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Projekte

2017–18


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Pray for Paradise von Tizian Baldinger (Klasse Prof. Anselm Reyle) in der Aulavorhalle; Foto: Tizan Baldinger


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B.S.A.R.F (Black Sea Artist Research Foundation), Projekt der Klasse von Gastprofessorin Kerstin Brätsch; Foto: Tim Albrecht Performance von Verena Buttmann und Nele Möller (Klasse Prof. Jeanne Faust); Foto: Imke Sommer Installation von Anja Zihlmann (Klasse Prof. Raimund Bauer); Foto: Tim Albrecht


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Performance von Eva Lillian Wagner (Klasse Prof. Raimund Bauer); Foto: Imke Sommer Raumansicht der Klasse von Prof. Anselm Reyle, im Vordergrund die Arbeit von Patrick Will und Caspar Wülfing; Foto: Tim Albrecht Raumansicht der Klasse von Prof. Pia Stadtbäumer; Foto: Sarah Hablützel


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Blick in den Bildhauerpavillon (Klasse Prof. Pia Stadtbäumer) mit Arbeiten von Ariane Königshof und Cynthia Wijono; Foto: Tim Albrecht Video von Daniel Hopp (Klasse Prof. Jeanne Faust); Foto: Sarah Hablützel Arbeiten von Magdalena Los und Stella Sieber (links) aus der Klasse von Prof. Jutta Koether; Foto: Tim Albrecht


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Performance von Jeongah Eom (Klasse Prof. Michaela Melián); Foto: Tim Albrecht Arbeiten von Judith Kisner (Wand hinten) und Belia Brückner (Bodenarbeit) aus der Klasse Prof. Jutta Koether; Foto: Tim Albrecht Raumansicht der Klasse von Gastprofessor Jochen Distelmeyer in der Finkenau 42; Foto: Sarah Hablützel Diskussionsrunde Gemeinsame Räume im Studio Experimentelles Design (Prof. Jesko Fezer) mit Bianca Elzenbauer, Fabia Franz, Jochen Becker, Sebastian Grieser, Nina Fraeser; Foto: Imke Sommer


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Blick in die Klasse von Prof. Wigger Bierma mit Performance von Tobias Textor; Foto: Imke Sommer Raumansicht der Klasse von Prof. Anselm Reyle; Foto: Tim Albrecht Installation von Alisa Tsybina (Klasse Prof. Andreas Slominski); Foto: Tim Albrecht Arbeiten von Astrid Kajsa Nylander (Klasse Prof. Jutta Koether); Foto: Tim Albrecht


Rauminstallation der Klasse von Prof. Anselm Reyle; Foto: Sarah Hablützel


Vorwort

Dieser Band des Jahrbuchs stellt eine Auswahl von Projekten, Veranstaltungen und Ausstellungen vor, die von Lehrenden und Studierenden aller Studienschwerpunkte der HFBK Hamburg im zurückliegenden akademischen Jahr 2017/2018 initiiert, organisiert und realisiert wurden. Neben regelmäßigen Veranstaltungen wie der Jahres- und der Absolventenausstellung oder dem Programm der Galerie der HFBK sind es vor allem externe Projekte, Ausstellungen, Kooperationen, Wettbewerbe, Tagungen sowie Veröffentlichungen, die den Wirkungskreis der HFBK in

ein kulturelles Umfeld erweitern und in die Öffentlichkeit ausstrahlen lassen. Die zahlreichen, hier dokumentierten Aktivitäten verdeutlichen die Vielfalt an Themen und Fragestellungen, denen sich Lehrende und Studierende vor dem Hintergrund ihrer künstlerischen oder theoretischen Praxis widmen. Dabei fördert die HFBK in Kooperationen mit nationalen und internationalen Institutionen aus dem Kunst- und Wissenschaftsbereich die Vernetzung mit anderen Institutionen und eröffnet ihren Studierenden neue Experimentierfelder und Öffentlichkeiten.


Inhalt

322 Hiscox Kunstpreis 2017 324 Black Sea Artist Research Foundation (B.S.A.R.F.) 326 Translating Pasts into Futures 328 Veranstaltungsprogramm der Bibliothek 330 Graduiertenkolleg Ästhetiken des Virtuellen 336 Benzene 338 Pure Gold. Upcycled! Upgraded! 340 Folgendes 342 Artistic and Cultural Orientation 346 Kochwerkstatt 348 Materialverlag zu Gast in der Hamburger Kunsthalle 350 Der offene Mund 352 Art School Alliance 354 Künstlerische Manuskripte – eine Ausstellung internationaler Studierender in Hangzhou 356 Galerie der HFBK 362 Relaunch HFBK-Website 364 Forschungskooperation Discovered 366 24 Grains 368 TR.I.P.


370 Goldsmiths Ausstellungsaustausch 374 Noisexistance 376 Dazu den Satan zwingen 378 Final Cut und Berenberg-Filmpreis der HFBK 2018 382 Zwischen Volos und Venedig – Projekte der Klasse Marjetica Potrč 386 Ökonomie der Dinge 388 Parading for The Commons 390 How Social is Social Design? 392 Photo Schools 394 ehrlichmonument 396 Verabschiedung Matt Mullican 398 502 Bad Gateway — Digitales Ausstellen 400 ok.terrain 402 Studienprojekt III 406 Öffentliche Gestaltungsberatung Kastanienboulevard 408 Trinken und Wandeln mit … 410 Projekte im Rahmen der Hamburg Open Online University (HOOU) 414 HFBK-Filme auf Festivals 418 Neuerscheinungen des Materialverlags


Daniel Hopp, (1) Problem weniger, 2017, Video, 16:9,7 Min.; Videostill

Simon Modersohn, Am Eck, 2016, Öl auf Leinwand, 50 × 40 cm

Hiscox Kunstpreis 2017 322


Die Preisträger mit der Jury (von links): Robert Dietrich, Hilke Wagner, Daniel Hopp (Hiscox Kunstpreis 2017), Robert Read, Simon Modersohn (Stipendium »sommer. frische.kunst«), Yilmaz Dziewior, HFBK-Kanzlerin Anna Neubauer, Wolfgang Ullrich und Andrea von Goetz und Schwanenfließ; Foto: Imke Sommer

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Am 10. Oktober 2017, dem Vorabend der Semestereröffnung, fand die zehnte Verleihung des mit 7.500 Euro dotierten Hiscox Kunstpreises statt. Die Fachjury hatte ihre Entscheidung im Rahmen einer Ausstellung aller elf nominierten Studierenden aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei und Zeitbezogene Medien in den Ausstellungsräumen der HFBK Hamburg getroffen. Ausgezeichnet wurde Daniel Hopp, der bei Prof. Jeanne Faust und Prof. Anselm Reyle studiert, für seine Videoarbeit (1) Problem weniger. Das im Loop laufende Video widmet sich dem komplexen Themenfeld Individuum und Masse. Daniel Hopp versetzt den Betrachter in die alltägliche Situation einer Zugfahrt, auf der ein unangenehm riechender Mensch zum »Problem« wird. Die Erzählung ist über ein Hauptbild gelegt, das eine Ansammlung von Menschen zeigt. Hinzu tritt der Sound einer monotonen, leicht erhöhten Herzfrequenz, die auch an das Rattern eines Zuges erinnert. Die eingefügten Bilder scheinen roh, funktionieren durch Zeigen und Übersetzungen, und sind in ihrer Reduziertheit doch klar und

12. – 14. Oktober 2017, Eröffnung mit Preisvergabe: 10. Oktober 2017, Hiscox Kunstpreis 2017. Ausstellung der Nominierten, Janis Fisch, Daniel Hopp, Laura Larraz, Shira Lewis, Carlos León, Julia Malgut, Simon Modersohn, Niclas Riepshoff, Paul Smith, Alisa Tsybina, Xiyao Wang | Jury 2017: Yilmaz Dziewior (Direktor Museum Ludwig, Köln), Andrea von Goetz und Schwanenfließ (Kuratorin, VG & S Art Development), Robert Read (Head of Fine Art Hiscox), Wolfgang Ullrich (Kunstwissenschaftler, Leipzig, München), Hilke Wagner (Leiterin Albertinum, Dresden) | Galerie der HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2

schlüssig. Die Jury zeigte sich beeindruckt, wie es Daniel Hopp gelingt, den Betrachter im beiläufigen Erzählen, mit bissigem Humor und einem ausbalancierten Kippmoment von Situation und Emotion zu packen. Seine zeitgemäße Bildsprache erzeuge gesellschaftspolitische Relevanz fern jedweder Moralisierung und führe zu der entscheidenden Frage: Sind wir am Ende »das Problem«? Das einmonatige Aufenthaltsstipendium der Kunstresidenz sommer.frische.kunst in Bad Gastein, das zum zweiten Mal in diesem Rahmen vergeben wurde, ging an Simon Modersohn. Der Malerei-Student aus der Klasse von Prof. Werner Büttner überzeugte die Jury mit einer Malerei, in der gewöhnliche und allzu vertraute Sujets so kombiniert werden, dass sie überhöht erscheinen und sich – bestärkt oder konterkariert durch die Titelgebung – rätselhafte Abgründe auftun. Simon Modersohn bekenne sich völlig unbeeindruckt von digitalen Bildwelten offenkundig zur Malerei, so die Jury. Er stehe zum (vermeintlich) Provinziellen, male, ohne Bedeutung schinden zu wollen.


Black Sea Artist Research Foundation (B.S.A.R.F.)

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Black Sea Artist Research Foundation, Performance an der HFBK Hamburg während der Nacht des Wissens, 4. November 2017; Foto: Kristina Savutsina

Im Wintersemester 2017/2018 ging aus der Klasse von Kerstin Brätsch, Gastprofessorin im Studienschwerpunkt Malerei/Zeichnen, die Black Sea Artist Research Foundation (B.S.A.R.F.) hervor. Vorausgegangen war eine intensive Auseinandersetzung mit Künstler*innen-Identitäten, Autorschaft und Kategorien wie Prozess, Produkt, Subjekt und Subjektivität. In Workshops mit Alison Katz, Ei Arakawa und anderen Gästen wurde die Form des Artist’s Statement hinterfragt und mit erfundenen Biografien experimentiert. Die Gründung der B.S.A.R.F. wird der bulgarisch-finnischen Künstlerin Nadya Kelly zugeschrieben, die sich, frustriert von ihrem Dasein als international erfolgreiche Einzelkünstlerin, jahrelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, um schließlich im bulgarischen Varna eine Künstlerresidenz aufzubauen, der heutige Sitz der B.S.A.R.F. Dem wie ein Netz aus Fiktion und Realität gesponnenen, auch die Biografie von Kerstin Brätsch einbeziehenden Narrativ zufolge führte die Auseinandersetzung der Klasse mit den Arbeitsmethoden der B.S.A.R.F. im Okto-

ber 2017 zu einem ersten öffentlichen Auftritt. Im Rahmen einer Ausstellung von Kerstin Brätsch und Debo Eilers im Museo Madre in Neapel fand der Workshop Kaya Napoli statt, zu dem die Studierenden eine Prozession durch die Stadt veranstalteten. Ihren zweiten großen Auftritt hatte die Klasse am 4. November 2017 anlässlich der Hamburger Nacht des Wissens an der HFBK in einer Mischung aus Vortrag, Modenschau, Performance und Happening. Die Ausdrucksformen der B.S.A.R.F. wählten die Studierenden sehr bewusst: Das Entwerfen von Kostümen erwies sich als geeignete Möglichkeit, gemeinsam etwas zu entwickeln. Zugleich ließ es die kollektive Beschäftigung mit Identität zu. Es war eine Vertrauensübung darin, die Verantwortung für ein Produkt aufzugeben und den Fokus auf den Prozess zu lenken, ein geistiger Raum, in dem viele Identitäten ihren Ausdruck finden konnten. Auch die Trennung von den Kostümen wurde Teil der Erzählung, da sie während der Jahresausstellung im Februar 2018 auf einem inszenierten Flohmarkt in Umlauf gebracht wurden.


Black Sea Artist Research Foundation, Performance an der HFBK Hamburg während der Nacht des Wissens, 4. November 2017; Foto: Kristina Savutsina

Prozession im Rahmen von Kaya Napoli, Neapel, Oktober 2017; Foto: Astrid Nylander

11. – 16. Oktober 2017, Workshop Kaya Napoli | Museo Madre, Neapel | 4. November 2017 | Nacht des Wissens. Betreut von Prof. Kerstin Brätsch | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2

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Alesandra Seutin, Across the Souvenir, Performance in der Aula der HFBK Hamburg am 13. Oktober 2017; Foto: Sophie Lembcke

Translating Pasts into Futures

Am 13. und 14. Oktober 2017 lud der interdisziplinäre Forschungsverbund »Übersetzen und Rahmen. Praktiken medialer Transformationen« zur internationalen Tagung Translating Pasts into Futures. Decolonial Perspectives on Things in Art, Design & Film ein. Im Mittelpunkt stand der Umgang mit Materialien in Kunst und Design. Dinge können unlösbar mit den Dispositiven ihres Entstehungs-, Produktions- und Nutzungskontextes verbunden sein. Versteht man sie als derart gerahmte Vehikel, schleifen sie ihre kontextuellen Verwicklungen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Doch können sich Dinge von diesen Rahmen emanzipieren? Welche Strategien entwickelten Design, Gegenwartskunst und Film, um in fortbestehende Missverhältnisse zu intervenieren? Der erste Teil des Symposiums beschäftigte sich mit verschiedenen Aspekten und Interpretationen von Materialwissen. Dabei wurde auch die Frage aufgeworfen, inwiefern Künstler*innen und Designer*innen eine Verantwortung für die An- oder Abbaubedingungen von Materialien haben. So

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hinterfragt das Projekt Psychotropic Gold von Knowbotiq aus Zürich, inwiefern Materialien von ihren Abbaubedingungen gelöst werden können und dürfen, die oft mit Ausbeutung, Sklaverei und kolonialen Machtverhältnissen verknüpft sind. Der Künstler Georges Adéagbo aus Cotonou, der in diesem Semester auch Gastprofessor an der HFBK Hamburg war, berichtete aus seiner täglichen künstlerischen Praxis in der Auseinandersetzung mit Objekten verschiedenen Ursprungs. Der zweite Tag legte den Fokus auf Objekte und die Frage, ob und wie sich Objektbiografien manifestieren können. Stellvertretend dafür steht das partizipative Archivprojekt Colonial Neighbours von SAVVY Contemporary aus Berlin, bei dem das Archiv zu einem Ort kritischer Auseinandersetzung mit deutscher Kolonialzeit wird. Alltägliche Gegenstände, die einen Bezug zu vergangenen und gegenwärtigen kolonialen Verflechtungen haben, werden darin in künstlerischen Interventionen zum Ausgangspunkt kritischer Reflexionen. (Mara Recklies)


Kitso Lynn Lelliott, I was her and she was me and those we might become; Screenshot

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13. – 14. Oktober 2017, Translating Pasts into Futures. Decolonial Perspectives on Things in Art, Design & Film, Symposium des interdisziplinären Forschungsverbunds Übersetzen und Rahmen. Praktiken medialer Transformationen, mit Beiträgen von Knowbotiq, Kyveli Mavrokordopoulou & Sanne Sinnige, Stephan Köhler & Georges Adéagbo, Anne Wetsi Mpoma, Alesandra Seutin, Marie Kirchner, Jorinde Splettstößer, Lynhan Balatbat-Helbock, Marlon Denzel van Rooyen, Jana Seehusen & Veronika Darian, Alyssa Grossman, Cornelia Lund, Arine Kirstein Høgel, Kitso Lynn Lelliott, Konzept und Organisation: Eva Knopf, Sophie Lembcke, Mara Recklies. Gefördert von der Landesforschungsförderung Hamburg. Wissenschaftliche Betreuung HFBK: Prof. Dr. Friedrich von Borries, Prof. Dr. Michaela Ott. | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2 | www.bw.uni-hamburg.de/uebersetzen-und-rahmen Kitso Lynn Lelliott, I was her and she was me and those we might become; Screenshot


Veranstaltungsprogramm der Bibliothek

Felix Boekamp, Withdraw, 2018 (Detail); Ausstellungsansicht Bibliothek der HFBK; Foto: Imke Sommer

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Im akademischen Jahr 2017/2018 widmeten sich Ausstellungen und Veranstaltungen in der Bibliothek Künstlerbüchern, bibliotheksnahen Themen ebenso wie den Neuerscheinungen des Materialverlags. Felix Boekamp zeigte mit Withdraw zum Auftakt des Wintersemesters eine komplexe Auseinandersetzung zum Themenfeld Architektur und Zeichnung und dem kreativen Spiel, das beide freizusetzen vermögen. Dieses Spiel ist nicht immer harmlos, wenn (imaginäre) Architekturen auf Papier entworfen werden, tradierte Formen zerlegt und neu konfiguriert oder fragmentierte Insektenkörper als Baukörper integriert werden. Umfassend und medienübergreifend wurde die Bibliothek während der Jahresausstellung von der Klasse Prof. Michaela Melián in Anspruch genommen. Von Performances über Lesungen, Filme, Videos, Computeranimationen, Audioarbeiten, Fotosequenzen und Malerei bis hin zu installierten Spinnweben war ein großes Spektrum an Arbeiten und Medien aufgeboten. Mit Prelude von Gabriela Těthalová startete das Sommersemester mit raumgreifender Malerei.

Die Arbeiten wenden sich Themen der Serie, Wiederholung und Struktur zu. Allerdings trägt Těthalová in dieses System mit ihrer gestischen Malerei und in Verbindung mit kunsthistorischen Themen auch ein emotionales Moment ein, das die Rezipient*innen unmittelbar adressiert. In zwei Gesprächsrunden stellte Dirk Meinzer, Künstler, Künstlerbuch-Sammler und HFBK-Absolvent, Künstlerbücher aus seiner Sammlung wie aus der HFBK-Bibliothek vor. Dabei wurde deutlich, wie diese Büchergattung durch Malerei, Zeichnung und Schrift das Format Buch strapaziert und Wahrnehmungsprozesse und Gedankenzusammenhänge sich jenseits der Textform im Buch vermitteln lassen. Die Präsentation Partizipation im Vorübergehen von Lisa Marie Zander reflektierte am Beispiel eines von ihr mitkonzipierten Gebäudes, des Plankiosk in Lörrach-Brombach, die Aneignungsfähigkeit von Architektur und die emanzipatorische Kraft, die von (partizipativen) Planungsprozessen ausgehen kann.


Dirk Meinzer, Vorstellung und Diskussion von Künstlerbüchern; Foto: Andrea Klier

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18. Oktober 2017 – 26. Januar 2018, Ausstellung Withdraw, Felix Boekamp | 8. – 11. Februar 2018, Ausstellung Bibliothek X Klasse Melián, Bilge Alsaç, Felix Boekamp, Leon Daniel, Sarah Draht, Janis Fisch, Manuel Funk, Lorenz Goldstein, Anna Gröger, Sevda Güler, Dörte Habighorst, Mona Harry, Jessica Herden, YL Hsueh, Mara Ittel, Abel Jaleta, Jihie Kim, Katrin Köhler, Paulina Laskowski, Wonek Lee, Sophia Leitenmayer, Xinyi Li, Yi Li, Simeon Melchior, Seungheon Nam, Elisa Nessler, Anne Pflug, Jana Pfort, Alex Schärfe, Szerafina Schiesser, Albina Siebert, Zora Taheri, Mo Walker, Jin Wang, Badrieh Wanli, Shuchang Xi | 12. April – 4. Juli 2018, Ausstellung Prelude, Gabriela Těthalová | 18. April 2018 , Besuch der Atelierwohnung von Claus Böhmler in Kooperation mit der Klasse Typografie, Prof. Wigger Bierma | 15./23. Mai 2018, Gespräch: Dirk Meinzer, Künstlerbücher aus seiner Sammlung und aus der HFBK-Bibliothek | 12. – 15. Juli 2018, Absolventenausstellung: Daniel Hopp, Wonderful Days; Abel Jaleta, Tuka Lingo Gabriela Těthalová, Prelude, 2018 (Detail), Ausstellungsansicht Bibliothek der HFBK; Foto: Benjamin Nurgenç


Moritz Ahlert, Kartenhaus, 2017 (im Vordergrund), Installationsansicht yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, 2017; Foto: Michael Pfisterer

Joke Janssen, alle Zeit der Welt, 2016/2017, und ANna Tautfest, de-grid, 2017 (im Hintergrund), Installationsansicht yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, 2017; Foto: Michael Pfisterer

Graduiertenkolleg Ă„sthetiken des Virtuellen 330


Joachim Glaser, Uncanny, 2017, Installationsansicht yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, 2017; Foto: Michael Pfisterer

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Promotionsprojekte der Stipendiat*innen Moritz Ahlert: Die Vermessenheit von Google Maps; Christian Blumberg: Animismus und Figuren der Verlebendigung in visuellen Medien; Eva Castringius: Die Virtualität der nuklearen Verwüstung. Der Trinity Test und seine (fotografische) Abbildbarkeit; Joachim Glaser: Back to the Future of the TimeImage; Joke Janssen: Körper // ohne Körper; Tobias Muno: Eine zukünftige Geschichtsschreibung der Gegenwart; Hanny Oldendorf: GoogleEarthArt. Googles Online-Kartendienste in der zeitgenössischen Kunst; Merle Radtke: Prinzipien der Kombinatorik in der postdigitalen Kunstpraxis; Benjamin Sprick: Resonanzen des Virtuellen. Das Bewegungs-Profil und das Zeit-Profil der Musik; ANna Tautfest: Futur II: Es wird gewesen sein. Möglichkeiten vorwegnehmender Einschreibung; Vera Tollmann: From Universe’s View. Zur bildpolitischen Bedeutung der vertikalen Perspektive Öffentliche Veranstaltungen des Graduiertenkollegs 2017: 21. – 22., 25. Oktober 2017, Rahmenprogramm zu Unbecoming von Tejal Shah | Kunsthaus Hamburg | 21. Oktober – 12. November 2017, Ausstellung Kollektive Forschungsmasse | Kunstverein Harburger Bahnhof | 4. November – 17. Dezember 2017, Abschlussausstellung yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control | Deichtorhallen Hamburg/ Sammlung Falckenberg | 7. – 8. Dezember 2017, Symposium Virtualität der Zeit | 17. Dezember 2017, Podiumsdiskussion Incomputable Subjects www.aeshetikendesvirtuellen.de

In welchen Realitäten artikuliert sich das Virtuelle, sobald es nicht mehr nur als Effekt technologischer Simulationen, sondern als Bestimmung des »Wirklichen« selbst befragt wird? Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich das Graduiertenkolleg Ästhetiken des Virtuellen an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, das im Jahr 2015 seine Arbeit aufgenommen hatte. Das künstlerisch-wissenschaftliche Graduiertenkolleg brachte Künstler*innen und Wissenschaftler*innen zusammen, die sich im Rahmen ihrer Promotion und ihrer künstlerischen Arbeit mit unterschiedlichen Aspekten des »Virtuellen« auseinandersetzten. Dabei wurden sie von Professor*innen der HFBK und der Universität Hamburg betreut. Neben internen Veranstaltungen wie Seminaren, Kolloquien, Workshops und Klausurfahrten trat das Kolleg unter Beteiligung der Kollegiat*innen und der Mitarbeit des Koordinators mit interdisziplinären, internationalen Symposien, Vorträgen, Filmvorführungen und Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Beteiligte Wissenschaftler*innen und Künstler*innen der HFBK Hamburg: Prof. Wigger Bierma, Prof. Dr. Friedrich von Borries, Prof. Robert Bramkamp, Prof. Thomas Demand, Prof. Jesko Fezer, Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Prof. Dr. Hanne Loreck, Prof. Michaela Melián, Prof. Dr. Michaela Ott, Prof. Anselm Reyle Von der Universität Hamburg: Prof. Dr. Gabriele Klein (Performance Studies), Kooperierende Einrichtungen an der Universität Hamburg: CliSAP, vertreten durch Prof. Dr. Hans von Storch; IFSH, vertreten durch Prof. Dr. Michael Brzoska Sprecher*in des Graduiertenkollegs: Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Prof. Michaela Melián Künstlerisch-wissenschaftlicher Koordinator/Mitarbeiter: Peter Müller


