Page 1

MYTHOS. MACHTSPIEL. SCHAMKULTUR. Weibliche Anatomiedarstellungen des 16. und 17. Jahrhunderts Réka Szücs


Réka Szücs Bachelor-Thesis Vermittlung in Kunst und Design Praxis- und Theoriementorat: Helena Schmidt Hochschule der Künste Bern 2020


INHALTSVERZEICHNIS Einleitung4 Forschungsstand4 Fragestellung4 Methode5 Struktur5 Wie die Vagina zum Penis wurde

6

Der gehörnte Uterus

10

Verführung und Scham: die Inszenierung der Körperhaltung

14

Stimmen der Kritik

14

Pudica16 Fazit / Reflexion

20

Literaturverzeichnis22 Abbildungsverzeichnis23


EINLEITUNG «In der Naturwissenschaft gibt es gleichwie in der Kunst und im Leben keine andere Naturtreue als die Kulturtreue»1, behauptete der Mikrobiologe und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck (1896-1961). Diese Kulturtreue schockierte mich, als ich das erste Mal die Darstellung der Anatomie der Frau (Abb. 9) von Leonardo da Vinci (1452-1519) entdeckte. Der für seine Beobachtungsgabe und Sezierungen bekannte Universalgelehrter bildete die weiblichen Geschlechtsorgane, kulturgetreu, wie einen Tierschädel ab. Solche Phänomene tauchten in der Bildrecherche für meine Bachelor-Arbeit, die sich mit illustrierten anatomischen Darstellungen von Frauenkörpern beschäftigt, immer wieder auf, und so stellte sich die Frage, welche Hintergründe zur falschen anatomischen Darstellung von Frauen führten. Forschungsstand Der Fokus des feministischen Diskurses liegt, neben Genderfragen, oftmals auf der Zensur der Vulva und Darstellungen der Frau als Objekt bzw. dem male gaze2. Der Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualanatomie widmete sich die Federation of Feminist Women’s Health Centers schon in den 1970er Jahren. Im Buch Frauenkörper neu gesehen veröffentlichten sie neuartige Darstellungen der weiblichen Geschlechtsorgane und zeigten bis dahin unbekannte Zusammenhänge auf, welche für die sexuelle Selbstbestimmung ausschlaggebend waren. Eine umfangreich ergänzte Neuauflage des Werkes erschien 2012. Die Kulturgeschichte der Vulva arbeitete Mithu M. Sanyal (1971*) in ihrem Buch Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts (2009) auf. Forschungsliteratur zu alten anatomischen Darstellungen von Frauen gibt es nur sehr wenig. Zudem wurden diese grösstenteils um die Jahrtausendwende verfasst. Die Revidierung dieser Literatur könnte zu neuen Erkenntnissen führen. Fragestellung Welche Hintergründe führten zur falschen anatomischen Darstellung von Frauen?3 Die Thematik der anatomischen Darstellungen von Frauen vor dem 20. Jahrhundert mag für einige irrelevant erscheinen. Doch gerade vor dem Hintergrund einer kritischen, zeitgenössischen Kunstvermittlung, die sich vordergründig mit Bildern und deren Kultur- und Rezeptionsgeschichte beschäftigt, ist diese brandaktuell (#metoo-Debatte, Influencer*innen auf Social Media, Zensurmechanismen von Bildern durch AI). Die beforschten Darstellungen reflektieren den damaligen Zeitgeist und helfen, den Ursprung heutiger sexistischen Strukturen aufzudecken. Wie Donna Haraway (1944*) formulierte: «It matters what matters we use to think other matters with; (…). It matters what stories make worlds, what worlds make stories.»4. Es wäre eine verpasste Chance, den feministischen Diskurs ohne diese Materialien weiterzuführen.

1 2

3 4

Fleck 1936, 239. Male gaze: «The perspective of a notionally typical heterosexual man considered as embodied in the audience or intended audience for films and other visual media, characterized by a tendency to objectify or sexualize women.» - Oxford Languages (https://www.lexico.com/definition/male_gaze abgerufen am 03.06.20). Für weiterführende Informationen s. Laura Mulvey, «Visual Pleasure and Narrative Cinema», 1975 (https://academic.oup.com/screen/article-abstract/16/3/6/1603296?redirectedFrom=fulltext abgerufen am 03.06.20). Auf Grund der Themeneingrenzung beschränke ich mich hierbei auf die westliche Geschichte und Darstellungsformen der Anatomie. Haraway 2016, 12.

4


Überdies gilt der männliche Körper in der heutigen Medizin immer noch als Normalkörper (Stichwort Gender Data Gap), weshalb es umso wichtiger ist, falsche Annahmen über weiblichen Körper zu beleuchten.

