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Branchenprofil Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen

Dr. Claus Bauer Gergana Petkova

Report Nr. 859 Wiesbaden 2014


Eine Veröffentlichung der

HA Hessen Agentur GmbH Postfach 1811 D-65008 Wiesbaden Konradinerallee 9 D-65189 Wiesbaden Telefon Telefax E-Mail Internet

Geschäftsführer:

Vorsitzender des Aufsichtsrates:

0611 / 95017-80 0611 / 95017-8313 info@hessen-agentur.de http://www.hessen-agentur.de

Folke Mühlhölzer (Vorsitzender), Dr. Rainer Waldschmidt

Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

Nachdruck – auch auszugsweise – ist nur mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten.


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Branchenprofil Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen

Inhalt

Seite

Vorwort

I

Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen im Überblick

1

Beschäftigte

3

Unternehmenslandschaft: Betriebe und bedeutende Unternehmen

4

Umsatz

9

Produktpalette und Produktionsschwerpunkte

10

Internationales: Außenhandel, Direktinvestitionen und Eigentumsverhältnisse

11

Forschung und Entwicklung

14

Clusternetzwerke

17

Fachkräftenachwuchs

17

Ausblick

18


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, die hessische Wirtschaft ist nicht nur durch einen starken Dienstleistungssektor geprägt – Hessen ist auch ein wichtiger Industriestandort. Ich möchte hier neben der Automobilindustrie sowie Chemie und Pharma beispielsweise auch den Maschinenbau oder die Elektroindustrie nennen. Das Branchenprofil „Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen“ – im Auftrag meines Hauses von der Hessen Agentur erstellt – gibt einen Einblick in die beeindruckende Vielfalt und Leistungsfähigkeit dieses Wirtschaftszweigs, der in Hessen knapp 59.000 Beschäftigte zählt. Namen bedeutender Großunternehmen (z.B. Clariant, Evonik, Merck und Sanofi) stehen ebenso für Qualität aus Hessen wie die zahlreichen Mittelständler der Branche. Die Landesregierung ist bestrebt, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stärken und damit einen Beitrag zu ihrer Zukunftssicherung zu leisten. Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit werden hierbei nach meiner Überzeugung eine wichtige Rolle spielen. Ebenso ist es meine Überzeugung, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sind. Energie- und Rohstoffeffizienz schonen nicht nur die Umwelt, sondern eröffnen auch neue Chancen – sei es durch optimierte Produktionsverfahren, die z.B. Kosten sparen, oder durch Produktinnovationen, mit denen neue Geschäftsfelder und Absatzmärkte erschlossen werden können. Dabei gilt es, den Fokus nicht nur auf das Ausland zu richten, sondern auch die Binnennachfrage wieder mehr in das Blickfeld zu nehmen. Weitere Branchenprofile zu bedeutenden hessischen Industriezweigen stehen Ihnen unter www.hessen-agentur.de  Wirtschafts- & Regionalforschung  Wirtschaft & Strukturwandel zum Download zur Verfügung. Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

I


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen im Überblick Beschäftigte

58.648 Beschäftigte waren 2012 in der Chemie- und Pharmaindustrie Hessens tätig.1 Hiervon entfallen zwei Drittel – 39.291 Beschäftigte – auf die Herstellung von chemischen Erzeugnissen und 19.357 Personen sind dem Pharmabereich zuzuordnen. Die Branche ist damit der größte industrielle Arbeitgeber in Hessen. 13,5 % aller deutschlandweit Beschäftigten der Chemie- und Pharmaindustrie haben ihren Arbeitsplatz in Hessen.

Betriebe

182 Betriebe der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie zählte Hessen im Jahr 2012. Der mit Abstand bedeutendste Standort in Hessen – sowohl im Hinblick auf die Zahl der Betriebe als auch der Beschäftigten – ist Frankfurt am Main.

Bedeutende Unternehmen

Bedeutende Unternehmen der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie in Hessen sind u.a. Abbott, B. Braun Melsungen,2 Celanese, Clariant, CSL Behring, DAW, Evonik, Fresenius, K+S, Merck, Merz, Procter & Gamble und Sanofi.

Umsatz

Die Chemische und Pharmazeutische Industrie ist bei weitem die umsatzstärkste Branche des Verarbeitenden Gewerbes in Hessen: Sie konnte 2012 einen Umsatz in Höhe von 25,5 Mrd. Euro erwirtschaften. 57,6 % des Jahresumsatzes der Branche entfielen 2012 auf die Chemiesparte und 42,4 % auf Pharma, womit die Bedeutung der Pharmazeutischen Industrie in Hessen erheblich stärker ausgeprägt ist als auf Bundesebene (22,5 %).

Internationales

2012 wurden 17,6 Mrd. Euro Umsatz mit dem Ausland erwirtschaftet, womit sich die Exportquote der Branche – definiert als der Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz – auf 69,1 % beläuft. Der Direktinvestitionsverflechtungen sind erheblich: Der Direktinvestitionsbestand der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie Hessens im Ausland betrug Ende 2011 11,8 Mrd. Euro und im Gegenzug hatten ausländische Investoren 7,6 Mrd. Euro in der hessischen Branche angelegt.

1

2

Mit Ausnahme der Angaben zu einzelnen Unternehmen und zur Ausbildung beziehen sich alle Angaben zu Beschäftigten, Betrieben und Umsätzen im vorliegenden Branchenprofil auf Betriebe von Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten. Informationen zu einzelnen Unternehmen (z.B. Zahl der Mitarbeiter, Produktpalette, Eigentumsverhältnisse) beruhen auf Recherchen der Hessen Agentur. Bei B. Braun Melsungen ist zu beachten, dass das Unternehmen seinen Tätigkeitsschwerpunkt in der Medizintechnik hat und somit wirtschaftszweigsystematisch nicht der Chemischen Industrie zugeordnet wird.

1


Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

FuE-Aufwendungen

Die Chemische und Pharmazeutische Industrie ist die Industriebranche Hessens mit den höchsten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (1,6 Mrd. Euro im Jahr 2011), was 38,0 % der FuE-Aufwendungen des hessischen Verarbeitenden Gewerbes entspricht.

Fachkräftenachwuchs

5.938 Studierende der Chemie und Pharmazie sowie 5.260 der Biologie waren zum Wintersemester 2012/13 an hessischen Hochschulen immatrikuliert. Die hessischen Betriebe der Chemie und Pharmazie beschäftigten im Jahr 2012 1.826 Auszubildende.

Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen 2012: Wichtige Indikatoren im Vergleich mit anderen Industriebranchen Anteil am Verarbeit. absolut Gewerbe Hessens in % Beschäftigte

Anteil an Chemie und Pharma Automobil Deutschlands in %

Zum Vergleich: Elektro

Ernährung

GummiMaschinenund bau Kunststoff

Metall

absolut

58.648

14,7

13,5

48.851

50.306

34.962

34.658

43.829

52.014

182

6,6

9,5

75

326

368

223

380

413

Umsatz (in Mio. €)

25.533

23,2

13,7

15.725

9.830

9.300

7.957

10.019

16.304

Auslandsumsatz (in Mio. €)

17.633

31,8

15,6

9.474

4.747

1.770

2.431

6.104

7.754

1.618

38,0

22,0

1.448

464

-1

1452

256

145

Betriebe

FuE-Aufwendungen (in Mio. €, 2011) 1

Für die Ernährungsindustrie liegen keine Angaben vor.

2

Einschließlich Herstellung von Glas und Glaswaren, Keramik, Verarbeitung von Steinen und Erden.