Marcus Steinweg beim Symposium Virtualität der Zeit, 7. – 8. Dezember 2017, HFBK Hamburg; Foto: Pia Schmikl

der Materie« und der Selbstorganisation des Lebens auftun. Der zweite Symposiumstag begann mit einem Beitrag der Philosophin und Theaterwissenschaftlerin Marita Tatari, Privatdozentin an der Ruhr-Universität Bochum, über eine Werdens-Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst, die keine Entwicklung und Verwirklichung mehr kennt. Katja Diefenbach, Professorin für Ästhetische Theorie an der Merz Akademie Stuttgart, hingegen bot eine argumentativ detaillierte wie konfliktuelle Lektüre der Theorien unendlicher Mannigfaltigkeit bei den Philosophen Gilles Deleuze und Alain Badiou. Dieter Lüst, Physiker und Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts in München, wiederum legte so einführend wie deutlich frei, mit welchen ungelösten »Zeitproblemen« sich die Theorie über Quantengravitation und Strings herumschlagen muss. Und mit dem Beitrag des Philosophen Marcus Steinweg, der kurz zuvor seine Dissertation an der HFBK Hamburg erfolgreich verteidigt hatte und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe derzeit eine Vertretungsprofessur innehat, Marita Tatari beim Symposium Virtualität der Zeit, 7. – 8. Dezember 2017, HFBK Hamburg; Foto: Pia Schmikl

Symposium Virtualität der Zeit Kein Augenblick ist mit sich identisch, synchronisierbar; er wird von Differenzen durchquert und geteilt. Ob politisch, ökonomisch, geostrategisch oder sozial, ob in Systemen des Wissens oder in Feldern der Künste – überall scheint in Turbulenzen eingetreten zu sein, was man sich einst als »Kontinuität des Zeitablaufs« vorstellen wollte. Das Symposium Virtualität der Zeit ging als letztes Symposium des Graduiertenkollegs Ästhetiken des Virtuellen solchen Turbulenzen jenseits einer Bestandsaufnahme nach. Diskutiert wurden philosophische und künstlerische ebenso wie politische und naturwissenschaftliche Zeitbegriffe, um zu befragen, was differenzielles Denken und Praktiken »der Zeit« unabweisbar macht. Die Kulturwissenschaftlerin Christina Vagt, die an der University of California in Santa Barbara lehrt, eröffnete am 7. Dezember 2017 das Symposium. Unter anderem anhand aktueller wissenschaftlicher »Materialvirtualisierungen« veranschaulichte sie, welche zeitlichen Differenzen sich zwischen einer »Errechenbarkeit

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schlossen die Vorträge ab. Dabei zielte bereits Steinwegs Vortragsstil auf eine produktive Inkonsistenz-Machung der Zeit, denn für ihn sei das Immanenzgewebe, das wir Wirklichkeit nennen, löchrig. Beendet wurde das Symposium mit einem Ortswechsel ins Abaton-Kino, wo der Film Le fort des fous der in Algier und Marseille arbeitenden Regisseurin Narimane Mari vorgeführt wurde. Der Film, koproduziert von der documenta 14 und dem Filmfestival in Locarno, setzt sich aus drei historisch zeitverschobenen Abschnitten in Algier, an Stränden der griechischen Küste und an Orten in Athen zusammen. In der abschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde mit der Filmemacherin vor allem darüber gesprochen, welche »Zeit für geteilte Gewalt« der Film einräumt. (Peter Müller) Ausstellung yet incomputable. Indetermination in

the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control

Die Abschlussausstellung yet incomputable. Indeter-

mination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, eine gemeinsame Gruppenschau der künstlerisch-wissenschaftlichen Kollegiat*innen und anderer internationaler Künstler*innen, verstand sich als eine kollektive Befragung des subversiven Vermögens der Kunst in einer post-kybernetischen Ära der Kontrolle, Zensur, Datenmanipulation und Informationskommerzialisierung. Die gezeigten Positionen in Form von Fotografie, Bildhauerei, Design, Malerei und audiovisuellen Installationen präsentierten sich daher als virtuelle Wendungen alltäglicher und technologischer Vorstellungen dessen, was wie zu kontrollieren ist. Eröffnet wurde die Ausstellung am 3. November

2017 von der Zweiten Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg, Katharina Fegebank. Anschließend an künstlerische und wissenschaftliche Konzepte, die in den letzten drei Jahren durch die Kollegiat*innen erarbeitet wurden, war die Ausstellung als Versuch über die Potenziale von Zwischenbezirken gemeint, die aus Nichtwissen, Ambivalenz, Unheimlichkeit, Unbestimmtheit oder Unvollständigkeit bestehen. Weit davon entfernt, einen düsteren Horizont zu entwerfen, wurden die progressiven Dimensionen künstlerischer, gestalterischer oder aktivistischer Strategien und Praktiken der Unübersichtlichkeit, Verunklärung und Dunkelheit in den Vordergrund gestellt. Dabei wurde auch das Hacking oder die Sabotage als eine Virtualität der Emanzipation gegenüber neo-kolonialer und autoritärer algorithmischer Regierungsweisen beschworen. Die Abschlussausstellung fragte deshalb, was es bedeutet, in einer Zeit von Sichtbarkeitsregimen und totaler Datentransparenz einen Fokus auf Opazität und Dunkelheit zu legen, und befragte hierzu die Beziehung, in der Unbestimmtheit zum Wissen steht. Oder mit den Worten Hans-Joachim Lengers zur Eröffnung der Ausstellung gesprochen: »›Noch nicht computierbar‹, behauptet der Arbeitstitel der Abschlussausstellung. Er markiert, was den Techniken vorausgeht, die die Welt und die Wahrnehmung abtasten und scannen sollen, um sie zu unterwerfen, ihre Virtualitäten und damit das Sprechen selbst zum Schweigen zu bringen.« (Elena Agudio)

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Louis Henderson, Black Code / Code Noir, 2015 Installationsansicht yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, 2017; Foto: Michael Pfisterer


Kollektive Forschungsmasse mit Arbeiten von Eva Castringius, Joke Janssen, ANna Tautfest, Installationsansicht Kunstverein Harburger Bahnhof, 2017; Foto: Michael Pfisterer

Kollektive Forschungsmasse mit Arbeiten von Eva Castringius, Joke Janssen, ANna Tautfest, Installationsansicht Kunstverein Harburger Bahnhof, 2017; Foto: Michael Pfisterer

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Kollektive Forschungsmasse mit Arbeiten von Eva Castringius, Joke Janssen, ANna Tautfest, Installationsansicht Kunstverein Harburger Bahnhof, 2017; Foto: Michael Pfisterer

Ausstellung Kollektive Forschungsmasse In der Ausstellung der Kollegiat*innen Eva Castringius, Joke Janssen und ANna Tautfest, die in Kooperation mit dem Kunstverein Harburger Bahnhof stattfand, wurde untersucht, wie es möglich ist, Körper, Landschaften und Wissensformationen zu erfassen. Die drei Künstler*innen beschäftigten sich im Rahmen ihrer künstlerischen Forschung mit Spuren und Materialitäten, mit deren diskursiven Normierungen und Kartierungen. Sie begegneten diesen mit Anordnungen des Verschiebens, des Verzerrens und des strategischen Changierens zwischen Verfestigung und Fluide-Werden und schlugen Szenarien jenseits von normativen Seh- und Lesegewohnheiten vor. (Künstler*innen)

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Symposium Virtualität der Zeit 7. – 8. Dezember 2017, Symposium Virtualität der Zeit, Konzeption: Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger, Peter Müller, Vorträge: Hans-Joachim Lenger (HFBK Hamburg), Christina Vagt (University of California, Santa Barbara), Katja Diefenbach (Merz Akademie Stuttgart), Marita Tatari (Universität Bochum), Dieter Lüst (Max-Planck-Institut für Physik, München), Marcus Steinweg (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe), Filmvorführung: Le fort des fous, Publikumsgespräch mit Narimane Mari (Filmemacherin, Algier/ Marseille), Moderation: Peter Müller, Prof. Dr. Michaela Ott, Benjamin Sprick | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Abaton Kino | 21. Oktober — 12. November 2017, Ausstellung Kollektive Forschungsmasse, Konzeption: Eva Castringius, Joke Janssen, ANna Tautfest in Zusammenarbeit mit Mareike Bernien und Annette Hans, Lisa Britzger, Jennifer Smailes | Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg | 4. November — 17. Dezember 2017, Abschlussausstellung yet incomputable. Indetermination in the Age of Hypervisibility and Algorithmic Control, Moritz Ahlert, Eva Castringius, Ivana Franke, Joachim Glaser, Louis Henderson, Agnieszka Kurant und John Menick, Joke Janssen, Elsa M‘bala aka AMET, Hanny Oldendorf, Trevor Paglen, Benjamin Sprick, ANna Tautfest, Kuratorin: Elena Agudio, Koordination: Peter Müller, Ausstellungsmanagement: Goesta Diercks | Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg | 17. Dezember 2017, Podiumsdiskussion Incomputable Subjects, Konzeption, Moderation: Elena Agudio, Peter Müller, Referent*innen: Zach Blas (London), Matteo Pasquinelli (Karlsruhe), Patricia Reed (Berlin) Publikationen Katalog zur Abschlussausstellung yet incomputable mit Essays von Elena Agudio, Zach Blas, Antonia Majaca und Luciana Parisi, Matteo Pasquinelli. herausgegeben von Elena Agudio, redaktionelle Mitarbeit: Peter Müller, Gestaltung: Hanna Osen und Paul Voggenreiter, Materialverlag der HFBK Hamburg 2017, ISBN: 978-3-944954-40-0, 204 Seiten mit ca. 160 farbigen Abbildungen | Visualität und Abstraktion. Eine Aktualisierung des FigurGrund-Verhältnisses, mit Beiträgen von: Christian Blumberg, Adrienne Edwards, Joachim Glaser, Toni Hildebrandt und Giovanbattista Tusa, Stephan Janitzky, Joke Janssen, Marietta Kesting, Knowbotiq, Hanne Loreck, Katrin Mayer, Karolin Meunier, Roland Meyer, Peter Müller, Maria Muhle, Matteo Pasquinelli, Merle Radtke, Eske Schlüters, Kerstin Schroedinger, Jana Seehusen, ANna Tautfest, Vera Tollmann und Judith Hopf, herausgegeben von Hanne Loreck, in Zusammenarbeit mit Jana Seehusen, redaktionelle Mitarbeit: Christian Blumberg, Joachim Glaser, Joke Janssen, Peter Müller, Merle Radtke, ANna Tautfest, Vera Tollmann, Gestaltung: Flo Gaertner, Materialverlag der HFBK Hamburg 2017, Material 388, ISBN: 978-3-944954-37-0, 272 Seiten mit ca. 65 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen | Hans-Joachim Lenger, Friedrich von Borries: Metastasen des Krieges, Merve Verlag Leipzig 2017, IMD 452, ISBN: 978-3-96273-006-2, 72 Seiten mit Schwarzweiß-Abbildungen


Benzene

Symposion III – Destille Losmann, Public Manufacturing mit Paula Erstmann und Magdalena Los; Foto: Lena Schramm

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Der Off-Raum Benzene befindet sich in einem ehemaligen Tankstellen-Shop zwischen dem Messegelände und der Universität Hamburg. Lena Schramm, Bachelorstudentin in der Malerei-Klasse von Prof. Werner Büttner, hatte die Räumlichkeiten eigentlich gemietet, um hier in Ruhe arbeiten zu können, was sich sehr schnell als unmöglich erwies. So schrieb Schramm das Konzept für einen Ausstellungsraum, den sie nach der allgemeinen Bezeichnung für Kraftstoff »Benzene« nannte. Benzin und die verschiedenen Kohlenwasserstoffgruppen Alkane, Alkene und Arene sollen dabei als Metapher für unterschiedliche Formen explosiver und ephemerer Verbindungen von Künstler*innen dienen. Mit Unterstützung der Karl H. Ditze Stiftung und der Kulturbehörde, die die Miete übernahm, konnte Benzene Ende Oktober 2017 seine Ausstellungstätigkeit aufnehmen. Inzwischen sind auch noch die Kulturstiftung Zillmer und die Hamburgische Kulturstiftung als Förderer hinzugekommen. Poly Eck Dings hieß die erste Schau, abgeleitet von der molekularen Struktur des Benzolrings, die sich dem Ort

und dem mit ihm verbundenen Themenfeld widmete. Eine große Anzahl Studierender und Absolvent*innen der HFBK Hamburg trug – wegen der kurzen Vorlaufzeit so gut wie spontan – dazu bei. Die meist kleinformatigen Arbeiten zogen sich wie ein luftiges Band über die Wände des großen Raums: gemalte, an Roadmovies erinnernde Palmenlandschaften von Timo Grimm; Seiten aus Pornoheften, aus denen bis auf die Autoreifen alles ausradiert wurde, von Jan Holger Mauss; Bilder von Explosionen von Stef Heidhues. Nach diesem Tribut an den Genius Loci löste sich das Programm davon ab. Die zweite Ausstellung ARTz IV gab sich als »Kunstmesse« aus und sollte zeitlich parallel und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Affordable Art Fair dazu anregen, in künstlerischer Form über das Finanzielle nachzudenken. Das zum Teil überaus humorvolle Experimentieren mit unterschiedlichen Formaten und künstlerischen Arbeitsformen entwickelte sich zu einem besonderen Kennzeichen von Benzene und verband alle zwölf Veranstaltungen des Jahres.


Good Friends, Ausstellungsansicht; Foto: Lena Schramm

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ARTz IV, Ausstellungsansicht; Foto: Lena Schramm 20. – 27. Oktober 2017, Poly Eck Dings, Niklas Arnold, Mathieu Bessey, Martin Bronsema, Julia Fuchs, Kolja Gollub, Timo Grimm, Iris Hamers, Stef Heidhues, Jule Heinzelmann, Shin Kudo, Anik Lazar, Magdalena Los, Karel Masulek, Katsuhiko Matsubara, Jan Holger Mauss, Jon Merz, Benjamin Metzger, Despoina Pagiota, Anselm Reyle, Henrieke Ribbe, Henning Rogge, Tillmann Terbuyken, Harry Thring, Silke Weißbach, André Wnendt | 17. – 19. November 2017, ARTz IV, Utz Biesemann, Felix Boekamp, Tim Ehrich, Amalie Gabel, Paula Hoffmann, Conrad Hübbe, Georg Juranek, Lena Mai Merle, Harry Thring, Xiyao Wang, Wülfing & Will | 15. – 17. Dezember 2017, Soft Skills, Laura Franzmann, Judith Kisner, Magdalena Los | 19. – 28. Januar 2018, In The Spirit Of Sharon Mauricio, David Reiber Otálora, Pablo Schlumberger | 16. – 25. Februar 2018, Bright Disease, André Wnendt, Lena Schramm | 29. März – 5. April 2018, Fuego de la Luna, Paul Sochacki | 20. April – 6. Mai 2018, Good Friends, Vicente Hirmas, Jan Holger Mauss, Bettina Schramm, Lena Schramm | 18. – 27. Mai 2018, Snufo, Mathieu Bessey, Leonid Kharlamov | 27. Mai 2018, Symposion I – Snufo Grill Finissage | 7. Juni 2018, Symposion II – Vin Nature, Weinprobe mit Olaf (Vin Bien) und Lutz (Cook Up)+ artiste surprise | 15. Juli 2018, Symposion III – Destille Losmann, Public Manufacturing mit Paula Erstmann und Magda Los | 3. – 8. August 2018, No Regrets, Jon Merz. Konzept und Idee: Lena Schramm (Prof. Anselm Reyle) | Benzene, Rentzelstraße 36 – 40, Hamburg


Pure Gold. Upcycled! Upgraded!

Entstehung von Instructable #012, Kim Krebeck, Zwille aus Ast und Fahrradschlauch, im Fotostudio der HFBK Hamburg; Foto: Anja Beutler

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Möglichkeiten der Verarbeitung von Wertstoffen zu Produkten erarbeiteten im Wintersemester 2017/2018 Studierende von Julia Lohmann, Professorin für Einführung in das künstlerische Arbeiten im Studienschwerpunkt Design, in einer Workshop-Reihe, die im Zusammenhang mit der Ausstellung Pure Gold. Upcycled! Upgraded! im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe stand. Die Workshops wurden von Prof. Julia Lohmann und den Designerinnen Anja Lapatsch und Annika Unger geleitet. Anschließend wurden die Anleitungen als instructables zum Nachbauen im Internet zur Verfügung gestellt. Dazu setzten die Studierenden die Entstehungsprozesse im Stop-Motion-Verfahren filmisch um. Die in den Workshops entstandene Objekte und Filme der Studierenden wurden der Ausstellung Pure Gold. Upcycled! Upgraded! nachträglich hinzugefügt, die das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums ausrichtet. Im Auftrag des ifa haben Kuratorinnen und Kuratoren

aus sieben Weltregionen die Beiträge ausgewählt: Volker Albus, Frankfurt (für Europa), Adélia Borges, São Paulo (für Lateinamerika), Tapiwa Matsinde, London (für Subsahara-Afrika), Divia Patel, London (für Südasien), Bahia Shehab, Kairo (für Nordafrika/Nahost), Eggarat Wongcharit, Bangkok (für Südostasien) und Zhang Jie, Peking (für Ostasien). Ziel ist es, einen Überblick über experimentelle Fertigungs- und Gestaltungsmethoden bei der Wiederverwertung von Materialien zu geben und sie einem breiten Publikum zu vermitteln. Die Entwürfe diskutieren den Umgang mit Abfall- und Billigmaterialien und zeigen auf, dass Upcycling weder eine minderwertige Produktionsweise darstellt noch als ökologisches Nischenprojekt oder als spezifisch »postmoderne« Strategie zu verstehen, sondern ein weltweit aufgegriffenes Designkonzept der Gegenwart ist. Nach dem Auftakt in Hamburg wird die Schau in den nächsten Jahren an 20 Standorten weltweit zu sehen sein.


Entstehung von Instructable #012, Kim Krebeck, Zwille aus Ast und Fahrradschlauch, im Fotostudio der HFBK Hamburg; Foto: Anja Beutler Vorbereitung von Instructable #008, Anna Manlig, geflochtene Weste aus Textilstreifen; Foto: Anja Beutler 15. September 2017 – 21. Januar 2018, Pure Gold. Upcycled! Upgraded! | Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg | 23. – 24. Oktober 2017, 30. – 31. Oktober 2018, Workshops an der HFBK Hamburg, #004 Sanghyun Cho, Schachspiel aus Korken, #005 Zineb Mahassini, Nora Fahr, Kim Krebeck, Stuhl aus Fahrradteilen, #006 Zineb Mahassini, Nora Fahr, Kim Krebeck, Hannes von Coler, Sitzfläche aus Fahrradschlauch, #007 Youna Ha, Sessel aus Pullover-Würsten, auf zwei Getränkekisten geflochten, #008 Anna Manlig, geflochtene Weste aus Textilstreifen, #009 Philip Peters, Jalousie aus altem Bild- und Papiermaterial, #010 Max König, Pinsel und Stempel, #011 Lara Molenda, Alina Erznkian, Armband aus Leder mit Verzierung aus alten Kabeln, #012 Kim Krebeck, Zwille aus Ast und Fahrradschlauch, #013 Valerio Sampognaro, Mobile Matratze aus Alttextilien. Betreut von Prof. Julia Lohmann | www.mkg-hamburg.de | http://puregold.ifa.de

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Kßnstlergespräch mit Robert Bergmann und Jakob Spengemann, 24. April 2018; Foto: Heike Mutter

Jihie Kim: New Summer Collection, 8. April 2018; Foto: Heike Mutter

Folgendes 340


Aktions- und Gesprächsraum von Espen Melin Hagedorn, 5. Juni 2018; Foto: Heike Mutter

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Mit großer Kontinuität lädt die Reihe Folgendes seit nunmehr zehn Jahren immer dienstags um 18 Uhr zu einer Ausstellung oder Veranstaltung mit anschließendem Gespräch. Unter dem Titel Fotofolgen war das Ausstellungsformat 2008 von Heike Mutter, Professorin für die Einführung in das künstlerische Arbeiten im Studienschwerpunkt Grafik/ Typografie/Fotografie, und Studierenden ins Leben gerufen worden. Gegenüber dem ursprünglichen Ansatz, »das Thema Fotografie von seinen verästelten Rändern und Übergängen zu anderen Medien, künstlerischen Prozessen und Modellen anzugehen«, hat sich die inhaltliche Ausrichtung stetig weiterentwickelt und die Fragestellungen nicht mehr ausschließlich von der Fotografie ausgehend geöffnet. Dementsprechend wurde die Reihe in Folgendes umbenannt. Zu dem angestammten Folgendes-Raum im zweiten Stock des Hauptgebäudes kam der Hörsaal als Schauplatz von Vorträgen und Filmscreenings hinzu. Die Zusammensetzung des Studierenden-Teams verändert sich fließend, und damit auch die thematischen Schwerpunkte.

In diesem akademischen Jahr stellten Robert Bergmann, Espen M. Hagedorn, Jakob Harms, Daniel Hopp, Anna Larsen, Ivy May Müller, Elisa Nessler, Anna Unterstab und Mette Bjørndal Velling das Thema Menschlichkeit und die Bedingungen des Menschseins in den Mittelpunkt, ohne dies ausdrücklich zu betonen. So gab es Vorträge von auswärtigen und internationalen Gästen zu psychologischen Prozessen im Umgang mit humanoiden Robotern (Prof. Dr. Markus Appel), zur Genderkonstruktion in Reality-TV-Shows (Prof. Dr. Joan Bleicher) oder zu den Werkzeugen des Bildhauers (Dr. Jyrki Siukonen). Auch die Beiträge von HFBK-Studierenden, die wie jedes Jahr die Hälfte des Programms ausmachten, beschäftigten sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema. Etwa die Installation von Wiebke Schwarzhans, die den Zusammenhang zwischen synthetischen Düften und Marketing verhandelte. Oder der Aktions- und Gesprächsraum von Espen M. Hagedorn, mit dem er zugleich seiner eigenen Lage als ausstellender Künstler Ausdruck verlieh.