Methode Zunächst wurden für diese Thesis zahlreiche anatomische Darstellungen von Frauen gesammelt, beginnend bei dem griechischen Arzt Soranus von Ephesos (98-138), bis zu Darstellungen des späten 20. Jahrhunderts. Diese wurden, nach Aby Warburg, zuerst chronologisch und danach in Clustern sortiert, um Auffälligkeiten feststellen zu können.5 Durch eine parallele künstlerische Auseinandersetzung mit den Bildern für meine praktische Bachelorarbeit wurde die Wahrnehmung und Beobachtung zusätzlich geschärft. Schliesslich wurde die Auswahl auf den westlichen Anfang der modernen Anatomie eingegrenzt, die in der Literatur auf den flämischen Arzt Andreas Vesalius (1514-1564) und sein Werk De humani corporis fabrica libri septem (1543) zurückgeführt wurde. So wurde das Augenmerk für die behandelten Themen in der Arbeit auf den Zeitrahmen um das 16. und 17. Jahrhundert gelegt. Die Begründung dieser Eingrenzung liegt in der Absicht, an den Ursprung der modernen, doch fehlerhaften Repräsentation der weiblichen Anatomie zurückzukehren, um deren Entwicklung nachvollziehen zu können. Struktur Die einzelnen Kapitel entstanden anhand der thematisch gebildeten Cluster des Bildmateriales. Das erste Kapitel der Bachelorarbeit setzt sich mit der Darstellung der weiblichen Geschlechtsteile als invertiertem Penis auseinander. Hierbei wird der Fokus auf antike Theorien und Ideologien, sowie die Vesalius-Darstellung der weiblichen Geschlechtsorgane gelegt. Im zweiten Kapitel wird über das Motiv des gehörnten Uterus diskutiert. Das letzte Kapitel befasst sich mit der medizinischen Erotisierung der weiblichen Anatomiedarstellungen und den Stimmen der darauffolgenden Kritik.

5

5

S. Aby Warburg, Bilderatlas Mnemosyne - The Original, 2020.


WIE DIE VAGINA ZUM PENIS WURDE In der Renaissance wurden die weiblichen Geschlechtsteile in anatomischen Zeichnungen häufig als invertierter Penis dargestellt. Diese Auffassung lässt darauf deuten, dass die anatomischen Geschlechterunterschiede in der Medizin als räumliche, nicht als strukturelle Differenzen wahrgenommen wurden. Um die Entstehung dieser Annahmen verstehen zu können, müssen wir in die Antike zurückkehren.6 Laut Aristoteles konnten Lebewesen, sowie Objekte, den vier Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zugeteilt werden. Diese standen in einer Hierarchie zueinander, mit dem Feuer an oberster, dem Wasser an unterster Stelle. Der Faktor, der das Geschlecht eines Menschen bestimmte, war die Menge an Hitze, die das Individuum besass. War die Menge gross, machte dies den Menschen zu einem Mann, war der Hitzeteil gering, entstand eine Frau.7

Abb. 2 Abb. 1

Abb. 3

Abb. 4

Abb. 5

Dieses patriarchale Wertungssystem wurde unter anderem vom griechischen Arzt und Anatomen, Claudius Galenus (129-199 n. Chr.), auch bekannt als Galen, weitergeführt. Basierend auf Aristoteles› «Hitze-Theorie» betrachtete er den Mann als den vollkommensten Menschen. Die Frau hingegen beschrieb er als unvollkommen, gar verstümmelt. Da der «Schöpfer» keine solche Verstümmelung der halben Weltbevölkerung ohne grossen Vorteil geschaffen hätte, sah Galen diesen Nutzen in der angeblichen Bestimmung der Frau zur Subordination. Seiner Meinung nach sei der weibliche Fötus wegen mangelnder Hitze nicht in der Lage, die Geschlechtsteile nach aussen zu stülpen, wodurch sie unterentwickelt im Körper verweilten.8 Dieser Ideologie entsprechend konnten Frauen auch zu Männern werden. Bemerkenswert ist, dass medizinische Dokumentationen aus dem 1. bis 17. Jahrhundert ebensolche Fälle von Geschlechtsverwandlungen beschreiben. Ein prominenter Fall war der von Marie Garnier, einer Dienerin des französischen Königs Karl IX. (1550-1574). Sie zeigte mit fünfzehn keinerlei maskuline Anzeichen, doch plötzlich spriess ihr, laut dem Hofarzt des Königs, während eines Sprunges über einen Graben, ein Penis. Dieses unangemessene, gar wilde, Verhalten führte laut dem damaligen Hofarzt dazu, dass die Hitze in ihr stieg und ihre Genitalien so nach Aussen gestülpt wurden. Kurzerhand wurde sie vom Bischof zum Mann erklärt und trug fortan den Namen Germain. Diese, auf den ersten Blick vielleicht sogar liberal erscheinende Geschichte, stiess jedoch auf alles andere als Akzeptanz oder Bewunderung. So warnte sogar ein Lied Mädchen in Teilen Frankreichs davor, ihre Beine nicht

6 7 8

Blackledge 2004,68. Blackledge 2004, 70. Sanyal 2019, 15-16.