Quelle: destatis, HSL, Stifterverband Wissenschaftsstatistik, Berechnungen der Hessen Agentur.

2


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Beschäftigte Die Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen zählte im Jahr 2012 58.648 Beschäftigte, was 14,7 % der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe in Hessen entspricht. Damit ist die Chemische und Pharmazeutische Industrie der größte industrielle Arbeitgeber in Hessen. 13,5 % aller in der Branche in Deutschland tätigen Personen haben ihren Arbeitsplatz in Hessen. Ein Drittel der Beschäftigten der Branche – und zwar 19.357 Personen – ist der Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen zuzuordnen. Eindeutiger Spitzenreiter im Bundesländervergleich ist Nordrhein-Westfalen, wo über 100.000 Beschäftigte in der dortigen Chemischen und Pharmazeutischen Industrie beschäftigt sind. Es folgt Baden-Württemberg (58.828 Beschäftigte) vor Hessen. Entwicklung der Beschäftigung in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie und im Verarbeitenden Gewerbe in Hessen und Deutschland 2009 – 2012 in % zum Vorjahr 4

Chemische und Pharmazeutische Industrie

in % zum Vorjahr 4

3

3

2

2

1

1

0

0

-1

-1

-2

-2

-3

-3

-4

Beschäftigte 2012 (in 1.000): Hessen 58,6 Deutschland 434,3

-5 -6 2009

2010

2011

2012

Verarbeitendes Gewerbe

-4

Beschäftigte 2012 (in 1.000): Hessen 399,0

-5

Deutschland 5.923,1

-6

2009

2010

2011

2012

Quelle: destatis, HSL, Berechnungen der Hessen Agentur.

In der Rezession 2009 ist der Arbeitsplatzabbau in der hessischen Chemischen und Pharmazeutischen Industrie unterdurchschnittlich ausgefallen, wie der Vergleich mit den Veränderungsraten im Verarbeitenden Gewerbe deutlich macht: Einem Rückgang um 2,3 % in Hessen steht ein Beschäftigungsminus im Verarbeitenden Gewerbe von 5,3 % gegenüber. Gestützt auf sowohl im Pharmabereich als auch in der Chemie gestiegene Umsätze hat sich der Beschäftigungsrückgang 2010 (-0,8 %) verlangsamt und im Jahr 2011 konnte die Beschäftigungsentwicklung der Branche ins Plus drehen (+1,5 %). Auch

3


Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

für das Jahr 2012 steht wieder eine Zunahme der Beschäftigung zu Buche (+0,4 %). Hierfür zeichnet die positive Entwicklung im Pharmabereich (+1,5 %) verantwortlich, während die Zahl der Arbeitsplätze in der Chemischen Industrie weitestgehend unverändert blieb (-0,1 %). Der Blick über Hessen und Deutschland hinaus zeigt, dass Deutschland mit klarem Abstand der wichtigste Standort der Branche innerhalb der EU ist. Von den gut 1,7 Mio. Personen, die im Jahr 2012 in der EU-27 in der chemisch-pharmazeutischen Industrie beschäftigt waren,3 hatte etwa ein Viertel ihren Arbeitsplatz in Deutschland – zum Vergleich: Den zweiten Rang belegt Frankreich mit 14 %.

Unternehmenslandschaft: Betriebe und bedeutende Unternehmen 182 Betriebe (2011: 180 Betriebe) der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie gab es im Jahr 2012 in Hessen – 152 davon werden der Herstellung von chemischen Erzeugnissen zugeordnet, 30 Betriebe produzieren schwerpunktmäßig Pharmazeutika. Die Betriebszahl ändert sich vor allem aufgrund von Restrukturierungen. So werden Betriebe veräußert oder gekauft, Dienstleistungen ausgelagert oder verschiedene Tätigkeitsfelder unter einem neuen Dach gebündelt. Hierdurch kann es auch zu einer veränderten statistischen Zuordnung kommen (z.B. ein Wechsel von Chemie zu Pharma oder umgekehrt), da die Betriebe nach dem Schwerpunktprinzip den verschiedenen Wirtschaftsbereichen zugeordnet werden. Im Vergleich zum Verarbeitenden Gewerbe insgesamt ist die Chemische und Pharmazeutische Industrie durch einen überdurchschnittlich hohen Konzentrationsgrad gekennzeichnet: Sind im Verarbeitenden Gewerbe nur 10,5 % der Betriebe Großbetriebe (mindestens 250 Beschäftigte), so sind es in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie 22,0 %. In diesen 40 Großbetrieben sind 77,7 % der Beschäftigten der Branche tätig, die 78,3 % des Branchenumsatzes erwirtschaften.

3

4

Vgl. VCI (Hrsg.), Chemiewirtschaft in Zahlen 2013, Frankfurt 2013, S. 116.


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Größenstruktur der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie sowie des Verarbeitenden Gewerbes in Hessen im Jahr 2012 – Anteil der Großbetriebe* an Zahl der Betriebe, Beschäftigten und Umsatz

Chemische und Pharmazeutische Industrie

22,0

Betriebe

Verarbeitendes Gewerbe

10,5

77,7

Beschäftigte

60,1

78,3

Umsatz

71,4 0

20

40

60

80

100 Anteil in %

* Betriebe mit 250 und mehr Beschäftigten Quelle: HSL, Berechnungen der Hessen Agentur.

Südhessen Die räumliche Konzentration der Branche ist in Südhessen mit Abstand am höchsten, hier weist die amtliche Statistik 140 Betriebe – hiervon 20 Betriebe der Pharmazeutischen Industrie – aus.4 Hierbei kommt Frankfurt am Main mit dem Industriepark Höchst eine wesentliche Rolle zu. Mit Sanofi-Aventis Deutschland GmbH ist dort der größte Standort von Sanofi in Deutschland und zugleich der weltweit größte Produktionsstandort für Insuline. Rund 7.000 Mitarbeiter sind dort in Forschung und Entwicklung, Produktion und Fertigung sowie Verwaltung beschäftigt. Weitere Unternehmen aus dem Bereich Chemie und Pharma, die ebenfalls im Industriepark Höchst produzieren sind u.a.: der Pflanzenschutzproduzent Bayer CropScience AG mit rund 800 Mitarbeitern in der Forschung und Wirkstoffproduktion für Herbizide und Insektizide, die Celanese Gruppe (insgesamt rund 1.400 Mitarbeiter im Industriepark und im nahen Sulzbach), zu der auch das Werk für technische Kunststoffe der Ticona GmbH gehört, die Basell Polyolefine GmbH (rund 400 Mitarbeiter des Kunststoffherstellers sind in Höchst tätig), die Sandoz Industrial Products GmbH, die mit 400 Beschäftigten im Industriepark einen Fermentationsstandort 4

Ein unmittelbarer Vergleich der im nachfolgenden Text gemachten Angaben mit der vorstehenden Tabelle ist allerdings nicht möglich. Dies vor allem aus zwei Gründen: Erstens liegt den Daten der amtlichen Statistik die Betriebsebene zugrunde, während sich die Angaben im Text weitgehend auf Unternehmen beziehen. Zweitens ist insbesondere bei breitem Produktspektrum nicht immer zweifelsfrei erkennbar, welcher Branche ein Unternehmen zuzuordnen ist (z.B. Chemie oder Pharma bzw. Maschinenbau oder Elektrotechnik).

