir als Zivilgesellschaft hatten 20 Jahren Zeit, ihm Grenzen aufzuzeigen.
das so vorgekommen sein: Nord Stream 2 erhielt 2015 den Segen der Bundesregierung.
EINFÜHRUNG VON TILL MAYER
Es gibt keinen Frieden ohne Freiheit
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