Einzigartiges Erfolgsmodell, Brauindustrie 1-2021, Verlag W. Sachon

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„Einzigartiges Erfolgsmodell“ Im Gespräch mit der Gesellschaft für Hopfenforschung Im Jahre 1926 wird in der Hallertau – aus der Not geboren – eine zentrale Beratungsstelle für den Hopfenbau zur Sicherstellung der Hopfenversorgung für die Brauwirtschaft gegründet. Die damaligen Ziele Schädlingsbekämpfung, Züchtung neuer Sorten sowie wissenschaftliche und technische Forschung sind knapp hundert Jahre später immer noch zentrale Arbeitsgebiete der Gesellschaft für Hopfenforschung (GfH). Heute ist das Hopfenforschungszentrum Hüll weit über die Grenzen der Hallertau bekannt. Im Gespräch mit der BRAUINDUSTRIE erläutern Dr. Michael Möller, Vorstandsvorsitzender der GfH, und Walter König, Geschäftsführer der GfH, nicht nur die aktuellen Herausforderungen für die weltweite Hopfen- und Brauwirtschaft, sondern geben auch Einblicke in die jüngsten Hopfensorten aus dem Hüller Zuchtprogramm. BRAUINDUSTRIE: Herr Dr. Möller, die Brau- und Hopfenbranche blickt auf ein turbulentes Jahr zurück. Wie hat die Gesellschaft für Hopfenforschung das „Corona-Jahr“ 2020 erlebt? Dr. Michael Möller: Die GfH war in erster Linie durch die Einschränkungen der beiden Lockdowns im Frühjahr und Herbst betroffen. Trotz Verschiebungen konnten wir unsere Mitgliederversammlung und die Verleihung des Nienaber-Preises nur virtuell durchführen. Während die für unsere Arbeit sehr wichtigen Treffen des Beratungsgremiums zur Aromabonitur für die neue Sortenmappe ausfallen mussten, konnten wir im Sommer unter Einhaltung der Auflagen wenigstens die Expertenrunde zur Verkostung der Bitterqualität neuer Hochalphasorten und auch das Treffen des Technisch-Wissenschaftlichen Ausschusses in Präsenz im Deutschen Hopfenmuseum durchführen. Die Arbeit am Hopfenforschungszentrum selbst war nur in sehr geringem Maße von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen, sodass die geplante Forschungsarbeit und das in diesem Jahr erstmalig notwendige Citrus Bark Cracking Viroid-­ Monitoring erfolgreich durchgeführt werden konnten. BI: Eine gute durchschnittliche Hopfenernte 2020 trifft auf einen deutlich niedrigeren Bierabsatz. Herr König, wie beurteilen Sie den Hopfenüber-

Dr. Michael Möller, Vorstandsvorsitzender der GfH

GfH-Geschäfsführer Walter König

schuss und was bedeutet das für die Hopfenwirtschaft auf der einen Seite und die Braubranche auf der anderen Seite?

Hopfenwirtschaft bedeutet das eine strukturelle Überversorgung, die eingelagert, gekühlt, verarbeitet und vorfinanziert werden muss. Auch der dringend notwendige Sortenwechsel zu gesünderen, klima­ angepassten und ertragreicheren Sorten kommt aufgrund des Überangebots im Stammsortiment ins Stocken.

Walter König: Deutschland produziert über ein Drittel der jährlichen Welt-Hopfenernte. Wir müssen deshalb den Blick auf die Entwicklung des weltweiten Bierabsatzes und des Hopfeneinsatzes je Hektoliter richten. Nach den bis heute bekannten Zahlen wird der globale Hopfenbedarf gegenüber dem Vorjahr um 7 bis 8 Prozent zurückgehen. Aus Sicht der

Aus Sicht der Brauwirtschaft ist die Situation nach einigen Jahren der knappen Versorgung eher komfortabel. Dort wo es die Liquidität zulässt, eignen sich die qualitativ sehr guten BRAU INDUSTRIE 1/2021 ·