5


Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

für Enzymherstellung betreibt, und Allessa GmbH mit noch zwei weiteren Standorten in Frankfurt außerhalb des Industrieparks. Darüber hinaus befindet sich in Höchst der weltweit größte Produktions- und Forschungsstandort der Clariant Gruppe mit rund 1.400 Beschäftigten, Ende 2013 eröffnete hier das „Clariant Innovation Center“. Insgesamt arbeiten für Clariant in Hessen (Sulzbach ist der Verwaltungsstandort der Clariant-Gesellschaften in Deutschland und der Service-Region Europa) – ca. 2.000 Beschäftigte. Ein weiterer großer Anbieter der Branche mit Stammsitz in Frankfurt am Main ist die Merz Gruppe mit rund 700 für das Unternehmen tätige Personen. Die 2011 gegründete Styrolution Group GmbH hat ebenfalls in Frankfurt am Main ihre Unternehmenszentrale, hier sind rund 200 Beschäftigte des Anbieters von Styrolkunststoffen tätig. Der zweitgrößte Standort der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie liegt mit der Stadt Darmstadt ebenfalls in Südhessen. Hier befindet sich mit der Merck KGaA die Dachgesellschaft für die operativen Geschäfte und zugleich die größte Produktionsstätte der Merck-Gruppe in Deutschland mit insgesamt über 8.000 Mitarbeitern. Und in den Standort Darmstadt wird weiter investiert, wie der im Sommer 2013 begonnene Bau zweier Energiezentralen zur Energieversorgung zeigt. Die Merck KGaA zählt zusammen mit den 850 Mitarbeitern in Gernsheim (LK Groß-Gerau) zu den größten hessischen Arbeitgebern. Dies gilt auch für den Evonik Konzern, bei dem insgesamt rund 5.000 Personen in Hessen tätig sind. Hiervon haben über 1.500 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz in Darmstadt und nochmals etwa 550 Personen in Weiterstadt, die dort u.a. Plexiglas® herstellen. Die Landeshauptstadt Wiesbaden ist ein weiterer wichtiger Standort. Im Industriepark Kalle-Albert betreiben mehrere Unternehmen Produktions- und Forschungsanlagen wie der Wursthüllen- und Schwammtuchhersteller Kalle GmbH mit rund 750 Mitarbeitern, die Mitsubishi Polyester Film GmbH – ein Hersteller von Polyesterfolien – mit 500 Mitarbeitern, die SE Tylose GmbH & Co. KG (Hersteller von Celluloseether) mit ebenfalls rund 500 Mitarbeitern und die Agfa-Gevaert Graphic Systems GmbH. Nicht im Industriepark Kalle-Albert, aber ebenfalls in Wiesbaden befindet sich die neue Konzernzentrale (ca. 150 Beschäftigte) der SGL Carbon SE, einem der weltweit führenden Hersteller von Produkten aus Carbon, Graphit und Verbundmaterialien, der einen weiteren Standort im Industriepark Griesheim unterhält. In Wiesbaden ist zudem der Hauptsitz der Abbott GmbH & Co. KG, der Zentrale des weltweit operierenden Pharmaherstellers Abbott. Von Wiesbaden aus werden nicht nur fünf der acht Geschäftsfelder in Deutschland gesteuert, sondern Wiesbaden ist der weltweit zweitgrößte Abbott-Standort für Entwicklung und Produktion von Diagnostiktests und Laborsystemen. Ein weiterer (Verwaltungs-)Standort des Unternehmens in Hessen ist Wetzlar. Nach der Abspaltung des forschenden Pharmageschäfts von Abbott, das seit Jahresbeginn 2013 als unabhängiges, forschendes BioPharmaUnternehmen unter dem Namen AbbVie weitergeführt wird, sollen in Wiesbaden im Frühjahr 2014 rund 500 Beschäftigte in die neu errichtete Deutschlandzentrale (AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG) einziehen.

6


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Regionale Verteilung der Chemischen Industrie und der Pharmazeutischen Industrie1 in Hessen im Jahr 2012 Chemische Industrie

Pharmazeutische Industrie

Verwaltungsbezirk Betriebe

Beschäftigte

Betriebe

Beschäftigte

Regierungsbezirk Darmstadt

120

31.610

20

13.895

Darmstadt, Wissenschaftsstadt

6

n.a.

1

n.a.

Frankfurt am Main, Stadt

30

6.794

3

n.a.

Offenbach am Main, Stadt

3

n.a.

1

n.a.

Wiesbaden, Landeshauptstadt

8

1.999

1

n.a.

10

1.226

2

n.a.

4

n.a.

2

n.a.

10

2.098

0

0

Hochtaunuskreis

5

153

1

n.a.

Main-Kinzig-Kreis

14

2.840

2

n.a.

Main-Taunus-Kreis

11

n.a.

1

n.a.

2

n.a.

0

0

10

1.084

3

n.a.

Rheingau-Taunus-Kreis

4

406

0

0

Wetteraukreis

3

n.a.

3

n.a.

13

1.407

9

n.a.

Landkreis Gießen

2

n.a.

2

n.a.

Lahn-Dill-Kreis

6

757

1

n.a.

Landkreis Limburg-Weilburg

2

n.a.

1

n.a.

Marburg-Biedenkopf

1

n.a.

5

4.717

Vogelsbergkreis

2

n.a.

0

0

Regierungsbezirk Kassel

19

6.274

1

n.a.

Kassel, documenta-Stadt

1

n.a.

0

0

Landkreis Fulda

3

n.a.

0

0

Landkreis Hersfeld-Rotenburg

4

n.a

0

0

Landkreis Kassel

3

362

0

0

Schwalm-Eder-Kreis

4

380

1

n.a.

Landkreis Waldeck-Frankenberg

3

99

0

0

Werra-Meißner-Kreis

1

n.a.

0

0

Kreis Bergstraße Darmstadt-Dieburg Landkreis Groß-Gerau

Odenwaldkreis Landkreis Offenbach

Regierungsbezirk Gießen

1 n.a.: Zahlenwert geheim zu halten. Quelle: HSL.