24. Oktober 2017, Björn Beneditz, Gespräch: Michaela Melián | 14. November 2017, tutunmak. sich halten, Performance zum Thema Kollektiv mit Joke Janssen (HFBK Hamburg) und Kanno Akkaya, Nina Enders, Lena Prabha Nising, Francine Toulcanon, Gespräch: Wiebke Schwarzhans | 21. November 2017, Pia Scheiner, Gespräch: Nino Svireli | 12. Dezember 2017, Plastiq (Konzert) | 9. Januar 2018, Prof. Dr. Markus Appel: Zur Psychologie humanoider Roboter, Vortrag | 16. Januar 2018, Wiebke Schwarzhans: New & Lucid, Gespräch: Anne Linke und Marija Petrovic | 23. Januar 2018, Prof. Dr. Joan Bleicher: Ich bin ein Star, holt mich hier raus!, Vortrag | 17. April 2018, Mariam Mekiwi: ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget, Kathrin Dworatzek: Sun of a Beach, Filmgespräch: Helena Wittmann | 24. April 2018, Robert Bergmann, Gespräch: Jakob Spengemann | 8. Mai 2018, Jihie Kim: New Summer Collection, Gespräch: Sevda Güter | 15. Mai 2018, Prof. Irene Hohenbüchler & Klasse | 22. Mai 2018, Dr. Jyrki Siukonen | 29. Mai 2018, Monika Rinck | 5. Juni 2018, Espen M. Hagedorn, Gespräch: Alice Peragine | 19. Juni 2018, Ulf Aminde, Gespräch: Daniel Hopp | www.folgendes.org


Das Vorstudienprogramm Artistic and Cultural Orientation (ACO) für künstlerisch interessierte Geflüchtete konnte im akademischen Jahr 2017/2018 dank der Finanzierung durch den DAAD, die BWFG und die Liebelt-Stiftung fortgeführt werden. Während der Jahres- und der Absolventenausstellung sowie zur Nacht des Wissens im November 2017 zeigten die Teilnehmer*innen ihre Arbeiten und brachten sich aktiv ins Hochschulgeschehen ein. Koordiniert von Sabine Boshamer gibt das Programm mit vier künstlerischen Workshops Einblicke in die Praxis der Studienbereiche Film, Fotografie/Grafik, Malerei/Bildhauerei und Design. Begleitet wird es von fachspezifischen Deutschkursen und der öffentlichen Ringvorlesung Cross-Cultural Challenges mit Gastvorträgen von Künstler*innen, Theoretiker*innen und Kurator*innen, die eine nicht-europäische Perspektive auf das aktuelle Zeitgeschehen und die zeitgenössische Kunst mitbringen. Ziel ist der Austausch und Diskurs über kulturelle Transfers. Seit Beginn des Programms 2016 besteht die Herausforderung darin, Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und mit diversen Bildungsbiografien in ein kontinuierliches Gespräch über künstlerische Frage-

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ACO-Präsentation zur Jahresausstellung 2018, Malerei-Performance von Leila Mousavi; Foto: Imke Sommer

Artistic and Cultural Orientation

stellungen zu bringen. In den Workshops stehen für das gemeinsame Arbeiten in der Gruppe je zwei HFBK-Absolvent*innen und Studierende der HFBK begleitend zur Seite, wobei der Fokus auf den unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen und der künstlerischen Reflexion liegt. Das ACO-Programm bietet die Möglichkeit, Netzwerke in der Stadt zu bilden, auf Exkursionen Kunstinstitutionen kennenzulernen und je nach Voraussetzung an eine künstlerische Ausbildung anzuknüpfen oder ein Kunststudium ganz neu zu beginnen. Mittlerweile haben sich einige ehemalige ACO-Teilnehmer*innen erfolgreich auf einen Studienplatz beworben und studieren – zum Teil sogar mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgestattet – regulär an der HFBK Hamburg. Im akademischen Jahr 2017/2018 widmete sich der Design-Workshop, geleitet von Heike Bühler und Ines Gebhard, dem Thema Sitzgelegenheiten und somit der Gestaltung von kommunikativen Situationen. Dieses anthropologische Grundelement des Zusammenlebens bot zweifelsohne ausreichend Anknüpfungspunkte für die Teilnehmer*innen wie auch, bei der Abschlusspräsentation der Ergebnisse, für die Besucher*innen. So entstand etwa


ACO-Raum zur Absolventenausstellung, im Vordergrund die Folksbank des DesignKurses; Foto: Tim Albrecht

Collage (v.l.n.r.) Weria Ebrahimi, Parichehr Bijani, Mounaf Nofal, Bahareh Talaie Kamalabadi, Dhurgham Ayyed Hashoosh, Shima Zahedi; Einzelfotos: Blandine von Ribbeck; Foto: Tim Albrecht

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Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank und HFBK-Präsident Martin Köttering in der ACO-Ausstellung zur Nacht des Wissens; Foto: Kristina Savutsina

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im Wintersemester der Prototyp eines Sitzkissens, der mit individuellen Mustervarianten genäht und in der Textilwerkstatt bedruckt werden konnte. Der Clou: Durch leichten Druck auf das Kissen wird ein Soundelement aktiviert, das unterschiedliche Klänge wiedergibt, wie zum Beispiel Gesang von Umm Kulthum, Wiener Walzer, Chansons von Charles Aznavour oder deutsche Schlager. Im Sommersemester entstand dann das Sitzmöbel Folksbank, das für einen kommunikativen Gebrauch im öffentlichen Raum prädestiniert ist, weil es ganz unterschiedliche Formen und Richtungen des Sitzens anbietet. Verschiedene Stuhltypen wurden hierfür derart ineinander verschachtelt, dass auch die Verbindungsstücke als Sitz- oder Tischfläche nutzbar sind. Demgegenüber befasste sich der von Markus Lohmann und Kathrin Wolf geleitete Workshop Malerei/Bildhauerei mit dem Themenfeld Kunst, Mode, Subjekt und entwickelte hierzu eine eigene Visualisierungsidee. Gearbeitet wurde mit dem Medium Collage in Rückgriff auf Billigmaterialien, wie etwa Tape und Plastiktüten mit Werbeaufschriften eines Supermarktes. Für die Ausstellung wurden die Entwürfe fotografisch dokumentiert, woraus sich eine spannungsreiche Diskussion unter den Workshop-Teilnehmer*innen über Selbstbild und Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit ergab. Parallel hatte sich der Fotografie-Workshop von Marcia Breuer und Michael Pfisterer das Thema Identität gewählt. Hierfür besuchte die Gruppe unter anderem das Museum für Völkerkunde und die Abteilung Islamische Kunst im Museum für Kunst und Gewerbe, montierte und collagierte später die fotografischen Bilder und arbeitete sowohl grafisch wie fotografisch zum Thema. In den Gesprächen erweiterte sich der Begriff dessen, was

ein gutes Bild abseits von technische Finessen oder klassischen Sujets ausmacht. In der abschließenden Präsentation von Plakatentwürfen und Fotografien fiel denn auch die Zuspitzung auf persönliche Perspektiven ins Auge. Ein zusätzliches Diskussionsforum für die öffentliche transkulturelle Auseinandersetzung an der HFBK boten im Rahmen der Ringvorlesung Cross-Cultural Challenges die Vorträge der Künstlerinnen und Documenta-Teilnehmerinnen Ahlam Shibli und Anna Boghiguian, der Modekünstlerin Ayzit Bostan sowie der Schweizer Fotografin Shirana Shahbazi.

Ringvorlesung Cross-Cultural Challenges 25. Oktober 2017, Ahlam Shibli: Between Trauma and a Negotiated Home | 8. November 2017, Anna Boghiguian | 9. Mai 2018, Ayzit Bostan: Internet | 6. Juni 2018, Shirana Shahbazi. Betreut von Prof. Dr. Michaela Ott, Sabine Boshamer | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Hörsaal


Welcome-Veranstaltung fĂźr die ACO-Teilnehmer*innen, Oktober 2017; Foto: Imke Sommer

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Vortrag von Ahlam Shibli im Rahmen der Ringvorlesung Cross-Cultural Challenges; Foto: Imke Sommer


Kochwerkstatt in der Finkenau 42; Foto: Imke Sommer

Kochwerkstatt 346


Prof. Adam Broomberg, Prof. Christoph Knoth (beide HFBK Hamburg) und Prof. John Morgan (Kunstakademie Düsseldorf) in der Kochwerkstatt

Das Interimsgebäude in der Finkenau 42 spielte bereits im letzten Jahr während der Festwoche zum 250. Jubiläum der HFBK eine zentrale Rolle. Unter dem Titel ASA@work fanden hier die gemeinsamen Workshops der HFBK-Studierenden mit den ASA-Partnerhochschulen statt. Die damaligen Gastprofessoren Koral und Onur Elci von der Kitchen Guerilla sorgten – unterstützt durch Studierende – nicht nur für das leibliche Wohl der ASA-Gäste, sondern verwandelten den Festivalgarten in das kommunikative und kulinarische Zentrum der gesamten Jubiläumswoche. Zum Wintersemester 2017/2018 hat die HFBK Hamburg die Küche modernisiert, technisch ausgestattet und als Austragungsort für Veranstaltungen innerhalb der Lehre in Betrieb genommen. In der neu etablierten Kochwerkstatt können gemeinsames Kochen, Essen und kunstspezifische Gespräche in den Hochschulalltag eingebunden werden. Für die Lehrenden eröffnet sich mit der Kochwerkstatt die Möglichkeit, ihre spezifischen Lehrformate in einen Kontext zu stellen, der in besonderem Maße soziale und kommunikative Momente zulässt. Zudem können auf diese Weise die performativen und gestalterischen Elemente, die der Speisenzubereitung innewohnen, erfahrbar gemacht und für die künstlerische Praxis vertiefend untersucht wer-

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den. So fand das Lehrangebot von Miko Hucko zu Kunst Computer Anarchie im Sommersemester 2018 komplett in der Kochwerkstatt statt – ein sicherlich ungewöhnlicher Ort für ein computertheoretisches Seminar. Und passend zum Titel Der offene Mund fand die von Prof. Annika Larsson konzipierte Veranstaltungsreihe im Sommersemester ebenfalls in der Kochwerkstatt statt. Auch konnten dort studentische Projekte realisiert werden: Mara Ittel (Prof. Michaela Melián) zeichnete hier ihre Bachelor-Abschlussarbeit The Cooking Fashion Show auf. In jeder Episode wurde eine von ihr entworfene Schürze in Szene gesetzt und ein dazugehöriges Essen oder ein Getränk zubereitet. Die Kochwerkstatt ist nicht nur Inspirationsort und Atelier, sondern auch gleichzeitig die Produktionswerkstatt.

Gemeinsames Essen nach dem Symposium der Klasse Grafik von Prof. Ingo Offermanns; Foto: Imke Sommer

Nutzung der Kochwerkstatt (Auswahl) 4. November 2017, ACO – Artistic and Cultural Orientation | 17. Januar 2018, Prof. Ingo Offermanns, Workshop Discovered | 21. Januar 2018, Filmdreh Bilge Aksac (Prof. Michaela Melián) | 30. Januar 2018, Filmdreh Elisa Nessler (Prof. Michaela Melián) | 11./26. April, 3./17./24. Mai, 21. Juni 2018, Miko Hucko, Seminar Kunst Computer Anarchie | 29. April, 19./25./30. Mai, 16./23. Juni, 9. Juli 2018, Filmdreh Mara Ittel (Prof. Michaela Melián) | 14. Mai 2018, Klasse Prof. Annika Larsson, Mona Rizaj | 22. Mai 2018, Klasse Prof. Pia Stadtbäumer | 28. Mai 2018, Klasse Prof. Annika Larsson: Der offene Mund | 6. Juni 2018 | Studio Experimentelles Design (Prof. Jesko Fezer) zum Abschied von Prof. Marjetica Potrč und Prof. Julia Lohmann | 8 Juni 2018, ANna Tautfest, Blockseminar der Promovend*innen | 26. Juni 2018, Klasse Prof. Justin Liebermann | 5. Juli 2018, Klasse Prof. Michaela Melián | 10. Juli 2018, Klasse Prof. Justin Liebermann | 12. Juli 2018, Prof. Dr. Hanne Loreck, Seminar der Promovend*innen | 15. Juli 2018, Klasse Prof. Jeanne Faust | HFBK Hamburg, Kochwerkstatt


Materialverlag zu Gast in der Hamburger Kunsthalle

Präsentation des Materialverlags in der Hamburger Kunsthalle; Foto: Edward Greiner

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1. Dezember 2017 – 2. April 2018, Künstlerbücher. Die Sammlung, Marina Abramovic / Ulay, Joseph Beuys, Bernhard Johannes Blume, Claus Böhmler, Werner Büttner, Hanne Darboven, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Lawrence Weiner u. a.; Präsentation des Materialverlags der HFBK Hamburg. Betreut von Prof. Wigger Bierma, Dr. Andrea Klier, mit Unterstützung von Ralf Bacher und Horst Krause | Hamburger Kunsthalle | www.hamburger-kunsthalle.de


Ortspezifische Arbeit von Natalie Andruszkiewicz an der Fensterfront der Hamburger Kunsthalle; Foto: HFBK

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Die Ausstellung Künstlerbücher. Die Sammlung, die vom 1. Dezember 2017 bis 2. April 2018 in der Hamburger Kunsthalle präsentiert wurde, versammelte ausgewählte Objekte von den 1960er Jahren bis heute, die stellvertretend für die Vielseitigkeit dieser Kunstgattung stehen. Das Medium Buch wird von Künstler*innen keineswegs nur eingesetzt, um Arbeitsprozesse zu dokumentieren, Ausstellungen zu katalogisieren oder Manifeste zu publizieren. Sie machen sich das Medium Buch zur Erschaffung ganz autonomer Werke zu eigen, auch wenn die meisten leider nur in den Bücherschränken von Fachbibliotheken – oder, wie in der Ausstellung, in Vitrinen – zu finden sind. Dabei wollen sie geblättert, erfasst, erfahren und berührt werden. Sie wollen – ja müssen – erlebt und vor allem aufgeschlagen werden. Dazu hatten die Besucher*innen am Ende des Rundgangs Gelegenheit. Im Rahmen der Ausstellung war der Materialverlag der HFBK Hamburg eingeladen, eine Auswahl seines umfangreichen Programms vorzustellen. Dafür hatte Prof. Wigger Bierma ein spezielles Präsenta-

tionsdisplay entwickelt, auf dem ausgewählte Künstlerpublikationen auslagen, die die Besucher*innen zum Lesen und Blättern einluden. Sie vermittelten einen Eindruck vom breiten Spektrum der Publikationstätigkeit des hochschuleigenen Verlags, verdeutlichten die formalen und ästhetischen Möglichkeiten des Mediums. Flankiert wurden die Künstlerbücher von mehreren Freiexemplaren. In dieser Reihe werden auf Vorschlag von Studierenden und Lehrenden Texte veröffentlicht, die der interessierten Hochschulgemeinschaft – grafisch anspruchsvoll aufbereitet – zur Verfügung gestellt werden. Damit wird eine Tradition des seit 1972 bestehenden Materialverlags aufgegriffen, der seine Veröffentlichungen als die Lehre unterstützendes »Material« versteht. Ergänzt wurde die Präsentation durch eine Intervention der Grafik-Studentin Natalie Andruszkiewicz, die die Fenster des Ausstellungsraums mit einem Folienmotiv beklebte, das die Assoziation mit aufgeschlagen Seiten eines Buches zuließ und gleichzeitig mit innen und außen spielte.


Der offene Mund

Der offene Mund No. 2: Open Stage; Foto: Annika Larsson

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Studierende der Klasse von Annika Larsson, seit Oktober 2017 Professorin für Einführung in das künstlerische Arbeiten, organisierten im akademischen Jahr 2017/2018 die Veranstaltungsreihe Der offene Mund mit dem Ziel, einen Raum für Experimente und Sozialisation zu schaffen. Das Bild des offenen Mundes sollte dabei für neue Begegnungen in Kombination mit Essen, bekannten und unbekannten Stimmen, Geräuschen, Geschichten, Bildern und Menschen stehen. Die erste Veranstaltung verwandelte die Aulavorhalle des Hauptgebäudes am Lerchenfeld in eine performative Installation mit virtuellem Lagerfeuer, Speisen und Getränken, einem Livekonzert von der Empore und raumgreifenden Projektionen zum gesamten Themenfeld des Oralen. Die Suppe gab es allerdings nicht einfach so, es mussten sich immer vier Personen zusammentun, um sie gemeinsam auszulöffeln. Ebenso wurden die zur Veranstaltung passend mit einem Foto der Aulavorhalle gelabelten Weinflaschen nur an spontan zusammengefundene Gruppen ausgegeben. Alle Gäste waren aufgefordert, ihr

Smartphone zur Verfügung zu stellen, um aus vielen kleinen Lagerfeuern ein großes zu bilden. Die zweite Veranstaltung war eine Open Stage in der Aula des Nebengebäudes Wartenau 15. Mit kreisförmig aufgestellten Sitzgelegenheiten wurde die Mitte des Raumes zu einer Arena für ein offenes Performance-Programm. Im Sommersemester 2018 lud die Klasse dann zu Aal in Bordeaux à la Balzac in die Kochwerkstatt im Gebäude Finkenau 42. Aale gab es aber nur in Form von Videoclips. Stattdessen konnten die Gäste aus einer Karte zwischen »Tomatenreis«, »Zucchinireis« und »Risi e Bisi« wählen. Allerdings musste man sich die jeweils den Unterschied ausmachende Zutat – Tomaten, Zucchini, Erbsen – dazudenken. Dabei halfen in Briefumschlägen mitgelieferte, poetisch-absurde Beschreibungen der Sinneseindrücke beim Essen dieser Speisen. Hier stand die Frage im Mittelpunkt, wie weit man etwas reduzieren kann, damit es noch ist, was es ist. Und ob sich über die Reduktion nicht ein Raum für etwas anderes öffnet.


Der offene Mund No. 1: Lagerfeuer, Wein und Suppe; Foto: Annika Larsson

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Der offene Mund No. 1: Lagerfeuer, Wein und Suppe; Foto: Annika Larsson

4. Dezember 2017, Der offene Mund No. 1: Lagerfeuer, Wein und Suppe, Performance von Konstantin Unwohl | 6. Februar 2018, Der offene Mund No. 2: Open Stage, Moderation: Ilo Toivio; Performances: Jenny-Francis Kussatz, Rahel Grote Lambers, Frederik Vium, Frank Koenen, Ilo Toivio, Nikita Kotliar | 28. Mai 2018, Der offene Mund No. 3: Aal in Bordeaux à la Balzac. Betreut von Prof. Annika Larsson | HFBK Hamburg, Aula, Aulavorhalle, Kochwerkstatt | www.hase-ente.org


Art School Alliance

Open Studios im Juni 2018, Arbeiten von Xiyao Wang und Rosie Dowd-Smyth; Foto: Imke Sommer

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Die Open Studios in den Wohnateliers der Art School Alliance (ASA) machen das 2010 begonnene internationale Austauschprogramm zwei Mal im Jahr für die Hamburger Öffentlichkeit sichtbar und erfahrbar. Jeweils im Winterund im Sommersemester laden die Stipendiat*innen und ihre Hamburger Pat*innen zu einer gemeinsamen Ausstellung ein, die nach der Eröffnung noch das ganze anschließende Wochenende zu sehen ist. Interessierte Besucher*innen haben also genug Zeit, die Ausstellung anzusehen und mit den Stipendiat*innen ins Gespräch zu kommen. Im Sommersemester lohnte sich dies besonders, weil allen Beteiligten eine besonders schlüssige, aufeinander abgestimmte Ausstellung gelungen war, die sowohl die Unterschiede als auch die Korrespondenzen in den Arbeiten über vier Stockwerke modulierte. Die Birnen-Männchen von Rosie Dowd-Smyth (London), die ihrer Auseinandersetzung mit der Figur des Père Ubu von Alfred Jarry entsprungen waren (Birne = engl. pear, sprich: père), fanden plötzlich Entsprechung in einer textilen Arbeit von Hélène

Padoux (Paris). Und die unheimlichen, raumgreifenden Beton-Skulpturen von Yongchao Hu (Hangzhou) traten in einen Dialog mit den konzeptuellen Fotoarbeiten von Natalia Leginowicz (Boston). Das ASA-Programm der HFBK Hamburg wird ermöglicht durch die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., mit Unterstützung durch die Karl H. Ditze Stiftung. Die Gäste studieren während ihres einsemestrigen Aufenthalts in den Klassen ihrer jeweiligen HFBK-Pat*innen. Darüber hinaus finden Tutorials mit Professor*innen der Hochschule in den ASA-Studios statt, sowie ein Besuch von externen Kunstwissenschaftler*innen und Kurator*innen pro Semester. Janneke de Vries, Direktorin der Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen (GAK), und Stefanie Kleefeld, Künstlerische Leiterin der Halle für Kunst Lüneburg, besuchten in diesem akademischen Jahr die Stipendiat*innen. Zu dem wachsenden Netzwerk der Art School Alliance gehören mittlerweile zwölf internationale Partnerhochschulen.


Open Studios im Dezember 2017, Installation von Shira Lewis; Foto: Imke Sommer

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7. – 10. Dezember 2017, Eröffnung: 6. Dezember 2017, Open Studios der Art School Alliance, Tizian Baldinger (HFBK Hamburg), Rosie Dowd-Smyth (Goldsmiths, University of London), Vienna Gist (CalArts, Los Angeles), Leonie Kellein (HFBK Hamburg), Maximilian Kolten (Akademie der bildenden Künste Wien), Shira Lewis (HFBK Hamburg), Cecilie Nørgaard (Akademie der bildenden Künste Wien), Hélène Padoux (École nationale supérieure des beaux-arts de Paris), Violeta Paez Armando (Goldsmiths, University of London), Mara-Madeleine Pieler (HFBK Hamburg), Eva Quetglas (Universidad del Cine, Buenos Aires), Stella Sieber (HFBK Hamburg), Erzhuo Zhao (China Academy of Art, Hangzhou) | 29. Juni – 1. Juli 2018, Eröffnung: 28. Juni 2018, Open Studios der Art School Alliance, Rosie Dowd-Smyth (Goldsmiths, University of London), Yongchao Hu (China Academy of Art, Hangzhou), Mara Ittel (HFBK Hamburg), Thea Käszner (HFBK Hamburg), Natalia Leginowicz (School of the Museum of Fine Arts, Tufts University, Boston), Yifan Lin (China Academy of Art, Hangzhou), Vanessa da Matta Heeger (Universidad del Cine, Buenos Aires), Hélène Padoux (École nationale supérieure des beaux-arts de Paris), Violeta Paez Armando (Goldsmiths, University of London), María Paris (École nationale supérieure des beaux-arts de Paris), David Reiber Otálora (HFBK Hamburg), Roxana Reiss (HFBK Hamburg), Oliver Riedel (Akademie der bildenden Künste Wien), Pia Schmikl (HFBK Hamburg), Xiyao Wang (HFBK Hamburg) | Art School Alliance Wohnateliers, Karolinenstraße 2a, Hamburg

Open Studios im Juni 2018, Installation von Yongchao Hu und Fotoarbeit von Natalia Leginowicz; Foto: Imke Sommer


art letter home – artist manuscript exhibition, Ausstellungsansicht; Foto: Birgit Brandis

Künstlerische Manuskripte – eine Ausstellung internationaler Studierender in Hangzhou 354


art letter home – artist manuscript exhibition, Ausstellungsansicht; Foto: Birgit Brandis

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Im Dezember 2017 hatten fünf Studierende der HFBK Hamburg die Möglichkeit, in Hangzhou (China) an der Ausstellung von internationalen Studierenden in den Ausstellungsräumen der China Academy of Art (CAA) teilzunehmen. Das Thema der Ausstellung art letter home – artist manuscript exhibition ließ sich nicht nur wörtlich übersetzt als Künstlerbriefe an die Heimat verstehen, sondern bezog sich im weitesten Sinne auf Manuskripte, Skizzenbücher, Zeichnungen und jede Art von künstlerischem Entwurf. Insofern herrschten Arbeiten auf Papier vor, die zeichnerisch das Medium abstrakt oder auch klassisch ausloteten. Auch das Skizzenbuch wurde sehr weit gefasst. Zu sehen waren zudem Druckgrafiken und Collagen, darunter die Monotypien von Paula Loeding (Prof. Werner Büttner), piktogrammartige Kohlezeichnungen, durch deren jeweiligen Abdruck sie eine 24-teilige Bildserie erzeugt, bis hin zur Auslöschung der ursprünglichen Zeichnung. Judith Kisner (Prof. Jutta Koether) zeigte als installatives Element ein Kissen, um das sich eine Sammlung von übermalten und überzeichneten gefundenen Bildern und

Fotografien ausbreitete, die vom Betrachter durchgeblättert werden durften. Echte Entwurfsskizzen mit der Vorarbeit zu einer geplanten Performance zeigte Tizian Baldinger (Prof. Anselm Reyle). Von Karim Reyle (Prof. Werner Büttner) waren Hochdrucke von gefundenen Holzstücken zu sehen, Elisabeth Moch (Prof. Werner Büttner) zeigte ein malerisches Experiment auf Glasfaser, Xiao Wang (Prof. Werner Büttner) Kreide-Zeichnungen. So war schon durch die HFBK-Beiträge ein großes Spektrum an Möglichkeiten abgedeckt, mit dem offenen Thema umzugehen. Parallel zur Ausstellungsvorbereitung fand ein dreitägiges Symposium statt, bei dem Professor*innen aus Hangzhou und die Lehrenden, die von drei Partnerhochschulen mit Studierenden angereist waren, Vorträge zum selben Thema hielten. Im Anschluss fanden zahlreiche Diskussionen zu der Frage statt, wie Kunst gelehrt werden kann, wie sich die chinesische von der westlichen Herangehensweise unterscheidet und wo sich Parallelen finden lassen. (Birgit Brandis)

8. – 13. Dezember 2017, art letter home – artist manuscript exhibition, Tizian Baldinger, Judith Kisner, Paula Loeding, Elisabeth Moch, Karim Reyle, Xiao Wang u. a. Betreut von Birgit Brandis | China Academy of Art (CAA), Hangzhou


Galerie der HFBK

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The Xmas Show, 14. Dezember 2017; Foto: Daniel Butowski