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und den agronomischen Eigenschaften einer modernen Zukunftssorte wird Tango ein wichtiger Baustein bei der Neuausrichtung des deutschen Hopfenbaus im Hinblick auf Biodiversität, Grundwasserschutz, Klimawandel und Reduzierung von Pflanzenschutzmaßnahmen sein. Für den Hopfenmarkt bedeuten klimaangepasste Sorten Liefersicherheit und Marktstabilität sowie am Ende mehr Wirtschaftlichkeit. Hopfendolde der neuen Sorte Tango im Ganzen und im Querschnitt

Jahrgänge 2019 und 2020 für den Aufbau eigener Reserven für magere Jahre. Wer den Hopfenmarkt kennt, weiß, wie schnell sich das Blatt wenden kann. BI: Erläutern Sie doch bitte kurz die Struktur und Arbeitsgebiete der GfH. Dr. Möller: Die GfH ist ein Verein zur Förderung der Wissenschaft und der Forschung im Bereich des Hopfenbaues mit aktuell ca. 430 Mitgliedern weltweit. Seit fast 100 Jahren besitzt und betreibt die GfH das Hopfenforschungszentrum in Hüll. Forschungspartner der GfH ist die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), die mit dem Arbeitsbereich Hopfen des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung (IPZ 5) im Hopfenforschungszentrum Hüll, aber auch an den Standorten Wolnzach und Freising arbeitet. Dabei werden von der LfL die Themengebiete Hopfenbau und Produktionstechnik, Pflanzenschutz, Qualität und Analytik, Züchtungsforschung sowie ökologische Fragen des Hopfenbaus abgedeckt. Die GfH finanziert darüber hinaus Forschungsprojekte und zusätzliches Personal, um den Anforderungen der Hopfen- und Brauwirtschaft gerecht zu werden.

Wer den Hopfenmarkt kennt, weiß, wie schnell sich das Blatt wenden kann.“ Walter König

BI: Aus dem Züchtungsprogramm des Hopfenforschungszentrums Hüll sind in der jüngeren Vergangenheit einige neue Hopfensorten auf den Markt gekommen. Die Sorten Diamant und Aurum wurden bereits 2019 vorgestellt und deren Eigenschaften unter anderem in der Fachpresse beschrieben. Wie werden diese bei-

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Tango ist unsere neueste Zuchtsorte, die in die Fußstapfen ihrer Großmutter, Hallertauer Tradition, tritt.“ Dr. Michael Möller

den neuen Sorten von Pflanzern und Brauern nachgefragt? Welches Feedback erhalten Sie zu diesen Sorten? Dr. Möller: Diamant und Aurum zählen zu den feinen Aromasorten und wurden als klimaangepasste und ertragsstabilere Sorten in Ergänzung zu den hochfeinen Landsorten Spalt Spalter und Tettnang Tettnanger in den Markt gebracht. Das Feedback aus den Brauereien, die die Sorten bereits in klassischen Standardrezepturen integriert oder neue Bierstile kreiert haben, ist hervorragend. Nach einer etwas überzogenen Nachfrage aus der Brauwirtschaft direkt nach der Sortenvorstellung müssen sich nun Angebot und langfristige Nachfrage zusammen nach oben entwickeln. Eine vertragliche Absicherung ist deshalb für die Planungssicherheit beider Seiten notwendig. Zum Glück gibt es von beiden Sorten noch Erntemengen aus den Großanbauversuchen, die wir mehrere Jahre vor der Sortenzulassung durchführen, ohne den Hopfen zu vermarkten. BI: Vor Kurzem wurden zwei weitere Sorten namens Xantia und Tango vorgestellt. Wodurch zeichnen sich diese beiden Sorten aus? Dr. Möller: Das sind ganz unterschiedliche Hopfensorten. Während Xantia aktuell auf lediglich ca. 20 ha Fläche für die Erzeugung von Xanthohumol-Produkten verwendet wird, die in der medizinischen und pharmazeutischen Industrie Verwendung finden, ist Tango ein echter Aromahopfen fürs Bier. Tango ist unsere neueste Zuchtsorte, die in die Fußstapfen ihrer Großmutter, Hallertauer Tradition, tritt. Mit einem klassischen Aromaprofil