6


INVERTIERTER PENIS

7


zu weit zu spreizen, sonst würde ihnen das Gleiche wie Marie-Germain geschehen.9 Der Ansatz der «Hitzetheorie» war auch noch im 16. Jahrhundert fest verankert und wurde durch den flämischen Anatomen, Andreas Vesalius (1514-1564), genannt Vesal, weiterverbreitet. 1543 veröffentlichte er sein Werk De humani corporis fabrica libri septem, das zum Grundlagenwerk der modernen Anatomie wurde. Der Einfluss von Galen wird in der Darstellung der weiblichen Geschlechtsteile (Abb. 1) klar, die als riesiger Penis illustriert werden, wobei die Vulva den Platz der Eichel einnimmt.10 Auch seine frühere Nebeneinanderstellung der beiden Geschlechter (Abb. 3, nur weibliches Geschlechtsorgan abgebildet) von 1538 verbildlicht die gleiche These. Vesals Forschungsmöglichkeiten bereiteten ihm sicher einen Nachteil in der Erkundung der weiblichen Anatomie, da er im Vergleich zu seinen Zeitgenossen wenig medizinische Erfahrung besass und auf die Hinrichtung von Kriminellen für die Sezierung angewiesen war. Durch diese Voraussetzungen konnte er nie eine schwangere Frau sezieren, da die Frauen in der Regel vor der Hinrichtung gebären durften. Auch die Funktionsweise der Menstruation blieb von ihm weitgehend unerforscht.11 Die Popularität seines Werkes blieb trotz der beschriebenen Problematiken unerschüttert, und so kopierten viele Anatomen in der Renaissance seine Darstellung der weiblichen Geschlechtsteile, wodurch das Bild des invertierten Penis› auch für nicht-Akademiker*innen zur Verfügung gestellt und Teil des öffentlichen Bewusstseins wurde.12

9

10 11 12

Blackledge 2004, 71-72. Dieser extrem spannenden Thematik kann ich in meiner Arbeit unmöglich gerecht werden, da sie Fragen in Bezug auf die historische Rezeption von Intersexuellen und/ oder Transgender Menschen aufwirft. Für den Erklärungsversuch aus medizinischer Sicht s. Blackledge 2003, 72. aus kulturhistorischer Sicht s. Patricia Parker, «Gender Ideology, Gender Change: The Case of Marie Germain», in: Critical Inquiry, vol. 19, no. 2 (Winter, 1993), hrgs. von The University of Chicago Press, Chicago: The University of Chicago Press 1993, 337-364. Sanyal 2019, 16. Park 2006, 218-219. Blackledge 2004, 68.

8


DER GEHÖRNTE UTERUS Ein weiteres wiederkehrendes Motiv in den anatomischen Zeichnungen der Renaissance ist die Tierschädel-ähnliche Darstellung des Uterus. Die Vorstellung, dass die Gebärmutter mit zwei Hörnern versehen war, ist auch schon bei Aristoteles auffindbar. Zudem bestand der Glaube, dass die Position des Embryos (links oder rechts) das Geschlecht bestimmen würde.13 Diese «Hörner» würden heute den Eileitern, auch Fallopische Röhren genannt, entsprechen. Wenn man den äusseren Umriss der weiblichen Geschlechtsorgane betrachtet, ist es nachvollziehbar, wie die Auffassung des gehörnten Uterus entstanden sein könnte.14

