IM GESPRÄCH
»STRAUSS IST SAHNE ZUM SINGEN«
Julia Kleiter im Gespräch
Welche Bedeutung bzw. welchen Stellenwert hat das Lied im Vergleich zu Ihrer Operntätigkeit?
Ich fasse jetzt mal Lied und Konzert zusammen im Vergleich zur Oper. Beides ist mir immer schon extrem wichtig gewesen – aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist es die enorme Repertoirevielfalt im Lied/Konzert, wo es so unendlich viel zu meiner Stimme passende Musik zu singen gibt. In der Oper hingegen ist es so, dass man sehr schnell in eine Schublade gesteckt wird oder in einem bestimmten Repertoire gesehen und besetzt wird, was die Vielfalt dann eingrenzt. Zumindest ist das so, wenn man wie ich freiberuflich tätig ist. Wenn man fest an einem Haus engagiert ist, ist das sicherlich anders. Da singt man natürlich ein viel breiteres Repertoire, was seine Vor- und Nachteile hat bzw. Gefahren birgt. Aber ich bin in der Oper schon sehr festgelegt auf das deutschsprachige Repertoire und habe zum Beispiel erst kürzlich meine erste französische Partie gesungen.
Besonders im Liedgesang ist man da viel freier und hat auch mehr Möglichkeiten, in anderen Sprachen zu singen oder andere Stile auszuprobieren. Letztlich hat das auch mit dazu beigetragen, dass ich mich zu Beginn meiner Karriere gegen ein Festengagement an einem Opernhaus entschieden habe, denn ich wollte die Freiheit und die Freiräume haben, viel Lied und Konzert zu machen. Das bleibt bei einem Festengagement nämlich oft auf der Strecke.
Tatsächlich habe ich dann allerdings doch sehr viel Oper gesungen, zum einen weil die richtigen Anfragen kamen und zum anderen, weil ich mit einer Agentur gearbeitet hatte, die den Schwerpunkt auf Oper gesetzt hat. Mitt-
lerweile habe ich das große Glück, bei einer Agentur zu sein, die ihre Sänger*innen sehr dabei unterstützt, viel Lied und Konzert zu machen. Das ist heutzutage eher die Ausnahme!
Und so freue ich mich jetzt über mehr Möglichkeiten, Liederabende zu singen, wenn sie auch immer noch seltener daherkommen als andere Engagements – das liegt sicher auch an der Tatsache, dass Liederabende generell weniger verkauft werden und vielleicht auch daran, dass das Lied ein bisschen eine »Männerdomäne« ist.
Was ich am Lied auch ganz besonders schätze, ist diese ganz andere Art der Verbindung mit dem Publikum. In der Oper ist man immer sehr weit weg, allein schon räumlich, aber auch, weil man in eine Rolle schlüpft. Im Liederabend habe ich die Möglichkeit, wirklich etwas von mir zu erzählen und meine eigenen Gedanken zu teilen. Diese Intimität und diese intensive Kommunikation mit dem Publikum sind hier wirklich einzigartig, aber auch die große Herausforderung, die jeder Liederabend mit sich bringt und mich ehrlich gesagt doch immer die meisten Nerven kostet!
Gibt es beim Singen einen Unterschied zwischen Lied und Oper?
Ja, den gibt es schon. Vielleicht vergleicht man das am besten mit einem Maler, der für verschiedene Techniken verschiedene Pinsel benutzt. In der Oper braucht man einfach einen dickeren Pinsel als beim Lied. Da kann ich sehr viel feiner »malen« und nuancieren. Der größte Unterschied liegt meiner Meinung nach vor allem in der Dynamik. Im Lied sind ganz andere Piani möglich, die –zumindest in der Regel – in der Oper so nicht funktionieren würden.
Ich habe das gerade ganz konkret gemerkt, als ich die Vier letzten Lieder von Richard Strauss zum ersten Mal mit Orchester gesungen habe, nachdem ich sie vorher schon einige Male mit Klavier aufgeführt hatte. Da konnte ich – bei den Aufführungen mit Klavier – ganz am Schluss, bei Im Abendrot , ein ganz besonderes Piano anbieten, welches mit Orchester einfach untergegangen wäre. Das musste ich dann anders singen.
Haben Sie einen Lieblingskomponisten?