Konzeptionell wird das Programm der Galerie der HFBK für jeweils ein Semester von einem studentischen Team gestaltet. Das war in diesem akademischen Jahr anders. Aus dem Seminar Kuratorische Praxis und Theorie unter Leitung von Prof. Martin Köttering gingen diesmal keine festen Kurator*innen-Teams hervor, sondern einzelne Ausstellungsprojekte oder Teams, die kürzere Reihen kuratierten. Dadurch war die Galerie offen für spontane, kurzfristig geplante Veranstaltungen, von einem Performanceabend im Format einer Weihnachtsgala im Dezember 2017 bis zu einer zweiten Galerie in der Galerie im Juni 2018. Zum Abschluss des Sommer-Programms fand in der Galerie der Auftakt eines neuen Veranstaltungsformats statt. Im Rahmen von Ask The Gallerist werden künftig je ein Galerist oder eine Galeristin einen zweiteiligen, hochschulöffentlichen Workshop geben. Den Anfang machte am 19. Juni 2018 Philipp Haverkampf, bis 2017 langjähriger Partner bei Contemporary Fine Arts, inzwischen selbstständig mit einer eigenen Galerie in Berlin-Charlottenburg,

der zunächst über seinen Werdegang als Galerist sprach und Fragen der Studierenden beantwortete. Anschließend besprach er in der Galerie mit einer Gruppe von Studierenden ihre Arbeiten. Die von Gaia Bobò, Erasmus-Studentin von der Accademia delle belle Arti in Rom, kuratierte Ausstellung ICH Intangible Cultural Heritage war das erste von zwei Projekten, die über einen Open Call zur Teilnahme aufriefen. Das immaterielle Kulturerbe umfasst (nach Definition der UNESCO-Konvention zum Schutz des Welterbes) »Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die dazugehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume […], die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.« Das Immaterielle schlägt in dieser Definition eine Brücke zwischen verschiedenen singulären und kollektiven kulturellen Identitäten. Und befindet sich zugleich in einem Spannungsverhältnis mit der materiellen Kultur, über die es Ausdruck findet und


ICH Intangible Cultural Heritage, Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Christiany Erler (links) und Filipe Lippe (rechts); Foto: Michał Szaranowicz

erfahrbar wird. Über diese Ambivalenzen auch in Bezug auf die eigene künstlerische Praxis nachzudenken, war die Idee dieser Ausstellung. »A farewell to language, body of time, poetic harmony, mockery through art, dividuation, dystopia, spaceship in dream, matrix of painting, bastard child of the images, participation, elastic architecture, rhizome, fragility, heartbreak, abject of subjects, chaos, meditation, fluidity, Joseph Kosuth, Beuys, Harald Szeemann, Sohorab Rabbey drinking cold Brazilian Papaya with artists ... and spinning of the universe.« Der Text des Open Call, mit dem Sohorab Rabbey, HFBK-Student im 4. Semester, zur Teilnahme an

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seinem Projekt Tautology aufrief, lässt sich weder zusammenfassen noch übersetzen, er muss zitiert werden. Zwölf Teilnehmer*innen fanden durch den Aufruf zusammen, trafen sich über zwei Monate regelmäßig in der Galerie und debattierten einen Kanon von Fragen zur zeitgenössischen visuellen Kultur. Das Konzept der Tautologie stand hier für eine Umkehrung des dividuellen Prozesses der Ausstellungsentstehung in einen gemeinschaftlichen Denkprozess – aus dem dennoch individuelle Arbeiten hervorgingen, die in einer Ausstellung gezeigt wurden. Anne Pflug, Hanna Schönhof und Darja Shatalova definierten mit der B-Galerie einen zweiten Raum innerhalb

ICH Intangible Cultural Heritage, Or would you rather be a fish?, Installation von Agnieszka Mastalerz und Michał Szaranowicz; Foto: Michał Szaranowicz


Tautology, Besucherinnen in der Installation von Julia Romas; Foto: Victor Cano Toledo

Other Site, b-galerie, Yi Li, Zero Player, Installation; Foto: Anne Pflug

der Galerie, der sich nach außen wandte. Das Glasfenster der Galerie wurde nach innen so umbaut, dass es zu einem Schaukasten wurde. Diese Setzung sollte einen temporären Möglichkeitsraum für die Präsentation künstlerischer Positionen schaffen, der diesen im wahrsten Sinne des Wortes einen Rahmen gibt. Alle in der Reihe Other Site präsentierten Künstler*innen mussten Wege finden, mit dem begrenzten und durch ein Glasfenster determinierten Raum umzugehen. Diese Vorgabe führte dazu, dass die Beteiligten sich auf prozessuale und performative Konzepte einlassen konnten, die auch bei einem flüchtigen Vorbeige-

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hen als dreidimensionale Tableaux Vivants im Gedächtnis hängen blieben. Unvergesslich sind auch die Abende, die der Super Supper Club in den Galerieräumen veranstaltete. Die Studierenden Jil Lahr und Cornelius Altmann sowie HFBK-Volontärin Fiona Grassl reagierten mit ihrem Konzept des Super Supper Clubs, dem jeder, der Interesse hatte, beitreten konnte, auf den großen Bedarf an Vernetzung und Austausch, gerade auch von Studierenden unterschiedlicher Generationen. Das gemeinschaftliche Zubereiten von Speisen in der Galerie der HFBK sollte den Rahmen und den Anlass dazu bieten. In Veranstaltungen wie Buffet Volonté oder Fruitscapes vermischten sich individuelle künstlerische Praxis und kollektive Performance. Im Wettstreit um das schönste Butterbrot oder die beste Nachahmung eines Landschaftsgemäldes aus Früchten wurden die Grenzen von Kunst und Essen sowie von Ausstellung und Alltag verwischt und die Kommunikation gefördert, ohne dass dies als Ziel explizit genannt werden musste. Und wenn er nicht versiegt ist, dann sprudelt der Schokoladenbrunnen, der bei Fruitscapes zum Einsatz kam, noch immer.


Other Site, b-galerie, Manuel Funk, Editorial Display, Installation und Performance; Fotos: Anne Pflug

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Other Site, b-galerie, Darja Shatalova, VorĂźbergehend, Performative Installation


Super Supper Club: Fruitscaps; Foto: Jil Lahr

Ask The Gallerist, Philipp Haverkampf (Mitte) bespricht mit Studierenden ihre Arbeiten; Foto: Imke Sommer

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Super Supper Club: Buffet Volonté; Foto: Jil Lahr

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14. Dezember 2017, The Xmas Show, Performance: Marvin Moïses Almaraz Dosal, Leyla Yenirce & Hye-Eun Kim, Stella Sieber, Tanja Nis-Hansen & Niclas Riepshoff, L Twills (Lila-Zoe Krauß), MC Vienna Gist & Astrid Kajsa Nylander | 30. Januar – 1. Februar 2018, Eröffnung: 29. Januar, ICH Intangible Cultural Heritage, Christiany Erler, Filipe Lippe, Adrian Lopez, Sofia Mascate, Agnieszka Mastalerz / Michał Szaranowicz, Kevin Westphal, Gaspar Willmann, kuratiert von Gaia Bobò | 23. Mai 2018, Super Supper Club: Buffet Volonté | 31. Mai – 2. Juni 2018, Eröffnung: 30. Mai 2018, Tautology, Belia Brückner, Xin Cheng, Jeremias Cordes, Christiany Erler, Catalina Gonzalez, Rizki Lazuardi, Sohorab Rabbey, Julia Romas, Cristina Rüesch, Darja Shatalova, Ilo Toivio, Victor Cano Toledo, kuratiert von Sohorab Rabbey | 6. Juni 2018, Super Supper

Club: Fruitscapes | 4. – 24. Juni 2018, Other Site, B-Galerie, Manuel Funk, Editorial Display, Installation, Performance, (4. – 9. Juni 2018), Yi Li, Zero Player, Installation (10. – 14. Juni 2018), Nikita Kotliar, Wind machen, Installation, Performance (15. – 19. Juni 2018), Darja Shatalova, Vorübergehend, performative Installation (20. – 24. Juni 2018), kuratiert von Anne Pflug, Hanna Schönhof, Darja Shatalova | 19. Juni 2018, zweiteiliger Workshop mit Philipp Haverkampf (Haverkampf Gallery, Berlin) und Prof. Martin Köttering, Teil I – Vorstellung Haverkampf Gallery, Teil II – Philipp Haverkampf in der Galerie der HFBK. Betreut von Prof. Martin Köttering | Galerie der HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2


Relaunch HFBK-Website

Ansicht der neuen Website hfbk-hamburg.de; Screenshot

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Im Dezember 2017 ging die neue Webpräsenz der HFBK Hamburg online. Nach ausführlicher Recherche und vielen Gesprächen mit Vertreter*innen der unterschiedlichen Zielgruppen entwickelten die (ehemaligen) Grafik-Studierenden von Prof. Ingo Offermanns, Jana Reddemann und David Liebermann, zusammen mit dem Gastprofessor Stefan Wunderwald ein experimentelles und innovatives Gestaltungskonzept. Die neue Website präsentiert die verschiedenen Inhalte ohne festgelegte Menüstruktur gleichberechtigt nebeneinander und ermöglicht eine sich ständig aktualisierende Seite. Im Vordergrund stehen die künstlerisch-wissenschaftlichen Projekte von Lehrenden und Studierenden und nicht die administrativen Informationen über die Institution. Diese treten hinter den inhaltlichen Aspekten zurück und sind gezielt nur über eine speziell entwickelte Suchfunktion zu finden. Damit reagiert die HFBK Hamburg auf eine generelle Entwicklung des Nutzerverhaltens im Netz, welches immer mehr von Suchmaschinen

bestimmt wird und ein schnelles und gezieltes Auffinden der Informationen ermöglicht. Herzstück der Seite ist das zentrale Suchfeld, welches von den Besucher*innen der Seite Interaktion und Eigeninitiative verlangt. Damit greift die Website eine Haltung auf, die stellvertretend für die gesamte HFBK steht. Ausgewählte inhaltliche Beiträge werden auf der Startseite zeitverzögert angeboten, es dominieren vor allem Textfelder, die die Bilder erst nach Aktivität der Nutzer*innen preisgeben. Die grafische Gestaltung der Website nimmt sich sehr zurück, um den diversen künstlerischen Positionen keine eigene Form entgegenzusetzen. Neben den redaktionell ausgewählten Beiträgen der unterschiedlichen Social-Media-Kanäle (u. a. rhizome.hfbk.net) sind die zahlreichen Satelliten-Seiten der Studienschwerpunkte über RSS-Feeds in die neue Website eingebunden. Dadurch wird der gesamte Kosmos der HFBK auf der Website zentral zusammengeführt und die Vielfältigkeit sichtbar.


Ansicht der neuen Website hfbk-hamburg.de; Screenshot

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16. Dezember 2017, Relaunch www.hfbk-hamburg.de, grafisches Konzept: David Liebermann und Jana Reddemann (HFBK-Absolvent*innen von Prof. Ingo Offermanns), Prof. Stefan Wunderwald, technisches Konzept: Alexander Klosch, Jana Reddemann, Realisation: BitExpert, Bertrand Bordage Ansicht der neuen Website hfbk-hamburg.de; Screenshot


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Dirk Meinzer, Anne Thurmann-Jajes, Jan Wenzel, Petra Roettig, Markus Dreßen, John Morgan (v.l.) auf der Podiumsdiskussion am 19. Januar 2018 in der HFBK Hamburg; Foto: Tim Albrecht

Forschungskooperation Discovered

Künstlerische, experimentell gestaltete Bücher haben es in Deutschland nicht leicht. Eine Initiative von Grafik- und Typografie-Lehrenden und des Materialverlags der HFBK Hamburg, der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart und dem in Leipzig ansässigen Kunstbuchverlag Spector Books will diesem Missverhältnis etwas entgegensetzen. Die Forschungskooperation Discovered hat zum Ziel, die Entwicklung künstlerisch oder gestalterisch innovativer Publikationen von Studierenden zu fördern, legt also den Schwerpunkt ganz bewusst auf den künstlerischen und gestalterischen Nachwuchs. Bei den geplanten Treffen, die jeweils an einer der beteiligten Hochschulen stattfinden, werden neben studentischen Projekten grundsätzliche Fragen zur Rolle des Buches und der Buchgestaltung erörtert, die sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung und des globalen gesellschaftspolitischen Wandels immer wieder neu stellen. Den Studierenden bietet die Forschungskooperation allerdings weit mehr als eine eventuelle Publikation:

Sie haben die Chance, ihre Projekte in einem kleinen Kreis internationaler Expert*innen zu diskutieren und sich mit Künstler*innen und Grafiker*innen verschiedener Kunsthochschulen zu vernetzen. Das Auftakttreffen fand im Januar 2018 an der HFBK Hamburg statt (als Gast dabei war auch John Morgan, Professor für Entwurf, Typografie und Buchkunst an der Kunstakademie Düsseldorf). In einem gemeinsamen Workshop stellten sich ausgewählte studentische Buchprojekte der beteiligten Hochschulen vor, von denen drei für eine mögliche Veröffentlichung bei Spector Books ausgewählt wurden. Den Abschluss der zweitägigen Veranstaltung bildete die öffentliche Paneldiskussion, die der nicht leicht zu beantwortenden Frage nachging, ob Grafikdesigner*innen Künstlerbücher besser machen. Ungeachtet aller Differenzen waren sich die Podiumsteilnehmer*innen einig, dass ein Ende der Künstlerbücher – trotz oder gerade auch wegen der Digitalisierung – nicht zu erwarten ist.


Workshop der Forschungskooperation School Books an der HFBK Hamburg am 18. und 19. Januar 2018; Foto: Tim Albrecht

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Mitglieder der Forschungskooperation Discovered: Ludovic Balland (Professor für Typografie, HGB Leipzig), Wigger Bierma (Professor für Typografie, HFBK Hamburg), Andrea Klier (Materialverlag der HFBK Hamburg), Uli Cluss (Professor für Kommunikationsdesign, Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart), Markus Dreßen (Professor für Grafikdesign, HGB Leipzig), Ingo Offermanns (Professor für Grafik, HFBK Hamburg), Jan Wenzel (Spector Books) | 19. Januar 2018, The Future Book: Machen Gestalter*innen Künstlerbücher besser?, Podiumsdiskussion anlässlich der Vergabe der Spector Books Buchförderung mit Markus Dreßen, Dirk Meinzer, John Morgan, Dr. Anne Thurmann-Jajes, Jan Wenzel, Moderation: Dr. Petra Roettig | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2


24 Grains

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Unter dem Titel 24 Grains zeigte die Grundklasse Film der HFBK Hamburg im Februar 2018 ihre im ersten Studienjahr bei Prof. Katharina Pethke entstandenen Filme als eigenständiges Programm in einem Kinosaal. Was an diesem Abend im Metropolis Kino als vielfältige und authentische Auseinandersetzung mit den technischen und inhaltlichen Möglichkeiten des 16-mm-Analogfilms sichtbar wurde, hatte seinen Anfang in den 120 Metern Schwarzweißfilm (etwa 10 Minuten Filmlänge bzw. Rohmaterial) genommen, die jede/r Student*in zu Beginn des Studiums erhält. Aus ihnen werden im Laufe von zwei Semestern Filme. Gerade weil digitale Aufzeichnungsverfahren den analogen Schmalfilm weitgehend verdrängt haben, hält Katharina Pethke es für essenziell, dass künftige Filmemacher*innen sich am Anfang ihrer Ausbildung den Herausforderungen eines Materials stellen, das teuer ist, keine Fehler verzeiht und eine genaue Planung der Dreharbeiten erfordert. Sie fügte der – in theoretische Seminare und praktische Übungen eingebetteten – Aufgabe, sich mit 16-mm-Film

Dominik Zurowski, 1 und 0; Filmstill

3. Februar 2018, 24 Grains, mit Filmen von Amir Abootalebi, Paerhuzate Anniwaer, Pavlo Dalakishvili, Gloria Endres de Oliveira, Jiaxuan He, Caroline Hellwig, Katja Izmestyeva, Eunju Jang, Maxim Lequeux, Maximilian Mundt, Victor-Dario Pfannmöller, David Ronner, Nicolás Santana, Philipp Schuisdziara, Seda Seifert, Kuno Seltmann, Aspasia Siokou, Edis Sipal, Annett Stenzel, Nana Xu, Leyla Yenirce, Zacharias Zitouni, Dominik Zurowski. Betreut von Prof. Katharina Pethke | Metropolis Kino, Hamburg | www.metropolis-kino.de

zu beschäftigen, noch zwei weitere Anforderungen hinzu: Es darf keine sichtbaren Dialoge geben, und es darf keine Musik verwendet werden. Die Einschränkungen sollen dazu auffordern, über die Verwendung von Bild und Ton nachzudenken. Und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, wozu auch gehört, die für das filmische Arbeiten notwendige Teamarbeit mit wechselnden Positionen kennenzulernen. Gedreht wurde in der vorlesungsfreien Zeit. Im zweiten Semester folgte die intensive Auseinandersetzung mit Bild und Ton sowie verschiedenen Stadien der Montage des inzwischen digitalisierten Filmmaterials. Bezüglich des Tons und des Nachvertonens kooperierte Prof. Katharina Pethke mit Prof. Thomas Görne von der HAW Hamburg. Einige der Filme schafften es durch das Screening auch auf international angesehene Festivals, wie etwa der Kurzdokumentarfilm Mauerrufe von Katharina Bintz (Kamera: David Ronner), der auf dem Internationalen Kurzfilmfestival in Hamburg und beim Vision du Réel in Nyon lief.


Zacharias Zitouni, Stempelfarbeflecken; Filmstill Caroline Hellwig, Schwester; Filmstill

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Seda Seifert, Spiegelung; Filmstill


TR.I.P.

YL Sueh, Rapture II (Finnegans Wake Revisited), Performance; Foto: David Reiber Otálora

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Zur HFBK-Jahresausstellung im Februar 2018 verwandelte die Klasse von Michaela Melián, Professorin für Mixed Media/Akustik, den Raum 11 im Hauptgebäude am Lerchenfeld in ein ungewöhnliches Reisebüro. Es repräsentierte das Klassenprojekt TR.I.P., das mit einer Ausstellung und zwei performativen Rundgängen über das Friedhofsgelände in Hamburg-Ohlsdorf abgeschlossen wurde. Besucher*innen konnten sich hier für die geführten Touren anmelden und erhielten einen Vorgeschmack auf die Ausstellung in der Friedhofskapelle. Angesichts des

gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Tod und Bestattung, durch den sich auch Friedhöfe verändern, war Klaus Hoppe (Hamburger Behörde für Umwelt und Energie) mit der Idee einer künstlerischen Bearbeitung des Themas an Michaela Melián herangetreten. Michaela Melián und die Studierenden beschäftigten sich ausgiebig mit den Möglichkeiten, aber auch den Einschränkungen des Ortes. Für die inhaltliche Diskussion erwies sich die internationale Zusammensetzung der Klasse als besonders produktiv, weil sie unterschiedliche kulturelle Perspektiven eröffnete. Das


Yi Li, Home Sweet Home, Verbrennungszeremonie am 11. Februar 2018; Foto: Shuchang Xie

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zeigte sich schon bei den inszenierten Walks vom Friedhofseingang zur Kapelle mit Zwischenstationen und Audio-Begleitung. Auf Tablets gezeigte Filme, Performances und Hörstücke begleiteten den Weg über den 1877 eröffneten größten Parkfriedhof der Welt, der keinem geringeren gestalterischen Vorbild nachempfunden wurde als dem Paradies. Die Kapellen sind nicht konfessionsgebunden und haben keine Altäre, was bei der Konzeption der Ausstellung größere Freiheit ließ. So gelang es, die einzelnen Arbeiten zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzuführen, in dem ephemere Materialien wie Sand, Stroh und Papier die Atmosphäre bestimmten. Yi Lis Installation aus Papiermöbeln, die auf den chinesischen Brauch des Verbrennens von Papiernachbildungen nützlicher Gegenstände zu Ehren Verstorbener verweist, markierte schließlich den Abschluss des Projekts: Am letzten Tag der Ausstellung wurde alles in einer feierlichen Zeremonie verbrannt.

8. – 11. Februar 2018, TR.I.P., Bilge Aksac, Felix Boekamp, Leon Daniel, Doerte Habighorst, YL Hsueh, Jihie Kim, Katrin Köhler, Paulina Laskowski, Yi Li, Xinyi Li, Simeon Melchior, Seung-Heon Nam, Elisa Nessler, Doris Pfeil, Anne Pflug, Signe Raunkjaer Holm, Szerafina Schiesser, Shuchang Xie, in Kooperation mit Klaus Hoppe (Behörde für Umwelt und Energie, zuständig für die städtischen Parks) und Rainer Wirz (Hamburger Friedhöfe). Betreut von Prof. Michaela Melián | HFBK Hamburg, Raum 11, Friedhof Ohlsdorf, Kapelle 3

Elisa Nessler, Paulina Laskowski, Heat Transference – Gastmahl, den Trauerphasen entsprechend; Foto: David Reiber Otálora


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Die Goldsmiths-Studierenden beim Tutorial mit Matt Mullican, Professor für Zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg; Foto: Imke Sommer

Goldsmiths Ausstellungsaustausch

Zum ersten Mal in der Geschichte des Ausstellungsaustauschs zwischen der HFBK Hamburg und dem Goldsmiths in London konnte letzteres im März 2018 keine Ausstellung beherbergen. Stattdessen: Streiktransparente, verschlossene Gebäude und große Sorgen. Das akademische Personal vieler britischer Universitäten versuchte, durch einen zweiwöchigen Streik eine Rentenreform zu verhindern, die die Altersvorsorge am Finanzmarkt anlegen will und keinen festen Rentenbetrag mehr garantieren würde. Somit konnte keine HFBK-Ausstellung in den Goldsmiths-Gebäuden stattfinden. Was macht man, wenn man ein Hindernis vor sich hat, das den eigentlichen Weg versperrt? Eine Möglichkeit: Limbo! Karibische Rhythmen und ganz biegsam unter der Absperrung hindurchtan-

zen. Der Offspace Limbo wird seit etwa vier Jahren von verschiedenen Künstler*innen betrieben. Die Nähe zum Goldsmiths ist nicht nur geografisch, es befindet sich nur ein paar Bus Stops von der Hochschule entfernt im Südosten Londons (Nähe Peckham), sondern auch inhaltlich: Die meisten der beteiligten Künstler*innen sind Studierende oder Absolvent*innen des Goldsmiths. Nach ein paar Tagen Aufbau, die mit Scrambled Eggs und Narzissen begannen, über Chinese take away-Nudeln und Heizstrahler führten und in Abendstund’ hat Gold im Mund mündeten, stand nicht nur klar die Farbe Gold bzw. Gelb im Zentrum, sondern auch eine einen Abend währende Ausstellung von zehn Studierenden der HFBK Hamburg. Der Eingang des Limbo ist allerdings keine Stange, sondern eine bewegliche


Glasscheibe, die für die Ausstellung in den Raum nach hinten versetzt und später Teil einer Performance wurde. Der leichtfüßige Ausstellungstitel Have Fun Be Kind der zehn Londoner Gäste, die in Hamburg während der Jahresausstellung wie gewohnt in der Galerie der HFBK ausstellten, wurde durch die kastenförmige, mit Camouflage-Muster beklebte Skulptur von Anto Lopez Espinoza konterkariert, die er als Kostüm eines Mörders verstanden wissen wollte. Sie trug jedenfalls ein Messer. Aber ansonsten schmiegten sich Performances, Videos und skulpturale Arbeiten freundlich in den Raum hinein, was auch damit zu tun hatte, dass einige Arbeiten einen für die kurze Zeit erstaunlich gut recherchierten Ortsbezug hatten. Rachel Ashton hatte bei einem Bootsspezialisten ein Segel gekauft, dass sie im Raum spannte und mit Sound kombinierte, um so ihr eigenes Segel zu kreieren. Lisa Vigorelli

hatte bei einem Besuch vor einem Jahr das Maskottchen eines Schnäppchenmarkts an der Wandsbeker Chaussee entdeckt. Nun kehrte sie mit einem Video-Gedicht über Schnäppi, das pinkfarbene Krokodil, zurück. Seit 2010 gibt es das Ausstellungsaustauschprojekt der HFBK Hamburg mit dem Art Department des Goldsmiths, University of London. Jeden Februar stellen zehn Studierende aus London in der Galerie der HFBK aus, im März folgt der Gegenbesuch der Hamburger in London. In beiden Städten wohnen die Gäste während der Vorbereitungsund Ausstellungszeit bei den dort beheimateten Austauschpartner*innen. Die Hamburger Teilnehmer*innen des Austauschs werden jährlich von ihren HFBK-Professor*innen vorgeschlagen. Auf der Basis der professoralen Gutachten trifft die AG Internationales die Auswahl.