7


Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

Im Industriepark Wolfgang in Hanau befindet sich der zweitgrößte Standort (mehr als 3.100 Beschäftigte) des Evonik-Konzerns in Deutschland. Hier werden u.a. Chemiekatalysatoren, Reaktionsharze und pharmazeutische Wirkstoffe hergestellt. Zu den größten Arbeitgebern in Hessen gehört auch der Procter & Gamble Konzern, für den in Hessen an insgesamt 6 Standorten (Darmstadt, Weiterstadt, Groß-Gerau, Schwalbach (Unternehmenszentrale), Kronberg, Hünfeld) rund 6.500 Mitarbeiter tätig sind. Weitere bedeutende Unternehmen der Branche in Südhessen sind u.a. der Gesundheitskonzern Fresenius in Bad Homburg (Unternehmenszentrale) und Friedberg (Produktionsstätte mit rund 600 Mitarbeitern) mit seinen Tochterunternehmen Fresenius Kabi – eines der führenden Unternehmen im Bereich der Infusionstherapie und in der klinischen Ernährung in Europa – und Fresenius Medical Care, der weltweit führende Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für Patienten mit Nierenversagen. Lilly Deutschland GmbH mit Hauptsitz in Bad Homburg und europäischer Fertigungs- und Distributionszentrale in Gießen (insgesamt über 900 Mitarbeiter), der Generika-Produzent Stada Arzneimittel AG mit über 900 Mitarbeitern in Bad Vilbel und Florstadt (Wetteraukreis), der Automobilzulieferer ContiTech Techno-Chemie GmbH in Karben, die Biotest AG – Spezialist für Hämatologie und Immunologie – in Dreieich (rund 850 Mitarbeiter) sowie die Unternehmen der DAW-Firmengruppe in Ober-Ramstadt (u.a. Alpina Farben GmbH und CAPAROL Farben Lacke Bautenschutz GmbH) mit rund 1.500 Beschäftigten am Standort, sowie in Lampertheim (Landkreis Bergstraße) BASF u.a. mit dem Spezialchemikalienhersteller BASF Lampertheim GmbH sind weitere Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche in Südhessen. Mittelhessen In Mittelhessen sind vor allem die Nachfolgegesellschaften der ehemaligen Behringwerke in Marburg zu nennen: Die CSL Behring GmbH stellt dort Arzneimittel aus Humanplasma her – mit rund 2.000 Mitarbeitern ist Marburg der größte Standort des Unternehmens –, der Spezialist für Impfstoffe und Diagnostika Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH (gut 1.100 Mitarbeiter) sowie die Siemens Healthcare Diagnostics Products GmbH (knapp 1.000 Mitarbeiter, Marburg ist der größte Produktionsstandort in Europa). Ein bedeutendes Unternehmen der hessischen Pharmabranche ist auch die in Limburg ansässige Mundipharma GmbH (rund 950 Mitarbeiter), die sich auf Schmerztherapie spezialisiert hat. Nordhessen Die vergleichsweise geringe Anzahl der in der amtlichen Statistik in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie für Nordhessen ausgewiesenen Beschäftigten ist vor allem dadurch begründet, dass die im Schwalm-Eder-Kreis ansässige B. Braun Melsungen AG mit rund 7.000 Mitarbeitern in Hessen ihren Tätigkeitsschwerpunkt in der Medizintechnik

8


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

hat – und somit statistisch nicht der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie zugeordnet wird. Die K+S Gruppe, Anbieter von Standard- und Spezialdüngemitteln aus Kassel, hat insgesamt über 4.000 Mitarbeiter in Hessen. In Bad Hersfeld betreibt die Performance Fibers GmbH ein Werk für Industriefasern und -gewebe. In Bad Hersfeld befindet sich auch das Entwicklungszentrum für medizintechnische Produkte, ein Produktionswerk und ein Distributionszentrum von Fresenius Kabi. In Wildeck im Landkreis HersfeldRotenburg ist die Alsecco GmbH (insgesamt über 300 Beschäftigte), die Fassadendämmsysteme herstellt, tätig.

Umsatz Chemie und Pharma in Hessen erwirtschafteten 2012 einen Umsatz in Höhe von 25,5 Mrd. Euro – ein Wert, der 13,7 % des Umsatzes der Branche bundesweit entspricht. Hessen ist damit nach Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (BASF, Boehringer Ingelheim) der drittgrößte Produzent unter den Bundesländern. Deutschland wiederum weist nach der VR China, den USA und Japan den viertgrößten Weltmarktanteil auf und ist damit vor Frankreich der größte Standort in der EU.5 Umsatzentwicklung in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie und im Verarbeitenden Gewerbe in Hessen und Deutschland 2009 – 2012 in % zum Vorjahr 25

Chemische und Pharmazeutische Industrie

in % zum Vorjahr 25

20

20

15

15

10

10

5

5

0

0

-5

-5

-10

Umsatz 2012 (in Mrd. Euro): Hessen Deutschland

-15

-20 2009

2010

2011

Verarbeitendes Gewerbe

-10 25,5 186,8 2012

Umsatz 2012 (in Mrd. Euro): Hessen

-15

110,3

Deutschland 1.741,9

-20

2009

2010

2011

2012

Quelle: destatis, HSL, Berechnungen der Hessen Agentur.

5

Vgl. VCI (Hrsg.), Chemiewirtschaft in Zahlen 2013, Frankfurt am Main 2013, S. 104.

9


Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

Die Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen ist klar besser durch die Wirtschaftskrise 2009 gekommen als die Branche auf Bundesebene: 2009 ging der Umsatz in der hessischen Chemischen und Pharmazeutischen Industrie lediglich um 2,9 % gegenüber dem Vorjahr zurück. Auf Bundesebene hingegen musste die Branche einen massiven Rückgang des Umsatzes um 14,2 % verkraften. Dieser relativ positive Verlauf in Hessen ist wesentlich auf den Pharmabereich zurückzuführen, der im Gegensatz zu den vielen anderen Branchen in der Krise keinen Umsatzeinbruch zu verzeichnen hatte. Entsprechend geringer fallen auch die Wachstumsraten in den Jahren 2010 und 2011 aus, da es keine krisenbedingten Umsatzeinbußen aufzuholen gilt. Für 2012 steht für die Chemische und Pharmazeutische Industrie ein Umsatzplus von 4,0 % zu Buche, womit das Wachstum über dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes (-1,7 %) und auch über der Branche im Bundesdurchschnitt (+1,4 %) liegt. Chemiesparte (+4,1 %) und Pharmageschäft (+3,9 %) haben gleichermaßen zu diesem Umsatzwachstum beigetragen.

Produktpalette und Produktionsschwerpunkte Ein erheblicher Teil der umfangreichen und vielfältigen Produktpalette der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie besteht aus Vorleistungen – sowohl für andere Branchen, als auch für Chemie und Pharma selbst. Wirtschaftszweige, die einen großen Teil ihrer Vorprodukte von der Chemischen Industrie beziehen, sind z.B. die Gummi- und Kunststoffverarbeitung, die Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie sowie die Papier- und Druckindustrie. Deren Produkte kommen wiederum in vielen weiteren Branchen zum Einsatz, so z.B. in der Automobilindustrie: Zahlreiche chemische Produkte finden sich in Kunststoffen für Elektronik, Tankbehälter, Beleuchtungsteile, Fahrzeuginnenausstattung u.v.m. wieder. Ebenfalls wichtige Kunden sind die Privaten Haushalte (z.B. Medikamente, Körperpflege- und Reinigungsmittel). Die Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen ist – im Vergleich zur Branche bundesweit – durch einen Schwerpunkt auf der Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen gekennzeichnet: 42,4 % des Gesamtumsatzes der Branche im Jahr 2012 wurde von Betrieben erwirtschaftet, die pharmazeutische Erzeugnisse – d.h. pharmazeutische Grundstoffe und bzw. oder Pharmazeutika – herstellen. Auf diesen Branchenzweig entfällt auf Bundesebene nur ein Umsatzanteil von 22,5 %. Von dieser Spezialisierung rührt die Bezeichnung Hessens als „Apotheke Deutschlands“ her. Im Gegenzug spielt für Deutschland insgesamt die Produktion von chemischen Erzeugnissen (77,5 %) eine deutlich wichtigere Rolle als in Hessen (57,6 %). Innerhalb der Chemie zeigt sich dies vor allem bei den chemischen Grundstoffen (Hessen: 37,2 %, Deutschland: 52,4 %). Zu den chemischen Grundstoffen zählen u.a. Industriegase, anorganische wie auch organische Grundstoffe aller Art, Kunststoffe in Primärformen und Düngemittel.

10


HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

Chemie- und Pharmaumsatz nach Sparten in Hessen und Deutschland im Jahr 2012

Herstellung von ...

Hessen1

Deutschland

in Mio. Euro

in %

in Mio. Euro

in %

14.717

57,6

144.885

77,5

9.510

37,2

97.835

52,4

n.a.

n.a.

1.885

1,0

1.112

4,4

593

5,7

704

2,8

13.083

7,0

2.201

8,6

19.502

10,4

n.a.

n.a.