Das ist eine schwere Frage. Es gibt so viele großartige Komponisten. Aber wenn Sie meine Stimme fragen, ist die Antwort eindeutig: Richard Strauss. Da sind sich viele Sopranistinnen auf der Welt einig – Strauss war ein absoluter Sopranversteher. Er wusste wie kaum ein anderer, für unsere Stimme zu komponieren. Das ist einfach wie frische Sahne zum Singen! Das wäre also die Antwort rein musikalisch gesehen und von meiner Stimme beurteilt. Menschlich ist das bei Strauss natürlich so eine Sache. Das ist nicht ganz unproblematisch ...
Und ansonsten – also ganz privat, als Zuhörerin – liebe ich die italienische Oper sehr, also Verdi, Puccini etc. Ich gehe sehr gerne in die Oper und kann das dann auch wirklich ganz entspannt genießen und mein professionelles Ohr ausschalten. Verdis Rigoletto war zum Beispiel eine der ersten Opern, die ich gehört habe, und diese Musik begeistert mich bis heute.
Wie war Ihre erste Begegnung mit dem Lied? Wie oder von wem wurden Sie geprägt?
Ich wurde tatsächlich sehr von meinem Vater geprägt, der zwar kein professioneller Musiker war, sondern Bundestrainer der deutschen Herren-Hockeynationalmannschaft und später Lehrer für Sport und Latein, aber eben
auch ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Singen war sein Hobby und daher wurde bei uns zu Hause immer viel Musik gemacht. Dort habe ich auch zum ersten Mal Lieder gehört. Mein Vater war ein großer Lied-Fan, vor allem liebte er Schubert-Lieder und hat diese auch selbst in Hauskonzerten aufgeführt. Außerdem hat er uns Kinder auch immer mit in die Oper genommen. Das alles hat mich sehr geprägt. Und natürlich gibt es da noch meinen Onkel, Christoph Prégardien, der auch ein großes Vorbild war und ist. Er ist sogar mein Patenonkel und so habe ich seine Karriere und sein Leben als professioneller Sänger natürlich immer verfolgt und sehr viel von ihm gelernt, zuerst, indem ich ihn auf der Bühne gesehen habe, und dann später auch, wenn ich neben ihm auf der Bühne gestanden habe. Aber noch mehr hat mich denke ich tatsächlich mein Vater geprägt, für den Musik wie gesagt ein Hobby war. Da war also nicht dieser Druck dabei, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Diese Leichtigkeit und Begeisterung meines Vaters in Bezug auf die Musik – und eben auch auf das Lied – waren sehr wichtig für meinen Weg zu diesem Beruf.
Zuletzt noch eine Frage zum Programm: Neben Mahler und Strauss hören wir den Zyklus »Unvergänglichkeit op. 27« von Erich Wolfgang Korngold. Was für Lieder können wir hier erwarten?
Ich muss kurz überlegen, wie ich auf diesen kleinen Zyklus von Korngold gestoßen bin. Es war glaube ich, als ich Korngolds Lieder des Abschieds zum ersten Mal gesungen hatte. Diese Lieder sind ganz großartig und das hatte meine Neugier auf diesen Komponisten geweckt. Ich habe dann gezielt gesucht und geschaut, was es sonst noch an Liedern von Erich Wolfgang Korngold gibt. Dabei bin ich dann erst einmal an dem Titel Unvergänglichkeit hängen geblieben, der mich spontan angesprochen
hat. Und dann hat mich an diesem Mini-Zyklus – es sind ja fünf sehr kurz Lieder, das dauert insgesamt keine zehn Minuten – besonders interessiert, dass er wie ein Kreis komponiert ist: Das erste Lied – Unvergänglichkeit –kommt nämlich am Schluss noch einmal. Das ist ja eher ungewöhnlich, und ich fand das sehr spannend, zumal Korngold wie ich finde generell ein sehr interessanter Komponist ist – auch als Gegenpol zu Richard Strauss. Sein Liederkreis Opus 27 entstand 1933 – nur wenige Jahre später musste Korngold sein Heimat verlassen und floh vor dem Antisemitismus der Nationalsozialisten in die USA.
ORCHESTRALES KOMPONIEREN
Marcelo Amaral im Gespräch
Aus pianistischer Sicht – was ist die besondere Herausforderung des heutigen Programms bzw. was zeichnet diese Lieder besonders aus?