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Performance von Amber Hahn im Treppenhaus des Hauptgebäudes am Lerchenfeld; Foto: Imke Sommer


Tutorial der Goldsmiths-Studierenden mit Oliver Chanarin, Professor für Fotografie an der HFBK Hamburg; Foto: Imke Sommer

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Eröffnung der Ausstellung Abendstund’ hat Gold im Mund im Limbo, London; Foto: Amber Hahn


Abendstund’ hat Gold im Mund, Limbo, London, Videoarbeit von Sohorab Rabbey; Foto: Max Eicke

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Abendstund’ hat Gold im Mund, Limbo, London, Detail; Foto: Max Eicke 8. – 10. Februar 2018, Have Fun Be Kind, Rachel Ashton, Rafael Escardo Espejo, Phoebe Evans-Clarke, Alice Fraser, Amber Hahn, Charlie Hodgson, Minho Kim, Antonio Lopez Espinosa, Lisa Vigorelli, Tara White | Galerie der HFBK Hamburg | 15. März 2018, Abendstund’ hat Gold im Mund, Noémi Barbaglia, Robert Bergmann, Luca Borsato, Max Eicke, Mara Ittel, Yi Li, Sohorab Rabbey, Franziska Windolf, Lars Witte, Julia Annelies Wycisk | Limbo, London


Noisexistance

Konzert von Ex-Kopf in der Aulavorhalle der HFBK Hamburg, 2. März 2018; Foto: Eric Peters

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Zum zweiten Mal fand Anfang März 2018 das internationale Festival Noisexistance mit Vorträgen, Workshops und Konzerten in der HFBK Hamburg sowie der Kulturfabrik Kampnagel statt. Noise treibt sein Unwesen in der Nachrichtentechnik, in der Informationstheorie und in den Sozialwissenschaften. Es ist ein Überschuss von Lärm, ein ungewolltes Geräusch oder Rauschen – und nicht zuletzt ein experimentelles Genre, das die Grenzen des musikalisch Möglichen radikal erweitert hat. Die Theorie und Praxis der Noise-Musik finden heute in einer internationalen Vernetzung statt, in der nach neuen Denkweisen, akustischen Interventionsmöglichkeiten und nie gehörten Klängen geforscht wird. Das Verhältnis von Macht und Widerstand wird von Noise als Hörbares konkret problematisiert: Macht äußert sich in einer Lautstärke, die Gehorsam erzwingen will, zugleich ist Lärm eine Begleiterscheinung von sozialem Aufruhr. Das Festival Noisexistance hat internationale Protagonist*innen von Noise zusammenge-

bracht und ihnen in Konzerten, Vorträgen und Workshops ein Forum gegeben. Den Auftakt bildeten zwei Konzerte des Londoner Musikers Luke Younger (Helm) sowie Helge Meyer und Alsen Rau (Ex-Kopf) in der Aulavorhalle der HFBK Hamburg, die – unterstützt durch visuelle Effekte – das komplette Gebäude in eine Soundperformance hüllten. Den inhaltlichen Rahmen bildete der Vortrag von Steve Goodman von der University of East London, der sich mit Formen akustischer Kriegsführung und auditiver Gewaltanwendung beschäftigte. Am zweiten Tag sprach die englische Philosophin Nina Power über das Verhältnis von Noise, Stimme, Geschlecht und Kapitalismus. Es folgte ein Konzert der Free Jazz-Legende Peter Brötzmann, einer der ersten Protagonisten dieses Genres in der BRD der späten 1960er Jahre. Seitdem hat er in unzähligen Kollaborationen die Grenzen des Saxophonspiels ausgelotet und ist dabei auch immer wieder in Bereiche des Noise vorgestoßen.


DJ Set von Best Friend Machine auf Kampnagel, 3. März 2018; Foto: Eric Peters

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Peter Brötzmann am 3. März 2018 auf Kampnagel; Foto: Eric Peters 2. – 4. März 2018 , Noisexistance – Internationales Festival zu Aufruhr und Lärm, Konzept und Organisation: David Wallraf (HFBK Hamburg), Vorträge: Steve Goodman, Nina Power, David Wallraf, Performances und Konzerte: Best Friend Machine, Black To Comm, Peter Brötzmann, Calhau!, Club Moral, Erotic Nights, Ex-Kopf, Helm, Rene Huthwelker, Workshops: Dirty Electronics, Louise Vind Nielsen, Partner: Galerie K-Strich, Projektgruppe Neue Musik Bremen, Rapid Ear Movement, Rückkopplung, unterstützt von: Musikfonds, Medienpartner: FSK | HFBK Hamburg, Kampnagel | Audiodokumentation des Festivals unter www.agoradio.de/-sendungen/2018-5/2018-5-11.html


Kollektivfilm Dazu den Satan zwingen, D 2016, 105 Min.; Filmstill

Kollektivfilm Dazu den Satan zwingen, D 2016, 105 Min.; Filmstill

Dazu den Satan zwingen 376


23. März 2018 Online-Start auf realeyz.de, Dazu den Satan zwingen, D 2017, 105 Min., Kollektivfilm von und mit Michael Allinger, Pamela Annecke, Maksim Artemev, Simone Ballüer, Oliver Bassemir, Christian Bau, Karla Bauer, Ken David Baehr, Robert Bramkamp, Jutta Brückner, Chor der HFBK unter Leitung von Gesa Werhan, Yunus Çağ Köylü, Ruben Christiansen, Leon Daniel, Marlene Denningmann, Barbara Denz, Sarah Drath, Jasmine Fan, Ingrid Jäger, Johannes Freese, Elena Friedrich, Pachet Fulmen, Lars Henrik Gass, Julius Gillman, Michael Girke, Birgit Glombitza, Christian Granderath, Natalie Gravenor, Martin Hagemann, Erik Hamann, Stefan Heidenreich, Marvin Hesse, Christoph Hochhäusler, David Huss, Rembert Hüser, Maike Mia Höhne, Frédéric Jaeger, Tabita Johannes, Melina Kamou, Hana Kim, Jinwoo Kim, Cornelia Klauss, Arne Körner, Thomas Köhling, Hans-Joachim Lenger, Micha Lewandoski, Tobias Lindner, Mario Mentrup, Matl Findl, Daniela Mussgiller, Serafima Orlova, Steven Reich, Tanita Olbrich, Kengo Oshima, Michaela Ott, Tom Otte, Ben Paetzold, David Reiber, Wilfried Reichart, remote control, Anna Maria Resei, Rasmus Rienecker, Nadja Rutsch, Stefan Rosche, Miriam Schaub, Thomas Schreiber, Georg Seeßlen, Annett Stenzel, Aron Sekelj, Hannes Seth, Stefan Schäfers, Aline Schmidt, Stefan Stoev, Alexander Suprunov, Paul Thalacker, Sandra Trostel, Tatjana Turanskyj, Maria Vogt, Heiko Volkmer, Lukas Vögler, Cornelius Wilkenin, Ellen Wietstock u. a. Betreut von Prof. Robert Bramkamp

für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für experimentelle Bewegbildformen diskutiert und vorangetrieben werden. Der Film verwendet zahlreiche sich daran anschließende Interviews und Gespräche mit Filmschaffenden, -kritiker*innen und -produzent*innen. Dabei greift er einige Argumente der filmpolitischen Diskussion auf und führt sie gedanklich weiter. Das Drehbuch und der Film sind im Rahmen eines mehrsemestrigen Werkstattprojekts des HFBK-Filmbereichs entstanden. Die Studierenden konnten eine ganze Szene oder nur ein Interview entwickeln, reale und/oder fiktionale Elemente der Biografie Kuhlbrodts aufgreifen, Neben- oder weitere Hauptfiguren erfinden, neue Seitenstränge des Plots entwerfen oder andere Hauptspielorte etablieren. Der Film ist damit ein Experiment im Erproben kollektiver Filmproduktion und eine Suche nach filmischen Erzählformen, die dieser kollektiven Vorgehensweise gerecht werden können. Seine Festivalpremiere hatte er auf dem Internationalen Filmfest Hamburg 2017.

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Das Kollektiv des Films Dazu den Satan zwingen bei der Premiere auf dem Filmfest Hamburg, Oktober 2017; Foto: Michael Kottmeier

Der Kollektivfilm Dazu den Satan zwingen ist ein operatives Porträt des Schauspielers, (ehemaligen) Oberstaatsanwalts und Filmkritikers Dietrich Kuhlbrodt, der gegen den NDR klagt. In dokumentarischen wie fiktionalen Szenarien verfolgen die Film-Studierenden den Prozess Kuhlbrodts und seiner Verbündeten gegen ein System des Formatierungszwangs und der Phantasielosigkeit. Sein Prozess gegen den NDR ist ein Prozess gegen die Sachzwänge der deutschen Kino- und Fernsehproduktion und ihre Verwertungsmechanismen. Im Laufe des Films wird nicht nur die facettenreiche Biografie Kuhlbrodts deutlich, sondern auch die vielseitigen Strategien und großen Mühen, die Gegner wie Befürworter einer innovativen Bewegtbildkultur auf sich nehmen, um das System und sich selbst zu erhalten bzw. es zu verändern. Damit führt der Film thematisch die Diskussionen der HFBK-Initiative »Offensiv Experimentell« (seit 2013) weiter, in der die Produktionsbedingungen der Film- und Fernsehlandschaft in Deutschland kritisch reflektiert und die Möglichkeiten


Final Cut und Berenberg-Filmpreis der HFBK 2018

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Mariam Mekiwi, ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget, D/EGY 2018, 31 Min.; Filmstill

20. – 22. April 2018, Final Cut-Screening aller Abschlussfilme | 22. April 2018, Berenberg-Filmpreis der HFBK. Betreut von Prof. Angela Schanelec, Prof. Robert Bramkamp, Prof. Pepe Danquart, Prof. Udo Engel, Prof. Katharina Pethke | Metropolis Kino Hamburg

Die achte Ausgabe der jährlichen hochschulöffentlichen Filmschau Final Cut präsentierte vom 20. bis 22. April 2018 die Master- und Bachelor-Filme von 25 Absolvent*innen, die mit Unterstützung der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein entstanden sind, in voller Länge – darunter Produktionen, die bereits erfolgreich auf namhaften Filmfestivals wie der Berlinale, den Hofer Filmtagen, dem Go Short International Filmfestival in den Niederlanden oder in Locarno liefen. Zum Finale und der Preisverleihung wurden alle Filme im Gespräch mit den betreuenden Professor*innen Robert Bramkamp, Pepe Danquart, Udo Engel und Angela Schanelec kurz vorgestellt. Eine externe

Fachjury, der in diesem Jahr Esther Buss (Kritikerin), Jens Geiger (Filmfest Hamburg) und Jules Herrmann (Filmemacherin) angehörten, verlieh am Ende des Programms unter allen Filmbeiträgen den Berenberg-Filmpreis der HFBK in Höhe von 5.000 Euro. Die Auszeichnung ging in diesem Jahr an die Master-Absolventin Mariam Mekiwi für ihren Spielfilm ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget. Die 1987 in Alexandria in Ägypten geborene Mekiwi war mit ihrem Abschlussfilm bereits im Februar 2018 auf der Berlinale in der Sektion Forum Expanded vertreten. ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget erzählt eine Science-Fiction-Geschichte, die in einer Küstenregion, zwi-


Andrija Jovanovic, Ana, D 2018, 75 Min.; Filmstill

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Julia Tielke, Inseln, D 2018, 20 Min.; Filmstill

schen Land und Meer, über und unter Wasser angesiedelt ist. Im Gewand eines B-Movies verhandelt der Film mit Leichtigkeit und stilistischem Wagemut Themen wie kollektive Identität, Mythos und Erinnerung, Geheimwissen und amphibische Migration, dies alles in Gestalt der skurrilen Mitglieder einer Geheimgesellschaft, die der Wissenschaftler Dr. Sharaf zusammenzubringen will, um die Welt zu retten. Mit den handelnden Figuren entwerfe die Filmemacherin einen Möglichkeitsraum, der konventionelle Dystopien hinter sich lässt – und das mit Humor und auf Arabisch, so die Jury.


Willy Hans, Das Satanische Dickicht – DREI, D 2018, 22 Min.; Filmstill

Sarah Drath, Leaving The Loop, D 2018, 27 Min.; Filmstill

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Die Trailer aller Abschlussfilme, die bei Final Cut präsentiert wurden, können Sie sich unter hfbk-hamburg.de/finalcut ansehen. Der mit dem Berenberg-Filmpreis der HFBK ausgezeichnete Film ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget von Mariam Mekiwi steht Ihnen in voller Längerzur Verfügung.

Maksim Artemev, Sergey Lobovikov. Das innige Gespräch, 28 Min.  | Leon Daniel, Agrimiká, 17:10 Min.  | Sarah Drath, Leaving the Loop, 27 Min. | Kathrin Dworatzek, Sun of a Beach, 28 Min. | Jasmine Fan, A Walk in Mermaid’s Shoes, 29 Min. | Pachet Fulmen, The XXXGarden, 11:19 Min. | David Gómez Alzate, Fosfeno, 11:15 Min. | Willy Hans, Das satanische Dickicht – DREI, 22 Min. | Benjamin Hassmann, Lakonische Körper, 23 Min. | Marie-Thérèse Jakoubek, 27. Februar, 40 Min. | Andrija Jovanovic, Ana, 75 Min. | Nikolas Kuhl, How to Get Lost in the South, 80 Min. | Pia Lamster, Blaue Stunde, 15 Min. | Lumi Lausas, Neon Blue, 42 Min. | Mariam Mekiwi, ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget, 31 Min. | Sonja Presich, Mona, 25 Min. | Laura Reichwald, Shooting Stars, 32 Min. | Diana Sánchez, Recordar, 25 Min. | Hubert Schmelzer, Holy Black, 63 Min. | Benjamin Shachman, Diese vage Idee von Freiheit, 20 Min. | Lisa Sperling, XOXO, 58 Min. | Klara Stoyanova, In Broad Daylight, 16 Min. | Julia Tielke, Inseln, 20 Min. | Maria Vogt, Vom Wahrscheinlichen und vom Unwahrscheinlichen, 42:39 Min. | Anna Walkstein, Dejar Atrás, 24 Min.

Alle Abschlussfilme zu sehen auf: www.hfbk-hamburg.de/finalcut

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Screening von ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget, Foto: Lukas Engelhardt


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Studierende der Klasse für das Design der Lebenswelten forschen an der FUB Floating University Berlin; Foto: Marjetica Potrč

Zwischen Volos und Venedig – Projekte der Klasse Marjetica Potrč

Im April und im Juni 2018 beschäftigten sich Studierende der Klasse für das Design der Lebenswelten von Prof. Marjetica Potrč an der HFBK Hamburg im Rahmen der Floating University Berlin (FUB) mit Infrastrukturen, Biodiversität und dem Mapping urbaner Leerstellen. Die FUB wurde von dem Berliner Architektur-Kollektiv Raumlabor als temporärer, unabhängiger Campus rund um das Regenwasser-Sammelbecken nahe dem Tempelhofer Feld ins Leben gerufen. Hauptsächlich finanziert aus Mitteln der Bundeskulturstiftung, soll die Floating University Stadtentwicklung für alle zugänglich machen – Studierende von internationalen Hochschulen trafen hier den Sommer über genauso zusammen, wie Berliner und unmittelbare Nachbarn. Während zweier längerer Aufenthalte nahmen die HFBK-Studierenden am Lehrangebot der FUB teil und realisierten in mehreren Gruppen eigene Projekte. 35 Tomatensorten wurden in speziell dafür gebauten Pflanzkästen in die bauliche Struktur der FUB integriert, mitsamt Bewässerungssystem. Nach intensiver Auseinandersetzung mit Wasser-Filtrationssystemen mit Expert*innen vor Ort

baute eine andere Gruppe die Geschirrspül-Station um und entwickelte ein Aufzuchtsystem für Champignons. Auch dem Konzept der Third Landscape widmeten sich Studierende, die die Biodiversität vor Ort untersuchten, um sie zu stärken und zu erweitern. Mit Soundflag von Felix Egle und Dennis Nedbal und Deep Listening von Xin Cheng entstanden zwei Sound-Projekte, die auf eine eher abstrakte Art mit der Natur vor Ort umgingen. Vom 1. bis 15. Mai 2018 trafen sich die Studierenden der Klasse für das Design der Lebenswelten und des Hybrid Ecologies Studio der Universität Tessalien zu einem zweiwöchigen Austausch mit Handwerkern in der griechischen Stadt Volos. Das Projekt Craftspeople’s Network untersucht das Zusammenspiel der lokalen Ökonomie mit einem Schwerpunkt auf dem Handwerk und Mikro-Ökonomien sowie dem Verhältnis von Herstellern und Kundschaft. Die Klasse besuchte ortsansässige (Kunst-)Handwerker und lud anschließend alle Akteur*innen zu einer Diskussionsrunde ein. Auf der Basis der Recherchen entstand die Ausstellung Cheirotechnes – Craftspeople’s Network: Taking


Studierende der Klasse f체r das Design der Lebenswelten forschen an der FUB Floating University Berlin; Foto: Marjetica Potr훾 Studierende der Klasse f체r das Design der Lebenswelten forschen an der FUB Floating University Berlin; Foto: Marjetica Potr훾

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Craftspeople’s Network: Taking Matters into Your Own Hands in Volos, Griechenland; Foto: Marjetica Potrč

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Matters into Your Own Hands und eine Publikation über gen boomt. Die ASC versucht in Zusammenarbeit mit der

Regierung, Alternativen dazu zu entwickeln, die auf einer partizipatorischen Nutzung und Organisation von Wohnraum beruhen. Der Besuch bei der ASC fand als Teil von Futurity Island an der Swamp Summer School im litauischen Pavillon der Architekturbiennale 2018 statt. Das Programm hatte Formen der künstlerischen Praxis im öffentlichen Raum und deren Relevanz für den Umwelt-Diskurs zum Schwerpunkt. Die Idee eines Sumpfs, eines lebenden Organismus, in dem von sozialen, politischen und kulturellen Faktoren definierte Grenzen porös und durchlässig werden, diente dabei nicht nur als Metapher, sondern als Gegenstand konkreter Forschung. Craftspeople’s Network: Taking Matters into Your Own Hands in Volos, Griechenland; Foto: Marjetica Potrč

das Handwerk in Volos. Ziel war es, lokale Mikro-Ökonomien sichtbar zu machen und nachhaltig zu stärken und somit deren Potenzial zu fördern, in einer schwierigen Wirtschaftslage über Zusammenarbeit und Solidarität wieder ökonomische Kraft zu gewinnen. Im Juni 2018 arbeiteten Studierende mit der Assemblea Sociale per la Casa (ASC) im Cassete-Viertel auf der Insel Giudecca (Venedig) zusammen. Die ASC ist ein Zusammenschluss von Anwohner*innen, die leerstehende Häuser besetzen, um sie Wohnungssuchenden zur Verfügung zu stellen und auf das eklatante Fehlen von bezahlbarem Wohnraum in der Lagune aufmerksam zu machen, in der das Geschäft mit touristisch vermieteten Wohnun-


Participation Matters with ASC und Swamp Summer School, Venedig; Foto: Marjetica Potrč 23. – 28. April, 7. – 16. Juni 2018, FUB Floating University Berlin, Angie Chen, Xin Cheng, Lisa Eggert, Felix Egle, Lea Kirstein, Robert Köpke, Laura Levin, Anne Meerpohl, Dennis Nedbal, Juli Paetzold, Konouz Saeed, Mana Stahl, Kastania Waldmüller, Yan Yan | FUB Floating University Berlin | 1. – 15. Mai 2018, Craftspeople’s Network: Taking Matters into Your Own Hands, Angie Chen, Lisa Eggert, Lea Kirstein, Robert Köpke, Laura Levin, Anne Meerpohl, Juli Paetzold, Leonie Schulz, Mana Stahl, Kastania Waldmüller, Julia Wycisk, Yan Yan, Gast: Valentina Karga | Volos, Griechenland | 26. – 30. Juni 2018, Participation Matters with ASC, Barbara Niklas, Juli Paetzold, Rachel Priest, Mana Stahl, Kastania Waldmüller, Yan Yan. Betreut von Prof. Marjetica Potrč | Giudecca (Venedig), Italien | www.designforthelivingworld.com

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Ökonomie der Dinge

Ökonomie der Dinge, Vortrag von Nora Sdun und Tom Lamberty; Foto: HFBK

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Die von Wigger Bierma (Professor für Typografie an der HFBK Hamburg) und dem Master-Absolventen Mitko Mitkov konzipierte Reihe Ökonomie der Dinge untersuchte im Mai 2018 die zunehmenden Überschneidungen von gestalterischer, künstlerischer und wirtschaftlicher Praxis. Vom Verschwinden der Bohème ist etwas alarmistisch im Ankündigungstext die Rede: »Kunst und Gestaltung und Wirtschaft und Kunst. Ein ewiger Kreis, eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt: Ästhetiken und Techniken der künstlerischen Avantgarde werden durch das Feld der Gestaltung wirtschaftlich verwertbar gemacht,

von Massenmedien dann in die Popkultur überführt, um am Ende wieder von der Avantgarde verwurstet zu werden«, beschrieb Raphael Dillhof in seiner Kolumne auf der HFBK-eigenen Plattform rhizome.hfbk.net treffend das Themenfeld, in dem sich die Reihe bewegt. Der Auftakt-Vortrag des Schweizer Künstlers und HFBK-Absolventen Tobias Kaspar war ein Lehrstück in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie. Kaspar, der sich in seinen Arbeiten als Spezialist für Outsourcing und Mimikry erwiesen hat, ließ sich von einem Schauspieler vertreten, der in schleppendem Tonfall den Einführungstext der Gastgeber durch-


kaute. Erst ganz zum Schluss wurde dem mittlerweile dezimierten Publikum der Sachverhalt enthüllt, eine nahezu körperlich spürbare Pointe zum Thema Kunst und Ökonomie. Wie verändert sich das Künstlerbuch, in dem die Künstler*innen Autor*innen und Gestalter*innen zugleich sind, innerhalb einer digitalen Ökonomie, in der das Herausgeben analoger Bücher immer prekärer wird? Dazu äußerten sich Nora Sdun, die bei Werner Büttner Malerei studiert hat und heute Mitbetreiberin des Textem Verlags

ist, sowie Tom Lamberty, Geschäftsführer des Merve Verlags. Das Amsterdamer Künstlerduo KIRIAC (KeepingItRealArtCritics) betreibt Kunstkritik als künstlerische Praxis und veröffentlicht seine Reportagen auf YouTube. Ein Screening ihres Porträts des kontroversen Sammlers und Kunsthändlers Stefan Simchowitz, das einen sehr unbequemen Einblick in die Warenströme des Kunstbetriebs gibt, schloss die Reihe ab.

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9. Mai 2018, Tobias Kaspar | 16. Mai 2018, Armin Chodzinski, Steffen Zillig | 24. Mai 2018, Tom Lamberty (Merve Verlag), Nora Sdun (Textem Verlag) | 28. Mai 2018, Justin Hoffmann (Kunstverein Wolfsburg); KIRAC (Kunstkritikerduo, Amsterdam). Konzept und Idee: Prof. Wigger Bierma, Mitko Mitkov | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Aula | www.ökonomiederdinge.de Ökonomie der Dinge, Vortrag von Armin Chodzinski und Steffen Zillig; Foto: HFBK


Parading for The Commons

Parade durch die Innenstadt von Rovereto, Care-Praktiken am Brunnen, Mai 2018

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16. – 26. Mai 2018, Parading for The Commons, Nick Craven, Finja Delz, Felix Egle, Kim Fleischhauer, Dennis Nedbal, Anna Petersen, Daniel Pietschmann, Anna Unterstab, Kolja Vennewald, Lisa Marie Zander. Betreut von Prof. Jesko Fezer | www.brave-new-alps.com


Parade durch die Innenstadt von Rovereto, Mai 2018

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anderen Gruppen aus Rovereto initiierten. Die Studierenden realisierten im Rahmen des Projekts eine Parade durch das historische Stadtzentrum, an deren unterschiedlichen Stationen öffentlich und zeremoniell Care-Rituale (Haare schneiden, Massieren, Kneipp-Bäder an öffentlichen Brunnen) praktiziert wurden. Als finale performative und räumliche Intervention wurde der Garten des Bahnhofgebäudes, der künftige Projekt-, Treff- und Arbeitsraum für die Accademia, einen Abend lang gemeinsam symbolisch besetzt und bespielt. In der dritten Phase ihrer Zusammenarbeit im September 2018 gaben die Studierenden zusammen mit BNA im Rahmen der Projekt Bauhaus Werkstatt einen Workshop an der Floating University Berlin. Die gemeinsame Erforschung paradenhafter Formen des Protests mündete in einer performativen praktischen Anwendung vor Ort.