1.987

1,1

10.816

42,4

41.945

22,5

pharmazeutischen Grundstoffen

n.a.

n.a.

1.262

0,7

pharmazeutischen Spezialitäten und sonstigen pharmazeutischen Erzeugnissen

n.a.

n.a.

40.683

21,8

25.533

100,0

184.185

100,0

chemischen Erzeugnissen chemischen Grundstoffen, Düngemitteln und Stickstoffverbindungen, Kunststoffen in Primärformen und synthetischem Kautschuk in Primärformen Schädlingsbekämpfungs-, Pflanzenschutz- und Desinfektionsmitteln Anstrichmitteln, Druckfarben und Kitten Seifen, Wasch-, Reinigungs- und Körperpflegemitteln sowie von Duftstoffen sonstigen chemischen Erzeugnissen Chemiefasern pharmazeutischen Erzeugnissen

Insgesamt 1 n.a.: Zahlenwert geheim zu halten. Quelle: destatis, HSL, Berechnungen der Hessen Agentur.

Internationales: Außenhandel, Direktinvestitionen und Eigentumsverhältnisse Von den 25,5 Mrd. Euro Umsatz der Branche 2012 entfielen 17,6 Mrd. Euro auf den Auslandsumsatz, was einer Exportquote von 69,1 % entspricht. Damit ist die Branche erheblich stärker auf die internationalen Absatzmärkte ausgerichtet als der Durchschnitt des hessischen Verarbeitenden Gewerbes (50,3 %). Die Auslandsmärkte sind für die hessische Chemie- und Pharmaindustrie zudem bedeutender als für die Branche auf Bundesebene (60,4 %). Hessen importierte im Jahr 2012 Erzeugnisse der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie im Wert von insgesamt 9,9 Mrd. Euro. Davon entfielen 5,3 Mrd. Euro bzw. 53,5 % auf chemische Erzeugnisse und 4,6 Mrd. Euro bzw. 46,5 % auf pharmazeutische Erzeugnisse. Das bedeutendste Herkunftsland für chemische Erzeugnisse waren 2012 die USA vor Frankreich, wobei die Hälfte der aus Frankreich importierten Produkte aus Duftstoffen und Körperpflegemitteln besteht. Bei Pharmazeutika führen die USA mit großem Abstand vor der Schweiz die Rangliste an. Erwähnenswert ist der vierte Rang von Irland – Ausdruck des großen Stellenwerts Irlands als europäischer Pharmastandort. 15,6 % der gesamten hessischen Einfuhr von Fertigwaren 2012 sind chemische und pharmazeutische Produkte.

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Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

Hessischer Außenhandel1 mit chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen im Jahr 2012: Importund Exportvolumen sowie wichtigste Handelspartner Chemie Import USA

Chemie Export Frankreich

11,9

Frankreich

11,2

8,0

Italien

6,5

UK

9,4

USA

6,0

Niederlande

9,1

Belgien

5,9

Belgien

9,1 0

5

Chemie Import insgesamt: 5.308 M io. Euro

10 15 20 25 Anteil an insgesamt in %

UK 0

5

Pharma Import USA

12,2

UK

7,0 0

1

5

10

23,2

Frankreich

6,2

3,9

Russ. Föderation

7,6

Italien

USA

Italien

10,4

Irland

10 15 20 25 Anteil an insgesamt in %

Pharma Export 20,1

Schweiz

Chemie Export insgesamt: 8.368 M io. Euro

5,1

Pharma Import insgesamt: 4.612 M io. Euro 15 20 25 Anteil an insgesamt in %

3,3

VR China

2,6 0

5

Pharma Export insgesamt: 7.150 M io. Euro

10 15 20 25 Anteil an insgesamt in %

Die Angaben beziehen sich auf Fertigwaren. Über die Fertigwaren hinaus werden zwar auch Halbwaren, d.h. Erzeugnisse, die erst verhältnismäßig gering bearbeitet sind, sowie Rohstoffe gehandelt. Bei diesen Warengruppen ist eine Zuordnung zu einem bestimmten Wirtschaftszweig jedoch kaum möglich. Eine Saldierung der Ein- und Ausfuhrwerte ist aufgrund unterschiedlicher Erfassungskonzepte nicht statthaft.

Quelle: HSL, Berechnungen der Hessen Agentur.

Im Gegenzug exportierte Hessen chemische und pharmazeutische Güter im Wert von 15,5 Mrd. Euro (53,9 % chemische Erzeugnisse und 46,1 % Pharma). Wichtigster Absatzmarkt für chemische Produkte ist Frankreich. Der mit großem Abstand bedeutendste Auslandmarkt für Pharmazeutika „Made in Hessen“ sind die USA. Insgesamt gesehen

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HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

bestehen 31,6 % der exportierten Fertigwaren aus chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen, womit diese der hessische „Exportschlager“ schlechthin sind. Der Anteil dieser Güter an der hessischen Ausfuhr ist damit doppelt so hoch wie der an den Einfuhren. Auch die Direktinvestitionen6 sind ein wertvoller Indikator für die Einbindung einer Branche in das weltwirtschaftliche Geschehen. Die Chemische und Pharmazeutische Industrie investiert in beachtlichem Ausmaße im Ausland und ist im Gegenzug auch attraktiv für ausländische Investoren. So addierte sich der Direktinvestitionsbestand der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie Hessens im Ausland zum Jahresende 2011 auf 11,8 Mrd. Euro, was mehr als der Hälfte des Direktinvestitionsbestands des gesamten hessischen Verarbeitenden Gewerbes im Ausland entspricht. Obgleich knapp zwei Drittel der Direktinvestitionen auf Europa entfallen – hierunter die Schweiz mit 2,4 Mrd. Euro –, ist die hessische Chemische und Pharmazeutische Industrie doch auf allen Kontinenten mit Investitionen präsent. Im Gegenzug waren zum Jahresende 2011 ausländische Investoren mit einem Betrag von 7,6 Mrd. Euro an der Branche in Hessen beteiligt. Damit entfällt etwa ein Fünftel aller ausländischen Direktinvestitionen, die in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie Deutschlands investiert sind, auf Hessen. Die Eigentumsverhältnisse bedeutender Unternehmen der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie in Hessen geben – auf der Ebene der Unternehmensverflechtungen – ebenfalls einen Einblick in die Internationalität der Branche, wobei die zum Teil komplexen Verflechtungen bisweilen eine eindeutige Aussage erschweren. Zu dieser Perspektive des investiven Engagements in der nachfolgenden Tabelle tritt sozusagen noch die Gegenrichtung: Zahlreiche Unternehmen der heimischen Chemischen und Pharmazeutischen Industrie sind im Ausland aktiv und unterhalten dort z.B. Produktionsstätten. Eigentumsverhältnisse bedeutender Unternehmen der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie in Hessen

6

Sitz Unternehmen bzw.

Unternehmen

Konzernmutter

Abbott GmbH & Co. KG

Abbott Laboratories Inc.

USA

AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG

AbbVie Inc.

USA

Agfa-Gevaert Graphic Systems GmbH

Agfa-Gevaert N.V.

Belgien

Allessa GmbH

International Chemical Investors S.E.

