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Raum hören

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Themenheft von Hochparterre, März 2026

Raum hören

Gute Raumakustik entscheidet über unser Wohlbefinden und unsere Produktivität. Wie sieht eine inklusive und nachhaltige Gestaltung aus ?

Inhalt

4 Einander zuhören

Über die Geschichte des Zuhörens und drei Tricks

6 « Akustik ist keine exakte Wissenschaft –das macht sie so reizvoll »

Interview mit dem Akustik-Experten Clemens Kuhn-Rahloff

10 So wird die neue SIA-Norm mit Akustikde cken angewendet Fünf Fragen, die Architekten helfen, die neue Norm umzusetzen

13 Altes Papier, neue Decke

Zu Besuch beim holländischen Entwickler des Akustikputzes

20 Material, das den Raum verschlucken kann Wie schallabsorbierende Fasermischungen die Welt eroberten

Den Flocken auf der Spur

Der Fotograf Dlovan Shaheri hat die Zellulose-Verputze von Acosorb für dieses Heft dokumentiert, vom Rohmaterial und der Verarbeitung in Holland bis an die Decken von Schweizer Büros, Bars und Wohnungen.

Editorial

Der unsichtbare Faktor

Form und Material, Temperatur und Geruch, Möblierung und Licht: Ob wir einen Raum gerne nutzen oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Ein in der Planung vielfach unterschätzter Aspekt ist die Akustik. Dabei beeinflusst sie die Aufenthaltsqualität massgeblich. Das gilt für akustisch fein abgestimmte Konzertsäle genauso wie für Schulzimmer, Büros, Restaurants oder Wohnungen. Während im Konzertsaal der Musikgenuss im Vordergrund steht, spielt in vielen Alltagsräumen die Sprachverständlichkeit eine tragende Rolle: Je besser wir die Referentin, den besten Freund oder die Arbeitskollegin hören, desto fruchtbarer ist der Austausch.

Dieses Themenheft geht der Frage nach, was einen akustisch guten Raum ausmacht – und wie sich eine der Nutzung angemessene Raumakustik gestalten lässt. Zum Auftakt erklärt Journalist und Kommunikationsexperte Mikael Krogerus, wie Sprechen und Zuhören, und damit eine gute Verständigung, gelingen können. In einem Essay zeichnet Sabine von Fischer, Architektin und Autorin des Buchs ‹ Das akustische Argument ›, die Geschichte der modernen Schallabsorber in der Architektur nach. Akustiker Clemens Kuhn-Rahloff stellt im Interview klar, dass eine gute Akustik weit mehr umfasst als die Erfüllung von Normen. Und er erklärt, weshalb es die neue SIA-Norm 181 / 1 ‹ Raumakustik › dennoch braucht.

Im Zentrum stehen die hochabsorbierenden Deckenbeschichtungen des niederländischen Herstellers Acosorb. Die Schweizer Firma Kustik vertreibt und verarbeitet die zellulosebasierten und kreislauffähigen Akustikputze seit 2024 in der Schweiz. Gut möglich, dass die flockigen Deckenuntersichten hierzulande bald zum gewohnten Anblick werden: Denn mit Inkrafttreten der SIA-Norm 181 / 1 im Februar 2026 steigen die akustischen Anforderungen an viele Räume. Deborah Fehlmann

Dieses Themenheft ist eine journalistische Publikation, entstanden in Zusammenarbeit mit Partner*innen. Die Hochparterre-Redaktion prüft die Relevanz des Themas, ist zuständig für Recherche, Konzeption, Text und Bild, Gestaltung, Lektorat und Übersetzung. Die Partner*innen finanzieren die Publikation, genehmigen das Konzept und geben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung.

Impressum

Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Geschäftsleitung Deborah Fehlmann, Roderick Hönig Redaktionsleitung Axel Simon Leitung Themenhefte Roderick Hönig Konzept und Redaktion Deborah Fehlmann, Roderick Hönig Fotografie Dlovan Shaheri, www.dlovanshaheri.ch Art Direction Antje Reineck Layout Lena Hegger Produktion Nathalie Bursać Korrektorat Rieke Krüger Lithografie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeberschaft Hochparterre in Zusammenarbeit mit Kustik AG hochparterre.ch / raumakustik Themenheft bestellen ( Fr. 15.—, € 12.— ) und als E-Paper lesen

A Gute Akustik bei Holcim in Zug siehe Seite 19

B Ein fürs Verputzen präparierter Raum

C Akustikputz muss weder glatt noch weiss sein.

A, B Eine gute Akustik trägt zur Verständigung bei, wie hier im Eingangsbereich eines Kinos in Amsterdam.

Einander zuhören

Nur weil zwei Menschen die gleiche Sprache sprechen, heisst das nicht, dass sie sich verstehen. Drei Tricks aus der Forschung, mit denen Kommunikation besser gelingt.

Am Anfang war alles einfach. « Und die ganze Erde hatte eine einzige Sprache und dieselben Worte », heisst es im Buch Genesis. Die Menschen verstanden einander mühelos. Sie fassten gemeinsam den Plan, eine Stadt zu bauen und darin einen Turm, so hoch, dass seine Spitze den Himmel berührt. Sie fertigten Entwürfe an, schafften Material herbei, bauten Stein auf Stein. Aus Gründen, die Theologinnen noch heute zu endlosen Monologen verleiten, rief Gott aber nicht: « Toll ! », sondern: « Wohlan, lasst uns ihre Sprache verwirren, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht ! » Von einem Moment auf den anderen war das Miteinander gebrochen. Eine einfache Aufforderung wie « Reich mir den Ziegel ! » kam als kryptisches Gebrabbel an. Bitten wurden zu Beleidigungen, Repliken zu Rätseln, und Missverständnisse häuften sich wie der Bauschutt am Fusse des Turms. Die babylonische Sprachverwirrung erzählt davon, was passiert, wenn die gemeinsame Grundlage der Verständigung zerbricht. Ohne gemeinsame Sprache – heute würde man vielleicht sagen: ohne gemeinsame Vision oder Strategie – keine gemeinsame Handlung. Der unvollendete Turm zu Babel ist in dieser Lesart keine Metapher für menschlichen Grössenwahn, sondern für das fragile Fundament, auf dem unsere Kommunikation ruht.

Es ist nicht ganz falsch zu behaupten, dass wir heute wieder unter einer gewissen Sprachverwirrung leiden: Man verstrickt sich in aufreibenden Diskussionen, ermüdet in mäandrierenden Chats und nichtssagenden Meetings. Es wird immer mehr kommuniziert, aber, wie in Babylon, immer weniger verstanden. Das Reden über den Turmbau verdrängt den eigentlichen Turmbau. Aber was hätten die Babylonierinnen machen können ? Und was können wir tun, um uns besser zu verständigen ?

Die häufigste Quelle für Missverständnisse

Der finnische Kommunikationswissenschaftler Osmo Wiio brachte das Verständigungsarmageddon am einprägsamsten auf den Punkt: « Es gibt immer jemanden, der besser als du selbst weiss, was du eigentlich gemeint hast. » Was wie ein Witz klingt, ist eine genaue Beobachtung einer häufig übersehenen Quelle für Missverständnisse: Wir hören nicht das, was gesagt wurde, sondern das, was wir glauben, dass gesagt werden wird. Wir bilden uns also ein Urteil über die Aussage des Gegenübers, bevor dieses überhaupt seinen Punkt machen konnte. Missverständnisse liegen demnach ( nicht nur ) an der fehlenden Klarheit der Senderin, sondern auch an der Voreingenommenheit des Empfängers.

Nehmen wir ein alltägliches Beispiel wie Feedback. Der Hinweis, etwas falsch gemacht zu haben, wird schnell als Kränkung erlebt. Eine Aufforderung, etwas zu ändern, wird zum Anlass genommen, sich zu rechtfertigen. Nicht immer, klar, aber doch sehr oft neigen wir dazu, uns zu verteidigen, anstatt zuerst einmal zuzuhören. Es ist schon erstaunlich, wie viel Mühe wir uns machen, um bloss nicht

sagen zu müssen: « Vielleicht liege ich falsch. » Dabei ist es ein grossartiger Satz, er trägt erwiesenermassen zum besseren Gelingen von Kommunikation bei. Denn er löst beim Gegenüber automatisch Verständnis aus. Und oft erscheint derjenige, der anerkennt, dass er etwas nicht weiss, viel schlauer und auch glaubwürdiger als derjenige, der auf alles eine Antwort weiss.