BI: Der Name Xantia leitet sich also vom hohen Xanthohumol-Gehalt ab, doch wie kam der Name Tango zustande? König: Die Namensfindung für neue Hopfensorten ist nicht einfach. Natürlich hatten wir selbst schon ein paar Ideen, die international funktionieren und vor allem noch nicht besetzt sind. Im vergangenen Sommer hat das BR Fernsehen dann am Hopfenforschungszentrum eine Doku zum Thema „Wie eine Hopfensorte entsteht“ gedreht. Während der Dreharbeiten kam uns die Idee, dass wir die Doku mit der öffentlichen Suche nach dem Namen für den im Film gezeigten Zuchtstamm 2011/02/04 beenden könnten. Gesagt – getan! Nach der Ausstrahlung wurde die Namenssuche über die Social-Media-Kanäle des BR und über Radiobeiträge gestartet. Wir haben die Namenssuche über unsere eigene Kommunikation verstärkt und bekamen eine Menge toller Namensvorschläge. Die besten wurden mit Preisen belohnt. „Tango“ war der Vorschlag eines engagierten Hallertauer Hopfenpflanzers. BI: Ganz neu ist auch der Zuchtstamm 2011/71/19 – bisher noch ohne Namen. Durch welche Eigenschaften zeichnet sich diese Sorte aus? Dr. Möller: 2011/71/19 ist eine Hochalphasorte mit ca. 17 Prozent Alphasäure und 3,3 ml/100 g Gesamtölgehalt. Seine verbesserten Resistenzen und Toleranzen, die gute Stockgesundheit und ein hervorragendes Dolden- zu Restpflanzenverhältnis könnten den Zuchtstamm zu einem weiteren Alphalieferanten neben Herkules und Polaris machen und so die nicht ungefährliche Konzentration auf nahezu eine Hochalphasorte etwas entspannen. Im Sommer 2020 wurde der Zuchtstamm auf mehreren Standorten und unterschiedlichen Bodenqualitäten für die großtechnischen Anbau- und Verarbeitungsversuche ausgepflanzt. Mit einer Anmeldung des Zuchtstamms als Sorte ist frühestens nach drei Jahren Anbauerfahrung zu rechnen. Doch bis


dahin muss 2011 /71/19 erst noch beweisen, ob sich seine Alleinstellungsmerkmale wie die Mehltauresistenz und sein mittelfrüher Reifezeitpunkt bei gleichem Alphaertrag je Hektar wie Herkules im Praxistest bewähren.

Auch wenn in den vergangenen Jahren viel bewegt und die richtigen Schritte für ein heute gut aufgestelltes Hopfenforschungszentrum zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen gemacht wurden, sind wir in einem stetigen Wandel.“ Dr. Michael Möller

BI: Auf welche Aspekte nehmen Sie im Allgemeinen Rücksicht bei der Züchtungsarbeit? Welche Züchtungsziele werden aus Ihrer Sicht immer wichtiger? König: In erster Linie zählt natürlich die hohe Qualität, die die Brauwirtschaft weltweit von Hopfensorten aus Deutschland erwartet. Des Weiteren spielen klimatische und umweltpolitische Vorgaben eine immer größere Rolle. Wenn man sich klarmacht, dass die Kreuzungen von heute frühestens in 10 Jahren als Sorten zur Verfügung stehen, züchten wir natürlich in sehr viele Richtungen, um einen breit aufgestellten Genpool und viele Möglichkeiten der Markteinführung zu haben. Mit neuen Züchtungstechniken, aber auch mit dem agronomischen Ziel „low input – high output“ sehen wir die Züchtungsforschung in Hüll breit und gut aufgestellt, damit wir der Hopfen- und Brauwirtschaft immer die passenden Sorten zur richtigen Zeit anbieten können. Wir würden uns sehr freuen, wenn der für die Zukunftssicherung der Rohstoffversorgung so dringend notwendige Zuchtfortschritt auch zeitnah in den Rezepturen der Brauereien Eingang finden würde. Bisher ist die Landwirtschaft schneller bereit, neuen Sorten eine Chance zu geben als die Brauwirtschaft. Auch hier werden sich Angebot und Nachfrage angleichen und zusammen entwickeln müssen.