Luxemburg

Alpina Farben GmbH, Alsecco GmbH, CAPAROL Farben Lacke Bautenschutz GmbH

Deutsche Amphibolin-Werke von Robert Murjahn (DAW) SE (Familienbesitz)

Deutschland

Sitz Konzernmutter

Eine Direktinvestition ist eine grenzüberschreitende Investition, mit dem Ziel des Investors, eine dauerhafte (Kapital-) Beteiligung an einem Unternehmen im Ausland herzustellen. Zu beachten ist, dass Direktinvestitionen zunächst nur Kapitalbewegungen zwischen In- und Ausland widerspiegeln, d.h. es können unmittelbar weder die Motive des Investors daraus abgeleitet werden noch können z.B. Fragen, inwieweit Direktinvestitionen Realkapital schaffen oder zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen, beantwortet werden. Datenquelle der (vorläufigen) Angaben ist die Bestandsstatistik der Deutschen Bundesbank.

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Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

B.Braun Melsungen AG

Familienbesitz

Deutschland

Bayer CropScience AG

Bayer AG (börsennotiert)

Deutschland

Biotest AG

börsennotiert, mehrheitlich Familienbesitz

Deutschland

Basell Polyolefine GmbH

LyondellBasell Industries N.V.

Niederlande

BASF Lampertheim GmbH

BASF SE (börsennotiert)

Deutschland

Celanese Gruppe

Celanese Corp.

USA

Clariant Gruppe

Clariant AG (börsennotiert)

Schweiz

ContiTech Techno-Chemie GmbH

Continental Konzern (börsennotiert)

Deutschland

CSL Behring GmbH

CSL Ltd.

Australien

Evonik Industries AG

börsennotiert, mehrheitlich RAG Stiftung

Deutschland

Fresenius SE & Co. KGaA

börsennotiert, mehrheitlich Else-Kröner-FreseniusStiftung / Familienbesitz

Deutschland

K+S Gruppe

börsennotiert

Deutschland

Kalle GmbH

mehrheitlich Silverfleet Capital Partners LLP

Vereinigtes Königreich

Lilly Deutschland GmbH

Eli Lilly and Company

USA

Merck KGaA

börsennotiert, mehrheitlich Familienbesitz

Deutschland

Merz Gruppe

Familienbesitz

Deutschland

Mitsubishi Polyester Film GmbH

Mitsubishi Chemical Holdings Corp.

Japan

Mundipharma GmbH

mehrheitlich Familienbesitz

USA

Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH

Novartis AG

Schweiz

Performance Fibers GmbH

Performance Fibers Holdings Inc.

USA

Procter & Gamble

Procter & Gamble Corp.

USA

Sandoz Industrial Products GmbH

Novartis AG

Schweiz

Sanofi-Aventis Deutschland GmbH

Sanofi S.A.

Frankreich

SE Tylose GmbH & Co. KG

Shin-Etsu Chemical Co. Ltd.

Japan

SGL Carbon SE

börsennotiert

Deutschland

Siemens Healthcare Diagnostics Products GmbH

Siemens AG (börsennotiert)

Deutschland

Stada Arzneimittel AG

börsennotiert

Deutschland

Styrolution Group GmbH

Gemeinschaftsunternehmen der BASF SE (börsennotiert) und der INEOS Industrials Holdings Ltd.

Deutschland / Vereinigtes Königreich

Ticona GmbH

Celanese Corp.

USA

Quelle: Recherchen der Hessen Agentur.

Forschung und Entwicklung Der Forschung und Entwicklung (FuE) kommt eine wesentliche Rolle zu, denn Produktund Prozessinnovationen sind von entscheidender Bedeutung, um sich im nationalen und

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HA Hessen Agentur GmbH – Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung –

internationalen Wettbewerb behaupten zu können. Nach Erhebungen des ZEW 7 wurden 2011 14 % des Branchenumsatzes der Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland mit neuen oder deutlich verbesserten Produkten erwirtschaftet. Dabei konnten 78 % der Unternehmen erfolgreich neue Produkte oder Prozesse einführen. Gemäß den Angaben des Stifterverbandes Wissenschaftsstatistik hat die Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen im Jahr 2011 1,6 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung aufgewendet.8 Somit entfallen 38 % der FuE-Aufwendungen des hessischen Verarbeitenden Gewerbes auf die hiesige Chemische und Pharmazeutische Industrie und diese stellt mit 22 % nach Nordrhein-Westfalen den zweitgrößten Anteil aller Bundesländer an FuE-Aufwendungen der Branche in Deutschland insgesamt. Auffallend hoch ist dabei der Anteil der Pharmaforschung an den FuE-Aufwendungen der Branche in Hessen: 74 % bzw. 1,2 Mrd. Euro. In Deutschland liegt dieser Anteil lediglich bei 55 %, worin sich die große Bedeutung der Pharmaindustrie in Hessen widerspiegelt. Doch nicht nur bei den Unternehmen in Hessen – sei es etwa Sanofi im Industriepark Höchst, Merck in Darmstadt oder Evonik in Hanau – wird in Sachen Chemie und Pharma geforscht, sondern auch in vielen weiteren Institutionen. Hierzu zählen z.B.:

7 8

Universitätsklinikum Gießen und Marburg sowie Universitätsklinikum Frankfurt

die Fachbereiche Chemie und Pharmazie der Universität Marburg

der Fachbereich Biologie und Chemie der Universität Gießen

der Fachbereich Chemie der TU Darmstadt

der Fachbereich Chemie- und Biotechnologie der Hochschule Darmstadt

vier Max-Planck-Institute: Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim, Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg, MaxPlanck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main

Paul-Ehrlich-Institut in Langen (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel)

Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie in Gießen

Vgl. ZEW (Hrsg.): Branchenreport Innovationen – Chemie- und Pharmaindustrie, S. 1f., Mannheim 2013. Hierbei handelt es sich nur um die so genannten internen FuE-Aufwendungen – d.h. Aufwendungen innerhalb des Unternehmens –, die den überwiegenden Teil der gesamten FuE-Aufwendungen ausmachen. Externe FuE-Aufwendungen sind Aufträge an andere Forschungsinstitutionen.

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Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

DECHEMA-Forschungsinstitut in Frankfurt, das Forschungsinstitut der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. mit den Forschungsschwerpunkten Energieeffizienz, Biologisierung der Chemie und Ressourcenschonung

Zentrum für Arzneimittelforschung, Entwicklung und Sicherheit in Frankfurt

Chemotherapeutisches Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus in Frankfurt