Natürlich heisst das nicht, dass man sich sofort jedem Argument beugen muss. Im Gegenteil: Wir brauchen die Auseinandersetzung, die Reibung ; nur streitend nähern wir uns der Einigkeit. Aber es braucht einen Raum, in dem Unsicherheit und Eingeständnisse nicht als Schwäche interpretiert werden, sondern als Beitrag zur Verbesserung. Denn schlau ist nicht, wer am längsten auf seiner Meinung beharrt, schlau ist, wer die Bereitschaft hat, seine Meinung immer wieder neu zu überprüfen.

Feedback war gestern

Wie können wir also lernen, Kritik nicht als persönlichen Angriff zu verstehen, sondern als Anregung ? Von Hayley Blunden und ihrem Forschungsteam stammt die Erkenntnis, dass man statt um Feedback besser um Rat fragen sollte. Denn Feedback konzentriert sich in der Regel darauf, was man in der Vergangenheit ( falsch ) gemacht hat. Ratschläge verlagern die Aufmerksamkeit darauf, was wir in Zukunft besser machen könnten. Nach jedem Vortrag, Projekt, auch Vorstellungsgespräch könnte man fragen: « Welchen Rat können Sie mir geben, damit ich nächstes Mal besser werde ? ». Das kostet ein wenig Überwindung, aber wer so fragt, erhält in der Regel einen konkreten Hinweis, wie er oder sie sich verbessern kann. Doch wie sollte ein solcher Rat formuliert sein ? Psychologinnen lieferten 2013 eine verblüffende Antwort. Für ein Experiment teilten sie Lernende an einer Mittelschule in zwei Gruppen: Die erste Gruppe erhielt Aufsatzkorrekturen wie gewohnt zurück. Bei der Kontrollgruppe stand zusätzlich noch dieser Satz: « Ich geb e dir dieses Feedback, weil ich sehr hohe Erwartungen habe und weiss, dass du sie erfüllen kannst. » Der S atz hatte eine erstaunliche Wirkung: Zwei Drittel der Gruppe mit Anmerkungen überarbeiteten ihren Aufsatz, während in der Kontrollgruppe, die keinen einleitenden Satz bekam, nur ein Viertel sich noch einmal hinsetzte. Aber warum wirkte dieser Satz so stark ? Er sagt zweierlei. Erstens: Das hier ist anspruchsvoll. Und zweitens: Ich bin überzeugt, dass du das kannst. Der Fokus lag also nicht darauf, was falsch gemacht worden war, sondern darauf, dass man den Lernenden zutraute, die Aufgabe zu lösen. Je eher man das Gefühl hat, etwas schaffen zu können, desto grösser ist die Bereitschaft, es auch zu versuchen.

Einander zuhören. Fehler eingestehen. Anderen etwas zutrauen. Die Antworten der Forschung auf Missverständnisse mögen banal scheinen. Und man muss wohl davon ausgehen, dass die Menschen im alten Babylon auch mit diesen drei Kommunikationstricks nicht imstande gewesen wären, den Turm fertigzustellen. Vielleicht aber hätten sie sich anschliessend auf ein anderes Projekt verständigt. Oder wären wenigstens gemeinsam ein Bier trinken gegangen. ●

Text:
Mikael Krogerus

Der Akustiker Clemens Kuhn-Rahloff erklärt, was unsere Schallschutzvorschriften mit Kultur zu tun haben und weshalb uns selbst ein leises Gespräch ablenkt.

« Akustik ist keine e xakte Wissen schaft –das macht sie so reizvoll »

Was ist ein akustisch guter Raum ?

Clemens Kuhn-Rahloff: Im Gegensatz zum visuellen Raum, der physisch vorhanden ist, braucht der akustische Raum immer eine Schallquelle, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Passiert in einem Raum nichts, ist auch die Akustik nicht da. Akustik ist also immer mit Interaktion verbunden, oft mit sozialer Interaktion. Die entscheidende Frage für die akustische Qualität ist, ob diese Interaktion erwünscht ist oder nicht. Anders gesagt: Ein Raum ist dann gut, wenn er erstens entsprechend seinem Zweck das Bedürfnis nach sozialer Interaktion oder Rückzug erfüllt. Das gilt für den Konzertsaal genauso wie für das Büro, den Stadtpark oder die Eigentumswohnung. Zweitens –und da sind wir bei der Architektur – gibt ein guter Raum den Nutzenden in gewissem Mass die Möglichkeit zu wählen, wo im akustischen Raum sie sich aufhalten wollen. Es stellt sich also die Frage, wie viel akustische Privatsphäre die Nutzenden für konzentriertes Arbeiten, für Gespräche oder zum Entspannen benötigen. Dem muss der Raum mit verschiedenen Modulationen entsprechen.

Und wie plant man einen solchen Raum ?

Es gibt Normen, deren Zwe ck es ist, die Gebrauchstauglichkeit zu garantieren. Das ist richtig und wichtig, doch akustische Planung ist viel mehr als das: Jemand muss eine Vorstellung davon entwickeln, wie ein Gebäude klingen soll. Was machen die Menschen in diesem oder jenem Raum ? Wie funktioniert das Geb äude als Ganzes ? Wie empfängt es einen, wie bewegt man sich darin, wen trifft man in welchem Rahmen an ? Und entspricht all das dem, was man erwartet ? Akustik ist keine exakte Wissenschaft –das macht sie für mich so reizvoll.

Wie meinen Sie das ?

Ein Gebäude ausschliesslich nach akustischen Vorgaben zu planen, ist im Grunde nicht besonders komplex. Spannend wird es in dem Moment, wenn Akustik, Architektur, Statik und Brandschutz zusammengebracht werden müssen. Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht darin, Zielkonflikte in der Gestaltung der Räume, ihrer Geometrie und Materialisierung zu lösen. Hinzu kommen die erwähnten Fragen zum Zweck des Raums und wie wir uns diesen annähern. Bei Raumakustik denken viele zuerst an Absorption, doch oft gibt es ganz andere Möglichkeiten, um Akustik zu gestalten und akustische Konflikte zu entschärfen. Ein klassisches Beispiel ist die Grossraumbüroplanung: Was stört dort ? Die Gespräche, klar. Ausserdem stören aber auch Schritte im Korridor, die Kaffeemaschine, der Drucker, die Tür, die ständig auf- und zugeht. Akustische Planung heisst folglich auch, zusammen mit der Arbeitsplatzplanerin zu überlegen: Muss diese Korridorzone hier durchführen ? Welches Team arbeitet hier ? Lässt es sich umplatzieren ? Kann der Bo denbelag im Korridor weich sein ? Braucht die Druckerzone eine Tür ? Hier geht es nicht um die Erfüllung von Normen, sondern um ein Verständnis davon, was den Raum ausmacht.

Sie haben die akustischen Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen angesprochen. Sind diese universell oder gibt es da kulturelle Unterschiede ?

Die gibt es. In Japan etwa sind Paravents als Raumteiler verbreitet. Sie haben zwar eine Sichtschutzfunktion, sind aber akustisch transparent. Und Grossraumbüros sind in Japan nicht nur akzeptiert, sondern werden erwartet. Es gibt dort viel weniger Rückzugsräume als in den Büros in Mitteleuropa. Besonders im deutschsprachigen Raum ist der Wunsch nach Einzelbüros stark verbreitet. Türen ha-

« Ein grosser
Teil meiner Arbeit besteht darin, Z ielkonflikte in der Gestaltung der Räume, ihrer Geometrie und Materialisierung zu lösen. »

Clemens Kuhn-Rahloff Der diplomierte Toningenieur und Akustiker hat an der Technischen Universität Berlin promoviert und befasst sich als Partner bei Gartenmann Engineering in Zürich schwerpunktmässig mit Raumakustik, Schallschutz und Elektroakustik. Daneben lehrt er Akustik an der FHNW und der ZHdK und ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Akustik SGA­ SSA.

ben hier eine akustische Wirkung – wir s chliessen sie zuverlässig, zumindest dann, wenn wir Gespräche führen. Auch unsere Schallschutzanforderungen im Wohnungsbau sind im internationalen Vergleich eher hoch. All das ist kultureller Ausdruck des hohen Werts, den wir der Privatsphäre beimessen.