Abb. 7

Abb. 8

Abb. 6

Abb. 4

Abb. 9

Abb. 12

Abb. 10

Abb. 11

Abb. 13 Abb. 3

Nichts desto trotz ist die Ähnlichkeit zum invertierten Penis auch hier spürbar. Die Gebärmutter nimmt in den Darstellungen des Anatoms Jacopo Berengario da Carpi (1460-1530) (Abb. 12)15 den Platz der männlichen Blase ein16, auf eine detaillierte Darstellung wird zu Gunsten der Analogie (Vagina = invertierter Penis) verzichtet. Wo sich die Blase bei der Frau befinden sollte, ist in dieser Abbildung nicht zu erkennen.17 In der Fachliteratur, die sich mit dem gehörnten Uterus beschäftigt, scheint man sich grösstenteils mit der optischen Ähnlichkeit als Begründung für die falsche Darstellungsweise zufrieden zu geben. Catherine Blackledge weist jedoch auch auf eine sprachwissenschaftliche Herleitung hin, die von zahlreichen Übersetzungsfehlern und ungeklärten Terminologiefragen geprägt ist.18 In der Geschichte der Anatomie gab es bis ins 17. Jahrhundert keine klare Regelungen für die Bezeichnung der weiblichen Geschlechtsteile, so wurde zum Beispiel der Begriff Uterus für die Gesamtheit der Geschlechtsorgane verwendet, oder aber auch für Einzelteile. Ebenso wird heute der Uterushals cervix uteri bezeichnet, obwohl collum die lateinische Übersetzung für Hals wäre. Das Wort cervix wurde dagegen im Zusammenhang mit den gebogenen Hörnern von Säugetieren gebraucht. Anatomen wie Soranus von Ephesos (98138), dessen im zweiten Jahrhundert verfasstes Gynäkologiebuch die Wissenschaft nachhaltig beeinflusste, bezeichneten den Gebärmutterhals als collum. Wie die Bezeichnung cervix den Platz von collum einnahm, ist unklar. Nichts desto trotz ist der Glaube, dass der Uterus Hörner besass, unverkennbar.19 Ferner weist Blackledge darauf hin, dass die traditionelle Verbindung zwischen Hörnern und weiblichen Genitalien schon bei der Venus von

13 14 15 16 17

18 19

Blackledge 2004, 64. Blackledge 2004, 66. S. auch Vesal (Abb. 3) Laqueur 1996, 104. In späteren Abbildungen s. Rueff (Abb. 11) verschiebt sich die weibliche Blase auf die Seite. Womöglich diente dies zur Schaustellung des Kindes in der Gebärmutter. Hier ist die gehörnte Struktur des Uterus aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Für eine genaue Herleitung s. Blackledge 2004, 62-66. Blackledege 2004, 62-64.

10


GEHÖRNTER UTERUS

11


Laussel (ca. 24000 v. Chr.) zu finden ist.20 Diese in Kalkstein gemeisselte Figur hält in der rechten Hand ein Horn, ihr linker Arm zeigt in Richtung ihrer Genitalien. Die inkonsistente Symbolik des Hornes an und für sich könnte auch zu der inakkuraten Darstellungsweise der weiblichen Geschlechtsorgane beigesteuert haben. Gehörnte Tiere symbolisierten oftmals Fruchtbarkeit, das Horn selbst stand unter anderem für Macht. Hörner sind jedoch auch Attribute des Teufels oder gegebenfalls von Personifikationen des Todes.21 Die Verteufelung des Uterus spiegelt sich in dem alten Glauben wieder, dass dieser selbst fast schon ein Tier sei, das den Samen bei jeder Gelegenheit aggressiv aufsaugt.22 Des Weiteren führte die zuvor besprochene Theorie von Aristoteles dazu, dass noch im 17. Jahrhundert die Frau als «erstes Monster in der Natur» bezeichnet wurde.23

20 21 22 23

Blackledge 2004, 67. Kretschmer 2016, 192-193. Haslem 2012, 41. Aughterson 1995, 55. Zu beachten ist aber, dass diese Aussagen noch lange nicht zu einer stichhaltigen These führen können und dieser Ansatz in der Fachliteratur nicht weiterverfolgt wird.

12


VERFÜHRUNG UND SCHAM: DIE INSZENIERUNG DER KÖRPERHALTUNG Betrachtet man die dreiteilige Holzschnitt-Serie aus dem Buch Isagoge Brevis (1522) von Jacopo Berengario da Carpi, kristallisiert sich neben dem gehörnten Uterus (Abb. 7,10,12) eine weitere Auffälligkeit heraus: die Inszenierung der Körperhaltung. Die Frau, die als reines Anatomiemodell dienen sollte, wirkt äusserst kokett und lebendig. Unterstützt durch den Sockel, könnte sie eine Konnotation zu einer hellenistischen Skulptur hervorrufen. Auffällig ist auch das Tuch, dass die Figur in ihrer lasziven Positur in einer Hand festhält. Das Element der Enthüllung wird mithilfe des Schleiers eingeführt, wodurch Brevis’ Holzschnitte das Motiv der Selbstoffenbarung erläutern. Durch die gespreizten Beinhaltung der Modelle wird den Betrachtenden aktiv ein ungehinderter Blick auf die Genitalien geboten.