Was sowohl die Lieder von Gustav Mahler als auch jene von Richard Strauss auszeichnet, ist der orchestral gedachte Klaviersatz. Beide komponierten selbst dann mit einem ausgeprägt orchestralen Zugriff, wenn sie für Klavier schrieben. Bei Mahlers Liedern handelt es sich ohnehin um Klavierfassungen ursprünglich für Orchester konzipierter Werke. Und auch in der Auswahl der Strauss-Lieder findet sich mit Verführung ein Stück, das ursprünglich ein reines Orchesterlied ist – wir führen hier also gewissermaßen einen Klavierauszug auf. Generell sind Strauss’ Lieder in ihrer Klangfarbe stark orchestral gedacht.
Und gerade darin liegt die besondere pianistische Herausforderung: mit den Mitteln des Klaviers diese orchestrale Farbigkeit erfahrbar zu machen. Den extrem far -
benreichen und vielstimmig angelegten Gestus zu vermitteln, ist pianistisch stets anspruchsvoll. Zugleich gilt es, die passenden klanglichen Nuancen für Text und Stimme zu finden und ihnen Raum zu geben.
Der kleine Zyklus von Korngold hingegen ist ein originäres Werk für Stimme und Klavier. Auch wenn man sich durchaus eine Orchestrierung vorstellen könnte, existieren diese Lieder ausschließlich in dieser Besetzung –so sind sie komponiert. Allerdings ist auch bei Korngold der Klaviersatz sehr komplex; er selbst war ein hervorragender Pianist. Die besondere Herausforderung besteht darin, die vielschichtigen pianistischen Texturen herauszuarbeiten. Zahlreiche Linien, Kontrapunkte und musikalische Ideen greifen ineinander und überlagern sich. Diese zu kontrollieren, transparent zu gestalten und zugleich in den Dienst des Textes zu stellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die jedoch auch den besonderen Reiz dieser Lieder ausmacht.
LIEDER DER JAHRHUNDERTWENDE
GUSTAV MAHLER, RICHARD STRAUSS UND DAS WUNDERKIND ERICH WOLFGANG KORNGOLD
Gustav Mahler und Richard Strauss sind in etwa Zeitgenossen – der eine wurde 1860 geboren, der andere 1864. Beide stehen für eine Musik der Spätromantik, haben den Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert musikalisch geprägt. Die Lieder, die wir heute im Programm von diesen beiden Komponisten hören, entstanden um die Jahrhundertwende und zeigen deutlich diesen Aufbruch in eine neue Zeit. Mit Erich Wolfgang Korngold kommt ein Komponist hinzu, der zu einer jüngeren Generation gehört. 1897 geboren, war er noch ein Kind, als diese Lieder von Strauss und Mahler entstanden sind. Dennoch kann man ihn durchaus in der direkten Nachfolge dieser beiden Komponisten sehen. Erich Wolfgang Korngold wurde zwar erst 1897 in Brno (Brünn) als zweiter Sohn des promovierten Anwalts, Musikkritikers und Pianisten Julius Korngold und seiner Frau Josefine geboren. Da war Mahler gerade Hofoperndirektor in Wien geworden, Strauss war Kapellmeister in München. Erich Wolfgang Korngold war jedoch das, was man ein musikalisches Wunderkind nennen kann. Er begann bereits im Alter von acht Jahren zu komponieren – und mit Neun wurde er Gustav Mahler vorgestellt, der sein außerordentliches Talent erkannte. Mahler war es schließlich auch, der den jungen Korngold an den Komponisten Alexander von Zemlinsky empfahl, der einige Jahre Korngolds Lehrer und Mentor wurde.
Viele Jahre später (nach Mahlers Tod) entstand zudem offenbar eine enge Freundschaft zwischen Korngold und Gustav Mahlers Witwe, Alma Mahler. Während
des Zweiten Weltkriegs trafen sich die beiden im Exil in Los Angeles. Korngold hatte dort (im Gegensatz zu vielen anderen Exilanten) dank seiner seit 1935 fließenden Einnahmen von Warner Bros. ein großzügiges Auskommen. Insbesondere Korngolds Vater Julius und seine Mutter, die der seit 1938 in Los Angeles lebende Erich nachgeholt hatte, pflegten engen Kontakt mit Alma Mahler und Franz Werfel sowie mit Leon und Marta Feuchtwanger, Thomas und Heinrich Mann und Bruno Walter. In Bewunderung für Alma Mahler widmete Erich Wolfgang Korngold ihr 1945 sein Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 , das er auf die besonderen Fähigkeiten des großen Geigers Jascha Heifetz abgestimmt hatte.