Im Hochparterre-Grossraumbüro arbeitet sicher die Hälfte der Leute mit Kopfhörern, um sich konzentrieren zu können. Anderen scheint die Geräuschkulisse weniger auszumachen. Die Bedürfnisse scheinen sich auch individuell stark zu unterscheiden.

Es ist bekannt und mehrfach wissenschaftlich belegt, dass Menschen durch Geräusche in ihrer Aufmerksamkeit unterschiedlich gestört werden. Tückisch ist, dass viele von uns sich der Störung gar nicht bewusst sind. Um beim Beispiel Grossraumbüro zu bleiben: Die Leute beklagen sich häufig darüber, dass es zum Arbeiten zu laut sei. Doch die Lärmbelastung ist im Büro – anders als zum Beispiel in einem Restaurant – meistens nicht das Problem. Was uns ständig ablenkt und damit ermüdet, sind die Gespräche der anderen. Diese müssen nicht einmal laut sein. Sobald Sprache verständlich ist, lenkt sie uns ab. Weshalb sind selbst die belanglosesten Gespräche anderer Leute für unsere Konzentration so fatal ? Sprache ist für die mens chliche Kommunikation zentral, entsprechend ist unsere Wahrnehmung darauf ausgelegt. Unser Arbeitsgedächtnis verfügt über die ‹ phonologische Schleife ›. Ver einfacht gesagt, handelt es sich dabei um einen Speicher, der uns erlaubt, ein paar Sekunden in die Vergangenheit zurückzugehen und das Gesagte abzurufen, ohne bewusst zugehört zu haben. Wir alle kennen das: Man ist bei einem Apéro und unterhält sich mit seinem Gegenüber, als plötzlich irgendwo neben uns der eigene Name fällt. Augenblicklich verlagern wir unsere Aufmerksamkeit dorthin, folgen dem Gespräch und sind vielleicht sogar in der Lage, die letzten paar Worte zu rekonstruieren. Weil wir lediglich ein Sprachzentrum haben, verstehen wir nun allerdings nichts mehr von dem, was unser Gegenüber sagt. Das Gleiche passiert im Büro. Unwillentlich und oft unbemerkt ziehen Stimmen unsere Aufmerksamkeit auf sich – es könnte ja etwas Wichtiges gesagt werden. Unsere Sprachverarbeitung wird dadurch ständig gestört. Die Fehlerrate beim Schreiben eines Textes steigt, wir müssen immer wieder ein paar Zeilen zurückspringen, es wird anstrengender.

Zugleich sind die Offenheit und die Möglichkeit des schnellen Austauschs ja auch Vorzüge des Grossraumbüros. Gibt es bessere Lösungen als Kopfhörer, um mit dem Zielkonflikt zwischen konzentriertem Arbeiten und Austausch umzugehen ?

Verhaltensregeln und die Ausgestaltung von unterschiedlichen Arbeitszonen wie abgetrennte Sitzungszimmer für interaktives Arbeiten und Rückzug. Nebst dem akustischen Komfort hat eine solche Zonierung den Effekt, dass die Nutzenden eine gewisse Kontrolle über ihre Umgebung erlangen. Und das zeigt Wirkung: Einzelfallstudien lassen den Schluss zu, dass ein Büro unter gleichbleibenden akustischen Bedingungen tendenziell besser bewertet wird, wenn die Menschen dem Lärm nicht passiv ausgeliefert sind, sondern mit ihrem Verhalten darauf reagieren können. Nebst der Zonierung gibt es drei klassische Massnahmen, die in den meisten Fällen sinnvoll sind: ein vorhandenes Grundgeräusch, Stellwände und eine hochabsorbierende Decke.

Was bewirken diese drei Massnahmen ?

Ein Beispiel: Das vergleichsweise leise Grundrauschen einer Lüftung sorgt dafür, dass Sprache ab einer gewissen Distanz nicht mehr verständlich ist – wir sprechen

Norm SIA 181 / 1 ‹ Raumakustik › Die Norm SIA 181 / 1 ist am 1 Februar 2026 erschienen. Anlass für die Erarbeitung der neuen Norm gab die 2020 überarbeitete

Norm SIA 181 ‹ Schallschutz im Hochbau ›, die im Gegensatz zur Vorgängerversion keine Anforderungen zur Raumakustik mehr enthält. Die Anforderungen der SIA 181 / 1 orientieren sich stark an der deutschen Norm DIN 18041 : 2016 ‹ Hörsamkeit in Räumen ›, die in der Schweiz als Arbeitsinstrument weit verbreitet ist. Jedoch stellt die neue Norm eine Gestaltung nach dem Prinizp ‹ Design for all › ins Zentrum, indem sie die Anforderungen für Inklusion nicht wie bisher als Zusatz betrachtet, sondern zum neuen Standard erklärt.

in der Akustik von einem Maskieren der Sprache mit einem anderen Geräusch. Damit schaffen wir einen akustisch privaten Raum, ohne ein Hindernis zu errichten. Die Stellwände unterbrechen die direkte Schallausbreitung. Diese zweite Massnahme zeigt allerdings nur in Kombination mit einer hochabsorbierenden Decke eine massgebliche Wirkung. Bleibt die Decke reflektierend, überträgt sie den Schall über weite Distanzen.

Sie waren Mitglied der Gruppe, die die SIA-Norm 181 / 1 ‹ Raumakustik › ausarbeitet hat. Gemäss der neuen Norm ist das entscheidende Kriterium für die Gebrauchstauglichkeit immer die Nachhallzeit , egal, ob es sich um einen Vortragssaal, ein Restaurant, ein Büro oder eine Sporthalle handelt. Weshalb ist die Nachhallzeit so ausschlaggebend ?

Die Zielsetzung ergibt sich aus der Nutzung des Raums. Die Nachhallzeit dient lediglich als Mittel zum Zweck. So steht in einem Vortragssaal die Sprachverständlichkeit im Fokus: Wenn eine Person vorne spricht, soll auch das Publikum in der hintersten Reihe sie verstehen können. Das erreichen wir, indem günstige Reflexionen übertragen und ungünstige absorbiert werden. In einem Restaurant hingegen heisst das Ziel Lärmbekämpfung: Um eine gute Aufenthaltsqualität zu bieten, muss der Schallpegel insgesamt in einem annehmbaren Rahmen bleiben. Dazu müssen wir ausreichend Absorption in den Raum bringen, was meistens über die Decke geschieht. Diesbezüglich spannend ist die Tatsache, dass etwa hochabsorbierende Decken den Lärmpegel in Restaurants signifikant mehr senken, als aufgrund ihrer akustischen Eigenschaften zu erwarten wäre. Grund dafür ist der Lombard-Effekt. Er beschreibt die Tatsache, dass wir immer lauter reden, je lauter es um uns herum wird. In manchen Restaurants ist das typisch: Der Abend fängt ruhig an, und je voller es wird, desto mehr schreien sich alle an, bis sie heiser sind. Für Menschen ohne Hörbeeinträchtigung ist das einfach nur anstrengend, doch Menschen mit Hörgeräten haben in so einem Raum keine Chance, etwas zu verstehen. Gerade für sie ist eine gute Absorption deshalb matchentscheidend. Inklusion ist auch ein Kernthema der Norm SIA 181 / 1. Was erwartet uns diesbezüglich ?