Parade durch die Innenstadt von Rovereto, Mai 2018

Über das Projekt Bauhaus, eine internationale Plattform von Expert*innen, darunter Jesko Fezer (Professor für Experimentelles Design an der HFBK Hamburg), die das Ziel hat, bis zum Jubiläumsjahr 2019 eine kritische Inventur der Bauhaus-Ideen vorzunehmen, entstand die Kollaboration von Studierenden des Studios Experimentelles Design mit dem italienischen Designstudio Brave New Alps (BNA), dessen vielfältige Designpraxis Ansätze radikaler Pädagogik, Konfliktmediation und DIY verbindet. Die Zusammenarbeit beruht auf einer gemeinsamen theoretischen Auseinandersetzung mit feministisch-queerer Theorie, Prinzipien des Commoning, dezentralen Wirtschaftsformen und Care-Praxen zwischen öffentlichen und privaten Sphären des Alltags. Zur HFBK-Jahresausstellung im Februar 2018 organisierten die Studierenden zusammen mit BNA die Diskussionsveranstaltung Gemeinsame Räume über Modelle gemeinsamen Wirtschaftens und Handelns. Im Mai 2018 besuchte das Studio Experimentelles Design das Projekt Accademia di Comunidad in Rovereto, das Bianca Elzenbaumer und Fabio Franz (BNA) in Zusammenarbeit mit


How Social is Social Design?

Friedrich von Borries (links) und Jesko Fezer; Foto: Imke Sommer

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Mit dem Symposium How Social is Social Design? anläss- Bezug auf Form, Ästhetik und Kritik und kam zu dem Fazit: lich der Verabschiedung von Prof. Marjetica Potrč und »Wenn Design eine ästhetische Form der praktischen WelProf. Julia Lohmann unternahm der Studienschwerpunkt terschließung sei, dann mache Social Design die gestaltbare Design der HFBK Hamburg zugleich den Versuch der kri- Praxis selbst zu einem sozialen Gegenstand. Social Design, tischen Revision eines Begriffs, der seit der Neuausrichtung das den Namen wirklich verdient, wäre ein Design, dass des Studienschwerpunkts zentrale Bedeutung erhalten hat. gerade dahingehend ungesichert ist, dass es in der Lage Beide Professorinnen trugen als Künstlerinnen, Designe- wäre, sich selbst als Design aufzugeben – und das in den rinnen und Lehrende entscheidend zu dieser Entwicklung Blick zu nehmen, was gerade nicht länger Design ist.« Guy bei. Ist Social Design der Versuch, eine bessere Gesellschaft Julier definierte Design per se als soziale Praxis, da es in der zu gestalten, oder wird es als »social washing« am Ende Gesellschaft stattfinde. Das öffne den Raum für die notdoch nur für ökonomische Interessen instrumentalisiert? wendige inhaltliche Kritik an Design-Strategien. Mit den Dieser Frage widmeten sich die Referent*innen aus ganz Vorträgen von Emiliano Gandolfi und der niederländischen unterschiedlichen Perspektiven. Anke Haarmann schlug Künstlerin und Kuratorin Jeanne van Heeswijk kamen im vor, politische und ästhetische Praxis als Toolbox zu begrei- Laufe des Nachmittags weitere differenzierte Positionen fen, die gezielt eingesetzt und zur Verfügung gestellt wer- zusammen. Die Zeit der Abschlussdiskussion gehörte dann den kann. Daniel Feige unternahm, ausgehend von der jedoch Julia Lohmann und Marjetica Potrč für ihre persönThese »Kunst ist Kritik, Design bedarf der Kritik«, eine lichen Abschiedsworte. dialektische Begriffsbestimmung von Design und Kunst in


Vortrag von Daniel M. Feige; Foto: Pia Schmikl

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6. Juni 2018, Symposium How Social is Social Design?, Referent*innen: Daniel Feige (Professor für Philosophie und Ästhetik, Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart), Emiliano Gandolfi (Direktor des Curry Stone Design Prize, Mitbegründer von Cohabitation Strategies, New York, Rotterdam, Ibiza), Anke Haarmann (Professorin für Designtheorie/Designforschung, HAW Hamburg), Guy Julier (Professor of Design Leadership, Aalto University, Helsinki), Jeanne van Heeswijk (Künstlerin und Kuratorin, Rotterdam). Konzeption: Prof. Dr. Friedrich von Borries, Mara Recklies | HFBK Hamburg, Lerchenfeld 2, Aula | Alle Vorträge können nachgehört werden unter: www. podcampus.de/nodes/RrjDl Schlussworte von Julia Lohmann (links) und Marjetica Potrč; Foto: Imke Sommer


Alle Fotos: Klasse Broomberg & Chanarin, Präsentation zur Triennale der Photographie [PHOTO SCHOOLS], Teilansicht, Juni 2018; Foto: Max Schwarzmann

Photo Schools 392


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Für die Ausgabe 142 der Zeitschrift Camera Austria International gestaltete die Fotografie-Klasse von Prof. Adam Broomberg und Prof. Oliver Chanarin im Sommersemester 2018 eine Bildfolge in der Rubrik »Forum«. Diese Arbeit bildete zugleich die Grundlage für den Beitrag der Klasse zur Festivalwoche der diesjährigen Triennale der Photographie in Hamburg. Angesichts der massenhaften Entwertung und Vereinnahmung von fotografischen Bildern in den Sozialen Medien hatten sich die aus Deutschland, Israel, Polen, Weißrussland, Brasilien und der Türkei stammenden Studierenden mit ausgewählten Bildern beschäftigt, die einen großen Stellenwert für sie haben. Sie befragten das Medium Fotografie nach seinem Quellcode: der emotionalen, kulturellen, politischen und finanziellen Geltung von Fotografien. Daraus entstand eine Gemeinschaftsarbeit nach dem Prinzip des Spiels Le cadavre exquis (Der köstliche Leichnam). In alphabetischer Reihenfolge der Vornamen wurden die Fotos per E-Mail weitergeleitet, wobei die Empfänger immer nur das

zuletzt hinzugefügte Foto bekamen und somit nur dieses kannten. Daraufhin reagierten sie wiederum mit einem weiteren Foto. In der Sektion [Photo Schools] während des Eröffnungsfestivals der Phototriennale waren fünf Fachhochschulen und Hochschulen nach Hamburg geladen, sich in jeweils einem Überseecontainer auf dem Deichtorplatz zu präsentieren. Die Klasse traf bei der Vorbereitung gemeinsam die Entscheidung, die publizierten Seiten in eine transparente, dreidimensionale Anordnung zu übersetzen. Die Fotografien wurden auf Glasplatten reproduziert und so auf Stahlstangen angebracht, dass sie sich aus der Entfernung zu einer Bildcollage überlagerten, beim genauen Betrachten aber auch einzeln oder in unterschiedlichen Konstellationen wahrgenommen werden konnten.

7. — 17. Juni 2018, Triennale der Photographie [PHOTO SCHOOLS], Beteiligte der HFBK Hamburg: Janosch Boerckel, Florian Bräunlich, Adam Broomberg, Nina Bühlmann, Reto Buser, Oliver Chanarin, Max Eicke, Elisa Goldammer, Maik Gräf, Jonas Hensel, Conrad Hübbe, Anna Justke, Alexander Kadow, Franziska Koenig, Morina Krohn, Georg Kußmann, Anna Larsen, Agnieszka Mastalerz, Jenny Mehren, Rhea Reiblein, Marinus Reuter, Elina Saalfeld, Naama Salzberg, Kristina Savutsina, Thora Schmid, Max Schwarzmann, Julian Slagman, Manda Steinhauser, Luisa Telles, Stephan Vavra, Svenja Wassill, Seda Yildiz. Betreut von Prof. Adam Broomberg, Prof. Oliver Chanarin | Deichtorhallen, Hamburg | www.phototriennale.de


ehrlichmonument

ehrlichmonument, Installation, Deutsches Architektur Zentrum (DAZ) Berlin, Teilansicht; Foto: Schnepp·Renou

Das ehrlichmonument, eine Installation von Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer und Frieder Bohaumilitzky im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin, ging aus dem von der DFG geförderten und an der HFBK Hamburg durchgeführten Forschungsprojekt Franz Ehrlich. Biografie und Werkverzeichnis hervor. Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der HFBK, leitet das Forschungsprojekt, das von dem Historiker Jens-Uwe Fischer als wissenschaftlichem Mitarbeiter betreut wird. Frieder Bohaumilitzky ist Masterabsolvent im Studienschwerpunkt Design der HFBK. Franz Ehrlich (1907–1984), Bauhaus-Schüler, Architekt und Designer, agierte unter den extremen politischen Rahmenbedingungen des 20. Jahrhunderts – als Häftling im »Baubüro« des KZ Buchenwald, als Modernist im Stalinismus, als angepasster Nonkonformist in der DDR. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen das Rundfunkhaus in der Berliner Nalepastraße, der Möbeltypensatz 602 der Deutschen Werkstätten Hellerau und der Schriftzug im Tor des KZ Buchenwald.

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Gebrauchte Vitrinen und Schränke aus der Serie 602 bildeten das Gerüst der Installation ehrlichmonument, die auf diese Weise Ausstellungsarchitektur und Ausstellungsobjekte zusammenführte. Über Text- und Bildtafeln wurden Zusammenhänge mit weiteren Werken und Architekturprojekten Franz Ehrlichs hergestellt und die politischen Konflikte, in denen er sich befand, punktgenau ausgeleuchtet. Für den Schriftzug Jedem das Seine hatte Franz Ehrlich eine an das Bauhaus erinnernde Type gewählt, was die Frage nach sich zieht, ob Typografie widerständig sein kann. Dreidimensionale Nachbildungen der Buchstaben schlossen die Installation nach oben ab, um in einer lückenhaften Wiedergabe und hellblauer Kunststoff-Optik den zynischen Spruch zu dekonstruieren. Franz Ehrlich blieb sein Leben lang in drei Gesellschaftssystemen im Wechselspiel von Widerstand und Anpassung gefangen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb kann man von ihm lernen, so der Ansatz des Forschungsprojekts.


ehrlichmonument, Installation, Deutsches Architektur Zentrum (DAZ) Berlin, Teilansicht; Foto: Schnepp·Renou 8. Juni — 29. Juli 2018, Eröffnung: 7. Juni 2018, ehrlichmonument, Frieder Bohaumilitzky, Jens-Uwe Fischer, Prof. Friedrich von Borries | Deutsches Architektur Zentrum, Berlin | www.daz.de

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Matt Mullican während seiner Lecture-Performance in der Aula der HFBK Hamburg; Fotos: Imke Sommer

Verabschiedung Matt Mullican 396


Laudator Kasper König bei der Verabschiedung von Matt Mullican in der Aula der HFBK Hamburg; Foto: Pia Schmikl

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Nach fast zehn Jahren als Professor an der HFBK Hamburg ging Matt Mullican zum Ende des Sommersemesters 2018 – zumindest nach den formalen Kriterien des Hamburgischen Hochschulgesetzes – in den Ruhestand. Zu seiner Verabschiedung am 12. Juni 2018 hielt der Ausstellungsmacher Kasper König, der Matt Mullican bereits 1987 auf den Skulptur Projekten Münster präsentierte, eine Laudatio, die nicht nur gespickt mit persönlichen Erinnerungen war, sondern auch sein künstlerisches Leben Revue passieren ließ. Anschließend gab Matt Mullican die Performance Presenting the work. Lecture in three parts. Darin skizzierte er die Entstehungsgeschichte der Strichfigur Glen, stellte That Person vor und führte durch mehr als 40 Jahre seines künstlerischen Schaffens. Im Anschluss an die Performance wurde die Ausstellung ehemaliger Studierender aus seiner Klasse in der Galerie der HFBK eröffnet. Sie zeigten ausgewählte Arbeiten, die für sie in einer engen Verbindung zu Matt Mullican stehen. Als Würdigung und Abschiedsgeschenk widmete ihm die HFBK Hamburg außerdem eine Sonderausgabe des Magazins Lerchenfeld,

welches am Tag seiner Verabschiedung erschien. Erster Beitrag in der Publikation ist ein ausführliches Gespräch zwischen Matt Mullican und Andreas Schlaegel, in dem er sein Verständnis von Lehre darlegt und auf seine Rolle als Professor eingeht: »I don’t identify myself as a professor. I don’t want to be a different class of person from my students. I want us all just be a bunch of people talking about art. They’re talking about their art, and once in a while, if I have a problem with my own work, I will present it to the class.« Daneben versammelt das Magazin Texte von Raimar Stange und Florian Waldvogel über verschiedene Aspekte in Mullicans Werk sowie Interviews mit langjährigen Kolleg*innen, Künstlerfreunden und Weggefährten wie Robert Longo, Ulrich Wilmes, Friedrich Meschede, Pia Stadtbäumer und Helga Maria Klosterfelde. Auch seine Studierenden und sein Nachfolger Simon Denny kommen zu Wort. Sie alle zeichneten ein vielstimmiges Porträt von Matt Mullican.

12. Juni 2018, Matt Mullican: Presenting the work. Lecture in three parts, Performance von Matt Mullican (Professor für Zeitbezogene Medien) anlässlich seiner Verabschiedung von der HFBK Hamburg, Begrüßung: Prof. Martin Köttering, Präsident der HFBK Hamburg, Laudatio: Kasper König, Ausstellungsmacher, Berlin | HFBK Hamburg, Aula | 12. – 13. Juni 2018, Eröffnung: 12. Juni 2018, Mullican Class, Clara Alisch, Ronald Anzenberger, Nastassja Aurel Schmidt, Kathrin Dohndorf, Astrid Ehlers, Laura Franzmann, Asana Fujikawa, Veronika Gabel, Anne-Sophie Gröger, Carl Gross, Charlotte Jørden, Melina Kamou, Anneke Kleimann, Lea Le Floc’h, Jessica Leinen, Heiko Lietz, Christopher Loy, Stefan Mildenberger, Hayato Mizutani, Franziska Opel, Max Pilger, Katja Pilipenko, Max Prantner, David Reiber Otálora, Simon Reumann, Ida Roscher, Elisa Schmitt, Yann-Vari Schubert, Goscha Steinhauer, Malte Stienen, Lennert Wendt, Franziska Windolf | Galerie der HFBK Lerchenfeld #44: Mullican, Autor*innen: Beate Anspach, Barbara Casavecchia, Simon Denny, Astrid Ehlers, Laura Franzmann, Jessica Leinen, Robert Longo, Matt Mullican, Friedrich Meschede, Stefan Mildenberger, Julia Mummenhoff, Raimar Stange, Eva Scharrer, Andreas Schlaegel, Pia Stadtbäumer, Goscha Steinhauer, Malte Stienen, Florian Waldvogel, Ulrich Wilmes | www.hfbk-hamburg.de/lerchenfeld


Augmented Reality Raum im Raum, Experiment von Yi Li; Videostill: Christoph Knoth

502 Bad Gateway — Digitales Ausstellen 398


Tischaufstellung im Projektraum, K, der KW Berlin; Foto: Christoph Knoth

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Vom 18. bis zum 22. Juni 2018 lud die Klasse Digitale Grafik von Prof. Christoph Knoth und Prof. Konrad Renner zu einem Workshop in den Räumen von K, (sprich: K-Komma) in Berlin-Schöneberg. K, ist eine temporäre Außenstelle des KW Institute for Contemporary Art Berlin für die Zeit der Residency des New Yorker Kurators, Designers und Autors Prem Krishnamurthy. Mit dem Werk von Klaus Wittkugel, dem bedeutendsten Grafikdesigner und Plakatgestalter der DDR, als Ausgangspunkt hatte Krishnamurthy seit Februar mit eingeladenen Designer*innen und Kurator*innen mittels Installationen, Talks und diskursiven Interventionen über Ausstellungsformen nachgedacht und die Resultate als Spuren in dem Raum hinterlassen. Dieses Ambiente, eine Mischung aus Werkstatt, Studio und Cube, nutzten Studierende der Klasse Digitale Grafik und anderer Studienschwerpunkte der HFBK Hamburg, um sich mit den Schnittstellen von Grafikdesign und digitaler Kultur sowie Aspekten der digitalen Ausstellung zu beschäftigen. Welche Spannungen entstehen in physischen Ausstellungsräumen zwischen Kunstwerken im und über das Internet? Welche Formen der digitalen Repräsentation, Sammlung und Organisation manifestieren sich in zeitgenössischen Display-Strategien? Wie können einzelne Akteure digi-

tale Infrastrukturen sichtbar machen? Zu diesen Fragen äußerten sich jeden Tag geladene Expert*innen, die sich in dem Themenfeld unterschiedlich verorten. Das Kollektiv !Mediengruppe Bitnik aus Zürich führt die Auseinandersetzung mit dem Digitalen über die Erstellung von physischen Objekten, die die Grenze zum Digitalen dann wieder trickreich durchbrechen. Die Autorin und Ausstellungsmacherin Tina Sauerländer kuratiert Online-Ausstellungen, wird aber mit ihrem Label peer to space auch in physische Ausstellungsräume eingeladen, um dort digitale Kunst auszustellen. Zoë Ritts und Markus Miessen von Studio Miessen sind als Ausstellungsarchitekten auf Infrastrukturen für die Ausstellung digitaler und elektronischer Kunst spezialisiert. Lukas Eigler-Harding gestaltete die Website rhizome.org, eine mit dem New Museum in New York City assoziierte genuin virtuelle Institution, in der wiederum kritisch über Netzkunst reflektiert und diskutiert wird.

18. — 22. Juni 2018, Workshop: 502 Bad Gateway — Digitales Ausstellen mit !Mediengruppe Bitnik, Lukas Eigler-Harding, Tina Sauerländer, Studio Miessen, K, – Projektraum des KW Institute for Contemporary Art, Berlin. Betreut von Prof. Christoph Knoth, Prof. Konrad Renner | www.k-komma.de


ok.terrain

Ballett Du Mal – Eine theatrale Vorschau von Felix Maria Zeppenfeld im Rahmen der Ausstellung STaR Flash; Fotos: ok.terrain

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Der von zahlreichen HFBK-Studierenden gegründete Verein ok.terrain e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, leerstehende Flächen als Zwischennutzung künstlerisch zu bespielen oder als Atelierflächen zu nutzen. Die Künstler*innen wollen eine diskursive Plattform eröffnen, die basisdemokratisch mit einer offenen Struktur sowohl nach außen als auch nach innen funktioniert. Aktuell haben sie eine 300 Quadratmeter große ehemalige Lagerhalle eines Speditionsunternehmens in Hamburg-Rothenburgsort angemietet, die sie mit unterschiedlichen Ausstellungen, Performances, Filmscreenings, Lesungen, Diskussion und Konzerten künstlerisch erschließen. Für die vielfältigen Aktivitäten konnte das Kollektiv Mittel der Projektförderung des Freundeskreises der HFBK und der Karl H. Ditze Stiftung gewinnen. Den Auftakt bildete das Ausstellungs- und Veranstaltungsformat STaR Flash, welches sich in besonderem Maße mit dem Ausstellungsort auseinandersetzte. Auch wenn die grundsätzliche Atmosphäre der Lagerhalle

bewahrt werden sollte, mussten bauliche Veränderungen vorgenommen werden. Dafür hat das das Kollektiv des ok.terrain eine speziell für den Ort zugeschnittene Lichtinstallation entwickelt, an der Ulf Freyhoff (Werkstattleiter Mixed Media) maßgeblich beteiligt war: Auf einem im Raum befestigten Deckenraster wurden 32 LED-Röhren angebracht, die lokal und zeitlich angesteuert werden können. So kann der Raum z.B. für eine Videoprojektion an einer Stelle verdunkelt werden, an einer anderen Stelle beleuchtet ein fokussierter Spot eine Malerei oder setzt eine Skulptur in Szene. Dadurch können verschiedene künstlerische Medien parallel präsentiert werden, und die Besucher*innen können einem visuellen Parcours folgen. Neben Ausstellungen und Performances fanden auch zahlreiche Konzerte und Filmscreenings statt. Für die kommenden Monate sind weitere Ausstellungsprojekte mit HFBK-Beteiligung u. a. durch Julia Malgut, Babak Behrouz, Jil Lahr, Pachet Fulmen u. a. geplant.


Konzert der Band First Claus im Rahmen der Ausstellung STaR Flash

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Ausstellungsansicht STaR Flash Ausstellungsansicht STaR Flash

22. Juni – 1. Juli 2018, STaR Flash, Belia Brückner, Florian Deeg, Ulf Freyhoff, Geisler + Nitschkowski, Moritz Haas, Jessica-Anna Herden, Paulina Laskowski, Lena Mai Merle, Jano Möckel, Max Pilger, Merlin Reichart, Franco D. Sosio, ok.kollektiv: Pascal Brinkmann, Belia Brückner, Tim Ehrich, Moritz Haas, Georg Juranek, Paulina Laskowski, Merlin Reichart, Mona Rizaj, Johann Walther Seidensticker, Patrick Will, Caspar Wülfing | Billhorner Kanalstraße 47, Hamburg | www.ok-terrain.net


Studienprojekt III

FC Martha, Bühne: Eva Lillian Wagner; Foto: Anja Zihlmann

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In einem Gespräch zwischen Frank Raddatz und Oskar Roehler sinnierte letzterer über »Fassbinders Stachel«, der die Nachkriegsgesellschaft dort getroffen habe, wo es sie am meisten schmerzte – in ihrer absoluten Bösartigkeit, in ihrem Hass aufeinander, in ihrer bedrückenden deutschen Enge. Im späteren Verlauf monierte er, dass dieser Stachel in der Gegenwartskunst durch verklemmte Tabuisierung stumpf geworden sei. Die fünf Inszenierungen des Studienprojekts III, die sich unter dem Titel Zeit Brennt mit dem Werk Fassbinders auseinandergesetzt haben, hätten diese Behauptung als vorschnelle Unterstellung gestraft. Fassbinders Stachel sticht wie eh und je. Ebenso, wie Fassbinder die Absonderlichkeiten seiner Zeit auf Leinwand oder Bühne verdichtete, demaskierten die jungen Regisseur*innen die

vermeintliche Zivilisiertheit der kapitalistischen Moderne. Mit häufig bitterböser Komik wurde die Essenz ausgewählter Werke Fassbinders herauskristallisiert und auf die Moderne umgemünzt. Seine Stücke adressierten brennende Fragen der Gegenwart – von verzweifelter Beziehungsunfähigkeit, der kritischen Reflexion der eigenen Macht, ausgeblendeten Familientraumata, Selbsttäuschung, Faschismus und Prostitution bis hin zu einem Rundumschlag auf verkommene Politik, hetzende Medien, prekäre Arbeitsbedingungen und eine durchökonomisierte Welt der Ungerechtigkeit. Bühnenraum-Studierende der HFBK Hamburg haben diese breiten Themenspektren durch ebenso diverse Bühnenbilder ergänzt. Eva Lillian Wagner hat für die Inszenie-


rung von FC Martha mit minimalistischen Mitteln eine leicht wandelbare Bühne erschaffen, die sich der Handlung dynamisch anpasste. Das schlichte rote Stofftuch war Tanzboden, Wand, Haus, Bett oder Decke und konnte je nach Situation von den Spielern aktiv eingebunden werden. In wenigen Sekunden entstand ein vollkommen anderes Raumgefühl. Wie viel man sonst noch aus einem großen Stück Stoff herausholen kann, zeigte auch das puppentheaterähnliche Konzept von Lukas Fries. Er verwendete für Auf dem Mond, weil es so schmerzhaft wäre wie auf der Erde ebenfalls ein großes Stück Tuch, das jedoch statisch wenige Meter vor der Bühne wie eine Wand aufgespannt und mit senkrechten Schlitzen versehen war. Von dem dahinter stehenden Gerüst konnten Arme, Beine,