Und auch zwischen Richard Strauss und Korngold gab es durchaus Berührungspunkte und Verbindungen: Für das Wunderkind Erich Wolfgang Korngold wurde der eine Generation ältere Richard Strauss zum väterlichen Freund. Strauss nannte den jungen Korngold gar ein "Genie". Es ist überliefert, dass Strauss Korngolds Partituren »mit grösstem Erstaunen durchgelesen« hatte: »Das erste Gefühl, das Einen überkommt, wenn man hört, dass dies ein 11jähriger Junge geschrieben hat, ist Schrecken u. Furcht, dass ein so frühreifes Genie auch die Entwicklung nehmen möge, die ihm so innig zu wünschen wäre. Diese Sicherheit im Styl, diese Beherrschung der Form, diese Eigenart des Ausdrucks […], es ist wirklich staunenswert.« So gehört auch Strauss zu den frühen Förderern des jungen Korngold, bis dieser mit wachsendem Erfolg im Opernbereich für Strauss auch zum Konkurrenten um die Gunst des Publikums wurde, da Korngold – wie Strauss – einer der wenigen Komponisten jener Jahre war, der auch »kassensichere moderne Opern« zustande brachte.
TEXTE
GUSTAV MAHLER
RHEINLEGEDCHEN
Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Rhein; Bald hab’ ich ein Schätzel, bald bin ich allein!
Was hilft mir das Grasen, wenn d’ Sichel nicht schneid’t!
Was hilft mir ein Schätzel, wenn’s bei mir nicht bleibt.
So soll ich denn grasen am Neckar, am Rhein, So werf ich mein goldenes Ringlein hinein. Es fließet im Neckar und fließet im Rhein, Soll schwimmen hinunter ins Meer tief hinein.
Und schwimmt es, das Ringlein, so frißt es ein Fisch!
Das Fischlein tät kommen auf’s König sein Tisch!
Der König tät fragen, wem’s Ringlein sollt sein?
Da tät mein Schatz sagen: das Ringlein g’hört mein.
Mein Schätzlein tät springen bergauf und bergein, Tät mir wiedrum bringen das Goldringlein mein!
Kannst grasen am Neckar, kannst grasen am Rhein, Wirf du mir nur immer dein Ringlein hinein!
Volkslied aus »Des Knaben Wunderhorn«
ABLÖSUNG IM SOMMER
Kuckuck hat sich zu Tode gefallen
An einer grünen Weiden, Kuckuck ist tot! Kuckuck ist tot!
Wer soll uns jetzt den Sommer lang Die Zeit und Weil vertreiben?
Ei, das soll tun Frau Nachtigall, Die sitzt auf grünem Zweige; Die kleine, feine Nachtigall, Die liebe, süße Nachtigall!
Sie singt und springt, ist allzeit froh, Wenn andre Vögel schweigen.
Wir warten auf Frau Nachtigall, Die wohnt im grünen Hage, Und wenn der Kukuk zu Ende ist, Dann fängt sie an zu schlagen!
Volkslied aus »Des Knaben Wunderhorn«
FRÜHLINGSMORGEN
Es klopft an das Fenster der Lindenbaum. Mit Zweigen blütenbehangen:
Steh’ auf! Steh’ auf!
Was liegst du im Traum?
Die Sonn’ ist aufgegangen!
Steh’ auf! Steh’ auf!
Die Lerche ist wach, die Büsche weh’n!
Die Bienen summen und Käfer!
Steh’ auf! Steh’ auf!
Und dein munteres Lieb’ hab ich auch schon geseh’n.
Steh’ auf, Langschläfer!
Langschläfer, steh’ auf!
Steh’ auf! Steh’ auf!
Richard Leander (1830–1889)
TEXTE
ERINNERUNG
Es wecket meine Liebe
Die Lieder immer wieder!
Es wecken meine Lieder
Die Liebe immer wieder!