Bis anhin planten wir hier in der Schweiz meist mit der DIN 18041 ‹ Hörsamkeit in Räumen ›. Die SIA 181 / 1 ist eng an die deutsche Norm angelehnt, dabei jedoch straffer und einfacher in der Handhabung. Zudem haben wir einige Details an die Schweizer Gegebenheiten angepasst. Der entscheidende Unterschied liegt tatsächlich im Aspekt der Inklusion. Zwar legt die DIN 18041 Zielwerte für Inklusion fest, lässt jedoch offen, wo diese im Einzelfall anzuwenden sind und wo nicht. Die SIA 181 / 1 geht dagegen von Inklusion als Standard aus. Damit macht sie, was in der DIN-Norm im Kleingedruckten steht. Diese empfiehlt nämlich den Standard für Inklusion nicht nur, wenn Personen mit Schwerhörigkeit zu den erwarteten Nutzenden zählen, sondern beispielsweise auch Fremdsprachige oder Menschen mit Konzentrations- und Leistungsbeeinträchtigungen oder Sprach- und Sprachverarbeitungsschwierigkeiten. Führt man sich einmal vor Augen, auf wie viele Menschen eines dieser Kriterien zutrifft, ist Inklusion als Standard die einzig konsequente Lösung. ●

A Akustikputz über Deckenbaffeln bei Holcim in Zug siehe ‹ Graue Eminenz ›, Seite 19

B Das Aufbringen des Akustikputzes mit dem Spritzschlauch ist unkompliziert, braucht aber Expertise siehe ‹ Altes Papier, neue Decke ›, Seite 12

So wird die neue SIA-Norm mit Akustikdecken angewendet

Anforderung an die Raumakustik ?

Wie werden die Räume genutzt ?

Nutzungsart 2a

Verkehrsflächen ohne Aufenthaltsqualität

Eingangshalle Flur Treppenhaus

keine Massnahmen erforderlich

C2

Ab welchem Absorptionsgrad erfüllt eine schallabsorbierende Decke die Nachhallzeit gemäss Norm ?

Die Zeit, in der Schall in einem Raum abklingt, bezeichnet man als Nachhallzeit Es ist eine Eigenschaft des individuellen Raumklangs, dass dieses Abklingen für verschiedene Frequenzbereiche unterschiedlich lang ist.

Sprachverständlichkeit auf kurzen Distanzen

Räume mit geringen Ansprüchen

Verkehrsflächen mit Aufenthaltsqualität

Schalterhalle

Empfangsbereich

Wartezonen

Räume mit mittleren Ansprüchen

Büro ( Einzelbüro )

Restaurant

Verkaufsraum / Kasse Empfang

Räume mit hohen Ansprüchen

Büro ( mehrere Personen ) Selbstbedienungsrestaurant

Räume mit besonders hohen Ansprüchen

Lesebeispiel Restaurant

Aus → Raumhöhe und → Nutzungsart leiten Sie die maximal zulässige Nachhallzeit ab und identifizieren den Absorptionsgrad ( αw ) für die gesamte Decke.

A Sprachverständlichkeit auf kurzen Distanzen

B Nutzungsart 2c C2 Raumhöhe 3,5 m → max. Nachhallzeit 0,92 s → Absorptionswert > 0,60 αw

D Materialwahl z. B. Acospray DC3 20 mm

Ausstellungsraum Pausenraum / Garderobe Verkehrsflächen * Sprechzimmer * Behandlungsraum * Bettenzimmer *

Gaststätten mit hoher Gästedichte Speiseraum / Kantine

Ausstellungsraum (still) * in Schulen, Kindertageseinrichtungen, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen

Bewegungsraum * Umkleideraum * Bewohnerzimmer * Intensivpflegebereich * Aufwachstation *

Die Norm fordert das Einhalten einer Nachhallzeit, Massnahmen sind zu prüfen, siehe C2 und D.

Mit welchem Material und welcher Konstruktionshöhe wird dieser Absorptionsgrad gewährleistet?

Das Ergebnis zeigt eine mögliche Lösung. Die Nachhallzeit in den Frequenzen 250, 500, 1000 und 2000 Hz ist gemäss Norm zu prüfen.

Abgehängte Gipsdecke mit Hohlraum

Seit dem 1. Februar 2026 gilt die SIA-Norm 181 / 1. Sie verschreibt sich dem Prinzip ‹ D esign for all › und denkt Menschen mit besonderen Bedürfnissen mit. Mit diesen vier Schritten lässt sich die Norm einfach umsetzen.

Grafik:

Hahn + Zimmermann

Verständlichkeit und Gebrauchstauglichkeit auf mittleren und grösseren Distanzen

Nutzungsart 1a

Gebrauchstauglichkeit für unverstärkte Musik

Musikraum

Sprachliche Darbietungen einzelner Sprecher*innen

Gerichts­ und Parlamentssaal Gemeindesaal Hörsaal Versammlungsraum Aula

Sprachliche Kommunikation mit mehreren Sprecher*innen

Unterrichtsraum Tagungsraum Besprechungsraum Konferenzraum Seminarraum Gruppenraum Video ­Konferenzraum

Sprachliche Kommunikation über kurze Entfernung

Sporthalle Schwimmhalle

Die Norm fordert das Einhalten einer Nachhallzeit, Massnahmen sind zu prüfen, siehe C1 und D.

Ab welchem Absorptionsgrad erfüllt eine schallabsorbierende Decke die Nachhallzeit gemäss Norm ?

(

αw > 1,0 bedeutet bei C1, C2: Dieser Raum benötigt mehr hochabsorbierende Oberfläche als die gesamte Deckenfläche, um der vorgesehenen Nutzung zu entsprechen.

In den Raum hören: Wie verändern die Raumob erflächen die Akustik ? Testen Sie verschiedene Materialien und hören Sie den Unterschied.

Lesebeispiel Aula

Aus → Nutzungsart, → Raumvolumen und → Raumhöhe leiten Sie die maximal zulässige Nachhallzeit ab und identifizieren den Absorptionsgrad ( αw ) für die gesamte Decke.

A Sprachverständlichkeit auf grösseren Distanzen

B Nutzungsart 1b

C2 Raumvolumen 550 m3 → max. Nachhallzeit ≤ 0,7 s; Raumhöhe 3,75 m → Absorptionswert ≥ 0,85 αw

D Materialwahl z. B. Echtholz­Akustikelemente 39 mm, Hohlraum mit Mineralwolle gefüllt, Konstruktionshöhe 239 mm

A Die niederländische Architektur ist gemeinhin farbenfroh. Folgerichtig hat auch Acosorb eine grosse Farbpalette.

B Der Spritzputz lässt sich auf fast jeden Untergrund auftragen – auch auf Leitungen.

Themenheft von Hochparterre, März 2026
Raum hören
Altes Papier, neue Decke

Altes Papier, neue Decke

Altpapier als Akustikdämmung: Klingt einfach, verlangt aber Wissen und Tüftlerlust. Besuch beim Entwickler in Holland.

Die S-Bahn-Fahrt vom Amsterdamer Hauptbahnhof nach Hoofddorp dauert 20 Minuten. D ort angekommen, gehts zu Fuss eine Viertelstunde weiter ins Gewerbegebiet des Amsterdamer Vororts. Gesichtslose Blechkisten reihen sich links und rechts der Strassen aneinander, Spedition liegt neben Autohändler neben Padel-Halle neben Windschutzscheiben-Reparaturwerkstatt.

In einer der Hallenbauten an der Robijnlaan liegt das Hauptquartier von Acosorb. Auf dem Parkplatz hüpft eine Jungmöwe ungeschickt in einer Rabatte umher und kräht nach ihrer Mama. Sie sei wohl aus dem Nest auf dem Dach abgehauen, sagt Caspar ter Bille lachend, als er seinen Besuch in Empfang nimmt. Der Holländer ist Gründer und Geschäftsführer von Acosorb, dessen Akustik-Spritzputz die Firma Kustik aus Uster seit 2024 in der Schweiz vertreibt. Doch dazu später.