Köpfe und Oberkörper durch die Schlitze in Richtung Publikum gestreckt werden, so dass der Kopf des Zuhälters seine Prostituierte trotz zehn Metern Entfernung mit »seiner« Hand misshandeln konnte. Im Gegensatz zu den flächigen Elementen war die von Laura Robert erarbeitete Bühne zu leck mir die wunden kulissenlastig. Die Münchener Wohnung von Fassbinder und seinem zeitweiligen Freund Armin Meier wurde mit auf Pappaufstellern aufgedruckten Möbelstücken rekreiert, die jedoch nach der ersten Hälfte des Stücks gekippt wurden, um die Illusion zu brechen und die Zuschauer ins Hier und Jetzt zu holen. Für das Ballett des Bösen hat Anthoula Bourna eine surrealistische Traumwelt auf Schachbrettparkett geschaffen, in der Wut, Zerstörung und Tod hemmungslos mit Naivität, Ehr-

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Auf dem Mond, weil es so schmerzhaft wäre wie auf der Erde, Bühne: Lukas Fries; Foto: Nadja Häupl


Wenn du leidest, bist du schön, Bühne: Raphaela Andrade Cordova, Mara-Madeleine Pieler; Foto: Max Arntzen

diese Eiswüste mit raffinierter Lichttechnik zum Strand von Tel Aviv werden, der Heimatstadt des Protagonisten aus Wenn du leidest, bist du schön. Neben der vielversprechenden Schauspielleistung haben sich Kostüm, Ton, Licht und Bühnenbild perfekt ergänzt. Das Gesamtbild aller Produktionen hat höchste Professionalität bewiesen. Bleibt zu wünschen, dass derlei Produktionen bald auf den Bühnen großer Theaterhäuser zu sehen sind – damit Fassbinders Stachel auch die Richtigen trifft. (Lukas Schepers)

leck mir die wunden; Bühne: Laura Robert; Foto: Anja Zihlmann

lichkeit und Idealismus kollidieren und das von der Decke hängende steinerne Herz als mystischer Speicherort für böse Energien zum zentralen Handlungsgegenstand wird. Raphaela Andrade Cordova und Mara Pieler haben die zwischenmenschliche Kälte zum Anlass genommen, um ausrangierte Kühlschränke zwischen Kunstschnee und Zimmerpflanzen zu Telefonzellen, Wohnungen und Behörden umzufunktionieren, die den Menschen isolierten und gleichzeitig zur Schau stellten. Trotzdem konnte

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FC Martha, Bühne: Eva Lillian Wagner; Foto: Anja Zihlmann

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Wenn du leidest, bist du schön, Bühne: Raphaela Andrade Cordova, Mara-Madeleine Pieler; Foto: Max Arntzen

5 Stücke von Rainer Werner Fassbinder 4./6. Juli 2018, Ballett des Bösen, Bühne: Anthoula Bourna, Christina Geiger (Regie: Felix Maria Zeppenfeld, Kostüm: Christina Geiger, Dramaturgie: Mara Nitz, Musik: Can Kılıç); FC Martha, Bühne: Eva Lillian Wagner (Regie: Marie Stolze, Kostüm: Isabelle Edi, Esther von der Decken, Dramaturgie: Saskia Ottis); leck mir die wunden, Bühne: Laura Robert (Regie: Meera Theunert, Kostüm: Wiebke Strombeck, Dramaturgie: Leon Frisch) | 5./7. Juli 2018, Auf dem Mond, weil es so schmerzhaft wäre wie auf der Erde, Bühne: Lukas Fries (Regie: Rieke Süßkow, Kostüm: Marlen Duken, Dramaturgie: Finnja Denkewitz, Katharina Fröhlich, Musik: Janosch Pangritz, Merlind Pohl); Wenn du leidest, bist du schön, Bühne: Raphaela Andrade Cordova, MaraMadeleine Pieler, Licht: Marvin Hesse (Regie: Dor Aloni, Kostüm: Magdalena Vogt, Mascha Frey, Dramaturgie: Theresa Schlesinger, Musik: Jan Wegmann). Betreuung HFBK: Prof. Raimund Bauer | Thalia in der Gaußstraße, Hamburg | www.thalia-theater.de


Öffentliche Gestaltungsberatung Kastanienboulevard

Rundgang zur Eröffnung, Kastanienboulevard 40, Unnamed Road; Foto: Imke Sommer

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Der Kastanienboulevard in Berlin-Hellersdorf ist eine zeitgeschichtliche und soziale Besonderheit: Als Teil einer Großwohnsiedlung, die noch zu DDR-Zeiten geplant und erst nach der Wende fertiggestellt wurde, taucht er nicht im Berliner Straßenverzeichnis auf. Seine Eigentümerin ist die Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen. In der ursprünglichen Planung sollten die Ladenzeilen mit zum Boulevard gerichteten Fensterfronten dem Einzelhandel und dem Handwerk wieder mehr Gewicht geben, eine Entwicklung, die spätestens nach der Errichtung eines Einkaufszentrums in unmittelbarer Nähe hinfällig wurde, was wiederum die Qualität des Boulevards als Ort nachbarschaftlicher Kommunikation beeinträchtigte. Von November 2017 bis Juli 2018 erarbeitete die Öffentliche Gestaltungsberatung (ÖGB) des Studios Experimentelles Design unter Leitung von Prof. Jesko Fezer auf Einladung der Initi-

ative Urbane Kulturen der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) Berlin gemeinsam mit Anwohner*innen und Gewerbetreibenden Gestaltungsansätze zur Verbesserung der Situation. Als Zentrale diente die Station Urbane Kulturen des nGbK, ein Ladenlokal am Kastanienboulevard. Anders als in Hamburg-St. Pauli, wo ratsuchende Anwohner*innen sich seit 2011 mit ihren Design-Problemen selber an die ÖGB wenden können, gingen die Studierenden in Hellersdorf initiativ vor. Sie führten Gespräche mit lokalen Akteur*innen und entwickelten mit ihnen gemeinsam Konzepte der Schaufenstergestaltung mit einem Schwerpunkt auf kommunikativen Eigenschaften. Dabei ging es oft nur um kleine Veränderungen, die das Potenzial des jeweiligen Ortes sichtbar machen. Mit der Betreiberin einer Metzgerei mit Mittagstisch, einer ohnehin beliebten Anlaufstelle, wurde ein regelmäßiges Anwohnertreffen verabredet, das


nun von einer großen, selbstgenähten Stammtisch-Fahne als »Kastaniengeflüster« angekündigt wird. Ein Modelleisenbahn-Club erhielt Guckkästen, die neugierig auf das Angebot machen, ohne zu viel zu verraten – denn dort finden regelmäßig Ausstellungen gegen Eintritt statt. Die Vitrine einer Puppenbühne wurde so hell erleuchtet, dass sie an dieser besonders dunklen Ecke des Boulevards die Straßenbeleuchtung mit übernimmt, nicht ohne den Hinweis: Kasper fordert mehr Licht! Das Büro einer kurdischen Oppositionspartei, dessen Betreiber*innen wenig Kontakt mit Anwohner*innen zu haben schienen, erhielt für sein Schaufenster flexible Hänge- und Steckvorrichtungen, durch die über ein wechselndes Kulturprogramm informiert werden kann. Sogar nicht bestehende Angebote werden mitgeteilt: Für das Schaufenster einer Organisatorin von Katzenschauen, die sich von Laufkundschaft eher gestört fühlte, wurde eine Katzenschrift entwickelt, die nun deutlich verkündet: »Wir verkaufen keine Katzen«. Zur Abschlusspräsentation wurden die am Projekt

Rundgang zur Eröffnung, Kastanienboulevard 11, IG Modellbahn, Einblicke; Foto: Imke Sommer 7. – 14. Juli 2018, Eröffnung: 6. Juli 2018, Öffentliche Gestaltungsberatung Kastanienboulevard, Beteiligte Studierende des Studios Experimentelles Design: Liza Beutler, Marie-Theres Böhmker, Kim Fleischhauer, Tina Henkel, Maren Hinze, Gvantsa Jiadze, Ka Young Kim, Anna Manlig, Alexander Mehren, Julia Tangermann, Philip Peters, Tatjana Schwab, Tim Wehnert. Betreut von Prof. Jesko Fezer | Station Urbaner Kulturen, Auerbacher Ring 41 (jetzt Kastanienboulevard 1), Berlin | www.ngbk.de | www.gestaltungsberatung.org

beteiligten über 30 Läden und Orte auf dem Boulevard mit informellen Hausnummern versehen, die nicht als Ordnungsprinzip fungieren sollen, sondern die soziale Verabredung des Boulevards stützen, bestehende Vernetzungen stärken, mögliche Verbindungen anregen und Dialoge über seine Bedeutung provozieren. Wieso hat die leer stehende Kaufhalle die Hausnummer 0? Warum folgt die Hausnummer 11 auf 38? In der Ausstellung in der Station Urbaner Kulturen, die die Hausnummer 1 erhalten hat, wurden die Recherchen, Entwürfe, Erkenntnisse und gemeinsamen Entscheidungsprozesse ausgestellt. Dazu erschienen ein Heft, das die Läden, die Akteur*innen und die verschiedenen Interventionen vorstellt, sowie ein Plan des Kastanienboulevards, der die neuen Hausnummern auffindbar macht. Geplant ist, dass die Studierenden der ÖGB nach einiger Zeit zurückkehren werden, um zu sehen, was aus den einzelnen Projekten geworden ist und gegebenenfalls noch einmal Dinge zu verändern.

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Alle Bilder: Performance und Installation im Rahmen von Drinking and Loitering with / Trinken und Wandeln mit der Klasse Michaela Melián in der Trinkund Wandelhalle Bad Tölz, 2018; Fotos: Klasse Melián

Trinken und Wandeln mit …

27. Juli 2018, Drinking and Loitering with / Trinken und Wandeln mit, Klasse Prof. Michaela Melián: Bilge Aksac, Felix Boekamp, Jeongah Eom, Janis Fisch, Manuel Funk, Lorenz Goldstein, Anna Gröger, Sevda Güler, Signe Raunkjaer Holm, Yuling Hsueh, Mara Ittel, Abel Jaleta, Paulina Lakowski, Wonek Lee, Sophia Leitenmayer, Xinyi Li, Yi Li, Charlotte Livine, Kathrin Köhler, Simeon Melchior, Elisa Nessler, Anne Pflug, Jana Pfort, Pia Scheiner, Szerafina Schießer, Moritz Walker, Jin Wang | Trink- und Wandelhalle, Bad Tölz | www.gflk.de

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Die Trink- und Wandelhalle an der Kurpromenade in Bad Tölz ist ein Architekturdenkmal des Neuen Bauens in Deutschland. Entworfen Ende der 1920er Jahre, ist sie mit 110 Metern Länge und 15 Metern Breite die größte Kurhalle in Europa. In einem großen runden Trinksaal mit Glasdach und einem Springbrunnen, in dessen Mitte eine riesige Bronzeplastik der griechischen Göttin Hygieia steht, tranken die Kurgäste heilendes Jodquellwasser und flanierten in der benachbarten lichtdurchfluteten Wandelhalle. Im Konzertsaal im hinteren Bereich der Halle und in einem Musikpavillon im Park wurden die Kurgäste mit Musikdarbietungen unterhalten. Nach der Gesundheitsreform und dem Niedergang des deutschen Kurbetriebs in den 1990er Jahren stand die Trink- und Wandelhalle leer. Seit 2011 kann die Hamburger Galerie für Landschaftskunst (GFLK) – unter Leitung der Künstler Stephan Dillemuth und Florian Hüttner – die Halle als Dependance im Süden nutzen. Seitdem organisieren sie dort ein- bis zweimal im Jahr Ausstellungen und Projekte mit internationalen Künstler*innen, seit 2012 auch mit Kunststudierenden. In diesem Zusammenhang luden sie im Juli 2018 Michaela Melián (Professorin für Mixed Media/Akustik) mit ihrer Klasse nach Bad Tölz ein. Für Drinking and Loitering with / Trinken und Wandeln mit entwickelten die Studierenden vor Ort zwölf Tage lang eine Performance, die am 27. Juli aufgeführt wurde. Darin griffen sie die Geschichte des Gebäudes und die Tradition der Kur auf. Zu Beginn legten sich die Performer*innen in Badekleidung zu Füßen der Hygieia, der Göttin der Gesundheit. Ein kleiner Lautsprecher, aus dem Wasserplätschern zu hören war, wurde auf die Brust der Bronzeplastik gesetzt, so dass sie zu einem Resonanzkörper wurde. Von dort aus ging es gemeinsam

mit den Besucher*innen in die Wandelhalle, die bis dahin von Stellwänden versperrt war. Dann setzte eine Audiospur ein, die neben einer Erzählstimme auch unterschiedliche Musikstücke einspielte. Zum Schluss ertönten Glockenschläge, und alle tranken aus mit Salz und Wasser gefüllten Bechern.


Workshop im Rahmen des Projekts How to Ă–ffentliche Gestaltungsberatung mit Prof. Jesko Fezer, Nils Reinke-Dieker, Felix Egle, Dennis Nedbal, Larissa Starke, Anna Unterstab, Friederike Wolf, Jana Reddemann

Projekte im Rahmen der Hamburg Open Online University (HOOU) 410


Workshop im Rahmen des Projekts How to Öffentliche Gestaltungsberatung mit Prof. Jesko Fezer, Nils Reinke-Dieker, Felix Egle, Dennis Nedbal, Larissa Starke, Anna Unterstab, Friederike Wolf, Jana Reddemann

Seit drei Jahren ist die HFBK Hamburg aktiver Teil der Hamburg Open Online University (HOOU). Das hochschulübergreifende Projekt will die klassische Präsenzlehre mit den Möglichkeiten digitaler Technologien erweitern und das Angebot einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Für die HFBK Hamburg bedeutet das, die Besonderheiten der künstlerischen Lehre mit den Möglichkeiten des Digitalen zu kombinieren.

Online Gallery

Das Projekt HFBK Online Gallery ist im Studienschwerpunkt Malerei bei Professor Anselm Reyle angesiedelt und eröffnet durch die Präsentation aktueller künstlerischer Positionen einen öffentlichen Diskursraum über zeitgenössische Kunst. Der geplante digitale Ausstellungsraum – der im Austausch mit Studierenden des Games Master der HAW Hamburg entwickelt wird – erweitert die Ausstellungsmöglichkeiten und erschließt gleichzeitig neue Öffentlichkeiten. Regelmäßig werden externe, internationale Kurator*innen, Kritiker*innen oder Galerist*innen eingeladen, die digitalen Ausstellungen zu kuratieren und die Präsentationen zu diskutieren. Studierende und die digitalen Ausstellungsbesucher*innen können sich mit

den Ausstellungsinhalten auseinandersetzen und eigene Anmerkungen oder Fragen einfließen lassen.

How to Öffentliche Gestaltungsberatung – OnlineLektionen für ein Offline-Lehrformat

Die Öffentliche Gestaltungsberatung unter Leitung von Jesko Fezer (Professor für experimentelles Design) ist ebenso ein gesellschaftlich engagiertes Designprojekt wie ein experimentell-künstlerisches Lehrformat. Sie zielt auf nicht-affirmative Praxiserfahrungen in der offenen Auseinandersetzung mit Problemen anderer. So ermöglicht die Öffentliche Gestaltungsberatung Studierenden ein weitergehendes Designverständnis und bildet Ausgangspunkte für die Erprobung zeitgenössischer relevanter Gestaltungsansätze. Und sie interveniert direkt in die städtische Wirklichkeit, um zu problemorientiertem, gemeinschaftlichem Gestalten anzuregen. Auf beiden Ebenen (Lehre und Wirklichkeit) hat die Öffentliche Gestaltungsberatung international großes Interesse hervorgerufen. Um das Arbeitsprinzip zu erläutern, das Designverständnis zu vermitteln und praktische Anleitung zu geben, soll das bereits angelegte Projektarchiv systematisch reorganisiert und zugänglicher gemacht werden und durch eine Reihe von vertiefenden

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Lecture-Performance von Rosa Menkman am 21. Juni 2018 in der HFBK Hamburg

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»Lektionen« ergänzt werden. Hier kommen ganz unterschiedliche Formate – Filmclips, PDFs, Animationen, Texte, Chats, Bilder, Grafiken, interaktive Elemente – zum Einsatz. Eine verbindende Audiospur nimmt nicht nur Kontextualisierungen vor, sondern bietet – verknüpft mit dem entsprechenden Material – eine digitale Vorlesung im Audioformat an.

Screencasting – Shared Moments in the Digital Age

Mit dem Projekt Screencasting konzipiert die Klasse Digitale Grafik von Prof. Christoph Knoth und Prof. Konrad Renner einen explorativen Zugang zu Momenten des digitalen Teilens. Dabei soll eine große Bandbreite an historischen Faktoren, gestalterischen Möglichkeiten und kulturellen Diskursen abgedeckt werden und einer größtmöglichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine

gemeinsame Plattform, von der Klasse konzipiert und entworfen, funktioniert als virtueller Ausstellungsraum und macht unterschiedliche künstlerische Positionen sichtbar. Dafür werden von den Studierenden Screencasts entwickelt, die experimentell, humorvoll, dystopisch oder streng didaktisch die verschiedenen narrativen Möglichkeiten ausloten und von hoher grafischer Qualität sind. Hier sollen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, dem Offensichtlichen und dem Spekulativen in digitalen Repräsentationen sichtbar werden. Die Klasse übernimmt hierfür die Autorenschaft und redaktionelle Arbeit, lädt aber auch weitere Akteure aus dem Feld der digitalen Kultur ein, eigene Screencasts zu erstellen und über die Plattform zu veröffentlichen. So z.B. Anja Kaiser (D), Jeremy Bailey (CN), Molly Soda (USA), Jonas Lund (SE), Eric Hu (USA) und Rosa Menkman (NL).


Die Grafikdesignerin und Künstlerin Anja Kaiser während ihres Vortrags am 7. November 2017 in der HFBK Hamburg im Rahmen des Projekts Screencasting

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Workshop Presentation What the Proxy – Entwicklung narrativer Screenstrukturen, geleitet von Anja Kaiser

Projekt Online Gallery, mit Jana Reddemann, Arne Mier, Johannes Klever, Studierenden der HAW Hamburg. Betreut von Prof. Martin Köttering, Prof. Anselm Reyle | Projekt How to Öffentliche Gestaltungsberatung, mit Nils Reinke-Dieker, Felix Egle, Dennis Nedbal, Larissa Starke, Anna Unterstab, Marie-Theres Böhmke, Friederike Wolf, Jana Reddemann. Betreut von Prof. Jesko Fezer | Projekt Screencasting. Betreut von Prof. Christoph Knoth, Prof. Konrad Renner | Projekt IFM Innovatives Filme Machen, www.ifm.hfbk.net, Realisation: Natalie Gravenor, Beate Anspach, Grafik: Jana Reddemann, Umsetzung: Elena Friedrich, Rasmus Rienecker, Janine Dauterich u. a., Konzeption: Prof. Robert Bramkamp | Projekt Inter Graphic View, www.intergraphicview.com, grafische Gestaltung: David Liebermann, Umsetzung: Laurens Bauer, Edward Greiner, Caspar Reuss, Juliet van Rosendaal, Andreas Schlaegel, Shuchang Xie, Saki Ho, Lea Sievertsen u. a. Konzept + Redaktion: Prof. Ingo Offermanns | Projekt Rhizome, Rhizome.hfbk.net, grafische Umsetzung: Jana Reddemann | Mit Beiträgen von Prof. Dr. Astrid Mania, Bettina Steinbrügge, Raimar Stange, Raphael Dillhof, Tilman Walther, Birthe Mühlhoff, Carina Lüschen u. a., Konzept: Andreas Schlaegel, Beate Anspach


HFBK-Filme auf Festivals Eibe Maleen Krebs, Draussen in meinem Kopf, D 2018, 99 Min.; Filmstill

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Eibe Maleen Krebs, Draussen in meinem Kopf, D 2018, 99 Min. »Von außen betrachtet ist es immer leicht, eine Tat zu verurteilen. Doch was passiert, wenn man mitten drinnen in der Situation steckt und emotionale Bindungen aufgebaut hat?«, sagt Eibe Maleen Krebs über ihren Film. Draussen in meinem Kopf erzählt die Geschichte eines todkranken Jugendlichen und seines jungen Pflegers, zwischen denen sich eine Freundschaft mit Abgründen entwickelt. Der an Muskeldystrophie erkrankte Sven wird von Samuel Koch gespielt, der seit seinem Unfall in der Show Wetten, dass… vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist. Schauplatz des im wahrsten Sinne des Wortes Kammerspiels der beiden Protagonisten ist das Pflegezimmer, Svens Mikrokosmos, der sich mit der Beziehung der beiden verändert. Für die Entwicklung des Drehbuchs erhielt die HFBK-Absolventin Eibe Maleen Krebs (Master 2014 bei Prof. Pepe Danquart, Prof. Robert Bramkamp, Prof. Dr. Michael Diers) ein Stipendium der Stiftung von Wim Wenders, bis 2017 Professor

für Spielfim an der HFBK Hamburg. Beim 39. Filmfestival Max Ophüls (22. bis 28. Januar 2018) wurde Draussen in meinem Kopf mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet. www.max-ophuels-preis.de, www.in-meinem-kopf.de Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, D 2018, 58 Min. Giada und Omar, Jorge und Aaron sind 15 Jahre alt. Sie leben auf La Gomera, am Rand der europäischen Topografie. Den Sommer auf der kleinen Kanareninsel verbringen die Jugendlichen fast wie im Paradies: Sie skaten, klettern durch schroffe Felslandschaften, albern herum, freuen sich auf die nächste Fiesta und liegen in der Abendsonne am schwarzen Strand. Nur manchmal reden sie über die Zukunft. Denn die Schulbildung auf der Insel endet nach der zehnten Klasse, im nächsten Sommer werden sich die Lebenswege trennen und sie auf die Nachbarinseln, nach England oder Deutschland führen. Ein konsequent beobachtender Jugendfilm mit präzisem Soundtrack, der nicht


nach Tabubrüchen oder Eskapaden sucht – und gerade so die besondere Stimmung jenes kurzen Moments der Biografie spürbar macht, in dem man nur für den Moment lebt. Marvin Hesse (Bachelor 2017) studierte bei Wim Wenders und Pepe Danquart. Salka Tiziana (Kamera) studiert noch an der HFBK Hamburg. Der Film lief bereits auf dem 13. Festival de Malaga, dem CineLatino – CineEspañol Tübingen, der 15. Dokfilmwoche Hamburg, der 15. Documenta Madrid und dem 5. Ibero-American Documentary Film Festival Schottland. www.everyone-film.com,

Struktur entwickelt – in einer Bewegung zwischen Mikrokosmen, die fern voneinander und eng verbunden zugleich sind. Der Filmemacher nähert sich ohne zu stören und erhält damit die Fragilität des Habitats, das er beobachtet. Wie die nichtmenschlichen und menschlichen Protagonisten seines Films folgt er einer Praxis des Sammelns – als Zugang zur Welt und als Überlebensmodus. Eine Koexistenz solitärer Zustände, die der Film transzendiert zu einem Verständnis unserer Zugehörigkeit zu einer unendlichen Menge von Daseinsformen«, schrieb die Jury des Hamburger Wettbewerbs des 34. Internationalen Kurzfilmfestivals in Hamburg, die den Film zum Sieger kürte. Außerdem Max Sänger, Spineless Kingdom, D 2017, 29 Min. wurde Spineless Kingdom auf der 41. Duisburger FilmIm Zentrum von Max Sängers Film steht der in Cornwall woche mit dem Förderpreis der Stadt Duisburg ausgezeichlebende Insektenforscher Patrick Saunders, ein der Zivili- net. Nach seinem Bachelor-Abschluss 2016 ist Max Sänger sation entfremdeter und der Natur umso mehr zugewand- Masterstudent bei Pepe Danquart an der HFBK Hamburg. ter Aussteiger. »Ein Film, der seine ganz eigene organische Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, D 2018, 58 Min.; Filmstill Max Sänger, Spineless Kingdom, D 2017, 29 Min.; Filmstill

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Luise Donschen, Casanovagen, D 2018, 67 Min., Szene mit John Malkovich; Filmstill