Die Lippen, die da träumen
Von deinen heißen Küssen, In Sang und Liedesweisen Von dir sie tönen müssen!
Und wollen die Gedanken
Der Liebe sich entschlagen, So kommen meine Lieder
Zu mir mit Liebesklagen!
So halten mich in Banden
Die Beiden immer wieder!
Es weckt das Lied die Liebe!
Die Liebe weckt die Lieder!
Richard Leander
Texte: Friedrich Rückert (1788–1866)
ICH ATMET EINEN LINDEN DUFT
Ich atmet’ einen linden Duft!
Im Zimmer stand
Ein Zweig der Linde, Ein Angebinde
Von lieber Hand.
Wie lieblich war der Lindenduft!
Wie lieblich ist der Lindenduft!
Das Lindenreis
Brachst du gelinde!
Ich atme leis
Im Duft der Linde
Der Liebe linden Duft.
BLICKE MIR NICHT IN DIE LIEDER
Blicke mir nicht in die Lieder!
Meine Augen schlag’ ich nieder, Wie ertappt auf böser Tat; Selber darf ich nicht getrauen, Ihrem Wachsen zuzuschauen:
Deine Neugier ist Verrat.
Bienen, wenn sie Zellen bauen, Lassen auch nicht zu sich schauen, Schauen selber auch nicht zu.
Wenn die reichen Honigwaben Sie zu Tag gefördert haben, Dann vor allen nasche du!
ICH BIN DER WELT ABHANDEN GEKOMMEN
Ich bin der Welt abhanden gekommen, Mit der ich sonst viele Zeit verdorben, Sie hat so lange nichts von mir vernommen, Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, Ob sie mich für gestorben hält, Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, Denn wirklich bin ich gestorben der Welt. Ich bin gestorben dem Weltgetümmel, Und ruh’ in einem stillen Gebiet. Ich leb’ allein in meinem Himmel, In meinem Lieben, in meinem Lied.
TEXTE
LIEBST DU UM SCHÖNHEIT
Liebst du um Schönheit, O nicht mich liebe!
Liebe die Sonne, Sie trägt ein gold’nes Haar!
Liebst du um Jugend, O nicht mich liebe!
Liebe den Frühling, Der jung ist jedes Jahr!
Liebst du um Schätze, O nicht mich liebe.
Liebe die Meerfrau, Sie hat viel Perlen klar.
Liebst du um Liebe, O ja, mich liebe!
Liebe mich immer,
Dich lieb’ ich immerdar.
UM MITTERNACHT
Um Mitternacht
Hab’ ich gewacht
Und aufgeblickt zum Himmel; Kein Stern vom Sterngewimmel Hat mir gelacht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Hab’ ich gedacht
Hinaus in dunkle Schranken. Es hat kein Lichtgedanken
Mir Trost gebracht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Nahm ich in Acht
Die Schläge meines Herzens; Ein einz’ger Puls des Schmerzens
War angefacht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Kämpft’ ich die Schlacht, O Menschheit, deiner Leiden; Nicht konnt’ ich sie entscheiden
Mit meiner Macht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Hab’ ich die Macht
In deine Hand gegeben!
Herr über Tod und Leben
Du hältst die Wacht
Um Mitternacht!
TEXTE
ERICH WOLFGANG KORNGOLD
Texte: Eleonore van der Straaten (1873–1960)
UNVERGÄNGLICHKEIT
Deine edlen weißen Hände
Legen meine Seel’ zur Ruh’, Wenn sie meinen Scheitel segnen, Schließ’ ich meine Augen zu Und sag’ nur leise: Du!
Und Welten sinken in ein Nichts, Die Meere rauschen dumpf und weit; Deine edlen weißen Hände
Sind mir Unvergänglichkeit.
DAS EILENDE BÄCHLEIN
Bächlein, Bächlein, wie du eilen kannst, Rasch, geschäftig ohne Rast und Ruh’!
Wie du Steinchen mit dir nimmst –Schau’ dir gerne zu!