beschäftigen uns z.B. die Multifidole und ihr Einfluss auf die Bitterqualität, die Effizienz der Hopfentrocknung zur CO2-Einsparung, der integrierte Pflanzenschutz und die Zulassung und Bewertung neuer, auch natürlicher Pflanzenschutzmethoden, neue Bewässerungskonzepte mit Düngeeinspeisung (Fertigation) und die damit verbundene Stickstoffbilanz in Pflanze und Boden. Ein sehr großes und langwieriges Forschungsgebiet sind auch Maßnahmen zur Sanierung von mit Welke oder Zitrus-Viroid befallenen Hopfengärten. BI: Welche Herausforderungen kommen aus Ihrer Sicht neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie künftig auf den Hopfenanbau zu? König: Wie den aktuellen Forschungsthemen zu entnehmen ist, sind die wichtigsten Themengebiete der Klimawandel und die damit einhergehenden Herausforderungen bei der Bewässerung und der Bekämpfung neuer Krankheiten und Schädlinge, die Umsetzung der Dünge-Verordnung, der Grundwasser- und Gewässerschutz, drastische Einschränkungen im chemischen und konventionellen Pflanzenschutz für mehr Biodiversität, neue Züchtungstechniken und über allem die oft sehr negative und entfremdete Sicht von Politik und Öffentlichkeit auf den Bereich land-

Wir würden uns sehr freuen, wenn der für die Zukunfts­ sicherung der Rohstoff­ versorgung so dringend notwendige Zuchtfortschritt auch zeitnah in den Rezepturen der Brauereien Eingang finden würde.“ Walter König

Züchtungsprogramm: Jungpflanzen – erste Aussaat nach der Kreuzung

wirtschaftliche Produktion, zu der eben auch der Hopfenbau zählt. BI: Wie sehen Sie die GfH für die Zukunft aufgestellt – auch im Hinblick auf die eben genannten Herausforderungen? Dr. Möller: Die Kooperation aus GfH und LfL als „Private Public Partner­ ship“ ist ein Erfolgsmodell, das in der Hopfenforschung weltweit einzigartig ist. Auch wenn in den vergangenen Jahren viel bewegt und die richtigen Schritte für ein heute gut aufgestelltes Hopfenforschungszentrum zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen gemacht wurden, sind wir in einem stetigen Wandel. Ich bin glücklich, zusammen mit meinen Vorstandskollegen und dem gesamten Team die Neuausrichtung des Hopfenanbaus in Deutschland mitgestalten zu können. Das Hopfenforschungszentrum ist kein starres System. Wir freuen uns über den Input unserer Mitglieder aus der Praxis und versuchen, zeitnah Strukturen und Lösungen für die kommenden He­ rausforderungen in der Hopfen- und Brauwirtschaft anzubieten. BI: Herr Dr. Möller, Herr König, vielen Dank für das Gespräch! (bm) M Weitere Informationen unter: www.hopfenforschung.de

BI: Welche weiteren Forschungsfelder neben der Züchtung von neuen Hopfensorten begleitet die GfH aktiv? König: Auch wenn die Neuvorstellung von Sorten und der Zuchtfortschritt an sich sehr öffentlichkeitswirksam sind, ist die Züchtungsforschung nur eine von fünf Arbeitsbereichen am Hopfenforschungszentrum. Aktuell BRAU INDUSTRIE 1/2021 ·

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