Besonders FuE-intensiv ist die Biotechnologie, die als eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts angesehen wird. Die Bandbreite der in Hessen ansässigen Unternehmen dieser Branche reicht von großen Unternehmen der Life Sciences Industrie bis hin zu kleinen, hoch spezialisierten und meist jungen Nischenanbietern. Mit der Biotechnologie werden große Hoffnungen auch als Wirtschaftsfaktor verbunden. Entsprechend intensiv sind in Deutschland die Anstrengungen der einzelnen Bundesländer, sich als Standorte der Biotechnologie zu empfehlen und den Unternehmen der Branche ansprechende Rahmenbedingungen zu bieten. Ein herausragendes Projekt in diesem Zusammenhang ist das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie (FIZ), das im Jahr 2012 bereits sein 10-jähriges Bestehen feiern konnte – und nach mehreren Erweiterungen mittlerweile auf insgesamt 19.500 Quadratmetern Flächen für Labore und Büros zur Verfügung stellt. Die wirtschaftliche Bedeutung der Biotechnologie in Hessen verdeutlicht eine Studie der Aktionslinie Hessen-Biotech im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung aus dem Jahr 2009. 9 Die Untersuchung hat 225 hessische Biotechnologie-Unternehmen ermittelt. Hiervon zählen 59 Unternehmen zu den so genannten Kern-Biotech-Unternehmen, d.h. Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit vorrangig auf Basis biotechnologischer Methoden betreiben und damit mehr als 75 % des Umsatzes erzielen. Die hessischen Biotechnologie-Unternehmen erwirtschaften einen Umsatz von 5,2 Mrd. Euro und beschäftigen 19.500 Mitarbeiter. Die Biotechnologie in Hessen ist geprägt durch die rote oder auch medizinische Biotechnologie: Gut 80 % des hessischen Biotechnologieumsatzes entfallen auf dieses Segment der Biotechnologie. Das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung unterstützt die hessischen Unternehmen und Existenzgründer aus dem Bereich Biotechnologie/Life Sciences mit der Aktionslinie Hessen-Biotech. Die Branche wird durch eine Bündelung und Koordinierung der hessischen Biotech-Aktivitäten sowie durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit gefördert. Der Kompetenzatlas auf dem Hessen-Biotech Internetportal (www.hessen-biotech.de) gibt einen Einblick in das Leistungsvermögen der hessischen Biotechnologie – von der Forschung und Entwicklung über Anlagenbau und Auftragsproduktion bis hin zu Beratung, klinischer Forschung, Marketing und Produktion. Als Schrittmacher für die Biotechnologie-Region Rhein-Main versteht sich die Frankfurt Bio Tech Alliance: Mitglieder sind neben Großunternehmen und Mittelständlern u.a. auch Start-ups, Beratungsunternehmen und Hochschulen. Speziell der weißen Biotechnologie widmet sich der Cluster Integrierte Bioindustrie (CIB) Frankfurt, der das Ziel hat, die weiße Biotechnologie in Hessen zu etablieren – mit dem Schwerpunkt auf die Fein- und Spezialchemie. Dabei wird Wissenschaft und Wirtschaft vernetzt und zur Kooperation aufgerufen. CIB Frankfurt unterstützt diese Aktivitäten mit Kommunikationsplattformen, Know-how und Fördermitteln.

9

16

Vgl. HA Hessen Agentur GmbH (Hrsg.): Biotechnologie in Hessen – Standortstudie 2009: Daten und Fakten zur wirtschaftlichen Bedeutung der Biotechnologie in Hessen, Wiesbaden 2009.


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Clusternetzwerke Die Cluster und Netzwerke in Hessen sind ein wichtiger Faktor für die Innovationskraft der hiesigen Unternehmen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur regionalen und überregionalen Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und wirtschaftsnahen Einrichtungen, wodurch die vorhandenen Potenziale gestärkt, Wissensaustausch und Technologietransfer befördert werden und die Wettbewerbsfähigkeit der hessischen Regionen steigt. Vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen können je nach Aufgabenspektrum und Zielsetzung der einzelnen Clusterinitiativen in verschiedenster Weise von dem eigenen Engagement in Clustern profitieren: von einem leichteren Zugang zu neuen Technologien durch Kooperationen mit Forschungseinrichtungen über einen besseren Zugang zu Fachkräften bis hin zu neuen Marktzugangsmöglichkeiten oder Kostenersparnis durch betriebswirtschaftliche Kooperationen. Im Bereich der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie sind u.a. zu nennen: Cluster Integrierte Bioindustrie Frankfurt (CIB) Frankfurt, Rhein-Main-Cluster Chemie und Pharma, Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main, Technologie & Innovation Medizinregion Mittelhessen (timm) und nicht zuletzt der Spitzencluster Cluster für Individualisierte Immun Intervention (CI3).

Fachkräftenachwuchs Nicht nur die Forschung und Entwicklung, sondern auch die Ausbildungslandschaft (Stichwort: Fachkräftesicherung) ist für die Branche von großer Bedeutung. 5.938 Studierende waren in Hessen im Wintersemester 2012/13 in den Fächern Chemie und Pharmazie eingeschrieben – gut 200 mehr als noch ein Jahr zuvor. Wie die Studierendenzahl insgesamt, nimmt damit auch die Zahl der in Hessen Chemie und Pharmazie studierenden jungen Menschen seit einigen Jahren zu. Im Prüfungsjahr 2012 legten 856 Studierende ihre Abschlussprüfungen erfolgreich ab. Die Hochschulausbildung in der Chemie hat in Hessen eine sehr lange Tradition: So verfügt Hessen mit der Philipps-Universität Marburg über eine Einrichtung, in der 1609 die weltweit erste Professur für Chemie eingerichtet wurde. Doch nicht nur dort wird Chemie und Pharmazie gelehrt, sondern auch an der Universität Frankfurt sowie Chemie an den Universitäten Gießen und Darmstadt. Das Studienangebot wird ergänzt durch eher ingenieurwissenschaftlich ausgerichtete Angebote (z.B. Chemische Technologie der Hochschule Darmstadt), teilweise auch in Form Dualer Studiengänge (z.B. Chemical Engineering der privaten Provadis School of International Management and Technology). Vor dem Hintergrund der weiter an Bedeutung gewinnenden Biotechnologie ist ferner die Biologieausbildung anzuführen: 5.260 Studierende der Biologie zählten die hessischen Hochschu-

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Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

len im Wintersemester 2012/13; im Prüfungsjahr 2012 schlossen 790 Studierende ihr Studium erfolgreich ab. Chemie- und Pharma-affine Ausbildung in Hessen Anzahl Studierende im WS 2012/13 davon: Chemie

11.198

Pharmazie

1.868

Biologie

5.260

Absolventen (Diplom, Master und Bachelor) im Prüfungsjahr 2012 davon: Chemie

4.070

1.646 468

Pharmazie

388

Biologie

790

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in beruflicher Ausbildung in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie zum 31.12.2012

1.826

Auszubildende in chemie- und pharma-affinen Berufen* 2012

2.116

* Gruppen 221, 413, 4121, 4142 der Ausbildungsstatistik. Quelle: HSL, Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

Über die Ausbildung an den Hochschulen ist auch die betriebliche Ausbildung von Belang: 1.826 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in beruflicher Ausbildung (Auszubildende) zählten die hessischen Betriebe der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie zum Jahresende 2012.10 Wird die Ausbildungsstatistik nach Berufen herangezogen, so wurden im Jahr 2012 in Hessen 2.116 Personen in chemierelevanten Berufen (z.B. Chemielaborant/in oder Pharmakant/in) ausgebildet.

Ausblick Die Beispiele der Unternehmen Merck und Styrolution zeigen, dass die Chemie- und Pharmabranche in Hessen weiterhin „in Bewegung“ ist: So plant Merck die milliardenschwere Übernahme des britischen Spezialchemieunternehmen AZ Electronic Materials, das u.a. Chemikalien für Integrierte Schaltkreise (ICs) herstellt und früher zur Hoechst AG zählte. Styrolution, seit Oktober 2011 als eigenständiges Unternehmen am Markt, ist ein Joint-Venture zwischen BASF und dem britischen Unternehmen INEOS, in dem wesentliche Geschäftsaktivitäten im Bereich Styrol zusammengeführt wurden. Sowohl für die Un10 Diese Angaben spiegeln allerdings die Bedeutung der Branche als Ausbildungsplatzanbieter nicht vollständig wider, da insbesondere zahlreiche der Unternehmen im Industriepark Höchst ihre Auszubildenden bei der ebenfalls dort ansässigen Provadis Partner für Bildung und Beratung GmbH ausbilden lassen. Dieses Unternehmen zählt wirtschaftszweigsystematisch jedoch nicht zur Chemischen und Pharmazeutischen Industrie, sondern zum Dienstleistungssektor.