Doch das Bächlein spricht zu mir:
»Siehst du, liebes Kind, Wie die Welle eilt und rast Und vorüberrinnt?«
»Jeder Tropfen ist ein Tag, Jede Welle gleicht dem Jahr –Und du, – du stehst am Ufer nur, Sagst dir still: es war.«
DAS SCHLAFENDE KIND
Wenn du schläfst, ich segne dich, Kind. Segne dich in deinen Kissen, Wenn du lächelst hell im Traum,
Möcht’ ich fragen:
Darf ich wissen, Was ein Engel dir jetzt sang?
Doch ich will dich träumen lassen, Nichts ist schöner als der Traum. Und du sollst auch niemals wissen, Dass auch das Glück nur ein Traum.
STÄRKER ALS DER TOD
Nimm meinen schweren Dornenkranz
Aus meinem weißen Haar, Den Kranz der dunklen Schmerzgedanken, Lass’ um mein müdes Haupt Weinlaub der Freude ranken. Es soll das Rebenblatt mich lehren durch seine Pracht und durch sein Rot, Dass Liebe eine große Macht
Und stärker noch als selbst der Tod.
UNVERGÄNGLICHKEIT
Deine edlen weißen Hände
Legen meine Seel’ zur Ruh’, Wenn sie meinen Scheitel segnen, Schließ’ ich meine Augen zu
Und sag’ nur leise: Du!
Und Welten sinken in ein Nichts, Die Meere rauschen dumpf und weit; Deine edlen weißen Hände Sind mir Unvergänglichkeit.
RICHARD STRAUSS
VERFÜHRUNG
Der Tag, der schwüle, Verblasst, und In dieser Kühle
Begehrt nun zu ruh’n, Was sich ergeben
Dem Fest der Lust –
Nun schmiegt mit Beben
Ssich Brust an Brust...
Es hebt der Nachtwind
Die Schwingen weit:
»Wer liebt, der wacht auch
Zu dieser Zeit...«
Er küsst die Welle, Und sie ergibt
Sich ihm zur Stelle, Weil sie ihn liebt...
O großes Feiern!
O schönste Nacht!
Nun wird sich entschleiern
Alle Pracht, Die Tags verborgen
In Zweifeln lag,
In Angst und Sorgen –
Nun wird es Tag!
Still stößt vom Strande
Ein schwankes Boot –
Verlässt die Lande
Der Mörder Tod?
Er ward vergebens
Hierher bestellt:
Der Gott des Lebens
Beherrscht die Welt!...
Welch stürmisch Flüstern
Den Weg entlang?
Was fleht so lüstern?
Was seufzt so bang?
Ein Nie-Gehörtes
Hört nun dein Ohr –
Wie Gift betört es:
Was geht hier vor?!
Der Sinn der Töne
Ist mir bekannt,
Drum gib, o Schöne, Mir deine Hand:
Der ich zu rühren
Dein Herz verstand,
Ich will dich führen
Ins Wunderland...
Mit süßem Schaudern
Reißt du dich los.
Was hilft dein Zaudern?
Dir fiel dein Los!
Die Stimmen schweigen.
Es liebt, wer wacht!
Du wirst mein eigen
Noch diese Nacht!
John Henry Mackay (1864–1933)
TEXTE
WALDSELIGKEIT
Der Wald beginnt zu rauschen, Den Bäumen naht die Nacht, Als ob sie selig lauschen, Berühren sie sich sacht.
Und unter ihren Zweigen, Da bin ich ganz allein, Da bin ich ganz mein eigen: Ganz nur Dein!
Richard Dehmel (1863–1920)
TRAUM DURCH DIE DÄMMERUNG
Weite Wiesen im Dämmergrau; Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn, Nun geh’ ich hin zu der schönsten Frau, Weit über Wiesen im Dämmergrau, Tief in den Busch von Jasmin.
Durch Dämmergrau in der Liebe Land; Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht; Mich zieht ein weiches samtenes Band Durch Dämmergrau in der Liebe Land, In ein blaues, mildes Licht.
Otto Julius Bierbaum (1865–1910)
MUTTERTÄNDELEI
Seht mir doch mein schönes Kind, Mit den gold’nen Zottellöckchen, Blauen Augen, roten Bäckchen!
Leutchen, habt ihr auch so eins? Leutchen, nein, ihr habt keins!
Seht mir doch mein süßes Kind, Fetter als ein fettes Schneckchen, Süßer als ein Zuckerweckchen!
Leutchen, habt ihr auch so eins?
Leutchen, nein, ihr habt keins!