Abb. 16 Abb. 14

Abb. 15

Abb. 7 Abb. 10 Abb. 12

Abb. 8

Abb. 17

Laut Katharine Park, einer renommierten Wissenschaftshistorikerin, können die gesenkten Blicke der Sujets als Bescheidenheit, gleichwohl als Neugierde gedeutet werden. Erstere, um die zeitgenössischen Frauen zu beruhigen und ihnen zu zeigen, dass sie ihre Tugend trotz ärztlichen Behandlungen wahren konnten24 und letztere, weil der Anatom den Anatomiemodellen durch die Öffnung ihrer Körper Informationen preisgibt, von denen sie vorher nie etwas erfahren haben. Durch diese Wirkung übertragen die Figuren die letzten Überbleibsel ihrer Autorität an den Anatomen. Er wird zum Experten, während sie nur noch Objekte seiner Expertise sind.25 Stimmen der Kritik Zu der Bilderserie passend wurden die weiblichen Geschlechtsorgane im 16. und 17. Jahrhundert in gynäkologischen Texten oftmals als Mysterium dargestellt, das endlich enthüllt wurde. Aufgrund der potentiell erotischen Beschaffenheit solcher Darstellungen wurden auch kritische Stimmen laut. Ihre Sorge galt dem Missbrauch von anatomischem Wissen, das nicht für wissenschaftliche, sondern für «anstössige Taten» zweckentfremdet wurde.26 Während die männlichen Zuschauer in Anatomietheatern, in denen Leichen öffentlich27 seziert und die menschliche Anatomie zur Schau gestellt wurde, den Anblick auf das Verbotene genossen, ermahnte ein deutscher Professor das Publikum, ganz besonders die Vorlesungen über die weiblichen Genitalien mit «keuschen Augen»28 zu betrachten. Für die Besucher solcher Spektakel war es einfach, unter dem Deckmantel der 24

25 26 27 28

Park 2006, 200. Diese Aussage erscheint mir etwas undurchsichtig, da es sehr umstritten war, ob Frauen überhaupt Zugriff auf solche Abbildungen erhalten sollten, aber dazu später mehr. Park 2006, 194-196. Haslem 2012, 39-40. Mit «öffentlich» wird hier lediglich der Zugang für Männer gemeint. Simmons 2002, 316.

14


ENTHÜLLUNG

15


Wissenschaft ihre Neugierde für die in suggestiven Posen hingelegten nackten Frauen zu nähren, ohne ihre Tugend zu verletzten. Wie schon erwähnt handelte es sich dabei «praktischerweise» um kriminelle Frauen, tote Fremde oder Prostituierte, die keinerlei lokale Verbindungen hatten und somit musste keine Familienehre respektiert werden.29 Abb. 18

Diese Massen, die sich in Scharen zur Offenbarung um Anatomen wie Vesal versammelten, führten zwangsweise zu einer theologischen Diskussion. Durch die Öffnung der Körper beanspruchten die Anatomen das Vorrecht des allsehenden Gottes, vor dem nichts verborgen war. Ausserdem verstiessen sie indirekt gegen die biblische Aufforderung, sich zu kleiden, um der Scham der Nacktheit zu entgehen. Der Anatom Girolamo Fabrizi (1533-1619) rechtfertigte die Öffnung der Körper durch die Aussage, dass schon der grosse Nero (37-68) die Leiche seiner Mutter erschliessen wollte und es unwürdig sei, solche Wunder der Natur vor unseren Augen verschlossen zu halten.30 Natürlich galt dies nicht für Frauen, denn die Exposition anatomischer Bücher an weiblichen Leserinnen empfand man als besorgniserregend. Bücher, die nicht in lateinischer Sprache geschrieben waren, wurden besonders kritisiert. Latein wurde präferiert, denn Frauen und Mädchen, die «von solchen Dingen» besonders beschämt sind, hätten sie nicht verstanden.31 Anderseits gab es Wissenschaftler, die die Verbreitung anatomischen Wissens im «einfachen Volk» per se als verwerflich empfanden und dessen Kenntnisse für sich behalten wollten. Folgendermassen beanspruchte die Wissenschaft das arkane Wissen für sich selbst und machte es so zu einem Produkt für Eingeweihte, was zwangsläufig in Richtung einer Zensur der weiblichen Anatomie steuerte. Kritiker, wie Befürworter der Zensur führten hitzige Gefechte um die Frage der weiblichen Audienz und um das Privileg, wie die sexualisierten Körper von Frauen behandelt und repräsentiert werden sollten. 32