Ein Tüftler mit Zahlenherz

Caspar ter Bille führt vorbei an Marketing- und Verkaufsbüros ins grosse Sitzungszimmer. Nach Jahren bei der Konkurrenz hat er 2011 das Akustikputz-Unternehmen Acosorb gegründet – der Firmenname ist ein Kofferwort für ‹ acoustic absorption ›. Angefangen hat er mit einem einzelnen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro in Amsterdam. Geteilt hat er sich die Räume, die sich in einer umgenutzten Kirche befanden, mit Architekten und anderen Start-ups ; Unternehmen, die später zu Kunden wurden. Weil aber Sprühputz immer auch eine technische Seite hat, musste eine Werkstatt her. « Am Anfang führte ich Sprühtests in einer 75 Quadratmeter grossen Garage durch », erzählt er. In seiner Unternehmerbrust schlägt sowohl ein Tüftler- als auch ein Zahlen-Herz: Nach seinem Automobiltechnikstudium besuchte der Holländer die Haarlem Business School.

Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten: 2014 konnte Acosorb das erste internationale Projekt umsetzen: 36 000 Quadratmeter Akustikputz im Oman Convention and Exhibition Centre in der omanischen Hauptstadt Maskat. Ein Jahrzehnt später ist Acosorb in den Niederlanden mit einem Marktanteil von 80 Prozent der unangefochtene Marktführer im Bereich der Akustikputze. Die Produkte der Firma sind hier der Standard für Büros, Restaurants, Museen, Fitnessstudios und Showrooms. Auch

die Expansion ins Ausland ist dem Unternehmen gelungen. Acosorb ist heute in mehr als 20 Ländern vertreten, der Umsatz wächst jährlich um 20 Prozent. Dass es Acosorb seit 2024 auch in der Schweiz gibt, ist einem weiteren experimentierfreudigen Unternehmer zu verdanken.

Von Holland in die Schweiz

Jonathan Möller war eigentlich bloss auf der Suche nach einer Akustikdämmung für die Amsterdamer Büros seiner Beratungsfirma Foryouandyourcustomers, als ihm seine neunte und jüngste Firmengründung sozusagen in den Schoss fiel. Zunächst waren es die akustischen Eigenschaften der Acosorb-Putze, die den studierten Architekten und Entrepreneur aus Uster überzeugten. Möller, der seit der Geburt fast gehörlos ist, konnte Gesprächen in Räumen mit Acosorb-Decke plötzlich viel besser folgen. Hinzu kamen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und ein guter Nachhaltigkeitsausweis: Während die meisten Deckenputze aus Gips und mineralischen Zuschlagstoffen bestehen, basieren Acosorb-Putze auf recycelter Zellulose – also aus Papierfasern. Sie können nicht nur nach Belieben eingefärbt und sowohl mit glatter als auch mit rauer Oberfläche ausgeführt werden, sondern lassen sich auch fugenlos und ohne Unterkonstruktion auf fast jede Oberfläche auftragen – sogar auf Lüftungskanäle und Kabeltrassen. Hat eine Acosorb-Decke ihren Dienst getan, lässt sie sich einfach wieder entfernen und recyceln.

Möller war so begeistert, dass er beschloss, Acosorb in die Schweiz zu bringen. Er und ter Bille verstanden sich auf Anhieb und vereinbarten eine Zusammenarbeit. 2024 gründete der Experte für digitalen Wandel und integrales Management die Firma Kustik. Sie vertreibt und verbaut den Sprühputz in in der ganzen Schweiz und in Österreich, mit Standorten in Uster ZH, Oberbuchsiten SO, Fribourg FR sowie in Wien und Dornbirn.

Tüfteln, tüfteln und nochmals tüfteln

Ter Bille präsentiert seine Firma und ihre Geschichte mit Stolz. Tatsächlich ist seit der Gründung viel passiert. Heute befinden sich Werkstatt, Lager und Büros unter einem Dach. Das macht die Wege kurz und den Austausch einfach. 18 Mitarbeitende sorgen in Hoofddorp für Logistik, Lagerbewirtschaftung, Verkauf und Wartung des Maschinenparks. 13 weitere Angestellte bringen den Putz auf der Baustelle an die Decke und schulen Firmen, die den Akustikputz ebenfalls anbieten wollen. →

Text: Roderick Hönig

A Schwarzer Deckenputz in einer Zürcher Bar siehe

‹ Schall und Klang ›, Seite 19

B Frisch aufgetragener Putz im Nachhaltigkeits-Hub

‹ Groene Afslag › im niederländischen Bussum

C Schallputz-Fries im Pavillon ‹ This is Holland › in Ams terdam

A Caspar ter Billes fünfarmige Mischmaschine

B Die Zelluloseflocken bestehen zu 100 Prozent aus recyceltem Altpapier.

C Geld ist letztlich auch nur Papier: Akustikputz aus geschredderten Euroscheinen.

Der Dämmstoff

Zellulose ist der meistverwendete biobasierte Dämmstoff für Wärmeund S challschutz. Als Ausgangsmaterial für Einblasdämmstoffe und Akustikputze dient meist zerfasertes RecyclingPapier. Dafür wird Zeitungspapier zerkleinert und mit Fungiziden und Flammschutzmitteln angereichert. Das Einblasverfahren zur Gebäudeisolation wird in Kanada und den USA s eit den 1940erJahren angewendet . Zur akustischen Dämmung wird es seit den 1960erJahren auch an Decken und Wände gesprüht.

Am meisten Platz nimmt die zweistöckige Lagerhalle ein. Sie liegt auf der Rückseite des Gebäudes, wo die Zelluloseflocken in grossen Säcken angeliefert und, nach Finish und Farbe geordnet, in Hochregalen gelagert werden. Die Flocken bezieht Acosorb von einer Zellulosefabrik in der Nähe von Prag. « Wir haben lange am Verfahren, der Verarbeitung und an der Zusammensetzung des Rohmaterials gearbeitet. Da stecken viel Wissen und Technologie drin », so ter Bille. Alle Flocken bestehen zu 100 Prozent aus rezyklierten Fasern, wobei es zwei Linien gibt: ‹ Acospray Standard › besteht aus geschreddertem Altpapier, die ‹ Green Line › aus ausgesuchten Konsumentenabfällen, beispielsweise von Werbeplakaten.

Weil das zerfaserte Papier offenzellig ist, eignet es sich besonders gut zur Schallabsorption. Boratsalze machen die Fasern feuerfest. Bräuchte es diese Zusatzstoffe nicht, wären die Produkte vollständig kreislauffähig. Dennoch: Die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung ‹ Bronze › hat Acosorb bereits erreicht – und ter Bille tüftelt bereits an einer noch b esseren Lösung. Der Unternehmer zeigt auf die fünfarmige Mischmaschine in der hintersten Ecke der Halle. Mit ihren langen verchromten Armen sieht sie aus wie ein Hightech-Tintenfisch aus einem Science-FictionFilm. « Weil je des Mischrohr auch eine eigene Waage hat, kann ich sehr präzise an neuen Mischungen tüfteln. » Ziel ist, die Fasern ohne Boratsalze feuerfest zu machen und trocken, also mit Pulver- statt Flüssigleim, an die Decke zu bringen. Das Ziel: Eine höhere Zertifizierungsstufe und weniger Abdeckarbeiten, was Material und Arbeit spart. Wie viele und welche Flocken ? Wie viel Sprühdruck ? Wie viel Leim und wie viele Schichten ? Das sind die entscheidenden Fragen bei jedem Sprühputz-Verfahren. Die heutigen Produktelinien haben viele Tests und Maschinenvarianten hinter sich. Seine ersten Sprühmaschinen

habe er sich noch aus den USA liefern lassen, wo der akustische Sprühputz in den Nachkriegsjahren entwickelt wurde. Weil er aber mit der Qualität und der Leistung nicht zufrieden war, hat ter Bille sie immer wieder umgebaut und beispielsweise ein eigenes Steuersystem dafür entwickelt. Heute sind die Anwendung und die Bedienung der Maschinen auf der Baustelle einfach zu lernen.