Seht mir doch mein holdes Kind, Nicht zu mürrisch, nicht zu wählig! Immer freundlich, immer fröhlich!
Leutchen, habt ihr auch so eins?
Leutchen, Leutchen, ihr habt keins!
Seht mir doch mein frommes Kind!
Keine bitterböse Sieben
Würd’ ihr Mütterchen so lieben. Leutchen, möchtet ihr so eins?
O, ihr kriegt gewiss nicht meins!
Komm’ einmal ein Kaufmann her!
Hunderttausend blanke Taler, Alles Gold der Erde zahl’ er!
O, er kriegt gewiss nicht meins! –Kauf’ er sich woanders eins!
Gottfried August Bürger (1747–1794)
JULIA KLEITER
Sopran
Die aus Limburg stammende Sopranistin Julia Kleiter studierte bei Prof. William Workmann in Hamburg und bei Prof. Klesie Kelly-Moog in Köln. 2004 gab sie ihr Debüt an der Pariser Opéra-Bastille als Pamina – eine Partie, die sie in den folgenden Jahren in zahlreichen Produktionen an bedeutenden Häusern wie Madrid, Zürich, der New Yorker Met, München oder bei den Salzburger Festspielen gestaltete, unter der musikalischen Leitung von u. a. Nikolaus Harnoncourt, Marc Minkowski, Claudio Abbado oder Philippe Jordan. Mit Dirigenten wie Riccardo Muti, Daniel Barenboim, Christian Thielemann, Ivor Bolton, René Jacobs oder Fabio Luisi erarbeitete sie sich ein breites Opern- und Konzertrepertoire.
Zu ihren jüngeren Engagements zählen u. a. die Marschallin im Rosenkavalier in Brüssel, Berlin, Wien und Baden-Baden, Agathe in Der Freischütz und Rosaline in Die Fledermaus an der Bayerischen Staatsoper und der Hamburgischen Staatsoper sowie die Contessa in Le nozze di Figaro an der Semperoper Dresden.
In der vergangenen Saison war sie auf der Konzertbühne mit Zemlinskys Lyrischer Symphonie bei der Staatskapelle Berlin, in Mendelssohns Elias – der umjubelten Abschiedsproduktion von Andreas Homoki – am Opernhaus Zürich sowie mit Brahms’ Deutschem Requiem auf Europatournee mit dem Gewandhausorchester unter Andris Nelsons zu hören.
Die Saison 2025/26 führt Julia Kleiter erneut mit dem Deutschen Requiem und dem Gewandhausorchester nach San Sebastián, Santander und Paris. Mit Strauss’ Vier letzten Liedern ist sie in Barcelona, Sabadell und Terrassa zu hören. Im November kehrt sie in Offenbachs Les con -
tes d’ Hoffmann mit ihrem Rollendebüt als Antonia an die Berliner Staatsoper zurück, bevor sie im Januar die Partie der Donna Elvira in der Münchner Neuproduktion des Don Giovanni übernimmt. Weitere Höhepunkte sind Mahlers 4. Symphonie sowie die Rückert-Lieder in Granada, ein Liederabend in Stuttgart sowie eine Tournee mit Liedern von Richard Strauss unter Christian Thielemann mit Konzerten in Berlin, München und Wien.
In ihrer Paraderolle als Marschallin in Strauss’ Rosenkavalier ist sie sowohl an der Berliner Staatsoper, ebenfalls unter der Leitung von Christian Thielemann, sowie in Baden-Baden mit dem SWR Symphonieorchester unter François-Xavier Roth zu erleben.
Mit Liederabenden ist Julia Kleiter regelmäßig in der Londoner Wigmore Hall, bei den Schubertiaden in Schwarzenberg und Vilabertran sowie im Berliner Boulez-Saal und beim Heidelberger Frühling zu Gast. Gemeinsam mit Christian Gerhaher interpretierte sie Hugo Wolfs Spanisches Liederbuch in Heidelberg, London, Madrid, bei den Salzburger Festspielen und der Liedwoche auf Schloss Elmau. Jüngst war das Duo mit einem Schumann-Programm in London, bei der Schubertiade Hohenems und bei den Münchner Opernfestspielen im Prinzregententheater zu hören.