17. Filmfestival Münster (4. – 8. Oktober 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.filmfestival-muenster.org 46. Festival du nouveau cinema Montréal (4. – 15. Oktober 2017), Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min., www. nouveaucinema.ca 25. Filmfest Hamburg (5. – 14. Oktober 2017), HFBK-Kollektivfilm Dazu den Satan zwingen, D 2017, 105 Min.; Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min., www.filmfesthamburg.de 28. Hamburg International Queer Film Festival (17. – 22. Oktober 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.lsf-hamburg.de 15. Morelia International Film Festival, Mexico (20. – 29. Oktober 2017), Nicolaas Schmidt, Autumn, D 2015, 10 Min., www.moreliafilmfest.com 36. Uppsala International Short Film Festival (23. – 29. Oktober 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.shortfilmfestival.com 39. Biberacher Filmfestspiele (31. Oktober – 5. November 2017), Eike Weinreich und Alexej Hermann, Von komischen Vögeln, D 2017, 85 Min., www.filmfest-biberach.de 59. Nordische Filmtage Lübeck (1. – 5. November 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www. luebeck.de/filmtage/de 41. Duisburger Filmwoche (6. – 12. November 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.duisburger-filmwoche.de 3. Klappe auf! Kurzfilmfestivals, Hamburg (10. – 12. November 2017), Olga Kosanovic, Unterkühlung, D/A 2016, 11 Min., www.klappe-auf.com 34. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest (14. – 19. November 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.kasselerdokfest.de 15. Filmfest Düsseldorf (15. – 17. November 2017), Olga Kosanovic, Unterkühlung, D/A 2016, 11 Min., www. filmfest-duesseldorf.de

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11. Kurzfilmfestival Köln (15.-19. November 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.kffk.de 5. Copenhagen Short Film Festival (16. – 19. November 2017), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min., www.csff.dk YOUKI - Internationales Jugend Medien Festival (21. – 25. November 2017), Olga Kosanovic, Unterkühlung, D/A 2016, 11 Min., www.youki.at 14. Up-and-Coming Filmfestival Hannover (23. – 26. November 2017), Olga Kosanovic, Unterkühlung, D/A 2016, 11 Min.; Laura Matt, Nahe Kepler, D 2017, 18 Min. (nominiert für den Deutschen Nachwuchsfilmpreis), www.up-and-coming.de 42. Festival Internazionale del Cinema Laceno d’Oro, Avellino (5. – 10. Dezember 2017), Helena Wittmann, Drift, D 2017, 97 Min., www.lacenodoro.it 29. Abgedreht Hamburger Nachwuchsfilmfestival (12. – 14. Dezember 2017), Olga Kosanovic, Unterkühlung, D/A 2016, 11 Min., www.abgedreht-hamburg.de 39. Filmfestival Max Ophüls Preis Saarbrücken (22. – 28. Januar 2018), Eibe Maleen Krebs, Draußen in meinem Kopf, D 2018, 99 Min. (1. Preis der Jugendjury), www. max-ophuels-preis.de 47th International Film Festival Rotterdam (24. Januar – 4. Februar 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min.; Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min., www.iffr.com 68. Internationale Filmfestspiele Berlin (15. – 25. Februar 2018), Luise Donschen, Casanovagen, D 2018, 67 Min. (Weltpremiere im Rahmen des Berlinale Forum); Mariam Mekiwi, ‘abl ma ‘ansa / Before I Forget, D/ EG 2018, 31 Min. (Forum Expanded); Kerstin Schroedinger, Bläue, 1-Kanal-Videoinstallation, D/GB 2017, 48 Min. (Gruppenausstellung in der Akademie der Künste), www.berlinale.de 11. Festival des dokumentarischen Films – Nonfiktionale (8. – 11. März 2018), Arne Körner, Surrounded, D 2013, 10 Min., www.nonfiktionale.de


Werkstatt der Jungen Filmszene (18. – 21. Mai 2018), Jasmin Luu, Aleksandra Kovacevic, Paulo Lando, Different Directions, D 2016, 4:37 Min., www.werkstatt.jungefilmszene.de 58th Krakow Film Festival (27. Mai – 3. Juni 2018), Victor Orozco Ramirez, 32-Rbit, D/MEX, 8 Min., www.krakowfilmfestival.pl 34. IKFF – Internationales Kurzfilmfestival Hamburg (5. – 11. Juni 2018), Deutscher Wettbewerb: Willy Hans, Das satanische Dickicht - DREI, D 2017, 22 Min.; Francesca Bertin, Il giardino, D 2018, 21 Min.; Paul Spengemann, Walking Stick, D 2018, 11 Min.; Karsten Krause, Konturen, D 2018, 20 Min.; Steffen Goldkamp, Western Union, D/KRO 2018, 13:40 Min.; Hamburger Wettbewerb: Salka Tiziana, Hinter Glas, D 2018, 14 Min; Katharina Bintz, Mauerrufe, D 2018, 9 Min.; Johannes Frese, Titan, F 2017, 24 Min.; Max Sänger, Spineless Kingdom, D 2017, 29 Min. (1. Preis, Hamburger Wettbewerb); Kathrin Dworatzek, Sun Of A Beach, D/USA 2018, 28 Min.; Romeo Grünfelder, Chioptères, D 2018, 2:28 Min., www.shortfilm.com filmreif Festival – Das Bundesfestival junger Film 2018 (7. – 10. Juni 2018), Katharina Lüdin, Das Ei, D 2016, Experimentalfilm, 9 Min., www.filmreif-festival.de Filmadrid (7. – 16. Juni 2018),Willy Hans, Das satanische Dickicht - EINS, ZWEI und DREI, D 2014-2017, 29:47 Min., 30 Min., 22 Min.; Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min. (1. Preis im Offiziellen Wettbewerb), www.filmadrid.com 29th Fid Marseille (10. – 16. Juli 2018), Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min., www.fidmarseille.org 25th Open Eyes Filmfest, Marburg (18. – 22. Juli 2018), Arne Körner, Der Einzelkämpfer, D 2017, 10 Min. Chennai International Queer Film Festival (27. – 29. Juli 2018), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27 Min. (Berlinale Spotlight) 17th Festival Silhouette, Paris (24. August – 1.September 2018), Katharina Bintz, Mauerrufe, D 2018, 9 Min. Luststreifenfestival Basel (26. – 30. September 2018), Katharina Lüdin, Übermorgen Palermo, D 2018, 30 Min.

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Helena Wittmann, Drift, D 2017, 95 Min., Filmstill

24. Kurzfilmwoche Regensburg (14. – 21. März 2018), Nicolaas Schmidt, Final Stage, D 2017, 27/32 Min., www. kurzfilmwoche.de 11. Lichter Filmfest Frankfurt International (3. – 8. April 2018), HFBK-Kollektivfilm Dazu den Satan zwingen, D 2017, 105 Min.; Jakob Engel, Waiting for Record, D 2017, 15:15 Min. (Lichter Art Award für Videokunst), www.lichter-filmfest.de 29. Filmfest Dresden (9. – 14. April 2018), Mate Ugrin, U Meduvrenenu – Meanwhile, 2017, 18 Min. (Goldener Reiter der Jugendjury), www.filmfest-dresden.de 10. International Short Film Festival Nijmegen - Go Short (11. – 15. April 2018), Julia Tielke, Inseln, D 2018, 20 Min. (Student Competition); Elena Friedrich, Violence is to Charge 600 Euros – Public Land II, D/GR/TRK/E 2017, 30 Min. (European Competition), www.goshort.nl 13. Internationales Frauenfilmfestival Dortmund / Köln (24. – 29. April 2018), Katharina Lüdin, Das Ei, D 2016, 9 Min., www.frauenfilmfestival.eu 13. Festival de Málaga (13. – 22. April 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min., www.festivaldemalaga.com 25. CineLatino – 15. CineEspañol Tübingen (18. – 25. April 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min., www.filmtage-tuebingen.de 15. DokFilmwoche Hamburg (11. – 15. April 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min.; Bernhard Hetzenauer, La Sombra de un Dios / A God´s Shadow, A/D/MEX, 20 Min.; Martin Prinoth, Die fünfte Himmelsrichtung, D 2017, 78 Min.; Aron Sekelj, Landschaften des Krieges, Landschaften des Friedens, 2017, 49 Min., www.dokfilmwoche.com 15. Crossing Europe – Filmfestival Linz (25. – 30. April 2018), Willy Hans, Das satanische Dickicht - DREI, D 2017, 22 Min.; Bernhard Hetzenauer, La Sombra de un Dios / A God´s Shadow, A/D/MEX, 20 Min., www. crossingeurope.at 66. Trento Film Festival (26. April – 6. Mai 2018), Bernhard Hetzenauer, La Sombra de un Dios / A God´s Shadow, A/D/MEX, 20 Min.; Martin Prinoth, Die fünfte Himmelsrichtung, 2017, 78 Min., www.trentofestival.it 64. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen (3. – 8. Mai 2018), Adnan Softić, Bigger than Life, 2018, 30:40 Min. (3Sat Förderpreis); Willy Hans, Das satanische Dickicht - DREI, D 2017, 21:40 Min.; Romeo Grünfelder, Chioptères, 2018, 2:28 Min. (Deutscher Wettbewerb); Vanessa Heeger, The Flower-Headed Boy, 2017, 2 Min. (Kinder- und Jugendfilmwettbewerb), www.kurzfilmtage.de 15. Documenta Madrid – International Short Film Festival (3. – 13. Mai 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min., www.documentamadrid.com 5. Ibero-American Documentary Film Festival Scotland (4. – 5. Mai 2018), Marvin Hesse, Everyone in Hawaii Has A Sixpack already, 2018, 58 Min., www.iberodocs.org


Neuerscheinungen des Materialverlags

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Nina Lempenauer: In allen vier Ecken soll Liebe drin Details auftauchenden Bildern des David von Michelangelo stecken oder Caravaggio durchaus naheläge. Nein, es sind nicht Schon das Cover macht es unmissverständlich klar: bei Bedeutung und Wissen, auf die die Fotografien setzen, sondieser Publikation handelt es sich um ein Poesiealbum. dern vielmehr das, was beim Betrachten der Fotografien Aber ist das in Zeiten von Facebook, von Twitter und uns unmittelbar angeht, uns ungeschützt touchiert und WhatsApp wenn nicht obsolet, so doch ein Anachronis- ein Mal, ein punctum der Verletzung hinterlässt. Männmus? Nina Lempenauer rekurriert in ihrer Erläuterung des liche Schönheitsideale wie der David oder die Sklaven Buchs denn auch auf den seit den 1950er Jahren herrschen- von Michelangelo werden ausschnitthaft und in Nahsicht den Brauch, in dem Album den Freund*innen pathetisch gezeigt, sie rufen explizit einen homoerotischen Kontext Lebensweisheiten zu vermitteln oder ein Aperçu mit einem auf und werden von Gräf lose mit Bildern von Details des mehr oder weniger gestalterischen Elaborat zukommen zu eigenen Körpers oder den teilweise sexualisierten Körpern lassen. Auf der linken Seite eine Illustration, auf der rechten anderer Männer kombiniert, zuweilen unterbrochen von ein Text, so die gängige Ordnung. Lempenauer greift diese Unterarmen, auf denen Pflaster den Einstich einer Spritze Ordnung auf und lässt namhafte Künstler*innen ihre Vor- markieren. Die Schlagkraft der Fotografie wird so interstellungen von Kunst und vom Künstlersein aufschluss- essant mit Leidenschaft und Stigmatisierung von Homoreich in Wort und Bild kundtun. Es ist eine Art Vademecum sexualität gepaart und nur durch die diffuse Körnung des für junge Künstler*innen, das nicht nur spielerisch künst- Risographen in ihrer Vehemenz gedrosselt. lerisches und kunsthistorisches Knowhow, sondern auch Konzeption: Maik Gräf | Betreuer: Prof. Adam Broomberg, Humor lehren will. Prof. Oliver Chanarin, Ralf Bacher | Risographie, vierfarKonzeption, Illustration: Nina Lempenauer | Gestaltung: big, ineinandergelegte Doppelseiten  | Auflage: 50 ExempValentin Kaden de Vaca | Betreuer: Prof. Anselm Reyle, lare, 60 Seiten, Material 396, Hamburg 2018 Prof. Wigger Bierma, Ralf Bacher | 4C-Digitaldruck, Klebebindung, gefütterter Stoffumschlag mit Prägungen und Daniel Hopp: Wonderful Days Stickern  | Auflage: 25 Exemplare, 40 Seiten, Material 394, Es sind viele Geschichten, ursprünglich in Videos erzählt, Hamburg 2018 die Daniel Hopp in seinem Buch versammelt. Alle sehr verschieden, aber nahezu alle in Wort und Bild gleichermaßen Maik Gräf: punctum rotzig vorgetragen. Als ginge es darum, ästhetische, literaMit punctum als Titel greift Maik Gräf einen zentralen rische Standards und Ansprüche weit hinter sich zu lassen Begriff aus Roland Barthes’ Essay Die helle Kammer auf, angesichts einer Welt, die rassistisch, unsozial, homophob einem Text, der mittlerweile als Standardwerk zur Foto- und egoistisch ist. Der Medienwechsel vom Video zum Buch grafie gilt. Gräf macht so unmissverständlich klar, worauf verlangsamt dabei das Geschehen keineswegs, vielmehr die vorliegende Arbeit, seine Bilder und Collagen zielen. Es sind die Bilder atemlos hinter-, neben- und untereinander geht ihm nicht darum, die Betrachter*innen für die Seman- geschnitten gleich der parallelen Bildorganisation digitaler tiken seiner Bilder zu begeistern, obwohl dies bei den als Oberflächen. Auch dieses Buch lässt dem/der Leser*in kaum


die Möglichkeit zur Distanz. Er/sie wird mit anrührenden Geschichten um das juckende Arschloch, Begegnungen mit Pennern und Freund*innen ebenso konfrontiert wie mit jenen aus der Kindheit des Autors. Videos, Texte: Daniel Hopp | Gestaltung: Fritz Lehmann, Paul Voggenreiter | Betreuer*innen: Prof. Jeanne Faust, Prof. Wigger Bierma, Ralf Bacher | 4C-Digitaldruck, Softcover, Fadenbindung | Auflage: 100 Exemplare, 240 Seiten (dt./engl.), Material 393, Hamburg 2018

Außerdem erschienen: Wigger Bierma (Hg.), Objects belonging to a conversation | Teilnehmer des ZINE-Seminars im Wintersemester 2017/2018 | Betreuer*innen: Prof. Wigger Bierma, Maxi Schmidt, Ralf Bacher, Hannah Rath, Claire Gauthier | Risographie, 12 Hefte zum Buchblock verleimt | Auflage: 50 Exemplare, 138 Seiten, Material 392, Hamburg 2018

Neuerscheinungen im Materialverlag der HFBK von Maik Gräf, Nina Lempenauer und Daniel Hopp Nina Lempenauer: In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken (Detail)

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Visualität und Abstraktion. Eine Aktualisierung des Figur-Grund-Verhältnisses Der ebenfalls im Rahmen des Graduiertenkollegs Ästhetiken des Virtuellen erschienene Sammelband basiert zu

Neuerscheinungen im Materialverlag der HFBK Hamburg: yet incomputable; Visualität und Abstraktion. Eine Aktualisierung des Figur-Grund-Verhältnisses; 4% Überlebensrate. Aktuelle Frontberichte aus der Kunstakademie

yet incomputable

Die von Elena Agudio kuratierte Abschlussausstellung des Graduiertenkollegs »Ästhetiken des Virtuellen« fand Ende 2017 in den Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg statt. Sie präsentierte nicht nur die künstlerischen Arbeiten der Kollegiat*innen, sondern ergänzte sie um thematisch passende Arbeiten internationaler Künstler*innen wie Trevor Paglen und Louis Henderson. Die nun vorliegende Abschlusspublikation, die von den Grafik-Studierenden der HFBK Hamburg Hanna Osen und Paul Voggenreiter gestaltet wurde, dokumentiert anhand eines Werkindex und Installationsansichten zum einen die zurückliegende Ausstellung. Gleichzeitig greift sie anhand ausgewählter Essays und Kommentare der Kollegiat*innen die zentralen Themen und Fragestellungen des Graduiertenkollegs auf. Somit bietet der lesens-und sehenswerte Katalog einen umfassenden Rückblick auf das künstlerisch-wissenschaftliche Programm des Graduiertenkollegs von 2015 bis 2017. Katalog zur Abschlussausstellung des Graduiertenkollegs »Ästhetiken des Virtuellen« | Mit Essays von Elena Agudio, Zach Blas, Antonia Majaca und Luciana Parisi, Matteo Pasquinelli | Herausgegeben von Elena Agudio | Redaktionelle Mitarbeit: Peter Müller | Gestaltung: Hanna Osen und Paul Voggenreiter | Materialverlag der HFBK Hamburg 2017 | ISBN: 978-3-944954-40-0 | 204 Seiten mit ca. 160 farbigen Abbildungen

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medienwissenschaftlichen sowie philosophischen Beiträge problematisieren einerseits die Ambivalenzen digitaler Programme und des Algorithmus, die gleichermaßen Sicherheit qua Transparenz verheißen wie Kontrolle ausüben und Gesellschaft konformistisch gestalten. Andererseits werden emanzipatorische und Widerstandsformen theoretisch-ästhetisch erprobt, die aus der Auflösung des wahrnehmungstheoretisch überlieferten Figur-Grund-Kontrasts (optisch wie metaphorisch begriffen) in der musterhaft verstehbaren Ordnung des Digitalen resultieren. Mit Beiträgen von Christian Blumberg, Adrienne Edwards, Joachim Glaser, Toni Hildebrandt und Giovanbattista Tusa, Stephan Janitzky, Joke Janssen, Marietta Kesting, Knowbotiq, Hanne Loreck, Katrin Mayer, Karolin Meunier, Roland Meyer, Peter Müller, Maria Muhle, Matteo Pasquinelli, Merle Radtke, Eske Schlüters, Kerstin Schroedinger, Jana Seehusen, ANna Tautfest, Vera Tollmann und Judith Hopf | Herausgegeben von Hanne Loreck in Zusammenarbeit mit Jana Seehusen | Redaktionelle Mitarbeit: Christian Blumberg, Joachim Glaser, Joke Janssen, Peter Müller, Merle Radtke, ANna Tautfest, Vera Tollmann | Gestaltung: Flo Gaertner | Materialverlag der HFBK Hamburg 2017 | Material 388 | ISBN: 978-3-944954-37-0 | 272 Seiten mit ca. 65 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen |

4% Überlebensrate. Aktuelle Frontberichte aus der Kunstakademie

Im Rahmen der Festwoche zum 250. Jubiläum der HFBK Hamburg widmete sich das von Prof. Werner Büttner organisierte Symposium einem heiklen Thema: der Existenzberechtigung von Kunstakademien, gemessen am einem Großteil auf dem vorangegangenen Symposium (5./6. »Lebenserfolg« ihrer Absolvent*innen. Statistisch gesehen, Februar 2016) und verhandelt die Umordnung des Sicht- entscheiden sich jedes Jahr hunderte junger Menschen für baren in Zeiten des Algorithmus. Die kunst-, kultur- bzw. die Aufnahme eines Kunststudiums an einer der 24 deut-


schen Kunsthochschulen und -akademien. Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) erzielt nur jede/r zehnte von ihnen Einkünfte aus künstlerischen Aktivitäten bis zu 20.000 Euro jährlich, 83 Prozent bleiben (weit) darunter. Finanzielle Gründe und berufliche Erfolgschancen können also schwerlich das Phänomen erschöpfend erklären. Deshalb bat Büttner erfahrene Stimmen um Klärungsversuche. Die im Juli 2017 eingeladenen Referent*innen lehr(t)en an Kunstakademien und betrachteten das Thema aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und vor dem Hintergrund

ihrer eigenen Erfahrungen im Kunstfeld. Der nun vorliegende Tagungsband versammelt die fünf Beiträge zu diesem komplexen Thema. Tagungsband anlässlich des Symposiums im Rahmen der Festwoche zum 250. Jubiläum der HFBK Hamburg | Mit Beiträgen von Diedrich Diederichsen, Walter Grasskamp, Annette Tietenberg, Wolfgang Ullrich, Bettina Uppenkamp | Herausgegeben von Werner Büttner  | Typografie: Wigger Bierma  | Materialverlag 391, Edition HFBK | ISBN 978-3-944954-42-4

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Maik Gräf: punctum (Detail), Alle Fotos: Tim Albrecht


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4 inversion von Mara-Madeleine Pieler, Klasse Prof. Raimund Bauer Performance von Rosh Zeeba (Klasse Prof. Robert Bramkamp), die auf die Malerei in der Aula Bezug nimmt Rauminstallation von Max Pilger (Klasse Prof. Matt Mullican); Fotos: Lukas Engelhardt


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Installation von Laura Robert, Klasse Prof. Raimund Bauer Die Abschlussarbeit von Magdalena Los in der Galerie der HFBK Hamburg, Klasse Prof. Jutta Koether Performance von Mona Hermann (Klasse Prof. Thomas Demand) im Treppenhaus der HFBK Hamburg; Fotos: Lukas Engelhardt


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Arbeiten von Gesa Troch, Klasse Prof. Jutta Koether; Foto: Lukas Engelhardt Arbeiten von Matteo Bauer-Bornemann, Klasse Prof. Ralph Sommer; Foto: Tim Albrecht Raumansicht des Studios für Experimentelles Design von Prof. Jesko Fezer mit Arbeiten von u. a. Frieder Bohaumilitzky, Julian Bühler, Konstanze Eßmann, Torben Körschkes, Ina Römling, Johannes Schlüter; Foto: Lukas Engelhardt Performance von Nele Möller, Klasse Prof. Jeanne Faust; Foto: Tim Albrecht


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Installation von Pablo Schlumberger, Klasse Prof. Andreas Slominski Installation von Franco D. Sosio, Klasse Prof. Pia Stadtbäumer Installation von Atefa Sabrina Omar, Klasse Prof. Wigger Bierma; Alle Fotos: Tim Albrecht


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Holy Black, Film-Installation mit Live-Musik von Hubert Schmelzer, Klasse Prof. Robert Bramkamp; Foto: Lukas Engelhardt Raumansicht der Klasse von Prof. Jutta Koether mit Arbeiten von Daniela Götz (vorne) und Nino Svireli; Foto: Lukas Engelhardt Raumansicht der Klasse von Prof. Anselm Reyle mit Arbeiten von Daniel Hopp (vorne) und Nina Lempenauer; Foto: Tim Albrecht Raumansicht der Klasse von Prof. Pia Stadtbäumer mit Arbeiten von Clara Lena Langenbach, Laura Sigrüner und Elena Greta Falcini; Foto: Tim Albrecht


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Installation von Clara Alisch und Kevin Westphal, Klasse Prof. Matt Mullican; Foto: Lukas Engelhardt Arbeiten von Maik Gräf, Klasse Prof. Adam Broomberg / Prof. Oliver Chanarin; Foto: Tim Albrecht Performance von Leila Mousavi, Teilnehmerin des Vorstudienprogramms Artistic and Cultural Orientation (ACO); Foto: Lukas Engelhardt


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Eröffnung der Absolventenausstellung am 12. Juli 2018, Aulavorhalle der HFBK Hamburg, Foto: Tim Albrecht Performance von Janis Fisch (Klasse Prof. Michaela Melián), Foto: Marie Sorgenfrei Klassenraum Prof. Ralph Sommer, Foto: Lukas Engelhardt


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Arbeiten von Helena Geisler, Klasse Prof. Jutta Koether; Foto: Lukas Engelhardt Rauminstallation von Mara Ittel (Klasse Prof. Michaela Melián) und Astrid Kajsa Nylander (Klasse Prof. Jutta Koether); Foto: Tim Albrecht Rauminstallation von Cynthia Wijono, Klasse Prof. Pia Stadtbäumer; Foto: Tim Albrecht Performance von Signe Raunkjær Holm, Klasse Prof. Michaela Melián; Foto: Lukas Engelhardt


Impressum Herausgeber Prof. Martin Köttering Präsident der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg Redaktionsleitung Beate Anspach Tel. +49 40 42 89 89 405 beate.anspach@hfbk.hamburg.de Redaktion Julia Mummenhoff Bildredaktion Beate Anspach, Julia Mummenhoff Lektorat/Korrektorat Imke Sommer, Patricia Ratzel Schlusskorrektur Natalie Lazar Grafische Konzeption und Realisation Paul Rutrecht, Caspar Reuss, Saki Ho (Klasse Grafik, Prof. Ingo Offermanns) Bildbearbeitung Tim Albrecht Druck und Verarbeitung MEDIALIS-Offsetdruck GmbH Soweit nicht anders bezeichnet, liegen die Rechte für die Bilder und Texte bei den Künstler*innen und Autor*innen. Hochschule für bildende Künste Hamburg Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg www.hfbk-hamburg.de Hamburg, September 2018

Profile for HFBK Hamburg

HFBK Jahrbuch 2017-18, Projekte  

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