Geschredderte Euros und ein Fass voll Leim Kurz vor Mittag steigt ter Bille in sein Elektroauto und düst Richtung ‹ Groene Afslag ›. « Die grüne Abfahrt », so die wörtliche Üb ersetzung, ist ein quirliges Zentrum für zirkuläre und nachhaltige Bauwirtschaft in einer umgenutzten Militärbaracke in Bussum. Auf einem ehemaligen Militärgelände bringen die Initiant*innen des NachhaltigkeitsHubs seit 2019 Gastronomie, Kunst und Entrepreneurship zusammen. Der ‹ Gro ene Afslag › bietet eine in Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden gestaltete Seminarinfrastruktur und auch Schulungen entlang der Themen Bauen, Wirtschaft, Wasser und Essen. Unter anderem hat die Madaster-Stiftung, die auch in der Schweiz aktiv ist und ein gleichnamiges Kataster für Baumaterialien und -produkte initiiert hat, hier ihren Sitz. Selbstredend ist das neue Hauptquartier mit Hotel, das in unmittelbarer Nähe im Bau ist, auch ein Vorzeige- und Testprojekt in Sachen ReUse. Dafür wird ein ehemaliges Ausbildungsgebäude des Militärs nach den Plänen von Rau Architects aus Amsterdam in ein Büro- und Konferenzhaus mit Hotel umgenutzt. Als ter Bille auf der Baustelle ankommt, deckt Marko Matviyishyn gerade die Wände und Böden eines zukünftigen Konferenz- und Seminarraums ab. Der junge Monteur arbeitet schon seit fünf Jahren für Acosorb. « Die Vorbereitung des Raumes ist die halbe Miete », erklärt er, während er auf dem Rollgerüst steht. Deshalb lernen

Die Firma Kustik Die 2024 gegründete Schweizer Firma realisiert hochabsorbierende Akustikdecken in Büros, Restaurants, Schulzimmern oder Gebärsälen. Kustik begleitet Bauherrschaften, Architektinnen und Akustiker vom Planungsbeginn bis zum fertigen Raum. Mit Standorten in Uster ZH, Oberbuchsiten SO, Fribourg sowie Wien und Dornbirn in Österreich ist sie in mehreren Regionen präsent, weitere Regionen sollen folgen.

Monteurinnen in den ersten Monaten vor allem das gründliche und sorgfältige Abdecken, bevor sie an den Spritzschlauch dürfen. Sorgfalt vor dem Sprayen minimiere Retusche- und Flickarbeiten. Gute Vorbereitung bedeutet nicht nur sorgfältiges Abdecken, sondern auch das Anbringen einer Grundierung für den Sprühputz. Ein mobiles Hochdruckgebläse pustet die Fasern durch einen armdicken Schlauch. Die brummende Kiste steht im mehr als 60 Meter entfernten Hauseingang. Daneben hat Matviyishyn noch eine Kunststofftonne mit Flüssigleim aufgestellt, in die er den Schnorchel einer Pumpe hängt. Sie pumpt das Wasser-Leim-Gemisch durch einen zweiten, viel dünneren Schlauch und mischt es direkt an der Düse mit den Fasern. Auf 70 Kilogramm braucht es rund 200 Liter Kleber-Wasser-Gemisch.

Im ‹ Groene Afslag › kommt zum ersten Mal eine Spezialfaser zum Einsatz: geschredderte, aus dem Verkehr gezogene Euroscheine. Mit Augenzwinkern will ‹ De Groene Afslag › auch an der De cke auf den Kreislauf des Geldes aufmerksam machen.

Komfort für Ohren, Augen und Umwelt

Nachdem Matviyishyn den Raum abgedeckt und sich selbst eingepackt hat, geht es los: Mit ruhigen Hin-undHer-Bewegungen sprüht der Mann im Schutzoverall und mit Staubmaske auf dem Gesicht das Faser-Leim-Gemisch an die Decke. Langsam schreitet er von vorne nach hinten durch den nebligen Raum. Rund 5 Millimeter trägt er pro Durchgang auf. Im Normalfall reichen zwei bis drei Schichten. Bei einer Stärke von 35 Millimetern schluckt der Spritzputz nahezu 100 Prozent des Schalls. Zwei bis drei Personen schaffen in der Regel 100 bis 150 Quadrat-

meter pro Tag. « Komplexe Geometrien erfordern allerdings schon etwas mehr Erfahrung », so Matviyishyn. Und am Ende des Gebäude-Lebenszyklus ? Sobald die Faserschicht ausgetrocknet ist, lässt sie sich mühelos herunterkratzen, einsammeln, schreddern und als Akustikputz oder als Einblasdämmung wieder in den Materialkreislauf einspeisen, erklärt ter Bille.

Es ist 17 U hr, die Baustelle schon fast leer. Matviyi shyn hat Overall und Maske ausgezogen und macht Feierabend. Auch Caspar ter Bille verlässt Bussum und fährt in Richtung Bahnhof. Der eintägige Einblick in die Welt von Acosorb hat gezeigt, dass akustischer Sprühputz deut lich mehr ist als an die Decke gesprühte Altpapierflocken. Neben der Zusammensetzung und Verarbeitung der Flocken braucht es Menschen, die ihr Handwerk beherrschen, und Maschinen, die verlässlich und potent sind. Cradle-to-Cradle- und Ecobau-Zertifikate zeigen, dass die Flocken nach dem Rückbau in einen neuen Lebenszyklus überführt werden können.

Und auch wenn das Auftragen des Putzes in Schutzkleidung eindrücklich ist: Der Akustikspritzputz setzt keine Schadstoffe frei. Mit dem finnischen M1-Emissionslabel zertifiziert, darf er sogar in Gebärsälen zum Einsatz kommen. Damit reagiert Acosorb auf die gestiegenen Ansprüche an Nachhaltigkeit und Gesundheit. Gestiegen sind aber auch die Anforderungen an die gestalterischen Möglichkeiten: «In den Anfangsjahren spielten die akustischen Werte die Hauptrolle, heute geht es den Architekten immer mehr auch um Farben und die Kreislauffähigkeit des Materials », fasst ter Bille zusammen. Anders gesagt: Akustischer Komfort muss heute auch das Auge ansprechen und die Umwelt schonen. ●

Projekte in der Schweiz

Messung des Nachhalls

Quelle: Kustik AG

ohne Akustikputz mit Akustikputz

SIA-Norm 181 / 1

Erweitertes Wohnzimmer

In einem Einfamilienhaus im Zürcher Oberland geht das offene Wohnzimmer in eine multifunktionale Lounge über, die auch Wohn- und Arbeitsraum ist. Der Akustikspritzputz schluckt sowohl Lärm als auch das Jauchzen der Kinder-Poolparty. Die weisse Geräuschdämmung an der Decke macht es möglich, dass die Lounge vielseitig genutzt werden kann: als Homeoffice, Lesezimmer, Heimkino oder auch als Indoor-Spielplatz. Sogar bei Familienfesten mit mehr als 30 Gästen bleibt die Verständlichkeit hoch und die Geräuschkulisse angenehm.

Bauherrschaft: privat

Räume: Wohnbereich, Arbeitszimmer

Akustikdecke: Acospray DC3, White, 25 mm, aw = 0,75

87 % weniger Nachhall

( Hz )

Schall und Klang

Eine gute Akustik ist für die Studio Bar matchentscheidend. Sie ist Restaurant, Club und Konzertlokal in einem. Der schwarze Akustikspritzputz an der Decke reduziert den Nachhall um 90 Prozent. Gleichzeitig schluckt er alles Licht, das auf die Decke trifft, und lässt so dem Retro-Interieur und den Lichteffekten den Vortritt.