Zahlreiche CD- und DVD-Einspielungen dokumentieren ihr künstlerisches Schaffen, darunter Lieder von Franz Liszt mit Julius Drake sowie ihre Beiträge zur Schumann-Gesamtaufnahme bei Sony.
MITWIRKENDE
MARCELO AMARAL
Klavier
Von der New York Times gefeiert als »Liedbegleiter der Superlative« hat sich der brasilianische Pianist Marcelo Amaral als gefragter Klavierpartner von Sänger*innen und Instrumentalist*innen international etabliert. Seit dem Gewinn des Pianistenpreises beim Internationalen Robert-Schumann-Liedwettbewerb 2009 arbeitete er mit renommierten Künstlerinnen und Künstlern wie z. B. Janina Baechle, Olaf Bär, Juliane Banse, Daniel Behle, John Chest, Sarah Connolly, Melanie Diener, Veronika Eberle, Manuel Fischer-Dieskau, Soile Isokoski, Konstantin Krimmel, Jochen Kupfer, Nils Mönkemeyer, Niamh O’Sullivan, Christoph Pohl, Christoph Prégardien, Tobias Scharfenberger, Birgid Steinberger, Roman Trekel, Carolina Ullrich, Michael Volle, Matthias Winckhler und dem Alfama Quartet. Mit großem Erfolg konzertiert Marcelo Amaral u. a. in der Wigmore Hall in London, im Musée d’Orsay in Paris, bei der Schubertiade in Schwarzenberg, der Schuberìada Vilabertan und im Boulez-Saal in Berlin. Marcelo Amaral war zu Gast bei zahlreichen Festivals wie dem Montpellier Festival, der Mozarteum Sommerakademie, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem International Art Song Festival, dem Ravinia Festival, dem Tuscan Sun Festival, dem Festival de Marvão und dem Oxford Lieder Festival. Rundfunk- und Fernsehaufnahmen unter anderem für den Bayerischen Rundfunk, Deutschlandfunk Kultur, WDR/ARTE, Radio France und BBC runden seine künstlerische Tätigkeit ab.
Seit 2014 hat Marcelo Amaral eine Professur für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik Nürnberg inne und ist seit 2010 Mitglied im Künstlerischen Beirat der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie.
MITWIRKENDE/IMPRESSUM
Nach seinem Studium am Cleveland Institute of Music und der Indiana University vervollständigte er seine Studien durch die Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern wie Elly Ameling, Dietrich Fischer-Dieskau, Rudolf Jansen, Malcolm Martineau, Olga Radosavljevich, András Schiff, Peter Schreier und Roger Vignoles. Zudem studierte er Liedgestaltung bei Helmut Deutsch an der Hochschule für Musik und Theater München.
Herausgeber Internationale Hugo -Wolf - Akademie für Gesang, Dichtung, Liedkunst e.V. Stuttgart, Jägerstraße 40, 70174 Stuttgart, Deutschland, Telefon +49(0)711-22 11 77, Fax +49(0)711. 22 79 989, info@ihwa.de, www.ihwa.de
Vorstand Prof. Dr. Hansjörg Bäzner (Vorsitzender), Hans Georg Koch (Stv. Vor sitzender), Albrecht Merz (Schatzmeister), Walter Kübler (Schrift führer), Erster Bürgermeister Dr. Fabian Mayer (Ver tre ter der Landeshauptstadt Stuttgart), Cornelius Hauptmann, Richard Kriegbaum, Patrick Strub
Künstlerischer Beirat Prof. Marcelo Amaral, Oswald Beaujean, Prof. Dr. h.c. Thomas Hampson, Prof. Christiane Iven, Axel Köhler
Intendanz/Redaktion/Satz Dr. Cornelia Weidner
Textnachweis Das Gespräch mit Julia Kleiter und Marcelo Amaral führte Dr. Cornelia Weidner als Originalbeitrag für dieses Heft.
Bildnachweis Titel (Ausschnitt): Edmond Aman-Jean (1858–1936), Dame im Garten, 1897; Öl auf Leinwand, 150 x 120,5 cm; Abbildung mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung der Staatsgalerie Stuttgart (www.staatsgalerie.de); Frank Schemmann (Julia Kleiter), Guido Werner (Marcelo Amaral)
Änderungen des Programms und der Mitwirkenden vorbehalten.
www.liedpate.de