Abb. 19

Abb. 20

Abb. 22 Abb. 21

Abb. 23

Pudica Eine weitere auffällige Körperhaltung, die als Antwort auf solche Zensurgedanken gesehen werden könnte, wird in Nicolas Beatrizets Gravierung Gravida sichtbar, die in Juan de Valverdes Historia de la composicion del cuerpo humano (1556) abgebildet (Abb. 19) ist. Hier verdeckt die rechte Hand des Anatomiemodels ihre rechte Brust, die linke Hand die Vulva. Unterhalb ihrer Brust ist ihr Torso jedoch geöffnet und entblösst ihre Organe mit einem starken Fokus auf die Gebärmutter. Pudica, die Geste der Verdeckung der Vulva durch eine Hand, leitet sich aus dem lateinischen «pudere» ab, das übersetzt «sich schämen» bedeutet. Dies verkörperte im antiken Griechenland «aido», die Tugend der Schamhaftigkeit. «Aido» bezeichnet wiederum nicht nur die Scham selbst, sondern auch «das, was Scham hervorruft».33 Bekannt wurde die Geste durch Praxiteles «Aphrodite von Knidos», die der griechische 29 30 31 32 33

Simons 2002, 316. Simons 2002, 324. Simmons 2002, 326. Simmons 2002, 325-326. Sanyal 2019, 137.

16


PUDICA

17


Bildhauer um ca. 350 v. Chr. schuf. Diese Pose wurde allerdings in der westlichen Kultur schon so kanonisiert, dass uns ihre Bedeutung gar nicht mehr auffällt, die Geste fast schon unsichtbar wird.34 Laut Patricia Simons, Professorin der Kunstgeschichte und Women’s Studies an der Universität von Michigan, bestärkte die christliche Ideologie die Erotisierung der weiblichen Scham. Die Pudica Geste wurde dabei zu didaktischen, sowie moralischen Zwecken angeeignet: Die aus dem Paradies verbannte Eva wurde zum Emblem der Pudica Pose. Im Sinne der Kirche verkörperte Evas reuevolles Aussehen die Schande des ersten Verbrechens, sowie die Demütigung, die Menschheit durch das Brechen von Gottes Gesetz in den Ruin getrieben zu haben. Andererseits konstruierte diese Geste selbst die Möglichkeit des Voyeurismus. Ohne den Aspekt des Verborgenen würde es die Erotik laut Simons nicht geben; die Verschleierung und der Voyeurismus sind voneinander abhängig.35 Die vorhandenen sozialen Normen verstärkten die Auffassung, dass die Genitalien der Frau nicht dafür bestimmt wären, sichtbar zu sein. Dies machte sie zu einem unvertrauten, doch verlockenden Schauplatz für die erotisierende Politik der patriarchalischen Medizin.36 Um ihre erotische Anziehungskraft zu entfalten, beruht die Pudica Geste auf einem Gefühl von Scham und Angst. Sie verkörpert, durch Konnotationen von Schamgefühl und Verführung, den von männlichen Privilegien geprägten Blickwinkel der Anatomen und Illustratoren ihrer Zeit. Dies führt fast schon zu einer Parodie der Schamkultur, die die greifbaren Fantasien scheinbar verdeckt, aber dennoch zur Visualisierung der Enthüllung einlädt.37

34 35 36 37

Salamon 2005, 88-89. Simons 2002, 306. Simons 2002, 315. Simons 2002, 327.