Bauherrschaft: Say Partners, Zürich

Räume: Veranstaltungsraum, Bar

Akustikdecke: Acospray DC3, Black, 30 mm, αaw = 0,88

Ohrenschmeichler

weniger Nachhall

Bauherrschaft: Foryouandyourcustomers, Zürich

Räume: Begegnungsraum, Büros

Akustikdecke: Acospray DC3, White, 25 mm, αaw = 0,75

0,69 3

1 2 Nachhallzeit ( s ) Oktavband ( Hz ) Oktavband ( Hz )

0,8 0 1252505001k2k4k

Graue Eminenz

In den Büros einer Digitalagentur in einem Zürcher Hinterhof schafft die Akustikspritzdecke die Grundlage für gute Kommunikation und Zusammenarbeit. Die Nachhallzeit konnte um 70 Prozent gesenkt werden – von über vier Sekunden auf angenehme 0,8 Sekunden im leeren Raum. Die helle Flockenschicht verwandelt die zuvor akustisch unbrauchbaren Räume in Orte, die konstruktiven Austausch und konzentriertes Arbeiten ermöglichen.

weniger Nachhall

Die Räumlichkeiten des Holcim Campus in Zug sind offen und lichtdurchflutet gestaltet. Wände aus dem 3-DDrucker, aus rezyklierten Holz-Beton-Verbundwerkstoffen oder ultrahochfesten Betonplatten machen die Büros auch zu einem Schaufenster für Betontechnologien. Der hochabsorbierende, graue Akustikputz an der Decke sorgt für gute Arbeitsbedingungen.

Bauherrschaft: Holcim, Zug

Architektur: Beyond Space, Niederlande, und Fritschi Beis, Bern Räume: Eingangsbereich, Sitzungszimmer, Büros, Begegnungszonen Akustikdecke: Acospray DC3, Concrete ILA Grey, 25 mm, αaw = 0,75 Reduktion Nachhall: keine Messdaten vorhanden 0 1252505001k2k4k 5 10 Nachhallzeit ( s )

Material, das den Raum verschlucken kann

Die gut 100-jährige Geschichte der modernen Akustik ist eine Geschichte der verrückten Materialexperimente: Wie schallabsorbierende Fasermischungen die Welt eroberten.

Viele Geschichten liessen sich entlang von Materialien erzählen: Die Entstehung des Lebens anhand der Wasservorkommen, die Entstehung der Berge anhand der Bewegungen von Gesteinslagen, die der Liebe anhand von Hormonen oder die des Essens anhand des Feuers.

Die Geschichte der Akustik erzählt von Materialien wie Algen, Gräser, Stroh, Wolle, Watte, Filz, Kork, Gips, Stein, Steinwolle und Asbest: Sie alle wurden im 20. Jahrhundert zwecks akustischer Manipulationen in Innenräumen eingesetzt. Immer wieder wurden neue Materialmischungen in Wand-, Boden- und Deckenaufbauten geschichtet, gefaltet, gestopft und gespritzt, um den Schall zu kontrollieren und zu absorbieren.

So wurde in Konzert-, Vortrags- und Kinosälen da gedämpft, wo das Publikum sitzt, in Wohn- und Arbeitsräumen wurden die Schallreflexionen an der Decke reduziert. Am intensivsten waren die Bemühungen um schallschluckende Räume jedoch in der Wissenschaft: Für bestimmte Messungen braucht es reflexionsfreie Räume. Von diesen hochentwickelten Laborkonstruktionen profitierten schliesslich auch alltägliche Räume.

Wie kriegt man die leere Weite nach drinnen ?

Orte, wo gar keine Reflexionen hörbar sind, etwa eine schneebedeckte weite Ebene oder die leere Weite um eine Bergspitze, heissen in der Fachsprache Freifelder. Auch die Laboratorien der Moderne sollten solche akustischen Freifelder bieten. Vor der Witterung geschützt, mit Geräten und Elektrizität ausgestattet und an die Forschungsinstitutionen angegliedert, sollte im Drinnen ein Draussen si-

muliert werden, um den Schall besser verstehen zu lernen, und schliesslich auch uns selbst und unsere eigenen Worte. In geradezu alchemistischen Prozessen kombinierten die Forschenden Baustoffe so, dass diese möglichst viel Schall absorbierten. In den Vereinigten Staaten wurde 1920 mit dem ‹ Plaster B oard of Fibrous Material › erstmals ein schallabsorbierendes Material patentiert. Fünf Jahre später folgte das erste Patent für eine architekturspezifische Anwendung.

Im Jahr 1928 berichtete die erste Ausgabe der deutschen Zeitschrift ‹ Die S challtechnik › über amerikanische Versuche, bei denen man « z B. Wände mit einem Bimssteinbelag, Filz, porösen Korksteinplatten, Schilf mit Bindemitteln, mit Bohrungen versehenen, leicht verkitteten Holzmehlplatten usw. » überzog. Kleine Mengen von Alaun oder schwefelsaurer Tonerde und Kalk oder gebrannter Gips ergaben Trockengemische, die den Wandputz aufblähten und ihn dadurch porös und akustisch absorbierend gestalteten.

Auch eine Frage des Marketings

Auf beiden Seiten des Atlantiks mischten Akustikpioniere Fasern und Mineralien genauso wie Erzählungen und Namensgebungen. Die Wissenschaftshistorikerin Emily Thompson beschreibt in ihrem preisgekrönten Buch über die Geschichte der modernen Akustik in den USA, wie findige Unternehmer althergebrachte Baustoffe wie Gips als neuartige Produkte für die akustische Kontrolle von Auditorien, Büroräumen, Spitälern oder Wohnbauten vermarkteten. Diese amerikanischen Produkte hatten klingende Namen wie ‹ Akoustolith ›, ‹ Audicoustone Plaster ›, ‹ Acousti-fibrobloc ›, ‹ Sabinite › und ‹ Insulite ›. Deutsche Fabrikate wie ‹ Absorbit › und ‹ Antiphon › oder ihre Schweizer Pendants ‹ Isolaphon › und ‹ Arki › folgten.

Text:
Sabine von Fischer Ramakrishnan

Machtdemonstration: Das mit 32 000 Absorberkeilen ausgekleidete Laboratorium im Berlin der Nazizeit Foto: ‹ Akustische Zeitschrift ›, 1940

Literatur zum Thema Emily Thompson : ‹ The Soundscape of Modernity. Architectural Acoustics and the Culture of Listening in America, 1900 – 1933 ›, The MIT Press, 2002

Marc Treib : ‹ Space Calculated in Seconds. The Philips Pavilion, Le Corbusier, Edgard Varèse ›, Princeton University Press 1996

Sabine von Fischer : ‹ Das akustische Argument. Wissenschaft und Hörerfahrung in der Architektur des 20. Jahrhunderts ›, GTA Verlag, 2019

Auf Geräuschlosigkeit optimierte Räume gab es etwa in den Niederlanden für die psychologische und physiologische Forschung. Die ‹ Camera silenta › an der Universität Utrecht beispielsweise hatte Dämmungen aus Tuffstein, Kork, Blei, Algen und dazwischenliegenden Lufträumen. Die Laboratorien der technisch-akustischen und elektroakustischen Forschung erweiterten die Palette der Materialmischungen: So schichtete man am britischen National Physical Laboratory 30 Zentimeter breite Streifen Zellstoffwatte über eine gut 15 Zentimeter hohe Schicht aus Seetang.

Um ein möglichst grosses Spektrum an Wellenlängen und hohe Schallleistungen schlucken zu können, waren die Laboratorien für elektroakustische Versuche grösser und die Wandkonstruktionen tiefer als jene für die Psychoakustik. Die reflexionsfreien, schalltoten oder präziser: reflexionsarmen Laboratorien, die fortan die elektroakustischen Messungen behausten, wurden immer aufwendiger gebaut und erreichten in Berlin während des Zweiten Weltkriegs einen Höhepunkt an Materialeinsatz, Perfektion und Aufwand.