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ternehmenszentrale von Styrolution als auch für die Hauptverwaltung Europa wurde Frankfurt als Sitz ausgewählt. Auch zukünftig ist mit Veränderungen in der Branche und deren Rückwirkungen (z.B. auf den hessischen Arbeitsmarkt) zu rechnen: So lässt die hohe Wettbewerbsintensität – und speziell im Pharmabereich zudem die Konsolidierungsbemühungen im Gesundheitswesen, die nicht zuletzt einen Trend zu preiswerten, generischen Arzneimitteln bewirken – die Unternehmen fortwährend nach Kostensenkungspotenzialen suchen. Zugleich erfordert der Wettbewerb hohe Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, um sich mit innovativen Produkten und effizienteren Produktionsverfahren am Markt behaupten zu können. Die Fokussierung auf die Kernkompetenzen durch Abspaltung von Randaktivitäten und Ausgliederung von Dienstleistungen, um dann durch Wachstum in diesen Kernkompetenzen zu den wichtigsten Anbietern zu gehören, ist eine der Strategien, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Als aktuelles Beispiel kann der Verkauf der beiden Clariantbetriebe im Industriepark Kalle-Albert gelten, deren Produkte nicht zu den Kerngeschäftsfeldern passen, auf die sich Clariant künftig konzentrieren möchte. Das Wachstum wird durch Zukäufe im In- und Ausland wie auch durch organisches Wachstum und verstärkte Innovationstätigkeit realisiert. Dabei ist auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen der Forschung und Entwicklung in andere Länder keineswegs ausgeschlossen, wie die Umstrukturierung der Forschung und Entwicklung bei Sanofi zeigt. Vermehrte Forschungs- und Produktentwicklungskooperationen sind auch eine Konsequenz dieser Entwicklung. Das neu eröffnete Clariant Innovation Centre (CIC) im Industriepark Höchst steht ebenfalls für diesen Trend, denn es ist vorgesehen, dort auch mit Kunden des Unternehmens und Entwicklungspartnern sozusagen unter einem Dach Forschungsprojekte in Angriff zu nehmen. Dieser Trend wird auch mit dem in Gründung begriffenen „House of Pharma & Healthcare“ in Frankfurt – eine Initiative, die vom Hessischen Wirtschaftsministerium gefördert wird – aufgegriffen. Für Innovationen stellt die Sicherung der Fachkräftebasis eine zentrale Voraussetzung dar. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werden die Anstrengungen von Politik und Wirtschaft vor allen Dingen im so genannten MINT-Bereich für die Chemische und Pharmazeutische Industrie in Hessen besonders wichtig sein. Ausgeprägt stellt sich der Wettbewerb bei Grundchemikalien dar, welche in großen Anlagen hergestellt nahezu überall auf der Welt erhältlich sind. Der Preis ist hier der maßgebliche Wettbewerbsparameter. Hingegen sind Fein- und Spezialchemikalien – seien es Klebstoffe, Additive, Lacke, Farben, Duftstoffe o. ä. – diesem Wettbewerbsdruck weniger ausgesetzt und werden zugleich als Wegbereiter für neue Anwendungsgebiete der Chemie angesehen. Die Chemieindustrie in Hessen ist diesbezüglich gut positioniert, der Anteil von Fein- und Spezialchemikalien ist deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Hessen wird aber auch weiterhin wichtiger Standort der Grundstoffindustrie bleiben, die durch die Verbundstruktur mit anderen Unternehmen der Branche (Stichwort: Industrieparks)

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Branchenprofil Chemische u. Pharmazeutische Industrie in Hessen

Synergien und Produktivitätsvorteile realisieren kann, womit sie über Standortvorteile gegenüber Importeuren verfügt. Wachstumsimpulse dürften von diesem Branchensegment allerdings kaum ausgehen. Erhebliche Zukunftspotenziale für die Branche werden mit der Nanotechnologie, der Biotechnologie und dem Einsatz nachwachsender Rohstoffe verbunden. Der Chemischen Industrie kommt bei der Nanotechnologie eine tragende Rolle als Lieferant von Nanomaterialien (z.B. Pigmente und Additive) und als Hersteller von Komponenten (bspw. modifizierte Kunststoffe und Lacke) zu. Diese Erzeugnisse der Chemischen Industrie finden aufgrund ihrer Vielfältigkeit bereits heute in zahlreichen Branchen Verwendung – mit stark steigender Tendenz. Auch mit dem Markt für Biotechnologie-Produkte werden erhebliche Wachstumsraten verbunden, ja bisweilen von einer Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts gesprochen. In Hessen ist besonders die rote bzw. die medizinische Biotechnologie vertreten – kaum ein Unternehmen der Pharmabranche, das nicht in Sachen Biotechnologie forscht. Das weite Feld der nachwachsenden Rohstoffe ist ebenfalls zu nennen: Insbesondere bei der Chemischen Industrie handelt es sich um eine rohstoff- (z.B. Öl) und auch energieintensive (z.B. Strom) Branche, für die fossile Rohstoffe nach wie vor eine zentrale Rolle spielen, während nachwachsenden Rohstoffen nur eine untergeordnete Bedeutung zukommt. Mit dem höheren Stellenwert von Aspekten der Nachhaltigkeit dürfte aber auch der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen – erleichtert bzw. teilweise erst ermöglicht durch neue Produktionsprozesse der weißen Biotechnologie – in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie zukünftig an Relevanz gewinnen. Damit kann auch ein Beitrag zur Ressourceneffizienz geleistet und zugleich langfristig die Abhängigkeit von Rohölimporten vermindert werden. Für die Schaffung wettbewerbsfähiger Produkte sind Innovationen nicht nur in diesen Feldern auch unbedingt erforderlich, denn in den Markt drängen seit einigen Jahren verstärkt neue Wettbewerber insbesondere aus Asien. So ist die Volksrepublik China anzuführen, die binnen weniger Jahre zum größten Chemieproduzent der Welt aufgestiegen ist. Speziell im Pharmabereich ist z.B. an Generika-Hersteller aus Indien zu denken. Aber auch der Nahe Osten ist zu nennen, wo Produktionskapazitäten für chemische Erzeugnisse dadurch entstehen, dass dortige rohöl- oder erdgasbasierte Unternehmen ihre Fertigungstiefe durch vertikale Integration erweitern. Es eröffnen sich für die traditionell stark exportorientierte hessische Chemie und Pharmazie umgekehrt aber auch neue Absatzmärkte. So steigt in Asien (insbesondere in der VR China), aber auch im Mittleren Osten und in Südamerika (vor allem Brasilien) der Bedarf an hochwertigen Erzeugnissen der Spezialchemie, die zum Teil auch aus Hessen importiert werden. Aber auch quasi direkt vor der Haustür, d.h. in den neuen EU-Mitgliedern, werden in beachtlichem Ausmaße Erzeugnisse der hessischen Chemischen und Pharmazeutischen Industrie verbraucht. Insgesamt gesehen ist jedoch eine Verschiebung der Dynamik und der Produktionszentren zugunsten der aufstrebenden Schwellenländer zu

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konstatieren, in der die Produktion und die Nachfrage wesentlich stärker steigen als in den Industrienationen. Diese Entwicklung spiegelt sich sowohl in den Exporten als auch in entsprechenden Auslandsinvestitionen der heimischen Branche in diesen Märkten wider, d.h. die Branche in Hessen folgt ihren Kunden.

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Branchenprofil Chemische und Pharmazeutische Indus