18


FAZIT / REFLEXION Zusammenfassend stelle ich fest, dass die Kulturtreue einen extremen Einfluss auf die anatomischen Darstellungen der Frau, und damit eingehend auf das Verständnis ihrer Rolle in der Gesellschaft hatte. Glaubenssätze aus der Antike übertrumpften teilweise die möglichen neuen Erkenntnisse aus vollbrachten Sezierungen. Die Wissensgier wurde unter dem medizinischen Deckmantel zu einem Machtspiel unter Anatomen, die das Dogma der Frau als «mystisches Wesen» nur weiter vorantrieben. Auch wenn diese Studien insbesondere der Kirche missfielen, haben sie die Deutung, sowie Darstellungsformen solcher Bilder massgeblich instrumentalisiert. Die religiöse Ideologie und die Rolle der Frau, insbesondere durch die Konnotation zur biblischen Eva, wurden demzufolge abermals stark voneinander abhängig. Die dadurch resultierende Scham und Tabuisierung der weiblichen Geschlechtsorgane sind heute noch spürbar. Diese Arbeit eröffnete mir ein riesen Themenfeld, mit dem ich mich auch künftig beschäftigen möchte. Ich empfinde es weiterhin als wichtig, die Ursprünge verschiedener Stigmata zu kennen, um sie zu verstehen und gegen sie vorgehen zu können. Die Annahme, heute seien die Abbildungen und die Vermittlung zu dem weiblichen Körper nicht mehr fehlerhaft, ist grundlegend falsch. Noch in meinem Biologiebuch aus dem Gymnasium wurde zum Beispiel die Klitoris auf einen kleinen Punkt reduziert. Zudem ist derzeitig noch vielen Menschen unklar, dass «Vagina» nicht der korrekte Begriff für die Vulva ist. Diese irrtümliche Bezeichnung ist ein Paradebeispiel dafür, wie antiquiert unsere Bildung ist, und ist somit völlig inakzeptabel. Zeitgenössisch betrachtet ist für mich die Auseinandersetzung mit der weiblichen Anatomie erstrangig keine Frage der Sexualität, sondern ein essenzieller Teil davon, meinen Körper (und die von allen anderen Frauen*) von der Kulturtreue zu befreien und somit gleiches Recht auf Wissen, sowie gleiche Erfolgschancen bei medizinischen Behandlungen zu haben. Durch die praktische Arbeit zu dieser Materie ist mir bewusst geworden, wie schwierig es ist, so komplexe Inhalte herunter zu brechen. Dabei ist mir aufgefallen, dass unsere sexistische Sozialisierung und der Hang zu Voyeurismus auch ruhig als Angel dienen können, soweit dies die potentielle Wissensvermittlung fördert. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, aufklappbare Anatomiemodelle zu zeichnen. Als Referenz für den Aussenkörper dienen mir eigen geschossene, zeitgenössische Fotos von Frauen. Ihr Inneres ist dagegen mit altertümlichen Anatomiedarstellungen gefüllt. Werke wie Liv Strömquists (1978*) Buch Der Ursprung der Welt (2014) stellen für mich eine ideale Zusammensetzung aus spielerischer Konfrontation dar und dienen mir nicht nur als Vorbild, sondern hegen Hoffnung, dass dem Thema des weiblichen Körpers mehr Aufmerksamkeit geboten werden kann. In meiner zukünftigen Arbeit als Kunstvermittlerin will ich darauf fokussieren, diese Thematiken so zu übermitteln, dass sie, statt Überforderung und einer defensiven Haltung, Neugierde wecken, damit die Betrachtenden ihre Umwelt bewusster wahrnehmen und sich im Idealfall selber weiterinformieren.

20


LITERATURVERZEICHNIS Aughterson 1995 Kate Aughterson, Renaissance Woman: A Sourcebook – Constructions of Feminity in England, New York: Routledge 1995. Blackledge 2004 Catherine Blackledge, The Story of V – A Natural History of Female Sexuality, New Brunswick, New York: Rutgers University Press 2004. Fleck 1936 Ludwik Fleck, «Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv», in: Klinische Wochenschrift 15 (1936), Nr. 7, 239. Haraway 2016 Donna Haraway, Staying with the trouble - making kin in the Chthulucene, Durham, London: Duke University Press 2016. Haslem 2012 Lori Schroeder Haslem, «Monstrous Issues: The Uterus as Riddle in Early Modern Medical Texts», in: The Female Body in Medicine and Literature, hrsg. von Andrew Mangham und Greta Depledge, Liverpool: Liverpool University Press 2012, 34-50. Kretschmer 2016 Hildegard Kretschmer, Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, (= Reclams Universalbibliothek, 18909), aktualisierte Aufl. 2016, Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG 2016 (Erstausgabe 2008). Laqueur 1996 Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben – Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, übers. von H. Jochen Bussmann, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1996 (engl. Originalausgabe Harvard 1990). Park 2006 Katherine Park, Secrets of Women – Gender, Generation and the Origins of Human Dissection, New York: Zone Books 2006. Salamon 2005 Nanette Salamon, «The Venus Pudica: uncovering art history’s «hidden agendas» and pernicious pedigrees», in: Generations and Geographies in the Visual Arts: Feminist Readings, hrsg. von Griselda Pollock, London: Routledge 2005 (Erstausgabe 1996), 87-114. Sanyal 2019 Mithu M. Sanyal, Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts, (= Wagenbachs Taschenbuch, 769), Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2019 (Erstausgabe 2009). Simons 2002 Patricia Simons, «Anatomical Secrets – Pudenda and the Pudica Gesture», in: Das Geheimnis am Beginn der europäischen Moderne, hrsg. von Gisela Engel, Brita Rang, Klaus Reichert und Heide Wunder, Frankfurt: Vittorio Klostermann 2002, 101-117.