Mit dicken Schichten aus Schlackenwolle und losen Wattebahnen, über die nochmals Watte in kulissenartig hängenden Bahnen geschichtet war, wurde der Schallmessraum des Berliner Unternehmens Siemens & Halske ausgekleidet. Obwohl in regelmässigen Abständen Drahtgitternetze zwischen den Watteschichten lagen, war der Brandschutz vor dem Einsatz von Asbestfasern ein grosses Problem. Denn gerade der faserige Aufbau der Watte dämpfte den Schall. Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgegenwärtigen Asbestfasern lösten das Problem der einfachen Entflammbarkeit, stellten allerdings langfristig eine noch grössere Gefahr für Gesundheit und Umwelt dar. Die Wandbehänge mit Filz, Watte und Flanell

konnten je nach Konstruktionstiefe ein gewisses Spektrum an kurzen und mittleren Wellenlängen – sprich, hohen bis mittleren Tönen – absorbieren. Für die tieferen Töne mit längeren Wellen allerdings brauchte es auch tiefere Absorber. Dies erforderte eine weitere Entwicklung.

32 000 Steinwollpyramiden 1939 entstand am Institut für Schwingungsforschung in Berlin – das ‹Heinrich-Hertz-Institut› hatte 1936 seinen jüdischen Namen ablegen müssen – eine neue Art eines schallgedämpften Raums, der in Dimensionen und Aufwand alles in diesem Bereich bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Physiker des Instituts veröffentlichten in der zweiten Jahreshälfte 1940, also bereits nach Kriegsbeginn, im Fachblatt ‹ Akustische Zeitschrift › den Artikel « Eine neue S challschluckanordnung hoher Wirksamkeit und der Bau eines schallgedämpften Raumes ». Darin beschrieben sie ihre Konstruktion an Boden, Wänden und Decke, die mit 32 0 00 Absorberkeilen von jeweils einem Meter Tiefe möglichst jede Reflexion im Raum schluckte. Während viereinhalb Monaten waren elf Arbeiter damit beschäftigt, insgesamt 32 0 00 Steinwollpyramiden in einen 16 × 11 × 9 Meter grossen Raum einzubauen. Die gesundheitlichen Risiken durch eingeatmete SteinwolleKleinstfasern waren bekannt ; erst im fertigen Raum waren die winzigen Fasern in eine feine Stoffhülle gefasst. Mit der Publikation in einer internationalen Fachzeitschrift, zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Wehrmacht Polen, Frankreich, die Benelux-Staaten, Dänemark und Norwegen bereits überrollt hatte, diente das Berliner Laboratorium als Potenzbeweis der deutschen Forschung innerhalb der nationalsozialistischen Kriegsindustrie. Das Berliner Labor wurde im Krieg zerstört und ist nur in wenigen Bildern überliefert. Das Wissen um das Labor allerdings verbreitete

Im britischen National Physical Laboratory schluckten Seetang und Zellstoff den Schall. Foto: Journal of the Acoustical Society of America, 1936

Reflexionsarmes Laboratorium des Albiswerks in Zürich

Foto: Archiv Empa, Abteilung Akustik, 1945 / 46

Das Akustiklabor an der ETH Zürich wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und bis nach der Jahrtausendwende genutzt.

Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

sich weltweit. 1942 bis 1943 baute die Harvard University das Electro-Acoustic Laboratory ( EAL ), finanziert vom Nationalen Forschungskomitee für Verteidigung. Das EAL war nach dem Berliner Raum das zweite bekannte Laboratorium dieser Art und mit circa 11,6 x 15,2 x 11,6 Meter Abmessung seinerzeit das grösste weltweit. 19 0 00 knapp 1,5 Meter tiefe Keile kleideten den Raum aus. Auf Korkzement und Fiberglasplatten montiert, liessen sie kaum Nachhall im hörbaren Bereich zu.

Ein Akustiklaboratorium für die ETH

Auch in der Schweiz wurden Absorberkeile montiert, allerdings in einem viel kleineren Massstab: Um 1948 initiierte Titularprofessor Willi Furrer den Bau eines Akustiklaboratoriums für die ETH Zürich. Unter einer Treppe des Neubaus für das Institut für Hochfrequenz- und Schwachstromtechnik fand Furrer einen Restraum, der sich aufgrund seiner nicht-rechtwinkligen Wände und relativ grossen Höhe für ein reflexionsarmes Laboratorium eignete. Jahrzehntelang wurden dort elektroakustische Messungen durchgeführt. Mein Besuch vor Ort im Jahr 2010 allerdings geschah unter veränderten Vorzeichen: Ich wurde angewiesen, die Luft anzuhalten und möglichst wenige der dort verbauten Asbestfasern einzuatmen. Bald darauf wurden die Keile rückgebaut.

Mit den Fortschritten der elektroakustischen Technik kamen auch zunehmend Lautsprecher zum Einsatz. Man brauchte keine voluminöse Stimme mehr zu haben, um ein guter Redner zu sein: Das Mikrofon war für alle da. Auch in der Welt von Kunst und Musik punktete die Elektroakustik, etwa an der Weltausstellung in Brüssel 1958 mit Le Corbusiers berühmtem Philips-Pavillon. Die Multimediashow mit Tönen von Edgard Varèse zu den farbigen Licht- und Bildprojektionen und Pausenintervallen von Le Corbusiers Projektleiter Iannis Xenakis benötigte 300 bis 400 Lautsprecher, verteilt über die mit Asbestzement überzogenen Betonschalen des hyperbolischen Paraboloids des Pavillons. Für die Weltausstellung 1970 in Osaka entwarf der Architekt Fritz Bornemann den deutschen Pavillon als « Kugelauditorium » mit einer ähnlichen Konstruktion aus Fasergemischen, die den Klang von fast 1000 Lautsprechern möglichst absorbieren sollten.

Reflexion des Seins

Unterdessen sind die alchemistisch anmutenden Materialmischungen und mit ihnen die Schallabsorption im Alltag angekommen. Auch ohne Weltausstellung oder Forschung leisten sich Bauträgerschaften eine kontrollierte Geräuschkulisse: Schallschluckende Flächen erobern die Welt. Ist also nur noch eine Zukunft mit Mikrofonen und Lautsprechern denkbar, wenn keine einzige Wand mehr einen Ton reflektiert ?

Die Orte, an denen eine Antwort des Raums noch erwünscht ist, werden immer weniger. Wenn sich nun jemand über die fehlende Resonanz oder Anteilnahme der gegenwärtigen Gesellschaft beklagt, muss auch die technische Komponente einer solchen Resonanzlosigkeit mitbedacht sein: Wo sind die Räume, in denen eine Raumantwort noch willkommen ist? Für eine technische Messung mag das Freifeld die perfekte Situation bieten. Bei anderen Nutzungen ist die akustische Antwort des Raums Teil der Erfahrung, wie etwa der lange Nachhall in einem gotischen Kirchenraum. In diesem Sinn führen technische Feststellungen über Fasermischungen zu Reflexionen des Seins: Die akustische Antwort eines Raums, dieses technisch beschreibbare Wirrwarr von Schallreflexionen, diese Wolken von Tönen sind das, was Walter Benjamin als Aura bezeichnete: ein Hier und Jetzt. ●

A Der absorbierende Spritzputz in grobkörniger ...

C und in glatter Ausführung

B Acosorb-Produkte im Empa-Labor: Für die Messung wurden Reflektoren an die Decke gehängt.

Raum hören

Ob wir einen Raum gerne nutzen oder nicht, ist auch eine Frage der Akustik. Das gilt für Konzertsäle genauso wie für Schulzimmer, Büros oder Restaurants. In Alltagsräumen spielt die Sprachverständlichkeit oftmals eine tragende Rolle. Je besser wir unser Gegenüber hören, desto fruchtbarer ist der Austausch. Dieses Heft fragt: Was macht einen akustisch guten Raum aus ? Und wie lässt er sich gestalten? Im Zentrum stehen die hochabsorbierenden Deckenbeschichtungen des niederländischen Herstellers Acosorb. Seit 2024 vertreibt und verarbeitet die Schweizer Firma Kustik den zellulosebasierten und kreislauffähigen Akustikspritzputz. Gut möglich, dass die flockigen Deckenuntersichten hierzulande bald zum gewohnten Anblick werden: Denn mit dem Inkrafttreten der SIA-Norm 181 / 1 im Februar 2026 steigen die akustischen Anforderungen an viele Räume. www.kustik.com

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