22


ABBILDUNGSVERZEICHNIS Abb. 1 Vagina, Andreas Vesalius, De humani corporis fabrica, 1543 (Sanyal 2019, 17). Abb. 2 Vagina mit Eierstöcken, Andreas Vesalius, De humani corporis fabrica, 1543 (https://docnum.unistra.fr/digital/collection/coll8/id/19048/rec/26 abgerufen am 02.06.20). Abb. 3 Weibliches Genital, Andreas Vesalius, Tabulae sex, 1538 (Laqueur 1996, Abb. 18, 98). Abb. 4 Uterus und die damit verbundenen Gefässe, Jacopo Berengario da Carpi, Isagoge brevis, Holzschnitt, 1522 (Laqueur 1996, Abb. 17, 98). Abb. 5 Tabula foeminae membra demonstrans, o. A., Holzschnitt eingefärbt, 1573. (https://wellcomecollection.org/works/apc2u9px abgerufen am 02.06.20). Abb. 6 Weibliches Anatomiemodel, Mondino dei Luzzi, Anatomia Mundini, 1541 (https://wellcomecollection.org/works/fpdvm25v abgerufen am 02.06.20). Abb. 7 Anatomie des Uterus, erste Figur, Jacopo Berengario da Carpi, Isagoge brevis, fol. 225v, Holzschnitt, 1521 (Park 2006, Abb. 4.2, 190). Abb. 8 Anatomie des Uterus, Jacopo Berengario da Carpi, Isagogae (zweite Auflage), fol. 23v, Holzschnitt, 1523 (Park 2006, Abb. 4.9, 205). Abb. 9 Innere Organe der Frau, Leonardo da Vinci, Zeichnung, 1508 (Park 2006, Abb. 1.7, 34). Abb. 10 Anatomie des Uterus, dritte Figur, Jacopo Berengario da Carpi, Isagoge brevis, fol. 226v, Holzschnitt, 1521 (Park 2006, Abb. 4.2, 183). Abb. 11 Querschnitt der weiblichen Sexualorgane, Eucharius Roesslin, The birth of mankind, Gravierung, 1545 (https://wellcomecollection.org/works/j3jpsfb3 abgerufen am 03.06.20). Abb. 12 Anatomie des Uterus, zweite Figur, Jacopo Berengario da Carpi, Isagoge brevis, fol. 226r, Holzschnitt, 1521 (Park 2006, Abb. 4.3, 193). Abb. 13 Weibliche Fortpflanzungsorgane, Jacob Rueff, Hebammenbuch, 1538 (https://docnum.unistra.fr/digital/collection/coll8/id/14228 abgerufen am 02.06.20). Abb. 14 Charles Estienne, De dissectione partium corporis humani, 1545 (https://wellcomecollection.org/works/j7cn8rq8?query=SIAMESE%20TWINS abgerufen am 02.06.20). Abb. 15 Tavole 3, Gaetano Petrioli, Le otto tavole anatomiche…, 1750 (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/petrioli1750/0165 abgerufen am 02.06.20). Abb. 16 Charles Estienne, De dissectione partium corporis humani, 1545 (Laqueur 1996, Abb. 49, 154). Abb. 17 Charles Estienne, De dissectione partium corporis humani, 1545 (Laqueur 1996, Abb. 50, 155). Abb. 18 Table 4, Adriaan van de Spiegel, De formato foetu liber singularis, 1626 (https://www.nlm.nih.gov/exhibition/historicalanatomies/Images/1200_pixels/spiegel_t04.jpg abgerufen am 02.06.20). Abb. 19 Anatomie des Uterus, Juan Valverde de Amusco, Anatomia del corpo humano, 1560 (Simmons 2002, Abb. 7, 321). Abb. 20 Anatomie der Frau, Giralmo Mercurio, La commare o riccoglitrice dell›eccmo. sr. Scipion Mercurii, Holzschnitt, 1601 (https://www.flickr.com/photos/47756470@N03/40235191864 abgerufen am 02.06.20). Abb. 21 Martin Droeshout, Titelseite von Microcosmographia: A Description of the Body of Man, Helkiah Crooke, Gravierung, 1651 (Simmons 2002, Abb. 6, 319). Abb. 22 Eva, Andreas Vesalius, De humani corporis fabrica librorum epitome, Holzschnitt, 1543 (Simmons 2002, Abb. 3, 311). Abb. 23 Figure II, Jourdain Guibelet, Trois discours philosophiques, Gravierung, 1603 (https://www.flickr.com/photos/47756470@N03/40235016764 abgerufen am 02.06.20).

23


Profile for HKB / Gestaltung und Kunst

Theoretische Thesis von Réka Szücs  

Bachelorarbeit (Theoretische Thesis) Finale20 von Laurene Hayoz, BA Vermittlung in Kunst und Design, Hochschule der Künste Bern, HKB

Theoretische Thesis von Réka Szücs  

Bachelorarbeit (Theoretische Thesis) Finale20 von Laurene Hayoz, BA Vermittlung in Kunst und Design, Hochschule der Künste Bern, HKB

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded